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Lazy days

Fünf Stunden nachdem Kai-Uwe und Sven die Dilly-Dally verlassen haben, kam schon der erste Spontanbesuch: Mareen und Ilija. Bei bestem Badewetter haben wir
herrliche Tage in Kaş. Heute sind wir nach Kekova gesegelt (oder meistens Motor), denn nach dem Sturm ist der Wind eingeschlafen. Die Bucht, in der wir neulich noch in der Nacht Böen von bis zu
elf Beaufort gehabt haben, ist wie glatt gebügelt. Nach einem kleinen BBQ auf der Dilly-Dally geht es dann auch gleich in die Koje.

In Cuenca

Fr., 26.Okt.18, Ecuador/Cuenca Tag 1609, 13.337 sm von HH

In Ecuador herrscht ein ewiger Wettkampf, ob Quito oder Cuenca schöner ist. Unesco Kulturerbe sind sie beide und ebenfalls fast gleich alt: ungefähr 500 Jahre.
Cuenca ist mit 350.000 Einwohnern nur ein Viertel so groß und hat für uns schon daher die Nase vorne. Vom Busbahnhof brauchen wir nicht eine halbe Stunde, sondern sind mit dem Taxi in fünf Minuten an unserem Hostal. Das liegt ruhig am Rand der Altstadt, direkt am Rio Tomebamba, der sich durch die Stadt schlängelt.

Der Tomebamba schlängelt sich durch Cuenca

Der Tomebamba schlängelt sich durch Cuenca

Amaryllis auf der falschen Seite der Fensterbank in unserem Hostal

Amaryllis gehören doch innen auf die Fensterbank? In unserem Hostal sind es die Balkonblumen. :-)

Altes Gemäuer gibt es genug in Cuenca und für jeden Sonntag eine andere Kirche. Eine moderne Straßenbahn steht kurz davor in Betrieb genommen zu werden. Junge Leute, die optisch auch in Hamburg leben könnten, Sneakers, kaputte Jeans und modische Brillen in Sandwich-Optik, flanieren neben Indigena in traditionellen Klamotten. Quito hat mehr Prunk, Cuenca mehr Ruhe und Charme.

Kleines Schläfchen während der Mittagszeit
Cuenca zeigt Flagge für den Unabhängigkeitstag nächste Woche
Die Kuppeln der neuen Kathedrale in Cuenca

Das mächtige Portal der Kathedrale

Das mächtige Portal der Kathedrale

Wir haben uns aus Vilcabamba um tausend Höhenmeter auf 2550 Meter hoch gearbeitet. Im wahrsten Wortsinn. Der Bus hätte gut fünfzig PS mehr gebrauchen können, dann hätten wir für die 250 Kilometer vielleicht eine Stunde weniger gebraucht. Endlos ziehen sich die Schleifen, Biegungen und Steigungen die Anden entlang.
Statt Landwirtschaft, wie im Norden, wird hier hauptsächlich Viehwirtschaft betrieben. Unsere Holsteiner Schwarzbunte hält sich tapfer an den steilen Hängen. Dazwischen gibt es Abschnitte, da hat Ecuador den Anden ganz schön übel mitgespielt. Etliche Berge zeigen anklagend ihre von Erosion kaputte Flanken. Je näher wir Cuenca kommen, desto besser wird es. Großflächig hat eine Wiederaufforstung mit Kiefern stattgefunden.

Nach sechst Stunden empfängt Cuenca uns mit strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen. Selbst abends reicht eine dünne Jacke. Ganz klar, auch hier gewinnt Cuenca gegenüber Quito.

Tradition in Cuenca

Tradition in Cuenca

Alderney. Die vergessene Insel der Festungen.

