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Ankunftstermin

Samstag, 7. Juli, 16 Uhr, Yachthafen Wesel.

Wenn der Schleusenjohnny mich bis dahin nicht geregelt hat.
Eigentlich hatte ich den ganzen Mist mit den falsch gedrückten Knöpfen schon getippt, aber mich regt das zu sehr auf. Und ich hab keine Lust mehr, mich aufzuregen.
Hoffentlich drückt er morgen die richtigen Knöpfe, dann bin ich schon zufrieden…
Jedenfalls:
Wer dabei sein möchte, wenn Nomade ihren Heimathafen erreicht, schreibt bitte eine kurze Nachricht an uns, damit wir besser planen können: Kontakt

Ausflug nach Canoa

Mo., 25.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1486, 13.337 sm von HH

Mit dem Bus sind es 30 Minuten zum ’schönsten Strand‘ Ecuadors. Kann man das glauben? Wirbt doch jeder Ort, dass sein Strand der Schönste sei. Mit den Crews der Breakaway und Taitonga (den letzten bewohnten Schiffen vor Ort) wollen wir uns selber überzeugen.
Südamerikanisch üblich kommt alle paar Minuten ein Bus und für kleines Geld werden wir nach Canoa geschaukelt.

Der Tourismus, hauptsächlich kommen neben den Einwohnern Quitos noch Argentinier und Chilenen zum Urlaub machen, schläft. Der Strand ist abgesehen von ein paar Fischern noch leer. Wir sind zu früh. Die Sonne steckt noch hinter fetten Wolken. Vor Mittag wird sie es nicht schaffen ein paar wärmende Strahlen zu schicken. Ecuador ist ein Ferienparadies für Langschläfer.

Morgens gehört der Strand noch den Fischern

Morgens gehört der Strand noch den Fischern

 

Den Fischern ist das egal. Die ganze Familie ist wach, um das Boot mit vereinten Kräften ins Wasser zu rollen. Geschütze Buchten, gar einen Hafen gibt es nicht. Der achtzehn Kilometer lange Strand endet in Steilküste. Wer hier fischen will, muss durch die rollende Dünung. Flach steigt der Strand bei Ebbe an. Heute sei das Meer ruhig, erzählt mir ein Junge, der Hängematten vermietet. Bei ruhiger See werden hauptsächlich Shrimps gefangen, bei rauer See überwiegend Fisch.

Wellenbretter und kleine Buden mit Liegestühlen stehen zwischen den Fischerbooten

Wellenbretter und kleine Buden mit Liegestühlen stehen zwischen den Fischerbooten

Zwei bis drei Fischer sitzen im Boot, weitere zwei Jungs werden zum Anschieben durch die Wellen benötigt. Um ins tiefere Wasser zu gelangen, wird sich zuerst mit Stangen vorwärts gestakt bis der Außenborder in Wasser gelassen werden kann. Wehe dieser springt nicht gleich an. Die nächste Welle trägt das Boot sofort ins Flache zurück. Die Schiebe-Jungs müssen aufpassen, dass sie nicht überrollt werden. Der Außenborder-Mann muss aufpassen den Außenborder rechtzeitig wieder hochzuziehen. Man mag sich den Stress nicht bei rauer See vorstellen.

Die ganze Familie hilft mit

Die ganze Familie hilft mit

 

Einige haben nur Holzstämme zum vorwärts rollen

Einige haben nur Holzstämme zum vorwärts rollen

Komfortabler geht es mit einer Achse und zwei Rädern

Komfortabler geht es mit einer Achse und zwei Rädern

Jetzt kommt der Außenborder zum Einsatz

Jetzt kommt der Außenborder zum Einsatz

Wenn der Außenborder mal läuft, wird geschickt parallel zu den Wellen Speed aufgenommen. Eine Vermeintliche Lücke in der Brandung wird genutzt, um ins offene Wasser zu gelangen.
Jetzt schon wieder aufpassen: die ersten Wellensurfer sind bereits im Wasser.

Sportlich über die Brandung

Sportlich über die Brandung

Schwimmer müssen die Köpfe einziehen

Schwimmer müssen die Köpfe einziehen

Weiter im Norden Ecuadors sind 90% der männlichen Bevölkerung wirtschaftlich anhängig vom Fischfang. Alternative Arbeitsangebote gibt es kaum. Fast die Hälfte der Einwohner lebt unter der Armutsgrenze. Canoa bietet ein paar Möglichkeiten im Tourismus: Strandbude oder Wellenbrett- und Hängemattenverleih.
Beim Erdbeben vor zwei Jahren stürzten fast alle Bretterbuden an der sandigen Uferpromenade ein. Hilfe von der Regierung gab es zunächst nicht. Man wollte damit erzwingen, dass die Menschen sicher weiter im Landesinneren ansiedeln. Jetzt scheint sich die Lage etwas entspannt zu haben. Ein Ort mit Atmosphäre. Ein kultiger Mix aus Fischerdorf und Touristen-Meile.

Schönheiten liegen am Strand

Schönheiten liegen am Strand

Canoa - sympathischer Touristenort mit uriger Gelassenheit
Sanddollar
Canoa - mit der Sonne kommen die Gäste

Eine ganze Truppe wilder junger Frauen

Mayas dreizehnte Geburtstagsparty

Was geht eigentlich in solchen Köpfen vor. Kein Kind mehr und doch noch kein Erwachsener? Ich hatte lange Jahre Angst davor was aus meiner Tochter werden würde. Ein Monster, dass seine Eltern zum Wahnsinn bringt? Heute ist es ein schöner Traum, ein Genuss ihr beim Grosswerden zuzusehen. Ja. Ich geniesse es zu Hause zu sein. Zwei Tage Arbeit im LUNATRONIC / MARLIN Office haben sich gelohnt. Hinter des vorderen Räumen ist nun ein Aktionsraum entstanden, der für solche Parties wie heute genutzt werden kann, als Fotostudio, zum Filme gucken mit Videobeamer… Eine Tür zum Garten erlaubt das Aufstellen eines Grills und auch Lars kann mal in den Garten wenn er denn will. Acht junge Damen bevölkern am Nachmittag das STUDIO und fangen an Gesichtsmasken aus Gipsverband anzulegen. Diese werden dann kreativ angemalt, geschmückt und nach einer kleinen Mahlzeit geht es auf die Bühne. Ich darf die Kunstwerke fotografieren. Über 500 Fotos entstehen, aus denen ich hier nur eines zeige, auf der Lovis hinter der Maske versteckt. Manche der Damen attraktiven jungen Frauen sind wirklich fotogen und wissen sich vor der Kamera zu bewegen. Na. Ob sie das schon mal gemacht haben oder der das im Blut von der Mama haben?

Normal Life zieht ein im Leben. Mit Eike arbeite ich am aktuellen Passage Plan. Das geht langsamer als gedacht. So. Deshalb schreibe ich jetzt mal lieber weiter an der Beschreibung für die Atlantiküberquerung der MARLIN 2018/19. Lust mitzusegeln. Dann schaust Du am besten ab und an mal hier rein.

 

Von Garrucha zum Cabo de Gata. Oder: Ein Boot hat keine Bremsen.

Für mein neues Buch bin ich auf Levje unterwegs von Sizilien in die Bretagne.
Und mache dabei Erfahrungen, die man nur macht, wenn man segelt.

Über das Reffen, das Verkleinern der Segelfläche, gibt es den schönen Satz: „Reffen soll man dann, wenn man zum ersten Mal dran denkt.“ Jeder Segler kennt ihn. Doch dessen tieferen Sinn, den hab ich nie verstanden. Bis vor wenigen Tagen.


