Archiv der Kategorie: Mare Più

Heute in Griechenland (5): Komme ich im Urlaub an Geld,Diesel,Lebensmittel heran?

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Der Urlaubsort Agios Nikolaos im Osten Kretas am gestrigen Abend. Im Vordergrund der Voulismeni-See, mitten im Ort ein mit Süßwasser gefüllter Vulkankrater, der erst seit ein paar Jahrzehnten eine künstliche Verbindung zum Meer hat. Alle Bilder dieses Posts wurden in den letzten 24 Stunden hier in Agios Nikolaos aufgenommen.  
Freitag, 10.7.2015: Mit dem pünktlichen Eintreffen eines neuen Reformplanes aus Athen heute Nacht in Brüssel hat sich auch die Stimmung in den deutschen Medien etwas gelegt. Das Wort von der „humanitären Katastrophe“, das SPIEGEL und andere Medien Anfang der Woche noch über die Situation in Griechenland verbreitet hatten, es ist verschwunden so schnell, wie es aufgetaucht ist. Aber damit ist die drohende Pleite der griechischen Banken und des griechischen Staates überhaupt nicht vom Tisch. Und die Dinge und Mißstände, die der Marina-Betreiber Mikhalis Farsaris so klar und präzise im gemeinsamen Umgang zwischen Europäern und Griechen aufgelistet hat, auch nicht.
Wie ist die Situation tatsächlich in Agios Nikolaos, einem Urlaubsort mit knapp 12.000 Einwohnern hier im Osten Kretas? Bekomme ich tatsächlich alles, was ich brauche?

Für heute habe ich mir einen Selbsttest verordnet – eine Art „Stress-Test“ für Agios Nikolaos, sozusagen:
Ich gehe zuerst los, um für LEVJE Diesel zu besorgen. 
Dann: werde ich Geld abheben. 
Und dann Lebensmittel einkaufen. 

Ganz normale Dinge also. Beginnen wir also unseren Rundkurs:


1. Diesel im Hafen bekommen.


LEVJE, meine DEHLER 31, hat keinen großen Tank: 40 Liter gehen hinein, dazu führe ich 20 Liter in zwei Kanistern mit. Etwa 25 Liter bräuchte ich. Also gehe ich hier in der Marina zur kleinen Rezeption. Meine gute Despina ruft sofort Iannis, den Marinero auf der Pier an. Zwei Minuten später treffe ich ihn – das passt gut, meint Iannis, eine andere Segelyacht bräuchte 250 Liter Diesel, dann würde er den Tanklaster gleich bestellen, ich solle doch mit zwei Kanistern in zehn Minuten da sein. Und so wackle ich also zurück zu LEVJE, hole meine beiden Kanister und wackle wieder zurück zur großen Pier. Dort wartet Manolos neben seinem Tanklaster schon, er hat die holländische Yacht mit 250 Litern schon versorgt und schaut auf die Uhr. Er sieht aus, als wäre er von Früh bis spät auf den Beinen. 

Das Abfüllen meiner beiden Kanister zieht sich etwas, weil er den richtigen Stutzen nicht dabei hat. Am Ende zahle ich 26 Euro für 20 Liter. Und wackle wieder zurück zu LEVJE. Wo Iannis, weil ihm grad fad war, meine beiden Kanister per Roller hingebracht und vor LEVJE abgestellt hat. Passt. 

Volle Punktzahl: Alle vier von vier erreichbaren Punkten.


2. Geld am Automaten abheben.


Es wurde viel geschrieben über die langen Schlangen vor den griechischen Geldautomaten. Und wie schrecklich es sei, pro Tag nur 60€ abheben zu dürfen.
Dass das mit den 60 € täglich eigentlich eine ganz entspannte Sache ist, die die Griechen jedenfalls hier und im benachbarten Herklion, immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands, auch ganz entspannt annehmen: darauf hat mich ebenfalls Mikhalis Farsaris gebracht.

                                          Weiterlesen bei: Warum Mikhalis Farsaris sagt: „They pay like hell“. Hier.

Tatsächlich habe ich hier in dieser Woche nicht eine jener Menschentrauben vor Geldautomaten gesehen. Aber wie sieht’s denn aus: Komme ich als Urlauber an Bargeld? Unbegrenzt? Auch wenn jede Bank seit einer Woche geschlossen ist?


Weil ich ja gerne gegen den Stachel löcke, suche ich mir einen Geldautomaten mitten in der Innenstadt aus, genau unter dem großen OXI-Plakat von SYRIZA. Niemand vor mir am Apparat, also gleich ran.


Bedienung wie auch in Deutschland, ich könnte alle Beträge wählen, auch oberhalb 600 Euro. Das mache ich aber nicht – ich will nicht, dass dem nächsten nach mir ein leerer Geldautomat OXI sagt, wenn er 60 Euro abheben will. Also belasse ich es zu Testzwecken bei 200 Euro. Und die sind sofort da. Alle schön nagelneu und druckfrisch.

Erneut vier von vier Punkten. Damit stehen wir bei acht von acht erreichbaren Punkten.


3. Lebensmittel. Und: Haben eigentlich alle zu essen?
In einem Post vor wenigen Tagen schrieb ich darüber, wie ich mich als Segler für einen einwöchigen Törn hier im örtlichen CARREFOUR-Supermarkt anstandslos versorgte. 

                                                     Weiterlesen bei: Warum Despina kein Geld von mir annimmt. Hier.

Daran hat sich bis heute überhaupt nichts geändert. Um meinen „Stresstest“ mit gebotener deutscher Gründlichkeit durchzuführen, kaufe ich in drei verschiedenen Supermärkten mitten im Ort ein: Frisches Brot. Frisches Obst. Wasser. Weißwein. Tomaten. Käse. Alles da.
Erneut vier von vier Punkten. 

Also insgesamt: „La Grèce: Douze Points!“ 

Doch bleiben wir realistisch: 

Zum einen: Griechenland besitzt etwa 6.000 Inseln, von denen gerade mal 113 bewohnt sind. Griechenland ist damit der Staat mit den meisten Inseln im Mittelmeer. 

                                                 Weiterlesen bei: Wieviele Inseln gibt es im Mittelmeer? Hier.

Was für Kreta und Agios Nikolaos stimmt, kann anderswo anders sein. Was ich aber nicht glaube: noch vorige Woche waren auf Lefkas, dem großen griechischen Charterzentrum, die Dinge nicht anders als hier in Agios Nikolaos.
Vor allem in und um die Großstädte Athen und Thessaloniki kann es anders aussehen. Und im Krisenfall auch anders „zur Sache gehen“.

Zum anderen: Die griechische Krise ist definitiv vorhanden – und noch nicht vom Tisch. Die Dinge können morgen anders aussehen.

Und Morgen?



Das ist Emanuela Gianikaki, Diplom-Sozialarbeiterin. Sie ist aufgewachsen am Meer hier auf Kreta in Rethymno. Sie ist offizell von der Gemeinde Agios Nikolaos bestellt und seit 2010 für die Sozialarbeit verantwortlich. 
Ich habe sie heute in ihrem Büro besucht, weil ich wissen wollte:
• Wie geht es Menschen, die über keine Rücklagen verfügen?
• Wie geht es den Griechen, die jetzt gerade nicht an ihr Sparkonto kommen?
• Was tun Menschen in Not in einem Land, das fast pleite ist?

Das Interview mit Emanuela Gianikaki können Sie lesen ab morgen, Samstag Abend auf Mare Più.


                           Jeden Post aus der Serie HEUTE IN GRIECHENLAND lesen: Nach unten scrollen.
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Herausgegeben vom Autor von MARE PIU:


Vierzig Segler erzählen ihre Geschichte, wie es ihnen im Gewitter auf See erging.
„Ich bin hellauf begeistert… es sind ja die persönlichen Geschichten, die Geschichten aus der Praxis, die Dramen, die den Unterschied zu einem Lehrbuch machen.“
Ein Leser in seinem Post.

Mehr erfahren: Hier klicken.

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Heute in Griechenland (5): Komme ich im Urlaub an Geld, Diesel, Lebensmittel heran?

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.
 
