Archiv der Kategorie: Mare Più

Einhand um Sizilien, Teil II. Der Südwesten. Licata. San Leone. Agrigento. Porto Empedocle.

In lockerer Reihenfolge erzähle ich in dieser Artikelserie meine Reise 
um Sizilien auf meiner 31-Fuß-Yacht LEVJE im Sommer 2016. 
Alle Artikel dieser Reihe finden Sie auf click HIER.



Das nautische Sizilien hat viele Gesichter. Nicht jedes davon ist schön.

Von Malta nach Licata auf Sizilien zurückgekehrt, hält es mich nicht im Hafen. Zwar dauert es einen Tag, bis ich wieder von maltesischem auf italienisches Internet umgestellt habe (schon merkwürdig: einen Tag ‚frisst‘ die Internet-Organisation beim Grenzübertritt immer. Warum eigentlich?), aber danach: Nichts wie raus. Zwar fegt der Wind aus Nordwest die Küste entlang, aber am Ende siegt die Unvernunft: Ich lege am frühen Nachmittag ab. Reffe noch im Hafen aufs zweite Reff. Und dann: Los gehts!

Aber Hand aufs Herz: Das zu machen ist wirklich reine Unvernunft.
Erstens wehen draußen 6bft.
Zweitens genau die Küste entlang. Und von dort, wo ich doch hin will.
Drittens wäre der nächste Hafen San Leone (Agrigento). Was ganz ohne aufkreuzen schon fünf Stunden entfernt wäre.
Viertens käme ich mit Aufkreuzen frühestens neun Uhr Abends an.
Fünftens: … ach was soll’s.

Also gehe ich raus. Lasse LEVJE hoch am Wind laufen, um auszuprobieren, wie sie sich so verhält. Es herrscht ziemlich Seegang. Wellen, die dumpf dröhnend an LEVJE’s Bordwand brechen. Im Nu bin ich nass vom überkommenden Wasser – aber trotzdem macht das alles Riesen-Spaß. Eineinhalb Stunden lasse ich LEVJE hinauslaufen ins große Blau, hinüber nach Malta wäre heute ein echtes Vergnügen mit halbem Wind. Aber da bin ich ja gestern erst herüber motort. Grundregel für Malta scheint zu sein wie folgt: Hinüber? Einfach. Retour? Schwierig.



Als ich meinen Wendepunkt erreiche und meine erste Wende hingelegt habe, stelle ich fest, dass wir auf die Strecke nur wenige Seemeilen nach Nordwest gutgemacht haben. Wind, vor allem Welle ist zu stark, die Abdrift ist zu groß. Es dürfte also Mitternacht werden, bis ich San Leone erreiche. Nein, das lassen wir lieber. Ich falle ab. Mit halbem Wind spurtet LEVJE zurück Richtung Hafen Licata, dass es reine Freude ist. Das bräuchte ich mal an dieser Küste: 5 bft. aus Südsüdwest, um mit halbem Wind Richtung Westspitze Siziliens zu schießen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Der Nordwest: Er ist und bleibt an der Südküste Siziliens in den Sommermonaten der bestimmende Faktor. Weil mich der Hafen nicht lockt, ankere ich in dessen Lee, draußen, allein, auf Reede. Und über mir entfaltet sich die ganze Pracht eines sizilischen Abendhimmels, für die ich sonst wie weit laufen würde. Und die mich noch öfter beschäftigen wird.



Natürlich herrscht am nächsten Tag Windstille. Nix geht. Ich motore also brav die fünf Stunden nach Westnordwest, vorbei am Castello di Montechiaro, das irgendwie irisch von seinem Felsen herunter grüßt. Nördlich davon dreht die Küste nach Nord am Capo Finanza – heißt wirklich so. Kostet auch nix, dran vorbeizusegeln.

Es ist später Nachmittag, als ich San Leone erreiche. Ein moderner Sportboothafen, scheint es. Meine Seekarte auf dem iPAD zeigt in NAVIONICS im und vor dem Hafen ein Dreieck mit Ausrufezeichen. Als ich drauf klicke, erhalte ich den dürren Hinweis „Caution Area“. Und: „See Sailing Directions“.  Etwas kryptisch. Die Einfahrt zwischen den beiden Steinmolen ist breit. Sieht gut aus. Angler sitzen friedlich auf den Molen. Halten ihre Ruten ins Wasser. Sizilischer Spätnachmittagsfrieden, denke ich. Und schon im ersten Anlauf auf die breite Zufahrt: Rrrrrumms! LEVJE ist genau in der Hafeneinfahrt auf Grund gelaufen. Irgendwas Hartes, Steinernes. Dabei liegt keine Markierung aus. Keine Boje zeigt Gefahr an. Und während ich mit meinen fast vier Tonnen Schiff fluchend auf Grund sitze: Tun die Angler am Ufer keinen Mux. Und starren weiter konzentriert auf ihre Ruten ins Wasser.

Mühselig motore ich LEVJE wieder nach hinten zurück, komme frei, während mir hundertfünfzig Meter vor mir der Hafenmeister zeigt, dass er eine Grundleine in seinem Hafen für mich hat.

Also nochmal. Langsam nähere ich mich wieder der Einfahrt. Rrrrumms. Wieder ein Knall. Wieder ein Schlag. Wieder sitzen wir fest. Gottseidank bin ich diesmal nur mit eineinhalb Knoten unterwegs gewesen, habe mich rangetastet. Aber das Ergebnis ist dasselbe. Wieder hängt LEVJE fest, obwohl sie ja nur 1,60 Tiefgang hat und nichts in der Fußballplatzbreiten Einfahrt darauf hinweist, dass hier eine Untiefe ist. Wieder fluche ich. Mehr aus Sorge um mein Schiff, das bei Derartigem ernsthaften Schaden nehmen kann. Ich stürze nach unten, zitternd vor Sorge, hebe alle Bodenplatten an. Alles trocken. Kein Wasser. Die Kielbolzen sind fest. „LEVJE, tut mir echt leid. Ich hab so Scheiße auf Dich aufgepasst…“

Von den Anglern regt sich keiner. Als wäre ich – nicht da. Auch der Hafenmeister hält nur interessiert seine Muring in der Hand. Wo komme ich hier bloß rein?

Wieder mühsam freikommen. Mein dritter Anlauf. Diesmal auf zwei Drittel nördlich. Rrrrrrumms. Zum dritten Mal aufgelaufen. Der Hafen scheint auf zwei Dritteln seiner Einfahrt unpassierbar zu sein – und niemand findet es für nötig, irgendeine Markierung auszubringen. Ich koche vor Wut, Flüche prasseln aus mir. Stünde jetzt einer vor mir…

Erst im vierten Anlauf schaffe ich – ganz an die nördliche Molenkante geklemmt – die Zufahrt. Hier hat der Hafen über drei Meter Wassertiefe. Was erstmal einer wissen muss!

„Ich sah, dass Du Probleme hattest“, sagt Giovanni, der Hafenmeister, als ich nach unten stürze, um mein Schiff gründlich zu untersuchen, ob sie nicht doch irgendeinen Schaden davontrug, kaum, dass die Festmacher steif sind. Nein. Alles heile. Zart streichle ich meinem tapferen Schiff über den Mastfuß. So weit hat sie mich getragen. In die Türkei. Und von der Türkei durchs halbe Mittelmeer. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich jetzt Bruch gebaut hätte.

Doch nun Giovanni. Der ist eigentlich ein netter junger Kerl. Aber er hat das Pech, der einzige Mensch zu sein, der nun gerade vor mir steht. Erst weise ich höflich darauf hin, ob schon mal jemand daran gedacht hätte, die Untiefe mit roten Bojen zu markieren?

„Rote Bojen?“ Giovanni fragt das so ungläubig, als hätte ich ihm eben vorgeschlagen, auf einem Sack Rote Beete (italienisch: „Barbabietola“) den Atlantik zu überqueren.

Als er mich dann darüber informiert, dass der Hafen die Nacht 45 € kosten würde, Toiletten und Duschen aber gerade – leider! – nicht funktionieren würden, platzt mir endgültig der Kragen.

Ich möchte nicht wiedergeben, was der arme Giovanni von mir und seinem Sch…-hafen zu hören bekam. Ich warf einfach meine Leinen los, und steuerte meine arme LEVJE raus, weg von diesem Unglückshafen und diesem Unglücksraben.

Es war halb sieben geworden. Die Sonne sank. Aber eine Stunde weiter westlich lag der Hafen von Porto Empedocle, der Industriehafen von Agrigento. DA MUSSTE zumindest die Hafeneinfahrt frei sein. Und irgendein Eckchen würde ich da schon finden, irgendwo in der Dämmerung zwischen Frachtern und Fischern. Als wollte ich wieder etwas gut machen, motorte ich  LEVJE ganz sacht in die untergehende Sonne. Und gerade, als die Sonne hinter den Bergen versank, liefen wir hinein in den weiten Industriehafen. Drehten langsam eine weite Kurve, dorthin, wo hinter zwei Molenstücken der enge innere Stadthafen mit der Fährpier lag.



Kein schlechtes Hilfsmittel für die erste Orientierung in italienischen Häfen bietet die Website www.cruiserswiki.org. Doch von den über 100 Liegeplätzen, die mir die Seite für Porto Empedocle versprochen hatte, war so gut wie nichts zu erkennen. Eine Telefonnummer war angegeben, von Giuseppe Filippi, dem Hafenmeister. Aber der ging nicht ran. Langsam drehte ich auf die Stege in der Nordwest-Ecke zu.



Da winkte ein Mann, hielt eine Grundleine in der Hand. Es war Giuseppe, mit dem zusammen ich LEVJE in einem Winkel seines Steges vertäute, während sich über mir der sizilische Abendhimmel in ganzer Pracht entfaltete. Ein Feuerwerk von Abendröte am Himmel, während gerade die Fähre aus Malta in den Innenhafen gleitet und wenige Meter vor LEVJE dreht, um kunstvoll auf engem Raum ihren Rückwärtsanleger zu vollführen.

Das nautische Sizilien: Es hat viele Gesichter. Nicht jedes davon ist schön. Aber viele.







Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015













Einhand um Sizilien. Der Südwesten. Licata. San Leone. Agrigento. Porto Empedocle.

In lockerer Reihenfolge erzähle ich in dieser Artikelserie meine Reise 
um Sizilien auf meiner 31-Fuß-Yacht LEVJE im Sommer 2016. 
Alle Artikel dieser Reihe finden Sie auf click HIER.



Das nautische Sizilien hat viele Gesichter. Nicht jedes davon ist schön.

Von Malta nach Licata auf Sizilien zurückgekehrt, hält es mich nicht im Hafen. Zwar dauert es einen Tag, bis ich wieder von maltesischem auf italienisches Internet umgestellt habe (schon merkwürdig: einen Tag ‚frisst‘ die Internet-Organisation beim Grenzübertritt immer. Warum eigentlich?), aber danach: Nichts wie raus. Zwar fegt der Wind aus Nordwest die Küste entlang, aber am Ende siegt die Unvernunft: Ich lege am frühen Nachmittag ab. Reffe noch im Hafen aufs zweite Reff. Und dann: Los gehts!


