Archiv der Kategorie: Atanga

Parles vous pommes frites?

Mo., 20.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1814, 17.889 sm von HH

„Ich hasse Französisch“, mit diesen Worten werden wir von Manumea begrüßt. Nicht gerade die Anrede, die wir von einem Französisch-Lehrer erwartet haben. Manumea schenkt uns ein zahnloses Lächeln, er ist eindeutig Polynesier und scheint Tahitianisch zu bevorzugen.
Er führt uns in einen Schulungsraum der Mormonen-Kirche. Hierher hatte man uns für ein Treffen mit Manumea geschickt.

So geht es nicht weiter, haben wir beschlossen, dass wir noch nicht mal die einfachsten Sätze auf Französisch auf die Reihe bekommen. Wir sind auf der Suche nach jemanden, der etwas Englisch (oder Deutsch – hahaha) sprechen kann und Lust hat, uns Unterricht zu geben.
Am Vormittag waren wir zum College von Hao geradelt. Hier werden die Kinder von 11 Jahre bis ca. 17 Jahre unterrichtet. Das College ist Schule und Internat zugleich, denn aus den umliegenden Atollen kommen die Kinder auf das einzige College im Umkreis von wer weiß wie viel Kilometern. Wer danach noch eine weiterführende Schule besuchen möchte, muss nach Tahiti. Das College von Hao erscheint uns die richtige Anlaufstelle für unser Anliegen.

Als wir dort eintreffen, ist gerade Unterricht. Weder Lehrer, noch Kinder sind zu sehen. Wir finden in der Kantine eine Frau, die eine andere Frau holt, die Englisch spricht. Die Dame empfiehlt uns die Mormonen-Kirche. Dort würde man auch Personen helfen, die Englisch lernen wollen. Die freundliche Frau verschwindet und kommt mit einem Namen für uns zurück. Kurzerhand hat sie beim Vorsteher der Kirche angerufen und einen Termin für uns vereinbart. Somit treffen wir um 15:00 Uhr auf eben den Manumea, der Französisch hasst.

Irgendjemand hat Manumea erzählt, dass er für uns ein paar Sätze ins Französische übersetzen soll. Dass wir einen Lehrer suchen, ist über das stille Post System von Frau im College zu Chef von Manumea verloren gegangen. Manumea ist unglaublich nett, aber auch unglaublich ungeeignet für das was wir möchten. Er hasst nicht nur Französisch, er kann es auch gar nicht mal so gut, wie wir feststellen. Die Tür vom Schulungsraum steht offen. Ein Mann kommt herein, hört einen Augenblick zu, was Manumea so erzählt und korrigiert nebenbei an der Tafel einige Schreibfehler von Manumea. :shock: Ich streiche heimlich alles durch, was ich mitgeschrieben habe.
Achim versucht aus ihm ein „I am, you are, he/she is…“ auf Französisch herauszulocken. Das klappt mit einiger Mühe, aber Manumea scheitert an der Frage nach dem ‚to be‘. Was Achim damit meint, versteht er nicht. Dass sich zwischendurch ein Mädchen zu uns setzt und bedenklich ihr Haupt wiegt oder andere Kinder im Hintergrund kichern, ist ebenfalls nicht hilfreich. Nach 45 Minuten ist klar, so wird das nichts. Unter solchen Umständen werden wir Französisch ebenfalls bald hassen. Wir bedanken uns artig bei Manumea, der sich freut, uns geholfen zu haben. Wenn wir noch mehr Unterstützung brauchen, sollen wir jederzeit wieder kommen.
Nett ist er ja, unser Manumea.

Unser Französisch-Hasser

Hao Nordtour

Sa., 18.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1812, 17.889 sm von HH

Hao ist ein schmaler Schlauch. Durchgehend nur 200 Meter breit und über 16 Kilometer lang. Auf der Höhe des Dorfes wurde aus Korallen-Geröll ein flacher Deich gebaut, um den Ort vor Überflutung bei heftigen Südwinden zu schützen.

Die wilde Außenriffseite mit Korallen-Geröll und Deich

In unserem kleinen Hafen hören wir die Brandung vom Außenriff rauschen, in zwei Minuten sind wir zu Fuß auf der anderen Seite. Auf dem Riffdach tummeln sich Schwarzspitzen-Riffhaie. Egal wo, egal wann wir anhalten und Ausschau halten, sehen wir einen dieser Riff-Rocker. Im Hafenbecken zieht ein Ammenhai seine Kreise. Haibesuch im Badezimmer sozusagen. Silberfischchen in XXL-Format.

 

 

Ammenhai im Badezimmer

Unser privater Ammenhai

Die raue Außenriffseite ist nicht zum Baden geeignet, aber auf der Lagunenseite lädt türkis Wasser zum Reinspringen ein. Ein Riff liegt direkt neben dem Hafen. Die Sicht zum Schnorcheln ist allerdings noch ausbaufähig.

Wir radeln Richtung Norden. Vier lange Kilometer an der Landepiste des kleinen Flughafens vorbei. Die Landebahn hat Überlänge, da sie zu Zeiten der Space-Shuttle-Missionen als Notlandebahn diente. Auf der Osterinsel sind wir auf die erste Notlandebahn gestoßen, die eine Mindestlänge von 2,3 Kilometer haben müssen. Köln/Bonn hat übrigens ebenfalls eine solche Notlandebahn.
Viermal in der Woche kann man von hier nach Tahiti fliegen.

