Monatsarchive: Juni 2012

Segelreporter.com

So ziemlich seit Beginn unserer Reise berichtet der Segelreporter vornehmlich über all den Schabernack, den wir an Bord treiben. Im Februar 2012 durften wir auf der boot Messe in Düsseldorf dann endlich den Mann kennen lernen, der aus unseren Bildern immer so tolle Geschichten bastelt.

Carsten Kemmling

Carsten Kemmling

Carsten Kemmling konnte als Vollblutjournalist natürlich nicht die Gusche halten und hat zusammen mit Andreas John dann auch gleich die Gelegenheit genutzt, uns Mikrofon und Kamera vor die Nase zu halten. Auf YouTube gibt es dieknallhart ungeschnittene maxi-extended Version vom letzten Tag zweier ausgelaugter Seemännern im Meer der besser situierten Messe-Segler.

Segeln ist cool, faszinierend, vielseitig. SegelReporter berichtet, erklärt, steckt an.

Andreas John

Andreas John

Das finden wir auch, deshalb schaut doch öfter mal auf der Seite SegelReporter.com vorbei. Auf der Facebook-Seite verpasst ihr dann auch kein Bild mehr von segelnden Bikinimietzen, spektakulären Unfällen und natürlich uns!

Und jetzt viel Spaß mit dem zweiteiligen Interview-Marathon:


Eine 35 (km/)h Zugfahrt in Indien

Menschen, Menschen, Menschen

Ich liege auf einer kleinen Pritsche in zwei Metern Höhe. Meine Füße hängen heraus und mein Körper wird ordentlich durchgeschüttelt. Nicht so, dass ich Angst hätte aus dem schmutzigen Bett zu fallen, aber doch genug, um nicht richtig einschlafen zu können. Ich wünschte es wäre dunkel. Doch leider haben die Menschen unter mir vergessen das Licht auszumachen und ich möchte nicht schon wieder mein Hemd auf dem Weg nach unten durchschwitzen, das gerade zum vierten Mal getrocknet ist und schon steht, Dank einer dicken Salzkruste. Es sind geschlagene 43 Grad Außentemperatur um ein Uhr nachts und trotz der bereits 24-stündigen Zugfahrt im nichtklimatisierten „Grand-Trunk-Express“ (wobei das „Express“ nur ironisch gemeint sein kann…), liegen noch zehn Stunden vor uns.

Irgendwie vergeht die kurze Nacht schließlich doch und schon beginnt wieder der Alltag im Zug von Chennai nach Neu Delhi. Menschen mit Sitzplätzen steigen über Menschen ohne Sitzplätze, um sich die Zähne putzen zu gehen. Alle fünf Minuten schleppt ein Zugbegleiter entweder riesige Körbe mit Wasserflaschen, Kisten mit Chicken Tandoori oder andere schwere Dinge durch die überfüllten Gänge. Dazu brüllt er pausenlos den Namen seiner feilgebotenen Waren in einer Lautstärke, die den Fahrtlärm noch zu übertönen vermag. Während der unzähligen Stopps steigen weitere Händler ohne Uniform dazu. Sie müssen ihre Bananen, Kokosnüssen oder Gurken innerhalb eines Halts unter die Menschen bringen, ohne sich jedoch von den Menschen mit Uniform erwischen zu lassen. Kreuzen sich ihre Wege aber zufällig, entspringt eine Diskussion, deren Lautstärke wahrscheinlich noch im Zugwagen zu vernehmen ist. Dazu gesellen sich gelegentlich schwer bewaffnete Polizisten.

