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Segeln im Juni in Kroatien? Ein Update mit Karl-Heinz Beständig.

Inmitten der CORONA-Krise im April des Jahres befragte ich Karl-Heinz Beständig, 
den Autor der 888 HÄFEN UND BUCHTEN, über die Situation in Kroatien.
Nachfolgend ein Update zur aktuellen Situation für Segler und Motorbootfahrer in Kroatien.


tk: Guten Tag, Herr Beständig. Kann ich ab Anfang Juni in Kroatien wieder aufs Wasser?

Karl-Heinz Beständig: Die ersten Chartergäste sind jetzt am vorletzten Maiwochenende auf eigenes Risiko losgefahren. Da war ja noch alles unklar – auch Kroatien war vorsichtig, man wollte die EU nicht verärgern, indem man einseitig vorprescht. Aber die ersten Charterreisenden berichteten mir, dass man an der kroatischen Grenze für die Einreise zwei Dinge braucht:
• eine Buchungsbestätigung einer Charter, eines Hotels, einer Pension oder Campingplatzes.
• oder den Nachweis, dass man Eigner eines Bootes mit Liegeplatz in Kroatien ist.
• sowie eine Mobilfunknummer, unter man ständig erreichbar ist und die man beim Grenzübertritt hinterlegen muss.

tk: Aber kommt man denn überhaupt bis Kroatien? Wer mit dem Wagen aus Deutschland anreist, für den führt der Weg ja erst mal nach Österreich. Und von dort nach Slowenien. Und erst dann ist man an der kroatischen Grenze…

Karl-Heinz Beständig: Im Moment ist ja alles noch etwas in der Schwebe. Aber es funktioniert wie folgt:
• in Österreich gilt offiziell derzeit noch für alle Einreisenden die 14tägige Quarantäne.
• Allerdings darf man Österreich durchfahren, wenn man an der Grenze ein Formular unterschreibt und versichert, Österreich auf dem kürzesten Weg zu durchqueren und unverzüglich nach Slowenien auszureisen.
• In Slowenien gilt momentan dieselbe Regelung wie in Österreich: An der Grenze einen Passierschein unterschreiben und Slowenien auf kürzestem Weg durchqueren.

tk: Pfingsten war ja immer Hochsaison auf der Strecke Deutschland – Kroatien. Staus vor Baustellen, Blockabfertigung vor den Alpen-Tunneln. Wie wirds denn dieses Jahr sein?

Karl-Heinz Beständig: Ich rechne tatsächlich zu Pfingsten mit Staus. Zu den Feiertagen wird einiges los sein, zumal auch am einen oder anderen Tunnel Bauarbeiten im Gang sind.

tk: Ist denn das CORONA-Virus also schon Vergangenheit?

Karl-Heinz Beständig: Die Ansteckungsgefahr ist keinesfalls erloschen. Kroatien kam dank harter Maßnahmen noch besser durch die Krise als Deutschland. Aktuell sind in Kroatien noch 93 Menschen infiziert. Insgesamt hatte das Land nur 101 Tote zu beklagen.

tk: Sind so niedrige Zahlen denn glaubwürdig?

Karl-Heinz Beständig: Ich denke schon. Gerade in den letzten Wochen berichteten die kroatischen Medien sehr offen über die jüngsten CORONA-Ausbrüche. Diese waren lokal begrenzt, und sie zeigen gut, wie sowas aus reiner Sorglosigkeit entsteht. Und wie die kroatischen Behörden sehr schnell agierten.

tk: War das an der Küste?



Karl-Heinz Beständig: Auf der Insel Brac war ein älterer Pateint mit Herz-Kreislaufproblemen aus dem Krankenhaus entlassen worden und feierte seine Rückkehr mit Nachbarn und Freunden. Das war leichtsinnig. Eine Nachbarin zeigte als erste Symptome, der Mann selber keine. Nach der Feier waren plötzlich 23 Menschen infiziert. Das Krankenhaus stritt heftig ab, Ursache zu sein. Die Insel Brac wurde kurzerhand isoliert.

Der zweite Fall betraf einen Flug der Croatian Airlines, in dessen Folge man 18 Infizierte feststellte. 16 Passagiere – und die beiden Piloten.

tk: Wie kam das?

Karl-Heinz Beständig: Das war zunächst rätselhaft, weil die Piloten während des Fluges die Türen des Cockpits nicht geöffnet hatten und merkwürdigerweise die Flugbegleiter nicht infiziert waren. Man vermutet, dass es kroatische Mechaniker waren, die aus Schweden von einem Auftrag zurückkehrten.

tk: Wie hoch schätzen Sie denn die Ansteckungsgefahr in Kroatien?

Karl-Heinz Beständig: Aufgrund der vorliegenden und schon genannten Zahlen dürfte die Wahrscheinlichkeit, sich in Kroatien zu infizieren, derzeit fünfmal niedriger sein als in Deutschland.

Allerdings wird die Maskenpflicht zum Beispiel nicht so streng gehandhabt wie in Deutschland. In kroatischen Supermärkten gibt es keine Maskenpflicht. Oder nur, wenn der Mindestabstand von 1,50 Meter nicht eingehalten werden kann… Hotels und Campingplätze haben hohe Auflagen, was Reinigung und Desinfektion angeht.

tk: Wo sehen Sie denn die Hauptquelle im Urlaub für Ansteckung?

Karl-Heinz Beständig: Wenn man leichtsinnig wird, wie im Beispiel Brac. Entsprechend sehe ich das Hauptrisiko in den Restaurants. Die Kellner haben Maskenpflicht – aber wenn der Alkohol fließt, fallen die Vorsichtsmaßnahmen unter den Tisch.

tk: Das Ischgl-Phänomen der Sorglosigkeit?

Karl-Heinz Beständig: Die kroatischen Behörden werden strengstens kontrollieren. Wenn Wirte Selbst in abgelegenen Inselkonoben können Strafen bis 5.000€ verhängt werden, wenn Vorschriften nicht eingehalten werden. Zudem wurde ein großer Vorrat an Testmaterial geschaffen, um wie in Brac oder Split sehr schnell vor Ort testen zu können.

tk: Würden Sie selbst denn augenblicklich Urlaub in Kroatien machen?

Karl-Heinz Beständig: Ich würde runterfahren. Ich hätte keine Bedenken. Wenn man sich vernünftig verhält, die Mindestabstände einhält und Masken trägt, sollte eigentlich nichts passieren.



tk: Wie stellen Sie sich den Worst Case vor?

Karl-Heinz Beständig: Es ist schon möglich, dass es den einen oder anderen Ausbruch gibt. Dass man das eine oder andere Restaurant oder auch eine Marina dichtgemacht wird. Die Abgabe der Mobilfunknummer bei der Einreise dient dazu, in einem solchen Fall sehr schnell zentral zu informieren und eventuell sogar zu testen. Ich bin zuversichtlich, dass da nicht allzuviel passiert.

tk: Könnte ich denn aktuell mit meinem Boot von Italien aus in Koratien einklarieren?

Karl-Heinz Beständig: Noch sind die Seegrenzstellen geschlossen. Derzeit dürfen nur Yachten über 24 Meter Länge einreisen, die einen Werfttermin oder ähnliches schriftlich vorweisen können. Auch slowenische Skipper dürfen einreisen, weil Kroatien und Slowenien Sonderabkommen unterzeichneten. Es ist derzeit alles etwas chaotisch, aber ich gehe davon aus, dass parallel zur Grenzöffnung Italiens ab dem 3. oder 4. Juni auch die Seegrenzstellen wieder offnen und man von Italien aus per Schiff in Kroatien einreisen kann. Aber aktuell weiß niemand, was gerade vor sich geht – eventuell machen die Seegrenzstellen schon übermorgen auf.

tk: Und wie sehen Sie den Sommer in Kroatien?

Karl-Heinz Beständig: Die YACHTWEEK-Flotten mit Partywütigen starten vermutlich ab nächster Woche, allerdings werden nur wenige junge Leute kommen zunächst.

Ab Juli und August wird auch auf dem Wasser wieder einiges los. Ich schätze, dass insgesamt ein Drittel weniger Gäste nach Kroatien kommen wird – vor allem Pauschalreisende werden wegen des erst nach und nach wieder anlaufenden Flugverkehrsausbleiben. Und Kreuzfahrttouristen sowieso. Aber das betrifft ausschließlich Dubrovnik.


Soeben erschienen:
Mein Page-Turner über meine Reise
unter Segeln entlang der europäischen Küste 
von Sizilien nach Südengland:


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Segeln, Corona und das Leben der Anderen (4): "Wann kann man in Kroatien wieder Segeln, Herr Beständig?"

In den vergangenen Jahren habe ich auf meinen Segelreisen viele Menschen kennengelernt. Wie geht es diesen Menschen in ihren Ländern heute, das habe ich mich die vergangenen Wochen immer wieder gefragt. Karl-Heinz Beständig bereist für seinen Handbuch-Bestseller 888 HÄFEN UND BUCHTEN seit bald vier Jahrzehnten die kroatischen Küsten. Heute ein Telefonat mit ihm, wie der Sommer in Kroatien wird. Und warum er glaubt, dass wir im Sommer wieder dort segeln werden.

Grüße aus einem Land mit Ausgangsbeschränkungen ins andere: Buchautor Karl-Beständig schickt zusammen mit Jonas,
einem Fan des kroatischen Fußballstars Luka Modrić, ein Winken nach Kroatien….

Thomas Käsbohrer: Guten Tag, Herr Beständig. Wie geht es Ihnen vor dem Osterfest? 

Karl-Heinz-Beständig: Mir geht es gut. Ich lebe sehr bescheiden.

tk: Ist die Covid-19-Zwangspause für Sie eher Qual oder Befreiung?

Karl-Heinz-Beständig: Die Freiheit liebe ich sehr – aber Freiheit hat immer auch mit Verpflichtung zu tun. Ich muss mich jetzt halt etwas einschränken – die meisten Maßnahmen in Deutschland sind sinnvoll. Und die Menschen halten sich, soweit ich das beobachten kann, zu 95% an die Vorschriften.

tk: Woran fehlts Ihnen gerade?

Karl-Heinz-Beständig: Eigentlich an nichts, ich sitze gerade im Garten hier in meinem Zuhause in Nordbayern an der thüringischen Grenze, wo ich lebe, wenn ich nicht im Herbst für die Recherchen zu meiner nächsten Ausgabe der 888 Häfen auf meinem kleinen Schiff segle.

Wirtschaftlich mache ich mir etwas Sorgen. Und das nicht nur wegen meiner Bücher. Normalerweise verkaufe ich in einem Monat 1.000 Exemplare. In den letzten 4 Wochen hab ich gerade mal 10 Exemplare verkauft…

tk: … das sieht bei millemari., unserem Segelbuchverlag, gerade nicht anders aus. Reisen ist gerade out – da können wir uns für unsere Sturm- und Abenteuer-auf-dem-Meer-Geschichten Leser wünschen, soviel wir wollen.

Wie siehts gerade in Kroatien aus?

