Archiv der Kategorie: Atanga

Mehr Augenmaß, bitte!

Sa., 11.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2141, 20.254 sm von HH

Vorgestern ist eine erneute Verlängerung der Quarantäne bekannt gegeben worden: Lockdown bis 29. April! Wir dürfen weiterhin tagsüber nur einzeln an Land, maximal eine Stunde täglich und nur im Umkreis von einem Kilometer von Zuhause (Zuboote).
Die Regeln, die in Frankreich bestehen, gelten auch hier. Dabei haben wir es noch ganz gut. In Tahiti dürfen die Segler nicht mal ihre Propeller reinigen. Eine Tätigkeit, die zur Erhaltung der Seefähigkeit eines Segelbootes gehört. Eine Verbot ohne Augenmaß für die Belange von Seglern.
Die Anzahl der Corona Infizierten nimmt leider auch in Französisch Polynesien zu. Es gibt eine offizielle Zahl von gut fünfzig Fällen. Jeden Tag werden in der Länder-Statistik zwei, drei Fälle mehr gemeldet. Betroffen sind zwei Inseln: Tahiti und Moorea (wobei Moorea nicht mehr erwähnt wird, daher wohl nur noch Tahiti).
Alle anderen Atolle in Französisch Polynesien sind Corona frei. Das letzte Flugzeug in Gambier – hier bei uns- , was eine infizierte Peron hätte mitbringen können, ist vor drei Wochen gelandet. Die Bevölkerung vor Ort könnte also zur Normalität übergehen. Aber der ‚Haut commissaire‘, der ‚Hohe Kommissar‘ in Tahiti sagt: „Nein, die Regeln, die in Frankreich bestehen, gelten auch hier.“ Eine Entscheidung ohne Augenmaß für die Situation auf den kleinen Inseln.

Die Schule in der Gemeinde vor unserer Haustür ist weiterhin geschlossen. Der Lehrer erteilt Aufgaben übers Internet – nur hat nicht jeder Haushalt einen Anschluss. Im lokalen Fernsehsender werden Sportübungen gesendet, die die Kinder vor dem Gerät nachturnen sollen. Mir erzählte ein Anwohner, dass die Polizei nachts patrouilliert und die Ausgangssperre von 20:00 Uhr bis 5:00 Uhr überwacht. Wenn ich durchs Dorf gehe, dann sehe ich zwar mehr Erwachsene auf der Straße als vor drei Wochen, aber keine Kinder. Die werden weiterhin in den Häusern verschlossen gehalten. Nur vereinzelt können wir vom Wasser aus ein paar spielende Kinder in den Gärten am Ufer sehen.

Auch über Deutschland lesen wir von merkwürde Maßnahmen. Dass Spaziergänger nur noch links herum um einen See laufen sollen, dass ein Eis ‚to go‘ verkauft werden darf, aber der Buchladen daneben keine bestellten Bücher durch einen Schlitz in der Eingangstür übergeben darf. Dass eine Frau zu Ostern ihre Mutter nicht besuchen darf, die sie unter der Woche zweimal zum Arzt und zum Einkaufen fährt. Reiter dürfen ihre Pferde ausführen, Golfer keine Bälle schlagen und Segler dürfen in einigen Bundesländern nicht mal alleine auf ihren Booten arbeiten. Auch in Deutschland vermissen wir ein gesundes Augenmaß.

Bei uns und auch auf den Marquesas kommen weiterhin neue Segelboote an. Aus Mexiko, aus Galapagos oder Panama. Sie stehen vierzehn Tage unter Quarantäne nach einer Anreise von zwanzig Tagen oder mehr. Ich will es nicht überstrapazieren, aber wo besteht hierbei ein gesundes Augenmaß? Die Neuankömmlinge melden Mangel an Diesel, Mangel an Essen und/oder Wasser an. Jedes Boot hat wundersamer Weise mindestens zwei gravierende Probleme, die eine Weiterfahrt nach Tahiti verhindert. Das zieht allerdings nicht gut, die Regeln vom ‚Haut commissaire‘ sind deutlich: die Crews dürfen sich proviantieren und nötige Reparaturen vornehmen, müssen dann aber zügig nach Tahiti weiter. Ob ein Schaden so gravierend ist, dass er eine Weiterreise verhindert, soll an Hand von eingesendeten Fotos in Tahiti entschieden werden. Man schickt gesunde Crews an den einzigen Ort in Französisch Polynesien mit Corona -Fällen. Ist das gesundes Augenmaß?
Warum die Behörden das möchten? Es heißt, damit die Regierung weiß, wo sich alle Schiffe befinden – das weiß sie sowieso. Jede Crew hat sich bei der Neuankunft auf einer Insel zu melden und bewegen darf sich seit Wochen niemand mehr.
Ein weiteres Argument sollen die Einwohner sein, die sich durch den Aufstau und dadurch hohe Anzahl an Booten gestört, gar bedroht, fühlen. Das kann man gelten lassen, wer plötzlich doppelt so viele Schiffe wie in anderen Jahren vor der Haustür hat, mag sich belästig fühlen. Hier sind wir Segler gefordert uns mit gesundem Augenmaß in die lokalen Regeln einzupassen.

Rikitea wird lebendiger ;-)

 

 

Wir brauchen Wasser

Do., 02.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2132, 20.254 sm von HH

Der Wassermacher läuft, daran liegt es nicht. Offensichtlich wird zu viel geplömpert und Wasser verschwendet an Bord. Wir können zwanzig Liter Wasser am Tag produzieren. Fünf Liter gehen für Trinkwasser drauf, die restlichen fünfzehn kommen in den Tank. Aber Abwasch, duschen und Hände waschen verbrauchen mehr als wir einfahren. Regen gab es zuletzt vor drei Wochen. Normalerweise ist knappes Wasser kein Problem. Anders als auf den Tuamotu gibt es auf unserer Insel mehr als genug Wasser. Wir können bei Fritz Wasser holen. Recht bequem fährt man mit dem Dinghy an sein Haus und holt sich einen Wasserschlauch. Fritz ist Deutscher, lebt ewige Jahre auf Mangareva und versorgt seit Jahrzehnten Segler mit Wasser, seiner Waschmaschine und Geschichten. Aber Fritz ist Privatmann und gehört somit nicht zur ‚offiziellen Liste‘ der Geschäfte, die wir nach den neuen Ausgangs-Regularien besuchen dürfen. Ohne Erlaubnis möchten wir nicht einfach zu ihm fahren. Der Wassertank leert sich also mit hoher Geschwindigkeit.

