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Heute in Griechenland (11): Was man von Griechenland lernen könnteindiesen Tagen.

Irgendwann in diesen Tagen wird es soweit sein, dass zum 100.000mal ein Leser auf MARE PIU klickt. Das ist natürlich ein seltenes Jubiläum, etwas, worauf ich, worauf wir über ein Jahr gewartet haben. Und um dem Tag die richtige, dem Ereignis angemessene Würde zu verleihen, haben wir uns für heute in unserer Artikelserie HEUTE IN GRIECHENLAND für unseren 11. Post etwas Milde und Nachdenklichkeit verordnet. Seien wir also zurückhaltend zumindest für den heutigen Tag nach diesen Wochen verbitternder Diskussion zwischen Nordeuropäern und Griechen, die gleichermaßen zu wissen schienen, woran dies Land nun wirklich zu kranken scheint.


Übersehen wir also zumindest für diesen einen Tag die Rohbauten, die überall rottend am Meer herumstehen.
Schauen wir einfach hinweg über die tollen Ferien-Anlagen, die brandneu fertiggestellt ihr Dasein als leblose Geisterstädte verfallend fristen.


Blicken wir hinweg über eine ungeheure Vielzahl an Betonmonumenten vielerlei Art, die uns alle nur das eine sagen: Dass dies Land irgendwie seine liebe Not hat mit Großprojekten aller Art. 
Verdrängen wir für einen Moment, wieviele Hochbegabte, gut Ausgebildete dieses Land jeden Monat verlassen, Ärzte, Programmierer: weil sie hier keine adäquate Beschäftigung finden. 
Legen wir gnädig einen Schleier des Schweigens über jene Schreihälse unter griechischen Politikern, die – wer weiß, aus welchem Spieltrieb heraus – europäische Kollegen als „Terroristen“ bezeichneten und das Land isolierten. 
Freuen wir uns, dass sich die Wogen auf dem Meer vor Agios Nikolaos und in der Presse beruhigt haben und die Brecher jetzt gerade woanders als mit Kraft ans Ufer schlagen. Und denken wir für einen Moment darüber nach: Was man lernen könnte, in diesen Tagen, von Griechenland und den Griechen.




„Griechenland ist immer noch ein wunderbares Land, 
um abzuhängen.“


Was eine deutsche Touristin gestern so schön formulierte, enthält einfach einen wahren Kern. Oder gleich mehrere: Man wird in Ruhe gelassen, in diesem Land. Keiner dreht einem irgendwo etwas an oder fragt, ob’s denn nun nach dem Essen auch noch ein doppelter Espresso sein dürfe. Die Männer in diesem Land sind noch Teddybären und haben eben nicht sieben Jahre „Vertrieb“ auf dem Buckel. In Restaurants – wie oben in Paleokastro ganz im Osten von Kreta – geht es beschaulich zu. Alles ist etwas verlangsamt und eben noch nicht vertriebsorientiert. Und dafür sitzt man dann über seinem 47. Tsatsiki während dieses Griechenland-Aufenthalts, zieht genüsslich die Joghurt-Gurken-kühle Gabel über die Zunge und ist der Meinung: dies sei ja nun wirklich das allerbeste Tsatsiki, das man auf dieser Reise serviert bekommen habe.



„So ganz habe ich es noch nicht raus:       
Aber für Griechen scheint Geld eine andere Währung 
zu sein als für den Rest der Welt.“         

Haben Sie sich schon einmal gefragt: Was Geld für Sie bedeutet? Welchen Betrag Sie zum Beispiel im Portemonnaie haben müssen, um sich sicher zu fühlen, wenn Sie durch die Straßen ihrer Stadt laufen? 200 Euro? 100 Euro? 30 Euro?  
Ab wann Sie nervös werden und nach dem nächsten Bankautomaten schielen, weil die „magische Grenze“ unterschritten ist?
Haben sie sich schon mal gefragt: Welcher Betrag täte mir richtig weh, wenn ich ihn auf der Straße verlieren würde? 10 Euro? 50 Euro? Nichts dergleichen?

In den zurückliegenden Wochen der Krise war es zumindest hier in Agios Nikolaos bewundernswert, wie die Griechen sich im Alltag mit dem herumschlugen, was im Ausland so schön „Kapitalverkehrskontrollen“ heißt. An den Geldautomaten zu gehen, und der spuckt täglich nur mehr 60 Euro für mich aus. Manchen von uns würde allein schon das Gefühl der Limitierung, nicht mehr im „Unbegrenzten“ leben zu können, an den Rand des Wahnsinns treiben.

Tatsächlich blieben die Griechen, die ich beobachten konnte, erstaunlich gelassen. Das hat einerseits damit zu tun, dass 60 Euro täglich, wie Mikhalis Farsaris im Interview sagte, für den durchschnittlichen Griechen eine Menge Geld seien, immerhin 1.800 Euro monatlich.

                                                        Weiterlesen bei: Mikhalis Farsaris. Was ein Manager sagt. Hier.

Lassen wir einmal außer Acht, dass die Griechen schon die letzten fünf Jahre in der Gewißheit verbrachten, dass ihnen demnächst – finanztechnisch – der Himmel auf den Kopf fällt. Dass alle sich vorbereitet haben. Die Kopfkissen mit Banknoten füllten. Auslandskonten anlegten. Konten am Wohnort bei möglichst drei bis vier Banken unterhalten (das ergibt dann beim morgendlichen Rundgang von Bankautomat zu Bankautomat für Cleverles statt 60 Euro schon mal 180 Euro, darüber spricht man nicht!). Wohlgemerkt: alles hier in Agios Nikolaos auf Kreta, nicht Athen oder Thessaloniki. Lassen wir dies alles außer Acht, denn der Kern ist ein anderer, nämlich: „Wofür soll ich hier schon 180 Euro brauchen?“. Geld ist in Griechenland etwas anderes als in Deutschland. Mit „Geld“ scheint es in Griechenland wie mit „Auto“ zu sein. Ein bisschen was davon ist immer da. Aber lebensnotwendig ist beides nicht.
Und das färbt wohltuend auch in diesen Tagen auf das Reiseland ab. Alles läuft einfach weiter. Weil es auf das, wovon halt jeden Tag „ein bisschen da sein muss“, nun wirklich nicht ankommt.




„Bei der gegenwärtigen Krise handelt es sich 
weniger um eine ökonomische, 
sondern um eine Krise der Werte.
Sagt der Doktor.

Seit einigen Tagen denke ich über die letzten Interviews nach, die ich in den vergangenen Tagen hier führte. Dass Sven, aufgewachsen in der Nähe von Brüssel, mir über seine Heimat sagt, dass er aufgrund der sozialen Probleme und der wachsenden Kriminalität sein Land verlassen habe, weil er nicht möchte, dass sein Kind darin aufwächst?


Oder dass mir der Doktor das mit der Krise der Werte sagt. Und beschlossen hat, eine Organisation zu gründen, um die Menschen durch Rückbesinnung auf traditionelle Anbaumethoden in Selbstversorgung zu schulen.


Natürlich geht es nicht, dass ein Nachbar dauerhaft auf Kosten seiner Nachbarn lebt. Und ein Land auf Dauer von anderen durchgefüttert wird. Die Ermutigung, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, muss an erster Stelle stehen. Das tun die Griechinnen und Griechen, mit denen ich in den letzten Wochen Interviews führte, allesamt und ohne Ausnahme. Sie tun es nur ein wenig anders als wir Deutschen, wir Nordeuropäer oder Nordamerikaner insgesamt.



„Warum ist Wasser in Deutschland’s 
Restaurants und Bahnhöfen 
eigentlich so teuer?“ fragt Despina.

Manche der Fragen, die mir hier gestellt werden, haben durchaus ihre Berechtigugng. Ich bin zumindest nachdenklich geworden nach all dem, was ich hier sah, ob der deutsche Weg, ein Land auf Biegen und Brechen in die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu führen, für Griechen und Griechenland der richtige Weg ist. 
Ganz abgesehen davon, dass von vielem, was aus Brüssel in Griechenland oder in Deutschland landet, längstens der Schleier des Schweigens gezogen gehört:   
Dieses Land würde vieles verlieren, was für andere Länder wertvoll ist.

Und kommenden Dienstag: Da schreibe ich darüber: Warum Thomas, 26, aufgewachsen unmittelbar neben dem Eifelturm in Paris nichts anderes möchte als: Hier leben. Auf Kreta.

Alle Fotos vom gestrigen Samstag entstanden im Osten von Kreta.

Weiterlesen bei: Die Palmen von Vai. Hier.






Heute in Griechenland (11): Was man von Griechenland lernen kann in diesen Tagen.

Irgendwann in diesen Tagen wird es soweit sein, dass zum 100.000mal ein Leser auf MARE PIU klickt. Das ist natürlich ein seltenes Jubiläum, etwas, worauf ich, worauf wir über ein Jahr gewartet haben. Und um dem Tag die richtige, dem Ereignis angemessene Würde zu verleihen, haben wir uns für heute in unserer Artikelserie HEUTE IN GRIECHENLAND für unseren 11. Post etwas Milde und Nachdenklichkeit verordnet. Seien wir also zurückhaltend zumindest für den heutigen Tag nach diesen Wochen verbitternder Diskussion zwischen Nordeuropäern und Griechen, die gleichermaßen zu wissen schienen, woran dies Land nun wirklich zu kranken scheint.
Übersehen wir also zumindest für diesen einen Tag die Rohbauten, die überall rottend am Meer herumstehen.
Schauen wir einfach hinweg über die tollen Ferien-Anlagen, die brandneu fertiggestellt ihr Dasein als leblose Geisterstädte verfallend fristen.
Blicken wir hinweg über eine ungeheure Vielzahl an Betonmonumenten vielerlei Art, die uns alle nur das eine sagen: Dass dies Land irgendwie seine liebe Not hat mit Großprojekten aller Art. 
Verdrängen wir für einen Moment, wieviele Hochbegabte, gut Ausgebildete dieses Land jeden Monat verlassen, Ärzte, Programmierer: weil sie hier keine adäquate Beschäftigung finden. 
Legen wir gnädig einen Schleier des Schweigens über jene Schreihälse unter griechischen Politikern, die – wer weiß, aus welchem Spieltrieb heraus – europäische Kollegen als „Terroristen“ bezeichneten und das Land isolierten. 
Freuen wir uns, dass sich die Wogen auf dem Meer vor Agios Nikolaos und in der Presse beruhigt haben und die Brecher jetzt gerade woanders als mit Kraft ans Ufer schlagen. Und denken wir für einen Moment darüber nach: Was man lernen könnte, in diesen Tagen, von Griechenland und den Griechen.
 
 
„Griechenland ist immer noch ein wunderbares Land, um abzuhängen.“
Was eine deutsche Touristin gestern so schön formulierte, enthält einfach einen wahren Kern. Oder gleich mehrere: Man wird in Ruhe gelassen, in diesem Land. Keiner dreht einem irgendwo etwas an oder fragt, ob’s denn nun nach dem Essen auch noch ein doppelter Espresso sein dürfe. Die Männer in diesem Land sind noch Teddybären und haben eben nicht sieben Jahre „Vertrieb“ auf dem Buckel. In Restaurants – wie oben in Paleokastro ganz im Osten von Kreta – geht es beschaulich zu. Alles ist etwas verlangsamt und eben noch nicht vertriebsorientiert. Und dafür sitzt man dann über seinem 47. Tsatsiki während dieses Griechenland-Aufenthalts, zieht genüsslich die Joghurt-Gurken-kühle Gabel über die Zunge und ist der Meinung: dies sei ja nun wirklich das allerbeste Tsatsiki, das man auf dieser Reise serviert bekommen habe.
„So ganz habe ich es noch nicht raus:       
Aber für Griechen scheint Geld eine andere Währung zu sein als für den Rest der Welt.“
Haben Sie sich schon einmal gefragt: Was Geld für Sie bedeutet? Welchen Betrag Sie zum Beispiel im Portemonnaie haben müssen, um sich sicher zu fühlen, wenn Sie durch die Straßen ihrer Stadt laufen? 200 Euro? 100 Euro? 30 Euro?
Ab wann Sie nervös werden und nach dem nächsten Bankautomaten schielen, weil die „magische Grenze“ unterschritten ist?
Haben sie sich schon mal gefragt: Welcher Betrag täte mir richtig weh, wenn ich ihn auf der Straße verlieren würde? 10 Euro? 50 Euro? Nichts dergleichen?
In den zurückliegenden Wochen der Krise war es zumindest hier in Agios Nikolaos bewundernswert, wie die Griechen sich im Alltag mit dem herumschlugen, was im Ausland so schön „Kapitalverkehrskontrollen“ heißt. An den Geldautomaten zu gehen, und der spuckt täglich nur mehr 60 Euro für mich aus. Manchen von uns würde allein schon das Gefühl der Limitierung, nicht mehr im „Unbegrenzten“ leben zu können, an den Rand des Wahnsinns treiben.
Tatsächlich blieben die Griechen, die ich beobachten konnte, erstaunlich gelassen. Das hat einerseits damit zu tun, dass 60 Euro täglich, wie Mikhalis Farsaris im Interview sagte, für den durchschnittlichen Griechen eine Menge Geld seien, immerhin 1.800 Euro monatlich.
Lassen wir einmal außer Acht, dass die Griechen schon die letzten fünf Jahre in der Gewißheit verbrachten, dass ihnen demnächst – finanztechnisch – der Himmel auf den Kopf fällt. Dass alle sich vorbereitet haben. Die Kopfkissen mit Banknoten füllten. Auslandskonten anlegten. Konten am Wohnort bei möglichst drei bis vier Banken unterhalten (das ergibt dann beim morgendlichen Rundgang von Bankautomat zu Bankautomat für Cleverles statt 60 Euro schon mal 180 Euro, darüber spricht man nicht!). Wohlgemerkt: alles hier in Agios Nikolaos auf Kreta, nicht Athen oder Thessaloniki. Lassen wir dies alles außer Acht, denn der Kern ist ein anderer, nämlich: „Wofür soll ich hier schon 180 Euro brauchen?“. Geld ist in Griechenland etwas anderes als in Deutschland. Mit „Geld“ scheint es in Griechenland wie mit „Auto“ zu sein. Ein bisschen was davon ist immer da. Aber lebensnotwendig ist beides nicht.
Und das färbt wohltuend auch in diesen Tagen auf das Reiseland ab. Alles läuft einfach weiter. Weil es auf das, wovon halt jeden Tag „ein bisschen da sein muss“, nun wirklich nicht ankommt.
„Bei der gegenwärtigen Krise handelt es sich weniger um eine ökonomische, sondern um eine Krise der Werte“, sagt der Doktor.
Seit einigen Tagen denke ich über die letzten Interviews nach, die ich in den vergangenen Tagen hier führte. Dass Sven, aufgewachsen in der Nähe von Brüssel, mir über seine Heimat sagt, dass er aufgrund der sozialen Probleme und der wachsenden Kriminalität sein Land verlassen habe, weil er nicht möchte, dass sein Kind darin aufwächst?
 
