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Heute in Griechenland (4): Warum ein Unternehmer sagt: "Everybody inGreece Pays like Hell."

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.
 
Das ist Mikhalis Farsaris. Er ist Vorstand von DAEAN und damit zweierlei: Herr über fast alle Strände von Agios Nikolaos sowie der zugehörigen MARINA AGIOS NIKOLAOS mit 260 Liegeplätzen. Zwar gehören Ufer und Marina dem griechischen Staat, aber in Agios Nikolaos wurden – wie in anderen Gemeinden an der Küste auch – die Nutzungsrechte an eine private Gesellschaft übertragen, in diesem Fall DAEAN. Mikhalis Farsaris ist lange im Geschäft. Nebenbei betreibt er auch ein kleines Hotel.
MARE PIU: Wie läuft es bei Ihnen, drei Tage nach dem „Nein“?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich läuft dieses Jahr für uns ganz gut. Wir haben bislang keine Einbrüche bei den Besuchern an den Stränden hier in Agios Nikolaos. Da gibts zwar immer mal die eine oder andere Verschiebung von Strand zu Strand. Mal läufts am einen besser. Mal am anderen. Aber in Summe sind wir im Umsatz auf Vorjahres-Niveau.
In der Liegeplatz-Vermietung hier in der Marina Agios Nikolaos sieht es ähnlich aus: Etwa 40% sind Einheimische, etwa 60% auswärtige Langfahrtsegler. Wir haben etwa 160 Liegeplatz für Schiffe über 10 Meter Länge. Die Festbuchungen der Langfahrtsegler, der „Live-Aboards“, die ihren Winter hier verbringen werden, sehen fürs Winterhalbjahr gut aus. Richtig vielversprechend sind die Reservierungen fürs Winter-Halbjahr, da haben wir mehr Anmeldungen als üblich.
MARE PIU: Wie geht das denn? Glaubt man der Presse in Deutschland, dann ist Griechenland in wenigen Tagen zahlungsunfähig, die Banken schließen und nichts geht mehr?
MIKHALIS FARSARIS: Die internationale Presse hat sicher auch einen großen Anteil an der chaotischen Situation, die hier herrscht. Vergangene Woche erschien in der FINANCIAL TIMES ein Bericht, nach dem griechische Spar-Guthaben ab einer Höhe von 8.000 Euro für außerordentliche Abgaben an den Staat herangezogen werden sollen – ein Alptraum. Selbst in Zypern wurden beim Crash vor einigen Jahren nur Konten ab einer Höhe von 100.000 Euro belastet. Die mussten einfach über Nacht die Hälfte ihrer Guthaben an den Staat abgeben.
MARE PIU: Das verstehe ich nicht. Die Stimmung hier in Agios Nikolaos ist doch gut. Augenscheinlich ist doch alles wie immer?
MIKHALIS FARSARIS: Ist es ja auch. Eigentlich leben wir seit fünf Jahren mit dem Gefühl, dass der Bankrott unserer Banken und unseres Staates jederzeit möglich ist. Bereits 2010 war der griechische Staat de facto Pleite. Alle wussten das. Aber vor allem die Verantwortlichen in der EU wollten dies nicht wahrhaben und ließen nicht zu, dass der damalige Präsident Papandreu damals den aus heutiger Sicht klügeren Weg eines griechischen Staatsbankrotts einschlug. Stattdessen: viele Hilfsgelder, für die wir dankbar waren. Und die Troika.
MARE PIU: Und wieso sind die Menschen in Agios Nikolaos angesichts dessen, was bevorsteht, dann so ruhig?
MIKHALIS FARSARIS: Im Wissen um das, was kommen kann, haben die meisten Zuhause Reserven an Bargeld aufgebaut. „Pocket Money“. In Euro. Soweit es ging, wurden Spar-Guthaben aus den Banken heraus „ins Kopfkissen“ verlagert. Deshalb wird auch im Fall einer Bankenpleite alles weitergehen. Solange jemand, der ein Brot kauft bar bezahlen, wird es nicht so übel. Schlimm wird es für die, die keine Reserven aufgebaut und keine Angehörigen haben.
 
MARE PIU: Schlägt denn die Begrenzung der täglichen Abhebung auf maximal 60 Euro nicht heute schon richtig durch?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich nicht. Man geht halt täglich an den Bankautomaten und holt sich 60 Euro. Das macht 1.800 Euro im Monat: Das ist in Griechenland eine ganze Menge Geld… und es reicht in jedem Fall zum Leben. Richtig Probleme bekommen Menschen, die keine Bankkarte haben: Pensionäre, Menschen ohne Absicherung. Diese Personen dürfen pro Woche einmal 120  Euro am Schalter persönlich abheben. Auch das ergibt 480 Euro monatlich. Problem ist aber, dass sich jeden Tag bei den Banken etwas ändert und die Situation dort auch nicht einfach ist.
MARE PIU: Die Banken haben aber doch offiziell geschlossen?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist richtig. Offiziell sind die Mitarbeiter der Banken im Urlaub. Aber die arbeiten weiter, denn hinter den zugezogenen Vorhängen sind Millionen von Transaktionen und Überweisungen täglich durchzuführen. Es ist viel mehr als sonst.
MARE PIU: Mehr Überweisungen kurz vor dem wirtschaftlichem Kollaps?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist das Problem – und jedes Unternehmen, jeder Grieche und jede Griechin hat es: Keiner will wegen des über uns schwebenden Cuts viele Euros auf dem Konto haben. Also zahlt jeder seine Rechnungen sofort. „Everybody pays like hell.“ Ich habe zum Beispiel heute Vormittag meine Steuern für 2014 an den griechischen Staat in Höhe von 73.367 Euro in einem Rutsch überwiesen. Normalerweise können wir das in sieben Raten machen, aber ich habe es aus den genannten Gründen vorgezogen, das gleich und sofort zu tun. Nur nichts auf dem Konto liegen lassen. Und unsere Pacht für die Strände an den griechischen Staat habe ich ebenfalls gleich überwiesen. Jeder versucht, jeden sofort zu bezahlen, und was Überweisungen angeht, so schnell wie möglich anzuweisen. Der Staat profitiert davon, in diesen Tagen macht er nur eins: Geld einsammeln.
Das alles funktioniert aber nur innerhalb Griechenlands. Überweisungen auf Auslandskonten sind nicht möglich. Und das macht es für uns Unternehmen sehr, sehr schwer, denn Griechenland ist Import-, nicht Export-Nation wie Deutschland. Wir müssen importieren. Und was wir einführen, das müssen wir auch bezahlen. Aber das derzeitige Chaos bei den Banken mit täglich wechselnden Vorschriften macht es nicht leichter.
MARE PIU: Was denken Sie als Unternehmer, was wirklich insgesamt schief ging?
MIKHALIS FARSARIS: Niemals hätten wir die Schulden so anwachsen lassen dürfen, wie das jetzt passiert ist. Ich wiederhole mich: Die beste Lösung wäre gewesen, Griechenland 2010 in die Insolvenz gehen zu lassen, als Griechenland tatsächlich insolvent war. Damals wäre nur Griechenland betroffen gewesen. Aber durch die Aufkäufe der maroden griechischen Bonds durch die EZB hängt nun auch jeder Europäer mit drin. Damals wären nur die griechischen Banken pleite gegangen, heute hängt Europa mit drin. Letztlich hat die Politik, haben EZB und IWF aus dem griechischen Drama ein europäisches gemacht. Und unsere Schulden wuchsen ins Untragbare. Das andere: Die von außen verordneten Ausgaben-Kürzungen trafen viele Griechen hart, sehr hart. Griechenland musste eine Menge vom IWF verordneter Cuts auf sich nehmen. Das hat der Wirtschaft nicht gut getan. Was wir gebraucht hätten, sind Reformen, die Geld in die Wirtschaft bringen und nicht abziehen.
MARE PIU: Aber was ging denn generell schief? Der europäische Grundgedanke „Wir geben Geld gegen die Einführung verbindlicher Standards“: warum hat die Umsetzung hier in Griechenland nicht funktioniert? Warum konnte kein funktionierendes Steuersystem aufgebaut werden? Warum bleiben die Reichen unbesteuert bis heute?
MIKHALIS FARSARIS: So traurig das klingt: Letztlich war jeder Regierung der politische Preis dafür zu hoch – den wollte keine griechische Regierung bezahlen. Wir sind damit tatsächlich gescheitert, unser Land grundlegend zu reformieren. Das andere: Irgendwann erschöpften sich Troika und IWF im Einfordern von Maßnahmen statt echter Reformen. Die Angst in den Geberländern begann, zu überwiegen.
MARE PIU: Können Sie ein Beispiel geben?
MIKHALIS FARSARIS: Zuletzt verlangte der IWF die Besteuerung der Tourismus-Unternehmen hier auf Kreta mit einem Schlag von 6,5% auf 23% zu erhöhen. Dies ist keine Reform, dies ist eine harte Maßnahme, die die wirtschaftliche Initiative auf der Insel im Zweifel eher abwürgt statt forciert. Das kann nicht gut gehen. Maßnahmen wie diese machten die Menschen richtig wütend.
MARE PIU: Und was ging am vergangenen Sonntag beim Referendum schief? Wie kam es dazu, dass hier in Agios Nikolaos und in Heraklion tatsächlich mehr Menschen als im nationalen Durchschnitt mit „Nein“ stimmten?
MIKHALIS FARSARIS: Auch dies ist vielschichtig. Da war einerseits die berechtigte Wut der Menschen hier über die Ausgabenkürzungen, deren Folgen jeder zu spüren bekam. Das Zweite: Unsere Regierung ließ uns unfairer Weise nicht über die GRIECHISCHEN Reformvorschläge abstimmen; sondern über die der Geberländer, die zudem vom Tisch waren.
Das Dritte: Unsere Regierung erklärte uns: „Yes“: das wäre nichts anderes als „to kiss Europe’s arse“. Ein „Nein“ wäre gleichbedeutend mit „Wir verhandeln in Würde. Und kommen innerhalb 48 Stunden mit Europa zu einer Einigung.“ Das haben die Leute geglaubt.
Den letzten, fatalen Ausschlag gaben dann aber die Stimmen europäischer Politiker, die den Griechen im Falle eines „Nein“ mit einem Ausscheiden aus Euro und Europa drohten. Das löste bei den meisten genau den gegenteiligen Effekt aus: Trotz. Und Ablehnung. Eben ein griechisches „Nein“. Die letzte Woche: das war hier in Griechenland wie nach 1945, es war Bürgerkrieg. Wer „Ja“ sagte, war fast Verräter.
MARE PIU: Und was wird jetzt passieren? Wie wird es weitergehen?
MIKHALIS FARSARIS: Da habe ich zwei Optionen im Kopf. Die erste ist schlimm. Die zweite ist bestenfalls ungewiss.
Die erste: Es gibt langfristig keine Einigung. Wir fliegen aus dem Euro. Griechenland wird Venezuela: trotz vieler Assets (Griechenland ist ja nicht arm) bleiben die Regale der Supermärkte leer. Wir bekommen einen „Commandante“ als Regierungschef.
Die zweite: Wir bekommen parallele Währungen. Es ist unklar, wie das mit den Transaktionen auf internationaler Ebene dann laufen soll. Und es weiß keiner, wohin das führen wird. Aber letztlich, ob so oder so: Wir werden überleben, ob mit, ob ohne Euro. Es wird weitergehen.

