Archiv der Kategorie: Atanga

Die ganze Wahrheit

Di., 12.Mai.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2172, 20.254 sm von HH

Wein haben wir ja schon seit Wochen nicht mehr. Der letzte Schnaps von den Kanaren hat zu Unrecht die letzten fünf Jahre unter den Bodenbrettern gelegen. Ich weiß nicht, wer ihn mal als untrinkbar bezeichnet hat. Das war ein Irrtum. Das war ein lecker Likörchen mit 30 Umdrehungen, der durch die vielen Jahre wahrscheinlich gewonnen hat. Der ist nun leider Geschichte. Die letzte Buddel Rum ebenfalls. Es gibt noch eine Flasche Metternich, gehütet und beschützt für unseren 20. Hochzeitstag im Juni (hoffentlich ist der edle Tropfen nicht schon längst verdorben – aber das ist eine andere Geschichte).
Ansonsten sind wir abgebrannt, pleite, trocken gelegt!

Vor Ort kann man Bier kaufen (harte Sachen stehen weiterhin unter behördlichem Lockdown-Verschluss). Allerdings treiben einem die Bierpreise die Tränen in die Augen. Eine Halbliter-Dose kostet 3,60 USD. Das schmerzt. Zumal ich Bier jetzt nicht soooo toll finde. Beim Kochen soll Wein in den Koch – kein Bier. Wein kann man ebenfalls vor Ort kaufen. Der billigste Fusel hat 10% Alkohol – ein echtes Gütezeichen :lol: – und kostet 15 USD. Wir haben ihn probiert. Nun ja, er ist sein Geld nicht wert!

Und jetzt kommt Tola (Name von der Red. geändert) ins Spiel. Tola habe ich schon vor dem Lockdown im Shop kennengelernt. Er fragte mich, woher ich komme. Als er Deutschland hört, streckt er mir seine Ghetto-Faust entgegen und strahlt mich in bestem Hochdeutsch an: „Moin, Moin.“ Tola ist mal in Deutschland gewesen, in Berlin, Mönchengladbach und Mölln – mit einer Tanztruppe, wenn ich es richtig verstehe. Er folgt eine Unterhaltung über die ‚german Bundesliga‘, wobei ich nur an den richtige Stellen nicken muss, den Rest macht Tola. Klappt gut, er kann ein paar Brocken Englisch und ich packe meine Brocken Französisch dazu. Ein sympathischer Kerl, ungefähr in meinem Alter, der in Gambier nur zu Besuch ist, eigentlich aus den Tuamotu stammt und nun nicht nach Hause zurück kann.

Zu der Zeit als der Alkohol-Verkauf komplett verboten war, treffe ich Tola wieder. „Kein Bier“, mault er mich an und guckt unglücklich. Ich nicke zustimmend und zucke mit den Schultern. „Das kann noch dauern“, deutet Tola an und tippt auf seine nicht vorhandene Armbaduhr. „Willst du was zum Rauchen?“, fragt er mich unvermittelt. „Nein, ich rauche schon dreizehn Jahre lang nicht.“ Ich komme vom Dorf und verstehe nicht gleich, was er meint und gebe ihm tatsächlich diese selten dämliche Antwort. Er guckt mich entsprechend ungläubig an, fängt mit den Hüften an zu wiegen, rollt mit den Augen und singt: „Bob Marley … lala lalala … „. Oh! Ohh, ohhhhh, jetzt verstehe ich. Ich schüttel trotzdem den Kopf: „Nein, danke.“

Ein paar Tage später treffe ich erneut auf Tola als ich grade aus dem Laden zum Dinghy gehen will. „Pssst! Pfff.“ Tola steht an einer Hauswand in eine Nische gedrückt. „Pffffft.“ Er pfeift total auffällig unauffällig durch seine Zähne und deutet mir mit dem Kopf zu ihm zu kommen. „Moin, Moin“, sagt er. Dann schaut er sich konspirativ um. Niemand zu sehen. Er nimmt meine Hand und drückt mir ein Stück Küchenpapier in die Hand. „Bob Marley“, lacht er und fängt wieder mit den Hüften an zu wackeln. Schnell lasse ich das kleine Päckchen in der Hosentasche verschwinden. Er grinst.

Jetzt sitzen wir also auf dem Schiff. Der halbe ‚Stein des Anstoßes‘ liegt vor uns. Rauchen oder nicht rauchen, das ist die Frage? Die im Internet verbreitete Floskel ‚ich frage für einen Freund‘, kann ich mir wohl schenken. :mrgreen:

Das Corpus delicti

Heute wäre ich nach Deutschland geflogen …

Mi., 06.Mai.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2166, 20.254 sm von HH

… wäre, wäre, hätte, hätte! Was hätte ich nicht alles in Deutschland gemacht? Natürlich mich von Gartengrill zu Gartengrill geschleppt. Mich durch die Küchen der Familie und Freunde gefuttert. Ich hätte mich verwöhnen lassen – wir hätten gemeinsam gekocht, gemeinsam gelacht und uns aneinander gefreut. Und es hätte Spargel gegeben, den ersten seit sechs Jahren, und Rhabarber!

Ich wäre zum Optiker gegangen und es hätte eine neue Brille gegeben. Bei meiner aktuellen Brille löst sich die Versiegelung ab – da kann ich nicht mehr viel mit erkennen. Daher trage ich jetzt dauerhaft das Model davor. Das ist nicht besser, mit der kann ich nicht mehr lesen, weil die verdammte Altersweitsichtigkeit zügig voran schreitet. Und eine neue Sonnenbrille hätte es gegeben, die alte liegt vor der Osterinsel auf dem Meeresgrund.
Ach hätte, hätte ich doch vor einem halben Jahr versucht in Tahiti eine neue Brille zu bekommen. Aber die Auswahl an Gestellen war so klein und auf Deutsch finde ich die Sehsterkenermittlung ‚besser, schlechter oder gleich?‘ schon anstrengend. Die Brille wäre in Frankreich gefertigt worden und aus Paris gekommen. Ach, es war mir zu viel Getüttel. Ich habe mich getröstet, eine Zeitlang wird es schon noch gehen, schließlich fliege ich ja im Mai nach Hause!

Ohne Durchblick – schlimme Optik

 

Kreditkarten hätte ich aus Deutschland mitgebracht. Es hätte so gut gepasst – ich fliege ja im Mai nach Hause. Zwei Karten als Ersatz für abgelaufene Karten liegen bereits in Deutschland. Achim und ich haben jeweils zwei Karten, weil man ja ’so voraus schauend denkt‘. Es könnte ja eine Karte verloren gehen, eine Karte geht kaputt, man weiß ja nie. Meine erste Karte war bereits im November abgelaufen, die zweite folgt im August. Bei Achim ist nächsten Monat zu Ende. Da bleibt uns ab September grade eine gültige Karte übrig. Toll, weil wir ja so schlau sind und so voraus schauend denken.

