Archiv der Kategorie: Atanga

Quickstart an Neujahr

Mo., 01.01.2018, Panama/Kanlildup, Tag 1311, 12.224 sm von HH
Schluss mit Inselhopping. Unser Inseltraum nimmt ein abruptes Ende. Eben feiern wir Silvester noch mit Lagerfeuer, Vollmond und einer Gruppe bekannter und unbekannter Crews am Strand und erfreuen uns an der Romantik. Ein unvorsichtiger Blick auf das Wetter mahnt uns gleich heute Richtung Colon zurück zu fahren, wollen wir nicht die gesamte Strecke Gegenwind haben. Der verlässliche Passat soll einbrechen.
Im Dunkeln durch die Riff gespickten San Blas zu fahren, ist eine schlechte Idee. Aber in Puerto Lindo können wir im Dunkeln rein. Dort haben wir unseren alten Track und kennen die Begebenheiten. Also fahren wir am Nachmittag los und sind bei Sonnenuntergang aus dem Inselgewirr raus. Das passt.
In Puerto Lindo parken wir bis Freitag zwischen. Ab 5. Januar haben wir einen Platz in der Shelter Bay Marina reserviert. Von dort können schon mal einen Blick auf die großen Tore der Schleusen werfen. Bevor sie sich für uns Mitte Januar öffnen werden.

Nargana

Sa., 30.12.17, Panama/Nargana, Tag 1309, 12.224 sm von HH

Ich möchte gerne etwas Schönes über Nargana schreiben.
Das ist schwierig, aber da gibt es zwei Dinge: Die Menschen sind hilfsbereit, lächeln und geben uns ein gutes Gefühl. Und wir bekommen einige Tomaten und Gurken nachgekauft.
Die Insel ist eine dicht besiedelte Wohn-Katastrophe. Eine baumlose Müllhalde. Dreck wohin das Auge reicht. Gegen die (vermeintliche) Idylle der letzten Tage erscheint es uns nicht erstrebenswert hier zu wohnen.

Traurige Häuser

Traurige Häuser

Aber Nargana hat Strom und wer Strom hat, der hat Licht. Die tropen-kurzen Tage künstlich zu verlängern, wem sollte das nicht gefallen? Und wer Strom hat, der kann einen Fernseher betreiben.
Aus den meisten Hütten dröhnt uns die ‚daily soap‘ entgegen. Wer will jemandem dieses Vergnügen verdenken? Schauen doch auch wir abends oft genug einen Film.
Handyempfang und Internet versteht sich von alleine. Der Generator, der das alles möglich macht, hallt über Insel und Bucht.

eng bebaut wird jeder Quadratmeter genutzt

eng bebaut wird jeder Quadratmeter genutzt

Und Nargana hat Frisch-Wasser. Vom Festland ist eine Leitung verlegt.
Das Festland mit Flüssen und vielen Niederschlägen ist nur einen knappen Kilometer entfernt.
Die verstreuten Inselbewohner kommen mit dem Kanu und holen in Fässern ihre Ration Frischwasser. Zehn Kilometer und mehr müssen sie dafür paddeln. Ein mühsames Geschäft für knapp 200 Liter. Wir kommen auf dem Boot damit vielleicht zehn Tage aus – für zwei Personen.
Die Bewohner Narganas drehen einfach den Hahn auf und haben Trinkwasser im Überfluss. Ist dieser Luxus ein guter Tausch für die Wohnsituation?

mühsamer Frischwasser-Transport

mühsamer Frischwasser-Transport

 

Frischwasser-Zapfstelle mit dem Festland im Hintergrund

Frischwasser-Zapfstelle mit dem Festland im Hintergrund

Eine Kanalisation existiert auf Nargana nicht. Die Häuser am Saum der Insel haben ein Plumps-Klo direkt ins Meer. Die Bewohner in der Mitte müssen den Nachbarn fragen oder eines der Gemeinschafts-Klos benutzen.
Der Wert eines Hauses setzt sich auf der ganzen Welt aus der Lage, der Lage und der Lage zusammen.
Dass die Lagune nicht zur Kloake wird, ist Ebbe und Flut zu danken und dass nur ein paar Hundert Menschen auf Nargana wohnen.

