Monatsarchive: Juli 2017

SV Makaio – Stephanie Seifert AT

WASSERKRANK UND WÜRFELHUSTEN


Wetter: Sonnig, sehr windig, ziemlich hohe Wellen. Die Rothaarige ist ein bisschen grün im Gesicht geworden, weil die Wellen das Boot so auf und ab geworfen hat. Christian und Noah hatten keine Probleme.

Stephanie Seifert

SV Thatslife – Susanne + Thomas Hingst GER

ENDLICH SCHUSCHORK – NEUDEUTSCH NEWYORK

Am Freitag war es dann soweit, ein Erlebnis worauf Thomas sich schon lange gefreut hat; wir segeln in den Hudson River zur Freiheitsstatue. Wow, was für ein tolles Gefühl mit dem eigenen Schiff hinter der Liberty vor Manhattan zu ankern. WEITERLESEN

Perspektivwechsel in Lossiemouth

Der Ausgleich für den erneut schnellen Aufbruch aus dem beschaulichen Whitehills war ein weiterer Segeltag aus dem Bilderbuch. Leichter Wind, Sonne, so langsam frage mich ob das Unken über den schottischen Sommer vielleicht übertrieben war. Statt Walen besuchen uns heute aber einige Delfine und Schweinswale. Dieses Mal war ich sogar mal rechtzeitig an der Kamera.

Mit frischem Autopiloten geht der Trip nach Lossiemouth irgendwie viel schneller als gestern voran. Schon bald liegt der kleine Ort Lossiemouth voraus. Auf einer kleinen Landspitze schmiegen sich die Häuser alle eng aneinander. Diese Häuser sind hier in Nordschottland übrigens so gut wie immer steingrau. Wer die Postkartenmotive mit bunten Häuschen wie in Südengland sucht ist hier falsch. Wäre die Bausubstanz nicht so herrlich schön alt britisch sähe das ganze eher aus wie Bitterfeld ´89. So aber macht es einen sehr urigen Eindruck. Vor dem kleinen Ort liegen die mächtigen Hafenmauern wie eine alte Stadtmauer. Bei dem Anblick kann man sich vorstellen, dass es hier auch ganz anders als an diesem lauen Sommertag aussehen kann…

Der erste „echte“ Tagestrip auf dieser Reise geht schnell zu Ende. Das Hafenbüro hat schon zu. Dass man sich die Unterlagen und Schlüssel für die Anlagen dann im nahegelegenen Pub abholen soll muss sich aber auch ein echter Experte ausgedacht haben. Die kennen ihre Pappenheimer wohl…
Den Tag schließt ein kleiner Rundgang durch den Ort. Ein typisches britisches verschlafenes Nest. Viele Häuser aus dem 19.Jhd, alte Gassen, viele Aussichten über das Meer, ein echt nettes Plätzchen also. Der Hafen ist bereits mehrere Hundert Jahre alt und wird erst seit kurzem vorwiegend von Yachten bevölkert.
Am nächsten Morgen dann endlich mal eine positive Wetterüberraschung: Uns ist endlich mal ein Hafentag vergönnt. Bevor das Wetter wieder wirklich schlecht wird können wir noch einen Tag Pause machen. Erst morgen Abend soll der Wind wieder auf Windstärke 6 aus Südwest auffrischen. Erst dann müssen wir in Inverness sein. Was also tun mit so viel ungewohnter freier Zeit? Natürlich erst mal ein original schottisches Frühstück im Pub am Hafen. Das war dann gleichzeitig mein erster Kontakt mit Haggis, dem schottischen Nationalgericht aus gewolften Innereien. Schmeckt überraschend gut, ungefähr wie eine sehr würzige Frikadelle.
Die Szene die dann folgt könnte aus einer Komödie stammen. Ich wollte gerade meine Tasse mit Tee ansetzen (trinkt man hier so ), als zwei Eurofighter im Tiefflug mit bestialischem Getöse über die Terasse fegen. Mir fällt fast die Tasse vor Schreck aus der Hand. Die Aufklärung folgt allerdings schnell: Unmittelbar hinter dem Ort liegt RAF Lossiemouth, die größte Luftwaffenbasis in Schottland. Und die Briten haben ja eine ganz andere Beziehung zu ihrer Luftwaffe als daheim. Hier wird noch wirklich geflogen. So lassen wir uns dann auch anstecken und finden das Spektakel eher beeindruckend als störend. Sieht man ja auch nicht alle Tage.

Die Bordreiseleitung hat dann verschiendene Möglichkeiten zur weiteren Gestaltung des Hafentages vorgestellt. Irgendwie konnten wir immer noch nicht die Füße stillhalten. Zur Auswahl standen ein Strandspaziergang oder der Besuch einer Whiskydestillerie. Immerhin liegt Lossiemouth in Speyside, einer der Hauptwhiskyregionen in Schottland. Oder…. Moment mal, wir sind doch gestern auf unserem Spaziergang an etwas vorbeigekommen… Ich erinnere mich an ein Bild auf Aerö vor einigen Jahren: Ein Typ legte im Hafen von Søby an, machte sein Boot klar, verschwand unter Deck, und kam mit einer Golftasche wieder heraus und dampfte ab. Ungewöhnliches Bild, aber irgendwie cool. Der Golfclub hier wirkte aber sehr ähnlich. Ob das wohl einfach so möglich wäre da mal ein paar Löcher zu spielen? Mal schnell bei der super freundlichen Harbourmasteress nachgefragt, und tatsächlich: Der örtliche Golflcub würde sich freuen wenn die zwei abgeranzten deutschen Typen sie für eine kleine Runde Golf besuchen kämen. Ich bin zwar kein wirklich aktiver Golfspieler, aber Schottland ist neben der Heimat des Whiskys nunmal auch die Heimat des Golfs. Und wenn man nach London fahren würde müsste man sich schließlich auch das Wembleystadium anschauen… Auf den ersten Blick wirkt dieser altehrwürdige schottische Golfclub auch stocksteif. Holzvertäfeltes Clubhaus, reservierte Parkplätze für den „Captain“ und Karohosen. Trotzdem schlägt wieder die gastfreundliche Art der Schotten voll zu: So viel Spontanität fänden sie total super, und überhaupt, Gäste aus dem Ausland wären selten. Kleidervorschriften scheinen hier, in der ach so traditionellen Heimat des Golfsportes im Gegensatz zu Deutschland ohnehin nicht zu gelten. Schnell wird und noch ein Satz Schläger organisiert und ab gehts! Und was soll ich sagen: Ist tatsächlich etwas ganz Besonderes hier direkt am Moray Firth mit Blick auf Dünen und Highlands mal ganz spontan ein paar Bälle zu schlagen. Jedem hier vorbeikommt und schon mal einen Golfschläger in der Hand hatte kann ich diesen kurzen Perspektivwechsel nur empfehlen. Und das ganze für gerade mal 30 Pfund. Irgendwie musste das auf einem Segeltörn nach Schottland einmal sein.

