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Eine Bergtour am Meer.

Auf dem Weg von Sizilien in die Bretagne erreichte ich 
das spanische Festland bei einem markanten Felsklotz, dem Penyal d’Ifac.

Wer das Meer liebt, ist ebenso gern in den Bergen. Vielleicht, weil beides Natur pur ist, ungeschminkt und rauh. Vielleicht, weil beides Erdgeschichte ist. Vielleicht, weil mich hier nichts anderes mehr ablenkt. Von mir selbst. Von dem, wo ich jetzt gerade sein will. Ich spüre mich dort am meisten, wo jede Ablenkung verschwunden ist. Nichts, was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Kein Verkehr, der meine Aufmerksamkeit voll und ganz gefangen nimmt. Kein Telefonklingeln, das sie aufsaugt. Kein Geräusch, kein grellbunter Anblick, der sich meiner Gedanken unerlaubt bemächtigt, sie wegsaugt wie Radiowerbung, sie beim Schopf packt und sie willenlos hinter sich herschleift irgendwohin, wo ich gar nicht sein will. Das Meer, die Berge sind der Ort, an dem ich ich mich selber finde.

Da liegt er vor mir, der Penyal d’Ilhac, der unübersehbare Klotz, vor dem ich gestern Abend Levjes Anker fallen ließ. Ein unübersehbarer Klotz ragt der Penyal d’Ifac vor dem Ort Calpe aus dem Meer. Ein einziger Stein, 2 Kilometer lang und einen halben breit, 337 Meter hoch. Grau. Breit. Unübersehbar. Vollgesogen mit alten Geschichten. Ich lasse Levje am Morgen in der Bucht zurück rudere in meinem Dinghi hinüber und lasse es einfach an einem groben schmalen Kiesstrand zwischen zwei Felsvorsprüngen zurück wie die Häuser des Ortes, der hier endet. Eine breiter Schotterweg führt hinauf, niederes Gestrüpp, die mittelalterliche Siedlung Pobla d’Ilfac, die zu Füßen der mächtigen Steilwand liegt, muss hier irgendwo sein. Wieviel Angst um sein Leben muss, Sorge vor dem Morgen muss man haben, um sich sein Haus an einem solchen Ort zu wählen? Der Penyal d’Ilhac erinnert mich an andere Felsen, an denen ich war. Die letzte Katharerfestung in Südfrankreich, der Montsegur. Der Felsen von Monemvasia im Osten des Peloponnes. Die Klippen von Moher an der Westküste Irlands, die wiederzusehen mein heimlicher Antrieb ist, auf diese Reise um die Westküste Europas herum zu gehen.

Noch vor einem halben Jahrhundert endete vor dieser Steilwand der Weg auf den Felsen. An der senkrecht aufragenden Wand gabs kein Vorbei, kein Drüber, kein Drumherum. Vom Meer her ist der Felsen von allen Seiten unzugänglich – zu steil ragen die Klippen aus dem Meer, und so sehr sich mancher Krieger bei seinem Anblick ausgemalt haben mag, wie unbezwingbar die eigene Festung auf dem Gipfel des Penyal d’Ilhac wäre: Es gab keinen Weg, dort oben eine zu errichten. Die Felswand sperrte die Insel, die nur von kreischenden Möwen und einer Handvoll Turmfalken besiedelt wird, gegen die Welt ab.


Um 1960 herum kam man auf die Idee, für die Besucher eine Attraktion zu schaffen. Man grub an der Ostseite, wo die Steilwand am schmalsten ist, einen mannshohen knapp hundert Meter lange Höhle mit einem Ausgang auf der anderen Seite der Steilwand. Langsam klettere ich in den Tunneleingang, gewöhne meine Augen ans Licht. Der Boden ist holprig, keine Treppenstufen, doch grob gemeisselte ruppig rutschige Erhebungen im Boden. Zwei Ketten an der Wand, an der sich ein Pärchen, das mir von oben entgegenkommt, langsam über die den marmorglatten Boden in Turnschuhen zum unteren Ausgang bewegt.


Dann bin ich durch. Unter mir das Meer. Über mir die Möwen. Der Weg ist gut, ein gut ausgebauter Gebirgspfad, an Engstellen oder über Abgründen geben Ketten sicheren Halt. Auf meinen ersten Segelreisen nach Griechenland oder in Türkei habe ich mir angewöhnt, solche Touren in Flipflops zu machen. Das klingt zunächst verrückt – ist es aber nicht. Ungeeignetes Schuhwerk wie Flipflops zwingt zu einer ganz anderen Art des Gehens. Ich begann, im felsigen Gelände auf jeden meiner Schritte zu achten, nirgendwo meinen Fuß unbewusst aufzusetzen. Flipflops zwingen zur Achtsamkeit bei jedem Schritt. War ich nicht konzentriert, schlug ich mir die ersten Male ganz schnell den Zeh blutig. Das passiert mir nur die ersten Male. Danach wusste ich, dass ich meinen Fuß erst aufsetzen konnte, wenn ich genau wusste, wohin ich ihn aufsetzte. Richtig in Bergen gehen, den Boden nutzen, nicht gegen den Boden zu gehen, habe ich erst in Flipflops gelernt. Nicht in Bergschuhen, mit denen man den Fuß im sicheren Gefühl guter Ausrüstung einfach gedankenlos überall hinsetzt.


Der Penyal d’Ilhac ist gerade mal 337 Meter hoch. Keine große Sache, möchte man denken, doch der Klotz kann es in sich haben. Der Weg wurde nun schwieriger. Glattgeschliffene rutschige Buckel mit tiefen Furchen darin, es war ein ums andere Mal schwierig, für den Fuß den richtigen Ort zu finden. Diesmal war ich froh um die Zustiegsschuhe, die ich mir vor wenigen Wochen für Touren wie diese geleistet hatte. Doch selbst mit fester Sohle war es nicht einfach, guten Tritt zu finden, selbst wenn das ganze nur ein ansteigender Weg und keinesfalls Kletterei war. Die meisten der Pärchen, denen ich begegnete, trugen einfache Sniker oder Ausgeh-Sandalen. Mit Bergschuhen oder Zustiegsschuhen waren die wenigsten unterwegs.

Gegen Mittag gabelte sich der Weg geradeaus ging es weiter zum südlichen Aussichtspunkt. Nach rechts zum Gipfel, wo die Möwen kreischten. Jetzt war ich schon soweit oben – die halbe Stunde schaffe ich jetzt auch noch da hoch. Ein Schild warnte: „Muy peligro“ – so schwierig kann das doch nicht werden. Doch der Weg verschwand. Er war jetzt nur noch eine gedachte Linie roter Punkte, die in den steil abfallenden Karen über zerfurchte Felsplatten, glatt geschliffene Buckel, senkrecht aufstehende Felsklingen führte. Das war nicht ohne – eben nicht klettern. Aber ein Weg, der den Namen nicht unbedingt verdiente, mühsam war. Wege: Noch vor dreihundert Jahren waren selbst in unseren Breiten Wege anders als heute nicht gepflegt, sondern ungewartet. Und ohne Nutzung.