Reihen-Toiletten

Reihen-Toiletten

Plastikmüll wohin das Auge schweift. Es kommt viel Müll über die weite Karibik angetrieben und steckt in der Sackgasse Panama fest. Mit dem hausgemachten Plastikmüll wissen die Kuna nicht wohin. Das Hinterland ist frei von Städten, Mülldeponien und Straßen. Nur die Kuna siedeln am östlichen Küstenstreifen Panamas.
Der Wohlstandsmüll ist in dieser Welt, ihrer heilen Fischer-Welt nicht vorgesehen. In einer Welt in der es bislang nur Palmenwedel-Müll und Kokos-Schalen gab.
Also wird das Plastik in die Mangroven geworfen.

Müll-Katastrophe

Müll-Katastrophe

Weihnachts-Krippe

Weihnachts-Krippe

Für uns, die wir einfach den Anker lichten können, erscheint Nargana wie ein Desaster, was den Untergang der Welt nicht besser symbolisieren kann.

Wem diese Bilder zu düster sind, den möchte ich auf die Beiträge der letzten Tage verweisen, dort habe ich die Fotos der schönsten Seiten der San Blas Inseln nachgefügt.
Und mit diesen Ausblicken möchten wir Euch einen guten Rutsch in ein hervorragendes Jahr 2018 wünschen. Lebt großartig, bleibt großartig.

Was bedeutet Langfahrtsegeln?

Do., 28.12.17, Panama/Olosicuidup, Tag 1307, 12.224 sm von HH
Es gibt einen doofen Spruch: „Langfahrtsegeln bedeutet an den schönsten Ankerplätzen sein Schiff zu reparieren.“ Wir möchten auch zu dieser Familie gehören. Am wahrscheinlich schönsten Ankerplatz der westlichen Karibik nähen wir das alte Dinghy Cover passend für das neue Dinghy zurecht. Es ist unnötig zu betonen, dass nicht ein einziges Loch für die Griffe an der richtigen Stelle sitzt. Alle Griff-Löcher müssen neu. Und die hinteren Schwänze müssen komplett neu gestaltet werden. Es ist fast so viel Arbeit wie ein neues Dinghy-Cover zu nähen. Aber nach 2,5 Tagen haben wir es geschafft.
Unsere Kuna Familie feiert ebenfalls Weihnachten. Allerdings ohne Vater und Onkel. Die setzten sich Heiligabend in ein Kanu und segeln dem Sonnenuntergang entgegen. Erst nach zwei Tagen tauchen sie wieder auf. Die Mutter, die sonst nur in halber Kuna Tracht ihrer Arbeit nachgeht (ab und an spähen wir etwas indiskret mit dem Fernglas rüber), schmeißt sich in ihr volles Outfit: Puderbluse mit Mola, Rock und Arme und Beine mit Ketten umwickelt. Die Kinder rufen uns vom Strand ein ‚Feliz Navidad‘ zu, dann wird ein Feuer entzündet. Das Teenager-Mädchen stellt die Geschwister in Reih und Glied, schießt mit dem Handy ein Foto. Ganz normale Weihnachten irgendwie. Und dann schalt auch noch die Melodie „Stille Nacht, Heilige Nacht“ laut gesungen zu uns rüber.
Die Familie ist auch weniger einsam als man denken mag. Fast täglich kommen ein, zwei Kanus vorbei, mal gepaddelt, mal mit Außenborder. Auf ein Schwätzchen oder zum Warentausch. Bier, Rum und Zigaretten werden gehandelt. Auch uns bietet man etwas zum Kauf.
Wie wir auf einer anderen Insel gelernt haben, gehört so eine Insel bis zu fünfzig Familien. Im Wechsel darf die Insel bewohnt und bewirtschaftet werden. Ein einfaches Leben. Strom gibt es keinen. Das Familien-Handy wird zum Aufladen zu uns gebracht. Nach Sonnenuntergang sieht man noch mal eine LED-Taschenlampe blinken, aber ziemlich schnell ist Ruhe bei unseren Nachbarn.
Die Kinder spielen den ganzen Tag am Strand. Lesen und Schreiben zur Bedienung der App ‚Weihnachts-Fotos-für-Anfänger‘ lernt man hier freilich nicht. Aber auf den dicht besiedelten Inseln nahe dem Festland gibt es Schulen für die Kuna Kinder. Die großen Kinder gehen nach Panama City, wenn die Familie es sich leisten kann.
Bevor wir noch von unseren Kuna eingebürgert werden, ziehen wir Morgen weiter. Eine wunderschöne Woche liegt hinter uns. Stundenweise haben wir den Ankerplatz für uns ganz alleine. Das Wasser ist klar, die Korallen am Riff sind in tadellosem Zustand. Nur Fisch sucht man vergeblich. Der ist bereits vor langer Zeit harpuniert worden. Die Kuna müssen ans Außenriff, um noch fündig zu werden.
Unsere frischen Sachen sind bis auf ein paar Zwiebeln und Kartoffeln verbraucht. Nachschub ist hier nicht zu bekommen und uns interessiert eine der ‚richtig‘ bewohnten Inseln.

