Archiv der Kategorie: Atanga

Wal-Tag

Fr., 18.Okt.19, Franz.Polyn./Moorea/Cook’s Bay, Tag 1965, 18.981 sm von HH

Ein Tag wie aus dem Segel-Märchenbuch: Wind aus der richtigen Richtung, in der richtigen Stärke. Keine Welle, Schafwolken am Himmel. Es ist so schön, dass ich die knapp zwanzig Meilen nach Moorea mit der Hand steuere (oder war es, weil Achim keinen Bock hatte, die Windsteueranlage scharf zu schalten?). Solche Tage waren es, die Erinnerung kommt zurück, warum Segeln mal richtig toll war. Nach knapp drei Stunden erreichen wir die Cook’s Bay, eine der meistfotografierten Buchten der Welt. Steil richten sich in der schmalen Bucht die Berge auf, grün bewachsen. Bizarre Formationen, die malerische Namen wie ‚Tigerzahn‘ tragen.

Ansteuerung auf Cook’s Bay auf Moorea

Hinter dem Pass – hinter dem Riff – erblicken wir den ersten Wal-Rücken. Wir zweifeln noch. Könnte auch ein großes Stück Treibholz sein. Es folgt ein Blas. Dann ein zweiter. Kein Zweifel mehr: zwei Buckelwale direkt vor dem Bug. Mutter mit Kalb. Hinter uns schnauft es. Ein richtig Dicker zeigt seinen Rücken. Dieser Wal ist bestimmt so groß wie Atanga. Wir können es nur schätzen, mehr als einen Teil vom Rücken bekommen wir nicht zu sehen. Uns geht das Herz auf – wir freuen uns wie Bolle. Was für ein Empafng.
Die Wale ziehen ihre Kreise, wir tuckern langsam an ihnen vorbei. Dann machen sie sich krumm, man erkennt noch kurz einen Katzenbuckel und sie sind verschwunden. Dieses Verhalten, einen Buckel zu machen, bevor sie abtauchen, gab den Buckelwalen ihren Namen. Häufig stecken sie dabei noch ihre Fluke in die Höhe.

Ein Wal oder zwei Wale?

 

Definitiv zwei Wale

Wir fahren bis zum Ende in die Bucht. Zu unserer großen Überraschung ist dieser weltberühmte Ankerplatz fast leer. Mit sechs weiten Seglern und einem Motorboot teilen wir uns das atemraubende Panorama. James Cook, der Namensgeber der Bucht, hat hier nachweislich nie geankert. Er war zwar auf Moorea, aber zwei Meilen weiter westlich.

Wale und Traum-Kulisse, warum nochmal wollten wir auf die Austral-Inseln? :mrgreen: Wir sind dankbar für die schlechte Windprognose, die uns nach Moorea hat ausweichen lassen. Einen besseren Plan B hatten wir noch nie. Morgen gehen wir noch einmal Whale-Watching.

Cook’s Bay auf Moorea

zu jeder Seite ein Augenschmaus

Mitsegler vor den Bergen

175-Tage-Master-Plan

Fr., 18.Okt.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1965, 18.962 sm von HH

Essig mit Austral-Inseln – zumindest für die nächsten fünf Tage. Der Wind soll komplett einbrechen auf unserem Weg dorthin. Das wollen wir uns nicht antun. Unser Wochenvertrag in der Marina läuft heute aus, nochmal verlängern wollen wir nicht, also kommt Plan B zum Zug: wir machen einen Abstecher nach Moorea.
„Perle der Südsee“, nennt die Touristen-Branche diese Insel. „Geschenk der Götter an die Polynesier“, sagen die Einheimischen. Klingt also nicht nach einer echten Strafe dort zu stoppen. Und weit ist es außerdem nicht. Nur ein Tageshüpfer. Und mein wichtig vorgekochtes Essen, schmeckt auch am Anker. :roll:

Geschenk der Götter an die Polynesier – Moorea

 

 

180-Tage-Master-Plan

Mo., 14.Okt.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1961, 18.962 sm von HH

Man kann sagen ein 180-Tage-Marshall-Plan, weil es im Wesentlichen um Nahrungsbeschaffung geht. Der örtliche ‚Carrefour‘ Supermarkt liefert kostenlos ans Schiff. Es soll einen Mindestumsatz von 300 USD oder auch 500 USD geben, aber als wir an der Hauptkasse nachfragen, winkt man uns durch: „Einfach melden, wenn ihr mit dem Einkauf fertig seid.“ Wir schaffen locker über fünfhundert Dollar – zwei Einkaufswagen voll.