Es wird Zeit, die Geschichte meiner Einhand-Segelreise von Sizilien 
 bis Südengland um die Westküste Europas zu Ende zu erzählen. 
Nach den Balearen, Gibraltar, Portugal, Nordspanien
und der Nordküste der Bretagne erreichte ich  im September 2018 die Kanalinsel Guernsey. 
Die Kanalinseln haben es wahrhaft in sich. Schon der Weg von Guernsey nach Alderney, zur nördlichsten der Kanalinseln, war ein Abenteuer. Von Guernseys Haupthafen setzte starker Strom nach Norden. Soweit so gut. Doch das Fahrwasser war mit Klippen und Sandbänken gespickt. Und weil Hochwasser war, sah man sie nicht, sah nur die dünnen Stangen im Wasser, die sie markierten und verrieten, wie stark die Strömung wirklich war: Es war, als stünden die Stangen nicht im Meer, sondern in einem reißenden Fluss. Fast 10 Knoten betrug die Geschwindigkeit, wir schossen an den Stangen vorbei, ich hatte alle Hände voll zu tun, um ihnen und den darunterliegenden Untiefen bloß nicht zu nahe zu kommen. Ich war bei schwachem Wind unterwegs – wie möchte es in diesem tückischen Revier erst bei Starkwind zugehen? Wenn Wind gegen Strom zwischen Untiefen und Klippen hohe Wellen aufwerfen würde, wäre Manövrieren unter Segeln in diesem Revier bei einem Tidenhub von 7 Metern tollkühn. 
Eine Stunde nördlich St. Peter Port wird das Fahrwasser freier. Ich hatte in St. Peter Port herumgetrödelt, an der Tankstelle Levje mit zollfreiem Diesel bis zum Rand betankt, vor dem Hafen fotografiert. Das rächte sich jetzt, das Zeitfenster, in dem der Strom mit uns war, schloss sich. Als er gegen uns drehte, verlangsamte sich meine rasche Fahrt, plötzlich krochen wir nur noch dahin.

Alderney ist keine drei Stunden von Guernsey entfernt, als ich näherkam, hatte ich einen markanten Felsen zur Linken, die Insel Ortac, die aus der Ferne aussah wie ein mit Puderzucker bestäubtes Stück Schokokuchen. Vogelschwärme umkreisten ihn, und was nach Puderzucker aussah, waren Massen brütender Seevögel. Doch was es mit ihnen auf sich hatte, das sollte ich erst in Alderney erfahren.

Nicht anders als der Vogelfelsen Ortac ist Alderneys Hafen ein einsamer Ort, auch wenn 40 Boote im Hafen unter der britischen Festung lagen. Verlassenheit aller Orten. Braye Bay ist von einer ungewöhnlich langen und hohen Mauer eingefasst. Keine der üblichen neuen Molen aus hellen Betonpylonen, sondern eine alte Mauer aus jenen düsteren Quadern, als wäre dies Alderney Schauplatz einer Episode aus Game of Thrones. Und als gäbe es Klippen und gefährliche Hindernisse rund um die Kanalinseln noch nicht genug, läuft die Mauer der Braye Bay unter Wasser weiter, wo über Wasser nichts mehr zu sehen ist. Unter Wasser zieht sich ihr Sockel für den Bau der Mauer noch einmal soweit nach Nordwesten. Ich getraute mich nicht, einfach drüber hinwegzufahren, sondern folgte vorsichtig dem offiziellen Weg in den Hafen. Anlegen kann man in Bray Bay nicht. Stattdessen liegen entlang der Mauer Bojen aus. Ich wollte lieber näher ans Ufer heran, um nicht so weit rudern zu müssen, und lasse Levjes Anker vor dem langen Sandstrand fallen – keine leichte Übung: Wieviel Kette muss man in einem Revier mit 7,80 Metern Tidenhub stecken, um bei jedem Wind sicher zu liegen?
Ich ruderte in meinem winzigen Dinghi an Land, vorbei an den zwischen Bojen vertäuten Holzkäfigen, die im Wasser treiben, während ein Fischer von einem Trawler seinen Fang in die Käfige entlehrt: Große Seespinnen, Seekrabben, die bestimmt zu Hunderten in der treibenden Kiste aufbewahrt wurden.  Mein Dinghi zog ich den langen Strand weit hinauf. Ebbe hatte eingesetzt, Geruch von Seetang und rottendem Seegras, von Salz und Fäulnis, ich stapfte durchs hohe Gras am Ufer und begann meine Wanderung über die Insel unterhalb des alten Forts. Durch hohes Seegras laufen Gleise einer Schmalspurbahn, sie führt hinauf in die „Quarries“, die alten Steinbrüche
auf der anderen Seite der Insel, wo man vor eineinhalb Jahrhunderten die Quader zum Bau von  Hafenmauer und Befestigung gewann. Heute rumpelt hier an seltenen Tagen eine kleine Diesellok mit zwei ausrangierten Waggons der Londoner U-Bahn mit Touristen entlang, doch davon ist jetzt weit und breit nichts zu sehen. Ich folgte der schmalen Straße durch das Kiefernwäldchen hinüber auf die andere Seite der Insel, sah in der Ferne den Hochbunker, es ist nur einer von vielen, den deutsche Truppen im II. Weltkrieg hier errichteten.