Aber Hand aufs Herz: Das zu machen ist wirklich reine Unvernunft.
Erstens wehen draußen 6bft.
Zweitens genau die Küste entlang. Und von dort, wo ich doch hin will.
Drittens wäre der nächste Hafen San Leone (Agrigento) ohne aufkreuzen schon fünf Stunden entfernt.
Viertens käme ich mit Aufkreuzen frühestens neun Uhr Abends an.
Fünftens: … ach was soll’s.

Also gehe ich raus. Lasse LEVJE hoch am Wind laufen, um auszuprobieren, wie sie sich so verhält. Es herrscht ziemlich Seegang. Wellen, die dumpf dröhnend an LEVJE’s Bordwand brechen. Im Nu bin ich nass vom überkommenden Wasser – aber trotzdem macht das alles Riesen-Spaß. Eineinhalb Stunden lasse ich LEVJE hinaus laufen ins große Blau, hinüber nach Malta wäre heute ein echtes Vergnügen mit halbem Wind. Aber da bin ich ja gestern erst herüber motort. Grundregel scheint zu sein wie folgt: Hinüber? Einfach. Retour? Schwierig.



Als ich meinen Wendepunkt erreiche und meine erste Wende hingelegt habe, stelle ich fest, dass wir auf die Strecke nur wenige Seemeilen gutgemacht haben. Wind, vor allem Welle ist zu stark, die Abdrift ist zu groß. Das dürfte also Mitternacht werden, bis ich San Leone erreiche. Nein, das lassen wir lieber. Ich falle ab. Mit halbem Wind spurtet LEVJE zurück Richtung Hafen Licata, dass es reine Freude ist. Das bräuchte ich mal an dieser Küste: 5 bft. aus Südsüdwest, um mit halbem Wind Richtung Westspitze Siziliens zu schießen. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Der Nordwest: Er ist und bleibt an der Südküste Siziliens in den Sommermonaten der bestimmende Faktor. Weil mich der Hafen nicht lockt, ankere ich in dessen Lee, draußen, allein, auf Reede. Und über mir entfaltet sich die ganze Pracht eines sizilischen Abendhimmels, für die ich sonst wie weit laufen würde. Und die mich noch öfter beschäftigen wird.



Natürlich herrscht am nächsten Tag Windstille. Nix geht. Ich motore also brav die fünf Stunden nach Westnordwest, vorbei am Castello di Montechiaro, das irgendwie irisch von seinem Felsen herunter grüßt. Nördlich davon dreht die Küste nach Nord am Capo Finanza – heißt wirklich so. Kostet auch nix, dran vorbeizusegeln.

Es ist später Nachmittag, als ich San Leone erreiche. Ein moderner Sportboothafen, scheint es. Meine Seekarte auf dem iPAD zeigt in NAVIONICS im und vor dem Hafen ein Dreieck mit Ausrufezeichen. Als ich drauf klicke, erhalte ich den dürren Hinweis „Caution Area“. Und: „See Sailing Directions“.  Etwas kryptisch. Die Einfahrt zwischen den beiden Steinmolen ist breit. Sieht gut aus. Angler sitzen friedlich auf den Molen. Halten ihre Ruten ins Wasser. Sizilischer Spätnachmittagsfrieden, denke ich. Und schon im ersten Anlauf auf die breite Zufahrt: Rrrrrumms! LEVJE ist genau in der Hafeneinfahrt auf Grund gelaufen. Irgendwas hartes, Steinernes. Dabei liegt keine Markierung aus. Keine Boje zeigt Gefahr an. Und während ich mit meinen fast vier Tonnen Schiff fluchend auf Grund sitze: Tun die Angler am Ufer keinen Mux. Und halten weiter konzentriert ihre Ruten ins Wasser.

Mühselig motore ich LEVJE wieder nach hinten zurück, während mir hundertfünfzig Meter vor mir der Hafenmeister zeigt, dass er eine Grundleine in seinem Hafen für mich hat.

Also nochmal. Langsam nähere ich mich wieder der Einfahrt. Rrrrumms. Wieder ein Knall. Wieder ein Schlag. Wieder sitzen wir fest. Gottseidank bin ich diesmal nur mit eineinhalb Knoten unterwegs gewesen, habe mich rangetastet. Aber das Ergebnis ist dasselbe. Wieder hängt LEVJE fest, obwohl sie ja nur 1,60 Tiefgang hat und nichts in der Fußballplatzbreiten Einfahrt darauf hinweist, dass hier eine Untiefe ist. Wieder fluche ich. Mehr aus Sorge um mein Schiff, das bei derartigem ernsthaften Schaden nehmen kann. Ich stürze nach unten, zitternd vor Sorge, hebe alle Bodenplatten an. Alles trocken. Kein Wasser. Die Kielbolzen sind fest. „LEVJE, tut mir echt leid. Ich hab so Scheiße auf Dich aufgepasst…“

Von den Anglern regt sich keiner. Als wäre ich – nicht da. Auch der Hafenmeister hält nur interessiert seine Muring in der Hand. Wo komme ich hier bloß rein?

Wieder mühsam freikommen. Mein dritter Anlauf. Diesmal auf zwei Drittel nördlich. Rrrrrrumms. Zum dritten Mal aufgelaufen. Der Hafen scheint auf zwei Dritteln seiner Einfahrt unpassierbar zu sein – und niemand findet es für nötig, irgendeine Markierung auszubringen. Ich koche vor Wut, Flüche prasseln aus mir. Stünde jetzt einer vor mir…

Erst im vierten Anlauf schaffe ich – ganz an die nördliche Molenkante geklemmt – die Zufahrt. Hier hat der Hafen über drei Meter Wassertiefe. Was erstmal einer wissen muss!

„Ich sah, dass Du Probleme hattest“, sagt Giovani, der Hafenmeister, als ich nach unten stürze, um mein Schiff gründlich zu untersuchen, ob sie nicht doch irgendeinen Schaden davontrug, kaum, dass die Leinen fest sind. Nein. Alles heile. Zart streichle ich meinem tapferen Schiff über den Mastfuß. So weit hat sie mich getragen. In die Türkei. Und von der Türkei durchs halbe Mittelmeer. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich jetzt Bruch gebaut hätte.

Doch nun Giovanni. Der ist eigentlich ein netter junger Kerl. Aber er hat das Pech, der einzige Mensch zu sein. Der nun vor mir steht. Erst weise ich höflich darauf hin, ob schon mal jemand daran gedacht hätte, die Untiefe mit roten Bojen zu markieren?

„Rote Bojen?“ Giovanni fragt das so ungläubig, als hätte ich ihm eben vorgeschlagen, auf einem Sack Rote Beete (italienisch: „Barbabietola“) den Atlantik zu überqueren.

Als er mich dann darüber informiert, dass der Hafen die Nacht 45 € kosten würde, Toiletten und Duschen aber gerade – leider! – nicht funktionieren würden, platzt mir endgültig der Kragen.

Ich möchte nicht wiedergeben, was ich der arme Giovanni von mir und seinem Sch…-hafen zu hören bekam. Ich warf einfach meine Leinen los, und steuerte meine arme LEVJE raus, weg von diesem Unglückshafen und diesem Unglücksraben.

Es war halb sieben geworden. Die Sonne sank. Aber eine Stunde weiter westlich lag der Hafen von Porto Empedocle, der Industriehafen von Agrigento. DA MUSSTE zumindest die Hafeneinfahrt frei sein. Und irgendein Eckchen würde ich da schon finden, irgendwo in der Dämmerung zwischen Frachtern und Fischern. Als wollt wieder etwas gut machen, motorte ich  LEVJE ganz sacht in die untergehende Sonne. Und gerade, als die Sonne hinter den Bergen versank, liefen wir hinein in den weiten Industriehafen. Drehten langsam eine weite Kurve, dorthin, wo hinter zwei Molenstücken der enge innere Stadthafen mit der Fährpier lag.



Kein schlechtes Hilfsmittel für die Orientierung in italienischen Häfen bietet die Website www.cruiserswiki.org. Doch von den über 100 Liegeplätzen, die mir die Seite versprochen hatte, war so gut wie nichts zu erkennen. Eine Telefonnummer war angegeben, von Giuseppe Filippi, dem Hafenmeister. Aber der ging nicht ran. Langsam drehte ich auf die Stege in der Nordwest-Ecke zu.



Da winkte ein Mann, hielt eine Grundleine in der Hand. Es war Giuseppe, mit dem zusammen ich LEVJE in einem Winkel seines Steges vertäute, während sich über mir der sizilische Abendhimmel in ganzer Pracht entfaltete. Ein Feuerwerk von Abendröte am Himmel, während gerade die Fähre aus Malta in den Innenhafen gleitet und wenige Meter vor LEVJE dreht, um kunstvoll auf engem Raum ihren Rückwärtsanleger zu vollführen.

Das nautische Sizilien: Es hat viele Gesichter. Nicht jedes davon ist schön. Aber viele.







Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015













Mare Più. 2016-07-03 18:51:00










Sonntag Abend auf Gozo. Wie andere Weltgegenden auch, nähert sich an diesem wie jedem anderen Sonntag Abend auch die 7 x 9 Kilometer große Insel einem Verkehrsinfarkt. Auf der zwei mal zwei-spurigen Schnellstraße zum Hafen von Mgarr wälzt sich der insulare Linksverkehr hinunter zur Fähre. Denn was für den Berliner am Sonntag seine Seen und dem Münchener sein Garmisch, ist für den Malteser seine Insel Gozo. Da ist es cool. Da kann man am Sonntag gut sein.















Des einen Freud, des anderen Leid. Die drei Dorfpolizisten unten am Fährhafen von Mgarr haben neben ihrer Polizeistation alle Hände voll zu tun, den Verkehr in Bahnen zu halten und in Richtung der geöffneten Fähren zu bugsieren. Ihre Mienen drücken etwas aus, was



sich auf einer Skala zwischen Unverständnis und Verständnislosigkeit und zen-mäßigem Gleichmut ob des Unvermeidlichen bewegt. Die wichtigen Dinge des Lebens dürfen allerdings nicht vernachlässigt werden: Als die Sonne hinter der Kuppelkirche von Mgarr untergeht – wie alle Kirchen auf Malta sieht auch sie aus wie eine Miniland-Reproduktionen des Petersdomes – steigt einer der Polizisten aufs Dach der kleinen Polizeistation, um die maltesische Flagge einzuholen. 



Vielleicht ist es auch ein Zeichen: An die Sonntags-ausflügelnden Malteser, doch nun endlich Schluß zu machen. Und hopp-hopp nun wirklich endlich wieder mit dem Wagen auf die Fähre hüpfen.



Hoch über dem Hafen von Mgarr, direkt an der etwa dreieinhalb Kilometer langen Schnellstraße zwischen Inselhafen und Inselhauptstadt, steht unmittelbar neben den vier Fahrspuren der FULI-Kiosk. Eigentlich ist der FULI-Kiosk gar kein Kiosk. An einem Kiosk könnte man nämlich Zeitungen kaufen. Und Kaugummi. Aber zumindest das gibts am FULI-Kiosk nun gar nicht. Der FULI-KIOSK ist ein Schnell-Restaurant auf vier Rädern, das zwei junge Männer aus Gozo, Francis und Jonny, betreiben. Es ist ein umgebauter Kleinlaster, in dem Jonny die Bestellungen aufnimmt. Und Francis hinter ihm an Herd und Fritteuse wirbelt. Man kann hier fast alles bekommen, was man sonst in maltesischen Schnellrestaurants bekommt. Dick belegte Burger. Und Pommes. Und Ketchup. Und Majo. Und Cola. Nur Fish & Chips, das Grundnahrungsmittel der englischen Post-War-Society, das gibts hier nicht. Da hat sich die ehemalige Kolonie vom Mutterland ganz entschieden abgenabelt..

