Archiv der Kategorie: Atanga

Unsere Pläne 2019/2020

Sa., 27.Apr.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1791, 17.385 sm von HH

Eigentlich wollten wir bereits heute weiter. Aber schlechtes Wetter verzögert die Abfahrt. Dabei ist es eher das schlechte Wetter am Endziel als hier vor Ort. Auf den Toamotus bläst es laut Wetterkarte mit 23 Knoten Durchschnittswind. Zuviel für die heiklen Passeinfahrten in die Atolle. Heftige Strömung entstehen an den schmalen Durchgängen zum Atoll und machen eine Einfahrt (unter Umständen) unmöglich.

Ab 1. Mai ist offiziell die Zyklon-Saison beendet, dann kann man sich überall gefahrlos hinbewegen. Leider ist die Saison kurz und schon ab November sucht man sich besser einen zyklonsicheren Ankerplatz. Den findet man üblicherweise in Neuseeland oder Australien.
Wer dann noch eine zweite Südsee-Saison dranhängen möchte, muss sich aus Süd-Westen zurück quälen. Oder er verlässt sich auf einen der Plätze, der als Zyklon-Hole angepriesen wird. Das ist nichts für unsere Nerven. Viele dieser Löcher haben sich, sowohl in der Karibik als auch im Pazifik, als Falle erwiesen.

im Moment erscheinen uns sechs Monate Südsee definitiv als zu kurz. Also, was tun? Einige Segler fahren zurück auf die Marquesas ganz im Osten, die als zyklonsicher gelten. Wir haben uns die Australinseln und die Gambierinseln als Alternative überlegt. Gegen den Uhrzeigersinn würden wir eine Runde über die Tuamotus bis nach Tahiti segeln und dann ab November in den Süden stechen.
Die Atolle Austral und Gambier gelten als relativ sicher. Alle Jubeljahre gibt es einen Zyklon, der soweit südlich reicht. Wir halten das Risiko für kalkulierbar. Das Ganze hat nur einen Haken: kaum eine Crew macht das! :shock:
Warum nicht, ist uns noch nicht ganz klar. Der Wind soll in den Austral-Inseln unbeständig sein. Der Wind soll dort kräftig sein. Und die Temperaturen sollen im Süden deutlich kühler sein. Wobei Letzteres für mich eher als großer Vorteil erscheint. Am Ende der Runde (ca. 2.700 sm = 5.000 Kilometer) würden wir dann wieder hier in Rikitea landen.

Wenn sich andeutet, dass sich der kräftige Wind aus den Tuamotus verzieht, brechen wir auf. Auf unserem Weg sammeln wir weitere Berichte über unsere Idee. Und schauen uns an, ob die einsame Südsee für uns das Richtige ist und wir tatsächlich eine zweite Saison bleiben wollen.

geplante Route 2019/2020

geplante Route 2019/2020

Südsee-Alltag

Fr., 19.Apr.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1783, 17.385 sm von HH

Die Tage verrinnen. Der Insel-Alltag ist geruhsam, aber ausgefüllt. Manchmal regnet es – nein, es schüttet. Innerhalb von zwei Stunden sind unsere Wassertanks voll bis zum Überlaufen. Fünfhundert Liter gefangen mit ‚German Engeneering‘. Alle zehn Tage kommt eine Schlechtwetterfront von drei Tagen Dauer durch.
An solchen Tagen verschwatzen wir den Vormittag bei unseren netten Schweizer Nachbarn oder erledigen ein paar Reparaturen. Das Dinghy Cover brauchte ein paar Flicken und Achim hat endlich den Fehler beim Außenborder (the Bitch, wie er das Teil liebevoll nennt) gefunden. Der Vergaser macht seit der Osterinsel-Reparatur keine Probleme mehr, trotzdem lief die Kiste noch immer nicht richtig. Hier in Gambier ist dann der Not-Aus-Schalter kaputt gegangen. Im Grunde ein Glücksfall, weil Achim jetzt den Fehler für den stotterigen Lauf des Motors entdecken konnte: Der Schlüssel vom Notaus hat nicht sauber die Leitung getrennt. Dadurch wurde die Zündung immer mal wieder kurz geschlossen und ‚The Bitch‘ lief unrund.
Ein neuer Schalter muss her, damit man beim Ausschalten des Außenborders keine geflankt bekommt. Unmöglich hier zu bekommen. Also hat Achim einen Kippschalter aus seinem Fundus eingebaut. Der hat genau drei Tage gehalten bis Salzwasser an den Schalter kam und der Schalter unter Strom stand. Eine neue Idee musste her. In meinem Nähkästchen fand sich ein alter Jackenknopf, der jetzt erfolgreich unser neuer Notaus-Schalter geworden
ist. Aus dem Boden einer Plastik-Dose in der mal Nüsse waren, wird ein neues Schauglas für die Tankanzeige am Tankdeckel, der schon seit Monaten zu Staub zerbröselt war.
Alles Schrott, was produziert wird, unser Außenborder ist nicht mal drei Jahre alt. :cry:

Neues Schauglas aus einer alten Plastikdose Das Dinghy Cover kommt in die Jahre Alter Jackenknopf als Notaus

Bei gutem Wetter gehen wir sammeln und jagen. Auf unseren Touren über die schöne Insel werden wir fündig: Chili-Schoten, Papaya, wilden Basilikum und sogar einen Kürbis können wir erlegen. Leider bereits im ersten Drittel der Strecke. „Ist nicht mein Lieblings-Gemüse. Wenn Du ihn willst, musst du ihn selber tragen“, lehnt Achim meinen Tragewunsch dankend ab. Dafür puckelt er mir zentnerweise Pampelmusen und Kokos-Nüsse an Bord.

