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Von England nach Irland und Schottland (27): Iona. Die vergessene Insel.


 Von den Äußeren Hebriden sind wir vor wenigen Tagen südostwärts zur Insel Iona gesegelt.
Ein Tag auf der Insel.




Einen kurzen Moment leuchtet der helle Sandstrand am Morgen durchs graue Zwielicht. Hinter dem einzigen Berg der Insel ziehen graue Regenfahnen heran – genau dahin, wo wir gerade sind. Zum Strand südöstlich des Klosters, vor dem wir ankern wollen. Es ist kühl, grau und alles andere als angenehm. Iona, die vergessene Insel, hat keinen Hafen, keinen Steg, nur einen Fähranleger. Wer hierher will auf dem eigenen Boot, muss sich seinen Platz selber suchen. Und wer als Landreisender nach Iona will, erreicht es nur als Inselhopper per Fähre von der Insel Mull aus.

Dann verschwindet der Strand auch schon hinter einer Regenwand, während der Anker fällt. Bei fast 3 Meter Tidenhub eine geeignete Stelle zu finden, ist keine leichte Übung, zumal an einem verregnten Morgen. Denn erstens soll der Anker halten, zweitens darfs des fallenden Wassers wegen nicht zu knapp über dem felsigen Grund sein. Und drittens solls nicht zu weit zum Strand zu rudern sein. Man kann nicht übers Wasser laufen, und über schartige Felsen auch nicht wirklich. Erst will der Anker nicht greifen, er kratzt nur Büschel des langblättrigen Kelp vom Grund herauf. Als er endlich hält, rauscht der Regen, wir verkriechen uns schnell für eine halbe Stunde unter Deck.

Der schottische Regen hat ein Gutes: Im Vergleich zum Landregen im Voralpenland ist er nie von langer Dauer. Wo vor den Alpen ein Regenguss schon mal drei triste Tage bescheren kann, ist über den Inseln nach einer halben Stunde das Ärgste vorüber. Nicht genug: Die Sonne zeigt sich sofort wieder – als wäre nichts gewesen. „Unbeständig“ nennen Meteorologen so ein Wetter. Als läge allein in der Beständigkeit des Landregens bei uns etwas Positives.



Wir rudern zum Strand hinüber. Im hellen Sand liegen die Felsen wie eine Zeichnung der Insel Iona im Meer. Iona ist der große Stein in der Mitte des Fotos, am rechten Bildrand  umfangen von der Insel Mull vor dem schottischen Festland, deren Klippen im Norden hoch aufragen. Ganz links oben der Stein markiert die Äußeren Hebriden, während der Blasentang die unbewohnten Inseln Tiree und Coll gut wiedergibt, über die ich im letzten Post schrieb.

Fehlt nur noch das Wichtigste auf meiner „Sandkarte“ oben. Jene Insel, der Iona eigentlich ihre Berühmtheit verdankt. Irland. Es läge ganz links außen etwa auf Höhe dieser Zeilen. Denn berühmt ist Iona, die Insel im Meer. Wer weiß denn schon, dass diese winzige Insel vor der schottischen Küste meine Landschaft vor den Alpen kulturell tiefgreifender geprägt hat als Coca Cola, MacDonalds,  Facebook, Google und Netflix das zusammen je zustande brächten?

Alles begann mit einem Boot. Einem Boot, das an einem regenverhangenen Morgen wie diesem unter Segeln den schmalen Sund an der Ostseite der Insel ansteuerte und in einem Regenschauer versuchte, nahe genug der Insel zu ankern. Die Szene mag ähnlich gewesen sein. Nur waren auf dem Boot nicht bloß drei Menschen wie auf LEVJE, sondern das Boot war voller Menschen. Sie kamen aus Irland. Und sie waren auf der Flucht.

Boote kamen in jenen Jahren ständig von Irland herüber mit Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Leben und einer besseren Zukunft waren. Es war die Zeit, in der die von den Römern errichteten Mauern und Grenzen nicht mehr hielten. Die Menschen, die aus Irland kamen, nannten sich Scoten, nach dem keltischen Stamm, zu dem sie gehörten, und sie schwappten von Irland herüber an die Irland gegenüberliegende Küste, die sie vom Norden ihrer Insel als Schemen im Dunst Tag für Tag vor Augen hatten. Dem Land gaben die Einwanderer nicht nur den neuen Namen. Scotland – das Land der Scoten. An Bord ihrer Boote, verborgen zwischen ein paar mageren Ziegen, schwindsüchtigen Säcken mit Saatgut und rostigen Werkzeugen, segelte von Irland auch eine neue Religion mit herüber, die den in den Highlands heimischen Pikten-Stämme kaum etwas sagte. Die Neuankömmlinge beteten einen Mann an, der an ein Kreuz genagelt war, und nachdem sie sich Christen nannten.


Die eifrigsten unter ihnen waren Habenichtse mit nichts in ihrem Besitz als ein paar groben Kutten, Bündeln heimlich abgeschriebener Schriftrollen und wirrem Gerede darüber, wie das Zusammenleben zwischen den Menschen besser funktionieren könnte. Einer von ihnen hieß Columban und hatte nichts besseres zu tun, als sich auf der Insel mit seinen Gefährten niederzulassen, in einer Felsspalte zu fasten und Manuskripte abzuschreiben. Und daneben eine kleine Kirche zu bauen. 


Mönche nannten sie sich. Von Iona aus besuchten sie erst die verstreut auf den Nachbarinseln lebenden keltischen Bauern. Erzählten ihnen Geschichten von ihrer an ein grobes Holzkreuz genagelten Gottheit, die mehr Kraft besitze als alle piktischen Gottheiten. Und davon, dass man einander nicht die Schädel einschlagen müsse, nur um zu überleben. Dass es ein Miteinander gäbe.

Es brauchte Jahrzehnte. Aber die Idee leuchtete ein. Aus der kleinen Kirche neben der Felsspalte, in der der Mann seine ersten Jahre gelebt hatte, wurde langsam ein Kloster. Je größer das Klöster wurde, desto weiter getrauten sich die Mönche herum. Erst hinüber zur westschottischen Festlandsküste.  Dann gründeten sie vor der Ostküste Schottlands auf der Insel Lindisfarne ein weiteres Kloster, groß wie Iona. Weil das immer noch nicht reichte, segelten die iroschottischen Mönche die Küsten entlang in die Normandie. Wanderten. Und missionierten. Kamen auf ihren Wanderungen immer weiter nach Südosten, gründeten Kirchen und missionierten in den germanischen Gebieten. Ein Winfried in Fulda, ein Kilian in Würzburg, ein Virgil in Salzburg: Sie alle waren Söhne von Iren oder Schotten von diesen Inseln, die immer weiter herumzogen und immer neue Miniaturklöster gründeten, um die herum Städte wuchsen wie Würzburg, Fulda, Eichstätt, Freising, Salzburg.

Alles begann mit einem Boot, das irgendwann in einem Regenschauer vor einem Sandstrand der Insel Iona anlegte. Und einem Mann, der durch Büschel langblättrigen Kelps ans Ufer watete und beschloss, sich auf Iona dort niederzulassen, wo man zur Insel Mull hinübersehen konnte.


Von den Dingen, die damals von Iona ausgingen, ist heute nur noch wenig zu sehen. Doch Iona ist ein besuchenswertes Eiland mit gepflegten Gärten, einem Dorfladen. Es hat sich ein bisschen was von der Spiritualität, die einst auf der Insel beheimatet war, zurückgeholt.

Ein paar Ruinen sind von damals noch da. Und eine Küste, vor der Levje schaukelt und zwischen groben Felsen immer noch hell die Sandstrände leuchten. Wenn nicht gerade der nächste Regenschauer niedergeht. 




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Schottland (26): Unter Segeln. Von den Hebriden zur Insel Iona.

Anfang Juni bin ich von der Isle of Wight aufgebrochen
und über die Scilly-Isles nach Dublin und Schottland.
Von den Äußeren Hebriden geht es nun zurück Richtung Festland.



Am Morgen vor dem Ablegen war noch alles klar. „Wind mit 18 Knoten aus Südwest. Regen ganztags.“ Na dann los – mit halbem Wind nach Südosten Richtung schottisches Festland.

Ganz einfach hatte das geklungen. Jetzt ist alles anders. Der Wind kommt fast von vorn, aus Südsüdwest. Ich hätte es mir denken können. Er bläst stabil mit über 20 Knoten – wenn gerade keine schwarze Wolke anschleicht und  den Windsack noch weiter aufmacht. Vor dem Regenschauer fauchen dann Böen, die LEVJE auf die Seite legten. Ida, Svens Tochter, ist seit dem Ablegen schlecht, doch sie hält sich tapfer, sagt kein Wort, ist ganz auf ihre Musik oder den Horizont konzentriert, während die Wellen unter Levje hindurch rollen.

Es ist eine unwirtliche Welt, durch die wir uns an diesem Morgen bewegen. Und trotzdem ist dies alles herrlich. Die Wellen, die gischtend unter Levje durchrollen. Die Sturmvögel, die  mit lässigem Flügelschlag zehn Zentimeter vom Want entfernt mitschweben im kräftigen Wind, als wollten sie bei uns an Deck nach dem rechten schauen, um dann locker abzudrehen. Sie bewegen sich, als wären 28 Knoten Wind nur ein Hauch. Was für eine fremdartige, was für faszinierend andere Welt, durch die wir uns bewegen.

 Ich denke an Blaise Pascal. „Es ist herrlich, im Sturm unterwegs zu sein, solange man weiß, dass das Schiff ankommt“. Aber weiß man das immer? Gerade hier? Gerade jetzt? Nichts zum Festhalten. Der Gang unter Deck ist ein Abenteuer. Doch ich fühle mich sicher. Warum nur fühle ich mich hier draußen nur immer wieder so geborgen im Unwirtlichen und dort wo es doch unwirtlicher nicht sein kann?  



Die nächste Regenwolke schleicht sich an, während wir uns den Inseln Tiree und Coll nähern. Zwei langgezogene Inseln, die  vor uns xwie langgezogene Riegel den Weg versperren. Aber zwischen den Inseln gibt es eine enge Durchfahrt, doch ist sie flach und der Wind weht auflandig. Als wir näherkommen, sieht die südlich liegende Insel Tiree fast unbewohnt aus. Ein Strand mit hellem Sand, ein verlassenes Haus darauf. Glatte Felsen, Strandgras. Mehr nicht. Der Wind frischt kurz auf 30 Knoten auf, die Wellen nehmen zu. Das hatte ich mir anders vorgestellt heute Morgen, als ich den Kurs zwischen den Inseln hindurch in die Seekarte eingab. Die flache Passage liegt in der Abschattung des Windes, dachte ich, also kommen wir bei ruhiger See durch die flache Passage. Kann man natürlich vergessen – auch das hätte ich mir denken können, dass der Wind der langen Inselküste folgt und nicht dem Wetterbericht.  Zudem setzt starker Strom nach Norden und in die Einfahrt. Jetzt umkehren? Gaaaanz blöde Idee. Und nicht nur, weil das ein Umweg von mehreren Stunden um jede der 12 Seemeilen langen Inseln wäre.