So bleiben neben dem netten Ort vor allem zwei bleibende Eindrücke aus Lossiemouth. Da wäre als erstes das echt leckere schottische Frühstück. Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass man hier in den wirklich entlegensten Winkeln bisher bei jedem Restaurantbesuch richtig zufrieden war. Das hat man daheim selbst in zivilisierteren Gegenden so oft nicht. Das ganze dann auch noch zu wirklich anständigen Preise. Das Essen in den Pubs würde ich bei Hauptgerichten um die 12 GBP sogar als wirklich günstig bezeichnen.

Der zweite bleibende Eindruck ist die Gastfreundlichkeit der Schotten. Ob es die zum Dritten mal wirklich unglaublich freundliche Hafenmeisterin, die Menschen die dich – obwohl völlig unbekannt – auf der Straße sofort grüßen und wissen wollen woher du kommst, oder die Menschen im gar nicht so spießigen Golfclub sind; jeder hier ist unheimlich zuvorkommendend, interessiert und hilfsbereit. So kann das gerne weitergehen. Morgen geht es nach Inverness und dann alleine durch den Caledonian Canal. Mal sehen was mich dort erwartet

Barentsee

Flaute. Warten auf Wind. All good. Ahoi.

Von meinem iPhone gesendet

SV Trinity – Tina + Stephan Hamann GER

SEGELN MIT SCHULKIND – FÜR DEUTSCHE FAST EIN UNDING

Moin Peter,
wir sind gut wieder aus der Türkei zurück und unsere Trinity ist wieder im Wasser und der Windpilot hat uns per Dänen und seinem Toyota gut erreicht. Joern braucht auch nicht mehr als eine Stunde um in die Türkei einzureisen … Das ware aber so viel Arbeit, dass wir weder den Windpilot haben montieren können noch das Boot richtig segeln können
Das Montieren des Windpiloten steht dann für unseren nächsten Besuch an.
Ich hoffe es geht Dir gut! Ach ja, noch eines: Ich liebe Deutsche Wertarbeit! Sogar Werkzeug war bei den Teilen dabei und alle Schrauben bereits gefettet. Fast unfassbar!! Dank der Bilder in der Beschreibung verstehe ich nun auch wie ich die Montage machen soll, durch das große zentrale Loch für das Du den Deckel beigelgt hast – wirklich pfiffig!
Wenn ich noch Kommentare habe, wirst Du es hören.
Erst einmal herzlichen Dank für alles  – und bis bald,
Tina + Stephan WEITERLESEN

Videoupdate #40

Ein weiteres Opfer und zwei Glücksfälle

Eigentlich war in Eyemouth zunächst mal ein Hafentag eingeplant um die körpereigenen Akkus wieder aufladen zu können. Das Wetter hatte indes anderes mit uns vor. Das Abrufen des Wetterberichtes ist auf der Nordsee ja zum täglichen Ritual geworden und so war es trotz eingeplantem Hafentag das erste was ich nach einem tiefen Schlaf morgens in Eyemouth erledigt habe. Ich mag gar nicht mal sagen, dass mir das was ich sah nicht gefallen hat denn eines lernt man hier sehr schnell: Das Wetter ändert sich hier oben in Schottland rasant. Die mitteleuropäischen Hochs verlieren hier ihren Einfluss und so zieht selbst im Sommer häufig ein Tiefdruckgebiet nach dem nächsten durch. Langfristige Planung ist so kaum möglich,  man muss sich immer dem Wetter anpassen und seine Pläne ggf. ändern. So auch heute. Der Wind sollte in etwa 36h auf Nordost drehen und dort für eine Weile verharren. Genau dort wollten wir aber hin. Also ausgiebig frühstücken und doch wieder rein in die Seestiefel. Pause machen können wir immer noch. Es soll entlang der Küste von Aberdeenshire an Rattray Head nach Whitehills gehen. Etwa 130sm. Von dort geht es mit Kurs West weiter, der Nordwestwind würde uns also nicht mehr stören.
Schon komisch wie sich die Verhältnisse durch den Schlag über die Nordsee verschieben. Wenn man nur mal eben in der westlichen Ostsee unterwegs ist sind die 45sm nach Fehmarn schon weit. Eine Nachtfahrt über 130sm wäre schon ein richtig anstrengendes Erlebnis. Und nun, noch immer mit den 416sm der vergangenen Tage in den Knochen denken wir uns nur: „Ach komm, den einen Tag kriegen wir doch auch noch eben hin.“ Und das ist eine der wichtigsten Lehren aus diesem Trip. Selbst wenn man jetzt nicht jeden Tag die Nordsee überquert verschiebt auch so ein einmaliger Trip die eigenen Komfortgrenzen deutlich nach oben.

Als Gegenleistung für den schnellen Aufbruch sollten wir einen besonders schönen Segeltag haben. Bis zum Abend sollte es trocken bleiben, der Wind sollte stimmen und entlang der schottischen Küste zu segeln war ja ohnehin spannend. Die Freude über diese Bedingungen hielt allerdings nur kurz halten. Es wurde deutlich, dass die Nordsee noch ein weiteres Opfer gefordert hat: Der elektrische Autopilot hat seine zwischenzeitlichen Einsätze auf der Nordsee offenbar nicht überlebt. Noch steuerte der Windpilot, aber der Wind sollte zum Abend hin einschlafen. Eine kurze Bastelstunde führte zu Tage, dass wohl mindestens der Elektromotor im Eimer ist. Tolle Wurst. Eine Reparatur würde den Törn wohl um Wochen verzögern, und ob es in Nordschottland so schnell Ersatz gibt sei mal dahingestellt. Wenigstens hat uns der Pinnenpilot aber die Freude gemacht die Nordsee zu überleben. Dort in den flauen Phasen ohne Fixpunkt am Horizont manuell den Kurs halten zu müssen wäre todesanstrengend geworden.  Viel besser wird es aber auch heute nicht. Nur eben kürzer. Pünktlich nach dem Abendessen schläft der Wind ein und bringt Regen mit. Und das alles mit Handsteuerung. Macht richtig Spass…