Dann erreichte ich mein Ziel auf der anderen Seite der Insel, die Longy Bay auf der südöstlichen Seite Alderneys. Ein langer Sandstrand mit dem Fort du Raz auf der vorgelagerten Insel, zu der ich jetzt bei Ebbe hinübergehen könnte. Aber deswegen bin ich nicht hier. Von hier aus ist die Küste der Normandie zum Greifen nah, nur getrennt durch den Kanal, die Alderney Races mit seinen tückischen Strömungen. Nein, ich bin hier wegen des alten römischen Forts in der Longy Bay,

das sich hier befinden soll. Es liegt tatsächlich wenige Schritte neben dem Strand und neben dem deutschen Bunker. Ein einfaches Steingeviert, es sieht spätrömisch aus, mit der diagonal vermauerten Steinreihe in der oberen Reihe. Ich kenne derlei Schmuck aus einem ganz anderen Teil der Welt, aus dem westgriechischen Preveza und der byzantischen Mauer von Nikopolis. Doch dieses Kastell ist klein, gerade 30 x 30 Meter misst es, und auf den ersten Blick sieht man, dass es in Fluchtzeiten errichtet wurde, nicht mehr aus den mächtigen Quaderblöcken der früher Kaiserzeit, sondern aus einfachen Feldsteinen. Doch seine Form ist streng rechteckig und nicht so willkürlich wie mittelalterliche Wehrmauern es oft sind: Ein Rechteckt mit gerundeten Ecken. Ein Tor nach Norden.

Die Rückwand des Kastells hat man als Rückwand für das viktorianische Herrenhaus genutzt. Das Holzgatter am Eingang steht halb offen, ich betrete das Gebäude, nicht ohne vorher laut zu rufen. Aber niemand zeigt sich. Und so streife ich herum in der alten Festung. Neben dem Herrenhaus steht ein deutscher Bunker, als ich mir dessen Eingang näher ansehe, bin ich elektrisiert: Über dem Eingang ist das Relief einer Pflanze in den Beton eingelassen. Ich erkenne die Pflanze sofort. Und das Symbol. Es ist

ein Edelweiß. Das Abzeichen, das ich selber an der Mütze trug, 1980, als ich in einer Kaserne vor den Bergen meinen Wehrdienst leistete. Das Abzeichen der Gebirgstruppe. Und eine Jahreszahl – deren erste drei Ziffern ich erkennen kann. 1942? Warum waren sie hier gewesen?