Die spanische Küste ist so ganz anders, als ich es erwartet hatte. Nach den Erzählungen von Seglern hatte ich mir die 550sm als einen einzigen schnurgeraden, brettebenen Sandstrand, bedeckt von häßlichen Hochhäusern und unterbrochen von teueren Marinas ausgemalt. Nichts davon ist wahr. Jedenfalls das wenigste. Die Küste? Ist so abwechslungsreich, wie man es sich nur vom Anblick einer Küste wünschen kann. Markante Felsen wechseln mit beeindruckenden Gebirgszügen, vor denen dann auch tatsächlich kilometerlange und einsame Sandstrände in allen Farben liegen. Schnurgerade? So mag die spanische Küsten in den Atlanten aussehen. So ist sie aber gar nicht. Wie an keiner anderen Küste gibt es die großen Kaps, die mich seit Ibiza bis hierher begleiten und hinter denen man immer halbwegs gute Ankerplätze findet: Cabo Nao – mit dem Felsen von Calpe, über den ich schrieb. Cap del’Horta. Cabo de Santa Pola. Cabo de Palos. Cabo de Gata. Jedes dieser Kaps ist ein landschaftliches Highlight, an dem ich mich nicht sattsehen kann. Hochhäuser? Siehe meinen Post dazu. Überlaufene teuere Marinas? Ich bin Mitte Juni meist allein unterwegs. Die Marinas sind alles andere als überlaufen. Und teuer sind sie weder hier. Noch waren sie das auf den Balearen, wenn man nur in den PortsIB-Häfen nächtigt. Kein Vergleich zu dem, was man derzeit an Hochpreis-Küsten Costa Smeralda, Insel Ponza oder Teilen Kroatiens erlebt. Die Küste überrascht mich immer wieder mit ihrem Anblick, ihrer Verlassenheit, oder ihrer gelegentlich auch ihrer massierten Bebauung.
Ankern vor den Frachtern: Garrucha.
Auch die Häfen sind anders, als ich das aus den Erfahrungsberichten von Seglern auf der Reise gehört hatte und abwechslungsreich. Es gibt natürlich die touristischen Großorte wie Benidorm, die dann eben auch einen „Porto turistico“, wie es italienisch so schön heißt, mit dabei haben. Cartagena und Garrucha aber sind in erster Linie Industriehäfen, wo man im Vorhafen ungeniert neben der Großschiffahrt ankert. Und in Garrucha, wo mich um sieben die Förderbänder weckten, um die beiden Frachter zu beladen, begann um acht meine Reise an diesem Tag.

Der Wetterberichte hatte 20 Knoten aus Ost vorhergesagt. Genau das, was ich brauchte, um schnell nach Westen Richtung Gibraltar zu kommen und dieses Tor mit seiner Gegenströmung aus dem Atlantik gut zu passieren. Es sollte für sieben Tage beim Ostwind auf meiner Strecke so blieben, danach sollte der Wind wieder auf West drehen – und möglicherweise meine Weiterfahrt für Tage, wenn nicht mehr, durch die Straße von Gibraltar verzögern. Doch als ich am Morgen unter Segeln aus Garrucha ablegte, war vom Ostwind nichts zu spüren. Nur ein starker Schwell aus Nordost, der Levjes Baum so erbärmlich schlagen ließ, dass ich nach einer Viertelstunde  den Motor startete.


Gegen Mittag kam er langsam, der Wind. Er war lang im Bett geblieben. Spät aufgestanden. Und hatte Kräfte gesammelt. Erst 10 Knoten. Dann 12. Dann 14. Dann 18. Dann 20 Knoten. Er kam raumschots, ich konnte meine Kurslinie nicht halten, sondern steuerte mal nördlich, mal südlich davon, halste jede halbe Stunde, um mich nicht zu weit von der Kurslinie zu entfernen. Und weil alles gar so schön lief, ließ ich Vollzeug stehen.

Die Landschaft hinter den Industriehäfen von Carboneras ist menschenleer. Und einsam. Und so, als wäre ich plötzlich tief, tief in der menschenleeren Ostägäis gelandet. Kein Haus ist zu sehen. Kein Strauch. Kein Mensch. Levje rauschte die einsamen schwarzen Felsen entlang, die nur dem eine Freude sind, der die Einsamkeit sucht. Der Wind nahm zu, 22 Knoten, und meine erste Halse misslang – zuviele Dinge gleichzeitig. Das sollte bei diesen Windstärken nicht zweimal passieren. 

Einen Fehler machen im Leben ist nicht schlimm – man sollte ihn nur nicht zwei mal hintereinander machen. Ich überlegte, was ich anders machen könnte. Und wie ich die eine Winsch für Genua- und Großschot gleichzeitig einsetzen könnte. Es half ein simpler Trick: Ich betete mir einfach im Kopf die alten Manöver runter: „Klar zur Halse. Hol dicht die Großschot. Rund achtern. (Gib Stützruder). Fier auf die Großschot.“ Von außen sah das vermutlich urkomisch aus: Da war ein Mann in der Einsamkeit der schwarzen Berge auf einem Boot. Und redete wirres Zeug mit sich selber. Doch es half. Ich spielte das Mannöver vorher im Kopf durch. Probleme bereitet bei der Halse auf Levje, dass die Großschot ebenfalls über die Genuawinschen bedient werden musste. Doch mit einmal im Kopf durchdeklinieren war die rasche Folge schneller Schotwechsel auf der Winsch klar. 

24 Knoten tatsächlicher Wind. Für den, der mit dem Wind fährt, ist das ein reines Vergnügen. Ein gefühlt sanftes Windchen, das siebeneinhalb Tonnen wie durch einen Zauber in rauschende Fahrt versetzt. Ich weidete mich an dem Anblick, wie sich mein Schiff durch die Wellen bewegt. Zwischen den Felshängen kaum Welle, die unsere Fahrt aus dem Gleichgewicht bringen könnten, ließ ich Groß und Genua voll stehen. Levje stob ich durch die Wellen, wieder einmal bat ich sie still um Abbitte, weil ich sie, die von Masthöhe und Segeltragezahl leicht untertakelt ist, nach den anfänglichen ersten Schwachwind-Ausflügen auf der Nordadria enttäuscht als „Sie segelt wie eine Bratpfanne“ charakterisiert hatte. Doch für Windstärken wie vor Cabo de Gata ist Levje genau das richtige Schiff.


26 Knoten in der Spitze. Immer noch das reinste Vergnügen. Doch man vergisst zu leicht, wie schnell sich die Situation ändern kann, wenn man plötzlich nicht mehr mit dem Wind, sondern gegen ihn fährt. Die 26 Knoten fühlten sich mit meinen 7-8 Knoten rauschhafter Fahrt wie harmlose 18 Knoten an. Gegenan wären es über 30 Knoten: Statt 5 Beaufort von hinten plötzlich 7 Beaufort voll vorn. Ich vergaß das nicht. Mein Schiff lief vollkommen ruhig, zur Sicherheit setzte ich mich hinters Steuer und passte auf, dass der Autopilot, der das Schiff streng nach der Windfhne im Masttopp steuerte, nicht plötzlich den Dienst quittierte. In jedem Moment überlegte ich, was ich täte, wenn der Autopilot plötzlich fiepend ausfiele. Ich saß da. Mein Hirn rechnete wie ein Computer. Meine Seele saugte in sich auf, was ich sah. Ich wünschte wieder einmal, ich hätte eine Festplatte, damit ich alles und jedes, was ich in diesem Moment sah, in jedem kleinsten Detail in speichern könnte, damit ich es wie einen Film abrufen könnte. Jederzeit. Damit ich nicht vergesse.

