Kategorie: Atanga

Der Verfall

Di.,27. Apr. 2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2522, 21.559 sm von HH

„Das war auch schon in einem besseren Zustand … „, der meist gesprochene Satz auf Atanga. Wo man hinblickt (einschließlich in den Spiegel :mrgreen: ), stahlt uns der Verfall entgegen.

Die Gangschaltung von Achims Rad – abgebrochenes Opfer der UV Strahlung.
Der Aufbewahrungskasten für die Nähmaschine – Überalterung.
Unser geliebter, praktischer Pumpaufsatz für die 5-Liter Wasserflaschen – China Schrott.

Abgebrochene Gangschaltung wird geklebt – schon das zweite Mal

Die wichtige Transportkiste für die Nähmaschine kommt nach 40 Jahren in ein Alter

Mit Panzertape geklebte Pumpe – besser die als keine

 

Ersatzbeschaffungsmöglichkeit gleich Null. Crews aus Frankreich, England und dem Rest der Welt bitten einfach die hilfsbereite Verwandtschaft in der Heimat um den Versandt eines Päckchens. DHL Deutschland versendet noch immer nicht Französisch Polynesien. Nach einem Jahr Corona-Einschränkungen hat man es nicht geschafft den Versandt über einen anderen Slot als Neuseeland zu organisieren. Passt irgendwie zum Gesamteindruck. ;-) UPS liefert, nur muss man sich auf Wartezeiten einstellen. Die Crew der Alrisha hat mehrere Monate auf die Zustellung ihres neuen Kühlschranks gewartet.

Diese Verknappung an Nachschub erzieht zur Nachhaltigkeit. Wegwerf-Gesellschaft war gestern. Eine Bürste zum Schruppen des Unterwasserschiffes, die nur noch Stummel statt Borsten hat, wird heilig gehütet. „Die ist doch noch gut! Wer weiß, wann wir eine neue finden.“ Erst im fünften Laden bin ich dann letzte Woche fündig geworden.
Der Stöpsel für unsere Spüle in der Pantry besteht seit einem Jahr aus einem alten Tupperdeckel. Hält prima und wahrscheinlich wird das für immer so bleiben.
Abgeschnittene Gurte eines kaputten Rucksacks kommen an den Fahrradtaschen zum Einsatz. Die alten Gurte haben sich im UV Licht pulverisiert. Der Boden der Satteltaschen ist ebenfalls durch, die nähe ich mit Persenningstoff wieder einsatzfähig. Die Sättel haben eine Haube, weil der Kunststoff schon seit Monaten klebt. Im früheren Leben wäre das alles auf dem Müll gelandet. Hier drehen und wenden wir kaputte Dinge, die vor Ort nicht zu bekommen sind, so lange bis uns eine Lösung einfällt.

Bitte nicht wegwerfen – besser diese Bürste als keine

Gerissenes Gummi am Stöpsel wird durch einen Tupperdeckel ersetzt

Klamotten kaufen in Papeete – auch ein Thema. Zu neunzig Prozent gibt es das Blumen-Blätter-bunte-Fenua-Outfit. Achim hat sich oben rum schon angepasst. Aber was ist mit Schuhen, Unterwäsche und Shorts? Wanderschuhe oder andere feste Schuhe zu finden, ist schwierig. Der billige Mist, den wir finden, der ist 150 Dollar einfach nicht wert. Somit flickt Achim ein durchgelaufenes Loch in der Sohle mit M 5200 – einem teuflischen Industrie-Kleber.  Neue Unterwäsche habe ich mir im Supermarkt gekauft. Die Gummis sind schon nach der zweiten Wäsche abgerippelt. Und ich dachte, die billigen Synthetik-Teile auf dem Markt wären der echte Schrott. Zum Glück habe ich meine alten ‚Schlüpfer-Lappen‘ noch behalten. Die waren ja noch gut …
Meine Lieblings-Shorts hat die dritte Schicht Flicken. Wer braucht schon neue Klamotten? In den Tiefen meines Schrankes finde ich noch einen fast ungetragenen Rock, den ich nie so recht mochte. Den kürze ich mir ein, finde ihn nun tragbar, und freu mich über ein neues Teilchen wie Bolle.

