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Tschüs Marmaris

Nach knapp zwei Wochen in der Marmaris Yacht Marina heißt es morgen: good bye! Die Marina ist klasse, um am Boot zu arbeiten. Allerdings dann doch etwas weit
entfernt (8 Kilometer), um mal eben etwas in Marmaris zu besorgen. Auch wenn direkt der Dolmus an der Marina hält. Die Zeit hier habe ich dennoch genossen. Ein paar Impressionen unten in der
DIA-SHOW

Zaruma – ein altes Goldgräberstädtchen

Fr., 19.Okt.18, Ecuador/Zaruma, Tag 1602, 13.337 sm von HH

Zaruma ist zauberhaft. Zum Glück. Die Anreise ist nicht ganz ohne: erst fünf Stunden Busfahrt bis Guayaquil, dort Ankunft um halb fünf Uhr morgens, dann zwei Stunden abhängen auf dem Busbahnhof. Unsere Augen sind rot und brennen. Und noch weitere fünf Stunden Busfahrt. In der Zeit ist man Business Class von Hamburg nach Singapore geflogen.

Aber jetzt ist alles wieder gut. Zaruma ist reizend und kann auf eine lange Gold-Geschichte zurück blicken. Hier hat schon mal jeder nach dem begehrten Metall gebuddelt. Erst die Kañari, ein indigener Stamm in Ecuador. Diese wurden vertrieben von den Inka. Nach dem Untergang der Inka-Kultur trieben die Spanier mit Hilfe von Sklaven den Goldabbau voran. Erst 1820 erlangte Zaruma Unabhängigkeit von Spanien und bis heute wird hier intensiv nach Gold gesucht.

Kleinstadt-Idylle

Kleinstadt-Idylle

Zaruma Neustadt

Zaruma Neustadt

 

Zaruma Altstadt

Zaruma Altstadt

Neben siebzehn internationalen Unternehmen soll es dreitausend Personen geben, die auf eigene Faust unter Tage nach Gold schürfen. Jetzt läuft Zaruma Gefahr zusammenzubrechen. 2017 stürzte im Zentrum bereits eine Schule ein. Ein weit verzweigtes Stollensystem hat Zaruma zu einem Schwamm werden lassen. Die private Buddelei wurde inzwischen verboten, aber ob dies Verbot eingehalten wird, ist nicht gesichert.

und Fronten

und Fronten

Zaruma ist wunderbar verwinkelt, durchzogen von Treppen und schmalen Gassen. Die erste Stadt in Südamerika, die wir sehen, die nicht im Schachbrett-System gebaut wurde. Die hundertjähren Holzhäuser mit ihren Balkonen und Balustraden versprühen den Charme einer echten Westernstadt.

Hundert Jahre alte Holzhäuser
Balkonen
und Fenstern
und Stiegen und Treppen

Die Fußwege sind mit Arkaden überdacht, die Fußwege aus Holz. Unzerstörbares Tropenholz. Seit Jahrzehnten benutzt und wie neu.

Holz-Bürgersteige

Holz-Bürgersteige

Nur fünfzehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt finden wir die Mine ‚Sextina‘. So benannt, weil früher die Spanier einen Sechsten Teil an den König in Spanien vom gefundenen Gold abgeben mussten. Bereits die Inkas haben hier geschürft.
Die Sextina ist zwar seit 25 Jahren geschlossen, aber Besucher dürfen noch fünfhundert Meter in einen alten Stollen hinein, danach kommt ein Gitter.

Der Eintritt ist frei. Wir dürfen ohne Begleitung rein. Gut, verlaufen kann man sich nicht, es gibt nur einen Gang. Aber es verwundert uns dann doch. Es besteht Helmpflicht für alle Besucher und Gummistiefel stehen am Eingang bereit. Es ist ja unter Tage immer ein wenig unheimlich. Wird der Stollen nun auch noch diesen einen Tag länger halten? Man kann es nur hoffen. Jetzt bitte keinen Stromausfall. Am Ende des Stollen verstehen wir auch den Sinn der Helme, der Gang wird niedriger und am rohen Stein hauen sich die größeren Besucher schnell die Pläte auf.

Mine Sextina
Kleidsam in Gummistiefeln und Helm
Minenarbeiter

Die Menschen in Zaruma sind super freundlich, grüßen uns auf der Straße und freuen sich über uns Touristen. Ein Blick in das Gästebuch im winzigen Museum zeigt, dass ausländische Gäste sich hierher kaum verirren. Das wird diesem hübschen, gemütlichen Ort nicht gerecht. Dazu perfektes Wetter, sommerlich am Tag, frühlingshafte Temperaturen in der Nacht. Die Bevölkerung ist sehr hellhäutig, indigene Züge sind mit europäischen längst verschmolzen. Hier läuft auch niemand mehr in Trachten, so wie im Norden in den Bergen.
Die Region hat Geld.  Die Häuser sind gut in Schuß, die Autos groß. Zu groß für die verwinkelten Gassen. Der kleine Ort ist zu Stoßzeiten ein Chaos. Der einzige Wehmutstropfen an Zaruma.
Im Nachbardorf soll es einen Fußballplatz, der auf dem Schutt einer alten Mine errichtet wurde. Die Kinder sollen Fußball auf Goldresten  im Wert von 30 Millionen Dollar spielen.

Abgerechnet wird zum Schluss

Seit einer Woche wohne ich auf der Dilly-Dally, lebe mich ein, döse mittags in der warmen Sonne im Cockpit, esse abends im Beachclub der
Marina, stärke mich für die Nacht mit ein bis zwei Bier, um mich dann im allnächtlichen Fightclub zu messen. Blut spritzt, Blessuren bleiben nicht aus, Beulen wachsen in Sekunden, um ebenso
schnell wieder zu verschwinden. Nur die angelaufene und angeknackste Zehe, die glaubte stärker zu sein als der Türrahmen, schimmert auch am dritten Tag in einem dunklen Blaurot, wie ein guter
Tropfen Bordeaux. Riecht nur nicht so gut. 

