Kategorie: Atanga

Jetzt geht’s los

Sa.,16.Okt.21, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2695, 22.204 sm von HH

Alle Einkäufe sind gemacht. Die Wanderschuhe und Fahrradreifen sind vom Staub befreit – nicht, dass sich doch noch ein Samenkorn irgendwo verbirgt. Und Achim hat den Rumpf von Atanga geschruppt. Dreimal musste er tauchen, um die letzte Pocke zu entfernen. Die Neuseeländer mögen weder Sonnenblumenkerne noch  Schnecken. Der Rumpf muss glänzen wie ein Kinderpopo. Meine bescheidene Muschelsammlung werde ich beim Einklarieren brav vorzeigen. Mal sehen, ob ich sie behalten darf. Jetzt muss nur noch Lizzy, unser Boot-Gecko, den Kopf einziehen, wenn wir ankommen. Lizzy wohnt unter dem Schiebe-Luk am Niedergang und wollte sich nicht fangen lassen. In Vor-Corona-Zeiten sind Lebensmittel-und verbotene Substanzen-Schnüffel-Hunde an Bord gekommen. Das soll zurzeit entfallen. Somit wird Lizzy wohl unentdeckt bleiben.

Achim kann übers Wasser gehen – Foto-Schnappschuss von Jana von der Jajapami

Meine bescheidene Sammlung nach sieben Jahren – regelmäßig trenne ich mich wieder von Fundstücken – man kann sie nicht alle behalten

Für das letzte Drittel der Fahrt haben wir Fleece-Jacken und unsere Bettdecken (seit 5,5 Jahren ungenutzt) her gekramt. Im Zielhafen sind es derzeit nur zehn bitterkalte Grad in der Nacht. Das kann ja was geben – ohne Heizung. Wir verlassen definitiv die Tropen. Damit wir überhaupt was zum Beziehen der Decken haben, habe ich noch schnell Bettwäsche aus Fenua-Stoff genäht. „Da muss man nachts mit Sonnenbrille schlafen“, findet Achim. Eine schöne Erinnerung an die allgegenwärtige bunte Fröhlichkeit.

Stoff-Zuschnitt erfolgt auf dem Steg – der größte Tisch weit und breit

Die fertige Bettwäsche wartet auf ihren ersten Einsatz

Jetzt geht’s los. Ich tippe auf 26 Tage. Länger darf es auch gar nicht dauern, denn ich habe genau 26 Zwiebeln gekauft. Eine Zwiebel ist unser Tagesbedarf. Was kochen wir heute? Egal, im Prinzip beginnt jedes Essen mit dem Schnippeln einer Zwiebel. Achim tippt auf eklige 32 Tage. Spaßbremse. ;-)

Wie es uns unterwegs ergeht, werden wir wie immer berichten. Es könnte sogar sein, dass wir die ersten zwei Tage noch Internet an Bord haben. Vom monatlichen Daten-Volumen ist noch etwas übrig und wenn wir nahe genug an den westlichen Gesellschaftsinseln vorbei segeln, könnten wir Empfang haben. Mal etwas ganz neues für uns.
Jetzt geht’s los und wir sind hibbelig und aufgeregt. Tschüss – macht es gut in der Zwischenzeit.

Ein letzter Sonnenuntergang hinter Moorea – beim letzten Sundowner

Noch einmal Roulotte essen gehen – Straßen-Food in Papeete


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Unsere Segel-Taktik nach Neuseeland

Di.,12.Okt.21, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2692, 22.204 sm von HH

Zwischen „Verstehe die Sorge“ und „Mach dir nicht so einen Kopp“ schwanken die Kommentare auf meine Anfrage in einer Kochgruppe zu Rezepten bei rauem Wetter auf See. Wie die Kommentare, so unsere Gemütslage.

Dass es unsere längste Reise werden wird, macht uns keinen Kummer. Auch die ersten vierzehn Tage, sprich 1700 Seemeilen nicht. Da werden wir schick nach West-Süd-West segeln, den Wind im Nacken. Ab und an wird uns ein Squall mit dreißig Knoten besuchen, mehr Aufregung erwarten wir auf dieser Strecke nicht. Leider müssen wir an vielen Trauminseln vorbei segeln. Samoa, Cook und Tonga – alle haben noch geschlossen.
Irgendwann müssen wir dann nach Süden abknicken – Kurs Neuseeland. Je nachdem, wie südlich wir dann schon gekommen sind, liegen noch 700 bis 800 Meilen vor uns. Und von da ab wird uns der gemütliche Passatwind verlassen.

Der Norden von Neuseeland wird im steten Wechsel von einem Hoch- und einem Tiefdruckgebiet gestriffen. Hoch folgt auf Tief, folgt auf Hoch. Beide Systeme bilden sich in der Tasman Sea, dem Seegebiet zwischen Australien und Neuseeland. Und beide Systeme zeichnen sich durch viel Wind aus. Begleitet von nennenswerten Wellenhöhen, wenn man den Aussagen von Zeitzeugen Glauben schenkt.

Hochdruckgebiete drehen sich auf der Südhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn. Das bedeutet, dass die Front eines Hochdrucks uns Gegenwind bescheren würde. Es gilt also die Rückseite eines Hochdruckgebietes zu treffen und mit dessen nördlichen Winden Strecke gut zu machen. Das folgende Tiefdruckgebiet (im Uhrzeigersinn drehend) bringt zunächst ebenfalls Nordwind. Und mit diesem Wind sollten wir dann Neuseeland erreichen, bevor uns die Rückseite des Tiefs trifft und der Wind uns auf die Nase blasen würde. So die Theorie.
„Schaffst du es, genau zwischen den beiden Systemen nach Opua zu segeln, hast du optimale Bedingungen. Schaffst du es nicht, hast du Bedingungen“, lautet Achims Analyse.