Mir sinkt das Herz in die Hose. Da mag die Seekarte mich noch so sehr mit den angegeben Tiefen beruhigen, dass hier keine Gefahr besteht, aufzusetzen. Wenn der Grund auf kurze Distanz von 100 auf 10 Meter ansteigt, weiß man nie, was auflandiger Wind und Welle dort anstellen. „Ich halte ganz südlich auf das einsame Haus am Strand zu“, sage ich Sven, der vor dem Ipad mit der Seekarte sitzt und mich durch die Engstelle lotsen wird. So machen wir das immer. Einer fährt. Der andere liefert die Ansteuerungspunkte. „Halt weiter drauf zu.“, sagt Sven, „wenn die grüne Tonne in Deckpeilung mit der kleinen Insel dahinter ist, dann halte genau auf die Tonne zu und fahr über sie drüber“. Das geht natürlich nicht. Die Tonne ist eine Stahlbombe von der Größe eines Kleinwagens, die da in den Wellen fest verankert ist. „Über sie drüber“ heißt, so nah wie möglich dran vorbei. „Auf dem Kurs ist das Wasser am tiefsten“, sagt Sven noch. Dann lege ich Ruder.

Einen Moment lang fegt noch eine Böe. Dann während wir Kurs auf die Tonne halten, ist das Wasser plötzlich still. Der Wind ist weg. Das Tosen ist vorbei. Keine Wellen mehr. Levje gleitet wie auf einem Dorfteich. Ächzend fällt das Großsegel zusammen, als wäre es wahrhaft erlöst von der dauernden Anspannung. Ich starte den Motor und steuere Levje durch die Engstelle. Den Motor brauche ich nicht, um vorwärtszukommen. Das macht die Strömung, sie schiebt uns durch die Engstelle hindurch. Der Motor hilft uns nur, den Kurs zu halten. Hätten wir ihn nicht, müssten wir jetzt rudern in der fast windlosen See. Der Strom trägt uns an der Tonne vorbei, dann sind wir durch. Die See weitet sich. Frieden und glattes Wasser und langsames Gleiten für einen Moment.


Zwei Stunden später, gegen 16 Uhr. Schreiben fällt mir schwer. Die Wellen liefern ein wirres Muster ab, sie werfen Levje wie einen Tischtennisball hin- und her. Dabei hat es guten Wind hinter Tiree und Coll, wir laufen wir mit 7 Knoten Geschwindigkeit auf eigentlich angenehmsten Kurs, auf Halbwind. Aber angenehm ist hier gerade nichts. Ein Regenschauer geht nieder, während ich fotografiere, meine Kamera wird triefnass vom Regen, von der spritzenden Gischt. Ich bin zu fasziniert von all dem, was ich da sehe.

Eigentlich sollte der Regen die Wellen plattdreschen. Aber Regen ist in Schottland meist ein 10 Minuten Schauer von feiner Gischt, ein Spray, der für Luftfeuchtigkeit 95% sorgt. Und unter Deck für klamme Kleidung und Bettdecken.

Die Wogenkämme kommen aus dem Süden. Das ist wahrscheinlich das einzige, was Schottland mit Sizilien gemeinsam hat: Regen kommt von Süden. Weil das Meer nach Südwesten offen ist, rollen die Wogen von dort als brechende Berge an, die uns mit Gischt überweht, während wir uns über die Tasse mit Brühe hermachen, die Sven heldenhaft unter Deck für uns zubereitet hat. Wo er sich vor dem Herd nur eingespreizt hat, wo selbst an Deck einen geraden Schritt zu machen gerade nicht möglich ist, selbst im kurzen Cockpit nicht. Einen günstigen Moment abpassen, losrennen – und dann vor allem festhalten. Der nächste Ausheber, eine Woge aus Süden, die an Levjes Bordwand bricht, als würde sie detonieren. Ausheber nenne ich sie, denn so eine Welle könnte Dich einfach aus dem Cockpit bis zum Seezaun raushebeln. Also: Sitzenbleiben. Nicht bewegen. Und jedes dringende Bedürfnis einfach vergessen.

Auch Sven kuckt gerade nicht glücklich aus der Wäsche. Am Horizont im Norden eine Insel, die aussieht wie ein Sombrero auf dem Wasser. Eine flache Krempe, mit einer Beule für den 


Kopf in der Mitte. „Dutchmans Cap“ heißt die Insel, des Holländers Mütze, und sie ist genauso leer und unbewohnt wie die übrigen sieben Treshnish-Inseln, zu denen „Dutchmans Cap“ gehört.


17.30. An Wildheit ist der Anblick nicht zu überbieten. Im Norden ragen die Klippen der Insel Mull in die Höhe, überragt von einer grandiosen Wolkenwalze. Wasserfälle schießen von oben herunter.  Davor erkenne ich Staffa, die Insel der aufragenden Basaltkegel. Im Südwesten liegt Iona, die lange Insel. Ein felsiges Eiland mit langem Sandstrand im Nordwesten. Ein bisschen sieht Iona aus wie Robert Louis Stevensons Schatzinsel. Eine flache Insel mit einem Berg in der Mitte, der in der imaginären Schatzkarte Robert Louis Stevenson mit „Fernrohr“ eingetragen ist. Stevenson war Schotte, ganz sicher hat er Iona gekannt. Ob ihm Iona für seine Schatzinsel Vorbild war? Immer wieder verschwindet die Insel hinter den anrollenden Hügelkämmen. 


Wir versuchen im Iona Sound zwischen der Insel und Mull zu ankern. Aber bei diesem Süd, der durch den Sound pfeift, ist an Ankern nicht mal zu denken. Verwegen und müde, wie wir gerade sind, wagen wir uns in eine schmale Felsgasse hinein, an deren Ende ein anderer Segler liegt. Ein Rattenloch, eine Mausefalle als Ankerplatz. Gefangen bei Niedrigwasser zwischen den Felsen? Nein, es fühlt sich nicht gut an. Wir tasten uns durch die Felsen zurück, segeln weiter, ostwärts, finden eine geschützte Bucht nach Norden, mit glattem Wasser und unberührt bis auf ein paar im Wasser liegenden Booten. Keine Menschenseele. Nur eine Seerobbe, die kurz auftaucht. Sich schneuzt. Und gleich wieder verschwunden ist.

Es ist herrlich, im Sturm zu Segeln. Aber noch herrlicher ist es, die Wildheit eines Tages hinter sich zu haben. Den tiefen Frieden eines Hafens, einer sicheren Bucht zu spüren: Das erfüllt mich jedes Mal mehr als das draußen in den Elementen sein. 

Vielleicht kann es ja ohne Wildheit keinen Frieden geben.


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Von England nach Irland und Schottland (25): Ein Friedhof am Meer. Zwei Männer im Krieg.

Anfang Juni bin ich von der Isle of Wight aufgebrochen
und über die Scilly-Isles nach Dublin und Schottland.
Nach Islay bin ich jetzt unterwegs auf den Äußeren Hebriden, der Insel South Uist.





Wenn man auf South Uist nordwärts fährt und irgendwo von der Straße rechts abbiegt, kommt man im Nordwesten dort, wo die Wiesen voller Schafgarben enden und in den hellen Sandstrand übergehen, den Friedhof der Insel. 

Ein klein wenig ist auch dieser Inselfriedhof das Abbild der Insel und der Menschen, die darauf leben. Auf South Uist leben im Durchschnitt etwa 5,5 Bewohner auf einem Quadratkilometer – ein Kilometer für eine Familie. Vielleicht prägt so viel Abstand zu den Nachbarn ja nicht nur fürs Leben, sondern auch für das, was danach kommt. Auch ihren Verstorbenen räumen die Inselbewohner mehr Abstand zueinander ein, als auf Friedhöfen in unseren Breiten üblich ist. Großzügig verteilt über das steinummauerte Areal stehen Gruppen von Gräbern zusammen, dann wieder erheben sich in der Weite der Blumenwiese einzelne alte Grabkreuze und Grabplatten. 


Auf South Uist gilt die Korrelation, nach der sich nur ausgesprochen wenige Menschen einen Quadratkilometer und einen Friedhof teilen, auch für die weißen Strände ganz im Westen. Sven und seine Tochter Ida, die mit mir reisen, erscheinen mir unten am Strand so fern, so verloren, wie man es wohl nur an diesem Ort sein kann. Ich wandere langsam über den Friedhof, der Wind vom Meer zaust mir Haare und Regenjacke, während ich langsam hügelauf wandere, zum höchsten Punkt des Friedhofs. Hinaus aufs Meer schaue.


Und versinke in den alten Inschriften, die Geschichten erzählen. Da ist das Grab der Mary Ulph, die hier auf der Insel vor wenigen Jahren im Juli im gesegneten Alter von 101 Jahren verstarb. Ob sie allein lebte, und immer hier auf der Insel war? 

Oder das Grab des Alexander Campbell, der 24jährig verstarb, „killed in action, Europe 1940“. Als wäre dies Europa ein Ort fern wie umkämpfter Stern irgendwo in der Galaxis, von dem South Uist weit weit weg liegt.


Friedhöfe sind für die Lebenden, nicht für die Toten. Und hier auf dem Friedhof von South Uist scheinen es häufig weit entfernt lebende Angehörige, die ihren Eltern auf dem Friedhof einen Stein setzten, als hätte sie etwas bewogen, dem Vergessen etwas entgegenzusetzen.

In einer Ecke des Friedhofs eine Reihe vier gleiche weiße Steine. Vier Inschriften, drei namenlos, die Reste britischer Seeleute von versenkten Schiffen des II. Weltkriegs, die hier irgendwo an den Stränden angespült wurden. Doch eines der vier Gräber trägt Namen:


Angus M. MacLean, Schiffszimmermann, 
torpediert und vermisst 
auf S.S. CLAN MACFADYEN 
26. November 1942 im Alter von 33 Jahren. 
Die See ist sein Grab.

Abgesehen davon, dass ich fast auf den Tag genau nur 18 Jahre nach Angus MacLeans Ableben geboren wurde, ist die Tatsache verblüffend, dass Nachkommen noch vier Jahrzehnte später ein Geschehnis, wie es sie zehntausendfach gab, erwähnen.

Wahrscheinlich beginnt die Geschichte des Angus MacLean hier in einem Weiler auf South Uist. Ich finde zunächst keine weiteren Spuren über ihn. Doch zurück im Auto habe ich für 5 Minuten Internet. Und finde die folgende Geschichte.

Angus MacDonald MacLean ist 1909 geboren. Vermutlich ging er in irgendeine winzige Inselschule, vielleicht mit 16 zu einem Bootsbauer in Loch Boisdale in die Lehre .Oder an einem der Sandstrände, auf die die Fischer ihre Boote hinaufzogen, wenn sie vom Meer kamen. Vielleicht verschlug es ihn auch hinüber ans Festland, nach Glasgow, wo die Werften waren und wo es Arbeit gab in Hülle und Fülle. In einer Kleinstadt in der Nähe, in Irvine in der Grafschaft Ayrshire, einem kleinen Ort im Westen, war 1923, mitten in der


Wirtschaftskrise ein Dampffrachtschiff auf Kiel gelegt und gebaut worden, die CLAN MACFADYEN. 127 Meter lang war sie, eineinviertel Fußballfelder, ein stattliches Schiff, ihre stählernen Laderäume reichten achteinhalb Meter unter die Wasseroberfläche und konnten fast sieben Tonnen Ladung aufnehmen. Sie war gebaut, Frachten von Übersee nach Großbritannien zu schaffen: Tabak und Zucker und Rum und Hanf – eben alles, was die Kolonien produzierten und Großbritannien brauchte, um den Tee zu süßen oder Seile für den Schiffbau zu drehen. Wann Angus MacLean auf der CLAN MACFADYEN und bei Kapitän Percy Edgar Williams anheuerte, ist nicht klar, ob freiwillig als Mittzwanziger oder Anfang 30 als zwangsweise zur britischen Handelsmarine Rekrutierter. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits verheiratet, und vermutlich war er da schon Vater einer kleinen Tochter, die mit ihrer Mutter auf South Uist aufwuchs. Jedenfalls findet sich Angus MacDonald MacLeans Name unter der 94-köpfigen Besatzung der CLAN MACFADYEN, die bei Kriegsausbruch unter Dampf irgendwo zwischen der Insel Mauritius und dem nördlichen Brasilien unterwegs war, um Waren für die Heimat zu laden. Waren, die Großbritannien dringender benötigte denn je zuvor. Die Insel hungerte. Sie wurde belagert. Belagert von deutschen Schiffen. Von U-Booten.