Da ich befürchte, dass der Skipper mir nun bald den (Wasser)Hahn abdreht, muss Abhilfe her. Ich mache mich auf den Weg zur Gendarmerie, um Erlaubnis zu erbeten. Ich hätte vor vier Wochen nicht geglaubt, dass ich jemals zur Polizei gehen muss, um zu fragen, ob ich Wasser holen darf. Wasser, ein Grundrecht eigentlich.
Die Gendarmen sind keine Dorf-Scheriffs (die gibt es noch extra – dann heißen sie Police Municipale), sondern sie unterstehen direkt dem französischen Verteidigungsministerium, gehören also zum Militär. Die Jungs im Ort sind nett und lassen uns auch seit Beginn der Corona-Krise in Ruhe. Aber mit Ruhm bekleckern sie sich nicht. Ihre Ansagen über Funk müssen Segler ins Englische übersetzten. Die neueste Generation von Passier-Scheinen von denen wir aus dem Internet wissen, verteilen die Jungs nicht mehr am Ankerplatz. So gerne kommen sie dann nicht aus ihrem klimatisiertem Büro.

Egal, ich bin nun auf dem Weg zur Gendarmerie. Dort treffe ich eine Viergruppe an. Zwei Mitarbeiter der Kommune, gut an dem Aufdruck auf ihrem T-Shirt ihren gelben Warnwesten zu erkennen, und zwei Gendarmen. Ich breite meine kompletten Französisch Fähigkeiten vor ihnen aus: „Bonjour. J’ai besoin d’eau.“ [Liason, liason, höre ich Vanessa schimpfen und mache alles richtig – ich brauche Wasser!] „J’ai vudree alle a Fritz avec bato peti. – Ich möchte zu Fritz gehen mit dem kleinen Boot“. Zur Unterstreichung meines Anliegens deute ich an, dass ich im Schlauchboot sitze, eine Pinne vom Außenborder in der Hand halte und mache zusätzlich ein Motoren-Geräusch. Zwei tellergroße Augenpaare gucken mich an. Die Gendarmen wechseln den Blick mit den Gemeinde-Arbeitern. Hilfloses Schulterzucken. Ich sehe Fragezeichen in vier Gesichtern. Ich versuche es wieder. Diesmal benutze ich den Nachnamen von Fritz. Ah, man nickt verhalten. Mein Französisch ist also einwandfrei, wusste ich’s doch, hab ich mir doch den gesamten Weg die Sätze zurecht gelegt. Alles palavert durcheinander. Der nettere Gendarm versucht es mit englischen Brocken, schnell merken wir beide, sogar mein Franzöisch ist besser als sein Englisch. Nach einigem hin und her scheint klar zu wem ich will und was ich will. Ich bekomme dann einen Passierschein vom netten Gendarmen ausgehändigt, den soll ich Fritz zeigen. Das macht keinen Sinn, denn die Polizei soll ja eigentlich die Passierscheine kontrollieren. Ich nehme den Zettel trotzdem, gebe ihn an Achim weiter und er kann den leichten Teil erledigen von ‚wir brauchen Wasser‘.

Lock down Erweiterung

Mo., 30.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2129, 20.254 sm von HH

Grade war die erste Woche unserer zweiwöchigen Ausgangssperre rum, da wurde uns die Wurst vor der Nase weggeschlagen: Ausgangsbeschränkung erweitert um weitere zehn Tage! Plus Ausgehverbot von 20:00 Uhr bis 5:00 Uhr morgens!
Der zweite Teil ist uns vom Prinzip her Wurscht, nachts sind wir sowieso nicht auf der Insel unterwegs gewesen. Aber das Verbot macht was mit uns. Nicht mehr die Freiheit zu haben, selber zu entscheiden, ob man an Land gehen möchte. Freiheit, das einzige was zählt, so heißt es doch.

Wir gehen auch tagsüber nicht mehr an Land. Zum ‚alleine-Sport-treiben‘ dürften wir. Uns ist die Lust vergangen. Ich war an Land zum Einkaufen. Meinen Passier-Schein hatte ich brav ausgefüllt dabei. Das hat aber keinen interessiert, ich wurde nicht kontrolliert. Es ist kaum jemand unterwegs und die Menschen, die man trifft, sind ebenfalls alleine auf der Straße. Die meisten mit Mundschutz. Ein paar Tage später war Achim im Shop, da trug allerdings schon kaum noch jemand eine Maske.

Es ist noch ein weiteres Segelboot angekommen. Die Crew hat ebenfalls Bleiberecht erhalten, aber nach wie vor werden diese Boote nicht offiziell einklariert. Tahiti lässt sich Zeit mit der Bewilligung und die Gendarmen vor Ort dürfen nichts entscheiden. Die Neuen unterliegen einer strengen Quarantäne von vierzehn Tagen. Ich paddel (und auch einige andere Segler sind unterwegs) mit dem Kajak von Boot zu Boot und liefere Eier aus. Mehr Wünsche haben die Neuankömmlinge für den Moment nicht. Segler sind ja immer gut ausgerüstet unterwegs. Dankbarer sind die Neuen darüber etwas zu hören: was ist los? wie läuft es hier?; einfach ein anderes Gesicht sehen als den eigenen Gatten. :mrgreen:
Man sollte meinen wir Segler sind es gewöhnt nicht von Bord zu können und es macht uns nichts aus. Aber das stimmt nicht ganz, nicht können, weil man unterwegs ist, ist anders als nicht dürfen und das lockende, süße Land vor der Nase zu sehen.

Im Augenblick haben wir es mit Gambier noch gut getroffen. In Tahiti weht ein anderer Wind. Es gibt eine Rallye, die World ARC, deren erste Teilnehmer gerade Tahiti erreicht haben. Diese Segler sollen nach wie vor ihr Schiff zurück lassen und das Land mit dem Flugzeug verlassen.