Oh, du fröhliche – Oh, du selige

So., Heiligabend 2017, Panama/Olosicuidup, Tag 1303, 12.224 sm von HH
Gnaden bringende Weihnachtszeit, sagt deutsches Liedgut. Wir beginnen den Tag mit einem Mord, genauer gesagt mit einem Doppelmord. Unser Kuna Nachbar hat geliefert.
Dabei sah es mit zuerst gar nicht so aus, als ob sich Papa Kuna noch an unsere Langusten-Bestellung erinnern würde. Wir ankern genau vor den beiden Kuna-Hütten. So nah, dass wir die Kinder lachen hören können. Vier Kinder zwischen drei und zehn Jahren, plus ein Teenager-Mädchen, Mama und Papa und ein weiterer erwachsener Mann, dessen Rolle im ‚Vater-Mutter-Kind‘ Klischee nicht zu erkennen ist. Vielleicht ein Onkel. Vater und Onkel holen morgens das Kanu vom Strand und paddeln Richtung Außenriff. Gegen Wind und Welle. Total mutig, wie wir finden. Die Brandung ist nicht ohne und den wackeligen Einbäumen würden wir nur schwer vertrauen. Nach ein paar Stunden kommen sie zurück gesegelt. Die Einbäume haben weder Kiel noch Ruder und sind eigentlich unsegelbar. Die Kuna Männer beweisen uns etwas anderes. Wenn sie genug gefangen haben, bieten zu uns Fisch zum Verkauf, der Rest ist Eigenbedarf. Heute Morgen tut sich am Nachbarstrand nichts. Unruhig beobachten wir, das Kanu bleibt in seiner Garage. Im Geiste gehen wir unsere Alternativen zu köstlicher Languste durch. Armselige Alternativen: Kürbiseintopf mit Linsen oder Labskaus ohne Rote Bete. Nur Ei und Gewürzgurken sind noch an Bord. Da kommt doch das Kanu auf uns zu. Nanu? Vier Langusten liegen im Einbaum. Wo hat Papa Kuna die denn so schnell her? Eine ist riesig, wir wählen zwei gleich große für zehn Dollar pro Stück. An den Antennen reicht unser Nachbar die Tiere rüber. Widerstandslos lassen sie sich in einen Eimer stecken. Sie leben aber, ihre Kiemen bewegen sich.
Es dauert seine Zeit, bis das Wasser in unserem größten Topf zu kochen beginnt. Genug Zeit einen Schuldigen zu suchen, der die Biester kopfüber ins Wasser stopfen wird. Ich will mit dem Mord nichts zu tun haben. Männersache. Achim hat ebenfalls Hemmungen, aber als ganzer Kerl, übernimmt er den Job.
Oh Gott, oh Gott, Gnaden bringende Weihnachtszeit. Drauf gepfiffen. Die erste Languste ist fällig. Mit dem Schwanz schlagend, zeigt sie beim heraus heben aus dem Eimer ihren Unwillen an. Achim zieht es durch: Deckel hoch, Languste ein, Ruhe. Nummero zwei erleidet das gleiche Schicksal. Der Rest ist dann einfach. Vom Kopf die Fühler abdrehen und vom Schwanz den Kopf abdrehen. Die Schwänze teilt Achim längs mit der Machete und das köstliche Fleisch löst sich problemlos vom Panzer. Mit einer Häkel-Nadel bekomme ich das Fleisch aus den Fühlern. Groß-ar-tig. Vor uns liegt ein Pfund feinste Languste. Die gibt es nachher mit Spaghetti und einem trockenen Roten aus Chile. Aus dem Tetrapack. Wir freuen uns auf den Schmaus, aber die Tötung ist nicht so recht was für uns, das werden wohl unsere letzten Langusten sein.
Wir wünschen allen Lesern ein köstliches Weihnachtsmahl, fröhliche Weihnachten und besinnliche Stunden mit der Familie und Freunden.