Gestern in Dänemark

Im Norden hören die Palmen auf und Nadelbäume überwiegen. Es mutet wie ein Ausflug in die Lüneburger Heide an. Wären da nicht die Haie hinter den Kiefern. An der Nordspitze von Hao befindet sich der Pass durch den wir rein gekommen sind. Heute strömt das Wasser aus der Lagune raus. Und es strömt schnell. Die Berichte über zwanzig Knoten Strömung zu Spitzenzeiten mehren sich. Selbst die Versorgungs-Schiffe kommen dann nicht mehr rein. Der Pass von Hao soll der heftigste in den Tuamotus sein. Heute hat sich das Feld mit dem Kabbel-Wasser außerhalb der Lagune verschoben. Eine dreiviertel Meile zieht sich die Strömung auf die See hinaus.

Aufgespülte Landzunge am Pass-Eingang

Die Passdurchfahrt

 

Die stehenden Wellen vor der Pass-Einfahrt

Wir sind jetzt dreihundert Meilen nördlicher, also näher am Äquator, als auf den Gambier Inseln, und die Temperaturen sind deutlich gestiegen. Dass Wasser ist zwei Grad wärmer, hat jetzt 27,4 Grad und eine jederzeit Wohlfühl-Temperatur. Die Tage sind sehr warm, die Nächte mild.
Alle paar Tage kommt ein Regenschauer vorbei, aber schnell scheint wieder die Sonne.
Aber es geht eindeutig auf Winter zu. Die Sonne steht bereits um 15:00 Uhr sehr tief, verliert dann sofort an Kraft. Um 17:00 Uhr geht die Sonne unter, um 18:30 Uhr ist es zappenduster.
Wir halten es wie die Einwohner: früh schlafen gehen, denn um 5:00 Uhr geht die Sonne auf und die herrlich kühlen, ersten zwei Stunden des neuen Tags warten auf uns.

Lagunen-Strand in Hao Dorf

Auf de nach oben offenen Skala für Traumstrände ist auf Hao noch Luft nach oben. Aber das macht nichts. Es wäre ja schlimm, wenn wir jetzt schon im optischen Paradies angekommen wären.

Kirchentag

Fr., 17.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Optea, Tag 1811, 17.889 sm von HH

Zufällig kommen wir an der Kirche der Mormonen vorbei, einem schlichten Gebäude mit betoniertem Basketball-Platz davor. Frauen schmücken den Platz mit Palmenwedeln und Stühle werden aufgestellt. Sofort kommt jemand auf uns zu: „Heute Abend um 18:00 Uhr geht es los“.

Wir wissen zwar nicht, was passieren wird, sind aber pünktlich zur Stelle. Wir vertrauen darauf, dass es keine langatmige Gebets-Mühle wird. Die Dekoration spricht dagegen.
Einer der Kirchen-Zugehörigen heißt uns herzlich willkommen. In gutem Englisch wird uns ein Platz zugeteilt. „Heute Abend führen alle Glaubensgemeinschaften der Insel Tanz und Gesang vor“, erklärt er uns. „Wir mormonische Gemeinde haben die anderen eingeladen, um die verschiedenen Religions-Gemeinschaften zusammen zu bringen.“
Ein ökumenischer Kirchentag auf polynesisch sozusagen. :-)

Die Kostüme sind heute nur angedeutet. Etwas Farnkraut über der Jeans, ein dicker Blumenkranz auf dem Kopf, fertig. Einige der kurzen Auftritte sind etwas laienhaft, werden aber immer mit viel Freude und Leidenschaft vorgebracht. Aber auch „Profis“ sind dabei, wir erkennen alte Bekannte aus Gambier wieder. Einige der Tänzerinnen und Sängerinnen haben wir dort beim großen Festival bereits gesehen. Ganz besonders entzückend fällt die Mädchentruppe der Protestanten aus. Zuckersüß schwingen die kleinen Prinzessinnen ihre Hüften. Freitagabendunterhaltung für das Dorf.

Schwer zu tragen am Blumenkranz haben die Kleinsten

Die Sängerin der Katholiken kennen wir bereits aus Gambier

Vier Glaubensgemeinschaften gibt es auf Hao. Man mag es bei tausend Einwohnern gar nicht glauben: Katholiken, Protestanten, Siebenten-Tag-Adventisten und die Mormonen. Alles christliche Gemeinschaften. Allerdings gehören die Mormonen von Hao der Untergruppe ‚Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage‘ an, die von den Katholiken und Protestanten nicht als christliche Religion anerkannt wird. Der Grund ist nicht die berüchtigte Polygamie, die die Mormonen, bis auf einige Splittergruppen in den USA, längst abgelegt haben. Sondern, dass die Mormonen nicht an die Dreifaltigkeit von Gott, Jesus Christus und Heiligem Geist glauben, sondern dass in ihrem Glauben drei verschiedene Personen nebeneinander stehen und dass Gott einst ein Mensch gewesen sei.

