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Die Shelter Bay Marina

So., 14.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1324, 12.255 sm von HH

Wo sind wir denn jetzt eigentlich gelandet? Was wird unser zu Hause für die nächsten Monate sein?
Die Shelter Bay Marina dient Langfahrtseglern nur als Zwischenstation, um in den Panama Kanal zu fahren. Hier kommt der Vermesser an Bord und Leinenhandler werden gesucht.

Die Shelter Bay Marina liegt am Arsch der Heide. Rundherum nur Dschungel. Kein Ort, kein Dorf, keine Infrastruktur. Ein paar Abbruch-Häuser stehen verstreut auf dem Gelände. Hier befand sich mal eine Militär-Basis, die lange verlassen wurde.

Shelter Bay Marina zwei Stunden von Colon entfernt

Shelter Bay Marina zwei Stunden von Colon entfernt

Eine schmale Asphaltstraße führt nach Colon. Mindestens eine Stunde Fahrt. Manchmal auch länger. Über den Kanal kommt man mit der Fähre oder, wenn die Schleusentore grade geschlossen sind, kann man über die Tore fahren. Wenn ein dicker Pott aus der Schleuse kommt, muss die Fähre warten. Das kann dauern.

Die Marina unterhält einen kostenlosen Shuttle-Bus nach Colon.
Immerhin fährt der zweimal am Tag.
Der Bus stoppt an einem lieblosen Einkaufs-Komplex außerhalb vom Colon-Zentrum an einer Ausfallstraße. Dort gibt es ein paar Geschäfte mit Haushaltswaren, Klamotten, den üblichen Handy-Läden und einem Supermarkt. Der Supermarkt ist ganz gut sortiert, die Preise sind angenehm. Der Haken sind die vier Stunden, die man unterwegs ist. Der halbe Tag ist weg für einen simplen Einkauf.

Dieser Einkaufs-Komplex hat nichts Schönes, keine Straßenhändler, die gegrillte Köstlichkeiten verkaufen, keine Atmosphäre, null Spaßfaktor. Oh, geliebtes Santa Marta, ich vermisse dich.

In der Marina gibt es einen kleinen Shop, in dem man ein paar Grundnahrungsmittel erhält.
Na, besser als vier Stunden wegen vergessener Eier mit dem Bus zu fahren.
Und eine gute Wäscherei. Entweder man wäscht selber für 2 USD die Maschine oder lässt waschen.

Daneben gibt es einen Swimming-Pool, der vor allem von den Amerikanern belagert wird.
Die Amis sind überhaupt fit in der Organisation von ’social life‘, das muss man ihnen lassen.
Sie organisieren Wasser-Gymnastik, Yoga und sonntags gibt es einen ‚Pot luck‘ am Gemeinschaftsplatz.
Das ist toll. Es gibt einen Holzkohle-Grill und jeder bringt sein eignes Fleisch mit. Und einen Salat oder eine andere Beilage für die Gemeinschaft. Die Salate werden auf einem Buffet zusammengestellt.

Pool in der Marina

Pool in der Marina

Gemeinschaftsplatz - der beste seit Monaten

Gemeinschaftsplatz – der beste seit Monaten

Letzten Sonntag waren wir bestimmt vierzig Personen und es gab einen Geburtstag zu feiern.
Viele Crews kennen wir bereits. Aus Santa Marta oder auch schon länger, von Grenada oder sonst wo. „Hi, ihr auch hier. Mensch, was für eine Überraschung.“ Dann folgt für uns die Enttäuschung: Auch diese Crew wird in zehn Tagen durch die Schleuse verschwinden.

Wir sprechen mit einigen Yachten, die ebenfalls einen Blitz-Schaden hinter sich haben. Die Geschichten sind ähnlich: Es dauert bestimmt drei Monate bevor wir alles wieder in Ordnung gebracht haben.
Solange wird die Shelter Bay Marina unser zu Hause sein.

Shelter Bay Marina klein, nett, aber abgelegen

Shelter Bay Marina klein, nett, aber abgelegen

Wie geht es jetzt weiter?

Do., 11.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1321, 12.255 sm von HH

Als erstes können wir uns mal glücklich schätzen: wir sind gegen Blitz-Einschlag versichert. Sogar ohne Selbstbeteiligung. Spätestens jetzt wissen wir, dass es sich lohnt, einen weltweiten Versicherungs-Schutz abzuschließen.

Bereits bei unserer Ankunft in der Marina ist uns klar, unser geplanter Aufenthalt von einer Woche ist Geschichte. Die Marina hat Puff-Preise (über 50 USD pro Tag plus Internet plus Strom) und kaum eine Yacht bleibt lange hier.
Wir haben keine Wahl und buchen uns trotzdem direkt für drei Monate ein und erleben eine Überraschung: Die Rabatte sind enorm, 22,50 USD pro Tag sind erträglich.

Unser Glück hält an: In der Marina gibt es Rudi. Rudi ist Holländer, in Elektro-Arbeiten die ‚Number One‘ vor Ort und wohnt drei Stege weiter. Letztes Jahr hat Rudi vier verblitzte Yachten gerichtet.
Rudi ist dem zuständigen Sachverständigen unserer Versicherung bekannt und wird von ihm akzeptiert, uns bei der Reparatur zu helfen.

Vor die Reparatur hat der liebe Gott die Schadenermittlung gelegt.
Jedes defekte Teil muss aufgelistet werden. Ob ein Teil wirklich defekt ist, zeigt sich nicht unmittelbar. Nehmen wir unser UKW-Funkgerät, was uns noch so brav hierher geleitet hat. Es läuft noch und wir können funken, aber verbindet Achim eine GPS-Antenne mit dem Gerät, so wird keine Position mehr angezeigt. Der sichere Beweis, dass das Gerät doch einen Schaden mitbekommen hat.