Die Nacht wird dementsprechend anstrengend. Als am Morgen querab Peterhead der Wind aus Nordost, also genau von vorne, zurückkommt, sind wir fast schon froh, immerhin kann der Windpilot nun wieder steuern. Peterhead hatte ich mir in der Planung aber auch als eigentlichen Ankunftshafen nach dem Nordseeschlag vorgestellt. Nun sieht es hier aber ganz und gar nicht einladend aus und ich bin fast froh, dass es uns stattdessen ins verschlafene Eyemouth verschlagen hat. Das Kap Rattray Head enttäuscht dagegen eher. Ein kleiner Leuchtturm vor einem dünigen Strand. Irgendwie hab ich mir die englischen Kaps eindrucksvoller vorgestellt. ;-) Der Strom an dieser Ecke zeigt aber, dass es hier wohl auch ohne hohe Klippen echt ungemütlich werden kann…

Die letzten 6 Stunden nach Whitehills entschädigen uns dann aber für die Strapazen der vergangenen Nacht. Es ist sonnig und an Backbord tut sich nun tatsächlich die erhofft eindrucksvolle Küste auf. Weit an Steuerbord taucht ein oder mehrere Minkwale immer mal wieder auf. Die Sonne scheint, und noch dazu weht ein schwacher Raumschotswind. Zeit endlich mal das neue Parasail auszuprobieren! Und was soll ich sagen? – Es ist ein echter Traum. Dieses Ding steht total stabil und lässt sich durch Böen überhaupt nicht ärgern. Auch kleinere Winddreher steckt es einfach weg und gleitet durch den eingebauten Gleitschirm darin ein wenig seitwärts anstatt an den Lieken zusammenzufallen. Ein völlig neues Raumschotsgefühl. Das wir ob des schwachen scheinbaren Windes wieder selbst steuern müssen macht einem das fast nichts mehr auf. Und das ist der erste echte Glücksfall dieses Tages. Aus den Pilot Books und Berichten anderer Segler weiss ich, dass diese Ecke mit ihren Strömungen und küstenparallelen Winden sehr tückisch sein kann. Heute hingegen ist sie ein echter Ententeich und wir segeln dicht unter den 160m  hohen Klippen, die von tausenden Basstölpeln bevölkert sind, entlang.

Nachmittags nähern wir uns dann dem Hafen von Whitehills. Ein kleines verschlafenes Fischernest mit vielleicht 500 Einwohnern und einem Hafen dessen zwei Becken so klein sind, dass selbst die kleine Nonsuch kaum darin drehen kann. Eigentlich also genau die Art von Hafen die man sich für einen Schottlandbesuch wünscht. Auf der anderen Seite dürften die Chancen hier einen neuen Autopiloten zu bekommen hier gleich Null liegen. Trotzdem ist es genau der richtige Ort um nach der Überfahrt erst einmal abzuschalten.

Das absolute Highlight von Whitehills erwartet uns bereits am Steg. Hafenmeister Bernie ist ein überaus lustiger und hilfsbereiter Zeitgenosse. Nebenbei war er hier auch noch fast 50 Jahre Fischer. Kaum haben wir ihm von unserem Problem mit dem Autopiloten erzählt holt er sein Telefon raus und telefoniert mit einem Chandler, einem Yachtausrüster, einige Orte weiter. `“Which model was it again?“ – „“Raymarine“ – „Yep, they have it in stock and keep their Shop open for another 20 minutes“. Ich kann es kaum glauben, da hat hier am Arsch der Heide tatsächlich jemand das passende Modell auf Lager liegen, lässt seinen Laden für uns noch 20 Minuten länger auf, und Bernie ruft noch eben ein Vereinsmitglied an, der uns schnell dorthin fährt. Von so viel Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit bin ich echt gerührt. Fast noch nie habe ich mein Hafengeld so gerne bezahlt wie hier bei Bernie. Überhaupt ist mir aufgefallen, dass die Hafenmeister sich hier nicht nur als Abkassierer, sondern eher als Gastgeber wie in einer Pension o.Ä. verstehen. Überall wird versucht alles möglich gemacht, nachgefragt wie es einem geht, und sogar noch nach dem Auslaufen per Funk eine gute Fahrt gewünscht. So relativieren sich die im Vergleich zur Ostsee etwas höheren Hafengebühren sofort.  Glücklich lassen wir uns den verspäteten Anleger schmecken und erkunden das kleine Örtchen. Auch ein Besuch im wahrscheinlich unscheinbarsten Pub der Welt darf natürlich nicht fehlen.

Unserem Plan hier noch für einen Ruhetag zu bleiben macht das Wetter allerdings einen Strich durch die Rechnung und so werfen wir tags drauf am Mittag schon wieder die Leinen los. Bernie macht seinem Ruf alle Ehre, winkt uns von der Hafenmole zu und macht sogar noch Fotos von uns beim Auslaufen. Dieser liebenswerte Zeitgenosse war der zweite Glücksfall auf diesem Teilstück.

Oliver Friel – Nachruf auf einen Freund

IN DEN EWIGEN FISCHGRÜNDEN

Der letzte Anruf von Oliver kurz vor seiner Abreise in den Urlaub nach Norwegen, war eine Verabredung und Versprechen, uns endlich wieder einmal bei uns zu treffen.