Als wir uns zurück melden und nach dem Transport fragen, bekommen wir ein bedauerndes Lächeln geschenkt. Der Fahrer sei bei der Polizei, ob als Täter oder Opfer bleibt offen, aber die Dame an der Rezeption zeigt eine Handschellen-Geste. Sie könne uns aber ein Taxi rufen. Zähneknirschend stimmen wir zu. „Kostet 35 USD“, erfährt sie am anderen Ende der Leitung. Jetzt winken wir ab. Die spinnen doch total mit ihren Preisen auf Tahiti! Irgendwann ist einfach mal Schluss. Der Supermarkt ist zwei Kilometer von der Marina entfernt – nicht zwanzig. Wir wollen das Taxi nicht! Die Dame zuckt mit den Schultern. Dann eben nicht, lautet ihr Motto, ist nicht länger ihr Bier. Achim fragt nach dem Manager, der widerwillig gerufen wird. Er ist Franzose, seine Mutter in Köln geboren, alles paletti. Die Chemie stimmt: am Nachmittag wird geliefert. Zufrieden radeln wir zum Schiff zurück.

Wir wissen ja inzwischen, was auf den kleinen Inseln teuer ist und was es gar nicht gibt. Der Schiffsbauch wird mit Bier, Wein und Käse gefüllt. Für ein halbes Jahr können wir zwar nicht alles mitnehmen, aber wenigstens doch die ganz teuren Artikel. Der Wasserpass sinkt mal wieder deutlich tiefer. Jetzt fehlen nur noch ein paar Kleinigkeiten. Und bloß die Weihnachtsgeschenke nicht vergessen. Ich hoffe, der geneigte Gatte liest an dieser Stelle mit, so dass nicht nur ich ein Paket unter den Baum legen kann. :mrgreen:

Unser nächstes Ziel sind die Austral Inseln. Segler fahren kaum dorthin. Warum das so ist, haben wir im in den letzten Monaten nicht herausbekommen. Dass es dort etwas kühler sein soll und mehr Regen fällt, kann als Grund nicht reichen. Okay, von Rapa zurück Richtung Osten in das Gambier Atoll sind es 500 Seemeilen gegen die vorherrschende Windrichtung. Das kann garstig werden, der einzig sichtbare Haken an unserer Idee. Viele Segler fahren von Tahiti auf die Marquesas, das ist ein genauso schlechter Kurs und noch zweihundert Meilen weiter.

Austral-Runde während der Zyklon-Saison

Wir werden sehen, ob wir einen Fehler machen. Der Plan steht jedenfalls. Am 1. November beginnt offiziell die Zyklon-Saison. Wir gehen auf den südlichen Sommer zu, die Temperaturen steigen, bald hat das Meer 28 Grad, die zur Bildung eines Wirbelsturms erforderlich sind. Zwar ist Tahiti nur selten betroffen, aber weiter im Süden fühlen wir uns sicherer, auch wenn viele unserer Mitsegler ihre Schiffe hier sogar monatelang alleine lassen. :shock:

Die gesamte Runde, die wir segeln wollen, beträgt 2.200 Seemeilen. Eine Art Katzensprung. Ein halbes Jahr haben wir Zeit für die unbekanntesten Inseln in Französisch Polynesien. Im April geht die Wirbelsturmzeit zu Ende und es wird kühl im Süden werden. Dann kommen wir nach Tahiti zurück. Am Freitag geht es los. Die erste Etappe sind nur 350 Seemeilen.

Tropische Wirbelstürme weltweit

Wir befinden uns in etwa beim roten Kreuz. Jede Linie steht für einen Wirbelsturm. Man kann schön sehen, dass im südlichen Ostpazifik einigermaßen Ruhe herrscht. Sollte ein Zyklon im Anmarsch sein, so können wir nach Süden flüchten. Da unten ist das Wasser kalt und der Wirbelsturm löst sich auf. Ein Vergnügen wäre das sicher nicht, aber die Rettung.