Oder dass mir der Doktor das mit der Krise der Werte sagt. Und beschlossen hat, eine Organisation zu gründen, um die Menschen durch Rückbesinnung auf traditionelle Anbaumethoden in Selbstversorgung zu schulen.
Natürlich geht es nicht, dass ein Nachbar dauerhaft auf Kosten seiner Nachbarn lebt. Und ein Land auf Dauer von anderen durchgefüttert wird. Die Ermutigung, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, muss an erster Stelle stehen. Das tun die Griechinnen und Griechen, mit denen ich in den letzten Wochen Interviews führte, allesamt und ohne Ausnahme. Sie tun es nur ein wenig anders als wir Deutschen, wir Nordeuropäer oder Nordamerikaner insgesamt.
„Warum ist Wasser in Deutschland in Restaurants und Bahnhöfen eigentlich so teuer?“, fragt Despina.
Ich bin zumindest nachdenklich geworden nach all dem, was ich hier sah, ob der deutsche Weg, ein Land auf Biegen und Brechen in die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu führen, für Griechen und Griechenland der richtige Weg ist.
Ganz abgesehen davon, dass von vielem, was aus Brüssel in Griechenland oder in Deutschland landet, längstens der Schleier des Schweigens gezogen gehört:
Dieses Land würde vieles verlieren, was für andere Länder wertvoll ist.
Alle Fotos vom gestrigen Samstag entstanden im Osten von Kreta.

Heute in Griechenland (10): Was der Doktor sagt. Und warum derDoktoreine Arche baut.

Die medizinische Versorgung in Griechenland: Thema oder Trauma? MARE PIU frägt den Mediziner Dr. Aris Pagkalos in Agios Nikolaos – und erhält einige verblüffende Antworten.
 
Das ist Dr. Aris Pagkalos. Er ist Hals-Nasen-Ohren-Facharzt und einer von 50 Medizinern, die sich medizinisch um die Bevölkerung von Agios Nikolaos kümmern. Zuvor war er an der Universitätsklinik von Heraklion, vor 15 Jahren ist er in seine Heimatstadt Agios Nikolaos zurückgekehrt, um sich als Facharzt niederzulassen. Er ist 50 Jahre alt und hat zwei Töchter, die in Athen Griechische Philologie studieren.
MARE PIU:
Wie ist das so, als Arzt in Griechenland?
Dr. PAGKALOS: Wenn ich mir so die Entwicklung der letzten Jahre ansehe, scheint es nicht sonderlich attraktiv zu sein: Wir haben drei größere Tendenzen:
Erstens:
Sehr starke „Wanderungsbewegung“ unter den Ärzten: Abwanderung von Fachärzten an den Hospitälern. Auswanderung aus finanziellen Gründen. Abwanderung in den vorzeitigen Ruhestand, manchmal schon mit 60 oder jünger, da werden gerne gesetzliche Schlupflöcher genutzt.
Zweitens:
Noch eine Wanderungsbewegung: Viele Ärzte in unserem Land nehmen öfter einen Ortswechsel vor innerhalb Griechenlands, ebenfalls aus ökonomischen Gründen. Für eine stabile medizinsiche Versorgung ist das nicht gut.
Drittens:
Generelle Reduzierung von Personal und Ausstattung an Kliniken. Die Kliniken in Griechenland sind – anders als in Deutschland – immer noch staatlich. Selbst wenn ich dem Leiter eines Krankenhauses nachweise, dass wir die Kosten für diese oder jene Anschaffung innerhalb kurzer Zeit wieder hereinholen, ist seine Neigung zu größeren Anschaffungen gering. Bürokratie. Mittlerweile ist es so, dass ich mir als Facharzt in meinen Räumen teilweise besseres Equippment leisten kann als die Kliniken.
MARE PIU: Gibt es zunehmend Schwierigkeiten, die Patienten hier in Agios Nikolaos zu versorgen?
Dr. PAGKALOS: Das nicht, nein. Wir haben alles, was wir brauchen. Was wir aber schon feststellen, ist, dass die Menschen weniger ihren Arzt aufsuchen. Das hat eindeutig mit Verunsicherung, mit ökonomischem Druck zu tun. Man geht nicht einfach so zum Arzt. Ärzte, die gute Arbeit machen, merken das weniger, sie sind nach wie vor gut frequentiert. Aber die anderen oder die, die ihre Praxis gerade gestartet haben, verzeichnen eindeutig Rückgänge.
MARE PIU: Es gibt hier in Griechenland ja viele Unversicherte ohne Krankenversicherung. Was geschieht jetzt eigentlich mit den Patienten, die sich einen Arzt nicht leisten können?
Dr. PAGKALOS: Die behandle ich natürlich trotzdem – jeder Arzt hier macht das. Ich habe Privatversicherte, Normalversicherte, Nichtversicherte. Wir behandeln alle – dafür bin ich Arzt. Und als Präsident des hiesigen ROTEN KREUZES stelle ich auch fest, dass es in den letzten Monaten mehr Menschen geworden sind, die nicht bezahlen können.
 
MARE PIU: Wenn es an Ihnen läge, wenn Ihnen Mittel zur Verfügung stünden: Wo würden Sie als Arzt investieren?
Dr. PAGKALOS: Ich würde noch mehr investieren in den Anbau traditioneller Produkte. Produkte, die wir hier vor Ort seit jeher anbauen und produzieren. Ich habe hierzu eine Organisation gegründet, die ARK OF SEEDS heißt, ARCHE DER PFLANZEN. Innerhalb dieser Organisation sammeln wir das Wissen um die Pflanzen, die wir hier auf Krtea immer angebaut. Wir schulen hier Leute, wie man das richtig macht, wann man sät, wann man erntet, was man braucht. Wir wollen die Menschen hier unabhängiger machen und haben zu diesem Zweck ein großes Stück Land erworben, das wir Menschen zur Verfügung stellen, die über geringes Einkommen verfügen. Wir schulen die Leute auch in Obst- und Gartenbau, zeigen, wie man auf unserer wasserarmen Gegend „Cultivation without Water“ betreibt. Wir haben eine Bank mit Pflanzensamen gegründet. Und wir wollen Respekt gegenüber den traditionellen Anbaumethoden und Lebensweisen hier auf Kreta bewahren. Da war ja alles nicht verkehrt. Ich möchte gerne, dass wir bei jeder Art von Problem aus den Abhängigkeiten herauskommen. Und unabhängig werden.
MARE PIU: Wie kamen Sie denn auf die Idee?
Dr. PAGKALOS: Ich habe meine Großmutter sehr verehrt. Sie hat mich die Liebe zu den Dingen gelehrt, mit ihrer einfachen Lebensweise. Aber das erstaunlichste war: Sie hat immer dafür gesorgt, dass wir mehr zu essen hatten, als wir essen konnten – und das aus dem einfachen Landbau heraus. Und genau das möchte ich mit ARK OF THE SEEDS erreichen: das wir dieses alte Wissen weitergeben.
 
MARE PIU: In den siebzigern Jahren erschien in den nordeuropäischen Ländern eine Studie, in welchem Land die Menschen die größte Lebenserwartung hätten. Mit weitem Abstand lag Ihre Insel Kreta vorne. Man hat über Jahrzehnte versucht, die Gründe dafür zu finden. Sah sie vor allem in der mediterranen Küche: wenig Fleisch, viele wasserspeichernde Gemüsesorten. Können Sie die Ergebnisse der Studie bestätigen?
Dr. PAGKALOS (lacht): Von dieser Studie habe ich noch nie gehört.
MARE PIU: Wenn Sie die augenblickliche Krise in Europa betrachten – wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen?
Dr. PAGKALOS: Ich glaube, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise weniger um eine ökonomische, sondern um eine Krise der Werte („values“) handelt. Wir Griechen haben nach der europäischen Einigung das Maß verloren. Wahlgeschenke: Menschen, die einfach im öffentlichen Sektor eingestellt wurden, ohne sie zu brauchen. Viele, die die Grenzen aus den Augen verloren, und die dann über ihre Verhältnisse lebten. Europa reagierte auf die Krise ebenfalls nicht richtig, weil es diese Krise derzeit ausschließlich aus dem wirtschaftlichen Blickwinkel sieht. Und das ist auch nicht richtig.
MARE PIU: Und wie kam es zu dem folgenreichen Referendum?
Dr. PAGKALOS (lacht): Das müssen Sie über die Griechen wissen: Ein „Nein“ ist uns Griechen allemal IMMER gemäßer und auch näher. „Ja“ ist manchmal nur ein höfliches Wort, das wir sagen, und es leider nicht so meinen.
_______________________________________________________________________________
Vom Autor von MARE PIU:
Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.

Heute in Griechenland (10): Was der Doktor sagt. Und warum derDoktoreine Arche baut.

Die medizinische Versorgung in Griechenland: Thema oder Trauma? MARE PIU frägt den Mediziner Dr. Aris Pagkalos in Agios Nikolaos – und erhält einige verblüffende Antworten.

Das ist Dr. Aris Pagkalos. Er ist Hals-Nasen-Ohren-Facharzt und einer von 50 Medizinern, die sich medizinisch um die Bevölkerung von Agios Nikolaos kümmern. Zuvor war er an der Universitätsklinik von Heraklion, vor 15 Jahren ist er in seine Heimatstadt Agios Nikolaos zurückgekehrt, um sich als Facharzt niederzulassen. Er ist 50 Jahre alt und hat zwei Töchter, die in Athen Griechische Philologie studieren.

MARE PIU: 
Wie ist das so, als Arzt in Griechenland?

Dr. PAGKALOS: Wenn ich mir so die Entwicklung der letzten Jahre ansehe, scheint es nicht sonderlich attraktiv zu sein: Wir haben drei größere Tendenzen:

Erstens: 
Sehr starke „Wanderungsbewegung“ unter den Ärzten: Abwanderung von Fachärzten an den Hospitälern. Auswanderung aus finanziellen Gründen. Abwanderung in den vorzeitigen Ruhestand, manchmal schon mit 60 oder jünger, da werden gerne gesetzliche Schlupflöcher genutzt. 

Zweitens:
Noch eine Wanderungsbewegung: Viele Ärzte in unserem Land nehmen öfter einen Ortswechsel vor innerhalb Griechenlands, ebenfalls aus ökonomischen Gründen. Für eine stabile medizinsiche Versorgung ist das nicht gut.

Drittens:
Generelle Reduzierung von Personal und Ausstattung an Kliniken. Die Kliniken in Griechenland sind – anders als in Deutschland – immer noch staatlich. Selbst wenn ich dem Leiter eines Krankenhauses nachweise, dass wir die Kosten für diese oder jene Anschaffung innerhalb kurzer Zeit wieder hereinholen, ist seine Neigung zu größeren Anschaffungen gering. Bürokratie. Mittlerweile ist es so, dass ich mir als Facharzt in meinen Räumen teilweise besseres Equippment leisten kann als die Kliniken.