Einen neuen Bikini hätte ich gekauft. Mindestens einen. Bei dem Letzten, den ich noch habe, löst sich seit kurzem das Elastan in ’nichts‘ auf. Der Bikini ist nur noch ein labberiger Stoff-Fetzen, der mehr raus lässt als er verbergen soll. Ach, wäre ich doch in Tahiti nicht so geizig gewesen und hätte einfach einen neuen Bikini für 140 USD gekauft. Aber brauchte ich ja nicht, schließlich fliege ich ja im Mai nach Hause.

Es wäre ein Friseurbesuch fällig gewesen. Grad rechtzeitig zur Wiedereröffnung der Friseure wäre ich angekommen. Endlich mal wieder ein richtiger Friseur. Nach dem Fiasko von vor einem Jahr ist das längst überfällig. Ich schneide mir seitdem selber die Haare. :roll: Achim hat sich als Helfer als unbrauchbar erwiesen. Statt die Strähnen zwischen die Finger zu nehmen, zieht er die Haare einfach lang und schneidet sie stumpf am Ende ab.

Man achte auf den großen Spiegel, der mir zur Verfügung steht und dazu der Wind …

Und ich hätte neue Kopfkissen gekauft. Unsere stinken. Alle vier. Es ist zum Heulen. Wie eine Mischung aus nasser Hund, fauler Milch und feuchten Getreidekörnern. Unterwegs gibt es fast ausschließlich Waschmaschinen, die kalt waschen oder maximal mit 30 Grad waschen. Da braucht man so ein Stinke-Kissen nicht rein legen, das kommt genauso stinkig wieder raus. Mein Versuch so ein Kissen selber zu waschen (Clorix plus fast kochendes Wasser plus etwas Waschpulver für den Duft) führte zur Sofortvernichtung des Kopfkissens. Es wollte nicht trocknen, verklumpte total und stank mehr als je zuvor. Jetzt habe ich ein wenig ‚Febreeze‘ auf die verbliebenen Stinker gesprüht. Gefährliche Aktion. Ich erinnere mich an Lackschuhe aus den 90er Jahren, die man nur barfuß trug und die nach kurzer Zeit ebenfalls erbärmlich gestunken haben. Da habe ich damals Parfüm rein gesprüht. Nicht machen! Niemals, und unter keinen Umständen!
Meine Febreeze-Aktion auf den Kissen war von größerem Erfolg gekrönt. Und gegen den Gestank hilft, dass es nicht mehr so heiß ist, wir vor zwei Monaten. Trotzdem wären neue Kissen eine Wohltat.

Hätte, hätte, wäre, wäre. Was hätte ich nicht alles schönes in Deutschland gemacht. Nun bin ich hier und froh, dass mein Flug nicht zwei Monate eher geplant gewesen ist. Dann würde ich jetzt in Deutschland sitzen und Achim hier. Unüberwindlich getrennt – für noch nicht absehbare Zeit. Da habe ich doch lieber keine klare Sicht und laufe schlecht frisiert mit schladdrigem Bikini herum, aber kann meinen Kopf neben Achim auf seinem Stinke-Kissen betten.

Corona im Wandel der Wochen – eine Foto-Show

Sa.,02.Mai.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2162, 20.254 sm von HH

Leere Städte und Strände – Schiffe stecken in Häfen fest – Isolation – schlafen, essen, saufen – Menschen verändern sich – die Stimmung geht in den Keller … und dann das Happy End! Corona im Wandel der Zeit, erzählt mit unseren Fotos der letzten sechs Jahre. Eine nicht so ernst zu nehmende Foto-Show. :-) Viel Spaß.

P.S.: Ich musste die Qualität der Fotos leider etwas runter schrauben, um vom anderen Ende der Welt den Film überhaupt hochladen zu können. Und so hat es noch fünf Stunden gedauert.

P.S. 2: Die Inspiration für den Film habe ich von friking.es (Quarantäne mit Kunst). Danke für die nette Idee.

 

 

Das Synonym schlechthin für die Corona-Krise: Klopapier!

Das Synonym schlechthin für die Corona-Krise: Klopapier!

Neue Wege

Sa., 25.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2155, 20.254 sm von HH

Der Tipp kommt von unseren niederländischen Nachbar: „Es gibt einen Weg zwischen den Traversen!“ Auf dem länglichen Teil von Mangareva verläuft eine ungefähr dreihundert Meter hohe Hügelkette. Zwei Traversen führen über diese Hügel auf die andere Seite der Insel. Steil bergauf, steil auf der anderen Seite wieder runter – quer durch dichten Wald. Tolle Wege, die wir schon mehrfach gewandert sind. Jetzt auf dem Bergrücken zwischen den Traversen zu laufen, klingt spannend.

Immer den Bergkamm entlang

So sind sie unsere lustigen Nachbarn aus dem flachem Land mit seinen Coffee-Shops. Immer zu einem Scherz aufgelegt. ;-) Als Weg würden wir das nicht bezeichnen, was wir vorfinden. Wenn man wie ein Scout auf abgebrochene Äste oder niedergetretenes Unkraut achtet, kann man einen Pfad mehr erahnen als erkennen. Was der Holländer kann, schaffen wir schon lange – wir stapfen uns vorwärts durch Farn, Kraut und Gräser. Achim ist in Flip Flops unterwegs. Irgendwie ist das falsche Schuhwerk, aber er kommt gut voran. Giftschlangen gibt es keine, also greifen wir unbesorgt nach Lianen, um uns über Stock und Stein vorwärts zu hangeln. Der Weg hat es in sich. Mal mannshoch bewachsen, mal Steine, mal belegt mit den Nadeln von Kiefern. Diese Flächen sind spiegelglatt. Dann wieder laufen wir in die Irre und finden den Weg nicht. Es kommt mir vor wie bei ‚Tomb Raider‘ – und ich bin Lara Croft  – denn auf einmal stehen wir vor einer senkrechten Wand. Level 5 – nichts geht mehr.

Lara Croft

Lara Croft

durch Gestrüpp und Kraut

Von der kleinen Wand sprechen wir – sieht harmlos aus- aber kein vorbei kommen möglich ohne Seil

Zehn Meter hohe Wand, unüberwindbar. Ende der Reise. Links und rechts geht es steil bergab. Der Weg muss also über diese Wand weiter führen. Wir tasten uns links dran vorbei durch verwelkten Farn auf Unterholz. Mögliche Felsspalten sind unsichtbar überwuchert. Und dann hängt die Lösung vor uns, wie es weiter geht: ein Seil. Senkrecht geht es an der Felsnase hoch. Nur, um auf der anderen Seite wieder runter zu gehen. Wieder mit Seil-Unterstützung. Danach geht es etwas einfacher weiter und wir finden den Ausgang (die zweite Traverse, die uns ins Dorf zurück bringt) aus diesem großen Abenteuer-Spielplatz. Danke, liebe ‚Käsköppe‘, das war ein super Tipp.