An diesem Abend spielte Religion keine Rolle. Außer einem kurzen Gebet zu Beginn und am Ende war es nur ein gelungene Abwechslung für die Dorfbewohner. Die Ansprache vom Moderator wurde viel belacht, seine Scherze kamen gut an beim Publikum. Den meisten Applaus bekamen übrigens die Damen, die am schnellsten die Hüften kreisen lassen konnten.

Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausgeht

Hao

Do., 16.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Optea, Tag 1810, 17.889 sm von HH

Atanga hat eine Leinenverbindung zum Land. Das erste Mal seit 13 Monaten, dass wir einfach von Bord gehen können. Das erste Mal seit 13 Monaten, dass Atanga wirklich ruhig liegt. Auch mal schön, nicht erst ins Dinghy klettern zu müssen.
Wir liegen in einem alten Hafenbecken, das vom französischen Militär errichtet wurde. Hao diente den Franzosen als Stützpunkt, um zu den beiden Atollen für ihre Atombomben-Tests zu gelangen. Vor knapp 20 Jahren zogen die Soldaten ab. Hao sind eine Landepiste, ein Krankenhaus und eben diese kleine Hafenanlage geblieben. Natürlich haben wir keinen Strom- oder Wasseranschluss, aber überdimensionale Poller zum festmachen.
Hinter uns liegt ein Franzose, draußen vor Anker noch ein kanadischer Segler. Das war’s an Touristen auf Hao. Der mitteljunge Mann ist alleine unterwegs; mag mit uns aber nicht wirklich sprechen. Er versteht Englisch, aber wie bei fast allen Franzosen hat seine Muttersprache den so Gaumen verformt, dass er nicht in der Lage ist, eine andere Sprache zu sprechen. :lol:

Atanga und der Franzose

Atanga und der Franzose

Altes Hafenbecken vom französischen Militär zurück gelassen

Altes Hafenbecken vom französischen Militär zurück gelassen

Der Hafen liegt etwas außerhalb vom Dorf, nur noch ein paar Familien wohnen uns gegenüber. Zu Fuß brauchen wir wohl 20 Minuten in den Ort. Sofort sind unsere Räder am Start . Hao ist ein Fahrradparadies. Auf Betonpisten oder festgetrampeltem Korallenschutt ohne die Spur eines Hügels kommen wir bequem voran.
Ungefähr tausend Einwohner leben auf Hao. Es geht deutlich beschaulicher zu als auf Mangareva. Dort stand vor jedem Haus ein dickes Auto, hier geht man zu Fuß oder ist mit dem Rad unterwegs. Die Perlen-Zucht bringt den Gambiers ein gutes Einkommen. Auf den Tuamotus verdienen die Menschen nur Geld durch Kobra-Produktion. Kobra ist das getrocknete Fruchtfleisch der Kokos-Nuss. Auf den unbewohnten Inseln des Atolls erfolgt die Ernte.

Das Dorf ist mindestens genauso adrett und sauber, wie auf Mangareva. Nirgends liegt Müll, den ganzen Tag sieht man jemanden harken oder fegen. Und die Menschen sind zauberhaft. Anders kann man es nicht nennen. Es wird gewunken, gegrüßt und gelächelt. Ein Opa gabelt uns im Dorf auf und zeigt uns die Geschäfte. Dass er kein Englisch kann, stört ihn nicht. Er hält eine dicke Frau in einem Auto an und gibt uns an sie weiter. Er weiß, dass sie Englisch sprechen kann.

 

Auf dem Weg zurück zum Schiff finden wir eine Kokosnuss, die ich mir unter den Arm klemme. Da werden wir von drei junge Frauen angerufen. Aufgeregt winken sie, dass wir zu ihnen rüber kommen sollen. Die drei hocken unter einem Baum und sind dabei Kokosnüsse zu schlachten. Die jungen, grünen Trinknüsse. Meine Nuss wird mir weggenommen. Die drei schütteln fachkundig ihren Kopf, die ist nix. Sie kichern über unsere Dummheit. Ein paar Brocken Englisch helfen bei der Verständigung. Anders als unser französischer Mitsegler scheuen die jungen Frauen sich nicht alles herzu kramen, was sie können.
Sofort haben wir jeder eine geöffnete Nuss in der Hand, die sollen wir probieren. Ein Viertelliter Flüssigkeit steckt in einer unreifen Nuss. Leicht süßliches, etwas kokos-parfümiertes Wasser. Köstlich. Für uns werden mehr und mehr Nüsse geöffnet. Eine weitere sollen wir mit zum Schiff nehmen. Ich laufe schnell zu Atanga, um uns mit ein paar Pampelmusen zu revangieren, während Achim die Mädels unterhält und sich die Tricks zum Öffnen der Nuss zeigen lässt.
Als wir am nächsten Tag Dorothe im Supermarkt wieder treffen, werden wir mit Küsschen rechts und links begrüßt, so als kennen wir uns Jahrzehnte.