Karl-Heinz-Beständig: Es gibt – Stand Karfreitag – in Kroatien bisher 1.500 Infizierte und 20 Todesopfer. Es gibt einige Hotspots. Vor allem Zagreb ist betroffen – und das gleich zweifach. In der Panik des schweren Erdbeben vor wenigen Wochen mitten in der Epidemie gerieten natürlich alle Vorschriften unter die Räder. Wer morgens um halb sieben aus einem schwankenden Gebäude um sein Leben auf die Straße rennt, den kümmern Mindestabstände nicht mehr. Durch die vielen Nachbeben gab es Schieflage in der Einhaltung der Vorschriften. Das hat die Infektionszahlen in der Hauptstadt deutlich steigen lassen.

Auch die Insel Murter ist zur Zeit ein Hotspot und abgeriegelt.

Insgesamt bessert sich die Situation in Kroatien – die Neuerkrankungen nehmen offensichtlich ab. Istrien, das nördlichste und anfangs am heftigsten betroffene Gebiet hat die Beschränkungen vergangenen Mittwoch gelockert. 

tk: Wie sieht die Prognose für Kroatien aus?

Karl-Heinz-Beständig: Die Behörden gehen davon aus, dass Ende April der Höhepunkt der Epidemie erreicht wird. Und wenn dieser Höhepunkt da ist, sollen, so die Schätzungen, nur 30-40% der Intensivbetten belegt sein. Kroatien ist sehr zuversichtlich, dass die vorhandenen Kapazitäten reichen. Im Mai rechnet der kroatische Gesundheitsminister mit den vorerst letzten Todesopfern der Epidemie. 

tk: Das sind ungewohnt präzise Aussagen von Politikern. Ist das glaubhaft? Ging Kroatien denn anders vor als beispielsweise Deutschland?

Karl-Heinz-Beständig: Methodisch tat man in Kroatien dasselbe wie bei uns. Nur härter. Schneller. Die Kroaten waren die ersten, die harte Maßnahmen wie Grenzschließung, Haus-Quarantäne für Bewohner und Hospital-Quarantäne etwa für auf dem Wasser Einreisende sowie strikte Ausgangsbeschränkungen einführten. Sie waren sehr schnell mit der Einführung eines individuellen elektronischen Passierscheins, den man brauchte, wenn man aus Arbeitsgründen auf die Straße musste. Ohne den Passierschein konnte man seinen Wohnort nicht verlassen oder mal eben von Pula nach Porec fahren. Aber weil man sich den sofort im Internet runterladen konnte, kamen Berechtigte wie zum Beispiel Pendler reibungslos durch jede Straßenkontrolle. Kroatien ist IT-technisch mindestens so gut aufgestellt wie Deutschland.


Auf meine Frage, welche Geschichte er positiv mit Kroatien verbindet, schickt mir Karl-Heinz Beständig diese Geschichte der Strandung einer Yacht vor Veli Rat im Norden Dugi Otoks, deren Crew sich
an Land rettete und unter Segeln in einem selbstgebauten Zelt im Hintergrund die Nacht abwetterte… 

… Kroatien befand sich damals wenige Monate im Krieg, doch kroatische Bewohner zögerten nicht und bewiesen mit einem rasch herbeigeholten Bagger ungewöhnliche Hilfsbereitschaft und Improvisationskunst,
gerade dann, als ihr eigenes Land auseinanderbrach. 


tk: Renata Marevic berichtete im vorletzten Interview auf diesem Blog, dass die kroatische Bevölkerung ungewohnt hinter den Maßnahmen ihrer Regierung stünde…

Karl-Heinz-Beständig: … was ja keineswegs immer so war. Kroaten waren mit ihren Regierungen selten glücklich, man wählte schnell jemanden ab und danach genau die andere Richtung. Sie hatten ganz wenig Vertrauen in ihre Politiker. Das ändert sich inzwischen, ähnlich wie in Deutschland. 

tk: Wie ist die Versorgungslage in Kroatien?

Karl-Heinz-Beständig: Soweit ich das weiß, gut. Die kroatische Bevölkerung kauft nicht so ein wie wir. Man kauft die Grundnahrungsmittel, Mehl, Zucker und dergleichen. Jeder, der dort in der Nachsaison unterwegs war, kennt das: Sind die Touristen weg, wird das Angebot heruntergefahren und die leeren Regale mit Tüchern verhängt. Die LIDL-Märkte haben dort ganzjährig unser breites Angebot, aber viele kleinere Lebensmittelmärkte haben außer der Saison nur ein reduziertes Angebot, die meisten Einheimischen haben in der Regel nicht viel Geld.

tk: Womit rechnen Sie wirtschaftlich für Kroatien?

Karl-Heinz-Beständig: Die Arbeitslosenzahlen werden steigen, wahrscheinlich noch stärker als bei uns. Das liegt vor allem daran, dass viele Kroatinnen und Kroaten im Ausland arbeiten. Wenn die jetzt gekündigt werden, kehren viele ohne Arbeit nach Kroatien zurück.

Wie vermutlich bei uns wird wohl auch Kroatien 3-4 Jahre brauchen, um aus der Krise zu kommen. Der Tourismusminister rechnet mit 75% Einbruch im Tourismus in diesem Jahr.

Dabei lief es bis Anfang März im Tourismus gut. Dem Vernehmen nach waren die Charter-Vorbuchungen gut, das ging bis zur AUSTRIA BOAT SHOW in Tulln Anfang März. Die Vercharterer gingen auch während der Messe größtenteils noch davon aus, dass Kroatien profitieren, dass es ein gutes Jahr werden würde.

tk: Wenn kaum noch jemand kommt: Könnte es denn in Kroatien auf dem Meer ein traumhafter Sommer werden wie in den späten 90ern?

Karl-Heinz-Beständig:  Das kommt ganz darauf an, wie schnell Kroatien das Virus in den Griff bekommt. Sobald die Grenzen offen sind, werden Gäste sehr willkommen sein. Die Hotelketten haben große Probleme, weil Touristikunternehmen den Großteil ihrer Buchungsverträge gekündigt haben. Die Flugverbindungen an die Küste sind bis auf Weiteres unterbrochen, nur Split wird noch regelmäßig angeflogen. Flughäfen wie Pula, Zadar oder Rijeka entlang der Küste sind geschlossen. Ryanair will diese Flughäfen erst wieder 2021 anfliegen. Urlaubsgäste, die bevorzugt per Flugzeug anreisen – das sind überwiegend Pauschalreisende – werden sich also heuer sicherlich zurückhalten.

Auch der Kreuzfahrt-Tourismus dürfte es schwer haben – worüber manche Städte wie Dubrovnik nicht unfroh sein dürften.

Die kleinen Pensionen werden halbwegs durchkommen, weil sie auf ihre Stammgäste setzen können.

tk: Und die Segler und Motorbootfahrer?

Karl-Heinz-Beständig: Bei den Wassersportlern sehe ich diese Zurückhaltung nicht. Die warten ja nur darauf, dass es wieder losgeht. Ich bekomme Anrufe von Leuten, die mich fragen: Wann darf ich denn wieder rein nach Kroatien? Ich will nach meinem Boot sehen…

tk: Was rechnen Sie für die Sommermonate?

Karl-Heinz-Beständig: Ich vermute, dass die ersten Reisenden etwa Anfang Juni kommen können, sofern es keinen Rückschlag gibt. Im Juli und August könnte es im besten Fall wieder so laufen wie im Vorjahr. Gäste aus stark betroffenen Nachbarländern wie Italien werden voraussichtlich eher ausbleiben aufgrund der Schwere der Epidemie im eigenen Land. Für manche, die Kroatien wegen Überfüllung gemieden haben in den letzten Jahren dürfte das ein Grund sein, wiederzukommen.

tk: Wie werden Reisen in diesem Sommer aussehen?

Karl-Heinz-Beständig: Es wird sicherlich noch einige Unsicherheiten geben. Covid-19 ist ja weiterhin vorhanden und flackert vielleicht in Wellen wieder auf. Dann könnte die Zahl der Erkrankungen zumindest auf lokal begrenzter Ebene wieder nach oben gehen. Einige der jetzigen Vorsichtsmaßnahmen – Mindestabstand zu Anderen – sollte man einstweilen auch in Kroatien im öffentlichen Raum beibehalten. Schutzmasken im Urlaubsgepäck sind kein Fehler.

tk: Müsste man damit rechen, hinzureisen und plötzlich nicht mehr zurückzukommen, weil meine Urlaubsregion plötzlich wieder Ausgangsbeschränkungen hat?

Karl-Heinz-Beständig: Das glaube ich nicht, dass man Angst haben muss, nicht mehr zurückkehren zu können.

tk: Was wünschen Sie sich denn für diesen Sommer?

Karl-Heinz-Beständig: Ich wünsche mir, dass die Leser meines Buches Kroatien treu bleiben. Kroatien hat gerade in den vergangenen Wochen gezeigt, dass das Land sehr handlungsfähig in der Krise ist und zudem Kurs hält auf dem Weg in die Rechtsstaatlichkeit – in Ungarn oder Polen ist das keine Selbstverständlichkeit. Kroatien dürfte letztlich gestärkt aus der Krise hervorgehen. Die Bevölkerung war immer ungeduldig mit ihren Regierungen. Jetzt ist das Vertrauen gewachsen. Geduld ist jedoch nach wie vor nötig – nicht nur in Kroatien.

tk: Wo kann man sich zuverlässig über die aktuelle Lage in Kroatien informieren?

Karl-Heinz Beständig: Die neuesten COVID-19-Statistiken finde ich auf Total Croatia (hier klicken). Die politische Entwicklung verfolge ich auf der deutschsprachigen Seite des kroatischen Fernsehens (hier klicken).

tk: Vielen Dank für unser Telefonat. Ich wünsche Ihnen frohe Ostern!






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Segeln, Corona und das Leben der Anderen: Ein Winken aus dem Hafen von Lavrion, Griechenland.

Susanne Kühl ist seit vier Wochen bei ihrem Boot in Lavrion in Griechenland. Über Ihre Erlebnisse in der Hafenstadt berichtet sie im folgenden Beitrag.
Bei jeder unserer Begegnungen erschien mir Susanne Kühl Inbegriff eines echten „Haudegens“. Es ist ein ungewöhnliches Leben, das sie lebt, und Arbeit und Freizeit hat sie kompromißlos so ganz anders miteinander verbunden, wie ich es von kaum einem anderen Menschen kenne. Susanne fährt allein ihren Transporter mit Anhänger von Hamburg auf die Messen nach Düsseldorf oder Wien, auf denen sie ausstellt. Susanne baut ihren Riesen-Messestand meist allein auf, auch wenn sich immer einer findet, der ihr hilft. Susanne segelt ihr Boot allein durch Griechenland und repariert ihren Schiffsdiesel, wenns Not tut. Vor zweieinhalb Jahrzehnten war sie eine der ersten mit der Idee, ausgemusterte Segel gründlich aufzuarbeiten und daraus modische Reisetaschen, Laptoptaschen, Rucksäcke und Segeltuchjacken zu nähen und diese über ihren Webshop und auf Messen zu verkaufen. Aus der Idee ist eine Werkstatt in Hamburg entstanden, dann eine Firma mit Namen SK-DESIGN, mit Produktion in der Hansestadt und im europäischen Ausland. „Unternehmer“ nennt man jemanden, der etwas mit eigenem Kapital wagt und produziert –  auch wenn man bei dem Wort „Unternehmer“ eher an gesetzte Herren im Zweireiher und nicht an die Frau im weißen Transporter denkt.