Unter den Seeleuten, die den Auftrag hatten, die Insel zu belagern und Großbritannien von allem Nachschub abzuschneiden, war auch der bei Kriegsausbruch 23jährige Georg Staats aus Bremen. Er war sieben Jahre jünger als Angus MacLean. Mit 19, etwa da, als Angus MacLean auf der CLAN MACFADYEN anheuerte, trat er in die Kriegsmarine ein, das war 1935, weswegen er und die anderen Offiziersanwärter im Ausbildungsjahrgang 1935 nur „Crew 35“ genannt wurden. „Crew 35“ kannte sich, hielt Kontakt untereinander, als der Krieg ausbrach und Georg Staats als Wachoffizier auf ein U-Boot kam. 1941, da war Georg Staats gerade 26 Jahre alt, bekam er ein eigenes Kommando über ein noch größeres U-Boot. U-508 war mit das Modernste, was die Kriegsmarine an U-Booten aufbieten konnte. Als Kapitänleutnant erhielt Georg Staats zusammen mit seinen 56 Mann Besatzung den Auftrag, in der Karibik zu patroullieren und britische Frachter bereits dort zu versenken, wo sie sich zeigten.

Auf dieser ersten Feindfahrt, auf der der 26jährige Georg Staats sein Boot über den Atlantik nach Kuba, vor Havanna und vor Floridas Keys führte, klagte der Kommandant über den Gesundheitszustand seiner Crew in der Hitze. Über Abmagerung, über schlimme Hautausschläge. Wie fühlte sich das an, 82 Tage in einer karibisch feuchtheißen Stahlröhre mit 56 Anderen auf engstem Raum?

Der Befehlshaber der U-Boote ist nach  der Rückkehr alles andere als zufrieden. Mit nur zwei versenkten Schiffen bekommt Kapitänleutnant Staats Druck von oben. Von ganz ganz oben. Lapidar heißt es vom BdU, dem Befehlshaber der Uboote: „Die hier bewiesene Zähigkeit wird anerkannt. In der Ausnutzung der Erfolgschancen ist die Durchführung der Unternehmung jedoch nicht befriedigend.“ Im einzelnen werden dem jungen Kapitän und seiner Besatzung zu schnelles Tauchen vor dem Feind, zu große Schussdistanzen, gar „persönliche Versager“ angekreidet. Hatte der Kapitänleutnant unter den 56 Besatzungsmitgliedern einen Feind auf dem eigenen Boot, der sein Vorgehen minutiös nach oben berichtete?


Auf der nächsten Feindfahrt sollte das alles besser werden. Wiederum lief das U-Boot Mitte Oktober 1942 in den Nordatlantik und und in die Karibik aus und kreuzte vor Trinidad. Diesmal liefen die Dinge besser. In den drei Wochen, bevor er am Morgen des 26. November  die am Horizont zickzackende CLAN MACFADYEN sichtete, hatte Staats bereits drei britische Frachtschiffe versenkt. Kaum hatten sie sie entdeckt, heftete sich Georg Staats umgehend an die Fersen der Zickzack laufenden CLAN MACFADYEN.

Was Angus MacLeod, der Schiffszimmermann an diesem Tag machte, ist nicht klar. Vermutlich den üblichen Schiffsdienst. Ausbesserungsarbeiten am Schiff, irgendwas rottete und rostete immer in der Hitze. Kontrolle der Ladung, 6 Tonnen Zucker, der Rest Hanf aus Südamerika. Anschließend ging er in die Mannschaftsmesse zum Mittagessen. Vielleicht saß er dort noch, als Georg Staats um 13.08 Ortszeit drei Torpedos auf die MAC FADYEN feuern ließ. Doch von dem Unheil, das um die Mittagszeit um Haaresbreite durchs türkis leuchtende Wasser an dem 127 Meter langen Frachter vorbeiging, hat von den 94 Mann Besatzung der CLAN MACFADYEN keiner etwas bemerkt. Sie waren ahnungslos.

Georg Staats heftete sich erneut ans Kielwasser des immer noch mit Zickzackkurs laufenden Frachters. Erst spät in der Nacht stellte U-508 die CLAN MACFADYEN erneut. Um 00.08 Uhr feuerte das U-Boot erneut zwei Torpedos auf den Frachter. Sie trafen ihn mittschiffs. Was danach kam, war nur eine Sache von Minuten. Das über hundert Meter lange Schiff brach sofort auseinander und sank innerhalb von vier Minuten. Die meisten der Seeleute auf der CLAN MACFADYEN wurden vermutlich im Schlaf überrascht. Oder waren sie alle an Deck, weil sie seit Stunden wussten, dass ein deutsches U-Boot irgendwo unter ihnen lauerte? Und sie jeden Moment in der Weite des Atlantik ein Torpedo treffen konnte und sie auseinander reißen würde?

Von den 94 Mann Besatzung schafften es nur zehn Mann auf die Rettungsflöße. Ein Frachter entdeckte die drei treibenden Flöße nach drei Tagen auf und las auf, wer auf ihnen noch lebte. Vier Mann setzten sie in Port of Spain auf Trinidad noch lebend an Land. 

Angus MacLeod, der Schiffszimmermann, war nicht unter ihnen.


Georg Staats hat den sieben Jahre älteren Schiffszimmermann Angus MacLead nie kennengelernt. Er hat ihn vielleicht in jener Nacht im Inferno als einen der Schatten wahrgenommen, die ins Wasser sprangen. Der Kapitänleutnant überlebte den Schiffszimmerman von South Uist um fast ein Jahr, bis am 12. November 1943 ein amerikanischer B-24 Bomber U-508 vor der Küste Nordspaniens vor Cabo Ortegal aufspürte und seine Bomben auf das wild um sich feuernde U-Boot abwarf. U-508 ging mit allen 57 Besatzungsmitgliedern unter, während nur wenige Kilometer entfernt der Bomber ins Meer rauchend stürzte. Auch dies war nur eine Sache von Minuten. 


Als ich vor dem Grab des Angus M. MacLean stehe und die Hortensien sehe, gebe ich ihm ein Versprechen: Seine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte zweier Männer im Krieg, die sich nie sahen. Und die der Krieg für einen winzigen Augenblick zusammengeführt hatte.




Hinweis.
Für die Details zu dieser Gesschichte bin ich folgenden Webseiten zu Dank verpflichtet:
uboat.net für die Crewlisten der CLAN MACFADYEN.
ubootarchiv.de für die Textpassage des BdU.














Von England nach Irland und Schottland (24): Hebriden. Die Inseln aus Wasser.

Anfang Juni bin ich von der Isle of Wight aufgebrochen
und über die Scilly-Isles nach Dublin und Schottland.
Nach Islay sind wir jetzt auf den Äußeren Hebriden unterwegs.



Eines meiner meistgelesenen Bücher Annie Proulx  SCHIFFSMELDUNGEN reist mit mir immer noch an Bord von Levje herum. Es spielt in Neufundland und erzählt, wie ausgerechnet am entlegensten Ort der Welt Menschen plötzlich mit sich ins Reine kommt. Ich weiß nicht warum, ich habe es vermutlich an die 30, 40 mal gelesen. Ungelogen. Vielleicht, weil ich die Einsamkeit seiner Helden teilen wollte? Vielleicht weil mich die Beschreibung des Lebens in dieser kargen und so alles andere als mediteran anheimelnden Landschaft anzog? Heute weiß ich, dass ich es tat, weil es nur wenig derart trostreiche Bücher gibt wie dieses.

Im Hafen von Loch Boisdale gibt es so wenig wie im Ort Internet-Empfang. Der Datenempfang eines Wetterberichts läuft in Zeitlupe ab, man kann jedem Bit beim Durchwandern der Leitung zusehen. Donald, der Hafenmeister von Loch Boisdale, nimmt das gelassen. „Bei uns geht alles langsamer“, sagt Donald gleichmütig, „selbst das Internet. Man muss nur ein bisschen warten.“ Am besten ist das Netz noch vor der Damentoilette, der gute Donald hat vorausschauend eine dicke Parkbank unter dem einzigen Fenster der Damentoilette aufgebaut.


Kaum in Lochboisdale angekommen, frage ich Donald, ob es denn in Loch Boisdale jemanden gibt, der Autos verleiht. „Na klar gibts einen“, sagt Donald hinter seinem Schreibtisch. „Wenn Du hinter der Bank of Scottland den Hügel hochgehst, ist das dritte Haus das von David. Er repariert Autos und verleiht auch welche. Du kannst es nicht verfehlen.“ Die Bank of Scotland kannte ich schon, ein Einfamilienhaus mit dem überdimensionierten Schriftzug der Bank, damit man es unter den 19 anderen Einfamilienhäusern Loch Boisdales auch gleich erkennen kann. Ich bin dankbar für Donalds präzise Beschreibung, Loch Boisdale hat ja gerade mal 3 Straßen. Aber wer verläuft sich schon gern im Nirgendwo. 

Als ich vor dem Haus des Autoverleihers stehe, weiß ich, wie Donald das mit dem „nicht verfehlen“ meinte. Auf dem Grundstück stehen weithin sichtbar ausgeweidete Autokadaver herum, einem Kleintransporter hängen seine Türdichtungen wie die traurigen Lefzen eines Bernhardiners herunter. In einer kleinen Scheune ragen mächtige Edelstahlhaken an einem rostigen Haken, die Sven an den Film DER WEISSE HAI und mich an Steven Kings übelste Alpträume denken lassen.

Aber David, der Autoverleiher ist ein ausgesprochen netter Mann. Ein großer Kerl Ende 40 mit jovialem Lachen. Zwei junge Leute, Lehrlinge offenbar, hängen in der Werkstatt über der Kühlerhaube eines Autos und es ist nicht klar, ob es noch repariert oder schon ausgeschlachtet wird. Ein Mann, der aussieht wie das leibhaftige Abbild Eilafs des Roten bei der Eroberung des Königreiches Wessex, spricht David auf gälisch an. Während ich noch überlege, wie ich Eilaf den Roten überrede, dass ich ihn fotografieren darf, erzählt David, wie er auf der Insel zum Autoverleiher wurde. „Wir sind hier nur 1.000 Einwohner auf South Uist, und meine Familie ist in dritter Generation hier. Mein Vater hat als LKW-Fahrer angefangen, dann hat er einen Transportbetrieb aufgezogen. Für die 1.000 Leute hier auf der 40 Kilometer langen Insel gabs immer was zu fahren. Ich reparierte mit meinem Bruder Autos. Jetzt repariert er. Und ich mach das mit dem Autoverleih.“


Wie wir das denn mit der Rückgabe machen können?, frage ich David. Ob er einen Briefkasten hätte, in den wir den Schlüssel einwerfen können, frage ich. Aber das ist nicht Hebriden-Denke: „Stell den Wagen einfach auf dem Hof ab. Du kannst den Schlüssel einfach stecken lassen. Vertrag? Nein, brauchen wir keinen.“ 

Zum Schluß inspiziert David noch einmal den Vauxhall, die britische Version eines Opel Corsa. Ein Möwenschiss groß wie ein Spiegelei klebt am Griff der Fahrertür, David deutet im Vorbeigehen wortlos darauf, und sein Neffe greift sich ebenso wortlos den Schrubber aus der danebenstehenden Pütz, schrubbt zweimal kurz über das Spiegelei an der Tür, das jetzt wieder flüssig der Schwerkraft nichts mehr entgegenzusetzen hat. Ein Glückspilz, wer jetzt die Fahrertür öffnen darf.