Die Systeme kommen zwar in der Kette, aber sie sind leider unterschiedlich schnell. Manchmal ist ein Drucksystem nach drei Tagen durch, manchmal benötigt es sechs Tage. Das macht es noch schwer berechenbar, wann ein guter Zeitpunkt zum Abknicken nach Süden ist. In Vor-Corona-Zeiten haben Segler am Minerva-Riff einen Stopp eingelegt und aufs richtige Wetterfenster gewartet. Das ist uns leider verboten. Das Atoll ohne Land (Minerva ist ein bereits komplett im Meer versunkenes Atoll) wird von einem Marine-Schiff von Tonga bewacht und Segler, die dort Schutz suchen, werden vertrieben. Außerdem würde ein Stopp unterwegs unsere Quarantäne-Zeit nach Neuseeland auf Null zurück setzen und wir müssten in ein bewachtes Quarantäne-Haus umziehen. Nein, danke. Das ist erstens teuer und klingt zweitens nach wenig Spaß.

Um Zeit für die richtige Gelegenheit zu schinden, bliebe uns nur in der Nähe vom Minerva-Riff beizudrehen – sprich auf der Stelle treiben. Dafür werden wir das erste Mal den Dienst eines Wetter-Routings nutzen. Unsere Wahl ist auf Met-Bob gefallen, den Wetter-Guru im Westpazifik. Er wird uns täglich Empfehlungen geben, welchen Kurs er für am sinnvollsten hält.

Ein Hoch zieht über Neuseeland und bringt zunächst unerwünschten Gegenwind

Die Rückseite des Hochs bringt den gewünschten Nordwind mit dem wir südwärts rauschen könnten

Optimal – Die Idee lautet vor dem roten Teufel links unten am Ziel zu sein

Ein typischer Wetterverlauf im Norden von Neuseeland!

Am Samstag geht es los. So hat die Atanga-Crew gemeinsam beschlossen. Und beschlossen, ist beschlossen. Flexibilität bringt einen durchs Leben, aber nicht aus dem Hafen …
Die Vorbereitungen laufen gut und sind fast abgeschlossen. Außerdem haben wir ein Boot mit drei Neuseeländern kennen gelernt, die vier Tage nach uns starten wollen. Ihre Taktik sieht eine viel weitere Strecke nach Westen vor als unsere. Wer liegt richtig? Die drei segeln einen Katamaran, der schlecht hoch am Wind segeln kann, allerdings haben sie mehr Erfahrungen als wir. Gespräche mit ihnen über Gruselgeschichten in diesem Seegebiet machen dann wieder das Wechselbad zwischen ‚verstehe die Sorge‘ und ‚mach dir nicht so einen Kopp‘.


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Au Revoir Französisch Polynesien

So.,03.Okt.21, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2683, 22.204 sm von HH

Die Tage bis zur Abfahrt zählen runter. Und wir wissen jetzt schon, dass wir weinen werden Französisch Polynesien nun doch zu verlassen. Zweieinhalb Jahre waren wir hier – davon die Hälfte ungeplant.
Eine lange Zeit. Eine wunderbare Zeit. Längst haben wir uns halbwegs mit dem Französisch arrangiert. Haben uns an den Overkill von Vokalen in der lokalen Sprache gewöhnt. Wobei das ‚a‘ der Beliebteste zu sein scheint.
Punaauia – fünf Vokale hintereinander. Faaa – der Name des Flughafens. Schön auch: Faaaha auf Tahaa. :lol: Gesprochen wird jeder Vokal einzeln, sie werden nicht zusammengezogen. Das ergibt eine angenehm klingende Sprache mit viel Singsang und Melodie. Wir werden es vermissen!

Mädchen, die sich beim Spaziergang eine Blüte vom Straßenbaum pflücken, um sie hinter ihr Ohr zu stecken. Ukule spielende Männer auf den Fußwegen. Frauen, die im Supermarkt vor der Fleischtheke mit den Hüften zur polynesischen Supermarktmusik wackeln. Wir werden es vermissen! Die gelassene Freundlichkeit. Die Geduld. Die Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit alle Probleme mit einem Lächeln wegzuwischen.

Nicht nur die Frauen tragen Blumen hinter dem Ohr

Vor Corona – als noch Heiva gefeiert wurde – zum Niederknien schön

Das Lächeln Polynesiens

 

Wir haben Wale gesehen, sind mit Haien Auge in Auge getaucht, hatten sensationelle Sonnenuntergänge und mussten so manches Mal über 40 Knoten Wind am Ankerplatz abwettern. Zeitweise sind die Lagunen zum Sterben schön, so dass man sich kneifen muss. Den Blick auf die rot im Meer versinkende Sonne, im Hintergrund schallt der liebliche Gesang des Chors aus der Kirche. Das kann man sich nicht ausdenken.

Ananas-Beute auf Moorea

Die Tuamotu – ein Grund zum Jubeln

Gambier - unser Lieblingsatoll. Warum sieht man hier.

Gambier – unser Lieblingsatoll. Warum sieht man hier.

Manchmal kann es sogar kalt sein in Französisch Polynesien

Zum Abschied gibt es eine kleine Auswahl an Fotos und ein letztes Video. Über unsere Zeit auf Bora Bora, Tahaa und Fakarava. Wie so häufig kommt das Beste am Schluss des Films. Wir hatten eine tolle Zeit in Französisch Polynesien, aber nun ist es Zeit zu gehen. Wir sagen danke – mauruuru – und auf Widersehen. Nana, Servus und Goodbye.

 

 

 

Zweimal Weihnachten auf den Gesellschaftsinseln - das nächste Mal soll es in Neuseeland sein

Zweimal Weihnachten auf den Gesellschaftsinseln – das nächste Mal soll es in Neuseeland sein


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Der Countdown für Neuseeland läuft

Fr.,24.Sep.21, Franz.Polynesien./Tahiti/Papeete, Tag 2674, 22.204 sm von HH

Unsere Visa-Verlängerung für Neuseeland ist da. Somit liegen alle Genehmigungen für eine Einreise vor. Super. Jetzt quält Achim sich mit den „Declaration“-Formularen. Die Master-Declaration und Declaration of Arrival, um nur zwei zu nennen. Übertriebener Bürokratismus, trifft es wohl am besten. Eine Vorankündigung der Ankunft muss mindestens sieben Tage vor Ankunft, aber nicht länger als einen Monat vorher gemeldet werden. Die Ankündigung der Ankunft muss nicht weniger als 48 Stunden gesendet werden. Das ganze bitte per Mail oder als Fax. Oder telefonisch. :roll: Für uns bedeutet das, dass wir beide Ankündigungen gleichzeitig abschicken werden.