Der Urlaubsort Agios Nikolaos im Osten Kretas am gestrigen Abend. Im Vordergrund der Voulismeni-See, mitten im Ort ein mit Süßwasser gefüllter Vulkankrater, der erst seit ein paar Jahrzehnten eine künstliche Verbindung zum Meer hat. Alle Bilder dieses Posts wurden in den letzten 24 Stunden hier in Agios Nikolaos aufgenommen.
Freitag, 10.7.2015: Mit dem pünktlichen Eintreffen eines neuen Reformplanes aus Athen heute Nacht in Brüssel hat sich auch die Stimmung in den deutschen Medien etwas gelegt. Das Wort von der „humanitären Katastrophe“, das SPIEGEL und andere Medien Anfang der Woche noch über die Situation in Griechenland verbreitet hatten, es ist verschwunden so schnell, wie es aufgetaucht ist. Aber damit ist die drohende Pleite der griechischen Banken und des griechischen Staates überhaupt nicht vom Tisch. Und die Dinge und Mißstände, die der Marina-Betreiber Mikhalis Farsaris so klar und präzise im gemeinsamen Umgang zwischen Europäern und Griechen aufgelistet hat, auch nicht.
Wie ist die Situation tatsächlich in Agios Nikolaos, einem Urlaubsort mit knapp 12.000 Einwohnern hier im Osten Kretas? Bekomme ich tatsächlich alles, was ich brauche?
Für heute habe ich mir einen Selbsttest verordnet – eine Art „Stress-Test“ für Agios Nikolaos, sozusagen:
Ich gehe zuerst los, um für LEVJE Diesel zu besorgen.
Dann: werde ich Geld abheben.
Und dann Lebensmittel einkaufen.
Ganz normale Dinge also. Beginnen wir also unseren Rundkurs:
1. Diesel im Hafen bekommen.
LEVJE, meine DEHLER 31, hat keinen großen Tank: 40 Liter gehen hinein, dazu führe ich 20 Liter in zwei Kanistern mit. Etwa 25 Liter bräuchte ich. Also gehe ich hier in der Marina zur kleinen Rezeption. Meine gute Despina ruft sofort Iannis, den Marinero auf der Pier an. Zwei Minuten später treffe ich ihn – das passt gut, meint Iannis, eine andere Segelyacht bräuchte 250 Liter Diesel, dann würde er den Tanklaster gleich bestellen, ich solle doch mit zwei Kanistern in zehn Minuten da sein. Und so wackle ich also zurück zu LEVJE, hole meine beiden Kanister und wackle wieder zurück zur großen Pier. Dort wartet Manolos neben seinem Tanklaster schon, er hat die holländische Yacht mit 250 Litern schon versorgt und schaut auf die Uhr. Er sieht aus, als wäre er von Früh bis spät auf den Beinen.
Das Abfüllen meiner beiden Kanister zieht sich etwas, weil er den richtigen Stutzen nicht dabei hat. Am Ende zahle ich 26 Euro für 20 Liter. Und wackle wieder zurück zu LEVJE. Wo Iannis, weil ihm grad fad war, meine beiden Kanister per Roller hingebracht und vor LEVJE abgestellt hat. Passt.
Volle Punktzahl: Alle vier von vier erreichbaren Punkten.
2. Geld am Automaten abheben.
Es wurde viel geschrieben über die langen Schlangen vor den griechischen Geldautomaten. Und wie schrecklich es sei, pro Tag nur 60€ abheben zu dürfen.
Dass das mit den 60 € täglich eigentlich eine ganz entspannte Sache ist, die die Griechen jedenfalls hier und im benachbarten Herklion, immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands, auch ganz entspannt annehmen: darauf hat mich ebenfalls Mikhalis Farsaris gebracht.
Tatsächlich habe ich hier in dieser Woche nicht eine jener Menschentrauben vor Geldautomaten gesehen. Aber wie sieht’s denn aus: Komme ich als Urlauber an Bargeld? Unbegrenzt? Auch wenn jede Bank seit einer Woche geschlossen ist?
Weil ich ja gerne gegen den Stachel löcke, suche ich mir einen Geldautomaten mitten in der Innenstadt aus, genau unter dem großen OXI-Plakat von SYRIZA. Niemand vor mir am Apparat, also gleich ran.
Bedienung wie auch in Deutschland, ich könnte alle Beträge wählen, auch oberhalb 600 Euro. Das mache ich aber nicht – ich will nicht, dass dem nächsten nach mir ein leerer Geldautomat OXI sagt, wenn er 60 Euro abheben will. Also belasse ich es zu Testzwecken bei 200 Euro. Und die sind sofort da. Alle schön nagelneu und druckfrisch.
Erneut vier von vier Punkten. Damit stehen wir bei acht von acht erreichbaren Punkten.
3. Lebensmittel. Und: Haben eigentlich alle zu essen?
In einem Post vor wenigen Tagen schrieb ich darüber, wie ich mich als Segler für einen einwöchigen Törn hier im örtlichen CARREFOUR-Supermarkt anstandslos versorgte.
Daran hat sich bis heute überhaupt nichts geändert. Um meinen „Stresstest“ mit gebotener deutscher Gründlichkeit durchzuführen, kaufe ich in drei verschiedenen Supermärkten mitten im Ort ein: Frisches Brot. Frisches Obst. Wasser. Weißwein. Tomaten. Käse. Alles da.
Erneut vier von vier Punkten. 
Also insgesamt: „La Grèce: Douze Points!“ 
 
Doch bleiben wir realistisch: 
 
Zum einen: Griechenland besitzt etwa 6.000 Inseln, von denen gerade mal 113 bewohnt sind. Griechenland ist damit der Staat mit den meisten Inseln im Mittelmeer.  Was für Kreta und Agios Nikolaos stimmt, kann anderswo anders sein. Was ich aber nicht glaube: noch vorige Woche waren auf Lefkas, dem großen griechischen Charterzentrum, die Dinge nicht anders als hier in Agios Nikolaos.
Vor allem in und um die Großstädte Athen und Thessaloniki kann es anders aussehen. Und im Krisenfall auch anders „zur Sache gehen“.
 
Zum anderen: Die griechische Krise ist definitiv vorhanden – und noch nicht vom Tisch. Die Dinge können morgen anders aussehen.
 
Und Morgen?
 
 
Das ist Emanuela Gianikaki, Diplom-Sozialarbeiterin. Sie ist aufgewachsen am Meer hier auf Kreta in Rethymno. Sie ist offizell von der Gemeinde Agios Nikolaos bestellt und seit 2010 für die Sozialarbeit verantwortlich. 
Ich habe sie heute in ihrem Büro besucht, weil ich wissen wollte:
• Wie geht es Menschen, die über keine Rücklagen verfügen?
• Wie geht es den Griechen, die jetzt gerade nicht an ihr Sparkonto kommen?
• Was tun Menschen in Not in einem Land, das fast pleite ist?
 
Das Interview mit Emanuela Gianikaki können Sie lesen ab morgen, Samstag Abend auf Mare Più.
 
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Herausgegeben vom Autor von MARE PIU:
 
Vierzig Segler erzählen ihre Geschichte, wie es ihnen im Gewitter auf See erging. „Ich bin hellauf begeistert… es sind ja die persönlichen Geschichten, die Geschichten aus der Praxis, die Dramen, die den Unterschied zu einem Lehrbuch machen.“ Ein Leser in seinem Post.
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Heute in Griechenland (3): Warum Despina kein Geld von mir annimmt.


„Medikamente, Lebensmittel, Gas und Öl – vielen Griechen fehlt es schon jetzt am Nötigsten. Über eine humanitäre Katastrophe will kaum ein Spitzenpolitiker reden, doch intern und bei Hilfsorganisationen werden schon Szenarien durchgespielt“, schreibt SPIEGEL ONLINE heute abend auf seiner Titelseite. Zeilen wie diese legen den Schluß nahe, dass ein Land am Abgrund steht. Ich bin hier, um nachzusehen.

Heraklion, mit fast 175.000 Einwohnern immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands: Lange Schlangen finde ich – aber nicht vor Banken und Geldautomaten, an denen ich vorbeischlendere. Sondern vor der Kasse des archäologischen Freigeländes von Knossos, wo Mittags alle Parkplätze belegt sind. Die Schlange ist mehr als 50 Meter lang. Ich höre: Ungarisch, Italienisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Portugiesisch, Tschechisch, Russisch. In der Warteschlange vor Minotaurus‘ Palast scheint Europa wunderbar zu funktionieren.

Nachmittags im CARREFOUR-Supermarkt: Es ist nicht viel los – ist ja auch Nachmittag. Fehlen – siehe oben – tut in den Regalen eigentlich nichts. Niemand verdächtigt mich der Hamsterei, als ich – ganz Segler beim Aufbruch – einen Berg Mineralwasser zur Kasse schiebe, getoppt von einem Hügel Tomatenkonserven und Sardinendosen. Nein, in Hamsterstimmung aus Furcht vor dem Zusammenbruch ist hier auf Kreta auch kaum jemand. Ein griechisches Pärchen am prall gefüllten Käseregal, das sich irgendwie fürs Abendessen nicht entscheiden kann. 

Keine Krise? Alles nur Medien-Fake? Es fällt mir jedenfalls schwer, hier auf Kreta Krisenstimmung zu entdecken. Die zwei Wirte, mit denen ich sprach, sind zufrieden mit dem Geschäft in diesem Sommer bisher. Der Autoverleiher von SIXT auch. Der grinst, als ich ihn auf die westlichen Medien anspreche. Ja, das würde er auch lesen. Und sich wundern. 
Kann es sein, dass ein Land, das nur Tage vor dem großen Kollaps steht, so entspannt ist? Griechen, die in Kaffees ihren Frappé schlürfen? Ältere Dämchen, die gemächlichen Schrittes ihr Hündchen Gassi führen? Es passt alles nicht ins Bild des Landes, dessen Banken nur noch einen Hauch von der Insolvenz entfernt sind.