Am Seil die Wand hoch

Auf der anderen Seite wieder runter – auf den Nadeln könnte man Schlitten fahren

 

Der Lohn fürs Klettern

Am nächsten Tag versuchen wir den Weg links vom Triumphbogen. Heute wählt Achim bessere Schuhe. Aber wir scheitern trotzdem. Wieder stellt sich uns eine Mauer in den Weg, ohne Rettungs-Seil diesmal. Auf den rutschigen Nadeln am Hang trauen wir uns nicht näher an den Abgrund ohne Sicherung. Wir müssen umdrehen. Wie haben es die holländischen Kollegen gemacht? Red Bull verleiht Flügel! Marihuana auch? :lol: Wir geben auf, aber wir kommen wieder. Mit Seil beim nächsten Mal.

Bergab über rutschige Nadeln

Nicht so einfach

Das steht er nun – stolz wie Bolle

Corona-Update:
Keine Änderungen. Wir dürfen tagsüber an Land, was wir reichlich nutzen. Nachts gilt Ausgangssperre. Das Segeln zwischen den Atollen ist verboten. Ankommende Schiffe stehen 14 Tage unter Quarantäne (sogar ein Einhand-Segler, der gestern angekommen ist und 71 Tage unterwegs war. Alberne Anordung für den armen Kerl), sie werden nicht einklariert und die Gendarmerie erinnert regelmäßig daran, dass die Boote doch bitte nach Tahiti fahren mögen. In Tahiti sind die Regeln deutlich strenger. Dort darf man nur eine Stunde am Tag an Land und weiterhin nur alleine. Zum 29.April soll es weitere Erleichterungen geben.

Lockerung des Lockdown

Mo., 20.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2150, 20.254 sm von HH

Der Hohe Kommissar – der ‚Hout commissaire‘ wird doch nicht meinen Bericht „mehr Augenmaß, bitte“ gelesen haben? Nein, unwahrscheinlich. Er ist von alleine auf die Idee gekommen, dass die Inseln ‚draußen‘ eine andere Behandlung brauchen als die einzigen Inseln mit Corona-Fällen: Tahiti und Moorea. Nach vier Wochen gibt es erste Erleichterungen des Lockdowns. Die Ausgangsbeschränkungen tagsüber sind aufgehoben. Die Kinder gehen ab Morgen oder Übermorgen wieder zur Schule und die Locals und wir dürfen mehr oder weniger machen, was wir wollen. Versammlungen sind noch untersagt und in die Kirche darf nur die Hälfte der maximalen Kapazität, höchsten fünfzig Personen. Nachts zwischen 20:00 Uhr und 5:00 Uhr ist die Ausgangssperre bestehen geblieben. Man könnte denken, das Virus sei nachtaktiv. Egal, wir sind happy!

Der Alkoholverkauf ist – noch eingeschränkt – ebenfalls wieder erlaubt. Es gibt Wein und Bier von Montag bis Donnerstag zu kaufen. Die so liebenswürdigen Polynesier verhalten sich zu Hause wohl nicht ganz so freundlich. Häusliche Gewalt soll weit verbreitet sein. Das wollte man mit dem Verbot des Alkoholverkaufs unterbinden. Aber wir haben gehört, dass dies nicht recht geklappt haben soll. Die Einheimischen saufen nun selbstgebranntes Zeug und verprügeln noch immer ihre Kinder. Damit jetzt nicht alle blind oder doof im Kopf werden, hat man den leichten Stoff wieder freigegeben. Ein kleines Detail: Bier darf nur warm verkauft werden, um eine Sofortvernichtung noch an der Kasse zu verhindern.

Uns treibt es den ersten Tag der Bewegungsfreiheit in die Botanik. Es ist nicht so, dass wir an Bord nicht genug Zeit miteinander verbracht hätten. :mrgreen: Aber eine Wanderung zu zweit macht uns dann doch doppelt so viel Spaß. Wir gehen erst mal eine einfache Strecke ohne viel Steigung – aus Rücksicht auf die mangelnde Kondition von Oma und Opa Willner. Wir genießen und die Einheimischen genießen. Die Lethargie und die trübe Atmosphäre im Dorf sind verschwunden. Alle sind aufgeräumt, ja euphorisch. Am Gartenzaun wird ein Schwätzchen mit uns gehalten, wir sind wieder willkommen. Überall fröhliche Gesichter, Musik schalt durch den Ort. Die Kinder toben mit ihren Rädern auf der Straße. Das normale Leben ist zurück. Unsere englischen Nachbarn betätigen unseren Eindruck: „Es war heute toll im Dorf, war es nicht?“ Der Mensch ist nicht dazu gemacht, um eingesperrt zu sein.

Freude über unsere neue Freiheit am Lieblingsplatz

Quarantäne-Fakten

Fr., 17.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2147, 20.254 sm von HH

1. Der Schuld-Faktor
Das wichtigste zu erst. Es ist ganz einfach – Achim hat Schuld! :mrgreen:
Wenn er nicht auf eine zweite Saison in Französisch Polynesien bestanden hätte, könnten wir jetzt im superschönen Neuseeland weilen. Mit prall gefüllten Supermärkten und würden nicht vor Anker am Ende der Welt hängen mit einem Versorgungs-Schiff, was alle drei Wochen Kohl, Möhren und Zwiebeln bringt, die nach wenigen Tagen ausverkauft sind.

2. Der Alkohol-Faktor
Der Alkohol-Verkauf in Französisch Polynesien ist verboten seit, keine Ahnung, über zwei Wochen. Wein haben wir schon viel länger nicht mehr an Bord. Das ist blöd, gibt es doch im Netz den hilfreichen Tipp, bereits sein Frühstücksmüsli mit Rotwein statt Milch einzuweichen. Die Quarantäne bekäme dann bereits morgens einen rosa Schimmer und nach drei Tagen hätte man sich auch an den schlechten Geschmack gewöhnt.
Wir haben noch einen Bier-Vorrat für wenige Tage. Da wir selten harte Sachen trinken, konnten wir in der Bilge noch eine Flasche Rum aus Panama (zwei Jahre alt) und eine angebrochene Flasche Anis-Schnaps aus Gomera (5 Jahre alt) finden. Zunächst sind wir gerettet!

3. Der Ankerplatz-Faktor
Hier haben wir es richtig gut getroffen: Traumhaftes Wetter seit vier Wochen. Nicht zu warm, grad 25 bis 26 Grad, nachts kühlt es ab, so dass wir gut schlafen. Die Aussicht auf die Berge ist wunderschön und halbwegs türkis Wasser ist auch noch da. Der Ankergrund ist bombig haltender Schlamm, dadurch ist das Wasser etwas milchig und nicht kristallklar, aber trotzdem verlockend zum Reinspringen.
Wir sind hier sicher vor Wirbelstürmen – die Saison ist in gut vier Wochen endgültig zu Ende. Die Segel-Kollegen in der Karibik müssen sich Sorgen um die nahende Hurrikan-Saison machen. Wohin, wenn Dich kein Land aufnimmt? Das bleibt uns erspart. Außerdem haben wir die friedfertigsten Gastgeber der Welt. Kriminalität gleich Null – Französisch Polynesien gilt als eines der sichersten Länder der Welt. Wir schließen weder Kajaks, noch Dinghy ab. Der Niedergang bleibt nachts offen. Es wird hier nicht gestohlen und es haut einem auch keiner einen Stein an den Kopp.