Viele Fragen sind im Grunde für große Schiffe bestimmt, die massenhaft Crew und Passagiere an Bord haben.  Oder eine Kompostier-Anlage für Bioabfall. Unsere Antwort, ob wir ein Müll-Management haben, kann nur simpel lauten: Plastik und Dosen werden abgewaschen und so klein wie möglich gepresst und zerschnippelt, damit sie während der Überfahrt möglichst platzsparend im Bad aufbewahrt werden können. Bio kommt über Bord. Niemand möchte Bananenschalen und Reis-Reste wochenlang durch die Gegend schippern. Und genau das wollen die Neuseeländer nicht lesen. In ihren Hoheitsgewässern ist die Entsorgung von Küchenabfällen verboten.  Somit wird für die letzten Meilen eine extra Tüte für Bio eingeführt.

Unsere Windsteueranlage ist inzwischen auch wieder gangbar. Das wichtigste Crew-Mitglied (Herta) hat ein paar Ersatzteile bekommen. Knapp, ganz knapp hat das 86m Zentimeter lange Rohr in meinen Koffer gepasst. Peter, dem Vater von unserer Windpilot, habe ich in Hamburg einen Besuch abgestattet. Hilfreiche Mails waren zwischen ihm und Achim hin und her gegangen und mir wurde ein Segler freundlich verpacktes Paket überreicht. Dass ich dann auch noch zum Bahnhof gefahren wurde, war die Krönung einer vergnüglichen Plauderstunde. Wir sind sicher, dass Herta nach dieser Pflegeeinheit wieder einen großartigen Job leisten wird.

Peter in seiner Werkstatt

Ansonsten haben wir abgespeckt. Also, wir nicht, aber die Zuladung von Atanga. Unsere beiden Kajaks haben wir verkauft. Sie sind an Deck, festgezurrt  an der Reeling, dann doch etwas zu lästig. Die Bewegungsfreiheit erschien uns zu eingeschränkt. Beim Kreuzen zwischen den Inseln fällt es nicht so sehr ins Gewicht, aber auf der vielleicht etwas holprigen Strecke (im letzten Drittel) nach Neuseeland wollten wir sie nicht mehr dabei haben.

Das halbe Vorschiff ist (war) voll durch die Kajaks

Die Fressmittel-Schapps sind ebenfalls deutlich geleert. Nirgends dürften Lebensmittel so teuer sein wie vor Ort, da nehmen wir nur das Nötigste mit. Außerdem sind die Neuseeländer kritisch, was ins Land eingeführt werden darf. Keine getrockneten Hülsenfrüchte, keinen Reis, keine Körner wie Sonnenblumenkerne. Keinen Honig, keine Fleischkonserven. Keine Lorbeerblätter oder Kümmelkörner, keine Trockenfrüchte.  Und vieles mehr. Übrigens keine Corona-Maßnahme, sondern seit Jahren etablierter Umweltschutz für die beiden abgelegenen Inseln.
Was verboten ist, wird einem beim Einklarieren abgenommen und (kostenpflichtig? – darüber finden sich wenig Hinweise – was man deklariert, scheint man kostenlos los zu werden zu können) entsorgt. Damit wir nicht zu viele Lebensmittel über Bord werfen müssen – Achtung, nicht im Hoheitsgebiet von Neuseeland – ist eine gute Planung erforderlich. So gut das eben geht. Wie lange wir brauchen, wissen die Windgötter. Vielleicht 25 Tage, vielleicht 32 Tage. Am Ende gibt es dann halt Wasser und Brot. ;-)

Falls wir 32 Tage brauchen sollten, kollidiert das zwar mit der Vorankündigung der Ankunft, aber darüber können wir uns Gedanken machen, wenn es soweit ist. Und wann geht es nun los? Der geplante Abfahrtstag soll der 14.Oktober werden. Unser (Arrival)-Visum läuft am 8.Dezember aus – bis dahin müssen wir auf jeden Fall dort sein. Sonst gäbe es richtig Ärger mit den Behörden. Da kennt der Kiwi keinen Spaß.

 

P.S. Wochentags ist der Lockdown aufgehoben worden. Alle Geschäfte haben wieder geöffnet. Nur am Samstagnachmittag, sonntags und nachts gibt es noch Einschränkungen bzw. Ausgangssperre.


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Von 3G direkt in den Lockdown

Do.,16. Sep.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2664, 22.204 sm von HH

Während Deutschland noch über doppel G oder triple G diskutiert, ist Französisch Polynesien im Lockdown. Das bedeutet, dass wir in den Supermarkt (und zum Arzt) dürfen oder im Umkreis von einem Kilometer vom Schiff entfernt ‚Sport‘ treiben dürfen. Am besten aber allein – Gruppenaktivitäten sind unerwünscht. Die Ausgang-Erlaubnis ist auf eine Stunde täglich begrenzt. Geschäfte für Alltägliches haben geschlossen. Sogar für  eine Kopie aus dem Copy-Shop benötigt man einen Termin. Jeder hat einen Zettel mit dem Zeitpunkt des Verlassen des Hauses bei sich zu tragen. Oder man lädt sich eine App herunter und führt die Daten digital mit sich.

Das gibt uns viiiiel Zeit die Mitbrings (endlich ist wieder echter Kümmel an Bord – gut fürs Brot backen) aus meinen prallen Koffern zu verstauen. Achim hat die Freude unseren neuen Laptop einzurichten. Windows 10 – das unbekannte Wesen.
Der bei Amazon bestellte Akku für den alten Laptop ist leider defekt und läuft nicht. Die Versandfirma besteht auf Rückversand. Leider wird das teurer als der Akku wert ist. Somit ist ein Fehlkauf zu vermelden.

