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Mare Più. 2016-06-19 23:21:00




Wieder einmal hilft mir LEVJE, mein Boot, das Land zu entdecken. 

Zurückgekehrt aus der Türkei, beschließe ich beim Aufwachen, doch mal die Motorbilge zu kontrollieren. Das kann man auf LEVJE machen, indem man sich im Bett einfach nach links dreht, so als wollte man beim Aufwachen seine Gefährtin liebevoll betrachten. Dann öffnet man eine kleine Klappe, und schon kann man hinunterschauen in den Motorraum und ….  –  Mist! Wieso steht da jetzt eigentlich Wasser drin????

Wasser im Schiff ist blöd. Vor allem, wenn es dort ist, wo es gar nie sein soll. Meine Laune geht auf minus 15 Grad, ich überlege, während mir nach Fluchen zumute ist, beim Zähneputzen, wie ich das Leck finde. Und das Problem löse.

Hauptverdächtiger ist der Wassersammler aus Edelstahl. Also schraube ich flux Auspuff, Krümmer, Schläuche, Dieselfilter, siebenerlei Schlauchschellen ab. Und keine Dreiviertelstunde später habe ich den Übeltäter ausgebaut in der Hand. Tatsächlich. Eine rostige Stelle. Angefressen. Aus der es seffzt und seicht und trielt. Wie das? Ist doch Edelstahl?



Das gute an der Malaise ist: Ist doch Edelstahl! Man kann es also schweißen. Ich muss jetzt nur auf Gozo, der kleinen Nebeninsel Maltas, jemanden finden, der das kann. Ich packe mir das baumstammdicke Teil in eine große Tasche und trotte zum Hafen. In der Ecke, in der die Fischer ihre ranzigen Kähne aus dem Wasser hieven und überholen, ist tatsächlich jemand. Und die Antwort, die ich von ihm erhalte, liest sich wie eine Ereignisfeld-Karte: 

„Gehe nach Victoria, in den Hauptort der Insel Gozo. 
An der Straße nach Marsalforn gibt es einen Schlosser. Er baut Boote. Und er heißt Frankie. Er schweißt Edelstahl.“



Keine halbe Stunde später, in der der Bus hinauf ächzt und mich und meinen Freund, den Wassersammler, hinaufkarrt zum höchsten Punkt der Insel, zur Hauptstadt Victoria, stehe ich vor Frankie. Der verblüfft mich, weil er sofort weiß, warum das Teil angefressen ist. „Zu viel Elektrizität im Wasser. In den Häfen ist zu viel Elektrizität. Von anderen Booten. Das erzeugt galvanische Effekte. Und die fressen dann den Edelstahl. Oder was immer.“

Right or wrong: Da hat einer nachgedacht über das, was im Wasser so vor sich geht. 
Und während Frankie sich an die Arbeit macht, streune ich ein bisschen in seiner Werkstatt hin und her. Und bin begeistert. Frankies Werkstatt ist so ganz anders als die Werkstätten, die ich kenne. Keine tolle STANLEY-Werkzeugkiste. Keine tollen „WÜRTH-wir-machen-ihr-leben-leichter“ Werkzeugschränke mit Vollauszügen. Nichts. Gar nichts dergleichen.

Das Gehäuse eines alten Schiffsgetriebes am Boden, wer weiß, wie lange schon. Da liegt es, wie ein leeres Schneckenhaus, wenn der Schneck, das Leben, längst ausgezogen und fort ist.
Vier Edelstahltrommeln von Waschmaschinen in der Ecke. Wer weiß, was Frankie daraus bauen wird?



An der Wand: ein fünfblättriger Bootspropeller. So einen habe ich ja noch gesehen. Eine Schiffsschraube, die aussieht wie eine PRIL-Blume aus den siebzigern, wie irgendetwas, das aus einer anderen Zeit stammt. Hineinragt in die unsere. Und hier einen Ort gefunden hat, wo sie einfach nur sein darf. Zweckfrei. Jahrzehnte. An der Wand hängen. Und von den Zeiten träumen, als fünfblättrige Bootspropeller einfach hip und der letzte Schrei waren.

Hölzerne Schablonen, oben in der Ecke. „Die sind noch von meinem Vater. Er war Bootsbauer hier in Malta und hat hier in dieser Werkstatt die traditionellen Holzboote gebaut. Sie heißen Luzzu oder Dghajsa.“



Treibriemen, die von der Decke hängen, für alles mögliche. Um alles mögliche oder unmögliche damit anzutreiben.

Überall im Raum verteilt Maschinen. Um aus Stahlteilen etwas heraus zu drehen, Späne wegschälend freizulegen, zu schweißen. Eine alte englische Drehbank aus der Zeit, als die Engländer, Kolonialherren über die Insel, plötzlich abzogen. Die Insel sich selbst überließen. Die Werften, die zweihundert Jahre die Menschen beschäftigt hatten, plötzlich sich selber überließen, sie nicht mehr benötigten. Was man alles wissen muss, um die Drehbank einzusetzen.



Eine Muschel unter dem eingestaubten Blatt einer uralten Säge. Wer weiß, wen sie woran erinnern soll. Stahlteile. Soweit das Auge reicht.












Frankie erzählt. „Mein Boot habe ich mir selber gebaut. Aus GFK. Es ist ein einfaches 
Fischerboot, mit dem ich zum Angeln rausfahre, wenn es hier nichts zu tun gibt. Es ist nicht groß, gerade mal sieben Meter. Aber es reicht, um …. zu fangen. Wo kommst Du eigentlich her?“

Als Frankie erfährt, dass ich Deutscher bin, nimmt er mich am Arm: „Das hat mein Vater im Krieg aus einem abgeschossenen deutschen Flugzeug. Es ist der leergeschossene Gurt eines deutschen Kampffliegers, der oben an der Straße nach Ta’Pinu abstürzte.“



Leer geschossene Patronen eines Kampfflugzeugs. Und plötzlich ist sie da, die Geschichte, wie sich deutsche und italienische Flieger vom nahegelegenen Sizilien aus aufmachten, manchmal 10 mal, 20 mal am Tag die Insel Malta angriffen. Die hundert Kilometer übers offene Meer hinüberflogen, die Inseln zwei Jahre lang bombardierten, um sie niederzuzwingen, damit noch verwegener, noch monströser: Die deutsche Armee in Nordafrika ihren Nachschub bekam und Richtung Ägypten marschieren konnte. Was wollten, all die Georgs, die Hansens, die Sebastians und Rolfs denn in Nordafrika? So ganz werde ich es nie verstehen. 



Teile aus einem englischen Flugzeugwrack. Das Rad, um die Sauerstoff-Zufuhr zu öffnen, wenn das Flugzeug in zu große Höhen aufgestiegen war. Teile aus einer anderen Welt. Frankie’s Werkstatt: Ein Museum dessen, was einmal war. Und heute Teil unserer Geschichte ist. Teile, die still an der Wand hängen und vielleicht dort an der Wand hängen bleiben, bis Frankie eines Tages seine Werkstatt aufgibt. Und im boomenden Malta an die Stelle seiner Werkstatt irgendetwas anderes dort gebaut werden wird.





Und während ich meinen Gedanken nachhänge, ist Frankie schon beim nächsten Teil. Eine verbackene Wasserpumpe aus einem Trawler will wieder gängig gemacht werden. Frankie macht sich mit Liebe an das Teil heran. Spannt es in einen Schraubstock. Und klopft mit einem kleinen Hammer auf Schrauben und Muttern, um sie zu lösen. Ich aber lasse Frankie weiterarbeiten. Lasse ihn ankämpfen, den Mann mit den klugen, wissenden Augen, gegen den Zerfall, die Enthropie, das Vergehen, das sich noch gegen jedes vom Menschen geschaffene Teil richtete. Für kurze Zeit wird Frankie in seiner Werkstatt den Kampf gewinnen.





Fünf Tage, vier Nächte in der Türkei.








Für ein paar Tage habe ich nun Malta verlassen. Ein Magazin hat mich beauftragt, etwas über die Küste der südlichen Türkei zu schreiben. Also habe ich LEVJE, die Gute, einfach 1.400 Kilometer weiter westlich im Hafen von Mgarr zurückgelassen und bin in die Türkei geflogen. In vier Tagen nun – vom äußersten türkischen Südwest-Zipfelchen, von Bodrum aus, 600 Straßenkilometer nach Osten an der Südküste der Türkei entlang. Genau die Strecke, die ich vor zwei Jahren mit LEVJE segelte – nur diesmal zu Land.

Und weil ich heute Vormittag Ince Seawitch, einer Seglerin, von Finike und dem dortigen Restaurant NESELI BALIK vorschwärmte, bin ich heute Abend, als ich in Finike eintraf, einfach dorthin gegangen.





Finike. Eine Marina, ein kleiner Küstenort 100 Kilometer vor Antalya. Im Norden und Osten der Stadt liegen große Orangenhaine, die im zeitigen April nach Orangenblüten duften. Weshalb ich beschlossen habe: Hier leben nur Orangenbauern. Aber das stimmt nicht. Im Städtchen sind es vor allem kleine Ladenbesitzer und Handwerker. Wenn ich in die Stadt gehe, komme ich mindestens an drei, vier kleinen verglasten Buden vorbei, garagengroß, mit zwei Rasierstühlen darin und einem Schild davor: „Berber“. Barbier.

Weil Finike auch ein netter Mädchen-Name sein könnte und weil ich das Leben unter den erfrischend einfachen Orangenbauern viel angenehmer finde als das in manch teurer Touri-Burg, drum war ich mit LEVJE für einen Winter hier. Zwar ist es so, dass Orangenbauern gerne essen – an Restaurants gibt es in Finike keinen Mangel. Aber ein gutes Restaurant, meinte Ince Seawitch, das gäbe es in Finike nicht. Sie hat recht. Bis aufs NESELI BALIK. NESELI BALIK, gesprochen Nä:scheljih Ba:lik, heißt auf Deutsch eigentlich „Zum lustigen Fisch“, und allein das ist schon bemerkenswert. Können. Fische. Wirklich. Lustig. Sein? So abwegig ist das nicht. Vielleicht werden sie einfach weggefangen, bevor sie richtig loslachen? Und sehen deshalb so todernst aus, wenn sie in der Fischvitrine des NESELI BALIK nach Art und Gattung, gereiht zu einer appetitlichen Mandala, liegen.

Von meinem unnachgiebig klugen Strategieberater-Freund Andreas habe ich gelernt: „Ein gutes Produkt muss die Erwartungen des Kunden übertreffen. Nur dann ist es erfolgreich.“
Das NESELI BALIK ist immer voll. Man kann zwar drin sitzen. Aber meist sitzt man draussen, in der Gasse, unter freiem Himmel. Es gibt keinen Wein im NESELI BALIK, auch kein Bier. Damit ist man ernst in Finike, in dem die Lautsprecher der Muezzine (es gibt hier deren fünf, sechs) lauter aufgedreht sind als anderswo, das muss schon sein. Trotzdem finde ich an Finike sehr angenehm, dass die, von denen ich denke, sie seien Orangenbauern, trotz Lautstärke in beruhigender Selbstverständlichkeit weiter ihren Geschäfte nachgehen, als sei nichts. Über die Türkei muss ich öfter staunen.


Auch die Speisekarte ist überaus schlicht gehalten im NESELI BALIK. Ein Flippchart, Überbleibsel aus irgendeinem Strategie-Workshop („Fehlt eins, Andreas?“), das ohne Beine auf dem Boden steht und einen gelben Zettel trägt, auf dem steht, was es heute Abend denn so gibt. Als da wären:

Wolfsbarsch mit Salat. 17 türkische Lira. Also Fünf Euro.
Mehräsche mit Salat. Auch fünf Euro.
Kennichnicht. Ist aber auch mit Salat. Und kostet auch nur fünf Euro.
Gemischte Fischlein. Mit Salat. Fünf Euro.

Und dann noch das Kleingedruckte. Ein paar Leckereien wie

***?
***?
Frittierter Kalmar.
Frittierte Muscheln.
Fischsuppe (nicht frittiert!)
Kartoffeln auf irgendwie.

Und dann ein Fischbrötchen, das es für zwei Euro gibt, das aber als die „Mutter aller Fischbrötchen“ durchgehen könnte.

Wem das nicht reicht: der tritt an die vor dem Haus stehende Vitrine. Und sucht sich was aus. Der Orfoz, der Zackenbarsch, er schaut mich etwas beleidigt, wie Zackenbarsche nun mal sind, doch erwartungsvoll an. Aber ich allein bin zu klein für ihn.

Und dann gehts auch schon los mit uns. Vorspeise Oliven. Bröseliger Käse vom Markt hier in Finike, über den ich schrieb. Scharf gewürzte Tomatenpaste. Salat. Und: frittierte Muscheln auf Spießchen. Mit einem kleinen Schälchen frisch angemachten Joghurts, zum Eintunken der klirrend heißen Muscheln. Eine Art „Abklingbecken“. 
















Erwähnte ich jetzt eigentlich schon, dass ich jetzt gerne einen Schluck eiskalten Weißweins hätte? Man kann es nicht oft genug wiederholen, allein: es hilft nichts. Meine Muscheln schwimmen im Wasser. Was aber nichts macht. Sie sind ein Gedicht.

Und während ich mich andächtig den frittierten Muscheln widme, betritt einer wie ich die Bühne, ein Fremder unter den Orangenbauern, genau wie ich. Ein Junge noch, Koreaner, begeistert empfangen von den jungen Wirtsleuten des NESELI BALIK, von deren dreien wortreich an der Vitrine auf Englisch beraten. Wo doch in Finike bis eben nicht einer Englisch konnte?


Und während ich noch über das Sprachenwunder von Finike grüble, kreuzt mein zweiter Gang vor mir auf: Ein Berg frittierter Fischlein. Alle knusprig gebacken. Ich kenne nicht einen von ihnen. Werde sie aber gleich kennenlernen.

Das mit dem eiskalten Weißwein ist aber auch gar zu blöd.

Und so sitze ich, Fremder unter Fremden und mit fremden Sachen vor mir, als der Lautsprecher über der Gasse zweimal knackt. Und der Muezzin anhebt, um sein eineinhalb Jahrtausende altes Gebet in den Himmel über Finike zu schicken.

Ich? Bin glücklich. Spätestens jetzt sollte klar sein, dass das mit dem „Erwartungen übertreffen“ zwar goldrichtig, aber so einfach nicht ist. Denn zunächst ist da ja mal gar nichts mit „übertreffen“:

Die Speisekarte im NESELI BALIK ist lausig kurz.
Das mit der „großen Auswahl wie nie“ vergessen wir im NESELI BALIK auch ganz schnell.
„Hätten Sie hier auch…?“ ist auch nicht drin.
Der Wein… Ach, lassen wir’s.

Was ist es nun also, was hier übertroffen wird?