Häufig bestehen Geräte aus mehreren Komponenten, wie zum Beispiel der Autopilot. Das Bedienteil sagt keinen Ton, wenn man es anschaltet. Ob die dahinterliegende Steuereinheit noch funktioniert, kann man ohne Instrumenten-Display nicht sagen. Ständig sieht man Achim mit Stirnlampe und Multimeter in der Hand durchs Schiff laufen. Ströme messen. Rückwände aufschrauben. Nach Schmauchspuren suche und durchgebrannten Platinen forschen.

Der Multimeter-Mann

Der Multimeter-Mann

Milimeterkleine Defekte - hier weggesprente Kabel

Milimeterkleine Defekte – hier weggesprente Kabel

Welches Teil er auch anfasst, es hat einen weg. Bei der Ankerwinsch ist das Relais durchgeschmort. Beim Wassermacher ist die Vorpumpe defekt. Beim Laderegler für den Windgenerator hat es die Sicherung pulverisiert.

Die schlimmste Arbeit ist es eine Tabelle zu erstellen, mit allen defekten Geräten und Komponenten. Herauszufinden, welches Gerät als Ersatz in Frage kommt, wo wir es bestellen können und was es kostet.
Diese Tabelle besteht schon jetzt aus einer Unmenge an Einzelposten. Ein Wahnsinns-Akt an Internet-Recherche. In Panama gibt es kaum etwas auf Lager zu kaufen. Alles muss bestellt werden und kommt aus den USA oder Europa. Es existieren Dutzende Händler, Marine-Ausstatter und Elektronik-Lieferanten, jedoch alle ohne Ladengeschäft.

Aus dieser Tabelle wird Rudi einen Kostenvoranschlag erstellen, sein Arbeitsaufwand kommt dazu und dann muss nur noch die Versicherung nicken. Vorher möchte sie, dass ein Sachverständiger den Schaden begutachtet. Wieder dieses Glück: In der Marina wohnt Thorsten. Thorsten ist Deutscher und Bootsbau-Ingenieur. Er wird von unserer Versicherung als Sachverständiger akzeptiert.
Thorsten macht gerade Urlaub auf den San Blas Inseln, wird aber in ein paar Tagen hier erwartet.

Nach dem Blitz

Sa., 06.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1316, 12.255 sm von HH

Unser Trip nach Colon klappt gut. Es ist ein wenig ungewohnt, keine Navigation zu haben. Durch den Regen der vergangenen Tage ist das Wasser schlammig, Augapfel-Navigation ausgeschlossen. Ich stehe am Ruder, Achim steht unter Deck und leitet mich aus der Riff gespickten Ausfahrt: „weiter links, mehr rechts.“
Die weitere Fahrt ist stressfrei. Vor dem Kanal ist wohl Verkehr, aber auf der Elbe war häufig mehr los. Somit erreichen wir wohlbehalten die Shelter Bay Marina.

Der Schock von gestern klingt ab. Uns ist nichts passiert, das ist das wichtigste.
Als der Einschlag kam, hatte ich erst einen anderen Eindruck: Wir befanden uns beide in unserer Achter-Kabine. Ich wollte eine der Luken komplett verschließen und hatte Achim um Hilfe gebeten, da er die Fliegen-Netze leichter zur Seite gefummelt bekommt.
Er steht mit langen Armen an der Luke als es knallt. Wie vom Blitz getroffen (har har), sackt er in sich zusammen. Ich brülle ihn an: „Bist Du getroffen worden?“ „Nein, alles okay, ich hab mich nur erschrocken.“ Später erzählt er mir, dass er ein Kribbeln in den Händen gespürt hat.
Das Schiff ist komplett nass durch den Regen, da wird wohl etwas Strom geflossen sein.
Aber Mann muss doch deshalb nicht so zusammen brechen und mir den Schock meines Lebens verpassen. Mädchen!

Wenn ein Blitz in den Mast einschlägt, sucht sich der Strom wieder einen Weg nach draußen. Steht man auf Holz oder dem GFK , was nicht leitet, ist Personen-Schaden sehr unwahrscheinlich. Bei Gewitter fasst man somit besser nichts aus Metall an.

Der Strom entweicht üblicherweise durch den Rumpf. Bei GFK-Yachten kann es daher passieren, dass der Blitz kleine Löcher im Rumpf hinterlässt. Wie mit dem Schrott-Gewähr drauf geschossen, sieht das aus.
Wir haben eine Blitzschutzanlage, die dies verhindern soll. Alle Metall-Teile an Deck sind durch einen Metall-Strang miteinander verbunden und dieser endet an einem Erdungs-‚Schwamm‘, der am Rupf unter Wasser angeschraubt ist. Hier soll die gesamte Energie zielgerichtet entweichen.
Das scheint bei uns funktioniert zu haben. Sicher können wir aber erst sein, wenn das Schiff aus dem Wasser zur Begutachtung kommt.
Der Strom nutzt auch gerne Bordventile aus Metall, den Motor, die Welle oder das Ruder, um zu entkommen. Es gibt daher auch Blitz-Fälle, die einen Ausfall des Motors zur Folge haben.

Die unangenehme Nebenerscheinung bei einem Blitz-Einschlag ist der EMP. Der Elektromagnetische Puls. Der kann Geräte, die mit dem Blitz gar nichts zu tun haben, zerstören. Sogar über einige Entfernungen hinweg. Schlägt auf dem Nachbar-Dampfer der Blitz ein, gehen auf dem eigenen Schiff die Lichter aus, wenn’s mal so richtig doof laufen soll.