Abschied von neuen Freunden

Wir sind Dank unserem Rostocker Besuch glücklicherweise zu dritt und machen, was drei Leute mit viel Zeit in einem hinduistischen Zug eben tun: Rummischen aus Cola-Flaschen trinken, Zigaretten auf der Toilette rauchen und Skat spielen.
Mutige Männer fragen uns nach unserer Herkunft, junge Frauen werfen uns verstohlene Blicke zu und nur die drei Kinder neben uns fangen eine längere Unterhaltung mit uns an. Wir bestellen zwei Tüten Popcorn bei einem ohne Uniform für unsere Sechsergruppe und bekommen als Dank von der indischen Hälfte noch süße Kekse angeboten. Kartentricks lassen Kinderaugen leuchten und unsere mangelnden Sprachkenntnisse ufern in großes Gelächter aus.

Die Sailing Conductors + Eric vor dem Taj Mahal

Schließlich steigen wir ziemlich gerädert aber glücklich mit hunderten anderen Pilgern um zwei Uhr nachts in Agra aus. Jetzt müssen wir nur noch eine billige Bleibe suchen und dann dürfen wir morgen endlich zum zehnfachen regulären Eintrittspreis das Taj Mahal besichtigen. Touristen zahlen hier eben mehr und Kühe weiden auf der Straße im Müll.

Ich bin dann mal weg

Photo: cc C.Schultz

luscious friday

DesTopNews 2012-25

Süllt – ist das nicht!

Jester Azores Challenge 2012 #2

ARRIVALS 19th june 2012

12. Basil Panakis in Jaba
11. Andy Lane in Bula
10. John Apps in Glayva
9. James Stock in Fly
8. Howard Chivers in Sandpiper
7. Nick Bridges in Dolphin
6. Thomas Jucker in Marta
5. Denis Gorman in Lizzie-G
4. Paul Mead in Independence 2
3. Tony Head in Triple Venture
2. Roger Fitzgerald in Ella Trout III
1. John Margarson in Muffin

AT SEA

Latest known positions and messages/news:
Edward Zajac in Holly: “Dear Eric, Holly’s position from 18.06.2012 1548: 41º33’.5′N; 12º 4’.5′W Best greetings, Marek”
Trevor Leek in Jester:
Nigel Stillman in Greta L:
Tim McCoy in China Blue:

RETIREMENTS

Chris Garbett in Jasabe
David Knowler in Headway III
Bill Churchouse in Belgean
Peter Pochon in Merganiser Too
Howard Brown in Mary Ellen
Jonathan Hopper in Francesca
Peter Evans in Federwolke
Ken Docherty in Solo
Tony Stattersfield in Contessina
Paul Turner in Lasten
Philippe Hautfenne in Libid’eau
Jean-Jacques Lassale in Grigou
Chris Cowlard in Roulette

reported from Ewen Southby-Tailyour UK

101 Roti in 14 Tagen – Sri Lanka

Ich sitze in einem Café in Colombo und unter meinem Tisch ist gerade eine Ratte langgelaufen. Das Mädchen gegenüber schaut zu mir, sie hat die Ratte also auch gesehen. Sie hat dunkle Augen und noch dunkleres Haar. Ich blicke einen Moment zu spät nach hinten und kann nur noch einen langen Schwanz um die Ecke verschwinden sehen. Das war also kein so niedliches Exemplar wie unsere ehemalige Bordratte Rudolf… Jedes Land hat seine Eigenheiten, ob gut oder schlecht liegt wohl im Auge des Betrachters.


Bleiben wir noch eine Weile in diesem Café. Oder meinetwegen auch in einem anderen Café in Galle. Morgens und abends zieht es uns in diese stets rustikalen, für den Europäer nur im Grade des anscheinenden Verfalls unterscheidbaren Etablissements mit ihrem immer gleichen Angebot an Speisen: Roti mit Gemüse, Roti mit Ei, Roti mit Hühnchen und Roti ohne alles. Diese handlichen Teigrollen oder –ecken ähneln dem deutschen Eierkuchen, sind nur ohne Eier zubereitet. Vor Benni und mir steht dann also ein Tablett mit circa zehn Roti aus den oben genannten Kategorien. Daneben ein Glas Wasser, daneben eine Cola, weil wir das Wasser nicht trinken, daneben Chili- und Currysaucen und schließlich ein Serviettenhalter mit Zeitungspapier. Das macht 2 Seemänner satt und bei einem Preis von 1,50 Euro pro Person auch glücklich!