 

Der Fightclub ist ein ungerechter Kampf. Ich gegen Dutzende fliegende Maschinen, deren Motoren hell Surren und die Ohren umkreisen. Die
Moskitos haben etwas von Hydra. Erledigt man eine, kommen zwei neue. Und so klatsche ich mich durch die Nächte, in der Hand das Verbrechen. Die neueste Ausgabe von „Stern-Crime“ entspricht ihrem
Titel. Sie ist mittlerweile blutgetränkt. Das Magazin liest sich nicht nur gewohnt gut, es ist auch eine fantastische Waffe im Kampf um die verdiente Nachtruhe, die ich brauche, weil schon früh
morgens die Arbeiten an der Dilly-Dally beginnen. 

 

Mittlerweile ist die Moody 425 nach meinen Vorstellungen gepimpt, ausgestattet für das autarke Leben an Bord. Ein neues Beiboot baumelt
vergnügt wie eine Hollywoodschaukel am Heck, das neue Dach der Davits spendet nicht nur Schatten, sondern liefert auch den Saft, damit das Bier im Kühlschrank schön kalt bleibt. 3 x 120 Watt hat
Brian, ein irischstämmiger Brite mit deutscher Frau, der seit Jahren in der Türkei lebt, installiert. Selten habe ich so eine so akkurate Arbeit gesehen. Die Kabel (für Strom und Antennen der
Navigationsinstrumente) verlaufen in den Rohren der Davits, es gibt eine Seilwinde für das Hieven des Außenborders, Halterungen für Bootshaken oder Angeln und Platz für Rettungsringe und
Tampen. 

 

Mit Peter, dem Yacht-Broker von Sunbird Yachting, hatte ich einen Glücksgriff gemacht. Während ich noch mal für zwei Wochen in Sankt Peter-Ording weilte, wickelte er den
Kauf ab, überführte mit dem Vorbesitzer das Schiff vom Ankerplatz vor Marmaris in die Marina, regelte alle behördlichen Schritte, half, empfahl und beriet, wo er nur konnte. Er vermittelte
Unterstützung für das leidige Transitlog, dessen Beantragung schnell in einem Behördenmarathon enden kann. So kostete es mich nur wenige Minuten und 135 Euro, nur wenig mehr, als hätte ich es
selbst organisiert. Außerdem kümmerte sich Peter um den Bezug des Polsters in der Navigationsecke, das bereits ziemlich ausgefranst war. Ein neuer Bezug musste her. Sein Mitarbeiter düste mit dem
Roller los, das Polster unter dem Arm. Einen Tag später war es fertig, top genäht und verarbeitet: der Preis 100 Türkische Lira, etwa 13 Euro. 

 

„ALTE LADY“

 

Nachdem ich Peter beim Kauf fragte, ob er mir helfen könne, einen Handwerker zu finden, der mir Davits samt Solaranlage montieren könne,
rief er Brian an. Brian, sagte Peter, leiste hervorragende Arbeit, arbeite mit den besten türkischen Handwerkern vor Ort zusammen. Auch wenn er vielleicht etwas teurer sei, sei die Kommunikation
mit ihm einfacher – und sein Kostenvoranschlag hätte Bestand. Nicht selten soll es vorgekommen sein, dass in Auftrag gegebene Arbeiten am Ende deutlich teurer würden als abgesprochen. Oder aber
das Boot nach Fertigstellung nicht in den Originalzustand zurückgebracht würde. Bei Brian sei das anders. Sagte Peter. 

 

Brian von Tec
Yachts Turkey
und ich wurden uns schnell einig. Er kam zu Peter ins Büro und das erste, was der quirlige Brite machte, war, meine Vorstellungen nach unten zu korrigieren. Nicht nötig, nicht
möglich, zu teuer. Sobald die Dilly-Dally im Hafen lag, vermaß Brian mit dem Schweißer das Boot, um die Bohrlöcher des Heckkorbs zu verwenden, kalkulierte und rechnete, erkundigte sich nach dem
Gewicht des Beiboots und des Außenborders, während ich noch in Deutschland weilte. Er erstellte mehrere Kostenvoranschläge mit verschiedenen Optionen. Über Whatsapp versorgte er mich ständig mit
dem Fortschritt der Arbeiten. 

 

Einen Tag benötigten Brian und seine türkischen Kollegen dann für die Montage der Davits und der Panele, dazu mussten wir die Yacht an
einen äußeren Steg bringen, an dem geschweißt werden durfte (hier das Video). Brian nutzte gleich die Möglichkeit, mich mit den Marotten der „alten Lady“, wie er die Moody liebevoll nannte, bekannt zu
machen. Denn gerade rückwärts in engen Häfen reagiert die Dame etwas zickig. Oder besser gesagt: erst einmal gar nicht. Brian hat selbst einmal für Moody gearbeitet, kennt die Schiffe in- und
auswendig. Immer neue Runden ließ er mich im Hafen drehen, damit schon bald aus mir und ihr ein Traumpaar wird. 

 

DAS SCHWERGEWICHT

 

Nachdem die Davits montiert waren, begann aber erst die richtige Arbeit. Aus zwei wurden drei Tage (hier das Video). Auch weil wir nochmals den Steg wechseln mussten, Fahrstunde erneut inbegriffen. Um die Kabel der Solaranlage zu verlegen,
mussten die Verkleidungen in der Achterkabine abgenommen, neue Kanäle gebohrt werden. Auch wenn ich bislang glaubte, die von der Werft in Plymouth angegebenen 17 Tonnen Gewicht würden der „alten
Lady“ nicht gerecht, so belehrte mich Brian eines besseren. Selbst die Böden der Schränke bestehen aus einer ein bis zwei Zentimeter dicken Schicht Fiberglas, plus Holzverkleidung. 

 

Immer wieder bot ich meine Hilfe bei den schweißtreibenden Arbeiten an, aus versicherungstechnischen Gründen lehnte Brian dankend ab.
Ich vermute mal, das war eine billige Ausrede. Er wollte einfach sein Werk nicht von Amateuren zerstören lassen. Die Akribie und Gelassenheit beeindruckten mich. Selbst die Halterungen der Kabel
hinter der Verkleidung unter Deck befreite Brian erst vom Kleber („der hält nicht lange“), um sie dann fachmännisch mit Spezialkleber anzubringen, die Schrauben verbarg er hinter Holzpropfen,
obwohl sie vorher auch nicht abgedeckt waren, er fertigte Sichtblenden aus Teak an – so dass die Achterkajüte jetzt hübscher ist als vorher. 