Am FULI-Kiosk ist immer was los. Immer sitzen ein paar Fischer vor dem kleinen ISUZU-Laster an der Straße. Oder ein Veteran der britischen Marinewerften beugt sein müdes Haupt über eine prall gefüllte Pappschachtel mit goldgelben selbstgemachten Pommes. Am Sonntag Abend aber ist nicht nur auf der Schnellstraße hinunter zum Hafen Hochbetrieb. Sonntag Abend stehen dichte Trauben von Menschen am FULI-Kiosk: Familienväter, die noch schnell das Dinner einkaufen, während Frau und Kinder im SUV am Straßenrand warten. Junge Männer, die sich und die Liebste eindecken für den Abend auf der Mauer gegenüber neben der Schnellstraße. Familienmütter. Großmütter, die für gozoische Großfamilien einkaufen. Junge und Alte. Und einsame Herzen.


Eigentlich herrscht am Sonntag Abend ein regelrechtes Gedränge am FULI-Kiosk. Er ist so etwas wie der Melting Pot hier in Mgarr auf Gozo, etwas, bei dem alle gleich werden, in der Schlange, während sie darauf warten, dass Francis und Jonny endlich ihre Bestellung abarbeiten. Arm und Reich. Jung und Alt. Warten. 



Gar mancher, dem es nicht schnell genug gehen kann und der noch klein ist, wäre ja gerne schon größer und weiter, als er ist. 

Warten ist also angesagt. Zehn Minuten sind nichts, bis Johnny endlich zur letzten Frage kommt, die er im sorgfältig ausgearbeiteten Ablauf der Erledigung stellt: „K & M?“ 

Manch hochfliegendem Gemüt wie mir blieb da erst mal die Spucke weg. Was meint er bloß? Na Ketchup & Majo. Nein, also wirklich, Ketchup und Majo nun wirklich nicht, wegen der Kalorien… Aber derlei Argumente hört man echt selten. Sonntag Abend, am FULI-Kiosk. Hoch über dem Hafen von Gozo.



Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015







Mare Più. 2016-07-03 17:51:00










Sonntag Abend auf Gozo. Wie andere Weltgegenden auch, nähert sich an diesem wie jedem anderen Sonntag Abend auch die 7 x 9 Kilometer große Insel einem Verkehrsinfarkt. Auf der zwei mal zwei-spurigen Schnellstraße zum Hafen von Mgarr wälzt sich der insulare Linksverkehr hinunter zur Fähre. Denn was für den Berliner am Sonntag seine Seen und dem Münchener sein Garmisch, ist für den Malteser seine Insel Gozo. Da ist es cool. Da kann man am Sonntag gut sein.















Des einen Freud, des anderen Leid. Die drei Dorfpolizisten unten am Fährhafen von Mgarr haben neben ihrer Polizeistation alle Hände voll zu tun, den Verkehr in Bahnen zu halten und in Richtung der geöffneten Fähren zu bugsieren. Ihre Mienen drücken etwas aus, was



sich auf einer Skala zwischen Unverständnis und Verständnislosigkeit und zen-mäßigem Gleichmut ob des Unvermeidlichen bewegt. Die wichtigen Dinge des Lebens dürfen allerdings nicht vernachlässigt werden: Als die Sonne hinter der Kuppelkirche von Mgarr untergeht – wie alle Kirchen auf Malta sieht auch sie aus wie eine Miniland-Reproduktionen des Petersdomes – steigt einer der Polizisten aufs Dach der kleinen Polizeistation, um die maltesische Flagge einzuholen. 



Vielleicht ist es auch ein Zeichen: An die Sonntags-ausflügelnden Malteser, doch nun endlich Schluß zu machen. Und hopp-hopp nun wirklich endlich wieder mit dem Wagen auf die Fähre hüpfen.



Hoch über dem Hafen von Mgarr, direkt an der etwa dreieinhalb Kilometer langen Schnellstraße zwischen Inselhafen und Inselhauptstadt, steht unmittelbar neben den vier Fahrspuren der FULI-Kiosk. Eigentlich ist der FULI-Kiosk gar kein Kiosk. An einem Kiosk könnte man nämlich Zeitungen kaufen. Und Kaugummi. Aber zumindest das gibts am FULI-Kiosk nun gar nicht. Der FULI-KIOSK ist ein Schnell-Restaurant auf vier Rädern, das zwei junge Männer aus Gozo, Francis und Jonny, betreiben. Es ist ein umgebauter Kleinlaster, in dem Jonny die Bestellungen aufnimmt. Und Francis hinter ihm an Herd und Fritteuse wirbelt. Man kann hier fast alles bekommen, was man sonst in maltesischen Schnellrestaurants bekommt. Dick belegte Burger. Und Pommes. Und Ketchup. Und Majo. Und Cola. Nur Fish & Chips, das Grundnahrungsmittel der englischen Post-War-Society, das gibts hier nicht. Da hat sich die ehemalige Kolonie vom Mutterland ganz entschieden abgenabelt..

Am FULI-Kiosk ist immer was los. Immer sitzen ein paar Fischer vor dem kleinen ISUZU-Laster an der Straße. Oder ein Veteran der britischen Marinewerften beugt sein müdes Haupt über eine prall gefüllte Pappschachtel mit goldgelben selbstgemachten Pommes. Am Sonntag Abend aber ist nicht nur auf der Schnellstraße hinunter zum Hafen Hochbetrieb. Sonntag Abend stehen dichte Trauben von Menschen am FULI-Kiosk: Familienväter, die noch schnell das Dinner einkaufen, während Frau und Kinder im SUV am Straßenrand warten. Junge Männer, die sich und die Liebste eindecken für den Abend auf der Mauer gegenüber neben der Schnellstraße. Familienmütter. Großmütter, die für gozoische Großfamilien einkaufen. Junge und Alte. Und einsame Herzen.


Eigentlich herrscht am Sonntag Abend ein regelrechtes Gedränge am FULI-Kiosk. Er ist so etwas wie der Melting Pot hier in Mgarr auf Gozo, etwas, bei dem alle gleich werden, in der Schlange, während sie darauf warten, dass Francis und Jonny endlich ihre Bestellung abarbeiten. Arm und Reich. Jung und Alt. Warten. 



Gar mancher, dem es nicht schnell genug gehen kann und der noch klein ist, wäre ja gerne schon größer und weiter, als er ist. 

Warten ist also angesagt. Zehn Minuten sind nichts, bis Johnny endlich zur letzten Frage kommt, die er im sorgfältig ausgearbeiteten Ablauf der Erledigung stellt: „K & M?“ 

Manch hochfliegendem Gemüt wie mir blieb da erst mal die Spucke weg. Was meint er bloß? Na Ketchup & Majo. Nein, also wirklich, Ketchup und Majo nun wirklich nicht, wegen der Kalorien… Aber derlei Argumente hört man echt selten. Sonntag Abend, am FULI-Kiosk. Hoch über dem Hafen von Gozo.



Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015







Einhand um Sizilien, Teil I.





Auch wenn Malta nicht groß ist und man nur knapp zwei Tagen braucht, es zu umsegeln: Gut und gerne könnte man einen langen Sommer hier verbringen.

Die Insel – eine der wenigen – boomt wirtschaftlich. Und es steht zu vermuten, dass die Insel vom BREXIT noch deutlich profitieren wird. Viele Engländer leben hier dauerhaft, war die Insel doch Teil des Empire bis Mitte der 1960er Jahre. Malta verfügt über keine Rohstoffe, keine nennenswerte Produktion. Die Insel lebt, wie das Auswärtige Amt schreibt, von „gehobenen Dienstleistungen“ vor allem im Finanzsektor. Worunter „Online-Glücksspiele“ und „Banken“ zu verstehen sind (ist das irgendwie gar verwandt?). Sämtliche Wett- und Pokersites im Internet scheinen auf Malta beheimatet zu sein.

Und dann lebt Malta zu einem großen Teil vom Tourismus. Vor allem aus England. Viele britische Expats leben hier, ihre Zahl dürfte steigen – als Brite ist man auf Malta dank EU-Zugehörigkeit in Europa.

Malta ist ungewöhnlicher Mix aus englischen Traditionen, tiefkatholischer Religiosität und arabischer Muttersprache. Es gibt unglaublich viel zu sehen – über das ich aber erst im Herbst berichten werde, in meinem Buch über DIE VERGESSENEN INSELN.

                                                                       Weiterlesen bei: Einhand um Malta. Die Westküste.
                                                                                                 Einhand um Malta. Die Ostküste.















Wer von Malta die sechzig, siebzig Seemeilen zurück nach Sizilien segeln will, wartet erstmal. Vor allem auf den richtigen Wind. Und da in diesem Frühsommer vor allem nordwestliche Starkwinde dominieren, die ein kleines Schiff wie LEVJE zum mühsamen Gegenanbolzen zwingen, wartet man schon mal etwas länger. Ich hatte günstigen Ostwind zwei Tage – aber mit leckem Wassersammler wollte ich nicht rausgehen.


Kaum war der Wassersammler heil, war der Ostwind weg. Stattdessen verhieß der Wetterbericht:
Ein Tag mit maximal 2 bft. Aus überall und nirgendwo. Das ist für unsereins: Windstille.
Danach eine Woche mit 4-5 bft aus der falschen Richtung. Aus Nordwest. Da wo ich hin wollte.

Blöd.

Ich beschloss, das Beste zu hoffen. Und dass die 2 bft vielleicht doch 3 bft werden möchten, ja bitte?? Die Aussicht, den Wassersammler zu testen, indem ich die 70 Seemeilen lange Distanz dreizehn, vierzehn Stunden unter Motor zurücklegte, war nicht beglückend, sondern :-(  Ein Segler liebt das Fahren unter Motor so gar nicht. Es ist Behelf, bestenfalls Ersatz. Das Glück, wenn das Boot in leichter Lage mit fünf Knoten dahinschnürt wie auf Schienen: Das empfindet man unter Motor nie.

Kaum hatte ich den Hafen am Morgen um halb fünf verlassen und fuhr auf dem Channel zwischen Gozo und Malta in die Dunkelheit hinaus, kam in der Dämmerung etwas Wind auf. Freuuuuude! Ich setzte Segel. Und freute mich. Geht doch.



Aber kaum lagen die Inseln hinter mir und das offene Meer vor mir: War es auch schon wieder vorbei. Mit dem Wind. Eine Inselbrise. Ein Hauch, der im Morgengrauen um die Inseln wehte. Nicht mehr. Das war es gewesen, für den langen Tag, mit den 2 bft. Ich holte die Genua wieder ein. Und startete den Motor.

Es gibt lange Überfahrten, da passiert viel. Das Meer ist bewegt. Man muss ständig Kurs und Segeltrimm anpassen. Unter Deck sich im Geschaukel etwas zu essen machen. Delfine schwimmen mit dem Boot – wie auf der Überfahrt von Malta hierher.

Und dann gibt es Überfahrten, da passiert. Rein. Gar. Nichts.