MARE PIU: Gibt es zunehmend Schwierigkeiten, die Patienten hier in Agios Nikolaos zu versorgen?

Dr. PAGKALOS: Das nicht, nein. Wir haben alles, was wir brauchen. Was wir aber schon feststellen, ist, dass die Menschen weniger ihren Arzt aufsuchen. Das hat eindeutig mit Verunsicherung, mit ökonomischem Druck zu tun. Man geht nicht einfach so zum Arzt. Ärzte, die gute Arbeit machen, merken das weniger, sie sind nach wie vor gut frequentiert. Aber die anderen oder die, die ihre Praxis gerade gestartet haben, verzeichnen eindeutig Rückgänge.

MARE PIU: Es gibt hier in Griechenland ja viele Unversicherte ohne Krankenversicherung. Was geschieht jetzt eigentlich mit den Patienten, die sich einen Arzt nicht leisten können?

Dr. PAGKALOS: Die behandle ich natürlich trotzdem – jeder Arzt hier macht das. Ich habe Privatversicherte, Normalversicherte, Nichtversicherte. Wir behandeln alle – dafür bin ich Arzt. Und als Präsident des hiesigen ROTEN KREUZES stelle ich auch fest, dass es in den letzten Monaten mehr Menschen geworden sind, die nicht bezahlen können.


MARE PIU: Wenn es an Ihnen läge, wenn Ihnen Mittel zur Verfügung stünden: Wo würden Sie als Arzt investieren?

Dr. PAGKALOS: Ich würde noch mehr investieren in den Anbau traditioneller Produkte. Produkte, die wir hier vor Ort seit jeher anbauen und produzieren. Ich habe hierzu eine Organisation gegründet, die ARK OF SEEDS heißt, ARCHE DER PFLANZEN. Innerhalb dieser Organisation sammeln wir das Wissen um die Pflanzen, die wir hier auf Krtea immer angebaut. Wir schulen hier Leute, wie man das richtig macht, wann man sät, wann man erntet, was man braucht. Wir wollen die Menschen hier unabhängiger machen und haben zu diesem Zweck ein großes Stück Land erworben, das wir Menschen zur Verfügung stellen, die über geringes Einkommen verfügen. Wir schulen die Leute auch in Obst- und Gartenbau, zeigen, wie man auf unserer wasserarmen Gegend „Cultivation without Water“ betreibt. Wir haben eine Bank mit Pflanzensamen gegründet. Und wir wollen Respekt gegenüber den traditionellen Anbaumethoden und Lebensweisen hier auf Kreta bewahren. Da war ja alles nicht verkehrt. Ich möchte gerne, dass wir bei jeder Art von Problem aus den Abhängigkeiten herauskommen. Und unabhängig werden.

MARE PIU: Wie kamen Sie denn auf die Idee?

Dr. PAGKALOS: Ich habe meine Großmutter sehr verehrt. Sie hat mich die Liebe zu den Dingen gelehrt, mit ihrer einfachen Lebensweise. Aber das erstaunlichste war: Sie hat immer dafür gesorgt, dass wir mehr zu essen hatten, als wir essen konnten – und das aus dem einfachen Landbau heraus. Und genau das möchte ich mit ARK OF THE SEEDS erreichen: das wir dieses alte Wissen weitergeben.


MARE PIU: In den siebzigern Jahren erschien in den nordeuropäischen Ländern eine Studie, in welchem Land die Menschen die größte Lebenserwartung hätten. Mit weitem Abstand lag Ihre Insel Kreta vorne. Man hat über Jahrzehnte versucht, die Gründe dafür zu finden. Sah sie vor allem in der mediterranen Küche: wenig Fleisch, viele wasserspeichernde Gemüsesorten. Können Sie die Ergebnisse der Studie bestätigen?

Dr. PAGKALOS (lacht): Von dieser Studie habe ich noch nie gehört.

MARE PIU: Wenn Sie die augenblickliche Krise in Europa betrachten – wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen?

Dr. PAGKALOS: Ich glaube, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise weniger um eine ökonomische, sondern um eine Krise der Werte („values“) handelt. Wir Griechen haben nach der europäischen Einigung das Maß verloren. Wahlgeschenke: Menschen, die einfach im öffentlichen Sektor eingestellt wurden, ohne sie zu brauchen. Viele, die die Grenzen aus den Augen verloren, und die dann über ihre Verhältnisse lebten. Europa reagierte auf die Krise ebenfalls nicht richtig, weil es diese Krise derzeit ausschließlich aus dem wirtschaftlichen Blickwinkel sieht. Und das ist auch nicht richtig.

MARE PIU: Und wie kam es zu dem folgenreichen Referendum?

Dr. PAGKALOS (lacht): Das müssen Sie über die Griechen wissen: Ein „Nein“ ist uns Griechen allemal IMMER gemäßer und auch näher. „Ja“ ist manchmal nur ein höfliches Wort, das wir sagen, und es leider nicht so meinen.



                                                          Weiterlesen bei: Das sagt der Bürgermeister. Hier.
                                                          Weiterlesen bei: Das sagt die Sozialarbeiterin. Hier.
                                                          Weiterlesen bei: Das sagt der Strandliegen-Verleiher. Hier.
                                                          Weiterlesen bei: Warum Despina von mir kein Geld nimmt. Hier.

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Vom Autor von MARE PIU: 

Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.

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Heute in Griechenland (9): Heute am Strand in Agios Nikolaos.

Am Strand im Süden von Agios Nikolaos treffe ich Sven. Sven ist zuständig für die Vermietung der  Sonnenschirme und Sonnenliegen an diesem Strand.

 
Sven ist Ende 30 und Belgier. Er ist in Antwerpen geboren, zur Schule gegangen, hat dort eine Ausbildung gemacht und eine feste Anstellung beim Wasserwirtschaftsamt bekommen. „Ich hatte einen sicheren Job, verdiente gutes Geld, hatte ein Haus zwischen Antwerpen und Brüssel. Aber vor fünf Jahren hab’ ich gedacht: Das wird nix mit Europa. Und mit Belgien gehts bergab. Ich wollte weg aus Belgien.“ Es sind vor allem soziale Probleme und steigende Kriminalität, die ihm in seiner Heimat zu schaffen machten. Besonders, als er Vater wurde. Er deutet auf sein Kind, Noemi, die mit anderen Kindern 50 Meter weiter in den Wellen plantscht. „Das wäre in Belgien ganz unmöglich: Dort am Meer würde ich Noemi keine fünf Meter weit von mir weg gehen lassen. Ständig gibt es in Belgien Kidnapping, Entführung, Erpressung. Und Kindesmisshandlung. Es gibt viele Leute, die sich an Kindern vergehen in meinem Land. Ich wollte nicht, dass mein Kind dort aufwächst, obwohl Belgien meine Heimat ist.“ 
Antwerpen und vor allem Brüssel – woran liegt es, dass dort die Kriminalität so zunimmt? Sven meint, vor allem die Integration der dritten Einwanderer-Generation sei dort gescheitert. „Die erste Generation von Maghrebinern, die in den Nachkriegsjahren nach Belgien und auch nach Frankreich kam, die wollte ein besseres Leben und suchte einfach Arbeit. Die fanden sie in der Industrie. Und damit waren sie zufrieden. Die zweite Generation ist aus diesen Industriejobs rausgeflogen, als die Firmen wegrationalisiert wurden und die Fertigungsbetriebe schlossen oder abwanderten. Die dritte Generation, die Jungen, die haben gar nichts. Die hatten nie Arbeit. Keinen Job, nichts dergleichen. Sie hängen in den Banlieues herum, der Staat bezahlt sie als Arbeitslose – fürs Nichtstun. Keiner ermuntert sie, irgendwas zu machen. Keine Perspektive. Sie laufen durch die Fußgängerzone und verprügeln irgendjemand, nur so, weil es Ihnen eben mal Spaß macht. Die Polizei kämpft in Belgien einen aussichtslosen Kampf.“ 
Sven ist kein Weichei, sondern einer, der etwas wegstecken kann. Abends, nebenbei, hat er als Türsteher gearbeitet. Als „Bouncer“, wie er sagt, in Diskotheken und Clubs, weil es ihm Spaß machte. „Aber im letzten Jahr, da wurde es immer krimineller. Immer öfter war ich in Kämpfe verwickelt, geriet in Schlägereien. Drogenleute, Agro-Typen, Kleinkriminelle auf der Suche nach Zoff.“ Es wurde ihm zuviel. Nach zwei Griechenland-Urlauben beschloss er mit seiner Frau Sophie, die Zelte in Belgien abzubrechen, das Haus zu verkaufen und mit der damals zweijährigen Noemi nach Griechenland zu gehen. Bei Null anfangen. „Hier hab ich Noemi den ganzen Tag im Auge, sie spielt mit den anderen Kindern. Griechenland ist im Vergleich zu Belgien eine heile Welt. Mir gefällt es hier. Klar gibt es hier auch Probleme. Aber im Vergleich zu dem, was wir zuhause hatten, ist das Nichts.“ Ob er denn nicht Angst hätte, vor den Folgen eines Finanzcrashs in Griechenland? „Hier läuft doch alles. Mein Barometer, wie es den Leuten wirtschaftlich geht, heißt „IPhone – Ipad – NIKE“: Jeden Tag kommen Leute an den Strand, die alle drei Dinge besitzen, auch Griechen. Solange das so ist, mache ich mir keine Sorgen. Die Alten sitzen noch jeden Tag im Kafeneion. Nein, hier gehts noch gut.“ 
 
Die Leute mögen Sven, es macht Spaß, ihm zuzusehen, wie er mit den Menschen umgeht, auf seinem Strand herumwerkelt, ständig überall ist. Liegen geraderückt, Sand herunterklopft. Mal setzt er sich zu diesem Pärchen auf einen Schwatz. Mal zu den beiden älteren Damen, mal zu der einsamen Schönheit, die sich als russisches Model entpuppt und Sven bittet, doch ein paar Fotos von ihr zu machen. „Wenn Du als Türsteher nicht lernst, wie Du mit Frauen sprechen musst, lernst Du es nirgendwo.“ 
 
Sven ist seit vier Jahren in Griechenland. Er arbeitet hart, als Vermieter der Sonnenliegen steht er jeden Morgen um halb sieben auf und ist zeitig am Strand. Von Sonntag bis Sonntag. Sieben Tage die Woche. Von Mai bis Oktober, ohne einen Tag Pause. Jeden Tag vom frühen Morgen bis um 17 Uhr. Pünktlich um fünf, nachdem er seinen Strand aufgeräumt hat, geht Sven dann in den Laden in der Touristenzone, den seine Frau Sophie dort betreibt. „Noemi’s Shop“ haben sie ihn nach ihrer Tochter benannt. Dort löst Sven dann seine Frau ab, steht noch bis zehn Uhr Abends im Laden und verkauft. „Frauenklamotten und T-Shirts. War Sophie’s Idee. Das lief anfangs sehr gut, aber wir spüren die Krise, sie ist überall in Europa, die Leute schauen schon aufs Geld. Hinzu kommt, dass jetzt auch In Agios Nikolaos ein Hotel nach dem anderen auf „All-inclusive“ umstellt. Als wir vor vier Jahren öffneten, war es kein Thema: Leute kamen rein ‚das T-Shirt, und das, und das‘ und legten 40 Euro hin. Heute heißt es bei ‚3 für 2‘: Ich nehm’ doch lieber nur eins. Die Krise: sie ist in ganz Europa, das spüre ich bei unseren Kunden.“
 
Am nächsten Tag treffe ich Sven erst spät am Strand. Er ist wütend. Irgendein griechischer Bus hat sein Auto am Straßenrand beschädigt. Und ist einfach weitergefahren. „Ich war bei der Polizei. Ich mag Griechenland echt gerne, aber das ist die Schattenseite, wie sie mit den Sachen umgehen. Einfach weiterfahren. Dabei ist an dem Bus viel mehr beschädigt als bei mir: Der ganze hintere Blinker und das Bremslicht des Buses sind zertrümmert. Das merkt man doch.“ Die Polizei? Würde nichts unternehmen. „Das ist so leicht herauszubekommen, welcher Bus das war. Ruft einfach die paar Busgesellschaften von hier und von Heraklion an. Nach einer Stunde wisst ihr, wer es war. Wenn ihr es nicht tut, mach ich es. Ich kümmere mich selber darum.“ 
Noch wütender ist Sophie, Sven’s Frau. Von ihrem Vater ist aus dem Senegal hat sie die dunkle Hautfarbe, unter der es jetzt gerade kocht und brodelt. „Es ist nicht leicht hier“, sagt sie und schaut hinaus aufs Meer. „Sven ist hier glücklich. Trotz der anstrengenden Arbeit, den ganzen Tag in der Hitze und der Sonne. Aber für mich ist es schwierig. In Antwerpen hab ich toughe Sachen gemacht. Erst hab ich mit 18 Klempner gelernt. Das war nicht einfach, in so einem Männerberuf. Ich mochte mein Handwerk, die Arbeit, aber irgendwann hat es mich genervt, immer als Mädchen angemacht zu werden. Heute wüsste ich, wie ich mich zu wehren habe – damals hab ich nach ein paar Jahren aufgehört und begonnen, in Kneipen und Clubs im Service gearbeitet. Das war mir dann nach ein paar Jahren zu langweilig. Danach hab ich als Türstehern gearbeitet, als „Bouncer“ wie Sven. In Antwerpen bin ich bekannt wie ein bunter Hund, jeder kennt mich. Hier? Ist es schwer für mich, ich selber sein zu können. Und nur wegen meiner anderen Hautfarbe nicht gesehen, nicht respektiert zu werden. Aber Sven ist glücklich hier. Ich gehe mit ihm, wo immer er hingeht.“
 
Als Noemi müde vom Spielen kommt, hab ich die drei vor mir. Europa. 
 