Ich bin noch dabei, das Abzeichen zu fotografieren, als ein junger Mann vor mir steht und mich streng ansieht. Er ist Anfang vierzig, drahtig, man sieht ihm an, dass er viel draußen ist, doch er ist kein Militär, als er mich anspricht: Eigentlich sei dies alles nicht öffentlich, sagt er. Er wohne hier, was ich hier täte. Ich frage ihn, ob er denn die Pflanze dort oben kennen würde? „Edelweiß“, er spricht das Wort mit starkem englischen Akzent aus, er hieße Justin. Für was das Zeichen steht, weiß Justin nicht. Ich erzähle ihm von den Gebirgstruppen. In meiner Heimat vor den Bergen sehr verehrt, damals jedenfalls, in und um die Kaserne. Doch wenige Jahre später sehr umstritten. Ein Teil von ihnen hatte schlimme Kriegsverbrechen begangen, hatte auf der westgriechischen Insel Kephallenia 4.000 entwaffnete italienische Kriegsgefangene feige niedergemäht, eines der Verbrechen, ohne Not begangen, bei dem mir noch heute der Atem stockt. Es gäbe einen Film darüber, „Correllis Mandoline“. Justin sieht mich an: Er kenne den Film. Dann denkt er einen Augenblick nach. Und erzählt. Ja. Die Deutschen. Sie wären hier auf Alderney nicht beliebt gewesen. Als sie die Insel besetzten, waren die Einwohner Alderneys evakuiert worden, zu ihrer eigenen Sicherheit. Doch als sie sechs Monate nach Kriegsende im Dezember 1945 wieder zurückkehrten, kannten sie ihre Insel nicht wieder. Überall Bunker, Tunnels, Geschütze. Fenster, Türen, Möbel: Was brennbar war, verheizt. Die Deutschen hätten hier vier Lager errichtet: zwei für Soldaten. Zwei für die über 6.000 polnisch-russischen Kriegsgefangenen und separat die jüdischen Zwangsarbeiter, man hielt sie hier wie Sklaven. Sie legten über 30.000 Minen an den Stränden. Alderney, die irgendwie verwaist erscheinende Insel, ist also gleich dreifach eine Festungsinsel. Erst die Römer. Dann die Briten mit der langen Mauer. Zuletzt die Deutschen. Für die ersten war die Insel wohl ein Ort der Zuflucht. Für die letzten der Ort, an dem sie belagert wurden, die Briten hatten die Insel einschlossen und ließen nichts mehr durch. Die Zustände auf der Insel, vor allem in den Lagern, müssen schrecklich gewesen sein. Wie so oft zahlten die Zeche die Falschen.

Und die Vögel auf der Felseninsel Ortac draußen in der Bucht? Justin erzählt, sie wären „Gannets“, Basstölpel. Ortac sei die größte Bastölpel-Kolonie überhaupt auf der Welt, er sei Naturschützer, ihretwegen sei er da. Justin schaut kurz hinauf auf das Edelweiß und lacht. Die Alten auf Alderney sagten, die Gannets wären gekommen im Jahr, in dem die Deutschen kamen, 1940. Vorher wären kaum welche da gewesen. Doch jetzt gründeten auf dem Felsen ihre Kolonie.

Ja, er sei öfter draußen, auf Ortac, um Vögel zu beringen. Das Anlegen sei schwierig, der Felsen sei steil, und die Arbeit auch. Was mir aus der Ferne wie weißer Puderzucker erschienen war, sei Kot, durch den man nur hinaufgelänge, wenn es zwei Tage nicht regnete, denn sonst seien die Felsen zu rutschig, wegen des hoch liegenden Kots. Es herrsche fürchterlicher Gestank, doch Justin erzählt, wie Wunden schnell heilten, wenn sie mit dem Kot in Berührung kämen.

Alderney. Sie wirkt, als wäre sie wahrhaft eine vergessene Insel. Vielleicht ist gerade deshalb an diesem vergessenen Ort die Vergangenheit unvergessener und lebendiger als auf den vielen anderen Inseln, auf denen ich war.

Angekommen in Kas

Nach einer Woche bricht für Kai-Uwe und Sven der letzte Tag auf der Dilly-Dally an. Nach einer stürmischen Nacht ist die See wieder ruhig. Von Kekova geht es knapp
15 Meilen nach Kas, wo ich überwintern möchte. Der Ort hat sich kaum verändert. Herrlich!

From Kalkan to Kekova – sun and storm

Knapp 30 Seemeilen sind es von Kalkan nach Kekova. Mit achterlichem Wind und gereffter Genua schob sich die Dilly-Dally mit bis zu acht Knoten durch die See. Sicher und ruhig. Laut Windfinder
sollte der Wind zur Nacht abnehmen. Tat er auch. Für eine halbe Stunde. Dann setzte er erneut ein. Aus exakt der entgegengesetzten Windrichtung. Ein riesiges Tiefdruckgebiet hatte sich aufgebaut.
Und der türkische Wetterdienst meldete 9 bis 10 Windstärken – in Böen elf. Arrrghhhhhhhh….

Unser Anker grub sich aber zum Glück so weit ein, dass sich die alte Lady nicht einen Meter von der Stelle bewegte. Nicht alle hatten so viel Glück….

