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Hitzefrei

Mehr als 6 Wochen sind seit dem letzten Beitrag vergangen und bis zum nächsten wird es vermutlich wieder so lange dauern, denn seit es wieder warm ist, nutze ich praktisch jede Gelegenheit, um an Bord zu arbeiten. Für alles andere bleibt kaum Zeit.
Was ich in den letzten Wochen alles geschafft habe, kann ich hier kaum aufzählen. Viel Sisyphusarbeit war jedenfalls darunter, von der man am Ende kaum noch etwas sieht. Zum Beispiel bei den Holzteilen im Flur, so nennen wir mittlerweile den Durchgang an Steuerbord unterm Cockpit. Diesen Raum zu restaurieren hat wesentlich länger gedauert als ursprünglich gedacht. Das lag vor allem an den vielen maroden Holzteilen, die durch den undichten Gaskasten über Jahre gelitten haben.
Manches hatte kaum noch Substanz und es gab Ecken, da waren tatsächlich mehrere Zentimeter Holz einfach weg!
Ursprünglich hatte ich nicht gedacht, dass man in dem Bereich überhaupt noch restaurieren kann, aber diverse Projekte von professionellen Restaurateuren haben mich dann ermutigt, es zu versuchen.
Austauschen wäre zwar günstiger und schneller, doch der Charakter des Oldtimers würde dadurch verloren gehen. Jede Macke, jeder Kratzer erzählt eine Geschichte. Und man stelle sich einmal vor, man würde in einem Schiff alle 20 oder 30 Jahre die Einrichtung gegen das tauschen, was man heute als modern erachtet. All die Klassiker gingen dabei verloren.
Morgenstern ist eben ein Oldtimer und soll es auch bleiben. Natürlich wird an einigen Stellen auch modernste Technik Einzug halten, aber der Charakter soll dabei so weit wie möglich erhalten bleiben.

Und so habe ich im Winter damit begonnen diverse Mahagoni Furniere zu besorgen und das Restaurieren von Massivholz und Furnier zu versuchen. Die Lernkurve war echt flach, das kann ich euch sagen. Die Bereiche, die ich ganz am Anfang restauriert habe, sind aus jetziger Sicht nicht besonders hübsch geworden, aber mittlerweile funktioniert es so gut, dass ich die ausgetauschten Stellen selbst manchmal kaum noch finden kann.
Auch das Herstellen von Mahagoni-Sperrholz klappt nun ziemlich gut. Das musste ich machen, da es praktisch unmöglich ist, in einer Holzhandlung ein Sperrholz zu finden, das exakt zum knapp 5 Jahrzehnte alten Holz passt, welches auf Morgenstern verbaut ist. Wenn man ganz genau hinschaut, gibt es selbst an Bord leicht unterschiedliche Maserungen und Farbtöne. Mahagoni wird über die Jahre unter UV-Licht etwas heller und so muss nicht nur die Maserung passen, will man neben einem vorhandenen Stück Holz mit etwas neuem anschließen, sondern auch der Farbton. Also musste praktisch für jedes Neuteil Furnier individuell ausgesucht und gebeizt werden, oft mit Teststücken vorab und an manchen Stellen auch mit einer Art Verlauf.
Das hat dazu geführt, dass ich mit einigen Holzteilen mehrere Wochen beschäftigt war, um ihnen zu neuem Glanz zu verhelfen, ohne den Charakter zu zerstören.

Ich zeige ganz bewusst noch keine Fotos vom Flur, denn noch ist er nicht ganz fertig. Es fehlen ein paar Randleisten und der Boden muss noch gemacht werden. Das hat jedoch gerade keine Priorität, denn momentan arbeite ich überwiegend an Deck.
Dort gibt es unzählige Minibaustellen, die alle vor dem Herbst fertig sein müssen. Ziel ist es, keine einzige Roststelle in den nächsten Winter mitzunehmen und ein, von außen, erstklassiges Schiff im Hafen liegen zu haben!
Auch dieses Projekt besteht überwiegend aus Arbeit, von der man später nichts mehr sehen wird, denn die meisten Roststellen sind so winzig, dass ich manchmal auf dem Bauch liegend mit einem Minifräser daran feile. Es handelt sich dabei um Stellen, an denen mal etwas fallen gelassen wurde, oder wo sich mal ein Steinchen unterm Schuh in den Lack gedrückt hat. Schäden, die man auf fast keinem Foto sieht, die aber gemacht werden müssen, damit sie nicht eines Tages größer werden, so wie es hier und da über die Jahre bereits passiert ist.
Mehrere Hundert einzelne Baustellen sind das, von denen aktuell ca. die Hälfte geschafft ist, auch, weil Sabrina mich in ihrem Urlaub Anfang Juni tatkräftig beim Fräsen und dem anschließenden Farbaufbau unterstützt hat.
Statt an Deck in der Sonne zu liegen, haben wir Akkuladung für Akkuladung in Fräsarbeit umgesetzt. Spaß hat das trotzdem gemacht, denn wenn man sieht, wie das Schiff jeden Tag ein winziges Stück hübscher wird, dann ist das eine erstklassige Belohnung.
Noch dazu lagen wir während dieser Zeit einige Tage vor Anker und haben auch die ein oder andere Fahrt im See unternommen. Wir waren oft mit Filou im Schlauchboot unterwegs und das klappt mittlerweile wunderbar. Filou liebt das Schlauchbootfahren so sehr, dass er auf der Rückfahrt vom Gassigehen oft darin einschläft und nach der Fahrt manchmal gar nicht mehr raus will. Auch das Leben mit ihm an Bord ist einfach nur schön.

Sabrina hat diese Zeit Anfang Juni neben der vielen Bastelei noch genutzt, um ein wenig vertrauter mit Morgenstern zu werden. Für mich ist das Fahren mit dem Boot und alles was damit zu tun hat durch die langen Einhandfahrten selbstverständlich geworden, Sabrina hat allerdings bis vor wenigen Tagen noch kein einziges Mal mit Morgenstern An- oder Abgelegt! Es gab schlicht keine Gelegenheit bisher. In Griechenland war sie nur kurz an Bord, in Wesel saßen wir monatelang wegen Niedrigwasser auf Grund und in Rees hatten wir bisher andere Dinge zu tun.