 

Die Verzögerung von einem Tag brachte Brian nicht aus der Ruhe. Immer wieder schwang er sich auf sein Rad, düste zum Bootsausrüster, um
neue, noch bessere Teile heranzukarren. Ihm reichte nicht die Installation der Davits, er wollte das Beiboot hängen sehen – und die Vorrichtung zum Fieren anpassen (war gar nicht im Preis
inbegriffen). Auch als das neue Beiboot geliefert wurde und sich herausstellte, dass das Dinghy gar nicht über die übliche Aufhängung verfügt, kräuselte Brain nur einmal kurz die Stirn. „Don’t
worry. We’ll find a way.“ Am nächsten Morgen kam er lächelnd zur Dilly-Dally, bohrte und schraubte am Beiboot, bis er zufrieden war. Zwischenzeitlich inspizierte er den defekten Kühlschrank, der
wie eine Diva zickte und nur hin und wieder mal arbeiten wollte. Kurzerhand organisierte einen Fachmann, der den kaputten Regler flugs austauschte. 

 

„MIT ALLES“ 

 

Einen Tag länger als erwartet, auch wegen einiger Extrawünsche meinerseits, ich bestellte mir die Dilly-Dally wie einen Döner in
Berlin, 
werkelte Brian von früh bis spät an der Dilly-Dally. Am Abend des vorletzten Tag kamen wir auf die Rechnung zu sprechen. Eine Anzahlung hatte
ich bereits geleistet. Jetzt ging es um die Restsumme. „Ich werde die Rechnungen noch mal überarbeiten müssen“, sagte Brian trocken. Aufgrund der Wechselkursschwankungen habe es zwischen dem
Angebot und der Bestellung Abweichungen gegeben. Zudem hatte ich im Vergleich zum Kostenvoranschlag noch einige Extras bestellt – wie den Regler der Solaranlage, der über eine App Leistungsdaten
und Verbrauch der Batterien angibt. Eine nette Spielerei. Aber auch durchaus sinnvoll, wenn im türkischen Winter die Sonne einmal nicht so kräftig scheint. Auch ein lustiges Diodenlichtspiel am
Regler verrät, ob die Anlage gerade den benötigten Strombedarf nutzt oder zudem die Batterie lädt. Oder eben auch Saft aus den Akkus zieht. Weil das Geblinke bei Nacht aber auch ein ziemliches
Generve sein kann, klebte ich die Dioden ab. Brian sah das, entfernte das Klebeband und fertigte für die Dioden eine lichtundurchlässige Abdeckung an, die zum Ablesen der Anzeigen angehoben
werden kann. „Sieht doch besser aus“, sagte er. Und er hatte natürlich Recht. 

 

Zudem hatte Brian für die Aufhängung des Beiboots und für die Seilwinde des Außenborders vier Doppelblöcke und zwei einfache Blöcke
gekauft – und einen speziellen Tragegurt, der um den Außenborder gelegt werden kann, um ihn zu kranen, ohne dass Gefahr besteht, den Motor zu versenken. Immerhin wiegt das Biest so viel wie zwei
Kästen Bier.

 

Im Kopf kalkulierte ich bereits, wie viel teurer die Rechnung wohl werden würde. Der Kostenvoranschlag für die Davits und Solaranlage
samt Montage belief sich auf knapp 5300 Euro, ein Betrag, der mir angesichts des Materials, der Maßanfertigung und der exzellenten Ausführung als sehr günstig erschien. Was würde wohl jetzt noch
hinzukommen? Schließlich hatten die Arbeiten auch einen Tag länger gedauert, unter anderem, weil das Boot mehrmals verholt werden musste. 

 

DIE ABRECHNUNG

 

Am nächsten Morgen sollte ich es wissen: Brian hatte noch einmal gerechnet. Inklusive der Extras belief sich die Differenz auf rund 100
Euro. Keine Mehrkosten. Sondern Kostenersparnis! Wie bitte? „Jep“, sagte Brian, „der Wechselkurs war günstiger. Daran kann ich mich ja nicht bereichern.“ 

 

So etwas habe ich noch nie erlebt! Ich bin Baff.

 

 

Die Dilly-Dally ist gepimpt

Land in Sicht

So wenig Wasser wie aktuell war zuletzt im Oktober 2003 im Rhein. In Wesel hatte der Pegel damals mit 111cm eine neue Rekordmarke erreicht.
Gestern Nachmittag lag der Pegel bei 115cm. In Emmerich, Rees und Duisburg wurden die Pegelstände aus 2003 bereits unterboten. In Wesel könnte heute im Laufe des Tages der niedrigste Wert gemessen werden, seit mit den Aufzeichnungen zu Kaisers Zeiten begonnen wurde.

Nomade steht noch…

Unterwegs in Guernsey. Auf den Spuren meines Großvaters. Oder: Eine deutsche Geschichte.

Es wird Zeit, die Geschichte meiner Einhand-Segelreise von Sizilien 
 bis Südengland um die Westküste Europas zu Ende zu erzählen. 
Nach den Balearen, Gibraltar, Portugal, Nordspanien
und der Nordküste der Bretagne erreichte ich nach fast vier Monaten 
im September 2018 die Kanalinsel Guernsey. Ich blieb ein paar Tage auf der Insel. 
Lieh mir ein Motorrad. Und suchte die Insel nach Spuren ab aus der Zeit, 
in der mein Großvater auf der Insel gewesen war. Im II. Weltkrieg. Als Guernsey wie die anderen Kanalinseln von deutschen Truppen besetzt war. 