Tag 5 ==> Hao – Eine Punktlandung

Di., 14.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Optea, Tag 1808, 17.889 sm von HH
Der Skipper sagt, um 10:00 Uhr müssen wir da sein, also sind wir um 10:00 Uhr da. Wie am Lineal gezogen verläuft unsere Kurslinie bis vor die Pass-Haustür von Hao. Ein hipphipphurra auf die Steuerfrau und Bestimmerin der Segelführung. :-) Blöd nur, dass der Skipper in der letzten Nacht seine Berechnungen (noch einmal) umgeworfen hat. Sollankunft nun um 12:15 Uhr. So kann ich nicht arbeiten.
Der Pass von Hao ist gut betont. Zwei riesige Tonnen zeigen das Tor durch das wir fahren müssen. Das Tor hat eine Breite von ungefähr 150 Meter. Das sollte man treffen. Die komplette Einfahrt etwa doppelt so breit. Ich steh am Ruder. Einparken darf ich Atanga nicht, aber wenn’s heikel wird, muss ein Depp ans Rohr, der die Schuld bekommt, wenn was schief geht. Achim hält Ausguck. Schon von weitem können wir die stehende Welle hinter den Tonnen erkennen. Hebel auf den Tisch, Augen zu und durch. Die Strömung ist mit uns (sämtliche Literatur berichtet davon, dass es in Hao nur ausgehende Strömungen gibt). Mitlaufende Strömung gilt als kritischer als entgegensetzender Strom, da man bei zu viel Speed die Manövrierfähigkeit verlieren kann. Unsere Strömung bleibt harmlos. Erst zwei Knoten, dann drei Knoten. Aber das Wasser in der Einfahrt kocht. Eine hässliche Hacksee steht vor uns. Es wackelt, wir tauchen mit dem Bug ordentlich ein, das war’s. Schon spuckt uns das Alien-Wasser in die Lagune. Ruhe im Schiff. Ich muss mir die feuchten Handflächen an der Hose abwischen. Nochmal hipphipphurra. Der erste Pass (Gambier zählt nicht, die Pässe dort sind Kilometer breit und warten nicht mit solchen Effekten auf) in der Südsee ist geschafft.
Ob wir nun zur rechten Zeit am Pass-Eingang waren, bleibt im Dunkeln. Auf unserem Weg zum Dorf -sechs Meilen in die Lagune hinein- kommt uns ein Segler entgegen. Als wir auf dem AIS sehen, dass er durch den Ausgang ist, fragen wir ihn über Funk, wie die Bedingungen bei seiner Ausfahrt waren. Er berichtet von 4,5 Knoten Strömung, die ihm entgegen kam. 90 Minuten nach unserer Durchfahrt. Somit war 10:00 Uhr schon mal besser als 12:15 Uhr. Aber was wir daraus lernen, wissen wir noch nicht. Und wie, und wann, wir hier wieder raus kommen, ebenfalls nicht. :mrgreen:

Tag 4 ==> Hao

So., 12.Mai 19, Pazifik, Tag 1806, 17.768 sm von HH
Der Törn bleibt angenehm. Halber Wind, zwischen 3 und 4 Windstärken. Sonne und Schafwolken. Das Schiff wackelt nicht, die Luken sind geöffnet – schöner kann Segeln nicht sein. Noch 83 Meilen to go. Eine letzte Nacht auf See liegt vor uns. Wir segeln bereits mit Vollzeug, mehr Speed ist also nicht raus zu holen aus unserem alten Mädchen. Allerdings droht nachts schwächerer Wind.
Damit ist das Ankunfts-Roulette eröffnet: Bei Tageslicht anzukommen, reicht diesmal nicht als Aufgabe. Wie schon beschrieben, soll die Einfahrt in den Pass möglichst bei Stillwasser – bei slack water- erfolgen, damit man nicht im Pass gegen eine unmögliche Strömung stecken bleibt. Stillwasser ist Morgen früh um 10:00 Uhr. Soll sein, muss ich sagen. So genau weiß man es nicht. Es gibt verschiedene Regeln, um slack water time zu schätzen: Fünf Stunden nach Mondaufgang. Oder vier Stunden vor Monduntergang. Oder auch drei Stunden nach Durchgang des Mondes über den Meridian. Aha. Uns stehen drei Quellen mit Angaben zum Mondaufgang zur Verfügung. Alle drei nennen andere Zeiten. Das schränkt die Auswahl an Stillwasser-Möglichkeiten schon mal auf drei ein. Eine weitere Regel klingt simpel: Stillwasser ist eine Stunde nach Hoch- oder Niedrigwasser. ‚Navionics‘ und ‚wxtide‘ -seriöse Hilfsmittel für jeden Segler- sind sich leider nicht einig. Die Abweichungen für Hoch- und Niedrigwasser betragen mehrere Stunden. Ergibt zwei weitere Möglichkeiten.
Achim rechnet sich seit Tagen den Wolf. :mrgreen: Zettel mit Grafiken, Tabellen und Mond-Zeiten pflastern den Navi-Tisch. Der Taschenrechner glüht. Er sagt 10:00 Uhr. Mir kommt es wie eine Lottozahl vor. Also lautet die Devise wie immer – ankommen bei Tageslicht, der Rest ergibt sich.
Tag 4 Meilen: 108. Noch 83 Meilen bis Hao.