Und dann gehts auf die Piste. Ist ja nicht viel los, anfangs. Die einzige Verbindungsstraße, die zum Fährhafen in den Norden führt, ist einspurig. So einspurig, dass am Auto gerade mal ein Fahrrad vorbeikommt. Begegnen sich zwei Autos, muss eines vorher anhalten in einer der Buchten, vor denen ein Schild „Passing Place“ steht. Einen solchen „Vorbeilass-Platz“ gibt es alle 500 Meter. Herrscht gerade Rush Hour auf der Insel, kann es sein, dass man alle 500 Meter gezwungen ist, einen Boxenstop einzulegen. Die beste Taktik ist, sich ans Ende eines vorbeidonnernden Fünferteams zu hängen und gelassen zuzusehen, wie der erste Fahrer seine Entgegenkommer wie ein Schneepflug in die Passing Places zwingt. Dabei geht alles ausgesprochen freundlich zu. Wie in besten Motorrad Zeiten grüßen sich Entgegenkommer, zur Lästigkeit des dauernden Anhaltens an den Passing Places gesellt sich das dauernde Hand-heben-müssen. Sven, der steuert, überlegt laut, ob das vielleicht eine Durchtriebenheit der Einwohner sei, um autofahrende Touristen auszumachen? Weil sich ja eh alle kennen, muss der, der noch ahnungslos zurück grüßt, auf alle Fälle ein Tourist sein. Aber die Menschen auf South Uist sind tatsächlich so freundlich.


Auch dies macht die Landschaft aus. Ein am Straßenrand verrottender LKW. Zwei gestrandete Container. Von irgendeiner Auto-Flut hier hängengebliebene und längst vergessene Autowracks. Und die Freundlichkeit, ja Vertrauensseligkeit der Einwohner.

Die ungeheure Leere der Landschaft. Und doch in der Ferne ein Berg, der mir irgendwie vertraut ist. Kein Strauch. Kein Baum. Tundra, durchzogen von Wassserläufen und kleinen Seen. Fremdheit. Und doch Vertrautheit. Vielleicht drückt diese Landschaft eine Taste in mir, eine Erinnerung an ein entferntes Leben, wie wir als Menschheit einst in irgendeiner fernen Eiszeit überlebten, die Ahnung eines Lebens, die immer noch in einem vergessenen Winkel in uns steckt und ebenso heftig wach wird, wenn wir nach Monaten zum ersten Mal wieder am Meer oder auf einem Berg stehen.

Der Tankwart, der uns beim Bezahlen einfach nach der Anzahl getankter Liter frägt und ohne nachzusehen den Preis errechnet. Verlieren wir die Arglosigkeit gegenüber anderen, wenn wir nur mit wenigen anderen in der Weitläufigkeit einer leeren Landschaft leben? Beginnt der Krieg, wo zuviele eng auf einem Haufen miteinander leben müssen?



Die Inseln von Uist bestehen aus drei Inseln, die durch Dämme miteinander verbunden sind, South Uist, Benbecula, North-Uist. Die Straße führt vorbei an Lochs und Lochans, kleinen Seen. Sind die Hebriden denn nun Inseln, die im Wasser liegen, oder Inseln, die aus Wasser bestehen?

Am Ende dann das winzige Fischrestaurant. Auf der Suche danach fahren wir erst mal dran vorbei, aber das GPS sagt irgendwann: Hier, 10 Meter weiter muss es sein. Von Außen ist es nicht erkennbar. Drinnen nicht mehr als eine Kneipe, doch gemütlich. Muscheln und Lachs auf der Karte von der nahen Zucht. Im Regal finde ich eines jener Bücher, die längst aus unserer Welt verschwunden ist: Eine Encyclopedia Britannica in 24 Bänden! Ein gedrucktes Lexikon, längst verdrängt aus unseren Breiten von Online und Internet. Hier auf den Hebriden hat es überlebt wie eine schutzbedürftige Art in einem Reservat. Als David, der Wirt des Fischrestaurants das Essen bringt, Muscheln und Lachs und Cullen Skink, die Fischsuppe, sagt er, dass er das immer so wollte. Einen Ort, an dem seine Gäste nicht nur Fisch essen, sondern auch blättern und lesen.

Vielleicht ist diese Insel am Ende der Welt der einzige Ort, wo die Encyclopädia Britannica  überlebt. Wo sie angespült wurde ans Ende der Welt. Wie die Container und die Autowracks. Wo sie und ihre Art hält sich wie die flatternde Wäsche auf der Leine.

Wann und wo habe ich eigentlich zum letzten Mal in unseren Breiten Wäsche flattern sehen?



Von England nach Irland und Schottland (23): Ankommen auf den Hebriden. Ankommen auf South Uist.

Anfang Juni bin ich von der Isle of Wight aufgebrochen
und über die Scilly-Isles nach Dublin und Schottland.
Von Islay und der Isle of Mull geht es jetzt westwärts hinaus auf die Äußeren Hebriden.



Als wir uns gestern dem Hafen von Loch Boisdale auf South Uist näherten, hatte ich von der kleinen Siedlung am Ufer den Eindruck, mich einer grönländischen Walfängerstation zu nähern, die nur saisonweise bewohnt ist. Zwei Handvoll weißer Häuser am Horizont. Vom Regen glänzende Felsflanken. Zu Füßen eines wolkenumwaberten Berges ein winziger Hafen mit ein paar Stegen, an denen eine Handvoll Segler liegen. Eine Fähre, die am Ufer vertäut auf die Rush Hour wartet, die niemals kommen wird. Jedenfalls nicht hier.

Loch Boisdale ist der einzige Hafen auf der Insel South Uist, die sich schmal etwa 30 Kilometer links und rechts einer Straße nach Norden zieht. Sie ist die zweitgrößte der Inseln auf den äußeren Hebriden. Und die wiederum markieren das äußerste nordwestliche Ende Schottlands, das 60 Seemeilen, über 100 Kilometer weit draußen wie eine Riffkette das Festland vor den Nordwest-Winden schützt.


Es ist kurz nach 19 Uhr, als wir im Hafen festmachen. Donald, der Hafenmeister von Loch Boisdale, ist noch da. Er sitzt allein in seinem blauen Container auf dem Hafengelände, während die meisten seiner Kollegen drüben auf dem Festland schon um fünf Feierabend gemacht haben. „Ich habe etwas ungewöhnliche Arbeitszeiten hier“, sagt Donald, „bin morgens um sechs hier und abends von fünf bis sieben.“ Ungewöhnlich sind an Donald nicht nur seine Zeiten, sondern auch die klaren Ansagen – wie die, die an der Bürowand hinter ihm hängt:


Das ist knochentrocken, doch präzise ausgedrückt. Ihre Abgeschiedenheit scheint die Insulaner jedenfalls nicht zu Freunden verbaler Umschweife zu machen. Man sagt, was man denkt. 

Als Donald uns mit seinem Hafen vertraut gemacht hat, versorgt er uns auch mit dem Passwort zum Hafen-Wifi. Die Handy-Anzeige links oben ist auf der Insel von einem stolzen „G4“ zu einem dürren „E“ geschrumpelt, was das Herunterladen eines aktuellen Wetterberichts über Mobilfunk unmöglich macht. Geht nicht, gibts tatsächlich. Also wandern Sven, Ida und ich langsam die gewundene Straße, auf der kein Auto unterwegs ist, vom Hafen Richtung Ort, zum einzigen Restaurant in Loch Boisdale, dem Loch Boisdale Hotel. An der einzigen Kreuzung hat der einzige Laden noch auf, ein Souvenirladen, dessen freundliche Besitzerin uns in unverständlicher Sprache, doch unmissverständlicher Gestik die 50 Meter weiter zum Restaurant weist. Ich habe noch nicht recht verinnerlicht, dass „Sich verirren“ in den Straßen Loch Boisdales nicht zu den drohenden Gefahren gehört. 


Aber dafür ist das, was sich am nächsten Morgen am Himmel über Loch Boisdale tut, einfach umwerfend. Es hat Aprilwetter im Hochsommer. Eine Regenfront steht über einem der Berge im Norden wie der Rauch über einem Vulkan. Als ich mich umdrehe und hinausblicke in den Osten vor den Hafen, von wo wir gestern herkamen, ist dort nur die raue, leere Insellandschaft unter dem schnell wechselnden Aprilhimmel zu sehen, als wäre die Insel noch gar nicht entdeckt.  


Doch am meisten wundere ich mich über mich selber. Ein Zuviel an Leere, an Abgeschiedenheit kann durchaus auf die Stimmung schlagen. Doch ich bin zufrieden hier. Nichts da von „Was mach ich hier eigentlich?“ Die Landschaft ist mir auf unbeschreibliche Weise vertraut und fremd zugleich. Doch davon mehr in meinem nächsten Post.






Von England nach Irland und Schottland (22): Unterwegs zu den Hebriden. Wie warm ist es in Schottland im Juli?

Meine diesjährige Segelreise führt mich seit Juni  
die englische Südküste vom Solent nach Westen zu den Scilly Isles. Von dort kam ich in einem langen Schlag Irland und segelte über Dublin hinauf zur schottischen Westküste, 
um hinaus auf die äußeren Hebriden zu segeln.



Sven stöhnt. „Diese Hitze“, sagt er betrachtet missmutig das Thermometer. Es zeigt 29,7 Grad. Auf dem offenen Meer. Am frühen Nachmittag. Svens Tochter Ida hantiert zum dritten Mal mit der Flasche Sonnenöl herum und verzieht sich hinter die Fender unters schattenspendende Solarpanel, um sich vom warmen Teakdeck den Rücken wärmen zu lassen und Hemingway auf dem Iphone zu lesen. Schottland im Juli, unterwegs zu den Äußeren Hebriden.

Loch Aline mit Blick zur Insel Mull…

Dabei sah es heute Morgen noch ganz anders aus an unserem Ankerplatz im Loch Aline, einem seeartigen Einschnitt gegenüber den Bergen der hoch aufragenden Insel Mull. Mull ist gälisch, es bedeutet Vorgebirge. Und Gebirge heißt nachts kalt. 8 Grad zeigte das Thermometer beim Aufwachen am Morgen im See, genau die Temperatur, bei der ich unter meiner Bettdecke in Levjes Heckkammer beginne, mich klein zu machen, um Wärme zu sparen. Weitere Messpunkte meines Körperthermometers: Bei 6 Grad beginnt meine Nasenspitze merklich kalt zu werden, bei 3 Grad will die Nasenspitze dem Rest schleunigst unter die Bettdecke folgen. Aber das hatte ich bislang noch nicht.