Es ist lustig, den dreien zuzuhören, wie sie flämisch sprechen. Flämisch unter Griechen. Vielleicht ist das der Kern von Europa: Menschen, die bereit sind, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Selbst und nicht irgendwem, einem Land, einem Staat, einer Firma, dafür die Verantwortung zu geben.

Heute in Griechenland (9): Heute am Strand in Agios Nikolaos.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland bin ich unmittelbar nach dem Referendum aus Deutschland zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                       Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.
                                                                              

Am Strand im Süden von Agios Nikolaos treffe ich Sven. Sven ist zuständig für die Vermietung der  Sonnenschirme und Sonnenliegen an diesem Strand.

Sven ist Ende 30 und Belgier. Er ist in Antwerpen geboren, zur Schule gegangen, hat dort eine Ausbildung gemacht und eine feste Anstellung beim Wasserwirtschaftsamt bekommen. „Ich hatte einen sicheren Job, verdiente gutes Geld, hatte ein Haus zwischen Antwerpen und Brüssel. Aber vor fünf Jahren hab’ ich gedacht: Das wird nix mit Europa. Und mit Belgien gehts bergab. Ich wollte weg aus Belgien.“ Es sind vor allem soziale Probleme und steigende Kriminalität, die ihm in seiner Heimat zu schaffen machten. Besonders, als er Vater wurde. Er deutet auf sein Kind, Noemi, die mit anderen Kindern 50 Meter weiter in den Wellen plantscht. „Das wäre in Belgien ganz unmöglich: Dort am Meer würde ich Noemi keine fünf Meter weit von mir weg gehen lassen. Ständig gibt es in Belgien Kidnapping, Entführung, Erpressung. Und Kindesmisshandlung. Es gibt viele Leute, die sich an Kindern vergehen in meinem Land. Ich wollte nicht, dass mein Kind dort aufwächst, obwohl Belgien meine Heimat ist.“ 
Antwerpen und vor allem Brüssel – woran liegt es, dass dort die Kriminalität so zunimmt? Sven meint, vor allem die Integration der dritten Einwanderer-Generation sei dort gescheitert. „Die erste Generation von Maghrebinern, die in den Nachkriegsjahren nach Belgien und auch nach Frankreich kam, die wollte ein besseres Leben und suchte einfach Arbeit. Die fanden sie in der Industrie. Und damit waren sie zufrieden. Die zweite Generation ist aus diesen Industriejobs rausgeflogen, als die Firmen wegrationalisiert wurden und die Fertigungsbetriebe schlossen oder abwanderten. Die dritte Generation, die Jungen, die haben gar nichts. Die hatten nie Arbeit. Keinen Job, nichts dergleichen. Sie hängen in den Banlieues herum, der Staat bezahlt sie als Arbeitslose – fürs Nichtstun. Keiner ermuntert sie, irgendwas zu machen. Keine Perspektive. Sie laufen durch die Fußgängerzone und verprügeln irgendjemand, nur so, weil es Ihnen eben mal Spaß macht. Die Polizei kämpft in Belgien einen aussichtslosen Kampf.“ 


Sven ist kein Weichei, sondern einer, der etwas wegstecken kann. Abends, nebenbei, hat er als Türsteher gearbeitet. Als „Bouncer“, wie er sagt, in Diskotheken und Clubs, weil es ihm Spaß machte. „Aber im letzten Jahr, da wurde es immer krimineller. Immer öfter war ich in Kämpfe verwickelt, geriet in Schlägereien. Drogenleute, Agro-Typen, Kleinkriminelle auf der Suche nach Zoff.“ Es wurde ihm zuviel. Nach zwei Griechenland-Urlauben beschloss er mit seiner Frau Sophie, die Zelte in Belgien abzubrechen, das Haus zu verkaufen und mit der damals zweijährigen Noemi nach Griechenland zu gehen. Bei Null anfangen. „Hier hab ich Noemi den ganzen Tag im Auge, sie spielt mit den anderen Kindern. Griechenland ist im Vergleich zu Belgien eine heile Welt. Mir gefällt es hier. Klar gibt es hier auch Probleme. Aber im Vergleich zu dem, was wir zuhause hatten, ist das Nichts.“ Ob er denn nicht Angst hätte, vor den Folgen eines Finanzcrashs in Griechenland? „Hier läuft doch alles. Mein Barometer, wie es den Leuten wirtschaftlich geht, heißt „IPhone – Ipad – NIKE“: Jeden Tag kommen Leute an den Strand, die alle drei Dinge besitzen, auch Griechen. Solange das so ist, mache ich mir keine Sorgen. Die Alten sitzen noch jeden Tag im Kafeneion. Nein, hier gehts noch gut.“ 

Die Leute mögen Sven, es macht Spaß, ihm zuzusehen, wie er mit den Menschen umgeht, auf seinem Strand herumwerkelt, ständig überall ist. Liegen geraderückt, Sand herunterklopft. Mal setzt er sich zu diesem Pärchen auf einen Schwatz. Mal zu den beiden älteren Damen, mal zu der einsamen Schönheit, die sich als russisches Model entpuppt und Sven bittet, doch ein paar Fotos von ihr zu machen. „Wenn Du als Türsteher nicht lernst, wie Du mit Frauen sprechen musst, lernst Du es nirgendwo.“ 

Sven ist seit vier Jahren in Griechenland. Er arbeitet hart, als Vermieter der Sonnenliegen steht er jeden Morgen um halb sieben auf und ist zeitig am Strand. Von Sonntag bis Sonntag. Sieben Tage die Woche. Von Mai bis Oktober, ohne einen Tag Pause. Jeden Tag vom frühen Morgen bis um 17 Uhr. Pünktlich um fünf, nachdem er seinen Strand aufgeräumt hat, geht Sven dann in den Laden in der Touristenzone, den seine Frau Sophie dort betreibt. „Noemi’s Shop“ haben sie ihn nach ihrer Tochter benannt. Dort löst Sven dann seine Frau ab, steht noch bis zehn Uhr Abends im Laden und verkauft. „Frauenklamotten und T-Shirts. War Sophie’s Idee. Das lief anfangs sehr gut, aber wir spüren die Krise, sie ist überall in Europa, die Leute schauen schon aufs Geld. Hinzu kommt, dass jetzt auch In Agios Nikolaos ein Hotel nach dem anderen auf „All-inclusive“ umstellt. Als wir vor vier Jahren öffneten, war es kein Thema: Leute kamen rein ‚das T-Shirt, und das, und das‘ und legten 40 Euro hin. Heute heißt es bei ‚3 für 2‘: Ich nehm’ doch lieber nur eins. Die Krise: sie ist in ganz Europa, das spüre ich bei unseren Kunden.“

Am nächsten Tag treffe ich Sven erst spät am Strand. Er ist wütend. Irgendein griechischer Bus hat sein Auto am Straßenrand beschädigt. Und ist einfach weitergefahren. „Ich war bei der Polizei. Ich mag Griechenland echt gerne, aber das ist die Schattenseite, wie sie mit den Sachen umgehen. Einfach weiterfahren. Dabei ist an dem Bus viel mehr beschädigt als bei mir: Der ganze hintere Blinker und das Bremslicht des Buses sind zertrümmert. Das merkt man doch.“ Die Polizei? Würde nichts unternehmen. „Das ist so leicht herauszubekommen, welcher Bus das war. Ruft einfach die paar Busgesellschaften von hier und von Heraklion an. Nach einer Stunde wisst ihr, wer es war. Wenn ihr es nicht tut, mach ich es. Ich kümmere mich selber darum.“ 


Noch wütender ist Sophie, Sven’s Frau. Von ihrem Vater ist aus dem Senegal hat sie die dunkle Hautfarbe, unter der es jetzt gerade kocht und brodelt. „Es ist nicht leicht hier“, sagt sie und schaut hinaus aufs Meer. „Sven ist hier glücklich. Trotz der anstrengenden Arbeit, den ganzen Tag in der Hitze und der Sonne. Aber für mich ist es schwierig. In Antwerpen hab ich toughe Sachen gemacht. Erst hab ich mit 18 Klempner gelernt. Das war nicht einfach, in so einem Männerberuf. Ich mochte mein Handwerk, die Arbeit, aber irgendwann hat es mich genervt, immer als Mädchen angemacht zu werden. Heute wüsste ich, wie ich mich zu wehren habe – damals hab ich nach ein paar Jahren aufgehört und begonnen, in Kneipen und Clubs im Service gearbeitet. Das war mir dann nach ein paar Jahren zu langweilig. Danach hab ich als Türstehern gearbeitet, als „Bouncer“ wie Sven. In Antwerpen bin ich bekannt wie ein bunter Hund, jeder kennt mich. Hier? Ist es schwer für mich, ich selber sein zu können. Und nur wegen meiner anderen Hautfarbe nicht gesehen, nicht respektiert zu werden. Aber Sven ist glücklich hier. Ich gehe mit ihm, wo immer er hingeht.“


Als Noemi müde vom Spielen kommt, hab ich die drei vor mir. Europa. 


Es ist lustig, den dreien zuzuhören, wie sie flämisch sprechen. Flämisch unter Griechen.

Vielleicht ist das der Kern von Europa: Menschen, die bereit sind, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Selbst und nicht irgendwem, einem Land, einem Staat, einer Firma, dafür die Verantwortung zu geben.



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Heute in Griechenland (8): Und wie gehts uns heute?

„Crisis? What Crisis?“ Donnerstag Nachmittag am Strand von Agios Nikolaos: Die Strände sind gut besucht, von Krise wenig zu spüren. Und das ist gut so. Agios Nikolaos: Ein Ort zwischen Normalität und Anspannung.
 
Agios Nikolaos mitten im Juli: Auch in der zweiten Woche der Krise fühlt sich die Welt in Agios Nikolaos auf Kreta sehr normal an. Die Lebensmittelläden sind unverändert gut bestückt. Die Geldautomaten geben Geld aus. Die meisten Tavernen am Abend sind voll. Und die Strände tagsüber auch, siehe mein Foto vom gestrigen Nachmittag. Das Leben: es geht seinen Gang.
Ich merke: sitze ich hier auf LEVJE und lese die internationale Berichterstattung: werde ich wütend, baue Vorurteile auf. Gehe ich nach der Lektüre raus und gehe „nachsehen“, ob es denn mit meinen Ängsten so richtig ist: dann entdecke ich, wie wichtig das Aufeinander-Zugehen, das simple Miteinander-Reden ist, um Dampf aus der Debatte zu nehmen.
Vor wenigen Wochen überraschte mich mein Freund Andreas in Deutschland mit dem einfachen Imperativ: „Nur gelebte Solidarität ist echte Solidarität.“ Da ist was dran – quatschen kann jeder. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass die meisten der Strandbesucher weniger aus altruistischen, sondern aus Bedürfnissen nach „endlich Urlaub“ hier sind und sich ihren Jahresurlaub nicht nehmen lassen: So trägt der unverändert stete Besucherstrom sehr zur Beruhigung der aufgewühlten Lage bei.
Das Leben, die Dinge: sie gehen ihren Gang.
Trotzdem: Wie sehen die Menschen hier in Agios Nikolaos die Beschlüsse, die am Montag Morgen in Brüssel vereinbart wurden? Vorgestern gab es eine Demonstration auf dem großen Platz in Agios Nikolaos: „Aber da waren nicht viele Leute“, sagt Mikhalis Farsaris, Vorstand der MARINA AGIOS NIKOLAOS. Mit ihm hatte ich vergangene Woche ein erstes Interview geführt.
Als ich ihn zu einem zweiten Gespräch oberhalb der Marina treffe, sprechen wir über die Reaktion auf Brüssel hier in Agios Nikolaos:
MIKHALIS FARSARIS: „Jetzt ist eine erhebliche Menge Testosteron im Raum – und das haben wir provoziert. Wir haben eine Menge Ärger heraufbeschworen, und auch eine unangemessene Reaktion von Seiten der anderen Europäer.“
MARE PIU: „Wie geht es denn jetzt weiter hier in Agios Nikolaos: Hat sich etwas verändert?
MIKHALIS FARSARIS: „Wir haben immer noch sehr gute Besucherzahlen, sowohl an den Stränden hier, als auch in der Marina. Es ist einfach in der schwierigen Phase schön zu sehen, dass die Berichterstattung der Massenmedien hier bislang keinen Schaden anrichtet. Immerhin kommen mehr als 50% des Bruttosozialprodukts von Kreta aus dem Tourismus.
Und Wir? Wir haben uns daran gewöhnt, einmal täglich an den Geldautomaten zu gehen und 60 Euro abzuheben. Die Lebensmittelläden sind bestückt wie vor der Krise. Soweit läuft alles. Aber: Unser Alltag ist von den Umständen nach wie vor stark eingeschränkt. Vor allem die Unsicherheit ist belastend: Wir wissen nicht genau – sollte es zum Schlimmsten kommen – wie wir ohne Währung, ohne Geld auskommen werden.
Wir wissen nicht, wie unsere Wirtschaft das aushält, keine Auslandsrechnung begleichen zu können. Bisher tun die Firmen das aus Reserven, die sie im Ausland aufgebaut haben. Aber irgendwann gehen auch die zur Neige.
Die Situation ist unverändert. Wir können einfach nur weitermachen.“
MARE PIU: „Was fürchten sie am meisten?“
MIKHALIS FARSARIS: „Mit den Ergebnissen von Brüssel kann niemand zufrieden sein. Aber: die Gefahr eines UNKOORDINIERTEN Grexit: die ist erstmal abgewendet. Und da standen wir letzte Woche unmittelbar davor. Das Problem ist: Selbst Island hatte ja zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs isländischer Banken einen Plan, wie es weitergehen sollte. Wir haben gar nichts dergleichen. Selbst wenn ein Grexit notwendig werden sollte: dann aber bitte mit Plan. Und koordiniert und mit Struktur und mit der Unterstützung unserer europäischen Partner.“
MARE PIU: „Und was denken Sie über die internationale Kritik an Wolfgang Schäuble?“
MIKHALIS FARSARIS: „Das war schon hart, als die Ergebnisse bekannt wurden. Aber noch einmal: Griechenland hat das provoziert. Und eigentlich denke ich wie die meisten anderen auch, die beim Referendum mit „Ja“ gestimmt hatten: ‚Wir sollten zuerst an unseren Problemen arbeiten. Und dann erst über die anderen urteilen‘.“
 