Ganz einfach. Das NESELI BALIK ist ein netter Ort. Es bietet mir an diesem Abend ein Zuhause. Klar bin ich hier, weil ich Hunger hatte. Aber in einem einfach guten Restaurant kriege ich mehr als eine Antwort auf „Hunger“. Der Mensch lebt nun mal nicht vom Brot allein. Ja doch: Ich fühle mich an diesem fremden Ort irgendwie geborgen. Geniesse das Essen. Und freue mich über die einfach guten Dinge, die ich da sehe. Geschichten von Männerfreundschaft und Zusammenhalt, die an der Wand hängen. Ernste, stolze Gesichter, ein Gruppen-Selfie aus einer anderen Zeit, mit Mädchen darin, als hätte es jemand eben auf der Straße fotografiert und hinein kopiert ins Foto:



Es ist halb elf. Eine alte Frau aus der Küche bringt türkischen Kaffee. In dem engen, kleinen Raum, der Küche, arbeiten fünf Frauen, sie plappern fröhlich unter ihren Kopftüchern. Die jungen Wirtsleute, Brüder, verschwistert, verschwägert, eine Bande, die wie Kletten zusammenhält, räumen die Tische ab. Es lehrt sich, das NESELI BALIK. Solange, bis nur noch die leeren Tische und Bänke in der Gasse stehen.

Doch halt. Einer ist noch, der hier auch etwas gefunden hat, das seine – Fremder unter Fremden – Erwartungen übertraf. Einsam sitzt er, der Junge aus Korea. Und genießt ein Shrimp nach dem anderen, andächtig, versonnen, einem frühen koreanischen Glück nachsinnend. Wie er so dasitzt, auf dem Foto unten, verstehe ich: Warum sie für ihn schlagartig Englisch können.

Ist schon ein schöner Ort. Das NESELI BALIK, das Wirtshaus „Zum lustigen Fisch“, in Finike.































Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015


Mare Più. 2016-06-02 11:47:00





Es beschäftigt mich, seit ich nun seit über zwei Jahren das Mittelmeer bereise. Das tiefe Blau, das an manchen Orten noch faszinierender, noch unglaublicher ist als anderswo. Eigentlich bin ich ständig, wenn ich am Meer bin, auf der Jagd nach dem perfekten Blau. Sieht mein Hirn Blau, fängt es schon an zu rattern: Hatten wir dieses Blau schon? War es schon mal da?War es schon mal besser?
Blau ist wichtig. Vielleicht ist es sogar einer der Gründe, warum ich hier auf dem Meer unterwegs bin. Denn:
Wenn ich gelegentlich morgens aus Levje mit sorgenschwerem Kopf heraus an Deck krabble, hilft das große Blau. 
Wenn meine Stimmung mal nicht eindeutig ist: sehe ich diese Farbe, gehts mir gut.

Sehe ich mein Lieblingsblau wie vor Sizilien oder hier: Bin ich entzückt. Ein Bringer. Für Stunden. „Nein, was ist das hier gerade herrlich Blau.“

Blau beschäftigt mich. Ich habe auf Mare Più einige Posts darüber geschrieben, über das tiefe Blau. Und wo immer ich das schönste Blau meinte angetroffen zu haben, habe ich es festgehalten, nicht umsonst ziert die Startseite unseres millemari.-Verlags www.millemari.de ein Video in Blau. Heute also ein weiterer Post über das tiefe Blau, wie ich es direkt an LEVJEs Liegeplatz in der Marina von Mgarr auf der Insel Gozo (Malta) jeden Tag antreffe. Und am Ende, als Belohnung fürs dranbleiben ein Test. Mit Farben. Denn beim Blick ins tiefe Blau erkennen Sie sich buchstäblich ein Stück selber.


Das Blau hier auf Gozo: Das Archipel der maltesischen Inseln besteht überwiegend aus Felsen. Flüsse gibt es (anders als in der Ostsee!) ganz wenig, Europa’s dichtbesiedelstes Land Malta gehört zu den wasserärmsten Regionen der Welt überhaupt. Dem großen Blau tut das nur gut, Sedimente, die Flüße ins Meerwasser tragen wie 90 Kilometer weiter nördlich in Sizilien, sind rar, das Wasser ist klar. So klar, dass ich die Grundleinen des Hafens deutlich am Boden liegen siehe –  an meinem Liegeplatz in sechs Metern Tiefe.



Blau. Natürlich ist es die Lieblingsfarbe der Deutschen. Farben beeinflussen unser Leben. Blau löst nach wirklich schlanker Lesart in uns erstmal Harmonie und Zufriedenheit aus. Rot steht für Stärke und Selbstbewußtsein. Das hat Folgen, beeinflußt uns: Ringer im roten Trikot obsiegen laut Statistik in 60% der Fälle über Blau Gewandete. (www.karrierebibel.de). Womit die Sache mit BAYERN MÜNCHEN auch ein für allemal geklärt wäre. Und 1860 MÜNCHEN gleich mit.

Damit reicht’s aber noch nicht: Blau ist überhaupt global die Lieblingsfarbe – mehr als ein Drittel der Befragten stimmt für Blau. Erst dann kommt mit 25% rot. Aber mit 25% kann’s nix werden, Herr Gabriel.

Allerdings unterscheidet sich, was die Mehrheit als das ideales Blau wählt, doch erheblich von dem, was jetzt gerade an meine Bordwand schwappt. #0044CC ist die Antwort, sucht man nach dem, was den Leuten am besten gefällt. Die, die nun wirklich über uns Alles Alles wissen, die GOOGLEs, nein diesmal die MICROSOFTs haben die Nase vorn (Endlich mal wieder. Respekt.) und fanden heraus, dass Links in Blau mit dem Hexadezimal-Code #0044CC weltweit am meisten geklickt werden. #0044CC ist das „80-Millionen-Dollar-Blau“.



Max Lüscher entwickelte zu einer Zeit, als die halbe zivilisierte Welt dabei war, sich auszurotten, nach zahllosen Probanden-Untersuchungen einen Persönlichkeitstest. Vielleicht ging so etwas in Vierziger Jahren nur in der Schweiz. Alle Kriege konnten nicht verhindern, dass der Lüscher-Test heute in etwa so angesehen ist wie der Rohrschach-Test. Sie erinnern sich? Die Sache mit dem Tintenklecks. Lüscher trieb seine Erkenntnisse trotz Gegenwind auf die Spitze. Seine Diagnostik wird heute in Medizin, Psychologie, aber auch im Recruiting eingesetzt. Vorsicht also, ganz vorsichtig, wenn Sie Ihr Vorgesetzter demnächst flach anquatscht: „Was ist eigentlich Ihre Lieblingsfarbe?“

Statt also heute das Horoskop in BILD zu lesen (deren Rot im Logo übrigens Max Lüscher entwickelt hat) lassen Sie sich einfach mal auf den Test ein. Sie finden ihn hier!
Werfen Sie einen Blick auf sich selber. 
Keine Angst: Wie immer sie antworten – es geht gut für Sie aus. Sie erfahren, indem Sie sich gleich mit Blau beschäftigen, Dinge, die Sie nie über sich gedacht hätten.

Und für alle, die wie ich gierig auf Blau sind: Hier meine Lieblingssammlung von 42 mal Blau. Mindestens.




Einhand um Malta (III): Entlang an den Dingli-Cliffs.





Man kennt das. Die Westküsten von Inseln haben oft drei Dinge gemeinsam: Vom Wasser aus sind sie felsig.
Steil.
Und langweilig.
Das gilt für Capraia wie für Lefkas im Ionischen Meer wie für Symi in der türkischen Ägäis. Locken kann das nur, wenn es gleich steil auf über 100 Meter ansteigt wie in Irland, in den Cliffs of Moher – unvergesslich.

Also war auch für mich die Entscheidung nicht einfach. Der Blick in die Seekarte verhieß genau obiges. Und obendrein kaum eine Bucht (nur im äußersten Nordwesten eine Handvoll), kein Ort,
nichts, nirgendwo. Hinzu kam der vorhergesagte Südost mit 4-5 bft. Ideal um im Osten hochzugehen, mit schöner Brise auflandig. Im Westen? Ablandig? Böig und unstet? Geh‘ ich linksrum? Geh ich rechtsrum?

Wer weiß: Wenn ich mich nicht so vollmundig hier auf diesen Seiten zur „Umsegelung Maltas“ vergattert hätte: Ich wäre die Ostseite, an der Valetta und die großen Orte liegen, wieder zurückgesegelt. Ich tat es nicht. Sondern fuhr unter Segeln aus Maltas südlichstem Hafen Marsaxlokk (gesprochen: Marsa:hschlokk), Malta’s Industrieviertel, wie es scheint, an den Containerfrachtern vorbei hinaus gen Westen. Und die Westküste zeigte sich erstmal wie angenommen. Felsig. Steil. Und etwas langweilig.



Der Wind brachte Spannung in die Sache. Hätte ich das für diesen Tag verinnerlicht, wäre es einfacher geworden. Er blies brav aus Südost. Wehte dann noch braver genau die Küste entlang, folgte ihr dann brav, selbst als sie nach Norden schwenkte. Frischte brav auf, was dann LEVJE unter Schmetterlingssegeln zu immerhin sportiven acht Knoten trieb. Mir wars zuviel. Ich drehte bei. Reffte zumindest das Groß. Und stellte dabei fest, dass es mit guten 18-24 Knoten blies. Flotte Fahrt, mit dem Wind.

Es waren die Gesteinsformationen, die ab der Mitte mehr und mehr meinen Blick auf sich zogen, als ich nah an ihnen vorüber segelte. Turmhohe Kanzeln, wie aus einem Block gehauen. Grotten und Höhlen. Tief eingeschnittene Kerben, Kare und Schluchten.

Und plötzlich wurde meine Reise nach Norden zu einer sonntäglichen Passeggiata. Einem Spaziergang unter Segeln entlang an Erdzeitaltern, entlang an dem, was man Ewigkeit nennt. Ich bin kein Geologe. Ich habe von Gestein nun wirklich nicht die geringste Ahnung. Sich an den Schichten entlang bewegen, die aus dem Meer aufgestiegen sind und die das Meer freigelegt hat wie das Messer eines Chirurgen, machte mich still. Und staunen.



Und was war nun zuerst? Die dicke Schicht Kalkstein, die irgendein fernes Meer hinterließ aus seinen Sedimenten? Wie ist das: 10 Jahre Sedimente = 1/100stel Millimeter Kalksteindicke? Wie lange braucht es dann, um Sedimente in dieser Dicke aufzutürmen?
Die dünne Schicht Kalkplatten oben darüber? Wann ist das entstanden? Kenne ich die Anzahl von Nullen, die die Jahreszahl haben muss, „vor unserer Zeitrechnung“?



Das schwarze Gestein auf Meereslinie ganz rechts? Riesige Brocken, vielleicht Basalt, ausgespien in der gewaltigen Vernichtung irgendeines Vulkanausbruchs, ergossen glühend aus dem Erdinneren und langsam abgekühlt.
Oder die Schichten hellen feinen Sandes, angeweht, zu einem Hügel aufgetürmt. Wie lange musste der Wind Sand herüber tragen aus den Wüsten Afrikas? Welche Art von Trockenheit, Jahr-Hunderttausendelang, ist notwendig, um einen Sandberg, Sandschichten wie die im Foto zu erschaffen? Und die unter dem Druck, dem Gewicht darüber liegender weiterer Gesteinsschichten zu festem Sandstein zu verpressen, luftdicht, dauerfeucht zu verbacken? Sandstein, aus dem noch heute die Mauersteine heraus gesägt werden, die der Architektur der Insel ihr Gesicht, ihre Farbe geben, weil noch heute jedes Haus auf Malta daraus gebaut ist?

Was ist das für eine Schicht ganz obenauf, rötlich, wabenartig porös, die überallem ganz zuoberst liegt? Waren es ein weiteres Mal berstende Vulkane? Oder wieder jahr-hunderttausende irgendwelche anderen Kräfte, die notwendig waren, die wabenartige rote Schicht zu formen, oben am Grat, von der Trümmer in Hausgröße abbrachen und zum Meer hinunterrutschten?




Vom Land aus ist diese geheime Welt kaum sichtbar. Man muss schon hierher ans Meer kommen. Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal, wenn ich hier entlangsegele und der Wind nicht gar so treibend ist, hier anzulanden. Und mir das alles genauer anzusehen. Die Formen, die Wind und Witterung und Wellen in den Sandstein hinein gehaucht, hinein gewaschen haben, sind wie Monumente. Und während ich noch darüber nachdenke, wie ich das machen könnte mit dem anlanden an dieser faszinierenden Steilküste, tauchen vor mir im Sandsteinberg zwei Höhlen auf. Die zwei Höhlen sind genau auf der Wasserlinie, mit dem Dinghi müsste das doch möglich sein, zu der einen



hinüberzurudern, die ungefähr drei Mannslängen aufragt. Ein vollkommen abgelegener Platz, den ich hier erreicht habe – hier an der Westseite Maltas kommen keine Ausflugsboote entlang, das spielt alles drüben an der Ostküste. Die Höhle, auch sie setze ich auf meine Liste für einen windstillen Tag, ich werde sie mir ansehen. Aber jetzt, während sie langsam zurückbleibt, sieht sie mich an, ein dunkles Auge, das mich aus einem fernen Zeitalter ansieht wie das Auge eines riesigen Urwelt-Haies.




So begeistert bin ich von den Farben, den Formen, die ich hier draussen finde, dass ich meinen ursprünglichen Plan aufgebe, gleich heute zurückzusegeln in die Marina von Mgarr auf Gozo. Nach dem Sandsteinberg kommt ein tiefer Einschnitt, durch den der Südost böig von den Höhen herunter- pfeifft.  Sehr einsam hier. Dann noch eine Bucht. Und weil da ein Segler drinliegt, unter dem Berg aus dem grauen Sand, gehe auch ich dorthin, und lasse meinen Anker fallen, mitten in den Formationen. Mit Folgen. Denn kaum ist die Sonne untergegangen, fegt es zunehmend in Fallböen die Hänge herunter, bis 30 Knoten um Mitternacht. Und während ich kein Auge zumache, weil LEVJE grimmig hin- und hergeschüttelt wird in den heftigen Böen, während ich Ankerwache gehe, denke ich an unsere Lieblingsbucht Tomozina auf Cres – ebenso faszinierend schön. Ebenso einsam. Und jedesmal, wenn ich dort war, tat ich nachts wegen der Fallböen kein Auge zu.

Vielleicht haben gerade diese Buchten das ja so an sich. Wer weiß.


Einhand um Malta, Teil II.















Sie heißen mit Vornamen Stanley, Joe und Eliza. Und mit Nachnamen Mizzi, Caruano oder auch einfach nur Borg. Ihre Sprache ist Arabisch. Geschrieben wird in lateinischen, nicht arabischen Buchstaben. 93% der Bevölkerung sind katholisch – und zwar streng. Die Autos auf den Straßen stammen aus aller Herren Länder – aber gefahren wird wie in England: Links.