Dup – Dup – DupDup – Dup – Dup

Fr., 22.Dez.17, Panama/Olosicuidup, Tag 1301, 12.224 sm von HH Dup ist Kuna und bedeutet Insel. Wir sind weiter gezogen: Nuinudup, Olosicuidup und Guariadup. Wer mag, hat jeden Tag eine andere Insel. Die Entfernungen sind kurz. Fünfzehn Meilen, fünf Meilen, eine Meile oder nur dreihundert Meter. Für zwei Meilen lohnt es sich nicht die Segel hoch zu ziehen. Zumal es im Zick-Zack um die Inseln geht. Die Navigation ist heikel: Zwischen den Inseln liegen tückische Riffe und langgestreckte Lagunen. Durch schmale Kanäle tasten wir uns vorwärts. Links, keine hundert Meter neben uns, schäumt die Brandung warnend am Riff auf. Rechts wechselt tiefes Blau mit gefährlichem Türkis. Zum Glück gibt es den ‚Bauhaus‘. Erik Bauhaus ist Deutscher und der Autor der ‚Panama-Bibel‘. „Halte dich religiös an seine Wegpunkte, dann kann nichts passieren“, wird uns empfohlen. Ein großartiger Revier-Führer, der die Navigation in den San Blas Inseln ‚einfach‘ macht. Trotzdem ist es schön, die Sonne im Rücken zu haben, dann können wir Untiefen selber gut erkennen. Die Inseln liegen in kleinen Gruppen, den sogenannten Cays, auf einem Haufen. Sobald man eine Gruppe verlassen hat, tauchen am Horizont schon die nächsten Inseln auf. Wie flach rasierte Bubi-Köpfe stehen sie struppig in der Kimm. Fünfzehn Meilen sind es heute zu den Coco Bandera Cays gewesen. Der Nord-Ost-Passat macht was er soll, er kommt stabil aus Nord-Ost. Wir segeln hoch am Wind, aber wenig Welle und vier bis fünf Windstärken machen den Trip zum Segel-Traum. Die Coco Bandera Cays ist eine Gruppe aus sechs winzigen Inseln. „Diese Cays sind von Atem raubender Schönheit“, sagt Bauhaus. Und Recht hat er. Das Farbenspiel ist an Liebreiz nicht zu übertreffen. Es ist fast zu schön, um von dieser Welt zu sein. „So viel Schönheit lockt bestimmt die Yachten in Scharen an, ob wir überhaupt einen Platz finden werden?“, waren unsere Befürchtungen. Wir finden nur einen Katamaran am Ankerplatz vor. Wir sind überrascht, haben sich an den anderen Plätze doch durchaus zwei Dutzend Yachten eingefunden. Vielleicht ist es vielen zu abgelegen hier, um Weihnachten zu verbringen. Wir haben ganz schwach Internet, für eine What’s app ohne Bilder reicht es grade eben. Für viele scheinbar zu wenig Kontakt zur Außenwelt. Olosicuidup ist bewohnt von einer Kuna Familie. Papa Kuna kommt mit seinem Einbaum längsseits: „Wollt ihr Langusten?“ Wir schauen uns an. „Geht auch in zwei Tagen, an Heiligabend?“ Papa Kuna nickt.“ Okay, wir nehmen zwei“.