Die anderen Inseln im Atoll müssen noch warten

Immer wieder schöne Aussichten

 

Und wir sind unter die Perlen-Sammler gegangen. Auf dem Festival konnte man für relativ wenig Geld Perlenschmuck kaufen. Leider alles im Oma-Style, Perlenketten halt, so gar nicht mein Geschmack. Dann gibt es hier noch eine Langzeit-Seglerin, die Perlenschmuck selber herstellt. Der ist moderner mit Lederbändern gefertigt, asymmetrisch aufgefädelt und ganz chic. Der Schmuck erscheint mir aber zu teuer zu sein.. 80 bis 190 USD soll dort ein Kettchen kosten. Wenn ich mir anschaue, wie inflationär bei der Dekoration für das Festival mit Perlen ‚um sich geschmissen‘ wird, können Perlen vor Ort nicht teuer sein. Hunderte von Perlen wurden mit der Heißklebepistole auf Muscheln und Stoff geklebt. Nun fällt diese Dekoration auseinander. Man braucht sich nur noch bücken und die Perlen einsammeln. :-) Diese sind natürlich nicht fehlerfrei, aber das sind die Perlen im Schmuck vom Fest und der Seglerin ebenfalls nicht. Jetzt muss Achim mir nur noch Löcher in die Perlen bohren.

schwarze Perlen sind grau, blau-grau oder anthrazit - unsere haben 1,2 cm Durchmesser und sind somit mittelgroß

schwarze Perlen sind grau, blau-grau oder anthrazit – unsere haben 1,2 cm Durchmesser und sind somit mittelgroß

Mit Heißkleber verklebte Perlen - im Hunderter Maßstab verarbeitet

Mit Heißkleber verklebte Perlen – im Hunderter Maßstab verarbeitet

Und es geschehen immer unerwartete Dinge: mal funktioniert das Internet für einige Tage nicht oder es kommt überraschend das angekündigte Versorgungs-Schiff einen Tag zu früh. Diesmal sind wir erfolgreicher beim Auffinden der angelieferten Waren und halten nachmittags echte Tomaten in den Händen. :mrgreen:
Dann wieder sieht Achim einen Menschenpulk an der Pier. Ein Muschelhorn erklingt. Was ist da los? Wir springen schnell ins Dinghy. Eine Karfreitags-Prozession läuft singend vom Hafen bis zur Kirche. Gefolgt vom Muschelbläser, der statt Kirchenglocke zum Appell ruft.

Muschelhorn statt Kirchenglocke Karfreitags-Prozession

Wenn wir nicht nach Essen jagen, fahren wir bei gutem Wetter mit den Kajaks. An Deck nerven sie ja schon etwas, denn genau genommen sind zwei Stück doch etwas viel für unser kleines Schiff. Aber es war ein großartiger Kauf, erweitern sie doch unseren Radius unglaublich.
Wir wollten schon längst die unbewohnten Nachbarinseln im Atoll besucht haben, aber auf Mangareva gibt es einfach zu viel zu tun. Und schlechtes Wetter wird in einer einsamen Bucht auch nicht besser. Das ist mit ein wenig Unterhaltung besser zu ertragen.

Kajak-Ausflug

Kajak-Ausflug

Festival ‚Te Matapukurega‘

Mi., 10.Apr.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1774, 17.385 sm von HH

Langschläfer sind die Rikiteaner nicht. Bereits um 8:00 Uhr morgens läuft die Parade zum Festival auf. Wie bei den Olympischen Spielen tragen die teilnehmenden Gruppen die Namen ihrer Herkunfts-Insel auf Schildern vor sich her. Bunt gekleidet oder in traditionellen Kostümen. Und wieder Blumenkränze auf dem Kopf. Jetzt wird auch klar, warum die Truppe aus Hiva Oa mit kleinem Gepäck anreisen konnte. Sie haben sich heute Morgen ihre Klamotten frisch im Wald gepflückt. :mrgreen:

Parade von der Kirche zum Festplatz

Parade von der Kirche zum Festplatz

Frische Palmenwedel und Farn als erneuerbare Klamotten

Frische Palmenwedel und Farn als erneuerbare Klamotten


Ein Gesicht im Zug kommt uns bekannt vor. Das Schild gibt Aufklärung: eine kleine Delegation von Tänzern ist auch aus Rapa Nui, der Osterinsel, angereist.
Unter lauter Trommel-Begleitung zieht der Tross Richtung Festplatz. Der besteht aus einer Fußballfeld großen Fläche, abgestreut mit feinsten Korallensand. Unter kleinen Holzverschlägen wird Kunsthandwerk der teilnehmenden Atolle angeboten: Perlenschmuck, Flechtwerk und bedruckte Stoffe. Unter Zeltplanen wird schon am Aufbau des Buffets gearbeitet.

Zuschauer im Tross

Zuschauer im Tross

 

Die Reden vom Bürgermeister, vom Dorf-Sheriff und anderen wichtigen Persönlichkeiten ziehen sich. Geduldig warten die Gruppen auf ihre persönliche Vorstellung. Noch mehr Reden werden gesprochen. Merci und Maururu, ‚danke‘ auf tahitianisch, fällt häufig.

Die Rede vom Bürgermeister zieht sich, da kann man schon mal einschlafen

Die Rede vom Bürgermeister zieht sich, da kann man schon mal einschlafen

Die Atolle sprechen eine ähnliche Sprache, verstehen einander, nur die Repräsentantin der Osterinsel muss übersetzt werden. Das Ganze hat gewisse Längen, da einiges auch noch auf Französisch wiederholt wird.
Jedes Atoll gibt schon mal eine kleine Kostprobe seines Könnens und dann folgt auch schon das Essen.

Die wilden Kerle und Mädchen aus Hiva Oa

Die wilden Kerle und Mädchen aus Hiva Oa

Die dazugehörigen Trommler

Die dazugehörigen Trommler

Das halbe Dorf ist dabei mit seinen Kokosnuss-Tellern.
Mehrfach werden wir aufgefordert, uns ebenfalls zu bedienen. Ich mach es kurz: es ist besser als es aussieht. :-) Die schleimigen Breie sind Mango- und Banane-„Chutneys“. Die lila Würfel bestehen ebenfalls aus Banane. Dazu gibt es Maniok und Yucca mit Kokosmilch. Oder wahlweise Brotfrucht mit Kokosmilch. Oder Muschelsalat mit Kokosmilch. Es fehlt an allem: an Salz, an Schärfe und Gewürzen. Essbar, aber schon arg fad.