4. Der Gefühl-Faktor
Eine der häufigsten Antworten auf die Frage, was ist am Langfahrsegeln das Schönste, lautet von vielen Crews: die Freiheit! Damit ist nun mal Schluss. Regierungen, die zufällig auf unserem weiteren Weg liegen, entscheiden über unsere Freiheit. „Du kommst hier nicht rein!“ Der Bürgermeister unserer kleinen Gastgeber-Insel befindet, dass wir nur eine Stunde täglich allein an Land gehen dürfen. Französisch Polynesien untersagt uns das Segeln in ihrem Land. Unfrei, gefangen, eingesperrt, bestraft, so fühlt es sich an.
Das Auswärtige Amt hat über 200.000 Deutsche heim ins Reich geholt. Manchmal denke ich, wir sind die letzten, die ‚draußen‘ geblieben sind. Das fühlt sich einsam an. Das stimmt natürlich nicht, hunderte, ja tausende Segler aus der ganzen Welt sind auf ihren Booten geblieben. Viele, so wie wir, haben zu Hause ja auch gar kein Zuhause mehr. Unser Boot ist unser Heim. Das könnten wir nicht irgendwo an einer Ankerkette zurück lassen und hoffen, dass wir es in einem oder zwei Jahren wieder sehen werden. Was mag dann übrig sein von unserem Zuhause? Somit war es nicht eine Sekunde eine Option für uns Atanga zurück zu lassen.
Das zweite große Gefühl ist die Ungewissheit. Was wird das Virus noch anrichten? Was wird aus uns werden? Wie lange wird es dauern? Wohin können wir? Und auch Kleinigkeiten beschäftigen uns: wie kommt eine Ersatzkreditkarte hierher? Jetzt schicken lassen oder später? Sind wir dann überhaupt noch hier? Wie lange reicht unser Bargeld (einen Automaten gibt es hier nicht – entweder du hast lokale Währung, US-Dollar oder du „hungerst“). Fragen über Fragen. Das fängt an zu bohren.

5. Der Zwischenmenschliche-Faktor
Wir sind ein Paar, was sich streitet (was aber nichts mit Punkt 1 zu tun hat ;-) ).
Wir vertragen uns aber auch schnell wieder. Viele Paare streiten sich ja nie, wenn man ihren Blogs oder Aussagen Glauben schenken darf. Sie sitzen auf ihren Booten und ‚finden ihren Frieden‘ … ‚kommen zu sich selber‘ … ‚genießen die Reduzierung auf die Gemeinschaft‘. Da kann bei mir schon mal etwas Sozialneid aufkommen bei so viel Glück.
Denn bei uns ist das anders. Wir sind wie immer. Achim nervt mich, ich nerve Achim. Nicht mehr und nicht weniger als sonst. Und natürlich nicht immer. Ab und an gibt es eine Diskussion über etwas oder eben sogar einen Streit. Dann beruhigen sich alle wieder, es folgt die Versöhnung und gut. Wir haben uns in den letzten sechs Jahren zusammen gerauft, unseren Rhythmus gefunden, wie wir auf engem Raum miteinander auskommen können. Wir schätzen uns, wir schenken uns Freude, wir achten uns. Und während ich das schreibe, vergeht der Neid auch schon wieder, weil wir andere Menschen meistens für glücklicher halten als sie sind.

6. Der Zukunfts-Faktor
Wenn man realistisch darüber nachdenkt, erscheint es uns ziemlich sicher, dass wir das nächste halbe Jahr hier nicht wegkommen. Darüber kann ich schon mal eine Träne ins Kissen quetschen. Gefangen! Nicht nach Hause fliegen. So sehr hatte ich mich im Mai darauf gefreut nach fast zwei Jahren mal wieder in Deutschland zu sein.
Aber es ist unwahrscheinlich. Die Inseln zwischen uns und Neuseeland sind zum größten Teil Viren-frei. Das wollen die mit Sicherheit auch bleiben und werden somit wohl niemanden rein lassen die nächsten Monate. Und nach Neuseeland können wir erst im November, weil die Wetterbedingungen es erst dann erlauben.
Nichts ist gewiss im Augenblick, alles möglich. Und vielleicht wendet sich alles noch zum Besseren. Wir warten gespannt und nicht immer nur geduldig.

Unser täglicher Quarantäne-Blick ist vom Feinsten

Mehr Augenmaß, bitte!

Sa., 11.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2141, 20.254 sm von HH

Vorgestern ist eine erneute Verlängerung der Quarantäne bekannt gegeben worden: Lockdown bis 29. April! Wir dürfen weiterhin tagsüber nur einzeln an Land, maximal eine Stunde täglich und nur im Umkreis von einem Kilometer von Zuhause (Zuboote).
Die Regeln, die in Frankreich bestehen, gelten auch hier. Dabei haben wir es noch ganz gut. In Tahiti dürfen die Segler nicht mal ihre Propeller reinigen. Eine Tätigkeit, die zur Erhaltung der Seefähigkeit eines Segelbootes gehört. Eine Verbot ohne Augenmaß für die Belange von Seglern.
Die Anzahl der Corona Infizierten nimmt leider auch in Französisch Polynesien zu. Es gibt eine offizielle Zahl von gut fünfzig Fällen. Jeden Tag werden in der Länder-Statistik zwei, drei Fälle mehr gemeldet. Betroffen sind zwei Inseln: Tahiti und Moorea (wobei Moorea nicht mehr erwähnt wird, daher wohl nur noch Tahiti).
Alle anderen Atolle in Französisch Polynesien sind Corona frei. Das letzte Flugzeug in Gambier – hier bei uns- , was eine infizierte Peron hätte mitbringen können, ist vor drei Wochen gelandet. Die Bevölkerung vor Ort könnte also zur Normalität übergehen. Aber der ‚Haut commissaire‘, der ‚Hohe Kommissar‘ in Tahiti sagt: „Nein, die Regeln, die in Frankreich bestehen, gelten auch hier.“ Eine Entscheidung ohne Augenmaß für die Situation auf den kleinen Inseln.

Die Schule in der Gemeinde vor unserer Haustür ist weiterhin geschlossen. Der Lehrer erteilt Aufgaben übers Internet – nur hat nicht jeder Haushalt einen Anschluss. Im lokalen Fernsehsender werden Sportübungen gesendet, die die Kinder vor dem Gerät nachturnen sollen. Mir erzählte ein Anwohner, dass die Polizei nachts patrouilliert und die Ausgangssperre von 20:00 Uhr bis 5:00 Uhr überwacht. Wenn ich durchs Dorf gehe, dann sehe ich zwar mehr Erwachsene auf der Straße als vor drei Wochen, aber keine Kinder. Die werden weiterhin in den Häusern verschlossen gehalten. Nur vereinzelt können wir vom Wasser aus ein paar spielende Kinder in den Gärten am Ufer sehen.