Das tückische an solchen Wegen ist: Hoch kommt man meistens. Der Abstieg ist bei solchen Wegen die Schwierigkeit. Ich bin nie geklettert. Doch die wenigen Male, die ich es versucht hatte, hatte sich mir tief eingeprägt: Hoch kommt man immer – weil man die Schwieirgkeit, den richtigen Tritt, den Halt zu finden, auf Augenhöhe vor sich hat. Der Abstieg ist stets das Schwierigere, weil man das Problem nicht mehr auf Augenhöhe hat.

Dann der Gipfel. Ganz oben auf dem Berg. Ein Plateau. Ein weiter Blick in die Ferne. Möwengeschrei. Klippeneinsamkeit.  

Levje in der Bucht vor dem Strand von Calpe.

Als ich von meiner Bergwanderung zurückkomme, steht der Wind in die Ostbucht, Levje hängt unter vollen Zug an ihrem Anker und wippt in den Wellen. Zeit, loszurudern. Ich habe Mühe, in „Peanuts“, meinem kleinen 1,60m großen Dinghi zu Levje gegen den Wind zurückzurudern. Immer wieder vertreibt mich der Wind, schwappen Wellen ins Dinghi. Ich muss kraftvoll rudern. Und überhöre fast das Knattern eines Rettungshubschraubers, der über dem Penyal d’Ifac steht. Kurz oben am Grat niedergeht. Und lange 10 Minuten braucht, um zwei Menschen am Drahtseil abzubergen.

Er kann es in sich haben. Der Penyal d’Ifac.

Einklarieren in Ecuador

Di., 12.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1472, 13.337 sm von HH

Am Tag nach unserer Ankunft kommen die Offiziellen an Bord: Vier Mann und eine Frau werden mit einem kleinen Kahn zu uns gebracht. Eine wilde Fragerei prasselt auf uns ein. Die Dame von ‚Gesundheit‘ lässt sich unsere Medikamente zeigen und erkundigt sich, wogegen sie sind. Ein Schapp mit Vorratsdosen wird inspiziert und tatsächlich das Haltbarkeitsdatum kontrolliert.
Sie geht allerdings nicht selbständig an Schränke, sondern ist zufrieden mit dem, von mir präparierten, Fach. Dass wir im großen Stil preiswertes Bier und Wein aus Panama ins Land schmuggeln, kümmert keinen.

Gonzo hält ebenfalls den Kopf flach und zeigt sich nicht. Von den drei zugelaufenen Geckos ist er der einzige der noch bei uns ist. Die anderen haben wir vermutlich in der Shelter Bay Marina mit unserer letzten Schlauch-Putz-Aktion von Bord gespült.

Unsere Gelbfieberimpfung kontrolliert die Gesundheits-Tante ebenfalls. Die ist elf Jahre alt und wird von ihr anstandslos akzeptiert. In den letzten Jahren hat sich die Auffassung der WHO wohl herumgesprochen, dass eine Gelbfieberimpfung ein Leben lang hält (und nicht nur zehn Jahre, wie mal angenommen).

Viele Formulare und Fragen später, über unsere Seenot-Rettungs-Signale, unser Notruder, der frisch gewarteten Feuerlöscher und anderer Kleinigkeiten, sind wir fertig und bekommen einen Stempel für drei Monate. Alle sind ausgesprochen höflich und korrekt. Von uns angebotene Cola Dosen werden ‚für später‘ mit von Bord genommen.

Das Cockpit voll mit Immigration- und Gesundheits-Inspektoren

Das Cockpit voll mit Immigration- und Gesundheits-Inspektoren

Wir sind nicht die einzigen Segler in der Marina: die ‚Kokopelli‘ aus USA und die ‚Alrisha‘ aus Österreich kennen wir bereits. Neu dazu kommt die ‚Taitonga‘ aus Frankfurt.
Somit wird der erste Abend gleich ein buntes Treffen alter und neuer Mitsegler. Allerdings sind fast in Aufbruchsstimmung. In drei Wochen werden wir wohl recht einsam sein, wenn nicht Frischfleisch nachrückt und sich die ‚Alrisha‘ noch auf Landreise in Peru befindet.

Die Alrisha bei unserer Ankunft

Die Alrisha bei unserer Ankunft

Das Mooringfeld mit einer Handvoll Gast-Yachten - Hinter den Segelbooten tauchen die Sandbänke bei Ebbe auf

Das Mooringfeld mit einer Handvoll Gast-Yachten – Hinter den Segelbooten tauchen die Sandbänke bei Ebbe auf

Von Ibiza zurück zum spanischen Festland. Ein unvergesslicher Morgen.

Auf meiner ersten Etappe für mein neues Buchprojekt 
bin ich auf Levje nach Menorca und Mallorca nun auf der westlichsten Balearen-Insel Ibiza angekommen. Und breche zurück zum spanischen Festland auf.

Anders als viele andere Gegenstände des täglichen Lebens kennt man sein Schiff auf vielerlei Arten. An seinem Äußeren, weil man sich bestimmte Stellen am Rumpf gemerkt hat, an denen der Lack weg ist. An den Geräuschen, die ein Schiff beim Segeln produziert, die einen nerven, wenn sie da sind. Oder besorgt dreinblicken lassen, wenn sie einmal nicht da sind. Ich kenne mein Schiff an seinem Mast, ertappe mich dabei, wenn ich irgendwo in der Stadt unterwegs war und mich dem Hafen wieder nähere, unwillkürlich nach dem einen Mast Ausschau halte, den ich unter hundert anderen im Hafen kenne. Levje II hat wie ihre Vorgängerin ein 7/8-Rigg, bei dem das Vorstag nicht im Masttopp, sondern 1/8 darunter angeschlagen ist.

Sein Schiff kennen heißt aber auch, die Signale zu kennen, die mein Schiff mir gibt, wenn ich in den Wellen zuviel gerefft habe und sie plötzlich zu stark zu geigen anfängt. Das Geklapper im Rigg zu deuten. Und auszureffen. Oder zu wissen, wenn ich ihm zuviel zugemutet habe.

Um halb sieben schlich ich mich auf leisen Sohlen aus dem Hafen von Sant Antoni de Portmany im Nordwesten Ibizas. Leise, weil alle meine Nachbarn noch schliefen und nur die Fischer auf der Pier gegenüber vor ihrer kleinen Hafenbar beim Auslaufen lärmten. Es war ein prächtiger Morgen. Tiefblauer Himmel. Absolute Windstille. Nur einmal die Ahnung einer Böe aus Nordwest, leicht, doch unmissverständlich. Sonst störte nichts die Schönheit und Majestät dieses Morgens auf dem Meer. Ich legte leise ab. Und sank hin beim leisen Tuckern von Levjes Motor und dem majestätischen Vorbeigleiten an den verschlafenen Hafenliegern nach dem Gröhlen und Lärmen in der Nacht.