Man motort Stunde um Stunde dahin. Man versteht all jene Menschen, die Segeln einfach strutz-langweilig finden. Aber weil ich das Glück habe, dass mir eigentlich nie langweilig ist oder das Pech, eigentlich immer irgendwie zu wissen, was ich jetzt gerade tun könnte: Drum begutachtete ich den Inhalt meines Chemie-Schapps unter LEVJE’s Waschbecken.



Die Sonne sengte von oben. Das tiefe Blau spiegelte ringsum. Der Motor brummte von unten. Ich fand im Chemie-Schapp neue Gizmos & Spielsachen:

• Edelstahl-Putzmittel.
• GfK-Reiniger.
• Bootspolierpaste in dreierlei Körnungen.
• Hartwachs.
• einen Sack ausgebleichter T-Shirts.

Und während LEVJE leise wiegend über die See brummte, die so glatt war wie die Vorderseite meines iPads, machte ich mich daran, die Ankerwinsch zu polieren. Hatte nett Flugrost angesetzt. Dann den Bugkorb. Dann die Relingsstützen. Dann PüttingsRelingsdrähteHeckkorbBiminiGestängeWantenspannerPinnenkopfWantenHahnepotTravellerschiene(ist aus Alu? „Machte nixe…“) und und…

Nicht, dass mir das leicht fiel. Langeweile wäre netter gewesen. Aber es hatte schon seinen Sinn, wie das in den Navys der Welt lief und läuft. „Borddienst“ hieß das. Einfach alles scheuern. All das, wozu man im Hafen nie kommt. Weil der Hafen ja doch viiiiiiel unterhaltsamer und verlockender ist.

Kaum war ich mit der Stahlpolitur fertig, schaute mich das Fläschchen mit dem GFK-Reiniger durchdringend an. Also das Deckshaus. Manchmal bin ich ja echt froh, dass mein Schiff nur 31 Fuß lang ist. Was habe ich Jochen aus Wien in Izola bewundert, der im Frühjahr immer Tag um Tag seinen 60-Fuß-Thai-Klipper polierte. Knappe 20 Meter Boot. Allein. Tag um Tag. Eine schwere MAKITA Poliermaschine in der Hand, die mir schon einer Stunde im Arm signalisierte, was Schwerkraft ist.

Nein. Putzen ist nicht mein Ding. War es noch nie. Als ich ein Kind war, habe ich meiner Mutter erklärt, dass dereinst auf meinem Grabstein stehen würde: „Sein Leben war Leiden. Sein Leiden war Putzen.“ Ich fand und finde das schlimm. Bäääääääh.


Warum kann jetzt aber auch gerade so gar kein Wind wehen? Aber das Meer: Es blieb mitleidslos mit mir an diesem Tag. Es ließ mir nur die Wahl, gelegentlich Mitleid erregend zu schnaufen. So wie die Jungs, die mit schweren Backsteinen in MASTER & COMMANDER kniend das Deck täglich schrubben.

Ein Päuschen. Ich betrachtete mein Werk. Schon schön. Es sollte nun gut sein mit Putzen für ein halbes Menschenleben. Aber es sind ja noch sechseinhalb Stunden bis Sizlien. Also weiter. Deckshaus. Dann unter Deck.

Kein Hauch in Sicht. Und Land auch nicht. Das ist immer der beste Moment: Wenn kein Land mehr in Sicht ist. Das, aus dem ich kam, nicht mehr. Und das, wohin ich gehe, noch nicht. Wenn nur noch Wasser ringsum ist. Sich geborgen fühlen in der unendlichen Weite dieses Wasser-Kontinents, den noch nie ein Mensch besiedelt hat. Auf dem wir Menschen immer nur unterwegs sind, von A nach B, ohne diesen Kontinent wirklich zu kennen.

Sizilien hielt sich verborgen an diesem Tag. Es zeigte sich erst mit ein paar Schemen im Dunst, als ich nur noch zwei Stunden entfernt war. Die langen Hänge voller Getreidefelder, die sanft und stetig ansteigen an der Südküste: Sie verbargen sich vor mir. Als wollten sie sagen: „Putz weiter!“


In der Abenddämmerung liefen wir ein in die Marina von Licata. Ahhh. Ein Hafen. Mit all seiner Kurzweil. Und in der Dunkelheit fand ich, wovon ich den lieben langen Tag geträumt hatte, dort draussen auf dem Meer:




Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015






Malta. Insel Gozo. Und die Pferde.





Wir sind noch in Malta. Und jeden Morgen, wenn ich das weite Rund der Hafenbucht von Mgarr auf Gozo durchwandere und hinüberschaue zu den Channel-Fähren, die Malta und die Insel Gozo verbinden, sehe ich am Hafen – Pferde.

Manchmal stehen sie nur angeleint im Hafenwasser. „Das ist gut für die Sehnen. Die sind sehr empfindlich“, sagt Peter. Er betreibt auf der Insel Gozo einen Pferdestall. Und er ist es auch, der mit seinen Mitarbeitern jeden Morgen die Pferde zum Hafen nach Mgarr bringt. „Das ist die einzige Stelle auf Gozo, wo die Behörden uns das gestatten“, erzählt Peter.



Heute aber sind die Pferde zum Schwimmen im Hafen von Gozo. Es sind ausgesucht schöne Tiere. Und selbst ich, der ich in einem anderen Leben mal auf Pferden saß, aber kein Pferdenarr bin, bleibe fasziniert stehen. Die Pferde scheinen sich jedenfalls aufs Wasser tierisch zu freuen, sie zeigen keine Spur von Angst oder Fluchtreflex. Aufmerksamkeit verrät die Stellung ihrer Ohren, ungeteilte Aufmerksamkeit. Und Neugier. Pferde scheinen Wasser nicht zu scheuen – im Gegenteil.

Es sieht ein wenig ungelenk aus, wie sie da so an der langen Leine schwimmen. „Das schwimmt COKIHALA“, erzählt Peter voller Stolz. „Sie ist derzeit das erfolgreichste Pferd auf Malta. Sie hat in Luqa auf der Rennbahn bereits vier Rennen gewonnen und zwei in Gozo. Und in einigen Wochen haben wir hier auf Gozo oben im Ort ein Straßenrennen – da rechne ich mir für Cockihala große Chancen aus.“ Peter ist kein Züchter. Sondern ein passionierter Trainer und Rennstall-Besitzer auf Malta, der seine Pferde zum Sieg führen will. Pferde auf Malta: Vielleicht ist das etwas, was übrig geblieben ist von der englischen Kolonialzeit, die bis Mitte der Sechziger Jahre dauerte. Die große Pferde-Rennbahn von Luqa genau in der Mitte Maltas. Straßenrennen. Gelegentlich ein Traber, der wie im Rennen seinen Besitzer hinter sich im Sulki durch den Straßenverkehr Valettas zieht. Menschen und Pferde.
















Genau sechs Minuten lässt Peter seine Pferde schwimmen. „Schwimmen ist für Pferde ein sehr gutes Training für den Aufbau von Muskeln. Es kühlt die Sehnen. Aber länger als sechs Minuten sollte es nicht sein. Dann führen wir sie wieder raus aus dem Wasser und trocknen sie ab.“



Auch MAIDEN FLASH, der „jungfräuliche Blitz“, ist in ihrem Element. Und wer weiß: Wenn die Leine nicht wäre, würden die Pferde vielleicht sonst wohin schwimmen. Auf Nimmerwiedersehen auf eine andere Insel verschwinden. Und zu echten Seepferden mutieren.







Einhand um Sizilien, Teil I.





Auch wenn Malta nicht groß ist und man nur knapp zwei Tagen braucht, es zu umsegeln: Gut und gerne könnte man einen langen Sommer hier verbringen.

Die Insel – eine der wenigen – boomt wirtschaftlich. Und es steht zu vermuten, dass die Insel vom BREXIT noch deutlich profitieren wird. Viele Engländer leben hier dauerhaft, war die Insel doch Teil des Empire bis Mitte der 1960er Jahre. Malta verfügt über keine Rohstoffe, keine nennenswerte Produktion. Die Insel lebt, wie das Auswärtige Amt schreibt, von „gehobenen Dienstleistungen“ vor allem im Finanzsektor. Worunter „Online-Glücksspiele“ und „Banken“ zu verstehen sind (ist das irgendwie gar verwandt?). Sämtliche Wett- und Pokersites im Internet scheinen auf Malta beheimatet zu sein.

Und dann lebt Malta zu einem großen Teil vom Tourismus. Vor allem aus England. Viele britische Expats leben hier, ihre Zahl dürfte steigen – als Brite ist man auf Malta dank EU-Zugehörigkeit in Europa.

Malta ist ungewöhnlicher Mix aus englischen Traditionen, tiefkatholischer Religiosität und arabischer Muttersprache. Es gibt unglaublich viel zu sehen – über das ich aber erst im Herbst berichten werde, in meinem Buch über DIE VERGESSENEN INSELN.

                                                                       Weiterlesen bei: Einhand um Malta. Die Westküste.
                                                                                                 Einhand um Malta. Die Ostküste.















Wer von Malta die sechzig, siebzig Seemeilen zurück nach Sizilien segeln will, wartet erstmal. Vor allem auf den richtigen Wind. Und da in diesem Frühsommer vor allem nordwestliche Starkwinde dominieren, die ein kleines Schiff wie LEVJE zum mühsamen Gegenanbolzen zwingen, wartet man schon mal etwas länger. Ich hatte günstigen Ostwind zwei Tage – aber mit leckem Wassersammler wollte ich nicht rausgehen.


Kaum war der Wassersammler heil, war der Ostwind weg. Stattdessen verhieß der Wetterbericht:
Ein Tag mit maximal 2 bft. Aus überall und nirgendwo. Das ist für unsereins: Windstille.
Danach eine Woche mit 4-5 bft aus der falschen Richtung. Aus Nordwest. Da wo ich hin wollte.

Blöd.

Ich beschloss, das Beste zu hoffen. Und dass die 2 bft vielleicht doch 3 bft werden möchten, ja bitte?? Die Aussicht, den Wassersammler zu testen, indem ich die 70 Seemeilen lange Distanz dreizehn, vierzehn Stunden unter Motor zurücklegte, war nicht beglückend, sondern :-(  Ein Segler liebt das Fahren unter Motor so gar nicht. Es ist Behelf, bestenfalls Ersatz. Das Glück, wenn das Boot in leichter Lage mit fünf Knoten dahinschnürt wie auf Schienen: Das empfindet man unter Motor nie.

Kaum hatte ich den Hafen am Morgen um halb fünf verlassen und fuhr auf dem Channel zwischen Gozo und Malta in die Dunkelheit hinaus, kam in der Dämmerung etwas Wind auf. Freuuuuude! Ich setzte Segel. Und freute mich. Geht doch.



Aber kaum lagen die Inseln hinter mir und das offene Meer vor mir: War es auch schon wieder vorbei. Mit dem Wind. Eine Inselbrise. Ein Hauch, der im Morgengrauen um die Inseln wehte. Nicht mehr. Das war es gewesen, für den langen Tag, mit den 2 bft. Ich holte die Genua wieder ein. Und startete den Motor.