In der Marina sind wir schnell Dorf-Gespräch: „Ohje, ihr seid die Blitzopfer“. Eine warme Welle der Hilfsbereitschaft rollt uns entgegen. Wir werden durchgefüttert (danke Rebell, danke Seven Seas), erhalten gute Tipps, wer uns helfen könnte, bekommen eMail-Adressen, Visitenkarten und von der Alrisha einen Camping-Kühlschrank, damit wir den Frust wenigstens mit kaltem Bier herunter spülen können. Danke Alrisha.

Und ebenfalls ein fettes Dankeschön an alle Whats-App Schreiber, die vielen netten Kommentare und an alle, die getröstet haben. Das hilft sehr.

Vom Blitz getroffen

Fr., 05.01.2018, Panama/Puerto Lindo, Tag 1315, 12.224 sm von HH

Der Einschlag erfolgt um 5:33 Uhr. Ein ohrenbetäubender Schlag genau über uns.
Wir stürzen in den Salon. Dort rieht es, als ob der Teufel persönlich zu Besuch vorbei gekommen wäre. Verschmort, nach schwelendem Plastik, teuflisch.

Achim springt sofort zu den Schaltschränken. Der erste Blick sagt alles. Wir sind direkt getroffen worden.

verkohlter Antennen-Splitter

verkohlter Antennen-Splitter

 

Bereits seit einer Stunde sind wir wach. Halten Ankerwache, falls wir oder einer unser Ankernachbarn auf Drift geht. Um uns herum wird der Weltuntergang geprobt. Es gießt wie aus Eimern, die Sicht beträgt kaum 100 Meter. Und Blitze. Im Zehn-Sekundentakt kommen sich herunter.
Und dann dieser Knall.

Als es hell wird und wir sicher sind, dass nicht noch ein Schwelbrand hinter einem Schrank schlummert, gehen wir auf Fehlersuche. Fast alle elektrischen und elektronischen Geräte sind kaputt: Tiefenmesser, Plotter und Autopilot. Der Windgenerator dreht nur noch müde vor sich hin, das gesamte Zubehör für den Kurzwellenfunk ist tot.
Wie durch ein Wunder haben die Handy, Pads und Laptops überlebt. Das UKW-Funkgerät, unser Autoradio und der Barograph.

Eine Katastrophe. Der Super-Gau. Alles hin. Nicht nur die Geräte, auch unsere Pläne. Mit einem einzigen Schlag ist alles anders.

In Puerto Lindo können wir mit diesem Schaden nicht bleiben. Hier gibt es zwar die kleine Werft. Aber wir sind drei Stunden Autofahrt von Colon entfernt und ernsthaft, hier kann man ja nicht mal mit Kreditkarte bezahlen.
Wir beschließen nach Colon zu fahren in die Shelter Bay Marina.
Aber wie kommen wir hier weg?

Der Plotter ist hin. Aber da die Laptops laufen, haben wir eine Navigation. Schon lange haben wir überall Backups für so einen Notfall aufgespielt. Auf allen Laptops ist OpenCPN mit CM93 und Bauhaus Karten installiert.

Bleibt noch der Funk. Das UKW-Gerät funktioniert, aber wir haben keine Antenne mehr. Die hat der Blitz vom Mast gesprengt. Scherben vom Toplicht, was ebenfalls explodiert ist, finden wir an Deck verstreut. Die Antenne ist verschwunden.

Hier steckte mal eine Antenne

Hier steckte mal eine Antenne

 

Das versprengte Top-Licht

Das versprengte Top-Licht

Die Kanal-Aufsicht möchte, dass man sich 10 Meilen vor Annäherung an den Kanal per Funk anmeldet. Der Schiffsverkehr dürfte dort beträchtlich sein. Alle wollen durch das Nadelöhr. Wenn dann noch die Sicht so schlecht ist, wie heute, können wir ohne Funk dort nicht gefahrlos fahren. Unser AIS Signal ist mit der Antenne zusammen verschwunden.

Wir brauchen eine Ersatz-Antenne. Achim kann unmöglich in den Mast klettern. Es regnet den ganzen Tag sintflutartig. Elekrto-Arbeiten sind unmöglich. Außerdem steht ein grauenhafter Schwell in der Bucht. Wir krängen 10 Grad zu jeder Seite. Der Mast schlägt sicher drei Meter aus – zu jeder Seite. Zum Glück schlummert am Heckkorb unsere UKW Notfallantenne. Die war eigentlich für den Fall vorgesehen, falls man mal gar keinen Mast mehr hat. :mrgreen:

Achim polt das Funkgerät auf diese Antenne um und: voila! Unsere Funk-Reichweite dürfte nun drei Meilen betragen. Keine zehn Meilen mehr wie sonst, aber besser als nichts. Damit können wir es in den Kanaleingang wagen.

So gerüstet können wir Morgen die dreißig Meilen nach Colon antreten.

Während Achim bastelt, bereite ich für Morgen einen Kartoffel-Salat vor. Der Schwell ist so heftig, dass ich die Verriegelung vom Herd lösen muss, damit der Herd kardanisch schwingt und ich überhaupt Kartoffeln kochen kann.
Der Salat ist fertig und beim Wegräumen der Gurken höre ich es hinter mir klatschen. Die Schüssel liegt umgedreht auf dem Boden. Der Salat schwimmt grade davon. Die Soße läuft zwischen die Bodenbretter
Schnell schaufel ich alles in die Schüssel zurück. Hey, in diesem Salat stecken unsere letzten zwei Eier und die vorletzten Kartoffeln. Ich halte es mit der ‚Verzweifelte-Hausfrauen -Regelung‘: „Was keine fünf Sekunden auf dem Boden gelegen hat, ist noch essbar.“
Während ich so den Salat in die Schüssel racke, kommt mein unbeaufsichtigtes Gurkenglas ins Rutschen. Das Essigwasser findet seinen Weg direkt in den Kühlschrank, den ich grade gestern ausgewischt habe.