Sicherheitsbeamte am Hafeneingang

Vollgestopft machen wir uns auf unserem Roller auf den Nachhauseweg. Das Spirituosengeschäft hat nach neun Uhr leider nicht mehr geöffnet, also gibt es heute kein Bier auf dem Vorschiff. Am Eingang zum Hafen wartet dann schon wieder eine Armada aus Sicherheitsbeamten auf uns. Den ganzen Tag stehen sich dort fünf bis sieben Personen in Schichten professionell die Beine in den Bauch. Klar wird einem da langweilig und man fängt an die Segler zu gängeln. „Was hast Du da im Rucksack?“ – „Nichts.“ – „Kein Bier? Zigaretten?“ – „Nein, wir haben heute nur ein Seil für unser Boot gekauft.“ – „Hast du dafür eine Erlaubnis?“ – „Nein, brauch ich die etwa? Ist schließlich ein Seil und kein Sprengstoff…“ – „Ja, geh zu deinem Agenten und hol’ dir eine Erlaubnis. Oder hast du Whiskey?“ – „Nein… ich geh dann mal zu meinem Agenten, ja?!“ Fünf gestempelte Seiten und eine halbe Stunde später, dürfen wir dann die Schranke passieren. Allerdings ohne Roller. Der muss draußen bleiben, schließlich haben wir keine Erlaubnis dafür. Wir gehen noch eine viertel Stunde durch das verlassene Hafengelände, bis wir schließlich unsere Heimatbasis erreichen und müde in die Kojen fallen.

Fliegender Juwelier

Am nächsten Morgen werden wir unsanft von Geschrei auf dem Steg geweckt. Da steht ein hagerer alter Mann im weißen Kleid und wedelt mit einer Plastiktüte. Obwohl er so viele bunte Stempel in seinem Heft hat, die beweisen, dass er staatlich anerkannter Goldschmied ist, können wir uns für 75 Euro trotzdem keine Goldringe mit riesigen Klunkern leisten. Versuch das mal einem armen Mann beizubringen, wenn hinter dir deine Segelyacht steht…

Wir flüchten zum Frühstück, nicht ohne vorher am Hafenausgang wieder von den Sicherheitsbeamten gegängelt zu werden und bestellen das Übliche. Morgens steht da anstatt einer Cola dann Kaffee. Und spätestens jetzt sind alle Anstrengungen wieder vergessen: Morgens bei einem guten Schluck Kaffee mit den Augen auf der Brandung am Strand einfach die Seele baum… pfui Teufel! Och nö, ich hab vergessen „Ohne Milch und Zucker!“ zu sagen…

Jester Azores Challenge 2012

IMMER AUF DIE NASE
Die ersten zehn Skipper der Jester Azores Challenge 2012 sind in Terceira eingetroffen. Unter ihnen auch der Schweizer Thomas Jucker (59), der bereits an der Jester Challenge 2010 von England nach Newport in den USA teilgenommen und dabei den fünften Platz belegt hatte. Thomas Jucker hat 13 Mal den Atlantik mit Yachten überquert und umsegelte zusammen mit seiner Frau in einem selbstgebauten Holzboot die Welt.

Hier sein Bericht von der Jester Azores Challenge 2012:

So hatten sich die Teilnehmer die Fahrt zu den Azoren nicht vorgestellt: Zwei Wochen hoch am Wind, tagelang kreuzen, viel Wind und hohe Wellen, die den kleinen Schiffen das Vorwärtskommen zeitweise fast umöglich machten.