Skepsis am Buffet

Skepsis am Buffet

Das Essen Kokosschalen als Teller - davon gab es leider nicht genug Eure Hoheit am Buffet

Abends geht es dann zur Sache. Jedes Atoll bringt seinen eigenen Stil mit. Brav im Chor gesungene ‚Aloha-Südseeklänge‘, wie man es sich vorstellt, stammen aus Tubuai. Lieblich und sanft. Die Damen der Austral-Inseln treten in züchtigen Baumwollkleidern auf.

Sängerinnen aus Tubuai

Sängerinnen aus Tubuai

Die Mädchen aus Hao dagegen, lassen die Hüften kreisen. Die Baströcke wippen, die Blicke versprechen alles und nichts. Achim versteht nicht, warum es nur auf der ‚Bounty‘ zur Meuterei kam. Er ist der Meinung, beim Anblick der Mädchen hätte eigentlich jeder Matrose seinen verwanzten Kahn verlassen müssen.

Hüfttanz im Baströckchen

Hüfttanz im Baströckchen

Nymphe beim Hüftschwung

Nymphe beim Hüftschwung

Die wilde Gang aus Hiva Oa lässt keinen Zweifel aufkommen, dass man früher in der Südsee auch im Kochtopf landen konnte. Mit Fackeln, viel Geschrei und Geheule liefern sie einen starken Auftritt. Das wilde Gebaren mit den angemalten Gesichtern und den rollenden Augen kommt auch beim heimischen Publikum großartig an. Hiva Oa kassiert den kräftigsten Applaus.

Gänsehaut-Auftritt mit Fackeln

Gänsehaut-Auftritt mit Fackeln

Wilde Kerle aus Hiva Oa Man achte auf die Unterbüx - der Kevin Klein der Südsee heißt Taaitaaroa ;-)

Drei Abende werden wir aufs köstlichste unterhalten. Während der gesungen Tänze oder dem getanzten Gesang werden auch immer wieder Geschichten erzählt: eine Liebesgeschichte, ein Mädchenraub, ein Überfall mit erfolgreicher Verteidigung des bösen Gegners. Die Geschichten berichten von der Vergangenheit der abgeschiedenen Inseln.

Immer werden Geschichten bei den Tänzen erzählt

Immer werden Geschichten bei den Tänzen erzählt

Das Fest ‚Te Matapukarega‘ auf Mangareva dient dem Flechten und Erhalten von Beziehungen über die weiten Entfernungen der Atolle hinaus, dem Erhalt der Bruderschaft der Polynesier. Erst das zweite Mal ist das kleine Gambier Atoll Gastgeber für solch eine Veranstaltung, die dieses Mal unter dem Motto ‚Te Tutakiraga‘ – ‚die Zusammenkunft‘ läuft. ‚Te Tutakiraga‘ ist ein heiliges Wort in der polynesischen Geschichte, das die Aussage bestätigt: Du bist ein Polynesier, egal wo du geboren wurdest, welchen Tanz du tanzt oder welchen Dialekt du spricht. Das Motto scheint gelungen, wenn man sich am letzten Vormittag die Darsteller anschaut. Alle zusammen tanzen begeistert den Tanz von Mangareva.

 

Ein Dorf steht Kopf

Mo., 08.Apr.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1772, 17.385 sm von HH

Schon seit zwei Wochen wissen wir, dass ab Mittwoch eine Feier auf Mangareva ansteht. In der Mehrzweckhalle haben wir die Englischlehrerin getroffen, die uns davon berichtete: „Es gibt Musik, Tanz und Gesang. Und jeden Tag gibt es Essen für Alle. For free!“, erzählt sie uns begeistert. Sie half den Dorf-Kinder dabei, die Teller für die Feierlichkeit zu präparieren. Der Bürgermeister möchte kein Plastikgeschirr, also werden halbe Kokosnüsse geschliffen und poliert. „Ihr müsst unbedingt kommen. Es werden Tänzer aus den anderen Atollen erwartet – Marquesas, Tuamotus und den Austral-Inseln.“

Herstellung des Essgeschirrs

Herstellung des Essgeschirrs für die Feier

 

Jetzt ist es nicht mehr zu übersehen, dass etwas Großes auf uns zu kommt. Das sowieso schon schnieke Dorf wird jetzt richtig auf Vordermann gebracht. Mit dem liebsten Gerät der Dorfgemeinde, dem Motor-Rasentrimmer im XXL-Format, wird jeder Halm, der vorwitzig hervor lugt, nieder gemäht. Es wird geharkt, geschnitten und aufgeräumt. Die Betonstraße ist auch rechtzeitig fertig geworden, nur auf dem Festplatz wird noch gearbeitet. Der kleine Fähranleger, alle Laternenpfähle und das Rathaus sind mit Palmen, Farnen und Blüten geschmückt.
Als ich morgens zum Einkaufen gehe :lol: , hält mich ein Opa an. Schnell kramt er ein paar Brocken Englisch aus: „Am Mittwoch. Um 12:00 Uhr. Essen! Umsonst! Unbedingt hingehen!“

Am Nachmittag fängt es am Fähranleger zu trommeln an. Zufällig bin ich vor Ort, weil ich auf dem Weg zum Internet bin. Südseeschönheiten warten mit Blumengirlanden auf die Gäste aus den Nachbaratollen. Sie selber haben kunstvoll geflochtene Kränze auf dem Kopf.

Südseemädchen mit wunderschönen Kränzen

Südseemädchen mit wunderschönen Kränzen

 

Spalier für die Gäste - im Hintergrund dröhnen die Trommeln

Spalier für die Gäste – im Hintergrund dröhnen die Trommeln


Für heute ist ein Sonder-Flugzeug eingesetzt worden. Normalerweise gibt es nur dienstags und samstags eine kleine Maschine aus Tahiti. Die Trommler trommeln. Die Mädchen lächeln. Und es duftet nach Minze. Wo kommt denn bloß dieser Duft her?