Am Donnerstag Nachmittag treffe ich den Arzt Dr. Aris Pagalis. Er praktiziert als HNO-Arzt und ist einer von etwa 50 Medizinern, die sich um die medizinische Versorgung von 28.000 Einwohnern im Bezirk Agios Nikolaos kümmern. Von Dr. Pagalis, der zugleich Präsident des örtlichen ROTEN KREUZES ist, will ich wissen, wie es um die Versorgung der Menschen steht. Aber der überrascht mich im Gespräch erstmal mit der Erkenntnis, dass es sich bei der bestehenden Krise auch um eine ökonomische, aber vor allem um eine WERTE-Krise in Europa handelt. „Wie konnte es dazu kommen?“, fragt Dr. Pagalis mich, der ich doch ihm mit einem Bündel an Fragen gegenübersitze und auf meine Fragen nach Antworten suche. „Das gute an der Krise“, stellt Dr. Pagalis fest“, ist: wir stehen in Griechenland am Abgrund. Visionen gab es so viele – dafür ist jetzt kein Platz mehr.“
Das ausführliche Interview mit Dr. Pagalis erscheint am Sonntag hier auf MARE PIU hier unter dem Titel: Heute in Griechenland (9). Was der Doktor sagt.
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Vom Autor von MARE PIU:
Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.
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Heute in Griechenland (8): Und wie gehts uns heute?

„Crisis? What Crisis?“ Donnerstag Nachmittag am Strand von Agios Nikolaos: Die Strände sind gut besucht, von Krise wenig zu spüren. Und das ist gut so.
Agios Nikolaos: Ein Ort zwischen Normalität und Anspannung.

Agios Nikolaos mitten im Juli: Auch in der zweiten Woche der Krise fühlt sich die Welt in Agios Nikolaos auf Kreta sehr normal an. Die Lebensmittelläden sind unverändert gut bestückt. Die Geldautomaten geben Geld aus. Die meisten Tavernen am Abend sind voll. Und die Strände tagsüber auch, siehe mein Foto vom gestrigen Nachmittag. Das Leben: es geht seinen Gang.
Ich merke: sitze ich hier auf LEVJE und lese die internationale Berichterstattung: werde ich wütend, baue Vorurteile auf. Gehe ich nach der Lektüre raus und gehe „nachsehen“, ob es denn mit meinen Ängsten so richtig ist: dann entdecke ich, wie wichtig das Aufeinander-Zugehen, das simple Miteinander-Reden ist, um Dampf aus der Debatte zu nehmen.
Vor wenigen Wochen überraschte mich mein Freund Andreas in Deutschland mit dem einfachen Imperativ: „Nur gelebte Solidarität ist echte Solidarität.“ Da ist was dran – quatschen kann jeder. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass die meisten der Strandbesucher weniger aus altruistischen, sondern aus Bedürfnissen nach „endlich Urlaub“ hier sind und sich ihren Jahresurlaub nicht nehmen lassen: So trägt der unverändert stete Besucherstrom sehr zur Beruhigung der aufgewühlten Lage bei. 
Das Leben, die Dinge: sie gehen ihren Gang. 
Trotzdem: Wie sehen die Menschen hier in Agios Nikolaos die Beschlüsse, die am Montag Morgen in Brüssel vereinbart wurden? Vorgestern gab es eine Demonstration auf dem großen Platz in Agios Nikolaos: „Aber da waren nicht viele Leute“, sagt Mikhalis Farsaris, Vorstand der MARINA AGIOS NIKOLAOS. Mit ihm hatte ich vergangene Woche ein erstes Interview geführt. 

                                                               Weiterlesen bei: Warum der Unternehmer sagt… Hier.



Als ich ihn zu einem zweiten Gespräch oberhalb der Marina treffe, sprechen wir über die Reaktion auf Brüssel hier in Agios Nikolaos:

MIKHALIS FARSARIS: „Jetzt ist eine erhebliche Menge Testosteron im Raum – und das haben wir provoziert. Wir haben eine Menge Ärger heraufbeschworen, und auch eine unangemessene Reaktion von Seiten der anderen Europäer.“ 

MARE PIU: „Wie geht es denn jetzt weiter hier in Agios Nikolaos: Hat sich etwas verändert?

MIKHALIS FARSARIS: „Wir haben immer noch sehr gute Besucherzahlen, sowohl an den Stränden hier, als auch in der Marina. Es ist einfach in der schwierigen Phase schön zu sehen, dass die Berichterstattung der Massenmedien hier bislang keinen Schaden anrichtet. Immerhin kommen mehr als 50% des Bruttosozialprodukts von Kreta aus dem Tourismus.
Und Wir? Wir haben uns daran gewöhnt, einmal täglich an den Geldautomaten zu gehen und 60 Euro abzuheben. Die Lebensmittelläden sind bestückt wie vor der Krise. Soweit läuft alles. Aber: Unser Alltag ist von den Umständen nach wie vor stark eingeschränkt. Vor allem die Unsicherheit ist belastend: Wir wissen nicht genau – sollte es zum Schlimmsten kommen – wie wir ohne Währung, ohne Geld auskommen werden. 
Wir wissen nicht, wie unsere Wirtschaft das aushält, keine Auslandsrechnung begleichen zu können. Bisher tun die Firmen das aus Reserven, die sie im Ausland aufgebaut haben. Aber irgendwann gehen auch die zur Neige.
Die Situation ist unverändert. Wir können einfach nur weitermachen.“

MARE PIU: „Was fürchten sie am meisten?“

MIKHALIS FARSARIS: „Mit den Ergebnissen von Brüssel kann niemand zufrieden sein. Aber: die Gefahr eines UNKOORDINIERTEN Grexit: die ist erstmal abgewendet. Und da standen wir letzte Woche unmittelbar davor. Das Problem ist: Selbst Island hatte ja zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs isländischer Banken einen Plan, wie es weitergehen sollte. Wir haben gar nichts dergleichen. Selbst wenn ein Grexit notwendig werden sollte: dann aber bitte mit Plan. Und koordiniert und mit Struktur und mit der Unterstützung unserer europäischen Partner.“

MARE PIU: „Und was denken Sie über die internationale Kritik an Wolfgang Schäuble?“

MIKHALIS FARSARIS: „Das war schon hart, als die Ergebnisse bekannt wurden. Aber noch einmal: Griechenland hat das provoziert. Und eigentlich denke ich wie die meisten anderen auch, die beim Referendum mit „Ja“ gestimmt hatten: ‚Wir sollten zuerst an unseren Problemen arbeiten. Und dann erst über die anderen urteilen‘.“


Am Donnerstag Nachmittag treffe ich den Arzt Dr. Aris Pagalis. Er praktiziert als HNO-Arzt und ist einer von etwa 50 Medizinern, die sich um die medizinische Versorgung von 28.000 Einwohnern im Bezirk Agios Nikolaos kümmern. Von Dr. Pagalis, der zugleich Präsident des örtlichen ROTEN KREUZES ist, will ich wissen, wie es um die Versorgung der Menschen steht. Aber der überrascht mich im Gespräch erstmal mit der Erkenntnis, dass es sich bei der bestehenden Krise auch um eine ökonomische, aber vor allem um eine WERTE-Krise in Europa handelt. „Wie konnte es dazu kommen?“, fragt Dr. Pagalis mich, der ich doch ihm mit einem Bündel an Fragen gegenübersitze und auf meine Fragen nach Antworten suche. „Das gute an der Krise“, stellt Dr. Pagalis fest“, ist: wir stehen in Griechenland am Abgrund. Visionen gab es so viele – dafür ist jetzt kein Platz mehr.“

Das ausführliche Interview mit Dr. Pagalis erscheint am Sonntag hier auf MARE PIU hier unter dem Titel: Heute in Griechenland (9). Was der Doktor sagt.


                           Wer mehr über die MARINA AGIOS NIKOLAOS auf Kreta erfahren möchte, wo ich                        mit LEVJE derzeit liege: Hier klicken.
     
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Vom Autor von MARE PIU: 

Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.

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Heute in Griechenland (7): Bürgermeister auf einer Insel.

 
Dies ist Antonis Zervos, und er ist seit 2014 Bürgermeister von Agios Nikolaos, einem 13.000 Einwohner zählenden Ort auf Kreta. Zervos ist nicht zum ersten Mal an der Spitze der Kommunalverwaltung, er war hier schon einmal Bürgermeister, früher, als er noch in der sozialistischen PASOK war, von 1999 bis 2002. 2014 ist Antonis Zervos wieder ins Amt gelangt, diesmal als Parteifreier. Antonis Zervos ist Vater einer Tochter, sie studiert in Athen und übersetzt unser Gespräch.
MARE PIU: Herr Zervos, irgendwie scheint Agios Nikolaos besser mit der Krise fertig zu werden als manch andere Insel oder Athen oder Thessaloniki. Ich habe kaum Schlangen vor Geldautomaten gesehen, die Versorgung klappt einwandfrei, die Stimmung ist gut. Macht es Agios Nikolaos einfach besser?
ANTONIS ZERVOS: Da muss ich korrigieren: Schlangen vor Geldautomaten, die hatten wir hier auch. Aber davon war der Tourismus nicht betroffen. Dass es hier anders läuft, liegt daran, dass Kreta in Griechenland Tourismus-Markführer ist. Wir haben hier sehr früh mit dem Tourismus begonnen. Der nur eine Autostunde Griechenlands entfernte Flughafen Heraklion ist – gemessen am Charter-Flugverkehr – der größte in Griechenland, weit vor allen anderen, selbst vor Athen. Wir haben einen eigenen Hafen hier in Agios Nikolaos für Kreuzfahrtschiffe, eine Menge Schiffe kommen hierher. Das alles sorgt dafür, dass die Tourismus-Saison im Gesamtvergleich länger als anderswo dauert: Tourismus beginnt bei uns im April und er endet im Oktober. Das ist lang, auch im internationalen Vergleich.
MARE PIU: Aber nicht jeder Ort, der auf Tourismus setzte, ist damit auch glücklich. Von anderen Inseln hört man, dass aufgrund der Krise Besucher fernbleiben, Hotels klagen über Rückgänge.
 