San Blas – Guna Yala

Di., 19.Dez.17, Panama/Uchutupu Dummat, Tag 1298, 12.224 sm von HH
Wer schon immer mal wissen wollte, wo die kitschigen Foto-Tapeten herkommen: Sie stammen von den San Blas Inseln!
Besser kann man sich eine Landschaft nicht ausdenken: Kleine Inseln liegen im Meer verstreut wie Sommersprossen in einem lachenden Gesicht. Azurblauer Himmel, das Meer schimmert, wie sich das gehört, in allen Tönen türkis. Auf den winzigen Inselchen wiegen Kokos-Palmen ihre grünen Wedel im Passat. Der weiße Strand ist Backpulver fein. Am Horizont bricht sich mit viel Schaum die anrollende See. Wie ein weißes Spitzenband legt sich die Gischt am Außenriff ins tiefe Blau.
Ein Postkarten-Idyll. An jeder Ecke schreit es nach Bacardi-Feeling. Ein Traum.
Wir ankern auf fünf Meter Wassertiefe direkt vor einer dieser Insel. Uchutupu Dummat heißt sie in der Sprache der Kuna. Das ist noch einer der leichteren Namen. Den Kuna gehören die San Blas Inseln oder ‚Guna Yala‘, wie sie in ihrer Sprache heißen. Vor gut einhundert Jahren haben sich die Ureinwohner Panamas ihr autonomes Territorium blutig erkämpft. Die Kuna haben sich in einer Revolte gegen Panama aufgelehnt und gewonnen. Sie dürfen sich selbst verwalten solange sie die Hoheit Panamas anerkennen. Aufgrund einer Änderung der Verfassung Panamas haben sie seit 1983 das Recht auf eine eigene Vertretung in Parlament von Panama.
Es gibt 365 Inseln in Guna Yala, aber nur gut 50 sind dauerhaft von den Kuna bewohnt. Trotzdem stehen auf den meisten Inseln ein paar windschiefe Hütten. Die Kunas nutzen diese Hütten, wenn sie zur Kokosnuss-Ernte anreisen. Eine wichtige Einnahmequelle. Es ist uns Touristen verboten die Nüsse zu sammeln. Sie gehören ausnahmslos den Kunas. Doch die Zeiten im Kokosnuss-Geschäft sind schwierig, grad noch 40 Cent werden pro Nuss gezahlt.
Uchutupu Dummat ist eine Touristen-Insel. Sie gehört fünf Familien, die sich die Erträge aus dem Geschäft mit den Gästen teilen. In bescheidenen Cabanas können Touristen vom Festland übernachten und Robinson und Freitag spielen. Das dazugehörige Restaurant bietet drei schlichte Mahlzeiten: Fisch, Languste oder Huhn. Aus einer Stereoanlage schallt Pink Floyd. „Die Musik kommt direkt von ‚you tube‘, ich streame“, erklärt uns Aaron, der das Restaurant leitet. „Huch, hier gibt es Internet?“, wir sind überrascht. „Ja klar, ich habe eine Flat-Rate, ich bin Geschäftsmann“, jubelt Aaron in gutem Englisch.
Die Kunas sind sehr auf die Erhaltung ihrer Traditionen bedacht, dem Modernen gegenüber trotzdem offen. Dies führt zu einem buntem Mix zweier Welten. Die Häuser der Familien, traditionell mit Palmenwedeln gedeckt, zieren große Solar-Paneele. Die urigen Kanus, als Einbäume im Wald geschlagen und ausgehöhlt, liegen einträchtig neben Holzkähnen mit PS-starken Außenbordern. Eine junge Frau trägt stilbewusst die Kuna-Tracht zum Smart-Phone. Zu einer quietsch-bunten Bluse mit Puff-Ärmeln wird ein knielanger Wickelrock getragen, dessen Muster weder zur Bluse noch zu den aufgenähten Molas passen wollen. Die Arme und Beine sind eng mit Ketten aus bunten Perlen umwickelt. Das schwarze Haar ist kurz und die Frisur durch einen Art ‚Piss-Pott-Schnitt‘ recht uneuropäisch.
Aaron mag eine Flat-Rate haben, das Internet, was wir mit unserer Sim-Karte empfangen, ist langsamer als ein berittener Bote. Auf den falschen Anbieter gesetzt, lautet die Diagnose. Die Fotos zum Beweis, dass wir in einer Bounty-Werbung wohnen, müssen somit noch etwas warten.