Hätt ich nur mal ein bisschen die Augen aufgemacht. Wär ich nur aufmerksamer gewesen. Denn kaum hatte ich die Hafenmole hinter mir, kam uns arger Schwell aus Nordwest entgegen. Mein Schiff war nicht seeklar, ich hatte nichts aufgeräumt: Alle Fender noch draußen. Alle Leinen lagen an Deck, wie ich sie losgeworfen hatte. Unter Deck stand das Frühstücksgeschirr und die Thermoskanne noch neben der Spüle. Wenn mich etwas aus der Fassung bringt, dann sind es Leute, die ihr Schiff aus dem Hafen steuern, wenn es noch nicht seeklar ist.


Während ich überlegte, ob umdrehen und im Schutz der Hafenmole erstmal aufräumen nicht die bessere Lösung wäre, kam schon die unmissverständliche Antwort von unten. Das erste Poltern von Dingen, die nichts mehr an ihrem Platz hält und sich freudig über den Boden ergießen. Ein dumpfes Wumms als Abschluß. „Lieber Gott, lass es die Bücher sein. Und nicht die Kamera. Oder das Macbook. Oder die Thermoskanne.,“ denke ich, während ich die Fender am Seezaun staue. Levje jachtert schlimm in den Wellen, im Nu habe ich 17, 20 Knoten Wind auf dem Windmesser. 
„Jetzt mach aber fix, dass Du Deine Segel endlich hochkriegst.“ Starkwind, Böen, das Auf und Ab in den Wellen in der Bucht von Sant Antoni: Das ist alles so gar nichts für eine Ausfahrt unter Motor. Es ist mal wieder der Moment, wo man wie der hinduistische Gott Schiwa gerne viele Arme gleichzeitig hätte, um alles zu regeln und meine Welt im Gleichgewicht zu halten. 


Endlich stehen die Segel. Jetzt abfallen auf den richtigen Kurs, den die elektronische Seekarte vorgibt. Doch dann sehe ich, dass unser Kurs, den ich eingab, zwischen den westlich vorgelagerten Inseln hindurchführt. Ibiza ist anders als ihre Schwestern, die Insel der überspülten Riffe und Felsen, man findet viele hier, die man nur bei Wind erkennt, weil sich dann die Wellen daran brechen. Wo wir durch sollen, ist es gerade mal eine zwei Fußballfelder breite und nur 4 Meter tiefe Passage zwischen den Untiefen. Bei diesem Seegang und unseren 2 Metern Tiefgang scheint mir das ein unkalkulierbares Risiko – noch dazu, wo ich die Passage nicht kenne und selbst bei ruhigem Wetter noch durch bin. Also in den sauren Apfel beißen und die 4 Seemeilen Umweg um die Insel machen: Hoch an Wind, der Windmesser geht über 20 Knoten, und auch gleichzeitig das Vorsegel mit aller Kraft dicht ranholen und das Groß reffen. Shiva, der vielarmige Gott der Glückverheißung möchte ich gerade jetzt sein. Bei Windstille nehme ich mir vor, nachzulesen, wofür er sonst noch alles steht. 

Zwei Wenden, die mir so gotteslästerlich schlecht geraten, dass selbst die Riesen-Motoryacht, die wegen der Wellenhöhe ganz demütig nahe an meinem Bug verbeischleicht, irritiert dreinschaut. Naja, wir sind wohl nach zwei Hafentagen auf Ibiza etwas aus der Form. Doch dann haben wir die Nordumfahrung der Felsen von Sa Conillera erreicht. Ich halte gut Abstand – NAVIONICS sagt, dass eine halbe Seemeile vor den Felsen die Wassertiefe nur sieben Meter beträgt. Vorsichtshalber fahr ich also einen ganz großen Bogen. Kaum vorbei, muss ich feststellen, dass mein Tiefenmesser unverändert 79 Meter anzeigt und NAVIONICS halt von der Zahl „79“ mal eben die „9“ wegließ und nur die „7“ übrigblieb.


Mich darüber zu wundern, bleibt wenig Zeit. Mein Segeltrimm stimmt nicht. Ich rutsche im starken Seegang auf meinem Lieblingssitzplatz hinter dem Steuer einmal die Schiffsbreite entlang auf die andere Seite, wo die vorstehende Schotklemme mich schmerzhaft stoppt und mich an meine morgendliche Dämlichkeitkeit erinnert. 

Doch irgendwann sitzt alles. Die 20 Knoten Wind werden bei 8 Knoten zu purer Lust. Der Anblick der unbewohnten Felseninsel hinter den Wellenkämmen, das Schweben der Möwen über den Inseln: Meine Welt ist wieder in Ordnung. Ich bin wieder da, wo heute morgen alles begann: Was für ein schöner Morgen.

Wenn da nicht das Gefühl bliebe, die Dinge mal wieder alles andere als souverän angepackt zu haben. Ich denke in solchen Momenten oft an Gudrun Caligaro, die Einhandsegelerin, die mit Mitte 40 die Welt auf einem 8-Meter-Schiff umrundete und auf der ganzen Strecke nur sieben Mal anlegte, weils gar so schön war da draußen. In Ihrem Buch mag ich die Stellen, in denen sie streng mit sich ins Gericht geht und sinngemäß schreibt: „Nicht mein Schiff ist irgendwie unzulänglich. Oder das Meer. Ich allein bin es, dessen Unzulänglichkeit mir und meinem Schiff hier draußen immer wieder Probleme schafft.“

Sechs Stunden später. Es ist halb eins. Seit fast drei Stunden sehe ich das spanische Festland halbrechts vor mir. Ich habe jetzt die Hälfte der 68 Seemeilen bis nach Calpe geschafft. Nicht nur ich überlege, einzuschlafen, der Wind hat gerade die gleiche Idee. Mit einem kurzen Nickerchen wirds deshalb nichts, weil ich zur Sicherheit das Radar mit eingestelltem Alarm mitlaufen lasse. Alle zwei Minuten ertönt jetzt „Kolisionsalarm“, wenn ein Schiff in meine vor mir definierte „2-Meilenzone“ eindringt. Die Technik ist sinnreich und funktioniert. Doch sie ist nervig, wenn wie jetzt vor dem Festland der Schiffsverkehr deutlich zunimmt. Tatsächlich ist hier viel los. Segler, Fähren, Motoryachten – und Containerschiffe. Denn die Balearen-Inseln sind nur zum allerkleinsten Teil „Selbstversorgerer“. Jede Tüte Spaghetti, jede Tube Zahnpasta, jeder Kochtopf, jede Steckdose, jede Radmutter: Alles und jedes wurde und wird für die 875.000 Mallorquiner, die 95.000 Menorquiner, die 140.000 Ibithenk und 12.000 Formenteros  auf Containerschiffen. Und für die fast 14 Millionen jährlichen Besucher der Balearen auch. Die Inseln hängen am Tropf, was ihre Versorgung angeht, sind sie ausgesprochen fragile Existenzen. Oder maßlose Verschwender wertvoller Ressourcen – je nachdem. So wie wir alle.