Wir machen nicht viel den Tag über. Aufgeräumt, geputzt und Wollmäuse entfernt, haben wir ja schon neulich während der Regentage. „Blinder Eifer schadet nur“, weiß der Skipper. ;-) Die typischen Boots-Projekte entfallen weitestgehend, weil es an Zubehör hapert. Hier gibt es ja nicht mal einen Absperrhahn zu kaufen, um unsere Wasser-Auffang-Anlage zu optimieren. Die Stimmung ist prima zwischen uns, wir versuchen das Beste aus dem Ganzen zu machen. Wir beschäftigen uns so gut es geht, lesen viel im Internet über den Wahnsinn, der auf der Welt passiert. Wir lesen von ersten rassistischen Anfeindungen: Amerika-Chinesen werden in New York beschimpft, Europäische Camper in Marokko sollen mit Steinen beworfen werden, Weiße in Indien dürfen nicht mal zum Einkaufen von ihrem Schiff. An unserem friedlichen Ankerplatz liegen im Augenblich zwanzig Schiffe (weitere 10 bis 15 schwirren im Atoll umher). Wie immer ankern die Boote vor dem Ort, hinter der Riffkante. Eine Frau hat sich beschwert, dass die Boote zu nah am Ufer ankern, dort wo ihre Kinder spielen. Die Boote an der Nordseite haben jetzt ihren Platz geräumt.
Die Beschwerde fühlt sich schlecht an.

Shopping im leeren Ort

Corona-Update in French Polynesia

Mi., 25.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2124, 20.254 sm von HH

Vorgestern, am Montag, kam die Gendarmerie durchs Ankerfeld gefahren und hat die Ausgangsregeln noch etwas verschärft. Wir dürfen nunmehr nur noch alleine an Land gehen. Sie haben Zettel verteilt, die man ausfüllen soll mit Namen usw. und man soll den Grund für einen Landgang ankreuzen (Medizinisches, Familiäres oder Einkauf oder alleine Sport). Ob das an Land kontrolliert wird, wissen wir nicht – wir sind seit dem zu Hause geblieben.

Am Sonntag konnten wir noch Gemüse im Supermarkt kaufen, das mit dem Versorgungs-Schiff am SSamstag geliefert wurde. Es werden nur noch vier Personen gleichzeitig in den Shop gelassen und mittlerweile tragen fast alle, Kunden und Personal, Gesichtsmasken. Mangels medizinischer Masken, benutzen wir unsere Staubmasken. Geht auch. Wir wurden freundlich wie immer bedient und in der Schlange vor dem Supermarkt durften wir uns normal einreihen ohne Gedrängel oder böse Blicke.
seit gestern ist der Verkauf von Alkohol in gesamt Französisch Polynesien bis zum 8. April verboten worden.

Tahiti hat ebenfalls die Regeln verschärft: Das Schiff zu bewegen, ist verboten! Zwei Segelboote, die in Papeete Anker auf gegangen sind, sollen von der Gendarmerie angehalten worden sein. Die Segler sollen folgende Ansprache erhalten haben: „Entweder ihr fahrt auf euren Platz zurück oder ihr verlasst das Land. Ein neue Einreise gibt es dann für euch nicht mehr.“ Bei uns vor Ort haben die Gendarmen ebenfalls ein Verbot ausgesprochen, dass die Schiffe innerhalb des Atolls nicht bewegt werden dürfen. Leider halten sich nicht alle Segler daran. Wir hoffen, dass dies keine Sanktionen für alle nach sich zieht. Das Gebilde an Genehmigungen ist fragil, schnell können sich Bestimmungen ändern.
Wir sind zu Gast. Ihr Land, ihre Regeln!

In den letzten Tagen sind noch vier neue Segler von der Osterinsel und aus Panama in Gambier angekommen. Diese Boote haben eine strikte Quarantäne von 14 Tagen erhalten – dürfen nicht von Bord. Der letzte ankommende Segler wurde von der Gendarmerie per Funk aufgefordert, nicht ins Atoll zu fahren, sondern nach Tahiti weiter zu segeln. Erst nachdem die Crew sagte, dass sie Diesel und Essen benötigt, bekamen sie die Erlaubnis zum Ankern.
Die letzten drei Neuankömmlinge werden im Augenblick hier geduldet. Offiziell einklariert wurden sie noch nicht. Alle warten auf eine Genehmigung aus Tahiti.

Die Stimmung am Ankerplatz ist gekippt. Wurde sich sonst getroffen, hin- und hergedüst, ein Schwätzchen gehalten, hockt jetzt jede Crew allein auf ihrem Boot. Wir sind trotzdem zu unseren Schwedischen Nachbarn gepaddelt, die neu angekommen sind, haben gefragt, ob sie etwas benötigen. Andere Segler haben Pampelmusen vorbei gebracht. Kontakt nur von Bordwand zu Dinghy, mehr ist nicht erlaubt, mehr traut sich keiner. Niemand will eine Quarantäne von zwei Wochen riskieren oder Schlimmeres.
Schwimmen und Wassersport aller Art soll deswegen verboten sein, so eine Erklärung, dass die Einheimischen, die das Haus nur eingeschränkt verlassen dürfen, nicht denken, die Yachties hätten Urlaub und Spaß. Hat Sinn.

Uns geht es gut, wir haben nicht auszustehen. Der Blick in den Vorgarten ist nach wie vor paradiesisch. Mit unserem Ankerplatz haben wir vor drei Wochen das große Los gezogen: Wir haben fast den ganzen Tag Internet an Bord! Nicht immer schnell, aber schnell genug, wir haben ja sonst nichts vor. Davon gibt es im gesamten Ankerfeld nur drei oder vier Plätze. Mit steigender Anzahl an Corona-Meldungen war uns schnell klar, den geben wir so schnell nicht auf. Hamstern auf seemännisch sozusagen. ;-)
Kontakt zur Familie und Freunden und Informationen über das Weltgeschehen und neue Regeln in Französisch Polynesien sind uns zur Zeit schon wichtig. Obwohl man über das Weltgeschehen eigentlich nichts hören möchte. Was wird werden, wenn das Virus Afrika, Indien und Südamerika richtig erreicht hat? Wie viele Opfer wird es geben? Was passiert mit den Gesundheitssystemen, was mit der Weltwirtschaft? Achim als mein persönlicher Schwarzseher an meiner Seite hat fast alle Horror-Szenarien durch. Er ist ein wahrer Quell der Freude. :mrgreen: Ob ich ihn in Quarantäne stecken darf?