Es sollte nicht mehr dazu kommen. Oliver ist am vergangenen Mittwoch 12.07.2017 im Alter von nur 58 Jahren in Norwegen völlig unerwartet, verstorben. In Norwegen, seinem Urlaubs- und Traumziel als Angler. Oliver war dem Angeln verfallen, wie wir es nie bei einem anderen Menschen erlebt haben. Ihm war egal, wenn die Kälte die Gummihosenbeine hochgekrochen kam, seine Geduld war unendlich, sein grösstes Glück, eine wunderschöne Meerforelle zu fangen, egal bei welchem Wetter. Seine Freude war ansteckend, wenn er seinen Fisch endlich an der Angel hatte. Er hat ihn fotografiert, ihm in die Augen geschaut, sich an seinem perfekt schillerndem Äusseren erfreut … und ihn dann manches Mal wieder in die Freiheit entlassen, wenn er noch unter Welpen Schutz gestanden hat. Ein Sport, den man verstehen muss, was nicht jeder kann, wir eingeschlossen, weil kalte Füsse nicht unsere Freunde sind. Angeln ist ein stiller Traum, um den Fisch nicht zu verschrecken. Für Oliver der Traum schlechthin. Jahrelang war er zu bestimmten Zeiten an seinen immer gleichen Fischgründen anzutreffen. Die Halbinsel Alsen in Dänemark war sein Hotspot. Ob die Fische wohl wussten, dass sie sich vor diesem Angler nicht zu fürchten hatten? Es hätte zu Oliver gepasst. Und es hätte ihm gefallen!

Oliver war für uns ein junger Geist, als GRAFIK DESIGNER unbändig kreativ, stets neugierig Neuem auf der Spur, mit tiefem Sinn für Humor, ein in sich geschlossenes Perpetuum Mobile, das man nur zart berühren – ihm verbal eine Idee zu skizzieren brauchte – um ihn hernach möglichst allein zu lassen, ihn nicht weiter zu stören, denn das Ergebnis seiner Überlegungen war stets aussergewöhnlich, so vollkommen klar und überdeutlich – vor allem niemals zu verbessern. Für uns war Oliver ein geschlossenes System, dass sich selbst befruchten konnte. Ein klitzekleiner Anstoss war genug … um Olivers Kreativität zur Explosion zu bringen.

„Gib mir ein paar Tage Zeit!“ Damit fing es an. Was dann folgte, war stets ein Fest, denn Olivers Kreativität kannte keine Grenzen, er war zielsicher, klar und dezidiert – manchmal schlicht atemberaubend in der Einfachheit der Ergebnisse – für uns Kunstwerke, die aus handwerklichen Fähigkeiten entstehen, wenn Menschen ihren Beruf als Berufung begreifen, die sie nur erreichen können, wenn sie ihre Handschrift lebenslang verfeinern und vertiefen. Oliver war für uns ein begnadeter Künstler und zudem von warmer Menschlichkeit, die ihn so besonderes liebenswert machte. Ein Mann, dem man sein Alter nie angesehen hat, dessen Erscheinung in Symbiose mit seiner unbändigen Jugendlichkeit und dem Sinn für Humor ihm viele Freunde brachte.

Schade, dass Oliver seine grossen Träume nicht mehr hat realisieren können: dem Traum eines Häuschens abseits des Trubels, einem Leben umgeben von Stille, vielleicht mit ein paar Fischen, es war der Norden, der ihn faszinierte.

Oliver fehlt uns, so wie er vielen seiner Freunde fehlt, zu plötzlich, zu unvermittelt hat er uns verlassen. In unserem Herzen hat er einen festen Platz.

Hamburg 17.07.2017
Marzena Wiska
Peter Foerthmann

Susak. Die Insel, die die Winde schufen.

Aus der Ferne vom Meer her sieht Susak, die Insel vor Losinj, aus als würde eine Herde flauschig-grün-gefärbter Nacktmulle die Köpfe zusammen- und dem Ankömmling die rundlich-faltig-flauschigen Hinterteile entgegenstrecken. Susak gibt sich anders als die anderen Inseln, ist an seiner Oberfläche nicht von ragenden messerscharfem Kalkstein-Kanten geformt. Ist nicht zerklüftet, sondern steigt vom Meer gleichmässig steil an auf die Höhe eines Plateaus. Als wäre die Insel das Geschwisterchen des großen Tafelbergs drunten am Kap der guten Hoffnung. Susak trägt auch nicht den Bewuchs, der typisch ist für die Nachbar-Inseln. Ist nicht wie sie überzogen von dornigem Krüppelwuchs oder undurchdringlicher Macchie oder übersäht mir duftendem Salbei, der zwischen den scharfen Felsen wuchert. Sondern von Gräsern. Und langen, im Wind wiegenden Schilfhalmen. Es sind die Schilfhalme, die dem Inselrücken aus der Ferne das fluffige Nacktmull-Aussehen geben.

Warum auf Susak alles so ganz, ganz anders ist, hat mit einer geologischen Rarität zu tun: Susak ist nicht einfach nur nackter Fels. Auf den üblichen drei Meter aus dem Meer ragenden Kalkstein-Buckel hat der Wind noch einmal die vierfache Höhe Sand draufgepackt. Lößsand. Feinster hellbrauner Staub, weich wie Fell, angeweht während der Eiszeit aus den urweltlichen Ablagerungen von Urflüssen, feinster grauer Staub von irgendwoher „vom Winde verweht“. 

Es waren die Winde, die den Sand hierhertrugen und – der Himmel weiß, in was für einer irrwitzigen Konstellation aus Wetter, Witterung, Luft- und Meeresströmungen – über Jahrhunderte den feinen Sandstaub mit an Ewigkeit grenzender Geduld in einer hohen Schicht auftürmten. Es bleibt ein Rätsel, warum die Winde das genau hier taten. Auf einer Insel mitten im Meer. Und nicht ein paar Seemeilen weiter auf den benachbarten Inseln Losinj oder Unije. Es bleibt ein noch größerer geologischer Aberwitz, dass der schlichte Haufen Sand über Jahrhunderttausende an dieser Stelle liegen blieb. Und sich erhielt. Es scheint wie ein Wunder, dass der feine, von jedem Windhauch aufstäubende Lößsand sich nur drei Meter entfernt über den nagenden Wellen erhebt, auf die er quasi von oben



herabschaut, während sie zu seinen Füßen toben. Aber zu überheblich sollte er ob seines Sonderstatus nicht sein, der Lößsand. Denn dort, wo die Bora, der böige Nordost oder der Südwest die Wellen höher als anderswo gen Susak jagen, sieht man deutlich, wie sie dem Schilf den Löß unter den Füßen wegziehen. 



Susak. Eigentlich gefällt mir sein italienischer Namen weit besser: Sansego. Alles Geheimnis der Welt schwingt in diesen sieben Zeichen mit. Sansego. Es ist Nachmittag, als ich aufbreche und LEVJE alleine vor Anker in der Bucht zurücklasse. Und mit dem Dinghi an Land hinüberrudere. Was ich keinen Moment bereue. Wilde Bienen haben Löcher, ihre Nester, in die steil ansteigenden Wände des Löß gegraben. Es summt und brummt, dass ich einen Moment ganz iritiert bin, ob der Bienenschwarm sich nicht gleich gegen mich, den fremden Eindringling rottet. Und sich als wütende Wolke auf mich stürzt. Aber nichts passiert. 