So geht Levje die zweite Hälfte der Tagesetappe jämmerlich klappernd im alten Mistral-Schwell an. Meinem müdes Hirn malt erst eine Glühlampe, das Zeichen für „Idee“, und dann das große gelbe Blisterteil an die Innenwand seines Gehäuses. Aber Lust auf einen erneuten unfreiwilligen Tauchgang wegen „Schot-im-Propeller“ hab ich heute keine. Ich lasse das. Und freue mich lieber am Anblick des markanten, großartigen Felsens von Calpe, der am späten Nachmittag vor mir auftaucht und vor dem ich ankern und draußen die Nacht verbringen will. Vielleicht geh ich ja morgen da hoch? Wer weiß?

Durch Wasser und Wälder …

  Liebe Leser, wer unseren Tracker bei Marinetraffic verfolgt, hat schon gesehen: Wir haben unser übliches Revier in den Bahamas verlassen und uns nach Norden bewegt. Von Nassau aus sind wir zunächst nach West Palm Beach in Florida gesegelt, um…

Schmutzige Wäsche waschen

Am Anker, an der Wunschposition

Fast pünktlich kommt Taxi Boot Monika um sieben längsseits um meine Gäste abzuholen und nach Olaho an Land zu bringen. Bestimmt trockener und komfortabler als mit our Red-Dinghy MAYALENA. Nur Hana fliegt zwei Stunden später mit mir übers Wasser in die „Stadt“. Es wäre gelogen zu sagen, dass es schade ist, dass meine Gäste njach diesem insgeamt tollen Törn gegangen sind. Das liegt aber in der Natur der Sache: Weil Alleinsein, mein Ziel ist. Einfach nur alleine sein. Das Ziel habe ich erreicht und geniesse es in vollen Zügen. Ab morgen werde ich dann alle ganz schrecklich vermissen. So ist das.

Der erste Amtsakt nach vollzogenem Abschied ist Wäsche waschen. Früher als noch alles anders und besser war, hat man sich eine Emilia gesucht, die das für einen erledigt hat. Heute hat man eine Waschmaschine an Bord. Wir auch, aber einen defekten Wassermacher. Also dann eben doch: Wie früher. Ich frage den Tankwart nach Emilia und der sagt nur Inter Marche. Nach langem Suchen finde ich Emilia in Form von Emilio, der mich voll versägt. „Nur waschen machen wir nicht.“ Hier wird, gebügelt und gedampft und gereinigt. Ein Reinigungsinstitut. Ein abschätzender Blick in meine Wäschetasche. „Nächste Woche!“ „Teuer!“ „Geh zu Intermache. Die haben einen Waschsalon!“ Also doch was der Tankwart gesagt hat und ich mit den beiden Ikeataschen voll mit dreckiger Wäsche am Lenker des Bordfahrads zu Intermarche. Nix Waschsalon. Auf dem Parkplatz findet sich ein futuristischen Automat, an dem man direkt mit seinem Auto ranfahren kann. Eine Riesen Waschmaschine. So g roß, dass es ein Warnschild gibt, das davor warnt, dass man seine Kleinkinder nicht mitwaschen soll. Hallo? 18 kg bis 90 Grad für 8 Euro. Meine Emilia. Entspannt gehe ich dann einkaufen, Kaffee trinken, das freie WiFi geniessen. Umladen in den Trockner und ich stöbere schon mal im Baumarkt was es so gibt. Es gibt alles in Olaho. Alles was das Herz begehrt. Ich fühle mich nach langer, langer Zeit mal wieder als Fahrtensegler und nicht als Eigner eines Charterschiffes. Rechtzeitig komme ich zum Trockner zurück und der restliche Tag ist meiner. Eine Runde mit dem Bordrad. Durch die Stadt. Passt. Passt einfach. Alles da was man braucht. Der nächste Törn ist im September. Ich gebe erst einmal Halbgas.

Der Ankerplatz vor Culatra ist sicher wie Abrahams Schoß für die MARLIN. 40 Meter Kette auf 4 Meter Wassertiefe. Rundrum Sandbänke. Dutzende von anderen Schiffen mit netten Salty Dogs. Culatra. Da kann ich entspannt nächste Woche nach Flensburg fliegen. Ein Ticket habe ich nach Hamburg. 19 Euro mit Handgepäck. Das Taxi zum Flughafen kostet das Doppelte. Der Zug von Hamburg nach Flensburg auch. Der Plan scheint aufzugehen. So. Jetzt aber mal hurtig. Vier Betten habe ich schon frisch bezogen. Zwei fehlen noch.

 

Über die Barre in den Rio Chone

Mo., 11.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1471, 13.337 sm von HH

Die Nacht verbringen wir im sogenannten ‚waiting room‘ am Anker. Bereits nach wenigen Minuten ist klar, warum der ‚waiting room‘ nicht Ankerplatz genannt wird. Es ist nämlich gar kein Ankerplatz – die Dünung vom Pazifik rollt ungebremst auf uns zu. Wir haben mehr Seegang als auf der gesamten Tour. Bei Ebbe kommt die Strömung aus dem Fluss und wir liegen unglücklich mit dem Heck gegen die Wellen. Der Druck ist so enorm, dass ein 16 mm Tampen wie ein Bindfaden reißt. Dieser Tampen hält unsere Ankerkralle, besser gesagt, hielt unser Ankerkralle, denn nun liegt sie auf dem Meeresboden (Eine Ankerkralle dient dazu, den Zug der Kette von der Winsch zu nehmen und sie somit zu entlasten. Die Kralle wird in ein Kettenglied eingehengt und der Tampen am Bug des Schiffes belegt. Nun wird ein Stück Kette herausgelassen, so dass die Kette in einer Bucht lose und ohne Zug auf der Ankerwinsch liegt).

Über Funk melden wir uns in der Marina ‚Puerto Amistad‘. Dort haben wir eine Boje reserviert. Gene, der Chef der Marina schickt uns Ariostos als Lotsen. Eine Stunde vor Hochwasser können wir in den Chone rein. Aber Ariostos ist nicht zufrieden: „Heute stehen ungewöhnlich hohe Wellen vor der Flussmündung. Ihr müsst bis Hochwasser warten.“ Über Handy steht er in Kontakt mit seinen Kollegen in einem kleinen Motorboot. „Wie hoch sind die Wellen? Okay, jetzt soll es los gehen.“

Ariostos übernimmt das Ruder. Die Wellen werden durch abnehmende Wassertiefe immer steiler. Sie heben uns sacht an und nehmen uns im Surf mit auf ihren Weg. 6 Knoten, 7 Knoten, fast 8 Knoten Speed bekommen wir auf die Logge. Ariostos tut cool: „Alles gut!“
Als wir die flachste Stelle passieren, ist er dann aber auch sichtlich erleichtert: „Perfecto! Todo es perfecto“! Beim Skipper ist eher nichts perfekt, der wischt sich heimlich die feuchten Hände an der Hose ab.