Drei Lagen Flicken auf der Shorts – besser die als keine

Unsere besten Freunde sind Panzertape und die Nähmaschine. In den drei Jahren im Pazifik (Ecuador, Osterinsel und FP) ohne Einkaufsparadies vor der Tür sind wir zu Spezialisten im Frickeln, Improvisieren und Reparieren geworden. Gebrochenen Scharnieren unserer Klappen im Cockpit verpasst Achim eine Stütze von unten, so dass man den Deckel wenigstens noch vorsichtig öffnen kann. In ganz Papeete war kein Ersatz zu finden. Der Kasten für die Nähmaschine bekommt Krücken aus Alublech. Es macht Spaß zu sehen, wie Achim für alles eine Fusch-Lösung erfindet mit der man (weiter) leben kann. Manchmal fühle ich mich drei Generationen zurück versetzt als man mit Rohstoffen noch nicht so verschwenderisch umgegangen ist. Und es ist kein schlechtes Gefühl.

Aber ein Einkaufsparadies wäre auch mal wieder schön. :-)

Reparatur am Bimini – was sowieso schon fertig ist und auf Ersatz wartet


22

Reisepläne 2021 – die Entscheidung der großen Distanzen

Do.,22. Apr. 2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2517, 21.559 sm von HH

Wir segeln nach Neuseeland! Zumindest höchstwahrscheinlich. In diesen unplanbaren Zeiten weiß man ja nie … aber was sicher ist, wir haben eine Einreisegenehmigung für Neuseeland erhalten. Hipp hipp hurra. Bislang darf nur Atanga einreisen, allerdings sind unsere Visa-Anträge in Bearbeitung. Genauer gesagt, ist der Antrag in Bearbeitung, ob wir beide als „notwendige Crew-Mitglieder“ für die Überführung des Schiffes gelten. Wir haben eine Besatzung kennen gelernt, da hätte nur der angestellte Skipper (Neuseeländer) und die beiden Elternteile ein Bleiberecht erhalten. Die (minderjährigen) Kinder wurden als nicht notwendige Crew eingestuft und hätten Neuseeland mit dem ersten Flieger verlassen müssen. Neuseeland … :roll:
Wird unserer beider Notwendigkeit anerkannt, folgt der eigentliche Visum-Antrag. Die Visa sollten wir problemlos erhalten ohne eine aktenkundige Bankräuber-Karriere. Diesmal haben wir alle Gesuche ohne Agenten-Hilfe eingereicht. Achim hat die undankbare Arbeit übernommen. Begleitet von viel Gemecker über den Formalismus des Antrages, aber der erste Schritt hat schon mal geklappt.

Ich weiß, ich habe schon einmal geschrieben, dass Neuseeland uns den Buckel runter rutschen kann. Frau Ardern liest ja hoffentlich nicht mit – wir finden Neuseeland noch immer ganz schön unanständig. Auch ein Jahr später erhält nur ein Schiff, was mindestens 50.000 NZ Dollar ausgeben will, eine Einreisegenehmigung. Money makes the world go round.
Nach vielen Überlegungen haben wir uns entschieden Geld wie Heu auszugeben. Wir haben keine Wahl – unser Deck braucht eine Komplettsanierung. Hinten fängt es schon wieder an zu tropfen. Der einzige Ort an dem wir diese Arbeiten machen können und der (für uns) erreichbar ist, heißt Neuseeland.