Aus dem Augenwinkel nahm ich die Yacht vor mir war. Sie schien Probleme zu haben. Wendete unmittelbar vor dem Cabo de Gata. Stand mit killenden Segeln reglos im Wind. Drehte nach einer Weile ab. Um mit killenden Segeln den Weg, auf dem sie gekommen war, zurück zu motoren. Was für ein mühseliger Weg! Jetzt sah man, wie sich 6-7 Beaufort gegenan anfühlten. Das Schiff, das eben noch dahingeglitten war, war nun ein hilfloser Klotz in den Wellen, ein Stück Holz, das wehrlos auf und abgeworfen wurde in den Wellen und sich unter Motor mit 2-3 Knoten gegen die Kraft der Wellen durchboxen musste. Womöglich für Stunden.


Cabo de Gata in Sicht. Zwei rundgeschliffene riesige Felsen liegen wie Urzeit-Schildkröten versteinert rechts am Strand. Eine Radarstation in den Felsen. Sonst schwarze Felsen. Einsamkeit. Wind. Meer. 

Und die Wellen, die sich voraus noch mehr kabbelten. Ob es da am Kap vielleicht starke Strömungen gab, wie in der Straße von Messina, wo der stark ansteigende Meeresboden selbst an windstillen Tagen Zipfelmützen an der Meeresoberfläche aufwirft? Ich sah mir die Schaumkronen einen Moment an. Vor dem Kap herrschte einfach noch mehr Wind – das war die Antwort. Ich überlegte einen Moment. Ich hatte immer noch Vollzeug stehen. Jetzt wenden? Beidrehen? Und reffen? Zu eng an dieser Stelle. Zu wenig Lee. Zu ungewiss.

Blieb nur: Unter vollem Groß und voller Genua einfach weiterlaufen, was immer da vorne an Wind käme. Ich schaltete den Autopilot aus. Und übernahm das Steuer. Was immer dort auf mich zukam: Ich wollte selbst am Steuer stehen. Das Ruder bewegte sich wunderbar leicht, zu leicht, wie der YACHT-Tester damals befand, der gern mehr Ruderdruck spüren wollte. Doch ich war glücklich mit dem Rad, das ich selbst mit zwei Fingern steuern konnte.

Hättest Du bloß mal vorher gerefft!


Cabo de Gata. 28. 30 Knoten von achtern. Es war viel. Ich spürte das Prickeln in meinem Nacken. Ob noch mehr kommen würde? Jetzt bloß keinen Steuerfehler! Das Drahtstag über mir knackte. Der Mast gab kurze Geräusche. Laute, die ich noch nie gehört hatte, während Levje kurz von 9 auf 10 Knoten beschleunigte. Hoffentlich kommt da vorn nicht noch mehr Wind? Haben wir noch genug Tiefe unterm Kiel? 10 Meter sagte die Anzeige. Jetzt nur nirgends mit dem Ruder hängenbleiben, pinselte mein Hirn an die Wand. Was für eine irre Fahrt ist das denn, jubelten meine Sinne. Gottseidank keine brechenden Wellen, sie hätten uns gefährlich aus der Bahn werfen können. Und was für einer Bahn: Es war, als hätte man mein 7,5 Tonnen-Schiff in einen Wildwasser-Kanu-Kurs geworfen. Rauschend, wiegend schoß es nach vorn, ging es nach unten im Wildwasser, vorbei am Kap. Mein Schiff suchte sich selber seinen Weg, so hatte es den Anschein, zwischen Gischt und Strudeln und nahm ihn gelassen, als wäre alles nichts. Während ich klein, verloren am Steuerstand stand, vibrierend wie die Stagen über mir vor innerer Anspannung. Vor Freude. Vor Furcht. Vor Jubel über all das.

Keine 10 Minuten dauerte die rauschende Fahrt am Cabo de Gata. Dann fiel der Wind wieder auf 25 Knoten. Ob ich vorher gerefft hätte, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet? Ich weiß es nicht. Selbst wenn die Erfahrung für mich einzigartig und neu war: Für ein Schiff sind 30 Knoten segelnd von achtern, wenn es in gutem Zustand ist, nichts Ungewöhnliches. Es erlebt zu haben, stärkte mein Vertrauen in mein Schiff ungeheuer. Ich habe für höhere Windstärken die richtige Takelage gewählt.


Ob man Vollzeug stehen lassen sollte? Darüber kann man streiten. Reffen soll man dann, wenn mans erste Mal dran denkt. WEIL MAN DANN NOCH DIE MÖGLICHKEIT DAZU HAT. Das ist der ungesagte, doch wichtigste Teil des Satzes. 

Doch ich bin froh, mein Schiff in dieser Situation erlebt zu haben. Ich habe mir die letzten Tage angewohnt, Manöver zu üben. Ablegen unter Segel ohne Motor. Ankern unter Segel ohne Motor. Ich habe gestern nach Cabo de Gata bei 25 Knoten beigedreht, um zu reffen. Und gehalst.

Am Ende bleibt: Mein Schiff und ich. Wir haben beide funktioniert in dieser Situation. Und wir hatten Glück. Das zählt.

Geschafft, ne doch nicht

Nomade vor der Scheitelhaltung.

Eigentlich sollte meine Einhandfahrt mit Nomade in Kelheim oder Umgebung zu Ende sein. Wer ab und zu mal auf unserer Facebook-Seite vorbei geschaut hat, wird mitbekommen haben, dass ich für Nomade allerdings keinen einzigen normalen Liegeplatz bekommen habe, seit ich in Deutschland bin. Die Gründe dafür waren vielfältig. Oft nachvollziehbar, weil zu flach, oder zu eng, manchmal auch nicht, bis hin zur Ablehnung von Segelbooten grundsätzlich.
Geschlafen habe ich jeweils immer ein paar Stunden an Schleusen oder Spundwänden. Auch dort war ich jedoch selten Willkommen. Ich musste viel diskutieren, wurde manchmal weggeschickt. Deggendorf war eine Ausnahme. Hier war ich beim WSA sehr Willkommen, man hat mir sogar die Gebühr für die Übernachtung erlassen. Leider war der Hafen recht flach und wegen des niedrigen Pegels hatte ich am Morgen meiner Abfahrt in Richtung Regensburg nur noch 10cm Wasser unterm Kiel.
Durch dieses vorletzte Stück Donau bin ich so gerade eben gekommen. Viel Wasser war dort nicht mehr. Am Vortag bin ich bei einer Begegnung mit einem schnellen Frachter innerhalb der Fahrrinne sogar auf Grund gelaufen, in dem Moment, als der Dicke das Wasser weggezogen hat.
Letztendlich war es mein Fehler, aus Unerfahrenheit in diesem schmalen Abschnitt. Ich hätte eben nicht gedacht, dass der Pegel während der Vorbeifahrt so drastisch sinken wird. Bei nachfolgenden Begegnungen habe ich mich deshalb mit den Frachtern manchmal abgesprochen und meinen Tiefgang durchgegeben. Dann haben sie entweder kurz gewartet, ich habe gewartet oder sie sind deutlich langsamer gefahren. Wirklich sehr rücksichtsvoll.