Heute in Griechenland (3): Warum Despina kein Geld von mir annimmt.


„Medikamente, Lebensmittel, Gas und Öl – vielen Griechen fehlt es schon jetzt am Nötigsten. Über eine humanitäre Katastrophe will kaum ein Spitzenpolitiker reden, doch intern und bei Hilfsorganisationen werden schon Szenarien durchgespielt“, schreibt SPIEGEL ONLINE heute abend auf seiner Titelseite. Zeilen wie diese legen den Schluß nahe, dass ein Land am Abgrund steht. Ich bin hier, um nachzusehen.

Heraklion, mit fast 175.000 Einwohnern immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands: Lange Schlangen finde ich – aber nicht vor Banken und Geldautomaten, an denen ich vorbeischlendere. Sondern vor der Kasse des archäologischen Freigeländes von Knossos, wo Mittags alle Parkplätze belegt sind. Die Schlange ist mehr als 50 Meter lang. Ich höre: Ungarisch, Italienisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Portugiesisch, Tschechisch, Russisch. In der Warteschlange vor Minotaurus‘ Palast scheint Europa wunderbar zu funktionieren.

Nachmittags im CARREFOUR-Supermarkt: Es ist nicht viel los – ist ja auch Nachmittag. Fehlen – siehe oben – tut in den Regalen eigentlich nichts. Niemand verdächtigt mich der Hamsterei, als ich – ganz Segler beim Aufbruch – einen Berg Mineralwasser zur Kasse schiebe, getoppt von einem Hügel Tomatenkonserven und Sardinendosen. Nein, in Hamsterstimmung aus Furcht vor dem Zusammenbruch ist hier auf Kreta auch kaum jemand. Ein griechisches Pärchen am prall gefüllten Käseregal, das sich irgendwie fürs Abendessen nicht entscheiden kann. 

Keine Krise? Alles nur Medien-Fake? Es fällt mir jedenfalls schwer, hier auf Kreta Krisenstimmung zu entdecken. Die zwei Wirte, mit denen ich sprach, sind zufrieden mit dem Geschäft in diesem Sommer bisher. Der Autoverleiher von SIXT auch. Der grinst, als ich ihn auf die westlichen Medien anspreche. Ja, das würde er auch lesen. Und sich wundern. 
Kann es sein, dass ein Land, das nur Tage vor dem großen Kollaps steht, so entspannt ist? Griechen, die in Kaffees ihren Frappé schlürfen? Ältere Dämchen, die gemächlichen Schrittes ihr Hündchen Gassi führen? Es passt alles nicht ins Bild des Landes, dessen Banken nur noch einen Hauch von der Insolvenz entfernt sind.



Fast schon denke ich, im falschen Land zu sein, so wie der Mann, der nach Brasilien wollte und dafür extra Spanisch paukte, nur um festzustellen: dass man das überall in Südamerika, nur in Brasilien nicht gebrauchen kann. Irrtum, denke ich also. Bis ich ins Museum von Heraklion gehe. 
An der Kasse des Museums will ich meinen Rucksack abgeben, aber man weist mich ein paar Schritte weiter, um das Museum herum, am Caffee vorbei. Und dort sitzt: Despina, Mitte 40, im Freien vor einem Blechregal mit zwei Koffern. Freundlich nimmt sie meinen Rucksack, ich frage, ob der bei ihr auch sicher sei, schließlich sei mein Computer drin, „ohne“ sei ich wertlos. Despina, offensichtlich halbseitig gelähmt, lächelt und sagt in gebrochenem Englisch, ich solle mir keine Sorgen machen, der Rucksack sei sicher bei ihr. Mühevoll malt sie eine „Sechs“ auf einen kleinen gelben Zettel, den solle ich nur ja wieder mitbringen. Und weil mir Despina das sagt, drum gebe ich den gelben Zettel mit der Sechs die Stunden, die ich im Museum verbringe, nicht mehr aus der Hand. 
Als ich zu Despina zurückkehre, sitzt sie immer noch im Freien vor dem Blechregal, in dem einsam mein schwarzer Rucksack liegt. Artig zeige ich meine „Sechs“, Despina händigt mir meinen Rucksack aus, ohne etwas dafür zu verlangen. Also greife ich in meine Tasche, will ihre Mühe vergelten. Aber Despina lehnt energisch ab. Nein nein, das ginge nicht. Nein, wirklich nicht.
Fast schon will ich gehen, da greife ich zu einer kleinen List, damit sie, die es sicher brauchen kann, doch noch etwas von mir annimmt: Ich gehe zurück und bitte sie, doch das Wenige anzunehmen und einem Menschen zu geben, den sie kenne und der gerade in Not sei. Wieder schüttelt Despina ihr Haupt: Das ginge nicht. Das dürfe sie nicht. Und lehnt entschlossen ab.

Belassen wir es bei dieser Geschichte von der aufrechten Despina. 

PS:
Ins Museum ging ich eigentlich nur wegen des Stier-Reliefs auf dem Foto oben. Es erschien vergangenes Wochenende in der SÜDDEUTSCHEN mit dem Hinweis, der Tourismus auf Kreta sei stark zurückgegangen seit Ausbruch der Krise. 
Das Stier-Relief fand ich im Museum. Als ich hinkam, war es umlagert von etwa 30 Chinesen. Die nächste Reisegruppe dahinter wartete bereits…



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Heute in Griechenland (2): Ankommen. Und Aufwachen.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Anders als erwartet ist die Maschine von München nach Heraklion fast ausgebucht, im Flugzeug Lachen und Ausgelassenheit. Für die Menschen im Flieger: Endlich Ferien.


Auch in Heraklion ist bei der Ankunft alles wie immer. Der Flughafen am Meer: er brummt und summt in der Dunkelheit. Alle eineinhalb Minuten ein Triebswerkdonnern und Aufheulen von Start und Landung,  während draußen hundert Meter entfernt ein Frachter träge vorbeizieht, ein Ferienflieger löst den anderen ab, ein hektisches Kommen und Gehen zwischen Duty Free, rumpelnden Gepäckbändern, bepackten Menschen. Alles wie immer. Auch beim Autoverleiher. Von Heraklion nach Agios Nikolaos sind es eineinhalb Stunden, es ist fast halb zehn abends, als ich hier bin, also führt kein Weg um einen Mietwagen herum. Sie sind freundlich dort, und weil ich Leonidas, den Autoverleiher in Agios Nikolaos kenne, der alles für mich schon hier hinterlegt hat, läuft alles glatt. Zwei Männer nebenan, die sich mit kumpelhaften „Oixi“ begrüßen. Supermärkte hell erleuchtet.

Von Heraklion rolle ich die Landstraße entlang. Vor meiner letzten Fahrt warnte mich Leonidas, der Autoverleiher: die Strecke sei mit Kameras gespickt, also brav mit 90 durch die Landschaft, und tatsächlich: alle paar Kilometer warnt mich ein Schild, dass jetzt gleich geblitzt wird. Also rumpelt mein klitzekleiner Kleinwagen friedlich durch die Nacht, je weiter ich durchs Dunkel von Heraklion nach Osten rolle, umso einsamer wird es, bis ich nur noch allein auf der gut ausgebauten Bundesstraße bin. Gelegentlich in den Bergen ein keuchender Lastwagen.



Es ist spät, als ich in Agios Nikolaos ankomme. Noch einen griechischen Salat essen im TO PAREAKI, in TRIPADVISOR’s Agios Nikolaos-Tipps im Ranking weit oben. Aber fast leer. Es ist schon spät, ein paar englische Urlauber ziehen vorbei, das TO PAREAKI liegt an der Hafenpromenade auf dem Weg zu großen Hotels, trotzdem ist für eine Juli Nacht wenig los. Ein englisches Pärchen, Teenager, „erstes Mal Reisen“. Zwei ältere Engländer. Eine deutsche Familie. Alles. Nur in einer danebenliegenden Bar im Musikgedröhn fröhliches Lärmen von Hotelgästen. 
Die Marina liegt verlassen und still. Kinder auf Skateboards. Ein paar Jugendliche die auf einem Holzsteg diskutieren.



Am Morgen wache ich auf von den Fallböen, die von den Bergen im Nordwesten herunterdreschen.  Alles wie immer. LEVJE neigt sich leicht zur Seite, ein Schwingen, ein Brummen von den Stagen, ein Heulen der Wanten von den Nachbarliegern. 
Ich werde mich jetzt aufmachen. Und während die EU-Spitzen heute ausschließlich über Griechenland reden und die Krise und darüber, wie ein Ausweg gefunden werden kann, werde ich heute herumstreifen. Und versuchen, mit den Menschen zu sprechen.

Heute Abend mehr.



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Heute in Griechenland (2): Ankommen. Und Aufwachen.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Anders als erwartet ist die Maschine von München nach Heraklion fast ausgebucht, im Flugzeug Lachen und Ausgelassenheit. Für die Menschen im Flieger: Endlich Ferien.


Auch in Heraklion ist bei der Ankunft alles wie immer. Der Flughafen am Meer: er brummt und summt in der Dunkelheit. Alle eineinhalb Minuten ein Triebswerkdonnern und Aufheulen von Start und Landung,  während draußen hundert Meter entfernt ein Frachter träge vorbeizieht, ein Ferienflieger löst den anderen ab, ein hektisches Kommen und Gehen zwischen Duty Free, rumpelnden Gepäckbändern, bepackten Menschen. Alles wie immer. Auch beim Autoverleiher. Von Heraklion nach Agios Nikolaos sind es eineinhalb Stunden, es ist fast halb zehn abends, als ich hier bin, also führt kein Weg um einen Mietwagen herum. Sie sind freundlich dort, und weil ich Leonidas, den Autoverleiher in Agios Nikolaos kenne, der alles für mich schon hier hinterlegt hat, läuft alles glatt. Zwei Männer nebenan, die sich mit kumpelhaften „Oixi“ begrüßen. Supermärkte hell erleuchtet.

Von Heraklion rolle ich die Landstraße entlang. Vor meiner letzten Fahrt warnte mich Leonidas, der Autoverleiher: die Strecke sei mit Kameras gespickt, also brav mit 90 durch die Landschaft, und tatsächlich: alle paar Kilometer warnt mich ein Schild, dass jetzt gleich geblitzt wird. Also rumpelt mein klitzekleiner Kleinwagen friedlich durch die Nacht, je weiter ich durchs Dunkel von Heraklion nach Osten rolle, umso einsamer wird es, bis ich nur noch allein auf der gut ausgebauten Bundesstraße bin. Gelegentlich in den Bergen ein keuchender Lastwagen.



Es ist spät, als ich in Agios Nikolaos ankomme. Noch einen griechischen Salat essen im TO PAREAKI, in TRIPADVISOR’s Agios Nikolaos-Tipps im Ranking weit oben. Aber fast leer. Es ist schon spät, ein paar englische Urlauber ziehen vorbei, das TO PAREAKI liegt an der Hafenpromenade auf dem Weg zu großen Hotels, trotzdem ist für eine Juli Nacht wenig los. Ein englisches Pärchen, Teenager, „erstes Mal Reisen“. Zwei ältere Engländer. Eine deutsche Familie. Alles. Nur in einer danebenliegenden Bar im Musikgedröhn fröhliches Lärmen von Hotelgästen. 
Die Marina liegt verlassen und still. Kinder auf Skateboards. Ein paar Jugendliche die auf einem Holzsteg diskutieren.