ANTONIS ZERVOS: Wir haben derzeit keine Rückgänge bei den Besucherzahlen. Das liegt daran, dass Agios Nikolaos bereits in den 60ern begann, 5-Sterne-Hotellerie anzubieten. Vor allem in und um Ellounda konnten wir diesen anspruchsvollen Tourismus halten, wir haben noch heute dort eine ganze Menge 5-Sterne-Hotels. Daneben erweist sich der von den Reiseveranstaltern angebotene Tourismus jetzt in diesen schwierigen Wochen als stabiler als der Individualtourismus, auf den eben viele kleinere Inseln in den letzten Jahren setzten. Die Gäste, die individuell reisen, stornieren schneller und bleiben schneller weg.
MARE PIU: Wenn Sie ans Restjahr denken: womit rechnen Sie?
ANTONIS ZERVOS: Der August wird schwierig werden. Sehr schwierig. Ich fürchte, da werden auch wir die Folgen der internationalen Berichterstattung zu spüren bekommen.
MARE PIU: Als Bürgermeister ist das ja im richtigen Leben wie in manchem Computergame: Sie haben die Aufgabe, mit möglichst wenig Mittel nicht nur das Vorhandene zu erhalten, sondern auch etwas aufzubauen. Was macht Ihnen Sorgen?
ANTONIS ZERVOS: Sorgen macht mir vor allem unsere Infrastruktur. Zunächst mal unsere Straßen: Die sind in keinem guten Zustand, und wir schaffen es gerade so, das zu erhalten. Die Sauberkeit des Ortes – das geht gerade eben so. Ich habe hier in Kommune nur 200 Leute, das ist viel zu wenig.
MARE PIU: Moment mal: 200 Leute für 13.000 Einwohner: Ist das nicht viel zu viel?
ANTONIS ZERVOS: Der Ort Agios Nikolaos hat 13.000 Einwohner, das ist richtig. Die Großgemeinde umfasst mehr als das Doppelte, nämlich 28.000 Einwohner, die in einem Radius von 35 Kilometern rund um Agios Nikolaos in größeren Gemeinden wie Elounda und kleineren Weilern auf dem Land leben. Es ist ein riesiges Gebiet, das wir versorgen und instand halten müssen.
MARE PIU: Spielen wir weiter SIM CITY: Wenn Sie Geld hätten: wie würden Sie investieren?
 
ANTONIS ZERVOS: 10% unseres Tourismus kommt über die Kreuzfahrt nach Agios Nikolaos. Unser Hafen liegt mitten in der Stadt – das ist einmalig, einfach nicht auf einen Bus angewiesen zu sein. Die Leute kommen mitten in der Stadt an, gehen vom Schiff herunter und sind dann mitten im Ort. Viele der Gäste, die auf einem Kreuzfahrtschiff zum ersten Mal hier sind, sind begeistert und kommen beim nächsten Mal per Flugzeug wieder, als Gast eines kleinen oder großen Hotels. Wenn ich Geld hätte: dann würde ich den Hafen ausbauen, der ist im Moment sehr „basic“ ausgestattet. Ein zweites Problem unseres Hafens entsteht eben aus  dem einzigartigen Vorteil der Lage in der Stadtmitte: Um Besichtigungen in der Umgebung anbieten zu können, zum Beispiel Knossos, benötigt ein Kreuzfahrtschiff mindestens 10, besser 15, 20 Busse. Die sich dann mühevoll durch die Stadt nach draußen und wieder herein wälzen. Ich habe mir für kommenden Mittwoch Verkehrsexperten eingeladen, um dafür mal eine Lösung zu finden. Eine Stadt am Meer: das ist sehr schwierig, weil eben die Küsten-Seite der Stadt für jede Verkehrsplanung tabu ist. Ich würde zu gerne investieren – aber mit Investitionen haben wir es nicht leicht, hier in Griechenland. Wenn ich könnte: würde ich noch mehr in Hotels investieren. In kleinere, nicht in größere.
MARE PIU: Was lässt Sie nicht ruhig schlafen derzeit?
ANTONIS ZERVOS: Was jeden Griechen schlecht schlafen läßt: das ist einerseits die Finanzkrise. Aber andererseits seit vielen Jahren das „Everyday Life“.
MARE PIU: Was meinen Se damit?
ANTONIS ZERVOS: Sie sind mit Ihrem Segelboot LEVJE hier in der Marina. Wenn Sie ihren Wassertank füllen wollen, füllen Sie ihn einfach, an der Pier sind überall Zapfsäulen. Wenn Sie Diesel tanken wollen, sagen Sie einfach an der Rezeption Bescheid. Die kümmern sich, und Diesel kommt.
Wenn ich hier für die Kommune Diesel brauche. Muss ich einen Antrag ausfüllen. Der geht dann eine höhere Stelle. Die bearbeitet ihn und leitet ihn an eine andere Behörde weiter. Die setzt den Stempel drunter, schickt ihn mir zurück. Und ich leite ihn an eine dritte Stelle zur Genehmigung weiter. Iregdnwann bekomme ich ihn wieder. So geht das mit vielen Dingen, und nicht nur hier in der Kommune, sondern auch für Unternehmer und Privatleute.
MARE PIU: Woran liegt das?
ANTONIS ZERVOS: Unsere Bürokratie ist in weiten Teilen nicht aufgebaut nach Effizienz oder Leistungsfähigkeit, sondern oftmals als Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme. Für viele meiner Landsleute war es erklärtes Lebensziel, in den Staatsdienst zu kommen. Dann hatte man ausgesorgt. Viele Regelungen aus der EU, die umgesetzt werden müssen, tragen ein Übriges zum Wirrwarr bei. Das macht einerseits unseren Alltag richtig frustrierend. Aber andererseits ist es wahnsinnig schwierig, zu investieren. Es gibt so vieles, was strangulierend ist. Beispielsweise Neuwagen-Anschaffung in Firmen: Da gibt es ein Gesetz, das Unternehmen verpflichtet, nur Neu- und nicht Gebrauchtwagen zu kaufen. Im Moment gibt es jede Mange Gebrauchtwagen zu guten Preisen am Markt. Aber nein: es muss ein Neuwagen sein. Als läßt manches Unternehmen das lieber, bevor es sich weiter verschuldet. Vieles, was die Wirtschaft ankurbeln soll: geht ins Gegenteil, läuft ins Leere. Daraus resultiert auch die Enttäuschung meiner Landsleute.
MARE PIU: Was hoffen Sie?
ANTONIS ZERVOS: Die Procedere für Investitionen in Griechenland sind sehr, sehr, sehr schwierig. (Antonis Zervor blickt auf seine Tochter). Es wird mehr als eine Generation dauern, um dies grundlegend zu ändern. Ich hoffe trotzdem, dass meine Generation das schafft – die neuen Leute an der Spitze: die wollen das ändern.
Meine Kommune möchte ganz klar in der Europäischen Union bleiben. Wenn wir zurückfallen in den Status eines auf sich gestellten Staates sind wir ohne Zukunft.
Ich hoffe sehr, dass man in Brüssel zu einer Einigung kommt. Denn eines steht fest: Für den Fall eines GREXIT habe ich keinen Plan für Agios Nikolaos. Ich fürchte, dass es dann ganz schnell ganz schlimm wird. In den Hotels wird binnen weniger Tage die Versorgung zusammenbrechen. Sie werden geschlossen, weil sie ihre Gäste nicht mehr versorgen können.
Das Interview von MARE PIU mit ANTONIS ZERVOS fand auch das Interesse der örtlichen Tageszeitung ANATOLI, „Der Osten“. Als ich etwas verschlafen am nächsten Morgen im Marina-Büro bei Despina aufschlage, finde ich mein Foto links oben auf der Titelseite.
 
Und neben dem Bericht über die Verhandlungen zwischen Herrn Tsipras und Frau Merkel auf der linken Seite: einen zweiseitigen Bericht rechts darüber: dass ein deutscher Blogger in der Ägäis von Insel zu Insel segelt. Und beim Bürgermeister, der Sozialarbeiterin und dem Marina-Betreiber einfach nachfragt: „Warum?“
 
 
Ich bin mir durchaus bewusst, dass meine kleinen Posts und Interviews auf MARE PIU aus diesem Land in der gegenwärtigen Lage, wie mein Freund Andal sagt, nicht mehr bewegen „als der Schlag eines Schmetterlingsflügels“. Aber wenn die Tageszeitung dem einfachen Fragesteller aus „Schäuble-Land“ gleich zwei Seiten wohlwollend widmet: können ein paar Fragezeichen mehr in der Welt so verkehrt nicht sein.
Deshalb am kommenden Freitag ein Interview aus der Arztpraxis in Agios Nikolaos.

Heute in Griechenland (7): Bürgermeister auf einer Insel.


Dies ist Antonis Zervos, und er ist seit 2014 Bürgermeister von Agios Nikolaos, einem 13.000 Einwohner zählenden Ort auf Kreta. Zervos ist nicht zum ersten Mal an der Spitze der Kommunalverwaltung, er war hier schon einmal Bürgermeister, früher, als er noch in der sozialistischen PASOK war, von 1999 bis 2002. 2014 ist Antonis Zervos wieder ins Amt gelangt, diesmal als Parteifreier. Der gelernte Ingenieur ist Vater einer Tochter, sie studiert in Athen und übersetzt unser Gespräch.

MARE PIU: Herr Zervos, irgendwie scheint Agios Nikolaos besser mit der Krise fertig zu werden als manch andere Insel oder Athen oder Thessaloniki. Ich habe kaum Schlangen vor Geldautomaten gesehen, die Versorgung klappt einwandfrei, die Stimmung ist gut. Macht es Agios Nikolaos einfach besser?

ANTONIS ZERVOS: Da muss ich korrigieren: Schlangen vor Geldautomaten, die hatten wir hier auch. Aber davon war der Tourismus nicht betroffen. Dass es hier anders läuft, liegt daran, dass Kreta in Griechenland Tourismus-Markführer ist. Wir haben hier sehr früh mit dem Tourismus begonnen. Der nur eine Autostunde Griechenlands entfernte Flughafen Heraklion ist – gemessen am Charter-Flugverkehr – der größte in Griechenland, weit vor allen anderen, selbst vor Athen oder Chania. Wir haben einen eigenen Hafen hier in Agios Nikolaos für Kreuzfahrtschiffe, eine Menge Schiffe kommen hierher. Das alles sorgt dafür, dass die Tourismus-Saison im Gesamtvergleich länger als anderswo dauert: Tourismus beginnt bei uns im April und er endet im Oktober. Das ist lang, auch im internationalen Vergleich.

MARE PIU: Aber nicht jeder Ort, der auf Tourismus setzte, ist damit auch glücklich. Von anderen Inseln hört man, dass aufgrund der Krise Besucher fernbleiben, Hotels klagen über Rückgänge.


ANTONIS ZERVOS: Wir haben derzeit keine Rückgänge bei den Besucherzahlen. Das liegt daran, dass Agios Nikolaos bereits in den 60ern begann, 5-Sterne-Hotellerie anzubieten. Vor allem in und um Elounda  konnten wir diesen anspruchsvollen Tourismus halten, wir haben noch heute dort eine ganze Menge 5-Sterne-Hotels. Daneben erweist sich der von den Reiseveranstaltern angebotene Tourismus jetzt in diesen schwierigen Wochen als stabiler als der Individualtourismus, auf den viele kleinere Inseln in den letzten Jahren setzten. Die Gäste, die individuell reisen, stornieren schneller und bleiben schneller weg.

MARE PIU: Wenn Sie ans Restjahr denken: womit rechnen Sie?

ANTONIS ZERVOS: Der August wird schwierig werden. Sehr schwierig. Ich fürchte, da werden auch wir die Folgen der internationalen Berichterstattung der letzten Woche zu spüren bekommen.

MARE PIU: Als Bürgermeister ist das ja im richtigen Leben wie in manchem Computergame: Sie haben die Aufgabe, mit möglichst wenig Mittel nicht nur das Vorhandene zu erhalten, sondern auch etwas Neues aufzubauen. Was macht Ihnen Sorgen?

ANTONIS ZERVOS: Sorgen macht mir vor allem unsere Infrastruktur. Zunächst mal unsere Straßen: Die sind in keinem guten Zustand, und wir schaffen es gerade so, das zu erhalten. Die Sauberkeit des Ortes – das geht gerade eben so. Ich habe hier in Kommune nur 200 Leute, das ist viel zu wenig.

MARE PIU: Moment mal: 200 Leute für 13.000 Einwohner: Ist das nicht viel zu viel?

ANTONIS ZERVOS: Der Ort Agios Nikolaos hat 13.000 Einwohner, das ist richtig. Die Großgemeinde umfasst mehr als das Doppelte, nämlich 28.000 Einwohner, die in einem Radius von 35 Kilometern rund um Agios Nikolaos in größeren Gemeinden wie Elounda und kleineren Weilern auf dem Land leben. Es ist ein riesiges Gebiet, das wir versorgen und instand halten müssen.

MARE PIU: Spielen wir weiter SIM CITY: Wenn Sie Geld hätten: wie würden Sie investieren?