Bereits die Messe in Wien Anfang März war von den Corona-Ausläufern überschattet. „Ich habe wie immer meinen Stand aufgebaut. Es waren zwar weniger, aber überraschend viele Besucher auf der Messe, aber beim Aussteller-Abend sagte der Messeveranstalter, man hoffe, wegen der Coronakrise auch noch die letzten drei Tage der fünftägigen Messe ohne behördliche Schließung über die Bühne zu bringen.“ Ein Gewitter am Horizont, sagte sich der Haudegen, setzte sich nach Messeende hinters Lenkrad des Transporters und rollte von Wien nach Lavrion zu ihrem Boot, um am Mast ihres Schiffes zu werkeln und das Angebot eines griechischen Bekannten anzunehmen und mal zu prüfen, ob man nicht die leerstehenden Gebäude auf dem Werftgelände in Lavrion für ihre Taschen- und Jackenproduktion zu nutzen. 

„Ich dachte daran, ob ich nicht einen Teil der Produktion hierher auslagern könnte. Es wäre ja alles vorhanden, Maschinen, Näherinnen, Material. Es funktionierte anfangs, auch wenn ich nicht alles dabeihatte, was ich brauchte. Aber dann wurde Corona auch in Griechenland zum Thema. In Lavrion war das zunächst nicht tragisch. Aber ich kam ja aus Wien von einer internationalen Messe. Und um die Arbeiterinnen zu schützen, habe ich das aufgegeben, zusammen mit ihnen zu arbeiten. Ich habe dann zunächst versucht, die Werkstatt nachts zu nutzen, allein, wenn niemand mehr da war und allein zu 

„Allein auf einem Boot“: Blick von Susanne Kühls Boot. Schiffe stehen reichlich auf
ihren Landstellplätzen, auch wenn sie derzeit die einzige ist,
die an ihrem Boot arbeitet. 
arbeiten. Aber irgendwann endete das. Die griechische Regierung schloss sich den anderen Ländern an, einen harten Kurs wegen Corona zu fahren. Restriktionen auch hier, und Ausgangssperre. Ich habe dann von hier aus versucht, wenigstens meine Produktion von hier aus am Laufen zu halten von meinem Arbeitsplatz im Transporter.“


Noch vor zwei Wochen wäre in Lavrion alles sehr entspannt zugegangen – die offiziellen Infektionszahlen waren und sind bis heute sehr niedrig.

Bis die Ausgangssperre nach Lavrion kam. Restaurants und Kneipen blieben geschlossen. Wer ausgeht, der braucht einen selbst ausgefüllten Passierschein – der nur noch jemanden berechtigt, sein Zuhause in besonders begründeten Fällen zu verlassen.

Der griechische Passierschein, den Susanne ausfüllen muss, und der ihr das Verlassen des Werftgeländes
nur noch zum begründeten Zwecken wie dem Gang in die Apotheke oder zur Hilfe Anderer gestattet.

„Nur noch die Take-Aways waren in der Innenstadt erlaubt – allerdings soll man alles telefonisch vorbestellen und nur zum Abholen vorbeikommen – nicht mehr als zwei Leute sind in einem Laden erlaubt. Neulich bin ich mal in einen Take-Away gerauscht, da saßen drei junge Griechen um einen Kaffeehaus-Tisch. Ich hab zum Spaß ‚Kontrolle‘ gerufen, als ich reinkam. Da wurden die Jungs ganz blass um die Nase.“

Die echten Kontrolleure in Lavrion, so sagt es Susanne, würden mit Augenmaß. Nur wer sinnlos im Ort herumkurvt, der würde angehalten und kontrolliert – ihr selber ist das noch nicht passiert. Überhaupt stünde die Bevölkerung mehrheitlich hinter den Maßnahmen ihrer Regierung und würde sich gut an die Bestimmungen halten. Bei manchen sei es die Angst vor der Ansteckung. Bei anderen die Furcht vor Geldstrafen. Doch das häufigste Motiv sei, dass jeder in Griechenland wisse, wie sehr die Wirtschaft vom Tourismus als wichtigstem Wirtschaftsfaktor abhänge. Das „Wenn jetzt nicht alle mitmachen, dann versemmeln wir das möglicherweise“ sei beeindruckend.

Am 2. April kam das Arbeitsverbot für die meisten Betriebe. Handwerker und Näherinnen durften ab da nicht mehr auf das Werftgelände, die letzten Arbeiter hat sie dort an diesem Tag gesehen. Sie sei jetzt – neben den 30 Hunden auf dem Werftgelände – die einzige, die an ihrem Boot herumwerkelt. Nur noch auf den großen Motoryachten am anderen Ufer seien die 2-3 Mann Besatzung auf den 

Im Stadthafen von Lavrion wäre an der Pier normalerweise kein Platz mehr frei. Auf der Pier wäre mächtig Betrieb, doch jetzt herrscht gähnende Leere… 
Booten, um aufzupassen und die Leinen zu kontrollieren. Beim Staat können die Beschäftigten einmalig 800€ beantragen. Geld, das in Griechenland im besten Fall für eineinhalb Monate reiche. „Allerdings ist der familiäre Zusammenhalt in Griechenland sehr stark. Die Familien halten unglaublich zusammen. Man hat hier seine Familie – denn von den 200€ Arbeitslosengeld konnte keiner in Griechenland lange leben.“

Supermärkte und Lebensmittelhändler haben geöffnet. Es herrscht Handschuhpflicht, die Alten seinen mit Mundschutz in den Läden unterwegs. Die Versorgungslage sei gut. Wo es in Deutschland beim Toilettenpapier und in Frankreich (so wird gemunkelt) bei Rotwein und Kondomen Engpässe gäbe, sei in Lavrion keine Hefe mehr zu bekommen. Warum – das sei ihr ein Rätsel.

Weil ihr hier in Griechenland das Material fehlt, um alle Designs herzustellen, will sie nach Deutschland zurückkehren. Aber das sei schwierig. „Mit dem Auto ist das jetzt vollkommen unmöglich. Alle Ländergrenzen sind dicht. Nach Bulgarien, Rumänien, Ungarn kommt niemand mehr rein, der dort nicht seinen Wohnsitz gemeldet hat. Es gibt keine Transitstrecken für einen Privatmenschen wie mich, auf denen man diese Länder bis Deutschland ungehindert durchqueren könnte.“ 

Seit dem 23. März sind alle Direktflüge nach Deutschland und in die Niederlande storniert. Alle anderen Länder schicken selbst bei einem Zwischenstopp die Neuankömmlinge in Quarantäne. Nur die Schweiz und Belgien erlauben noch Transit ohne Quarantäne. „Ich habe mir darum einen Flug via Zürich nach Hamburg gebucht und hoffe, dass der Flug jetzt in den nächsten Tagen tatsächlich gehen und ich so nach Hamburg komme.

Ich selber habe keine Angst vor Corona. Im Krankenhaus möchte ich hier nicht unbedingt landen. Wie in allen Ländern herrscht auch hier Mangel an Schutzkleidung. Touristen werden hier ausgesprochen zuvorkommen behandelt, eine Erstbehandlung ist für Reisende in Griechenland kostenlos. Doch seit der Finanzkrise 2016 ist das griechische Gesundheitswesen so heruntergefahren, dass es oftmals selbst für Krebskranke nicht die erforderlichen Medikamente und Behandlung gibt. In Griechenland gibt es nur 800 Intensivbetten gegenüber 23.000 in Deutschland – das sind 0,007% Intensivbetten für jeden Kopf in der Bevölkerung. In Deutschland sinds immerhin schon mal 0,03%.“

Und wie gehts weiter, wenn Sie es nach Hamburg schafft? „Da komme ich erstmal in Selbstisolation. Aber die Selbstisolation in meinem Atelier: Das wäre ja das reinste kreative Schlaraffenland – ich könnte unbegrenzt arbeiten und entwerfen.“

Da ist er wieder. Der Haudegen.


Wer sich für Susannes Rucksäcke oder Taschen interessiert: Bis zur nächsten Messe dauert es noch.



Segeln, Corona und das Leben der Anderen: Ein Winken aus Kroatien. Renata Marević, Insel Krk, Marina Punat.

In den vergangenen Jahren habe ich auf meinen Segelreisen viele Menschen kennengelernt.Wie geht es diesen Menschen in ihren Ländern heute, das habe ich mich die vergangenen Wochen immer wieder gefragt. Heute ein Bericht von der Insel Krk aus der Marina Punat.

Renata Marević lernte ich 2017 für eine Reportage in der Zeitschrift YACHT kennen und schätzen. Sie leitet die Marina Punat an der Südspitze der Insel Krk,
mit über 1.250 Wasserliegeplätzen einen der größeren Sportboothäfen Kroatiens. Im nachfolgenden Interview spricht sie über Kroatien, ihre Sorgen
und ihre Hoffnungen in der Krise. 

tk: Guten Morgen, Frau Marević. Wie geht es Ihnen heute?

Renata Marević: Wir sind alle gesund. In Kroatien gibt es derzeit etwa 400 Erkrankte. Soweit wir wissen, ist auf der Insel Krk von den knapp 20.000 Bewohnern niemand erkrankt. Aber das kann sich schnell ändern, denn Krk ist eine der wenigen unter den 1.240 kroatischen Inseln, die vom Festland aus über eine Brücke zu erreichen ist. Allerdings darf im Moment niemand mehr rüber, nur noch mit Sondergenehmigung.

tk: Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?

Renata Marević: Ich bin 24 Stunden am Tag für die Marina-Mitarbeiter erreichbar. Die Versorgung hier funktioniert super. Wir haben nur den Stress, wenn wir nach der Arbeit nach Hause kommen, alles waschen, alles zu desinfizieren, um unsere Senioren zu schützen.
Meine beiden Söhne leben in Zagreb, am 22. März bebte dort die Erde und Teile der Altstadt wurden schwer beschädigt. Die Gebäude, in denen meine Söhne leben, haben das ausgehalten. Trotzdem sind bei den ersten Erdstößen morgens um halb sieben alle nach Draußen ins Freie gerannt, es fiel Schnee. Trotz der Angst vor dem Virus sind die Menschen in Gruppen durch die Straßen gerannt. Meine Söhne haben sich einfach ins Auto gesetzt. Und haben abgewartet.

tk: … während wir mit COVID-19 beschäftigt sind. Und wie verläuft Ihr Leben auf der Insel?

Renata Marević: Es ist nicht soviel anders wie bei Ihnen in Deutschland oder Österreich. In Kroatien gibt es seit kurzem Bewegungsbeschränkungen. Es ist verboten, die Stadt oder die Gemeinde zu verlassen. Das darf man nur mit Sondergenehmigung, wenn man seine Arbeit nicht vom Homeoffice aus erledigen kann. Und das gilt für die meisten Mitarbeiter hier in der Marina, vor allem für die Marineros, die ja ständig auf den Booten nach dem Rechten sehen müssen.

tk: In Ihrer Marina liegen derzeit 800 Schiffe im Wasser und noch einmal 400 am Land. Wann ist denn das letzte Mal eins in die Marina Punat eingelaufen?

Renata Marević (überlegt lange): Da muss ich wirklich nachdenken. Das muss vor zwei Wochen gewesen sein. Ein kroatisches Boot war das. Das war tatsächlich das letzte Schiff, das in den Hafen einlief. Normalerweise wäre jetzt Anfang April ja Hochbetrieb in der Marina, vor allem an den Wochenenden.


tk: Sind denn augenblicklich Bootseigner in der Marina?