Am 14. Juni war es aber endlich soweit und nach dem Briefing kam ein nervöses „Leinen los!“
Dann Ablegen, raus aus dem Hafen und erst mal durchatmen.
Ich weiß noch, wie nervös ich selbst war, als ich vor 2 Jahren in Kilada zum ersten Mal an Bord ging und das Boot Einhand aus der Box an den Ankerplatz fahren musste. Von daher konnte ich mich gut in Sabrina hineinversetzen.
Wir haben fast den ganzen Tag auf dem See geübt. Wenden auf engem Raum, Aufstoppen, Rückwärts fahren, Ankern, einfach mal treiben lassen, damit Sabrina ein Gefühl dafür bekommen konnte, wie sich das Schiff verhält, wie die Lateralfläche wirkt und welche Masse bewegt werden muss.
Am Anfang des Tages hatte sie echt Bammel vor Morgenstern, am Ende des Tages kam ein: „Macht richtig Spaß!“
Am nächsten Tag stand An- und Ablegen auf dem Übungsplan. Es klappte so gut, dass Sabrina am Nachmittag auch mal eine kleine Einhandfahrt unternehmen wollte. Auch für mich ein schönes Erlebnis, das Schiff, mit dem ich so lange unterwegs war, einmal selbst vom Steg aus vorbeifahren zu sehen.

Sabrina allein unterwegs.

Also: Es läuft, es geht vorwärts, nur komme ich genau deshalb jetzt im Sommer einfach nicht zum Schreiben. Außer heute, heute ist es echt zu heiß, um an Deck zu arbeiten. Deshalb wird heute geschrieben!

Hier noch eine kleine Fotoauswahl der letzten Wochen:

Traumtag in Blau!

Für alles gibt es ein erstes Mal. Und dieses Mal sollte es der Genanker sein, der wohl schon seit Jahren kein Tageslicht mehr gesehen hatte. Zumindest sagte mir der Vorbesitzer,  er habe ihn nie benutzt. Ein bisschen aufgepäppelt mit neuen Schoten und einer neuen Talje, plusterte er sich vor der griechischen Insel Kastellorizo auf – natürlich in den griechischen Nationalfarben. Aber natürlich auch passend zu „Brambusch macht blau“!

Von England nach Schottland und Irland (4): Das Meer. Der Fluss. Die Seerobbe.

Meine diesjährige Segelreise wird mich von Juni an 
die englische Südküste nach Westen und von dort nach Irland führen. 
Spielt das Wetter mit, will ich weiter nach Norden.
In meinem vorletzten Post beschrieb ich einen der typischen Stürme am Start meiner Reise. Und heute: Eine Fahrt ins Landesinnere. Mal anders als mit dem Auto.


Dartmouth im Regen. Spitzgieblige Tudorhäuser und ein bulliger normannischer Kirchturm grüßen durchs triefende Grau. Wo der Fluss hinter der Felseneinfahrt breiter wird und Anleger für die Fähren vom einen Flussufer zum anderen sind, haben wir am Vortag Dartmouth passiert und ein Stück oberhalb im Fluss an einer Boje festgemacht. Weil es immer noch regnet, weil der Tag grau ist, beschließen Sven und ich, an diesem Regenvormittag nicht hinaus aufs Meer zu fahren, sondern die Flut zu nutzen und uns auf Levje 15 Kilometer ins Landesinnere zu fahren, um die Hügel mal von innen anzusehen. 

Am Oberlauf hat der Fluss eine Fahrrinne von etwas mehr als Levjes Tiefgang, etwa 2,50-3,00 Meter.   Aber nur, wenn die Flut kommt. Bei Ebbe ist da zweimal am Tag 2,50 Meter weniger – also nichts mehr. Und nichts, worüber man ein Schiff wie Levje mit zwei Meter Tiefgang bewegen könnte. Sven, der mich auf den ersten Tagen von Hayling Island bis nach Plymouth begleitet, hat für unsere Flussfahrt durch den Niedrigwasser-Fluss eine Beruhigspille verteilt: „Wir fahren auf alle Fälle bei steigendem Wasser los. Wenn wir irgendwo aufsetzen, spült uns das steigende Wasser auf alle Fälle wieder frei.“

Das klingt doch schon mal tröstlich. Ich Dämel wäre ja bei Hochwasser den Fluss hinaufgefahren, im scheinbar sicheren Gefühl, dann auf jeden Fall sicher über jede Barre und jedes Hindernis hinwegzukommen. Aber Svens Idee ist weit besser. Ich erinnere mich: Vor Jahren war ich in die Lagunen von Lignano in der Nordadria bei Hochwasser gefahren, anfangs mit dem guten Gefühl, über jede Sandbank drüberzurutschen. Nur um irgendwann bei fallendem Wasser festzustellen, dass ich plötzlich in einer Pfütze voll Wasser festsaß und vor mir oder hinter mir nichts mehr ging, weil das Wasser fast weg war. Damals blieb mir nichts anderes, als brav 12 Stunden in meiner Schlickkuhle voller Wasser zu warten und angstvoll jedem Schlauchboot entgegenzustarren, das mit enormem Wellenschlag verständnislos, wieso wir eigentlich nicht führen, an uns vorbeibretterte. 

Das Meer ist das Meer. Und ein Fluss ist ein Fluss. Oft zieht sich nach Flussmündungen noch meilenweit das Meer ins Landesinnere. Mit Werften, mit Kränen, mit großen Schiffen und Liegeplätzen, die weit im Hinterland liegen. Der Tamar von Plymouth ist so ein Fluss, die größte britische Flottenbasis liegt fünf Kilometer landeinwärts. Die Ria de Aveiro in Portugal. Doch hier auf dem Dart ist keinen Kilometer hinter Dartmouth Schluss mit dem Meer. Man bekommt: Sightseeing in tiefster Countrysite, vom Bootsdeck aus.