Tag 3 ==> Hao

Sa., 11.Mai 19, Pazifik, Tag 1805, 17.660 sm von HH
Schluss mit Romantik. Wir haben den Wind gefunden. Zunächst perfekte 13 bis 15 Knoten, die jetzt auf knapp 20 Knoten angestiegen sind. Es geht nun deutlich flotter voran. Wir sind längst in das Tuamotu Archipel vorgestoßen. Unser Weg nach Hao führt uns quer durch die verstreuten Atolle. Rechts und links des Weges tauchen die ersten unbewohnten Inselgruppen auf. Allerdings nur sichtbar auf dem Plotter. Als blaue Flecken mit sandfarbenem Kringel drum herum in die Karte gezeichnet. Tiefenangaben oder Angaben über Pässe, die durch die Riffe führen, werden nicht gemacht. Sowohl die flachen Sandhaufen, die nicht mal drei Meter über die Wasseroberfläche hinausragen, als auch die tückischen Saumriffe sind erst auszumachen, wenn man praktisch dagegen fährt. James Cook nannte vor 250 Jahren die Tuamotu die ‚gefährlichen Inseln‘. Erst mit Einführung der GPS-Naviagtion ist es uns Seglern möglich ‚gefahrlos‘ -auch nachts- durch die Tuamotu u schippern. Vor GPS wurde dieses Seegebiet kaum befahren.
Letzte Nacht haben wir ‚Mururoa‘ und ‚Fangataufa‘ mit ungefähr 50 Meilen Abstand passiert. Diese beiden Atolle wurden von 1966 bis 1996 von den Franzosen für Atomwaffenversuche missbraucht. Heute sind beide Atolle Sperrgebiet. Zurück geblieben sind Unmengen radioaktiver Müll und Tausende krebskranker Menschen. 2018 wurde Frankreich vom Internationalen Gerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verklagt für ihre 193 Tests in Französisch Polynesien, die unter anderem eine Zunahme der Krebserkrankungen in der Bevölkerung zur Folge hatte. Während die USA, die UdSSR und GB bereits 1963 ihre oberirdische Atomversuche einstellten, bombten die Franzosen ungeniert bis 1974 oberirdisch weiter. Bis 1996 fanden noch weitere 152 unterirdische Tests statt trotz internationaler Proteste. In mit Beton versiegelten Röhren lagert nun der Atommüll in den kleinen Atollen. Die Franzosen sind abgezogen, der Müll geblieben. Die Opfer sollen noch immer auf angemessene Entschädigungen warten.
Tag 3 Meilen: 114. Noch 176 Meilen bis Hao.

Tag 1+2 ==> Hao – Schleichfahrt

Do./Fr., 09./10.Mai 19, Pazifik, Tag 1803/4, 17.546 sm von HH
Am Morgen nach der Wanten-Reparatur herrscht Totenflaute am Ankerplatz. Nochmal die Abfahrt verschieben? Nein! Wir ignorieren den Leitsatz ’nur der geduldige Segler hat immer guten Wind‘. Schließlich soll es am frühen Abend Wind geben, sagt die Vorhersage. Am Nachmittag gehen wir Anker auf – wir wollen noch vor Sonnenuntergang das flache Atoll verlassen haben. Nach zwei Stunden erwarten uns auf offener See zwei Windstärken und ein plattgezogenes Meer. Die alte Dünung ist schwach und von niedriger Frequenz. Die ausgebaumte Genua steht wie eine ‚eins‘ und zieht uns mit 1,5 Knoten gemächlich vorwärts. Geräuschloseses Segeln. Aufrecht. Fast romantisch. Unser Abendmahl genießen wir als ‚Candle light Dinner‘ am mondlosen Abend. Die Nacht ist wie Samt und Seide.
Der versprochene Wind bleibt aus. Drei Knoten, mehr Fahrt liegt die Nacht über nicht drin. Der Wetterbericht am Morgen verspricht Wind für den Nachmittag. Wie eine Möhre am Band vor der Nase, die den Esel locken soll, wird das Windgebiet auf der Karte weiter vor uns her nach Norden verschoben. Wir zuckeln gemütlich weiter. Die Schiffsbewegungen sind geringer als an einem schlechten Tag am Ankerplatz vor der Osterinsel. Der nächste romantische Abend folgt.
Am zweiten Vormittag frischt es etwas auf. Vier Windstärken. Für ein paar Stunden. Wir kommen besser voran, zeitweise machen wir 5 Knoten Speed. Damit ist es jetzt wieder vorbei. Das Windfeld ist weiter in den Norden verschoben worden. Ein dritter romantischer Abend droht.
Meilen gesamt in den ersten 48 Stunden: 161. Noch 294 Meilen bis Hao.