Die Einfahrt in den Hafen von St. Peter Port, Guernsey
Vielleicht war mein Großvater schuld. Vielleicht war er der Grund, weswegen ich hierher nach Guernsey gesegelt war. 
Mit meinem Großvater verbinden mich verschiedene Dinge. Seine Ungeduld. Sein Zähneknirschen, wenn etwas nicht gleich so läuft, wie er sich das vorstellt. Seine Neigung zu Halsschmerzen. Er hatte sie ausgeprägt, kam nach dem sonntäglichen Bier aus dem Wirtshaus mit Halsschmerzen heim. Es war dieser Satz, der sich mir von diesem einfachen Mann eingeprägt hatte: „S’oinzige Mol im Läaba, wo I koi Halsweah k’hett han: Des war z‘ Guensay“. ‚Das einzige Mal im Leben ohne Halsweh: Das war, als ich auf Guernsey war.‘
Guernsey. Wie war er da bloß hingekommen?
Er war ein kreuzbraver Mann gewesen, von einfachem Gemüt. So einfach wie das verschlafene Dorf an dem kleinen Fluss im Schwäbischen, wo man ihn nur den „Urle“ nannte, weil er Ulrich hieß, wie die meisten Männer meiner Familie. Hier war er geboren, hier hatte sein Elternhaus gestanden, hier hatte die Familie, deren Namen ich trage, mehrere Generationen gelebt. 
Von meinem Großvater weiß ich nicht viel. Dass er Maurer war, weil unter dem dürren Apfelbaum, wo wir unsere Ferien verbrachten, stets ein Holzbottich mit Kalk und Kelle bereitlag. Dass der „Urle“ im Dorf bekannt dafür war, Sommer wie Winter immer schon eine Viertelstunde vor Abfahrt des Zuges am Bahnsteig zu stehen, aus Sorge, er könne den Zug versäumen, obwohl er nur 50 Schritt vom Bahnhof hinter der Ligusterhecke entfernt lebte. Dass er Sonntags zum Bier und zum Kartenspielen ging – wie mein Vater und seine Brüder es auch taten. Dass er bei den „Veteranen“ war, den alten Herren, die bei der Prozession in Hut und ausgebeultem Anzug, doch mit klimpernden Orden behängt, nach Feuerwehr, Turnern, Sportverein stets den Schluss des feierlichen Zuges durchs Dorf bildeten. Dass meine Großmutter sich diebisch freute, wenn er sich zu diesen Anlässen versehentlich mal wieder ihr „Mutterkreuz“ ans Revers gesteckt hatte, das sie wie jede andere Mutter mit vier Kindern von der Partei bekommen hatte und ihr so garnichts bedeutete. Der Urle war einer, der in Dinge hineingeriet. Nicht einer, der Dinge aktiv lostrat.
Der Hafen von St. Peter Port, Guernsey. Im Hintergrund jenseits der steinernen Barre erkennbar der Yachthafen Victoria Harbour.
Guernsey. Wie war er da bloß hingeraten? Er, der so gut wie nie aus dem Dorf und seiner Umgebung herausgekommen war, außer als junger Turner in den Zwanzigern zu einem Wettkampf nach Dornbirn. Er war Maurer geworden, weil man als Sohn eines Kleinbauern, eines Handwerkers oder Tagelöhners im Dorf nur zwei Dinge werden konnte: Knecht auf einem Hof. Oder Maurer. Für mehr hatte es in der kinderreichen Familie für ihn nicht gereicht. Erst recht nicht für eine Arbeit bei den Juden des Dorfes. Sie waren die Unternehmer des Dorfes, die Rosshändler und Kaufleute, die Privatiers und Geschäftsleute. Irgendein Graf hatte sie vor Jahrhunderten in dem kleinen Marktflecken angesiedelt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das hatten sie über Jahrhunderte getan. Sie waren es gewesen, die aus eigener Tasche die 15 Kilometer lange Bahnlinie entlang des Flusses bauen ließen, um das ganze Flusstal bis in die nahe Kreisstadt mit der Welt und dem Handel zu verbinden. Das war in dem Jahr, in dem der Urle in dem kleinen Dorf geboren wurde. Und zugleich das Jahr, in dem in Deutschland die meisten Bahnkilometer gebaut wurden, 1902. Die Juden des Dorfes müssen gute Kaufleute gewesen sein, mit Sinn fürs Geschäft und ein Herrenleben. Meine Großmutter war ins Dorf gekommen, weil sie eine Anstellung gefunden hatte als Hausmädchen und Wäscherin bei den jüdischen Kaufmannsfamilien. Erst bei den Lammfromms. Dann beim Philipp Hummel. Vielleicht auch bei der Familie des Leoreiter oder wie immer sie hießen. Sie stammte aus einem einfachen Bauernhof und war plötzlich in vornehme Haushalte gekommen – das hatte sie fürs Leben geprägt. Im Dorf war sie dem Urle über den Weg gelaufen, vielleicht auf einem der Volksfeste, auf dem sie die Maßkrüge austrug, um sich etwas dazuzuverdienen. Vielleicht war der Urle auch unter den Burschen, die nachts die Leitern an die Häuser legten, um zu den Mägden durchs Fenster zu steigen. Ein Abenteurer war er nie. Als sie schwanger war mit 24, heirateten sie heimlich: Frühmorgens um sechs stand der Urle neben der Hanne vor dem Altar, ihr sich deutliche rundender Bauch erlaubte keine ausgelassene Öffentlichkeit. So standen sie – genauso wie 33 Jahre vor demselben Altar um 6 Uhr morgens mein Vater neben einer grazilen rothaarigen Frau stand. Meiner Mutter, in deren Bauch ich strampelte.
Vermutlich arbeitete der Urle als Maurer im Dorf, als die neue Zeit anbrach. Das Dorf hatte die wirtschaftlich schlimmen Jahre gut überstanden, die Bauern hatten Eier, Fleisch und Getreide in Hülle und Fülle, die jüdischen Kaufherren im Ort hatten reichlich zum Handeln. Was Vieh und Felder an Überschuss lieferten, kam zum Bahnhof, den die Juden des Dorfes aus eigener Tasche finanziert hatten wie die Bahnlinie, es wurde in die Viehwaggons verladen und von dort in die hungernden Städte transportiert. Im Dorf zeigten sich die Braunhemden im Wirtshaus, der Urle und die Hanne gehörten nicht dazu – warum auch? Was die Hanne bei den Lammfromms verdiente, konnte die Familie mit den zwei, bald drei kleinen Kindern gut gebrauchen. Zu Weihnachten bekam sie von ihren Dienstherrn einen schwarzen Mantel, ein Geldschein war mit Stecknadel ans Revers gesteckt. 
Irgendwann kam der Brief, der den Urle zur Musterung befahl. Es würde ein zweites Mal Krieg geben in Urles Leben – für den ersten großen Krieg war er gerade so eben zu jung gewesen. Und für den zweiten war er nicht mehr jung genug. Weil er ja Maurer war , hatte man besseres vor mit ihm als Wehrdienst. Man steckte ihn als Handwerker in die „Organisation Todt“. So hieß die Truppe nach ihrem Führer Fritz Todt. Sie trugen Uniform, doch statt der Waffe auf Paraden den Spaten. Anfangs war die „Organisation Todt“ für den Bau ziviler Projekte eingesetzt. Als sich der Krieg mit Frankreich ein Jahr vor Ausbruch abzeichnete, begann die Organisation Todt mit dem Bau von Bunkern entlang der französischen Grenze. Wo der Urle eingesetzt war, weiß ich nicht, doch die Hanne mit den drei Kleinen, der Liesl, dem kleinen Ulrich, den alle Ua riefen und dem Hansl, die sahen den Vater selten in den Jahren, grad alle vier Wochen kam er mal heim. Die Hanne war auf sich gestellt, arbeitete bei den Bauern, schenkte Bier aus als Bedienung. Und ging selbst dann noch heimlich zu den Juden, als Braunhemden und Scharfmacher die Synagoge des kleinen Dorfes in Brand steckten und die Lammfromms, die alten Hummels und die Leoreiters längst den gelben Stern tragen mussten.
Der Urle, der kam nur noch zu Heimaturlauben nach Hause. Es scheint, als wäre er gleich hinter den kämpfenden Truppen, die das riesige Frankreich in sieben Wochen überrollten, mit der Organisation Todt Richtung Atlantik und Ärmelkanal marschiert. Die Baupläne für das, was nun am Atlantik errichtet werden sollte, waren längst ausgearbeitet: In Frankreichs wichtigsten Atlantikstädten sollten gewaltige Bunker für die Uboot-Flotte errrichtet werden. Der Urle, der ein einfacher Mann aus einem kleinen Dorf im Schwäbischen war, stand nun plötzlich in St. Nazaire am Meer. Und baute Schalungen für die meterdicken Betonwände. Flocht Eisenarmierungen für bombendichte Decken. Rührte Mörtel. Er sah die Zwangsarbeiter, die auf den Baustellen eingesetzt wurden, Politische, Homosexuelle, nach Frankreich vor den Nazis geflohene, vornehme und gebildete Juden wie die, die er aus seinem Dorf kannte. Er sah sie während seiner 12 Stunden-Schicht von sieben bis sieben, er