Fast schon denke ich, im falschen Land zu sein, so wie der Mann, der nach Brasilien wollte und dafür extra Spanisch paukte, nur um festzustellen: dass man das überall in Südamerika, nur in Brasilien nicht gebrauchen kann. Irrtum, denke ich also. Bis ich ins Museum von Heraklion gehe. 
An der Kasse des Museums will ich meinen Rucksack abgeben, aber man weist mich ein paar Schritte weiter, um das Museum herum, am Caffee vorbei. Und dort sitzt: Despina, Mitte 40, im Freien vor einem Blechregal mit zwei Koffern. Freundlich nimmt sie meinen Rucksack, ich frage, ob der bei ihr auch sicher sei, schließlich sei mein Computer drin, „ohne“ sei ich wertlos. Despina, offensichtlich halbseitig gelähmt, lächelt und sagt in gebrochenem Englisch, ich solle mir keine Sorgen machen, der Rucksack sei sicher bei ihr. Mühevoll malt sie eine „Sechs“ auf einen kleinen gelben Zettel, den solle ich nur ja wieder mitbringen. Und weil mir Despina das sagt, drum gebe ich den gelben Zettel mit der Sechs die Stunden, die ich im Museum verbringe, nicht mehr aus der Hand. 
Als ich zu Despina zurückkehre, sitzt sie immer noch im Freien vor dem Blechregal, in dem einsam mein schwarzer Rucksack liegt. Artig zeige ich meine „Sechs“, Despina händigt mir meinen Rucksack aus, ohne etwas dafür zu verlangen. Also greife ich in meine Tasche, will ihre Mühe vergelten. Aber Despina lehnt energisch ab. Nein nein, das ginge nicht. Nein, wirklich nicht.
Fast schon will ich gehen, da greife ich zu einer kleinen List, damit sie, die es sicher brauchen kann, doch noch etwas von mir annimmt: Ich gehe zurück und bitte sie, doch das Wenige anzunehmen und einem Menschen zu geben, den sie kenne und der gerade in Not sei. Wieder schüttelt Despina ihr Haupt: Das ginge nicht. Das dürfe sie nicht. Und lehnt entschlossen ab.

Belassen wir es bei dieser Geschichte von der aufrechten Despina. 

PS:
Ins Museum ging ich eigentlich nur wegen des Stier-Reliefs auf dem Foto oben. Es erschien vergangenes Wochenende in der SÜDDEUTSCHEN mit dem Hinweis, der Tourismus auf Kreta sei stark zurückgegangen seit Ausbruch der Krise. 
Das Stier-Relief fand ich im Museum. Als ich hinkam, war es umlagert von etwa 30 Chinesen. Die nächste Reisegruppe dahinter wartete bereits…

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Vom Autor von MARE PIU: 

Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.

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Heute in Griechenland (4): Warum ein Unternehmer sagt: "Everybody inGreece Pays like Hell."

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.


Das ist Mikhalis Farsaris. Er ist Vorstand von DAEAN und damit zweierlei: Herr über fast alle Strände von Agios Nikolaos sowie der zugehörigen MARINA AGIOS NIKOLAOS mit 260 Liegeplätzen. Zwar gehören Ufer und Marina dem griechischen Staat, aber in Agios Nikolaos wurden – wie in anderen Gemeinden an der Küste auch – die Nutzungsrechte an eine private Gesellschaft übertragen, in diesem Fall DAEAN. Mikhalis Farsaris ist lange im Geschäft. Nebenbei betreibt er auch ein kleines Hotel.


MARE PIU: Wie läuft es bei Ihnen, drei Tage nach dem „Nein“?

MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich läuft dieses Jahr für uns ganz gut. Wir haben bislang keine Einbrüche bei den Besuchern an den Stränden hier in Agios Nikolaos. Da gibts zwar immer mal die eine oder andere Verschiebung von Strand zu Strand. Mal läufts am einen besser. Mal am anderen. Aber in Summe sind wir im Umsatz auf Vorjahres-Niveau. 
In der Liegeplatz-Vermietung hier in der Marina Agios Nikolaos sieht es ähnlich aus: Etwa 40% sind Einheimische, etwa 60% auswärtige Langfahrtsegler. Wir haben etwa 160 Liegeplatz für Schiffe über 10 Meter Länge. Die Festbuchungen der Langfahrtsegler, der „Live-Aboards“, die ihren Winter hier verbringen werden, sehen fürs Winterhalbjahr gut aus. Richtig vielversprechend sind die Reservierungen fürs Winter-Halbjahr, da haben wir mehr Anmeldungen als üblich.

MARE PIU: Wie geht das denn? Glaubt man der Presse in Deutschland, dann ist Griechenland in wenigen Tagen zahlungsunfähig, die Banken schließen und nichts geht mehr?

MIKHALIS FARSARIS: Die internationale Presse hat sicher auch einen großen Anteil an der chaotischen Situation, die hier herrscht. Vergangene Woche erschien in der FINANCIAL TIMES ein Bericht, nach dem griechische Spar-Guthaben ab einer Höhe von 8.000 Euro für außerordentliche Abgaben an den Staat herangezogen werden sollen – ein Alptraum. Selbst in Zypern wurden beim Crash vor einigen Jahren nur Konten ab einer Höhe von 100.000 Euro belastet. Die mussten einfach über Nacht die Hälfte ihrer Guthaben an den Staat abgeben.

MARE PIU: Das verstehe ich nicht. Die Stimmung hier in Agios Nikolaos ist doch gut. Augenscheinlich ist doch alles wie immer?

MIKHALIS FARSARIS: Ist es ja auch. Eigentlich leben wir seit fünf Jahren mit dem Gefühl, dass der Bankrott unserer Banken und unseres Staates jederzeit möglich ist. Bereits 2010 war der griechische Staat de facto Pleite. Alle wussten das. Aber vor allem die Verantwortlichen in der EU wollten dies nicht wahrhaben und ließen nicht zu, dass der damalige Präsident Papandreu damals den aus heutiger Sicht klügeren Weg eines griechischen Staatsbankrotts einschlug. Stattdessen: viele Hilfsgelder, für die wir dankbar waren. Und die Troika.

MARE PIU: Und wieso sind die Menschen in Agios Nikolaos angesichts dessen, was bevorsteht, dann so ruhig?

MIKHALIS FARSARIS: Im Wissen um das, was kommen kann, haben die meisten Zuhause Reserven an Bargeld aufgebaut. „Pocket Money“. In Euro. Soweit es ging, wurden Spar-Guthaben aus den Banken heraus „ins Kopfkissen“ verlagert. Deshalb wird auch im Fall einer Bankenpleite alles weitergehen. Solange jemand, der ein Brot kauft, bar bezahlen, wird es nicht so übel. Schlimm wird es für die, die keine Reserven aufgebaut und keine Angehörigen haben.


MARE PIU: Schlägt denn die Begrenzung der täglichen Abhebung auf maximal 60 Euro nicht heute schon richtig durch?

MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich nicht. Man geht halt täglich an den Bankautomaten und holt sich 60 Euro. Das macht 1.800 Euro im Monat: Das ist in Griechenland eine ganze Menge Geld… und es reicht in jedem Fall zum Leben. Richtig Probleme bekommen Menschen, die keine Bankkarte haben: Pensionäre, Menschen ohne Absicherung. Diese Personen dürfen pro Woche einmal 120  Euro am Schalter persönlich abheben. Auch das ergibt 480 Euro monatlich. Problem ist aber, dass sich jeden Tag bei den Banken etwas ändert und die Situation dort auch nicht einfach ist.

MARE PIU: Die Banken haben aber doch offiziell geschlossen?

MIKHALIS FARSARIS: Das ist richtig. Offiziell sind die Mitarbeiter der Banken im Urlaub. Aber die arbeiten weiter, denn hinter den zugezogenen Vorhängen sind Millionen von Transaktionen und Überweisungen täglich durchzuführen. Es ist viel mehr als sonst.

MARE PIU: Mehr Überweisungen kurz vor dem wirtschaftlichem Kollaps?

MIKHALIS FARSARIS: Das ist das Problem – und jedes Unternehmen, jeder Grieche und jede Griechin hat es: Keiner will wegen des über uns schwebenden Cuts viele Euros auf dem Konto haben. Also zahlt jeder seine Rechnungen sofort. „Everybody pays like hell.“ Ich habe zum Beispiel heute Vormittag meine Unternehmens-Steuern für 2014 an den griechischen Staat in Höhe von 73.367 Euro in einem Rutsch überwiesen. Normalerweise können wir das in sieben Raten machen, aber ich habe es aus den genannten Gründen vorgezogen, das gleich und sofort zu tun. Nur nichts auf dem Konto liegen lassen. Und unsere Pacht für die Strände an den griechischen Staat habe ich ebenfalls gleich überwiesen. Jeder versucht, jeden sofort zu bezahlen, und was Überweisungen angeht, so schnell wie möglich anzuweisen. Der Staat profitiert davon, in diesen Tagen macht er nur eins: Geld einsammeln.

Das alles funktioniert aber nur innerhalb Griechenlands. Überweisungen auf Auslandskonten sind nicht möglich. Und das macht es für uns Unternehmen sehr, sehr schwer, denn Griechenland ist Import-, nicht Export-Nation wie Deutschland. Wir müssen importieren. Und was wir einführen, das müssen wir auch bezahlen. Aber das derzeitige Chaos bei den Banken mit täglich wechselnden Vorschriften macht es nicht leichter.

MARE PIU: Was denken Sie als Unternehmer, was wirklich insgesamt schief ging?

MIKHALIS FARSARIS: Niemals hätten wir die Schulden so anwachsen lassen dürfen, wie das jetzt passiert ist. Ich wiederhole mich: Die beste Lösung wäre gewesen, Griechenland 2010 in die Insolvenz gehen zu lassen, als Griechenland tatsächlich insolvent war. Damals wäre nur Griechenland betroffen gewesen. Aber durch die Aufkäufe der maroden griechischen Bonds durch die EZB hängt nun auch jeder Europäer mit drin. Damals wären nur die griechischen Banken pleite gegangen, heute hängt Europa mit drin. Letztlich hat die Politik, haben EZB und IWF aus dem griechischen Drama ein europäisches gemacht. Und unsere Schulden wuchsen ins Untragbare. Das andere: Die von außen verordneten Ausgaben-Kürzungen trafen viele Griechen hart, sehr hart. Griechenland musste eine Menge vom IWF verordneter Cuts auf sich nehmen. Das hat der Wirtschaft nicht gut getan. Was wir gebraucht hätten, sind Reformen, die Geld in die Wirtschaft bringen und nicht abziehen.