Der Hafen von Mgarr auf Gozo, maltesisch „Im-Mdscharrr“ gesprochen. Man muss sich aber daran gewöhnen, dass auf Malta Orte mehrere Namen haben. So heißt Mgarr auch Ghainsieliem (gesprochen ‚Aihinsiiel‘). Und wer im Bus auf Gozo nach Mgarr will: der kommt nur weiter, wenn auf dem Bus VAPUR steht. Malta, für Malta-Versteher.


Die Liste der Dinge, bei denen Malta Melting Pot und kultureller Mischmasch ist, reicht lang. REPUBBLIKA TA‘ MALTA, wie sie in der eigenen arabischen Sprache heißt, ist Mitglied der EU, mit 400.000 Einwohnern eines der kleinsten Mitglieder, aber mit 1.400 Einwohnern je Quadratkilometer der dichtbesiedeltste Staat in Europa. Ein bunt schillerndes Inselarchipel von vier Inselchen, deren größte Malta, gerade mal 28 Kilometer lang und durchschnittlich 10 Kilometer breit ist.

Malta bietet Superlative: Es ist kleiner als Deutschlands kleinstes Bundesland Bremen. In seiner Bevölkerungsdichte nur 15% darunter. Malta hat um 300 Sonnentage pro Jahr und 27 Banken, deren Namen ich nicht kenne und deren Geschäftsmodelle ich nur erahnen kann und nicht weiß, ob ich das wirklich möchte. Und: Malta hat sehr niedrige Steuern. Und über den gesamten Archipel hinweg Immobilienpreise wie München.

Malta liegt – von allen Richtungen aus – in der Mitte des Mittelmeeres. Von Sizilien aus sind es nach Gozo gerade mal 45 Seemeilen, die jetgetriebenen Katamaran-Fähren Valetta – Pozzallo fegen die Strecke mit über 35 Knoten in gerade mal 90 Minuten entlang – mit bis zu 340 LKWs im Bauch versteht sich. Ich brauchte auf LEVJE dafür knapp acht Stunden, meine acht Weinflaschen eingerechnet  ;-)). Speed ist nicht alles – siehe dazu meinen Bericht über die Überfahrt…

                                                            … weiterlesen bei: Einhand von Sizilien nach Malta. Hier.


Malta lernte ich 1980 kennen. Als 19jähriger war ich allein hierher gereist, angelockt hatte mich ein Buch über die Belagerung Maltas durch die Türken im 16. Jahrhundert. Meine Frau versucht mir immer zu erklären, ich hätte damals karotten-rotes Haar besessen, sei ungewöhnlich hellhäutig gewesen – was ich seit je heftigst dementiere. Aber an Malta zerbröseln meine Dementis: Es war Juni 1980, eine Stunde am Strand reichte für Sonnenbrand an beiden Füßen, der in Wahrheit Verbrennungen waren. Für drei Tage konnte ich nur liegen, nicht laufen. Leider hatte ich zu lesen nur einen Band mit Lessing-Gedichten dabei. Da 1980 Hotelzimmer nicht nur auf Malta meist eine öde Angelegenheit waren (Fernseh war Luxus, Smartphone war Zukunft), lernte ich eben wimmernd Lessing Gedichte auswendig. Ein paar kann ich heute noch.

Unterwegs in den Tempeln von Gigantija.

Wie damals, vor 36 Jahren, lockt mich auch heute Malta’s Geschichte. Es gab bereits in den Achziger Jahren eine Menge zu sehen: Rätselhafte Gleisspuren im Fels an vielen Stellen auf der Insel, die „Cart Tracks“. Gewaltige steinerne Anlagen aus einer Zeit weit vor unserer Zeit. Niemand hatte damals Antworten oder Erklärungen für diese Rätsel. Heute weiß man deutlich mehr: Das letzte Jahrzehnt brachte eine Menge Forschungsergebnisse und die Gewissheit, dass diese Inseln Schauplatz der ersten europäischen Hochkultur waren, deren Sakralbauten fast doppelt so alt wie Stonehenge oder die Pyramiden der Pharaonen sind.

Die St. Paul’s Catacombs. Ein riesiges Gewirr unterirdischer Gänge, Kammern, Stollen, Nischen, Schächte. Ein Labyrinth – und unter der alten Hauptstadt Mdina/Rabat nicht das einzige. Denn da gibt es noch die St. Agatha’s Catacombs, die St. Katald Catacombs, die St. Augustine’s Catacombs, die…






In den kommenden Wochen möchte ich die Inseln unter Segeln umrunden und über Buchten und Häfen berichten. Ich werde über die Tempel von Gigantija schreiben und über die unter dem heutigen Rabatt liegende Totenstadt berichten. Über die Menschen, die hier leben.

Ein maltesischer Seemann auf der Fähre nach Gozo. Mit ungewöhnlicher Akribie schießt er die Pilotleine für die rechts außen liegenden Festmacher-Trossen auf – damit beim Anleger auch wirklich alles klappt ;-))



Und natürlich: Über das große Blau, in das die Inseln eingebettet liegen.

Die Marina von Mgarr auf Gozo. 





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Unter Segeln nach Malta.





Wenn ich mich richtig einschätze, bin ich nicht unbedingt ein mutiger Mensch. Ich meide Horrorfilme und Grusel. Ich habe nie welche gesehen. Ich werde es wohl auch nie. Als Kind ging ich hohen Rutschen und Achterbahnen aus dem Weg. Ich traute mich nicht.

Ich halte mich auch heute noch nicht für mutig. Ich weiß auch nicht, was mich heute bewegt, immer wieder auf meinem kleinen, einfachen Boot von 1987 allein hinauszufahren. Ich weiß nur, wie mich draussen, wenn das Land hinter mir zu Schemen verblasst und Land voraus noch nicht erkennbar ist, oft ein Gefühl überrascht: In der Weite alle Angst verloren zu haben, mich sicher zu fühlen, vermeintlich, im Unwirtlichen, wo alles nur noch Bewegung ist. Und kein Halt nirgends. Mich irgendwie geborgen zu fühlen dort, wo nur noch Himmel und Wind und Wasser um mich ist.

Ich hatte mir Sorgen gemacht, vor der Überfahrt. Der Winter an der Südküste Siziliens war ungewöhnlich mild und freundlich gewesen, kaum Stürme. Aber im Mai war plötzlich alles anders. Es scheint, als würde schlechtes Wetter in Deutschland keinen Tag später seinen Weg über Rhone-Tal, Mistral hierher ins südliche Mittelmeer finden und einen böigen Nordwest schicken, der sich tagelang zwischen 5 und 7 Beaufort bewegt, ein kalter Wind, der nach diesigen Tagen Himmel und Luft und Landschaft über Sizilien blank putzt, dass es eine Freude ist.

Nicht genug damit. Die Wetterberichte, die am Tag vorher noch „abflauen“ und „14-18 kn“ ankündigten, korrigierten sich bis zum Morgen des betreffenden Tages regelmäßig auf „17-27 kn“, und oft genug zeigte mein kleiner Handwindmesser keine drei Meter über dem Boden auch 30 kn an.

Meinen Aufbruch von Marina di Ragusa nach Malta verschob ich deshalb mehrfach. Nicht dass LEVJE, mein 31-Fuß-Schiff, das nicht abkönnte, zumal halber Wind. Nicht dass 50 Seemeilen, etwa 10 Stunden Überfahrt, nicht allein zu schaffen wären. Ich kann zwar nur ahnen, was für Wellen das bei acht Windstärken sein mögen da draußen, wo der Meeresboden zwischen Sizilien und Malta von über Tausend auf einhundert Meter ansteigt, auch das könnte mein Schiff sicher ab. Aber vor Kurzem hatten wir das Vorstag zerlegt – die ganze Anlage demontiert, gereinigt, und manches andere auch. Kein Wetter für einen allerersten Testschlag nach langem Winter. Ich wäre lieber dafür ein paar Stunden an der Küste entlanggesegelt – für den Fall des Falles.

Aber dann brachte das Wetter seine eigenen Notwendigkeiten ins Spiel: „Dienstag nach Pfingsten unverändert Nordwest 16-26 kn. Mittwoch und folgende Tage: 10 Knoten. Aus Süd“. Da, wo ich hinwollte. Die Wahl hieß: „Morgen rausgehen. Und den Starkwind nutzen.“ Oder ab Mittwoch: „10-12 Stunden unter Motor gegenan.“

Ich entschied mich fürs Erstere. Weil der Wind am späten Nachmittag immer deutlich auffrischte, beschloss ich, ganz Früh am Morgen loszusegeln.

Aufbruch.

Um 4.30 Uhr weckt mich mein iPAD. Ich war sowieso jede Stunde wach geworden. Gemein, wie er war, war der Wind am Vorabend nach fulminantem Schlußspurt bei Sonnenuntergang eingeschlafen. Das weite Hafenbecken zum ersten Mal seit Tagen im Abendlicht still wie ein Ententeich. Frohgemut hatte ich meine Entscheidung richtig geheißen, hatte Seestiefel, Schwerwetter-Klamotten, Rettungsweste und Lifebelt aus dem Schrank geholt und im Salon ausgebreitet. Als ob ich mich beschwören wollte: „Morgen? Wird nicht wieder verschoben! Morgen gehst Du raus!“

Kaum liegt die gelbe Schwerwetterjacke im Salon, beginnt der Wind von Neuem zu orgeln. Er holte nur zwei Stunden Luft. Um Mitternacht werde ich wach, das Rigg vibriert im Wind und mit ihm das ganze Boot. Und so geht es bis Morgens um drei, ich schlafe, angespannt, mit offenen Ohren. Um 4.30 Uhr dann – Stille draußen. Ruhe. Ich stehe auf, tappe zum Niedergang, schaue hinaus dahin, wo sich im Osten Grau zeigt. Stille. Noch ein kurzer Blick in den Wetterbericht: Der verhieß etwas ganz anderes, ich stelle fest: Die Vorhersagen in WINDGURU haben noch einmal zugelegt, sagen mehr Wind voraus.

Blöd. Soll ich? Ich checke zwei weitere Wetterberichte. Aberglaube. Alle haben noch einmal ihre Prognose verschlechtert. Was mache ich? Warnende innere Stimmen. WANN soll man drauf hören? WIE soll man drauf hören?

Dann besinne ich mich auf meine alte Regel. „Geh nachschauen, wenn es draußen vor dem Zelt raschelt“. Ich habe über diese Regel schon einmal geschrieben, in einem Post über die Angst beim Segeln. „Geh nachschauen, was draußen ist!“ „In unserem Kopf geht es viel bedrohlicher zu als draussen“, kommentierte mir damals Anna. Ich betrachte kurz und liebevoll mein Schiff, dessen Details. Den Mastfuß. Die Bändsel, die im Niedergang hängen. Ihre Pinne. Soweit hat LEVJE mich nun schon einhand getragen, von Slowenien nach Antalya, und von Antalya hierher über Kreta nach Sizilien. Irgend etwas wird nicht funktionieren. Aber LEVJE wird mich auch nicht vollkommen hängen lassen, da draussen, wenn’s heftig wird. Los!

                                                                                 Weiterlesen bei: Reden wir mal über die Angst.

Sonnenaufgang Marina di Ragusa 5.53 Uhr. Ich starte LEVJE’s Motor. Hole die Vorsegel-Persenning herunter. Es ist gut, dass ich sie draufgelassen hatte, sie ist klatschnass. Tau. Das heißt im Mittelmeer eigentlich: Schönes Wetter. Ein gutes Zeichen. Nebenan steckt Aylin den Kopf aus dem Boot, wie jeden Morgen grüße ich sie auf Türkisch mit einem „Gün Aydin, Aylin hanim!“, was ihr ein Lächeln entlockt und ein fröhliches „Gün Aydin, Thomas Bey!“ Ihr Mann, Goran, ist auch schon wach, im schwedischen Holzfäller-Hemd krabbelt er aus der Kuchenbude ihrer weit gereisten HALLBERG-RASSY. Aylin, die mir in nettem türkischen Englisch zuruft, dass das Wetter nur hier an der Küste schlecht, aber vor Malta deutlich besser werden würde. Noch einen Schluck Tee. Er ist nicht mehr warm, ich nehme mir zum x-ten Mal vor, die kürzlich zu Bruch gegangene Thermoskanne endlich zu ersetzen. Ein kurzer Blick ringsum, die Sonne kriecht in meinem Rücken langsam über die flache Küste.

Ich starte den Motor. Beruhigendes Bullern. Meine Bugleinen habe ich am Abend vorher auf Slip gelegt. Ich werfe zuerst die achtere Lee-Muring los. Dann gehe ich langsam zum Bug. Springe in meinen Seestiefeln hinunter auf die Pier, werfe die Lee-Bugleine los. Dann steige ich zurück auf LEVJE. Nur ein Windhauch aus Nordwest. Überhaupt nicht die jetzt für sechs Uhr Morgens angekündigten 14-16 kn. Ich warte, bis auch dieser Hauch verebt ist, um nur nicht auf Aylin und Goran’s Boot getrieben zu werden, vor ihrer beider Augen meinen Ableger zu verpatzen. Dann hole ich die Bugleine ein. Langsam zieht die achtere Muring LEVE nach hinten aus der Box, ich löse die Muring, ziehe LEVJE von Hand an der glibberigen Muring noch weiter in die Gasse. Hafenschlunz an den Händen. Meer. Kaltes Salzwasser. Grüner Glibber. LEVJE zieht langsam nach hinten, ich lasse die Muring ins Wasser fallen, schaue ihr nach, wie sie langsam, langsam im Türkis versinkt. LEVJE dreht rückwärts in die Gasse ein, wie ich es wollte, ich lege den Vorwärtsgang ein, lege die Pinne hart steuerbord, und LEVJE nimmt langsam Fahrt auf. Aylin und Goran winken im Morgenlicht. Ich bin stolz. In Marina di Ragusa, wo in diesem Winter viele Segler überwinterten, wurde jeder Segler, wenn er aufbrach, von seinen Nachbarn, mit denen er Seite an Seite den Winter verbrachte, verabschiedet. So habe auch ich mein kleines Abschiedskomittee, das mir winkt und „Fair Winds“ zuruft! Ich bin gerührt – denn Aylin und Goran auf ihrer CANTANA 3, sie waren gute Nachbarn. Sehr gute!

Auf der Mole der bullige Marinero, mit dem ich neulich in Streit geriet. Beinahe wäre es eskaliert, sein belehrender letzter Satz „Ich hätte bei acht Windstärken nichts auf der Außenmole verloren, es sei gefährlich, „Cosi funziona Italia!““ hatte mich zum Explodieren gebracht. Streiten auf Italienisch – hat was! Aber nun steht „Cosi-funziona-Italia!“ um sechs auf der Mole, dem Schauplatz unserer Debatte, winkt mir lebhaft und ruft „Buon Vento!“, den Abschiedsgruß der italienischen Segler. Los!