Die britische Festung über dem Hafen von St. Peter Port, in der die deutsche Radarstation während des Krieges untergebracht war.
sah, wie sie schlecht behandelt, manchmal gequält wurden. Vielleicht verstand er die Welt nicht mehr, er war nun 40 und immer noch Maurer, doch er hielt den Mund. Als der erste Teil des Bunkers von Saint Nazaire, der noch heute am Hafen steht, als die ersten Finger fertig waren, wurde er mit weiteren Arbeitern, die wie er an der einfachen Uniform mit den weiten Hosen die gelbe Binde der Organisation Todt trugen, abkommandiert. Auf eine Kanalinsel sollte es gehen, Guernsey, diesmal sollten nicht U-Bootbunker, sondern Gefechtsstände entlang der Küsten der Insel gebaut werden. Betonierte Maschinengewehr-Nester, um die deutsche Radarstation in der alten britischen Festung über dem Hafen von St. Peter Port zu bewachen. Und vor allem Bunker entlang der Strände
und Geschützstellungen für die tschechischen Panzerabwehrkanonen, die im Fall einer Landung in die anstürmenden Soldaten feuern sollten. Der Urle, er rührte Mörtel, baute Schalungen, schleppte Mörteleimer und flocht Eisenarmierungen, nur eben diesmal auf Guernsey. Die Hanne, die ging jetzt nur noch heimlich, und wenn es dunkel war, zu den alten Lammfromms, um für sie zu arbeiten.
Der Strand der Cobo-Bay im Westen von Guernsey heute. Die Bunkeranlagen des II. Weltkriegs verschwinden hinter Steinmauern, die man als Blendfassaden errichtet.
Hatte er Augen für die Schönheit des langen Sandstrandes der Cobo-Bay auf Guernsey, der damals voller Minen, Sprengfallen und Stacheldrahtverhaue war? Hatte er Sinn für die Schönheit der Insel, während er und die Zwangsarbeiter an der langen Mauer eben dieser Cobo-Bay bauten, die den Strand zur tödlichen Falle machen sollte? Er entdeckte jedenfalls, dass hier am Meer seine Halsschmerzen endlich ein Ende hatten. Einer der Zwangsarbeiter, ein jüdischer Arzt, mit dem er darüber sprach, erklärte ihm, woher es kam. Dass das Seeklima eben gut sei für seine Bronchien, seine Atemwege, die ihm ein Leben lang zu schaffen machen würden. Der Urle baute brav weiter an seinen Bunker über dem Strand, in dessen einzige Öffnung millimetergenau die Schnellfeuerkanone eingebaut wurde, vor der heute die Strandbesucher sitzen.
Nur an manchen Stellen der Cobo-Bay sieht man noch die deutschen Bunker.
Es scheint, der Urle hat all die Jahre auch in Guernsey geschwiegen. Er hat sich seinen Teil gedacht. Nur einmal hat er den Mund nicht halten können. Er war auf einem der seltenen Heimaturlaube. Die Juden des Dorfes, die man zuerst in ihrer Synagoge zusammengepfercht hatte wie in einem Getto, man hatte sie längst an einem schönen Junitag durchs Dorf zum Bahnhof und in die Viehwaggons getrieben, wie einst ihr Vieh. Frau Lammfromm war an diesem Tag vor dem Haus, in dem die Hanne mit den Kindern lebte, stehengeblieben. Hatte noch einmal „Frau Käsbohrer“ gerufen, doch die Hanne, die Furcht in ihrem Leben nicht kannte, hatte in diesem einen Moment geschwiegen. Und nicht geantwortet. Sie sollte Frau Lammfromm nicht wiedersehen. Als der Urle auf Heimaturlaub kam, war das alles Geschichte. Es war im Wirtshaus, wo er den Mund nicht halten konnte, und draussen auf der Toilette beim Pinkeln über die Nazis knurrte: „Dia Bettsoicher, dia gottverreckte“, was man mit „Diese verfluchten Bettnässer“ übersetzen kann. Mehr hatte er nicht gesagt.
Am nächsten Morgen kamen sie, um ihn zu holen. Von Dachau war die Rede. Wie er denn das mit den „Bettsoichern“ gemeint hätte. Als sie ihn mitgenommen hatten, warf sich die Hanne in ihr schönstes Kostüm. Setzte sich eines der Kinder auf den Arm und ging schnurstracks zum Ortsgruppenleiter. Vielleicht hatte sie das Mutterkreuz umgehängt, sie kannte keine Furcht. Ich weiß nicht, wie sie es erreicht hatte, der Urle wieder freikam. Am Abend des nächsten Tages war er wieder daheim. Und machte sich, weil sein Heimaturlaub zuende war, auf den Weg zurück nach Guernsey. Von Saint Malo aus wurden sie auf einem Schnellboot hinüber in den Hafen von St. Peter Port Guernsey gefahren, doch englische Schnellboote lauerten den Deutschen jetzt regelmäßig vor Guernsey auf und feuerten auf sie. Die Besatzer waren längst selbst zu Belagerten geworden. Sie warteten auf den großen Angriff, die Landung von der sie wussten, dass sie unmittelbar bevorstand. Sie wussten nur nicht, wo. 
Vielleicht hat der Urle in diesen Jahren von Geschichten auf Guernsey gehört. Von dem 18jährigen Mädchen, das trotz des Verbots, an den Sandstränden der Insel im Meer zu schwimmen zu gehen, im Sommer einfach doch Schwimmen gegangen war. Sich zu den verminten Sandstränden hinausgewagt hatte, um einfach nur mal im Meer zu schwimmen. Natürlich hatte man sie erwischt. Man zog sie heraus. Und stellte sie vor Gericht. Doch sie hatte Glück, kam mit einer saftigen Geldstrafe davon. Vielleicht hatte der Urle von der Geschichte der verwittweten Frau mit dem kleinen Lebensmittelladen gehört. Mit ihrem Sohn hatte sie einen flüchtigen Zwangsarbeiter aufgenommen, heimlich, und versteckt. Das war verboten bei Todesstrafe, doch sie tat es trotzdem. Es war eine mißgünstige Nachbarin, Guernseyerin wie sie selbst, die sie an die Deutschen verriet. Sie kam zuerst nach St. Peter Port zur Vernehmung ins Gefängnis. Dann wurde sie nach Deutschland verlegt, da saß sie im Gefängnis. Weil man nicht wusste, wohin mit ihr, kam sie ins KZ. Und wurde dort kurz vor Kriegsende in die Gaskammer geschickt. Ihr Sohn überlebte – als einziger britischer Insasse. 
Ob der Urle einer der Deutschen war, die bei Privatleuten untergebracht war? Ob er dort, weil er wie andere deutsche Soldaten seine Kinder vermisste, die fremden Kinder auf dem Arm trug, denen der Vater ebenfalls fehlte?
Einer der Strände im Westen Guernsey. Hinter den hübschen Steinmauern verschwindet die Geschichte der deutschen Besatzung von 1940 bis 1945.
Als die Alliierten ein Stück weit östlich von Guernsey entfernt in der Normandie landeten, beschloss der Urle, dass für ihn als Angehörigen der Organisation Todt der Krieg vorbei sei. Er nahm sich mit anderen OT-Leuten ein Wehrmachtsfahrrad. Und radelte darauf von der Bretagne bis in sein Dorf an dem kleinen Fluss im Schwäbischen. Meist radelten sie nachts, tagsüber schliefen sie im Straßengraben, die Tiefflieger waren überall. Der Krieg, der war für den Urle vorbei. Auch wenn sich die Hanne, die den kleinen Hansl auf dem Fahrrad hatte, jetzt auch in dem kleinen Dorf im Schwäbischen vor den Tieffliegern in die Straßengräben werfen musste.
Nach Guernsey ist der Urle danach nie wieder in seinem Leben gefahren. Er blieb, was er war: Ein einfacher Maurer, von gelegentlichem Halsweh geplagt. Und ein kreuzbraver Mann, der sonntags ins Wirtshaus zum Karten ging. Was er sich über seine Zeit auf Guernsey dachte? Darüber sprach er nie. Nur wenn er Halsweh hatte, dachte er an die Insel. Den Rest, den er dort erlebt hatte: Den nahm er mit ins Grab.