Da wir erst nach den neuseeländischen Frühjahrs-Stürmen im November segeln wollen, bleibt uns noch ein halbes Jahr in Französisch Polynesien.
Im Mai verlassen wir Tahiti und segeln mit einem guten Wetterfenster in die Tuamotu. Ein letztes Mal Richtung Osten zurück. Tauchen mit Haien und endlich mal (!) in türkis Wasser schwimmen, lautet unsere Idee. Wenn es irgendwie ohne große Probleme möglich sein sollte, würde ich gerne im August/September nach Deutschland fliegen. Aber nach dem schwarzen Gesetz-Erlass von heute zweifle ich stark daran, dass das klappen wird. Im Oktober bereiten wir dann den langen Ritt nach Neuseeland vor. Fahrradreifen und Wanderschuhe müssen klinisch rein sein. Alles, was nicht nach Neuseeland darf, muss vernichtet werden. Lorbeerblätter und getrocknete Linsen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Zeit, aus den Ritzen der Bodenbretter versteckte Saatkörner der halben Welt zu saugen.

Wir kennen einige Crews, die ebenfalls erfolgreich einen Antrag gestellt haben. Einige Schiffe wollen allerdings nicht direkt segeln, sondern in Fiji einen Zwischenstopp einlegen und bereits im Mai los segeln. Fiji ist der einzige Inselstaat auf der Strecke, der seine Grenzen geöffnet hat. Wir haben uns dagegen entschieden. Trotz Impfung benötigt man einen negativen Test vor der Abfahrt in Tahiti, in Fiji wird der Test wiederholt und ein Agent schaltet sich ein, alles zusammengerechnet, kommen da weit über tausend Dollar zusammen für, … tja, für nichts. Und an Fiji kommen wir auch noch nach Neuseeland vorbei – können vorbei kommen, wenn wir wollen. Somit liegt vor uns die längste Strecke der Reise. Wir dachten, dass wir mit Ecuador-Osterinsel das hinter uns hätten, aber auch das war ein Irrtum.
Direkte Strecke nach Neuseeland wären es nur ungefähr 2200 Seemeilen. Das ist aber nicht segelbar. Je nach Wind und Wetter kann es passieren, dass wir bis auf die Länge von Fiji segeln müssen, um dann nach Süden abzufallen. Somit kann die Strecke 2800 bis 3000 Meilen lang werden.

Von Tahiti nach Neuseeland – ungefähre zu segelnde Strecke

Die Entscheidung mit Neuseeland ist gefallen. Etwas traurig stimmt uns, dass wir Traumziele wie die Cook-Insel, Samoa und Tonga ungesehen passieren müssen. Die einmal im Leben Chance. [„Es sein denn, wir kommen zurück“, wirft Achim ein, als ich ihm den Text vorlese. Scherzkeks! Aber die Zeiten sind so verrückt, dass alles möglich scheint :mrgreen: .]


4

Heimathafen Papeete

Sa.,17. Apr. 2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2512, 21.559 sm von HH

Bereits zum vierten Mal sind wir jetzt auf Tahiti. Rekord – in keinem anderen Ort sind wir so häufig zurück gekehrt wie nach Tahiti. Damit ernennen wir Papeete zu unserem neuen Heimathafen. Der Marina-Umbau ist in der Zwischenzeit auch eröffnet. Zwar mit 15-Monatiger Verspätung und es gibt (noch) keine Waschmaschine und (noch) kein (brauchbares) Internet. Aber es gibt Duschen! Die erste Dusche seit anderthalb Jahren. Unfassbar eigentlich. Zwar muss man alle zehn Sekunden den Wasser-Knopf drücken, die Temperatur ist nicht optimal; es fehlt an Spiegeln, Ablagen und Haken für Handtücher, aber es ist eine echte Dusche. Halleluja! Klimatisiert auf 25 Grad. Es sind die kleinen Dinge im Leben.