Am Morgen wache ich auf von den Fallböen, die von den Bergen im Nordwesten herunterdreschen.  Alles wie immer. LEVJE neigt sich leicht zur Seite, ein Schwingen, ein Brummen von den Stagen, ein Heulen der Wanten von den Nachbarliegern. 
Ich werde mich jetzt aufmachen. Und während die EU-Spitzen heute ausschließlich über Griechenland reden und die Krise und darüber, wie ein Ausweg gefunden werden kann, werde ich heute herumstreifen. Und versuchen, mit den Menschen zu sprechen.

Heute Abend mehr.



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Heute in Griechenland, Teil 1: Was Aristoteles Onassis sagen würde.

 
Unterdessen hatte ich Kreta erreicht. Die grüne Ostseite, der Palmenstrand bei Vai waren die ersten Dinge, die ich von der grünen Insel sah.
 
Seit etwa 10 Tagen liegt LEVJE in Agios Nikolaos, einem Ferienort an der Nordseite der Insel. Durch die Straßen der Stadt flanierten Menschen, die Agios Nikolaos aufgesucht haben, um hier Urlaub zu machen. Ältere, Jüngere, Eltern mit Kindern, die meisten von Ihnen mit einem bunten Plastik-Armbändchen ums Handgelenk, das sie ausweist als Bewohner eines der „All-inclusive“-Hotels, die es in und um Agios Nikolaos zuhauf gibt. Vor zehn Tagen: da war die Welt noch in Ordnung, augenscheinlich. Die Restaurants um den kleinen Kratersee, der mitten im Ort wie ein tiefblaues Auge liegt, waren gut besucht, wenn auch vielleicht etwas weniger als in den Jahren zuvor. Am Strand neben der Marina wurde ein Beach-Volley-Ball-Turnier ausgetragen bei Lounge-Musik, Laissez-fair 2015.
 
 
Gestern hat – wie überall in Griechenland  – auch in Agios Nikolaos eine merkwürdige Abstimmung stattgefunden: Dem Wortlaut nach darüber, ob die Bevölkerung ein Angebot aus dem Ausland annehmen sollte, das gar nicht mehr auf dem Tisch war: Weiteres Geld gegen Reformen: Ja oder Nein. Nai oder Oichi.
 
Eigentlich ging es um viel mehr und doch zugleich um nichts: Das viel mehr, um das es ging, ist: Wollen 10 Millionen Griechen weiter einen sehr schmerzhaften Weg innerhalb einer wirtschaftlichen Gemeinschaft gehen, mit all den Verpflichtungen und, ja: „Verbindlichkeiten“, die zum Leben in einer Gemeinschaft gehören? 
Oder wollen 10 Millionen Griechen lieber einen mindestens ebenso schmerzhaften, aber etwas eigenständigen Weg gehen?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen von einer Regierung, die diese „Hopp oder Topp“-Situation herbeigeführt hat, gut vertreten?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen von einem Europa, dessen Grundlage im Vertrag von Maastricht dieses „Wir geben Geld gegen Reformen und die Einführung internationaler Standards“ formuliert, gut begleitet? 
 
MARE PIU hat sich bisher unpolitisch und überparteilich verstanden. Was aber in den nächsten Tagen in Griechenland geschieht, kann einen Wendepunkt in Europa darstellen, eine Grenze, an der ein Zeitabschnitt, den man historisch „Epoche“ nennt, sichtbar für alle ein Ende nimmt. Ein Zeitpunkt, an dem alle Beteiligten ein “ So geht es jedenfalls nicht weiter“ einsehen. Die Bevölkerung Griechenlands, dass sie etwas etwas anderes möchte als international anerkannte, aber erdrückende Standards. Die Bevölkerung Europas, dass es mit der großen, anerkannten Idee von Europa so nicht weitergeht, wenn sie sich nur darin erschöpft, Geld in Kreisläufe zu pumpen, in denen es einfach – versickert. 
 
Kein Geld zur Verfügung zu haben, ist schlimm. Viel Geld zur Verfügung zu haben, kann noch weit schlimmer sein. Wer die letzten Jahre mit offenen Augen durch die griechische Inselwelt segelte, Häfen ansteuerte auf dem Peloponnes, auf Rhodos oder auch auf kleinen Inseln, der konnte oft kopfschüttelnd sehen, dass „unbegrenzt Geld haben“ überhaupt kein Allheilmittel ist, um eine Wirtschaft, ein Land in Gang zu bringen. Bauruinen überall. Rohbauten zuhauf. Marina-Großprojekte, die brandneu fertiggestellt einfach verrotten. „Wer glaubt, man könne mit Geld alles erreichen, der hat nie welches besessen“, diktierte Aristoteles Onassis, Grieche von Geld, vor nicht einmal 40 Jahren in die Feder eines griechischen Journalisten.
 
Was bedeutet die Situation in Griechenland und für die Griechen? Was bedeutet es, wenn man täglich nur 60 Euro aus dem Geldautomaten ziehen kann? Wie sieht es aus in Griechenland?
 
In einem meiner früheren Posts schrieb ich über die Angst und das alte Rezept meines Freundes David, als wir zu zweit die einsamen Bergkämme der Toskana entlang wanderten: „Wenn’s vor dem Zelt raschelt: einfach nachsehen gehen.“ 
 
Ich habe mich heute auf den Weg gemacht nach Kreta, aus Sorge um mein Boot, um LEVJE. Aber auch, wie es den Menschen, die ich in Agios Nikolaos kennengelernt habe, ergeht. Um Nachsehen zu gehen. Ich weiß nicht, was mich erwartet. 
 
Aus aktuellem Anlaß werde ich täglich hier auf MARE PIU über das schreiben, was ich sehe, was ich in Begegnungen mit den Menschen auf Kreta erleben werde.
 
Heute in Griechenland.

Heute in Griechenland, Teil 1: Was Aristoteles Onassis sagen würde.



Unterdessen hatte ich Kreta erreicht. Die grüne Ostseite, der Palmenstrand bei Vai waren die ersten Dinge, die ich von der grünen Insel sah.


Seit etwa 10 Tagen liegt LEVJE in Agios Nikolaos, einem Ferienort an der Nordseite der Insel. Durch die Straßen der Stadt flanierten Menschen, die Agios Nikolaos aufgesucht haben, um hier Urlaub zu machen. Ältere, Jüngere, Eltern mit Kindern, die meisten von Ihnen mit einem bunten Plastik-Armbändchen ums Handgelenk, ein Eis in der Hand, Gäste der „All-inclusive“-Hotels, die es in und um Agios Nikolaos zuhauf gibt. Vor zehn Tagen: da war die Welt noch in Ordnung, augenscheinlich. Die Restaurants um den kleinen Kratersee, der mitten im Ort wie ein tiefblaues Auge liegt, waren gut besucht, wenn auch vielleicht etwas weniger als in den Jahren zuvor. Am Strand neben der Marina wurde ein Beach-Volley-Ball-Turnier ausgetragen bei Lounge-Musik. Laissez-fair 2015.



Gestern hat – wie überall in Griechenland  – auch in Agios Nikolaos eine merkwürdige Abstimmung stattgefunden: Dem Wortlaut nach darüber, ob die Bevölkerung ein Angebot aus dem Ausland annehmen sollte, das gar nicht mehr auf dem Tisch war: Weiteres Geld gegen Reformen: Ja oder Nein. Nai oder Oixi.

Eigentlich ging es um viel mehr und doch zugleich um nichts: Das viel mehr, um das es ging, ist: Wollen 10 Millionen Griechen weiter einen sehr schmerzhaften Weg innerhalb einer wirtschaftlichen Gemeinschaft gehen, mit all den Verpflichtungen und, ja: „Verbindlichkeiten“, die zum Leben in einer Gemeinschaft gehören? 
Oder wollen 10 Millionen Griechen lieber einen mindestens ebenso schmerzhaften, aber etwas eigenständigeren Weg gehen?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen von einer Regierung, die diese „Hopp oder Topp“-Situation herbeigeführt hat, gut vertreten?
Fühlen sich 10 Millionen Griechen in einem Europa, dessen Grundlage im Vertrag von Maastricht dieses „Wir geben Geld gegen Reformen und die Einführung internationaler Standards“ formuliert, gut aufgehoben? 

MARE PIU hat sich bisher unpolitisch und überparteilich verstanden. Was aber in den nächsten Tagen in Griechenland geschieht, könnte ein Wendepunkt in Europa sein, eine Grenze, an der ein Zeitabschnitt, den man historisch „Epoche“ nennt, sichtbar für alle ein Ende nimmt. Ein Zeitpunkt, an dem alle Beteiligten ein “ So geht es jedenfalls nicht weiter“ einsehen; die Bevölkerung Griechenlands, dass sie etwas etwas anderes möchte als international anerkannte, aber erdrückende Standards; die Bevölkerung Europas, dass es mit der großen, anerkannten Idee von Europa so nicht weitergeht, wenn sie sich nur darin erschöpft, Geld in Kreisläufe zu pumpen, in denen es nirgendwo Nutzen stiftet und einfach – versickert.

Kein Geld zur Verfügung zu haben, ist schlimm. Viel Geld zur Verfügung zu haben, kann noch weit schlimmer sein. Wer die letzten Jahre mit offenen Augen durch die griechische Inselwelt segelte, Häfen ansteuerte auf dem Peloponnes, auf Rhodos oder auch auf kleinen Inseln, der konnte oft kopfschüttelnd sehen, dass „unbegrenzt Geld haben“ überhaupt kein Allheilmittel ist, um eine Wirtschaft, ein Land in Gang zu bringen. Bauruinen an vielen Orten. Verfallende Rohbauten zuhauf. Marina-Großprojekte und Kai-Mauern, die brandneu fertiggestellt einfach verrotten. „Wer glaubt, man könne mit Geld alles erreichen, der hat nie welches besessen“, diktierte Aristoteles Onassis, Grieche von Geld, vor nicht einmal 40 Jahren in die Feder eines griechischen Journalisten.

Was bedeutet die Situation in Griechenland und für die Griechen? Was bedeutet es, wenn die tägliche Summe aus dem Geldautomaten hart rationiert ist, wenn man vielleicht – gar nichts mehr ziehen kann, obwohl doch auf dem eigenen Konto etwas ist? Wie sieht es aus in Griechenland?

In einem meiner früheren Posts schrieb ich über die Angst und das alte Rezept meines Freundes David, als wir zu zweit die einsamen Bergkämme der Toskana entlang wanderten: „Wenn’s vor dem Zelt raschelt: einfach raus, Und nachsehen gehen.“ 

                                                                       Weiterlesen bei: Reden wir mal über: Die Angst. Hier.

Ich habe mich heute auf den Weg gemacht nach Kreta. Der Anlaß ist natürlich Sorge um mein Boot, um LEVJE. Aber auch, wie es den Menschen, die ich in Agios Nikolaos kennen- und schätzen gelernt habe, ergeht. Ich fahre hin, um Nachsehen zu gehen. Ich weiß nicht, was mich erwartet. 

Aus aktuellem Anlaß werde ich täglich hier auf MARE PIU über das schreiben, was ich sehe, was ich in Begegnungen mit den Menschen auf Kreta erleben werde.

Heute in Griechenland.





                             Wer keinen Post von Mare Piu versäumen und  jeden neuen Artikel gleich bei       
                             Erscheinen erhalten will: 
                             1. Einfach E-Mail-Adresse oben rechts bei „News & neue Artikel… eintragen“. 
                             2. Bestätigungsmail von FEEDBURNER abwarten.
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Durch die südöstliche Ägäis: Die vergessenen Inseln: Die Palmen von Vai.