Rundreise Süd-Ecuador

Di., 16.Okt.18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1599, 13.337 sm von HH

Es geht wieder los: Busfahren in Südamerika. Diesmal möchten wir ganz tief in den Süden Ecuadors.
Mit dem Nachtbus fahren wir über Guayaquil bis nach Zaruma. Dort sollen wir Morgen Vormittag ankommen. Der Süden wird von Touristen relativ wenig besucht. Die meisten Gäste landen mit dem Flugzeug in Quito und da liegen die Attraktionen vor der Haustür. Daher quält sich kaum jemand zwanzig Stunden im Bus nach Zaruma.
Der Ort ist so untouristisch, dass auf booking.com, meiner Lieblingsplattform zur Zimmerreservierung, kein einziger Treffer zu finden war. Ein Hotel, was ich trotzdem im Internet gefunden habe, wollten bei einer Zimmerreservierung eine Anzahlung von 50 Prozent. Ich konnte den netten Jorge überzeugen, dass wir kein Bankkonto in Ecuador haben, alles sehr schwierig ist und dass wir wirklich, wirklich anreisen. Er hat dann die Anzahlung verzichtet. Na, hoffentlich hat das geklappt.

Rundreise Süd-Ecuador

Rundreise Süd-Ecuador

Nach ein paar Nächten in Zaruma, einem alten Goldgräberstädtchen, fahren wir bis kurz vor die peruanische Grenze, nach Vilcambamba. Dann sind wir auch wieder in den Bergen, zunächst nur auf 2.000 Meter. Die Anden haben hier einen kleinen Höheneinbruch, bevor sie in Peru richtig an Höhe gewinnen.
Bei unserer letzten Rundreise sind wir ja nicht höhenkrank geworden. Ob es an der Strategie der langsamen Steigerung der Höhen lag? Ist nicht zu beweisen, aber wir halten an der Taktik fest. Auch konditionell hat das ja gut geklappt. Unsere wunderbar aufgebauten Blutkörperchen sind durch die faule Zeit im Cockpit längst abgeatmet. Die müssen wir grad wieder neu züchten.
Der dritte Stopp in Cuenca liegt bereits auf 2.500 Meter. Von hier können wir sternförmig Ausflüge unternehmen, die uns fast auf 4.000 Meter führen: Nationalparks und Inka-Ruinen. Alles gut von Cuenca aus zu erreichen. Außerdem soll Cuenca die schönste Stadt Ecuadors sein.

Wir sind gespannt. Endlich ist mal wieder was los. Die dicken Projekte sind abgearbeitet und Bahía ist doch etwas langweilig auf Dauer. Also, auf geht’s, der Bus wartet nicht.