Läuft!

Mi., 09.Okt.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1956, 18.962 sm von HH

Unsere Ersatzteil-Beschaffung klappt besser als wir heimlich befürchtet hatten. Das Radar landet dank eines fähigen Agenten zollfrei bei uns im Cockpit. Ohne Agenten soll es nahezu unmöglich sein, hochpreisige Waren aus dem Zollbereich zu bekommen.
Jetzt hängt das neue Teil an seinem angestammten Platz. Die Gebühren für den Agenten (immerhin 190 USD) bekommen wir ja vielleicht sogar von Raymarine erstattet.

Die Winsch-Lieferung verzögert sich um acht Tage. Normal – willkommen in Tahiti. Man bekommt hier zwar alles, die Frage ist nur wann. Die neue Wisch hat die gleichen Maße wie die alte, somit sollten alle Bohrlöcher und Bolzen passen. Aber die Demontage hat es in sich. Mit Hilfe einer Mastwisch und Fall; und beherzten Schlägen auf den Hinterkopf gibt sie dann doch endlich auf. Die alten Bolzenlöcher passen zwar, aber ein massiver Metall-U-Träger, der unter Deck als Kontersicherung festgeschraubt war, zeigt sich wiederborstig. Korrodiert, wie er ist, braucht er zunächst etwas Pflege. Außerdem sind die Gewinde ausgeschlagen.
Aber zwei Tage später, grad rechtzeitig zum Geburtstag, kann ich mein Geschenk in den Armen halten.

Die alte Winsch wehrt sich noch

Kerze oben drauf – drei, zwei, eins … meins!

Somit sind die großen Projekte nun abgearbeitet. Bleibt noch der Segler-Dreikampf: Großeinkauf, Wäsche waschen und Staulisten anlegen.
Das zieht sich noch ein paar Tage, aber dann geht es weiter. In der Zwischenzeit gehen wir abends hin- und wieder ‚Roulottes‘ essen. Das sind Imbiss-Buden, die allabendlich am Hafen aufgebaut werden. Da Restaurant-Besuche so teuer in Papeete sind, hat sich eine preiswerte rollende Subkultur entwickelt. Neben den umgebauten Bullis köcheln Pötte auf großen Flammen, werden Woks und Grills aufgebaut. Es gibt Burger mit Bergen von Pommes oder pikante China-Pfannen, gegrillter Fisch oder ‚Poison Cru‘.
Zur Touristen-Attraktion aufgestiegen, sind die ‚Roulottes‘ zwar nicht mehr so günstig, wie es mal begonnen hat, aber eine schmackhafte Weise abends Essen zu gehen.
Wenn wir Glück haben und gerade ein Kreuzfahrt-Schiff im Hafen liegt, spielt eine Band Ukulele und anschließend treten die wilden Tänzer von den Marquesas auf.

Roulottes

rollende Imbiss-Buden

Tänzer von den Marquesas – immer wieder nett

Schweißtreibende Tänze

Ein neues Segel-Video

Fr., 04.Okt.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1951, 18.962 sm von HH

Unser bislang längster Törn – von Ecuador auf die Osterinsel: ein Boot, zwei Menschen, 2400 Seemeilen, 24 Tage.

Ist ja schon eine Weile her, aber trotzdem viel Spaß!

Ein Boot, zwei Menschen, 2400 Seemeilen, 24 Tage

Ein Boot, zwei Menschen, 2400 Seemeilen, 24 Tage

TMS – tödlicher Männer-Schnupfen

Sa., 28.Sep.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1945, 18.962 sm von HH

Nur, dass es mich erwischt hat. Mit trockenem Husten, der nachts das ganze Schiff wach hält und verstopfter Nase. Macht bei 30 Grad genauso wenig Spaß wie bei 4 Grad Nieselregen. Ich kann bei Erkältung ebenso gut wie ein Mann leiden und erwarte ebenfalls, dass ich daran sterben werde. Den Tiefpunkt habe ich überstanden, es war heute schon besser.
Dem Skipper geht es inzwischen wieder prima: Fuß gut, Zahn gut, Auge gut!