Auch die Regentage fallen bisher harmlos aus. Da es häufig der Südwest ist, der den Regen bringt, kommt warme Luft mit dem Regen, es wurde in den letzten drei Wochen nie kälter als 16-20 Grad. Zu schaffen machen bei Regen die 95% Luftfeuchtigkeit, bei den nach Tagen auf dem Boot Kleidung und Betten leicht klamm werden. Für eine halbe Stunde die Heizung laufen lassen – und gut ists.

… und der Blick vom Ankerplatz nach Norden.


Früh am Morgen ging es raus, vorbei an Tobermory, dem Fischerort im Norden der Insel Mull mit der farbenprächtigen Häuserzeile. Aber um in Tobermory anzulegen oder gar dazubleiben ist es noch zu früh. Jetzt sind wir auf dem Weg von Mull zur Insel South Uist. Von den Inneren Hebriden-Inseln hinaus auf die Äußeren. Nach langen Tagen zwischen den Inseln liegt das offene Meer vor uns. Wir sind jetzt draußen auf dem Meer, wo im Süden und Südwesten nur noch der freie Atlantik ist.

„Wo wohl im Südwesten das nächste Land kommt?“, tagträumt Sven in der Hitze, der das Thermometer gegen das Ipad getauscht hat. „Das nächste Mal Land im Südwesten … liegt 3.770 Seemeilen weiter und heißt Trinidad vor der Küste Venezuelas. Viel heißer als hier kanns da auch nicht sein.“


Am Nachmittag kommt zaghaft der Wind zurück. Zaghafte 10 Knoten vom Süden – doch es reicht, um den gelben Blister zu setzen, der sich bläht und fast die perfekte Kurve bildet. Schottland ist häufig Seesegeln, schwache Winde scheinen im Juli und Anfang August nicht ungewöhnlich – aber so angenehm hatten wir es auf dem offenen Meer nicht erwartet. Wir gleiten ins Blaue, vorbei an der gescheckten Insel Skye, vor der ein Trawler seine Kreise zieht.


Heiß wird es allerdings nicht bleiben. Die Insel Uist im Nordwesten haben wir uns als Ziel für die nächsten Tage ausgekuckt, weil in vier Tagen ein Tief mit kräftigem Südwest erwartet wird. Den Südwest wollen wir dann nutzen, um mit halbem Wind Richtung Festland zurückzukehren. Vier Tage, um auf den Äußeren Hebriden zu sein. Wie sich das wohl anfühlt? 

Wir schießen mit 6,5 Knoten ins Blaue, nur am Horizont, dort wo wie Echsenrücken die Berge von South Uist und der südlichen Nachbarinsel Barra aufragen, sieht man Wolken, als wäre der Sommer dort zu Ende. 

Tatsächlich habe ich bei der Ankunft in Loch Boisdale, dem Hauptort der Insel South Uist, das Gefühl, irgendwo mitten im Nordmeer vor einer einsamen Walfängerstation gelandet zu sein. Loch Boisdale im Hafen: Eine Handvoll Segler. Eine verlassene Fähre. Loch Boisdale der Ort: Eine Handvoll Häuser. Stille. Und keine Menschenseele zu sein. Mal sehen, wie es uns hier ergehen wird.



Von England nach Irland und Schottland (21): Von Islay nordwärts. Wie ein Fluss im Gebirge.

Meine diesjährige Segelreise führt mich seit Juni  
die englische Südküste vom Solent nach Westen zu den Scilly Isles. Von dort kam ich über die irische See nach Dublin und weiter an die schottische Westküste, wo ich unterwegs zu den Hebriden bin.


Ein Samstag Nachmittag gegen 16 Uhr, irgendwo vor der schottischen Westküste. Zuhause wäre ich an einem Samstag wie diesem wahrscheinlich zum Sperrmüll gefahren. Wäre einkaufen gewesen, für ein nettes Abendessen zu zweit oder mit Freunden. Der Samstag wäre klar gewesen. 

Jetzt kann ich nicht einmal sagen, wo wir genau sind. Ich kann zwar meine Position auf Grad und Sekunde genau angeben oder in der Seekarte nachsehen, aber da lese ich nur Namen von Inseln, von denen ich noch nie gehört habe. Recht voraus liegt die Insel Seil. Die  Insel rechts heißt Luing. Links sind Scarba und Lunga. Südlich von Scarba sind kleine Wogen in die Seekarte eingezeichnet. Und fettgedruckt THE GREAT RACE. Das verstehe ich. Es ist eine Warnung, dass in dieser Durchfahrt starke Stromschnellen sind. Schottland pur, irgendwo dort, wo die Lowlands in die Highlands übergehen und aus Hügeln Berge werden.

Der Vormittag war turbulent. Nach dem Ablegen von der Whisky-Insel Islay, deren Namen vor ein paar Jahrzehnten auch noch keiner kannte, kam ein frischer Nordwest auf. Er schob uns mit 25, 30 Knoten entlang der Insel Jura nach Nordosten. Jura, wo George Orwell in einem einsamen Bauernhaus hier irgendwo im Norden der Insel sein Manuskript Nineteen Eighty Four schrieb, 1984.  Ein Sozialist, der im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte und jetzt mit dem Überwachungsstaat, der daraus in Stalin-Russland entstanden war, rigoros abrechnete. Er war schon krank, als er im Norden von Jura kurz nach dem Krieg ankam. In der nur mit Torfbrocken heizbaren Bauernkate  von Barnhill auf Jura wurde er vollends krank, schrieb unentwegt weiter, bis man ihn in eine Klinik nach Glasgow einlieferte. Es dauerte über ein Jahr, bis er 1948 sein Manuskript an den  Verlag senden konnte. Aus dem Zahlendreher entstand der Welterfolg, aber den erlebte George Orwell nicht mehr. Barnhill und sein Haus muss man hier irgendwo oben an der Küste von Jura sehen.

Jura links. Die Isle of Anna rechts. Der Wind mal mit 15 Knoten, mal mit 35 Knoten. Im langen Sound of Jura fühlte sich Segeln wie ein launisch-stürmischer Herbsttag auf den heimatlichen Seen in Oberbayern.  Ich stand stundenlang am Steuer und vergaß die Welt und das, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte an diesem Samstag Vormittag: Abspülen, Schreiben, ein Rührei in die Pfanne hauen. Sogar dass ich einen Pullover anziehen wollte in der kalten Brise vergaß ich, ich stand in Hemd und Hose am Steuer, wenn Levje sich querlegte, und badete in den erfrischenden Böen des Nordwest. 


Jetzt am Nachmittag hat sich meine Welt auf drei Farben reduziert. Auf die stahlblaue Farbe des Meeres. Auf das satte Grün der Inseln. Auf das duftige Graurosa der Wolken, die keine 100 Meter über die Inseln zu schweben scheinen und es nicht schaffen, das zarte Blau des Himmels zu verdrängen.

Dann ist schlagartig der Wind weg. Die Segel flappen, doch statt des Windes ist plötzlich ein kräftiger Strom da. Nur aus der falschen Richtung. Wo wir eben noch mit 7 Knoten dahinglitten, setzt jetzt Strom. Erst mit 4, dann mit 5 Knoten in der Durchfahrt. Wo Jura endet und die Insel Scarba beginnt, wird die Durchfahrt enger. Die Gegenströmung setzt jetzt mit 5 Knoten aus Norden.

Die Oberfläche des Meeres hat sich verändert und sieht aus wie ein Spiegelei: Glänzend glatte Wölbungen wie Dotter, wo breite Wirbel aus 40 Meter Tiefe vom Meeresgrund heraufgedrückt werden. Und rund um die Dotteraugen gezackte Zipfelmützen und Schaumkronen auf dem Meer. „Wir bewegen uns wenigstens in der richtigen Richtung“, sagt Sven, als er aufs GPS schaut, das gerade 1 Knoten Speed over Ground anzeigt, während die Logge 6,5 Knoten angibt. Man wird bescheiden, was das Vorwärtskommen bei diesen Bedingungen angeht. Bescheiden und demütig.

Dann zeigt das GPS plötzlich 0. Das Wasser rauscht mit 5,5 Knoten an Levje Bordwänden entlang. Wir stehen unter vollen Segeln bei 15 Knoten Wind im Strom. Und jetzt?

Sven gibt als erster klein bei. Er startet den Motor. Bei 1.800 Umdrehungen Marschfahrt zeigt das GPS endlich eine Reaktion: 1,2 Knoten. Das ist die Geschwindigkeit, mit der sich  mein Einkaufswagen samstags im Dorfladen selbständig macht. „Wenigstens bewegen wir uns in der richtigen Richtung.“


Ein Leuchtturm kommt auf der winzigen Insel voraus in Sicht. Ein gedrungener weißer Turm mit Laterne, zwei Gebäude, eine Mauer, die aussieht, als umfasse sie einen Friedhof. Sonst nichts. Fladda heißt die Insel, das kommt wohl von den Wikingern und heißt „flache Insel“. Tatsächlich ist Fladda nicht größer als ein Fußballfeld, und die Häuser auf der Insel scheinen in Privatbesitz. Wie man auf der winzigen Insel wohl lebt, wo das Meer kraftvoll dahinströmt wie ein Fluss im Gebirge, wenn der auch noch zweimal am Tag vehement die Richtung wechselt? Das einsame Leben dort, nur ein paar Meter über dem Meeresspiegel, es kann einem ganz schön was abverlangen, denke ich mir, während ein Wirbel eine große gelbe Qualle an die Oberfläche spült und ich dem norwegischen Segler nachblicke, den die Strömung rasend schnell an uns vorbei nach Süden trägt.


Immer wieder bin ich fasziniert von der Landschaft, ihrer Leere, ihrer Weite. Manchmal ist sie nur leer und grau. Dann wieder liegt sie vor mir wie ein hautfaltiger Nacktmull in grün, der im Wasser vor sich hin döst. Wären nicht die drei, vier Segler, denen wir an diesem Tag begegnen und die Fähre, die zwischen dem Leuchtturm der Insel Lismore und der vorgelagerten Insel mit der rotweißen Bake durchgeht: Die Einsamkeit meines Nachmittags wäre vollkommen.


Aber wohin mit uns am Samstag Abend, für die Nacht? Den letzten Hafen Oban haben wir längst rechts liegen lassen, vor lauter Begeisterung. Die Buchten um Jura und die nördlichen Inseln sind „Mausefallen“, man kommt nur mit der Flut in die Bucht hinein, bei Ebbe ist man eingesperrt und dazu verdammt, wie in einer Badewanne auf die nächste Flut zu warten. Weiter also, weiter bis fast die Sonne untergeht und wir den Loch Aline erreichen. Ein See, der sich hinter der Burgruine auftut und den man durch eine flache Durchfahrt erreicht. Langsam, ganz langsam steuere ich Levje durch die enge, flache Einfahrt, während Sven unten Pasta kocht. Ein idealer Ankergrund, der bombenfest hält, während eine Seerobben mir beim Ankern kurz zuschaut und sich dann gelangweilt im Wasser schneutzt. 

Was für ein Samstag.



Von England nach Irland und Schottland (20): Islay, Laphroig, Lagavulin und Ardbeg. Eine Insel und der Whisky.

Meine diesjährige Segelreise führt mich seit Juni  
die englische Südküste vom Solent nach Westen zu den Scilly Isles und von dort über  Dublin und Nordirland an die schottische Westküste  zur Insel Islay.