Auch über Deutschland lesen wir von merkwürde Maßnahmen. Dass Spaziergänger nur noch links herum um einen See laufen sollen, dass ein Eis ‚to go‘ verkauft werden darf, aber der Buchladen daneben keine bestellten Bücher durch einen Schlitz in der Eingangstür übergeben darf. Dass eine Frau zu Ostern ihre Mutter nicht besuchen darf, die sie unter der Woche zweimal zum Arzt und zum Einkaufen fährt. Reiter dürfen ihre Pferde ausführen, Golfer keine Bälle schlagen und Segler dürfen in einigen Bundesländern nicht mal alleine auf ihren Booten arbeiten. Auch in Deutschland vermissen wir ein gesundes Augenmaß.

Bei uns und auch auf den Marquesas kommen weiterhin neue Segelboote an. Aus Mexiko, aus Galapagos oder Panama. Sie stehen vierzehn Tage unter Quarantäne nach einer Anreise von zwanzig Tagen oder mehr. Ich will es nicht überstrapazieren, aber wo besteht hierbei ein gesundes Augenmaß? Die Neuankömmlinge melden Mangel an Diesel, Mangel an Essen und/oder Wasser an. Jedes Boot hat wundersamer Weise mindestens zwei gravierende Probleme, die eine Weiterfahrt nach Tahiti verhindert. Das zieht allerdings nicht gut, die Regeln vom ‚Haut commissaire‘ sind deutlich: die Crews dürfen sich proviantieren und nötige Reparaturen vornehmen, müssen dann aber zügig nach Tahiti weiter. Ob ein Schaden so gravierend ist, dass er eine Weiterreise verhindert, soll an Hand von eingesendeten Fotos in Tahiti entschieden werden. Man schickt gesunde Crews an den einzigen Ort in Französisch Polynesien mit Corona -Fällen. Ist das gesundes Augenmaß?
Warum die Behörden das möchten? Es heißt, damit die Regierung weiß, wo sich alle Schiffe befinden – das weiß sie sowieso. Jede Crew hat sich bei der Neuankunft auf einer Insel zu melden und bewegen darf sich seit Wochen niemand mehr.
Ein weiteres Argument sollen die Einwohner sein, die sich durch den Aufstau und dadurch hohe Anzahl an Booten gestört, gar bedroht, fühlen. Das kann man gelten lassen, wer plötzlich doppelt so viele Schiffe wie in anderen Jahren vor der Haustür hat, mag sich belästig fühlen. Hier sind wir Segler gefordert uns mit gesundem Augenmaß in die lokalen Regeln einzupassen.

Rikitea wird lebendiger ;-)

 

 

Wir brauchen Wasser

Do., 02.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2132, 20.254 sm von HH

Der Wassermacher läuft, daran liegt es nicht. Offensichtlich wird zu viel geplömpert und Wasser verschwendet an Bord. Wir können zwanzig Liter Wasser am Tag produzieren. Fünf Liter gehen für Trinkwasser drauf, die restlichen fünfzehn kommen in den Tank. Aber Abwasch, duschen und Hände waschen verbrauchen mehr als wir einfahren. Regen gab es zuletzt vor drei Wochen. Normalerweise ist knappes Wasser kein Problem. Anders als auf den Tuamotu gibt es auf unserer Insel mehr als genug Wasser. Wir können bei Fritz Wasser holen. Recht bequem fährt man mit dem Dinghy an sein Haus und holt sich einen Wasserschlauch. Fritz ist Deutscher, lebt ewige Jahre auf Mangareva und versorgt seit Jahrzehnten Segler mit Wasser, seiner Waschmaschine und Geschichten. Aber Fritz ist Privatmann und gehört somit nicht zur ‚offiziellen Liste‘ der Geschäfte, die wir nach den neuen Ausgangs-Regularien besuchen dürfen. Ohne Erlaubnis möchten wir nicht einfach zu ihm fahren. Der Wassertank leert sich also mit hoher Geschwindigkeit.

Da ich befürchte, dass der Skipper mir nun bald den (Wasser)Hahn abdreht, muss Abhilfe her. Ich mache mich auf den Weg zur Gendarmerie, um Erlaubnis zu erbeten. Ich hätte vor vier Wochen nicht geglaubt, dass ich jemals zur Polizei gehen muss, um zu fragen, ob ich Wasser holen darf. Wasser, ein Grundrecht eigentlich.
Die Gendarmen sind keine Dorf-Scheriffs (die gibt es noch extra – dann heißen sie Police Municipale), sondern sie unterstehen direkt dem französischen Verteidigungsministerium, gehören also zum Militär. Die Jungs im Ort sind nett und lassen uns auch seit Beginn der Corona-Krise in Ruhe. Aber mit Ruhm bekleckern sie sich nicht. Ihre Ansagen über Funk müssen Segler ins Englische übersetzten. Die neueste Generation von Passier-Scheinen von denen wir aus dem Internet wissen, verteilen die Jungs nicht mehr am Ankerplatz. So gerne kommen sie dann nicht aus ihrem klimatisiertem Büro.

Egal, ich bin nun auf dem Weg zur Gendarmerie. Dort treffe ich eine Viergruppe an. Zwei Mitarbeiter der Kommune, gut an dem Aufdruck auf ihrem T-Shirt ihren gelben Warnwesten zu erkennen, und zwei Gendarmen. Ich breite meine kompletten Französisch Fähigkeiten vor ihnen aus: „Bonjour. J’ai besoin d’eau.“ [Liason, liason, höre ich Vanessa schimpfen und mache alles richtig – ich brauche Wasser!] „J’ai vudree alle a Fritz avec bato peti. – Ich möchte zu Fritz gehen mit dem kleinen Boot“. Zur Unterstreichung meines Anliegens deute ich an, dass ich im Schlauchboot sitze, eine Pinne vom Außenborder in der Hand halte und mache zusätzlich ein Motoren-Geräusch. Zwei tellergroße Augenpaare gucken mich an. Die Gendarmen wechseln den Blick mit den Gemeinde-Arbeitern. Hilfloses Schulterzucken. Ich sehe Fragezeichen in vier Gesichtern. Ich versuche es wieder. Diesmal benutze ich den Nachnamen von Fritz. Ah, man nickt verhalten. Mein Französisch ist also einwandfrei, wusste ich’s doch, hab ich mir doch den gesamten Weg die Sätze zurecht gelegt. Alles palavert durcheinander. Der nettere Gendarm versucht es mit englischen Brocken, schnell merken wir beide, sogar mein Franzöisch ist besser als sein Englisch. Nach einigem hin und her scheint klar zu wem ich will und was ich will. Ich bekomme dann einen Passierschein vom netten Gendarmen ausgehändigt, den soll ich Fritz zeigen. Das macht keinen Sinn, denn die Polizei soll ja eigentlich die Passierscheine kontrollieren. Ich nehme den Zettel trotzdem, gebe ihn an Achim weiter und er kann den leichten Teil erledigen von ‚wir brauchen Wasser‘.