Bis zu dem Zeitpunkt konnte ich noch alles ertragen, jetzt fließen die ersten Tränen. Worte über die Stimmung an Bord erspare ich mir. ;-)

San Blas – Ein Blick hinter die Postkarten-Idylle

Mi., 03.01.2018, Panama/Puerto Lindo, Tag 1313, 12.224 sm von HH

In einem muss man der Dumpfbacke Donald Trump Recht geben: Die Klimaerwärmung kann man komplett ignorieren. Daran wird die Menschheit nicht zu Grunde gehen, sondern wir werden in unserem eigenen Plastik ersticken.

Über verdreckte Strände sind wir ja schon häufiger gestolpert.
Aber in dieser unwirklichen Schönheit der San Blas Inseln fällt der Müll zehnfach auf. Es treibt einem die Tränen der Verzweiflung in die Augen.

Eine unserer Weihnachts-Inseln in Coco Bandero vom Masttop fotografiert: schöne, heile Welt.

Himmlischer Strand von oben

Himmlischer Strand von oben

Die Realität sieht leider so aus.

Die Realität

Die Realität

 

Ein beliebiger Ankerplatz in den Lemmon Cays. Von Land betrachtet werden hier Segler-Träume war.

Ankerplatz geschönt

Ankerplatz geschönt

Die Realität sieht leider so aus.
Alle auf dem Foto sichtbaren Müll-Teile habe ich eingekreist. Dazu kommen noch die Kleinstteile und die knapp unter der Wasseroberfläche schwimmenden.

Vorbei treibender Müll am Ankerplatz

Vorbei treibender Müll am Ankerplatz

 

Die Küste von Panama bei Nargana.
Hinter den Inseln beginnen die Mangroven. Unberührte Natur. Endlose Kilometer Urwald liegen hinter den Mangroven. Unbewohnt. Unberührt.

Küstensaum von Panama

Küstensaum von Panama

Die Realität!

Müll ohne Ende in den Mangroven

Müll ohne Ende in den Mangroven

 

Stop plastic now

Jeder von uns kann, sollte und muss sein eigenes Verhalten ändern. Dringend. Das neue Jahr ist doch ein guter Zeitpunkt dafür.
Jeder nicht benutzte Strohhalm ist ein guter Strohhalm.
Jeder nicht getrunkene ‚Coffee to go‘ aus dem Plastikbecher ist ein guter Kaffee.
Kein Plastikbesteck mehr, kein Essen aus Styropor-Boxen, keine Geschenkpapier-Folien mehr, keine unsinnigen Tüten am Gemüsestand mehr.
Und Wasser, Joghurt und Milch schmecken aus Glasflaschen sowieso viel besser. Es gibt hunderte Beispiele mit denen jeder sofort beginnen kann.

Und keine Ausreden mehr: „es ist ja nicht mein Müll, der dort in den Mangroven steckt“.
Doch, ist es unser aller Müll. Es geht uns alle an.
„Sollen doch die anderen erst mal anfangen“. Die ‚anderen‘ haben bereits angefangen.
Ausgerechnet einige der ärmsten Länder haben bereits ein Plastiktüten-Verbot ausgesprochen: Ruanda, Tansania, Papua-Neuguinea, Marokko, Malawi und Bangladesch.
Viele Länder erheben Abgaben auf Tüten. Das ist ein guter Anfang und die Erkenntnis, dass etwas geschehen muss, greift rasant um sich.
Sogar in den USA haben einige Bundesstaaten ein Plastik-Tüten-Verbot eingeführt.

Unsere Enkel und Urenkel haben einen Anspruch darauf Fische ohne Mikroplastik essen zu können und solche Strände sehen zu dürfen.
Fangen wir alle sofort an.

Der perfekte Strand

 

 

Quickstart an Neujahr

Mo., 01.01.2018, Panama/Kanlildup, Tag 1311, 12.224 sm von HH
Schluss mit Inselhopping. Unser Inseltraum nimmt ein abruptes Ende. Eben feiern wir Silvester noch mit Lagerfeuer, Vollmond und einer Gruppe bekannter und unbekannter Crews am Strand und erfreuen uns an der Romantik. Ein unvorsichtiger Blick auf das Wetter mahnt uns gleich heute Richtung Colon zurück zu fahren, wollen wir nicht die gesamte Strecke Gegenwind haben. Der verlässliche Passat soll einbrechen.
Im Dunkeln durch die Riff gespickten San Blas zu fahren, ist eine schlechte Idee. Aber in Puerto Lindo können wir im Dunkeln rein. Dort haben wir unseren alten Track und kennen die Begebenheiten. Also fahren wir am Nachmittag los und sind bei Sonnenuntergang aus dem Inselgewirr raus. Das passt.
In Puerto Lindo parken wir bis Freitag zwischen. Ab 5. Januar haben wir einen Platz in der Shelter Bay Marina reserviert. Von dort können schon mal einen Blick auf die großen Tore der Schleusen werfen. Bevor sie sich für uns Mitte Januar öffnen werden.

Nargana

Sa., 30.12.17, Panama/Nargana, Tag 1309, 12.224 sm von HH

Ich möchte gerne etwas Schönes über Nargana schreiben.
Das ist schwierig, aber da gibt es zwei Dinge: Die Menschen sind hilfsbereit, lächeln und geben uns ein gutes Gefühl. Und wir bekommen einige Tomaten und Gurken nachgekauft.
Die Insel ist eine dicht besiedelte Wohn-Katastrophe. Eine baumlose Müllhalde. Dreck wohin das Auge reicht. Gegen die (vermeintliche) Idylle der letzten Tage erscheint es uns nicht erstrebenswert hier zu wohnen.