„Wo sind die lauen Azoren-Winde geblieben?“, fragte Roger Fitzgerald von der „Ella-Trout“ in einer Email gegen Ende der zweiten Woche der Regatta. „Seit dem Start segeln wir gegen den Wind“, konstatierte Fitzgerald, „wir leben in einer Kiste die mehr als 20 Grad Lage schiebt und wild in alle Richtungen hüpft. Man schafft es nur mit Mühe eine anständige Tasse Tee zu brauen, und eigentlich ist der einzige sichere Ort an Bord die Koje.“

Roger  Fitzgerald ist mit seinen 75 Jahren der älteste Teilnehmer an dieser Regatta, gleichzeitig ist er aber auch einer der härtesten Segler in der Gruppe. Während der Jester-Challenge 2010 (von England nach den USA) erkrankte er schwer und kam nur dank starker Antibiotika über die Runden. Zudem hatte er damals grosse Probleme mit dem Rigg seiner Dehler 29 und musste dauernd damit rechnen den Mast zu verlieren. Doch Roger segelte verbissen und knallhart weiter und enterte sogar trotz hohem Fieber mitten im Nordatlantik in den Mast. Er wurde damals dritter – diesmal kam er sogar als Zweiter an. Ein Segler also, der sich nicht so leicht beklagt.

Da liegt meine Klage-Schwelle schon deutlich tiefer: Ich fand meine 16 Tage dauernde Fahrt von Plymouth nach Praia da Vitoria auf Terceira schlicht grässlich. Ein normales Bordleben war fast unmöglich und eine warme Mahlzeit herzustellen brauchte etwa gleich viel Energie wie einem das Essen am Ende zuführte – ich habe denn auch vier Kilo abgenommen. Und während ich mich an mein Schiff krallte, das unablässig in die steile Seite der Wellen krachte und nur mühsam voran kam, wanderten meine Gedanken unweigerlich zu jenen Männern, die eine solche Tortur nicht nur wochen- sondern monatelang erduldet haben. Als erstes zu Chay Blyht, der 1971 mit seiner 59 Fuss langen British Steel als Erster NONSTOP gegen den Wind,  um die Welt segelte; oder zum Franzosen Jean Luc Van Den Heede, der die Erde mit seiner 25.60 m langen Aluyacht ebenfalls in Ost-West-Richtung umsegelte und mit 122 Tagen und 14 Stunden den Rekord für diese Fahrt bis heute inne hat.

Und natürlich kam mir der Wilfried Erdmann in den Sinn, der mit seiner nur 10.20 m langen Alusloop „Kathena Nui“ 2000/2001 die Erde auf dieser Route in 343 Tagen umrundet hat. Und während ich mit allergrösster Mühe einen Kaffee machte, von dem ich dann den grössten Teil in einer der nächsten Wellen verschüttete, drängte sich mir unweigerlich die Frage auf: Woraus sind Männer wie Erdmann oder Blyth gemacht? Gedanken, die in der Frage endeten: Warum nur tut man sich Sowas an?   Über Van de Hede schrieb die Segelzeitschrift „Voile et Voiliers“ in einem Portrait, er sei ein Masochist – doch dies ist kaum eine brauchbare Erklärung für seinen Durchhaltewillen.

Die Segler der Jester Challenge sind keine Masochisten. Sie hofften alle auf eine mehrheitlich schöne Reise; eine möglichst lockere Regatta, bei der man gemütlich kochen und auch mal einen schönen Sonnenuntergang geniessen könnte. Doch in ihren Positions-Meldungen erwähnen die Jester-Skipper ihren Frust kaum, sondern schrieben eher von technischen Probleme. Sie berichten von leckenden Schiffen, nassen Schlafsäcken und davon, dass man mit den maximal 30 Fuss Schiffen gegen derartigen Seegang kaum vom Fleck kommt.

Natürlich: wir wussten allesamt, dass es auch mies werden konnte – nur das Verhältnis von mies zu nett, darüber machten sich wohl alle falsche Hoffnungen.