Vortrag in Hamburg abgesagt

Leider wurde heute der für Januar 2019 geplante Vortrag beim FC St. Pauli in Hamburg wegen organisatorischer Schwierigkeiten abgesagt. Ich arbeite derzeit an einer Ersatzlösung. Sobald es etwas Neues gibt, folgen hier wie üblich aktuelle Infos. Alle übrigen Termine findet ihr hier. Sorry und auf bald. Der Guido

Unter Geiern

Mi., 24.Okt.18, Ecuador/Vilcabamba Tag 1607, 13.337 sm von HH

Meine kaputten Wanderschuhe bescheren uns einen Tag Pause. Da ist keiner böse drum. Wir schlendern durch den netten Ort, geben unsere Wäsche zum Waschen und schlecken Eis im Schatten. Außerdem hat unser Hostal (das Schönste für uns in gesamt Ecuador) hat einen herrlichen tropischen Garten in dem man in der Hängematte chillen kann. Groß-ar-tig!

Der chillige Garten vom Hostal Rendez-Vous

Kirche von Vilcabamba

Am nächsten Tag hat der Schuster meine Stiefel fertig. Alle Sohlen und Schichten neu verklebt und zusätzlich genäht – eine Arbeit für die Ewigkeit für nur fünf Dollar.
Wir können wieder in die Berge.

Der beliebteste Wanderweg in Vilcabamba hat einen schlechten Ruf. Es soll dort schon zu Überfällen auf Wanderer gekommen sein. Unser Wirt bestätigt diese Gerüchte, wir sollten dort besser nicht laufen. Ich kann mir das angesichts der zurückhaltenden Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Ecuadorianer nur schwer vorstellen, dass dort hinter Felsen böse Buben lauern sollen. Bislang sind wir überall unbedarft durch die Landschaft marschiert und haben uns nie Sorgen gemacht, dass wir am Ende des Tages keine Wertsachen mehr haben könnten. Wir hören in diesem Fall auf den Rat und suchen uns eine andere Strecke aus.

Diese Tour gefällt mir deutlich besser als vor zwei Tagen. An Feldern vorbei, geht es natürlich bergan, aber wir haben eine schöne Sicht auf das gesamte Tal und sattfrische grüne Felder. Wir passieren schnieke Haciendas und kleine Bauernhöfe. Wer hier ein Grundstück kaufen möchte, muss zehn Dollar für den Quadratmeter zahlen. Unverbaubarer Blick ins Tal inklusive.

Hacienda auf unserem Weg
So grün kann es hier auch aussehen
Valle Vilcabamba

Wir schrauben uns den Berg hoch. Wieder wenig Schatten, es ist schon heiß hier, meine Güte. Mal ist der Wanderweg beschildert, mal lassen wir uns von der Macht leiten. Die Wirtschaftswege und Trampelpfade für die Bauern sind alle miteinander verbunden und solange wir Vilcabamba sehen, kann es nicht so verkehrt sein. Das Schlimmste, was passieren kann, dass wir abgebaute Höhe wieder hoch kraxeln müssen.

Auf einem Grat zwischen Wiesen und Feldern, sehen wir plötzlich einen Schatten über uns. Zwei Geier kommen kreisend näher: „Was laufen da wohl für zwei Leckerbissen durch die Mittagshitze?“ Sie beäugen uns neugierig. Ihre Kreise werden enger. Dabei kriechen wir noch gar nicht auf allen Vieren. Die Geier kreisen. Jetzt keine Schwäche zeigen, bloß nicht stolpern. Die beiden verschwinden wieder.

Wunderschöner Weg - über uns kreisen die Geier

Wunderschöner Weg – über uns kreisen die Geier

Wir stapfen weiter. Da sind sie wieder. Nun zu viert. Sie sitzen tatsächlich vor uns auf dem Weg auf den Zaunpfählen. Was für eine Unverschämtheit. Hinterhältig lassen sie uns näher kommen. Hungrig gucken sie rüber.  :mrgreen: Sehen wir wie Vogelfutter aus? Dann hauen sie doch plötzlich ab. Zu wenig Aas-Geruch? Senf vergessen?
Ungefressen schaffen wir es ins Hostal zurück.