Achim hat bereits drei Wochen Lockdown alleine auf dem Schiff hinter sich. Das hat zu kleinen Wundern an Bord geführt. :-) Anders ist die Wandlung der Messing-Lüftungsklappen nicht zu nennen. Eben noch der hässliche Schwan mit Patina-Überzug strahlen sie jetzt wie neu. Einige Scharniere und Bodenklappen haben das gleich Schicksal ereilt. Die Bordfrau ist begeistert.
Aber nicht jedes German-Engineering findet hundert Prozent Zuspruch. Bei dem neuen Holzbein für unseren klapprigen Cockpittisch ist noch Luft nach oben. Der Tisch macht uns seit längerem Probleme. Die Seitenflügel, die man nach rechts und links ausklappen kann, sind ausgeleiert und wackelig. Ein Reparatur mit Leim hat nur ein paar Monate Abhilfe gebracht. Der war wohl nicht wasserfest, denn er löst sich wieder auf. Wasserfester Leim war leider nicht im Koffer – da hat keiner von uns dran gedacht. Jetzt hat der Tisch eine Krücke. Leicht zu installieren, wie der Skipper behauptet. „Nur mit Bordmitteln im Lockdown gebastelt“, verkündet er stolz. Ich teile die Leichtigkeit der Installation nicht, aber das Holzbein ist effektiv. An unserem Tisch wackelt zur Zeit grad gar nichts mehr. „Es ist nur ein Provisorium“, wird mir versichert. Die Lebenserfahrung sagt, nichts hält länger als das.

Krücke für den Cockpit-Tisch

Unsere Messing-Lüftungs-Klappen strahlen wie neu

Wir hocken also viel auf dem Schiff. Einmal am Tag tun wir so als ob wir einkaufen müssten, um wenigstens einen Augenblick von Bord zu kommen. Damit wir nicht auffallen, gehen wir tatsächlich bis zum Supermarkt und stocken somit häppchenweise unseren Proviant auf.
Auch nicht schlecht. Viel was anderes können wir nicht machen. Das Segeln zwischen den Inseln ist ebenfalls untersagt. Wassersport und Dinghy fahren ebenfalls. Da liegen wir in der Marina nicht so schlecht.
Der Lockdown läuft zunächst noch bis einschließlich 19.September. Erste Gerüchte werden gestreut, dass eine Verlängerung bis Ende November nicht ausgeschlossen erscheint. Die „Zahlen“ gehen zum Glück runter. Eine Inzidenz von 3000 ist auf ein erträgliches Niveau gesunken. Auch die täglichen Todesopfer sind rückläufig. Die Intensivstation ist nicht mehr überfüllt. Das sind sehr gute Nachrichten. Ob das reicht, den Lockdown zu liften, werden wir am Sonntag hören.

Der Park neben der Marina liegt ausgestorben da – niemand treibt hier den üblichen Sport, den man sonst beobachten kann


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Aus der Heimat zurück nach Hause

Sa.,11. Sep.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2659, 22.204 sm von HH

Nur 33 Stunden dauert der Ritt von Haustür zu Boottür. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich einmal um die halbe Welt fliegen muss. Leider gibt sich Air France in Paris viel Mühe eine Verspätung heraus zu arbeiten. Beim Bording wird von jedem Passagier neben dem Pass und der Bordkarte noch das Ergebnis eines PCR Testes, die Einreisegenehmigung von Französisch Polynesien (etis) und ein (wenn vorhanden) Impfnachweis kontrolliert. Chaos pur. Einige haben ihre Nachweise auf dem Handy, andere zeigen gedruckte Zettel hervor. Jede Bescheinigung sieht anders aus. Für eine dritte Gruppe kommt die Kontrolle völlig überraschend und es wird in Rucksäcken nach den geforderten Unterlagen gesucht. Der Kontrolleur in meiner Reihe guckt grimmig und schwitzt. Er hält es unter seiner Maske nicht mehr aus. Die hängt ihm sinniger Weise unter dem Kinn. Die Menschen in den Schlangen stehen dicht gedrängt. Die gleichen Personen, die zuvor mit einem gesperrten Sitzplatz zwischen sich gewartet haben. Ein schönes Beispiel für Absurditäten. Das Bording zieht sich über zweieinhalb Stunden und generiert eine Verspätung von anderthalb Stunden.
Dafür brauche ich in Paris nicht durch die Sicherheitskontrolle. Nicht zu verstehen, aber recht so. Einige Akkus, ein neuer Laptop und ein verdächtig aussehender Spannungs-Stabilisator für unser Kurzwellengerät machen mein Handgepäck brisant. Die Passkontrolle erfolgt mit hochgezogener Maske. In Covid-Zeiten zählt nur noch ein Impfnachweis, alles andere fällt durchs Sicherheits-Netz. Der erste Langstreckenflug von zehn Stunden vergeht schleppend. Die Maschine ist voll. Das Film-Angebot ist das gleiche wie auf dem Hinflug vor einem Monat. Die besten Stücke sind also weg. Dafür spendiert Air France Champagner als Aperitif. Geht doch.

Die Air-France-Kollegen in Vancouver holen die Verspätung wieder rein. Es wird nur schnell getankt und einmal kurz durchgewischt. Der zweite Langstreckenflug von 10 Stunden beginnt. Wie beim Hinflug habe ich Glück und einen Dreier-Sitz für mich alleine. Schnell den zweiten Champagner getrunken und einen Rotwein dazu. Ich schlafe wie auf Wolken. Der Pilot gibt Gas und pünktlich landet meine Maschine um fünf Uhr morgens in Papeete. Willkommen in der Südsee: eine dreiköpfige Band mit Blumenkränzen spielt auf der Ukulele. Die Mädchen bei der Kontrolle meines etis und Impfpasses lächeln und schwitzen nicht.

Ich bekomme einen Selbst-Test in die Hand gedrückt. Da ich geimpft bin, muss ich nicht in Quarantäne. Der Selbst-Test reicht aus. Meine beiden Koffer liegen bereits nach zehn Minuten auf dem Laufband, die Zollkontrolle ist so früh am Morgen nicht besetzt. Die letzte Hürde ist somit geschafft. Am Ausgang vom Flughafen soll man den Selbst-Test abgeben. Ich bin im Testen unerfahren und die Anweisungen auf dem mitgelieferten Beutel mit Röhrchen und zwei Stäbchen sind auf Französisch. Daher lasse ich mir helfen. Nicht, dass ich den Test verhaue und es unangenehme Folgen nach sich zieht. Ich muss ein kleines Zelt betreten. Meine Koffer bleiben draußen auf dem Vorplatz stehen. Kann man hier machen, in Südamerika hätte ich Schiss gehabt. Dann einmal im Rachen und in der Nase geprockelt. Das war’s, ich kann gehen. Das nächste Taxi gehört mir und fünfzehn Minuten später und dreißig Dollar ärmer (die heftigen Preise hatte ich schon fast vergessen :lol: ) bin ich bei Achim und Atanga.