Wir tuckern dann noch eine Meile flussaufwärts. Hinter einer Kurve des Chone liegt Bahia de Caraquez. Eine Marina mit Stegen ist ‚Puerto Amistad‘ nicht. Es gibt Mooringbojen, die als sicher gelten und offensichtlich auch gewartet werden. Hier können wir Atanga beruhigt alleine lassen, wenn wir Landausflüge unternehmen.

Hier noch ein paar Bilder unserer düsteren, sonnenlosen, aber ruhigen Überfahrt:

Blick nach hinten
Blick nach vorn
Wenn du weißt, gleich geht es wieder los
Und wieder eine Walze in der blauen Stunde

Hoffnung für eine Stunde, es zieht wieder zu

Hoffnung für eine Stunde, es zieht wieder zu

Fischer kommen morgens zum 'hallo' sagen vorbei

Fischer kommen morgens zum ‚hallo‘ sagen vorbei

Tramper

Tramper

Schietwetter
Pechschwarze Nacht und dann auch noch Regen
Schnittchen vom Käpt'n geschmiert
Jede Sonnen-Minute ist ein Geschenk

Dusche bei fast Flaute am ersten Tag

Dusche bei fast Flaute am ersten Tag

Musikalische Videobotschaft für die Glüxpiraten

 Video
Meine musikalische Videobotschaft für Babs und Eric von den https://gluexpiraten.de/
Mit Bordmitteln komponiert, produziert & gefilmt. Man verzeihe mir die Textunsicherheit. Gleichzeitig Filmen, Spielen, Singen und Segeln überstieg etwas meine Multitaskingfähigkeiten für diesen nagelneuen Song.

Bergauf gehts

Bevor es am 8. Juni weiter geht, treffe ich mich am Abend vorher mit Dietmar, an Bord seiner Segelyacht O.ELA zu einem Sundowner. Man ist das lange her, dass ich einem anderen Einhandsegler begegnet bin.
Dietmar ankert am anderen Ende dieses Baggersees und so fahre ich etwa eineinhalb Kilometer mit dem Schlauchboot zu ihm rüber.
Er ist vor einigen Wochen in Neuss gestartet und kommt jetzt die Donau runter. Mit O.ELA will er bis nach Griechenland segeln. Und so tauschen wir Erfahrungen aus und plaudern übers Leben. Ein richtig cooler Abend war das.
Als ich zurück zu Nomade fahre, ist es bereits dunkel. Ich packe nur noch schnell den Außenborder und das Schlauchboot weg und falle schließlich in die Koje.

Die Fahrt am nächsten Tag verläuft unspektakulär, ja fast schon langweilig. Am Nachmittag biege ich in einen breiten, aber flachen Altarm ein und nehme mir viel Zeit fürs loten.
Nachdem der Ankerplatz erkundet und der Haken eingefahren war, habe ich mich auf die Nacht vorbereitet und bin früh schlafen gegangen. Heftige Gewitter waren angekündigt und es hat nicht lange gedauert, da war ich wieder hellwach. Um mich herum ein regelrechtes Feuerwerk. Ich kann mich an kein heftigeres Gewitter vor Anker erinnern, als an jenes in dieser Nacht. Drehende Sturmböen, die dafür gesorgt haben, dass der Anker ausgebrochen ist und Regen, als hätte jemand dort oben Tore geöffnet.

Während der Fahrt am folgenden Tag, wäre ich nach etwa 2 Stunden am Steuer am liebsten wieder schlafen gegangen, so müde war ich durch die nervige Nacht.
Aber wenigstens war die geplante Strecke an dem Tag nicht so lang.
Gegen 10 Uhr war ich in Komarno, in der Slowakei und habe dort an der allerersten (für mich benutzbaren) Tankstelle seit dem Schwarzen Meer festgemacht. Ein Anruf und wenige Minuten später war der Besitzer da und hat mir den Tank gefüllt. Endlich keinen Diesel mehr schleppen!
Kurz nach dem Boxenstopp habe ich den Anker an einem der letzten guten Plätze in der Slowakei fallen gelassen. Auf der Innenseite einer Kurve, mit gutem Abstand zum Fahrwasser. Im laufe dieser Reise sind mir diese Plätze mit die liebsten geworden. Das Boot liegt mit ein wenig Justage an Ankerkette und Leinen wie angenagelt im Strom, egal aus welcher Richtung der Wind kommt.
Und während ich so da liege, baut am Ufer neben mir ein Angler sein Gerät auf und holt kurze Zeit, nachdem die Ruten ausgeworfen sind, einen Recurvebogen und einen kleinen Cube als Ziel raus. Da war ich überrascht und fast neidisch. Sabrina und ich gehen ebenfalls unheimlich gerne Bogenschießen, kommen aber viel zu selten dazu, weil es nicht viele Parcours in unserer Umgebung gibt und öffentliche Flächen durch Überregulierung kaum noch legal begehbar und erst recht nicht benutzbar sind.
Ich habe jedenfalls mit Genuss durchs Fernglas zugeschaut. Der Typ war wirklich gut. Kein Pfeil ging daneben.

Ok, nächster Tag!

10. Juni, 80 Kilometer, Geschwindigkeit wegen starkem Gegenstrom oft nur noch 5 Ka Em Ha! Achso, ne Schleuse war auch noch mit dabei, inkl. Wartezeit, aber danach ging es im Oberwasser auch wieder zügig vorwärts. Oberhalb der Schleusen steht das Wasser ja quasi, weil es aufgestaut ist.
Leinen waren dann, nicht weit vor Bratislava, an einem schwimmenden Restaurant auf der Ungarischen Seite der Donau fest und hier wurde Nomade zu meiner Überraschung regelrecht gefeiert. Für mich ist es halt ziemlich normal, zu sagen, dass ich aus Istanbul komme, wenn ich gefragt werde: „Woher?“ Aber so langsam werden die Reaktionen doch immer ausgefallener, auf diese Antwort.
Immer mehr Leute wurden dazu geholt, Fotos gemacht und ich musste einige Hände schütteln.
Die Begeisterung lag sicherlich auch daran, dass hier eine Segelschule ihren Liegeplatz hat. Die erste, die ich in der Donau sehe.
Wenn ich so daran zurück denke, wie ich selbst vor wenigen Jahren meinen ersten Schein gemacht habe und mir vorstelle, dass da ein Einhandsegler von so weit her vorbei gekommen wäre, ich wäre mit Sicherheit genauso aus dem Häuschen gewesen.
Eine Ketsch war jedenfalls noch nie hier, meinte der Segellehrer…

Ich hätte am liebsten noch länger mit den Leuten dort gequatscht, aber ich musste nochmal los. Meine Euros gingen mir nach dem Boxenstopp in Komarno so langsam aus, also bin ich am Abend mit dem Faltrad nochmal 19 Kilometer geradelt, um den Vorrat an Scheinen wieder aufzufüllen.

Schlafen!

Weiter bergauf!