Renata Marević: Letzte Woche waren noch einige Gäste hier, aber die sind alle heimgekehrt. Unter den gegebenen Bedingungen und den Einschränkungen ist es das Beste, einfach zuhause zu bleiben. 

tk: … und was würden Sie mir antworten, wenn ich jetzt in diesem Augenblick mit meinem Boot die Marina Punat ansteuern und Sie über Kanal 17 um einen Liegeplatz bitten würde?

Renata Marević (lacht zuerst): Natürlich haben wir einen Liegeplatz für jeden. Und sie dürften auch einlaufen wie immer. Aber danach ist alles anders. Sie könnten nicht auf ihrem Boot bleiben. Ein Krankenwagen würde kommen und Sie sofort in die nächste Quarantäne-Station bringen. Die ist in Rijeka, knapp 60 Kilometer von hier. In der Quarantäne würden Sie 14 Tage bleiben, die Behörden haben Anweisung gegeben, dass niemand auf seinem Boot in Selbstisolation verbleiben darf. Ihr Boot würde komplett desinfiziert werden. Die Quarantäne würde Ihnen ebenso wie die Fahrt im Krankenwagen berechnet. 
Ich selbst musste übrigens 14 Tage in Selbstisolation – ich war mit 5 meiner Mitarbeiter Anfang März auf der AUSTRIA BOATSHOW in Tulln für 4 Tage. Bei unserer Rückkehr nach Kroatien hieß es dann, wir müssten jetzt vorsichtshalber in Quarantäne. Also hab ich 14 Tage das Haus nicht verlassen.

tk: Ein Boot wäre doch eigentlich der sicherste Ort in der Krise. Dürfte ich denn überhaupt auf meinem Boot noch nach Kroatien einreisen?

Renata Marević: … seit Ende März gilt eine neue Regelung: Alle Seegrenzübergänge sind geschlossen: Umag, Rovinj, Pula, Korcula, alles: dicht! Die Saisonstellen haben gar nicht erst aufgemacht. Nein, Sie kämen auf dem Schiff derzeit nicht mehr nach Kroatien hinein, weil sie nirgends einklarieren könnten.

tk: Und wie ist die Stimmung bei Ihnen in der Marina und im 1.500-Seelen Örtchen Punat?


Renata Marević: Wir versuchen, uns vom Pessimismus nicht anstecken zu lassen – ‚we keep upright the good spirit‘. Im Moment stehen Sicherheit und Gesundheit an erster Stelle. Wenn das jetzt alles ein weltweites Schicksal ist, dann ist das auch unser Schicksal. Niemand ist eine Insel – auch wir auf Krk nicht.

tk: Mancher wünscht sich in dieser Krise gar auf die Insel. Sie kennen beides – die Großstadt und die Insel. Was ist denn jetzt gerade der bessere Platz in der Krise?

Renata Marević: Die Insel hat Vorteile und hat Nachteile. Die Infektion kommt auf eine Insel langsamer und später. In der Stadt verbreitet sich ein Virus schneller …

tk: … Kroatien ist ja überhaupt ein bevölkerungsarmes, über weite Strecken fast leeres Land. Von den 4,2 Millionen Einwohnern teilen sich im Schnitt 75 einen Quadratkilometer. In Deutschland sind das mehr als 3x soviele …

Renata Marević: Ja, wir leben nicht nur hier auf der Insel Krk sehr isoliert und räumlich weit verteilt. Man kann hier gut sein in der Krise, kann den Garten geniessen, was den meisten Menschen in einer Stadt nicht vergönnt ist. Der Nachteil der Insel: Wir sind auf die Brücke angewiesen. Die ganze Versorgung läuft über die Brücke, über die man die Insel ja auch gut abschotten kann nach draußen. 

tk: Was fürchten Sie gerade am meisten?

Renata Marević: Die kroatische Bevölkerung ist überdurchschnittlich alt. Das kommt daher, dass die meisten Jungen fortgingen, um ihren beruflichen Erfolg anderswo in Europa zu suchen – um als Ärzte oder sonstwie in Irland oder Deutschland oder USA zu arbeiten. Wir Kroaten werden immer weniger. Unsere Gesellschaft ist älter als die meisten. Und weil das so ist, müssen wir die Alten noch besser schützen als anderswo. Abgesehen davon wird es in und nach der Krise weniger Geld geben für Pensionen und Renten. Für öffentliche Dienste.

tk: Denken Sie viel ans „Danach“?

Renata Marević: Sehr viel. Wir leben vom Tourismus – jedenfalls unsere 1.200 Kilometer lange Küste. Die ist komplett auf den Tourismus angewiesen. Industrie gibt es eigentlich nur in den wenigen Großstädten. Offiziell sind es 11%, die der Tourismus am Bruttosozialprodukt ausmacht. Aber die Zahl ist  zu niedrig gegriffen. Nehmen Sie einfach mal den Ort Punat mit seinen 1.500 Einwohnern. Die Marina Punat ist nach einer Baugesellschaft der zweitgrößte Arbeitgeber am Ort. Wir beschäftigen hier ständig 150 Menschen nur in der Marina. In der Hochsaison kommen noch einmal 10% in der Gastronomie hinzu. Und dann haben wir noch die angeschlossenen Partnerfirmen: Segelmacher, Rigger, Schiffselektriker. Wenn ich unser Örtchen Punat rechne, dürfte der Anteil des Tourismus am Bruttosozialprodukt also deutlich höher liegen.

tk: Wie gut ist die kroatische Gesellschaft auf die Krise vorbereitet?

Renata Marević: Sie meinen mit Material und Ärzten?

tk: Nein, von der Gesellschaft her. Während der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2016 war ich in Griechenland unterwegs. Trotz der Unruhen in Großstädten versicherten mir Griechen immer wieder, dass niemand hungern müsse. Jeder Grieche würde irgendwo etwas anbauen. Die Familienverbände wären intakt, man würde sich helfen, wo der Staat nicht helfen würde, tun es die Kommunen.

Renata Marević: Bis auf Slawonien haben wir kaum gut organisierte Landwirtschaft. Wir haben noch immer den Krieg in den 90er Jahren in Erinnerung – da waren wir auch von einem Tag auf den anderen ohne den Tourismus. Viele haben damals die alten Olivenhaine wieder bewirtschaftet, um Olivenöl zu produzieren. Unsere Weinproduktion ist seit einigen Jahren sehr ambitioniert. Die Frage ist, ob wir einen Markt haben mit Europa, um das zu vermarkten. 

tk: Was gibt Ihnen Hoffnung in diesen Tagen?


Renata Marević: Wir haben großes Vertrauen in unseren Krisenstab. Wir glauben den Spezialisten. Es gibt keine Panik. Die Menschen halten sich an die Vorschriften. Die Infiziertenzahlen steigen nicht exponentiell, sondern linear.

Daneben gibt mir Hoffnung: Kroatien hat jetzt die Chance umzudenken. Wir können gut von dem leben, was wir in diesem Jahr nicht für den Tourismus benötigen.

tk: Sind Sie eher Optimistin? Oder Pessimistin?

Renata Marević: Es geht nicht dauernd hoch. Und es geht nicht nur dauernd runter. Ich bin mehr Optimist als Pessimist. Ich kann derzeit nichts anderes als warten – gerade weil man Fragen zur Zeit einfach nicht beantworten kann. Wir müssen vorbereitet sein auf viele Szenarien. Das ist alles, was wir tun können.

Ich glaube vor allem daran, dass Segeln wieder Zukunft hat. Segeln ist viel umweltfreundlicher als alles Motorgetriebene. Wenn ich über Alternativen nachdenke: Dann hat Segeln wirklich eine tolle Chance.





Segeln, Corona und das Leben der Anderen: Ein Winken aus Norditalien.

In den vergangenen Jahren habe ich auf meinen Segelreisen viele Menschen kennengelernt.
Wie geht es diesen Menschen in ihren Ländern heute, das habe ich mich die vergangenen Wochen immer wieder gefragt. Heute ein Bericht aus der Marina Sant‘ Andrea in der Lagune von Grado.


Letzte Woche schickte mir Fortunato ein Winken aus Norditalien. Das Winken kam per WhatsApp. Fortunato ist Chef der Marina Sant’Andrea in San Giorgio di Nogaro, einer von 22 Marinas im Friaul nahe Triest. In Fortunatos Marina lag ich mit Levje ein halbes Jahr, von Sant‘ Andrea aus bin ich vor drei Jahren zu meiner Reise um Westeuropa nach England aufgebrochen.

Das Friaul ist zwar nicht das Epizentrum der Corona-Infektion in Italien, aber es liegt nicht weit von Venedig und den großen Städten des Nordens. Friaul hat nicht mal 10% der Einwohner Bayerns, hat aber bereits eineinhalb mal soviele Todesopfer zu beklagen.

Als ich Fortunato, Familienvater, fragte, wie es ihm ginge, stachen mir trotz all dem Optimismus seiner Zeilen die Worte ins Auge: „Lo spirito e molto basso“ – die Moral sei am Boden. Dabei ist Fortunato kein Weichei. Er war Offizier in der italienischen Marine, kam in Uniform weiter auf den Weltmeeren herum als ich es im T-Shirt je schaffen werde. Hat erlebt, was Krieg ist. Als er mir das Foto mit seinem Winken schickte, versuchte er noch, mit einigen Mitarbeitern den Betrieb der Marina aufrechtzuerhalten. Er begründete das mit einem knurrigen „Ein Kapitän gehört nun mal an Deck, vor allem in Krisenzeiten“ – Norditaliener, das lerne ich in diesen Tagen, sind uns näher, sie denken kantiger als die Sizilianer, mit denen ich in diesen Tagen in Kontakt bin. 


Trotzdem gibt es in der Marina am Fluss gerade nicht viel zu tun. Jetzt im März müsste es dort gerade brummen und summen wie jedes Jahr im späten Winter: Pausenlos müsste der Kran Boote aus dem Winterlager holen und ins Wasser setzen. Überall der Lärm der Schleifmaschinen, von Bohrern, von Arbeitern, die an Bootsrümpfen werkeln und Eignern, die mit Antifouling-Eimern rumhantieren. Jetzt gerade: Nichts. Stille. Fortunato geht nur noch sporadisch ins Büro, zwei Leute passen auf die Marina und die Schiffe auf.

Aus Fortunatos Foto oben mit seinem Winken grinst mich auch Giorgio im Hintergrund an. Ich kenne Giorgio und seine Frau Betta, weil ich mit den Dreien auf Giorgios Yacht MATCHLESS vor drei Jahren auf der Barcolana mitsegeln durfte. Die Fahrt auf Giorgios 22 Meter langem und 30 Tonnen schwerem Boot kam mir zwischen den 1.700 anderen Winzlings-Booten auf der Barcolana vor wie der Ritt auf einer Abrissbirne. Es hatte Wind damals, eine pfeiffende November-Bora in die Bucht von Triest, und tatsächlich räumte Giorgio ein Schlauchboot mit Presseleuten einfach zur Seite, die der herandonnernden Abrissbirne nicht schnell genug aus dem Weg gehen wollten, als wäre das stark motorisierte Schlauchboot ein Stück Treibholz. Betta erbleichte. „Coglioni“, knurrte Giorgio wie ein Raubtier, ein nicht kindgerechtes Schimpfwort. Italiener halt, wie ich sie liebe. 