Ich klettere den steilen Pfad hinauf. Eigentlich ist es nicht mehr als eine handbreite Furche in allerfeinstem Sand, die in steilen Zichzacklinien hinaufführt aufs Plateau. Ein ums andere Mal rutsche ich auf dem feinen Sand aus, erinnere mich, wie das damals war, das erste Mal als ich hier war, mit Katrin, nach einem Regen. Wo der feine Sand nichts anderes war als eine schmierige Rutschbahn.

Ich folge weiter der schmalen Furche im Sand, als hätte sie jemand mit dem Maßband abgemessen. Plötzlich erhebt sie sich zur drei Meter tiefen, schmalen Schlucht im Sand. Alles ist von dichtem Grün überzogen, Gräser, Dornen, Blüten, Pflanzen. Und keine Macchie, wie anderswo. Sansego-Susak verblüfft, auf Schritt und Tritt.



Dann stehe ich oben auf dem Plateau. Ein weiter Blick hinunter in die Bucht, auf Levje. Ob sie immer noch in der Mitte der Bucht ist, wo ich sie zurückließ? Dann weiter. Der sandige Weg ist jetzt ein Feldweg im Sand, der dort oben verläuft. Nicht mehr zwischen Sandwänden, sondern jetzt zwischen übermannshohen Schilfwedeln. Und in den



Schilfwäldern Felder. Und Weinberge. Auf Susak wird neuerdings wieder Süßwein angebaut. Wenn ich ehrlich bin, unternehme ich die Wanderung ja nur, um vielleicht irgendwo hier auf der Insel eine kleine Flasche Susak-Süßwein in irgendeinem Markt zu ergattern. Aber bis zum Ort der Insel, dessen eine Hälfte sich etwas entfernt in die einzige Hafenbucht duckt und dessen andere auf dem Sandplateau oberhalb, brauche ich noch ein wenig.




Stattdessen komme ich zuerst zum Friedhof. Er liegt eine Viertelstunde außerhalb des Ortes, ganz im Südwesten der Insel. Die schmiedeeiserne Tür zum Friedhof ist offen. Die Gräber stammen ausnahmslos ab den Jahren um 1850. Es sind Familiengräber. Die Picinichs liegen hier. Und die Tarabocijan. Die Busanic. Die Skrivanic. Und die Morin. Es sind Namen, hinter denen die italienischen Wurzeln noch hervorlugen, man muss einfach nur an jeden dieser Namen ein -o ans Ende hängen. Und schon wäre er wieder sichtbar, der einstige italienische Name. Jetzt sind sie irgendwie eingepasst, eingefügt in diese nordkroatische Welt. War ein Teil der Bewohner einst Einwanderer? Aus Italien? Oder sind die Dinge komplizierter: Kroaten aus den italienischen Minderheiten Istriens und Rijekas rund um den Kvarner, die hierher auf die abgelegene Insel kamen. Und blieben.



Auch die Vornamen: Domenico. Maria. Anna. Es ist, als wäre ich in einem entfernten Außenposten der italienischen Welt gelandet. Ein Teil von ihr. Und doch kein Teil. Etwas, das seine Wurzeln nicht verleugnen will. 

Neben jedem Namen prangt hinter Glas ein Foto des Verstorbenen. Domenico: Ein resoluter Mann mit weißem Vollbart, gestorben wie seine Frau Maria vor fast eineinhalb Jahrhunderten hier auf der Insel Susak. Fotografien aus der Anfangszeit der Fotografie. Es muss einen Fotografen gegeben haben hier auf der Insel, der all die Menschen zu Lebzeiten fotografierte, ihre Gesichter auf eine Glasplatte bahnte. Ein Gott auf Erden, der den Menschen der Insel im fahlen Licht seiner Dunkelkammer das ewige Leben schenkte – zumindest als auf Glas gebannte Fotografie. Sie schauen, Männer im Gehrock mit weißen Vollbärten, ihre Frauen unter tief in die Stirn gezogenen Kopftüchern den Betrachter an, gleichmütig, reglos, über die Jahrhunderte hinweg. Wie der Fotograf es ihnen in diesem einem Moment aufgetragen hatte. Ein flüchtiger, vergänglicher Augenblick vor eineinhalb Jahrhunderten, festgehalten, gebannt für die Ewigkeit.

So wie auch die Insel Susak/Sansego.

Es heißt, sie wären gute Seeleute gewesen, die Männer von Susak. Es heißt auch, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, als die neuen jugoslawischen Machthaber im fernen Belgrad ihnen mit harter Fischerei- und sonstiger Planwirtschaft jede Perspektive auf ein besseres Leben nahmen. Zwischen 1950 und 1965 verliessen über 2.500 Emigranten die Insel, fast zwei Drittel der damaligen Bevölkerung. Und gingen auf der Suche nach einem besseren Leben nach New York, wo ihre Nachfahren noch heute überwiegend in New Jersey oder in Hoboken leben. Und in Susak? Leben heute keine 200 Menschen. Nur im Sommer, wenn Feriengäste kommen und Verwandte der einstigen Besitzer vom kroatischen Festland, um hier Urlaub zu machen, wächst die Inselbevölkerung für einige Wochen wieder auf ihre ursprüngliche Größe an.










Als ich nach Stunden zur Bucht zurückkomme, in der LEVJE schaukelt, kann ich nicht anders: Ich sammle in einer alten Plastikflasche, die das Meer angespült hat, ein wenig von dem wunderbaren weichen Sand von Susak ein. Für Daheim. Auf einem Bord im großen Raum unseres Zuhauses stehen etwa 20 Flaschen mit Sand. Manchmal schaue ich sie an. Eine Flasche mit dem rotbraunen Sand von Porto Baratti vor Elba ist dabei, fast rot, weil an diesem Strand einst Etrusker Eisenerz verhütteten. Und eine italienische Firma immer noch 100 Jahre damit zu tun hatte, um noch einmal die Schlackenberge einzuschmelzen, die die Etrusker übrig gelassen hatten. Der hellgraue Sand von Canuta in Apulien, nahe von Foggia, wo die Burgen Friedrichs II. stehen. Der dunkle Sand vom Strand von Bozburun in der Türkei, wo sie die schweren Gülets bauten. Sand aus Korsika. Sand aus der Karibik. 