Warum wir trotzdem nicht weiter fahren? Wir warten. Und zwar auf mein Geburtstags-Geschenk. Da freut frau sich aber. :lol: In die Hände klatsch. Das habe ich mir schon immer gewünscht. Es gibt dieses Jahr eine neue Ankerwinsch.
Der Frachter auf dem das gute Stück geliefert wird, wird am 2. Oktober in Tahiti erwartet. Dann muss die Winsch noch durch den Zoll, aber am Freitag, spätestens Montag, können wir sie wahrscheinlich abholen. Die alte Winsch hat es hinter sich. Sie kann den Anker seit geraumer Zeit nur noch hoch ziehen, die Passfeder ist ausgejuckelt und hat auch sonst ihre Mucken. Bei den tiefen Ankerplätzen, die auf uns zu kommen im nächsten halben Jahr brauchen wir eine tüchtige Winsch.

Und wir warten auf ein neues Radar. Beim Einlaufen in Tikehau meldete das Teil unerwartet aus dem Nichts ‚Selbsttest abgebrochen‘. Was soll das nun wieder? Auf eine Nachfrage bei Raymarine erhalten wir ohne Zögern die Auskunft ‚kaputt, Hardware-Fehler‘. Das Radar wurde nach unserem Blitzschlag neu eingebaut, ist also 1,5 Jahre alt und hat noch Garantie.
Zunächst zeigt sich Raymarine etwas spröde: „Im Südpazifik gäbe es keine Händler, wir können nicht helfen, erst wenn Sie sich wieder in der Nähe von autorisiertem Personal befinden.“ Die Nummer eins in Yachtelektronik – Eigenwerbung – kann nicht helfen.
Ein paar Mails später hat Achim Raymarine weich gekocht. Aus Australien liefert man uns nun einen neuen Radar-Dom. Das Tracking sagt, er ist bereits in Neuseeland angekommen und durch die Zollabwicklung durch. Ankunft erwartet: noch diese Woche. Den kaputten Radar müssen wir mit zum Zoll nehmen, der wird vernichtet und wir halten dann einen neuen Radar in den Händen. So die Hoffnung.

Sobald wir mit Warten fertig sind, geht es weiter. Noch sind wir im Zeitplan, spätestens am 15. Oktober wollten wir hier weg. Die Zeit ist nicht verschwendet, sondern die ewigen (und ewig langen) ‚to-do-Listen‘ werden abgearbeitet.

Industrie-Romantik

Und während wir warten, genießen wir den Blick auf Moorea, die schöne Schwester Tahitis.

Ein schöner Morgen auf dem Markt

So., 22.Sep.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1939, 18.962 sm von HH

oder ‚Wie ich das teuerste Fleisch meines Lebens kaufte‘. :mrgreen:
Dabei dachte ich, nach über fünf Jahren auf den Welt-Märkten alle Tricks zu kennen.

Unter der Woche ist der Markt in Papeete ganz nett, aber erst am Sonntag tobt dort das Bärchen. Die Händler und Bauern aus den umliegenden Dörfern bieten ihre Produkte an.
Man findet fertig gekochte Gerichte und die Chinesen verkaufen gegrilltes Fleisch. Knusprigen Schweinebraten in kleine Stücke gehackt.
Den will ich haben. Mit einer Preisinformation im Kopf von 1000 Franc (gleich 10 USD) pro Kilo bestelle ich ein halbes Kilo. Regina von der ‚Jasina‘ spricht Französisch und hilft beim Dolmetschen.