ANTONIS ZERVOS: 10% unseres Tourismus kommt über die Kreuzfahrt nach Agios Nikolaos. Unser Hafen liegt mitten in der Stadt – das ist einmalig, einfach nicht auf einen Bus angewiesen zu sein. Die Leute kommen mitten in der Stadt an, gehen vom Schiff herunter und sind dann mitten im Ort. Viele der Gäste, die auf einem Kreuzfahrtschiff zum ersten Mal hier sind, sind begeistert und kommen beim nächsten Mal per Flugzeug wieder, als Gast eines kleinen oder großen Hotels. Wenn ich Geld hätte: dann würde ich den Hafen ausbauen, der ist im Moment sehr „basic“ ausgestattet. Ein zweites Problem unseres Hafens entsteht eben aus  dem einzigartigen Vorteil der Lage in der Stadtmitte: Um Besichtigungen in der Umgebung anbieten zu können, zum Beispiel Knossos, benötigt ein Kreuzfahrtschiff mindestens 10, besser 15, 20 Busse. Die sich dann mühevoll durch die Stadt nach draußen und wieder herein wälzen. Ich habe mir für kommenden Mittwoch Verkehrsexperten eingeladen, um dafür mal eine Lösung zu finden. Eine Stadt am Meer: das ist sehr schwierig, weil eben die Küsten-Seite der Stadt für jede Verkehrsplanung tabu ist. Ich würde zu gerne investieren – aber mit Investitionen haben wir es nicht leicht, hier in Griechenland. Wenn ich könnte: würde ich noch mehr in Hotels investieren. In kleinere, nicht in größere.

                                          Die Kreuzfahrt-Pier im Hafen von Agios Nikolaos.

MARE PIU: Was lässt Sie nicht ruhig schlafen derzeit?

ANTONIS ZERVOS: Was jeden Griechen schlecht schlafen läßt: das ist einerseits die Finanzkrise. Aber andererseits seit vielen Jahren das „Everyday Life“.

MARE PIU: Was meinen Se damit?

ANTONIS ZERVOS: Sie sind mit Ihrem Segelboot LEVJE hier in der Marina. Wenn Sie ihren Wassertank füllen wollen, füllen Sie ihn einfach, an der Pier sind überall Zapfsäulen. Wenn Sie Diesel tanken wollen, sagen Sie einfach an der Rezeption Bescheid. Die kümmern sich, und Diesel kommt.
Wenn ich hier für die Kommune Diesel brauche: Muss ich einen Antrag ausfüllen. Der geht dann eine höhere Stelle. Die bearbeitet ihn und leitet ihn an eine andere Behörde weiter. Die setzt den Stempel drunter, schickt ihn mir zurück. Und ich leite ihn an eine dritte Stelle zur Genehmigung weiter. Irgendwann bekomme ich ihn wieder. So geht das mit vielen Dingen, und nicht nur hier in der Kommune, sondern auch für Unternehmer und Privatleute.

MARE PIU: Woran liegt das?

ANTONIS ZERVOS: Unsere Bürokratie ist in weiten Teilen nicht aufgebaut nach Effizienz oder Leistungsfähigkeit, sondern oftmals als Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme. Für viele meiner Landsleute war es erklärtes Lebensziel, in den Staatsdienst zu kommen. Dann hatte man ausgesorgt. Viele Regelungen aus der EU, die umgesetzt werden müssen, tragen ein Übriges zum Wirrwarr bei. Das macht einerseits unseren Alltag richtig frustrierend. Aber andererseits ist es wahnsinnig schwierig, zu investieren. Es gibt so vieles, was strangulierend ist. Und vieles, was die Wirtschaft ankurbeln soll: geht ins Gegenteil, läuft ins Leere. Daraus resultiert auch die Enttäuschung meiner Landsleute.

MARE PIU: Was hoffen Sie?

ANTONIS ZERVOS: Die Procedere für Investitionen in Griechenland sind sehr, sehr, sehr schwierig. (Antonis Zervor blickt auf seine Tochter). Es wird mehr als eine Generation dauern, um dies grundlegend zu ändern. Ich hoffe trotzdem, dass meine Generation das schafft – die neuen Leute an der Spitze: die wollen das ändern.
Meine Kommune möchte ganz klar in der Europäischen Union bleiben. Wenn wir zurückfallen in den Status eines auf sich gestellten Staates sind wir ohne Zukunft. 
Ich hoffe sehr, dass man in Brüssel zu einer Einigung kommt. Denn eines steht fest: Für den Fall eines GREXIT habe ich keinen Plan für Agios Nikolaos. Ich fürchte, dass es dann ganz schnell ganz schlimm wird. In den Hotels wird binnen weniger Tage die Versorgung zusammenbrechen. Sie werden geschlossen, weil sie ihre Gäste nicht mehr versorgen können.



Das Interview von MARE PIU mit ANTONIS ZERVOS fand auch das Interesse der örtlichen Tageszeitung ANATOLI, „Der Osten“. Als ich etwas verschlafen am nächsten Morgen im Marina-Büro bei Despina aufschlage, finde ich ein Foto unseres Gesprächs links oben auf der Titelseite. 

Und neben dem Bericht über die Verhandlungen zwischen Herrn Tsipras und Frau Merkel auf der linken Seite: einen zweiseitigen Bericht rechts darüber: dass ein deutscher Blogger in der Ägäis von Insel zu Insel segelt und beim Bürgermeister, der Sozialarbeiterin und dem Marina-Betreiber einfach nachfragt: „Warum?“


Ich bin mir durchaus bewusst, dass meine kleinen Posts und Interviews auf MARE PIU aus diesem Land in der gegenwärtigen Lage, wie mein Freund Andal sagt, nicht mehr bewegen „als der Schlag eines Schmetterlingsflügels“. Aber wenn die Tageszeitung dem einfachen Fragesteller aus „Schäuble-Land“ gleich zwei Seiten wohlwollend widmet: können ein paar Fragezeichen mehr in der Welt so verkehrt nicht sein.

Deshalb am kommenden Freitag ein Interview aus der Arztpraxis in Agios Nikolaos.


                                                 Weiterlesen bei: Warum Despina kein Geld von mir annimt. Hier.
                                                 Weiterlesen bei: Warum ein Unternehmer sagt: „Everybody in Greece 
                                                                            pays like Hell.“

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Heute in Griechenland (6): Emmanouela, 32, Sozialarbeiterin in AgiosNikolaos.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am vergangenen Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.
 
 
Das ist Emmanouela Giannikaki. Sie ist geboren 1983 in Rethymno auf Kreta. „Eigentlich wusste ich schon mit 18, was ich machen will: Ich wusste: ich will anderen Menschen helfen“. Und deshalb belegte sie an der Universität das Studienfach „Sozialarbeit“, das sie auch mit Diplom abschloss. Danach ging sie zurück in ihre Heimat, nach Kreta und begann 2008 hier zu arbeiten. MARE PIU: Wie war das denn 2008? Sie waren 25 Jahre alt, kamen frisch von der Uni – war das leicht, einen Job zu finden? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Naja. 2008 war das nicht ganz so leicht. Ich musste mich schon etwas anstrengen. Aber ab 2010 ging das dann ganz leicht. MARE PIU: Was war denn in 2010 anders? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Bis 2010 ging in Griechenland eigentlich alles gut. Aber 2010 unter Papandreu: da war sie plötzlich da, die Krise. Und jeder, aber auch wirklich jeder wollte plötzlich einen Sozialarbeiter. Sozialarbeiter waren plötzlich gesucht. MARE PIU: Sie bekamen dann in 2010 eine Festanstellung hier bei OKYDAN? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Der Grund für den plötzlichen Bedarf an Sozialarbeitern war, dass die Regierung in der Krise ein Gesetz verabschiedet hatte, dass jede Kommune in Griechenland soziale Arbeit zu leisten habe und das auch selbst organisieren müsse. Also haben sich hier auf kommunaler Ebene ein paar Verantwortliche zusammengetan und haben OKYDAN als gemeinnützige Orgnaisation  gegründet. Dessen Vorstand wird gewählt, in unserem Fall hier in Agios Nikolaos ist das der Klinikchef Dr. Mouthazakis. In jeder größeren griechischen Kommune gibt es diese Organisationen, sie heißen aber überall anders. MARE PIU: Haben Sie denn Kontakt zu anderen Organisationen? Zum Beispiel nach Athen oder Thessaloniki? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Haben wir leider nicht. Das ist alles sehr dezentral und spielt auf kommunaler Ebene. Das System ist aber überall dasselbe. MARE PIU: Es war bestimmt nicht einfach, das aufzubauen? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Im Gegenteil. Agios Nikolaos war 2010 schon relativ weit, es gab hier schon sehr viel: 2009 hatte mir ein Einwohner erzählt, dass er Altkleider gesammelt habe und nicht wisse: wohin damit. Wir haben dann einen Shop aufgebaut unter dem Namen MAGAZI und dort begonnen, Kleidungsstücke für Bedürftige für 1 EURO abzugeben. Von den Einnahmen kauften wir Lebensmittel, die wir an Notleidende kostenlos verteilten. Das funktioniert bis heute. Wir verfügen hier einen Vorrat an Kleidung und Lebensmitteln, aus dem OKYDAN regelmäßig verteilt.
MARE PIU: Gibt es Menschen, die hungern oder betteln gehen müssen? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das muss man differenziert sehen. Wirklich arme Menschen, die betteln gehen müssten, die haben wir in Agios Nikolaos nicht. Es ist ja auch so, dass jeder hier etwas anbaut: Tomaten, Gurken, Bohnen, irgendetwas. Die Grundversorgung ist dadurch schon mal sichergestellt, über den Sommer. Im Winter müssen wir dann schon öfter einspringen. Wer nichts anbaut, wer nichts hat: dem helfen oft Nachbarn oder Angehörige. Es war ja in 2010, als wir begannen, so: dass eigentlich nur Ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen von uns Nahrungsmittel bezogen. Jetzt ist die Situation eine ganz andere: Sehr viele Familien benötigen plötzlich Lebensmittel von uns.
MARE PIU: Wir sitzen hier im 4. Stock bei OKYDAN. Darf ich neugierig sein: Was ist in den Ordnern im Bücherregal hinter Ihnen? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Jeder Ordner ist eine Familie, eine Person aus Agios Nikolaos und Umgebung, die mich aktuell wegen irgendwelcher Probleme angesprochen hat. Als wir mit OKYDAN 2010 anfingen, waren es 30 Familien im Monat. Die Griechen sind ein sehr stolzes Volk: „Pah, Probleme habe ich keine, heißt es nach außen.“ Sie kommen zuerst zu mir wegen irgendwelcher Probleme in der Familie. Und dann packen Sie langsam aus, dass dies, das jenes nicht stimmt. Dass sie in Not sind. Hilfe brauchen. Aktuell sind es 200 Familien im Monat, die ich hier in diesem Büro betreue, die mich hier aufsuchen. Das sind die Ordner hinter mir. Von denen sind aber nur 4 über 60. Die betreue ich als Langzeitarbeitslose. Da drüben die Ordner: das sind weitere 300 Bedürftige in unserem Programm HELP AT HOME: Menschen im Alter zwischen 70 und 100 Jahren, zu denen wir hinausgehen, Essen, Medikamente bringen und uns um die Hygiene kümmern. MARE PIU: Das ist ein gewaltiges Pensum: Von 30 auf 500 Fälle monatlich…
EMMANOUELA GIANNIKAKI: Da liegt auch das Problem. Seit Ausbruch der Krise 2010 gibt es so viel zu tun. Ich bin die einzige Sozialarbeiterin in Agios Nikolaos, die Finanzierung weiterer Langfrist-Stellen für OKYDAN durch die Kommune ist derzeit nicht möglich. Wir kriegen nicht mehr Geld. Und für mich allein ist das einfach zu viel. Wir könnten sechs Sozialarbeiter beschäftigen. MARE PIU: Wie kommen denn die Menschen mit der täglichen Limitierung der Geldmengen zurecht: 60 Euro täglich für Besitzer einer Bankkarte und 120 Euro wöchentlich für Menschen, die keine Karte haben. Was tun die, die nicht auf die Bank gehen können? Oder der Rentner auf dem Foto, der weinend vor einer Bank zusammenbrach, weil er kein Geld bekam? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das mit den Cash-Machines ist nicht das Problem: 60 € pro Tag sind 1.800€ im Monat. Das ist mehr, als einem Griechen normal zur Verfügung stehen. Und für die, die keine Karte haben, gibt es 120 € pro Woche. Von den Menschen, die wir betreuen, hatten wir keine Anrufe von älteren Menschen und auch keinen Klagen, dass sie nicht mehr an Geld kämen. Nicht einen. Wir gehen ja auch raus und kümmern uns um die Familien und die Menschen, bringen Lebensmittel und Medizin, kümmern uns ums Reinigen der Wohnung. Menschen, die vor Geldautomaten weinen, das kann ich nicht glauben. Diese Bilder aus dem Fernsehen und der Presse glaube ich nicht. Es kann schon sein, dass jemand vom Warten in der Hitze erschöpft ist. Aber hier und Heraklion hat die Bank den Wartenden Wasser und Orangensaft rausbringen lassen. Das kam gut an. MARE PIU: Was denken Sie denn, wie sich die Zahl der Leute, die Not leiden, in Agios Nikolaos weiter entwickeln wird? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Ich denke, das dürfte jetzt stabil bleiben wird. MARE PIU: Sind Sie da nicht zu optimistisch? EMMANOUELA GIANNIKAKI: —
MARE PIU: Sie erleben hier ja täglich viele Schicksale. Was hat die Krise in Griechenland aus ihrer Sicht verursacht? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Probleme wurzeln meiner Meinung nach in den Jahren 2000 bis 2006. Damals riefen die griechischen Banken jeden zuhause an: „Möchtest Du gerne mal in Urlaub fahren? Hättest Du gerne ein neues Auto? Du kannst eine Kreditkarte haben. Würdest Du nicht gerne ein Haus bauen? Kein Problem. Wir finanzieren das!“ Also nahmen viele Menschen das Geld und erfüllten sich ihre Wünsche. Manche bauten ein Haus. Andere eins mit Pool. Weder andere bauten gleich vier Häuser. Erfolgreich sein hieß in diesen Jahren: möglichst viel Geld von der Bank aufgenommen zu haben. Und als das Geld nicht mehr reichte: nahm man halt einfach noch mehr Geld auf. Und irgendwann nahm man Geld auf, um die Schulden zurückzuzahlen. Dann kam die Krise 2010. Jeder dachte nur noch an sich und versuchte sich zu retten. MARE PIU: Und wie kam es am vergangenen Sonntag beim Referendum aus ihrer Sicht zum „Nein“? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Auch ich habe mit „Nein“ gestimmt – und das aus vielerlei Gründen. Da ist einmal eine große Enttäuschung. Vor fünf Jahren sagte man uns: „Ihr müsst vorsichtiger mit Geld umgehen. Ihr dürft nicht so viel ausgeben. Ihr müsst sparen. Ihr müsst das so wie wir machen, dann wird alles besser.“ „Okay“ , sagten wir. „Dann macht ihr das bitte für uns.“ Aber nichts wurde besser. Alles wurde schlimmer. Ich bin einfach enttäuscht. Fünf Jahre und lauter Lügen. Ich glaube einfach nichts mehr. Und dann kam Alexis Zipras. Er denkt, was wir denken, und er hat uns bisher nicht angelogen. Ich kann diese Lügen nicht mehr hören.
MARE PIU: Und was erwarten sie für die nächsten Monate? EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Situation ist offen – Gott allein weiß, was kommt. Ich hoffe, dass sich der Premierminister sehr schnell mit der EU einigen kann. Ich wünsche mir, dass Reformen kommen, ich möchte, dass endlich die Probleme in unserem behoben werden. Dass die Reichen bei uns auch Steuern zahlen. Und sollte ein Schuldenschnitt kommen: Dann bin ich bereit, mein Teil zu leisten und zu bezahlen. Ich möchte einfach gerne ein anständiges Leben leben. Ab kommenden Mittwoch auf MARE PIU: Wie es tsi, in schwierigen Zeiten, Bürgermeister einer Gemeinde am Meer zu sein. Ein Interview mit Antonis Zervos, Bürermeister von Agios Nikolaos.