Es gibt lange Überfahrten, da passiert viel. Das Meer ist bewegt. Man muss ständig Kurs und Segeltrimm anpassen. Unter Deck sich im Geschaukel etwas zu essen machen. Delfine schwimmen mit dem Boot – wie auf der Überfahrt von Malta hierher.

Und dann gibt es Überfahrten, da passiert. Rein. Gar. Nichts.

Man motort Stunde um Stunde dahin. Man versteht all jene Menschen, die Segeln einfach strutz-langweilig finden. Aber weil ich das Glück habe, dass mir eigentlich nie langweilig ist oder das Pech, eigentlich immer irgendwie zu wissen, was ich jetzt gerade tun könnte: Drum begutachtete ich den Inhalt meines Chemie-Schapps unter LEVJE’s Waschbecken.



Die Sonne sengte von oben. Das tiefe Blau spiegelte ringsum. Der Motor brummte von unten. Ich fand im Chemie-Schapp neue Gizmos & Spielsachen:

• Edelstahl-Putzmittel.
• GfK-Reiniger.
• Bootspolierpaste in dreierlei Körnungen.
• Hartwachs.
• einen Sack ausgebleichter T-Shirts.

Und während LEVJE leise wiegend über die See brummte, die so glatt war wie die Vorderseite meines iPads, machte ich mich daran, die Ankerwinsch zu polieren. Hatte nett Flugrost angesetzt. Dann den Bugkorb. Dann die Relingsstützen. Dann PüttingsRelingsdrähteHeckkorbBiminiGestängeWantenspannerPinnenkopfWantenHahnepotTravellerschiene(ist aus Alu? „Machte nixe…“) und und…

Nicht, dass mir das leicht fiel. Langeweile wäre netter gewesen. Aber es hatte schon seinen Sinn, wie das in den Navys der Welt lief und läuft. „Borddienst“ hieß das. Einfach alles scheuern. All das, wozu man im Hafen nie kommt. Weil der Hafen ja doch viiiiiiel unterhaltsamer und verlockender ist.

Kaum war ich mit der Stahlpolitur fertig, schaute mich das Fläschchen mit dem GFK-Reiniger durchdringend an. Also das Deckshaus. Manchmal bin ich ja echt froh, dass mein Schiff nur 31 Fuß lang ist. Was habe ich Jochen aus Wien in Izola bewundert, der im Frühjahr immer Tag um Tag seinen 60-Fuß-Thai-Klipper polierte. Knappe 20 Meter Boot. Allein. Tag um Tag. Eine schwere MAKITA Poliermaschine in der Hand, die mir schon einer Stunde im Arm signalisierte, was Schwerkraft ist.

Nein. Putzen ist nicht mein Ding. War es noch nie. Als ich ein Kind war, habe ich meiner Mutter erklärt, dass dereinst auf meinem Grabstein stehen würde: „Sein Leben war Leiden. Sein Leiden war Putzen.“ Ich fand und finde das schlimm. Bäääääääh.


Warum kann jetzt aber auch gerade so gar kein Wind wehen? Aber das Meer: Es blieb mitleidslos mit mir an diesem Tag. Es ließ mir nur die Wahl, gelegentlich Mitleid erregend zu schnaufen. So wie die Jungs, die mit schweren Backsteinen in MASTER & COMMANDER kniend das Deck täglich schrubben.

Ein Päuschen. Ich betrachtete mein Werk. Schon schön. Es sollte nun gut sein mit Putzen für ein halbes Menschenleben. Aber es sind ja noch sechseinhalb Stunden bis Sizlien. Also weiter. Deckshaus. Dann unter Deck.

Kein Hauch in Sicht. Und Land auch nicht. Das ist immer der beste Moment: Wenn kein Land mehr in Sicht ist. Das, aus dem ich kam, nicht mehr. Und das, wohin ich gehe, noch nicht. Wenn nur noch Wasser ringsum ist. Sich geborgen fühlen in der unendlichen Weite dieses Wasser-Kontinents, den noch nie ein Mensch besiedelt hat. Auf dem wir Menschen immer nur unterwegs sind, von A nach B, ohne diesen Kontinent wirklich zu kennen.

Sizilien hielt sich verborgen an diesem Tag. Es zeigte sich erst mit ein paar Schemen im Dunst, als ich nur noch zwei Stunden entfernt war. Die langen Hänge voller Getreidefelder, die sanft und stetig ansteigen an der Südküste: Sie verbargen sich vor mir. Als wollten sie sagen: „Putz weiter!“


In der Abenddämmerung liefen wir ein in die Marina von Licata. Ahhh. Ein Hafen. Mit all seiner Kurzweil. Und in der Dunkelheit fand ich, wovon ich den lieben langen Tag geträumt hatte, dort draussen auf dem Meer:




Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015






Malta. Insel Gozo. Und die Pferde.





Wir sind noch in Malta. Und jeden Morgen, wenn ich das weite Rund der Hafenbucht von Mgarr auf Gozo durchwandere und hinüberschaue zu den Channel-Fähren, die Malta und die Insel Gozo verbinden, sehe ich am Hafen – Pferde.

Manchmal stehen sie nur angeleint im Hafenwasser. „Das ist gut für die Sehnen. Die sind sehr empfindlich“, sagt Peter. Er betreibt auf der Insel Gozo einen Pferdestall. Und er ist es auch, der mit seinen Mitarbeitern jeden Morgen die Pferde zum Hafen nach Mgarr bringt. „Das ist die einzige Stelle auf Gozo, wo die Behörden uns das gestatten“, erzählt Peter.



Heute aber sind die Pferde zum Schwimmen im Hafen von Gozo. Es sind ausgesucht schöne Tiere. Und selbst ich, der ich in einem anderen Leben mal auf Pferden saß, aber kein Pferdenarr bin, bleibe fasziniert stehen. Die Pferde scheinen sich jedenfalls aufs Wasser tierisch zu freuen, sie zeigen keine Spur von Angst oder Fluchtreflex. Aufmerksamkeit verrät die Stellung ihrer Ohren, ungeteilte Aufmerksamkeit. Und Neugier. Pferde scheinen Wasser nicht zu scheuen – im Gegenteil.

Es sieht ein wenig ungelenk aus, wie sie da so an der langen Leine schwimmen. „Das schwimmt COKIHALA“, erzählt Peter voller Stolz. „Sie ist derzeit das erfolgreichste Pferd auf Malta. Sie hat in Luqa auf der Rennbahn bereits vier Rennen gewonnen und zwei in Gozo. Und in einigen Wochen haben wir hier auf Gozo oben im Ort ein Straßenrennen – da rechne ich mir für Cockihala große Chancen aus.“ Peter ist kein Züchter. Sondern ein passionierter Trainer und Rennstall-Besitzer auf Malta, der seine Pferde zum Sieg führen will. Pferde auf Malta: Vielleicht ist das etwas, was übrig geblieben ist von der englischen Kolonialzeit, die bis Mitte der Sechziger Jahre dauerte. Die große Pferde-Rennbahn von Luqa genau in der Mitte Maltas. Straßenrennen. Gelegentlich ein Traber, der wie im Rennen seinen Besitzer hinter sich im Sulki durch den Straßenverkehr Valettas zieht. Menschen und Pferde.
















Genau sechs Minuten lässt Peter seine Pferde schwimmen. „Schwimmen ist für Pferde ein sehr gutes Training für den Aufbau von Muskeln. Es kühlt die Sehnen. Aber länger als sechs Minuten sollte es nicht sein. Dann führen wir sie wieder raus aus dem Wasser und trocknen sie ab.“



Auch MAIDEN FLASH, der „jungfräuliche Blitz“, ist in ihrem Element. Und wer weiß: Wenn die Leine nicht wäre, würden die Pferde vielleicht sonst wohin schwimmen. Auf Nimmerwiedersehen auf eine andere Insel verschwinden. Und zu echten Seepferden mutieren.







Nachrichten vom anderen Ende Europas. Brexit.




Zeitsprung. Ich bin nun seit einer Woche in Sizilien unterwegs. Und die Nachricht vom Votum Großbritanniens erreicht mich an diesem Freitag Morgen im Hafen von Sciacca (gesprochen: Schakka) an der Südküste Siziliens. Sciacca: Ein 40.000 Einwohner-Städtchen mit Hafen und Thermalbad. Von hier aus sind es noch 100 Seemeilen nach Tunis, aber 250 nach Rom – geografisch. Mental ist Sciacca ganz klar Italien. Ein touristisch propper entwickelter Ort, der vorbildlich etwa in markierten historische Rundwege, eine zentrale Piazza oder einen eigenen kontrollierten „Sciacca DOC“-Weinbau investiert hat. Das bessere, das zukünftige Sizilien also, das Chancen nutzt und ergreift.

Was denken die Menschen hier in Sciacca an diesem Morgen über den Ausstieg Großbritanniens aus Europa? Was hoffen, was fürchten sie? Ich packe an diesem Morgen, kaum dass das Gewitter über LEVJE draußen vorüber ist, meinen Rucksack und ziehe los. Und frage einfach die Menschen auf der Straße.
















Ich habe das Gelände des CIRCOLO NAUTICO CORALLO, wo ich mit LEVJE liege, kaum verlassen, da läuft mir Vicenzo über den Weg. Er ist Marinero hier im Club, hat einen Vertrag für zwei, drei Monate, die er aushilft. Gestern unterhielten wir uns noch über die Kunst, Bistecca richtig zu braten. Und heute BREXIT.

Vincenzo: „Ich finde es vollkommen richtig, dass die Briten austreten. Europa funktioniert nicht – da essen zu viele aus demselben Teller. Auf politischer Ebene irgendwelche Honoratioren, auf Länderebene irgendwelche schwachen Länder. Nein. Wenn ich heute zu entscheiden hätte: Ganz schnell wäre Italien draußen.
Und überhaupt: ich mag die Deutschen. Aber ein starkes Deutschland, eine starke Merkel: Nein, das würde mir gar nicht gefallen.“

Das fängt ja schon deftig an. Vincenzo lässt sich in seiner Meinung auch gar nicht beirren. Ich wackle weiter um die Hafenbucht und komme zu Nino.

Nino ist der Wirt des hiesigen RISTORANTE ITALIA. Ich kenne Nino, weil ich nun schon zwei Mal vergebens bei ihm angefragt habe, um einen Tisch zu bekommen – zwei Mal vergebens. Sein Fischrestaurant am Hafen brummt. 632 Bewertungen mit vier Sternen auf der einschlägigen Essensplattform muss sich nicht verstecken. Auch Wirt Nino hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er zählt auf:

„Wir sollten auch raus aus Europa. Ich sage erstens, das funktioniert nicht mit dem Euro. Und zweitens: Früher, als alles schlechter war, war es besser. Damit meine ich, dass heute beim Essen jeder doch jeden Centesimo zwei Mal rumdreht, bevor er ihn ausgibt. Die Leute haben einfach kein Geld mehr. Nein, als wir die Lira hatten, war alles besser.“

Ich wage einen Widerspruch: „Das mit den Steuern ist aber doch Eure italienische, nicht europäische Politik?“

Nino stutzt etwas: „Trotzdem. Raus aus dem Euro. Raus aus Europa.“

Oh je. Wenn das nun so weitergeht? Naja, dann weiß ich wenigstens, was ich denken muss. 