Vor uns auf dem Weg lauern die Geier

Vor uns auf dem Weg lauern die Geier

Ugly Bird

Ugly Bird

Fünf entspannte Tage haben wir in Vilcabamba verbracht. Kein Tag zuviel. Hier kann man es aushalten und hundert Jahre alt werden. Morgen geht es zurück im den Norden. Wieder sechs Stunden Bus fahren bis Cuenca.

Stormy day on Dilly-Dally

Trocken Fallen Lassen

Zwischen den Inseln der Sehnsucht

Es war der vereinbarte Plan. „Wir segeln mit der IRON LADY zurück nach Europa und werden auf den Kanarischen Inseln wieder Fuß in der normalen Welt fassen.“ In Las Palmas auf Gran Canarias sollte unser Leben nach sieben Jahren Weltumsegelung einen neuen, normalen Anfang, mit Maya und Lena an den Händen, nehmen. Aber alles ist anders gekommen. Größer, Roter, Schiffiger, was die Seefahrt betrifft. Deutscher, als ich es mir jemals vorgestellt habe für meine Töchter. Ausgebremst und Trocken gefallen sind die Träume und Ideale meiner Jugend. Umgesetzt wird, was die Normalität einer deutschen Staatsbürgerschaft erwartet. Die Kanarischen Inseln verheißen mir da immer noch da Gefühl der Wahlheimat. Endlich komme ich dazu, wenn auch nur einen sehr kurz einen Blick auf die Insel La Palma zu erhaschen. Noch nie war es so schwierig meine Inseln im Atlantik zu erreichen. Diesmal habe ich wirklich Federn gelassen und auch mein Gemüt ist bei der tagelangen Dumm-Motorerei trocken gefallen. Nun, wir stehen grade mal eine Handvoll Meilen von La Palma, da geht der versprochene Trade Wind aus Nord wieder in die Knie, lässt uns allein und mit dreieinhalb Knoten dahintreiben. Mit den dynamischen Fotos aus der Yachtzeitung oder der Instagramwelt hat das alles nichts zu tun. „Wollen wir noch eine Nacht herumdümpeln?“ Skipper Wnuk verliert die Geduld, so wie immer wenn 50 Meilen vorm Ziel der Wind ausgeht. Irgendwann einmal wird der Motor ausfallen. Genau 50 Meilen vorm Ziel, vorm Hafen, vorm Trocken Fallen Lassen der Seele, des Gemüts. Dann bekomme ich eins auf den Deckel, wenn ich zwei Tage brauchen werde um irgendwann nur unter Segeln in den Hafen einzulaufen. Geduld. Geduld war noch nie meine Tugend.

Der endgültige Abschied von Erika ist nun besiegelt. Die Nachfolgerin ist bestellt und bezahlt. Eins ist sicher: Erika wird sie nimmer heißen. Ich habe ernsthaft über ein Seebegräbnis nachgedacht, so wie auch ich an meinem Ende Ruhe finden werde. Meine Peinigerin kann ich keines guten Gewissens verkaufen, weder verschenken, noch verschrotten. Da werde ich wohl erstens noch drüber nachdenken müssen und zweitens…

Mitseglerin Birgit und ich kennen uns schon mehr als dreissig Jahre. Ex von meinem besten Freund Guido, alte Bekannte aus Düsseldorfer Zeiten. Den guten Zeiten, als der Ratinger Hof noch Ratinger Hof war. „Mit Dir zu segeln, ist auf jeden Fall ein Erlebnis!“, meint Birgit und zieht dabei ihren linken Augenbraun hoch und schaut gefährlich nah über die Brille. Meint sie das jetzt ironisch? „Mit Freunden oder guten Bekannten zu segeln meist in die Hose!“, sage ich dazu. Birgit und ich hatten eine sehr gute Zeit zusammen. Wir haben unseren Weg gefunden. Birgit hat Offshore Segeln kennengelernt und wer wissen will ob sie die große Freundschaft zur See gefunden hat, der fragt sie dazu und sie wird das sagen, was sie darüber denkt. Und so ist das auch richtig so.

Mitsegeln auf der MARLIN!