36 Kilometer, noch langsamer als gestern! Zermürbend!

Leinen fest in einem Behördenhafen in Österreich. Ich bin den Leuten vor Ort ziemlich dankbar dafür, dass ich dort festmachen durfte, denn eigentlich hätte ich ohne Erlaubnis nicht mal dort reinfahren dürfen. Man hätte ein Bußgeld verhängen können, hat man aber nicht.
Nicht unerwähnt sei allerdings, dass ich mit 3 verschiedenen Institutionen telefonieren und diskutieren musste, um die Erlaubnis zum übernachten zu bekommen.

12. Juni

52 Kilometer, 13 Stunden, nochmals langsamer als am Vortag. Laut Schifffahrtsbehörde ist das heutige Teilstück in den Donauauen das schwierigste und weist das stärkste Gefälle im gesamten Fluss auf. Und das merkt man auch. Negativrekord: 0,6kn Fahrt über Grund auf der Innenseite einer Kurve, bei 6,8kn durchs Wasser!
Anker fallen lassen um 22 Uhr unerlaubterweise in einem schmalen Altarm. Warum ist schnell erklärt:
Alle kleinen Häfen in und um Wien sind für Nomade entweder zu flach, die Stege zu filigran, die Marina nicht erreichbar, bzw. voll.
An der Schleuse Freudenau habe ich darum gebeten, für ein paar Stunden Schlaf im Wartebereich festmachen zu dürfen. Antwort: „Nein!“
Das war kurz vorm dunkel werden, bei Regen und Gewitter.
Nach mittlerweile mehr als 350 verschiedenen Schleusen im Laufe der Zeit, bei denen ich an einigen (gerade spät Abends) ein paar Stunden oder sogar Tage bleiben durfte, war diese Absage hier in Freudenau eine Premiere. Ist mir noch nie zuvor passiert und ich hatte absolut (gerade in der Situation) nicht damit gerechnet.

Also weiter, jeden Ponton und jede Kaimauer abgesucht, so lange ich noch etwas sehen konnte. Aber überall Verbotsschilder. Verbotsschilder für alle, Verbotsschilder für Kleinfahrzeuge. Nomade ist nun mal ein Kleinfahrzeug, auch wenn sie mit knapp 15m Länge über alles und 20 Tonnen Gewicht, gar nicht so klein ist. Aber sie ist halt zu klein für die Plätze der Großen und zu groß für die meisten Yachthäfen. Das war mir natürlich vorher klar, aber das in Wien wirklich jede noch so kleine Kaimauer mit Verbotsschildern zugepflastert ist, war enttäuschend.
Also blieb nichts anderes, als dieser (ebenfalls illegale) Abstecher in den unsicheren Altarm. Hier hat mich wenigstens im Dunkeln keiner gesehen.
Entsprechend früh bin ich weiter, wieder auf der Suche nach einem Liegeplatz. Mir ging es nach den anstrengenden Tagen gar nicht mehr darum, vorwärts zu kommen, ich wollte einfach nur mal irgendwo in Ruhe bleiben. Und so habe ich am13. Juni eben alle Möglichkeiten auskundschaftet, mit dem Ergebnis, dass ich am Telefon überwiegend niemanden erreicht habe.
In einem Yachthafen, der tief genug war, mit stabilen Stegen und der theoretisch Platz geboten hätte, habe ich jemanden erreicht. „Theoretisch Platz“ hieß in der Praxis: Man hätte ein Boot am langen Steg ein Stück vorziehen müssen, dann hätte es gepasst. Antwort am Telefon: „Nein, da ist ihr Boot zu groß für. Da liegen ja schon zwei Mitglieder… bla, bla, bla… versuchen sie es doch mal dort…“

„Dort“ habe ich es dann versucht und der Platz war wirklich vielversprechend. Ein Anleger der Stadt und der Werft. Unterhalb der Überschrift stand auf einem Schild geschrieben: „Da bleibt man gerne liegen.“

Also hab ich die Leinen fest gemacht, gerne meine Papiere geschnappt und bin ins erstbeste Büro getigert, welches ich finden konnte. „Nein, hier sind sie verkehrt, sie müssen dort fragen.“
Nächstes Büro: „Nein, hier sind sie verkehrt, sie müssen dort fragen.“
Richtiges Büro: „Ja, bei mir sind sie richtig.“
Richtiges Büro: „Sie liegen wo? Ja, prinzipiell können sie da schon bleiben, aber ich bin nicht befugt, das zu entscheiden. Da müssen sie…“

Während mir die wirklich hilfsbereite Dame alle wichtigen Kontaktdaten des Entscheidungsträgers aus dem Computer rausgesucht und aufgeschrieben hat, kam ein anderer (wichtiger) Entscheidungsträger zufällig ins Büro und hat mir eine Absage zum Festmachen erteilt. Wortwörtliche Begründug: „Da haben mal welche Müll abgeladen und … nein, also … nein. Da bleiben? Nein, das geht überhaupt nicht.“

Dabei dachte ich, ab hier wird alles einfacher…

Jetzt liege ich an der Schleuse Greifenstein. Die haben es mir offiziell (wobei, so sicher bin ich mir da nicht) erlaubt.

Seit heute morgen ist Hochwasser. Die Pegel steigen kräftig. Ist mir aber ehrlich gesagt egal. Ich brauche sowieso ne kurze Pause.

Achso, Bilder! Ja, hab ich jede Menge gemacht, aber zum bearbeiten und hier reinbasteln fehlt mir gerade echt die Lust. Habt ihr hoffentlich Verständnis für. Mache ich vielleicht mal nachträglich…

Segeln um Ibiza.


Auf meiner ersten Etappe für mein neues Buchprojekt 
bin ich auf Levje nach Menorca und Mallorca nun auf der westlichsten Balearen-Insel Ibiza angekommen. Mit einigen Vorurteilen über diese Insel.

„Ibiza? Geh da bloß nicht hin,“ hörte ich auf Mallorca von Einheimischen öfter mal. „Auf Ibiza ist alles noch viel schlimmer als bei uns. Die Menorquiner waren am schlauesten, was den Tourismus angeht. Und die Leute auf Ibiza noch gnadenloser als wir.“

Wer ein bisschen herumkommt in der Welt, der stellt schnell fest, dass der alte Karl Kraus schon recht hatte, was Nachbarschaft angeht. Er sagte einmal sinngemäß: „Der Balkan? Fängt an der Ostwand meines Schlafzimmers an.“ Wobei diese Denke in jedem von uns wohnt, dass alles Übel dieser Welt grundsätzlich erst ab dem Nachbargrundstück anfängt. Als ich mich beruflich öfter in Balkanländern herumtrieb, war ich erstaunt, wie jede der dortigen Völkerschaften nach Kräften ihre Vorurteile über die Nachbarn pflegte. „Die Ungarn? Alles nur Autodiebe“, verrieten mir meine polnischen Gesprächspartner. Während die Ungarn über die Polen nur müde lächelten: „Machen Sie Urlaub in Polen! Ihr Auto ist schon da.“ Die Rumänen wiederum verwiesen energisch darauf, dass sie niemals in Bulgarien Urlaub machen würden – man würde Ihnen dort die Autos klauen. Während die Bulgaren auf dem Weg durchs Nachbarland Rumänien es tunlichst vermieden, dort  anzuhalten: „Die Rumänen schrauben Dir die Reifen während der Fahrt ab.“

Vielleicht ist das ja auch so mit Bewohnern der Baleareninseln. „Ibiza? Unmöglich!“ Das scheint der Grundkonsens zu sein. Auch ich bin eher kleinlaut, wenn ich entfernteren Bekannten mitteile, wo ich gerade stecke. Entsprechend ist auch meine Brille eingestellt, als ich mich der Insel auf Levje nähere. „Die Hänge? Sind ja alle verbaut! Da ist Mallorca aber ganz anders!“, pinselt mein Hirn in die Luft. Doch meine Widerstände schmelzen, als ich die Nordküste entlangsegle. 