Traurige Häuser

Traurige Häuser

Aber Nargana hat Strom und wer Strom hat, der hat Licht. Die tropen-kurzen Tage künstlich zu verlängern, wem sollte das nicht gefallen? Und wer Strom hat, der kann einen Fernseher betreiben.
Aus den meisten Hütten dröhnt uns die ‚daily soap‘ entgegen. Wer will jemandem dieses Vergnügen verdenken? Schauen doch auch wir abends oft genug einen Film.
Handyempfang und Internet versteht sich von alleine. Der Generator, der das alles möglich macht, hallt über Insel und Bucht.

eng bebaut wird jeder Quadratmeter genutzt

eng bebaut wird jeder Quadratmeter genutzt

Und Nargana hat Frisch-Wasser. Vom Festland ist eine Leitung verlegt.
Das Festland mit Flüssen und vielen Niederschlägen ist nur einen knappen Kilometer entfernt.
Die verstreuten Inselbewohner kommen mit dem Kanu und holen in Fässern ihre Ration Frischwasser. Zehn Kilometer und mehr müssen sie dafür paddeln. Ein mühsames Geschäft für knapp 200 Liter. Wir kommen auf dem Boot damit vielleicht zehn Tage aus – für zwei Personen.
Die Bewohner Narganas drehen einfach den Hahn auf und haben Trinkwasser im Überfluss. Ist dieser Luxus ein guter Tausch für die Wohnsituation?

mühsamer Frischwasser-Transport

mühsamer Frischwasser-Transport

 

Frischwasser-Zapfstelle mit dem Festland im Hintergrund

Frischwasser-Zapfstelle mit dem Festland im Hintergrund

Eine Kanalisation existiert auf Nargana nicht. Die Häuser am Saum der Insel haben ein Plumps-Klo direkt ins Meer. Die Bewohner in der Mitte müssen den Nachbarn fragen oder eines der Gemeinschafts-Klos benutzen.
Der Wert eines Hauses setzt sich auf der ganzen Welt aus der Lage, der Lage und der Lage zusammen.
Dass die Lagune nicht zur Kloake wird, ist Ebbe und Flut zu danken und dass nur ein paar Hundert Menschen auf Nargana wohnen.

Reihen-Toiletten

Reihen-Toiletten

Plastikmüll wohin das Auge schweift. Es kommt viel Müll über die weite Karibik angetrieben und steckt in der Sackgasse Panama fest. Mit dem hausgemachten Plastikmüll wissen die Kuna nicht wohin. Das Hinterland ist frei von Städten, Mülldeponien und Straßen. Nur die Kuna siedeln am östlichen Küstenstreifen Panamas.
Der Wohlstandsmüll ist in dieser Welt, ihrer heilen Fischer-Welt nicht vorgesehen. In einer Welt in der es bislang nur Palmenwedel-Müll und Kokos-Schalen gab.
Also wird das Plastik in die Mangroven geworfen.

Müll-Katastrophe

Müll-Katastrophe

Weihnachts-Krippe

Weihnachts-Krippe

Für uns, die wir einfach den Anker lichten können, erscheint Nargana wie ein Desaster, was den Untergang der Welt nicht besser symbolisieren kann.

Wem diese Bilder zu düster sind, den möchte ich auf die Beiträge der letzten Tage verweisen, dort habe ich die Fotos der schönsten Seiten der San Blas Inseln nachgefügt.
Und mit diesen Ausblicken möchten wir Euch einen guten Rutsch in ein hervorragendes Jahr 2018 wünschen. Lebt großartig, bleibt großartig.

Was bedeutet Langfahrtsegeln?

Do., 28.12.17, Panama/Olosicuidup, Tag 1307, 12.224 sm von HH
Es gibt einen doofen Spruch: „Langfahrtsegeln bedeutet an den schönsten Ankerplätzen sein Schiff zu reparieren.“ Wir möchten auch zu dieser Familie gehören. Am wahrscheinlich schönsten Ankerplatz der westlichen Karibik nähen wir das alte Dinghy Cover passend für das neue Dinghy zurecht. Es ist unnötig zu betonen, dass nicht ein einziges Loch für die Griffe an der richtigen Stelle sitzt. Alle Griff-Löcher müssen neu. Und die hinteren Schwänze müssen komplett neu gestaltet werden. Es ist fast so viel Arbeit wie ein neues Dinghy-Cover zu nähen. Aber nach 2,5 Tagen haben wir es geschafft.
Unsere Kuna Familie feiert ebenfalls Weihnachten. Allerdings ohne Vater und Onkel. Die setzten sich Heiligabend in ein Kanu und segeln dem Sonnenuntergang entgegen. Erst nach zwei Tagen tauchen sie wieder auf. Die Mutter, die sonst nur in halber Kuna Tracht ihrer Arbeit nachgeht (ab und an spähen wir etwas indiskret mit dem Fernglas rüber), schmeißt sich in ihr volles Outfit: Puderbluse mit Mola, Rock und Arme und Beine mit Ketten umwickelt. Die Kinder rufen uns vom Strand ein ‚Feliz Navidad‘ zu, dann wird ein Feuer entzündet. Das Teenager-Mädchen stellt die Geschwister in Reih und Glied, schießt mit dem Handy ein Foto. Ganz normale Weihnachten irgendwie. Und dann schalt auch noch die Melodie „Stille Nacht, Heilige Nacht“ laut gesungen zu uns rüber.
Die Familie ist auch weniger einsam als man denken mag. Fast täglich kommen ein, zwei Kanus vorbei, mal gepaddelt, mal mit Außenborder. Auf ein Schwätzchen oder zum Warentausch. Bier, Rum und Zigaretten werden gehandelt. Auch uns bietet man etwas zum Kauf.
Wie wir auf einer anderen Insel gelernt haben, gehört so eine Insel bis zu fünfzig Familien. Im Wechsel darf die Insel bewohnt und bewirtschaftet werden. Ein einfaches Leben. Strom gibt es keinen. Das Familien-Handy wird zum Aufladen zu uns gebracht. Nach Sonnenuntergang sieht man noch mal eine LED-Taschenlampe blinken, aber ziemlich schnell ist Ruhe bei unseren Nachbarn.
Die Kinder spielen den ganzen Tag am Strand. Lesen und Schreiben zur Bedienung der App ‚Weihnachts-Fotos-für-Anfänger‘ lernt man hier freilich nicht. Aber auf den dicht besiedelten Inseln nahe dem Festland gibt es Schulen für die Kuna Kinder. Die großen Kinder gehen nach Panama City, wenn die Familie es sich leisten kann.
Bevor wir noch von unseren Kuna eingebürgert werden, ziehen wir Morgen weiter. Eine wunderschöne Woche liegt hinter uns. Stundenweise haben wir den Ankerplatz für uns ganz alleine. Das Wasser ist klar, die Korallen am Riff sind in tadellosem Zustand. Nur Fisch sucht man vergeblich. Der ist bereits vor langer Zeit harpuniert worden. Die Kuna müssen ans Außenriff, um noch fündig zu werden.
Unsere frischen Sachen sind bis auf ein paar Zwiebeln und Kartoffeln verbraucht. Nachschub ist hier nicht zu bekommen und uns interessiert eine der ‚richtig‘ bewohnten Inseln.