Der Duschraum – freundlich – nur etwas unvollständig ausgestattet

Der neue Komplex ist wirklich chic geworden. Garten- und Landschaftsbau vom Feinsten. Aus Naturstein die Böden und Gebäude, Bänke sind aus dicken Holzbohlen und Feldsteinen gebaut. Vor einem halben Jahr haben wir gesehen, wie die ausgewachsenen Palmen angeliefert wurden. Jede Palme steht auf einer kleinen Raseninsel, geschickt in die Wege integriert. Drei Restaurants laden zum Sundowner ein. Mit Blick auf Sonnenuntergang und Moorea. Super schönes Ambiente. Und nicht (!) gesperrt für Jedermann, sondern der Stadtpark geht nahtlos in das Marina-Gelände über.
Allerdings sind die schönen Zeiten der reduzierten Liegeplatz-Preises wegen Umbauarbeiten vorbei. Mehr als doppelt so viel müssen wir jetzt blechen. Statt 13 nun 31 Euro.
So gesehen kostet der Luxus der Dusche 18 EUR am Tag. :mrgreen:

Blick auf die neu geschaffenen Liegeplätze – wir liegen im alten Teil der Marina

Nettes Ambiente in der neuen Marina

Der Marina-Komplex zum Sonnenuntergang

Das Gute am Heimathafen ist, dass man bereits alles kennt. Darüber hinaus kennen wir die meisten Crews vor Ort. „Hallo, euch haben wir ja seit Monaten nicht gesehen“, schallt es aus allen Richtungen. Jeden Abend gibt es ein Treffen mit einer anderen Crew. Auch mal schön und sehr abwechslungsreich.
Wir werden drei Wochen bleiben. Bis dahin sind wir das zweite Mal geimpft, haben Zahnarzt und sonstige Organisatorischen Dinge abgearbeitet.  Stichwort Friseur und andere wichtige Besuche. Achim geht es weiterhin gut. Der Stein scheint seinen Weg gefunden zu haben. Wahrscheinlich war der Skipper so mit Schmerzmitteln zugedröhnt, dass er es nicht bemerkt hat. Er lässt ‚herzlichen Dank‘ ausrichten an alle, die sich so nett nach seinem Befinden erkundigt haben.


13

Die schnellste Impfung der Welt

So.,11. Apr. 2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2506, 21.559 sm von HH

Mit Sonnenaufgang um 6:00 Uhr laufen wir in Papeete ein und finden einen vorletzten Platz in der Marina. Frühstück gibt es um 8:00 Uhr und danach trifft Achim auf alte Segelfreunde. Um 9:30 kommt er an Bord zurück: „Wir können uns impfen lassen. Gleich um die Ecke – ohne Anmeldung. Alter egal.“ Wir zögern nicht lange. Wer in Zukunft reisen möchte, kommt um eine Impfung nicht herum. Und bislang haben wir uns auch gegen jeden „Mist“ impfen lassen. Et hät noch immer jot jejange. Fünfzehn Minuten später stehen wir vor dem Impfzelt, weite fünfzehn Minuten später haben wir unseren ersten Pfizer-Schuß intus.

Ob man die Covid-19 Impfung nun gut findet oder nicht, dies hat Klasse. Am Empfang wird man in zwei Gruppen geteilt. Erstimfung oder Zweitimpfung. Wir müssen einen Zettel ausfüllen mit Name und ein paar medizinischen Fragen. Das übliche – chronische Krankheit, dauerhafte Medikamenten-Einnahme, Allergien und schwanger oder nicht.
Im Zelt erhalten wir an der ersten Position einen Impfausweis und den Termin für die zweite Impfung. Eine Station weiter bekommen wir eine kurze medizinische Aufklärung – natürlich spricht die Ärztin Englisch – und an der letzten Station die Impfung. Auf jedem neuen Impfpass wird ein Post-It mit der Impfuhrzeit geklebt. In einem Wartebereich müssen wir fünfzehn Minuten auf Stühlen Platz nehmen. Bekommen Wasser oder Kaffee während der Wartezeit. Eine große Uhr hängt unter einem Ventilator. Erst nach Ablauf der Wartezeit dürfen wir das Zelt verlassen. Ein Kontrolleur prüft das Post-It. Herzlich willkommen in einer Welt mit pragmatischer Organisation. Danke Französisch Polynesien. Alles kostenlos, auch für uns Ausländer. Danke Macron.