Kunstvolle Kränze

Kunstvolle Kränze


Als sich die kleine Fähre sich von der Flughafeninsel her nähert, werden die Trommeln lauter. Die Mädchen schwingen die Hüften. Es wird gelacht und gerufen. Die Stimmung ist großartig. Ich habe Gänsehaut und die Nackenhaare stellen sich auf. Die Gruppen aus Hiva Oa und Hao werden wie eine Mischung aus Rockstars und lang vermisster Familienmitglieder begrüßt. Blumenkränze werden umgelegt. Küsschen verteilt. Die Blumenkränze haben unterschiedliche Qualitäten. Dünne Girlanden, üppige Blütenranken und für den Chef der Hiva Oa Truppe gibt es dicke Bänder aus Minze (aha!) mit eingeflochtenem Hibiskus.

Voluminöser Minzkranz

Voluminöser Minzkranz

Die Jungs von den Marquesas sind wilde Kerle mit Schweine-Hauern als Kette um den Hals.
Außer mir und Hank, unserem holländischen Nachbarn, sind keine anderen Ausländer dabei. Ich werde freundlich in die Mitte genommen. Darf Fotos machen und man posiert ausgesprochen gerne für mich.

Der jonny Depp der Südsee ist auch dabei

Der Jonny Depp der Südsee ist auch dabei

 

Die angekommenen Gäste bedanken sich für den Empfang mit einer Art Sprechgesang. Einer spricht-singt vor, die anderen fallen ein. Lieblich ist der Gesang nicht, es wird eher geschrien. Grob, mit rauer Stimme. Es fällt viel das Wort ‚Rikitea‘, der Rest bleibt mir verborgen. Aber die Botschaft wird klar. Die kehligen Worte gehen unter die Haut. Wieder die aufgestellten Nackenhaare.
Wenn schon die Begrüßung ein Fest der Sinne ist, wie mag dann die eigentliche Feierlichkeit werden?

Junge und alte Blumenmädchen

Junge und alte Blumenmädchen

Jonny

Jonny

Sonntag gleich Kirchentag

So., 07.Apr.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1771, 17.385 sm von HH

Ziemlich schnell nachdem die ersten Europäer, wie James Cook, Käpt’n Bligh und spanische Konquistadoren, ihre Füße auf Südseeinseln setzten, kamen die Missionare.
Ein gutes Beispiel für das Unheil, was die christliche Kirche anrichten kann, ist das Gambier Atoll. Unter der Knechtschaft eines verrückten Priesters kamen vor 150 Jahren über viertausend Menschen um.
1834 wanderte der französische Priester Honoré Laval auf Mangareva ein. Zuerst bekehrte er den letzen König von Gambier zum Christentum, um ihn anschließend brutal zu unterdrücken.
Laval war besessen von einer Bauwut. In 37 Jahren seiner Unterdrückung, entstand in Rikitea die größte Kirche Polynesiens, die heute die Kathedrale der Südsee genannt wird. Unzählige Kapellen, neun weitere Kirchen, zwei Gefängnisse und Klöster gehen auf seine Kappe. Mit drastischen Maßnahmen zwang er die Bevölkerung seine merkwürdigen Bauwünsche umzusetzen.
Während dieser Zeit starben 90 Prozent der Bevölkerung. Nur knapp 500 Menschen überlebten.
Am Ende seiner Schreckensherrschaft wurde Laval in Tahiti des Mordes angeklagt, aber für geisteskrank erklärt.

Noch heute findet man überall Überreste seiner Bauwut. Kleine Kapellen, Torbögen, Türmchen und ein, zur Ruine verfallenes, Kloster.

Wildromantische Überreste vom Kloster

Wildromantische Überreste vom Kloster

wunderschön überwuchert Die ehemaligen Toiletten des Klosters
Alles ist dem Verfall preisgegeben

Alles ist dem Verfall preisgegeben

Die Südsee-Kathedrale ist renoviert und sonntags wird zum Gottesdienst geläutet. Aufgerüscht und nett zu recht gemacht, findet sich das halbe Dorf zur Messe ein. Der Küster winkt uns trotz unserer Wanderschuhe freundlich herein und weißt uns einen Platz in der letzten Reihe zu. Auf dem Altar, verziert mit Perlmutt, soll sich eine große, schwarze Perle befunden haben, die sich heute im Vatikan befinden soll.

Die größte Kirche Polynesiens

Die größte Kirche Polynesiens

 

Warten auf die Messe um 9 Uhr morgens Aufgehübscht für die Kirche am Sonntag Altar mit Perlmutt

Gesungen (hübsch und mit Inbrunst) wird in Landessprache – in Reo Mangareva. Die Predigt erfolgt im Mix -auf Französisch und Reo. Nach kurzer Zeit verkrümeln wir uns wieder. Kein Problem. Der Küster nickt uns erneut freundlich zu. Die Kirchentür steht die ganze Zeit offen und die Locals kommen und gehen ebenfalls, wann sie Lust haben.

 

Die Versorgungslage

Do., 05.Apr.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1769, 17.385 sm von HH

Die Situation ist ernst, aber nicht hoffnungslos. :mrgreen:
Wenn das Versorgungs-Schiff da war, sind die Tiefkühltruhen in den Läden voll. Es finden sich Köstlichkeiten wie Entenbrust und Lammhaxen aus Neuseeland. Es gibt ganze Enten, Speck und gekochten Schinken zu kaufen. Die Preise sind ebenfalls köstlich. Eine (!) Entenbrust kostet 14 USD, Fleisch variiert im Kilopreis – zwischen 14 und 35 USD, je nach Qualität.
Da muss ein Hähnchen für zwei Tage herhalten. Die Keulen und Brust gibt es am erste Tag, gebraten mit süß-sauer Zwiebeln. Das Gerippe wird zur Brühe verkocht und zur Nudelsuppe verfeinert mit Gemüseeinlage aus der Dose und frischen „Frühlingszwiebeln“.