Wind hat’s auf 29 Grad N

Schwerwettertraining gefälligst?

Um 14 Uhr gestern hat es, wie mit dem Schlag der Turmuhr, den Wind auf Nord gedreht. Um 16 Uhr hat dann jemand den Schalter für die Windmaschine eingeschaltet und Wnuki wieselt auf den Knien, immer schön eingepickt, über das Deck und klärt noch mal nach. Dinghy war noch nicht sturmsicher vertäut, Running Backstay stb noch nicht gesetzt. Baumniederholer klemmt und viele andere Kleinigkeiten. Von meiner CREW ist nicht viel zu sehen. Eine unsicher daherschauende Birgit sitzt mit Erdmännchenaugen im Pilothaus. MARLIN, noch im zweiten Reff und gereffter Genua, nutzt die Gelegenheit schon mal zu zeigen, dass sie eigentlich ein Wolf im Schafspelz ist. Sie neigt den Mast, zieht den mit Bullenstander gesicherten neun Meter langen Baum, mit dem Ende durchs Wasser und die Logge ist permanent zweistellig vor dem Komma. Nun. Wnuki hat nach dem langen Motoren auch Spass am Run bei 35 Knoten Wind. Aber wie ich dann feststellen muss, bin ich der Einzige der Spaß hat. Es wird schnell dunkel, 100% Bewölkung und Niesel. Meine Crew bisher mit 3 Bft in Kroatien gesegelt, schaut, wie soll man sagen, etwas uncertain? „Hmm. Stimmt. Die haben Angst. Kennen das ja noch nicht.“ Also fahre ich meinen Spaß runter. Mit Ferdi setze ich die Fock statt Genua, das dritte Reff im Groß. MARLIN interessiert das recht wenig. Die rennt weiter mit 9 Knoten. Die Front, mit dem versprochenen Trade Winds dahinter, rennt über uns hinweg. Zumindest ist es unten schon mal soweit, dass ich ein Fried Rice zaubern kann, Markus den Salat dazu. „Wir laufen bei den Wetter Bedingungen Graciosa nicht an“, verkünde ich nach dem Abendessen. „Segeln wir dann durch?“, fragt Birgit vorsichtig. „Ja.“ „Wann sind wir dann da?“ „Am Dienstag vielleicht? Wer weiß das schon.“

Das war Gestern und die Nacht war dementsprechend. Mitsegler, die es sich ion den Leesegeln versuchen bequem zu machen und ansonsten die Decke über den Kopf ziehen, in der Hoffnung das Skippers Worte wahr sind: „Das Schiff kann das ab. Ob ihr das abkönnt, wird sich zeigen. Ihr braucht also keine Angst zu haben“ Die Nacht ist dunkel, der Himmel dicht bewölkt, nur der Sonnenuntergang kurz davor, der hatte es in sich. Lang gezogener Schwell vor groteskem Himmel. Himmlisch schön wieder auf See zu sein. Nach zwei Nächten setzt der Mikrokosmos ein.

Das war gestern. Heute reißt der Himmel auf, die ersten Passatwölkchen erscheinen am Himmel und Skippers Welt ist wieder in Ordnung. Unten blau. Oben blau. Dazwischen die MARLIN. So wie es sein soll. La Palma, die grüne Insel liegt an. Am Dienstag irgendwann werden wir unser Endziel erreichen. Ich freue mich. Nicht weil der Törn dann zu Ende ist, sondern weil ich dann bald für ein paar Tage Heimaturlaub habe und meine Familie, vor allen Dingen meine Töchter sehen werde.

Mitsegeln auf der MARLIN!

CREW 48 La Palma (Kanarische Inseln) – Kapverdische Inseln Rundtour 27.10.2018 – 15.11.18CREW 50 Atlantiküberquerung Kapverden – Karibik 15.12.18 – 11.01.19
Danach geht es in der Karibik weiter. Im März im Antillenbogen nach Guadeloupe und im Mai zu den Bermudas und über den Atlantik zu den Azoren. 2019 geht es dann Rund England. Na? Lust mit zu segeln und den Platz schon mal zu reservieren?Mensch wir freuen uns auf auf dich, der die du mitsegeln willst. Buche Deinen Platz hier: www.marlin-expeditions.com

SV Atanga – Sabine + Joachim Willner DE

LAS PERLAS UND DIE PERLENINSELN


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Endlich wieder Segeln

Nächtliche Kollision

Es fällt mir im Moment etwas schwer gute Laune zu verbreiten. Der ganze Törn ist wie verhext. Dabei hatte ich mich so sehr auf Porto Santo und die Selvagens gefreut. Buchstäblich in den Eimer gefallen wegen diesem Wirbelsturm Leslie, der nun doch wie ich es mir dachte, zwischen den Azoren und Madeira durchgegangen ist und sich nun beim Landfall auflösen wird. Viel Wind um nichts, aber man kann so ein Ding ja nun nicht einfach ignorieren.

Nachdem sich die Wetterdienste alle einigermassen einig waren, haben wir die Leinen in Mohammedia gelöst und sind wirklich sehr schön an der Casablanca Waterfront vorbeigesegelt bei strahlendem Sonnenschein und leichten Winden. Hat mich sehr an Havanna Anfang dieses Jahres erinnert. Das war es dann aber auch mit Wind. Das alte Spiel: Segel rauf und Segel runter. Nachts ist der Wind dann ganz weg und wir motoren an einer anderen Welt in sechs Meilen Entfernung vorbei. Selbst 20 Meter lange Fischerboote fahren hier ohne Licht oder vielleicht noch mit einem weißen Rundumlicht. Geräuschnavigation unter Leichtwind-Segeln. Aus dem Nichts werden wir plötzlich angeleuchtet mit Scheinwerfern. Dann. „KAWUMM. KRATZ. ZONG!“ nehmen wir grade unter Motor, wahrscheinlich eine Fischerboje mit, in der tiefschwarzen Dunkelheit. Am kommenden Tag gibt es für sechs Stunden den langersehnten Nordwind. Endlich segeln. Aber es bleibt nicht lange spassig. Die Welle der MARLIN dreht mit. Der MAX Propellor kann seine Flügel nicht in den Unterwasserfahrtwind stellen. „KLONG. KLONG.“, haut etwas unter Wasser rhythmisch gegen den Rumpf. Na. Mit entspannten Segeln hat das nichts zu tun. Wir suchen uns einen etwas ruhigeren Platz nahe dem Strand von der Stadt Sidi. In Noonsite als der dreckigste Hafen von Marroko beschrieben. Wenn es nicht unbedingt sein muss, tauche ich nicht gerne auf offener See um den Propeller zu klarieren, hier in dem Hafen auch nicht. Markus läßt geräuschvoll den Anker vor der Hafeneinfahrt fallen. Keine Ahnung ob es sich um ein ganzes Netzt handelt oder was auch immer, springe ich mit Ferdi ins Wasser. Ferdi zuerst: „Es ist eine orange Leine, die sich um den Propeller gewickelt hat. Das Malheur ist schnell geklärt. Gott sei gedankt, nicht noch ein neues Problem. Davon habe ich grade echt genug. Passt schon gar nicht mehr auf eine ToDo Liste.