Lock down Erweiterung

Mo., 30.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2129, 20.254 sm von HH

Grade war die erste Woche unserer zweiwöchigen Ausgangssperre rum, da wurde uns die Wurst vor der Nase weggeschlagen: Ausgangsbeschränkung erweitert um weitere zehn Tage! Plus Ausgehverbot von 20:00 Uhr bis 5:00 Uhr morgens!
Der zweite Teil ist uns vom Prinzip her Wurscht, nachts sind wir sowieso nicht auf der Insel unterwegs gewesen. Aber das Verbot macht was mit uns. Nicht mehr die Freiheit zu haben, selber zu entscheiden, ob man an Land gehen möchte. Freiheit, das einzige was zählt, so heißt es doch.

Wir gehen auch tagsüber nicht mehr an Land. Zum ‚alleine-Sport-treiben‘ dürften wir. Uns ist die Lust vergangen. Ich war an Land zum Einkaufen. Meinen Passier-Schein hatte ich brav ausgefüllt dabei. Das hat aber keinen interessiert, ich wurde nicht kontrolliert. Es ist kaum jemand unterwegs und die Menschen, die man trifft, sind ebenfalls alleine auf der Straße. Die meisten mit Mundschutz. Ein paar Tage später war Achim im Shop, da trug allerdings schon kaum noch jemand eine Maske.

Es ist noch ein weiteres Segelboot angekommen. Die Crew hat ebenfalls Bleiberecht erhalten, aber nach wie vor werden diese Boote nicht offiziell einklariert. Tahiti lässt sich Zeit mit der Bewilligung und die Gendarmen vor Ort dürfen nichts entscheiden. Die Neuen unterliegen einer strengen Quarantäne von vierzehn Tagen. Ich paddel (und auch einige andere Segler sind unterwegs) mit dem Kajak von Boot zu Boot und liefere Eier aus. Mehr Wünsche haben die Neuankömmlinge für den Moment nicht. Segler sind ja immer gut ausgerüstet unterwegs. Dankbarer sind die Neuen darüber etwas zu hören: was ist los? wie läuft es hier?; einfach ein anderes Gesicht sehen als den eigenen Gatten. :mrgreen:
Man sollte meinen wir Segler sind es gewöhnt nicht von Bord zu können und es macht uns nichts aus. Aber das stimmt nicht ganz, nicht können, weil man unterwegs ist, ist anders als nicht dürfen und das lockende, süße Land vor der Nase zu sehen.

Im Augenblick haben wir es mit Gambier noch gut getroffen. In Tahiti weht ein anderer Wind. Es gibt eine Rallye, die World ARC, deren erste Teilnehmer gerade Tahiti erreicht haben. Diese Segler sollen nach wie vor ihr Schiff zurück lassen und das Land mit dem Flugzeug verlassen.

Wir machen nicht viel den Tag über. Aufgeräumt, geputzt und Wollmäuse entfernt, haben wir ja schon neulich während der Regentage. „Blinder Eifer schadet nur“, weiß der Skipper. ;-) Die typischen Boots-Projekte entfallen weitestgehend, weil es an Zubehör hapert. Hier gibt es ja nicht mal einen Absperrhahn zu kaufen, um unsere Wasser-Auffang-Anlage zu optimieren. Die Stimmung ist prima zwischen uns, wir versuchen das Beste aus dem Ganzen zu machen. Wir beschäftigen uns so gut es geht, lesen viel im Internet über den Wahnsinn, der auf der Welt passiert. Wir lesen von ersten rassistischen Anfeindungen: Amerika-Chinesen werden in New York beschimpft, Europäische Camper in Marokko sollen mit Steinen beworfen werden, Weiße in Indien dürfen nicht mal zum Einkaufen von ihrem Schiff. An unserem friedlichen Ankerplatz liegen im Augenblich zwanzig Schiffe (weitere 10 bis 15 schwirren im Atoll umher). Wie immer ankern die Boote vor dem Ort, hinter der Riffkante. Eine Frau hat sich beschwert, dass die Boote zu nah am Ufer ankern, dort wo ihre Kinder spielen. Die Boote an der Nordseite haben jetzt ihren Platz geräumt.
Die Beschwerde fühlt sich schlecht an.

Shopping im leeren Ort

Corona-Update in French Polynesia

Mi., 25.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2124, 20.254 sm von HH

Vorgestern, am Montag, kam die Gendarmerie durchs Ankerfeld gefahren und hat die Ausgangsregeln noch etwas verschärft. Wir dürfen nunmehr nur noch alleine an Land gehen. Sie haben Zettel verteilt, die man ausfüllen soll mit Namen usw. und man soll den Grund für einen Landgang ankreuzen (Medizinisches, Familiäres oder Einkauf oder alleine Sport). Ob das an Land kontrolliert wird, wissen wir nicht – wir sind seit dem zu Hause geblieben.

Am Sonntag konnten wir noch Gemüse im Supermarkt kaufen, das mit dem Versorgungs-Schiff am SSamstag geliefert wurde. Es werden nur noch vier Personen gleichzeitig in den Shop gelassen und mittlerweile tragen fast alle, Kunden und Personal, Gesichtsmasken. Mangels medizinischer Masken, benutzen wir unsere Staubmasken. Geht auch. Wir wurden freundlich wie immer bedient und in der Schlange vor dem Supermarkt durften wir uns normal einreihen ohne Gedrängel oder böse Blicke.
seit gestern ist der Verkauf von Alkohol in gesamt Französisch Polynesien bis zum 8. April verboten worden.

Tahiti hat ebenfalls die Regeln verschärft: Das Schiff zu bewegen, ist verboten! Zwei Segelboote, die in Papeete Anker auf gegangen sind, sollen von der Gendarmerie angehalten worden sein. Die Segler sollen folgende Ansprache erhalten haben: „Entweder ihr fahrt auf euren Platz zurück oder ihr verlasst das Land. Ein neue Einreise gibt es dann für euch nicht mehr.“ Bei uns vor Ort haben die Gendarmen ebenfalls ein Verbot ausgesprochen, dass die Schiffe innerhalb des Atolls nicht bewegt werden dürfen. Leider halten sich nicht alle Segler daran. Wir hoffen, dass dies keine Sanktionen für alle nach sich zieht. Das Gebilde an Genehmigungen ist fragil, schnell können sich Bestimmungen ändern.
Wir sind zu Gast. Ihr Land, ihre Regeln!