Wieder einmal begreife ich während der Flussfahrt den Dart hinauf, dass ein Buch über das Auenland und einen Hobbit nur in diesem Land geschrieben werden konnte. Vielleicht ist es der Anblick der reetgedeckten Häuser? Vielleicht ihre stille Ansage, dass die Welt ein gar so schlechter Ort nicht sein kann, wann nur der Rückzug in die eigenen vier Wände ein gelungener ist. Was brauchts schon mehr 


als ein efeuüberwuchertes Bootshaus und ein kleines Segelboot vorm Haus? Oder der Anblick von Dittisham, des kleinen Ortes am Dart unter den Hängen, vor dem wir an einer Boje die Nacht verbrachten.


Weiße Puschel sprenkeln die Hänge hinauf, Schafe. Die im Wasser vertäuten Kleinkreuzer werden weniger, je weiter wir uns von der Küste entfernen. Das Land ist Farmland, von Hecken und Bäumen gesäumte ordentliche Quadrate.

Die Stille ist anders über dem Fluss. Es fehlt alles Laute. Als ich darüber nachdenke, woran das liegen könnte, dämmert mir: Auf dem Dart fehlen die motorisierten Schlauchboote. Nicht ein einziges begegnet uns. Vielleicht ist es meine Prägung vom Mittelmeer, dort wäre es anders, in den Lagunen von Venedig oder Grado. Da wären auf einem Fluss wie dem Dart PS-starke Schlauchboote unterwegs, würden  schneidig die Kurven nehmen wie auf einer Rennbahn. Hier aber fehlt es ganz, das manchmal liebenswerte, manchmal nervige „Ich mache Lärm. Also bin ich“, das mir aus den Ländern im Mittelmeer so vertraut ist. Über dem Fluss wohnt Stille, je weiter wir hineinfahren ins Landesinnere. Ein Reiher stakst am Ufer. 


Vor den tiefgrünen Hängen noch ein Boot mit einem Namen, der seinen vorbeifahrenden Leser mit einer positiven Message in die Welt weiterziehen lässt. HOPEFUL. Wo eine Nachricht meist nur noch eine Nachricht ist, wenn mindestens Katastrophe, Schicksal oder Niedertracht darin vorkommen, ist das doch mal eine Botschaft an die Welt.

Der Fluss ist braun, fast unbewegt, das Niedrigwasser legt Totholz frei im Uferschlick. Dann kommt uns doch ein Motorboot entgegen, aber seinem Skipper geht es nicht um Speed oder Lärm, nein, nur um die Message, die er auf seinem Handy betrachtet, während er sein Gefährt führerlos den Fluss hinaufziehen lässt. Als hätte er alle Zeit der Welt.


Und kaum ist er vorbei, ist sie schon wieder da, die Stille, der tiefe Frieden über dem Fluss.


Das Meer ist das Meer. Und ein Fluss ist ein Fluss. Plötzlich sind wir tief im Farmland, und nichts und niemand bis auf ein paar Segler scheint noch etwas mit dem Meer am Hut zu haben. Farmhäuser am Ufer, aber keine Fischer, die Menschen landeinwärts leben irgendwie abgewandt vom Meer, ich sehe nirgends Netze nirgends die kleinen Boote von Fischern, um das artenreiche Brackwasser abzufischen, in dem sich Süß- oder Salzwasserfische gleichermaßen tummeln. Nein, wir sind tief im 

Land, und würde nicht Levjes Diesel mächtig sein Brummeln hören lassen, dann hätte ich das Gefühl, ich wäre auf einer Paddelboottour unterwegs. Vom Ufer her das Motoren eines Traktors der oben neben dem Schloss die Obstplantage beackert.



Bis zur Brücke von Totnes geht unsere Reise. Und auch die kann man nur erreichen, wenn die Gezeiten zweimal am Tag den Fluss auf über 2,50 Meter Wassertiefe ansteigen lassen. Fast wollte ich sagen: „In Totnes hat die Stadt uns wieder“, angesichts der vielen Yachten, die aufgepallt am Ufer 


stehen und des lebhaften Fußgängerverkehrs auf der Brücke. Doch sonst ist nicht viel los, eine alte Dame, die ihren stolzen Chihuahua im Park am Fluss spazierenführt. 

Ich habe das Gefühl allein auf dem Fluss unter wegs zu sein. Aber meist ist das mit dem Alleinsein ja eh eine Illusion. Während der Fluss noch am Steigen ist, während ich versuche, Levjes zwei Meter Bleikiel an Sandbänken und Schlickinseln vorbeizuzirkeln, kommt uns in den engen Windungen ein Ausflugsdampfer entgegen, ein Flussschiff auf dem Weg ins Auenland mit dem verwegen anmutenden Namen DARTMOUTH EXPLORER.



Wie war das jetzt noch gleich in England mit dem Linksverkehr? Gilt der auch auf dem Wasser? Muss ich jetzt links an dem Dampfer vorbei oder rechts? Der Fluss ist eng. Nach innen wirds sicher flacher, viel zu flach für Levjes zwei Meter. Es wäre blöd, Levjes Kiel jetzt unabsichtlich in den Schlick reinzurammen. Ich komme ich ins Schwitzen. Aber der Skipper der DARTMOUTH EXPLORER nimmt es gelassen, er bleibt ganz links außen im Fahrwasser, na klar gelten auf dem Wasser  die internationalen Kollisionsverhütungsregeln und damit der Rechtsverkehr. Man sollte sich nicht kirremachen lassen in diesem Land, in dem sie einfach alle trotzig auf der falschen Straßenseite fahren und auch noch stolz darauf sind. 

Der Skipper hat mir jedenfalls mit seinem Ruderlegen meinen Weg gewiesen, vielleicht weiß er auch, dass ich mit Levje tieferes Fahrwasser brauche als er. Als wir uns begegnen, danke ich ihm lange mit erhobener Hand hoch zu seiner Brücke. 


Und dann ist da etwas reglos im Flusswasser. Ein Lebewesen? Ein treibender toter Holzpfosten, dessen Spitze aus dem Wasser ragt? Erst denke ich an eine Bisamratte, die lieben doch die braunen Flüsse. Doch dann erkenne ich die langen Barthaare an der Spitze des sich sonnenden Tieres. Na klar, die Schnauze einer Seerobbe! Von dem sich nähernden Boot lässt sie sich nicht drausbringen, gemächlich geht sie von ihrem aufrechten Sonnenbad im Fluss in ebenso gemächliches Schwimmen über, die Schnauze, die Flossen, der lange glänzende Körper: Eine Seerobbe bewohnt den Dart, sie scheint den Fischreichtum zu schätzen. Und wenigstens sie nimmt es nicht so genau mit „Das Meer ist das Meer. Und ein Fluss ist ein Fluss.“

Und jetzt? Gehts wieder raus aufs Meer.