Die Abfahrt verzögert sich

Mi., 08.Mai 19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1802, 17.385 sm von HH
„Ich kletter‘ noch mal eben in den Mast und mache einen Rigg-Check“, teilt Achim mir mit. Der Skipper muss sich die Frage gefallen lassen, warum er dies zwei Stunden vor Sonnenuntergang am letzten Abend vor der Weiterfahrt macht ( 30 Minuspunkte). Er hatte dafür 7 ( in Worten: sieben) Wochen Zeit (nochmal 10 Minuspunkte, wenn man mal anfängt genau darüber nachzudenken). Die Untersuchung bringt nichts Gutes zu Tage: „Unser Unterwant ist angeknackst! Eine von neunzehn Litzen ist gebrochen. Da muss ich Morgen wohl was unternehmen.“ Achim geht es wie dem Teufel, der seine Großmutter erschlagen hat: ihm gehen die Ausreden aus (10 Minuspunkte), warum er das erst heute untersucht. „Ich war wohl zu faul“, ist noch die beste Antwort (5 Pluspunkte wegen Ehrlichkeit). „In Zukunft checke ich wohl besser das Rigg direkt nach der Ankunft“, wird mir versichert (5 Pluspunkte für guten Vorsatz, leider 10 Minuspunkte für ein, sowieso faules, Versprechen). Ich kann es nicht ändern, der Mann ist nun mal wie er ist (5 Pluspunkte für mich – für unglaubliche Toleranz). Er macht immer alles auf die letzte Minute. Bleiben wir halt noch einen Tag (5 Pluspunkte); ich bin sowieso verliebt in Mangareva. Durch die Verschiebung kommt der Speiseplan durcheinander. Ich muss nun noch einmal vorkochen für den ersten Tag auf See (10 Punkte Abzug).
Da uns bereits zweimal ein Unterwant angeknackst ist, hat Achim vor zwei Jahren vorgesorgt. Es gibt Reparatur-Teile für alle Wanten an Bord (echte 20 Pluspunkte). Die damalige Investition von 850 Euro ( :shock: ) in Stalock Terminals zahlt sich heute aus. Ganz cool (5 Punkte gutgeschrieben) erläutert Achim mir den Reparatur-Plan. Als wir vor drei Jahren das erste Mal ein gebrochenes Want hatten, haben wir noch Panik auf dem Dampfer geschoben.
Noch vor (5 Pluspunkte) dem Frühstück, sägt Achim das Want unterhalb der Saling einfach ab. *** Der Bruch befindet sich ungefähr 30 cm von der oberen Pressung entfernt. Das ist eine glückliche Fügung (0 Punkte – Eigenleistung fehlt ;-) ), denn das Stalock Terminal passt somit haargenau als Ersatzteil dazwischen.
Die Reparatur ist blitzschnell erledigt, da kann man nichts gegen sagen (55 Pluspunkte). Er ist schneller damit fertig, als wir beide befürchtet haben. „Hätte ich das früher gewusst, wie einfach das mit den Stalock-Teilen ist, hätte ich auf die Scheiß Pressungen komplett verzichtet“ (10 Minuspunkte für ‚hätte-hätte‘-Jammerei und 20 Minuspunkte für mangelnde hellseherische Fähigkeiten : mrgreen: )
Einer heutigen Abfahrt am frühen Nachmittag steht eigentlich nichts im Weg. „Ach nö, jetzt habe ich mich schon ganz und gar auf Morgen eingestellt. Lass uns dabei bleiben“, bittet Achim mich. Wir fahren Morgen. Mir geht es nicht anders, ich hab mich ebenfalls auf Morgen eingeschossen und außerdem den Speiseplan bereits umgestellt (jeweils 20 Punkte Abzug für uns beide, wegen mangelnder Flexibilität). Altersbedingt scheint es bei uns beiden mit lustvoller Spontanität aufgehört zu haben. :lol:
Atanga bekommt ebenfalls 20 Minuspunkte als Unterwant-Killerin. Wir fragen uns nun, woran das liegen könnte. An uns liegt es jedenfalls nicht (jeweils 10 Punkte im Plus) – sind wir doch die Weltmeister im Oma-Segeln. Sind die Unterwanten mit 10 mm vielleicht unterdimensioniert? Bis Tahiti wird die Reparatur in jedem Fall halten. Zumal wir die Segel die nächsten tausend Seemeilen auf der Seite mit der Reparatur stehen haben werden. Das bedeutet keine Belastung auf dem kritischen Want. In Tahiti wird es dann ein neues Unterwant geben, wenn möglich in 12 mm.
P.S. Wir waren nachmittags noch mal an Land. Da aber Feiertag ist (2.Weltkrieg-Ende!), gibt es heute kein Internet. Daher per Funk gesendeter Bericht. Wir hängen noch immer am Anker. :-)
*** Um zu verhindern, dass der kritische Leser ihn für total bekloppt hält, besteht Achim darauf, dass ich schreibe, dass er das Want oben absägen musste. Da sich am anderen Ende (an Deck) bereits ein Stalock-Terminal befindet, konnte er das Want nicht durch die Saling ziehen.

Next Stop: Hao

Di., 07.Mai 19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1801, 17.385 sm von HH

450 Seemeilen. Ein Katzensprung. Alles unter 500 Seemeilen gilt auf dem Pazifik als Kurzstrecke. :lol: Morgen geht es nun endlich los. Das schlechte Wetter hat sich verzogen. Wir haben ein zweites Mal noch ‚ein letztes Mal‘ gewaschen. Diesel ist aufgefüllt, die Wassertanks sind voll. Wir sind für drei Monate mit Grundnahrungsmitteln, eingekochtem Fleisch, Hülsenfrüchten und Gemüse-Dosen ausgerüstet.