Typische für die menschenleere Ost-Ägäis: Die Insel Kasos zwischen Karpathos und Kreta. Karg, kahl – ein heißer Stein im tiefen Blau. Dass die Ost-Ägäis nicht überall so ist, zeigt der nachfolgende Beitrag.
Anders als am Vortag weht so gar kein Wind, als ich von Karpathos am frühen Morgen ablege und weiter Richtung Westen segle. Vorbei an dem Wrack des gestrandeten Frachters, der an der Südspitze von Karpathos zwischen den Felsen liegt. Niemand beseitigt das Wrack. Die Jahre, Wind und Wellen kümmern sich darum. Vorbei an der Insel Kasos, die karg und kahl im Meer liegt. Ein heißer Stein, ein gewachsener Fels im tiefen Blau, auf dessen Hügelkuppe einzig ein Haus steht. Sonst: Nichts.
 
Das Meer ist unbewegt an diesem Tag. Ein leises Lüftchen an der Südwest-Spitze von Kasos, das ich ausnutze und die Segel setze. LEVJE, die Flautenläuferin: aus einem Hauch an vorlichen Wind holt sie wieder einmal knapp fünf Knoten heraus, wir halten aber zu weit südlich, Kreta ist noch über 30 Seemeilen entfernt. Minute um Minute halte ich Ausschau: dass der leise Wind, der um die Südwestspitze von Kasos herumhaucht, langsam nördlicher drehen möge. Dass sich endlich wie jeden Tag die Schaumkronen in Nordwest zeigen, die den Wind ankündigen. Dass er stärker werden, endlich auf Nordwest drehen möge. Meltemi, wo bist Du heute?
 
Er läßt sich Zeit. Brav dreht er nach Nordwest. Und bleibt heute eben ein Hauch, der uns langsam übers unbewegte Wasser zieht, dort, wo sonst Starkwind bläst. Na dann halt langsam.
 
 
Kreta steigt am Nachmittag langsam aus dem Meer auf, als der Meltemi endlich kommt. Aber statt karger Felsen leuchtet die Insel grün, die kleinen vorgelagerten Inseln im Norden sind mit niedrigem Grün bewachsen. Je näher wir kommen, desto mehr habe ich den Eindruck: dies muss Irland sein, die grüne Insel. Oder Schottland. Alles ist grün, aus der Ferne sieht es aus wie Gras und Moos, die Ostküste Kretas: kein kahler Fels, sondern grün.
 
Unseren Ankerplatz finden wir in der Abenddämmerung. Weil die Bucht von Vai mit Bojen gesperrt ist, ziehen wir in der Dämmerung eine Bucht weiter nördlich. Und im Morgenlicht dann dies:
 
 
 
Die Palmen von Vai. Die Legende erzählt: Piraten, die in der Bucht ankerten, hätten die Früchte mitgebracht und ihre Kerne am Strand ausgespuckt. Wahr daran ist, dass es die Kretische Dattelpalme Phoenix Theophrasti nur einmal gibt auf der Welt: nämlich hier im Osten Kretas. Früchte tragen sie keine mehr – oder nur ungenießbare. Sie sind vermutlich Jahrhunderte alt – jedenfalls an der Stelle, an der ich sie finde: Stämme entwachsen verfallenden, undurchdringlichen Strünken von meterdickem Umfang, fast ist es, als wäre mitten in jedem der Strünke eine Behausung für einen zotteligen Einsiedler. Aber in die Behausung hinein kann man nicht, so dicht wachsen die Stämme daraus empor. Ein Zauber geht von den Palmen aus, als ich allein am Sandstrand liege: Ein Knacken, wenn der Wind durch die langen Palmwedel streift. Ein Rascheln, wenn die gefiederten Arme aneinander reiben. 
Es ist: als würden sie etwas erzählen, die Palmen von Vai, etwas in ihrer Sprache, das ich nicht verstehe. Von den Piraten, die sie von weither mitbrachten. Von der Basilika, von der nur noch Grundmauern am Hang stehen. Deren marmorne Türschwelle mit ihren halbkreisförmigen Riefen vom christlichen Leben der Menschen vor Hunderten Jahren erzählt, bis Kreta osmanisch wurde. Von den Hippies, die in den 70ern ihr Lager trommelnd am Strand von Vai aufschlugen, die Palmwedel als Brennholz nutzten, bis die Kommune einschritt. Und den Versuch eines anderen Lebens vom Strand von Vai verbannte.
 
Vielleicht erzählen sie von alldem: Die Palmen von Vai.
 
 
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Durch die südöstliche Ägäis: Die vergessenen Inseln: Die Palmen von Vai.

Typische für die menschenleere Ost-Ägäis: Die Insel Kasos zwischen Karpathos und Kreta. Karg, kahl – ein heißer Stein im tiefen Blau. Dass die Ost-Ägäis nicht überall so ist, zeigt der nachfolgende Beitrag.
Anders als am Vortag weht so gar kein Wind, als ich von Karpathos am frühen Morgen ablege und weiter Richtung Westen segle. Vorbei an dem Wrack des gestrandeten Frachters, der an der Südspitze von Karpathos zwischen den Felsen liegt. Niemand beseitigt das Wrack. Die Jahre, Wind und Wellen kümmern sich darum. Vorbei an der Insel Kasos, die karg und kahl im Meer liegt. Ein heißer Stein, ein gewachsener Fels im tiefen Blau, auf dessen Hügelkuppe einzig ein Haus steht. Sonst: Nichts.

Das Meer ist unbewegt an diesem Tag. Ein leises Lüftchen an der Südwest-Spitze von Kasos, das ich ausnutze und die Segel setze. LEVJE, die Flautenläuferin: aus einem Hauch an vorlichen Wind holt sie wieder einmal knapp fünf Knoten heraus, wir halten aber zu weit südlich, Kreta ist noch über 30 Seemeilen entfernt. Minute um Minute halte ich Ausschau: dass der leise Wind, der um die Südwestspitze von Kasos herumhaucht, langsam nördlicher drehen möge. Dass sich endlich wie jeden Tag die Schaumkronen in Nordwest zeigen, die den Wind ankündigen. Dass er stärker werden, endlich auf Nordwest drehen möge. Meltemi, wo bist Du heute?

Er läßt sich Zeit. Brav dreht er nach Nordwest. Und bleibt heute eben ein Hauch, der uns langsam übers unbewegte Wasser zieht, dort, wo sonst Starkwind bläst. Na dann halt langsam.


Kreta steigt am Nachmittag langsam aus dem Meer auf, als der Meltemi endlich kommt. Aber statt karger Felsen leuchtet die Insel grün, die kleinen vorgelagerten Inseln im Norden sind mit niedrigem Grün bewachsen. Je näher wir kommen, desto mehr habe ich den Eindruck: dies muss Irland sein, die grüne Insel. Oder Schottland. Alles ist grün, aus der Ferne sieht es aus wie Gras und Moos, die Ostküste Kretas: kein kahler Fels, sondern grün.

Unseren Ankerplatz finden wir in der Abenddämmerung. Weil die Bucht von Vai mit Bojen gesperrt ist, ziehen wir in der Dämmerung eine Bucht weiter nördlich. Und im Morgenlicht dann dies:



Die Palmen von Vai. Die Legende erzählt: Piraten, die in der Bucht ankerten, hätten die Früchte mitgebracht und ihre Kerne am Strand ausgespuckt. Wahr daran ist, dass es die Kretische Dattelpalme Phoenix Theophrasti nur einmal gibt auf der Welt: nämlich hier im Osten Kretas. Früchte tragen sie keine mehr – oder nur ungenießbare. Sie sind vermutlich Jahrhunderte alt – jedenfalls an der Stelle, an der ich sie finde: Stämme entwachsen verfallenden, undurchdringlichen Strünken von meterdickem Umfang, fast ist es, als wäre mitten in jedem der Strünke eine Behausung für einen zotteligen Einsiedler. Aber in die Behausung hinein kann man nicht, so dicht wachsen die Stämme daraus empor. Ein Zauber geht von den Palmen aus, als ich allein am Sandstrand liege: Ein Knacken, wenn der Wind durch die langen Palmwedel streift. Ein Rascheln, wenn die gefiederten Arme aneinander reiben. 
Es ist: als würden sie etwas erzählen, die Palmen von Vai, etwas in ihrer Sprache, das ich nicht verstehe. Von den Piraten, die sie von weither mitbrachten. Von der Basilika, von der nur noch Grundmauern am Hang stehen. Deren marmorne Türschwelle mit ihren halbkreisförmigen Riefen vom christlichen Leben der Menschen vor Hunderten Jahren erzählt, bis Kreta osmanisch wurde. Von den Hippies, die in den 70ern ihr Lager trommelnd am Strand von Vai aufschlugen, die Palmwedel als Brennholz nutzten, bis die Kommune einschritt. Und den Versuch eines anderen Lebens vom Strand von Vai verbannte.

Vielleicht erzählen sie von alldem: Die Palmen von Vai.



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Durch die südöstliche Ägäis, Teil IV.: Ägäis-Segeln.

Um Mitternacht wache ich auf. Die Fallböen wecken mich, und LEVJE’s harte Bewegungen, wenn Wanten und Dirk im Wind zu schwingen und zu brummen beginnen. Ich höre die Ankerkette, wie sie hart einruckt, gefolgt vom Ächzen des Festmachers, mit dem ich die Ankerkette auf dem letzten Meter an LEVJE’s Bugbeschlag gesichert habe. Das Boot, das bei ruhigem Wetter nur mit einem leisen Glucksen  in den Wellen liegt: es arbeitet jetzt in den Böen: knarzt, schwingt, summt, brummt, ächzt, gurgelt. Gibt hundert Geräusche von sich, die mir im Dunkel signalisieren: alles in Ordnung.

Ich stehe auf, gehe hinaus, und drehe eine Runde auf dem nächtlichen Boot. Sehe kurz nach dem Tiefenmesser, immer noch 5,60 Meter Tiefe – wir haben uns in den Böen nicht viel bewegt: LEVJE’s Anker hält uns also. Würde er nicht halten, würde er ins Rutschen kommen: Dann würde LEVJE von den harten Böen langsam in tieferes Wasser getrieben; der Anker würde dort seinen Halt verlieren – und LEVJE würde unweigerlich von Böen auf die Felsen gegenüber getrieben. Wir würden: „Scheitern“. In einem Lexikon aus dem Jahr 1641, das ich kürzlich auf meinem Hotelzimmer fand, als hätte es dort jemand hingelegt, nur für mich, Bücher „finden“ einen, habe ich ebenfalls schlaflos den Begriff „Scheitern“ nachgeschlagen: Das Lexikon, zusammengetragen von einem Mönch während der düstersten Phase des Dreißigjährigen Krieges, kannte für den Begriff „Scheitern“ nur diese Bedeutung: dass ein Schiff an der Küste zerschellt. Das menschliche, das berufliche Scheitern: In dieser Bedeutung gibt es das Wort wohl noch keine 30 Jahre. „Scheitern“ ist nicht nur einfach „seinen Job verlieren, weil man ihn nicht kann“. „Scheitern“ ist: Seinen Job verlieren, weil man sein Schiff nicht achtsam genug manövriert hat und Kräfte im Spiel sind: die größer sind als alles, was wir beherrschen.