Oh, du fröhliche – Oh, du selige

So., Heiligabend 2017, Panama/Olosicuidup, Tag 1303, 12.224 sm von HH
Gnaden bringende Weihnachtszeit, sagt deutsches Liedgut. Wir beginnen den Tag mit einem Mord, genauer gesagt mit einem Doppelmord. Unser Kuna Nachbar hat geliefert.
Dabei sah es mit zuerst gar nicht so aus, als ob sich Papa Kuna noch an unsere Langusten-Bestellung erinnern würde. Wir ankern genau vor den beiden Kuna-Hütten. So nah, dass wir die Kinder lachen hören können. Vier Kinder zwischen drei und zehn Jahren, plus ein Teenager-Mädchen, Mama und Papa und ein weiterer erwachsener Mann, dessen Rolle im ‚Vater-Mutter-Kind‘ Klischee nicht zu erkennen ist. Vielleicht ein Onkel. Vater und Onkel holen morgens das Kanu vom Strand und paddeln Richtung Außenriff. Gegen Wind und Welle. Total mutig, wie wir finden. Die Brandung ist nicht ohne und den wackeligen Einbäumen würden wir nur schwer vertrauen. Nach ein paar Stunden kommen sie zurück gesegelt. Die Einbäume haben weder Kiel noch Ruder und sind eigentlich unsegelbar. Die Kuna Männer beweisen uns etwas anderes. Wenn sie genug gefangen haben, bieten zu uns Fisch zum Verkauf, der Rest ist Eigenbedarf. Heute Morgen tut sich am Nachbarstrand nichts. Unruhig beobachten wir, das Kanu bleibt in seiner Garage. Im Geiste gehen wir unsere Alternativen zu köstlicher Languste durch. Armselige Alternativen: Kürbiseintopf mit Linsen oder Labskaus ohne Rote Bete. Nur Ei und Gewürzgurken sind noch an Bord. Da kommt doch das Kanu auf uns zu. Nanu? Vier Langusten liegen im Einbaum. Wo hat Papa Kuna die denn so schnell her? Eine ist riesig, wir wählen zwei gleich große für zehn Dollar pro Stück. An den Antennen reicht unser Nachbar die Tiere rüber. Widerstandslos lassen sie sich in einen Eimer stecken. Sie leben aber, ihre Kiemen bewegen sich.
Es dauert seine Zeit, bis das Wasser in unserem größten Topf zu kochen beginnt. Genug Zeit einen Schuldigen zu suchen, der die Biester kopfüber ins Wasser stopfen wird. Ich will mit dem Mord nichts zu tun haben. Männersache. Achim hat ebenfalls Hemmungen, aber als ganzer Kerl, übernimmt er den Job.
Oh Gott, oh Gott, Gnaden bringende Weihnachtszeit. Drauf gepfiffen. Die erste Languste ist fällig. Mit dem Schwanz schlagend, zeigt sie beim heraus heben aus dem Eimer ihren Unwillen an. Achim zieht es durch: Deckel hoch, Languste ein, Ruhe. Nummero zwei erleidet das gleiche Schicksal. Der Rest ist dann einfach. Vom Kopf die Fühler abdrehen und vom Schwanz den Kopf abdrehen. Die Schwänze teilt Achim längs mit der Machete und das köstliche Fleisch löst sich problemlos vom Panzer. Mit einer Häkel-Nadel bekomme ich das Fleisch aus den Fühlern. Groß-ar-tig. Vor uns liegt ein Pfund feinste Languste. Die gibt es nachher mit Spaghetti und einem trockenen Roten aus Chile. Aus dem Tetrapack. Wir freuen uns auf den Schmaus, aber die Tötung ist nicht so recht was für uns, das werden wohl unsere letzten Langusten sein.
Wir wünschen allen Lesern ein köstliches Weihnachtsmahl, fröhliche Weihnachten und besinnliche Stunden mit der Familie und Freunden.