Wer so begrüßt wird, dem soll es wohl gut gehen

Schön war’s in der Heimat. Hat sich was verändert in den letzten drei Jahren? Ja! Ein paar mehr graue Haare bei einigen Freunden – ich nenne keine Namen  :mrgreen: – und Berge an Elektro-Rollern in der Stadt. Eine Pest, die an jeder Ecke steht, den Fußweg versperrt und einen zum Slalom-Laufen zwingt. Eine Pest, bis man mal damit gefahren ist. Sauschnell. Saugeil.
Zum ersten Mal hatte ich beim Heimatbesuch kein Auto zur Verfügung und habe auf Bus und Bahn gesetzt. Das war ein Fehler! Nicht nur, dass es tageweise einen Bahnstreik gab, auch ohne Grund fallen S-Bahnen einfach aus. Auch an meinem letzten Tag bei der Anreise zum Flughafen. Ein Totalausfall. Erst sind wir auf der Strecke stehen geblieben und dann . rückwärts zum letzten Bahnhof zurück gerollt worden. Ein Taxi und eine gute Zeitreserve haben mich vor dem Super-Gau eines verpassten Fluges bewahrt.
Hamburg ist schön. Hamburg ist aber auch voller Menschen. Viel Verkehr, viele Autos, diese Hektik – ich bin es einfach nicht mehr gewöhnt. Die Supermärkte quellen über. Auch hier entwöhnt, frage ich mich, ob das Überangebot wirklich sein muss. Muss es zwanzig verschiedene Erdbeer-Joghurts geben? Von morgens bis abends? Darf niemals etwas ‚aus‘ sein?

Hamburg ist schön. Aber am Wetter muss gearbeitet werden. Zwei gute Tage am Anfang und fünf am Ende. Eine schlechte Quote. Es war so kalt, dass ich mir Schuhe kaufen musste. Und trotzdem, es war eine wunderbare Zeit. Alte und neue Freunde, die Familie wieder zu sehen. Unbezahlbar. Ich danke Euch allen, dass Ihr mir so eine tolle Zeit bereitet habt. Ich komme wieder!

Jawohl – das ist ein Versprechen


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Lockdown … Essen, schlafen und wieder essen und trinken

So.,29. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2646, 22.204 sm von HH

„Die Ausgangssperre wird durch den Freiheitsentzug beendet …“. So kam die Übersetzung aus dem Französischen an, nachdem entschieden wurde, dass auf den Gesellschaftsinseln nachts eine fast absolute Ausgangssperre von 20:00 bis 04:00 herrscht und wir uns in der restlichen Zeit im Lockdown befinden. Ich allein und Bine in Deutschland – Super Timing.

Nicht, dass Kochen ein Problem für mich wäre… ich bin/war schließlich Chemiker und sklavisch nach Rezept kochen habe ich mal gelernt. Allerdings waren die Zutaten andere und die Anleitungen genauer. Aber das sind nur graduelle Unterschiede.
Leider gibt es für die meisten Sachen, die ich mir bei Bine abgucken konnte keine Rezepte. Fragt mal jemand, der kochen kann, wie er etwas kocht. Da kommt nichts Brauchbares. Nur Sätze wie „Man müsse das nach Gefühl machen“ und „ich kann das so nicht sagen„…

Egal …
Sieht man vom Frühstück ab, das nach wie vor aus Brot, Butter, Wurst und Käse besteht, so haben sich die anderen Mahlzeiten verändert. Da gibt es zwischendurch auch schon mal Tomaten- oder Weißkohlsalat. Als Snack.

Eines meiner Lieblingsessen zur Zeit ist Kichererbsenmus (mit Olivenöl, Knoblauch, Salz und Pfeffer) mit Möhrchen, Tomaten und Sriracha eingerollt in Tortillas. Das ist schnell gemacht und selbst für einen Kochlegastheniker machbar. Wahlweise gehen in die Tortillas auch scrambled eggs mit Sriracha …. eigentlich geht fast alles mit Sriracha und Tortillas.

Ein zweites Top Rezept ist Papaya Salat in Pfannkuchen. Super schnell und recht einfach. Man backe Pfannkuchen. Dann stückelt man eine reife Papaya mit dem Löffel und gibt reichlich klein gewürfelte Zwiebeln dazu. Mit Olivenöl, etwas Salz und gestückelten Chilischoten abrunden und in einen Pfannkuchen einrollen. Fertig.

Papaya Salat ... die kleinen Punkte sind Chili
Ich könnte mir vorstellen, dass auch eine Mango ginge, sollte man gerade keine auf den Punkt reife Papaya zur Hand haben.

Samstag wollte ich mir richtig etwas gönnen. Ente mit Gnocchi. Klingt gut, oder? Schon als die Dose mit dem Konfit öffnete kamen mir Zweifel. Irgendwelche Stücke in Fett/Öl schwimmend kamen zum Vorschein. Brust oder Keule war das nicht. Eine genauere Kontrolle der Dose ergab, dass es sich um Gésiers de Canard handelt …. Kaumägen. Das Ende der Geschichte war, dass ich die Gnocchi ohne Beilage gegessen habe und Erdnüsse zum Nachtisch.