MARE PIU: Aber was ging denn generell schief? Der europäische Grundgedanke „Wir geben Geld gegen die Einführung verbindlicher Standards“: warum hat die Umsetzung hier in Griechenland nicht funktioniert? Warum konnte kein funktionierendes Steuersystem aufgebaut werden? Warum bleiben die Reichen unbesteuert bis heute?

MIKHALIS FARSARIS: So traurig das klingt: Letztlich war jeder Regierung der politische Preis dafür zu hoch – den wollte keine griechische Regierung bezahlen. Wir sind damit tatsächlich gescheitert, unser Land grundlegend zu reformieren. Das andere: Irgendwann erschöpften sich Troika und IWF im Einfordern von Maßnahmen statt echter Reformen. Die Angst in den Geberländern begann, zu überwiegen.

MARE PIU: Können Sie ein Beispiel geben?

MIKHALIS FARSARIS: Zuletzt verlangte der IWF die Besteuerung der Tourismus-Unternehmen hier auf Kreta mit einem Schlag von 6,5% auf 23% zu erhöhen. Dies ist keine Reform, dies ist eine harte Maßnahme, die die wirtschaftliche Initiative auf der Insel im Zweifel eher abwürgt statt forciert. Das kann nicht gut gehen. Maßnahmen wie diese machten die Menschen richtig wütend.

MARE PIU: Und was lief am vergangenen Sonntag beim Referendum verkehrt? Wie kam es dazu, dass hier in Agios Nikolaos und in Heraklion tatsächlich mehr Menschen als im nationalen Durchschnitt mit „Nein“ stimmten?

MIKHALIS FARSARIS: Auch dies ist vielschichtig. Da war einerseits die berechtigte Wut der Menschen hier über die Ausgabenkürzungen, deren Folgen jeder zu spüren bekam. Das Zweite: Unsere Regierung ließ uns unfairer Weise nicht über die GRIECHISCHEN Reformvorschläge abstimmen; sondern über die der Geberländer, die zudem vom Tisch waren. 
Das Dritte: Unsere Regierung erklärte uns: „Yes“: das wäre nichts anderes als „to live as Europe’s slave“. Ein „Nein“ wäre gleichbedeutend mit „Wir verhandeln in Würde. Und kommen innerhalb 48 Stunden mit Europa zu einer Einigung.“ Das haben die Leute geglaubt. 
Den letzten, fatalen Ausschlag gaben dann aber die Stimmen europäischer Politiker, die den Griechen im Falle eines „Nein“ mit einem Ausscheiden aus Euro und Europa drohten. Das löste bei den meisten genau den gegenteiligen Effekt aus: Trotz. Und Ablehnung. Eben ein griechisches „Nein“. Die letzte Woche: das war hier in Griechenland wie nach 1945, es war Bürgerkrieg. Wer „Ja“ sagte, war fast Verräter.

MARE PIU: Und was wird jetzt passieren? Wie wird es weitergehen?

MIKHALIS FARSARIS: Da habe ich zwei Optionen im Kopf. Die erste ist schlimm. Die zweite ist bestenfalls ungewiss. 
Die erste: Es gibt langfristig keine Einigung. Wir fliegen aus dem Euro. Griechenland wird Venezuela: trotz vieler Assets (Griechenland ist ja nicht arm) bleiben die Regale der Supermärkte leer. Wir bekommen einen „Commandante“ als Regierungschef.
Die zweite: Wir bekommen parallele Währungen. Es ist unklar, wie das mit den Transaktionen auf internationaler Ebene dann laufen soll. Und es weiß keiner, wohin das führen wird. Aber letztlich, ob so oder so: Wir werden überleben, ob mit, ob ohne Euro. Es wird weitergehen.



                           Wer mehr über die MARINA AGIOS NIKOLAOS auf Kreta erfahren möchte, wo ich                        mit LEVJE derzeit liege: Hier klicken.
       
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Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
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Heute in Griechenland (4): Warum ein Unternehmer sagt: "Everybody inGreece Pays like Hell."

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.
 
Das ist Mikhalis Farsaris. Er ist Vorstand von DAEAN und damit zweierlei: Herr über fast alle Strände von Agios Nikolaos sowie der zugehörigen MARINA AGIOS NIKOLAOS mit 260 Liegeplätzen. Zwar gehören Ufer und Marina dem griechischen Staat, aber in Agios Nikolaos wurden – wie in anderen Gemeinden an der Küste auch – die Nutzungsrechte an eine private Gesellschaft übertragen, in diesem Fall DAEAN. Mikhalis Farsaris ist lange im Geschäft. Nebenbei betreibt er auch ein kleines Hotel.
MARE PIU: Wie läuft es bei Ihnen, drei Tage nach dem „Nein“?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich läuft dieses Jahr für uns ganz gut. Wir haben bislang keine Einbrüche bei den Besuchern an den Stränden hier in Agios Nikolaos. Da gibts zwar immer mal die eine oder andere Verschiebung von Strand zu Strand. Mal läufts am einen besser. Mal am anderen. Aber in Summe sind wir im Umsatz auf Vorjahres-Niveau.
In der Liegeplatz-Vermietung hier in der Marina Agios Nikolaos sieht es ähnlich aus: Etwa 40% sind Einheimische, etwa 60% auswärtige Langfahrtsegler. Wir haben etwa 160 Liegeplatz für Schiffe über 10 Meter Länge. Die Festbuchungen der Langfahrtsegler, der „Live-Aboards“, die ihren Winter hier verbringen werden, sehen fürs Winterhalbjahr gut aus. Richtig vielversprechend sind die Reservierungen fürs Winter-Halbjahr, da haben wir mehr Anmeldungen als üblich.
MARE PIU: Wie geht das denn? Glaubt man der Presse in Deutschland, dann ist Griechenland in wenigen Tagen zahlungsunfähig, die Banken schließen und nichts geht mehr?
MIKHALIS FARSARIS: Die internationale Presse hat sicher auch einen großen Anteil an der chaotischen Situation, die hier herrscht. Vergangene Woche erschien in der FINANCIAL TIMES ein Bericht, nach dem griechische Spar-Guthaben ab einer Höhe von 8.000 Euro für außerordentliche Abgaben an den Staat herangezogen werden sollen – ein Alptraum. Selbst in Zypern wurden beim Crash vor einigen Jahren nur Konten ab einer Höhe von 100.000 Euro belastet. Die mussten einfach über Nacht die Hälfte ihrer Guthaben an den Staat abgeben.
MARE PIU: Das verstehe ich nicht. Die Stimmung hier in Agios Nikolaos ist doch gut. Augenscheinlich ist doch alles wie immer?
MIKHALIS FARSARIS: Ist es ja auch. Eigentlich leben wir seit fünf Jahren mit dem Gefühl, dass der Bankrott unserer Banken und unseres Staates jederzeit möglich ist. Bereits 2010 war der griechische Staat de facto Pleite. Alle wussten das. Aber vor allem die Verantwortlichen in der EU wollten dies nicht wahrhaben und ließen nicht zu, dass der damalige Präsident Papandreu damals den aus heutiger Sicht klügeren Weg eines griechischen Staatsbankrotts einschlug. Stattdessen: viele Hilfsgelder, für die wir dankbar waren. Und die Troika.
MARE PIU: Und wieso sind die Menschen in Agios Nikolaos angesichts dessen, was bevorsteht, dann so ruhig?
MIKHALIS FARSARIS: Im Wissen um das, was kommen kann, haben die meisten Zuhause Reserven an Bargeld aufgebaut. „Pocket Money“. In Euro. Soweit es ging, wurden Spar-Guthaben aus den Banken heraus „ins Kopfkissen“ verlagert. Deshalb wird auch im Fall einer Bankenpleite alles weitergehen. Solange jemand, der ein Brot kauft bar bezahlen, wird es nicht so übel. Schlimm wird es für die, die keine Reserven aufgebaut und keine Angehörigen haben.
 