Impfzelt in Papeete

 

Pfizer Schuss für Achim

In Französisch Polynesien sind knapp 30.000 Menschen erstgeimpft. Das sind ungefähr 11 Prozent der Bevölkerung. Wenn man bedenkt, dass die Leute auf 78 Atolle tausende Kilometer versprengt wohnen, keine schlechte Quote. Im ersten Schritt waren die über 75jähren an der Reihe. Und systemrelevante Personen. Dann brach die Lieferung des Impfstoffes für vier Wochen ein. Als dann Impfstoff in größeren Mengen geliefert wurde, hat man das System geändert und die Impfung für alle frei gegeben. Im Mai sollen die Grenzen für Touristen wieder öffnen. Bis dahin möchte man ‚eine Mauer gegen das Virus‘ errichtet haben, besonders unter den Menschen, die in der Branche arbeiten. Zur Zeit entdeckt man nur noch zwischen drei und sieben Neuinfizierte täglich. Bora Bora beispielsweise hat sich als Corona frei erklärt. Das soll so bleiben mit Hilfe der Mauer.

Bleibt noch von der schnellsten Überfahrt der Welt nach Tahiti zu berichten. Schlappe 36 Stunden haben wir gebraucht. Allerdings gemogelt. Als wir aus dem Windschatten von Bora Bora raus kommen, merken wir, das ist gar kein Windschatten. Acht Knoten Wind auf die Nase lassen uns unter Segeln nirgendwo ankommen. Die Maschine bleibt an. Zwischendurch können wir mal dreißig Meilen segeln, dann ist wieder Essig mit Wind. Blöd, aber bequem. Die Segel bleiben als Stütze oben. Schaukel- und widerstandslos pflügen wir auf glattgezogenem Ozean nach Tahiti. Der Skipper hält sich tapfer. Keine Steinaktivitäten jetzt seit einer Woche.


13

Der Stein des Anstoßes

Do.,05. Apr. 2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Yacht Club, Tag 2503, 21.389 sm von HH

Die erste Kolik überfällt Achim eine Woche vor Ostern. Doktor Google lässt keinen Diagnose-Zweifel: ein Nierenstein! Wenn dieser sich bewegt, kommt es zu „abartigen“ Schmerzen (O-Ton Skipper). Viel machen kann man nicht, große Mengen trinken, Bewegung und Schmerzmittel schlucken. Wir haben zwei Hämmer an Bord – wobei das seit 2018 abgelaufene Präparat besser wirkt. ;-)

Dann hat Achim für drei Tage Ruhe. Doktor Google weiß auch hier Bescheid: in achtzig Prozent aller Fälle gehen solche Steine auf natürlichem Weg verloren.
Wir fahren also hoffnungsschwanger in die Lagune zum Motu Tapu.
Gleich den ersten Abend im Türkis überfällt Achim eine neue Kolik. Aber jetzt ist Karfreitag, machen können wir nichts. Auch auf Bora Bora ist Feiertag. Es folgen drei gute Tage, dann eine erneute Kolik. Der Chef leidet. Die Internetbeschreibungen geben dem sterbenden Schwan absolut Recht. Eine Geburt soll ein Spaziergang dagegen sein.

Ein Arztbesuch muss her. Also macht Achim sich am Oster-Dienstag auf den Weg ins Dorf. Im Medical-Center schickt man ihn zu einer Arzt-Praxis auf der anderen Straßenseite. Die Ärztin kommt zur gleichen Diagnose wie wir. Misst den Blutdruck und erzählt Achim etwas von zwei Sorten Steinen. Die eine Sorte sieht man auf beim Röntgen, die andere im Ultraschall. Die Behandlung sei unterschiedlich, also müsse zuerst die Art des Steines abgeklärt werden. Sie schickt ihn zur Radiologie einen Kilometer entfernt. „Meister Röntgen persönlich hat diese Geräte noch benutzt“, lautet Achims Urteil. Keine Bleischürze zum Schutz – zum Glück ist die Familienplanung bereits abgeschlossen. Zur Ultraschall-Untersuchung kommt es dann leider nicht mehr: „Die entsprechende Ärztin ist nicht da, sie kommt sowieso nur einmal in der Woche und ist außerdem ausgebucht bis Ende April.“ Die Röntgenaufnahme (Wert 150 USD) würde man zur behandelnden Ärztin schicken.
Achim stiefelt am Nachmittag erneut zur Praxis. „Ich habe kein Bild bekommen und es ist nicht meine Verantwortung“, blafft Frau Doktor Achim an. Wann die Aufnahme käme, wüsste sie nicht. Danke für nichts.