Heute in Griechenland (6): Emmanouela, 32, Sozialarbeiterin in AgiosNikolaos.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am vergangenen Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.


Das ist Emmanouela Giannikaki. Sie ist geboren 1983 in Rethymno auf Kreta. „Eigentlich wusste ich schon mit 18, was ich machen will: Ich wusste: ich will anderen Menschen helfen“. Und deshalb belegte sie an der Universität das Studienfach „Sozialarbeit“, das sie auch mit Diplom abschloss. Danach ging sie zurück in ihre Heimat, nach Kreta und begann 2008 hier zu arbeiten.

MARE PIU: Wie war das denn 2008? Sie waren 25 Jahre alt, kamen frisch von der Uni – war das leicht, einen Job zu finden?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Naja. 2008 war das nicht ganz so leicht. Ich musste mich schon etwas anstrengen. Aber ab 2010 ging das dann ganz leicht.

MARE PIU: Was war denn in 2010 anders?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Bis 2010 ging in Griechenland eigentlich alles gut. Aber 2010 unter Papandreu: da war sie plötzlich da, die Krise. Und jeder, aber auch wirklich jeder wollte plötzlich einen Sozialarbeiter. Sozialarbeiter waren plötzlich gesucht.

MARE PIU: Sie bekamen dann in 2010 eine Festanstellung hier bei OKYDAN?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Der Grund für den plötzlichen Bedarf an Sozialarbeitern war, dass die Regierung in der Krise ein Gesetz verabschiedet hatte, dass jede Kommune in Griechenland soziale Arbeit zu leisten habe und das auch selbst organisieren müsse. Also haben sich hier auf kommunaler Ebene ein paar Verantwortliche zusammengetan und haben OKYDAN als gemeinnützige Orgnaisation  gegründet. Dessen Vorstand wird gewählt, in unserem Fall hier in Agios Nikolaos ist das der Klinikchef Dr. Mouthazakis. In jeder größeren griechischen Kommune gibt es diese Organisationen, sie heißen aber überall anders.

MARE PIU: Haben Sie denn Kontakt zu anderen Organisationen? Zum Beispiel nach Athen oder Thessaloniki?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Haben wir leider nicht. Das ist alles sehr dezentral und spielt auf kommunaler Ebene. Das System ist aber überall dasselbe.

MARE PIU: Es war bestimmt nicht einfach, das aufzubauen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Im Gegenteil. Agios Nikolaos war 2010 schon relativ weit, es gab hier schon sehr viel: 2009 hatte mir ein Einwohner erzählt, dass er Altkleider gesammelt habe und nicht wisse: wohin damit. Wir haben dann einen Shop aufgebaut unter dem Namen MAGAZI und dort begonnen, Kleidungsstücke für Bedürftige für 1 EURO abzugeben. Von den Einnahmen kauften wir Lebensmittel, die wir an Notleidende kostenlos verteilten. Das funktioniert bis heute. Wir verfügen hier einen Vorrat an Kleidung und Lebensmitteln, aus dem OKYDAN regelmäßig verteilt.


MARE PIU: Gibt es Menschen, die hungern oder betteln gehen müssen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das muss man differenziert sehen. Wirklich arme Menschen, die betteln gehen müssten, die haben wir in Agios Nikolaos nicht. Es ist ja auch so, dass jeder hier etwas anbaut: Tomaten, Gurken, Bohnen, irgendetwas. Die Grundversorgung ist dadurch schon mal sichergestellt, über den Sommer. Im Winter müssen wir dann schon öfter einspringen. Wer nichts anbaut, wer nichts hat: dem helfen oft Nachbarn oder Angehörige. Es war ja in 2010, als wir begannen, so: dass eigentlich nur Ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen von uns Nahrungsmittel bezogen. Jetzt ist die Situation eine ganz andere: Sehr viele Familien benötigen plötzlich Lebensmittel von uns.


MARE PIU: Wir sitzen hier im 4. Stock bei OKYDAN. Darf ich neugierig sein: Was ist in den Ordnern im Bücherregal hinter Ihnen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Jeder Ordner ist eine Familie, eine Person aus Agios Nikolaos und Umgebung, die mich aktuell wegen irgendwelcher Probleme angesprochen hat. Als wir mit OKYDAN 2010 anfingen, waren es 30 Familien im Monat. Die Griechen sind ein sehr stolzes Volk: „Pah, Probleme habe ich keine, heißt es nach außen.“ Sie kommen zuerst zu mir wegen irgendwelcher Probleme in der Familie. Und dann packen Sie langsam aus, dass dies, das jenes nicht stimmt. Dass sie in Not sind. Hilfe brauchen.
Aktuell sind es 200 Familien im Monat, die ich hier in diesem Büro betreue, die mich hier aufsuchen. Das sind die Ordner hinter mir. Von denen sind aber nur 4 über 60. Die betreue ich als Langzeitarbeitslose.
Da drüben die Ordner: das sind weitere 300 Bedürftige in unserem Programm HELP AT HOME: Menschen im Alter zwischen 70 und 100 Jahren, zu denen wir hinausgehen, Essen, Medikamente bringen und uns um die Hygiene kümmern.

MARE PIU: Das ist ein gewaltiges Pensum: Von 30 auf 500 Fälle monatlich…


EMMANOUELA GIANNIKAKI: Da liegt auch das Problem. Seit Ausbruch der Krise 2010 gibt es so viel zu tun. Ich bin die einzige Sozialarbeiterin in Agios Nikolaos, die Finanzierung weiterer Langfrist-Stellen für OKYDAN durch die Kommune ist derzeit nicht möglich. Wir kriegen nicht mehr Geld. Und für mich allein ist das einfach zu viel. Wir könnten sechs Sozialarbeiter beschäftigen.

MARE PIU: Wie kommen denn die Menschen mit der täglichen Limitierung der Geldmengen zurecht: 60 Euro täglich für Besitzer einer Bankkarte und 120 Euro wöchentlich für Menschen, die keine Karte haben. Was tun die, die nicht auf die Bank gehen können? Oder der Rentner auf dem Foto, der weinend vor einer Bank zusammenbrach, weil er kein Geld bekam?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das mit den Cash-Machines ist nicht das Problem: 60 € pro Tag sind 1.800€ im Monat. Das ist mehr, als einem Griechen normal zur Verfügung stehen. Und für die, die keine Karte haben, gibt es 120 € pro Woche. Von den Menschen, die wir betreuen, hatten wir keine Anrufe von älteren Menschen und auch keinen Klagen, dass sie nicht mehr an Geld kämen. Nicht einen. Wir gehen ja auch raus und kümmern uns um die Familien und die Menschen, bringen Lebensmittel und Medizin, kümmern uns ums Reinigen der Wohnung.
Menschen, die vor Geldautomaten weinen, das kann ich nicht glauben. Diese Bilder aus dem Fernsehen und der Presse glaube ich nicht. Es kann schon sein, dass jemand vom Warten in der Hitze erschöpft ist. Aber hier und Heraklion hat die Bank den Wartenden Wasser und Orangensaft rausbringen lassen. Das kam gut an.

MARE PIU: Was denken Sie denn, wie sich die Zahl der Leute, die Not leiden, in Agios Nikolaos weiter entwickeln wird?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Ich denke, das dürfte jetzt stabil bleiben wird.

MARE PIU: Sind Sie da nicht zu optimistisch?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: —


MARE PIU: Sie erleben hier ja täglich viele Schicksale. Was hat die Krise in Griechenland aus ihrer Sicht verursacht?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Probleme wurzeln meiner Meinung nach in den Jahren 2000 bis 2006. Damals riefen die griechischen Banken jeden zuhause an: „Möchtest Du gerne mal in Urlaub fahren? Hättest Du gerne ein neues Auto? Du kannst eine Kreditkarte haben. Würdest Du nicht gerne ein Haus bauen? Kein Problem. Wir finanzieren das!“ Also nahmen viele Menschen das Geld und erfüllten sich ihre Wünsche. Manche bauten ein Haus. Andere eins mit Pool. Weder andere bauten gleich vier Häuser. Erfolgreich sein hieß in diesen Jahren: möglichst viel Geld von der Bank aufgenommen zu haben. Und als das Geld nicht mehr reichte: nahm man halt einfach noch mehr Geld auf. Und irgendwann nahm man Geld auf, um die Schulden zurückzuzahlen. Dann kam die Krise 2010. Jeder dachte nur noch an sich und versuchte sich zu retten.

MARE PIU: Und wie kam es am vergangenen Sonntag beim Referendum aus ihrer Sicht zum „Nein“?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Auch ich habe mit „Nein“ gestimmt – und das aus vielerlei Gründen. Da ist einmal eine große Enttäuschung. Vor fünf Jahren sagte man uns: „Ihr müsst vorsichtiger mit Geld umgehen. Ihr dürft nicht so viel ausgeben. Ihr müsst sparen. Ihr müsst das so wie wir machen, dann wird alles besser.“ „Okay“ , sagten wir. „Dann macht ihr das bitte für uns.“ Aber nichts wurde besser. Alles wurde schlimmer. Ich bin einfach enttäuscht. Fünf Jahre und lauter Lügen. Ich glaube einfach nichts mehr.

Und dann kam Alexis Tsipras. Er denkt, was wir denken, und er hat uns bisher nicht angelogen. Ich kann diese Lügen nicht mehr hören.


MARE PIU: Und was erwarten sie für die nächsten Monate?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Situation ist offen – Gott allein weiß, was kommt. Ich hoffe, dass sich der Premierminister sehr schnell mit der EU einigen kann. Ich wünsche mir, dass Reformen kommen, ich möchte, dass endlich die Probleme in unserem behoben werden. Dass die Reichen bei uns auch Steuern zahlen. Und sollte ein Schuldenschnitt kommen: Dann bin ich bereit, mein Teil zu leisten und zu bezahlen. Ich möchte einfach gerne ein anständiges Leben leben.


Ab kommenden Mittwoch auf MARE PIU: Wie es ist, in schwierigen Zeiten, Bürgermeister einer Gemeinde am Meer zu sein. Ein Interview mit Antonis Zervos, Bürermeister von Agios Nikolaos.



                                                 Weiterlesen bei: Warum Despina kein Geld von mir annimt. Hier.
                                                 Weiterlesen bei: Warum ein Unternehmer sagt: „Everybody in Greece 
                                                                            pays like Hell.“


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