Dup – Dup – DupDup – Dup – Dup

Fr., 22.Dez.17, Panama/Olosicuidup, Tag 1301, 12.224 sm von HH Dup ist Kuna und bedeutet Insel. Wir sind weiter gezogen: Nuinudup, Olosicuidup und Guariadup. Wer mag, hat jeden Tag eine andere Insel. Die Entfernungen sind kurz. Fünfzehn Meilen, fünf Meilen, eine Meile oder nur dreihundert Meter. Für zwei Meilen lohnt es sich nicht die Segel hoch zu ziehen. Zumal es im Zick-Zack um die Inseln geht. Die Navigation ist heikel: Zwischen den Inseln liegen tückische Riffe und langgestreckte Lagunen. Durch schmale Kanäle tasten wir uns vorwärts. Links, keine hundert Meter neben uns, schäumt die Brandung warnend am Riff auf. Rechts wechselt tiefes Blau mit gefährlichem Türkis. Zum Glück gibt es den ‚Bauhaus‘. Erik Bauhaus ist Deutscher und der Autor der ‚Panama-Bibel‘. „Halte dich religiös an seine Wegpunkte, dann kann nichts passieren“, wird uns empfohlen. Ein großartiger Revier-Führer, der die Navigation in den San Blas Inseln ‚einfach‘ macht. Trotzdem ist es schön, die Sonne im Rücken zu haben, dann können wir Untiefen selber gut erkennen. Die Inseln liegen in kleinen Gruppen, den sogenannten Cays, auf einem Haufen. Sobald man eine Gruppe verlassen hat, tauchen am Horizont schon die nächsten Inseln auf. Wie flach rasierte Bubi-Köpfe stehen sie struppig in der Kimm. Fünfzehn Meilen sind es heute zu den Coco Bandera Cays gewesen. Der Nord-Ost-Passat macht was er soll, er kommt stabil aus Nord-Ost. Wir segeln hoch am Wind, aber wenig Welle und vier bis fünf Windstärken machen den Trip zum Segel-Traum. Die Coco Bandera Cays ist eine Gruppe aus sechs winzigen Inseln. „Diese Cays sind von Atem raubender Schönheit“, sagt Bauhaus. Und Recht hat er. Das Farbenspiel ist an Liebreiz nicht zu übertreffen. Es ist fast zu schön, um von dieser Welt zu sein. „So viel Schönheit lockt bestimmt die Yachten in Scharen an, ob wir überhaupt einen Platz finden werden?“, waren unsere Befürchtungen. Wir finden nur einen Katamaran am Ankerplatz vor. Wir sind überrascht, haben sich an den anderen Plätze doch durchaus zwei Dutzend Yachten eingefunden. Vielleicht ist es vielen zu abgelegen hier, um Weihnachten zu verbringen. Wir haben ganz schwach Internet, für eine What’s app ohne Bilder reicht es grade eben. Für viele scheinbar zu wenig Kontakt zur Außenwelt. Olosicuidup ist bewohnt von einer Kuna Familie. Papa Kuna kommt mit seinem Einbaum längsseits: „Wollt ihr Langusten?“ Wir schauen uns an. „Geht auch in zwei Tagen, an Heiligabend?“ Papa Kuna nickt.“ Okay, wir nehmen zwei“.

San Blas – Guna Yala

Di., 19.Dez.17, Panama/Uchutupu Dummat, Tag 1298, 12.224 sm von HH
Wer schon immer mal wissen wollte, wo die kitschigen Foto-Tapeten herkommen: Sie stammen von den San Blas Inseln!
Besser kann man sich eine Landschaft nicht ausdenken: Kleine Inseln liegen im Meer verstreut wie Sommersprossen in einem lachenden Gesicht. Azurblauer Himmel, das Meer schimmert, wie sich das gehört, in allen Tönen türkis. Auf den winzigen Inselchen wiegen Kokos-Palmen ihre grünen Wedel im Passat. Der weiße Strand ist Backpulver fein. Am Horizont bricht sich mit viel Schaum die anrollende See. Wie ein weißes Spitzenband legt sich die Gischt am Außenriff ins tiefe Blau.
Ein Postkarten-Idyll. An jeder Ecke schreit es nach Bacardi-Feeling. Ein Traum.
Wir ankern auf fünf Meter Wassertiefe direkt vor einer dieser Insel. Uchutupu Dummat heißt sie in der Sprache der Kuna. Das ist noch einer der leichteren Namen. Den Kuna gehören die San Blas Inseln oder ‚Guna Yala‘, wie sie in ihrer Sprache heißen. Vor gut einhundert Jahren haben sich die Ureinwohner Panamas ihr autonomes Territorium blutig erkämpft. Die Kuna haben sich in einer Revolte gegen Panama aufgelehnt und gewonnen. Sie dürfen sich selbst verwalten solange sie die Hoheit Panamas anerkennen. Aufgrund einer Änderung der Verfassung Panamas haben sie seit 1983 das Recht auf eine eigene Vertretung in Parlament von Panama.
Es gibt 365 Inseln in Guna Yala, aber nur gut 50 sind dauerhaft von den Kuna bewohnt. Trotzdem stehen auf den meisten Inseln ein paar windschiefe Hütten. Die Kunas nutzen diese Hütten, wenn sie zur Kokosnuss-Ernte anreisen. Eine wichtige Einnahmequelle. Es ist uns Touristen verboten die Nüsse zu sammeln. Sie gehören ausnahmslos den Kunas. Doch die Zeiten im Kokosnuss-Geschäft sind schwierig, grad noch 40 Cent werden pro Nuss gezahlt.
Uchutupu Dummat ist eine Touristen-Insel. Sie gehört fünf Familien, die sich die Erträge aus dem Geschäft mit den Gästen teilen. In bescheidenen Cabanas können Touristen vom Festland übernachten und Robinson und Freitag spielen. Das dazugehörige Restaurant bietet drei schlichte Mahlzeiten: Fisch, Languste oder Huhn. Aus einer Stereoanlage schallt Pink Floyd. „Die Musik kommt direkt von ‚you tube‘, ich streame“, erklärt uns Aaron, der das Restaurant leitet. „Huch, hier gibt es Internet?“, wir sind überrascht. „Ja klar, ich habe eine Flat-Rate, ich bin Geschäftsmann“, jubelt Aaron in gutem Englisch.
Die Kunas sind sehr auf die Erhaltung ihrer Traditionen bedacht, dem Modernen gegenüber trotzdem offen. Dies führt zu einem buntem Mix zweier Welten. Die Häuser der Familien, traditionell mit Palmenwedeln gedeckt, zieren große Solar-Paneele. Die urigen Kanus, als Einbäume im Wald geschlagen und ausgehöhlt, liegen einträchtig neben Holzkähnen mit PS-starken Außenbordern. Eine junge Frau trägt stilbewusst die Kuna-Tracht zum Smart-Phone. Zu einer quietsch-bunten Bluse mit Puff-Ärmeln wird ein knielanger Wickelrock getragen, dessen Muster weder zur Bluse noch zu den aufgenähten Molas passen wollen. Die Arme und Beine sind eng mit Ketten aus bunten Perlen umwickelt. Das schwarze Haar ist kurz und die Frisur durch einen Art ‚Piss-Pott-Schnitt‘ recht uneuropäisch.
Aaron mag eine Flat-Rate haben, das Internet, was wir mit unserer Sim-Karte empfangen, ist langsamer als ein berittener Bote. Auf den falschen Anbieter gesetzt, lautet die Diagnose. Die Fotos zum Beweis, dass wir in einer Bounty-Werbung wohnen, müssen somit noch etwas warten.