Fertig gekochte Mahlzeiten – leider alles in Plastik

Zahlen fliegen durch die Luft, ich verstehe nicht richtig. Der Chinese auch nicht. Er legt ein Kilo Fleisch auf die Waage. Das sagt zumindest die Waage. Der Berg sieht klein aus für ein Kilo. Das registriere ich ohne, dass die Info meinen Verstand erreicht.
Ich soll plötzlich 3000 Franc bezahlen. Hm, warum das denn, wenn ein Kilo doch nur 1000 kostet? Regina übersetzt, dass der Kilopreis 2800 Franc beträgt. Okay, ich möchte noch immer den köstlichen Schweinebraten, der mir das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Ich deute meinem Verkäufer, dass ich aber nur die Hälfte haben will. Wieder fliegen Zahlen durch die Luft. Die 500 Gramm irritieren, da alle anderen Kunden wohl nach einem bestimmten Geldbetrag (meistens 500 Franc) ihr Fleisch ordern, nicht nach Gewicht.
Es wird Fleisch von der Waage genommen. Der verbleibende Rest auf der Waage sieht nun endgültig mickrig aus (wieder erreicht diese Info nicht mein Gehirn).
Ich gebe einen großen 10.000 er Schein zum Bezahlen. Das ist kein Problem. Mein Verkäufer deutet einen Kollegen, den Schein wechseln zu gehen. Es wird weiterhin viel gesprochen. Viele Zahlen schwirren durch die Luft. Ich bin bei Bahnhof angekommen. Mein Fleisch wird in Papier eingeschlagen. Das Wechselgeld wird mir korrekt überreicht: 8.500 Franc.
Regina und ich schlendern weiter über den Markt. In meinem Unterbewusstsein fängt es an zu klingeln -irgendwas stimmt nicht mit dem Fleisch.

Köstliche Braten – dieser Verkaufsstand war es nicht

Zurück an Bord erzähle ich Achim, dass es abends Schweinebraten geben wird. Er nimmt das Paket in die Hand: „Warum hast du kein Fleisch für dich mitgebracht?“ Ich gucke ihn an. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass du für das Häufchen 15 USD bezahlt hast?“ Ich nicke unglücklich. Um noch Salz in die Wunde zu streuen, holt Achim eine Waage. Es sind 200 Gramm inklusive Papier. Macht einen Kilopreis von 75 Dollar. Trau, schau, wem. :mrgreen:

Nachtrag zum Geschmack: Natürlich war der Braten vortrefflich. Musste er ja sein, bei so einem Preis.

Viel zu kleine Riff-Fische im Angebot – wie überall auch hier keine Nachhaltigkeit

Blumenkranz-Produktion auf dem Markt

Papeete – eine Wiedergutmachung

Sa., 21.Sep.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1938, 18.962 sm von HH

„Seelenlose Stadt, im Verkehr erstickender Beton-Klotz, keine besonderen Sehenswürdigkeiten“ … , ich muss schlechte Laune gehabt haben bei meinem ersten Bericht über Papeete. Wen wundert’s, wenn man zweimal durchs Industrie-Gebiet gehetzt wird?
Ich befinde mich in guter Gesellschaft: Paul Gauguin war vor 130 Jahren ebenfalls enttäuscht. Zu europäisch kam ihm Papeete vor. Zuviel der polynesischen Kultur wurde bereits durch westlichen Einfluss verdrängt. Er wechselte frustriert seinen Wohnsitz auf die Marquesas.

So weit wollen wir nicht gehen, denn sooo schlimm ist Papeete nun doch nicht. Die Stadtmarina liegt im Herzen Papeetes. Mitten drin. Mit allen Nachteilen eines ‚mitten drin‘. Wir parken direkt an der vierspurigen Promenadenstraße. Die Autos fahren quasi übers Vorschiff, während am Heck von Atanga dicke Kreuzfahrschiffe fest machen. Den ganzen Tag flanieren Touris und Einheimische am Schiff vorbei. Damit sie gute Sicht auf uns haben, ist das Geländer aus Plexiglas.
An Steuerbord gibt es eine dicke Baustelle, da das Marina-Office umgebaut wird. Das bedeutet keine Duschen, kein Internet, keine Waschmaschine. Das mit der fehlenden Dusche ist das Unerfreulichste. Schließlich fahren wir nur noch wegen der Duschen in eine Marina. Im Schiffsbad zu duschen, bringt Feuchtigkeit bei sowieso schon hoher Luftfeuchtigkeit in die Bude. Auf der Badeplattform ist es peinlich. Den Fußgängern möchten wir den Anblick von unappetitlicher Wühlerei in Bade- und Bikinihose ersparen. Bleibt noch verschämt im Cockpit-Loch hinter dem Ruder in der Hocke eine Dusche zu nehmen. Alles doof – Seglerschiksal.