Obst gibt es nicht im Laden kaufen. Wir bekommen von Langzeit-Liegern den Tipp die Einheimischen in ihren Gärten zu fragen. :lol: Wir versuchen es mit ‚Banane‘. Das ist wenigstens ein Begriff, der weltweit gekannt wird. Und, oh Wunder, es klappt. Vati versteht nicht, was ich von ihm will, holt aber den Sohnemann aus dem Garten. Der übersetzt meinen Wunsch Mutti und die schleppt 15 kleine Bananen an. Nein, nein, ich soll nichts bezahlen, die bekomme ich geschenkt.
Papayas, Pampelmusen und Kokosnüsse suchen wir immer erfolgreicher auf unseren Wanderungen. Skorbut ist somit abgewehrt.

Die Pampelmusen wachen einem in den Mund

Die Pampelmusen wachen einem in den Mund

Gemüse ist ein echtes Problem. Knoblauch und Zwiebeln gibt es zu kaufen, mehr leider nicht. In der Botanik wächst eindeutig eine wilde Zucchini-Pflanze. Aber da hängen erst Tischtennisball große Früchte dran. Das braucht noch eine Zeit bis zur Ernte. Unsere holländischen Nachbarn haben einen Kürbis mit uns geteilt, der aus irgendwelchen dunklen Kanälen stammt.
Ich versuche mich an der Brotfrucht. Die erste bekamen wir geschenkt. Einfach so beim Spaziergang durch den Ort. Die anderen haben wir uns selber gesucht. Die Bäume wachsen überall wie Unkraut. Die Brotfrucht schmeckt wie Kartoffeln, wenn sie den richtigen Reifegrad haben. Den zu finden, war schwierig. Vier Versuche liegen hinter mir. Ist die Frucht zu reif, wird sie süß. Aber noch unreif gekocht, kann man sie als Kartoffelpüree oder Bratkartoffeln oder als Suppeneinlage verwenden. Unglaublich nahrhaft, ein paar Stücke und man ist pappsatt. Das ist übrigens die Frucht weswegen Käpt’n Bligh mit der Bounty in die Südsee kam. Man brauchte billige Nahrung für die Sklaven in der Karibik.

Der Brotfruchtbaum

Der Brotfruchtbaum

 

Noch unreife Brotfrüchte - genau richtig für die Kartoffel-Herstellung. Das Weiße ist Fruchtsaft der austritt

Noch unreife Brotfrüchte – genau richtig für die Kartoffel-Herstellung. Das Weiße ist Fruchtsaft der austritt

Die Brotfrucht


Vor dem Supermarkt mit dem Internet (was übrigens viel besser ist als uns im Vorwege erzählt wurde. Problemlos kann ich Bilder hier im Blog hochladen. :-) und seit ein paar Tagen können wir sogar whats app auf Atanga empfangen und ein winziges Internet – Achim hat da mal was gebastelt) ) kann man direkt im dem Dinghy am Strand parken. Ich gehe lieber einmal durchs Dorf zu Fuß. Irgendwas fällt immer ab. Neulich habe ich einen Mann mein Suppenhuhn unter die Nase gehalten. Er hat sofort verstanden und mir von seinen noch jungen Zwiebel im Pflanzkasten etwas vom frischen Grün gegeben. Frühlingszwiebel auf polynesisch.

Und was ist mit Fisch? Schließlich leben wir ja im größten Aquarium der Welt. Der Fisch hat leider im gesamten Atoll Ciguatera. Ein Nervengift, was sich im Fisch durch seine Nahrung anreichert. Der kleine Rifffisch frisst giftige Algen und wird vom größeren Jäger gefressen. Die Kette hat begonnen, die Giftmenge addiert auf. Für den Fisch ist das total ungefährlich, für den Menschen sehr unangenehm. Die Symptome fallen unterschiedlich aus: nadelstichartiges Kribbeln an Mund und Nase oder den Händen und Füßen. Es kann Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen bis hin zur Umkehr von Empfindungen entstehen: heiß fühlt sich kalt an – kalt fühlt sich heiß an. Es kann zu Durchfall und Erbrechen, Schmerzen in den Gelenken sowie ein Gefühl von elektrischen Impulsen kommen. Die Symptome halten unterschiedlich lange an: Stunden, Tage, Wochen!
Bleibt noch der Fisch am Außenriff. Der frisst keine Rifffische, ist also genießbar. Es gibt genau einen Fischer auf Mangareva. Wir wissen auch, wo der sein Häuschen hat. Können vom Cockpit mit dem Fernglas beobachten, ob er zum Fischen fährt. Tut er nicht. Zumindest nicht, seit wie wir ihn stalken. Wenn er fährt, soll er Thunfisch, Schwertfisch oder MahiMahi mitbringen. Für 6 USD das Kilo. Es besteht noch Hoffnung. ;-)

Mont Mokoto

Mo., 25.Mrz.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1758, 17.385 sm von HH

Der Mokoto ist der zweithöchste Berg von Mangareva und zwingt uns in die Knie. 423 tückische Höhenmeter. Steil und unbezwingbar. ;-) Die letzten Monate waren wir einfach zu faul. Unsere antrainierte Fitness von Ecuadors Viertausendern ist während der 40 Tage Segelei seit Dezember komplett verloren gegangen.
Also, bei mir verloren gegangen, muss ich zugeben. Achim sprintet wie immer die Hänge hoch. Ich meine, es ist noch schlimmer geworden mit ihm. Rauchfrei seit sechs Monaten, das scheint was zu bringen.
Die letzen Meter verzichte ich und warte hinter der Waldgrenze auf Achim. Der gibt aber ebenfalls kurz vorm Gipfel auf. Ihm ist es zu steil ohne Bäume, die eine Rutschpartie abwärts stoppen würden.

Steiler Anstieg

Steiler Anstieg

 

Mont Mokoto vom Ankerplatz aus Wanderung beginnt - alles noch harmlos Wie im botanischen Garten

 

Ungewöhnliche Bergziegen auf dem Gipfel

Ungewöhnliche Bergziegen auf dem Gipfel

Der Abstieg ist nicht minder anstrengend. Im oberen Drittel wachsen überraschender Weise kiefernartige Nadelbäume mit extrem langen Nadeln. Die verwandeln den Weg in eine Eisbahn.
So eine kleine Insel mit so einer garstigen Bergwanderung. Wer hätte das erwartet.