Bleiben oder weiterfahren?

Mi., 19.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1844, 17.889 sm von HH

Bevor wir in den Tuamotus angekommen sind, hatte ich heimlich die Befürchtungen, dass es auf diesen kleinen Inselchen etwas langweilig werden könnte.
Was für ein Irrtum. Wir sind jetzt seit über fünf Wochen hier und haben es bisher nicht mal geschafft in den Süden von Hao zu radeln. Es gibt jeden Tag was zu tun.
Zum einen hält uns der Französisch-Unterricht auf Trapp. Über die Lernkurve schweige ich mich diskret aus, aber wir wirken zumindest geschäftig.

Zum anderen liegt auf der anderen Seite der Pier unser Hausriff. Ein paar Schritte und wir haben einen einfachen Tauchplatz vor der Maske, der ohne Guide betauchbar ist. Genau das richtige, um die Ausrüstung zu checken und uns warm zu tauchen. Ungeduldig warten wir auf Alexi, dass er uns zum Tauchen am Pass mitnimmt. Alexi betreibt einen Tauch-„Verein“ auf Hao und nach seiner Auskunft warten am Pass zehntausende Fische und so viele Haie, dass einem das Adrenalin aus den Ohren läuft.
Als das Wetter noch ruhig war, ist Alexi auf Tahiti gewesen und jetzt verlässt er bald die Insel, da die Lehrer- auslaufen werden. Ein paar Tage bleiben noch, wir hoffen weiterhin.

Oktopus am Hausriff – kein Unterwasserfoto

 

 

Die Lagune bei ruhigem Wetter – leider seit 14 Tagen vorbei

Außerdem ist schon wieder ein Fest in Vorbereitungen. An der Hauptpier, wo das Versorgungsschiff fest macht, werden seit drei Wochen Hütten aufgebaut. Dort soll es etwas zu essen geben und angeblich werden Billiard-Tische aufgebaut.
Allabendlich hört man Trommeln schlagen. Direkt in unserer kleinen Marina trifft sich eine Tanzgruppe und übt ihre Choreografie ein. Zunächst wurde mit Musik vom Band trainiert, aber jetzt rücken kurz vor Sonnenuntergang auch die Trommler und Ukulelen-Spieler an.
Unter den knappen Anweisungen einer strengen Tanzlehrerin wird fleißig geübt bis es dunkel ist.

 

Tanz-Training vor der Haustür

Die Kombo kommt auch jeden Abend zum Üben

 

Das sieht schon alles ganz vielversprechend aus

Die Tage zerrinnen wie Sand in den Händen. Verpassen wir andere Inseln, wenn wir zu lange auf Hao bleiben? Sollen wir bleiben oder sollen wir fahren? Wir hören von anderen Atollen: „so beautyful – amazing – such a lovely place – breath taking – ein-musst-du gesehen-haben-Ort“.
Wir diskutieren, wir wiegen ab und – wir bleiben. :-) Es gefällt uns auf Hao. Wir haben unser Paradies gefunden. Eine atemraubende Schönheit ist es nicht, aber wir genießen es, jederzeit an Land zu können. Erwin ist weg und die schlimmsten Sünder im Hafen ebenfalls oder sie haben umgeparkt. Wir fahren bis zu dreimal täglich mit dem Rad in den Ort. Wir kennen unsere einheimischen Nachbarn. Halten mit Dorothea und ihrem Bruder ein Schwätzchen in einem Drei-Sprachen-Kauderwelsch und die Oma des Hauses wäscht unsere Wäsche.
Und man kennt uns. Kinder, die am Hafen mit uns ihre Englisch-Kenntnisse ausprobiert haben, rufen meinen Namen, wenn ich an ihnen vorbei fahre. Und über Achim, den langen Kerl auf seinem knallroten Mini-Velo, lachen sie sich kaputt.
Und ein wenig hoffen wir das Gleiche, wie Tanja Blixen in ‚Jenseits von Afrika‘: „[…] zittert die Luft über der Steppe jemals in einer Farbe, die ich an mir hatte, spielen die Kinder ein Spiel, in dem mein Name vorkommt, wirft der Vollmond einen Schatten, der dem meinen gleicht […]?“
Wir hatten keine Farm in Afrika, aber wir hatten ein Boot auf Hao.
Wird der Vollmond einen Schatten werfen, der dem langen Lulatsch auf seinem Fahrrad gleicht? :lol:

Neue Lieblingsinseln: Azoren

Liebe Leser, kaum angekommen in Horta auf Faial hatten wir erstmal eine ganze Menge zu tun, um das Schiff für Catis Rückkehr herzurichten. Das Deck und Segel wollten gründlich entsalzt werden, Wäsche und Polsterbezüge gewaschen (da ebenfalls salzig …) und…

SV Asteria – Tapio Lehtinen FIN

RENDEVOUS RENDSBURG – FORMEL EINS SERVICE STOP

RendevousRendsburg

Curacao erreicht

{Time:22:00:00}
{Date:20190617}
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Tango tanzen ist einfacher als Kite Boarding

Es ist wie ein Lebensabschnitt. Es ist wie nach Hause kommen. RatterRatterRatter…. Der Anker fällt in die Lagune von Spanish Waters. Wieder Dinghy ins Wasser, Segelsack zu, Leinen klarieren. Es ist auch für Mitsegler Diego nach ein paar Tagen schon Routine. Der Spanier, der der Zwillingsbruder von meinem alten spanischen Freund Agustin sein könnte, hat eine Entscheidung gefällt. „In 12 Monaten komme ich hier auf eigenem Kiel hin! Oder besser gesagt. Auf 2 Kielen.“ Die Fahrt mit der MARLIN hat dem 40 Jahre jungen Andalusier aus Sevilla so gut gefallen, dass er sich einen Katamaran kaufen will. Geld hat er anscheinend genug. Schön für ihn.