Dicker Pott im Rücken

Die Vorteile liegen auf der Hand, in fünf Minuten auf dem Markt, in fünfzehn Minuten im Supermarkt. Zahnarzt gleich um die Ecke, frisches Baguette zum Frühstück.
Im Regierungsviertel ist es aufgeräumt und gedämpft. Eine wunderschöne Allee spendet Schatten und Ruhe. In schick restaurierten Kolonialbauten befinden sich diverse Ministerien.

Streetart in Papeete

Regierungsgebäude in Papeete

Es findet sich überall in der Stadt Streetart und Schuhläden zum Stöbern. Macht auch mal wieder Spaß. Und abends geht in der Marina das Unterwasser-Licht an. Dann liegen wir mondäner als in Monaco. Geht doch.

Atanga am Luxus-Steg

Der Abendverkehr rauscht an uns vorbei

April, April

Di., 17.Sep.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1932, 18.962 sm von HH

Wie vorausberechnet, erreichen wir morgens Papeete. Mit jedem Meter, den wir uns von unserem Urlaubs-Paradies entfernen, wird der Zahnkranke gesünder: „Tut schon gar nicht mehr weh“. Den Titel ‚Urlaubs-Verderber‘ verleiht er sich selber.
Wir wählen einen Platz in der Stadtmarina. Hier sind die Wege in die Stadt kurz, die zweite Marina liegt 10 Kilometer außerhalb.
Ein Platz in der Marina ist schnell gefunden; ein Formular ist schnell ausgefüllt, so dass Achim bereits mittags bei einer Zahnärztin sitzt. Die kann nichts feststellen. Kein Karies, keine Wurzelentzündung. Nichts. Die Wurzeln sehen bis in die Spitzen sauber auf dem Röntgenbild aus. Achim berichtet ihr von seiner Wunde am Fuß (die übrigens wieder etwas schlechter geworden ist). Sein unappetitlich entzündete Grieskorn am Auge, was seit zwei Tagen am blühen ist, sieht sie selber. Ihre Vermutung lautet, dass das alles zusammenhängt. Staphylo-Kokken vielleicht. Igitt. Da sie am Zahn nichts machen kann, verschreibt sie ein Antibiotikum. Okay, nützt dann wohl nichts mehr, muss er schlucken.

Jetzt heftet Achim sich endgültig den Orden ‚Urlaubs-Verderber‘ an die Brust. Ein Antibiotikum hätte er auch in Tikehau schlucken können. Aber was soll’s. Wer weiß wofür es gut ist. Wir sind zurück in der Zivilisation mit Läden, Restaurants, Unterhaltung und prall gefüllten Supermärkten.

Manta in Tikehau

 

Ein letzter Gruß aus Tikehau. Der Manta am Mantapoint. Schön war’s. :-)

Ungeplanter Aufbruch aus Tikehau

So., 15.Sep.19, Franz.Polyn./Pazifik, Tag 1932, 18.694 sm von HH
Irgendjemand moechte nicht, dass wir in den Tuamotu im Pass tauchen gehen. Zuerst auf Hao schlechtes Wetter, dann war der Tauchverein geschlossen und in Makatea und Tikehau kam Achims Wunde am Fuss. Die Stelle war nun soweit abgeheilt, dass er wieder ins Wasser darf, da kommt der Skipper mit: „Ich habe Zahnschmerzen“ um die Ecke!
Meine Diagnose lautet Wurzelentzuendung. Alle Anzeichen sprechen dafuer. Im Gesundheitszentrum hatten wir gelesen, dass sich jeder mit Zahnproblemen nach Rangiroa – ins Nachbaratoll – fliegen lassen muss.
Achim hofft zunaechst noch auf Wunderheilung: „Ist von alleine gekommen, geht auch von alleine“. Er ist tapfer und faehrt mit mir zum ‚Mantapoint‘, einem Motu mitten in der Lagune. Dort soll man mit Mantas schnorcheln koennen. Die ‚Alrisha‘, die wir in Tikekau wieder getroffen haben, begleitet uns.
Und tatsaechlich, der Mantapoint kann etwas. Am zweiten Tag habe ich das grosse Vergnuegen einen dieser Koenige der Eleganz unter Wasser an der Putzerstation zu beobachten. Achim verzichtet, allein der Gedanke, den Schnorchel in den Mund zu nehmen, graust ihn.
Die Schmerzen nehmen zu, der Wind steht guenstig, der Skipper will zum Zahnarzt. Kurzentschlossen brechen wir am naechsten Morgen auf. Direkter Weg Tahiti. Warum sollen wir den Umweg ueber Rangiroa machen? Wir wissen nicht, ob der Zahnarzt ueberhaupt vor Ort ist, wir wissen gar nichts. Nach Tahiti wollten wir sowieso zurueck (zwar erst in 14 Tagen) und dort gibt es sicher eine Auswahl an Aerzten. Also Segel setzen und los.
Jetzt sind wir bereits seit 24 Stunden unterwegs. Ruppige, unangenehme Stunden. Den Wind mit 25 Knoten in der Nacht genau auf die Nase. Seit dem Vormittag ist es etwas ruhiger und der Wind kommt halb, so dass wir gemuetlich voran kommen. Ankunft wahrscheinlich im Morgengrauen. Die Schmerzen vom Skipper halten sich zum Glueck in Grenzen. Die Angst vorm Zahnarzt wirkt schon fuenfzig Meilen vor dem Ziel heilend auf ihn ein.
Test für: ä ö ü ß