Auf einem von Fortunatos Fotos entdecke ich auch die MATCHLESS. Giorgios Wäsche flattert zum Trocknen an Deck im eisigen Wind. Fortunato erzählt, dass Giorgio wie immer unter der Woche auf seiner MATCHLESS lebt und nur am Wochenende zu seiner Frau nach Treviso fährt. Ob denn auch andere Skipper derzeit auf ihren Booten die Epidemie in der Marina aussitzen? Ja, sagt Fortunato – drei Italiener und ein Spanier würden derzeit auf ihren Booten in der Marina leben. Kommod sei das ja: Die Seeluft ein praktisch virenfreier Raum, an Bord alles, was man zum Leben braucht. Nur Einkaufen ist schwierig. Der Supermarkt im 7 Kilometer entfernten Städtchen San Giorgio sei zwar geöffnet, aber unregelmäßig. Und zu Fuß wären es eineinhalb Stunden, der einfache Weg.

Und was würde heute passieren, wenn ich wie damals von Kroatien oder einer meiner Venedig-Touren vom Meer her käme, den Fluss hinaufführe, an dem die Marina liegt? Würde ich von der Küstenwache gestoppt? Bekäme ich überhaupt einen Liegeplatz in der Marina? „Du würdest natürlich einen Liegeplatz in der Marina bekommen. Ein Wachmann ist da. Aber nach den derzeitigen Vorschriften müsstest Du auf Deiner Levje für 14 Tage in Quarantäne und dürftest das Schiff nicht verlassen. Aber es ist gut möglich, dass die GUARDIA COSTIERA Dich schon vor dem Fluss anhalten würde. Es herrscht das übliche Wirrwarr: Die einen Behörden sagen, dass man überhaupt nicht mehr auslaufen und auf dem Schiff unterwegs sein dürfte. Die anderen wissen davon nichts.“

„Das Meer kennt keine Grenzen. Man kann keine Linie hineinritzen“, schrieb ich in meinem Buch über meine Reise von Sizilien nach England, das Anfang Mai erscheinen wird. Das stimmt. Aber selbst ich, der diese Zeilen so optimistisch niederschrieb und heute noch daran glaube, bin überrascht, wie schnell das Meer, die Nordadria zu einem Raum werden kann, auf dem man sich eben nicht mehr überall frei hinbewegen kann, wie man möchte.

Vor ein paar Tagen sagte Fortunato: „Wenn wir es nicht mal in dieser Situation schaffen, irgendwie zusammenzuhalten, dann können wir Europa wirklich vergessen.“ Viel mehr gibts zu dem Thema nicht zu sagen. Ob Sie Fortunato nun kennen oder nicht: Wenn Sie mögen: Dann schicken Sie ihm und seinen Leuten einfach ein Foto mit Ihrem Winken zurück. Ein paar Worte, ein Lächeln können viel ausrichten in einem Land, das schon nach wenigen Wochen über 8.000 Tote zu beklagen hat. Auf die Facebook-Seite der Marina (hier clicken)  oder deren Website (hier clicken). Danke! 

Ich berichte in den nächsten Tagen weiter von Menschen in Häfen, die ich auf meinen Reisen kennenlernte.





"Sabiiiiine! Jetzt red‘ doch mal mit mir!" Über Sturmtiefs, Orkanböen und Segler, die auf See 70 Knoten aushalten.


Seine gewaltige Kraft holt sich das Sturmtief Sabine aus der gesamten Weite des Nordatlantik. Und aus – Differenzen!
Sabine voraussichtlich am Sonntag, 9.2. Mittag auf windy.com.
Samstag, 8. Februar, 18 Uhr. Während ich mir eben mal wieder auf windy.com das Herannahen des Sturmtiefs Sabines angesehen habe, denke ich an mein Schiff, das dieses Jahr im Winterlager in der Werft im südirischen New Ross nahe Waterford am River Barrow liegt. Besorgt habe ich heute früh noch in der Werft angerufen. „Ohh“, sagte Michael fast belustigt, „we had a series of storms this winter. Don’t worry!“ So sind Iren nun mal. Aber ich verstehe angesichts der für New Ross morgen angekündigten 60 Knoten-Böen, warum Michael – kaum dass mein Schiff im Herbst aus dem Wasser war – seine schwere Bohrmaschine in die Hand nahm und links und rechts der aufgepallten Levje Löcher in den Betonboden bohrte, um mein Schiff mit dicken Dübeln, Schrauben und übers Deck gelegten Spanngurten praktisch am Boden festzuzurren. „Ich steh nicht gern auf in der Nacht“, begründete Michael damals seine Aktion, „nur weil grad mal wieder Sturm über der Werft weht! Ich bohr‘ lieber vorher!“

Jetzt am Samstag Abend weht es in New Ross bereits mit 20 Knoten Mittelwind, in Böen mit 42 Knoten. Morgen, am Sonntag Vormittag, sollen sich die Böen über dem River Barrow auf 60 Knoten, 12 Windstärken, steigern. Über Mittelengland sogar darüber. Ich weiß, ich werde morgen Vormittag an mein Schiff denken. Und an das Sturmtief, das darüber und über Deutschland hinwegzieht.



In der Webcam habe ich mir eben das Wetter vor dem Hook Lighthouse, dem Leuchtfeuer von Hook Head angesehen, das die Einfahrt in den südirischen River Suir und nach Waterford markiert an dem ich im letzten Sommer mehrmals vorbeifuhr. In der Dunkelheit habe ich zwei Autos ausgemacht, die zu Füßen des Leuchtturms parken. Liebespaare vielleicht, die im Scheinwerferlicht hinaus nach Südwesten in die Dunkelheit sehen, woher jetzt gerade Sturmtief Sabine die Seen rollen lässt.

Sabine – wer bist Du eigentlich? Und was ist ein Sturmtief?

Jede üble Wetterküche, jedes Unwetter braucht zu seiner Entstehung das gleiche wie wir Menschen, um Krach miteinander zu kriegen: starke Differenzen. Große Unterschiede – im Luftdruck, in der Temperatur, im Feuchtigkeitsgehalt der Luftmassen, die aufeinandertreffen. Es ist wie zwischen uns Menschen: Je mehr Differenzen – desto mehr Zoff!

Auch Sabines Übellaunigkeit kommt aus starken Druck- und Temperaturunterschieden. Sabines östliche Randlinie steht an diesem Samstag Abend gegen 18 Uhr ziemlich genau über meinem Dorf zwischen Starnbergersee und Zugspitze – mit etwa 1028 Hektopascal. Zur gleichen Zeit steht Sabines Kern – ihr Innerstes! – 3.000 Kilometer von hier über dem Atlantik zwischen Grönland und Island – mit 936 Hektopascal! Meteorologisch eine gewaltige Differenz.

Während ich mich heute Nacht im Bett rumdrehe, wird Sabines Kern still und leise, doch mit einem Affenzahn von etwa 150 Stundenkilometern ostwärts Richtung Schottland wandern und am Sonntag um 8 Uhr Morgens vor den Hebriden stehen, der Inselkette westlich der schottischen Küste. Zu dieser Zeit werden dann auch schon Sabines erste Böen 1.000 Kilometer südöstlich die Strände der westfriesischen Inseln erreichen.

Sabines miese Laune wird sich steigern, ihr tiefer Kern ist fast bei uns – aber über meinem Dorf steht unverändert ihr östlicher Rand mit 1026 Hektopascal – stärkste Differenzen auf allerengstem Raum! Wir wissen, wozu sowas bei uns Menschen führt. Am Himmel über uns ist es nicht anders.

Sabines Kern wird dann am Montag langsam nordwärts entlang norwegischen Küste entschwinden. Aber die verdammten Differenzen: Die wird sie dann erst recht im engen Raum über Deutschland für zwei Tage stehen lassen. Was dafür sorgen wird, dass es Montag und Dienstag weiter weht.

Und 70 Knoten? Wie fühlt sich das an auf einer Yacht auf dem Meer? In meinem neuen Buch IN SEENOT erzählt der Segler Micha Ziese, wie er auf den Färöer-Inseln zwischen Schottland und Island von den Restausläufern des Hurrikans Dorian überrascht wurde – ohne Hafen. Nur in der Bucht an einer Plattform hängend. Es war nur ein Sturmtief, nicht anders wie Sabine. Und Micha hat es zusammen mit seiner Freundin Anja gut gemeistert, und ohne Krach, wie die beiden versicherten. Selbst wenn 3 ihrer 12 Festmacher rissen.

Ich hoffe jedenfalls, dass Sabine nicht zu wütend wird. Und dass die Spanngurte die nächsten 12 Stunden im südirischen New Ross nicht so stark beansprucht werden wie Micha’s Festmacher auf seiner X-Trip. Hoffen wir das Beste!


IN SEENOT gibts als eBook, Print oder Hardcover-Geschenkausgabe 
unter www.millemari.de, im Shop der Seenotretter, auf Amazon 
und überall, wo es Bücher gibt.
10% des Erlöses eines jeden Exemplars gehen
zur Unterstützung der Seenotretter an die DGzRS in Bremen.




Wie oft sind Menschen in Seenot auf Ostsee und Nordsee? Das Buch IN SEENOT im Fernseh-Interview.

Am vergangenen Donnerstag war ich mit meinem neuen Buch IN SEENOT 
zum Interview im Hessischen Fernsehen. 
Im Folgenden der Mitschnitt des Interviews – und die Antwort auf die Frage: 
Wieviel passiert tatsächlich auf dem Wasser? Und warum eigentlich?

Wenn eine Yacht ihren Kiel verliert: In IN SEENOT berichten Beate Warnecke und Skipper Vincent Regenhart
über Kielverlust und Kenterung des Folkeboots SAGA in der Flensburger Förde

„Mut und Angst liegen nah beieinander. Das eine ist nicht ohne das andere.“

Wenige Minuten vor dem Live-Interview verblüfft mich ALLE WETTER-Moderator Thomas Ranft mit diesem Statement. Er meint entschuldigend, er hätte nur kurz in IN SEENOT reingelesen. Aber im Verlauf des Interviews zeigt er, dass das nicht stimmt. Denn tatsächlich zeigt er mit diesem Satz, dass er beim Lesen vom Inhalt meines Buches mehr mitgenommen hat, als ich es von einem Leser zu hoffen wagte.

Auch im Interview zeigt sich Thomas Ranft als einer, dem das Thema nicht bloß aus Verlegenheit auf den Moderatoren-Handzettel geriet. Und so wird das Gespräch vor der laufenden Kamera nicht nur zum lieblos heruntergehaspelten Termin, sondern zu einem der besseren und von beiden Seiten überzeugt geführten Interview, auf das ich gerne unten verlinke.