Seit Cayo de Aqua bin ich nicht mehr zum Schreiben des Blogs gekommen. Auch wenn Diego sehr marines Blut hat und hoch motiviert ist, so haben die paar Tage auf der MARLIN noch nicht dazu gereicht, dass ich mich einfach schlafen legen kann. Die knapp 140 Meilen nach Curaçao unterbrechen wir mit einem Besuch von Klein Curaçao. Wir kommen am Mittag an und kaum haben wir die Mouring Leine aufgenommen geht es auch schon an den traumhaften Türkisen Strand. Nicht ohne zwei Kites! Oha! Ich habe ordentlich Respekt vor diesem Platz. 2013 ist Johann hier gekitet. Hat sehr schön ausgesehen. Ist auch ein genialer Kite Platz. Allerdings: 90° Ablandiger Wind mit 20-25 Knoten Wind. Wenn da was schief geht dann ist man schnell alleine auf dem Meer und kommt nicht mehr an Land zurück sondern treibt schnell Richtung Kolumbien. Es gibt auch keine anderen Kiter oder Schule oder sonst was. Also: Nix für Wnuk.

Das sieht Diego anders. „Komm. Du kannst das.“ Ich muss an Lottes Worte denken. „Wenn keiner da ist um Dich zu retten, wirst Du automatisch Höhe laufen. Schon alleine weil Du Schiss hast.“ Kaum auf dem Wasser ist es genau so. Ich scheiß mir in die Hose, lehn mich zurück, kannte das Bord an und schwupps bin ich am Strand. Geht doch. Vor allen Dingen nach rechts. Komisch. Warum nach links nicht so? Diego nimmt mich in den Arm. „Super. Du bist jetzt Pro!“ Die nächste zwei Stunden benutze ich Muskeln, von deren Existenz ich bisher noch nichts wusste. Ab 16 Uhr verlassen die Ausflugsschiffe die Insel und wir haben das Island komplett für uns alleine. So was von Geil. CREW 57 Nike Steiger wird hier übrigens auch vorbeikommen. Gegen den Wind. Damit es nicht langweilig wird.

Mit der LunaWLANnet und der App Wifi Map Pro habe ich innerhalb von Minuten ein Internetzugang. Nach zwei Wochen ohne Internet ist das wie Weihnachten. Ich schalte erst einmal alle Updates frei für die kommende Nacht. Lass mal rödeln. Weiter geht es in Pirates Nest. Diego will mich zum Wein einladen. An der Theke sitzen und ein einen Heben. Das ist genau, was ich heute dringend benötige. Morgen einklarieren, Telefonkarte und Ankommen in meiner neuen Wahlheimat für die Hurrican Season 2019.


Mitsegeln auf der MARLIN!

CREW 57 Nike Steiger segelt die MARLIN gegen den Wind ins Paradies
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Wenn voll, dann voll – Part two

Fr., 14.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1839, 17.889 sm von HH
Der Platz, an dem die Fischer bei starkem Südwind ihr Boot festmachen, ist jetzt von einem französischen Einhandsegler besetzt. Ob die Mooring noch in Ordnung ist, wissen die Fischer nicht genau, daher binden sie ihr Boot zusätzlich an Bäumen fest. Der junge Mann liegt genau in Schussrichtung von Vanessa und Nicky. Beide Damen statten dem Franzosen einen Besuch ab und bitten ihn, die Mooring zu kontrollieren und zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. „Kiss my Hintern“, lässt er beide Frauen fühlen. :evil:
Unser deutscher Freund, nennen wir ihn Erwin, hat in der Zwischenzeit ein zweites Schiff ins Päckchen genommen. Die Dreier-Gruppe kommt nun dem Franzosen an der wackeligen Mooring so nah, dass der vorsichtig ausmisst, ob der Platz für ihn überhaupt noch ausreichend ist, falls er sich drehen sollte. Wenn ein Franzose am Anker Angst bekommt, dann weißt du, dass du Mist gebaut hast. Der Hafen gibt es jetzt zwei Gruppen: die Gleichgültigen: „Come over, here is plenty of room“ und die Vorsichtigen. Wobei letztere Gruppe deutlich kleiner ist.
Erwin gehört zu den Gleichgültigen. Erwin trifft auf der Pier auf Achim. Es wurde zu einem lockeren Treffen für alle Crews aufgerufen. In kleinen Grüppchen stehen wir Segler beieinander und plauschen. Erwin ist irgendwie auf Krawall gebürstet beginnt mit Achim sofort den Wettkampf ‚wer von uns hat die dicksten Eier?‘: mein schweres Schiff, mein Edelstahlanker, meine Antarktis-Reise und meine harten Erfahrungen: „ja, ja, 40 Knoten Wind, kennt man ja…“. Die Themen wechseln schnell, Erwin hat zu allem etwas Großes beizusteuern. Achim lässt sich nicht (zumindest kaum :mrgreen: ) auf dieses Spielchen ein. Erwin lässt nicht locker. Mir, als stumme Beobachterin, kommt es so vor, als suche er gezielt nach einem Thema, was Achim hochbringt. Man kann die Antipathie zwischen den beiden förmlich greifen. Der volle Hafen bietet sich für Erwin als provokantes Thema an.
Achim berichtet, dass wir am Anfang nur mit zwei bis vier Schiffen hier gelegen haben und es zu dem Zeitpunkt sowohl schöner, als auch sicherer fanden. „Ihr seid schon seit vier Wochen hier? Vielleicht sollte man mal mit dem Bürgermeister sprechen und alle Schiffe nach einem Monat raus schmeißen lassen. “ Achim bleibt ruhig. Erwin versucht es mit den im Päckchen liegenden Schiffen: „Die anderen zwei Boote an der Pier auf meiner Seite wollten niemanden ins Päckchen nehmen. Für mich kein Problem.“ „Für dich vielleicht nicht, aber für den Franzosen neben Dir schon. Ich würde auch nur im Notfall jemanden ins Päckchen nehmen.“ „Was bist du denn für einer. Das gehört sich so.“ Mir wachsen schon vom Zuhören Wutpilze im Gesicht – Achim bleibt ruhig. Er ist dabei seine Meinung zu begründen (neben uns liegt ja der Engländer, der in jedem Fall ein Schiff, was bei uns längsseits ginge, weghauen würde), da wechselt Erwin erneut das Thema: „Und wie haltet ihr es mit eurem Schwarzwassertank? Ich habe ja eine Vakuumanlage. Da kann ich sieben Tage mein Schmutzwasser sammeln.“ Er guckt lauernd. Die Entsorgung der Fäkalien ist in jeder Bucht ein brisantes Thema. Achim steigt aus: „Schön für dich, dass du so eine Anlage hast. Mit dir möchte ich mich nicht mehr unterhalten. Das ist Zeitverschwendung für mich.“ Spricht, dreht sich um und wendet sich einer anderen Gruppe zu. Mich lässt er bei dem Blödmann stehen. Erwin dreht sich zu seiner Frau und berichtet ihr aufgebracht, dass Achim ihn einfach stehen lassen hat. Das ist zu viel für sein Ego. Er quatscht jetzt auf mich ein. Ohne zu wissen, ob wir einen Fäkalientag haben und wenn ja, wie wir ihn nutzen, unterstellt er uns ungebührliches Toiletten-Verhalten. „Wenn der Fäkalientank voll ist, dann fährt man zur Entleerung raus. Das macht jedes anständige Schiff. Ich brauch das nicht, ich habe ja diese Vakuumanlage“, wiederholt sich Erwin. Jede Diskussion mit ihm ist sinnlos – nächtliche Entleerung, Strömung, Schiffe ohne Tank, erzähl mir nicht, dass du alle 7 Tage raus fährst… Er erwähnt immer wieder seine geile Vakuumanlage. Nach einem kurzen Meinungsaustausch an Argumenten, bleibt mir nur, es Achim gleichzutun: „Mit dir zu sprechen ist Zeitverschwendung“. Das ist das Signal zum Aufbruch für Erwin. Er will nicht mehr bleiben. Frau Erwin muss ebenfalls mit und die befreundete Frau vom Nachbarschiff darf auch nicht länger bleiben. Ein deutscher Kleingartenkrieg am Relings-Zaun . ;-) Das erste deutsche Schiff, das wir seit Ecuador treffen und dann sowas.