Auf, auf, Richtung San Blas Inseln

Sa., 16.Dez.17, Panama, Puerto Lindo, Tag 1295, 12.217 sm von HH

Unser neues Dinghy liegt an Deck. Es ist ein wenig anders geformt und will sich nicht ganz so geschmeidig in das Dreieck im Bug einfügen. Damit es passt, hat Achim kurzerhand die Dorade-Lüfter samt Bügel abmontiert. Metallplatten, um die Lüfter-Öffnungen zu verschließen, hatten wir an Bord. Als Dichtung hat er einen alten Fender genommen, den er auf der Werft gefunden hat.
Die Bügel sind lästig zu verstauen, also schraubt Achim sie einfach über die Dorade-Lüfter mittschiffs.

Versetzte Bügel über den Dorade Lüftern

Versetzte Bügel über den Dorade Lüftern – jetzt mittschiffs

 

Das alte Dinghy haben wir Guido da gelassen. Guido erledigt Schweißarbeiten, übernimmt Reparaturen jeder Art und verkauft in einem kleinen Laden allerlei Schiffs-Kram auf Kommission. Beim Verkauf unseres Schlaubootes bekommt er 20 Prozent Provision.
Ich vermute, wir sehen da nie einen Euro, Achim glaubt an das Gute im Menschen.

Mit einer Woche Verzögerung hauen wir nun heute Abend wirklich ab aus Puerto Lindo.
Unsere frischen Vorräte, die wir aus Kolumbien mitgebracht haben, sind fast verbraucht. Ein letztes Stück Käse und ein paar Salami-Scheiben verlieren sich im Kühlschrank.

Die Versorgung mit Nachschub in Portobelo ist gescheitert.
Die fünf „Mini-Super“, wie die, von Chinesen geführten, Läden genannt werden, haben nur Dosen, getrocknete Bohnen und schlappriges Toastbrot. Mit Glück ergattert man die vier letzten Tomaten neben einer überreifen Ananas.
In Gefriertruhen, groß wie ein Kleinwagen, liegen ein paar Tüten mit undefinierbar zusammen geklumpten Fleisch. Nein, danke!

Von einem frischen Huhn bekomme ich die Brust, mehr ist in Portobelo nicht zu kriegen.
Auf dem Rückweg stoße ich auf den Gemüse-Truck. Somit haben wir für einige Tage Grünzeug und ein paar Bananen. Die bedenkliche Völlerei an Weihnachten ist nicht zu befürchten.
(Übrigens kommt die Fledermaus nur an Bord, wenn Bananen auf dem Dampfer sind – alles andere wird verschmäht. Wir decken die Bananen jetzt mit einem Geschirrtuch zu, dann flattert sie dreimal traurig durch den Salon und verschwindet in der dunklen Nacht.)

Die San Blas Inseln sind eine zweihundert Kilometer lange Kette von winzigen Inseln und Inselchen.
365 Inseln, die nah der Küste Panamas vorgelagert sind.
Fisch, Langusten und Kokosnüsse kann man dort kaufen, mehr wohl nicht.