CREW 48 La Palma (Kanarische Inseln) – Kapverdische Inseln Rundtour 27.10.2018 – 15.11.18CREW 50 Atlantiküberquerung Kapverden – Karibik 15.12.18 – 11.01.19 Danach geht es in der Karibik weiter. Im März im Antillenbogen nach Guadeloupe und im Mai zu den Bermudas und über den Atlantik zu den Azoren. 2019 geht es dann Rund England. Na? Lust mit zu segeln und den Platz schon mal zu reservieren?Mensch wir freuen uns auf auf dich, der die du mitsegeln willst. Buche Deinen Platz hier: www.marlin-expeditions.com

Zum Wasserfall ‚Del Plato‘ (wo wir nicht ankommen sollen)

Mo., 22.Okt.18, Ecuador/Vilcabamba Tag 1605, 13.337 sm von HH

Der Trip dauert fünf Stunden und sei ‚medium difficult‘, preist eine Wanderkarte, die wir im Hostal bekommen haben. Ich finde ihn ‚medium Mist‘. Nach einer dreiviertel Stunde Marsch auf netten Wegen, vorbei an kleinen Höfen, geht es sofort steil bergauf.

Sand-Transport zum Hausbau

Sand-Transport zum Hausbau

Hier ist es noch gemütlich zu laufen

Hier ist es noch gemütlich zu laufen

 

Es ist früher Vormittag, die Sonne brennt. Es ist zum Laufen auf Ebene schon fast zu warm, erst recht zum Überwinden von 350 Höhenmetern. Und dann auch noch ohne Schatten.

Wir kämpfen uns den staubigen Weg hoch. Wie immer kämpfe ich mehr als Achim. Fit tänzelt er vor mir her. So wie es im Augenblich aussieht, wird das in Zukunft sogar noch schlimmer werden. Ich darf es verraten, Achim raucht seit über vier Wochen nicht mehr (hipp-hipp-hurrah, Jubel, Freude, ich drück dich, Begeisterung, gefällt mir riesig, Herzen-in-den-Augen-Emotij :-) )

Nichtrauchender Pfadfinder

Nichtrauchender Pfadfinder :-)

Als wir nach einer Stunde das Schlimmste hinter uns haben und es ‚leichter‘ werden soll, höre ich plötzlich ein ‚Flapp-Flapp-Fladder‘ an meinem Wanderschuh. Eine Sohle hat sich halb gelöst und schlackert lose herum. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass ich sie komplett verlieren werde. Nur auf dem Inlett den Berg runter, möchte ich auf keinen Fall. Außerdem muss der Schuh gerettet werden, es sind meine einzigen Wanderschuhe, die ich dabei habe.

Sofort sind wir MacGyver-artig unterwegs. Wir durchsuchen unsere Rucksäcke nach etwas zum Zusammenbinden. Ohne großartige Ausbeute. Da fällt mir das Gummi an meiner Hose unten am Knöchel ein. Das schneiden wir ab (die Hose ist übrigens nagelneu – ihr zweiter Einsatz). Durch einen dieser Nöppel, die Gummis auf Spannung halten, können wir das Gummi stramm ziehen und an den Schnürsenkelhaken befestigen. Das sieht vielversprechend aus. Achim hat dann noch die Idee, die Kanten mit Pflaster gegen Durchscheuern zu schützen. Das beste Tape, was wir dabei haben. Das funktioniert wunderbar. Das ‚Flapp-Fladder‘ ist weg. Ich kann normal weiter laufen. Wir drehen nicht um.

MacGyver im Einsatz
Notreparatur, die viele Kilometer halten soll

Der Weg ist jetzt schattiger und recht eben, so dass das Wandern wieder Spaß macht. Die Landschaft hat durchaus etwas, leider ist alles braun und verbrannt. Wir sind eindeutig zur falschen Jahreszeit hier. Nach der Regenzeit, wenn alles grün ist, muss es wunderschön hier sein.

Unten rechts liegt Vilcabamba

Unten rechts liegt Vilcabamba

Eine Stunde laufen wir noch weiter, dann hören wir ihn schon, den Wasserfall. Jedoch hat davor der Teufel einen steilen Abstieg in pralle Sonne gestellt. Wir können ihn deutlich sehen. Der bedeutet Kraxelei. Es ist jetzt Mittag und brüllend heiß. Was man runter geht, muss man auch wieder hoch. Wir schauen uns in die Augen und uns fällt gleichzeitig mein kaputter Schuh ein: „Unmöglich! Damit kannst Du den Abstieg nicht riskieren. Ist doch auch nur ein Wasserfall in der Trockenzeit!“ Wir drehen um.