Von England nach Irland und Schottland(3): Von Hayling Island durch den Solent westwärts nach Weymouth.

Meine diesjährige Segelreise wird mich von Juni an 
die englische Südküste nach Westen und von dort nach Irland führen. 
Spielt das Wetter mit, will ich weiter nach Norden.
In meinem letzten Post beschrieb ich einen der typischen Stürme am Start meiner Reise.


Eigentlich sollte ich, wenn ich über den Solent schreibe und die Isle of Wight, über die lokalen Highlights schreiben. Es gäbe genug zu berichten, es würde reichen für einen Sommer. Über Cowes, den Regattahafen, über die Isle of Wight und ihre Kreidefelsen, über Portsmouth und das phantastische Marinemuseum, in dem ich mich im Herbst einen halben Tag lang auf Nelsons VICTORY im Trockendock herumtrieb und jetzt auf dem Wrack der MARY ROSE, dem größten Kriegsschiff Heinrichs VIII., das im Solent um 1540 plötzlich kenterte und samt seiner 500 Mann Besatzung – Seeleute, Purser, Köche, Bogenschützen, Kanoniere und Offiziere – wie ein Stein auf den Grund des Meeres sank. Ich sollte.

Aber ich hebe mir diese ergreifenden Geschichten auf und schreibe heute lieber etwas über unsere Fahrt quer durch den Solent und dann weiter bis in den Flusshafen von Weymouth, es sind schließlich nach der kurzen Fahrt von der Werft mein ersten Tage auf See.

Der Solent also, das Segeldorado. Man sollte es nicht unterschätzen, sollte brav in seine Strömungstabellen schauen, bevor man ablegt, schließlich zischen hier bis dreieinhalb Knoten Strom durch, die einem die Tagestour vermasseln können, wenn man nicht seine Abfahrt genau darauf ausgerichtet hat. Sven zieht dafür den dicken Wälzer REEDS NAUTICAL ALMANACH zurate, er sitzt mit diesem Telefonbuch auf den Knien im Cockpit und sagt, so habe er das schließlich für seinen Yachtmaster-Schein gelernt. Ich wiederum bin eine faule Socke, was die Gezeiten angeht, und auch kein Yachtmaster und erst recht kein Telefonbuch-Fan, ich schau einfach verstohlen auf mein Smartphone, als Sven nicht zu mehr herübersieht. Im Ergebnis kommen wir aufs gleiche: Wir haben den Strom mit uns, als wir an Cowes vorbeiziehen.

Am Nachmittag kommt Wind aus Westen auf, wir müssen aufkreuzen, aber mit frisch gestrichenem Unterwasserschiff lässt sich sogar Levje vom Regattafeeling des Solent anstecken. Es ist gegen 20 Uhr, als wir das Westende des Solent erreichen, Fort Hurst mit 


dem gleichnamigen Leuchtturm auf Hurst Spit, der Landzunge, die den Solent nach Südwesten gleich vor den Needles, den hohen Kalkfelsen abriegelt. Wie schon einmal bin ich ich während des Ankerns erstaunt über die Stromschnellen vor Hurst Spit, etwas links vom Leuchtturm sieht es aus, als würde ein Wildwasser um die Ecke strömen, als ich Levje einen Moment treiben lasse, um die Segel zu bergen, zieht mich die Stelle rasend schnell Richtung Land, doch dann sind die Segel unten und wir lassen den Anker neben der einsamen Yacht oben fallen. Nicht ohne ellenlange Rechnerei von Sven und mir, wieviel Wasser wir denn nun bei den nachfolgenden Niedrigwassern in dieser Nacht unter dem Kiel haben werden. Unser beider Gezeitenkünste sind etwas eingerostet, über den Winter.

Es ist ein wunderbarer Abend. Die Sonne schickt ein rotes Leuchten über die Bucht, es hat gefühlt nicht mehr als 12, 13 Grad, während ich mit der Kamera übers Boot balanciere. Doch irgendein selbsthypnotischer Effekt sorgt dafür, dass ich die Kälte nicht als solche wahrnehme, sondern sie im Gegenteil als etwas ungeheuer Erfrischendes empfinde, etwa wie ein Vollbad in Pfefferminz-Pastillen. Ich bin, was das angeht, als Mittelmeersegler im Vorteil, ich muss nur an die feuchtwarme Schwüle des August in der Adria denken, schon freue ich mich auf die kühle Pfefferminze. Mal sehen, wie lange es mir gelingt, mir mit derlei Tricks echte Kälte warm zu reden. Der Himmel über dem Solent und die Brauerei am Liffey, dem Fluss durch Dublin, schenken Sven und mir jedenfalls einen sensationellen Abend.