Mangareva - rechts das Ankerfeld - links die Perlenzüchter in der Bucht

Mangareva – rechts das Ankerfeld – links die Perlenzüchter in der Bucht

Im Hintergrund erkennt man gut das Saumriff, was Gambier umgibt

Im Hintergrund erkennt man gut das Saumriff, was Gambier umgibt

Das Versorgungs-Schiff ist da

Sa., 23.Mrz.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1756, 17.385 sm von HH

Wie die Heuschrecken kommen die anderen Yachten aus allen Ecken des Atolls und fallen in Rikitea ein. Es wird voll in der kleinen Bucht. Ungefähr 30 Segelboote dürften zur Zeit im Atoll verteilt unterwegs sein. Erst verstehen wir gar nicht, was das soll. Aber dann taucht der Dampfer mitten in der Nacht an der Pier auf und alles wird klar.
Großkampftag für Yachties und für die Einheimischen. Die Container schweben noch in der Luft, da stehen schon alle Schlange. Dem Verteiler am Container werden die Pakete aus der Hand gerissen: endlich ist das lang erwartete Bügelbrett mit dabei. Und Klopapier wird bereits seit letzter Woche benötigt. Großbestellungen für die Läden kommen auf den Pickup. Auch Grünzeug ist dabei. Wir entdecken säckeweise Möhren, Kohl, Zwiebeln und Kartoffeln.

Abholung direkt vom Container

Abholung direkt vom Container

Endlich ist das Bügelbrett mit dabei

Endlich ist das Bügelbrett mit dabei

 

Säckeweise Muschelschalen gehen nach Tahiti

Säckeweise Muschelschalen gehen nach Tahiti


Unsere Frische-Vorräte von der Osterinsel sind längst aufgebraucht. Wir folgen unauffällig einem der Pickups. Beobachten, wie die Säcke mit den Möhren hinten im Lager verschwinden. Soviel ist klar, heute kommt das nicht mehr in den Verkauf. Morgen ist Sonntag, da ist geschlossen. Wir versuchen es also am Montag. Hahahahaha. :-) Außer ein paar verhungerten Kohlköpfen ist von dem Zeug nichts wieder zu finden. Das hat alles längst seinen Weg in heimische Küchen gefunden.
Der Kohl ist mit Goldstaub belegt. Ein Kilo kostet 12 EUR. Da bleibt einem der Krautsalat doch glatt im Hals stecken. :mrgreen:

Garantiert Grünzeug frei Zone - die Läden in Rikitea

Garantiert Grünzeug frei Zone – die Läden in Rikitea

Diesel ist ebenfalls vom Versorgungs-Schiff zu bekommen. Der wird direkt aus dem Schiffstank in das praktische 200 Liter Fass gepumpt. Kleinere Mengen sind nicht erhältlich. Ein Segler fragt somit herum, wer Bedarf hat und kauft eines der Fässer. Mit der Handpumpe wird dann aus dem Fass in die einzelnen Kanister umgefüllt und verteilt. Mit Benzin für den Außenborder ist es das gleiche Prinzip.

Segler teilen sich ein 200 Liter Fass

Segler teilen sich ein 200 Liter Fass

Da schon mal fast alle Segler da sind, wird ein Treffen am Strand organisiert. Getränke muss jeder selber mitbringen und Pizza gibt es zum Mitnehmen aus der nahe gelegenen Pizzeria. Eine Getränke-Ausschank-Lizenz hat die kleine Bude nicht. Aber heute Pizza mit allen Belägen zur Auswahl – das Versorgungs-Schiff war ja da. Knusprige Pizza für 9,00 EUR das Stück. Der Preis ist okay, wenn man sich den Kohl vorstellt.

 

 

Insel-Wanderung

Mi., 20.Mrz.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1753, 17.385 sm von HH

Um die gesamte Insel führt eine sandige Piste für Autos. Aber es gibt auch einige Fußwege, die quer über Mangareva verlaufen. Dafür muss man die ungefähr zweihundert Meter hohe Bergkette überwinden, die direkt und steil hinter der Ringstraße beginnt.
Über wunderbare, schattige Waldwege gelangen wir auf die andere Seite. Üppiger Bewuchs auf beiden Seiten der Berghänge: Farne, Moos und wilde Passionsfrüchte. Zu Achims Leidwesen probiere ich alle Früchte, die wir finden. Vorsichtig zunächst nur ein Stückchen, um zu sehen, ob mir schlecht wird. Es schmeckt auch nicht alles wirklich gut. Die Passionsfrüchte sind leider bitter, klein und hart und glatt wie Tischtennisbälle sind sie kaum zu knacken.

Ein echter Seemann hinterlässt auch Lianen schön aufgeschossen

Ein echter Seemann hinterlässt auch Lianen schön aufgeschossen

 

Große Schnecken überall im Wald Dreistündige Wanderung auf tollen Waldwegen

 


Auf der anderen Seite der Insel wohnen die Perlenzüchter. Im Gambier Archipel gibt es die besten ‚Schwarzen Perlen‘ der gesamten Südsee. Das Wasser ist kühler hier im Süden und die Bedingungen sollen optimal für gute Ernte sein.
An Bojen hängen die Perlenzüchter Drahtgitter auf, an denen die Austern bzw. ihre Perle wachsen sollen. Die Buchten auf der Nordseite sind bunt gesprenkelt mit Bojen. Vor lauter Gittern ist dort kein Durchkommen mehr. Über dreißig Perlenzüchter haben ihr Auskommen auf der Insel. Die Nachfrage nach der schwarzen Tahiti Perle ist vor allem in Asien ungebrochen. Da wundert es nicht, dass sich die größten Perlen-Farmen in chinesischer Hand befinden.