Schön – schöner – Tikehau

Mo., 08.Sep.19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Tikehau, Tag 1925, 18.584 sm von HH

Wasser – fabelhaft
Strand – märchenhaft
Inseln am Horizont – traumhaft
Haie am Ufer – sagenhaft

 

Nichts für Türkis-Allergiker – Motu auf dem Saumriff

Hai auf Patrouille am Prinzesinnen-Strand

Auf Tikehau kann man nur ‚Superlativ‘ sprechen. Die klassischen Südsee-Klischees werden aufs Beste erfüllt. Ein wahrer Südsee-Traum. Und um dem Ganzen noch einen oben drauf zu setzen, ist der Strand zart rosa gefärbt. Ein echter Prinzessinnen-Strand.

Strand von Tikehau

Während wir auf die Heilung von Achims Fuß warten, ankern wir vor der ‚Hauptinsel‘ Tuherahera. Viel ist nicht los, obwohl es ein paar Pensionen mit einer Handvoll Touristen gibt. Wir finden zwei Snackbars, die aber nur tagsüber geöffnet haben. Um abends essen zu gehen, müssten wir es wahrscheinlich in einem der Gästehäuser versuchen. Darauf haben wir bislang verzichtet.
Die fünfhundert Einwohner wohnen weit auseinander gezogen in schnieken Häusern, mit schnieken Gärten und schnieke gefegter Straßenfront. Zwei kleine Läden, eine Polizeistation, die Post und eine Notunterkunft, mehr öffentliche Gebäude gibt es nicht. Vor über hundert Jahren ist Tikehau zuletzt von einem Zyklon getroffen worden. Tuherahera wurde dabei schwer verwüstet, das Dorf am anderen Ende der Insel wieder aufgebaut. Heute gibt es für den Ernstfall eine Notunterkunft auf Stelzen.

Typisches Wohnhaus auf Tikehau

Notunterkunft bei Zyklon-Warnung

nette Anwesen

Eine von zwei Dorfkirchen

Zwei bis drei Maschinen laden täglich auf Tikehau

Die Insel ist knapp drei Kilometer lang und schnell erkundet. Türkis im Norden, Türkis im Süden, Türkis im Westen. Nur der Osten ist tiefblau am Außenriff.
Am Ankerplatz scheinen die Seeschwalben von unten türkis von der Reflektion der Lagune. Türkis, soweit das Auge reicht. Wer eine ‚Türkis-Allergie‘ hat, sollte Tikehau meiden.

Und abends, wenn die Farben erloschen sind, brennt die Insel ein anderes Feuerwerk ab. Der Duft der Frangipani-Blüten wabert schwer zu uns herüber. Die Duftintensität nimmt zum Abend zu, um Nachtfalter anzulocken. Blumige Noten, wie Jasmin- und Rosenduft; Vanille und Mandel; die fruchtigen Noten haben einen Hauch Zitrone und Waldmeister. Ein sinnlicher Duft, exotisch. So muss Südsee riechen.