Am Morgen rappelt der Wecker früh. So hab ich mir das immer gewünscht: Aufstehen, nicht wenn ich es es will, sondern wenn Svens Telefonbuch das sagt. Anker hoch halb sieben, weil da der Strom vor Hurst Spit und an den Needles vorbei am stärksten ist.

Eigentlich denke ich, dass außer uns keiner so blöd ist, so früh unterwegs zu sein. Aber da irre ich mich. Stolz haben ein Duzend britische Segler an diesem windlosen Morgen alle Segel gesetzt und rauschen wie von Zauberhand an den Needles vorbei, den großen kalkigen Echsenrücken, die so heißen, weil zwischen ihnen in alten Zeiten mal eine Kalknadel aufragte, die ein Witzbold von Seemann im Vorbeifahren „Cleopatra’s Needle“ taufte. 

Doch die Atlantikstürme haben die Nadel längst gefällt, geblieben sind die Echsenrücken und – als Cleopatra-Ersatz – der rote Leuchtturm. Und der Strom an diesem Morgen, den man unschwer an der Tonne vor den Needles erkennt. Es ist, als läge die Tonne nicht auf dem offenen Meer, sondern in einem dahin rauschenden Fluss.

War sonst noch was? Ja, es war wieder mal pfefferminzfrisch an diesem Morgen, so um die 10 Grad. Und erwähnenswert war noch das britische Motorboot von der Küstenwache, das uns in formvollendeter Höflichkeit darauf hinwies, doch besser einen südlicheren Kurs einzuschlagen, weil dort vorne bei den Lulworth Banks gleich Schießübungen stattfinden würden. Herrgott, ich bin regelrecht vernarrt in diese britische Höflichkeit, die selbst detonierende Granaten noch in ein Lächeln und eine höflich geäußerte Frage einwickeln kann. Wie schon vor vier Jahrzehnten überlege ich wieder einmal, wie ich es bloß anstellen könnte, diese Höflichkeit in mein Heimatland zu transferieren. Damals hielt mein Vorsatz bis drei Kilometer hinter der belgischen Grenze, wo mich ein deutscher Herr anschnauzte, weil er mir auf den Fuss getreten war, ob ich nicht aufpassen könnte. Ein Vorgang, der in England undenkbar wäre.


Und dann die Einfahrt in den Flusshafen von Weymouth. Links und rechts die adretten Häuser entlang der Pier, irgendetwas zwischen Einfachheit und kleinem Glück und alles bloß nicht Protz. Ich lausche übers Walky Talkie dem Harbour Master, der immer im selben höflichen Ton soeben der 17. einlaufenden Yacht geduldig erklärt, dass der Yacht-Anlegesteg gleich gegenüber der Lifeboat-Station sei. Sven hat kurz das Telefonbuch mit den Strömungstabellen aus der Hand gelegt und meint, er fühle sich angesichts der vielen Touris auf der Pier an Reith im Winkl oder ähnliche Hochburgen erinnert. Aber ich bin mal wieder woanders, ich denke daran, wie auf den Piers von Weymouth in diesen frühen Junitagen vor 75 Jahren Kanadier in die Boote stiegen, um Tage später im Kugelhagel den „Juno“ genannten Strand von Courseulles-sur-Mer in der Normandie hinauf zu stürmen. Die alten Schienen auf den Piers von Weymouth und die kleinen Häuser, sie haben also schon manches gesehen.



Sie wundern sich auch nicht, als Sven sagt, er ginge mal eben einen Fisch kaufen und wenig später mit einem Monstrum von Scholle heimkommt, die wegen ihrer bloßen Größe eine Horde dänischer Doggen in die Flucht schlagen könnte. Mit Mühe kriegen wir Svens Fisch in die Bratreine und in den Gasherd. Und während draußen der Regen prasselt und drinnen die Heizung bullert, sorgen Svens Fisch und die hiesigen Brauereien am Fluss von Weymouth für einen heiteren Abend, den wir uns mit kleinen Vorlesungen aus Svens Lieblings-Telefonbuch verkürzen.

Man muss hier schließlich immer mit dem Strom rechnen.














Remote Kite & Sail

{Time:22:00:00}
{Date:20190614}
{Position:11°53.6100’N, 066°44.2800’W}
{Direction/Speed:-°/ -kn}
{Place:Los Roques Venezuela, Cayo Crasky} 
{Target:Curacao}
{Temp Air/Pressure:30°C}
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Eingepackt und zugenäht

Es geht weiter nach Westen. Unser erster Stop ist Cayo Crasky. Ein langer, schier endloser weißer Sandstrand ist im ersten Programm zu sehen. Titel: Fernweh. Im zweitem Programm kommen Lemming & Mikel und reichen mir eine Schale mit Poison Crue, ein Tablet mit frischen Ostras und eine Kiste mit 5kg rosa Meersalz aus der Lagune der Insel. Im dritten Programm zeigt mein Mitsegler Diego was man aus 14 Knoten Wind rausholen kann, wenn man es kann. Diego kann es. Ich kann es fotografieren. Ich werde nie den Anspruch haben sein Kite Level zu erreichen. Es ist wunderbar anzusehen. Für mein Level reicht der Wind nicht. Müsste ich auch mal eben 20kg abnehmen und 5 Jahre jeden Tag ins Folterstudio gehen. Auch nicht mein Ding. Also werde ich das nächste Mal in Cayo Crasky kiten mit mehr Wind.

{Photo:20190614a}

Wir haben eingekauft. Huhn. Was für eine Fehlentscheidung. Lemming bringt uns frischen Pulpo, zwei Schnapper. Morgen verlegen wir nach Cayo de Agua. Da war ich auch noch nie.


Mitsegeln auf der MARLIN!