Die medizinische Tagung auf Atanga fällt den Beschluss – wir müssen nach Tahiti. Hier hat das keinen Sinn. Direkte Strecke sind es 150 Seemeilen. Direkte Strecke geht nicht, weil wir gegen den Wind zurück müssen. Somit werden es wohl 250 Meilen – drei Tage. Mit etwas Glück kommt der Wind nicht genau aus Ost, sondern etwas nördlich. Wir werden sehen, wie hoch am Wind wir segeln müssen. Die Rückreise kommt jetzt etwas verfrüht, aber im Mai sollte es sowieso zurück nach Tahiti gehen. Auf Achim wartet ja noch ein Zahnarzt-Termin wegen des zweiten Teils seines begonnenen Implantats aus November (du weißt, dass du alt bist, wenn die Arzt-Termine sich die Klinke in die Hand geben … :mrgreen:  ). Wir verpassen jetzt Maupiti, die letzte Insel in der Kette der Gesellschaftsinseln. Das ist nicht schlimm. Alles kann man sowieso nicht sehen und außerdem soll Maupiti so sein wie Bora Bora, nur schöner.

Dem Patienten geht es, seit er beim Arzt gewesen ist, gut. Keine weiteren Koliken mehr. Das Röntgenbild ist inzwischen auch eingetroffen. Kein Stein-Befund, so die Info der Radiologie. Die Ärtzin hat sich nicht wieder gemeldet. Der fehlende Stein kann mehrere Gründe haben. Erist bereits im Klo verschwunden, der Stein ist ein Ultraschall sichtbar Stein oder die Röntgenaufnahme ist schlecht.
Morgen früh starten wir und ich hoffe, dass Achim weiterhin verschont bleibt. Für ihn natürlich. Und auch ein bisschen für mich – während so eines Anfalls ist der Mann absolut zu nichts zu gebrauchen. Nicht, dass ich noch als Einhand-Wunder-Seglerin in die Geschichte von Atanga eingehe.

Zurück nach Tahiti


2

Frohe Ostern auf Tapu

Mo.,05. Apr. 2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Motu Tapu, Tag 2500, 21.387 sm von HH

Wir haben noch ein paar Tage übrig von unserem Monats-Mooring-Benutzung-Arrangement, daher wollen wir Ostern noch einmal in der Lagune verbringen. Wir fahren nur zwei Meilen auf die Süd-Westseite von Bora Bora. Die Anzahl der Mooringfelder, die wir nutzen dürfen, ist beschränkt. Ankern nur an einer Stelle erlaubt – für 36 Stunden.

In den grünen Zonen befinden sich die Mooring-Felder für uns Segelboote – die dicken blauen Kreise sind für Kreuzfahrtschiffe reserviert, die zur Zeit ja nicht kommen

Wir haben die ganze Lagune für uns alleine, keine anderen Segelboote in Sicht. Direkt vor unserer Haustür liegt das ‚Conrad Bora Bora Nui‘ Hotel.  Eine Fünf-Sterne-Herberge, die mit ‚eleganten Wasservillen mit Blick aufs offene Meer‘ wirbt. Das günstigste Angebot zur Zeit 750 Euro die Nacht. Die Anlage ist riesig, wie Krakenarme reichen die Bungalows auf die Lagune hinaus. Über hundert Villen sind es, sagt die Homepage.
Bei zwei Bungalows stehen die Gardinen offen.  Hat das Hotel tatsächlich Gäste? Nein, wahrscheinlich nur eine Nachlässigkeit beim Aufräumen. Die Werbung verspricht einen Privatstrand. Aber wir verstehen es nicht. Selbst den Strand hat man mit Wasserbungalows vollgepflastert. Wer hier am (kurzen) Strand spazieren geht oder als armer Schlucker nur in einer Garten-Villa wohnt kann, der schaut auf die Betonstelzen der Bungalows.