In den letzten Tagen sind noch vier neue Segler von der Osterinsel und aus Panama in Gambier angekommen. Diese Boote haben eine strikte Quarantäne von 14 Tagen erhalten – dürfen nicht von Bord. Der letzte ankommende Segler wurde von der Gendarmerie per Funk aufgefordert, nicht ins Atoll zu fahren, sondern nach Tahiti weiter zu segeln. Erst nachdem die Crew sagte, dass sie Diesel und Essen benötigt, bekamen sie die Erlaubnis zum Ankern.
Die letzten drei Neuankömmlinge werden im Augenblick hier geduldet. Offiziell einklariert wurden sie noch nicht. Alle warten auf eine Genehmigung aus Tahiti.

Die Stimmung am Ankerplatz ist gekippt. Wurde sich sonst getroffen, hin- und hergedüst, ein Schwätzchen gehalten, hockt jetzt jede Crew allein auf ihrem Boot. Wir sind trotzdem zu unseren Schwedischen Nachbarn gepaddelt, die neu angekommen sind, haben gefragt, ob sie etwas benötigen. Andere Segler haben Pampelmusen vorbei gebracht. Kontakt nur von Bordwand zu Dinghy, mehr ist nicht erlaubt, mehr traut sich keiner. Niemand will eine Quarantäne von zwei Wochen riskieren oder Schlimmeres.
Schwimmen und Wassersport aller Art soll deswegen verboten sein, so eine Erklärung, dass die Einheimischen, die das Haus nur eingeschränkt verlassen dürfen, nicht denken, die Yachties hätten Urlaub und Spaß. Hat Sinn.

Uns geht es gut, wir haben nicht auszustehen. Der Blick in den Vorgarten ist nach wie vor paradiesisch. Mit unserem Ankerplatz haben wir vor drei Wochen das große Los gezogen: Wir haben fast den ganzen Tag Internet an Bord! Nicht immer schnell, aber schnell genug, wir haben ja sonst nichts vor. Davon gibt es im gesamten Ankerfeld nur drei oder vier Plätze. Mit steigender Anzahl an Corona-Meldungen war uns schnell klar, den geben wir so schnell nicht auf. Hamstern auf seemännisch sozusagen. ;-)
Kontakt zur Familie und Freunden und Informationen über das Weltgeschehen und neue Regeln in Französisch Polynesien sind uns zur Zeit schon wichtig. Obwohl man über das Weltgeschehen eigentlich nichts hören möchte. Was wird werden, wenn das Virus Afrika, Indien und Südamerika richtig erreicht hat? Wie viele Opfer wird es geben? Was passiert mit den Gesundheitssystemen, was mit der Weltwirtschaft? Achim als mein persönlicher Schwarzseher an meiner Seite hat fast alle Horror-Szenarien durch. Er ist ein wahrer Quell der Freude. :mrgreen: Ob ich ihn in Quarantäne stecken darf?

P.S. Während ich das schreibe, kommt ein Funkspruch von der Gendarmerie: Da wir in ein paar Stunden stärkeren Wind erwarten, dürfen die Boote, die wollen, sich für eine Nacht einen anderen Ankerplatz suchen.
Die nicht einklarierten Segler dürfen zunächst bleiben bis das nächste Versorgungs-Schiff kommt. Dieses soll extra für Segler bestellten Diesel und Benzin mitbringen. Diesel und Benzin wird im Augenblick nicht an Segler verkauft (wir brauchen nichts, wir sind zum Glück voll). Wie ich schon mal schrieb, wir hängen am Ende der Nahrungskette.

Schlange vorm Supermarkt

Ausgangssperre!

Sa., 21.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2120, 20.254 sm von HH

Bewegungsbeschränkung, Lock down, Ausgangs-Beeinträchtigung oder wie man es auch immer nennen will: wir sitzen fest auf dem Kahn! Gültig seit gestern Mitternacht.
Uns Seglern ist es noch erlaubt zum Einkaufen zu gehen. Spaziergänge sind verboten. Wir sollen nach dem Einkauf zügig zum Schiff zurück kehren, wie uns über Funk von den Gendarmen mitgeteilt wurde. Segeln zwischen den Inseln ist jetzt komplett verboten, auch unbewohnte Inseln dürfen nicht mehr angelaufen werden. Schwimmen und jede Art von Wassersport ist nicht erlaubt.
Die Beschränkung betrifft die Einheimischen ebenso. Gestern Abend ist die Genarmerie die einzige Dorfstraße auf und ab gefahren und hat über Lautsprecher die neuen Regeln bekannt gegeben. Mit Blaulicht. Wahrscheinlich das erste Mal, dass es je eingeschaltet war.
Das ist schon etwas eigenartig und macht ein unangenehmes Gefühl.

Frankreich stülpt seine Entscheidungen bezüglich Corona Vorsorge auf Tahiti. Tahiti nickt, obwohl eigentlich für Innenbelange die Regierung von Französisch Polynesien zuständig ist. Aber hey, Frankreich schickt das Geld. Diese Hand beißt man nicht. Tahiti nickt also und gibt die französischen Anordnungen auf die Inseln weiter. Die Inseln nicken, denn hey, Tahiti schickt das Geld. Somit stehen jetzt hier bei uns im kleinen Mini-Hafen Pylonen und Flatterband wurde gespannt. Drei Gendarmen und mindestens vier Helfer in gelben Warnwesten stehen dicht beieinander. Endlich mal was los.
Die Polynesier erscheinen uns sehr gefügig zu sein. Sie schlagen die Hacken zusammen und befolgen alle Anordnungen. Ziviler Gehorsam scheint ihnen in in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Kinder sind im Haus zu halten – seit Tagen sind keine Kinder mehr im Dorf zu sehen. Mundschutz wird empfohlen – fünfzig Prozent tragen ihn. Man soll zu Hause bleiben – man bleibt daheim. Mir-doch-egal-Treffen wie Corona-Parties werden wir hier wahrscheinlich nicht sehen.

Was uns etwas nervös macht, sind die dauernd wechselnden Regeln für Segelschiffe vor Ort. Zunächst hieß es, die lange Anreise sei für Neuankömmlinge Quarantäne genug. Dann verlangte man Tage 14 Quarantäne oben drauf. Jetzt will man neue Segler gar nicht mehr haben. Ihnen bietet man zwei Optionen: 1. Such dir einen Platz für Dein Schiff und flieg dann nach Hause (neue Flüge aus dem Land sind in Planung) oder 2. Kauf dir Proviant und segel weiter. :shock:
Jede neue Regel hat eine Gültigkeit von wenigen Tagen oder nur Stunden. Segler, die länger als 30 Tage im Land sind, werden nach wie vor akzeptiert. Auf den Marquesas war allerdings kurz im Gespräch, dass auch diese ‚long stay‘-Segler ausgeflogen werden, während das Schiff zurück bleiben soll. Die Wogen haben sich wieder geglättet, man darf bleiben.
Die Nerven liegen blank bei den Polynesiern und als Segler kann man sich auf nichts verlassen. Im Augenblick gibt es keine Rechtssicherheit.