CREW 57 Nike Steiger segelt die MARLIN gegen den Wind ins Paradies
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Baumaterial Aluminium
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Yanmar 4 JHE 42 PS
SPW Drei- Drehflügelprop.
Diesel 350 l
Wasser 450 l
Startbatterie 105 AH
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Dr. Harald Porath
0451 42339
0157 86620688
drporath@gmx.de

Wenn voll, dann voll

Mi., 12.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1837, 17.889 sm von HH

Das sehen aber nicht alle so. Und somit stapeln sich in der Zwischenzeit die Schiffe in unserem kleinen Hafenbecken. Ich lass mich selten über die Fehler der anderen aus, weil wir mit unseren eigenen Dummheiten genug zu tun haben, aber seit fünf Tagen kommen wir aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Hierbei wird besonders die Deutsch-Französische Freundschaft strapaziert. :mrgreen:
Neben den Plätzen an den Betonwänden gibt es in der Mitte des Beckens tonnenschwere Betonklötze mit massiven Haken, die als Mooring benutzt werden können. Vanessa war die erste, die sich so eine Mooring geschnappt hat. Friedlich, mit doppelter Leine und Scheuerschutz an ihren Tampen, schwoit ihr Boot in der Mitte umher.

Vor alle Schiffe in Luv (!!) hat sich ein französischer 25-Tonnen-Kahn mit 18 Meter Länge gelegt. Sein Betonklotz ist schon etwas angefressen. Nach eigener Aussage kann er den Klotz anheben, wenn er mit der Maschine rückwärts gibt. Sein Tampen liegt nur auf ‚Slip‘ um den Metallhaken. Da er keinen Platz zum Schwoien hat, hat er sein Heck an irgendwelchen Ketten, die im Hafenbecken liegen und wohl mal zur Mooring-Klotz-Konstruktion gehörten, festgebunden. :shock: Leider gefährdet er mit seiner Sorglosigkeit nicht nur sich selber, sondern uns alle.

Diesen Parkplatz an einer kaputten Mooring zu wählen, ist verantwortungslos

Zwei weitere Franzosen liegen am Eingang des Hafenbeckens. Zunächst lagen sie so eng beieinander, dass man fast von einem Schiff zum anderen übersteigen konnte. Das mögen die Franzosen gerne haben und soll uns egal sein. Ihre Hecks hatten sie mit Landleinen an Bäumen festgebunden. Das gefiel allerdings den Einheimischen nicht, dass man ihre Palmen benutzt. Jetzt ankern die beiden in der Gasse am Eingang. Ihre Hecks haben sie mit Heckankern gesichert.

Genau neben uns liegt ein englisches Schiff. Vierzehn Meter plus Dinghy, was in den Davids hängt und den Kahn auf sechszehn Meter anschwellen lässt. Fröhlich haben sie sich an der Mooring auf unserer Höhe festgebunden. Auf unsere Frage, ob sie sicher sind, dass sie uns nicht berühren, wenn der Wind auf Nord-Osten dreht, wird eifrig genickt: „Es sind locker zwei Schiffslängen zwischen uns“. Sorglosigkeit und Fahrlässigkeit sind also Nationen übergreifend.
Wir sind misstrauisch. Die hauseigene Messung mit einer Angelschnur, ergibt einen Abstand von 25 Meter. Das klingt okay, aber wenn Zug auf ihren Tampen kommt bei einer Wassertiefe von vier Metern, dürften nur noch fünf bis sieben Meter Abstand zu uns übrig bleiben. Uns ist das zu wenig, was wir ihnen freundlich mitteilen. Sie bringen darauf hin einen Heckanker aus. „Nun zufrieden?“, werden wir am Abend angegiftet. Da haben wir wohl keine Freunde fürs Leben gefunden. :lol:

Zum krönenden Abschluss kommt heute ein deutsches Schiff in den Hafen gefahren – „Der liebe Gott beschütze mich vor Sturm und Wind und Deutschen, die auf Reisen sind.“
Ein fünfzehn Meter langer Eisenhaufen. „Du kannst da vorne ankern“, ruft unsere britische Nachbarin dem Skipper zu und zeigt auf die Stelle, wo die einheimischen Fischer bei viel Wind ihre Boote festmachen. „Nein, da kannst du nicht ankern“, klärt Achim ihn auf. „Mach kurz auf der anderen Seite an der Betonpier fest. Aber du solltest die Fischer fragen, ob das okay ist, denn eigentlich wollen sie, dass der Platz für sie frei gehalten wird.“
Der Skipper folgt Achims Empfehlung. Zehn Minuten später steht er neben unserem Schiff. „Wen muss ich fragen, ob ich dort festmachen darf?“, will er von uns wissen. Wir erklären ihm, wo er wahrscheinlich jemanden finden kann, da fängt er plötzlich wild an zu winken. Ein weiteres Schiff kommt auf den Hafen zugetuckert. Offensichtlich kennen die Crews einander. Über Funk ruft er seinen Kumpel an: „Du kannst bei mir längsseits gehen! Kein Problem, ich hänge Fender raus.“ Dass der Platz frei bleiben soll, interessiert ihn nicht.
„Und? Was ist hier so los? Auch nichts, oder? Auch nur türkises Wasser, nä?“
Nein, auch wir werden keine Freunde.

Solange der Wind friedlich mit fünfzehn Knoten über die Lagune weht, ist alles in Ordnung, obwohl der Hafen jetzt bis zur Manövrierunfähigkeit zugeparkt wurde. Vierzehn Schiffe, ein Rekord, wie die Einheimischen berichten.
Vor zwei Wochen ist eine dreistündige Mini-Depression über Hao hinweggegangen, die uns fast vierzig Knoten Wind beschert hat. Ungewöhnlich mit Westwind. Sollte sich so etwas wiederholen, geht das sicher nicht ohne Schäden an einigen Booten aus.
Es ist verständlich, dass keiner draußen in der Lagune ankern mag. Die bietet keinen Schutz vor Schwell und Wind. Aber, dass der Hafen voll ist, wurde breit über Funk bekannt gegeben. Und wenn voll, dann voll. Dann sollte man vernünftig sein und in ein anderes Atoll ausweichen.

Wenn der Kahn neben uns um 90 Grad herumschwingt, müssen wir die Fender rausholen