P.S. Während ich das schreibe, kommt ein Funkspruch von der Gendarmerie: Da wir in ein paar Stunden stärkeren Wind erwarten, dürfen die Boote, die wollen, sich für eine Nacht einen anderen Ankerplatz suchen.
Die nicht einklarierten Segler dürfen zunächst bleiben bis das nächste Versorgungs-Schiff kommt. Dieses soll extra für Segler bestellten Diesel und Benzin mitbringen. Diesel und Benzin wird im Augenblick nicht an Segler verkauft (wir brauchen nichts, wir sind zum Glück voll). Wie ich schon mal schrieb, wir hängen am Ende der Nahrungskette.

Schlange vorm Supermarkt

Ausgangssperre!

Sa., 21.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2120, 20.254 sm von HH

Bewegungsbeschränkung, Lock down, Ausgangs-Beeinträchtigung oder wie man es auch immer nennen will: wir sitzen fest auf dem Kahn! Gültig seit gestern Mitternacht.
Uns Seglern ist es noch erlaubt zum Einkaufen zu gehen. Spaziergänge sind verboten. Wir sollen nach dem Einkauf zügig zum Schiff zurück kehren, wie uns über Funk von den Gendarmen mitgeteilt wurde. Segeln zwischen den Inseln ist jetzt komplett verboten, auch unbewohnte Inseln dürfen nicht mehr angelaufen werden. Schwimmen und jede Art von Wassersport ist nicht erlaubt.
Die Beschränkung betrifft die Einheimischen ebenso. Gestern Abend ist die Genarmerie die einzige Dorfstraße auf und ab gefahren und hat über Lautsprecher die neuen Regeln bekannt gegeben. Mit Blaulicht. Wahrscheinlich das erste Mal, dass es je eingeschaltet war.
Das ist schon etwas eigenartig und macht ein unangenehmes Gefühl.

Frankreich stülpt seine Entscheidungen bezüglich Corona Vorsorge auf Tahiti. Tahiti nickt, obwohl eigentlich für Innenbelange die Regierung von Französisch Polynesien zuständig ist. Aber hey, Frankreich schickt das Geld. Diese Hand beißt man nicht. Tahiti nickt also und gibt die französischen Anordnungen auf die Inseln weiter. Die Inseln nicken, denn hey, Tahiti schickt das Geld. Somit stehen jetzt hier bei uns im kleinen Mini-Hafen Pylonen und Flatterband wurde gespannt. Drei Gendarmen und mindestens vier Helfer in gelben Warnwesten stehen dicht beieinander. Endlich mal was los.
Die Polynesier erscheinen uns sehr gefügig zu sein. Sie schlagen die Hacken zusammen und befolgen alle Anordnungen. Ziviler Gehorsam scheint ihnen in in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Kinder sind im Haus zu halten – seit Tagen sind keine Kinder mehr im Dorf zu sehen. Mundschutz wird empfohlen – fünfzig Prozent tragen ihn. Man soll zu Hause bleiben – man bleibt daheim. Mir-doch-egal-Treffen wie Corona-Parties werden wir hier wahrscheinlich nicht sehen.

Was uns etwas nervös macht, sind die dauernd wechselnden Regeln für Segelschiffe vor Ort. Zunächst hieß es, die lange Anreise sei für Neuankömmlinge Quarantäne genug. Dann verlangte man Tage 14 Quarantäne oben drauf. Jetzt will man neue Segler gar nicht mehr haben. Ihnen bietet man zwei Optionen: 1. Such dir einen Platz für Dein Schiff und flieg dann nach Hause (neue Flüge aus dem Land sind in Planung) oder 2. Kauf dir Proviant und segel weiter. :shock:
Jede neue Regel hat eine Gültigkeit von wenigen Tagen oder nur Stunden. Segler, die länger als 30 Tage im Land sind, werden nach wie vor akzeptiert. Auf den Marquesas war allerdings kurz im Gespräch, dass auch diese ‚long stay‘-Segler ausgeflogen werden, während das Schiff zurück bleiben soll. Die Wogen haben sich wieder geglättet, man darf bleiben.
Die Nerven liegen blank bei den Polynesiern und als Segler kann man sich auf nichts verlassen. Im Augenblick gibt es keine Rechtssicherheit.

Wir glauben, so lange hier in Gambier kein Corona-Fall auftaucht, werden wir wohl bleiben dürfen. Wo sollen wir auch hin? Andere Länder Richtung Westen wollen uns ebenfalls nicht. Außerdem haben wir noch zwei Monate Zyklonsaison. Für die USA haben wir kein Visum, die würden uns sofort an die Kette nehmen. Und jahrelang auf dem Ozean zu segeln ist für die Crew, die lieber ankert auch keine Option. :mrgreen:
Die Menschen auf der Straße sind nach wie vor ausgesprochen freundlich zu uns. Taucht hier allerdings ein Corona-Fall auf (wie auf den Marquesas) könnte sich das ändern. Heute ist noch einmal ein Flugzeug aus Tahiti gekommen und das Versorgungsschiff. Hoffentlich beides ohne Viren.

 

Corona in French Polynesia

Mi., 18.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2117, 20.254 sm von HH

Vor ein paar Tagen dachten wir noch: „Hier sind wir gut aufgehoben!“
So wie Bundes-Spahn, Millionen anderer Menschen auf der ganzen Welt, so haben auch wir uns geirrt. Heute wurden zwei weitere Corona-Fälle auf Moorea gemeldet. Die Regierung von Französisch Polynesien erlässt seit Tagen neue Anweisungen im Stundentakt. Die Schulen sind ab heute geschlossen – zunächst bis Ostern. Auch auf den kleinen, abgelegenen Inseln wie bei uns in Gambier. Heute werden die Kinder, die in Tahiti zur Schule gehen hier eingeflogen. Ob es das letzte Flugzeug hierher sein wird? Das ist noch offen. Es gibt Diskussionen darüber den Flugverkehr zwischen den Inseln einzustellen. Mit den Flugzeugen kommen dringende Artikel aus Tahiti, wie Medikamente und Post. Lebensmittel, Diesel, Gas zum Kochen und Benzin liefern die Versorgungsschiffe. Hier sind keine Einschränkungen im Gespräch.