Heute ist Sonntag und somit ist, wie jeden Sonntag in Papeete, Schweinebraten angesagt. Das kulinarische Highlight der Woche. Das Business scheint fest in Chinesischer Hand zu sein. Jeden Sonntag bringen sie ihre frischen Schweinebraten auf den Markt. Herrlich, köstlich, lecker … ein wahrer Traum, bedenkt man, was es zur Zeit sonst zu Essen auf dem Schiff gibt, während ich das Schiff hüte.
Und Montag geht es dann wieder von vorne los …

Mega-Yachten, Schlepper und Atanga

So.,15. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2632, 22.204 sm von HH

Uns gegenüber liegen zwei Mega-Yachten, wovon die eine ein öder Joghurt-Becher und die andere ein umgebauter Schlepper ist. In Anlehnung an die heute offensichtlich übliche Vorgehensweise, übernehme ich unverändert die Kurzbeschreibung aus Wikipedia ( Arctic (Schiff, 1969) – Wikipedia), wobei ich insofern abweiche, als dass ich ja gerade die Quelle genannt habe. Old-School halt – ich kann nicht anders:

„Das Schiff wurde 1969 von der F. Schichau Aktiengesellschaft (Baunummer 1746) in Bremerhaven gebaut. Der Rumpf entstand im Unterauftrag auf der Rickmers Werft (Baunummer 345). Am 30. Dezember 1969 konnte die Arctic an die Bugsier-, Reederei- und Bergungsgesellschaft abgeliefert werden. Mit einem Pfahlzug von 189 tbp gehörte sie, wie ihr Schwesterschiff Oceanic, damals zu den leistungsfähigsten Schleppern.“

Eine zur Abwechslung wirklich coole Mega Yacht, auch wenn die Spielzeuge in Form von polierten Yuppie-Motorbooten nicht das Flair von Freiheit und Abenteuer transportieren, sondern eher dem St. Tropez Abenteuerteam zuzuordnen sind.

Morgens ist plötzlich Unruhe und als ich aus meiner Höhle schaue, liegt Aito Nui, der lokale Schlepper,  ganz dicht hinter unserem Heck. Sehr dicht. Fast ein bisschen zu dicht.

Weniger aus Sensationsbegeisterung als aus Vorsicht, um für eventuelle Versicherungsschäden gewappnet zu sein, greife ich zum Fotoapparat.

Aito Nui

Aito Nui

Der Eiger und einstige fast Ehemann von Mariah Carey hat wohl beim Bugstrahlruder gespart und so musste Aito Nui das Heck der Mega-Schlepper-Yacht durch gezieltes und sehr geschickt ausgeführtes Ziehen dirigieren. Das Gespann der Beiden zog an uns vorbei, ohne Schaden anzurichten.

Leider galt das gleiche auch für den Joghurtbecher. Unbeschadet überstand auch dieses Schiff das Manöver.

Dragonfly

(Man beachte die Fender, die die Crew ausgebracht hatte :-)

Warum ich Dragonfly nicht mag … seit Tagen läuft Tag und Nacht pulsierend das Kühlwasser …mit 100 Hertz. Ich vermute das es für die Chamagner Kühlung ist, was hätte sonst eine derartige Priorität, auf einer solchen Schüssel.

geschafft

geschafft

* nur ungern gebe ich zu, dass Dragonfly kein klassischer Joghurt-Becher ist, sondern aus Aluminium gefertigt ist. Meiner Abneigung tut das aber keinen Abbruch. Und auch jetzt höre ich im Schiff das unaufhörliche Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft,

Achim allein Zuhause

Fr.,13. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2630, 22.204 sm von HH

Jetzt ist Bine schon 5 Tage weg und genießt die Annehmlichkeiten in Hamburg. Da sie zum Schreiben dann weder die Zeit noch die Gelegenheit hat, darf ich mal wieder ran. Nun gut.

Fünf Tage und Nächte im Zentrum von Papeete. Was macht man da denn so allein an Bord?

Nicht nur, weil hier gerade mal wieder nächtliche Ausgangssperre verordnet wurde, fiel meine Entscheidung zugunsten von Hertha aus.

Hertha ist eine echte Hamburgerin. Sie ist fast 22 Jahre jung, fleißig, still, genügsam und arbeitet ohne zu murren. Sie ist zu Diensten – zu jeder Tag und Nachtzeit und selbst, wenn man sie mal links liegen lässt, nimmt sie es einem nicht Übel. Ein echter Schatz.

Hertha ist unser wichtigstes Crew Mitglied. Sie steuert das Schiff immer, wenn wir Strecken über 20 Seemeilen vor uns haben. Hertha ist eine Windsteueranlage Typ Pacific Plus. Ein kleines technisches Wunderwerk. Ohne Strom zu benötigen, lenkt sie das Schiff nach dem Wind und hält uns den Rücken frei – und das auf allen Kursen – Tag und Nacht.

Seit einiger Zeit macht sich aber das Alter bemerkbar und Hertha wurde ein bisschen klapprig. Nicht, dass sie deswegen ihren Dienst versagt hat, aber man sah ihr an, dass sie mal betüddelt werden will.

Fast die ganzen Zeit seit Bines Abfahrt habe ich also versucht, die nach Jahren zu einer durch Salz und Fett verbackene Einheit auseinander zu nehmen, zu reinigen und mit Peter Förthmann von Windpilot zu kommunizieren, um zu klären, wie ich sie zerlegt bekomme und welche Teile wir tauschen sollten, damit das Mädchen wieder wie neu wird und uns weiterhin die Arbeit des elendigen Rudergehens abzunehmen. Ohne Peters Ratschläge würde ich immer noch draußen versuchen, das Schätzchen zu zerlegen. Dafür nochmal vielen Dank.

Wer denkt, dass man eine solche Einheit durch gutes Zureden und etwas WD40 auseinander bekommt, der irrt. Große Hebel mussten ran und der Schweiß lief mir nur so den Körper runter – ungefähr vergleichbar mit der alten Cola Light Werbung. (Bilder werden in Ihrem Land aus rechtlichen Gründen nicht gezeigt…)

Fünf Tage sind um und die Deern liegt zerlegt im Cockpit und wartet nun gespannt auf Sabines Rückkehr mit den neuen Teilen. Der Witz ist aber, dass man das Ding in gereinigter Form ruckzuck zusammensetzen und anbauen kann. Minuten …. nicht Tage. Vielleicht sollte ich Hertha das nächste Mal nicht so lange unbeachtet lassen.