MARE PIU: Schlägt denn die Begrenzung der täglichen Abhebung auf maximal 60 Euro nicht heute schon richtig durch?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich nicht. Man geht halt täglich an den Bankautomaten und holt sich 60 Euro. Das macht 1.800 Euro im Monat: Das ist in Griechenland eine ganze Menge Geld… und es reicht in jedem Fall zum Leben. Richtig Probleme bekommen Menschen, die keine Bankkarte haben: Pensionäre, Menschen ohne Absicherung. Diese Personen dürfen pro Woche einmal 120  Euro am Schalter persönlich abheben. Auch das ergibt 480 Euro monatlich. Problem ist aber, dass sich jeden Tag bei den Banken etwas ändert und die Situation dort auch nicht einfach ist.
MARE PIU: Die Banken haben aber doch offiziell geschlossen?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist richtig. Offiziell sind die Mitarbeiter der Banken im Urlaub. Aber die arbeiten weiter, denn hinter den zugezogenen Vorhängen sind Millionen von Transaktionen und Überweisungen täglich durchzuführen. Es ist viel mehr als sonst.
MARE PIU: Mehr Überweisungen kurz vor dem wirtschaftlichem Kollaps?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist das Problem – und jedes Unternehmen, jeder Grieche und jede Griechin hat es: Keiner will wegen des über uns schwebenden Cuts viele Euros auf dem Konto haben. Also zahlt jeder seine Rechnungen sofort. „Everybody pays like hell.“ Ich habe zum Beispiel heute Vormittag meine Steuern für 2014 an den griechischen Staat in Höhe von 73.367 Euro in einem Rutsch überwiesen. Normalerweise können wir das in sieben Raten machen, aber ich habe es aus den genannten Gründen vorgezogen, das gleich und sofort zu tun. Nur nichts auf dem Konto liegen lassen. Und unsere Pacht für die Strände an den griechischen Staat habe ich ebenfalls gleich überwiesen. Jeder versucht, jeden sofort zu bezahlen, und was Überweisungen angeht, so schnell wie möglich anzuweisen. Der Staat profitiert davon, in diesen Tagen macht er nur eins: Geld einsammeln.
Das alles funktioniert aber nur innerhalb Griechenlands. Überweisungen auf Auslandskonten sind nicht möglich. Und das macht es für uns Unternehmen sehr, sehr schwer, denn Griechenland ist Import-, nicht Export-Nation wie Deutschland. Wir müssen importieren. Und was wir einführen, das müssen wir auch bezahlen. Aber das derzeitige Chaos bei den Banken mit täglich wechselnden Vorschriften macht es nicht leichter.
MARE PIU: Was denken Sie als Unternehmer, was wirklich insgesamt schief ging?
MIKHALIS FARSARIS: Niemals hätten wir die Schulden so anwachsen lassen dürfen, wie das jetzt passiert ist. Ich wiederhole mich: Die beste Lösung wäre gewesen, Griechenland 2010 in die Insolvenz gehen zu lassen, als Griechenland tatsächlich insolvent war. Damals wäre nur Griechenland betroffen gewesen. Aber durch die Aufkäufe der maroden griechischen Bonds durch die EZB hängt nun auch jeder Europäer mit drin. Damals wären nur die griechischen Banken pleite gegangen, heute hängt Europa mit drin. Letztlich hat die Politik, haben EZB und IWF aus dem griechischen Drama ein europäisches gemacht. Und unsere Schulden wuchsen ins Untragbare. Das andere: Die von außen verordneten Ausgaben-Kürzungen trafen viele Griechen hart, sehr hart. Griechenland musste eine Menge vom IWF verordneter Cuts auf sich nehmen. Das hat der Wirtschaft nicht gut getan. Was wir gebraucht hätten, sind Reformen, die Geld in die Wirtschaft bringen und nicht abziehen.
MARE PIU: Aber was ging denn generell schief? Der europäische Grundgedanke „Wir geben Geld gegen die Einführung verbindlicher Standards“: warum hat die Umsetzung hier in Griechenland nicht funktioniert? Warum konnte kein funktionierendes Steuersystem aufgebaut werden? Warum bleiben die Reichen unbesteuert bis heute?
MIKHALIS FARSARIS: So traurig das klingt: Letztlich war jeder Regierung der politische Preis dafür zu hoch – den wollte keine griechische Regierung bezahlen. Wir sind damit tatsächlich gescheitert, unser Land grundlegend zu reformieren. Das andere: Irgendwann erschöpften sich Troika und IWF im Einfordern von Maßnahmen statt echter Reformen. Die Angst in den Geberländern begann, zu überwiegen.
MARE PIU: Können Sie ein Beispiel geben?
MIKHALIS FARSARIS: Zuletzt verlangte der IWF die Besteuerung der Tourismus-Unternehmen hier auf Kreta mit einem Schlag von 6,5% auf 23% zu erhöhen. Dies ist keine Reform, dies ist eine harte Maßnahme, die die wirtschaftliche Initiative auf der Insel im Zweifel eher abwürgt statt forciert. Das kann nicht gut gehen. Maßnahmen wie diese machten die Menschen richtig wütend.
MARE PIU: Und was ging am vergangenen Sonntag beim Referendum schief? Wie kam es dazu, dass hier in Agios Nikolaos und in Heraklion tatsächlich mehr Menschen als im nationalen Durchschnitt mit „Nein“ stimmten?
MIKHALIS FARSARIS: Auch dies ist vielschichtig. Da war einerseits die berechtigte Wut der Menschen hier über die Ausgabenkürzungen, deren Folgen jeder zu spüren bekam. Das Zweite: Unsere Regierung ließ uns unfairer Weise nicht über die GRIECHISCHEN Reformvorschläge abstimmen; sondern über die der Geberländer, die zudem vom Tisch waren.
Das Dritte: Unsere Regierung erklärte uns: „Yes“: das wäre nichts anderes als „to kiss Europe’s arse“. Ein „Nein“ wäre gleichbedeutend mit „Wir verhandeln in Würde. Und kommen innerhalb 48 Stunden mit Europa zu einer Einigung.“ Das haben die Leute geglaubt.
Den letzten, fatalen Ausschlag gaben dann aber die Stimmen europäischer Politiker, die den Griechen im Falle eines „Nein“ mit einem Ausscheiden aus Euro und Europa drohten. Das löste bei den meisten genau den gegenteiligen Effekt aus: Trotz. Und Ablehnung. Eben ein griechisches „Nein“. Die letzte Woche: das war hier in Griechenland wie nach 1945, es war Bürgerkrieg. Wer „Ja“ sagte, war fast Verräter.
MARE PIU: Und was wird jetzt passieren? Wie wird es weitergehen?
MIKHALIS FARSARIS: Da habe ich zwei Optionen im Kopf. Die erste ist schlimm. Die zweite ist bestenfalls ungewiss.
Die erste: Es gibt langfristig keine Einigung. Wir fliegen aus dem Euro. Griechenland wird Venezuela: trotz vieler Assets (Griechenland ist ja nicht arm) bleiben die Regale der Supermärkte leer. Wir bekommen einen „Commandante“ als Regierungschef.
Die zweite: Wir bekommen parallele Währungen. Es ist unklar, wie das mit den Transaktionen auf internationaler Ebene dann laufen soll. Und es weiß keiner, wohin das führen wird. Aber letztlich, ob so oder so: Wir werden überleben, ob mit, ob ohne Euro. Es wird weitergehen.

Heute in Griechenland (3): Warum Despina kein Geld von mir annimmt.


„Medikamente, Lebensmittel, Gas und Öl – vielen Griechen fehlt es schon jetzt am Nötigsten. Über eine humanitäre Katastrophe will kaum ein Spitzenpolitiker reden, doch intern und bei Hilfsorganisationen werden schon Szenarien durchgespielt“, schreibt SPIEGEL ONLINE heute abend auf seiner Titelseite. Zeilen wie diese legen den Schluß nahe, dass ein Land am Abgrund steht. Ich bin hier, um nachzusehen.

Heraklion, mit fast 175.000 Einwohnern immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands: Lange Schlangen finde ich – aber nicht vor Banken und Geldautomaten, an denen ich vorbeischlendere. Sondern vor der Kasse des archäologischen Freigeländes von Knossos, wo Mittags alle Parkplätze belegt sind. Die Schlange ist mehr als 50 Meter lang. Ich höre: Ungarisch, Italienisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Portugiesisch, Tschechisch, Russisch. In der Warteschlange vor Minotaurus‘ Palast scheint Europa wunderbar zu funktionieren.

Nachmittags im CARREFOUR-Supermarkt: Es ist nicht viel los – ist ja auch Nachmittag. Fehlen – siehe oben – tut in den Regalen eigentlich nichts. Niemand verdächtigt mich der Hamsterei, als ich – ganz Segler beim Aufbruch – einen Berg Mineralwasser zur Kasse schiebe, getoppt von einem Hügel Tomatenkonserven und Sardinendosen. Nein, in Hamsterstimmung aus Furcht vor dem Zusammenbruch ist hier auf Kreta auch kaum jemand. Ein griechisches Pärchen am prall gefüllten Käseregal, das sich irgendwie fürs Abendessen nicht entscheiden kann. 

Keine Krise? Alles nur Medien-Fake? Es fällt mir jedenfalls schwer, hier auf Kreta Krisenstimmung zu entdecken. Die zwei Wirte, mit denen ich sprach, sind zufrieden mit dem Geschäft in diesem Sommer bisher. Der Autoverleiher von SIXT auch. Der grinst, als ich ihn auf die westlichen Medien anspreche. Ja, das würde er auch lesen. Und sich wundern. 
Kann es sein, dass ein Land, das nur Tage vor dem großen Kollaps steht, so entspannt ist? Griechen, die in Kaffees ihren Frappé schlürfen? Ältere Dämchen, die gemächlichen Schrittes ihr Hündchen Gassi führen? Es passt alles nicht ins Bild des Landes, dessen Banken nur noch einen Hauch von der Insolvenz entfernt sind.