Wenn eine Yacht auf Grund festsitzt: In IN SEENOT berichtet Krinka Bauer,
wie sie im Seegatt vor Norderney bei auflandigem Wind wegen eines Kartenfehlers auf Grund lief.
Erst nach der Sendung dämmert mir auf dem Weg zum Bahnhof, dass wir eine wichtige Frage im Interview nicht angeschnitten haben: Wie oft geraten Menschen eigentlich in Seenot? Neben den 20 Geschichten, die Skipper-Erlebnisse wiedergeben, habe ich für das Buch auch einige Fachinterviews geführt. Neben dem Psychologen Bernhard Streicher und etlichen anderen sprach ich auch ausführlich mit Antke Reemts, der Pressesprecherin der DGzRS. Sie wartete beim Termin in Bremen für das Jahr 2018 mit eindeutigen Zahlen zum Thema auf:

Vom 1.1.bis 31.10.18 liefen die Seenotretter auf ihren Schiffen 2.037 mal zu Einsätzen aus. Immerhin knapp 60% aller Einsätze entfielen auf Wassersportler – das waren in 9 Monaten 1.176 Einsätze. 

Was die Statistik über Seenotfälle sagt. Quelle: DGzRS, Bremen
Aber damit endet die Statistik der Seenotretter noch nicht. Unter den Ursachen fallen – in der Reihenfolge der häufigsten Einsätze – vor allem zwei Kategorien auf:

Motorprobleme verursachten 405 Einsätzen in 9 Monaten. 
Das sind ein Drittel aller Wassersport-Einsätze. Im Gespräch weist Antke Reemts darauf hin, dass diese Havarien auffällig häufig im Frühjahr auftreten – oft durch ungenügend gewartete Motoren, durch verstopfte Filter nach dem Winterlager. 
Die Zahl fällt noch höher aus, wenn man die 12 Fälle von Kraftstoffmangel – wohl ebenfalls vermeidbar – und die 11 Getriebeschäden hinzurechnet.

Grundberührungen stecken hinter 385 Rettungsfahrten.
Neben den Motorproblemen tauchen auch in IN SEENOT die Grundberührungen häufig auf. Sie sind vor allem deswegen erwähnenswert, weil sich ein großer Teil von ihnen, wie Unfallexperten sagen, „unter Beteiligung elektronischer Hilfsmittel“ ereignet. Im Klartext: Laufende Autopiloten, während der Skipper unter Deck ist, Navigationsfehler, aber auch tatsächliche Fehler in elektronischen Seekarten in Küstennähe, wie wir aus dem Seegatt der Insel Norderney in IN SEENOT schildern, verursachen Havarien.

Aber auch in den immerhin 30 Fällen von „Orientierungslosigkeit“, die die Statistik auflistet, sind vermutlich viele Ereignisse, bei denen elektronische Hilfsmittel mit im Spiel sind. Antke Reemts verweist in ihrem Interview nicht nur auf einen Fall, bei dem ein Anwender die Orientierung verlor, weil er im Menü seines Kartenplotters nicht mehr zur Kartenansicht zurückfand.

Vorstellung des Buches IN SEENOT im Interview am 16. Januar 2020. Zum Mitschnitt der Sendung gehts hier, 
das Interview findet sich in der zweiten Hälfte etwa ab Minute 7:10.
Doch so spannend IN SEENOT zu lesen ist, so sehr arbeitet das Buch hinter den geschilderten Ereignissen die handfesten Ursachen heraus, die in den meisten Fällen hinter Seenot stecken. Nicht alles ist vermeidbar. Aber vieles schon. Mit richtiger Vorbereitung. Und dazu will IN SEENOT einen Beitrag leisten.


IN SEENOT erhalten Sie als eBook, Print oder Hardcover-Geschenkausgabe 
unter www.millemari.de, im Shop der Seenotretter, auf Amazon 
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an die DGzRS in Bremen.





Die 26. Neuerscheinung bei millemari.: IN SEENOT. Profisegler, Seenotretter und Fahrtensegler unterstützen gemeinsames Buchprojekt.

Im 26. millemari.-Buch erzählen Profisegler, Seenotretter und Fahrtensegler 
über ihre schlimmsten Stunden auf dem Meer. 
23 Geschichten darüber, ob wir wirklich vorbereitet sind auf den Alptraum jedes Wassersportlers.
Es ist ab sofort bei millemari. und überall im Buchhandel erhältlich. 


Ich muss mich entschuldigen. Ich habe drei Monate auf meinem Blog kein Wort mehr geschrieben. Einige Leser fragten schon an, ob ich überhaupt nach dem letzten Post aus Glasgow noch irgendwo angekommen sei?

Bin ich. Ich habe LEVJE im September aus BREXIT-Country nach Südirland zum River Barrow gesegelt, wo sie jetzt 10 Seemeilen landeinwärts auf dem Trockenen steht. In den vergangenen dreieinhalb Monaten hielt mich ein neues Buchprojekt auf Trab, zu dem wir gestern die letzten Seiten in die Druckerei uploadeten und das ab jetzt lieferbar ist.

Ich habe über ein Jahr gezögert, dieses Buch anzugehen. Die Idee: Einfach mal mit Menschen reden, die Seenot erlebt haben. Die letzten dreieinhalb Monate war ich nur unterwegs, um immer wieder Menschen zu treffen, die selbst in Seenot waren und Ungewöhnliches erlebt hatten. Meist zwischen Iffeldorf, Hamburg, Berlin, Rostock, Greifswald. Daneben auch in der Bretagne, in Triest und Wien, 

Ich habe trotzdem gezögert, dieses Projekt anzugehen. Wenn man 30 mal Menschen in die Augen schaut, die schlimme Dinge erlebten: Würde das nicht auf mich abfärben? Würde mir die Lust am Segeln vergehen? Und schließlich: billigen Voyeurismus auf Schicksale wollte ich nicht abliefern. 
Ich wollte lernen, warum Menschen auf See in Not geraten. 
Wie sie darin reagierten. 
Kapieren, wie man sich richtig verhält. 
Ob mein Schiff eigentlich für den Seenotfall richtig ausgerüstet ist? 
Wie Rettung eigentlich abläuft?

Nach den ersten drei Gesprächen war mein Zögern verflogen. Nicht nur, dass alle drei Gesprächspartner nach der erlebten Seenot heute aktiver segeln als zuvor und größere Reisen planen. Es war auch zu spannend, mit den Menschen zu sprechen – zu hören, was sie zu berichten hatten. Es war ungemein lehrreich.

Boris Herrmann im Interview im November 2020 in Hamburg
Ich wurde mutiger – und Susanne Guidera, die mit mir millemari. vor fünf Jahren gründete, auch. Ich schrieb Extremsegler wie den Franzosen Loïck Peyron an. Susanne fragte bei Boris Herrmann an, der gerade von der Regatta zurückgekommen war, und bei Bernard Stamm. Beide machten bei diesem Projekt mit.

Am Ende sind es 23 Geschichten geworden. Neben Loïck Peyron und Boris Herrmann erklärten sich weitere Profisegler bereit, mitzumachen. Bernard Stamm steuerte einen authentischen Bericht vom Untergang seines Schiffes und seiner dramatischen Bergung auf dem Nordatlantik im Dezember bei. Mathias Müller von Blumencron, im Zivilberuf Chefredakteur des TAGESSPIEGEL, seinen Bericht einer Kollision mit einem Wal während einer Regatta von Bermuda nach Hamburg. SUNBEAM-Werftchef Manfred Schöchl lieferte ein packende Erzählung ab, was passiert, wenn man unfreiwillig eine Windhose durchsegelt. Die DGzRS unterstützte das Projekt, indem ich die Seenotretter begleiten  konnte und aus erster Hand ihre Erzählungen erfuhr. Fahrtensegler erzählten von Maschinenausfall und Ruderbruch, von Mastbruch und und Kielverlust. Dem Überleben auf einem Schiff in den Ausläufern eines Hurrikans und wie man eine Nacht auf der kalten Ostsee auf einem gekenterten Katamaran mit nichts am Leib der Unterkühlung trotzt.

Seenotretter Henry Schönrock und seinen Kollegen Detlef Kammradt konnte ich im November an Bord des Seenotrettungsbootes HEINZ ORTH auf der Ostsee von der DGzRS-Station Freest zur Greifswalder Oie begleiten. Henry Schönrock erzählt in IN SEENOT den Fall einer dreiköpfigen Besatzung, deren Katamaran in einer Gewitterböe kenterte und die eine Nacht ohne Kleidung auf dem umgestürzten Schiff ausharren musste. 
Langsam nahm das Projekt Gestalt an: Extremsegler, Seenotretter und einfache Fahrtensegler berichten freimütig, was ihnen auf See widerfuhr. Von Kollisionen, Grundberührungen, über Bord gehen in aussichtsloser Situation. Über Ihre Ängste. Wie Seenot ihre Art, zu Segeln und manchmal ein Leben veränderte. 

Ich lernte in den Gesprächen, dass Resilienz, die menschliche Fähigkeit, Krisen durchzustehen, ja sogar Krisen in positive Entwicklung umzusetzen, eine ungeheure Kraft ist. Und dass regelmäßige Wartung meiner Rettungsinsel, Schwimmweste und Feuerlöscher nicht reicht, um mich entspannt zurückzulehnen.  

Jetzt ist IN SEENOT fertig. Es kann bestellt werden und ist lieferbar bei millemari., AMAZON und im Buchhandel. Die YACHT bringt in ihrer Ausgabe diese Woche eine Geschichte als Auszug aus dem Buch. Susanne bereitet weitere Auftritte und PR rund um die BOOT vor.

Und ich? Hänge durch wie nach jedem Buch, in dem mehrere Monate intensivster Arbeit stecken. Es hilft nur, Axt und Motorsäge in die Hand zu nehmen, in die Kälte rauszugehen in den Garten und endlich Holz zu machen, für den Ofen. 

Und Mitte Januar mein nächstes Buchprojekt anzugehen. Titel steht schon fest.





Von England nach Irland und Schottland (31): Übers Meer nach Glasgow.



„Was hätte ich alles versäumt, wenn ich nicht rausgegangen wäre heute!“

Der Loch Fyne, ein 50 Kilometer langer schlauchartiger Fjord nach Süden, spiegelt an diesem windigen Tag alle Wetter wieder. Hinter uns im Norden, wo Crinan am Ausgang des gleichnamigen Canals liegt, schwappen Wellen graublauer Regenwolken über die kargen Hänge des Hochlands herunter südostwärts. Im Süden, da, wo wir hinwollen, bricht vor der Insel Arran die Sonne durch die Wolken und zeichnet einen hellen Streifen am Horizont.

Segeln im Westen Schottlands ist wie Segeln auf einem windigen See in Bayern. Es ist Mitte August. Und doch gleicht das Wetter dem im April: Regenschauer und Sonne im Wechsel. Und Böen. Noch an der Boje vor dem Hafen von Tarbert beobachte ich heute morgen besorgt den Windmesser. Levje eiert an der Boje hin und her in den Böen. Sie ziehen von Westen mit 30, in der Spitze mit 35 Knoten heran und malen ihre Fächer aufs Wasser. Als wir draußen sind, sehen wir sie herankommen, ein dunkelgrauer Strich nach dem anderen auf dem Wasser, der auf Levje aus Westsüdwest zuhält, nicht anders, als wäre ich an einem wilden Föhntag auf einem der bayrischen Seen unterwegs und nicht auf dem Loch Fyne, diesem 50 Kilometer langen schlauchartigen Fjord, der sich von Norden nach Süden bis zur Insel Arran zieht.