Aber keiner ist so fein, so puderig, wie der Sand von der Insel Susak.


Susak. Die Insel, die die Winde schufen.

Aus der Ferne vom Meer her sieht Susak, die Insel vor Losinj, aus als würde eine Herde flauschig-grün-gefärbter Nacktmulle die Köpfe zusammen- und dem Ankömmling die rundlich-faltig-flauschigen Hinterteile entgegenstrecken. Susak gibt sich anders als die anderen Inseln, ist an seiner Oberfläche nicht von ragenden messerscharfem Kalkstein-Kanten geformt. Ist nicht zerklüftet, sondern steigt vom Meer gleichmässig steil an auf die Höhe eines Plateaus. Als wäre die Insel das Geschwisterchen des großen Tafelbergs drunten am Kap der guten Hoffnung. Susak trägt auch nicht den Bewuchs, der typisch ist für die Nachbar-Inseln. Ist nicht wie sie überzogen von dornigem Krüppelwuchs oder undurchdringlicher Macchie oder übersäht mir duftendem Salbei, der zwischen den scharfen Felsen wuchert. Sondern von Gräsern. Und langen, im Wind wiegenden Schilfhalmen. Es sind die Schilfhalme, die dem Inselrücken aus der Ferne das fluffige Nacktmull-Aussehen geben.

Warum auf Susak alles so ganz, ganz anders ist, hat mit einer geologischen Rarität zu tun: Susak ist nicht einfach nur nackter Fels. Auf den üblichen drei Meter aus dem Meer ragenden Kalkstein-Buckel hat der Wind noch einmal die vierfache Höhe Sand draufgepackt. Lößsand. Feinster hellbrauner Staub, weich wie Fell, angeweht während der Eiszeit aus den urweltlichen Ablagerungen von Urflüssen, feinster grauer Staub von irgendwoher „vom Winde verweht“. 

Es waren die Winde, die den Sand hierhertrugen und – der Himmel weiß, in was für einer irrwitzigen Konstellation aus Wetter, Witterung, Luft- und Meeresströmungen – über Jahrhunderte den feinen Sandstaub mit an Ewigkeit grenzender Geduld in einer hohen Schicht auftürmten. Es bleibt ein Rätsel, warum die Winde das genau hier taten. Auf einer Insel mitten im Meer. Und nicht ein paar Seemeilen weiter auf den benachbarten Inseln Losinj oder Unije. Es bleibt ein noch größerer geologischer Aberwitz, dass der schlichte Haufen Sand über Jahrhunderttausende an dieser Stelle liegen blieb. Und sich erhielt. Es scheint wie ein Wunder, dass der feine, von jedem Windhauch aufstäubende Lößsand sich nur drei Meter entfernt über den nagenden Wellen erhebt, auf die er quasi von oben



herabschaut, während sie zu seinen Füßen toben. Aber zu überheblich sollte er ob seines Sonderstatus nicht sein, der Lößsand. Denn dort, wo die Bora, der böige Nordost oder der Südwest die Wellen höher als anderswo gen Susak jagen, sieht man deutlich, wie sie dem Schilf den Löß unter den Füßen wegziehen. 



Susak. Eigentlich gefällt mir sein italienischer Namen weit besser: Sansego. Alles Geheimnis der Welt schwingt in diesen sieben Zeichen mit. Sansego. Es ist Nachmittag, als ich aufbreche und LEVJE alleine vor Anker in der Bucht zurücklasse. Und mit dem Dinghi an Land hinüberrudere. Was ich keinen Moment bereue. Wilde Bienen haben Löcher, ihre Nester, in die steil ansteigenden Wände des Löß gegraben. Es summt und brummt, dass ich einen Moment ganz iritiert bin, ob der Bienenschwarm sich nicht gleich gegen mich, den fremden Eindringling rottet. Und sich als wütende Wolke auf mich stürzt. Aber nichts passiert. 

Ich klettere den steilen Pfad hinauf. Eigentlich ist es nicht mehr als eine handbreite Furche in allerfeinstem Sand, die in steilen Zichzacklinien hinaufführt aufs Plateau. Ein ums andere Mal rutsche ich auf dem feinen Sand aus, erinnere mich, wie das damals war, das erste Mal als ich hier war, mit Katrin, nach einem Regen. Wo der feine Sand nichts anderes war als eine schmierige Rutschbahn.

Ich folge weiter der schmalen Furche im Sand, als hätte sie jemand mit dem Maßband abgemessen. Plötzlich erhebt sie sich zur drei Meter tiefen, schmalen Schlucht im Sand. Alles ist von dichtem Grün überzogen, Gräser, Dornen, Blüten, Pflanzen. Und keine Macchie, wie anderswo. Sansego-Susak verblüfft, auf Schritt und Tritt.



Dann stehe ich oben auf dem Plateau. Ein weiter Blick hinunter in die Bucht, auf Levje. Ob sie immer noch in der Mitte der Bucht ist, wo ich sie zurückließ? Dann weiter. Der sandige Weg ist jetzt ein Feldweg im Sand, der dort oben verläuft. Nicht mehr zwischen Sandwänden, sondern jetzt zwischen übermannshohen Schilfwedeln. Und in den



Schilfwäldern Felder. Und Weinberge. Auf Susak wird neuerdings wieder Süßwein angebaut. Wenn ich ehrlich bin, unternehme ich die Wanderung ja nur, um vielleicht irgendwo hier auf der Insel eine kleine Flasche Susak-Süßwein in irgendeinem Markt zu ergattern. Aber bis zum Ort der Insel, dessen eine Hälfte sich etwas entfernt in die einzige Hafenbucht duckt und dessen andere auf dem Sandplateau oberhalb, brauche ich noch ein wenig.