Perlenzucht

Perlenzucht

Drahtgitter für die Perlenzucht

In der Bucht vor Rikitea liegen wir zur Zeit mit zehn Segelbooten. Es ist ein Kommen und Gehen. Zu den anderen Inseln des Atolls ist es nicht weit. Drei Kilometer, fünf oder auch mal acht Kilometer. Die Schlechtwetterfront ist durch, der Regen hat aufgehört. Das Wasser wird jeden Tag klarer und blauer. Allerdings hält der kräftige Wind noch an. Das ist nicht so schön zum Dinghy fahren, dafür haben wir Strom im Überfluss. Dreimal zwanzig Liter Wasser können wir täglich produzieren – plus Trinkwasser. Endlich mal mehr als wir verbrauchen. Die Tanks füllen sich. Brauchwasser kann man auch im Ort bekommen, aber wer hat schon Lust die Kanister zu schleppen?
So langsam weht ein Hauch Südsee über uns hinweg.

Bucht von Rikitea - Atanga liegt ganz rechts außen

Bucht von Rikitea – Atanga liegt ganz rechts außen

 

Rikitea – exotisch? Ja oder nein?

Di., 19.Mrz.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1752, 17.385 sm von HH

Das erste, was uns auffällt: Rikitea ist ordentlich. Unter Straßenbäumen ist das Laub geharkt. Um die Häuser sind hübsche Gärten angelegt mit gemähtem Rasen, geschnittener Hecke und Zaun drum her. Auf dem Rasen steht ein Trambolin und ein Plastikrutschen-Gestell. Wären die Hecken nicht blühender Hibiskus und würden nicht Orchideen in den Bäumen hängen, könnten die Häuser mit Veranda und gepflegtem Pickup vor der Tür auch in Bergisch Gladbach stehen.
Mit großen Augen gehen wir durch den Ort. Damit haben wir nicht gerechnet. An Gefahrenstellen stehen Leitplanken an der sandigen Buckelpiste. Die Leute fahren mit Helm auf ihrem Moped. Auf Providencia (Kolumbien) und der Osterinsel hat man sich über solche Vorschriften vom Mutterland kaputt gelacht.
Und im Ort wird die Straße neu betoniert. Mit Flatterband und Warnhinweisen wird die Baustelle gesichert. Moderne Bagger und Straßenbaumaschinen in Bestzustand sind im Einsatz. Wir kommen uns vor wie in Frankreich. Das Mutterland bezahlt achtzig Prozent der Baukosten der neuen Straße, erzählt uns ein Schild. Exotisch ist Rikitea nicht.

Ordentliches Rikitea

Ordentliches Rikitea

Unser Dorf soll schöner werden mit Mauer vor dem Haus und Rüschengardinen am Fenster und spießigem Garten

 

Üppig, ist das zweite, was uns auffällt. Pampelmusen-Bäume hängen voll mit Handball großen Früchten. Daneben biegen sich Papaya und Bananenstauden unter ihrer Last. Granatapfel, Kokospalmen und Brotfruchtbäume stehen gleich daneben. Hier wachsen einem die Früchte direkt in den Mund.

Mit Machete bewaffnet gehen wir auf die Jagd. Aber so einfach ist es dann doch wieder nicht. Im Dorf aus den gepflegten Gärten nehmen wir natürlich keine Früchte. Außerhalb, wo keiner erntet und verfaulte Pampelmusen unter den Bäumen liegen, können wir uns bedienen. Aber mal hängen die süßen Früchte zu hoch, ein Graben verhindert die Ernte oder ein Hund, direkt aus der Hölle, vertreibt uns. Wir würden in diesem Dschungel wohl verhungern. Kaufen kann man das Obst in den Läden nicht.
Ein paar Pampelmusen sind unsere einzige Beute von ersten Streifzügen außerhalb von Rikitea. Verlaufen kann man sich nicht. Die Pampelmusen sind zuckersüß und machen süchtig. Gleich an Ort und Stelle werden zwei geschlachtet. Spontan kommt etwas Exotik auf.

Zwei (extrem hässliche) Hunde begleiten uns den ganzen Vormittag

Zwei (extrem hässliche) Hunde begleiten uns den ganzen Vormittag

Am Sonntag spielen die alten Männer Boule, die jungen Männer trinken Bier. Nach Geschlechtern getrennt, sitzen die Mittelalten drum herum und schauen zu. Aus dem Ghettoblaster erklingt HipHop. Ukulele war gestern. Junge Mädchen ziehen mit ihren Fahrrädern durch das Dorf. Mit Blume hinter dem Ohr. Das bringt etwas Exotik zu den Kopfhörern mit denen sie der Musik aus ihrem Handy lauschen.

Die Atmosphäre ist sympathisch, die Menschen grüßen und nicken uns freundlich zu. Das Dinghy wird nicht angeschlossen. Überall darf man an Land gehen und sein Dinghy an den schmalen Strand ziehen oder an Stegen fest binden. Spontan fühlen wir uns wohl.
Die Pizzeria hat nur freitags bis sonntags geöffnet. An weiteren Tagen nur, wenn Zutaten für die Pizza verfügbar sind. Das Versorgungsschiff kommt nur alle zwei bis drei Wochen. Und Brot gibt es aus ‚technischen Gründen‘ erst ab Donnerstag wieder. Noch ein Stück Exotik gefunden.