Kräfte wie die Fallböe, die eben den Prophitis Elias, den hohen Berg nordwestlich von uns über dem 
Örtchen mit Wucht hinunterrollt, durch leere Gassen, Tavernen fegt, hinaus auf die Bucht, in der ich mit LEVJE liege. Sie packt LEVJE’s Bug, schiebt ihn einfach nach rechts zur Seite, solange, bis die Ankerkette steifkommt, bis der Festmacher unter der Last, das Boot halten zu müssen, ächzend die Drehbewegung auffängt.

Alles hält. Ich gehe wieder unter Deck in meine warme Koje und lege mich schlafen.


Als es zu dämmern beginnt: sind es wieder die Fallböen und LEVJE’s Bewegungen, die mich wecken. Ich ziehe mich an, setze im Dämmer Wasser auf für meinen Tee. Die Sonne steht noch hinter der weißen Kapelle auf dem Hügel hinter uns, aber es ist schon taghell. Der karge, bis auf eine Stelle mit dunklem Grün gänzlich abgenagte Prophitis Elias strahlt taghell vor uns. Und in der Ferne oben, klein, weiß auf dem höchsten Gipfel, die Burg, die die Johanniter errichteten.

                                                                                     Weiterlesen bei: Rhodos. Die Johanniter. Hier.

Von LEVJE’s Ankerplatz schaue ich hinaus aufs offene Meer. Das Wasser ist tief tief dunkelblau, die Böen färben die Wasseroberfläche noch dunkler, dort, wo sie auf dem Wasser aufschlagen. Wind aus der richtigen Richtung – das ist gut. Ich beschließe, die Gunst des Windes zu nutzen, nur kurz zu frühstücken und gleich abzulegen, zu einem langen Schlag, auf alle Fälle nach Süden zur langen Insel Karpathos, mindestens bis zum Hauptort Pigadia, womöglich aber noch weiter bis zur Südspitze, vielleicht sogar bis zu nächsten Insel Kasos, von der Rod Heikell schreibt: Sie sei wahrlich ein windiger Ort.

Mein Tee ist fertig. Kurz in ein altes Brot gebissen, ich habe nur noch das seit Symi, seit drei, vier Tagen war ich nicht mehr an Land. Dann sehe ich nach dem Motor, kontrolliere den Ölstand, fasse mit der Hand aus Gewohnheit unter Seewasserpumpe und Motorblock, ob Wasser oder Öl austritt, schaue in die Bilge. Alles gut. Ich lege meine Schwimmweste an und den Lifebelt – wer weiß schon, wie es da draußen heute wird.

Ich gehe an Deck. Blicke mich einmal um. Alles gut. Los. Ich drehe den Zündschlüssel, drücke den schwarzen Starterknopf. Der Motor springt bullernd an, ich warte, bis Wasser aus dem Auspuff kommt. Dann hangle ich mich am Want vorbei zum Bug, löse den Festmacher, den ich als Ruckdämpfer zur Ankerkette eingesetzt hatte. Ich drücke auf die Steuerung der Ankerwinsch, ratternd beginnt sie, Glied um Glied der Kette herein ins Schiff zu holen. Immer wieder bin ich erstaunt über die Kraft, die die kleine Winsch dabei entfaltet, schließlich habe ich mein Ankergeschirr eine Nummer größer und schwerer gewählt als vorgesehen. Und nach den Fallböen dieser Nacht bin ich wieder einmal dankbar für diese Entscheidung. Rumpelnd kommt der Bügelanker hoch, auch ihn schaue ich dankbar an, wie er an seiner Spitze etwas Seegras-Wurzelwerk mit hochbringt. Hart scheppernd hole ich ihn in seine Halterung. „Anker frei.“

Ich gehe nach hinten, ins Cockpit. Nehme die Pinne in die Hand, drücke LEVJE’s Gashebel nach vorn in den Tuckergang. Behutsam drehen wir einen Kreis hinaus um unseren Ankerplatz, weg von dem Ort, der uns für die Nacht Geborgenheit bot. Raus als.

Kaum bin ich draussen: treffen uns die Fallböen noch härter. Ich setze das große Vorsegel, die Genua. Vielleicht zuviel Segeltuch? LEVJE nimmt in den Böen sofort rauschend die Fahrt auf, das Tuch spannt sich jetzt enorm, wenn die Böen von der Insel herunterdonnern, ich stelle den Motor ab, LEVJE läuft in den Böen mit über sieben Knoten vor dem Wind, die Fallböen von Chalkis: sie schieben uns hinaus, hinaus am Morgen auf dem offene See.

So geht das etwa 20 Minuten. Je weiter wir von Chalkis wegkommen: umso heftiger werden die Böen. Ich schaue sorgenvoll auf mein Vorsegel, wie es sich hart spannt. Fasse kurz ans Achterstag, das den enormen Zug vom Vorsegel auf die Mastspitze auffängt, es ist hart gespannt wie eine Bogensaite. Aber LEVJE läuft einfach wie auf Schienen hinaus unter dem Zug der Genua, was soll ich da eingreifen?

Und dann: ist mit einem Schlag alles anders: Wir sind aus der Abdeckung der Insel heraus, der Wind ist schlagartig vorbei, ein merkwürdiges Phänomen des ablandigen Windes, diese Kalmen. Als wäre nichts gewesen, schaukelt und klappert LEVJE hilflos in den sich kreuzenden Wellen, treibt einfach dahin, während keine fünfzig Meter hinter mir der Wasser noch von den Fallböen brodelt. Ägäis-Wind. Schon Homer erzählt in seiner Odyssee davon, und nicht nur Heinrich Schliemann, der große Grabräuber, lag richtig mit seinem „Homer schreibt genau.“

Na gut. Dann jetzt eben mit Motor weiter, es kann nur ein kurzes Stück sein bis zum nächsten Windstrich. Ich starte also den Motor. Und weil in der Kimm tatsächlich der Wind kleine Schaumkronen aufwirft, nutze ich die Zeit. Und setze das Großsegel. Vorsichtshalber mal binde ich schon das erste Reff ein – die Fallböen seit Stunden kommen ja nicht aus dem Nichts: Sie sind der umgewandelte Wind, der von Nordwesten auf die Berghänge Chalki’s auftraf. Sich mühsam den Gipfel hinaufwälzte, um dann, wer weiß, von welchen thermischen Phänomenen aufgeladen, beschleunigt, sich die andere Seite des Inselberges mit rasender Wucht hinunterzustürzen. Kommt man aber aus dem Windschatten des Inselberges heraus: dann trifft man den regulären, den ursprünglichen Nordwest wieder an; meist nach einer kleinen oder größeren windstillen Zone.

LEVJE klappert unter Motor durch die kabbelige See, weiter hinaus und weg von der Insel. Keine zehn Minuten später haben wir ihn gefunden, den Wind. LEVJE’s Segel ziehen plötzlich, ich öffne das Groß und fiere den Großbaum weit hinaus, der Wind kommt schließlich mehr als querab. LEVJE spurtet los, der Motor läuft nur noch leer mit, der Wind hat jetzt den Antrieb übernommen. Ich stelle den Motor ab. Kurz den Ganghebel in den Rückwärtsgang, damit der Faltpropeller sich zusammenklappt und dem vorbeiströmenden Wasser keinen Widerstand mehr bietet. Und dann zieht LEVJE los durch die rauschenden Wellen.

Es ist ein anstrengender Kurs. Je weiter wir von Chalki wegkommen, je weiter der Vormittag vorrückt, umso mehr nehmen Wind und Welle zu. Der Wind mit 20, 25, 28 Knoten , er kommt von schräg achtern und treibt Welle um Welle genau in LEVJE’s Heck. Es wird angehoben, nach backbord weggedreht, der Bug wandert ruckartig nach steuerbord, der Autopilot hat ratternd alle Hände voll zu tun, ruckartig fährt der Steuerarm des Autopiloten aus und versucht, die Pinne in die richtige Richtung zu drücken. Ein unendliches Spiel, das die Wellen da abliefern und dem ich fasziniert zuschaue, wie sie immer wieder von rechts hinter uns anrollen, dem Autopiloten, wie er arbeitet und vor allem: LEVJE, wie sie sich in den Wellen verhält und wie ein irisches Curragh von Wellenkamm zu Wellenkamm schießt. Hier mein Video von diesem Abschnitt:


Langsam kommt Karpathos in Sicht, langgestreckt und hoch, ein bisschen wie das kroatische Dugi Otok, die die Italiener Izola Lungha, die lange Insel nannten. Karpathos – es liegt auf meinem Kurs wie eine Hauswand, an der ich entlang muß: Gehe ich an der Westseite von Karpathos entlang, werde ich starken Wind haben, der auf die Hauswand trifft und uns auf die Hauswand zutreibt. Aber auf die ganze Insellänge von 30 Kilometern keinen Hafen, keine Bucht. Es würde bedeuten: durchzusegeln bis heute Abend bis nach Kasos, zur nächsten Insel, wo auch der nächste Hafen läge, in stetig starkem Wind. Oder: ich gehe die Ostseite der Hauswand entlang. Sie ist windabgewandt, der Wind fällt hier über das Hausdach herunter, wird unstet sein: Fallböen, die in großer Stärke herabfallen und mit Kalmenzonen wechseln. Aber ich habe die Chance, weiter südlich am Nachmittag Pigadia zu erreichen, den Hauptort von Karpathos mit großer Bucht und Hafen. Und südlich davon sind ebenfalls geschützte Buchten.

Ich entscheide für Letzteres. Es scheint mir entspannter, zumal ich jetzt am späten Vormittag den frühen Aufbruch spüre und müde werde. Eben fielen mir die Augen kurz zu, ich dachte noch im Einschlafen: ich könnte es mir leisten, alles um mich sei frei und kein Schiff weit und breit seit drei Tagen. Ich weiß nicht, wie lange ich schlafe, es sind wohl keine zehn Minuten, als mich irgendetwas weckt, ein innerer Warnton, ich weiß nicht was. Ich blicke auf und: keine 100 Meter entfernt läuft ein Frachter auf uns zu, verflixt, wo kommt der denn her? „Pass bloß auf“, schimpfe ich mich und gehe sofort höher an den Wind, um den Frachter an mir vorbeiziehen zu lassen. Es ist die TAI STAR, ein Stückgut-Frachter, ich überlege kurz, ob ich ihn über Funk anrufen soll, um rauszukriegen, ob er mich wenigstens auf dem Radar sah. Aber wahrscheinlich hat auch er mich nicht gesehen, ich kenne das, weil ich zwei mal auf Containerfrachtern mitfuhr. Ein Mann auf der Brücke auf Wache, müde wie ich, mit Papierkram beschäftigt, der Autopilto und das Radar laufen ja.