Stattdessen komme ich zuerst zum Friedhof. Er liegt eine Viertelstunde außerhalb des Ortes, ganz im Südwesten der Insel. Die schmiedeeiserne Tür zum Friedhof ist offen. Die Gräber stammen ausnahmslos ab den Jahren um 1850. Es sind Familiengräber. Die Picinichs liegen hier. Und die Tarabocijan. Die Busanic. Die Skrivanic. Und die Morin. Es sind Namen, hinter denen die italienischen Wurzeln noch hervorlugen, man muss einfach nur an jeden dieser Namen ein -o ans Ende hängen. Und schon wäre er wieder sichtbar, der einstige italienische Name. Jetzt sind sie irgendwie eingepasst, eingefügt in diese nordkroatische Welt. War ein Teil der Bewohner einst Einwanderer? Aus Italien? Oder sind die Dinge komplizierter: Kroaten aus den italienischen Minderheiten Istriens und Rijekas rund um den Kvarner, die hierher auf die abgelegene Insel kamen. Und blieben.



Auch die Vornamen: Domenico. Maria. Anna. Es ist, als wäre ich in einem entfernten Außenposten der italienischen Welt gelandet. Ein Teil von ihr. Und doch kein Teil. Etwas, das seine Wurzeln nicht verleugnen will. 

Neben jedem Namen prangt hinter Glas ein Foto des Verstorbenen. Domenico: Ein resoluter Mann mit weißem Vollbart, gestorben wie seine Frau Maria vor fast eineinhalb Jahrhunderten hier auf der Insel Susak. Fotografien aus der Anfangszeit der Fotografie. Es muss einen Fotografen gegeben haben hier auf der Insel, der all die Menschen zu Lebzeiten fotografierte, ihre Gesichter auf eine Glasplatte bahnte. Ein Gott auf Erden, der den Menschen der Insel im fahlen Licht seiner Dunkelkammer das ewige Leben schenkte – zumindest als auf Glas gebannte Fotografie. Sie schauen, Männer im Gehrock mit weißen Vollbärten, ihre Frauen unter tief in die Stirn gezogenen Kopftüchern den Betrachter an, gleichmütig, reglos, über die Jahrhunderte hinweg. Wie der Fotograf es ihnen in diesem einem Moment aufgetragen hatte. Ein flüchtiger, vergänglicher Augenblick vor eineinhalb Jahrhunderten, festgehalten, gebannt für die Ewigkeit.

So wie auch die Insel Susak/Sansego.

Es heißt, sie wären gute Seeleute gewesen, die Männer von Susak. Es heißt auch, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, als die neuen jugoslawischen Machthaber im fernen Belgrad ihnen mit harter Fischerei- und sonstiger Planwirtschaft jede Perspektive auf ein besseres Leben nahmen. Zwischen 1950 und 1965 verliessen über 2.500 Emigranten die Insel, fast zwei Drittel der damaligen Bevölkerung. Und gingen auf der Suche nach einem besseren Leben nach New York, wo ihre Nachfahren noch heute überwiegend in New Jersey oder in Hoboken leben. Und in Susak? Leben heute keine 200 Menschen. Nur im Sommer, wenn Feriengäste kommen und Verwandte der einstigen Besitzer vom kroatischen Festland, um hier Urlaub zu machen, wächst die Inselbevölkerung für einige Wochen wieder auf ihre ursprüngliche Größe an.










Als ich nach Stunden zur Bucht zurückkomme, in der LEVJE schaukelt, kann ich nicht anders: Ich sammle in einer alten Plastikflasche, die das Meer angespült hat, ein wenig von dem wunderbaren weichen Sand von Susak ein. Für Daheim. Auf einem Bord im großen Raum unseres Zuhauses stehen etwa 20 Flaschen mit Sand. Manchmal schaue ich sie an. Eine Flasche mit dem rotbraunen Sand von Porto Baratti vor Elba ist dabei, fast rot, weil an diesem Strand einst Etrusker Eisenerz verhütteten. Und eine italienische Firma immer noch 100 Jahre damit zu tun hatte, um noch einmal die Schlackenberge einzuschmelzen, die die Etrusker übrig gelassen hatten. Der hellgraue Sand von Canuta in Apulien, nahe von Foggia, wo die Burgen Friedrichs II. stehen. Der dunkle Sand vom Strand von Bozburun in der Türkei, wo sie die schweren Gülets bauten. Sand aus Korsika. Sand aus der Karibik. 

Aber keiner ist so fein, so puderig, wie der Sand von der Insel Susak.


Land in Sicht!!! – Ankunft in Eyemouth

Zu Beginn der Nachtwache bin ich noch reichlich müde. Man fängt dann immer ganz leicht an zu halluzinieren, sieht einzelne Lichter aufblitzen oder Ähnliches. Doch halt, dieses Licht war jetzt schon zum zweiten Mal an der gleichen Stelle. Vielleicht ein Fischer der in den Wellentälern kurz verschwindet denke ich mir. Als sich da Leuchten einige Minuten lang immer im exakt gleichen Rhythmus wiederholt ist klar: Land in Sicht! Das da vorne, in etwa 30sm Entfernung ist der Leuchtturm Longstone!! So langsam kann ich verstehen welche Faszination die Leuchttürme in vergangenen Zeiten auf Seeleute gehabt haben. Ich denke mir, dass es nun geschafft sei, freue mich auf die Ankunft am nächsten Tag und bringe die vermutlich letzte Nachtwache hinter mich bevor ich gegen 0400 abgelöst werde und mich noch mal aufs Ohr legen kann. Bald sind wir da.

Die Nordsee hatte jedoch noch andere Pläne mit uns. Als ich gegen 0500 in der Koje liegend in einem Wellental fast abhebe ist klar, dass der Wind mal wieder aufgedreht hat. Ich gehe an Deck um mir das ganze Mal anzuschauen und grummel in mich hinein. Der Wind hat auf Schlag gedreht und  ein ganzes Stück früher als erwartet zugelegt. Noch dazu kommt er nicht wie angesagt aus Südwesten sondern wird durch den Firth of Forth, einne tief eingeschnittene Förde in Schottland, wie durch eine Düse nach NNW umgelenkt. Man kann sich das ganze so in etwa wie den Effekt vorstellen den einen bei starken westlichen Winden in der Flensburger Außenförde erwartet. Nur eben mal 10.
Eine kurze Überlege- und Abwägungsphase folgt. Der Wind bläst jetzt schon mit etwa 20kn von vorne. Natürlich könnte man das aufkreuzen. Der Hafen von Arbroath ist jedoch ab halber Tide mit einem Schleusentor verschlossen, wir müssten spätestens um 1600 dort sein. Ob das bei den aktuellen Bedingungen gelingt ist sehr fraglich. Könnte klappen, wir hätten aber überhaupt keine Reserven mehr. Also ist Arbroath nicht mehr sicher zu machen. Ein weiteres Mal macht sich der Bananenkurs bezahlt und wir können uns einen Hafen südlicher aussuchen. Die Wahl fällt auf Eyemouth. Immerhin schon in Schottland. Eigentlich mag ich dieses Gefühl gemachte Pläne aufgeben zu müssen ja nicht sonderlich, aber heute ist das irgendwie egal. Ein Törn über die Nordsee lässt einen die richtigen Prioritäten setzen.