Und dann sind wir um die Mole herum. Schwell. Schwell aus Südwest. Ich muss für die nächsten Stunden Richtung Malta, zur Insel Gozo, Kurs Südsüdwest, 195 Grad steuern. Was heißt das denn? Doch nicht den angekündigten Nordwest? Macht nichts. Der Schwell ist jedenfalls so unangenehm, dass ich sofort beschließe, das Großsegel zu setzen, damit das Boot nicht so sehr hin und her geigt. Geklapper im Rigg, Gegeige unter mir, ich mag das nicht am Morgen, stolpere mehr als dass ich stehe oder gehe, übers Cockpit, so geht das gar nicht, hoch mit dem Großsegel, dann liegt LEVJE auf einer Seite und es wird deutlich ruhiger. Großsegel-Setzen klappt auf Anhieb – außer dass ich mal wieder das Großfall beim Einhängen ins Segel um die Leinen des Lazy-Jack vertörne. Idiot. Aber dann ist das Großssegel oben, der neue Schnappschäkel am Großschotblock hält den Druck, die neuen Travellerblöcke laufen etwas zäher. Mal sehen, wo Paolo, der Segelmacher, das Großsegel geflickt hat? Sieht ok aus. Leichter Wind aus Nordwest. LEVJE liegt ruhig im Schwell.

Wir motoren durch die Wellen. Zeit für ein zweites Frühstück. Etwas San Daniele, etwas Provolone di Ragusa, steinhartes Brot, das schmeckt am besten, zwei getrocknete schwarze Oliven. Das Herumstehen hat den Tee auch nicht wärmer gemacht, die Thermoskanne, sie fehlt, zum 100sten Mal. Langsam nimmt der Nordwest zu, er ist immer noch weit entfernt von jeder schlechten Vorhersage.

Gegen acht Uhr kann ich den Motor abstellen. Ich habe die Genua ausgerollt, wir laufen nun mit etwas mehr als fünf Knoten bei 12 Knoten Wind dahin. Etwas vorlicher als halber Wind – mehr Süd sollte es nicht werden. Langsam verschwindet die Küste Siziliens hinter mir im morgendlichen Dunst. Ein italienischer Trawler, der ächzend die Last seines Netzes zieht, quert meinen Kurs, der Fischer winkt mir aus dem engen Fenster seines Steuerhauses zu. Ein freundlicher Mensch, in der Weite des Wassers, fern vor der Küste. Alles läuft. Nur die Pinne: sie quietscht bei jeder Drehung fürchterlich. Der Autopilot muss sich mühen.

Segel am Horizont weit hinter mir, auf meinen Kurs. Da will noch jemand nach Malta. Und nutzt das Wetterloch.

Der Wind nimmt zu. Wir sind jetzt bei 15 Knoten, bei vorlichem Wind hätte ich längst reffen müssen, aber bei diesem halben Wind sind wir schnell unterwegs, 5,8 bis 6,3 Knoten zeigt das iPAD als Speed-over-Ground, das ist nicht schlecht für LEVJEs 31 Fuß Länge. Wenn nur dieses widerwärtige Geräsch von der Pinne nicht wäre. Ich gehe unter Deck, hole mir die Dose mit Gleitöl, vielleicht ist ja nur das obere Ruderlager vom sandigen Regen in Sizilien voll. Wenn es regnet, in Sizilien, dann kommt der Regen immer aus Süd. Und weil die Wüste so nah ist, ist der Regen hier immer rot von Wüstenstaub. Nach jedem Regen ist LEVJE gescheckt wie ein Gepard, überall rote Farbtupfer, die Leinen über den Winter sind alle sandfarben, die meisten habe ich einfach in Marina di Ragusa in die Waschmaschine gesteckt. Aber je mehr ich mich mit dem Öl Mühe: Das Quietschen, es bleibt. Merkwürdig. Es kommt immer, wenn der Autopilot die Pinne nach Steuerbord drückt, ein melodisches, auf meinen Knochen schabendes Kriiieeeek — Kriiiieeek — Kriiiieeek. Vielleicht ist ja die Ruderwelle verbogen? Sven vermutete das im Herbst.


Die Wellen. Und ein Problem.

LEVJE läuft nun richtig schön, hält konstant über sechs Knoten. Die Schaumkronen im Westen haben deutlich zugenommen, aus dem Schwell sind lange Roller geworden. LEVJE liegt zu schräg, die Segelfläche ist zu groß. Und vor allem: Sie hat plötzlich eine ungute Neigung, aus dem Ruder zu laufen, unser Kurs sieht auf dem Wasser wie besoffen aus. wie eine Schlangenlinie auf dem Wasser. Schlangenlinie unter Autopilot ist ja schon ok. Aber dies hier ist eindeutig zu viel. Irgendwie blöd. Ich beschließe zu reffen. Also ins Groß das erste Reff. Weil LEVJE ein Sieben/Achtel-Rigg besitzt, beginne ich immer hier. Und weil der Wind einen Moment härter weht, denke ich: gleich gehts jetzt los! Und beschließe, gleich das zweite Reff einzubinden. Schon Arbeit. Nach vorne turnen. Reffkausch im Reffhaken am Lümmelbeschlag einhängen. Wieder nach hinten. Reffleine dicht holen. Alles funktioniert. Sehr gut. Aber zweites Reff? Das war nun auch übertrieben, nach dem langen Winter sind wir etwas aus der Übung. Nur noch viereinhalb Knoten, so wird das auch nix. Trotzdem bin ich vorsichtig, betrachte mir das Ganze erst mal 10 Minuten. LEVJE segelt eindeutig aufrechter, angenehmer. Der befürchtete Windsprung ist ausgeblieben. Auch keine Windzunahme, nichts. Nur das Quietschen der Pinne ist geblieben. Und die Schlangenlinie.

Kriiieeeek — Kriiiieeek — Kriiiieeek.

Ich reffe aus aufs erste Reff. Sehr gut. LEVJE beschleunigt wieder auf über sechs Knoten. Eindeutig die richtige Besegelung. Ich sehe zu, wie mein Schiff läuft, freue mich darüber, wie die Segel stehen, wie die Segel ziehen. Freue mich über mein Schiff. Und gleichzeitig malt mein Hirn über das Geräusch der Pinne. Ich gehe nach unten, lasse LEVJE für einen Moment selber laufen. Lege mich in meine Koje, krieche nach hinten, über mein Bett, durch meine Koje hindurch, bis ganz nach hinten ins Achterschiff, da wo ich das Dinghi gestaut habe. Da wo der Ruderkoker, das Rohr, in dem das Ruder läuft, von oben nach unten durchs Schiff läuft. Ich höre, wie keine Zwanzig Zentimeter neben meinen Kopf bei sechs Knoten das Wasser am Schiff entlanggurgelt, spüre unter mir im Dunkel des engen Winkels fast 200 Meter Wassertiefe, auf denen mein Schiff unter Autopilot gerade führerlos dahingleitet. Der Ruderkoker. Ich konzentriere mich ganz auf ihn. Kriiieeeek — Kriiiieeek — Kriiiieeek. Das Geräusch kommt genau von da. Aber nicht vom oberen Ruderlager. Sondern von unten. Vom unteren Ruderlager!?

Ich gehe wieder nach oben. Der Wind hat noch einmal leicht zugenommen, 18-20 Knoten zeigt der Windmesser nun konstant, Spitze 22 kn, aber weil alles fast Halbwind ist, nimmt LEVJE es locker. Nur die Schlangenlinie wird extremer.

Drei Stunden. Ich habe jetzt etwa ein Drittel geschafft. Bin 17, 18 Seemeilen von Sizilien entfernt, das ich längst hinter mir nicht mehr erkennen kann. Bin 26 Seemeilen von Malta entfernt, ringsum nur Wasser, die lang anrollenden Wellen aus Westsüdwest, kein kurzes Mittelmeer-Adria-Hick-Hack, bei dem sich die Wellen im 2,50-Meter-Abstand folgen, sondern laaaaange, weite Roller. LEVJE, die jugendliche, nimmt sie wie eine Jolle, wie ein federleichtes irisches Curagh, mit dem die Fischer an der Westküste das Meer befuhren, ein mit Fell bespanntes Etwas aus Holzstäben auf dem Atlantik, das sich wie ein Korken über die Wellen bewegt. So segelt LEVJE.

Kriiieeeek — Kriiiieeek — Kriiiieeek.

Ich muss was tun. So geht das nicht. Ich hänge den Autopiloten aus, nehme die Pinne in die Hand. Das ist nicht normal?! Sie vibriert in meiner Hand. Sie zittert regelrecht. Ich kenne das, von früher, vom Motorrad. Da ist ein Lager kaputt. Hat die Ruderwelle doch irgendwann etwas abbekommen? Nicht dass ich wüsste! Mein Hirn überlegt krampfhaft, ob ich irgendwo doch an einem Stein aufgesetzt habe? Oder die Pinne bei der langen Überfahrt im Herbst von Korfu nach Sizilien nachts von einem treibenden Baumstamm im Starkwind etwas abbekam?

                                                                          Weiterlesen bei: Von Korfu nach Sizilien. Hier.                                                                  

Aber mir fällt nichts ein. Während ich überlege, zittert die Pinne in meiner Hand in langsamen Ausschlägen. Sie pulsiert. Und was am Übelsten ist: Wenn LEVJE, weil wir zuviel Segel draufhaben, nach luv giert, in den Wind schießen will, kostet es mich alle Kraft, die Pinne zu mir nach Steuerbord zu ziehen. Und LEVJE wieder auf Kurs zu bringen. Und das alles unter Zunahme des schabenden, merkwürdigen Geräusches. Kann eine verbogen Pinne so ein Geräusch verursachen?

Ich beschließe, den Autopiloten zu schonen. Und LEVJE von Hand zu steuern. So kann ich die Schlangenlinie verkleinern. Und die Ausschläge auf ein Minimum reduzieren. Das häßliche Geräusch, der Kraftaufwand, sie bleiben.

Trotzdem macht das Steuern Spaß. Ich mache mir zwar Gedanken, was ich tun würde, wenn das Ruder vollständig blockiert. Was ich machen würde, wenn es ausfällt? An der Nordküste Kroatiens habe ich mal jemanden angetroffen, einen slowenischen Segler, dessen Ruder gebrochen war, der hilflos auf 10 Meter im Wind vor Umag geankert hatte. Ich habe ihn damals abgeschleppt, fast drei lange Stunden die sechs Seemeilen über die Grenze bis nach Piran, wo wir die slowenische Küstenwache verständigten, die ihn dann übernahm. Sein Boot hinter mir im Schlepp, das damals ebenfalls die übertriebene Schlangenlinie fuhr. Ich überlege, was ich tun würde, in so einem Fall, und so weit draußen. Aber so schlimm scheint es nicht zu sein. Das Ruder ist schwergängig, aber der Zustand der Schwergängigkeit ist stabil. Das Boot lässt sich gut Steuern, nur Kraft kostet es, und das Gefühl, dass da zwei harte Flächen aufeinander scheuern, wo es eigentlich leicht gleiten sollte, das ist blöd.

Ich beschließe, den Autopiloten noch einmal einzuspannen. Und mir die Sache unter Deck genau anzusehen. Hole mir Katrins Schminkspiegel aus ihrem Schapp. Und meine stärkste Taschenlampe. Räume den Ruderkoker unter Deck frei. Leuchte den ganzen Ruderkoker eingehend ab, eingeklemmt ins enge Dunkel von LEVJEs Heck. Farbe blättert ab. Jahrelanger Dreck. Und während ich von hinten mit dem Spiegel, das dachrinnengroße Rohr ableuchte, sehe ich auf der anderen Seite, eigentlich unsichtbar für mich, eine rostige Warze. Schnell lege ich mit Stahlwolle frei, was sich unter Rost und Korrosion befindet. Ein Schmiernippel! Ein Ventil, dafür gedacht, regelmässig etwas zu fetten! Das habe ich noch nie gesehen! Da habe ich nun jedes Frühjahr meinen Motor akribisch gewartet. Mich ums Rigg gekümmert und um alles, woran Segler zuerst denkt. Aber dass sich unsichtbar auf der von mir abgewandten Seite ein Schmiernippel befindet, der mich förmlich um drei Teelöffel Fett anzubetteln scheint: Daran habe ich nicht gedacht. Und Fettpresse habe ich auch keine an Bord. Hätten Sie gerade zufällig eine zur Hand? Für einen einzigen Schmiernippel? Den einzigen an Bord?

Ich erlöse den armen Autopiloten von seiner Quälerei mit der schwergängigen Pinne. Fast die Hälfte der Distanz habe ich zurückgelegt. Hoffentlich hat meine Nachlässigkeit nicht zuviel am Lager selbst beschädigt? Es sind schließlich gewaltige Kräfte am Werk, jetzt, wo der Windmesser regelmäßig Richtung 22 Knoten klettert und LEVJE immer mehr in den Wind schießen will. Aber der Zustand bleibt stabil, ich steuere mein Boot eben selber von Hand. Ich konzentriere mich ganz auf die Telltales im Vorsegel, um nur ja wenig Ausschläge zu produzieren. Ich reffe aufs zweite Reff, um Druck aus dem Schiff zu nehmen. LEVJE läuft.

Noch etwa 18 Seemeilen bis zum Ziel, die Mgarr-Marina auf Gozo im Channel zwischen Malta und Gozo. Ich bin allein da draußen. Mein Schiff segelt stabil. Das Ruderproblem, die Schwergängigkeit verschlechtern sich, aber nur geringfügig. Mein Oberarm schmerzt, es kostet Kraft, LEVJE immer wieder aus der Schlangenlinie zurückzubringen. Aber dafür ist das hier draußen alles auch zu herrlich. Diese ganz andere Welt, die sich zeigt, wenn man das Land hinter sich gelassen hat. Nur noch Wasser und Wind und Himmel. Das Gefühl, in den Wellen dieser Welt geborgen zu sein, wächst in mir. Mir fällt ein, was Aylin gestern auf ihrer Facebook-Seite postete, es scheint so richtig, was Moitessier über die Weite, die er fand, schrieb:

„I am a citizen of the most beautiful nation on earth,
a nation whose laws are harsh yet simple,
a nation that never cheats,
which is immense and without borders,
where life is lived in the present.
 In this limitless nation of wind, light and peace,
there is no other ruler besides the sea.“

Es ist alles so groß, so unglaublich und weit, dass alles, was ich mir an Sorgen an Land jemals gemacht habe, winzig klein ist plötzlich, klein und nichtig, ein Fitzelchen, genauso wie die Insel, die hinter mir liegt. Etwas, was ein anderer Kosmos ist, ein unglaublich weiter Kosmos, in dem so ganz andere Gesetze gelten.

Delfine!