Grosses Pech hatte John Margason (63) von der „Muffin“, einer schnellen Parker 30: Sein Mast brach oberhalb der oberen Saling. Der erfahrene John – er segelte vor Jahren mit einem selbstgebauten Katamaran rund die Welt – wollte diesmal unbedingt gewinnen. Bei der Jester 2010 (von Plymouth nach Newport, USA) hatte John´s Schiff in Führung liegend in einem Sturm mehrere Materialschäden erlitten. John musste damals aufgeben, weil sein Schiff leckte und er an Unterkühlung litt, von der er sich auch nach Tagen nicht erholt hatte. Zurück in England meinte er frustriert aber erleichtert: „Immerhin bin ich noch am Leben, und ich habe mein Schiff noch“. Bei der diesjährigen Jester lag John fast die gesamte Zeit in Führung, und er erreichte die Küste von Terceira mit einem enormen Vorsprung. Doch erneut hatte er kein Glück: 60  Seemeilen vor der Ziellinie kam in einer Gewitterfront der oberste Teil seines Mastes runter. Er legte darum die letzte Strecke unter Motor zurück und sitzt nun mit einem Schiff geknickten Mast in den Azoren fest.

Schäden, wenn auch weniger drastische, erlitten auch andere Teilnehmer. Wassertanks explodierten, Niederholer brachen und Segel rissen. Ich selbst hatte Glück: Mein Schiff, eine 16 Jahre alte Etap 30i (8.93 m über Deck), die ich nur sechs Wochen vor dem Start gekauft hatte, bewährte sich recht gut. Ich hatte in der Woche vor dem Start den Mast gelegt und neue Wanten, Unterwanten und ein neues Vorstag montiert, und ich hatte die etwas windig wirkende Selden Vorsegel-Reffanlage total zerlegt und überprüft. Schachpunkt des Schiffes sind die leider ziemlich alten Segel. Ich musste oft die Segelfläche übermässig reduzieren, weil ich befürchtete, dass die Tücher den Druck nicht aushalten würden.

Hervorragend wie immer segelte Tony Head (62) mit seiner Twister „Tripple Venture“. Toni nahm schon an der Azoren-Jester von 2008 teil, und er kam 2010 bei der USA-Jester als Vierter in Newport an. Der erfahrene Toni – er hat 17 Mal den Atlantik überquert – versteht enorm viel vom Wetter und hat immer ein klares Konzept für seine Routenplanung (während ich mich eher die Wetterverhältnissen anzupassen versuche und mich am Ende meist für meine schlechten Entscheidungen verfluche).

Nur eine halbe Stunde nach mir überquerte Nick Bridges (62) mit seiner Trapper 501 die Ziellinie. Auch Nick hatte schon an der Jester Azores Challenge 2008 teilgenommen, wo er den 9. Platz belegte. Auf der damaligen Rückreise nach England, die Nick mit seinem Sohn segelte, hatte er allerdings enormes Pech: Auf halber Strecke, also rund 600 Seemeilen von England entfernt, brach sein Ruder: „Wir hatten gar nicht viel Wind, als es plötzlich einfach weg war“, erzählt Nick. Ein erster Versuch ein Notruder aus dem Spinnakerbaum und einem Stück Sperrholz herzustellen, das er sich in der Inneneinrichtung seines Schiffes „ausgeliehen“ hatte, scheiterte. Zudem verschlechterte sich kurz darauf das Wetter. Glücklicherweise wehte der Wind das Schiff in Richtung England und so schaffte er es sein Schiff gut 400 Seemeilen weit nur mit den Segeln zu steuern. „Wir hatten während mehrerer Tage so viel Wind, dass wir gar keine Segel oben hatten. Später versuchten wir das Schiff unter Sturmfock mehr oder weniger Richtung England zu balancieren.“ Als der Wind abnahm steuerten Nick und sein Sohn tagelang mit den Segeln – insgesamt über eine Distanz von 400 Seemeilen. „Es war aber eigentlich nur eine halb kontrollierte Drift“, erzählt Nick lachend. Als schliesslich der Wind nur noch relativ schwach war, gelang der Bau eines etwas verbesserten Notruders mit dem das Vater-und-Sohn-Team schliesslich die Scilly Islands erreichten. „Wir hatten Glück, dass der Wind immer von achtern kam und uns in die richtige Richtung blies. Hätte er gedreht, wären wir auf den Atlantik hinausgeweht worden und hätten Hilfe anfordern müssen  – nur schon, weil unser Trinkwasser nicht für eine Extra-Woche gereicht hätte.“