Also entscheide ich mich für das kürzere, aber böigere Wegstück. Der Wind nimmt zu auf 25 – 30 Knoten, LEVJE’s Groß ist im kleinsten Reff, und es ist eine Lust, sie zu segeln, wie mein Video von diese Stelle zeigt, mit dem fernen Karpathos am Horizont:



Es ist später Nachmittag, als der Wind weiter zunimmt. Ich stehe etwa 45 Minuten vor Pigadia, als der Wind konstant auf über 30 Knoten auffrischt. LEVJE hat das Groß im 2. Reff, die Genua ist ebenso auf kleinste Segelfläche heruntergerefft. Ak Patella liegt recht voraus, und hier staut sich der Wind, der von den Bergen Karpathos‘ herunterfällt. Die Schaumkronen werden dichter, die ablandigen Wellen höher und steiler und folgen dicht aufeinander, Gischt weht wagrecht über LEVJE’s Vordeck, der Windmesser nähert sich der 40 Knoten Marke, die Pinne knarrzt schwer unter dem Ruderdruck, ich brauche viel Kraft für die Pinne, selbst auf diesem Kurs. Ich gehe auf halben Wind, die Fahrt mit dem fast achterlichen Wind wird mir zu riskant, immer wieder drehen die hohen Wellen LEVJE’s Heck aus der Richtung. Ich steuere LEVJE auf die Hafenmole von Pigadia zu – hoffentlich siehts da vorne nicht so wild aus wie hier? – die langsam hinter dem Gegischte in Sicht kommt. Der Wind rüttelt und zerrt am gerefften Vorsegel, Gischt kommt über, salzt mich ein wie einen Trockenfisch, aber ich bin erstaunt, wie sauber LEVJE den starken Wind wegsteckt und ihren Kurs hält. Segeln bei knapp 40 Knoten mit einem 31-Fuß-Schiff – erstaunlich, wie gut das geht. Ich halte nun auf die Bucht mit dem großen Sandstrand nördlich von Pigadia zu, eine weite geschützte Bucht, blicke öfter sorgenvoll ins Groß ob des gewaltigen Winddrucks, der darauf lastet. Und suche die Kimm ab, Richtung Sandstrand, ob ich nicht schon irgend ein Zeichen sehe, dass die Wellen niedriger werden, die Schaumkronen, die sich überschlagend dicht folgen, weniger. Noch nicht. „Das muss doch weniger werden da vorne, es weht doch ablandig…“ bete ich mir vor. Noch nichts zu erkennen.

Ich weiß nicht mehr, ob es eine Meile war. Oder drei, die ich so dahinsegelte. Die Konturen am Strand wurden klarer. Ganz rechts eine kleine Fabrik, eine Wasserentsalzungsanlage, arbeitet mein Gehirn. Sonnenschirme und Mattelagen, vereinzelt Menschen am ewig langen Strand. Endlich in der Kimm: das Wasser wird türkis – die Wellen werden flacher, noch sieben Minuten, noch fünf. Der Winddruck auf die Segel läßt nach, nur noch in Böjen legt LEVJE sich jetzt flach aufs Wasser, ich spüre jeden Muskel meiner beiden Arme, mit denen ich die Pinne heranziehe, um LEVJE auf ihrem Kurs zu halten. Die Drücker werden weniger, schlagartig ist das Wasser türkis, weil wir dem Ufer näherkommen und die Sedimente vom Ufer sowie die geringere Wassertiefe das Licht anders brechen und das Wasser türkis „färben“. LEVJE segelt aufrecht, das Wasser wird glatter und glatter, ich komme dem Strand näher, 10 Meter Tiefe, noch näher zum Strand hin, „da vorne müßte es gut sein, um den Anker fallen zu lassen“. Und plötzlich bin ich nur noch von stillem Türkis und leisem Glucksen an der Bordwand umgeben. Der Wind weht sanft, LEVJE schnürt dem Strand zu, läuft wie auf Schienen.

Ich schaue mich um. Am Strand spielt ein Mann mit Kind Federball. Eine Frau auf einer Liege reibt mit langsamen Bewegungen Sonnenöl ins Gesicht. Von LEVJEs Deck läuft immer noch übergekommenes Spritzwasser ab. Das Cockpit ein Durcheinander: Reffleinen, Cockpitkissen, Fallen, Genuaschoten verrutscht, verschoben von Segeln mit viel Lage, ein wüstes Ineinander, in dem nur meine Wasserflasche geborgen liegt wie ein Baby. Unter Deck? Reden wir nicht drüber, „What a mess!“ Salz auf meiner Haut, Salz in meinem Bart, meine Brille salzstarrend, mein Hut brettsteif vom getrockneten Meerwasser. Vor mir: friedliches Strandleben. Ich drehe mich um: Hinter mir, kein Fußballfeld entfernt, dreschen Fallböen auf die Wasseroberfläche und werfen Schaumkronen und Gischt auf. Kein Fußballfeld entfernt: immer noch über 30 Knoten.

Agäis-Segeln.


                                                    Noch weitere Seestücke auf Mare Piu lesen? Hier:
                                                    Durch die Straße von Otranto: Von Italien nach Griechenland. Hier.
                                                    Wind über Paros. Hier.
                                                    Meltemi! Meltemi! Hier.
                                                    Kein ganz normaler Törn. Überfahrt über den Golf von Lyon. Hier.



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Durch die südöstliche Ägäis, Teil IV.: Ägäis-Segeln.

Um Mitternacht wache ich auf. Die Fallböen wecken mich, und LEVJE’s harte Bewegungen, wenn Wanten und Dirk im Wind zu schwingen und zu brummen beginnen. Ich höre die Ankerkette, wie sie hart einruckt, gefolgt vom Ächzen des Festmachers, mit dem ich die Ankerkette auf dem letzten Meter an LEVJE’s Bugbeschlag gesichert habe. Das Boot, das bei ruhigem Wetter nur mit einem leisen Glucksen  in den Wellen liegt: es arbeitet jetzt in den Böen: knarzt, schwingt, summt, brummt, ächzt, gurgelt. Gibt hundert Geräusche von sich, die mir im Dunkel signalisieren: alles in Ordnung.
Ich stehe auf, gehe hinaus, und drehe eine Runde auf dem nächtlichen Boot. Sehe kurz nach dem Tiefenmesser, immer noch 5,60 Meter Tiefe – wir haben uns in den Böen nicht viel bewegt: LEVJE’s Anker hält uns also. Würde er nicht halten, würde er ins Rutschen kommen: Dann würde LEVJE von den harten Böen langsam in tieferes Wasser getrieben; der Anker würde dort seinen Halt verlieren – und LEVJE würde unweigerlich von Böen auf die Felsen gegenüber getrieben. Wir würden: „Scheitern“. In einem Lexikon aus dem Jahr 1641, das ich kürzlich auf meinem Hotelzimmer fand, als hätte es dort jemand hingelegt, nur für mich, Bücher „finden“ einen, habe ich ebenfalls schlaflos den Begriff „Scheitern“ nachgeschlagen: Das Lexikon, zusammengetragen von einem Mönch während der düstersten Phase des Dreißigjährigen Krieges, kannte für den Begriff „Scheitern“ nur diese Bedeutung: dass ein Schiff an der Küste zerschellt. Das menschliche, das berufliche Scheitern: In dieser Bedeutung gibt es das Wort wohl noch keine 30 Jahre. „Scheitern“ ist nicht nur einfach „seinen Job verlieren, weil man ihn nicht kann“. „Scheitern“ ist: Seinen Job verlieren, weil man sein Schiff nicht achtsam genug manövriert hat und Kräfte im Spiel sind: die größer sind als alles, was wir beherrschen.
Kräfte wie die Fallböe, die eben den Prophitis Elias, den hohen Berg nordwestlich von uns über dem
Örtchen mit Wucht hinunterrollt, durch leere Gassen, Tavernen fegt, hinaus auf die Bucht, in der ich mit LEVJE liege. Sie packt LEVJE’s Bug, schiebt ihn einfach nach rechts zur Seite, solange, bis die Ankerkette steifkommt, bis der Festmacher unter der Last, das Boot halten zu müssen, ächzend die Drehbewegung auffängt.
Alles hält. Ich gehe wieder unter Deck in meine warme Koje und lege mich schlafen.
 