Ein paar Meter weiter treffe ich Roberto in seinem Laden. Er steht vor seinem Brennofen und stellt in seinem Laden die wunderschön glasierten sizilianischen Platten und Schalen her. Sie werden zur Hälfte von Einheimischen, zur anderen von Touristen gekauft.

Roberto: „BREXIT? Was ist das? Ich habe nichts mitbekommen?“
Robertos Tochter, 12 Jahre: „Paaaapaaaa! Sie sind ausgetreten. Die Engländer.“
Roberto: „Ach so?“

Na gut! Wenigstens einer, der keine schlechte Meinung hat über dieses zarte, zerbrechliche Plänzchen Europa. Das ist schon mal was! Meine Hoffnung wächst, als ich die 100 Stufen vom Hafen hinauf in die eigentliche Siedlung erklimme. Oben stehe ich dann auf der großen Piazza. Und da treffe ich dann Desirèe.

Desirèe stammt aus dem Norden, aus Treviso. Und überrascht stelle ich fest, dass sie das gleiche tut wie ich. Sie arbeitet an Segelbüchern. Na das ist ja eine Überrraschung! Trotzdem. Was denkt sie über das Votum Großbritanniens?

Desirèe: „Das ist überhaupt keine gute Nachricht. Das stellt doch Europa komplett in Frage. Ich mache mir Sorgen!“

Ähnlich sieht es auch Marco, de nach eineinhalb Stunden auf der Terrasse des Cafés zu uns stößt.

Marco und Desirèe leben auf einem Motorschiff. Es ist ihr Büro, und sie kartografieren von hier aus  die sizilianischen Häfen und Buchten. Und machen Seehandbücher daraus.

Marco: „Eigentlich ist das alles verheerend! Das ist doch ein ganz großes Signal der Schwäche, das dieses Europa aussendet. Es ermutigt doch andere Nationen, die gleiche Abstimmung loszutreten und vielleicht Europa ebenfalls zu verlassen. Nein. Kein guter Tag.“

Nun ist mein Weltbild doch wieder einigermaßen geradegerückt. Nicht alle meine Gesprächspartner wollen Italien verlassen. Viele Italiener machen sich doch ihre Sorgen. Auf der Straße treffe ich zwei junge Deutsche, Manu und Kim. Die beiden Hamburgerinnen sind Mitte/Ende 20 und machen Urlaub hier Sciacca. Was Sie denn über den Abschied von England aus Europa dächten? Schließlich seien sie doch in Hamburg Großbritannien um so vieles näher als der Süden.

Manu: „Ich bin schon geschockt. Großbritannien ist schließlich eine der vier größten Wirtschaftsmächte in Europa. Das wird wirtschaftlich für Deutschland ganz sicher Konsequenzen haben. Ich fürchte vor allem die wirtschaftlichen Folgen für Deutschland.“

Kim: „Ich finde es ganz gut, dass Großbritannien aus Europa austritt. Ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass die Briten immer noch an ihrer Monarchie festhalten – und die kostet doch unendlich viel Geld, auch unseres. Nein. Es ist gut, dass die Briten sich entschieden haben und rausgehen.“

Als ich die beiden bitte, ob ich sie für meinen Beitrag fotografieren darf, sind sie nicht glücklich. Wie viele aus der deutschen „Generation Facebook“ gehen sie anders als andere sensibel mit dem Thema Fotos um.

Ein paar Schritte weiter treffe ich Calogero und Ruggiero in einer Bar. Beide sind hier geboren, Calogero studiert und arbeitet in Rom im Bereich „Human Resources“ und ist gerade auf Urlaub hier. 

Calogero: „Den Ausstieg Großbritanniens aus Europa finde ich gar nicht gut. Das ist schließlich nicht ein kleines Land wie Albanien, was da eben mal seine eigenen Wege geht. Ein ökonomisches Schwergewicht – und wie sollen jetzt die restlichen Länder denn die ganzen finanziellen Aufwendungen ohne Großbritannien schultern? Das ist nicht gut.“

Auch Ruggiero denkt so. Er ist angehender Jurist in Palermo und ebenfalls auf Urlaub in seiner Heimat. Wie denn Italien heute entscheiden würde, wenn es auch hier eine Abstimmung gäbe? frage ich ihn. „Das sähe nicht gut aus, höchstwahrscheinlich. Vermutlich würde Italien ebenfalls rausgehen. Europa hat mit seiner Bürokratie zu viele verstört.“ Und Calogero lächelt versonnen: „Eine solche Abstimmung wird es in Italien wahrscheinlich nie geben. Sie würde einfach auf halbem Weg irgendwo hängenbleiben. Nein. Da mache ich mir keine Sorgen.“

Nein. Ein richtiger Trost ist mir das alles nicht, was ich gehört habe. Auch die Menschen in Sciacca denken sich ihren Teil, machen sich ihre Gedanken über das, was die Menschen weit nördlich an einem ganz anderen Meer für sich und ihre Zukunft entschieden haben. Es ist vor allem das junge Italien, das sich Sorgen macht, das Schwierigkeiten und negative Auswirkungen klar vor sich sieht.

Eines scheint mir allerdings klar. Auf dem bisherigen Weg gibt es kein weiter. Die Straße des „Weiter so!“ ist versperrt. Es scheint, dass die bisherigen Institutionen, die bisherigen Formen, in denen Europa sichtbar ist und wirkt und tätig ist, ein Brüssel, ein Europa-Parlament Straßburg, ein Komissionspräsident Juncker und ein Parlamentspräsident Martin Schulz den Kontakt zu den Menschen verloren haben.

In Großbritannien. Aber auch hier in Sciacca, an der sizilianischen Südküste.






Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015














Nachrichten vom anderen Ende Europas. Brexit.




Zeitsprung. Ich bin nun seit einer Woche in Sizilien unterwegs. Und die Nachricht vom Votum Großbritanniens erreicht mich an diesem Freitag Morgen im Hafen von Sciacca (gesprochen: Schakka) an der Südküste Siziliens. Sciacca: Ein 40.000 Einwohner-Städtchen mit Hafen und Thermalbad. Von hier aus sind es noch 100 Seemeilen nach Tunis, aber 250 nach Rom – geografisch. Mental ist Sciacca ganz klar Italien. Ein touristisch propper entwickelter Ort, der vorbildlich etwa in markierten historische Rundwege, eine zentrale Piazza oder einen eigenen kontrollierten „Sciacca DOC“-Weinbau investiert hat. Das bessere, das zukünftige Sizilien also, das Chancen nutzt und ergreift.

Was denken die Menschen hier in Sciacca an diesem Morgen über den Ausstieg Großbritanniens aus Europa? Was hoffen, was fürchten sie? Ich packe an diesem Morgen, kaum dass das Gewitter über LEVJE draußen vorüber ist, meinen Rucksack und ziehe los. Und frage einfach die Menschen auf der Straße.
















Ich habe das Gelände des CIRCOLO NAUTICO CORALLO, wo ich mit LEVJE liege, kaum verlassen, da läuft mir Vicenzo über den Weg. Er ist Marinero hier im Club, hat einen Vertrag für zwei, drei Monate, die er aushilft. Gestern unterhielten wir uns noch über die Kunst, Bistecca richtig zu braten. Und heute BREXIT.

Vincenzo: „Ich finde es vollkommen richtig, dass die Briten austreten. Europa funktioniert nicht – da essen zu viele aus demselben Teller. Auf politischer Ebene irgendwelche Honoratioren, auf Länderebene irgendwelche schwachen Länder. Nein. Wenn ich heute zu entscheiden hätte: Ganz schnell wäre Italien draußen.
Und überhaupt: ich mag die Deutschen. Aber ein starkes Deutschland, eine starke Merkel: Nein, das würde mir gar nicht gefallen.“

Das fängt ja schon deftig an. Vincenzo lässt sich in seiner Meinung auch gar nicht beirren. Ich wackle weiter um die Hafenbucht und komme zu Nino.

Nino ist der Wirt des hiesigen RISTORANTE ITALIA. Ich kenne Nino, weil ich nun schon zwei Mal vergebens bei ihm angefragt habe, um einen Tisch zu bekommen – zwei Mal vergebens. Sein Fischrestaurant am Hafen brummt. 632 Bewertungen mit vier Sternen auf der einschlägigen Essensplattform muss sich nicht verstecken. Auch Wirt Nino hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Er zählt auf:

„Wir sollten auch raus aus Europa. Ich sage erstens, das funktioniert nicht mit dem Euro. Und zweitens: Früher, als alles schlechter war, war es besser. Damit meine ich, dass heute beim Essen jeder doch jeden Centesimo zwei Mal rumdreht, bevor er ihn ausgibt. Die Leute haben einfach kein Geld mehr. Nein, als wir die Lira hatten, war alles besser.“

Ich wage einen Widerspruch: „Das mit den Steuern ist aber doch Eure italienische, nicht europäische Politik?“

Nino stutzt etwas: „Trotzdem. Raus aus dem Euro. Raus aus Europa.“

Oh je. Wenn das nun so weitergeht? Naja, dann weiß ich wenigstens, was ich denken muss. 

Ein paar Meter weiter treffe ich Roberto in seinem Laden. Er steht vor seinem Brennofen und stellt in seinem Laden die wunderschön glasierten sizilianischen Platten und Schalen her. Sie werden zur Hälfte von Einheimischen, zur anderen von Touristen gekauft.

Roberto: „BREXIT? Was ist das? Ich habe nichts mitbekommen?“
Robertos Tochter, 12 Jahre: „Paaaapaaaa! Sie sind ausgetreten. Die Engländer.“
Roberto: „Ach so?“

Na gut! Wenigstens einer, der keine schlechte Meinung hat über dieses zarte, zerbrechliche Plänzchen Europa. Das ist schon mal was! Meine Hoffnung wächst, als ich die 100 Stufen vom Hafen hinauf in die eigentliche Siedlung erklimme. Oben stehe ich dann auf der großen Piazza. Und da treffe ich dann Desirèe.

Desirèe stammt aus dem Norden, aus Treviso. Und überrascht stelle ich fest, dass sie das gleiche tut wie ich. Sie arbeitet an Segelbüchern. Na das ist ja eine Überrraschung! Trotzdem. Was denkt sie über das Votum Großbritanniens?

Desirèe: „Das ist überhaupt keine gute Nachricht. Das stellt doch Europa komplett in Frage. Ich mache mir Sorgen!“

Ähnlich sieht es auch Marco, de nach eineinhalb Stunden auf der Terrasse des Cafés zu uns stößt.

Marco und Desirèe leben auf einem Motorschiff. Es ist ihr Büro, und sie kartografieren von hier aus  die sizilianischen Häfen und Buchten. Und machen Seehandbücher daraus.

Marco: „Eigentlich ist das alles verheerend! Das ist doch ein ganz großes Signal der Schwäche, das dieses Europa aussendet. Es ermutigt doch andere Nationen, die gleiche Abstimmung loszutreten und vielleicht Europa ebenfalls zu verlassen. Nein. Kein guter Tag.“

Nun ist mein Weltbild doch wieder einigermaßen geradegerückt. Nicht alle meine Gesprächspartner wollen Italien verlassen. Viele Italiener machen sich doch ihre Sorgen. Auf der Straße treffe ich zwei junge Deutsche, Manu und Kim. Die beiden Hamburgerinnen sind Mitte/Ende 20 und machen Urlaub hier Sciacca. Was Sie denn über den Abschied von England aus Europa dächten? Schließlich seien sie doch in Hamburg Großbritannien um so vieles näher als der Süden.