Rikitea von oben mit betonter Anfahrt

Rikitea von oben mit betonter Anfahrt

Unser erstes Südseeatoll

Fr., 15.Mrz.19, Franz.Pol/Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1748, 17.385 sm von HH
Zu früh gefreut, ohne Schwell ist unser neuer Ankerplatz nicht. Kein Vergleich zu den letzten Wochen, aber 20 Knoten peitschen die Lagune auf. Wir müssen wieder tief ankern, auf 17 Meter mit auflandigem Wind. Aber der Haltegrund ist exzellent. Im Dinghy wird man pudelnass. Das vorgelagerte Riff, durch das die Tonnen uns den Weg führten, hält zwar den schlimmsten Schwell ab, aber Atanga nickt im Wind. Die Antirutschmatten sind allerdings im Schrank verschwunden. Das Wasser ist weder türkis, noch klar. Wahrscheinlich liegt dies nur an den heftigen Regenfällen der letzten Tage. Auch fehlen die palmengesäumten Strände. Um das Prädikat ‚paradiesisch‘ zu bekommen, muss optisch noch etwas an der Insel gearbeitet werden. ;-)
Auf Mangareva wohnen 1.500 Menschen, die meisten entlang des Ufers in der Ankerbucht. Durch den Ort führt eine Betonstraße, die nach einem Kilometer in Sand übergeht. An der Hauptstraße liegen ein paar Geschäfte mit Konserven, Keksen, Reis und Fertigsaucen im Angebot. In den Kühltruhen liegen ganze Tiere. In einem Sack erkenne ich ein undefinierbares Bein von massiven Ausmaßen. Besser den Deckel wieder schließen, nicht dass man noch auf die Oma stößt. In anderen Truhen gibt es gekochten Schinken und Speck in typischen Blister-Packungen. Die Läden sind penibel aufgeräumt, die Dosen sauber aufgestapelt und mit Preisen beschriftet. Die Preise sind lustig. Ein direkt aus Frankreich importierter Camembert kostet 12 Euro. Das Angebot ist schmal, vor allem gibt es kein Obst oder Gemüse. Zwiebeln und Knoblauch sind die einzigen Frischeartikel. Wir müssen zur Gendarmerie, um einzuklarieren. Der junge Franzose (er wird in Gambier ein, zwei Jahre arbeiten und sich dann nach Martinique versetzen lassen) ist super nett und bringt tapfer seine paar Englischbrocken an den Mann. Wir sprechen ja leider beide kein Französisch, sind ihm daher sehr dankbar für seine Hilfe. Es gilt ein (kurzes) Formular auszufüllen. Das war’s, schon sind wir fertig. Eine Kopie dieses Formulars müssen wir mit der Post nach Tahiti schicken. Dieser analoge Postweg kommt uns relativ unsinnig vor, da die Gendarmerie über einen Scanner, PC und Internet verfügt. Heute , am Freitag, hat die Post sowieso schon geschlossen, also erledigen wir das am Montag.
Die Post ist auch der einzige Ort wo man Geld tauschen kann. USD in Landeswährung. Euro werden trotz ‚Mutterland‘ Frankreich nicht akzeptiert. Eine Bank oder einen Automaten gibt es nicht. Somit bleibt uns ein Internetzugang zunächst verwehrt: kein Geld, kein Internet. Der größte Supermarkt – ohne Super – hat einen Internetzugang, den man benutzen darf, wenn man dort einkauft. Das Netz soll sehr langsam sein, ein berittener Bote hätte die Nachricht schneller überbracht, so heißt es. Das selber zu testen, darauf werden wir nun noch drei Tage warten müssen.

Tag 3 ==> Gambier – Die Ankunft

Do., 14.Mrz.19, Franz.Pol/Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1747, 17.385 sm von HH
Bis Mitternacht bleiben wir beigedreht bei konstant 6 Windstärken. In fünfzehn Stunden werden wir nur 26 Meilen nach Norden getrieben. Weil beim Beidrehen das Vorsegel auf der falschen Schiffs-Seite steht, will das Vorschiff nach rechts und das Heck nach linkssegeln, was unterm Strich keine Fahrt bedeutet. Eine Segelrichtung kann man sich dabei leider nicht aussuchen, denn das System funktioniert nur, wenn der Wind von der Seite kommt. Das Beidrehen fühlt sich komisch an. Windgeräusche und die fauchenden Wellen passen nicht zur Geschwindigkeit. Es fühlt sich an als ob wir durch bremsenden Schaum segeln würden. Inklusive Schräglage durch den kräftigen Wind und Wellen, die an die Bordwand klopfen. Unterm Strich besser als aktiv auf uns ab zu segeln, aber trotzdem zermürbt uns das ‚auf-der-Stelle-segeln‘ etwas. Reine Kopfsache.
Die zweite Nachthälfte segeln wir dann wieder auf die Gambier Inseln zu. Der Sonnenaufgang entfällt. Tiefe Regenwolken hängen am Himmel. Ab und an regnet es. Sehr ungemütliches Wetter. Am Horizont tauchen die Inseln auf. Dunkelgraue, steile Kegel vor hellgrauem Himmel. Einzelheiten sind im Nieselregen nicht zu erkennen. Bei Schietwetter ist auch ein Südseeatoll nur eine graue Katze. Dann passieren wir das Saumriff, was die Inseln umschließt. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass dahinter der Schwell aufhört und eine blau-blau-blaue Lagune droht, die Netzhaut zu zerstören. Was für ein Irrtum. Das Wasser hat Nordseequalität. Ich stehe am Ruder. Das hat sich bei uns so etabliert, dass ich meistens die Anfahrten übernehme (da kann man prima das Weib beschuldigen, wenn man aufläuft… :lol: ). Ein echter Glückstag für Achim. Er hockt hinter der Sprayhood im Trockenen. Ich stehe mittlerweile im strömenden Regen und mir haut eine Welle ordentlich Salzwasser ins Gesicht. Was ich seit Ecuador, über viertausend Meilen auf offenem Ozean verhindern konnte. Alles fühlt sich nach Dänischer Südsee an. Alles sieht nach dänischer Südsee aus. So haben wir uns das nicht vorgestellt. Ich finde, so langsam muss sich Fortuna die Frage gefallen lassen, wo sie denn geblieben ist.
Der trockene Achim vergleicht OpenCPN Daten mit unseren Navionics Plotterdaten. Die Einfahrt zum Ankerplatz ist betont. Sehr gut betont, muss man sagen. Französisch Polynesien gehört zu Frankreich und da haben die Französen mit EU-Geldern (??) gute Arbeit geleistet. Die Angaben in den Karten stimmen beide nicht. Durch die Betonnung müssen wir aber nicht so schwer schwitzen. Nach 2,5 Stunden erreichen wir happy unseren Ankerplatz. Außer uns liegen weitere zehn Schiffe hier. Alte Bekannte darunter. Da sagen wir Morgen ‚hallo‘. Heute geht es früh ins Bett. Die erste Nacht ohne Schwell seit über drei Monaten. Das wird eine schöne Nacht.