Die SVETI DIMITAR ist mir auch nochmal kurz begegnet. Das war eine Freude! In dem Moment wäre ich am liebsten umgedreht und mit den Jungs wieder runter nach Bulgarien gefahren.
Ja, ich bin nach den Erfahrungen in all den anderen Ländern ein wenig enttäuscht von der Gastfreundschaft auf der Donau in meinem Heimatland. Es gab Ausnahmen, keine Frage. Ich habe auch sehr nette Menschen getroffen, wie zum Beispiel Wolfgang & Evi, mit denen ich in einer Schleuse hochgefahren bin und die in Regensburg dann zu mir gekommen sind, um zu schauen ob ich etwas brauche.
Auch haben sich manche Hafenmeister wirklich bemüht. Der Wille war also so manches Mal da. Die Infrastruktur und die vielen Verbote sind allerdings von allen Ländern am Fluss hier am unangenehmsten für mich gewesen. Die Steganlagen oft filigran, manchmal in schlechtem Zustand, kaum Klampen oder Poller vorhanden, viel zu lange nicht mehr ausgebaggert, aber trotzdem wurden teilweise Preise aufgerufen, die passten eher zu Luxusmarinas in Südfrankreich oder der Türkei. Die Marina Saal im Industriegebiet von Kelheim hätte Nomade als einzige weit und breit übrigens tatsächlich für einen Monat (eher widerwillig) aufgenommen. Dafür hätte man dann gerne (Achtung, festhalten) 820 € gehabt!

Der Funkverkehr war für mich hier ebenfalls oft schwieriger als in Fremdsprachen woanders. Was da so mancher Schleusenmeister in hartem Dialekt in den Bart gemurmelt hat, war eine Katastrophe. Ich habe nix gegen Dialekte, im Gegenteil, ich mag das Bayerische sehr, aber auf UKW muss das nun wirklich nicht sein.
Die Ansagen der Revierzentrale waren ebenfalls oft unverständlich, weil man den Menschen abgeschafft und gegen eine Computerstimme ersetzt hat. Schrecklich.

Aber egal. Die Donau lasse ich mir davon nicht vermiesen!

Nomade hats geschafft! Sie ist so gut wie oben. Ich liege seit gestern Abend vor der Schleuse Bachhausen im Main-Donau-Kanal. Damit ist die Fahrt gegen den Strom beendet. Seit Tuzla liegen 1.533 Seemeilen, beziehungsweise 2.840 Kilometer über Grund im Kielwasser. Durchs Wasser waren es vermutlich 1 Drittel mehr. Werde ich vielleicht irgendwann mal ausrechnen. Wobei, was spielt das schon für eine Rolle!?
Morgen geht’s ein letztes Stück hoch. Dann fahren wir mit der Schleuse in die Scheitelhaltung, auf exakt 406 Meter über dem Meer. Dieses Stück Kanal ist der höchste Punkt in Europa, den man mit einem Schiff erreichen kann. Der Volvo atmet quasi Höhenluft!
Und Nomade hats geschafft! Hab ich schon gesagt, ich weiß.
Wir sind viel früher hier, als gedacht, viiieeel früher. Ich freue mich riesig!

Und jetzt?
Jetzt haben Sabrina und ich beschlossen, dass ich bis Wesel Einhand durchfahren werde. Alles andere macht keinen Sinn für uns. Der erste einigermaßen vernünftige Platz, um Nomade für ein paar Wochen zu parken und die Reise ab Ende Juli gemeinsam fortzusetzen, wäre fast am Ende des Kanals.
In Sabrinas Urlaub können wir dann besser woanders hin fahren…

Also auf nach Wesel!

Inspektion hab ich heute erledigt. Sieht alles gut aus. 90 Liter Diesel konnte ich ebenfalls mit dem Fahrrad von der Tanke holen und die Strecken- und Törnplanung hat ergeben: noch 815 Kilometer und 46 Schleusen bis nach Wesel.
Ich hoffe, die Strecke in etwa 2 Wochen schaffen zu können. Entscheidend wird sein, wie schnell ich durch die Schleusen auf dem Main komme, wie die Versorgung mit Diesel und Nahrung klappt…
Einen Ankunftstermin werde ich deshalb erst in zwei, drei Tagen festlegen, wenn die erste Etappe auf dem Main hinter mir liegt. Dann kann ich das besser abschätzen.

Und die Donau? Ach man, die Donau… Ich hatte kaum Zeit zu realisieren, was alles auf diesem Fluss passiert ist. So viel mehr, als ich hier erzählen konnte…
Ich vermisse die Donau. Beeindruckend, wie vielfältig sie ist, wie sich sich verändert, wie sich die Menschen am Ufer verändern, wenn man auf ihr durch den Kontinent fährt. Viele Wochen war ich fast jeden Tag unterwegs. Habe gesehen und gespürt, wie aus dem großen, breiten Strom ein schmales Flüsschen geworden ist, auf dem selbst Nomade kaum noch Wasser unterm Kiel hatte. Habe bis auf ganz wenige Ausnahmen eine Gastfreundschaft erlebt, wie selten irgendwo zuvor. In Baja (Ungarn) ist sogar ein Artikel in der dortigen Deutschen Zeitung erschienen, über die Segelyacht, die vom Schwarzen Meer kommt und die Donau hoch fährt.
Die Donau, sie war mein großes Abenteuer. Vielleicht eins der letzten Abenteuer, das man in Europa auf dem Wasser noch erleben kann.

Irgendwann will ich da wieder runter, zusammen mit Sabrina und Filou. Und dann überall etwas länger bleiben und all die lieben Menschen besuchen, die ich unterwegs getroffen habe und die mir so oft geholfen haben. Ich hoffe es gelingt eines Tages.

Klimapumpe Humboldtstrom

So., 24.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1485, 13.337 sm von HH

Grau, grau, grau, so zeigt sich jeden Tag der Himmel. Ständig sieht es nach Regen aus, ohne dass ein Tropfen fällt. Mittags kommt mal die Sonne durch für zwei, drei Stunden. Das bedeutet nicht automatisch, dass sich blauer Himmel zeigt. Die Wolkendecke reißt nicht auf, der Himmel bleibt auch in den guten Stunden milchig grau.
Die Temperaturen steigen nicht über 25 Grad. Luft und Wasser sind identisch. Achim, die alte Frostmemme, sitzt mit seinem dicksten Faserpelz im Cockpit. Ich komme noch mit einem langärmligen Shirt aus. Der ‚eiskalte‘ Wind lässt uns schaudern. Nachts kühlt es auf 20 Grad runter, Deckenpflicht. Also bitte, wir sitzen fast auf dem Äquator. Nur im Ort ist es deutlich wärmer, dort können wir uns eine Jacke sparen.

Frostgefühl bei 25 Grad

Frostgefühl bei 25 Grad

Wo sind wir bloß gelandet? Jetzt wo man es weiß, finden sich überall Hinweise. Selbst im Reiseführer lese ich die Warnungen: „An der Küste zeigt sich manchmal über Monate nicht die Sonne.“
Die niedrigen Temperaturen stören nicht, machen sie doch das Leben beim Kochen und Schlafen um einiges leichter. Die fehlende Sonne schlägt etwas aufs Gemüt.