Es war einmal eine Insel. Sie lag weit im Westen vor der schottischen Küste, war wunderschön und viel, viel fruchtbarer als all die anderen Inseln ringsherum. Schafe grasten drauf und kernige Kerle wohnten auf ihr, mit Bärten lang wie Teppichfransen und ungeschorenem Haupthaar, die karierte Faltenröcke trugen und aus Spaß Messer in der Socke stecken hatten. Und weil die Kerle auf der Insel so kernig waren, beschlossen sie, ihr Getreide nicht rauszurücken, damit daraus pappiges Supermarkt-Scheibenbrot hergestellt würde, sondern es zu mälzen, um mit dem Malz die Hefepilze zu mästen, damit die Alkohol produzierten, den man dann destillieren könnte. 

Doch weil nichts langweiliger ist reiner Apothekenalkohol drum beschlossen sie, das scharfe Zeug erst in gebrauchten Sherryfässern jahrelang wegzusperren, um nach einem Jahrzehnt oder so das ganze mit etwas torfigem Wasser aus den Gumpen der Gegend zu strecken. „Whisky“ nannten die kernigen Kerle das brennende scharfe braune Zeug, das dabei herauskam. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann machen sie das noch heute.


Die Insel, über die ich schreibe, heißt Islay. „Aaaailiiiii“ wird das gesprochen. Von der Marina Port Ellen aus, dem einzigen Hafen, kann man die Südküste entlangwandern. Das ist reizvoll, nicht nur wegen der Schafe, sondern weil hier im Abstand von zwei Kilometern gleich drei nahmhafte Whiskybrennereien liegen: Laphroig. Lagavulin. Und Ardbeg.

Eine Gruppe kerniger bayrischer Landsleute steht vor dem Visitor Center in der Destillerie Laphroig, ein paar Schritte südlich der Küstenstraße entlang der Felsküste der Insel Islay. Ich habe Levje am Morgen in der Marina von Port Ellen hinter den Getreidefrachtern geparkt und bin mit Sven und Ida von Port Ellen losgelaufen. Und 45 Minuten später stehen wir hier.

Meine bayrischen Landsleute strahlen, während sie vor dem Schild Visitor Center warten, als würden sie gleich zum Empfang beim wiederauferstandenen Franz Joseph Strauß vorgelassen. Sie sind Kenner der Materie, keine Frage. Auf das hier haben sie lange gewartet. Drinnen unter dem grünen Schild Visitor Center geht es nüchtern her. Bücher, Schürzen, Shirts und Kappen mit der Aufschrift LAPHROIG. Und natürlich die Flaschen in den aufwändig bedruckten Edelkartons. „Irgendwie siehts hier auch nicht anders aus wie im Duty Free von Palma de Mallorca“, denke ich mir. Nur dass die Frauen in Palma ganz wuschig werden wegen des Parfüms, aber die bayrischen Männer sind nicht wuschig, aber eben voller heiliger Vorfreude auf das was da gleich kommt. Die Führung.

Ich boxe mich durch die hoffnungsfrohe Gruppe an den Schalter. „You want me to book you in?“, fragt mich die Studentin hinter dem Tresen. Dabei weiß ich doch noch gar nicht, welche Tour es gibt. Eine Verkostung? In etwa 5 Stunden. Kostet 30 schottische Pfund pro Person, mit Klein-Ida, die sich 20jährig nichts aus Whisky macht, also schlappe 110 Euro für  uns drei und ein paar Stamperl Whisky, die sie hier offensichtlich „drums“ nennen. Aber mit der Führung wirds nichts. „Die nächste in vier Stunden um halb drei“, lässt mich die Studentin wissen.

Naja. Ab jetzt vier Stunden lang den Kleiderständer mit den LAPHROIG-Sweatshirts drehen und Baseballkappen probieren ist kein wirklicher Pausenfüller. Und wenn ich mich in die Bar neben den Sweatshirts setze, brauche ich spätestens in einer halben Stunde keine „drums“ mehr. Aber wir sind ja zu Fuß. Wandern wir doch einfach weiter. Eine halbe Stunde weiter liegt ja der kleine Weiler Lagavulin. So wollte ich mal mein Boot nennen, viele Jahre ist das her.


Gesagt. Getan. Lagavulin ist tatsächlich ein Weiler. Und das Betriebsgelände von Lagavulin sieht auch nicht anders aus wie das von Laphroig. Groß. Weiß. Mit ein paar Jaguars und großkalibrigen Range Rovers auf dem Firmenparkplatz. Und verlassen unter den beiden kirchturmartigen Mälzerei-Hauben, die an ein strenges Schweizer Karthäuserkloster erinnern.


Im Visitor Center sagt mir eine der beiden Studentinnen hinter dem Kassentresen, an dem man Lagavulin-Sweatshirts und -Baseballkappen kaufen kann, dass die nächste Tour bereits ausgebucht sei. Ich sehe zwar niemand, aber zum Glück gäbe es ja die nächste Tour. In viereinhalb Stunden wäre die.

Wir wandern ein bisschen auf dem Firmengelände herum. An den Wänden hängen Fotografien kerniger Kerle, mit Bärten lang wie Teppichfransen und ungeschorenem Haupthaar, die sich im Kilt um einen Mann im Kilt mit stahlhartem Blick scharen. Man hat es wenigstens schön gemacht bei Lagavulin, ein Raum ist noch so dekoriert, wie er zu Zeiten der kernigen Kerle auf den Fotos war, Feuer im Kamin und tiefe Sessel, ja, schön war die alte Zeit. Eine der Studentinnen empfiehlt uns, doch bis zur nächsten Führung die Bar aufzusuchen, aber wir sind noch nicht am Ende mit unserem Latein und wandern einfach eine halbe Stunde weiter. In der nächsten Bucht, da liegt ja Gottseidank der kleine Weiler Ardbeg. Weil das am weitesten von Port Ellen weg ist, kommt da bestimmt keiner so leicht hin.

Die Wanderung entlang der Küste ist wunderschön. Und wo kann man schon so herrlich an einem Inselufer auf einem durchgehend geteerten Wanderweg von Destille zu Destille wandern, während auf der winzigen Straße große Automobile und gewaltige Traktoren an einem vorbeirauschen? Auf Islay scheinen die Dinge wirklich gut zu laufen.


Die Schafe, sie haben jedenfalls nichts von ihrem Gleichmut verloren. „Hauptsache kauen“, denken sie, während ich dem Segler draußen vor der Küste zusehe. Eine halbe Stunde später, nach einer Wanderung über Hügel und durch Wälder und über torfige Flüsschen stehen dann vor der Destille am Meer.


Auch hier ist das mit der Führung nicht so leicht hinzubekommen, sagt mir die Studentin hinter dem Tresen bedauernd. Aber wir könnten doch inzwischen in die Bar gehen… 

Doch Ardbeg hat gegenüber den Anderen die Nase an einer Stelle vorn. Hier gibts ein Restaurant. Es kommt ungefähr so daher wie die Klosterwirtschaft von Andechs bei mir daheim um die Ecke. Groß, und viele Menschen werden hier von meist ahnungslosen jungen Leuten bedient, die halt in Teilzeit hier jobben. Aber das Essen ist mindestens so gut wie in Andechs. Ich entscheide mich erneut für Haggis – obwohl ich weiß, was für ecklige Sachen da drin sind (siehe meinen vorvorletzten Post) schmeckt das doch gar zu gut. Auch diesmal 



kommt der Haggis als kleines Törtchen daher: Unten Haggis. In der Mitte Steckrübenpüree. Oben drauf „Mash“, Kartoffelbrei. Was mich dann aber wirklich begeistert, ist das harmlos dreinschauende Glas mit Whisky links. Der haut mir mit seinen 56% am helllichten Tag alle Lichter raus. So langsam wird der Tag mein Freund.

Und die kernigen Kerle im Kilt? Die, die das Zeug destillieren? Gibt es die noch irgendwo hier auf dem Gelände?


Soweit es mein Zustand erlaubt, wandere ich auf dem Firmengelände herum. Alle Türen stehen offen, doch die Gebäude sind verwaist und stehen unbelebt herum wie ein Freilichtmuseum. Nur die riesigen Lagerhallen scheinen voll belegt.

Ich werfe einen Blick in die Mälzerei. Kein Mensch. Kein Geräusch. Ein paar Schritte weiter höre ich jemand arbeiten. Ja richtig. Da steht einer auf der Trittleiter und schleift das Türblatt ab. Und sonst? Macht denn hier keiner Whisky? 

Auch bei den übermannsgroßen Destillationskolben ist kein Mensch. Selbst der einzige Mann im Kilt zwischen den Whiskyfässern trägt etwas ratlos seine Wasserflasche hin und her, er entpuppt sich als Besucher, wie ich. Ich vermisse ein altes Gesicht auf dem Gelände. Ein Gesicht, das davon erzählt, wie es ist, in guten wie in schlechten Tagen für „seine“ Whisky-Destille jeden Morgen aufzustehen. Aber langsam bin ich mir sicher, hier in Ardbeg werde ich dieses ehrliche alte Gesicht so wenig finden wie in Lagavullin oder Laphroig. Und auch nicht in Caol Ila wenige Kilometer nördlich oder in Bowmore oder in Bruichladdich. Sie alle sitzen hier auf Islay.



Am Ende unseres Weges finde ich das ehrliche alte Gesicht dann doch, als ich mich mit Sven mit einem Sack Wäsche unter dem Arm zum Büro des Hafenmeisters aufmache. Ian heißt der Hafenmeister der kleinen Marina. Er ist Mitte sechzig, trägt eine Halskrause. Jeden Tag um 17 Uhr dreht er seine Runde um Hafen, um zuzusehen.

„Ich bin auf der Insel Lewis geboren, weit draußen auf den äußeren Hebrideninseln. Als junger Mann hab ich Arbeit gesucht und kam hierher nach Islay. 1986 war hier auf Islay alles am Hund. Leute, die weggingen. Häuser die verfielen, weil eine Destille nach der anderen hier dicht machte. Whisky wollte keiner mehr haben, Bitter Lemon und Gin Tonic waren angesagt. Ich war Telefontechniker hier, und wer von den Destillereibesitzern Glück hatte, der verkaufte, bevor er dichtmachten musste.

Und irgendwann ging das alles wieder los. Ich glaube ja, dass alles mit Fernost anfing, dort kam die Sache mit dem Whisky wieder ins Laufen. Aber von den alten Destillerien sind nur nur noch Namen geblieben. Aber seitdem gehts aufwärts in Islay.“

Ian grinst, als ich ihn frage, warum ich keine Arbeiter in den Destillerien sah.

„Die Mälzereien sind längst außer Betrieb, alles wird jetzt zentral hergestellt, was an gemälztem Getreide benötigt wird, hier in der Mälzerei von Port Ellen. Gebrannt wird in den Destillen immer noch, aber das wird alles zentral ferngesteuert, da kannst Du niemandem bei der Arbeit zusehen. In den einstigen Destillen wird vor allem wird der Brand in den großen Lagerhallen gelagert. Ich wünschte, Du hättest eine Führung mitgemacht. Aber ganz verkehrt sind Deine Beobachtungen ja nicht. Viel zu sehen? Gibts beim Whisky-Brennen wirklich nicht mehr.“

Und Islay?