Wir glauben, so lange hier in Gambier kein Corona-Fall auftaucht, werden wir wohl bleiben dürfen. Wo sollen wir auch hin? Andere Länder Richtung Westen wollen uns ebenfalls nicht. Außerdem haben wir noch zwei Monate Zyklonsaison. Für die USA haben wir kein Visum, die würden uns sofort an die Kette nehmen. Und jahrelang auf dem Ozean zu segeln ist für die Crew, die lieber ankert auch keine Option. :mrgreen:
Die Menschen auf der Straße sind nach wie vor ausgesprochen freundlich zu uns. Taucht hier allerdings ein Corona-Fall auf (wie auf den Marquesas) könnte sich das ändern. Heute ist noch einmal ein Flugzeug aus Tahiti gekommen und das Versorgungsschiff. Hoffentlich beides ohne Viren.

 

Corona in French Polynesia

Mi., 18.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2117, 20.254 sm von HH

Vor ein paar Tagen dachten wir noch: „Hier sind wir gut aufgehoben!“
So wie Bundes-Spahn, Millionen anderer Menschen auf der ganzen Welt, so haben auch wir uns geirrt. Heute wurden zwei weitere Corona-Fälle auf Moorea gemeldet. Die Regierung von Französisch Polynesien erlässt seit Tagen neue Anweisungen im Stundentakt. Die Schulen sind ab heute geschlossen – zunächst bis Ostern. Auch auf den kleinen, abgelegenen Inseln wie bei uns in Gambier. Heute werden die Kinder, die in Tahiti zur Schule gehen hier eingeflogen. Ob es das letzte Flugzeug hierher sein wird? Das ist noch offen. Es gibt Diskussionen darüber den Flugverkehr zwischen den Inseln einzustellen. Mit den Flugzeugen kommen dringende Artikel aus Tahiti, wie Medikamente und Post. Lebensmittel, Diesel, Gas zum Kochen und Benzin liefern die Versorgungsschiffe. Hier sind keine Einschränkungen im Gespräch.

Der Flugverkehr aus Französisch Polynesien raus, nach Europa, ist bis auf weiteres eingestellt worden. Bis gestern kam man noch nach Frankreich – die Tür ist geschlossen. Kreuzfahrtschiffe dürfen nicht mehr ins Land, nur noch Frachtschiffe. Unter den Langfahrtseglern herrscht gerade Haupteinreisezeit vom Südamerikanischen Kontinent nach Französisch Polynesien. Bedingt durch die lange Anreisezeit von drei, vier Wochen hat die Regierung beschlossen, dass ankommende Yachten keine zusätzliche Quarantäne benötigen. Durch die neuen Corona-Fälle auf Moorea ist dies wieder aufgehoben worden: Einreiseverbot für Ausländer, heißt es nun. Außerdem wurde beschlossen, dass der Verkehr zwischen den Inseln für Segelboote untersagt ist. Ob das bedeutet, dass wir auch in Gambier nicht mehr die Inseln wechseln dürfen? Wir wissen es nicht. Das erste Mal sehen wir heute die Gendarmerie mit einem Boot durch den Ankerplatz ziehen.

An Corona zu erkranken, ist keine Sorge von uns. Wir haben sowieso wenig Sozialkontakte, mal ein Abendessen beim Segelnachbarn oder mal ein Einkauf im Dorf. Das war’s.
Die Nebengeräusche stimmen uns bedenklicher. Bleibt die Versorgung so bestehen wie bisher? Die Polynesier neigen nicht zum Hamstern. Ihnen ist eine Denkweise weit in die Zukunft zu planen fremd. In ihrer Muttersprache gibt es nicht mal ‚Futur‘, hat Vanessa uns erzählt. Sie sparen nicht, sie haben kein Bier auf Vorrat zu Hause und eine Cola wird direkt beim Bezahlen getrunken. Vor ein paar Tagen haben wir noch fünfzig Kilo Mehl im Shop gesehen. Einen Tag später war es verschwunden. Wenn es die Polynesier nicht waren, kommen nur Segler als Käufer in Frage.

Spätestens auf den Kap Verdischen Inseln lernt man als Weltumsegler: ‚Du musst Dinge dann kaufen, wenn du sie siehst, nicht wenn du sie brauchst. Am nächsten Tag kann der Artikel für Monate aus den Läden verschwunden sein.‘ Diese Regel haben wir uns in den letzten Jahren angeeignet. Außerdem haben wir häufig schon für Monate gebunkert, weil wir wissen, dass im neuen Land die Preise deutlich höher sind. Zur Planung, wenn man Tahiti verlässt, gehören volle Schränke dazu. Auf Gambier gibt es zwar vieles, aber Haferflocken, Nüsse oder Vollkornmehl bekommt man einfach nicht. Wir haben immer für bestimmt vier Wochen Nahrungsmittel an Bord, weil man auf einem Boot nie weiß, ob man nicht für etliche Tage an Bord bleiben muss oder schnell einen Ort verlassen muss. Hamstern, wie es jetzt ja heißt, ist uns also nicht mehr fremd. Aber fünfzig Kilo Mehl ist schon eine Hausnummer. Wer braucht so viel Mehl?

Wir als Ausländer stehen in Polynesien am Ende der Nahrungskette. Wir sprechen (trotz aller Bemühungen :lol: ) die Sprache nicht. Wir kennen keinen, der im Notfall noch den Keller voll Kartoffeln hat. Auf einer Insel in den Tuamotu soll es Schilder gegeben haben, die Segler auffordern auf dem Boot zu bleiben. Ein gewisser Vorrat an Bord bekommt eine neue Bedeutung.
Hier bei uns im Dorf wurden Schilder aufgehängt, die die Symptome von Corona erklären und zeigen, wie man sich verhalten soll (der in den Ellenbogen-niesen-Katalog). Phillipe, bei dem man neben Internet auch noch Brioche (feines Brot) kaufen kann, erzählte uns, dass die Dorfkrankenschwester ihn aufforderte, dass er einen Mundschutz und Handschuhe tragen soll, wenn er sein Brot verkauft. Segler haben ihm jetzt beides geschenkt. Die junge Frau an der Kasse im Supermarkt trägt seit gestern ebenfalls Gummi-Putz-Handschuhe und es ist uns ein Chinese von einer Perlenfarm mit Mundschutz begegnet. „Haben die Polynesier Angst?“, haben wir Philippe gefragt. „Nein, noch nicht, aber sie stellen Fragen.“

Wie lange wir hier gefangen sein werden, wir wissen es nicht. Großraum-Quarantäne würde ich es nennen. Gefangen im Paradies, trifft es auch. Und ganz plötzlich bekommt das Paradies einen Beigeschmack. Im Ausland gefangen zu sein und nicht jederzeit nach Hause zu können, macht ein merkwürdiges Gefühl.
Bleibt gesund in eurer Quarantäne.

Großraum-Quarantäne