Und als wollten sich die Gesetze dieser ganz anderen Welt nachdrücklich in Erinnerung bringen, sehe ich plötzlich einen Schatten im Bug. Ein langer Schatten, ein dunkler Fleck, nur sekundenlang. Ich hänge den Autopiloten ein. Und sause nach vorn. Ein kleiner Delfin. Vielleicht 1,50 lang. Mit weißem Bauch. Delphinus delphis, ein Gemeiner Delphin. Noch einer. Sie machen sich einen Spaß daraus, den Bug der in Schlangenlinie dahinpreschenden LEVJE zu queren, bei voller Fahrt, quer knapp unter dem Bug hindurchzutauchen, blitzschnell wegzudrehen, in die Tiefe zu verschwinden. Meine Schlangenlinie mit ihrer Schlangenlinie zu kreuzen, gemeinsam schreiben wir Zeichen, Worte, Muster in die Weite, die gleich wieder fort sind. Und vergessen. Plötzlich tauchen sie wieder auf, sind wieder da im Bug meines Schiffes, lassen sich im Tempo zurückfallen, was ihnen alles einfällt, im Bug mitschwimmen, wieder abtauchen, wieder auftauchen. Bewegung, die eine Sprache, Kommunikation ist, die ich mehr ahne als verstehe. Oder jedenfalls nur so viel: Leben ist Freude. Ist Spiel.

Und? Wieviele Delfine können Sie auf dem Bild entdecken. Ein Tipp: Es sind vier…

Sie scheinen mir zuzulächeln, die beiden. Es scheint schon eine ganze Weile so zu gehen, ohne dass ich sie bemerkt hätte. Ich husche nach hinten, ins Cockpit, um meine Kamera zu holen. Als ich sie endlich habe, sind die Delphine – weg. Ich halte angestrengt Ausguck. Und dann sehe ich sie wieder: an Steuerbord, querab. Nicht zwei, sondern fünf, sechs. Sie sind alle nicht groß, etwa Kindergröße. Und wie innig miteinander spielende Kinder schrauben sich die sechs durch die Wellen, knäueln, schmiegen, kuscheln sich im schnellen Schwimm umeinander, nähern sich LEVJE an. Entfernen sich. Ein geschmeidiges, schnelles Gleiten durch die Wellen, knapp unter der Meeresoberfläche, ein sich Balgen. Dann – weg! Ich bleibe allein zurück auf LEVJE. Und bin benommen vor Glück, wie immer, über Delphine und ihre Art, mit uns Kontakt aufzunehmen, mit uns zu kommunizieren.

„Thanks for all the fish!“

Ankunft. Und Epilog.



Ich erreichte Mgarr-Marina am Nachmittag gegen 16 Uhr. Ich schreibe nun nicht darüber, dass mich der Wind auf den letzten drei Seemeilen vor dem Hafen von Mgarr auf Gozo mit 24-26 Knoten erwischte. Weil der Nordwest in der Düse zwischen Inseln sich noch einmal mächtig verstärkt.
Segeln ist: Versuchen zurechtzukommen mit dem Wenigen, das man hat, in dem, was man vorfindet.

Ich schreibe auch nicht darüber, dass es Kraft kostete, aufzubrechen und loszufahren, mich jedenfalls, wie immer.

Aber dass es sich gelohnt hat, weil alles von der Warte dort draußen plötzlich klein ist und mich diese Erfahrung jedes Mal aufs Neue bewegt, wo ich doch dachte: „Ich kenne das.“ Dies will ich festhalten.

In den nächsten Tagen berichte aus Malta, einer weiteren vergessenen Insel.




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Soeben bei millemari. erschienen:


Der Musiker Claus Aktoprak ein halbes Jahr unterwegs 
in den schwedischen Schären.
Was für Erfahrungen er machte …. hier zum Trailer.



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Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.
Was passiert, wenn wir unser angestammtes Leben ändern?


Auch als Film:  


Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015















Unterwegs in Sizilien.


Es ist Frühjahr. Und weil LEVJEs alte Vorsegel-Furlex-Roll-Anlage ein wenig klemmt, haben Sven und ich die ganze Anlage abmontiert und am Steg zerlegt. Ganz schön tricky und einfach gemacht, es würde sich allein schon lohnen, mal über so etwas Raffiniertes wie eine Vorsegel-Roll-Anlage von 1992 zu schreiben [interessiert das jemand? Bitte Kommentar hinterlassen, ab 10 Kommentaren schreibe ich ;-)].

Kaum ist Sven in den Mast geklettert, kaum ist das ganze Vorstag samt Rollern, Schlitten, Schienen, Rutschern, Ösen, Kegeln ausgehängt, kaum liegt die 8 Meter lange Pracht sich windend vor uns auf der Holzpier, zerrupfen wir es auch schon in seine Einzelteile. Und irgendwann, nachdem wir zwischen 7 Schienenstücken, Vorstag-Draht mit Haken- und Ösen, Abstandshaltern, Distanzhalte-Haken, Einfädlern, zerlegten Winschtrommeln sitzen, perlen uns aus eben jenen Winschtrommeln kleine Kugeln entgegen. Kugeln aus Kugellagern. „Die sehen aber fertig aus“, sagt Sven mit Kennerblick, als ich jede der Kugeln aufgefangen, in einem Wechselbad aus Diesel, WD-40 und Krepp-Papier gescheuert, gereinigt, vom Schmutz der letzten Jahre entfettet habe. 104 Kugeln. Allesamt sehen sie matt aus, ermattet vom jahrzehntelangen eingequetscht Dienst tun müssen, sich drehen müssen, wenn irgendwo einer zieht. Den Winter reglos eingesperrt sein, weil keiner da ist, um mal zu ziehen. Nein, wen wundert, dass die erbsengroßen Kugeln nicht mehr blinken mögen.

104 Kugeln. 
Und wo kriegen wir neue her, an der sizilianischen Südküste, hier im freundlichen Badeort Marina di Ragusa, spezialisiert auf 104 furiose Sorten Gelati, nicht aber Kugellager? Wir packen unser Bündel, das kleine schwarze Gummischälchen mit den 104 Kugeln, setzen uns in unseren geliehenen FIAT PANDA und rollen von der Küste weg in die Hügel, hinauf ins schöne Ragusa. Dort sitzt der YANMAR-Händler meines Vertrauens, zwar repariert er meist nur YANMAR-Landmaschinen, aber hin und wieder ist eben auch ein Schiffsdiesel dabei. Und seit er mir die Wasserpumpe für meinen Schiffsdiesel, die in Deutschland beim Händler satte 1.100 €, in der milden Türkei 800 € kostet, fürs halbe Geld beschafft hat, liege ich Mustafa, der die „Ricambi“, das Ersatzteillager betreut, eh zu Füßen. Als ich ihm mein schwarzes Schälchen mit den 104 Kugeln hinhalte, schweigt er einen Moment. Denkt nach. Und sagt dann: „Modica.“ „Modica??“ „Ihr müsst nach Modica. Da gibts einen Laden, der hat nur Spezialwerkzeug. Und Kugellager.“


Also rollen wir im Panda den atemberaubenden Hügel der 70.000 Einwohner-Stadt Ragusa hinunter und über eine ebenso atemberaubende Schlucht – ich schrieb über sizilianische Schluchten in einem vorigen Beitrag – in die 54.000-Einwohner Stadt Modica. Modica ist nicht klein. Es gibt Modica Alta, oben auf dem Hügel. Und Modica Bassa, unten in der Schlucht. Und nach mancherlei Auf- und Ab und hügelan und hügelab im kleinen Panda, das schwarze Schälchen mit den 104 Kügelchen sorgsam auf den Knien wie einen Schatz balancierend, stehen wir im Laden von Salvatore. Ich bin entzückt. Der Laden, sein Angebot, besteht aus lauter Zangen, Hebeln, Werkzeugen, die ich nie im Leben vorher sah. Sie sind meist rot. Geile rote Sprengring-Zangen sehe ich an der Wand. In mindestens 17 Größen, mit unterschiedlichen Griffen. Andere rote Stahlteile, gewunden, gebogen, hakenartig, hebelkräftig – alles Dinge, um irgendetwas aufzubekommen, Festsitzendes zu lösen, zu öffnen, was sich mit Finger, Häkelnadel, Schraubenzieher einfach nicht lösen, aufbekommen lässt. Salvatores Laden: Ein einziges Sammelsurium an Gerätschaften, um irgendetwas zu aufzuschrauben, umzubiegen, festzuziehen, abzuziehen, anzutreiben. Und: Salvatores Laden in Modica, in dem wir mit unserem schwarzen Schälchen und den 104 Kugeln in einer Reihe hinter drei anderen Bittstellern wie beim Rabbi stehen, ist einer der Gründe, warum ich mir um Italien wirtschaftlich wenig Sorgen mache. Italien besitzt kaum große Aktiengesellschaften, wie wir sie kennen. Dafür Abertausende von Familienbetrieben, die irgendetwas Spezielles herstellen, vertreiben. Familienbetriebe, die für irgend etwas ganz Spezielles wie Grappa, Fahrradsättel oder aus Metall gestanzte Brotkörbe und Zitronenpressen Weltmarktführer sind. Die Salvatores – sie tragen das Land.

Salvatore, mit Vollbart, selber sitzt hinter dem Tresen, Werkzeuge sind in dem engen, 3,50 hohen Raum um ihn gruppiert wie ein Bühnenbild. Ein Kunde nach dem anderen tritt vor, äußert seine Bitte. Als wir dran sind, halte ich ihm mein schwarzes Schälchen hin mit den 104 Kugeln. Salvatores Vollbart entfahren kehlige Laute, sizilianisch, das ich nun gar nicht verstehe, während er eines der Kügelchen wiegend, wägend zwischen Fingern wie Schraubstöcken dreht. „Non o, non da Inox“. Das habe ich verstanden. Salvatore verschwindet kurz hinter dem Bühnenbild, irgendwo in der Tiefe, ein Scharren im Hintergrund, ein schwerer Karton, der sachte in großen Pranken zu Boden geht. Dann ist er wieder da. Genau die Kügelchen, die wir gerne hätten. Erbsengroß. Und wunderschön blinkend. Nagelneu. Nur leider nicht aus Edelstahl. Sie würden rosten, die 104 Kügelchen, samt Lagerschalen würde Meer und Salzwassergischt sie innerhalb Wochen einfach zu bröseligen Klumpen Rost verbacken. Wieder gurgelt der Vollbart, während er die Kügelchen zwischen seinen harten Handwerkerfingern dreht. „Ma son buon“. Er sagt, meine matten Kügeln wären nicht schlecht?! 

Ohne hinzusehen, greift Salvatore einen Magneten aus der Tiefe seiner schweren Schublade, er ist fingerlang und bananenförmig. Der Magnet zieht drei, vier Kügelchen an, Salvatore wiegt den Magneten leicht, die Kügelchen perlen hängend die Krümmung entlang, fallen nicht ab. „Son buon“, gurgelt es aus dem Vollbart, er grinst uns an. Und besieht sich die Lagerschalen. „Tornatore“, dröhnt der Vollbart. Und „pulire“. Eine Dreherei, um die Lagerschalen auf Vordermann zu bringen! Salvatore beschreibt uns einen Weg irgendwohin, ich verstehe nur „al fine dell villagio“, am Ortsende, wir verabschieden uns fröhlich von Salvatore, dem Rabbi. Und kullern im Panda wieder hügelauf, hügelan, unser schwarzes Schälchen sachte auf den Knien balancierend, begleitet, geführt, engelsgleich, von zwei begeisterten Frauenstimmen aus zwei Navigationssystemen unserer zwei Tabletts, weil Sven und ich herausfinden wollen, welches unserer beiden Navi’s denn in den Härten steil ansteigender, winkeliger Einbahn-Kleinstadt-Gassen Siziliens denn nun wirklich nicht aufgibt. Aber am Ende funktioniert die uralte, vor-Software-Navigation am besten: Einfach jemand fragen. Und schon der fünfte, den wir ansprechen, kennt  Giovanni, den Tornatore. Er liegt an der steil ansteigenden Straße, drei Mal sind wir vorbeigefahren, Rabiner, Magier brauchen nun mal kein Ladenschild. Nur eine Werkstatt mit Drehbänken. Giovanni sieht sich die Teile an. Wir sollen in einer Stunde, besser zwei wiederkommen. Kurz vor sieben also.


Zwei Stunden also. Und weil italienische Kleinstädte, die meisten jedenfalls, schön sind und geheimnisvoll, wie Frauen – die meisten jedenfalls! – lassen wir unser Schälchen mit den  104 Kügelchen im Panda vor Giovannis Werkstatt zurück. Und streichen durch die Stadthügel. Allerdings nicht lang. Sven hat sich sogleich verguckt: Er ist fasziniert von den Schokoladen, die da im Schaufenster liegen, geformt wie Legosteine. Und schon stehen wir in der Pasticceria, dem Süßwarenladen von Giovanni, dem Konditor. Er stellt die Schokolade in kleinen Ziegelsteinchen selber her, seit bald 25 Jahren, wo er den Laden von seinem Schwiegervater übernahm. Er steht fröhlich grinsend mit seiner Frau hinter seinem Tresen. Ob er denn im Internet wäre, in Google, wenn ich nun über ihn schriebe, über ihn 


berichten würde? Na klar. Und ich bitte, meine Leserin, meinen Leser dieses Blogs: Sollten Sie nach Modica kommen diesen Sommer oder wann immer, doch Giovani zu erzählen, dass er nun tatsächlich in GOOGLE wäre. Und der Ciocolato di Modica, den Giovani herstellt, ebenfalls.


Überhaupt: Ciocolato di Modica! Es gibt sie in fast jedem Laden in Modica und auch in Marina die Ragusa. Dicke Blöcke bitterer Schokolade, deren Zuckerkristalle immer noch erhalten sind, eine Mischung aus süß und bitter, die herrlich an den Zähnen knirscht, während man im Mund voll reinen Kakaos zu sein scheint. Das Rezept, erzählt Giovani, ist alt. Im 16.Jahrhundert sei es nach Modica gekommen, die Spanier waren wir 600 Jahre Herren Siziliens und haben es aus Spanien mitgebracht. Das Besondere ist, dass Ciocolato di Modica eigentlich nur daraus besteht: Aus einer speziellen Sorte Kakao. Und Zucker. Vielleicht noch ein Gewürz. Etwas Zimt. Oder Vanille. Oder Ingwer. Oder Chilli. Nüsse. Aber 


sonst: Nichts. Keine Milch. Keine Butter. Kein Pflanzenfett. Nichts. Ein Reinheitsgebot nur für Schokolade. Und weil Giovani auch sein Eis selber macht, können wir nicht umhin, Giovani auch gleich noch zwei Eis abzukaufen, das Leben kann schön sein, wenn 104 Kügelchen es mal so richtig auf Trab bringen.


Wir streifen weiter durch die Hügel von Modica. Nicht nur, dass ich oben am Dom der schrumpelig-warzigen Zitronenfrucht, der Cedri, nicht widerstehen kann, die man am Stand oben vor der Kirche bekommt und mit peperonciertem Salz isst. Wir stolpern in den „FIAT Club di Modica“, der oben vor der Kirche seine Prunkstücke aufgebaut hat. Ein FIAT Cinquecento schöner als der andere, eine nette Ansammlung knuddeliger kleiner Kisten, gemacht für steile Winkel und Schlagloch-Pisten, die sich auf Sizilien „Autostrada“ oder „Strada Statale“ nennen. Es ist ziemlich hart für die Stoßdämpfer, will man auf diesen Straßen unterwegs sein und mit dem Verkehr mithalten. Italienische Autofahrer sind, sagen wir, „zügig“ unterwegs, wer schleicht, tuts bitte rechts am Straßenrand, und da ist die Piste noch holpriger. 