Der Flugverkehr aus Französisch Polynesien raus, nach Europa, ist bis auf weiteres eingestellt worden. Bis gestern kam man noch nach Frankreich – die Tür ist geschlossen. Kreuzfahrtschiffe dürfen nicht mehr ins Land, nur noch Frachtschiffe. Unter den Langfahrtseglern herrscht gerade Haupteinreisezeit vom Südamerikanischen Kontinent nach Französisch Polynesien. Bedingt durch die lange Anreisezeit von drei, vier Wochen hat die Regierung beschlossen, dass ankommende Yachten keine zusätzliche Quarantäne benötigen. Durch die neuen Corona-Fälle auf Moorea ist dies wieder aufgehoben worden: Einreiseverbot für Ausländer, heißt es nun. Außerdem wurde beschlossen, dass der Verkehr zwischen den Inseln für Segelboote untersagt ist. Ob das bedeutet, dass wir auch in Gambier nicht mehr die Inseln wechseln dürfen? Wir wissen es nicht. Das erste Mal sehen wir heute die Gendarmerie mit einem Boot durch den Ankerplatz ziehen.

An Corona zu erkranken, ist keine Sorge von uns. Wir haben sowieso wenig Sozialkontakte, mal ein Abendessen beim Segelnachbarn oder mal ein Einkauf im Dorf. Das war’s.
Die Nebengeräusche stimmen uns bedenklicher. Bleibt die Versorgung so bestehen wie bisher? Die Polynesier neigen nicht zum Hamstern. Ihnen ist eine Denkweise weit in die Zukunft zu planen fremd. In ihrer Muttersprache gibt es nicht mal ‚Futur‘, hat Vanessa uns erzählt. Sie sparen nicht, sie haben kein Bier auf Vorrat zu Hause und eine Cola wird direkt beim Bezahlen getrunken. Vor ein paar Tagen haben wir noch fünfzig Kilo Mehl im Shop gesehen. Einen Tag später war es verschwunden. Wenn es die Polynesier nicht waren, kommen nur Segler als Käufer in Frage.

Spätestens auf den Kap Verdischen Inseln lernt man als Weltumsegler: ‚Du musst Dinge dann kaufen, wenn du sie siehst, nicht wenn du sie brauchst. Am nächsten Tag kann der Artikel für Monate aus den Läden verschwunden sein.‘ Diese Regel haben wir uns in den letzten Jahren angeeignet. Außerdem haben wir häufig schon für Monate gebunkert, weil wir wissen, dass im neuen Land die Preise deutlich höher sind. Zur Planung, wenn man Tahiti verlässt, gehören volle Schränke dazu. Auf Gambier gibt es zwar vieles, aber Haferflocken, Nüsse oder Vollkornmehl bekommt man einfach nicht. Wir haben immer für bestimmt vier Wochen Nahrungsmittel an Bord, weil man auf einem Boot nie weiß, ob man nicht für etliche Tage an Bord bleiben muss oder schnell einen Ort verlassen muss. Hamstern, wie es jetzt ja heißt, ist uns also nicht mehr fremd. Aber fünfzig Kilo Mehl ist schon eine Hausnummer. Wer braucht so viel Mehl?

Wir als Ausländer stehen in Polynesien am Ende der Nahrungskette. Wir sprechen (trotz aller Bemühungen :lol: ) die Sprache nicht. Wir kennen keinen, der im Notfall noch den Keller voll Kartoffeln hat. Auf einer Insel in den Tuamotu soll es Schilder gegeben haben, die Segler auffordern auf dem Boot zu bleiben. Ein gewisser Vorrat an Bord bekommt eine neue Bedeutung.
Hier bei uns im Dorf wurden Schilder aufgehängt, die die Symptome von Corona erklären und zeigen, wie man sich verhalten soll (der in den Ellenbogen-niesen-Katalog). Phillipe, bei dem man neben Internet auch noch Brioche (feines Brot) kaufen kann, erzählte uns, dass die Dorfkrankenschwester ihn aufforderte, dass er einen Mundschutz und Handschuhe tragen soll, wenn er sein Brot verkauft. Segler haben ihm jetzt beides geschenkt. Die junge Frau an der Kasse im Supermarkt trägt seit gestern ebenfalls Gummi-Putz-Handschuhe und es ist uns ein Chinese von einer Perlenfarm mit Mundschutz begegnet. „Haben die Polynesier Angst?“, haben wir Philippe gefragt. „Nein, noch nicht, aber sie stellen Fragen.“

Wie lange wir hier gefangen sein werden, wir wissen es nicht. Großraum-Quarantäne würde ich es nennen. Gefangen im Paradies, trifft es auch. Und ganz plötzlich bekommt das Paradies einen Beigeschmack. Im Ausland gefangen zu sein und nicht jederzeit nach Hause zu können, macht ein merkwürdiges Gefühl.
Bleibt gesund in eurer Quarantäne.

Großraum-Quarantäne

„Außer Sie leben auf einer Insel“

Fr., 13.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2112, 20.254 sm von HH

So kann man sich irren – auch als Minister: „Es kommt! Außer Sie leben auf einer Insel“, hat Bundes-Spahn noch vor zwei Tagen verkündet. Am gleichen Tag wurde Corona auf Tahiti bestätigt. Eine Regierungsmitarbeiterin hat das Virus aus Frankreich mit auf die Insel gebracht. Heute hören wir von einem Verdachtsfall auf den Tuamotu (Fakarava) fünfhundert Kilometer von Tahiti entfernt. Bis zu uns sind es weitere tausendfünfhundert Kilometer, aber es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit bis Corona auf „unserer“ Insel angekommen sein wird. Es gibt mehrmals wöchentlich eine Flugverbindung nach Tahiti, das Versorgungs-Schiff wird bald erwartet und Segelschiffe trudeln von der Osterinsel hier ein.