Zeitnah bekommen wir Besuch von den Behörden in einem baufälligen Dinghy, mit noch schlimmeren Aussenborder. „Jaja. Wir fahren schon wieder.“ Markus nimmt den Tampen vom Propeller zwischen die Zähne und knurrt die Beamten an. Alles Spaß. Alles gut. Die beiden Jungs sind nett und bitten uns entweder zu fahren oder in den Hafen zu kommen. Auf stundenlanges Einklarieren habe ich jetzt echt kein Bock, zumal ich die Schiffspapiere in Mohammedia habe liegen lassen. „Ruhig Blut.“ Waren nur Farbausdrucke in Folie geschweißt. Originale liegen in Deutschland.

Seit dem sind wir Tag und Nacht auf See. Wir haben Kurs auf die Nordspitze von Lanzerote genommen und kämpfen weiter gegen den nicht vorhandenen Westwind an und warten auf Sonntag Mittag. Dann soll endlich Nordwind einsetzte. Da kommt schon die Nachricht von Nathalie: „Ob ich den Starkwind gesehen habe.“ Habe ich was verpasst? Ich sehe 20 Knoten aus NE? Ich geh mal raus. Wir dümpeln grade. Die Lust den Motor anzumachen ist gleich null. Das Geräusch kennen wir jetzt zu Genüge.

Mitsegeln auf der MARLIN!

CREW 48 La Palma (Kanarische Inseln) – Kapverdische Inseln Rundtour 27.10.2018 – 15.11.18CREW 50 Atlantiküberquerung Kapverden – Karibik 15.12.18 – 11.01.19
Danach geht es in der Karibik weiter. Im März im Antillenbogen nach Guadeloupe und im Mai zu den Bermudas und über den Atlantik zu den Azoren. 2019 geht es dann Rund England. Na? Lust mit zu segeln und den Platz schon mal zu reservieren?Mensch wir freuen uns auf auf dich, der die du mitsegeln willst. Buche Deinen Platz hier: www.marlin-expeditions.com

Aschenputtel auf Langfahrt

Sa., 13.Okt.18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1597, 13.337 sm von HH

In knapp zwei Monaten soll es losgehen. Richtung Südsee. Zeit, dass wir uns mit der Proviantierung beschäftigen. Was man immer wieder hört, sind Geschichten über die schlechte Versorgung im Südpazifik. Zwischen Südamerika und Neuseeland sieht es im Lebensmittel-Bereich finster aus. Vollkornmehl oder Körner gehören zur Kategorie ‚garantiert nicht erhältlich‘.

Okay, das sieht in Bahía nicht viel besser aus. Es gibt ab und an Vollkornmehl im Supermarkt. Dann aber in homöopathischen Mengen. Mit Chance sind mal zwei Kilo zu ergattern. Dann bleibt das Regal wochenlang leer.
Rechnerisch benötigen wir 40 Kilo für zwei Jahre Südsee. Allerdings kann Vollkornmehl nicht so lange gelagert werden. Es wird ranzig. Körner dagegen sind nahezu unbegrenzt haltbar.

Eine Getreidemühle haben wir an Bord. Ein Gerät von dem ich dachte, es verschimmelt ungenutzt im Schrank. Bislang war Vollkornmehl – Weizen und auch mal Roggen- gut zu bekommen.
Vor ein paar Tagen haben wir die Handmühle das erste Mal betrieben. Sieht locker aus, ein bisschen an der Kurbel zu drehen. In Wahrheit verbraucht man mehr Kalorien als eingefahren werden.  Eine halbe Stunde haben wir uns abgewechselt beim Drehen und hatten ein Kilo Mehl und lahme Arme.
Aber es funktioniert. Unser geliebtes Vollkorn-Mischbrot ist gesichert.

Mühsahmes Geschäft

Mühsames Geschäft

Jetzt brauch ich nur noch große Mengen Körner. Ein paar Kilo Roggen habe ich für genau diese Zeit weggebunkert. Weizen finde ich auf dem Markt. Der einzigen Quelle für Getreide.
Der sieht frei von Tieren aus, den kaufe ich. An Bord kommt er in Quarantäne, ob sich nicht doch noch Motten oder Käfer entwickeln. Nein, alles gut (hätten sich Tiere gezeigt, hätte ich den Weizen in der Pfanne erhitzt. Bei spätestens 60 Grad ist für Eiweiß Feierabend).
Aber der Weizen ist unsauber gedroschen. Etliche Körner sind noch von den Spelzen umschlossen und ich finde kleine Strohhalme und Grannen in der Tüte. Jetzt kommt Aschenputtel ins Spiel: Das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen.
Was für eine öde Arbeit. Ob ich mir zu viel Arbeit mache? Und man den Spreu mitessen kann? So richtig finde ich keine Antwort im Netz darauf, also sortiere ich weiter. Das erscheint mir sympathischer. Sind ja nur ein paar Kilo. ;-)

Die Spreu vom Weizen trennen

Die Spreu vom Weizen trennen

Überhaupt ist Bahía ein schlechter Ort für die große Proviantierung. Obst, Gemüse und Fisch gibt es für wenig Geld in sensationeller Qualität. Reis, Weißmehl, Hülsenfrüchte und alle anderen Grundnahrungsmittel ebenfalls. Bei Konserven, Wein, Fleisch und Milchprodukten sieht es schlecht aus. Vieles ist gar nicht zu bekommen und importierte Waren, wie Salami, sind frech teuer.
Aber gut, wir müssen es nehmen, wie es ist.