Die letzte Kreuz wird durch den zunehmenden Wind allerdings zur Tortur. Die Welle die sich aus NNW rasch aufbaut kämpft mit der aus Dünung aus SW der letzten Tage. Und wir Hart am Wind mittendrin. Aber wo sollen wir jetzt auch hin außer in Richtung Land. Wenigstens wird das ganze mit jeder Meile die wir uns dem Land nähern erträglicher. An Kaffeeaufsetzen ist bei dem Wind nicht zu setzen. Der Anblick des ersten „richtigen“ Landes elektrisiert am frühen Morgen dann aber trotzdem. Hohe Hügel, Täler und einige Klippen sind auszumachen. Wir sind in Great Britain angekommen – Die Nordsee ist geschafft.  Und dazu scheint auch noch die Sonne. Ich setze das Fernglas kaum mehr ab. Und gleich am ersten Tag fällt mir dann auch gleich das erste Castle sofort ins Fernglas. Schon die ersten paar Minuten Landsicht machen deutlich, dass wir an einer völlig fremden Küste gelandet sind.

Zu viel Ablenkung ist aber nicht erlaubt. Hier an der Ostküste liegen unzählige Fischernetze und Bojen verstreut. Daran hängen Lobster Pots, Käfige zum Hummerfang. Kann man sich super drin verheddern. Entgegen den Dingern in der Ostsee sind die hier aber maximal mit einem kleinen Kugelfender markiert und entsprechend schwer zu entdecken. Oft ist es schon zu spät. Ein Grund mehr warum ich die englische Ostküste auslassen wollte. Nach einer Erhebung einer englischen Segelzeitschrift hatte bisher jeder zweite Round-Britain Skipper ein unangenehmes Aufeinandertreffen mit den Lobster Pots… Besonders Erfolgreich kann der Fang allerdings irgendwie nicht sein. An der gesamten britischen Nordseeküste ist mir bisher kein Hummer im Restaurant oder zum Verkauf untergekommen. Vielleicht brauchen die Fischer deswegen so viele Bojen… ;-)

Heute haben wir aber Glück und treffen keinen Lobster Pot. Mit jedem Kreuzschlag wird die Küstenlinie rauher und eindrucksvoller und gegen Mittag liegt die Ansteuerung von Eyemouth direkt vor uns. Gleich zum Anfang mitten durch Felsen, die nur mit einer einzigen Leitlinie versehen seind, hindurch. Als wir dann durch die Molenköpfe hindurch gleiten fühlt sich das fast unwirklich an. War es das schon?
Nonsuch wird festgemacht und ein kleiner Anleger steht sofort bereit. Auch ohne den werden die Knie an Land schnell schwach. Nach den 4,5 Tagen auf See wird man eher land- als seekrank. Der Hafenmeister, ein lustiger schottischer Opa, freut sich mit uns und zeigt uns mit einer (noch) ungewöhnlichen Herzlichkeit alle Facilities seines Hafens.

Was folgt ist das erste große Durchatmen. Eyemouth ist ein echter Glückstreffer, ein richtig uriger schottischer Fischereihafen. Der Hafen ist bereits einige hundert Jahre alt uns überall von typisch britischen Steinhäuschen umgeben. Genau so stellt man sich seinen ersten britischen Hafen vor.  Ganz ungewöhnlich für uns Deutsche: Hier sind Yachties und Fischerei völlig gleichberechtigte Nutzer des Hafens. Im Hafen tummeln sich einige Kegelrobben die jeden einlaufenden Fischkutter verfolgen und sich mit artistischen Einlagen jedes Mal einige Fische ergattern. Fast schon dressiert wirken die flapschigen Gesellen und sind DIE Attraktion für die an diesem sonnigen Tag durch den Hafen schlendernden Passanten.

Zwei Tageshighlights steht heute noch an, doch zunächst mal bekommt Nonsuch eine kleine Wellnessbehandlung. Die Tage auf der Nordsee haben Spuren hinterlassen. Alles ist mit einer dünnen Salzschicht überzogen und wirkt stumpf. Obwohl ein Pint frisch gezapftes Ale und eine Dusche eigentlich das tollste überhaupt wären, wird das Boot erst mal einer Komplettreinigung überzogen und die verschiedenen Schapp-Füllungen die sich auf der letzten Kreuz im ganzen Schiff verteilt haben, wieder einsortiert. Und dann sind wir dran: Die Dusche war wahrscheinlich die beste meines Lebens. Man merkt richtig wie sich jeder einzelne Muskel unter dem brühwarmen Wasser wieder löst. Als wir dann wieder aussehen wie zivilisierte Menschen geht es dann trotz Müdigkeit noch in den ersten Pub. Das muss am Tag der Ankunft einfach sein. Einen typisch schottischer Steak Pie, quasi ein Gulasch mit Blätterteighaube und Chips, den typisch dicken Pommes, dazu  ein Pint schottischen Cider später ist der Pubbesuch aber auch schon beendet. Nichts geht mehr. Den Weg ums Hafenbecken herum zum Boot gehen wir wie die Opas, kriegen kaum die Füße noch hoch. Noch in Klamotten falle ich sofort in die Koje. Angekommen in Schottland. Fertig, aber glücklich.

Und was Eyemouth mit dem Monster von Loch Ness zutun hat, erfahrt ihr auch bald….

SV Makaio – Stephanie Seifert AT

ZICKE-ZACKE-SEGELN ZWISCHEN ROTEN UND GRÜNEN GATES

Wetter: Sonne satt. sogar ein bisschen warm. Wir haben alle gut Farbe bekommen und konnten sogar die kurzen Hosen auspacken (Windjacken mussten trotzdem sein). Die „dänische Südsee“ hat ihrem Namen alle Ehre gemacht.

Stephanie Seifert