„Ich kauf mir ein Boot“, habe ich im Internet einen Kommentar in Deutschland gelesen. Dem jungen Mann muss ich sagen, das ist im Augenblick auch keine Lösung. Wir als Deutsche, als Europäer, dürfen in Französisch Polynesien so lange bleiben wie wir wollen. Da haben wir Glück. Amerikanern (als Beispiel) rennt unter Umständen die Zeit davon. Sobald ihr Visum ausläuft, müssen sie (eigentlich) das Land verlassen. Aber wohin? Inselstaaten auf dem weiteren Weg nach Neuseeland, haben bereits ‚dicht‘ gemacht und lassen keine Ausländer mehr rein. Diese Maßnahmen sind nachvollziehbar, soll doch die Spanische Grippe überdurchschnittlich Todesopfer unter den Polynesiern gefordert haben.
Ein befreundetes Segelboot hängt in Indien fest. Es gibt kein vor und kein zurück. Einige Nachbarländer lassen sie nicht rein, andere sind wegen widriger Winde nicht erreichbar. Da bereiten die Begleiterscheinungen von Corona mehr Bestürzung als das Virus selber.
Es gibt Crews, die wurden durch die sich überschlagenden Ereignisse getrennt. Einer weilt jetzt auf dem Schiff, der andere kommt von einem Heimbesuch in Deutschland nicht zum Partner zurück. Wieder anderen ist gemeinsam die Rückkehr zum Schiff versperrt. Wohl dem, der dann in Deutschland noch ein Dach über dem Kopf besitzt. Meinen geplanten Heimflug im Mai sehe ich stark gefährdet.

Weiter als wir kann man vom ‚Geschehen‘ fast nicht entfernt sein. So weit entfernt hat man mit dem Thema doch keine Sorgen sollte man denken. Und doch, durch die Globalisierung sind auch Langfahrtsegler betroffen. Anders und nicht mit dieser Wucht, wie im Epizentrum. Das kommt unerwartet, zeigt aber die Schleifen, die so ein Ereignis nach sich zieht. Über die Probleme im Gesundheitswesen und wirtschaftlichen Langzeitfolgen oder Lieferengpässe und die dadurch möglichen ‚Panikkäufe‘, mag man gar nicht nachdenken.
Ich lese viel ‚in 14 Tagen ist es vorbei‘, ‚kann ja nicht ewig dauern‘, ‚im April spricht keiner mehr darüber‘. Ich kann diese Ansicht leider nicht teilen, hoffe aber inständig, dass die Optimisten Recht behalten.
Bleibt gesund da draußen und passt auf euch auf!

Ein Gag – erst vor vier Tagen fotografiert, ist heute nicht mehr lustig

Regen!

So., 08.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2107, 20.254 sm von HH
Regen mit viel Wind. Regen ohne Wind. Auch mal Wind ohne Regen. Dann wieder viel Regen. Und wenig Regen. Und jetzt auch noch Regen im Schiff. Gestern Abend tropft es ploetzlich durch unsere Salon-Luke. Wobei ‚tropfen‘ trifft es nicht … es rinnsalt. Ein Handtuch liegt auf den Salontisch, ein Feudel auf den Boden. Wir stellen zusaetzlich eine Schuessel drunter. Auf einem Schiff ist das eine muede Aktion. Atanga bewegt sich, wackelt mal nach rechts, mal nach links und die Tropfen suchen sich ihren eigenen Weg. Eben tropft es vorne vom Fensterrahmen im naechsten Moment hinten oder an beiden Stellen gleichzeitig. Es ist bereits dunkel, aber der Boots-Mechaniker versucht sein Bestes. Schuld sei die Gummidichtung. Die loest sich vom Glas auf der Innenseite und nun sei Wasser zwischen Scheibe und Dichtung. Achim drueckt das eingedrungene Wasser aus dem Hohlraum und es wird besser. Es droeppelt nur noch ein wenig. In der Nacht beruhigen sich die Niederschlaege und somit steht am Morgen der Salon nicht unter Wasser. Schwein gehabt.
Puenktlich zum Fruehstueck tauchen neue Schauer auf. Die Luke ist dicht. Selbstheilung, oder was ist hier los? Wir wissen es nicht, nehmen das Wunder aber dankbar an. Sobald es trocken ist, kommt eine Abdichtung von draussen drauf und in Papeete ist wohl eine neue Gummidichtung faellig. Hoffentlich gibt es dort die passende Groesse.
Ich hatte mir ja Regen gewuenscht, damit der Skipper genug Zeit hat, seine Schraenke zu wienern. Fehler! Niemals, zu keiner Zeit, unter keinen Umstaenden, sollte man sich so einen Mist wuenschen. Der liebe Gott mit seinem speziellen Humor erfuellt manche Wuensche sofort – schlechtes Wetter seit zehn Tagen. Es gibt mal einzelne Stunden Aufheiterungen, aber dann geht das Theater von vorne los.
Wir nehmen es gelassen, was koennen wir auch anderes tun? Es sind im Augenblick ungefaehr 15 bis 17 Schiffe im Atoll. Die meisten haben sich auf kleine Inseln in den Windschatten verzogen. Wir sind in Rikitea geblieben. Der Nachteil hier, man liegt mit auflandigem Wind und bei Hochwasser, wenn die Wellen es ueber die vorgelagerten Riffe schaffen, wird es etwas schauklig. Aber dafuer haben wir die meiste Zeit Internet an Bord und somit etwas Abwechslung. Ueber Funk hoeren wir, dass es ‚draussen‘ nicht besser ist: „Unser Boot tanzt wie eine Verrueckte an der Ankerkette.“ Wir sind also zufrieden und in einer wind- und regenlosen Pause schaffen wir es an Land, um eine Pizza essen zu gehen. Wenn das kein Leben ist. :-)

Nach der Insel ist vor dem Alltag

Di., 03.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2102, 20.254 sm von HH

Und in diesem Alltag regnet es. Mal stundenweise feiner Landregen ohne Wind, dann sintflutartige Güsse, wie wir es selten gesehen haben – gefolgt von trockenen Abschnitten bis zum nächsten Regen. An anderen Tagen fegen Böen den Wind waagerecht über die Bucht. In einer trockenen halben Stunde gehen wir kurz zum Einkaufen und kommen bis auf die Unterwäsche durchweicht zurück. Gesamt betrachtet würde ich sagen: Schietwetter! Schluss mit stundenlangen Ausflügen und Urlaubs-Feeling.