Der Australier John Apps (64) erreichte bei der diesjährigen Jester Azores Challenge nach 21 Tagen als Zehnter die Insel Terceira. Auch er ist ein alter Hase der Jester-Regatten: John bestritt bereits die Azoren-Regatta von 2008  – an der übrigens 42 Schiffe teilnahmen, von denen 28 in Terceiera ankamen (die übrigen gaben auf und liefen Häfen in England, Irland, Frankreich oder Spanien an). John nahm aber auch an beiden Jester-Regatten nach Amerika in 2006 und 2010 teil. Im Jahr 2006 hatte er bereits übe die Hälfte der Strecke nach Newport geschafft, als er wegen Defekten umkehren musste. Doch der ehemalige Captain der australischen Armee und Vietnamkrieg-Veteran ist nicht einer, der schnell aufgibt. Und so startete er im Sommer 2007 erneut (bei der Jester gibt es keine Zeitlimits). John erreichte Newport schliesslich 410 Tage nach dem ersten Start (49 Tage nach seinem zweiten Start). Sein Rekord für die längste Jester-Zeit wurde aber im Jahr 2011 von Gui Waites überboten. Gui, der eine Contessa 26 segelte, hatte in der GB-USA-Jester von 2010 aufgeben müssen und war ebenfalls im Jahr darauf erneut gestartet, worauf er 425 Tage nach dem ersten Start in Newport eintraf. Sowohl Gui als auch John Apps – wie übrigens die meisten Jester-Teilnehmer – segelten ihre Schiffe auch wieder einhand zurück nach England. Wobei John Apps bei der Rückfahrt 2007 sein Steuerbord Unterwant brach. Er wendete sofort und so blieb sein Mast stehen. „Nun gut, sagte ich mir, der Mast steht noch und ich kann sogar mehr oder weniger in Richtung Osten segeln. Doch was ist wenn ich wenden muss?“ John hatte Glück: Der Wind dreht zu seinen Gunsten, und er blieb für den Rest der Reise günstig. „Es war wohl der Längste Steuerbordschlag in der Geschichte der Seefahrt“, lacht John, „ich segelte tatsächlich 2‘400 Seemeilen auf Steuerbord-Bug bis nach England, alles mit dem gebrochenen Unterwant. Hätte ich wenden oder Halsen müssen, wäre der Mast über Bord gegangen.“

Der Charme der Jester-Regatten liegt hauptsächlich darin, dass die Segler echte Amateure und ihre Schiffe ganz normale, meist alte Segelschiffe sind. Die Regatta ist damit für jeden Segler erreichbar, der ein Schiff zwischen 20 und 30 Fuss Länge besitzt. Um bei der Jester teilzunehmen muss man also weder eine Rennyacht besitzen, noch man muss ein unendlich harter Profisegler sein. Bei diesen Regatten gibt es keine  Startgebühr und keine Preise. Es gibt keine Sicherheits-Checks und keine Regeln. Eigentlich ist es nur eine lockere Abmachung zwischen ein paar Seglern: Wir starten um 12 Uhr beim Wellenbrecher in Plymouth und versuchen möglichst schnell in Terceira oder eben in Newport zu sein. Und obwohl die Jester Challenge eine Regatta ist, wollen die meisten Teilnehmer nicht um jeden Preis gewinnen, sondern sind schon zufrieden wenn sie sicher am Ziel ankommen. Wir sitzen also nicht Tag und Nacht im Cockpit und prügeln das Schiff voran, sondern verziehen uns vorzugsweise mit einem Buch in die Koje und lassen die Windfahnensteuerung die Arbeit machen. Natürlich versucht man, so gut wie möglich voran zu kommen; denn wer will schon als Letzter einlaufen? Doch es ist ein grosser Unterschied zwischen einen knallharten Segler, der täglich 19 bis 20 Stunden im Cockpit verbringt und einem, der versucht anständig voranzukommen, während er im Salon sitzt und liest. Ich lag bei der diesjährigen Jester alles in allem annähernd zehn der 16 Tage auf dem „Sofa“ oder sass verkeilt in einer Ecke des Salons mit einem Buch in der Hand. Ein Schiff vorantreiben, wie dies die richtigen Regatta-Segler, beispielsweise bei der Route de Rhum oder der unendlich harten Mini-Transat tun, würde ich nie aushalten. Ich empfand die  Jester Challenge 2012 auch so als unangenehm hart und schwierig. Die Fahrt war für mich in jedem Falle weit ausserhalb jener Bandbreite, in der ich Segeln noch als lustig empfinde.