Und gleich auf der anderen Seite der zu einer fahrbaren Gelateria umgebaute Fiat, der Gelati e Grannite, das sizilianische Sorbet. Zwei Kügelchen. Heute schon zum zweiten Mal. Macht vier. Es ist aber auch zu verführerisch, in keinem anderen Land der Erde möchte ich leben, was Essen und Trinken angeht, was die Küche angeht: die einfachen Dinge, sind die Menschen hier, auch die einfachen, Könige.


Als es kurz vor sieben ist, stehen wir vor Giovanni. Er sieht müde aus. Und zeigt uns stolz die Lagerschalen. Er hat sie in die Drehbank gespannt und einmal abgedreht. Sauber sehen sie nun wieder aus, wie neu. Nun dürften sich die 104 Kugeln auch wieder wohlfühlen. Und die Genua sollte sich wieder leichter ausrollen lassen.

Und Giovanni? Er ist eigentlich Albaner. Er kam vor 15 Jahren hierher nach Modica, nicht aus Not, aber auf der Suche nach einem besseren Leben als Zuhause. Und warum nach Modica? Sein Cousin wäre hier gewesen, hätte ein Restaurant eröffnet gehabt, das gut funktionierte. Also sei er nach Modica gekommen, hätte hier neu angefangen. Und heute: Ist die Dreherei, der Betrieb seiner. Er lebt gut hier. Und hätte er mir nicht seine Geschichte erzählt – dann hätte ich Giovani für einen waschechten Sizilianer, einen Bewohner dieser Insel gehalten. 

Aber vielleicht ist er ja genau das.




Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.
Was passiert, wenn wir unser angestammtes Leben ändern?


Auch als Film:  


Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015






Die Farbe BLAU.






Vergangene Woche sandte mir Angelika Gebhard für die Neuausgabe ihres Segelklassikers MIT ROLLO UM DIE WELT ein Vorwort, um das wir gebeten hatten. In diesem Vorwort, das mich sehr bewegte, weil sie darin ausführlich beschreibt, was von einer großen Segelreise bleibt, erwähnt sie unter anderem über ihre Begegnung mit der Kultur der alten Polynesier:

„Allein die Farbe Blau kennt in der alten polynesischen Sprache über 300 Schattierungen und Begriffe.“

300 Worte. Nur für BLAU! Das saß! Seitdem grundle, google ich, wie das denn mit BLAU im Deutschen ist. Und? Was denken Sie: Wie viele Worte gibt es im Deutschen für Blau?





















Beflügelt wurde die Recherche auf der Suche nach dem Blau noch durch einen kleinen Schlag auf LEVJE etwa 20 Seemeilen die sizilische Südküste hinunter, wobei die Fotos entstanden. Es war der erste Tag nach längerem Nordwest-Starkwind. Das Meer in der flachen Küstenzone immer noch aufgewühlt, doch die Schlammfarbe des sturmbewegten Meeres längst dem großen Türkis gewichen. Ich gebe gerne zu: Dies ist meine Lieblingsfarbe Blau. Diese Mischung aus Blau. Und Grün. Und hellem Grau. Und eigentlich dachte ich bislang: Wenn ich diese Farbe sähe, die gäbe es nur an einem Ort, dann wüsste ich, wo ich befände: Nämlich in der nördlichen Adria. Aber das stimmt definitiv nicht.

Ob es stimmt, was man über Fischer und manche Naturvölker auf dem Meer sagt? Dass sie an der Farbe des Meeres erkennen könnten, wo genau sie sich gerade befänden?

Die Farbe des Meeres. Sie wird bestimmt, „gemixt“ aus verschiedenen Faktoren: Dem Einfallswinkel des Sonnenlichtes, der sich zwar täglich, aber vor allem im Lauf der Jahreszeiten ändert. Wir erinnern uns an die Gesetze der Lichtbrechung? Nein? Egal! Jedenfalls bricht die Wasseroberfläche das Licht. Wasser, das eigentlich durchsichtig ist, „filtert“ ab zunehmender Tiefe die verschiedenen Farben des Lichts. Und zurück bleibt: BLAU. Je flacher Licht einfällt, desto mehr davon wird reflektiert. Je weniger Licht ins Wasser eindringt, desto mehr Braun, Schwarz scheint das Wasser.

Nachts? Sind alle Wasser schwarz. Das ist auf dem Meer genauso wie im Gänseteich in der Weilachmühle, auf der Alpaka-Farm meines Freundes Christian in Oberbayern. Faustregel: Je „höher Sonne“, umso „Meer Blau“!



Und dann fangen die Schwierigkeiten auch schon an. Denn für alles Weitere ist nicht mehr jahreszeitlicher Stand der Sonne, ihre Höhe, sondern anderes verantwortlich. Im Wasser schwebende Sedimente, beispielsweise. Ich erinnere mehr: Während etwa zwei, drei Wochen im Jahr ist die Farbe in meiner Heimat auf den oberbayerischen Seen so wie die oben. Nur etwa zwei, drei Wochen – und genau um die Zeit der Sommersonnenwende herum, die uns ja schon in knapp fünf Wochen ereilt und wo der Sommer, kaum dass er begonnen, auch gleich wieder vorbei ist. Und noch schneller ist das dann auch mit dem Türkis vorbei.

Sedimente also. Das Zweite. Die kleinen feinen Teilchen, die im Wasser schweben, wenn es aufgewühlt war. Oder wenn ein Fluss wie die großen Nordadria-Ströme Tagliamento, Piave, Isonzo und auch der Po helles Gesteinsmehl aus den Bergen ins Mehr spülen. Sie „schweben“ im Wasser. Und geben ihm dann je nachdem eine ganz eigene Note. Und das Ganze findet statt, ob ich da bin. Oder auch nicht.



Denn dies ist dann der dritte Faktor: Wahrnehmung. Was sehe ich eigentlich für ein Blau, und was ist das Blau, das im gleichen Moment meine Frau wahrnimmt? Oder ihre griechische Landschildkröte? Genau das gleiche Türkis, das mich so entzückt?

Ein weiteres kommt hinzu, und es hat mit Licht und Sedimenten gleichermaßen zu tun. Deren Gehalt im Wasser verändert sich. Machen Sie doch einen Test: Ich habe die Fotos dieses Posts strikt in der Reihenfolge ihrer Aufnahme eingebaut. Das erste entstand beim Ablegen. Das letzte am frühen Nachmittag. Es wird „blauer“ – je höher die Sonne steht, je weniger Sedimente im Wasser sind. Es wird immer blauer. Und deshalb ist es an der kroatischen Adriaküste eigentlich immer Tiefblau, wie in Griechenland auch, weil dort wenige Flüsse ins Meer münden und deren Sedimente dorthin tragen. Und deshalb ist die Ostsee auch… aber da kommen Sie jetzt selber drauf!



Ja – und wie ist das denn nun mit Polynesisch der Ureinwohner und der Farbe BLAU im Deutschen? Da gibt es dann – soweit es das Deutsche betrifft – überraschende Aspekte. Zum einen, dass das Deutsche sooooo schlecht nicht ist, was BLAU angeht. Immerhin 50 verschiedene Synonyme listen einschlägige Synonymseiten im Web auf. Scheinbar gut.

Aber sieht man sich die Synonymlisten genauer an, stellt man fest, dass es für die FARBE BLAU nur wenige Worte gibt: Türkis. Ultramarin. Azur. Veilchenblau. Hellblau. Himmelblau. Stahlblau. Indigo. Jeansblau. Zschitscherin-Vogelschwanz-Blau? (Mein Vorschlag für eine neue Autositz-Auswahlfarbe??). Graublau. Und so weiter.

Die meisten Synonyme beziehen sich auf etwas anderes: Blau wie ein Veilchen, nämlich. Alkoholisiert. Beduselt. Berauscht. Beschickert. Beschwipst. Besoffen. Betütert. Bezecht. Sternhagelvoll. Stockbetrunken. Sturzbesoffen. Voll. Voll wie eine Strand-Haubitze (… immerhin mal was mit „Meer“). Angeheitert. Fertig. Zu.



Und so sieht das stocknüchterne Ergebnis meiner Recherche nach der Bedeutung von BLAU im Deutschen aus:

1. So ganz schlecht sind wir Deutsche nicht. Ein paar BLAU-Begriffe haben wir schon auch!

2. Naturvolk sind die Deutschen nach dieser Sprachanalyse lange keines mehr – schaut man sich die Begriffe an. Vielleicht noch in einem Winkel ihres Herzens, der immer wieder BLAU sucht.

3. BLAU in dieser Sprache hat oft mit Produkten zu tun. Etwas, das man kaufen kann, ist oft mit BLAU ausgeschmückt.

4. Was die SYNONYME angeht: Zu allermeist haben diese mit dem Ergebnis übermäßigen Alkoholkonsums zu tun.

Nun ja. Derlei ernüchternde Ergebnisse können an zwei Dingen wenig ändern:

Das Blau des Meeres ist, was es ist. Mir geht immer noch das Herz auf bei diesem Anblick.

Und die alte Kultur der Polynesier? Was ist aus dem Blau in der polynesischen Sprache geworden? Ich fürchte, die Bedeutungen von BLAU haben dort vermutlich unter dem Einfluss dessen, was wir „Zivilisation“ nennen, eine ähnliche Richtung eingeschlagen – siehe Punkt 1 bis 4.

Ich nehme mir vor, Angelika Gebhard zu fragen.
Oder zumindest das Vorwort noch mal zu lesen.















Pantalica


Es gibt Orte, an die ich auf meinen Reisen immer wieder zurückkehre. Orte, die mich magisch anziehen. Wahrscheinlich ist das alles leicht erklärbar: Ein „guter Moment“. Vor langer Zeit.
Aber was leicht erklärbar scheint, ist in Wahrheit der Anfang der Schwierigkeit zu erklären: Was einen „guten Moment“ denn nun eigentlich ausmacht? Was die Ingredienzen sind, die man einfach aus dem Regal nehmen muss – und dann kommt er heraus, als chemische Reaktion, als Endergebnis, als Fertigprodukt, „der gute Moment“?

Pantalica besuchte ich Mitte der Neunziger zum ersten Mal. Die Ingredienzen, die den Moment damals schufen: Die erste Reise mit meiner neuen Freundin. Katja, die vorschlug, dahin zu fahren, ich wusste nichts von Pantalica. Zwei große Schluchten, die sich auf einander zubewegten. Zwei Flüsse, Anapo und Calcinara, die sich tief, tief eingegraben hatten durch die Kalkschichten, die irgendeinem fernen Erdzeitalter-Ur-Ur-Meer entstiegen waren. 5.000 (!!) in den Fels gehauene Grabkammern, die meisten oben an der Felskante, nie unten. Die meisten nach Osten und Süden, selten nach Norden. Die Wanderung durch das dichte, tiefe Grün im damaligen Mai, das so gar nicht meinem Bild vom verbrannten Sizilien entsprach. Leuchtend roter Mohn. Lupinen. Kniehohes Gras. Meine Sorge, als ich durch die dichten Halme streifte, ich könnte hier, genau hier von einer Schlange gebissen werden, eine Sorge, die mich, der ich im Ausland viel wandere, selten streift. Warum hier?
Pantalica. Zwei Canyons, eine Stunde vom Meer, von Siracusa entfernt.



Die Welt, durch die wir uns bewegen, ist voller Gewissheiten. Das Wetter wird morgen soundso. Dies ist meine Handynummer. Das gibts heute Abend zu essen. Und wenn jemand stirbt, dann kommt der Bestatter. Tatsächlich ist die Art, wie wir mit dem Tod umgehen, jenem, der uns in unserem unmittelbaren Umfeld betrifft, Ausdruck unserer Kultur. Friedhöfe. Orte ehrenden Gedenkens. Teure Grabsteine. Ein Name, zwei Jahreszahlen. Ein paar Blumen.

Vor allem dank Ethnologen und Archäologie weiß man, dass die Arten, wie Kulturen mit dem Tod ihrer Angehörigen umgehen, in die Myriaden gehen. Es ist immer wieder erstaunlich, welchen Variationsreichtum es gibt. Steinzeitliche Kinder, in hockender Position auf den Inseln der Ägäis in Tonkrüge gebettet. 
Die bronzezeitliche Fürstin, deren Grab man keine 30cm unter der Grasnarbe beim Bau des Gymnasiums Grünwald bei München fand, liegend, den Kopf mit einem Bronzekranz bekrönt, den Blick der leeren Augen für immer nach Südosten. 
Die Kelten im gerade 100 Kilometer entfernten Manching, die mit den Schädeln von Verstorbenen und Feinden unter ein und demselben Dach lebten. 
Die heutigen Toten, die wir außerhalb der Wohnorte auf eigenen Arealen in die Erde betten. Und den Gärtner mit der Grabpflege betrauen. 
Die Grabkammern von Pantalica. Einfach in die Felsen gehauen, in die aus dem dichten Grün zwischen Oliven, Macchie, Pistazien herausragenden Vorsprünge, Felsnasen, Hangkanten.



Die Archäologen sagen, dass Pantalica besiedelt wurde etwa zu der Zeit, als Troja unterging. 
Als die Fürstin von Grünwald bestattet wurde, etwa im 13. Jahrhundert vor Christus. 
Längst wurde das Meer befahren, 5.000 Jahre zuvor war wohl von hier, von Sizilien aus, ein Volk aufgebrochen und hatte 50 Seemeilen weiter südlich, auf den Inseln von Malta, eine einzigartige Zivilisation mit den gewaltigen Steintempeln von Hagar Quim begründet. 
1.300 vor Christus? Die Minoer befuhren zu diesem Zeitpunkt bereits 800 Jahre auf festen Handelsrouten das östliche Mittelmeer. Um die gleiche Zeit waren Mykenier, deren Erben, nach Eroberung Troyas im Niedergang begriffen. 
Ägypter schlugen sich um 1.300 unter Ramses II. mit den Hatti an der Grenze im heutigen Palästina herum. Eine unruhige Ecke, heute wie damals, warum eigentlich? 
Keine allzuferne Zeit also, die Zeit von Pantalica. Keine Epoche, über die wir nichts wüssten. 1.300 vor Christus: Eine Zeit, in der große Wanderbewegungen einsetzen. Eine Welt, die nach längerer Phase „stabiler“ Verhältnisse dabei ist, in Umordnung, Neuordnung, Chaos, Veränderung überzugehen. Schatten am Horizont. Dunkle Wolken. Neuankömmlinge, die fremde Sprachen sprechen und auf Booten kommen. Beginnende Bewegung überall im östlichen und mittleren Mittelmeer – auch auf Sizilien.