Jawohl, auch das ist Südsee

Wenn es schon regnet, dann sollen bitte auch die Tanks gefüllt werden. Leider löst sich die Gewebeplane von der ‚German-Engineering-Regenauffang-Konstruktion‘ auf dem Vorschiff in ihre Fasern auf. Die ist reif für die Mülltonne. Also schneidet Achim beherzt ein Loch in unser Bimini. Etwas, was wir nie wollten, aber das ganze Teil ist sowieso Schrott. Es hält die Sonne ab, lässt jedoch Wasser durch wie ein Sieb. Und nun, wo es von mir Flicken verpasst bekommen hat, ist es auch optisch schon egal.

Schon ein Zentimeter Wassersäule auf dem super Stoff unseres Biminis und es tropft wie aus einem Wasserhahn

Neues German Engineering ohne große Ingenieurs-Kunst

Den Rest des Tages verbringen wir mit dem ‚Luke auf – Luke zu – Spiel‘. Das ist auf Dauer etwas öde. Gegen aufkommende Langeweile hat die Frau des Skippers die Idee, dass der Skipper doch mal seine Schränke aus denen es nach Meinung der Frau des Skippers staubig riecht, aufräumen könnte. Viele Ausflüchte bleiben dem Skipper nicht. :mrgreen: Die reichen für einen Tag Aufschub. Aber die Frau des Skippers hat ein gutes Gedächtnis und ihr fällt die Idee auch am nächsten Tag wieder ein. Dem Skipper gehen die Argumente aus – man kann draußen nichts unternehmen. Manchmal wünscht der Skipper sich wahrscheinlich eine andere Frau. Ich helfe gerne mit, damit es auch ordentlich wird. Manchmal wünscht der Skipper sich wahrscheinlich, er hätte gar keine Frau.

Wir fangen vorne an. Die Bug-Koje ist unser Rumpelraum. Ein schlimmer Abstellkammer-Albtraum, den wohl jeder Haushalt hat. Aus historischen Gründen steht dieser Schrecken unter Achims Obhut. Gerne fliegt alles durcheinander, es ist schwer dort Ordnung zu halten. Rucksäcke, Regenschirme, Rettungswesten und Angelzeug – brauchen wir alles regelmäßig – das liegt oben drauf. Die Arbeit besteht darin, sich zu den unteren Schichten vorzuarbeiten.
Wir stellen das Inneres des Schiffes auf den Kopf. Putzwasser fällt ja genug vom Himmel. Der Skipper reißt Bodenbretter hoch und hängt Türen aus. Kisten und deren Inhalt werden kontrolliert, inspiziert und aussortiert. Ein Hoch auf das schlechte Wetter – möge es halten bis der Skipper seine Schränke im Achterschiff erreicht hat.

Gute Laune beim Wischen

Südsee-Kitsch im Überfluss

Do., 27.Feb.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Totegegie, Tag 2097, 20.243 sm von HH

Sieben wundervolle Tage bleiben wir am Pass, dann wird das Wetter schlechter und wir haben zwei Nachbar-Ankerlieger neben uns liegen. Damit haben wir kein Problem, aber die Robinson-und-Freitag-Idylle ist zu Ende, Zeit, um nach Rikitea zurück zu kehren. Ist ja nur eine Stunde Fahrt.
Wir treffen die Entscheidung auf den Punkt, abends, in der Nacht und den nächsten Tag gießt es wie aus Eimern. Da sind wir im Dorf besser aufgehoben. Das Versorgungs-Schiff ist da und es gibt Internet, um die Fotos von unserem persönlichen Südsee-Kitsch zu posten.

Besser geht nicht

Die Kajaks schweben über den Korallen

Einsame Insel Kitsch

... und alles für uns alleine

… und alles für uns alleine

Menschenleer, aber im Inselinneren und am Strand wimmelt es nur so vor Weggefährten.
Schneckenhäuser sammeln zu wollen, ist hoffnungslos. Es sind ausnahmslos alle bewohnt.

Die roten Einsiedler sind am häufigsten – dieser ist fast handtellergroß

Rotauge verzichtet auf ein Schneckenhaus

und zeigt und, was er kann

Skelett vom Seestern

 

Ein Platz zum Schwärmen – zu jeder Tageszeit schön.

 

Feuerwerk hinter Rikitea

Sonnenaufgang – Kajak-Kitsch

Skipper mit Atanga

Strand-für-uns-alleine-Badekitsch

Haie machen uns unter Wasser Freude

Und noch mehr Bilder … sorry. :-)