Auf die San Blas Inseln werden Handy- und Internet-Junkies zum Ausnüchtern geschickt.
Empfang mit der örtlichen Sim-Karte ist nur auf wenigen Touristen-Inseln möglich.
Wir können natürlich wie immer über Kurzwelle unsere Berichte posten.

Am 5. Januar ‚müssen‘ wir in Colon am Kanal-Eingang sein.
Dort haben wir einen Termin mit einem Vermesser der Kanal-Gesellschaft. Der kommt an Bord, um die exakte Länge von Atanga zu ermitteln.
Wozu? Keiner weiß es so genau. Die Länge steht in den Schiffspapieren und auf zehn Zentimeter wird es wohl nicht ankommen. Zumal bis 50 Feet Schiffslänge ein Einheitspreis für den Kanal verlangt wird. Der Vermesser ist allerdings nur die Spitze des Eisberges, der ‚Panama-Kanal‘ heißt.

Caribe – L8

Di./Mi., 12./13.Dez.17, Panama, Puerto Lindo, Tag 1292/3, 12.217 sm von HH

So heißt unser Weihnachtsgeschenk.
Die Nachricht, dass der Kreditkarten-Leser von Käpt’n Jack wieder funktioniert, überrascht uns beim Polieren. Kurzentschlossen machen wir den Nachmittag frei, setzten wir uns ins Taxi und fahren bis Portobelo.
Der ominöse Jack entpuppt sich als älterer Amerikaner und Chef über ein hübsches Restaurant mit Hotel.

Rodrigo ist pünktlich. Im Auto liegt unser Dinghy. Zu erkennen ist nichts. Im Grunde kaufen wir einen Plastik-Kokon für 3.000 USD.

Die Schlauch-Katze im Sack

Die Schlauch-Katze im Sack

Auf diesen fixen Preis – inklusive Lieferung und Gebühren (für Jack) – haben wir uns mit ihm im Vorwege geeinigt. Rodrigo startet noch einen Versuch drei Prozent Kreditkartengebühr aufzuschlagen. Ein Blick in Achims Gesicht lässt ihn verstummen. Fixpreis ist Fixpreis – Deal ist Deal, Nachverhandeln ausgeschlossen.

Der Kokon entblättert unseren neuen Schmetterling: unser erstes Marken-Schlauchboot. Von No-Name haben wir die Nase voll. Das erste (ein AWN Hyperlon) war uns auf den Kap Verden geplatzt. Dort hatten wir keine Wahl und mussten nehmen, was es gab. Keine zwei Jahre ist das her, schon ärgerlich.
Wer billig kauft, kauft zweimal.

Das neue Dinghy ist etwas kürzer, hat aber breitere Schläuche. Irgendwie ein schwimmender Quadratmeter. Und es hat ebenfalls einen festen Boden, GFK diesmal, statt Alu.

Danke, lieber Weihnachtsmann, dich können wir echt weiter empfehlen.
Und Rodrigo von SukiMotor/Panama bekommt ebenfalls den Daumen hoch. Seine Preise, Zuverlässigkeit und Kreativität sind absolut in Ordnung.
Als letzter bekommt Achim von mir das Prädikat ‚besonders wertvoll‘. Alle Verhandlungen, Verabredungen und Vereinbarungen mit Rodrigo liefen auf Spanisch. Über what’s app, mal geschrieben, mal als what’s app-Telefonie. Bestimmt hundert Messages liefen hin- und her.
Großartig gemacht, Skipper. :-)

Das richtige Logo kommt zum Vorschein

Das richtige Logo kommt zum Vorschein

 

Am nächsten Tag beenden wir unsere Arbeiten und werden ebenso umsichtig ins Wasser zurück getragen, wie vor ein paar Tagen raus.
Das Wetter war auf unserer Seite, es hat nur nachts und beim Dinghy Transport geregnet. Atanga sieht phantastisch aus. Wir sind happy und versöhnt mit dem üblen Empfang, den Panama uns bereitet hat.

Schickes Schiff, schickes Schlauchboot

Schickes Schiff, schickes Schlauchboot