Die Tuamotus gelten als ‚versorgungsarm‘. Was auch immer das heißen mag. Wir lassen sich uns überraschen, ob das nur Gerüchte sind . Die Gambiers werden gut versorgt, trotzdem kommt es zu Engpässen von Gas zum Kochen, beim Benzin oder auch H-Milch in Tüten oder Käse.
Die Tuamotus sind einsame Inseln, wenig besiedelt. Flache Sandhaufen auf denen nur Kokospalmen wachsen. Schluss mit dem üppigen Bewuchs der Gambiers. Im Schiffsbauch haben wir 30 Stück der köstlichen Pampelmusen gelagert. Zum Tauschen und selber futtern. Martha von der Osterinsel hat uns erzählt, dass sie für eine Pampelmuse eine Perle eingetauscht hat. Entweder sind Perlen wirklich nichts wert oder die Einwohner der Tuamotus sind ausgehungert nach Obst.

Gut gerüstet geht es in die Obst freien Tuamotus Papaya Pampelmusen Orangen Kürbis Kokosnuss

Gut gerüstet geht es in die Obst freien Tuamotus Papaya Pampelmusen Orangen Kürbis Kokosnuss

Wir wollen drei Monate in den Tuamotus bleiben. Tahiti soll im Juni/Juli total überfüllt sein. Dann würde es gut passen, wenn wir tatsächlich erst im August dort ankommen, wenn die meisten Segler schon Richtung Westen weiter gezogen sind.

Wie immer berichten wir von unterwegs über Funk. Vielleicht erleben wir in den Tuamotus dann auch tatsächlich einen der letzten Plätze auf der Welt ohne Internet. Und ob wir das drei Monate aushalten können. :shock: Hier in Rikitea konnte die Internet-Sucht ja noch ganz bequem (und kostenlos, was ich sensationell finde) befriedigt werden.
Also, Ahoi, next stop: Hao.

Alles wieder friedlich in Rikitea

Alles wieder friedlich in Rikitea

 

Die Tuamotus

Do., 02.Mai 19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1796, 17.385 sm von HH

Die Tuamotus bestehen aus 78 Atollen, verteilt auf eine Länge von fast 2.000 Kilometer. Jedes dieser Atolle ist von einem Saumriff umgeben. Dieser Saum besteht aus bewohnbaren Inseln, aus kleinen Inselchen, den sogenannten Motus, Sandbänken und einem Riff, was nur knapp unter der Wasseroberfläche liegt. An diesen Stellen ist eine Einfahrt in die Lagune unmöglich.
Aber fast alle Atolle haben mindestens einen tiefen Pass durch den man in die Lagune gelangen kann. So ein Durchbruch kann wenige Metern bis mehrere hundert Meter breit sein. Aber eins haben sie gemeinsam: sie sind nur (gut) befahrbar bei Stillwasser. Dem Moment zwischen Ebbe und Flut. Dann kommen die Strömungen, die in den Pässen entstehen können, zum Erliegen. Fünf Knoten, acht Knoten, zwölf Knoten. Die Literatur warnt vor aberwitzigen Geschwindigkeiten in den Riffpassagen.

 

Die Einfahrt vom Hao Atoll liegt im Norden

Die Einfahrt vom Hao Atoll liegt im Norden

Hao Atoll - über das Riff schwappt die Lagune aus Süden voll Wasser

Hao Atoll – über das Riff schwappt die Lagune aus Süden voll Wasser

Unser nächstes Ziel-Atoll soll ‚Hao‘ sein. Hao hat eine Länge von über 30 sm und der Pass zur Einfahrt liegt ganz an der Nordspitze des Atolls. Leider erstreckt sich zur Zeit ein Windfeld von Tahiti, über die Tuamotus bis zu uns auf die Gambier Inseln, von 20 bis 30 Knoten Dauerwind. Der Wind kommt aus Südosten und drückt über das Saumriff die Lagune von Hao voll Wasser. Im Norden strömt das überschüssige Wasser durch den Pass wieder aus der Lagune raus. Stillwasser existiert im Augenblick nicht in Hao. Bis auf 20 Knoten (37 Stundenkilometer) soll sich die ausgehende Strömung dort aufbauen. :shock:

Der Starkwind dauert bereits sechs Tagen an. Zwanzig Knoten im Schnitt, Böen bis 35 Knoten. Die letze Nacht bis zum Mittag war es am schlimmsten. Waagerechter Regen und am Vormittag gehen die ersten Schiffe auf Drift, obwohl der Ankergrund aus exzellentem Schlamm besteht. Hektisch ankern die betroffenen Schiffe um. Die Ankerbucht ist ziemlich voll, so dass sich jeder um sein Schiffchen sorgt. Nicht, dass es vom Vormann weggerissen wird. Besorgte Funksprüche von Schiff zu Schiff: „Hey, du kommst mir zu nahe.“
Glaubt man der Vorhersage soll ab Morgen der Spuk zu Ende sein.

In der aufgepeitschten Bucht werden Ankermanöver gefahren Um 11 Uhr vormittags droht die Welt unter zu gehen Ankerwache im Überlebensanzug

Der Wind bringt reichlich kalte Luft aus dem Süden mit. Der Winter ist nah! :mrgreen: (ja, auch hier kennen wir was von GoT). Wir merken deutlich, dass wir uns im südlichen Spätherbst befinden. Die Gambier Inseln befinden sich in etwa auf dem gleichen Breitengrad wie die Kanaren und dort ist es im Winter ja auch nicht nur lieblich warm. Nachts fallen die Temperaturen ins Bodenlose und morgens müssen wir Socken im Schiff tragen. Pullover-Alarm! Früher müssen die Einwohner in ihren Baströckchen ganz schön gezittert haben.