Und wer ist schuld? Der Humboldtstrom. Ist ja nicht so, dass wir es nicht gewusst haben.
– Der Humboldtstrom fließ parallel zur Südamerikanischen Westküste. Check.
– Er ist 7 bis 8 Grad kälter als der offene Ozean auf gleicher Breite. War bekannt.
– Die Luft wird durch die niedrige Wassertemperatur ebenfalls abgekühlt. Logisch.
– Die kühle Luft über dem Meer kann nur wenig Feuchtigkeit aufnehmen. Die für die Tropen typischen Regenfälle bleiben an Land aus. Ja, kannte man, schon von gehört, die trockensten Wüsten der Welt liegen in an der Westküste Südamerikas. Für unser Wohlbefinden eher uninteressant.
– Bedingt durch den Temperaturunterschied der Luftschichten kommt es häufig zu Nebel-und Wolkenbildung an der Küste. Aha, schön drüber weg gelesen, einfach ignoriert, nicht wahrgenommen. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Vor zwei Jahren in Französisch Guyana haben wir uns noch den Hintern abgeschwitzt. Nur ein paar Kilometer nördlich des Äquators. Tropische Regengüsse, üppige Natur und feuchte Nächte erfüllten alle Tropen-Klischees. Ein faszinierender Unterschied.
Alexander von Humboldt war übrigens der erste, der einen Zusammenhang zwischen dem kalten Meeresstrom und er Wüstenbildung erkannte. Daher wurde das kalte Wasser aus der Antarktis nach ihm benannt.

Jetzt hängen wir also unter unserer privaten Dauerwolke. Zu ändern ist es nicht. Gene meint, dass es bald besser werden müsste. Im Sommer gäbe es mehr Sonnentage und Sommer beginnt ab Juni.
Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Dauerwolke über Bahía

Dauerwolke über Bahía

Folge 16 – Von Stockholm auf die Aland Inseln


Die Video-Episode

Eine neue Folge des Videologbuchs ist Online. Viel Spaß damit!
Unterstützt von

Die Suche nach einem Platz für die Nacht. Diesmal: Ankern unterm Leuchtturm.

Anders als erwartet, ist die spanische Südküste nicht flach und brett-eben, sondern von Gebirgen geformt. Und mit großen Kaps. Etwa 200 Seemeilen vor Gibraltar liegt das Cabo de Palos.

Der Tag war lang gewesen. Ich war erst Mittags aus dem Hafen von Alicante fortgekommen, hatte mich an diesem Samstag zu lange oben auf der Festung und dann im Gewusel der winkeligen Altstadt auf der Suche nach einem Bäcker und frischem Brot herumgetrieben. Der Hafen von Alicante kann überdies Zeit kosten: Es ist eine lange Ausfahrt, vorbei an den Hunderten Seglern und Motoryachten im Real Club Nautico, wo vor einem halben Jahr eine Etappe des VOLVO OCEAN RACE startete. Vorbei an den alten Schleppern. Hindurch zwischen der modernen Fregatte CASTILLIA, die heute Tag der offenen Tür hat und vor der ein paar Leute auf der Pier stehen. Und ihrer 200 Jahre alten Vorgängerin, dem still vor sich hinrottenden Nachbau der SANTISSIMA TRINIDAD, dem alten spanischen Linienschiff, das größten Kampfschiff seiner Zeit, das in der Schlacht von Cabo de Trafalgar von den Schiffen Lord Nelsons so viele Treffer einstecken musste, dass sie einen Tag später beim Versuch der Sieger, sie als Prise zu bergen und in den britischen Heimathafen Gibraltar zu schleppen, noch an den Trossen sank. Mit 150 spanischen Verwundeten in den untersten der 11 Stockwerke an Bord.

Noch immer beeindruckend in seiner Größe, selbst mit fehlendem Bugspriet und geknicktem Fockmast:
Der verfallende Nachbau der SANTISSIMA TRINIDAD im Hafen von Alicante.



Noch im Hafen, ein paar Meter hinter der SANTISSIMA TRINIDAD, setzte ich die Segel, eine milde Brise trieb uns die Küste genau nach Süden. Keine Welle. Keine Rauschefahrt. Nur dies stille Gleiten, als wäre Levje ein Schiff in der Luft. Und ihre siebeneinhalb Tonnen wären nichts als das Gewicht einer Feder, als verlöre die Schwerkraft jede Macht über sie. Als die Küste zurücksprang, hielt ich meinen Kurs nach Süden. Der Wind nahm zu, jetzt wurde es eine Rauschefahrt. Das schwere Schiff rollte mit den Wellen, die backbord leicht von achtern kamen, sie wiegte sich einfach mit den Wellen. Beschleunigte, wenn eine Welle anrollte und unter ihr durchrollte, mitgerissen von den Wassermassen. Bremste ab, wenn die Welle vom Heck bis zum Kiel unter ihr durchgelaufen war, als wäre sie in das Kehrwasser einer Störmung geraten. Ich überließ das Schiff dem Autopiloten und beobachtete fasziniert das Spiel der Wellen und was sie mit meinem Schiff trieben. Sah zu, wie aus der glatten See zuerst Wellen wurden. Wie sich auf den Wellen die ersten weißen Katzenköpfe zeigten, Schaumkronen, die sagen, dass der Wind nun kraftvoll genug ist, ein Segelschiff schnell voranzutrieben. Ich freute mich, wie mein Schiff sich durch die Wellen bewegt, und wie die Küste langsam hinter mir am Horizont verschwand.



Als die Sonne im Westen so tief stand und das Land wie den Scherenschnitt eines thailändischen Schattenspiel erleuchtete, war ich immer noch nicht fertig mit dem Beobachten. Die Seekarte mahnte. Zeit, einen Platz für die Nacht zu suchen. Was die Seekarte zeigte, waren alles Flachwasserhäfen in und um das Mar Menor, das „Kleinere Meer, das sich irgendwo am Horizont hinter der feinen Kontur des Scherenschnitts verbarg. Kleine Häfen, allesamt nicht geeignet für Levjes 2 Meter Tiefgang. Also um Cabo Palos herum in der Dämmerung, dahinter verbarg sich eine windabgewandte Bucht, das wäre der richtige Platz zum Ankern. Doch vorsichtig navigieren. Die braunen Felsen vor dem Kap schieben ettliche flache Felsbuckel als Ausläufer ins Meer hinaus, also jetzt vorsichtig sein.


Ein Zweimaster näherte sich von links, hinter den Inseln. Er schaukelte gemächlich in der Dünung Richtung Kap und rundete es vor mir, als die Sonne hinter einer Wolkenbank verschwand. Ich folgte ihm, er nahm Kurs auf die Bucht, er war größer als LEVJE, und breiter, und nahm Kurs auf die Bucht, die ich mir für die Nacht ausgekuckt hatte.

Anders als erwartet, doch wieso oft, hatte der Wind ums Kap gedreht. Sie lag alles andere als geschützt, die Wellen liefen genau in die Bucht. An Ankern war hier nicht zu denken, es würde eine unruhige Nacht werden. Doch der Zweimaster nahm selbstbewusst Kurs auf die verwinkelte Hafeneinfahrt, die sich hinter den Felsen zeigte. Das war doch auch nur ein Flachwasserhafen? Die Seekarte sagte, dass hier maximal 2 Meter Wassertiefe wären? Der Zweimaster war größer und schwerer und breiter als Levje? Wenn der sich da hinein wagte, käme ich mit Levje da sicher auch hinein. Und hätte einen geschützten Platz für die Nacht. Schnell startete ich in der anbrechenden Dämmerung den Motor, reffte zwischen Untiefen die Segel, und folgte dem Segler, der hinter der Kaimauer verschwunden war und plötzlichen zwischen den anderen Masten wie vom Erdboden verschluckt war. Ich folgte ihm langsam in die Hafeneinfahrt. Erst acht Meter. Dann sechs. Dann 3,60 Meter. Und kaum hatte ich die Nase in der Einfahrt, zeigte der Tiefenmesser 2,0 Meter. Nein, so wurde das nichts. Ich rechnete jeden Moment damit, dass Levjes Kiel mit einem Rums gleich auf dem Felsen aufsetzen würde.