„Die Insel ist heute wohlhabend, dank dem Whisky. Der brachte die Besucher zurück. Ohne Whisky keine Besucher. Ohne Besucher kein Geld. Viele Besucher wollen auch bleiben. Häuser sind auf Islay längst keine mehr zu kaufen, die Preise schossen enorm in die Höhe. Und ich? Ich träume, je älter ich werde, von dem Ort und der Insel, von der ich komme. Von Lewis und den äußeren Hebriden.“




Von England nach Irland und Schottland (19): Mull of Kintyre. Eine Halbinsel. Ein Song. Und die Whisky-Inseln.

Meine diesjährige Segelreise führt mich seit Juni  
die englische Südküste vom Solent nach Westen zu den Scilly Isles und von dort über Dublin und Nordirland zur Küste Süd-Schottlands.


Es ist, als hätten der Himmel und das Meer eine Pause eingelegt. Das Meer verharrt fast reglos unter einem dramatischen Wolkenhimmel, der noch nicht eins ist mit sich, ob er an diesem Spätnachmittag  noch einmal einen Eimer Sonne oder einen Eimer Regen über uns auskippen soll. 

Es ist Donnerstag, irgendwann kurz vor halb sechs. Der Wind, der eben noch da war, hat sich verzogen, wir liegen, wo wir liegen, wie in einer Pfütze. Nur noch ein schwacher Hauch fängt sich in dem großen gelben Schwachwind-Vorsegel über Levjes Bug, er treibt uns gerade mal mit eineinhalb Knoten weiter, ein schlendernder Passant wäre ein rasender Roland dagegen. Aber selbst unsere 1,5 Knoten sind nur graue Theorie. Der Strom, der vom Kap vor uns kommt, dem Mull of Kintyre, raubt uns die Fahrt. Die Logge zeigt 1,5, das GPS, das unsere Fahrt über dem Meeresboden anzeigt, sagt „0“. Wir segeln – aber auf der Stelle. Wenn das so weitergeht, sind es noch 8 Stunden bis zur Halbinsel Kintyre und ihrer südlichen Spitze, dem Mull of Kintyre.


Doch Geschwindigkeit ist nicht alles im Leben. Einfach nur sein in dieser Weite, sich spüren in diesem ungeheuerlichen Innehalten um uns herum, das ist schon viel. Mir bedeutet es in diesem Moment fast alles. 

Blicke ich nach vorn, sehe ich den Schwarm gänsegroßer Basstölpel in einer Linie majestätisch wie Schwäne über die Wasseroberfläche vor Levje ziehen und weit im Westen verschwinden, wo die Sonne hinter den Regenwolken steht und sie erleuchtet. Schaue ich hinter mich nach Südosten, sehe ich den Leuchtturm wie den Turm Isengarts einsam auf seinem Felskegel stehen. Neben Levje sitzen zwei Trottellummen auf dem Wasser, ein Elterntier und ein kleineres Jungvogel. Die pinguinähnlichen Vögel gemächlich wie die Entlein auf einem winzigen Dorfteich und nicht sechs Meilen, zehn Kilometer vom nächsten Land entfernt. Immer wieder habe ich Freude an den possierlichen Tieren, irgendein Ahnherr von ihnen muss einst Modell gestanden haben für Plastik-Badeentchen. In diesem Moment treibt der Strom sie zu nahe an Levjes Rumpf heran. Ein paar hektische Kopfwendungen, wenn Levje an sie herankommt, ein leicht beschleunigter Schlag mit den Schwimmfüssen, dann macht es ein leises „Pfluntsch“ auf dem Wasser und die beiden tauchen einfach Schnabel voraus in die Tiefe, wo sie sich für Minuten vor dem großen blauen Ungetüm in Sicherheit bringen. Abhauen kann wirklich kinderleicht aussehen.

Die Meeres-Landschaft, in der wir gerade windlos liegen, ist wie ein riesiges Amphittheater. Hinter mir der lange Schlauch des Loch Ryan, an dessen südlichem Ende wir die erste schottische Nacht im Hafen von Stranraer verbrachten. Im Osten die seltsam rundliche Insel Ailsa Craig, die sich aus dem Meer erhebt wie ein Totenschädel, der im nächsten Moment in voller Größe aus dem Wasser auftaucht. Im Norden die Meerenge, hinter der Insel Arran muss irgendwo der lange Loch Clyde mit den Häfen von Glasgow am Ende liegen.


Im Nordwesten voraus die Halbinsel Kintyre. Steile Felsen am Kap, die mit den sattgrünen Flächen ein seltsames Webmuster bilden, ein Ornament, eine Zeichenfolge, die ich so wenig deuten und lesen kann wie das Punktmuster, das der nächste Schwarm Basstölpel knapp über der Wasseroberfläche auf den Horizont vor mir tupft. Es gibt keinen Maler in diesem Moment, der die Ornamente malt, und keinen, der diese Schrift schreibt. Und doch ist es für mich in diesem Augenblick wie ein Text, dessen Bedeutung ich nur ahnen kann und in dem auch ich vorkomme als winziger Punkt.

Mull of Kintyre. Mull: Das gälische Wort für Vorgebirge. Der Name beschreibt das Gebirge an der Südspitze der Halbinsel Kintyre, die von hier aus mehr als 70 Kilometer weit aus dem Atlantik bis ins schottische Hochland in den Atlantik ragt. Der südlichste Punkt, an dem wir stehen, ist zugleich auch die engste Stelle Irland und Schottland die hier nur 17 Kilometer trennen. Irgendwo hier muss Paul McCartney seine Farm mit dem Studio gehabt haben, wo er den Song Mull of Kintyre aufzeichnete. Als der Song ein Millionenhit geworden, würde er sagen, er schrieb ihn aus keinem anderen Grund, als nur der Landschaft hier zu huldigen. Wenn es wahr wäre, könnte ich ihn beim Anblick der Landschaft gut verstehen, anders als damals, als ich den Ohrwurm zum ersten Mal hörte. Ich war 17, ich war mal wieder verliebt, und Paul McCartney lieferte die richtige Klangtapete für mein Lebensgefühl. Wäre nicht Ex-Beatle Paul McCartney der Sänger gewesen sondern Udo Jürgens, hätte man das mit Kintyre-Dudelsäcken unterlegte Stück als Schnulze abgetan. Aber so? War es einfach 1978 pure Sehnsucht auf schwarzem Vinyl, das sich als erste Schallplatte überhaupt in UK über zwei Millionen Mal verkaufte. Doch davon ist Mull of Kintyre gänzlich unbeeindruckt.


19.30 Uhr. Wir stehen vor Mull of Kintyre. Ganz links von mir sehe ich in der Ferne einen Tanker langsam vor der nordirischen Küste dahin schleichen. Immer mehr Schwärme von Basstölpeln ziehen langsam nach Norden, knapp an uns und knapp an der Wasseroberfläche vorbei. Was sie wohl dort vorne hinter dem Mull of Kintyre in der großen grauen Wand suchen?

Von Westen setzt leichter Regen ein, er zieht in Schlieren aus dem Grau über das grüne Webmuster des Vorgebirges, das eben noch grün leuchtete und jetzt hinter dem grauen Vorhang verschwindet.


Schlagartig ist Schluss mit dem Innehalten der Natur. Während die Regenfahnen über uns hinwegziehen, tauchen am Kap Seehunde nahe bei Levje auf. Sie schwimmen treuherzig wie Dackel um Levje. Erst drei. Dann fünf. Dann sind es zehn, die mit unverhohlener Neugier Kreise um das große blaue Teil ziehen. „Seid ihr was zum Spielen?“, scheinen die Schlappohren zu fragen. Ich bin wie Sven und Ida fasziniert von den Tieren, fotografiere wie ein Wilder und sehe nicht, was meine Kamera bereits sieht und rechts oben in der Ecke bereits festhält:

Races! Brechende Wellen! Stromschnellen! 

Urplötzlich setzen hackige Wellen ein, sie brechen, obwohl kein Wind weht, als würde hier der Meeresboden ansteigen und wir gleich auf eine Untiefe laufen. Levje kracht mit lauten Scheppern voran, doch es ist keine Untiefe, sondern das Wellental nach der ersten brechenden Welle. Um uns ist das Wasser tief genug, alles frei. Die Seehunde sind vergessen, wir geigen plötzlich durch die Wellen, das Schiff wird ungut hin und her geworfen, wir suchen Halt, um nicht umgeworfen zu werden im Cockpit. Die graue Regenwand vor uns hat uns und die eben noch vorhandene Weite in lichtloses Grau gepackt. Wir müssen hier irgendwie aus diesen windlosen Stromschnellen raus, ein Glück, dass ich stur war und darauf bestand, den großen Blister wegzuräumen, so ist wenigstens das Schiff seeklar für die Stromschnellen. Zehn Minuten brauchen wir, dann sind wir durch die Stromschnellen hindurch. Prasselnd setzt Regen ein, in dem das nahe Kap Mull of Kintyre hinter uns versinkt, als wäre es niemals da gewesen.

Hinter dem Mull of Kintyre ändere ich den Kurs. Unser Ziel ist Islay, „Aaailii“ gesprochen, eine der inneren Hebrideninseln im Nordwesten, 20 Seemeilen, 35 Kilometer weiter. Knapp vier Stunden geht es erst durchs große Grau, das wie Watte um uns liegt, bevor der Wind wieder da ist. Bis 23 Uhr ist es taghell, um Mitternacht tappen wir mit dem allerletzten Licht des Sonnenuntergangs entlang an Felsen und weißen und grünen Blinklichtern in die gut befeuerte Hafenbucht von Port Ellen und suchen nach einem Platz zum Ankern. Da, zwei Yachten vor uns vor Anker. Noch einen Kreis auf dem Wasser gedreht, den Anker fallen lassen, dann kann ich den Motor abstellen. Hundemüde und hellwach zugleich, bin ich aufgewühlt vom Mull of Kintyre und diesem Tag. Und neugierig auf Islay und Port Ellen. Namen, die nach schottischem Whisky schmecken.

Aber so neugierig mich die Lichter der still daliegenden Insel Islay machen: Mull of Kintyre wird mich weiter begleiten, nicht bloß als längst vergessener Song, sondern von jetzt als Ort, an dem der Himmel und das Meer eine Pause einlegten. Und mir einen besonderen Moment schenkten.






Von England nach Irland und Schottland (18): Das erste Mal Schottland. Das erste Mal Haggis.


Was tut man, wenn man den Tag auf seinem Boot im Nebel und Regen verbrachte und zum ersten Mal in einem schottischen Hafen festmacht? Man trabt durch den Regen und die Kleinstadt und sehnt sich nach einem gemütlichen Pub. Etwas Warmes braucht der Mensch.

Im südschottischen Stranraer ist das zunächst nicht so einfach. Die Stadt war bis vor wenigen Jahren Fährhafen hinüber ins nahegelegene Belfast, bis die Fährgesellschaft beschloss, den Hafen ein paar Seemeilen weiter nach Norden zu verlegen, weil der von Stranraer verlandete. Der Ort hat das bis heute nicht verwunden. So verwegen der Name immer klingt, so verwegen man ihn mit „Straanraaaaaar“ auch ausspricht: Die Hauptstraße der Kleinstadt ist verwaist, ein paar magere Schreibwarenläden und ein Plastik-Fingernagel-Studio, von guten Pubs ist nichts zu sehen. Nur Tripadvisor ist unerschütterlich und sagt, es gäbe Licht am Ende des Ortes. Wenn wir uns 20 Minuten durch den schottischen Nieselregen entlang der Bucht ostwärts kämpften, dann wäre da Henry’s Bay House Restaurant, dessen Küche immerhin 500 Leute zu viereinhalb von fünf Sternen hinriss. Wärme. Whisky. Wohlbefinden.