Die eine um die andere Felsformation, die mich aus den Schuhen haut. Eine Bucht hübscher als die andere. So dass ich gleich am zweiten Tag entgegen aller Vorsätze in der Cala Blanca ankernd bleibe, über die der Segelautor Martin Muth in seinem lesenswerten 2018er Balearen-Törnführer schreibt: Sie sei irgendwie selbst im Hochsommer unterschätzt und verlassen. Dabei hat sie wunderbaren Sandgrund, in dem der Anker prima hält.

Da bleib ich. Gewitterwolke oben drüber hin oder her. Und siehe da: Die Bucht ist noch wunderschöner als Martin Muth schreibt. Mit Grotten und Höhlen rechts am Ufer. Und Ufergrundstücken und Traumgärten, dass zum 300sten Mal in mir der Gedanke schwillt: „Mit so einem Garten würdest Du endlich seßhaft werden. Und niemals mehr auf Reisen gehen.“ 


Ibiza hat, je nachdem, wo man ankommt, viele Gesichter. Die Felsformationen an der Nordküste, die Gärten und die nette Bucht, in der ich nur zu gern geblieben wäre, sie alle sind die gegensätzlichen Gesichter einer Insel. 

Denn es gibt eben auch jenes Sant Antoni de Portmany, wo es nicht so wichtig ist, ob man die Nacht im richtigen Hotel verbringt. Sondern viel wichtiger, in welchem Club. Möglichkeiten gibts da zwischen Sant Antoni und Ibiza Stadt viele – sie springen einen gleich am Busbahnhof von Sant Antoni  und auf dem Weg von dort nach Ibiza Stadt an: Großflächige Plakate mit kryptischen Messages, deren Gesichter, Namen und Botschaften nur die feierlaunigen jüngeren Kryptographie-Eingeweihten entziffern können. Der Rest der Menschheit? Steht erstmal stumm vor den übergroßen Plakatwänden mit den Tempelhieroglyphen wie der hier:


Doch Vorsicht. Tynie Tempah weiß, was Sache ist – auf YOUTUBE hat er für einen einzigen Song schon mal 169 Millionen Aufrufe (169.000.000) eingeheimst, bevor er Ibiza diesen Sommer jeden Mittwoch mit seinem Besuch beehrt.  

Und überhaupt: Ibiza? War da nicht was? War hier in Sant Antoni nicht das legendäre CAFE DEL MAR daheim, dessen chillige Sounds ich nur in den CD-Player (gabs damals noch) schieben musste: Und schon tagträumte ich mich weit weit weg in ein Leben, in dem es nur noch Segeln, Weite, Meer und Reisen gab. Das Cafe gibt es immer noch, und auch wenn dort beim Sonnenuntergang noch genauso lauthals applaudiert wird, weil es angeblich wie vor 20 Jahren der schönste Ort für Sonnenuntergänge sei, so ist es längst in andere Hände übergegangen.

Ibiza Stadt selbst ist dann wieder anders. Die Altstadt eine pittoreske karibische Piratensiedlung auf einem Hügel. Es waren meerreisende karthagische Phönizier aus dem gegenüberliegenden Nordafrika, die auf der ländlich geprägten Eingeborenen-Insel zunächst einen Handelsposten errichteten. Ein Ort, der vor 2.500 Jahren nichts anderes war als ein weiterer der der unzähligen Handelsposten auf einer entlegenen Insel. Den die neuen Herren zielstrebig erst zur Selbstversorger-Station und dann zum Produktionszentrum umbauten. Manchmal scheint es mir, als wären die Phönizier und deren westliche Abkömmlinge, die Karthager, die Start-Up-Unternehmer der Antike. Etwas erschaffen, wo nichts ist, statt zu erobern. 

Ich gebe zu: Ich könnte hier bleiben, in Ibiza. Allen teueren Hafengebühren im Juli und August zum Trotz (37ft: bis 200€) und auch manch anderen Auswüchsen des Massentourismus. Denn unter dieser Oberfläche ist dieses Ibiza einfach nur eine phantastisch schöne Insel.


Segel hoch und ab durch die Mitte

Leichtwindsbschlußschlag

Eine Nacht in der Portimao Marina hat uns nicht besonders weitergebracht. Moses Ersatzteile mit Fedex waren noch nicht geliefert. Die UPS Lieferung von Fischer Panda als unzustellbar markiert in Lissabon. Die richtige Adresse war vermerkt. Tja. Die Duschen waren nicht heiß und renovierungsbedürftig, die Chicas am Empfang unnett. Auch ansonsten muss man wohl länger bleiben in Portimao um den Reiz der Stadt zu entdecken. Die weitestgehende britische Partymeile hinter dem alten Fort, die Hochhäuser, alles nicht so prickelnd. Da machen uns wir doch besser von den Socken und ziehen das Großsegel hoch. Zwei Tage Culatra sind noch geplant in der Hoffnung, dass dort noch alles bei Alten ist. Aber vielleicht, kommt mir da der Gedanke, bin ich es ja auch selber, der das Problem mit den Erwartungen ist. Ja genau: Ich selbst. Helen, die mich ja nun nach 6 Wochen 24/7 auch schon gut kennt meint: „Du suchst immer einen Schuldigen. Das muss doch gar nicht sein!“ Eine definitiv n achdenkungswürdige Kritik finde ich. Ist auch schon ein paar Tage her, dass sie das gesagt hat. Schwirrt mir immer noch im Kopf rum.

Das mit dem Ablegen, Anlegen, Segel hochziehen macht CREW 46 nun weitestgehend alleine und das erfolgreich. Ganz vorne ist dabei Buddy, alias Torsten S. Wenn der Törn in zwei Tagen nicht sein Ende finden würde, er würde es noch bis zum 1st Mate bringen. Die Bestimmung hat er auf jeden Fall im Blut und die Zielrichtung auch. Noch diese Jahr wird er die Ostsee mit seiner geliebten Diana und unter Segeln erobern. Ich glaube er wird einiges mitnehmen von der Zeit auf der MARLIN. Wahrscheinlich nur Gutes. Zum Beispiel einen guten Segeltrim wie man auf dem Bild ja sieht. Für mich ist Torsten S. es auf jeden Fall ein richtiger Sail-Buddy, mit dem ich mir ohne Probleme auch die Achterkoje geteilt habe. Klappt ja auch nicht immer. Immer wieder gerne gesehen an Bord der MARLIN. „Und die anderen?“ Auch immer wieder gesehen. Ohne Ausnahme, ohne Einschränkung.