So wurde das nichts. Für dieses eine Mal hatte meine Taktik, „wo ein Dicker reinkommt, komm’ ich locker rein“ nicht funktioniert. Manche Häfen musste man eben selber kennenlernen und konnte nicht rotzfrech einfach hinterherfahren. Der Zweimaster hatte uns jedenfalls in seiner Hafeneinfahrt von seinem Rumpf abgestreift wie eine lästige Entenmuschel.

Ich stoppte Levje, und tastete mich sachte rückwärts aus dem Hafen, aus der Sicherheit wieder hinaus in die anbrandenden Wellen in der Dämmerung. Und jetzt?  

Es war halb neun geworden. Die Sonne war hinter dem Ort verschwunden. Ich drehte vor dem Hafen im Schwell ratlos meine Kreise, während von den Tavernen Licht und fröhliches Stimmengewirr herüberklang. Das würde heute nichts werden für mich. Niemand da, den ich hätte fragen können.

Weitersegeln bis zur nächsten Großstadt, nach Cartagena? Es würde Mitternacht werden. Einen anderen Ankerplatz suchen? Wer segelt, sieht Buchten mit anderen Augen. Vor dem Cap mit dem Leuchtturm hatte ich – wo eigentlich nur Schwell und Wellen sein sollten – beim Passieren in einem Winkel vor dem Strand aus dem Augenwinkel eine glatte Wasseroberfläche bemerkt, wo nach aller Logik gar keine sein konnte. Ich beschloss, die 20 Minuten in der anbrechenden Nacht zwischen den Felsbuckeln hindurch zurückzufahren und dort meinen Platz zu suchen.



Gleich unter dem Leuchtturm von Cabo Palos fand ich ihn. Ein kleiner Sandstrand. 6 Meter Wassertiefe davor. Rasch ließ ich Levjes 20-Kilo Anker vorne ins Wasser platschen. Gab 25 Meter Kette. Zog dann prüfend nach hinten unter Motor. Erst zaghaft. Dann mit Gas. Er hielt. Gab noch einmal fünf Meter Kette. Der Anker hielt. Nun konnte, selbst wenn der Wind es wollte, die Welle in die Bucht stehen. Der Anker würde so lange halten, bis ich wach war. Und ich Levje unter Motor selbst Nachts notfalls aus der Bucht steuern konnte.

Ich schaute mich um. Der kubische zweistöckige Sockel des Leuchtturms. Auf jeder Seite acht Fenster. Die meisten Leuchttürme, die ich sah, sind längst verlassen. Es gibt keine Leuchtturmwärter mehr, anders als früher werden Leuchttürme längst nicht mehr bewohnt. Elektronik regelt alles. Doch an der mir zugewandten Nordseite des Leuchtturms, im oberen Stockwerk des Kubus, gingen drei Lichter an.

Wer hier wohl lebte? Gibt es noch Leuchttürme, die nicht ihr Licht vollautomatisiert in die Nacht schicken? Existierte da noch ein alter Leuchtturmwärter, der sich ausbedungen hatte, seinen Lebensabend hier verbringen zu dürfen, weil er doch sein Leben den Leuchttürmen gewidmet hatte? Der hier mit seiner Tochter lebte? Oder konnte man sich einfach, wie es auf manchen Inseln der Fall ist, in der Wohnung des Leuchtturmwärters einmieten? Ob ein Schriftsteller hier sein Schreibdomizil hatte?

Ich weißes nicht. Niemand zeigte sich in den offenstehenden Fenstern. Es war, als würde hier, unterm Leuchtturm dauerhaft jemand leben, während oben an der Spitze des schlanken Minaretts ein gleichmässig kreisender Strahl sein Licht wie einen langen Finger kreisend in die Weite deuten ließ.

Ich schlief beruhigt ein.

Bahía de Caráquez

Do., 21.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1482, 13.337 sm von HH

Bahía hat, wie gesagt, keine touristischen Highlights.
Das Dollste, was man im Ort machen kann, ist auf den Hausberg zu steigen. Dort steht ein überdimensionales Kreuz mit einer Wendeltreppe im Inneren.
Die Stufen zum Aussichts-Kreuz verheißen schon nichts Gutes. Auch hier hat das Erbeben vor zwei Jahren große Schäden hinterlassen.

Treppe zum Aussichts-Kreuz

Treppe zum Aussichts-Kreuz

Viel Zutrauen entwickeln wir nicht zu dem Kreuz. Mit Gott-Vertrauen versuchen wir unser Glück, der Rundblick scheint verlockend. Auf den seitlichen Auslegern rufen wir uns ‚Verhalten im Falle eines Erdbebens‘ ins Gedächtnis. Die Risse in der gesamten Konstruktion sind alarmierend.
Beinahe täglich soll es draußen vor der Küste rumpeln, wie diese interessante Seite verrät. Meistens sind es nur kleine Stöße, die am Festland kaum mehr zu spüren sind.

Aussichts-Kreuz mit Tücken

Aussichts-Kreuz mit Tücken

Kleines Ankerfeld im Rio Chone

Kleines Ankerfeld im Rio Chone

Bahía macht trotz (oder gerade wegen) seiner Schlichtheit Spaß. Die Menschen sind ultra freundlich, rufen ihre Hunde zurück, damit die nicht so auf uns einbellen, wenn wir sie passieren. Jede der Hütten am Berg hat mindestens zwei Hunde. Manchmal sogar eine ganze Handvoll.
Die Leute grüßen und winken als wir durch ihr Viertel kommen. Die meisten sind Mestizen, eine Mischung aus Ureinwohnern und Europäern. Schwarze sieht man kaum in Bahía.

Die Kirche ist aus rosa und hellblauem Wellblech - gewagtes Design

Die Kirche ist aus rosa und hellblauem Wellblech – gewagtes Design

Nur ungefähr 70% der Einwohner Ecuadors sind katholisch

Nur ungefähr 70% der Einwohner Ecuadors sind katholisch

Der Ort ist auffällig sauber, es gibt kaum Schmuddel-Ecken und selbst der Gemüse-Markt sieht ständig frisch gefegt aus. Die Preise sind niedrig (Ein Kilo Tomaten gibt es für 50 Cent), die Auswahl ist groß: Neben Radieschen und Brokkoli liegen die Exoten wie Maracuja und Drachenfrucht. Leinsamen, Sesam und Hülsenfrüchte aller Art werden lose angeboten. Alles ist frisch und knackig. Nur fünf Minuten Fußweg und ich bin im Einkaufshimmel. Wir zahlen das gleiche wie die Einheimischen, einen Langnasen-Aufschlag gibt es nicht.
Auf der anderen Seite der Marina gibt es einen großen Supermarkt, der nicht die größte Auswahl hat, aber doch genug, um zufrieden zu sein.
Die Menschen sind närrisch nach Fotos. Sobald ich meinen Fotoapparat hebe, wird gewunken und sich in Pose geworfen. Wer zufällig vor der Kirche steht und meine Knipserei mitbekommt, bedankt sich, dass ich ein Foto von ihn (? okay, kann man so sehen) gemacht habe.

Man achte auf den sauberen Fußboden auf dem Markt. Das haben wir schon ganz anders gesehen.

Man achte auf den sauberen Fußboden auf dem Markt. Das haben wir schon ganz anders gesehen.