Die Bilder sind eher was für die Technik Interessierten … oder solche, die ihre Anlage auch schon viele Jahre um die Welt schippern, ohne ihr mal etwas Zeit zu widmen.

Die Schubstange ist leicht verbogen und das darf nicht sein. Reparatur durch geradebiegen und fertig.

So eine Anlage wird recht groß, wenn sie plötzlich auf dem Schiff ist. Gut, dass ich alleine war, denn für eine zweite Person wäre es eng geworden.

Die Achse des Bösen. Um das Ding rauszubekommen, musste ich die Anlage wieder am Heck montieren und mit einem wirklich großen Hebel arbeiten. Das Ding saß bombenfest (Tipp war von Peter)

Beachtenswert sind die beiden weißen Delrin Scheiben, die eher wie Kreissägeblätter aussehen. Platt, spröde, verbraucht.

Der kleine Zahnkranz zum Einstellen der Anlage hat einen Riss. Hätte ich wahrscheinlich nicht bemerkt, aber nun habe ich es gesehen – wird getauscht.

Die Welle des Pendelruders. Das Loch, in dem der Stift die Achse für den Zahnkranz hält, ist ausgelutscht. Dadurch hat die Welle Spiel und klappert manchmal. Die neue Welle ist bestellt und die Achse für die Zahnkranzaufnahme ist dann bündig aus Delrin. Klingt so, als ob dann auch das leise Klappern verschwinden wird.

Das Loch in Großaufnahme … sieht nicht so gut aus. Und das nach lächerlichen 22 Jahren.

Sauber und locker zusammengesetzt wartet nun die Anlage auf die neuen Teile.

Windsteueranlagen – Technik von gestern oder zukunftsfähig:

Auffällig ist, dass diese Technik immer mehr und mehr verschwindet. Immer weniger Boote verzieren sich ihr Heck damit und fahren dort nun ihr Dinghy. Das ist super bequem und wenn man genug Strom hat, dann kann ein elektrischer Autopilot das Schiff zielgenau steuern.

Der Spaß beginnt dann, wenn durch Blitzschlag der Strom und insbesondere die gesamte Steuerung ausfällen. Auch Hydraulikausfälle oder Leckagen (soll Boote geben, die Hydrauliksystem an Bord haben) sind sehr beliebt oder einfach nur kaputt gehende Steuercomputer, Servos, Ruderstandsanzeiger …..  Im schlimmsten Fall steuert eine davon betroffenen Crew dann sehr lange von Hand – Tag und Nacht – ggf. wochenlang.

Ich denke, dass für die Langfahrer, die die wirklich langen Strecken angehen, eine solche Anlage unentbehrlich ist. Würde Hertha das zeitliche segnen, würden wir sofort Ersatz beschaffen.

 


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1070 Tage

So.,08. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2625, 22.204 sm von HH

So lange ist es her, dass ich nicht in Deutschland war. 1070 Tage ein schwankendes Bett. 1070 Tage habe ich keine lange Hose getragen. 1070 Tage ungetrennt von Achim. :mrgreen: Abgesehen von ein paar Einkaufs-Stunden hocken wir 365/7/24 dicht aufeinander. „Das Glück war jeden Tag an Bord“, ein Buchtitel über den wir uns lustig machen, wenn es Stoff für Diskussionen gibt und wir uns nicht sofort einigen können.

Mit 24 Stunden Verspätung geht es für mich nun endlich nach Deutschland. Aus unbekanntem Grund ist mein Flug für heute gecancelt worden. Ich freu mich riesig in die Heimat zu fliegen. Habe aber auch ein paar Bedenken, dass ich verhaltensauffällig sein werde. Wie lauten die Regeln in Deutschland? Nur durch Zufall habe ich heraus gefunden, dass man nicht einfach mehr ins Rathaus geht, um einen neuen Reisepass zu beantragen. Man muss online einen Termin vereinbaren. Dann die Bundesland-Fallstricke: Es gilt chirurgische Masken-Pflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber nur in Niedersachsen. Luca App und CovPass App – in Französisch Polynesien stehen sie zum Download nicht zur Verfügung. Brauche ich die überhaupt?
Dazu meine Abneigung gegenüber den Masken. Ich trage sie, wo ich muss, aber freiwillig nicht eine Minute zu lange. Da kam mir Fakarava genau recht. Zwei Monate gar keine Maske. Dort hat man sogar in den Geschäften damit aufgehört. Und jetzt Deutschland. Achim ist überzeugt, dass ich auffällig sein werde wie ein Alien. „Man wird mit dem Finger auf dich zeigen und diesen schlimmen Schrei ausstoßen. So wie Donald Sutherland in ‚die Körperfresser‘.“

Nur ein Grund, warum ich Masken scheußlich finde

Überall liegen die Mistdinger rum

Die Vorbereitungen für den Flug waren leicht holperig. Einige meiner „Winterklamotten“ haben Flecken unbekannter Herkunft. Durch eine Deckundichtigkeit ist rostiges (?) Wasser in mein Kleiderfach getröpfelt. Auch langärmelige T-Shirts sahen schon mal besser aus. Freunde der Sonne in Deutschland, ich bin nicht nur scharf auf eure Duschen, nein auch auf eure Waschmaschine.
Meine Lederhandtasche, seit drei Jahren ungenutzt gelagert im Schiffs-Keller – in zwei Tüten luftdicht verpackt – hat einen Müffelfaktor. Genau wie der Koffer. Und Hilfe, ich habe eigentlich gar keine Jacke für „Sommer“ in Deutschland. Es muss die (inzwischen wieder moderne) Strickjacke aus den 2000er Jahren her halten. Alles egal, ich freu mich riesig.

Und Achim bleibt hier und passt auf unser Schiffchen auf. Für 30 Tage. Das Glück war jeden Tag an Bord. :-)


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Mal wieder Papeete

Mo.,02. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2619, 22.204 sm von HH

Die Überfahrt war erste Sahne. Dabei fing es am Vorabend mit leichtem Magengrummeln an. Im wahrsten Wortsinn. Schuld waren die Hähnchenkeulen, die es zum Abendbrot gab. Achim war richtig schlecht, mir nur ein bisschen. Somit gehen die extra für die Überfahrt mit gebratenen Keulen über die Kante. Die Schiffshalter freuen sich.