Besser geht nicht – Part two

Gutes Vorankommen im Inselinneren

und auch hier ist es super schön

Abenteuerspielplatz Pass

Mi., 26.Feb.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Totegegie, Tag 2096, 20.243 sm von HH
Flaute! Kein Windhauch streift über den Pass. Das Wasser liegt wie ein Spiegel vor uns. Wir schweben mit unseren Kajaks über die Korallendächer und erkennen jeden Stein unter Wasser. Ab und an zerschneidet die Rückenflossen eines Hais die Wasseroberfläche. Es sind erwachsene Exemplare von einem Meter fünfzig und auch noch gerne drüber. In einer flachen Zone, einem großen Swimming Pool ähnlich, die sich bei Ebbe bildet, tummeln sich zehn Haie gleichzeitig. Wir paddeln näher heran. Aber als sie unsere Kajaks entdecken, tauchen sie ab oder schlängeln sich über das Riff-Plateau ins Tiefe. So wie wir uns verstohlen umblicken, wenn wir in ihrem Element schwimmen, so sind sie misstrauisch gegenüber dem, was von oben kommt. Wir lassen uns treiben und warten einfach ab. Und richtig, die Neugierde der Haie siegt. Zwei, drei Tiere kommen näher und umkreisen unsere Kajaks. Toll! Bei den windlosen Bedingungen ist das besser als schnorcheln – und mit deutlich weniger Adrenalin-Ausstoß verbunden. :mrgreen: Ein Adlerrochen kommt vorbei, ein Stachelrochen schwebt über einer Sandfläche. Wir könnten uns ewig hier treiben lassen.
Wie bei den großen Pässen, die befahrbar sind, muss man auch bei den falschen Pässen auf die Strömung achten und seine Schnorchelzeiten darauf einstellen. Auslaufende Strömung saugt einen in den Ozean hinaus und an der Riffkante bilden sich ähnliche Turbulenzen und stehende Wellen wie im großen Pass. Die Oberfläche ist örtlich scharf begrenzt total kabbelig und plötzlich landet man mit dem Kajak oder schwimmend in einer unsichtbaren Gegenströmungen. Ein echter Abenteuerspielplatz.
Trotz der tagelang dauernden Flaute warnt der Wetterbericht vor Schwell aus Süden – entstanden durch einen Sturm irgendwo im Südpazifik. Drei Meter lautet die Vorhersage. Das bekommt Warnstufe ‚orange‘. Das Atoll Gambier ist nach Süden offen wie ein Scheunentor, durch einen weiten Pass kommt der Schwell ungehindert ins Atoll gerollt. Zwischen uns, ganz im Norden ankernd, und dem Süden von Gambier liegen diverse Riffe, Untiefen Inseln und Motus (Mikro-Inseln) im Weg. Trotzdem erreicht uns bald das üble Geschaukel. Dreißig Stunden schaukelt Atanga wie ein Lämmerschwanz an der Ankerkette hin und her. Auf und ab und von links nach rechts. Es wird schwierig wieder an Bord zu kommen.
Die Lagune läuft voll. Das gibt am Pass noch mal ein ganz anderes Bild. Wir werden in unseren Kajaks auf langgezogenen Wellen angehoben und wieder abgesetzt. Als würden wir auf dem Brustkorb eines schlafenden Riesens treiben. Die Riffe tauchen in den Wellentälern aus dem Wasser auf. Die zu große Wassermenge läuft auf der ‚falschen‘ Seite über das Riffdach. Es kabbelt und wackelt. An diesem Tag trauen wir uns nicht über die Riffkante aufs offene Meer. Es ist uns zu unheimlich – zu viel Abenteuerspielplatz an diesem Tag. ;-)

Reif fuer die Insel

So., 23.Feb.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Totegegie, Tag 2093, 20.243 sm von HH
Noch drei Tage haelt nach dem Gewitter das norddeutsches Schiet-Wetter an: Dauerregen gepaart mit zu viel Wind und fuer die Jahreszeit zu kalt. Wir kommen nicht von Bord, es wird langweilig. So viele Filme kann man gar nicht gucken. Da kommt uns die Wettervorhersage gerade recht. Nach dem Durchzug der Wetterfront ist Flaute mit Sonnenschein vorhergesagt. Wir gehen Anker auf und fahren fuenf Meilen zur Nordseite des Atolls. Wir sind reif fuer eine Insel. :lol: Wir wollen nach Totegegie – der Flughafeninsel. Das ist eine lange, flache Insel, kaum breit genug fuer eine Landebahn. Die Insel ist unbewohnt (nicht ganz, beim Streifzug entdecken wir eine einsame Huette) und da nur alle drei Tage ein Flugzeug landet, haelt sich der Fluglaerm in Grenzen.
Der Anker faellt in einem See aus fluessigen Tuerkis. Vor uns blitzen weisse Straende von Totegegie herueber. Die Insel ist flach, wie die der Tuamotu. Bewachsen mit Palmen, Buschwerk und vor allem Nadelbaeumen. Aber hinter uns erheben sich kleine Eilande mit begruenten Huegeln. Wenig oder gar nicht bewohnt. Das Meer dazwischen schimmert in allen Blau-Toenen, die der Tuschkasten hergibt. Wir koennen uns nicht satt sehen. Zum Sonnenuntergang brennt ein Feuerwerk hinter Mangareva und den anderen Inseln. Der Himmel verfaerbt sich purpurrot, dann lila. Besser kann man es sich nicht ausdenken. Schoen, schoener, Suedseetraum.
Aber das Beste an Totegegie ist der ‚falsche‘ Pass an dem die Insel endet. Falsche Paesse nennt man Durchbrueche im Saumriff zwischen zwei Insel, die nicht oder nur mit kleinen Booten befahrbar sind. Ebbe und Flut sorgen fuer Stroemung an den Paessen. Und Stroemung ist gleichbedeutend mit Fisch. Wir packen unsere Schnorchel-Ausruestung in die Kajaks und paddeln zum Pass. Sandige Bereiche wechseln sich mit Korallenbloecken ab. Zum Teil reichend die Korallen bis zwanzig Zentimeter unter die Wasseroberflaeche. Fuer Kajaks kein Problem. Mit nur zehn Zentimeter Tiefgang gleiten wir ueber die Korallen hinweg ohne anzuecken. Flach und vorsichtig paddelnd, finden wir einen Weg durch das Labyrinth. Es schimmert und leuchtet in allen Farben. Das Wasser ist christallklar. Die ersten Rueckenflossen von Haien tauchen auf. Wir ziehen unsere Kajaks an den Strand und stuerzen uns mit Maske, Schnorchel und Flossen in den Pass. Doktorfische, Makrelen, bunte Fische, kleine Fische, Trompetenfische und dicke Fische. Alle da. Und Haie! Es handelt sich um Weissspitzen- und Schwarzspitzenriffhaie. Das sind recht kleinwuechsige Arten und man sagt ihnen nichts Boesartiges nach, aber die Anzahl macht’s. So manches Mal blicken wir uns beim Schnorcheln verstohlen um. Man weiss ja nie. ;-) Ein wunderbarer Ort zum Schnorcheln. So lange das gute Wetter anhaelt, bleiben wir hier. Kein Internet, keinen Laden, keine anderen Menschen und doch genug Unterhaltung für viele Tage.