Als es zu dämmern beginnt: sind es wieder die Fallböen und LEVJE’s Bewegungen, die mich wecken. Ich ziehe mich an, setze im Dämmer Wasser auf für meinen Tee. Die Sonne steht noch hinter der weißen Kapelle auf dem Hügel hinter uns, aber es ist schon taghell. Der karge, bis auf eine Stelle mit dunklem Grün gänzlich abgenagte Prophitis Elias strahlt taghell vor uns. Und in der Ferne oben, klein, weiß auf dem höchsten Gipfel, die Burg, die die Johanniter errichteten.
Von LEVJE’s Ankerplatz schaue ich hinaus aufs offene Meer. Das Wasser ist tief tief dunkelblau, die Böen färben die Wasseroberfläche noch dunkler, dort, wo sie auf dem Wasser aufschlagen. Wind aus der richtigen Richtung – das ist gut. Ich beschließe, die Gunst des Windes zu nutzen, nur kurz zu frühstücken und gleich abzulegen, zu einem langen Schlag, auf alle Fälle nach Süden zur langen Insel Karpathos, mindestens bis zum Hauptort Pigadia, womöglich aber noch weiter bis zur Südspitze, vielleicht sogar bis zu nächsten Insel Kasos, von der Rod Heikell schreibt: Sie sei wahrlich ein windiger Ort.
Mein Tee ist fertig. Kurz in ein altes Brot gebissen, ich habe nur noch das seit Symi, seit drei, vier Tagen war ich nicht mehr an Land. Dann sehe ich nach dem Motor, kontrolliere den Ölstand, fasse mit der Hand aus Gewohnheit unter Seewasserpumpe und Motorblock, ob Wasser oder Öl austritt, schaue in die Bilge. Alles gut. Ich lege meine Schwimmweste an und den Lifebelt – wer weiß schon, wie es da draußen heute wird.
Ich gehe an Deck. Blicke mich einmal um. Alles gut. Los. Ich drehe den Zündschlüssel, drücke den schwarzen Starterknopf. Der Motor springt bullernd an, ich warte, bis Wasser aus dem Auspuff kommt. Dann hangle ich mich am Want vorbei zum Bug, löse den Festmacher, den ich als Ruckdämpfer zur Ankerkette eingesetzt hatte. Ich drücke auf die Steuerung der Ankerwinsch, ratternd beginnt sie, Glied um Glied der Kette herein ins Schiff zu holen. Immer wieder bin ich erstaunt über die Kraft, die die kleine Winsch dabei entfaltet, schließlich habe ich mein Ankergeschirr eine Nummer größer und schwerer gewählt als vorgesehen. Und nach den Fallböen dieser Nacht bin ich wieder einmal dankbar für diese Entscheidung. Rumpelnd kommt der Bügelanker hoch, auch ihn schaue ich dankbar an, wie er an seiner Spitze etwas Seegras-Wurzelwerk mit hochbringt. Hart scheppernd hole ich ihn in seine Halterung. „Anker frei.“
Ich gehe nach hinten, ins Cockpit. Nehme die Pinne in die Hand, drücke LEVJE’s Gashebel nach vorn in den Tuckergang. Behutsam drehen wir einen Kreis hinaus um unseren Ankerplatz, weg von dem Ort, der uns für die Nacht Geborgenheit bot. Raus als.
Kaum bin ich draussen: treffen uns die Fallböen noch härter. Ich setze das große Vorsegel, die Genua. Vielleicht zuviel Segeltuch? LEVJE nimmt in den Böen sofort rauschend die Fahrt auf, das Tuch spannt sich jetzt enorm, wenn die Böen von der Insel herunterdonnern, ich stelle den Motor ab, LEVJE läuft in den Böen mit über sieben Knoten vor dem Wind, die Fallböen von Chalkis: sie schieben uns hinaus, hinaus am Morgen auf dem offene See.
So geht das etwa 20 Minuten. Je weiter wir von Chalkis wegkommen: umso heftiger werden die Böen. Ich schaue sorgenvoll auf mein Vorsegel, wie es sich hart spannt. Fasse kurz ans Achterstag, das den enormen Zug vom Vorsegel auf die Mastspitze auffängt, es ist hart gespannt wie eine Bogensaite. Aber LEVJE läuft einfach wie auf Schienen hinaus unter dem Zug der Genua, was soll ich da eingreifen?
Und dann: ist mit einem Schlag alles anders: Wir sind aus der Abdeckung der Insel heraus, der Wind ist schlagartig vorbei, ein merkwürdiges Phänomen des ablandigen Windes, diese Kalmen. Als wäre nichts gewesen, schaukelt und klappert LEVJE hilflos in den sich kreuzenden Wellen, treibt einfach dahin, während keine fünfzig Meter hinter mir der Wasser noch von den Fallböen brodelt. Ägäis-Wind. Schon Homer erzählt in seiner Odyssee davon, und nicht nur Heinrich Schliemann, der große Grabräuber, lag richtig mit seinem „Homer schreibt genau.“
Na gut. Dann jetzt eben mit Motor weiter, es kann nur ein kurzes Stück sein bis zum nächsten Windstrich. Ich starte also den Motor. Und weil in der Kimm tatsächlich der Wind kleine Schaumkronen aufwirft, nutze ich die Zeit. Und setze das Großsegel. Vorsichtshalber mal binde ich schon das erste Reff ein – die Fallböen seit Stunden kommen ja nicht aus dem Nichts: Sie sind der umgewandelte Wind, der von Nordwesten auf die Berghänge Chalki’s auftraf. Sich mühsam den Gipfel hinaufwälzte, um dann, wer weiß, von welchen thermischen Phänomenen aufgeladen, beschleunigt, sich die andere Seite des Inselberges mit rasender Wucht hinunterzustürzen. Kommt man aber aus dem Windschatten des Inselberges heraus: dann trifft man den regulären, den ursprünglichen Nordwest wieder an; meist nach einer kleinen oder größeren windstillen Zone.
LEVJE klappert unter Motor durch die kabbelige See, weiter hinaus und weg von der Insel. Keine zehn Minuten später haben wir ihn gefunden, den Wind. LEVJE’s Segel ziehen plötzlich, ich öffne das Groß und fiere den Großbaum weit hinaus, der Wind kommt schließlich mehr als querab. LEVJE spurtet los, der Motor läuft nur noch leer mit, der Wind hat jetzt den Antrieb übernommen. Ich stelle den Motor ab. Kurz den Ganghebel in den Rückwärtsgang, damit der Faltpropeller sich zusammenklappt und dem vorbeiströmenden Wasser keinen Widerstand mehr bietet. Und dann zieht LEVJE los durch die rauschenden Wellen.
Es ist ein anstrengender Kurs. Je weiter wir von Chalki wegkommen, je weiter der Vormittag vorrückt, umso mehr nehmen Wind und Welle zu. Der Wind mit 20, 25, 28 Knoten , er kommt von schräg achtern und treibt Welle um Welle genau in LEVJE’s Heck. Es wird angehoben, nach backbord weggedreht, der Bug wandert ruckartig nach steuerbord, der Autopilot hat ratternd alle Hände voll zu tun, ruckartig fährt der Steuerarm des Autopiloten aus und versucht, die Pinne in die richtige Richtung zu drücken. Ein unendliches Spiel, das die Wellen da abliefern und dem ich fasziniert zuschaue, wie sie immer wieder von rechts hinter uns anrollen, dem Autopiloten, wie er arbeitet und vor allem: LEVJE, wie sie sich in den Wellen verhält und wie ein irisches Curragh von Wellenkamm zu Wellenkamm schießt. Hier mein Video von diesem Abschnitt:
Langsam kommt Karpathos in Sicht, langgestreckt und hoch, ein bisschen wie das kroatische Dugi Otok, die die Italiener Izola Lungha, die lange Insel nannten. Karpathos – es liegt auf meinem Kurs wie eine Hauswand, an der ich entlang muß: Gehe ich an der Westseite von Karpathos entlang, werde ich starken Wind haben, der auf die Hauswand trifft und uns auf die Hauswand zutreibt. Aber auf die ganze Insellänge von 30 Kilometern keinen Hafen, keine Bucht. Es würde bedeuten: durchzusegeln bis heute Abend bis nach Kasos, zur nächsten Insel, wo auch der nächste Hafen läge, in stetig starkem Wind. Oder: ich gehe die Ostseite der Hauswand entlang. Sie ist windabgewandt, der Wind fällt hier über das Hausdach herunter, wird unstet sein: Fallböen, die in großer Stärke herabfallen und mit Kalmenzonen wechseln. Aber ich habe die Chance, weiter südlich am Nachmittag Pigadia zu erreichen, den Hauptort von Karpathos mit großer Bucht und Hafen. Und südlich davon sind ebenfalls geschützte Buchten.
Ich entscheide für Letzteres. Es scheint mir entspannter, zumal ich jetzt am späten Vormittag den frühen Aufbruch spüre und müde werde. Eben fielen mir die Augen kurz zu, ich dachte noch im Einschlafen: ich könnte es mir leisten, alles um mich sei frei und kein Schiff weit und breit seit drei Tagen. Ich weiß nicht, wie lange ich schlafe, es sind wohl keine zehn Minuten, als mich irgendetwas weckt, ein innerer Warnton, ich weiß nicht was. Ich blicke auf und: keine 100 Meter entfernt läuft ein Frachter auf uns zu, verflixt, wo kommt der denn her? „Pass bloß auf“, schimpfe ich mich und gehe sofort höher an den Wind, um den Frachter an mir vorbeiziehen zu lassen. Es ist die TAI STAR, ein Stückgut-Frachter, ich überlege kurz, ob ich ihn über Funk anrufen soll, um rauszukriegen, ob er mich wenigstens auf dem Radar sah. Aber wahrscheinlich hat auch er mich nicht gesehen, ich kenne das, weil ich zwei mal auf Containerfrachtern mitfuhr. Ein Mann auf der Brücke auf Wache, müde wie ich, mit Papierkram beschäftigt, der Autopilto und das Radar laufen ja.
Also entscheide ich mich für das kürzere, aber böigere Wegstück. Der Wind nimmt zu auf 25 – 30 Knoten, LEVJE’s Groß ist im kleinsten Reff, und es ist eine Lust, sie zu segeln, wie mein Video von diese Stelle zeigt, mit dem fernen Karpathos am Horizont:
Es ist später Nachmittag, als der Wind weiter zunimmt. Ich stehe etwa 45 Minuten vor Pigadia, als der Wind konstant auf über 30 Knoten auffrischt. LEVJE hat das Groß im 2. Reff, die Genua ist ebenso auf kleinste Segelfläche heruntergerefft. Ak Patella liegt recht voraus, und hier staut sich der Wind, der von den Bergen Karpathos‘ herunterfällt. Die Schaumkronen werden dichter, die ablandigen Wellen höher und steiler und folgen dicht aufeinander, Gischt weht wagrecht über LEVJE’s Vordeck, der Windmesser nähert sich der 40 Knoten Marke, die Pinne knarrzt schwer unter dem Ruderdruck, ich brauche viel Kraft für die Pinne, selbst auf diesem Kurs. Ich gehe auf halben Wind, die Fahrt mit dem fast achterlichen Wind wird mir zu riskant, immer wieder drehen die hohen Wellen LEVJE’s Heck aus der Richtung. Ich steuere LEVJE auf die Hafenmole von Pigadia zu – hoffentlich siehts da vorne nicht so wild aus wie hier? – die langsam hinter dem Gegischte in Sicht kommt. Der Wind rüttelt und zerrt am gerefften Vorsegel, Gischt kommt über, salzt mich ein wie einen Trockenfisch, aber ich bin erstaunt, wie sauber LEVJE den starken Wind wegsteckt und ihren Kurs hält. Segeln bei knapp 40 Knoten mit einem 31-Fuß-Schiff – erstaunlich, wie gut das geht. Ich halte nun auf die Bucht mit dem großen Sandstrand nördlich von Pigadia zu, eine weite geschützte Bucht, blicke öfter sorgenvoll ins Groß ob des gewaltigen Winddrucks, der darauf lastet. Und suche die Kimm ab, Richtung Sandstrand, ob ich nicht schon irgend ein Zeichen sehe, dass die Wellen niedriger werden, die Schaumkronen, die sich überschlagend dicht folgen, weniger. Noch nicht. „Das muss doch weniger werden da vorne, es weht doch ablandig…“ bete ich mir vor. Noch nichts zu erkennen.
Ich weiß nicht mehr, ob es eine Meile war. Oder drei, die ich so dahinsegelte. Die Konturen am Strand wurden klarer. Ganz rechts eine kleine Fabrik, eine Wasserentsalzungsanlage, arbeitet mein Gehirn. Sonnenschirme und Mattelagen, vereinzelt Menschen am ewig langen Strand. Endlich in der Kimm: das Wasser wird türkis – die Wellen werden flacher, noch sieben Minuten, noch fünf. Der Winddruck auf die Segel läßt nach, nur noch in Böjen legt LEVJE sich jetzt flach aufs Wasser, ich spüre jeden Muskel meiner beiden Arme, mit denen ich die Pinne heranziehe, um LEVJE auf ihrem Kurs zu halten. Die Drücker werden weniger, schlagartig ist das Wasser türkis, weil wir dem Ufer näherkommen und die Sedimente vom Ufer sowie die geringere Wassertiefe das Licht anders brechen und das Wasser türkis „färben“. LEVJE segelt aufrecht, das Wasser wird glatter und glatter, ich komme dem Strand näher, 10 Meter Tiefe, noch näher zum Strand hin, „da vorne müßte es gut sein, um den Anker fallen zu lassen“. Und plötzlich bin ich nur noch von stillem Türkis und leisem Glucksen an der Bordwand umgeben. Der Wind weht sanft, LEVJE schnürt dem Strand zu, läuft wie auf Schienen.
Ich schaue mich um. Am Strand spielt ein Mann mit Kind Federball. Eine Frau auf einer Liege reibt mit langsamen Bewegungen Sonnenöl ins Gesicht. Von LEVJEs Deck läuft immer noch übergekommenes Spritzwasser ab. Das Cockpit ein Durcheinander: Reffleinen, Cockpitkissen, Fallen, Genuaschoten verrutscht, verschoben von Segeln mit viel Lage, ein wüstes Ineinander, in dem nur meine Wasserflasche geborgen liegt wie ein Baby. Unter Deck? Reden wir nicht drüber, „What a mess!“ Salz auf meiner Haut, Salz in meinem Bart, meine Brille salzstarrend, mein Hut brettsteif vom getrockneten Meerwasser. Vor mir: friedliches Strandleben. Ich drehe mich um: Hinter mir, kein Fußballfeld entfernt, dreschen Fallböen auf die Wasseroberfläche und werfen Schaumkronen und Gischt auf. Kein Fußballfeld entfernt: immer noch über 30 Knoten.
Agäis-Segeln.
 

Durch die südöstliche Ägäis: Von der Türkei nach Kreta, Teil 3: Chalki. Wo der Schwamm herkam.


Ein klein wenig sieht Chalki ja so aus wie das Renaissance-Gemälde von Pierro della Francesca über DIE IDEALE STADT. Gleich an gleich schmiegen sich die Häuser in die Hänge, in Grundriss, Ausrichtung, Proportion und Dimension so, als hätte ein Städteplaner mit kühnem Federstrich sie vom Reißbrett weg gefertigt. Chalki auf der gleichnamigen Insel: die ideale Stadt?