Fast schon denke ich, im falschen Land zu sein, so wie der Mann, der nach Brasilien wollte und dafür extra Spanisch paukte, nur um festzustellen: dass man das überall in Südamerika, nur in Brasilien nicht gebrauchen kann. Irrtum, denke ich also. Bis ich ins Museum von Heraklion gehe. 
An der Kasse des Museums will ich meinen Rucksack abgeben, aber man weist mich ein paar Schritte weiter, um das Museum herum, am Caffee vorbei. Und dort sitzt: Despina, Mitte 40, im Freien vor einem Blechregal mit zwei Koffern. Freundlich nimmt sie meinen Rucksack, ich frage, ob der bei ihr auch sicher sei, schließlich sei mein Computer drin, „ohne“ sei ich wertlos. Despina, offensichtlich halbseitig gelähmt, lächelt und sagt in gebrochenem Englisch, ich solle mir keine Sorgen machen, der Rucksack sei sicher bei ihr. Mühevoll malt sie eine „Sechs“ auf einen kleinen gelben Zettel, den solle ich nur ja wieder mitbringen. Und weil mir Despina das sagt, drum gebe ich den gelben Zettel mit der Sechs die Stunden, die ich im Museum verbringe, nicht mehr aus der Hand. 
Als ich zu Despina zurückkehre, sitzt sie immer noch im Freien vor dem Blechregal, in dem einsam mein schwarzer Rucksack liegt. Artig zeige ich meine „Sechs“, Despina händigt mir meinen Rucksack aus, ohne etwas dafür zu verlangen. Also greife ich in meine Tasche, will ihre Mühe vergelten. Aber Despina lehnt energisch ab. Nein nein, das ginge nicht. Nein, wirklich nicht.
Fast schon will ich gehen, da greife ich zu einer kleinen List, damit sie, die es sicher brauchen kann, doch noch etwas von mir annimmt: Ich gehe zurück und bitte sie, doch das Wenige anzunehmen und einem Menschen zu geben, den sie kenne und der gerade in Not sei. Wieder schüttelt Despina ihr Haupt: Das ginge nicht. Das dürfe sie nicht. Und lehnt entschlossen ab.

Belassen wir es bei dieser Geschichte von der aufrechten Despina. 

PS:
Ins Museum ging ich eigentlich nur wegen des Stier-Reliefs auf dem Foto oben. Es erschien vergangenes Wochenende in der SÜDDEUTSCHEN mit dem Hinweis, der Tourismus auf Kreta sei stark zurückgegangen seit Ausbruch der Krise. 
Das Stier-Relief fand ich im Museum. Als ich hinkam, war es umlagert von etwa 30 Chinesen. Die nächste Reisegruppe dahinter wartete bereits…



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Heute in Griechenland (2): Ankommen. Und Aufwachen.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Anders als erwartet ist die Maschine von München nach Heraklion fast ausgebucht, im Flugzeug Lachen und Ausgelassenheit. Für die Menschen im Flieger: Endlich Ferien.


Auch in Heraklion ist bei der Ankunft alles wie immer. Der Flughafen am Meer: er brummt und summt in der Dunkelheit. Alle eineinhalb Minuten ein Triebswerkdonnern und Aufheulen von Start und Landung,  während draußen hundert Meter entfernt ein Frachter träge vorbeizieht, ein Ferienflieger löst den anderen ab, ein hektisches Kommen und Gehen zwischen Duty Free, rumpelnden Gepäckbändern, bepackten Menschen. Alles wie immer. Auch beim Autoverleiher. Von Heraklion nach Agios Nikolaos sind es eineinhalb Stunden, es ist fast halb zehn abends, als ich hier bin, also führt kein Weg um einen Mietwagen herum. Sie sind freundlich dort, und weil ich Leonidas, den Autoverleiher in Agios Nikolaos kenne, der alles für mich schon hier hinterlegt hat, läuft alles glatt. Zwei Männer nebenan, die sich mit kumpelhaften „Oixi“ begrüßen. Supermärkte hell erleuchtet.

Von Heraklion rolle ich die Landstraße entlang. Vor meiner letzten Fahrt warnte mich Leonidas, der Autoverleiher: die Strecke sei mit Kameras gespickt, also brav mit 90 durch die Landschaft, und tatsächlich: alle paar Kilometer warnt mich ein Schild, dass jetzt gleich geblitzt wird. Also rumpelt mein klitzekleiner Kleinwagen friedlich durch die Nacht, je weiter ich durchs Dunkel von Heraklion nach Osten rolle, umso einsamer wird es, bis ich nur noch allein auf der gut ausgebauten Bundesstraße bin. Gelegentlich in den Bergen ein keuchender Lastwagen.



Es ist spät, als ich in Agios Nikolaos ankomme. Noch einen griechischen Salat essen im TO PAREAKI, in TRIPADVISOR’s Agios Nikolaos-Tipps im Ranking weit oben. Aber fast leer. Es ist schon spät, ein paar englische Urlauber ziehen vorbei, das TO PAREAKI liegt an der Hafenpromenade auf dem Weg zu großen Hotels, trotzdem ist für eine Juli Nacht wenig los. Ein englisches Pärchen, Teenager, „erstes Mal Reisen“. Zwei ältere Engländer. Eine deutsche Familie. Alles. Nur in einer danebenliegenden Bar im Musikgedröhn fröhliches Lärmen von Hotelgästen. 
Die Marina liegt verlassen und still. Kinder auf Skateboards. Ein paar Jugendliche die auf einem Holzsteg diskutieren.



Am Morgen wache ich auf von den Fallböen, die von den Bergen im Nordwesten herunterdreschen.  Alles wie immer. LEVJE neigt sich leicht zur Seite, ein Schwingen, ein Brummen von den Stagen, ein Heulen der Wanten von den Nachbarliegern. 
Ich werde mich jetzt aufmachen. Und während die EU-Spitzen heute ausschließlich über Griechenland reden und die Krise und darüber, wie ein Ausweg gefunden werden kann, werde ich heute herumstreifen. Und versuchen, mit den Menschen zu sprechen.

Heute Abend mehr.



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Heute in Griechenland (2): Ankommen. Und Aufwachen.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Anders als erwartet ist die Maschine von München nach Heraklion fast ausgebucht, im Flugzeug Lachen und Ausgelassenheit. Für die Menschen im Flieger: Endlich Ferien.


Auch in Heraklion ist bei der Ankunft alles wie immer. Der Flughafen am Meer: er brummt und summt in der Dunkelheit. Alle eineinhalb Minuten ein Triebswerkdonnern und Aufheulen von Start und Landung,  während draußen hundert Meter entfernt ein Frachter träge vorbeizieht, ein Ferienflieger löst den anderen ab, ein hektisches Kommen und Gehen zwischen Duty Free, rumpelnden Gepäckbändern, bepackten Menschen. Alles wie immer. Auch beim Autoverleiher. Von Heraklion nach Agios Nikolaos sind es eineinhalb Stunden, es ist fast halb zehn abends, als ich hier bin, also führt kein Weg um einen Mietwagen herum. Sie sind freundlich dort, und weil ich Leonidas, den Autoverleiher in Agios Nikolaos kenne, der alles für mich schon hier hinterlegt hat, läuft alles glatt. Zwei Männer nebenan, die sich mit kumpelhaften „Oixi“ begrüßen. Supermärkte hell erleuchtet.

Von Heraklion rolle ich die Landstraße entlang. Vor meiner letzten Fahrt warnte mich Leonidas, der Autoverleiher: die Strecke sei mit Kameras gespickt, also brav mit 90 durch die Landschaft, und tatsächlich: alle paar Kilometer warnt mich ein Schild, dass jetzt gleich geblitzt wird. Also rumpelt mein klitzekleiner Kleinwagen friedlich durch die Nacht, je weiter ich durchs Dunkel von Heraklion nach Osten rolle, umso einsamer wird es, bis ich nur noch allein auf der gut ausgebauten Bundesstraße bin. Gelegentlich in den Bergen ein keuchender Lastwagen.



Es ist spät, als ich in Agios Nikolaos ankomme. Noch einen griechischen Salat essen im TO PAREAKI, in TRIPADVISOR’s Agios Nikolaos-Tipps im Ranking weit oben. Aber fast leer. Es ist schon spät, ein paar englische Urlauber ziehen vorbei, das TO PAREAKI liegt an der Hafenpromenade auf dem Weg zu großen Hotels, trotzdem ist für eine Juli Nacht wenig los. Ein englisches Pärchen, Teenager, „erstes Mal Reisen“. Zwei ältere Engländer. Eine deutsche Familie. Alles. Nur in einer danebenliegenden Bar im Musikgedröhn fröhliches Lärmen von Hotelgästen. 
Die Marina liegt verlassen und still. Kinder auf Skateboards. Ein paar Jugendliche die auf einem Holzsteg diskutieren.



Am Morgen wache ich auf von den Fallböen, die von den Bergen im Nordwesten herunterdreschen.  Alles wie immer. LEVJE neigt sich leicht zur Seite, ein Schwingen, ein Brummen von den Stagen, ein Heulen der Wanten von den Nachbarliegern. 
Ich werde mich jetzt aufmachen. Und während die EU-Spitzen heute ausschließlich über Griechenland reden und die Krise und darüber, wie ein Ausweg gefunden werden kann, werde ich heute herumstreifen. Und versuchen, mit den Menschen zu sprechen.

Heute Abend mehr.



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Heute in Griechenland, Teil 1: Was Aristoteles Onassis sagen würde.

 
Unterdessen hatte ich Kreta erreicht. Die grüne Ostseite, der Palmenstrand bei Vai waren die ersten Dinge, die ich von der grünen Insel sah.
 
Seit etwa 10 Tagen liegt LEVJE in Agios Nikolaos, einem Ferienort an der Nordseite der Insel. Durch die Straßen der Stadt flanierten Menschen, die Agios Nikolaos aufgesucht haben, um hier Urlaub zu machen. Ältere, Jüngere, Eltern mit Kindern, die meisten von Ihnen mit einem bunten Plastik-Armbändchen ums Handgelenk, das sie ausweist als Bewohner eines der „All-inclusive“-Hotels, die es in und um Agios Nikolaos zuhauf gibt. Vor zehn Tagen: da war die Welt noch in Ordnung, augenscheinlich. Die Restaurants um den kleinen Kratersee, der mitten im Ort wie ein tiefblaues Auge liegt, waren gut besucht, wenn auch vielleicht etwas weniger als in den Jahren zuvor. Am Strand neben der Marina wurde ein Beach-Volley-Ball-Turnier ausgetragen bei Lounge-Musik, Laissez-fair 2015.
 