Erdbeeren, Bohnen, Melonen, Brokkoli, der Markt gibt alles her

Erdbeeren, Bohnen, Melonen, Brokkoli, der Markt gibt alles her

Fußball können wir in einer Sports-Bar gucken und beim Friseur war ich ebenfalls schon.
Open-Air-Buden meide ich seit Mexiko  Unvergessen: Mexiko und wähle einen richtigen Salon neben dem Supermarkt. Für 11,50 USD gibt es Waschen, Schneiden, Föhnen, wie ein Aushang verspricht. Alles sieht nach europäischem Standard aus. Trotzdem bekomme ich die Haare mit kaltem Wasser gewaschen. Mein Misstrauen wächst. Die Friseurin lacht mich an als ich meine Brille auf die Ablage lege: „Oh, meine Augen sind auch schlecht, in der Nähe sehe ich nix“. Warum trägt sie dann keine Brille als sie anfängt zu schneiden? Ich erwarte eine Katastrophe.
Zu Unrecht. Ich meine, ich habe den besten Schnitt seit Lissabon. Geht doch. Bahía, ich glaube wir werden dicke Freunde.

Der erste gute Haarschnitt in Übersee
Schöner Platz für unsere Räder in der Marina
Kindergeburtstag und sofort wird gewunken

 

Back to normal life.

Farbspritzer im Gesicht

Einigermassen erholt von meiner sechsmonatigen Skipperpassion lande ich in Hamburg und erreiche nach einer langen Fahrt mit einem dieser Flixbusse Flensburg. Das die sich noch trauen zu fragen, ob man mit der Fahrt zufrieden war. Schon etwas unverschämt. Die haben definitiv ein Toilettenproblem. Na ja. Kenne ich was von. Aber wir haben das auf der MARLIN definitiv besser im Griff. Schwamm drüber. Nicht meine Baustelle.

Zuhause angekommen holt mich MayaLena ab vom Bahnhof. Hehe! Da freut Papi sich aber mächtig „Seid ihr aber groß geworden.!“ Ne, dass war jetzt eher Spass. Erst mal haben wir ein kleines Problem zu lösen. Maya wollte mir bei der Office Renovierung helfen und ist nicht so ganz am Ziel angekommen. Nun. Wir einigen uns darauf dass wir das in eine Gemeinschaftsaktion bis Freitag Abend stemmen und den MARLIN / LUNATRONIC Aktionsraum fertig renovieren, damit die Maya Geburtstagsparty denn am Wochenende auch in frisch gestrichenen Räumen stattfinden kann. Lena macht auch mit und so sauen wir uns denn mal eben so richtig ein, wie sich das gehört. Eine große Fläche die mal feucht war muss verputzt werden. Das macht Papi. Auch die Decke streichen muss ich wohl selbst machen. Aber die ganzen Ecken, mit Pinsel und kleiner Rolle, dass machen meine Töchter. Spass haben. Das ist unsere Baustelle. Welcome Home.

Benidorm: Ankern zwischen Hochhäusern. Oder: Die Zukunft unserer Städte. Wie wollen wir leben?

Auf dem Weg von Sizilien in die Bretagne erreichte ich 
das spanische Festland. Mein zweiter Ankerplatz dort nach dem beeindruckenden Felsen von Calpe: Benidorm. Wo der moderne Hoteltourismus geboren wurde.

Das Meer ist stahlblau. Keine Welle kräuselt seine polierte Oberfläche. 

Sie stehen im Morgenlicht, als wären sie übrig geblieben. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, die Zukunft hieß. Als wären sie Kulisse eines Films gewesen, der in einer nahen Zukunft spielt. Kuben. Hochkant aufgestellte Quader. Säuberlich entlang des Küstensaums aufgestellte Bauklötze – ihre Gesichter allesamt dem Meer zugewandt. Als würden sie den Betrachter, der sich an diesem Morgen allein auf dem Meer befindet, unverwandt anblicken. Kein Mensch weit und breit.
Wer das Glück hat, Benidorm an einem Sommermorgen vom windstillen Meer aus zu sehen, kann nicht anders, als erst einmal begeistert zu sein. Bei diesem Anblick schwinden alle Vorurteile über den Massentourismus. Ja, auch Hochhausarchitektur kann Ästhetik besitzen, das wissen wir nicht erst seit Mies van der Rohe’s Seagram Building in New York, einem Meilenstein der Hochhaus-Architektur der 50er Jahre, der heute vor dem, was danach um ihn herum entstand, ganz unscheinbar wirkt. Doch das Gebäude war epochal neu in seiner Ästhetik, es nahm vorweg, was danach kam, und wurde darum überholt von allem, was sich genau an seiner wohlproportionierten Schönheit orientierte und genau diese  ab den Siebzigern einfach auf drei bis siebenfache Höhe hochrechnete.

Ankern vor den Hochhäusern Benidorms: Vor den Bauten auf dem Punta del Pinet findet man in der Cala Xio Timo einen ungewöhnlichen Ankerplatz vor dem Sandstrand.
Besteht unsere Zukunft darin, dass das, was uns heute normal erscheint, einfach ins drei bis siebenfache hochgerechnet wird, denke ich an diesem Morgen? Gut möglich. Als ich auf die Welt kam, brauchte man von München nach Benidorm noch unaussprechlich lang unterwegs. Heute geht das entschieden schneller. Als ich geboren wurde, 1960, lebten 3,0 Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es 7,5 Milliarden. München, Anfang der Sechziger stadtplanerisch gefangen zwischen Kriegsschäden-Beseitigung und hastiger Wohnraumschaffung, hatte gerade die Millionenmarke bei den Einwohnern überspungen. Es kratzt heute an der 1,5 Millionen Einwohner-Marke. Wer sich heute auf YOUTUBE, dem „alte-Leute-Netflix“, verflossene München-Serien aus den Siebzigern ansieht, kann nur staunen, wie sehr deutsche Großstädte wie München überwiegend aus desolatem Altbau bestand.
Benidorm war vor 1960 ein einfaches Fischernest an der Küste. Es gab einen aktiven Bürgermeister, Pedro Zaragoza Orts, der kurz zuvor begonnen hatte, die schlammigen Gassen des kleinen Fischerortes teeren zu lassen, wie es auch im fernen Deutschland in den Dörfern auf dem flachen Land geschah. Und wie sie Wasserleitungen und Abwasserkanäle zu den Häusern graben ließ. Und der sich Gedanken über die Zukunft seines kleinen Dorfes machte. Fischerei? Schon gut. Aber der Erfolg steckte doch im sichtbar aufblühenden Tourismus. Pedro Zaragossa Orts ließ in Benidorm, um die Touristen unterzubringen, die ersten Hotelhochhäuser in Spanien überhaupt errichten. Er störte sich nicht daran, dass Spanien unter Franco noch immer eine faschistische Diktatur war. Er störte sich aber daran, dass in diesem Land Touristen das Tragen von Bikinis per Gesetz verboten war und erklärte stattdessen Benidorms Strände zur Bikini-Zone. Was gerne genutzt wurde von fortschrittlichen Spanierinnen ebenso wie von Touristinnen. Bis die GUARDIA CIVIL, Spaniens Carabiniere-Truppe, die ersten Damen wegen des Gesetzesverstoßes „Tragens eines Bikinis“ vom Strand weg verhaftete – „BILD berichtete“.

Der Bikini hat sich, wie wir wissen, heute durchgesetzt. Oder ist schon wieder out. Die Geschichte hat mal wieder „weitergerechnet“ und die vorhandenen Sommer-Stofffetzchen bis 2018 einfach weiter verkleinert.