Die Flanken des höchsten Berges auf der Insel Arran glänzen wie Schnee, wenn die Sonne durchbricht. Doch Schnee kann es nicht sein, selbst wenn der Berg, der da glänzt, der Goatfell, von 0 auf knapp 900 Höhenmeter ansteigt. Es ist ein warmer Tag, die Böe, die gerade mit 30 Knoten übers Wasser heranfaucht, ist mit 20 Grad zu warm. Was die Flanken zum Glänzen und Glitzern bringt, Felsplatten und Gebirgsbäche, die der letzte Regenschauer in der Sonne in polierte Spiegel verwandelt.

Der Wind an diesem Tag ist ein verwandter der kroatische Bora. Erst gemächliche Stille, in der 4-5 Windstärken Levje gemächlich übers Wasser treiben. Dann urplötzlich Böen mit 30 Knoten, in der sich die Wucht des Windes verdoppelt und die Levje erst auf die Seite legen und dann nach Südwesten in den Wind drehen lassen, weil alles, was vorher an Tuch richtig war, im nächsten Augenblick zuviel ist. Reffen und Ausreffen im schnellen Wechsel.


Plötzlich wird der Wind zur Tramontana, zum Kaltluftschwall der Nordadria, der wie aus einer Trillerpfeiffe mit anhaltenden 6 Windstärken kalt aus den Bergen aufs Wasser bricht. Auch hier vor Arran ist die Luft gefühlte 5 Grad kälter, der Wind bläst vor dem Kap zwischen den Inseln Arran und Bute zehn Minuten wie aus einem Föhn ohne Schwankung, die Böen sind plötzlich einem konstanten Kaltluftstrom gewichen, der aus Süden heranfaucht und Gischt mit 25 Knoten flach übers Vordeck jagt.

Weiter Kurs halten auf unser heutiges Ziel, den Hafen Ardrossan am Festland im Südosten? Ist bei diesem Südwind nicht drin. In Arran anlegen ganz im Norden der Insel in Lochranza? Der Name macht neugierig, es klingt mehr Italienisch als Schottisch, ein altes Castle gäbs da mitten in der Bucht und daneben ein Bojenfeld. Wenn der Wind dreht, ist das kein schöner Platz, also weiter um das Kap der Insel Bute herum nach Norden, in den Firth of Clyde hinein, an dessen nordöstlichen Ende, wo der River Clyde enger und enger wird, Glasgow liegt. 

Aus einem geplanten 4-Stunden Segeltag wird wieder mal ein 12 Stunden Tag. Und aus dem Gegenan ein „Platt-vor-dem-Wind“ gleiten. Die Landschaft wird kultivierter und städtischer. Die Nähe Glasgows, Schottlands zweitgrößter Stadt, ist am Festland zu spüren, die Kleinstädte an der Küste wie Fairlie oder Largs oder Greenock sind sternförmig mit Glasgow verbunden, und die Zahl der Marinas an der Küste nimmt spürbar zu. 


Doch so nahe sich Glasgow anfühlt, es dauert bis zum Abend, bis wir die JAMES-WATT-DOCK-MARINA in Greenock endlich vor uns haben. An kaum einem anderen Ort auf der Welt lässt sich die große Veränderung besser spüren, die die Welt in den letzten 30, 40 Jahren umgekrempelt hat, wie in Schottlands Marinas. Zahllose Marinas um Glasgow sind auf dem Gelände einstiger Schwerindustrie errichtet worden. Statt schwerem Schiffbau wird auf dem River Clyde nun Dienstleistung angeboten, die JAMES-WATT-DOCK-MARINA macht da keine Ausnahme, davon erzählt der gewaltige Kran, der die Werft weithin sichtbar überragt und unter dem die Einfahrt in den Hafen liegt. 

Mein nächster Post wird sich um die Marina drehen, die eine ideale Ausgangsbasis ist: Für Ausflüge nach Glasgow und Edinburgh. Aber auch für einen Blick hinüber in den Sonnenuntergang über der langen Halbinsel Kintyre nach einem langen, abenteuerlichen Tag.




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Soeben bei millemari. erschienen: 
Die Hörbücher AM BERG und STURM.
Jetzt kostenlos reinhören!



Kaum jemand segelt freiwillig raus bei Windstärke 8 oder 9 Beaufort. Hier berichten ganz normale Segler, die genau das erlebten, über ihre dramatischsten Stunden auf dem Meer. In Ostsee, Nordsee, Ijsselmeer und Mittelmeer. Über das, was sie richtig oder falsch gemacht haben. Und darüber, was in ihnen vorging, als sie unbeabsichtigt ihre Extremsituation zu meistern hatten. 
Mit diesem Hörbuch schrumpft die lange Fahrt am Morgen zum Boot beträchtlich!

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Soeben erschienen:





„Spannender als viele Romane!“. 
„Packender als so mancher Thriller“.

Die Bergretter sehen ihr Leben und das, was sie in den Bergen erleben, naturgemäß anders. „Ich hab eigentlich nichts zu erzählen“, antworten sie bescheiden, wenn man sie nach ihren Erlebnissen in den Bergen fragt. Aber schon nach wenigen Minuten ist klar, dass sie Geschichten erlebten, die das Leben dieser Männer und Frauen und der Geretteten für immer prägten. Hier kommt eine Sammlung ihrer spannendsten Geschichten – als Begleiter auf der Fahrt in die Berge. Oder als Gute-Nacht-Geschichte. Aber das müssen Sie selber rausfinden, wie gut Sie danach einschlafen. 

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PS: We care! Bergretter bezahlen ihre Ausrüstung, mit der sie auf Einsatz gehen, 
ausschließlich aus der eigenen Tasche. 
Mit dem Hörbuch unterstützen wir die Bergretter genauso wie mit dem Buch: 
Wir überweisen vom Nettoverlagserlös 25% an die Bergretter.




Von England nach Irland und Schottland (30): Tarbert und das Restaurant der Frauen.



Es war die rothaarige Schleusenwärtin auf dem Crinan-Canal gewesen, die den Ort Tarbert zum ersten Mal erwähnte. Und ihre Antwort auf die Frage, wo man denn abends guten Fisch bekäme. „Tarbert“, sagt sie. „Geht ins Starfish nach Tarbert. Das ist 2 Segelstunden südlich von hier, von der letzten Schleuse. Segelt einfach den Loch Fyne hinunter, und dann liegt Tarbert an Steuerbord.“ Und weil uns noch zwei weitere Schleusenwärter, junge Kerls an der Kurbel, um die Schleusentore zu schließen und das Wasser in die Kammern sprudeln zu lassen, dieselbe Antwort geben, segeln wir nach Tarbert.

Wir sind k.o. nach dem langen Tag in den Schleusen des Crinan-Canal, doch der Loch Fyne geht behutsam um mit uns. Heute jedenfalls ist das Segeln auf dem Loch Fyne wie ein Segelsonntag auf den bayrischen Seen. Ein milder West, der Levje über den wellenlosen See sachte, doch rasch schnüren lässt, bis eine Fähre den Loch quert und vor uns in einen schmalen Kanal zwischen den Hügeln einbiegt, sonst hätten wir fast die Einfahrt nach Tarbert verpasst. Vor der Marina liegen ein paar Bojen in einer hübschen Bucht, also flugs da angelegt und für den Abend hinübergerudert und um die Bucht gewandert. 


Tarbert? Hat alles, was ein vergessenes Hafenstädtchen ausmacht. Und die Schönheit des schottischen August. Die Burg. Den Schlick. Das leuchtende Grün der Hänge, bevor der nächste feine Sprühregen einsetzt. Den Geruch nach Meer, wo der zum Hotelschiff umgebaute dickbauchige Frachter wie eine Kröte vor der Pier hockt, wenn er nicht gerade zweimal täglich von der Flut sanft angehoben wird.


Am nächsten Tag stromern wir durch den Ort. Wie immer tun es mir die Buchhandlungen an, ich kann an Gedrucktem, Geschriebenem einfach nicht vorübergehen, ohne es zu lesen, und wenn es nur eine Zeile in einer Hauswand ist. Tarberts Buchhandlungen sind wie der Ort selber, sie scheinen übrig geblieben aus einer Zeit, als es zum Schreiben noch Papier und Stifte statt Tastaturen brauchte. Die Schreibutensilien gibt es immer noch. Und daneben zwei Regale mit Büchern über Inseln: THE VOICES OF ISLAY mit Geschichten derer, die zu Zeiten der alten Whiskybrenner noch lebten. THE ISLAND OF THE TIDES, SALT ON YOUR TONGUE. Und ein Buch über die Insel Aran, an der wir morgen entlangsegeln werden. Gedrucktes Fernweh, ein leises sich Stemmen der Bücher gegen die Myriadender Bilder, die sich aus Smartphones, Tablets, Fernsehern über die Welt ergießen.

Es ist spät, als wir dann ins STARFISH kommen, das Fischrestaurant, von dem nicht nur die Schleusenwärterin von Lochgilphead schwärmt. Das STARFISH ist nun wie der Eintritt in die moderne Welt. Makrelenpaste, steht an der Tafel über der Bar. Und Hummus. Und Jakobsmuscheln auf Kohlpüree mit Curry-Öl. Und jede Menge anderer Kombinationen aus heimischem Fisch und fernen Dingen, die so gar nicht passen mögen zum verschlafenen Tarbert oder der schottischen Küche.

Wo der Koch sein Handwerk lernte? Die Frauen, die das Restaurant betreiben, sehen alle aus, als kämen sie aus der Gegend. Nicht hipp, aber kernig. Als ich die Kellnerin frage, ob keine Männer hier arbeiten würden, sagt sie: Die würden gerade an der Bar warten, bis ihre Frauen mit der Arbeit fertig seien hier im Restaurant. Aber ich hätte richtig beobachtet: Das STARFISH wurde von Frauen gegründet. Und die stellten tatsächlich irgendwann fest, dass es einfach besser funktionieren würde, wenn sie unter sich blieben. Und alles so bliebe, wie es gerade ist. Tatsächlich gehen die Frauen untereinander nicht nur achtsam um, sondern auch mit den Gästen.

Vielleicht stimmt wieder einmal der alte Spruch: „Die Dinge müssen sich ändern, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.“ Am nächsten Tag will ich noch einmal ins STARFISH. Ich will rauskriegen, was die Geschichte des STARFISH ist und das Geheimnis der Frauen, die ihr Restaurant zu einem Erfolg machen an einem Ort, wo Verschlafenheit regiert. Doch am Nachmittag ziehen Südwest-Böen heran. Keine Chance, noch an Land zu kommen, wir bleiben, wo wir sind, wild schwingt Levje hin und her in den wütenden Schauern. Ich will weiter ins 8 Stunden entfernte Glasgow. Die Geschichte eines ungewöhnlichen Restaurants muss für diesmal ungeschrieben bleiben.








Die 28. Neuerscheinung bei millemari. Aus der Werkstatt: Vom Spaß, unvernünftig zu sein und einen Verlag zu gründen.

Vor fünf Jahren gründeten wir millemari.
Zum Jubiläum gibts jetzt millemari.s
allererste Neuerscheinung als Hörbuch
– gelesen vom schlechtesten Sprecher der Welt.