Auf, auf, Richtung San Blas Inseln

Sa., 16.Dez.17, Panama, Puerto Lindo, Tag 1295, 12.217 sm von HH

Unser neues Dinghy liegt an Deck. Es ist ein wenig anders geformt und will sich nicht ganz so geschmeidig in das Dreieck im Bug einfügen. Damit es passt, hat Achim kurzerhand die Dorade-Lüfter samt Bügel abmontiert. Metallplatten, um die Lüfter-Öffnungen zu verschließen, hatten wir an Bord. Als Dichtung hat er einen alten Fender genommen, den er auf der Werft gefunden hat.
Die Bügel sind lästig zu verstauen, also schraubt Achim sie einfach über die Dorade-Lüfter mittschiffs.

Versetzte Bügel über den Dorade Lüftern

Versetzte Bügel über den Dorade Lüftern – jetzt mittschiffs

 

Das alte Dinghy haben wir Guido da gelassen. Guido erledigt Schweißarbeiten, übernimmt Reparaturen jeder Art und verkauft in einem kleinen Laden allerlei Schiffs-Kram auf Kommission. Beim Verkauf unseres Schlaubootes bekommt er 20 Prozent Provision.
Ich vermute, wir sehen da nie einen Euro, Achim glaubt an das Gute im Menschen.

Mit einer Woche Verzögerung hauen wir nun heute Abend wirklich ab aus Puerto Lindo.
Unsere frischen Vorräte, die wir aus Kolumbien mitgebracht haben, sind fast verbraucht. Ein letztes Stück Käse und ein paar Salami-Scheiben verlieren sich im Kühlschrank.

Die Versorgung mit Nachschub in Portobelo ist gescheitert.
Die fünf „Mini-Super“, wie die, von Chinesen geführten, Läden genannt werden, haben nur Dosen, getrocknete Bohnen und schlappriges Toastbrot. Mit Glück ergattert man die vier letzten Tomaten neben einer überreifen Ananas.
In Gefriertruhen, groß wie ein Kleinwagen, liegen ein paar Tüten mit undefinierbar zusammen geklumpten Fleisch. Nein, danke!

Von einem frischen Huhn bekomme ich die Brust, mehr ist in Portobelo nicht zu kriegen.
Auf dem Rückweg stoße ich auf den Gemüse-Truck. Somit haben wir für einige Tage Grünzeug und ein paar Bananen. Die bedenkliche Völlerei an Weihnachten ist nicht zu befürchten.
(Übrigens kommt die Fledermaus nur an Bord, wenn Bananen auf dem Dampfer sind – alles andere wird verschmäht. Wir decken die Bananen jetzt mit einem Geschirrtuch zu, dann flattert sie dreimal traurig durch den Salon und verschwindet in der dunklen Nacht.)

Die San Blas Inseln sind eine zweihundert Kilometer lange Kette von winzigen Inseln und Inselchen.
365 Inseln, die nah der Küste Panamas vorgelagert sind.
Fisch, Langusten und Kokosnüsse kann man dort kaufen, mehr wohl nicht.

Auf die San Blas Inseln werden Handy- und Internet-Junkies zum Ausnüchtern geschickt.
Empfang mit der örtlichen Sim-Karte ist nur auf wenigen Touristen-Inseln möglich.
Wir können natürlich wie immer über Kurzwelle unsere Berichte posten.

Am 5. Januar ‚müssen‘ wir in Colon am Kanal-Eingang sein.
Dort haben wir einen Termin mit einem Vermesser der Kanal-Gesellschaft. Der kommt an Bord, um die exakte Länge von Atanga zu ermitteln.
Wozu? Keiner weiß es so genau. Die Länge steht in den Schiffspapieren und auf zehn Zentimeter wird es wohl nicht ankommen. Zumal bis 50 Feet Schiffslänge ein Einheitspreis für den Kanal verlangt wird. Der Vermesser ist allerdings nur die Spitze des Eisberges, der ‚Panama-Kanal‘ heißt.