Frangipani – perfekte, immer fünfblättrige Blüte mit betörendem Duft.

Besuch im Medic-Center

Mo., 01.Sep.19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Tikehau, Tag 1918, 18.584 sm von HH

Die Verletzung am Fuß hat Achim schon aus Tahiti mitgebracht. Ein harmloser Ratscher, der sich, wie es gerne in den Tropen passiert, entzündet hat. Wir bekommen die Entzündung aber alleine nicht in den Griff. „Du reinigst zu zaghaft und du musst die faule Haut entfernen“. Ich kann nur kluge Ratschläge geben. Um herzhaft die Wunde zu reinigen, während sich der Patient vor Schmerzen windet, bin ich zu weich.
In den letzten Tagen hat die Infektion ein schönes Loch in Achims Hacke gefressen. Jetzt müssen Profis ran, bevor ihm der Fuß abfault. Auf zum Gesundheits-Zentrum.

Tikehau hat fünfhundert Einwohner. Ein Krankenhaus oder Arzt gibt es nicht. Aber zwei Krankenschwestern, die vormittags zwei Stunden geöffnet haben. Man muss draußen vor der Tür warten. Holzbänke stehen im Schatten und Aushänge informieren über das schlimmste Krankheitsrisiko auf Tikehau: Diabetes. Die Polynesier mögen gerne Süßes und noch lieber Fettes. Pommes sind ihr absoluter Favorit. Ein beliebter Pizza-Belag sind Pommes und es gibt tatsächlich Baguette belegt nur mit Pommes, Mayo und Ketchup. Ohne Quatsch, die reine Wahrheit.

Starkes Übergewicht ist die Regel, nicht die Ausnahme. Eine Ernährungs-Pyramide erklärt gesunde Nahrung. Wo der geneigte Polynesier allerdings das empfohlene Obst und Gemüse herbekommen soll, ist mir schleierhaft. In den zwei Mikro-Läden konnte ich bisher nur Zwiebeln entdecken. Selbst nach der Ankunft des Versorgungs-Schiffes fehlt der übliche Kohl und die Möhren. Da ist es einfacher die Pommes aus der Tiefkühltruhe in die Fritteuse zu werfen und mit einer Cola runter zu spülen.

Vor der Tür des Medic-Centers warten schon die Patienten des Tages. Wir sind an fünfter Stelle dran. So denken wir. Ein Patient wird aufgerufen. Noch vier vor uns. Es geht nicht voran. Weitere Patienten treffen ein, gesellen sich zu uns auf die kleine Veranda. Es wird geschwätzt und gelacht, man kennt sich. Gesprochen wird ausschließlich Tahitianisch, Französisch scheint verpönt.
Die Patienten werden nach dem Lifo-Prinzip abgearbeitet: last in – first out. Alle, die nach uns kommen, sind vor uns dran. Die vier, die schon da waren, müssen ebenfalls warten. Das beruhigt uns. Aber ein Prinzip in der Reihenfolge können wir nicht feststellen. Nach zwei Stunden sind wir die Vorletzten sind, die aufgerufen werden.

Gesundheits-Zentrum auf Tikehau

Die beiden Krankenschwestern sind bewandert in der Behandlung von Tropen-Entzündungen. „Kein Fieber, kein Antibiotikum“, so lautet ihre Diagnose. „Nur einmal am Tag reinigen“, lautet die Therapie, „und nicht nass werden lassen“! Die Wunde wird gereinigt und hübsch verbunden. Achim bekommt noch für fünf Tage Verbandmaterial und in Parafin getränktes Wund-Pflaster mit. „Dann sollte die Entzündung verschwunden sein“. Genau wie die Einheimischen brauchen wir weder für Behandlung noch für Verbandmaterial etwas bezahlen.

Fünf Tage später ist die Infektion tatsächlich verschwunden. Jetzt ist nur noch das Loch mit gesundem rohen Fleisch zu sehen. Also weiter Bade-Verbot. Schon blöd. Da schwimmen wir in einem See aus geschmolzenem Türkis und einer von uns darf nicht hinein.

Besser geht nicht – perfektes Wasser und der Lange darf nicht rein