Manu: „Ich bin schon geschockt. Großbritannien ist schließlich eine der vier größten Wirtschaftsmächte in Europa. Das wird wirtschaftlich für Deutschland ganz sicher Konsequenzen haben. Ich fürchte vor allem die wirtschaftlichen Folgen für Deutschland.“

Kim: „Ich finde es ganz gut, dass Großbritannien aus Europa austritt. Ich habe keinerlei Verständnis dafür, dass die Briten immer noch an ihrer Monarchie festhalten – und die kostet doch unendlich viel Geld, auch unseres. Nein. Es ist gut, dass die Briten sich entschieden haben und rausgehen.“

Als ich die beiden bitte, ob ich sie für meinen Beitrag fotografieren darf, sind sie nicht glücklich. Wie viele aus der deutschen „Generation Facebook“ gehen sie anders als andere sensibel mit dem Thema Fotos um.

Ein paar Schritte weiter treffe ich Calogero und Ruggiero in einer Bar. Beide sind hier geboren, Calogero studiert und arbeitet in Rom im Bereich „Human Resources“ und ist gerade auf Urlaub hier. 

Calogero: „Den Ausstieg Großbritanniens aus Europa finde ich gar nicht gut. Das ist schließlich nicht ein kleines Land wie Albanien, was da eben mal seine eigenen Wege geht. Ein ökonomisches Schwergewicht – und wie sollen jetzt die restlichen Länder denn die ganzen finanziellen Aufwendungen ohne Großbritannien schultern? Das ist nicht gut.“

Auch Ruggiero denkt so. Er ist angehender Jurist in Palermo und ebenfalls auf Urlaub in seiner Heimat. Wie denn Italien heute entscheiden würde, wenn es auch hier eine Abstimmung gäbe? frage ich ihn. „Das sähe nicht gut aus, höchstwahrscheinlich. Vermutlich würde Italien ebenfalls rausgehen. Europa hat mit seiner Bürokratie zu viele verstört.“ Und Calogero lächelt versonnen: „Eine solche Abstimmung wird es in Italien wahrscheinlich nie geben. Sie würde einfach auf halbem Weg irgendwo hängenbleiben. Nein. Da mache ich mir keine Sorgen.“

Nein. Ein richtiger Trost ist mir das alles nicht, was ich gehört habe. Auch die Menschen in Sciacca denken sich ihren Teil, machen sich ihre Gedanken über das, was die Menschen weit nördlich an einem ganz anderen Meer für sich und ihre Zukunft entschieden haben. Es ist vor allem das junge Italien, das sich Sorgen macht, das Schwierigkeiten und negative Auswirkungen klar vor sich sieht.

Eines scheint mir allerdings klar. Auf dem bisherigen Weg gibt es kein weiter. Die Straße des „Weiter so!“ ist versperrt. Es scheint, dass die bisherigen Institutionen, die bisherigen Formen, in denen Europa sichtbar ist und wirkt und tätig ist, ein Brüssel, ein Europa-Parlament Straßburg, ein Komissionspräsident Juncker und ein Parlamentspräsident Martin Schulz den Kontakt zu den Menschen verloren haben.

In Großbritannien. Aber auch hier in Sciacca, an der sizilianischen Südküste.






Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015














Einhand um Malta, Teil IV.




Tief beeindruckt von den Fels und Gesteinsformationen an Maltas Westküste schrieb ich vor einigen Tagen einen Post darüber, den ich heute fortsetze.

                                                                     Weiterlesen bei: Einhand um Maltas Westküste. Hier.

Eigentlich ist Malta fast rund. Geografisch stimmt das vielleicht. Aber für den Segler eben nicht. Denn in Wahrheit liegt die Insel mit ihrer Ost- und Westküste wie eine Wetterfahne in  Hauptrichtung der vorherrschenden Winde. Der Nordwest, der an Siziliens Südküste im Mai heftig wehte, streicht hier die Ostküste entlang von Nord nach Süd, so dass ich beschließe, die Insel im Uhrzeigersinn zu runden. Die zweite dominierende Windkraft kommt aus Südost – ideal, um die bereits beschriebene Westküste zu bereisen, denn selbst schwache Winde aus Südost sorgen durch Kap- und Küsteneffekt für flotte Fahrt nach Norden. Und wie beschrieben für heftige Fallböen in den wenigen Buchten an der Ostküste. Zu Umrunden ist die Insel eigentlich schnell: Mit meinem 31-Fuß-Schiff Levje könnte ich in vier Stunden die Südspitze erreichen und weiteren fünf, sechs Stunden meinen „Heimathafen“ Mgarr (gesprochen Im-Mdscharr) auf Gozo wieder erreichen.



Aber wer will schon schnell? Ich breche zeitig am morgen aus Mgarr auf und passiere im Morgenlicht die kleine Insel Comino, die genau zwischen Gozo und Malta liegt. Es ist einsam hier, nur ein paar Boote, die in der Passage zur Insel Cominotto ankern. Aber da will ich heute nicht hin, sondern mein Tagesziel heißt: Grand Harbour. Und Marsamxett Harbour. Die beiden tiefen Hafenbuchten der Hauptstadt Valetta.



Nach zwei Stunden kommt tatsächlich Wind auf. Aber dummerweise genau aus Südost – da wo ich hinwill. Die Lust am Segeln überwiegt, ich mache einen Kreuzschlag von Maltas Küste weg, genau Richtung Sizilien. Und weil LEVJE bei diesem Vierer grad so schön dahinschnürt, bin ich so hellauf begeistert, dass ich die Zeit vergesse, einfach wegsegle von der Küste, hinaus aufs offene Meer. Und dort fast der Versuchung erliege, einfach die acht Stunden mal schnell nach Sizilien… Aber nein! Valetta heißt mein Ziel. Disziplin. Jetzt nicht einfach nach Lust und Laune. Also gehe ich schnell auf den anderen Bug – und werde belohnt.



Denn die Einfahrt in die nördliche der beiden Hafenbuchten, den Marsamxett (gesprochen: Marsam’schett)-Harbour ist faszinierend. Wir ziehen unter Segeln in die Bucht, vorbei an Festungsmauern, Kuppelkirchen, alten Forts, die die Johanniter hier errichteten. 

Die Johanniter. Weil ich ein Buch über die große Belagerung Maltas durch die Türken gelesen hatte, reiste ich als 19jähriger alleine hierher. Die Geschichte einer Handvoll Ritter, die eine Insel gegen ein osmanisches Heer verteidigten, faszinierte mich damals so, dass ich begeistert anrückte. Malta damals? Eine vergessene Insel auf der Suche nach einer neuen wirtschaftlichen und politischen Zukunft. Die Briten, für die Malta jahrhundertelang wichtigster Flottenstützpunkt gewesen war, waren abgezogen. Jede Menge Jobs in den Werften gingen mit der Selbständigkeit Maltas 1964 mit einem Schlag verloren. Nur die englischen Touristen blieben. Malta in den 80ern: Man liebäugelte mit den Sowjets, kungelte mit Ghaddafi. Und beim Attentat auf die PAN AM-Maschine über dem schottischen Lockerbie, bei dem …. ein Jumbo durch eine Bombe in der Luft auseinanderbrach, spielte Malta eine unrühmliche Rolle. Der Koffer und die Kleidung, in denen die Bombe an Bord geschmuggelt worden waren, waren in einer Boutique im Touristenort Sliema gekauft worden und via Frankfurt in die Maschine geschmuggelt worden. Die Spur – sie führte nach Libyen, zu Muammar al Ghaddafi.

Von der Armut der 80er ist heute nichts mehr zu spüren. Malta, der dichtbesiedelste Staat der EU, brummt und summt. Steuervorteile locken Firmen, Finanziers und Vermögende gleichermaßen auf die Insel. Die Immobilienpreise auf Malta haben längst Münchner Innenstadt-Niveau erreicht. Die Insel prosperiert. Und jedesmal bin ich wieder darüber erstaunt, wie sehr sich die arme Insel von einst gemacht hat.

Wer nach Valetta segelt, hat die Wahl: Vier, fünf Marinas stehen dem Segler zur Verfügung. Die etwas mondäne Camper+Nicolson-Marina im Grand Harbour vor dem historischen Vittoriosa ist für den gehobenen Geldbeutel. Für meine 31-Fuß-Levje müsste ich 67 Euro berappen, plus Mehrwertsteuer macht laut Preisliste 91 € die Nacht. Muss nicht sein. Mich verschlägt es stattdessen hinter Fort Manoel, ganz am Ende der Marsamxett-Bucht in die Msida-Marina, einen alten Flußarm auf der sonst wasserarmen Insel Insel Malta, in dem Platz für … Boote ist. Kaum ist das Groß in den Lazyjack gefallen, kaum drehe ich meine Runde im Hafenbecken, um Fender und Leinen zu klarieren, rauschen drei Marineros im Dinghi an und geleiten mich an meinen Liegeplatz. Der liegt diesmal nicht an Felswänden, sondern inmitten von Hochhäusern, dort, wo der Fluss, der „Creek“ immer enger wird.

Einer der Marineros entpuppt sich als … Chef, der sich nicht hinter Schreibtisch und Visitenkarte verschanzt, sondern selber die schmuddelige Mooring in die Hand nimmt. „Heiß heute“, meint er, „ich hab mir einen Sonnenbrand geholt“, sagt er und zeigt mir seinen roten Arm. Ein braungebrannter Malteser mit Sonnenbrand! Die Sonne ist hier nicht zu unterschätzen. 


Im Marinagebäude ist alles neu, die Waschräume sind im Hochhaus mit den runden Balkonen untergebracht. Zu einem meiner vielen ungeschriebenen Büchern, an denen ich jeden Tag im Geiste weiterfeile, gehört auch ein illustrer Titel, an dem ich, seit ich segle, im Geiste ständig schreibe: Er heißt „100 Toilets to Sea. Ein Europäischer Kloführer.“ und ist nichts anderes als ein Kloführer für Segler – von den Schären bis Malta. Von Quiberon bis Don. Würde ich ihn schreiben, kämen die MSIDA-MARINA-Räume (Stand 6/2016) mit glatten 4,8 von 5 Punkten weg. Und das auch nur, weil ich aus Prinzip keine Höchstpunktzahl vergebe. Alles ist nagelneu und gepflegt, Wasser sprudelt richtig heiß und richtig kalt aus der Leitung, ich genieße das Süsswasserbad im Hochaus, bevor ich mich in die Großstadt stürze. Valetta lockt, ich setze mich in den Bus, der ein paar Meter weiter ins Zentrum fährt, streife durch die Straßen der Stadt.