Es ist einfach nur scheisse heiss

Es ist einfach nur scheiße heiß

Zurück ist es natürlich nicht so anstrengend. Aber die Hitze. Solche Temperaturen sind wir gar nicht mehr gewöhnt aus dem kühlen Bahía. Wir kämpfen uns zurück, die Strecke zieht sich. Nach guten fünf Stunden haben wir es geschafft und mein Schuh ebenfalls. Der liegt nun beim Schuster und ich kann ihn Morgen abholen.

The Dilly-Dally-Diaries, Part 2. Leaving Marmaris

Vilcabamba – wildromantisches Bergdorf

So., 21.Okt.18, Ecuador/Vilcabamba Tag 1604, 13.337 sm von HH

Die Strecke von Zaruma nach Vilcabamba zieht sich. Für knapp 200 Kilometer benötigen wir sechs Stunden plus Umsteige-Wartezeit. Eine zähe Anreise durch wild zerklüftete Berglandschaft, dünn besiedelt und wenig erschlossen. Die Anden erheben sich hier nur auf 2.500 Meter. Schließlich landen wir dann doch in Vilcabamba.

Vilcabamba, ein Dorf mit fünftausend Leutchen, liegt hübsch eingeschmiegt in einem Tal auf 1.600 Meter. Der Ort kommt spontan sympathisch rüber. Ein paar Hippies hängen ab, spielen Gitarre oder wollen ihren Schmuck verkaufen. Dazwischen sieht man ein paar Wanderer und hängen gebliebene Ausländer, die sich hier nieder gelassen haben.
Ein Paradies für Trekking und zum Reiten.

Vilcabamba

Vilcabamba

Vilcabamba gilt als das Tal der ‚Hundertjährigen‘. Eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung wird den Einwohnern nachgesagt. Das zieht auch Esoteriker an, die behaupten, hier sei das ‚Herz der Erde‘ zu finden.
Alles Schwindel, der auf der übertriebenen Altersangabe der älteren Vilcabamber beruht. Ein Abgleich von Dokumenten hat ergeben, dass Anwohner mit 60 behaupten 71 zu sein, fünf Jahre später sind sie bereits 80 und mit 87 Jahren auf wundersame Weise 121 Jahre alt.

Dramatische Berge umrunden Vilcabamba

Dramatische Berge umrunden Vilcabamba

Direkt von unserem Hostal aus können wir unsere erste Wanderung starten. Für Ecuador unüblich, gibt es ausgeschilderte Wanderwege. Keine Gefahr sich zu verlaufen.
Unseren ersten Trek wollen wir ruhig angehen lassen. Langsam soll die Cockpit-Fäule aus den Beinen vertrieben werden. Der zwickende Waden-Muskelkater vom kleinen Hausberg in Zaruma ist zum Glück bereits am Abklingen. Zunächst geht der Plan auf. Zu ebener Erde geht es an einem Plätscherbach entlang. Schon bald führt unser Weg einen ausgetrockneten Wasserfall den Berg hoch. Die Sonne sticht. Steht senkrecht über uns. Vilcabamba liegt im Trockenregenwald, da verlieren die meisten Bäume während der Trockenzeit ihr Laub. Die blattlosen Bäume spenden kaum Schatten. Es ist deutlich heißer als erwartet.
Wir schnaufen uns den Hang hoch, Trittsicherheit ist gefragt, der olle Weg hat es in sich.

In einem ausgetrockneten Wasserfall geht es steil hoch

In einem ausgetrockneten Wasserfall geht es steil hoch

quer durch Trockenregenwald
Samenkapseln

Weggefährte

Weggefährte

Auf dem Rückweg treibt es uns dann auch noch in einer langen Kurve um das Dorf herum, so dass wir erst noch dreieinhalb Stunden zurück sind. Schön, dass wir es ruhig angehen lassen wollen. :lol:

Die Dorfmark von Vilcabamba

Die Dorfmark von Vilcabamba