 
Gestern hat – wie überall in Griechenland  – auch in Agios Nikolaos eine merkwürdige Abstimmung stattgefunden: Dem Wortlaut nach darüber, ob die Bevölkerung ein Angebot aus dem Ausland annehmen sollte, das gar nicht mehr auf dem Tisch war: Weiteres Geld gegen Reformen: Ja oder Nein. Nai oder Oichi.
 
Eigentlich ging es um viel mehr und doch zugleich um nichts: Das viel mehr, um das es ging, ist: Wollen 10 Millionen Griechen weiter einen sehr schmerzhaften Weg innerhalb einer wirtschaftlichen Gemeinschaft gehen, mit all den Verpflichtungen und, ja: „Verbindlichkeiten“, die zum Leben in einer Gemeinschaft gehören? 
Oder wollen 10 Millionen Griechen lieber einen mindestens ebenso schmerzhaften, aber etwas eigenständigen Weg gehen?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen von einer Regierung, die diese „Hopp oder Topp“-Situation herbeigeführt hat, gut vertreten?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen von einem Europa, dessen Grundlage im Vertrag von Maastricht dieses „Wir geben Geld gegen Reformen und die Einführung internationaler Standards“ formuliert, gut begleitet? 
 
MARE PIU hat sich bisher unpolitisch und überparteilich verstanden. Was aber in den nächsten Tagen in Griechenland geschieht, kann einen Wendepunkt in Europa darstellen, eine Grenze, an der ein Zeitabschnitt, den man historisch „Epoche“ nennt, sichtbar für alle ein Ende nimmt. Ein Zeitpunkt, an dem alle Beteiligten ein “ So geht es jedenfalls nicht weiter“ einsehen. Die Bevölkerung Griechenlands, dass sie etwas etwas anderes möchte als international anerkannte, aber erdrückende Standards. Die Bevölkerung Europas, dass es mit der großen, anerkannten Idee von Europa so nicht weitergeht, wenn sie sich nur darin erschöpft, Geld in Kreisläufe zu pumpen, in denen es einfach – versickert. 
 
Kein Geld zur Verfügung zu haben, ist schlimm. Viel Geld zur Verfügung zu haben, kann noch weit schlimmer sein. Wer die letzten Jahre mit offenen Augen durch die griechische Inselwelt segelte, Häfen ansteuerte auf dem Peloponnes, auf Rhodos oder auch auf kleinen Inseln, der konnte oft kopfschüttelnd sehen, dass „unbegrenzt Geld haben“ überhaupt kein Allheilmittel ist, um eine Wirtschaft, ein Land in Gang zu bringen. Bauruinen überall. Rohbauten zuhauf. Marina-Großprojekte, die brandneu fertiggestellt einfach verrotten. „Wer glaubt, man könne mit Geld alles erreichen, der hat nie welches besessen“, diktierte Aristoteles Onassis, Grieche von Geld, vor nicht einmal 40 Jahren in die Feder eines griechischen Journalisten.
 
Was bedeutet die Situation in Griechenland und für die Griechen? Was bedeutet es, wenn man täglich nur 60 Euro aus dem Geldautomaten ziehen kann? Wie sieht es aus in Griechenland?
 
In einem meiner früheren Posts schrieb ich über die Angst und das alte Rezept meines Freundes David, als wir zu zweit die einsamen Bergkämme der Toskana entlang wanderten: „Wenn’s vor dem Zelt raschelt: einfach nachsehen gehen.“ 
 
Ich habe mich heute auf den Weg gemacht nach Kreta, aus Sorge um mein Boot, um LEVJE. Aber auch, wie es den Menschen, die ich in Agios Nikolaos kennengelernt habe, ergeht. Um Nachsehen zu gehen. Ich weiß nicht, was mich erwartet. 
 
Aus aktuellem Anlaß werde ich täglich hier auf MARE PIU über das schreiben, was ich sehe, was ich in Begegnungen mit den Menschen auf Kreta erleben werde.
 
Heute in Griechenland.

Heute in Griechenland, Teil 1: Was Aristoteles Onassis sagen würde.



Unterdessen hatte ich Kreta erreicht. Die grüne Ostseite, der Palmenstrand bei Vai waren die ersten Dinge, die ich von der grünen Insel sah.


Seit etwa 10 Tagen liegt LEVJE in Agios Nikolaos, einem Ferienort an der Nordseite der Insel. Durch die Straßen der Stadt flanierten Menschen, die Agios Nikolaos aufgesucht haben, um hier Urlaub zu machen. Ältere, Jüngere, Eltern mit Kindern, die meisten von Ihnen mit einem bunten Plastik-Armbändchen ums Handgelenk, ein Eis in der Hand, Gäste der „All-inclusive“-Hotels, die es in und um Agios Nikolaos zuhauf gibt. Vor zehn Tagen: da war die Welt noch in Ordnung, augenscheinlich. Die Restaurants um den kleinen Kratersee, der mitten im Ort wie ein tiefblaues Auge liegt, waren gut besucht, wenn auch vielleicht etwas weniger als in den Jahren zuvor. Am Strand neben der Marina wurde ein Beach-Volley-Ball-Turnier ausgetragen bei Lounge-Musik. Laissez-fair 2015.



Gestern hat – wie überall in Griechenland  – auch in Agios Nikolaos eine merkwürdige Abstimmung stattgefunden: Dem Wortlaut nach darüber, ob die Bevölkerung ein Angebot aus dem Ausland annehmen sollte, das gar nicht mehr auf dem Tisch war: Weiteres Geld gegen Reformen: Ja oder Nein. Nai oder Oixi.

Eigentlich ging es um viel mehr und doch zugleich um nichts: Das viel mehr, um das es ging, ist: Wollen 10 Millionen Griechen weiter einen sehr schmerzhaften Weg innerhalb einer wirtschaftlichen Gemeinschaft gehen, mit all den Verpflichtungen und, ja: „Verbindlichkeiten“, die zum Leben in einer Gemeinschaft gehören? 
Oder wollen 10 Millionen Griechen lieber einen mindestens ebenso schmerzhaften, aber etwas eigenständigeren Weg gehen?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen von einer Regierung, die diese „Hopp oder Topp“-Situation herbeigeführt hat, gut vertreten?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen in einem Europa, dessen Grundlage im Vertrag von Maastricht dieses „Wir geben Geld gegen Reformen und die Einführung internationaler Standards“ formuliert, gut aufgehoben? 

MARE PIU hat sich bisher unpolitisch und überparteilich verstanden. Was aber in den nächsten Tagen in Griechenland geschieht, könnte ein Wendepunkt in Europa sein, eine Grenze, an der ein Zeitabschnitt, den man historisch „Epoche“ nennt, sichtbar für alle ein Ende nimmt. Ein Zeitpunkt, an dem alle Beteiligten ein “ So geht es jedenfalls nicht weiter“ einsehen; die Bevölkerung Griechenlands, dass sie etwas etwas anderes möchte als international anerkannte, aber erdrückende Standards; die Bevölkerung Europas, dass es mit der großen, anerkannten Idee von Europa so nicht weitergeht, wenn sie sich nur darin erschöpft, Geld in Kreisläufe zu pumpen, in denen es nirgendwo Nutzen stiftet und einfach – versickert.

Kein Geld zur Verfügung zu haben, ist schlimm. Viel Geld zur Verfügung zu haben, kann noch weit schlimmer sein. Wer die letzten Jahre mit offenen Augen durch die griechische Inselwelt segelte, Häfen ansteuerte auf dem Peloponnes, auf Rhodos oder auch auf kleinen Inseln, der konnte oft kopfschüttelnd sehen, dass „unbegrenzt Geld haben“ überhaupt kein Allheilmittel ist, um eine Wirtschaft, ein Land in Gang zu bringen. Bauruinen an vielen Orten. Verfallende Rohbauten zuhauf. Marina-Großprojekte und Kai-Mauern, die brandneu fertiggestellt einfach verrotten. „Wer glaubt, man könne mit Geld alles erreichen, der hat nie welches besessen“, diktierte Aristoteles Onassis, Grieche von Geld, vor nicht einmal 40 Jahren in die Feder eines griechischen Journalisten.

Was bedeutet die Situation in Griechenland und für die Griechen? Was bedeutet es, wenn die tägliche Summe aus dem Geldautomaten hart rationiert ist, wenn man vielleicht – gar nichts mehr ziehen kann, obwohl doch auf dem eigenen Konto etwas ist? Wie sieht es aus in Griechenland?

In einem meiner früheren Posts schrieb ich über die Angst und das alte Rezept meines Freundes David, als wir zu zweit die einsamen Bergkämme der Toskana entlang wanderten: „Wenn’s vor dem Zelt raschelt: einfach raus, Und nachsehen gehen.“ 

                                                                       Weiterlesen bei: Reden wir mal über: Die Angst. Hier.

Ich habe mich heute auf den Weg gemacht nach Kreta. Der Anlaß ist natürlich Sorge um mein Boot, um LEVJE. Aber auch, wie es den Menschen, die ich in Agios Nikolaos kennen- und schätzen gelernt habe, ergeht. Ich fahre hin, um Nachsehen zu gehen. Ich weiß nicht, was mich erwartet. 