Es waren wohl Menschen von den Küstenregionen im Osten und Süden Siziliens, die sich unter dem Druck neuer, übers Meer gekommener Siedler offensichtlich von den Küsten weg Richtung Landesinneres bewegten. Die Namen der Neuankömmlinge, zusammengefasst in fremd anmutenden Namen von Völkern: Ausonier. Morgetaner. Und auch: Sikeler. Sikeler, die der Insel mit den drei Kaps für alle Zeit den Namen geben sollten: Sizilien. Shekelet, von denen die alten Schriftsteller erzählen. Jene, die vorher an den Küsten gesiedelt hatten, suchten Zuflucht vor ihnen auf den schwer zugänglichen Höhen zwischen den beiden Canyons von Pantalica. Um irgendwo dort ihre neue Stadt zu gründeten. Von ihr ist nichts erhalten, man weiß nicht, wo sie lag, man weiß nur, dass der Höhenrücken besiedelt war für 600 Jahre. Solange, bis die Griechen kamen.




Was blieb, waren Grabkammern. Über 5.000 von Ihnen liegen in der Landschaft verstreut, manche einzeln, manche in Gruppen eng beieinander liegend, so eng: man könnte meinen, dies wäre über Jahrhunderte Bestattungsanlage einer Familie und aller ihrer Angehörigen gewesen. Und 150 Meter weiter der einer anderen Sippe. Was verblüfft, ist der Aufwand, den die Lebenden für die Toten mit Schaffung der Grabkammern betrieben. Der in den Fels gemeisselte Eingang misst ungefähr ein Meter mal ein Meter fünfzig. Dahinter ein kleiner Raum, breiter und höher als der Eingang, im Volumen etwa ein, zwei Kubikmeter groß. 
Vermutlich wurden Holzgerüste errichtet, um überhaupt Kammern in drei, vier Metern über dem Boden errichten zu können. Wir befinden uns in der Bronzezeit. Presslufthämmer, Dynamit, Gesteinsbohrer waren noch 3.300 Jahre weit weg – Erfindungen unserer Jahrhunderte. Stattdessen: Einfache Meissel aus in Hartholz gespanntem Gestein. Und aus weicher Bronze. Weichmetall, das auf harten Kalkstein-Fels auftrifft. Kleine Gesteinssplitter, die ein Hammer man mit jedem Schlag auf den Bronzemeissel wegsprengt. Ein paar kleine Steinsplitter mit jedem Schlag. Der Meissel, der an dem harten Gestein schnell stumpf wird. Sich vielleicht rasch verbiegt.

Sie sind nicht groß, die Grabkammern. Vielleicht etwas mehr als ein- bis eineinhalb Kubikmeter. Die Eingangsöffnung ist so klein mit ein Meter mal ein Meter zwanzig, dass an jeder Grabkammer eigentlich immer nur ein einziger Mann arbeiten kann. Mehrere würden sich behindern, in der beengten Eingangsöffnung sich gegenseitig im Weg stehen, nein, das geht gar nicht. 
Also ein Mann, der an einer Grabkammer arbeitet. Wie lange braucht ein Mann mit einfachstem, splitterndem Stein- und sich verbiegenden weichen Bronze-Meisseln und Werkzeugen, um etwa einen Kubikmeter harten Kalksteins abzusprengen, abzulösen, Steinchen für Steinchen, bis eine Grabkammer fertig ist? Eine von Fünftausend? 
Die Rechnung ist einfach: Nehmen wir an, jeder Hammerschlag sprengt Splitter und Stäubchen und Steinsprengsel im Volumen eines kleinen Spielwürfels aus dem Gestein. Etwa einen Kubikzentimeter. Dann bräuchte es zwischen ein und zwei Millionen Hammerschlägen, um eine Kammer herauszumeisseln. 1.000.000 bis 2.000.000 Schläge.  Gehen wir weiter davon aus, dass ein guter Arbeiter, ein ausgebildeter Mann etwa 40 Schläge pro Minute ausführen kann. Pausen eingerechnet. Dann schafft er 2.400 Schläge in der Stunde – was dann immerhin der Gesteinsmenge eines Würfels mit  13,4 Zentimeter Kantenlänge entspräche. Könnte der Mann jeden Tag etwa sechs Stunden in derartigem Tempo arbeiten – Pausen und Zeiten für Abräumen der Trümmer eingerechnet, Werkzeug wird „gestellt“, dann: Wäre eine solche Grabkammer nach knapp 140 Tagen fertiggestellt. 140 Tage. Vier Monate und ein halber. Ein halbes Jahr, grob geschätzt, also.

Gehen wir davon aus, dass mehrere Männer an einer Grabkammer arbeiteten. Nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, um sich abzulösen. Dann liesse sich die Zeit für die Fertigstellung auf siebzig Tage verkürzen – vielleicht auch deutlich weniger, wenn Tag und Nacht und „rund um die Uhr“ gearbeitet worden wäre.

Wahrscheinlich ist, dass die Grabkammern nicht sämtlich „aus einem Guss“ entstanden. Die Sikeler, die sie errichteten hinterliessen keine schriftlichen Zeugnisse. Forscher unterscheiden verschiedene Komplexe an vier unterschiedlichen Stellen von Pantalica.  Gemeinsam ist ihnen, dass sie in den fünf, sechs Jahrhunderten ihrer Nutzung mehrfach und immer wieder genutzt wurden. Verschlossene Kammern, in denen bereits mehrere Tote bestattet waren, wurden für weitere Beisetzungen geöffnet. Als Archaeologen um 1910 mit der Erforschung des Höhenrückens begannen, fanden sie die Kammern, die heute leer sind, mit ein und sieben Toten beiderlei Geschlechts – zusammen mit den typischen Bronzezeit-Beigaben wie Tonkrügen, Bronze-Dolchen, Fibeln


Was es aber mit den Riten der Sikeler auf sich hatte, ihren Toten in den Hängen regelrecht Häuser hoch oben in den Felsen zu errichten so wie im Leben auf Erden, was sie bewog, ihnen Alltagsgegenstände mit in ihre letzten Wohnungen zu geben, dies wird ihr Geheimnis bleiben.






Was aus alldem wurde?
Die erste Kultur von Pantalica?
Etwa mit dem 7. Jahrhundert vor Christus endet die Nutzung der Grabkammern. Pantalica – oder wie immer der Name des Ortes gewesen sein mag, und seine Bewohner gerieten unter Druck und in die Konflikte der an der Ostküste städtegründenden Griechen. Vermutlich von Griechen aus Syrakus wurde die Stadt im 7. Jahrhundert zerstört.

Die zweite Kultur von Pantalica?Noch verschiedene Male wurde der Höhenrücken zwischen den beiden Flüßen Ort der Zuflucht. Die nächste große Besiedlung fand statt, als sich im 7. Jahrhundert Raubzüge der Araber mehrten. Und die frühchristlich Reströmisch-byzantinische Bevölkerung ebenfalls die Flucht ergriff. Sich landeinwärts auf den geschützten Höhenzügen niederließ. Und die Höhlen ein weiteres Mal besiedelte.

Pantalica heute?
Ein großer Naturpark, in dem der Seewind über die Canyons hinwegstreicht. Ein einsamer Fleck – für mich immer wieder ein Highlight Siziliens, nur etwa 50 Minuten von Siracusa und der Küste entfernt. 






Und für alle, die Fernweh & Meeres-Sehnsucht jetzt gleich befeuern wollen:




Was passiert, wenn wir unser Leben ändern?






Mare Più. 2016-05-08 20:00:00

















Was bringt, was kostet es, ein halbes Jahr Segeln zu gehen? Was findet, was verliert man dabei eigentlich? Ist „ein halbes Jahr Segeln“ nur ein Projekt wie jedes andere? Oder doch nicht? Hinterlässt es Spuren? Hat es tiefere Auswirkungen? Findet man wieder zurück in sein bisheriges Leben? Was wird aus der Beziehung?

Zwei Menschen geben sich im Mai 2014 eine halbjährige Auszeit auf See. Der eine segelte ein halbes Jahr in der Ostsee. Der andere im Mittelmeer. Der eine von Kiel aus in die Schären. Der andere vom slowenischen Izola ins südtürkische Antalya. Der eine ist Musiker. Der andere Verleger. Beide sind nicht auf der Jagd nach Rekorden, sondern nach „Zeit. Einsamkeit. Raum.“

Beide schreiben ein Buch über ihre Reise. Beide machen einen Film über ihre Reise. Warum segeln Menschen überhaupt los? Warum verändert eine halbjährige Auszeit für immer? Warum hinterlässt so etwas überhaupt einen tiefen Eindruck?

                                                                                                      Hier der Link zum Video-Interview.

Zwei Jahre später, im April 2016, treffe ich den Musiker Claus Aktoprak, um mit ihm über seinen halbjährigen Ostsee-Törn zu sprechen. Von Claus erfuhr ich erst, als ich bereits unterwegs war. Ich, der ich mit Rockmusik wenig anfangen konnte, vermutete hinter dem „Eigen-Slogan“ THE SAILING BASSMAN auf Claus‘ Blog www.luvgier.de einen Grenzgänger, einen hartgesottenen ganzkörpertätowierten Bassisten in schwarzem Leder. Als ich Claus zum ersten Mal kurz danach traf, stand mir etwas ganz anderes gegenüber als das. Ein sensibler Mann, den die gleichen Motive, die gleichen Fragen umtrieben wie mich. Claus ist alles andere als ein Grenzgänger. Wenn ich ihn beschreiben müsste, dann ist er ein Musiker, der wieder zurück wollte dorthin, wo wirklich Musik ist. Und nicht das Drumherum, in einer Organisation rund ums Medium „Musik“ sein Geld zu verdienen.

Was von Claus‘ und meiner Reise geblieben ist? Wie geht es uns heute damit, dass wir ausgeschert sind auf der Autobahn, kurz rechts rausgefahren sind und angehalten haben? Hat sich etwas verändert? Oder geht alles nahtlos weiter im Text, wie vorher auch?

                                                                                                     Hier der Link zum Video-Interview

Das Video-Interview beantwortet viele Fragen. So simple Fragen wie „Was kostet so eine Reise eigentlich?“ bis hin zu „Wie ist das Zurückkommen?“. Das „Wie klappt das in einer festen Beziehung, wenn der andere nicht mit will? Oder mit kann?“ Und nicht zuletzt: Wie verändert man sich, was gewinnt, was verliert man, wenn man sein angestammtes Zuhause verlässt?


Wer Lust hat auf mehr Antworten:
für den er selbst die Musik schrieb. Prädikat: Sehr empfehlenswert!
Zum Trailer von Thomas‘ Film. Hier!
           






Flüchtlingsschiffe.




Dienstag, 26. April 2016. Das Meer ist aufgewühlt, man sieht es durch den Bretterzaun auf der Pier. Seit ein paar Tagen weht es mit sechs, sieben Windstärken über die Südküste Siziliens, an der ich mit LEVJE im Hafen von Marina di Ragusa liege. Wenn Polarluft über Deutschland hinwegzieht, dann bläst es hier kurz danach aus Nordwest – so scheint es jedenfalls. Das Meer hat sein Türkis verloren, Grundseen haben den Boden aufgewühlt, nach zwei Tagen Starkwind ist das Meer schlammfarben und von weißer Gischt bedeckt, soweit das Auge reicht. Mein Windmesser zeigt in der Spitze 40 Knoten über dem Boden an. Während wir das Meer am Strand beobachten, sind Haare, Zähne, Ohren im Nu voller Sand. Arbeiten auf dem Boot ist ungemütlich: Selbst im Hafen, wo das Boot fest vertäut liegt und vor Wellen gänzlich geschützt ist, packen die Böen ein ums andere Mal LEVJE’s Rigg und drücken das Boot zur Seite. Feinmotorisches im Geschwanke erledigen ist meine Sache nicht. Sturmtage im Hafen.

Und weil der Segler nicht ruhen kann, fahren wir mit dem Wagen nach Pozzallo, etwa 20 Kilometer östlich Marina di Ragusa. Pozzallo ist ein Hafenstädtchen mit fast 20.000 Einwohnern. Vom Hafen gehen regelmässig Fähren nach Malta, aber jetzt liegt das große Areal verlassen im Licht des stürmischen Mittags. Starkwind, der mir beim Öffnen die Autotüre aus der Hand reißt, während auf der anderen Seite nur ein aubergine-farbener Bus steht, ein modernes Teil mit jeglichem Reisekomfort. Er ist besetzt überwiegend mit jungen dunkelhäutigen Männern, der aubergine-farbene Bus. Und sähen sie nicht so erschöpft aus, hätten sie nicht alle ein und dasselbe Krankenhaus-Handtuch um Kopf, um Nacken gelegt, man könnte tatsächlich denken: Der Kegelclub von Marsala macht einen Ausflug im Reisebus nach Pozzallo. Aber so ist es nicht. Die Insassen sind Flüchtlinge aus Eritrea. 308 Männer, Frauen und Kinder, die an diesem Tag bei sechs bis sieben Windstärken aus Nordwest das Meer gegenan überquerten. Und hier irgendwo an einem der langen Strände vom schlammfarbenen Meer an Land gespült wurden.




Was heute hier passiert, passiert seit einigen Jahren in Pozzallo. Regelmäßig landen hier Flüchtlingsboote, vielleicht weil es von hier aus nur 50 Seemeilen bis nach Malta sind und knappe
200 bis zur Küste Tunesiens. Und weil die Behörden nicht wissen, wohin mit jedem übriggebliebenen Flüchtlingsschiff, wird einfach eine Nummer draufgesprüht. Und sie werden hier in einer Ecke des weitläufigen, verlassenen Hafengelände Pozzallos einfach abgelegt – wie in anderen Häfen des südlichen Sizilien auch. Niemand kümmert sich darum. Es sind: Die vergessenen Schiffe.



Es sind zumeist stabile Fischerboote, feste Kähne, von denen mancher seine besten Tage lange hinter sich hat. Manche von ihnen wurden, um möglichst viele Menschen darauf unterzubringen, eigens für diesen Zweck umgebaut. Die Schlepper haben alle hinderlichen Aufbauten entfernt, um ein glattes Deck zu schaffen, auf dem viele Menschen transportiert werden können. Statt des Auspuffs ragt nur noch ein Ofenrohr aus dem übrig gebliebenen Rest des Deckshauses. Es sind auch keine kleinen Schiffe – Flüchtlingstransport in dieser Spielart ist offensichtlich Massengeschäft.



Eine dicker Deckel, der den Laderaum verschließt, in dem wer-weiß-wieviele Menschen während der 2-4 Tage dauernden Überfahrt kauern. Selbst für den Steuermann ist kein Deckshaus mehr da, alles ist abmontiert, am Heck ist nur noch eine Pinne mit langem Arm erkennbar.



Auch ein Schlauchboot liegt auf dem Schiffsfriedhof von Pozzallo. Es ist das Teil mit der Nummer 166 – oder das, was nach der Überfahrt noch übrig ist. Ein über 10 Meter langes Schlauchboot, dem längst alle Luft entwich, der Boden aus einfachen Sperrholzplatten, aus denen Unkraut wuchert. Wer weiß, wie viele Menschen auf so einem Gefährt das Meer überquerten, und bei was für einem Wetter, im langen zurückliegenden Winter.