Tatsächlich liegt Henry’s Bay House dort, wo Stranraers Wohnhäuser enden. Und eigentlich sieht es auch so unscheinbar aus wie ein Wohnhaus. Aber das einstige Wohnzimmer ist voll, ein Tisch mit Meerblick ist noch frei. „Haggis ’n Blackpudding“ steht auf der Speisekarte, als Antipasto, na dann los. Das verstehe ich wenigstens, wenn ich schon kein Wort verstehe von dem, was die Kellner mir zu sagen versuchen.

Es ist pure Neugier, die mich reitet. Jener derbere Teil meiner bayrischen Küche, Schlachtplatte, Blut und Leberwürste, Kesselfleisch und saures Lüngerl sind mir zutiefst zuwider, vor rotem Preßack laufe ich bis heute schreiend davon. Meine Begegnung mit „Trippa a la Fiorentina“, gekochtem Kuhmagen in Streifen mit Tomaten- soße, dem florentinischen Traditionsessen, hat die Sache eher noch verschlimmert. Auch das, was wir heute als gehobene typisch mediterane Küche begreifen, war einst nichts anderes als „Arme-Leute“-Küche, für die verwertet wurde, was sich kein anderer auf den Teller legen mochte. „Spaghetti allo Scoglio“ ist das Gericht, für das aus dem Meer in den Topf kam, „was am Felsen hängengeblieben“ war. Spaghetti Bolognese waren, bevor man dafür bestes Hack verwendete, auch mal eher kleingehackte Schlachtabfälle. Die „Roba Vieja“ in Spanien, „alte Klamotten“, bringt heute restaurantmäßig die Leftovers von gestern auf den Tisch und der Pfälzer Saumagen verkocht zerkleinert, was keiner wirklich essen mag.


Da kommt mein Haggis mit Blackpudding. Schön sieht er aus, unter einer Whisky-Sahne-Sauce mit Pilzen. Eine Art Lasagne aus Haggis- und Blackpudding-Schichten, Blutwurst. Ein erster zaghafter Stich mit der Gabel. Konsistenz eines heimatlichen Fleischpflanzerls, einer Bulette, wie man auch dazu sagt.

Aaaaaaaah. Der Geschmack einer gekochten Bratwurst-Füllung entfaltet sich am Gaumen, ein leichter Duft nach Majoran und Muskatnuß. Konsistenz von lange im Bratgut mitgekochtem Getreidekörnern. Nein, das ist ja phantastisch. Ich denke, Haggis werde ich jetzt öfter essen. Auch Sven und Ida, die mit mir segeln, sind mit meiner Wahl durchaus einverstanden. Begeistert vom schottischen Essen und Haggis im Besonderen traben wir später durch den Nieselregen. Ich beschließe, fortan ein Haggis-Fan zu sein, fast wie der schottische Nationaldichter Robert Burns singe ich auf dem Heimweg zu Levje das Loblied des schottischen Haggis.


Doch so einfach ist das alles nicht. Essen findet im Kopf statt, und zunächst mal eine Etage oberhalb  des Gaumens, mit dem Denken. Als ich nach meinem zweiten Mal Haggis nachlese, was das denn eigentlich ist, sehe ich die Dinge anders. Wikipedia zitiert ein schottisches Kochbuch, daß das folgende Rezept für Haggis „nichts für schwache Nerven“ sei. Weniger, weil man als „Kochbehälter“ einen tierischen „Behälter“ den Magen eines Schweins nimmt. Auch nicht, weil man dafür Herz, Leber und Lunge in einer leichten Fleischbrühe kocht, sondern weil der Autor dezent darauf hinweist, dass beim Kochen die an der Lunge hängende Luftröhre unbedingt über den Topfrand hängen muss.

Ist  alles feingehackt und zerkocht, kommt das dann mit Pfeffer, Muskat, Nierenfett und Hafermehl in den umgedrehten Schweinemagen und wird stundenlang gekocht.

Nach der Lektüre bin ich mir nicht mehr soooooo sicher, ob ich noch mal Haggis essen oder gar ein Gedicht wie Robert Burns auf Haggis schreiben werde, das die Schotten am nationalen Burns-Feiertag Ende Januar zusammen mit Haggis angeblich genießen. 

Was ich aus meinem Haggis-Erlebnis lerne, ist die immer gleiche Erfahrung mit dem Essen: „Seelig sind die geistig Armen.“ Oder: Ein bisschen Ahnungslosigkeit brauchts, will der Mensch glücklich sein. Oder will ich jetzt wirklich genau wissen, was denn jetzt alles in heutigen Brotbackmischungen meines braven Dorfbäckers, einer Pizza beim Lieblingsbäcker oder einem simplen Semmelknödel alles drinsteckt? Und selbst der fortschrittlichste Veganer wird zugeben müssen, dass er auch nicht weiß, was immer drinsteckt in Tofu und Fermentiertem.

Nein. Der Haggis ist nur ein Beispiel. Abgesehen davon: Haggis gibt es nicht nur nach dem angegeben Rezept. Es gibt ihn – selbstverständlich – auch nach „Original Recipe“ Glutenfrei. Und auch vegetarisch, auf dem Foto ganz rechts.

Aber will ich wirklich wissen, was in der ersatzhalber statt Lunge verkochten Möhre wirklich drinsteckt?


Von England nach Irland und Schottland (17): Von tauchenden Trottellummen und Basstölpeln. Wo Irland und Schottland sich nahekommen.

Meine diesjährige Segelreise führt mich seit Juni  
die englische Südküste vom Solent nach Westen zu den Scilly Isles. Von dort kam ich in einem langen Schlag nach Irland und bin nun über Dublin 
Richtung Nordirland.



Früh am Morgen haben wir uns auf den Weg gemacht. Sven und ich sind meist um sechs Uhr auf den Beinen, Svens Tochter Ida nutzt die Zeit, um auszuschlafen, während wir rumpelnd den Anker vom Grund heraufholen, Levjes rumpelnden Motor starten und mit der ersten Strömung hinausmotoren aus dem Loch Strangford, die Küste Nordirlands entlang, die links von uns im Morgenlicht liegt. Man ist hier allein mit sich, nur ein Fischer teilt den morgendlichen Frieden vor der Mündung des großen Sees, der fast bis nach Belfast hinaufreicht. 


Doch kaum ist links am späten Vormittag die irische Küste  verschwunden, taucht rechts  aus Regen und Nebel die schottische Küste auf. Irland und Schottland liegen an dieser Stelle gerade mal 35 Kilometer auseinander, ein Stück weiter nördlich, vor der schottischen Halbinsel Mull of Kintyre, sind es noch weniger, gerade 17 Kilometer.

Langsam schleichen wir uns ran an die Küste. Grenzen, schrieb ich einmal, existierten auf dem Meer nicht, man kann keine Linien ins Meer ritzen oder Mauern darauf betonieren. Grenzen sind


in unserem Kopf, und die erstmalige Ansteuerung an eine nebelverhangene verregnete Küste, wenn man am Morgen im Sonnenlicht lossegelt, weckt das Gefühl, eine magische Grenze überschritten zu haben, irgendwohin, wo noch nie ein Mensch vorher war, das winzige eigene Ich sowieso nie.

Es regnet. Ich sitze unter der Sprayhood und blicke hinüber zum Ufer, das im Grau irgendwie trostlos wirkt. Schottland scheint ein einsames Land zu sein. Am Ufer das erste Gehöft seit Stunden. Eine steinerne Säule im Meer, die eine Untiefe markiert, kein Ort nirgendwo, so scheint es.


Vor der Steinsäule tummeln sich in Scharen Trottellummen, sie sehen niedlich aus. Anders als ihr Name es sagt, sind sie alles andere als trottelig oder gar niedlich. Eine hat einen silbrig glänzenden Fisch im Maul, sie hat ihn halb hinuntergewürgt und kann sich nicht entscheiden, ob sie erst schlucken oder besser fliehen soll. Mit hektischen Kopfbewegungen schwimmt sie weg vom herannahenden blauen Rumpf, Gier oder Furcht ringen in dem kleinen pinguinartigen Vogel miteinander, ich blicke ihr lange nach, ihr und ihrem silbern gefüllten schwarzen Schnabel, bis sie sich zu dem entschließt, was Trottellummen nun mal mit Angreifern von oben machen:


Sie breitet die Flügel, zeigt mir ihren Hintern – und taucht einfach weg in die Tiefe. Ein Vogel, der sein Heil nicht in der Luft sucht, wenn es eng wird?

Tatsächlich sind die Trottellummen hervorragende Taucher. An Land stehen und watscheln sie aufrecht und plattfüßig herum wie Pinguine. Wenn sie fliegen, sehen sie aus wie Akku-Staubsauger mit drangeschraubten Flatterflügeln. Doch das Wasser ist ihr Element. Bis zu 180 Meter (!) in die Tiefe treiben ihre Flügel sie auf ihrer Unterwasserjagd nach Heringen und Sprotten, auf ihren Tauchgängen flügeln sie unter Wasser mit geöffnetem Schnabel durch Schwärme von Fischen hindurch, wie tief die auch sein mögen. Fliehen sie, haben sie als einzige Vögel die Wahl: Vor dem, was von unten nach ihnen schnappt, steigen sie in die Luft. Und kommt ein dicker Brummer an wie Levje von oben, dann tauchen sie einfach weg, vor uns abgetauchte Trottellummen sehe ich minutenlang nicht mehr.


Die Vogel scheinen die mir fremde steinerne Säule im Meer zu lieben. Auch die Vogelwelt ist hier vor Schottland plötzlich eine andere. Die Witzfiguren der schwarzen Kormorane sind plötzlich verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Stattdessen steigen die gelbköpfigen Basstölpel nahe beim Boot auf, um sich im Regen wie ein Pfund Wurst aus großer Höhe ins Wasser platschen zu lassen auf der Jagd nach Fischen. Ungelenk sieht es jedenfalls von Ferne aus – aber da sollte ich mich mächtig täuschen.


Irgendwie griesgrämig sehen sie aus, schlechtgelaunt, mit stechendem Blick neben den possierlichen Trottellummen. Nur sind Basstölpel größer, fast wie Gänse sind ihre Flügel weiter hinten am Körper angeschraubt als bei den lieb-netten Lummen. In welchen der Vögel ich mich mehr widererkenne? Natürlich in den griesgrämigen Basstölpeln, sie neigen zu murrigem Einzelgängertum, während die Trottellummen meist zu zweit auftreten: eine große, das Elterntier, neben einer kleinen.


Ob niedliche Trottellummen oder griesgrämig dreinschauende Basstölpel: Allesamt sind sie miserable Starter aus dem Wasser. Ich könnte sie stundenlang beobachten, vor allem die unbeholfenen Basstölpel, denen man spätestens beim schwerfälligen Abheben die Gänse-Verwandschaft ansieht.


Auch ein Regentag auf dem Meer kann faszinierend sein. Der markante Leuchtturm von Corsewall Point erinnert mit seinem gewaltigen Nebelhorn vor dem Turm daran, dass das Wetter in Schottland öfter mal schlecht ist. Noch zwei Stunden haben wir um das Kap mit dem Leuchtturm herum, dann erreichen wir Stranraer. Ich bin gespannt, was ich da finden werde.