Aus aktuellem Anlaß werde ich täglich hier auf MARE PIU über das schreiben, was ich sehe, was ich in Begegnungen mit den Menschen auf Kreta erleben werde.

Heute in Griechenland.





                             Wer keinen Post von Mare Piu versäumen und  jeden neuen Artikel gleich bei       
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Durch die südöstliche Ägäis: Die vergessenen Inseln: Die Palmen von Vai.

Typische für die menschenleere Ost-Ägäis: Die Insel Kasos zwischen Karpathos und Kreta. Karg, kahl – ein heißer Stein im tiefen Blau. Dass die Ost-Ägäis nicht überall so ist, zeigt der nachfolgende Beitrag.
Anders als am Vortag weht so gar kein Wind, als ich von Karpathos am frühen Morgen ablege und weiter Richtung Westen segle. Vorbei an dem Wrack des gestrandeten Frachters, der an der Südspitze von Karpathos zwischen den Felsen liegt. Niemand beseitigt das Wrack. Die Jahre, Wind und Wellen kümmern sich darum. Vorbei an der Insel Kasos, die karg und kahl im Meer liegt. Ein heißer Stein, ein gewachsener Fels im tiefen Blau, auf dessen Hügelkuppe einzig ein Haus steht. Sonst: Nichts.
 
Das Meer ist unbewegt an diesem Tag. Ein leises Lüftchen an der Südwest-Spitze von Kasos, das ich ausnutze und die Segel setze. LEVJE, die Flautenläuferin: aus einem Hauch an vorlichen Wind holt sie wieder einmal knapp fünf Knoten heraus, wir halten aber zu weit südlich, Kreta ist noch über 30 Seemeilen entfernt. Minute um Minute halte ich Ausschau: dass der leise Wind, der um die Südwestspitze von Kasos herumhaucht, langsam nördlicher drehen möge. Dass sich endlich wie jeden Tag die Schaumkronen in Nordwest zeigen, die den Wind ankündigen. Dass er stärker werden, endlich auf Nordwest drehen möge. Meltemi, wo bist Du heute?
 
Er läßt sich Zeit. Brav dreht er nach Nordwest. Und bleibt heute eben ein Hauch, der uns langsam übers unbewegte Wasser zieht, dort, wo sonst Starkwind bläst. Na dann halt langsam.
 
 
Kreta steigt am Nachmittag langsam aus dem Meer auf, als der Meltemi endlich kommt. Aber statt karger Felsen leuchtet die Insel grün, die kleinen vorgelagerten Inseln im Norden sind mit niedrigem Grün bewachsen. Je näher wir kommen, desto mehr habe ich den Eindruck: dies muss Irland sein, die grüne Insel. Oder Schottland. Alles ist grün, aus der Ferne sieht es aus wie Gras und Moos, die Ostküste Kretas: kein kahler Fels, sondern grün.
 
Unseren Ankerplatz finden wir in der Abenddämmerung. Weil die Bucht von Vai mit Bojen gesperrt ist, ziehen wir in der Dämmerung eine Bucht weiter nördlich. Und im Morgenlicht dann dies:
 
 
 
Die Palmen von Vai. Die Legende erzählt: Piraten, die in der Bucht ankerten, hätten die Früchte mitgebracht und ihre Kerne am Strand ausgespuckt. Wahr daran ist, dass es die Kretische Dattelpalme Phoenix Theophrasti nur einmal gibt auf der Welt: nämlich hier im Osten Kretas. Früchte tragen sie keine mehr – oder nur ungenießbare. Sie sind vermutlich Jahrhunderte alt – jedenfalls an der Stelle, an der ich sie finde: Stämme entwachsen verfallenden, undurchdringlichen Strünken von meterdickem Umfang, fast ist es, als wäre mitten in jedem der Strünke eine Behausung für einen zotteligen Einsiedler. Aber in die Behausung hinein kann man nicht, so dicht wachsen die Stämme daraus empor. Ein Zauber geht von den Palmen aus, als ich allein am Sandstrand liege: Ein Knacken, wenn der Wind durch die langen Palmwedel streift. Ein Rascheln, wenn die gefiederten Arme aneinander reiben. 
Es ist: als würden sie etwas erzählen, die Palmen von Vai, etwas in ihrer Sprache, das ich nicht verstehe. Von den Piraten, die sie von weither mitbrachten. Von der Basilika, von der nur noch Grundmauern am Hang stehen. Deren marmorne Türschwelle mit ihren halbkreisförmigen Riefen vom christlichen Leben der Menschen vor Hunderten Jahren erzählt, bis Kreta osmanisch wurde. Von den Hippies, die in den 70ern ihr Lager trommelnd am Strand von Vai aufschlugen, die Palmwedel als Brennholz nutzten, bis die Kommune einschritt. Und den Versuch eines anderen Lebens vom Strand von Vai verbannte.
 
Vielleicht erzählen sie von alldem: Die Palmen von Vai.
 
 
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Durch die südöstliche Ägäis: Die vergessenen Inseln: Die Palmen von Vai.

Typische für die menschenleere Ost-Ägäis: Die Insel Kasos zwischen Karpathos und Kreta. Karg, kahl – ein heißer Stein im tiefen Blau. Dass die Ost-Ägäis nicht überall so ist, zeigt der nachfolgende Beitrag.
Anders als am Vortag weht so gar kein Wind, als ich von Karpathos am frühen Morgen ablege und weiter Richtung Westen segle. Vorbei an dem Wrack des gestrandeten Frachters, der an der Südspitze von Karpathos zwischen den Felsen liegt. Niemand beseitigt das Wrack. Die Jahre, Wind und Wellen kümmern sich darum. Vorbei an der Insel Kasos, die karg und kahl im Meer liegt. Ein heißer Stein, ein gewachsener Fels im tiefen Blau, auf dessen Hügelkuppe einzig ein Haus steht. Sonst: Nichts.

Das Meer ist unbewegt an diesem Tag. Ein leises Lüftchen an der Südwest-Spitze von Kasos, das ich ausnutze und die Segel setze. LEVJE, die Flautenläuferin: aus einem Hauch an vorlichen Wind holt sie wieder einmal knapp fünf Knoten heraus, wir halten aber zu weit südlich, Kreta ist noch über 30 Seemeilen entfernt. Minute um Minute halte ich Ausschau: dass der leise Wind, der um die Südwestspitze von Kasos herumhaucht, langsam nördlicher drehen möge. Dass sich endlich wie jeden Tag die Schaumkronen in Nordwest zeigen, die den Wind ankündigen. Dass er stärker werden, endlich auf Nordwest drehen möge. Meltemi, wo bist Du heute?

Er läßt sich Zeit. Brav dreht er nach Nordwest. Und bleibt heute eben ein Hauch, der uns langsam übers unbewegte Wasser zieht, dort, wo sonst Starkwind bläst. Na dann halt langsam.


Kreta steigt am Nachmittag langsam aus dem Meer auf, als der Meltemi endlich kommt. Aber statt karger Felsen leuchtet die Insel grün, die kleinen vorgelagerten Inseln im Norden sind mit niedrigem Grün bewachsen. Je näher wir kommen, desto mehr habe ich den Eindruck: dies muss Irland sein, die grüne Insel. Oder Schottland. Alles ist grün, aus der Ferne sieht es aus wie Gras und Moos, die Ostküste Kretas: kein kahler Fels, sondern grün.

Unseren Ankerplatz finden wir in der Abenddämmerung. Weil die Bucht von Vai mit Bojen gesperrt ist, ziehen wir in der Dämmerung eine Bucht weiter nördlich. Und im Morgenlicht dann dies:



Die Palmen von Vai. Die Legende erzählt: Piraten, die in der Bucht ankerten, hätten die Früchte mitgebracht und ihre Kerne am Strand ausgespuckt. Wahr daran ist, dass es die Kretische Dattelpalme Phoenix Theophrasti nur einmal gibt auf der Welt: nämlich hier im Osten Kretas. Früchte tragen sie keine mehr – oder nur ungenießbare. Sie sind vermutlich Jahrhunderte alt – jedenfalls an der Stelle, an der ich sie finde: Stämme entwachsen verfallenden, undurchdringlichen Strünken von meterdickem Umfang, fast ist es, als wäre mitten in jedem der Strünke eine Behausung für einen zotteligen Einsiedler. Aber in die Behausung hinein kann man nicht, so dicht wachsen die Stämme daraus empor. Ein Zauber geht von den Palmen aus, als ich allein am Sandstrand liege: Ein Knacken, wenn der Wind durch die langen Palmwedel streift. Ein Rascheln, wenn die gefiederten Arme aneinander reiben. 
Es ist: als würden sie etwas erzählen, die Palmen von Vai, etwas in ihrer Sprache, das ich nicht verstehe. Von den Piraten, die sie von weither mitbrachten. Von der Basilika, von der nur noch Grundmauern am Hang stehen. Deren marmorne Türschwelle mit ihren halbkreisförmigen Riefen vom christlichen Leben der Menschen vor Hunderten Jahren erzählt, bis Kreta osmanisch wurde. Von den Hippies, die in den 70ern ihr Lager trommelnd am Strand von Vai aufschlugen, die Palmwedel als Brennholz nutzten, bis die Kommune einschritt. Und den Versuch eines anderen Lebens vom Strand von Vai verbannte.

Vielleicht erzählen sie von alldem: Die Palmen von Vai.



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