Morgens geht es uns aber wieder gut. Aufbruch. Die Wettervorhersage stimmt mit der Realität überein. Vier Windstärken von schräg hinten. Mäßige Dünung. Atanga liegt leicht auf der Seite, nichts wackelt, nichts klappert. Geruhsamer Schlaf bereits in der ersten Nacht. Champagner-Segeln wie es neuerdings genannt wird. Zwischen fünf und sieben Knoten gleiten wir voran. Segeln kann ja sooo schön sein. Nur die Versorgung ist ohne die Hühnerkeulen etwas dünn. Das Versorgungsschiff wollte auch nicht mehr vor unserer Abfahrt kommen und ein paar ersehnte Gurken oder Tomaten bringen. Wir wühlen uns durch weniger beliebte Reste im Vorratsschrank. Mal sehen, was noch zu Krautsalat und Kartoffelsalat passen könnte. Vielleicht sind wir auch deshalb so schnell. Atanga ist zum Leichtgewicht geworden.

Unser Wetterfenster-Glück hält knapp 24 Stunden, dann bricht der Wind – wie vorher gesagt, man höre und staune – zusammen. Aber da sind wir längst nah an Tahiti.  Die letzten dreißig Meilen motoren wir direkt bis zur Marina. Und unser Glück hält an. Wir finden tatsächlich einen freien Platz. Das freut mich für Achim. Für ihn ist es alleine in der Marina zu wohnen angenehmer als am Anker zu hängen. Direkt gegenüber liegt die JajaPami, alte Sundowner-Mitstreiter :mrgreen: Hier weiß ich ihn gut aufgehoben.
Und Morgen wird erst mal ordentlich eingekauft. Im Wunderland Tahiti.

Das erste Morgenlicht nach einer sternenklaren Nacht – wundervolle Momente

 


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Verflixte Segelplanung

Fr.,30. Jul.2021, Franz.Polynesien/Tuamotu/Fakarava/Rotoava, Tag 2616, 21.949 sm von HH

Wenn wir uns in einem einig sind, dann darin, dass wir uns bei zeitlichen Planungen eine Reserve einrechnen. Achim ist noch ein bisschen strenger als ich. Da es aber mein Flug ist, der am 8. August morgens früh in Papeete startet, durfte ich bestimmen, dass unsere Abfahrt nach Tahiti am 28. Juli sein sollte. Meine Rechnung war einfach – drei Tage maximale Segelzeit (ungefähr 230 Seemeilen), Ankunft also spätestens am 31 Juli. Gute Reserve für ein gutes Gefühl.
Morgen ist der 31.Juli und wir dümpeln noch immer in Fakarava. Die Reserve schmilzt in der Flaute dahin. Von den acht Wochen, die wir jetzt hier sind, hat es sieben Wochen mit Windstärke vier bis fünf aus Osten geweht. Jeden Tag. Mal etwas weniger, mal etwas mehr. Wenig Wind hatten wir zwischendurch nur mal für drei Tage.
Das Hoch, was uns den Sturm in Hiriva bescherte, hat den gesamten Wind abgesogen. Seit zehn Tagen haben wir Flaute. Anfängerfehler! Niemals, wirklich niemals Ort und Zeitpunkt gleichzeitig festlegen.

Noch bin ich entspannt. Denn natürlich habe ich neben der zweiten Reserve noch die erste Haupt-Reserve eingeplant. Außerdem haben wir herausgefunden, dass ich für meinen Flug keinen PCR-Test brauche. Das spart einen dreiviertel Tag Rennerei in Papeete. Ich kann einen weiteren Tag auf die Reservebank legen.
Die Windvorhersage verspricht segelbaren Wind ab Morgen. Allerdings schwach und nur für zwei, drei Tage, dann folgt das nächste Flautenloch. Wollen wir nicht motoren, müssen wir Morgen los. Die Vorbereitungen sind jetzt fast abgeschlossen: Vorkochen, Dinghy verzurren, was fliegen kann, wird verstaut und alle Spielzeuge wieder an ihre angestammten Plätze gelagert.

Fakarava verabschiedet sich spannend von uns. Wir lernen eindrücklich, dass es in diesem Atoll nur so vor Haien wimmelt. Achim schnorchelt am Propeller, um noch ein paar Gewächse zu entfernen. Und ich will gerade duschen gehen (wie immer mit Sprung ins Meer) – meine Brille liegt schon auf dem Tisch. Da sehe ich Achim in einem Affenzahn an Atanga vorbei zur Badeleiter schwimmen. „Nanu, was hat er denn?“, denke ich. „Oh, das ist ja ein großer Schiffhalter unter ihm“, denke ich dann. „Oh, oh. Oh weia, das ist ja ein Hai“, begreife ich. Wenn ich ihn ohne Brille sehen kann, muss er groß sein. Während Achim an der Badeleiter versucht aus seinen Flossen zu kommen, renne ich nach meiner Brille. Dann hetzte ich schnell zur Reeling zurück. Da kommt wieder, der Oschi. Er schwimmt nah unter der Wasseroberfläche, ist gut zu erkennen. Dreht noch einen Halbkreis um Atanga und verschwindet. Dann hat Achim sich auch endlich von seinen Flossen befreit und kann aus dem Wasser steigen.
Wir sind ganz gut in Hai-Bestimmung, unseren Lieblings-Fischen: Es war definitiv kein Ammenhai, der nicht mal Zähne hat, aber eine gute Größe erreichen kann. Es war auch kein spaddeliger Weißspitzen-Riffhai. Es war überhaupt gar kein Riffhai. Da er recht hell erschien von oben und keinerlei Färbung aufwies, tippen wir auf einen Zitronenhai. Ausgewaschen kann er drei Meter lang sein. Sie gelten als harmlos. Aber weiß der Hai das auch? Meine Dusche fällt dann heute etwas kürzer aus und ohne ausladende Schwimmbewegungen weg vom Schiff. :mrgreen:

 

Ciao, Fakarava, du warst toll und hast uns viel Spaß gemacht.

Auf Wiedersehen Fakarava


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