Bis zur Einfahrt Faro Lagune ist es jetzt nicht mehr weit. Wenn Slagtinme ist werden wir dort sein und uns bis nach Culatra durchschlagen. Wenn man nix anderes von uns hört, wird es uns dann gut gehen und wir werden nix schreiben, denn wir sind dann angekommen und werden schön und gut Fisch essen gehen. So wie sich das gehört. Und Culatra geniessen. So wie sich das gehört.

 

Tag 9 nach Ecuador – Die Äquatortaufe

So., 10.Juni 18, Pazifik, Tag 1470, 13.333 sm von HH, etmal 76

Seit ich denken kann, kenne ich den Begriff der Äquatortaufe. Schon als kleines Mädchen habe ich den Taufschein meines Vaters bewundert. Der hing eingerahmt immer im Arbeitszimmer. Ein dicker Neptun sitzt in den Fluten und hält seinen Dreizack. Den Dicken, im Stil der 50er Jahre gehalten, mochte ich schon immer leiden. Die Dias der Taufen, die mein Vater von seinen Seereisen mitbrachte, fand ich schaurig-schön.

Eine fast hundertjährige Familientradition bekommt ein neues Kapitel: Opa (Seeteufel) getauft 1927, Papa (Schweinsfisch) getauft 1961 und jetzt ich (Knurrhahn) getauft 2018. Man darf behaupten, dass Seereisen in der Familie liegen.

Aus einer Dachlatte (ja, ja, man wundert sich, was Langfahrtsegler so an Bord mit sich schleppen) und drei Gabeln basteln wir uns einen Dreizack. Etwas Fischernetz ist auch noch aufzutreiben, so dass wir uns zünftig als Neptun verkleiden können.
Am Nachmittag, Wettergötter haben ein Einsehen und schicken die erste Sonne nach einer Woche, ist es dann soweit. Vorsichtig, so will es Neptun, überqueren wir über den Äquator.

Neptun mit Dreizack

Neptun mit Dreizack

Da eine Äquatortaufe nach den Meeresgesetzen vorgeschrieben ist, treffen Achim und ich uns auf dem Achterdeck und haben beide die gleiche Idee: den anderen vor der Taufe mit Rasierschaum einzuschmieren. Achim muss zusätzlich noch ein Ekelgetränk aus Milch, Tabasco und Sojasauce trinken und bekommt noch etwas Mehl auf seinen Rasierschaum gestreut.
Zum Abschluss gibt es eine Pütz voll Äquatorwasser über den Kopf. Achim segelt fortan als ‚Katzenhai‘ über die Weltmeere.
Um auf Nummer sicher zu gehen, bekommt Neptun noch einen guten Schluck aus der Schnapsbuddel und wir einen kleinen.

Schikane vor der Taufe

Schikane vor der Taufe

für beide Täuflinge

für beide Täuflinge

Ein frisch getaufter Knurrhahn

Ein frisch getaufter Knurrhahn

Ein frisch getaufter Katzenhai

Ein frisch getaufter Katzenhai

Weit ist es nun nicht mehr zu unserem Ziel, keine 40 Meilen. Der Kurs, den wir fahren können, ist gut. Der Wind ist schwach, so dass wir mitten in der Nacht in Bahia de Caraquez ankommen werden.
Die letzten zehn Meilen sind immer mehr Fischer unterwegs. Die Bucht blinkt wie ein Weihnachtsbaum in allen Farben. Rechts leuchtet ein Fischer mit einer rot-blauen Rundumleuchte, links flackert es grün, daneben ein Boot in rot. Dazwischen sehen wir weiße Blitzer oder plötzlich wird ein grüner Strahl auf uns gerichtet. Eine Fahrt wie durch ein Minenfeld.

Um 1.45 Uhr fällt der Anker. Nach 8 Tagen und sieben Stunden. Aus knapp 600 Meilen direkte Strecke sind knapp 800 geworden. Wir haben 15 Stunden motoren müssen und sind mit dieser Bilanz hoch zufrieden. Es gibt Yachten, die machten aus der Strecke tausend Meilen oder mussten dreiviertel der Strecke den Motor benutzen.

Die Nacht werden wir vor der Flussmündung des Rio Chone verbringen. Wir müssen auf das nächste Hochwasser warten und Morgen einen Lotsen über Funk anfordern.
In den Rio Chone kann nur bei Hochwasser eingefahren werden, nur dann steht über der Barre in der Mündung genug Wasser. Tonnen, die eine Fahrwasserrinne kennzeichnen, gibt es keine. Die Strömung verändert ständig den befahrbaren Kanal, so dass es nicht geraten ist, ohne Lotsen in den Fluss zu fahren.
Drei Meter, so heißt es, sei der Wasserstand bei Hochwasser . Allemal genug für uns, wenn der Lotse denn den richtigen Weg findet. Das wird nochmal spannend Morgen.

Tagesmeilen 76 – davon 12 unter Motor

Taufspruch:
Wir Neptun, der Einzige, Dreizackfürst, rechtmäßiger Beherrscher der veilchenblauen Meeresflut, Erdumgürter und Erderschütterer, haben allergnädigst den p.p. Staubgeborenen Jochim Willner an Bord des Uns befreundeten Schiffes SY Atanga Erlaubnis zum vorsichtigen Überschreiten Unseres Äquators erteilt.
Die Unseren Meergesetzen vorgeschriebene Linientaufe ist geziemend vollzogen und überstanden worden. Der Täufling wurde mit geweihtem Linienwasser auf den Namen Katzenhai getauft.

Tag 8 nach Ecuador

Sa., 09.Juni 18, Pazifik, Tag 1469, 13.257 sm von HH, etmal 107
Wir fragen uns, ob Ecuador die gute Wahl gewesen ist. Noch immer keine Sonne. Die Nächte sind schwarz, die Tage grau. Allerdings kein Regen mehr und etwas mehr Wind, der uns über 100 Meilen in 24 Stunden schaffen lässt. Wow. Wir machen langen Kreuzschlag nach Westen und können so zur Nacht das erste Mal direkten Kurs auf Bahia de Carracez anlegen. So wie es aussieht werden wir dort im Dunkeln ankommen. War ja klar.
Die Wassertemperatur ist nochmals gefallen. Nachts brauchen wir im Cockpit eine Jacke. Das erste Mal seit zwei Jahren. Dabei sind wir dem Äquator nah wie nie zuvor. Morgen werden wir die magische Linie queren. Auf einigen Yachten heißt es nur „was soll’s, sieht auch nicht anders aus.“ Wir freuen uns auf die Äquatortaufe.
Tagesmeilen 107 – davon 0 unter Motor Noch 65 sm direkter Weg Keine besonderen Vorkommnisse