Am Morgen segle ich von der kleinen Insel Seskli bei Symi unmittelbar vor der türkischen Grenze los. Kurs Süd, westlich von Rhodos entlang, das in der Ferne liegt, zur Inselgruppe um Chalki und Alimia. Wie immer bleibt sich der Wind hier in der südlichen Ägäis treu: am Morgen gar nichts, aber pünktlich um zwei ist er da. Aber weil ich dann schon längst mich zwischen diesen Inseln befinde, erwartet mich der Wind dort mit einem vielfältigen Irgendwas: Mal Meltemi in seiner reinen Form, mit 5 Beaufort aus Nordwest und da, wo er sich frei entfalten kann. Als ich in die große Bucht des unbewohnten Alimia einfahre, ein astreiner Süd mit 5-6, in die große Hafenbucht von Chalki hineinsegelnd legen die Fallböen trotz 2. Reff LEVJE drei Mal flach aufs Wasser. Um sie dann 50 Meter bekalmt wie auf einem Ententeich einfach auf der Stelle – liegenzulassen. Also wieder ausreffen: und langsam, langsam, im langsamen Schritttempo bei leisem Lüftchen das große Rund der Stadt in der Bucht absegeln.

Die ideale Stadt ist aber nur die eine Seite Chalkis. Die Insel wird oft mit Symi verglichen, was Aussehen und Geschichte angeht: Genau wie Symi einst Heimat der Schwammtaucher, als mit der Industrialisierung die Menschen in den Großstädten das wöchentliche Vollbad für sich entdeckten. Von einigen Ausnahmen abgesehen, kam regelmäßige Körperhygiene und Waschen in der Geschichte der westlichen Menschheit eher spärlich vor. Noch in der frühen Neuzeit, zum Beispiel in der Pracht von Versailles, war Baden trotz prächtigster Kleider als ungesund verpönt, man übertünchte Körpergeruch lieber mit Puder, und Zähneputzen war noch weit, weit am Horizont entfernt. Man stank, und weil alle stanken, fiel’s nicht so auf. Aber jetzt, ab 1870 herum, war einmal wöchentlich gründlich waschen in Mode. Und wer das raffinierter betrieb, der machte das: mit einem Badeschwamm! Und der kam – aus der Ägäis. Vor allem England war führend im Import der Naturbadeschwämme, man hatte dort das Vollbad um einige weitere Raffinessen bereichert: Indien-Reisende hatten neben Tee auch das Wort und die Sache „Shampoo“ aus Indien mitgebracht. Der Export der Badeschwämme von den Inseln nach England brummte, das Deutsche Reich führte im Jahr 1880 Badeschwämme im Wert von 7.067.000 Mark ein. Die Anwendungsgebiete für Schwämme wurden immer mehr: In der Medizin zur Trockenlegung von Wunden, zur Verhütung, und, und, und. Symi und Chalki, aber auch andere Ägäis-Inseln wie Kalymnos wurden reich, und englische Historiker überliefern aus Chalki’s Gassen das sinngemäße Wort „Solange die Bank von England steht, wird Geld nach Chalki fließen“. 

Ein Irrtum, wie sich zeigen sollte. Ihr Erfolg wurde den Schwammtauchern zum Verhängnis: Um die Mitte des 20. Jahrhunderts gelang im Labor die Erfindung des synthetischen Schwamms, und dessen Herstellung in Fabriken trat ihren Siegeszug an. Es war, wonach Silicon Valley heute fieberhaft sucht: Der klassische Fall einer „disruptiven Innovation“, die die bisherigen Profiteure eines Geschäfts einfach aus der eben diesem abrupt wirft und die Geldströme in andere Richtungen lenkt. Plötzlich blieben die Schwammtaucher von Symi und Chalki auf ihren Schwämmen sitzen.

Und so endete die Geschichte vom Aufstieg der Schwammtaucher. Viele von Ihnen wanderten aus, die meisten nach Florida, nach Tarpoon Springs, wo sie ihr Geschäft des Schwammtauchens auch nach dem Krieg fortsetzten. Und weil sie die Daheim nicht vergaßen und in die neue Armut der alten Heimat Geld schickten und die Not linderten, drum benannten die dankbaren Einwohner von Chalki ihre Hauptstraße in „Tarpoon Springs Road.“ Heute leben noch um die 300 Einwohner fest auf Chalki, die Flucht von der Insel hält, genauso wie auf anderen griechischen Inseln weiter an, und wären da Albaner, Bulgaren, Russen, die mittlerweile ein Viertel der Bevölkerung stellen und vor allem das wirtschaftliche Rückgrat der Insel bilden: dann wäre es – wie auch auf vielen anderen griechischen Inseln – schlimm bestellt um Chalki.

                                                          Weiterlesen bei: Was ist heute los auf Erikoussa. Hier.
                                                         Weiterlesen bei: 7 Tipps für das Segeln in Griechenland. Hier.


Ich aber beschließe, heute nicht in der Stadt zu bleiben, sondern mit LEVJE nach Süden zu gehen, und in der Bucht von Podemos einsam vor dem Strand zu ankern. Wo LEVJE leise in der Dünung schaukelt, bis sich um Mitternacht herum der Prophitis Elias, der 600 Meter hohe Berg, harte Fallböen in die Bucht hinunter schickt und LEVJE an ihrem Ankerplatz hart hin und her schwingen läßt. Bis sie am Morgen noch zunehmen, mich aufwecken und mir im Sonnenaufgang einen Blick auf die Johanniterburg auf dem höchsten Gipfel von Chalki schenken.




 

Durch die südöstliche Ägäis: Von der Türkei nach Kreta, Teil 3: Chalki.Wo der Schwamm herkam.

Ein klein wenig sieht Chalki ja so aus wie das Renaissance-Gemälde von Pierro della Francesca über DIE IDEALE STADT. Gleich an gleich schmiegen sich die Häuser in die Hänge, in Grundriss, Ausrichtung, Proportion und Dimension so, als hätte ein Städteplaner mit kühnem Federstrich sie vom Reißbrett weg gefertigt. Chalki auf der gleichnamigen Insel: die ideale Stadt?
Am Morgen segle ich von der kleinen Insel Seskli bei Symi unmittelbar vor der türkischen Grenze los. Kurs Süd, westlich von Rhodos entlang, das in der Ferne liegt, zur Inselgruppe um Chalki und Alimia. Wie immer bleibt sich der Wind hier in der südlichen Ägäis treu: am Morgen gar nichts, aber pünktlich um zwei ist er da. Aber weil ich dann schon längst mich zwischen diesen Inseln befinde, erwartet mich der Wind dort mit einem vielfältigen Irgendwas: Mal Meltemi in seiner reinen Form, mit 5 Beaufort aus Nordwest und da, wo er sich frei entfalten kann. Als ich in die große Bucht des unbewohnten Alimia einfahre, ein astreiner Süd mit 5-6, in die große Hafenbucht von Chalki hineinsegelnd legen die Fallböen trotz 2. Reff LEVJE drei Mal flach aufs Wasser. Um sie dann 50 Meter bekalmt wie auf einem Ententeich einfach auf der Stelle – liegenzulassen. Also wieder ausreffen: und langsam, langsam, im langsamen Schritttempo bei leisem Lüftchen das große Rund der Stadt in der Bucht absegeln.
Die ideale Stadt ist aber nur die eine Seite Chalkis. Die Insel wird oft mit Symi verglichen, was Aussehen und Geschichte angeht: Genau wie Symi einst Heimat der Schwammtaucher, als mit der Industrialisierung die Menschen in den Großstädten das wöchentliche Vollbad für sich entdeckten. Von einigen Ausnahmen abgesehen, kam regelmäßige Körperhygiene und Waschen in der Geschichte der westlichen Menschheit eher spärlich vor. Noch in der frühen Neuzeit, zum Beispiel in der Pracht von Versailles, war Baden trotz prächtigster Kleider als ungesund verpönt, man übertünchte Körpergeruch lieber mit Puder, und Zähneputzen war noch weit, weit am Horizont entfernt. Man stank, und weil alle stanken, fiel’s nicht so auf. Aber jetzt, ab 1870 herum, war einmal wöchentlich gründlich waschen in Mode. Und wer das raffinierter betrieb, der machte das: mit einem Badeschwamm! Und der kam – aus der Ägäis. Vor allem England war führend im Import der Naturbadeschwämme, man hatte dort das Vollbad um einige weitere Raffinessen bereichert: Indien-Reisende hatten neben Tee auch das Wort und die Sache „Shampoo“ aus Indien mitgebracht. Der Export der Badeschwämme von den Inseln nach England brummte, das Deutsche Reich führte im Jahr 1880 Badeschwämme im Wert von 7.067.000 Mark ein. Die Anwendungsgebiete für Schwämme wurden immer mehr: In der Medizin zur Trockenlegung von Wunden, zur Verhütung, und, und, und. Symi und Chalki, aber auch andere Ägäis-Inseln wie Kalymnos wurden reich, und englische Historiker überliefern aus Chalki’s Gassen das sinngemäße Wort „Solange die Bank von England steht, wird Geld nach Chalki fließen“.
Ein Irrtum, wie sich zeigen sollte. Ihr Erfolg wurde den Schwammtauchern zum Verhängnis: Um die Mitte des 20. Jahrhunderts gelang im Labor die Erfindung des synthetischen Schwamms, und dessen Herstellung in Fabriken trat ihren Siegeszug an. Es war, wonach Silicon Valley heute fieberhaft sucht: Der klassische Fall einer „disruptiven Innovation“, die die bisherigen Profiteure eines Geschäfts einfach aus der eben diesem abrupt wirft und die Geldströme in andere Richtungen lenkt. Plötzlich blieben die Schwammtaucher von Symi und Chalki auf ihren Schwämmen sitzen.
Und so endete die Geschichte vom Aufstieg der Schwammtaucher. Viele von Ihnen wanderten aus, die meisten nach Florida, nach Tarpoon Springs, wo sie ihr Geschäft des Schwammtauchens auch nach dem Krieg fortsetzten. Und weil sie die Daheim nicht vergaßen und in die neue Armut der alten Heimat Geld schickten und die Not linderten, drum benannten die dankbaren Einwohner von Chalki ihre Hauptstraße in „Tarpoon Springs Road.“ Heute leben noch um die 300 Einwohner fest auf Chalki, die Flucht von der Insel hält, genauso wie auf anderen griechischen Inseln weiter an, und wären da Albaner, Bulgaren, Russen, die mittlerweile ein Viertel der Bevölkerung stellen und vor allem das wirtschaftliche Rückgrat der Insel bilden: dann wäre es – wie auch auf vielen anderen griechischen Inseln – schlimm bestellt um Chalki.
Ich aber beschließe, heute nicht in der Stadt zu bleiben, sondern mit LEVJE nach Süden zu gehen, und in der Bucht von Podemos einsam vor dem Strand zu ankern. Wo LEVJE leise in der Dünung schaukelt, bis sich um Mitternacht herum der Prophitis Elias, der 600 Meter hohe Berg, harte Fallböen in die Bucht hinunter schickt und LEVJE an ihrem Ankerplatz hart hin und her schwingen läßt. Bis sie am Morgen noch zunehmen, mich aufwecken und mir im Sonnenaufgang einen Blick auf die Johanniterburg auf dem höchsten Gipfel von Chalki schenken.