Doch ist es nur damit getan, einfach alles hochzurechnen? Auch München stieg Ende der Sechziger in die architektonische Zukunft ein – wie Pedro Zaragoza Orts in Benidorm ein paar Jahre früher. Das ARABELLA-Hochhaus war ein Meilenstein. Von den einen verachtet als ein das Stadtbild entstellender Klotz. Geliebt von den anderen, für die das Leben in dieser Communuty aus Künstlern, Eigenbrödlern noch heute ein Stück extravaganter Teilhabe an der Zukunft ist. Wie die meisten seiner Bewohner ist auch das ARABELLA-Haus jetzt in die Jahre gekommen. Sanierungen stehen an, nicht nur an der Fassade, sondern tief an der Baustubstanz. Der Geschäftsführer des Betreibers rechnet vor, dass Abriß und Neuerrichtung dieser Immobilie weit günstiger käme als eine anstehende Kernsanierung, bei der das Gebäude für die Dauer der Arbeiten ohnehin geräumt und leerstehen müsse. Für mindestens mehrere Jahre. Was man in den Sechzigern in aller Euphorie übersah, wie gut doch alles einst werden würde, wär es nur schon da: Wie alle Gebäude benötigen auch Hochhäuser Zuwendung. Er heißt bei bei ihnen Instandhaltungsaufwand. Doch anders als ein ererbtes schlichtes Zwei-Familienhaus besitzen Hochhäuser offensichtlich ein Verfalldatum – das sich wieder einmal aus der Rechnerei ergibt.. 


Denn für die Hochhäuser werden Summen fällig, die nur eine Gemeinschaft starker Kapitalgeber stemmen kann. Man nennt sie „Investoren“, ein Wort, das mittlerweile einen bitteren Beigeschmack hat, weil man es häufig mit „Heuschrecken“ gleichsetzt. Doch selbst wenn man die Dinge einfach nur finanzmathematisch nüchtern betrachtet, ist klar, dass auch das einfache „Hochrechnen“ der Finanzierung gesellschaftlich Folgen haben wird, Gesellschaften verändern wird. Nicht mehr wer Menschen, sondern wer Geld für sich arbeiten lassen kann, hat den Schlüssel in der Hand, um zu den Gewinnern der Zukunft zu gehören. 

Doch nun brummt mir der Schädel an diesem Morgen von all der Rechnerei. Sagen wir einfach: Die Hochhäuser von Benidorm sehen an diesem windstillen Morgen vom Meer betrachtet wunderschön aus. Ob der Fischer, der auf seinem alten Kahn in aller Frühe seinem altehrwürdigen Handwerk nachgeht, das auch findet? Ich würde ihn gerne fragen, was er über die Zukunft denkt. Doch es ist nicht der rechte Ort und nicht die rechte Stunde dafür. Verschieben wir es also einstweilen.

Warum Bahía de Caráquez?

Di., 19.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1480, 13.337 sm von HH

Bahía ist ein 15.000-Seelen-Kaff ohne besondere Highlights.
Vor zwei Jahren hat ein schweres Erdbeben 70% aller Häuser in Mitleidenschaft gezogen. Sämtliche Hochhäuser -achtstöckig gilt hier schon als Hochhaus- sind unbewohnbar zerstört.
Das Beben hat einen kleinen lokalen Tourismus zum Erliegen gebracht. Die Wunden des Erdbebens sind lange nicht verheilt und an vielen Fassaden deutlich sichtbar.
Mit einem Ausschlag von 7,8 ereignete sich das Beben direkt vor der Küste im Norden Ecuadors und richtete in der gesamten Küstenregion große Schäden an. Ein befürchteter Tsunami blieb aus.

Bei der Anfahrt auf Bahía de Caráquez

Bei der Anfahrt auf Bahía de Caráquez

Erbebenschäden
Unbewohnbare Hochhäuser werden abgerissen und neue sind im Aufbau
Jedes Haus weißt solche Schäden auf

Ecuador gilt als eines der Erdbeben gefährdetsten Länder der Erde. Vor der Küste drängt sich die Nazca-Platte mit einer Geschwindigkeit von acht Zentimetern im Jahr unter die Südamerikanische Platte. Zusätzlich sorgen noch neun aktive Vulkane für seismographische Erschütterungen.
Die Verschiebung der Nazca-Platte ist verantwortlich für die Auffaltung der Anden, die sich nur 200 Kilometer hinter uns bis auf fast 7.000 Meter erheben.

Warum Bahía de Caràquez? Die Antwort ist einfach: weil es der einzig bezahlbare Ort für uns in Ecuador ist. Ein paar Kilometer südlich gibt es eine Marina mit der Option, die Einrichtungen eines angeschlossenen Resorts zu nutzen. Zu teuer. Über 900 USD möchte man dort monatlich sehen. Für eine kurze Zeit ist das okay, für ein halbes Jahr deutlich zu viel.

Ein Segler-Paradies ist Ecuador nicht. Vorgelagerte Inseln oder eine Küstenlinie mit sicheren Buchten gibt es kaum. Die Küste Ecuadors wird von dem ungebremsten Pazifik überrollt. Im Süden gibt es gar einen berühmten Wellenreiter-Hotspot.
Die Küstenorte bieten Seglern keinen Unterschlupf. In Manta ist die Fischerei-Flotte von Ecuador stationiert. Fünftausend Boote sind dort registriert. Schwimmende Hightech-Fischfabriken, Kutter und kleine Motorboote strömen von dort auf den Pazifik. Im Ort wird in Fischfabriken der Fang verarbeitet. Manta ist Industrie dominiert und sicherlich keine attraktiver Standort auf Dauer.
Guayquil, noch südlicher, ist eine 3,5 Millionen Stadt, deren geschützte Bucht alle Nachteile einer Großstadt mit sich bringt: schmutziges Wasser und große Distanzen.

Daher haben wir uns für Bahía entschieden. Mit 300 USD monatlich sind die Mooring-Bojen auch kein Schnäppchen. Dafür liegen wir mit einer Bug-und Heckmooring vertäut, die ein Wechsel unserer Lage bei Ebbe und Flut verhindern. Die Strömungen sind beträchtlich, in beide Richtungen fließt das Wasser zeitweise mit 2,5 Knoten.

Für 300 USD gibt es ein prima Internet, heiße Duschen, einen vernünftigen Dinghy-Steg und Wäsche-Service gegen Gebühr. Am Steg dürfen wir kostenlos Brauchwasser in Kanistern holen (unseren Wassermacher haben wir still gelegt. Wie üblich bringt auch der Chone eine Menge Sediment aus den Bergen mit und die Filter wären schnell verstopft. Außerdem gehen wir bald auf Tour und dann muss er sowieso eingemottet werden).

Ein Platz für unsere Fahrräder zum Unterstellen hat sich auch schon gefunden. Das Restaurant bietet zu guten Preisen Hamburger mit Pommes und Artverwantes. Und am Wochenende soll es sogar richtiges Essen geben, was gut schmeckt. Gene, ein ehemaliger US-Soldat und jetzt Besitzer der Marina ist ausgesprochen hilfsbereit und freundlich.

Beschauliches Bahía

Beschauliches Bahía

Touristen gibt es keine mehr auf der Promenade nach dem letzten Beben trotz kilometerlagem Flussstrand - im Hintergrund - vor der Brücke- die Marina

Touristen gibt es keine mehr auf der Promenade nach dem letzten Beben trotz kilometerlagem Flussstrand – im Hintergrund – vor der Brücke- die Marina

Marina Amistad in Bahía de Caráquez

Marina Amistad in Bahía de Caráquez