Ein verregnetes Wochenende vor zwei Jahren. Susanne Guidera, die mit mir drei Jahre zuvor den Verlag millemari. gegründet hatte, kam – typisch Frau! – vom samstäglichen City-Shopping mit einem guten Mikrofon und einer faltbare Sprecherkabine zurück ins Büro. Sie meinte, statt in den Regen zu schauen, könnten wir doch einfach mal ein Hörbuch aufnehmen. Als Text sollte das erste Buch dienen, das bei millemari. erschienen war.  Band Nr. 1. Das Buch, mit dem millemari. begonnen hatte 2014: EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE.

Die Tonspur, die bei dieser mehrtägigen Sitzung entstand, lag dann erst mal zwei Jahre rum. Keiner kam dazu, was draus zu machen. 

Aber bei Dingen, an die sie glaubt, besitzt Susanne die Zähigkeit des Terriers. Als Jacopo Moratto, ihr neuer italienischer Praktikant in ihr Büro schneite, witterte sie ihre Chance. Jacopo spricht kaum Deutsch, aber weil Jacopo davon träumt, in seiner Heimat Pop-Sänger zu werden, kennt er sich mit Tonspuren aus. Also verbrachte Jacopo seine Zeit damit, die alte Tonspur zu putzen und all die gesammelten Räusperer, Hüpfer, Schlucker und Giekser des wohl ungeeignetsten Sprechers der Welt aus unserer Aufnahme rauszupolieren. Doch statt von der Tätigkeit angeödet zu sein, weil er vom Inhalt so gut wie nichts verstand, war Jacopo fasziniert von der Art des Sprechers. Er putzte und schrubbte zwei Wochen unermüdlich, bis die Tonspur sauber war. Dann überraschte mich Susanne mit all dem und schickte mir das obenstehende Cover.

Warum ich das erzähle? Es sagt mehr als alles aus, warum wir machen, was wir machen. Weil wir wie beim Segeln lieber „Einfach machen und ausprobieren“ als vom perfekten Törn auf dem perfekten Boot zu träumen. Träume sind wichtig. Aufs Meer gehen, draußen unterwegs sein, ist noch wichtiger.

Und damit ist auch schon alles über den Inhalt meines Buches gesagt.

Danke, Susanne, für 5 spannende Jahre –
th.


PS: Ich würd ja jetzt gern in gutem Marketing-Deutsch was von LIMITED EDITION und so faseln. Politik und Marketing haben die Neigung zu Unwahrheit oder gar Lüge gemeinsam. Ich lass es also lieber. Und preise lieber den ungeeignetsten Sprecher der Welt an: 









Von England nach Irland und Schottland (29): Unterwegs auf dem Crinan-Kanal.






„Und wenn Ihr mit Eurem Schiff irgendwo aufsetzt: Kein Problem. Einfach anrufen!“, sagt die Schleusenwärterin an der Einfahrt in den Kanal. „Wir können jeden Abschnitt bei Bedarf fluten. Dann seid Ihr gleich wieder flott!“

Sie meint es gut mit mir. Dabei hatte ich sie bloß arglos gefragt, ob Levjes 2-Meter-Tiefgang ein Problem wären im Kanal. „Eigentlich nicht“, meinte sie, „bis 2,30 Meter geht immer. Mehr Tiefgang nur nach Anmeldung.“ Tröstlich zu wissen, dass ich die nächsten Stunden immer 30 Zentimeter unterm Kiel haben werde auf der etwa 8 Stunden langen Fahrt, die die 50 Kilometer lange Halbinsel Mull einmal quer durchschneidet.

Wie sich das anfühlt? Anfangs ein bisschen, als würde man über rohe Eier laufen, die jeden Moment unter den Füssen zerbrechen können. Aber kaum liegen die ersten beiden Schleusen hinter mir, bin ich wieder da, wo ich vor drei Jahrzehnten war: Beim Gefühl, hier auf einem Paddelboot entlangzufahren. Ein langsames Gleiten durch eine unbewegte Flusslandschaft. Mit jedem einzelnen Paddelschlag das Gefühl, ein störender Eindringling zu sein in dem tiefen Frieden, der über dem Fluss liegt. Auf seinen ersten Metern hinter den Schleusen von Crinan ist der Kanal nichts anderes als das, was ich einst auf der auf der Themse kurz vor Oxford oder auf der Loire fand: Ein friedliches Flüsschen, das sachte durch Hecken und Gesträuch kriecht – als gäbe es 50 Meter weiter entfernt kein wildes Meer, keine Strömungen, keinen Strom vor Corryvreckan.

Etwas flau ist mir anfangs schon in der 3-Meter tiefen Badewanne, sie ist eng zwischen den Sträuchern. Levje kommt mir vor wie ein Supertanker. Fragen nagen allerdings an meiner Behaglichkeit hinter dem Steuerrad. „Was mach ich,



wenn ich Levjes 11,30 Meter zwischen den Hecken drehen muss?“
Oder: „Was tu ich, wenn mir in der Enge um die Ecke ein Motorboot entgegenrauscht?“

Schnell husche ich nach unten. Da wo Leckstopfen und Signalraketen lagern, liegt auch Trump. Trump fährt seit Jahren auf Levje mit. Trump kann verdammt laut, lauter als alle, die ich kenne.




Und wenn Trump sich einmal bemerkbar macht, kann das keiner überhören. Trump ist unignorierbar, Trump ist ein Genie darin, unüberhörbar zu sein, solange, bis Gehör und Gehirn sich wund anfühlen. Das Beste: Trump „nutzt sich nicht ab“, „ist schwimmfähig“ und „rostet nicht“. Nur dass Trump umweltfreundlich ist, glaub ich noch nicht ganz.


Aber hier im praktischen Leben des Crinan-Kanals ist Trump nur bedingt eine Hilfe. Das merke ich gleichan der ersten Brücke. Sie ist zu. Und sie bleibt zu. Selbst nachdem ich dreimal kräftig in Trump gepustet habe, passiert eine Viertelstunde lang nichts. Trump verhallt einfach ungehört. Nur der schlappohrige Köter im Cottage am Ufer beginnt zu jaulen. Erst der Griff zum Smartphone bringt Bewegung in die Brücke vor uns. Ein Schleusenwärter kommt angefahren, packt seine wuchtige Kurbel aus und winscht die Brücke einfach auf zur Seite. Luxuriös, wenn das von hier ab so weitergeht auf dem 6 Seemeilen langen Kanal zwischen den Schleusen von Crinan und dem kleinen Städtchen Lochgilphead im Osten.

Sie ist mal beschaulich, die Fahrt durchs Schilf. Und dann sorgt sie wieder für erhabenen Weitblick. Das Meer, über das wir eben noch fuhren, liegt jetzt 25 Höhenmeter unter uns.


Wie die Bergwanderer werden wir belohnt mit – ja: Fernsicht. Und Weitblick. 

Als knackig sind dann doch die 16 Schleusen, die man auf dem langen Weg erst rauf über die Anhöhen der Halbinsel Mull, dann wieder runter zu bewältigen hat. Denn sooooo luxuriös, wie wir noch an der Drehbrücke dachten, ist das alles nicht, denn ab dort sind wir auf uns allein gestellt.



Drei Mann auf einem Boot sind gerade richtig, um in der Schleuse zurechtzukommen. Zwei Mann, um die Leinen des Bootes in der Schleuse zu bedienen und dafür zu sorgen, dass das Boot im rauschenden Torfwassersprudel in der Schleuse nicht hilflos vertreibt. Und ein Mann, der am Schleusentor fürs Leeren und Füllen der Schleusenkammern per Kurbel zuständig ist.

Sven übernimmt das für uns. Aber irgendwann sind wir so eingespielt, dass Sven gar nicht mehr an Bord kommt, sondern am Land den Stress mit den Schleusentore übernimmt.


Denn neben dem Bedienen der großen Kurbel fürs Leeren und Füllen ist vor allem das Öffnen und Schließen der wuchtigen Schleusentore an den langen Balkenauslegern Sklavenarbeit. Das kostet mächtig Kraft, die langen Hebelarme  im Viertelkreis zu bewegen. Schon bald bleibt Sven nur noch an Land, rennt nach hinten, um die Tore wieder zu schließen,  sobald wir draußen sind. Und spurtet dann voraus zur nächsten Kammer, um mit einem von der Straße weg requirierten Fahrradfahrer die Schleusentore aufzuwuchten. Die langen schwarzen Hebeldinger habens in sich und sorgen dafür, dass der trainierte Bergfex Sven am Abend müde auf die Koje sinken wird..


Nein. Allein mit den langen Hebeln wäre der Einhandsegler hoffnungslos überfordert. Spätestens an einer der Schleusen im hinteren Drittel denke ich an Susanne Radlach, die Einhandseglerin, die sich einhand mit ihrer Segelyacht MISTRAL über 300 solcher Schleusen (in Worten: Dreihundert!!!) einen halben Sommer vom Rhein bis zur Rhone ins Mittelmeer geschleust hatte. „Nein“, hatte Susanne Radlach unschuldig erzählt, als wir uns in einer Bucht auf Menorca letztes Jahr begegneten, „ich hab die Fahrt über die Schleusen genossen“. Dabei sah ich in Port du Rhone schon Skipper weinen, die nach 300 Schleusen so erledigt waren, dass sie den Traum von der großen Segelreise einfach in den Wind schlugen und entnervt nach Hause reisten. 


Aber anstrengend ist das mit den Schleusen allemal. Als wir aus der letzten Schleuse in Lochguilphead von der Höhe ein letztes Mal hinunterschauen aufs offene Meer, spüre auch ich die Anstrengung des Tages.

Am Ende meines Tages durch den Crinan-Kanal – und es gibt vier solcher für Segelyachten schiffbarer Kanäle durch Schottland – ziehe ich mein Fazit:
Es ist tatsächlich eine enorme Zeitersparnis, diese Abkürzung „über Land“ zu nehmen. Mit diesen 6 Seemeilen erspart man sich 100 Seemeilen um die Halbinsel Mull herum. 
Doch ich war froh um zwei Mann Begleitung, einhand wäre das gleichzeitige Schleusenbedienen, Leinenarbeit und Boot bewegen nur umständlich und zeitraubend machbar gewesen. Ich wäre in der Schleuse zum Verkehrshindernis für andere geworden. 
Die Warterei hat auch ihr Gutes: In der Enge der Schleusenkammer kommt man sich näher. Ein Plausch mit der rothaarigen Schleusenwärterin über ihr Leben als Mutter und Schleusenwärterin. Ein „Woher? Wohin?“mit dem schottischen Nachbarskipper – wie immer im Leben schafft Mühsal Gemeinsamkeit und Vertrautheit, die man so selbst im Hafen selten findet.

Manche der Schleusentore sind technisch in schlechtem Zustand – und nicht nur die, die die Jahreszahl 18-Hundertirgendwas tragen. Sie allein zu bewegen, ist gelegentlich unmöglich. Allerdings bieten jüngere „Pilots“ an Schleusen ihre Dienste an. Zum ohnehin nicht günstigen Preis von 160 Pfund für die einfache (!) Fahrt, für die wir 8 Stunden brauchten, kommen dann noch Entlohnung für die Pilots dazu.
Fazit: Wie schon der Kanal von Korinth ist auch der Crinan Kanal ein Vergnügen – wenngleich es seinen Preis hat.

Doch ich habe den Tag binnen sehr genossen. Nicht zuletzt wegen der Fernsicht. Und des Paddelboot-Feelings.