Bei Sonnenschein ist es herrlich. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Wir nutzen die Regen-Pausen mit schwächerem Wind und machen weiterhin die Insel unsicher. Auf jeder Tour entdecken wir noch etwas Neues. Unser Zwangsaufenthalt von seiner schönen Seite.

Die Badewanne der Prinzessin

Die Badewanne der Prinzessin

wird dieses kleine Naturbecken mitten im Dschungel genannt

wird dieses kleine Naturbecken mitten im Dschungel genannt

 

Schwarze Perlen

So., 28.Apr.19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1792, 17.385 sm von HH

Cherry, Aubergine, Ocean oder Champagner? Welche Farbe darf es sein? Selten ist eine schwarze Perle wirklich schwarz. Gold, sky und water green sind weitere Bezeichnungen für die Farbe, die eine schwarze Perle haben kann.

Seit ungefähr hundert Jahren weiß man, wie eine Auster künstlich dazu überredet werden kann, eine Perle zu produzieren. Die Muschelschalen werden einen Zentimeter geöffnet und der Muschel wird ein Nukleus, ein Fremdköper, eingesetzt. Paradoxerweise besteht der aus einem kleinen Stück Perlmutt einer Süßwasserperle. Zusätzlich kommt noch ein Stück Fleisch einer anderen Auster mit dazu. Dieses Stück Fleisch ist der Farbgeber für die Perle, die nun heranwachsen soll. Da Farbe Geschmackssache ist, hat die Färbung den geringsten Einfluss auf den Wert einer Perle. Der Lüster – die Oberflächenreflektion-, die Größe, die Form und die fehlerlose Oberfläche sind die eigentlichen Preistreiber. Eine perfekt runde Perle mit makelloser Oberfläche kann mehrere tausend Euro kosten.

Durch die Impfung mit einem Nukleus wächst in ca. 30% aller Austern eine Perle heran, allerdings sind nur 1,5 Prozent von höchster Qualität. Der Rest ist Minderqualität oder gehört zu dem Ausschuss, den wir auf dem Festplatz gefunden haben.

Nach jedem Regen oder einem windigen Tag fallen weitere Perlen von der Dekoration herunter. Wir brauchen nur einsammeln. Inzwischen sind die Platten mit den aufgeklebten Muscheln und Perlen ganz abgebaut worden. Ein letztes Mal werden wir fündig und finden drei weitere Perlen. Ein Drittel unseres Fundes ist echter Ausschuss: knubbelartige Auswüchse zerstören die Oberfläche. Aber drei Perlen sind fast ohne Oberflächenfehler. Kugelrund und von durchschnittlicher Größe. Die bekomme ich, um mir eine Kette daraus zu basteln. Achim fabriziert sich aus den mittelprächtigen Perlen einen dekadenten Schlüsselanhänger für unseren Schiffs-Schlüssel. :mrgreen:

Schlüsselanhänger aus schwarzen Perlen

Schlüsselanhänger aus schwarzen Perlen

 

unsere komplette Beute Freihand bohrt Achim die Löcher - nicht immer ganz grade ;-) Perlen-Bohrer

Wir besuchen ein Haus im Ort, an dem ein Zettel ‚Perlen-Verkauf‘ klebt. Wir wollen mal schauen, ob wir nicht mehr über Perlen in Erfahrung bringen und vielleicht etwas dazu kaufen können. Als sich die Tür zu der Küche öffnet in der er auch die Perlen gelagert werden, verschlägt es uns die Sprache. Tausend und abertausend Perlen lagern hier in Zipper-Beuteln. Der Herr, der uns hereinlässt, will als erstes wissen, ob wir auf einem Segelboot wohnen oder in einer Pension. Als wir ‚Boot‘ antworten, verliert er sofort das Interesse an uns. Offensichtlich hat er gelernt, dass die meisten Segler zugenähte Taschen haben und sich ein Verkaufsgespräch wahrscheinlich nicht lohnt. Zudem spricht er leider nur Französisch, was es nicht einfacher macht. Als Achim ihn nach ‚Qualität‘ fragt, schüttet er einen Sack voll Perlen auf ein altes Handtuch. Er pickt zwischen den Perlen herum und zeigt er uns ein mittelgroßes Exemplar für 40 USD. Warum er ausgerechnet diese eine Perle auswählt, erschließt sich uns nicht. Ich könnte schwören, sie sieht genauso aus wie die Beste aus meiner neuen Kette aus. ;-)
Danach dreht er uns den Rücken zu, schaufelt irgendwelche Perlen in einen Beutel und lässt uns ratlos vor der Qualitätsperle stehen. Hier kommen wir nicht weiter, also ziehen wir ohne Kauf von dannen.

Von der Spielerfrau zur Schmuckdesignerin

Von der Spielerfrau zur Schmuckdesignerin

Mit Bordmitteln designter Perlenschmuck. :-)