PS. Vier der ersten zehn Schiffe in der Jester Challenge 2012 hatten eine Windpilot am Heck.

PPS. Am Sonntag, (17.06.12) lief als elfter Segler Andy Lane (62)  mit seiner „Bula“, einem 35 Jahre alten Quartertonner (7,5 m ü.D.), in Terceira ein. Auch Andys Geschichte bei den Jester-Fahrten ist ziemlich dramatisch. An der Regatta von 2010 (nach Newport / USA) war Andy mit „Amadeus“,  einem alten Minitransat-Schiff gestartet. Ziemlich genau 50 Seemeilen entfernt von der Stelle, an der die Titanic liegt, verlor Andy, an zweiter Stelle liegend, den Mast. Dieser riss nicht nur ein Loch ins Deck, sondern knackte auch die Schale des 6,50 m langen Schiffes, sodass Andy schliesslich sein Epirb  auslöste. Er wurde bei Winden in Sturmstärke von einem Frachter von seinem sinkenden Schiff geborgen.

Die Schiffe erreichten Praia da Vitoria auf der Insel Terceira in dieser Reihenfolge:

John Margason (63) in “Muffin” (Parker 30)
Roger Fitzgerald (75) in “Ella Trout II” (Dehler 29)
Tony Head (67) in „Triple Venture“(Twister)
Paul Mead (50) in “Independence 2” (SparkmanStephens / She 31b)
Denis Gorman (51) in “Lizzie-G” (Albin Vega 27)
Thomas Jucker (59) in „Marta“ (Etap 30i)
Nick Bridges (62) in „Dolphin“ (Trapper 500)
Howard Chivers (62) in „Sandpiper“ (Sadler 29)
James Stock (64) in “Fly” (Twister)
John Apps (64) in „Glayva“ (UFO 27)
Andy Lane () in „Bula“ (Robber 3e)

Noch nicht in Terceira eingetroffen ist der Pole Edward Zajac in „Holly“ (er hatten einen Reparatur-Stopp im spanischen La Corunia einlegen müssen) sowie David Knowler mit seiner Headway III (er lief mit Defekten die Azoren-Insel San Miguel an). Die übrigen Teilnehmer unter ihnen Segler aus England, Frankreich, Kenia und Belgien haben das Rennen aufgegeben und sind nach England zurückgekehrt.

washing machine

via: http://segelreporter.com

A-Cat – Die Open German A-Cat Championships 2012

Die Open German A-Cat Championships 2012 sind zwar schon ein paar Tage her, aber den ausgesprochen schön produzierten Film zum Event können wir allen, die ihn noch nicht gesehen haben, wärmstens empfehlen.

Bob Baier ist alter und neuer deutscher Meister, gefolgt von Chris Field und Thomas Paasch, Vierter wurde Helmut Stumhofer. Herzlichen Glückwunsch!

Und mehr Infos zu den A-Cats und dem Event auf www.a-cat.info

 

luscious friday