Valetta und Malta: Sie sind so ganz anders in ihrem Gepräge als Inseln wie die große Schwester Sizilien zehn Segelstunden entfernt im Norden. Wer ankommt, wird mit „Sir“ begrüßt. Die Sprache ist arabisch, doch in lateinischen Buchstaben geschrieben. Die Insel ist wohlhabend – was man daran merkt, dass in der Main Road eines typisch maltesischen Hauptortes wie Valetta oder Victoria auf der Nachbarinsel Gozo mehr Immobilienhändler als Bäcker zu finden sind. Und Zufahrtsstraßen von Autohändlern gesäumt sind. Aus Furcht, wie 1980 mit den Schattenseiten der englischen Küche konfrontiert zu werden, habe ich mir aus Sizilien 10 Flaschen Wein und gutes italienisches Brot auf LEVJE gepackt. War gar nicht notwendig. Ist alles da: Malta produziert mittlerweile achtbaren Wein. Malta hat nette Fischläden, die jeden Tag geräucherten Lachs anbieten. Das Brot im Supermarkt ist wunderbar. Eine Insel auf dem Weg nach oben. Selbst eigene Ölbohrinseln im Süden betreibt Malta mittlerweile, das keinerlei Bodenschätze hat und zu den wasserärmsten Regionen der Welt gehört.




Was also ist es, was die Insel so brummen lässt? Eine Insel, auf der nichts produziert wird, auf der (fast) alles importiert werden muss?
Wieder einmal kommt mir die Frage meines besten Freundes Andal in den Sinn: „Kann eine Wirtschaft funktionieren, die davon lebt, dass jeder für jeden nur eine Pizza bäckt?“ So eine Art „Perpetuum Mobile“ der Dienstleistung – aber das hat ja schon in der Physik nicht funktioniert. Ich finde keine Antwort.

Am nächsten Mittag auch nicht in der großen Doppelbucht an der Südspitze Maltas. Der Wind am Vormittag war eingeschlafen, eigentlich merkwürdig, denn heute sollte es mit vier aus Südost wehen. Also motorte ich die Küste hinunter, zahllose Fischfarmen liegen vor der Südostspitze, ich musste aufpassen, dass ich zwischen den gelben Bojen und Aquakulturen nicht in einen Irrgarten geriet. Marsaxlokk (gesprochen: Marsah:schlokk) ganz im Süden ist das Tor, durch das hereinkommt, was Malta so zu brauchen meint. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, was für riesige Schachtelfahrer (So nennen sie sich selber – ich bin zwei mal auf Containerschiffen mitgereist!) hier abladen. Das sind keine Fiederschiffe mehr, es wird direkt importiert. Und so geht es mir mit Malta und seinem Wirtschaftswunder so wie mir neulich der kluge französische Skipper bei einem Glas Wein sagte. Man hätte im Leben doch immer zwei Möglichkeiten:

„Entweder viel sehen. Und nichts kapieren.
Oder viel kapieren. Und nichts sehen.“

Was das Begreifen von Maltas Wirtschaftswunder angeht, bin ich eindeutig im ersten Satz befangen.














Und weil es in Marsaxlokk nur Bojenfelder gibt, wo ich anlegen könnte, segle ich weiter und streife nun die Westküste hinauf. Aber das ist eben eine Geschichte, über die ich bereits schrieb.
                                                                 Weiterlesen bei: Einhand um Maltas Westküste. Hier.

Fazit: 
Malta ist seglerisch allemal einen Abstecher wert. Eine Handvoll Marinas, zwei Handvoll netter Buchten und atemberaubende Naturlandschaften von See aus sind Gründe genug, sich  hier herumzutreiben. Und die Tempel von Gigantija – sie sind es allemal wert!

Wer Infos über Preise und Marinas möchte: Bitte einfach schreiben über das Kontaktfeld ganz unten auf der Seite.














Mare Più: heißt „mehr Meer“. 
Und wenn Sie mehr Geschichten 
über die Menschen am Meer lesen wollen:



Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
• Griechenland
• Türkei
zu bereisen. Und in fünf Monaten: Von München nach Antalya zu reisen.


Auch als Film:  


Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“

RATGEBER.REISE. im Juni 2015








Mare Più. 2016-06-19 23:21:00




Wieder einmal hilft mir LEVJE, mein Boot, das Land zu entdecken. 

Zurückgekehrt aus der Türkei, beschließe ich beim Aufwachen, doch mal die Motorbilge zu kontrollieren. Das kann man auf LEVJE machen, indem man sich im Bett einfach nach links dreht, so als wollte man beim Aufwachen seine Gefährtin liebevoll betrachten. Dann öffnet man eine kleine Klappe, und schon kann man hinunterschauen in den Motorraum und ….  –  Mist! Wieso steht da jetzt eigentlich Wasser drin????

Wasser im Schiff ist blöd. Vor allem, wenn es dort ist, wo es gar nie sein soll. Meine Laune geht auf minus 15 Grad, ich überlege, während mir nach Fluchen zumute ist, beim Zähneputzen, wie ich das Leck finde. Und das Problem löse.

Hauptverdächtiger ist der Wassersammler aus Edelstahl. Also schraube ich flux Auspuff, Krümmer, Schläuche, Dieselfilter, siebenerlei Schlauchschellen ab. Und keine Dreiviertelstunde später habe ich den Übeltäter ausgebaut in der Hand. Tatsächlich. Eine rostige Stelle. Angefressen. Aus der es seffzt und seicht und trielt. Wie das? Ist doch Edelstahl?



Das gute an der Malaise ist: Ist doch Edelstahl! Man kann es also schweißen. Ich muss jetzt nur auf Gozo, der kleinen Nebeninsel Maltas, jemanden finden, der das kann. Ich packe mir das baumstammdicke Teil in eine große Tasche und trotte zum Hafen. In der Ecke, in der die Fischer ihre ranzigen Kähne aus dem Wasser hieven und überholen, ist tatsächlich jemand. Und die Antwort, die ich von ihm erhalte, liest sich wie eine Ereignisfeld-Karte: 

„Gehe nach Victoria, in den Hauptort der Insel Gozo. 
An der Straße nach Marsalforn gibt es einen Schlosser. Er baut Boote. Und er heißt Frankie. Er schweißt Edelstahl.“



Keine halbe Stunde später, in der der Bus hinauf ächzt und mich und meinen Freund, den Wassersammler, hinaufkarrt zum höchsten Punkt der Insel, zur Hauptstadt Victoria, stehe ich vor Frankie. Der verblüfft mich, weil er sofort weiß, warum das Teil angefressen ist. „Zu viel Elektrizität im Wasser. In den Häfen ist zu viel Elektrizität. Von anderen Booten. Das erzeugt galvanische Effekte. Und die fressen dann den Edelstahl. Oder was immer.“

Right or wrong: Da hat einer nachgedacht über das, was im Wasser so vor sich geht. 
Und während Frankie sich an die Arbeit macht, streune ich ein bisschen in seiner Werkstatt hin und her. Und bin begeistert. Frankies Werkstatt ist so ganz anders als die Werkstätten, die ich kenne. Keine tolle STANLEY-Werkzeugkiste. Keine tollen „WÜRTH-wir-machen-ihr-leben-leichter“ Werkzeugschränke mit Vollauszügen. Nichts. Gar nichts dergleichen.

Das Gehäuse eines alten Schiffsgetriebes am Boden, wer weiß, wie lange schon. Da liegt es, wie ein leeres Schneckenhaus, wenn der Schneck, das Leben, längst ausgezogen und fort ist.
Vier Edelstahltrommeln von Waschmaschinen in der Ecke. Wer weiß, was Frankie daraus bauen wird?



An der Wand: ein fünfblättriger Bootspropeller. So einen habe ich ja noch gesehen. Eine Schiffsschraube, die aussieht wie eine PRIL-Blume aus den siebzigern, wie irgendetwas, das aus einer anderen Zeit stammt. Hineinragt in die unsere. Und hier einen Ort gefunden hat, wo sie einfach nur sein darf. Zweckfrei. Jahrzehnte. An der Wand hängen. Und von den Zeiten träumen, als fünfblättrige Bootspropeller einfach hip und der letzte Schrei waren.

Hölzerne Schablonen, oben in der Ecke. „Die sind noch von meinem Vater. Er war Bootsbauer hier in Malta und hat hier in dieser Werkstatt die traditionellen Holzboote gebaut. Sie heißen Luzzu oder Dghajsa.“



Treibriemen, die von der Decke hängen, für alles mögliche. Um alles mögliche oder unmögliche damit anzutreiben.

Überall im Raum verteilt Maschinen. Um aus Stahlteilen etwas heraus zu drehen, Späne wegschälend freizulegen, zu schweißen. Eine alte englische Drehbank aus der Zeit, als die Engländer, Kolonialherren über die Insel, plötzlich abzogen. Die Insel sich selbst überließen. Die Werften, die zweihundert Jahre die Menschen beschäftigt hatten, plötzlich sich selber überließen, sie nicht mehr benötigten. Was man alles wissen muss, um die Drehbank einzusetzen.



Eine Muschel unter dem eingestaubten Blatt einer uralten Säge. Wer weiß, wen sie woran erinnern soll. Stahlteile. Soweit das Auge reicht.












Frankie erzählt. „Mein Boot habe ich mir selber gebaut. Aus GFK. Es ist ein einfaches 
Fischerboot, mit dem ich zum Angeln rausfahre, wenn es hier nichts zu tun gibt. Es ist nicht groß, gerade mal sieben Meter. Aber es reicht, um …. zu fangen. Wo kommst Du eigentlich her?“

Als Frankie erfährt, dass ich Deutscher bin, nimmt er mich am Arm: „Das hat mein Vater im Krieg aus einem abgeschossenen deutschen Flugzeug. Es ist der leergeschossene Gurt eines deutschen Kampffliegers, der oben an der Straße nach Ta’Pinu abstürzte.“



Leer geschossene Patronen eines Kampfflugzeugs. Und plötzlich ist sie da, die Geschichte, wie sich deutsche und italienische Flieger vom nahegelegenen Sizilien aus aufmachten, manchmal 10 mal, 20 mal am Tag die Insel Malta angriffen. Die hundert Kilometer übers offene Meer hinüberflogen, die Inseln zwei Jahre lang bombardierten, um sie niederzuzwingen, damit noch verwegener, noch monströser: Die deutsche Armee in Nordafrika ihren Nachschub bekam und Richtung Ägypten marschieren konnte. Was wollten, all die Georgs, die Hansens, die Sebastians und Rolfs denn in Nordafrika? So ganz werde ich es nie verstehen. 



Teile aus einem englischen Flugzeugwrack. Das Rad, um die Sauerstoff-Zufuhr zu öffnen, wenn das Flugzeug in zu große Höhen aufgestiegen war. Teile aus einer anderen Welt. Frankie’s Werkstatt: Ein Museum dessen, was einmal war. Und heute Teil unserer Geschichte ist. Teile, die still an der Wand hängen und vielleicht dort an der Wand hängen bleiben, bis Frankie eines Tages seine Werkstatt aufgibt. Und im boomenden Malta an die Stelle seiner Werkstatt irgendetwas anderes dort gebaut werden wird.





Und während ich meinen Gedanken nachhänge, ist Frankie schon beim nächsten Teil. Eine verbackene Wasserpumpe aus einem Trawler will wieder gängig gemacht werden. Frankie macht sich mit Liebe an das Teil heran. Spannt es in einen Schraubstock. Und klopft mit einem kleinen Hammer auf Schrauben und Muttern, um sie zu lösen. Ich aber lasse Frankie weiterarbeiten. Lasse ihn ankämpfen, den Mann mit den klugen, wissenden Augen, gegen den Zerfall, die Enthropie, das Vergehen, das sich noch gegen jedes vom Menschen geschaffene Teil richtete. Für kurze Zeit wird Frankie in seiner Werkstatt den Kampf gewinnen.