Natürlich sind, wie das auf einem Schiffsfriedhof üblich ist, die Schiffe längst ausgeweidet. Alles, was nach der Ankunft irgendwie verwendbar, verwertbar war, wurde entfernt, kaum ein Schiff, an dem noch ein Steuerrad ist, Edelstahl haben die Schiffe in den Ländern, aus denen sie kommen, sicher nie gesehen. Nur weniges blieb an Bord. Doch dies wenige ist ergreifend, weil es die persönliche Habe von Flüchtlingen ist, die sie zurückliessen:



Der Schuh eines Mannes und eines Kindes, die auf den Planken rotten. Vater und Sohn?

Ein kleiner Rucksack mit einer Zahnbürste darin:



Die Zahnpastatube mit anderen Schuhen. Zwei BHs. Ein Spielwürfel. Ein Suppenlöffel. Gegenstände, die eine Geschichte darüber erzählen, was jemand mitnimmt, wenn er nichts mehr mitnehmen KANN. Was würde jeder von uns auswählen, einpacken, wenn es plötzlich hieße: „Nimm alles Wichtige mit. Heute Abend. Aber es muss in einen Rucksack passen.“ Was nähme man mit? Zahnpasta?



Es sind ihre Habseligkeiten, die die Flüchtlinge beim Ankommen an Bord ließen, die mehr über ihre Schicksale erzählen als manches Andere. Alte Wasserflaschen. Schlafsäcke. Und Berge von Schwimmwesten, zumindest das. Immer wieder sind Flüchtlinge in Zeitungen zu sehen, auf Gefährten, die kaum schwimmfähig scheinen. Doch Schwimmwesten tragen die meisten. Gibt es einen Gott, der vor der Abreise Schwimmwesten verteilt? Gibt es ein multinationales Amt, das dafür sorgt, dass jeder der Flüchtlinge zumindest eine Schwimmweste hat, wie es die Gesetze auf See vorschreiben? Gibt es im Auswandererland eine geheime Behörde, die wegschaut, wenn Flüchtlingsboote „umgebaut“, vorbereitet werden? Aber hinschaut, damit jeder eine Rettungsweste trägt? Gelten irgendwie doch noch Vorschriften dort, wo Menschen alles wagen, sich ins Ungewisse begeben, jedes Risiko auf sich nehmen, nur um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können? Es gibt so vieles, was ich an diesen Geschehnissen nicht verstehe.



Am Dienstag, den 26. April 2016 kamen in Pozzallo, Provinz Ragusa, Italien, 308 Flüchtlinge an. Einen Teil von ihnen habe ich in dem aubergine-farbenen Bus gesehen. Insgesamt 177 Männer. 72 Frauen, darunter sechs schwangere. 46 Jungen. 13 Mädchen. 100 von ihnen wurden weiter nach Trapani verbracht, 208 blieben zunächst im Erste Hilfe-Zentrum in Pozzallo. Es hat eigentlich nur Platz für 180 Menschen.

Anders als zu erwarten, ist der Zeitungsartikel, der am folgenden Tag in LA SICILIA erschien, voller Anteilnahme für die Not der Flüchtlinge – obwohl die Bevölkerung Italiens genauso wie die Griechenlands oder Spaniens längst der Probleme und der Last überdrüssig sein müsste, die sie seit bald zwei Jahrzehnten trägt.

Vielleicht ist jenes Europa, von dem wir träumen, doch spürbar, hier in Italien. In Pozzallo.







Was wirklich im Gewitter passiert – 
Herausgegeben vom Autor von Mare Piu: 


40 Segler berichten ihre Erfahrungen.
In 8 Revieren.
Auf 272 Seiten.
Mit über 100 Fotos.
Mit mehr als 100 Learnings über richtiges Verhalten im Gewitter.

Live-Interview im hessischen Rundfunk ansehen?
Weiterlesen über Gewitter hier auf MARE PIU: 

                       





Mare Più. 2016-04-29 00:07:00

 
Weil das mit dem langsamen Reisen etwas ist, was gelernt und gekonnt und gelebt sein will, habe ich heute einige Gedanken darauf verschwendet, wie ich vom Flughafen Catania nun eigentlich an Siziliens Südküste komme, dorthin, wo mein Schiff LEVJE im Hafen von Marina di Ragusa liegt. Am schnellsten ginge das mit den etwas mehr als 100 Kilometern natürlich mit einem Leihwagen – da wäre ich ganz schnell, in eineinhalb Stunden, im Süden am Meer. Option 2: Ich nehme den Bus. Der braucht drei Stunden – und für die letzten zehn Kilometer von Donnalucata bis nach Marina di Ragusa: Da müsste ich mir dann etwas ausdenken. Taxi? Trampen? Mit 56? Ob mich jemand mitnähme? Das Leben kann so spannend sein. Option 3: Ich fahre mit dem Bus nach Siracusa. Und nehme von dort das Bimmelbähnchen, bis nach Scicli. Etwa fünf Stunden. Und von da weiter? Siehe Option 2. Und weil „Fahren mit altmodischen Zügen“ durch vergessene Landschaften eine meiner heimlichen und ungelebten Leidenschaften ist, neige ich eher zur fünfstündigen Reise. Stelle mir vor, wie das Bähnchen jetzt im späten April durch duftende Orangenhaine Siziliens gleitet. An den Flüssen Siziliens die karstige Landschaft hinauf. Und dann in langer Neigung ans Meer hinunter. Nein. Allein mit diesen Gedanken ist meine Entscheidung  schon gefallen. Am Bahnhof von Siracusa werde ich nicht enttäuscht: Da steht, was ich mir erwartet hatte, neben einer alten italienischen Dampflok: Ein von FIAT gebauter Triebwagen. Verbeult. Alt. Ehrwürdig. Alles andere als schön & modern. Nicht mehr als ein dieselbetriebenes Wägelchen, das schon alt war, als ich jung war. Die Fensterscheiben sind blind und ungepflegt – durchschauen kann man nicht. Was aber gar nichts macht, denn man kann mit ihnen tun, was einem die Bundesbahn mittlerweile überall versagt: Man kann die Fenster öffnen. und damit weiteren Leidenschaften ungezügelt ihren Lauf lassen: Nämlich den Kopf während der langen Fahrt aus dem Fenster hängen lassen, den Wechsel von Licht und Schatten, Wärme und Kälte, von hunderterlei Farben und Formen auf der Haut spüren, durch Gerüche und Düfte Siziliens reisen. „Landschaft in 3D statt Klimaanlage“, die mal wieder ausgefallen ist. „Wir bitten dies zu entschuldigen.“ Schon fünf Minuten vor der Abfahrt drängelt die Durchsage am kleinen Bahnhof von Siracusa. Es ist einer von drei Zügen, der in diesen Stunden abgeht, also nimmt man hier die Sache schon ernst. Schließlich könnte ja einer der 13 Mitreisenden die ernste Angelegenheit der Abfahrt auf die leichte Schulter nehmen und nicht schon fünf Minuten vorher auf seinem Platz sitzen. Noch eine Durchsage: „Il treno per Pozzalo – Scicli – Modica – Ragusa …“ ja ja: ich steig ja schon ein und lass‘ die Dampflok Dampflok sein!
  Und kaum dass ich sitze, geht es auch schon los. Der Diesel im Wägelchen beginnt zu wummern. Mit einem Ruck setzt sich das Bähnchen in Bewegung, rumpelt langsam über die Weichen hinaus in die große weite Welt des östlichen Sizilien.

Avola, erster Halt. Der Ort, der dem berühmten Nero d’Avola den Namen lieh, jenem Rotwein, den man überall in Süditalien trinkt. Nero d’Avola, der – so weiß es Wikipedia – auch „Principe Siciliano“ genannt wird, „sizilianischer Fürst“. Seit ich neulich für mich die Insolia-Rebe entdeckt habe hier auf Sizilien und seitdem zum Fisch nichts anderes mehr bestelle – es gibt sie nämlich auch als Frizzantino, herrje, mit kleinen Bläschen, drin baden könnte ich… aber … wenden wir uns lieber wieder der Fahrt zu. Ruckelnd, rumpelnd, schmetternd, schmatzend setzt sich mein Wägelchen am Bahnhof von Avola in Bewegung, ein tiefes Schnaufen, ein kreischendes Zirpen und Sägen von Stahl auf Stahl in den Weichen, ein Tuten an einem Bahnübergang, das rhythmische Schmettern des Diesels steigert sich, als der Zug beschleunigt. Langes Tuten, irgendwie herrlich un-dominant. Nein dominant ist hier nichts, außer der chicen blauen Uniform des TRENITALIA-Kontrolleurs. Wieder ein langes Tuten im Tal, das voller Orangenbäume steht, die Hänge hinauf Olivenhaine.   Nächster Halt: Noto. „Citta per la pace e i diritti humani“, steht auf dem Bahnhofsschild. Aber in Noto, das ich nun wirklich kenne, in der alten Barockstadt, waren die Dinge auch schon mal besser. Oh ja: der Bahnhof hat mindestens fünf Gleise und drei Bahnsteige. Aber alles ist überwuchert hier von schnell schießenden Grashalmen und dem jetzt im April überall blühenden roten Mohn, die Gleise lang nicht mehr benutzt, hier unten setzt sich fort, was oben längst zu besichtigen ist in der Barockstadt, die jeder Führer anpreist ob ihres barocken Stadtbildes: Die Wirklichkeit ist, dass Noto das „alte“ Sizilien ist. Das Sizilien der achziger Jahre, der Hoffnungslosigkeit- An jedem dritten Haus das obligate „Vendesi“-Schild,  „Zu Verkaufen“ also ein Palazzo nach dem anderen. Wenn jetzt einer käme mit einer Vision, was man aus dem barocken Städtchen machen könnte samt dem Knast mit den verbauten Fenstern unmittelbar am Marktplatz: Wenn jetzt einer käme mit einer klugen Idee, was man daraus machen könnte aus dieser einzigartigen Kulisse: es gäbe kein Halten mehr.   Die dreizehn Mitreisenden hängen träge in den dunkelblauen Sitzen, Dösen vor sich hin oder schlafen, Köpfe nicken im Takt der Schienen, Ta-tam Ta-tam. Ta-tam Ta-tam. Köpfe, die langsam Richtung Brust kippen. Rosolino. Auch hier überwucherte Gleise, der Mohn wächst üppig zwischen den Schwellen.     Die Hand des Lokführers ein paar Meter vor mir, die er aus dem Zug in den Wind hält. Es ist eine junge Hand, die eines verheirateten Mannes. Er trägt einen Ring am Finger, nein, genauer: gleich zwei? Ein junger Mann, der schon Wittwer ist? Der, weil das Schicksal ihn schlug mit Sorge, Gram um eine kranke Frau, nicht weiter kam im Leben als genau bis hierher, in das Bähnchen, das jeden Tag mehrfach zwischen Siracusa und Ragusa verkehrt? Und wenn: Vielleicht ist er ja genau damit glücklich, überglücklich? Nicht die große Bühne, die ihn lockt, nein, sondern genau dies hier: Die kleine Bimmelbahn jeden Tag entlang.   Ispica. Alte Schienen am Rand, rostige Schienen, aufeinander gestapelt, dahinter Berge von Schotter, Die Kisten der Tomaten und Orangen-Kooperative, deren Plastik-Gewächshäuser sich am eingleisigen Schienenstrang entlangziehen. Kornfelder, die bereits jetzt im April goldgelb gereift sind, Hafer, der zwischen uralten Olivenbäumen steht und die Köpfe hängen lässt, als wäre es Anfang August. Manche Felder bereits jetzt Ende April abgeerntet.  
 
Neben der eingleisigen Strecke kommt das Meer in Sicht. Pozzallo. Hafenstadt. Bahnhof und Bahnsteig sind mit Grafiti beschmiert, die am Bahnhof liegenden Industriegebäude produzieren längst nichts mehr. Die Alcoholfabrik der „Cavalieri Franceso e Enrico Giufreddi“ ist Kind eines anderen Jahrhunderts, einer anderen Epoche, ihre Reste stehen heute am Bahngleis, man muss findiger sein heute als einfach nur Alcohol zu brennen. Die Fabrik ist verwaist samt Schornstein, die Fenster eingeschlagen. Das Dach längst weg. Aber dafür ist auf den Bahnsteig genau vor meinem Fenster in dicker dicker grüner Farbe hingepinselt:   „Auguri per la mia piccola con gli occhi piu dolci“: „Alles Gute, Du meine Kleine mit den süßesten Augen der Welt, für Dich.“  
 
Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Hinter Sampieri, einem gottverlassenen Bahnhof irgendwo in der Pampa, wendet sich der Zug ab von der Küste, vom Meer, das jetzt breit, breit  vor mir liegt. Dreht einwärts Richtung Binnenland, Richtung Scicli und Modica, der Diesel schmettert die Hügel hinauf, blaue Vorhänge knattert im Wind wie tibetanische Gebetsfahnen, die Reisenden stehen am Fenster, schauen hinaus, eine kleine bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft, die Hand des Lokführers, die aus dem Zug hängt und allen voranfährt.
 
 
Scicli. Deutschen Zungen ein Rätsel, wie man es ausspricht – aber dabei doch so einfach: „Schieckli“. Meine Fahrkarte geht nur bis hierher, ich überlege, ob ich noch weiterfahren soll, die schönen Orte kommen erst noch: Modica. Stadt in den Hügeln. Und jeder zweite Laden bietet hier die Schokolade aus Modica an, dunkle herbe Schokokade voller Kakao, aber mit Rohrzucker angerührt, der knirschend zwischen den Zähnen hängebleibt. Oder Ragusa, der Endpunkt, hoch oben auf den Hügeln. Um Ragusa zu erreichen, fährt der Zug 270 Grad um einen Berg herum hinauf, das wollte ich mir immer mal ansehen, aber für heute muss ich raus. Von Scicli nach Marina di Ragusa sind es gerade eben 17 Kilometer, kein Bus, kein Taxi – mal sehen.   Und während ich mich noch umsehe, wie es jetzt mit mir weitergehen könnte in Scicli, während ich dabei bin, den Mitreisenden vom anderen Fenster, der sich genauso wie ich nicht sattsehen konnte während der Fahrt und ebenfalls in Scicli ausstieg, während ich all dies bedenke: Blicke ich zurück zum Bahnhof. Mein Bähnchen steht verlassen da. Der Lokführer ist ausgestiegen, ich sehe ihn, wie er neben den Gleisen ein kleines Gärtchen voller Orangen- und Apfelsinenbäumchen betritt. Und voller Lust hochspringt, und die beringte Hand nach den Orangenfrüchten greift, sich eine Orange nach der anderen vom Baum holt, eine, noch eine. Und dann schnellen Schrittes zurück zu seinem Zug läuft, der sich kurz darauf schmetternd hügelauf wieder in Bewegung setzt.   Nein. Es braucht wohl wirklich nicht viel, um glücklich zu sein. Als Lokführer. In Scicli.  
Und für alle, die Fernweh & Meeres-Sehnsucht jetzt gleich befeuern wollen:
Was passiert, wenn wir unser Leben ändern?