Conrad Bora Bora Nui – zu viele Wasserbungalows für unseren Geschmack

Wasserbungalows sogar vor den einzigen Strand gebaut

Atanga vor Conrad Bora Bora Nui

Jede Villa hat ihre eigene Badeleiter ins Meer. Schwimmen zwischen Betonstelzen fällt mir als erstes ein. Schön sieht es von außen nicht aus. Daher gibt es auch Bungalows mit Privatpool. Am Ende vom Steg stehen zwei Luxus-Bungalows mit freistehender Badewanne mit Blick in den Sonnenuntergang. Diese Villen kosten knapp 5000 Euro für eine Nacht – nur mit Frühstück. :mrgreen: Etwas überzogen, finden wir. Aber! Wären denn Gäste da, hätten die exklusiv für ein paar Tage den Blick in den Sonnenuntergang plus Atanga! Da muss man die Spendierhosen schon mal ausziehen.

Luxus-Bungalows mit Badewanne zum Sonnenuntergang

Der fünftausend Euro Sonnenuntergang

Wir wenden dem Luxus den Rücken zu und steuern das nördlich gelegene, kleine Motu an. Am Steg dann die Ernüchterung – betreten verboten. Privatbesitz von Conrad Bora Bora Nui. Wir tun so als hätten wir das nicht gelesen und steuern die Insel seitlich an. Landen am Sandstrand ohne Verboten-Schild. Es sind ja keine Hotel-Gäste da, also, wen sollte es stören. Wir haben die Rechnung ohne ‚Conrad Security‘ gemacht. Der ältere, etwas fuß-lahme Wachmann braucht allerdings eine Zeit bis er uns erreicht, da sind wir schon halb um die Insel rum. Goldbuchstaben auf seinem Shirt weisen ihn als Conrad-Mitarbeiter aus. Und nein, wir dürfen nicht bleiben. Freundlich macht er uns klar, betreten verboten, auch dann wenn keiner da ist. Okay, wir drehen noch eine Runde um das Inselchen mit dem Dinghy und hauen dann ab.

Leider im Privatbesitz vom Hotel Conrad

Motu Tapu – mit Liegegestellen für exklusive Gäste des Conrad Hotels

Verbotener Rundgang um die halbe Insel

Als Boot-Tourist hat man es nicht so einfach an Land zu kommen. Die Einheimischen, die neben dem Hotel wohnen, möchten uns auch nicht sehen. Schilder an Palmen und Stegen machen uns das deutlich klar. Das im Deutschen benutze Wort ‚tabu‘ ist übrigens polynesischen Ursprungs. Tapu – verboten. Dafür haben wir als Boot-Tourist immer unser Dinghy dabei und können nach Herzenslust über die Lagune brausen.

Frohe Ostern in die Heimat, wir senden Euch die besten Grüße.


9

Der Preis ist heiß auf Bora Bora

Do.,31. Mrz. 2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Yacht Club, Tag 2495, 21.385 sm von HH

Im Januar 2020 habe ich einen Blog über unsere Pläne für das Jahr 2020 geschrieben. Zitat: „Juni, wir können weiter nach Westen. Zuerst die Gesellschaftsinseln (hier wollen wir nicht so viel Zeit verbringen – teuer, vielfach ist ankern verboten, Aufenthalt auf wenige Tage begrenzt usw. Klangvolle Namen wie Bora Bora lassen wir also links liegen).“

Har, har, so kann man sich irren. Wir sind noch immer nicht im Westen und bereits seit drei Wochen auf Bora Bora. Wenigstens habe ich bei den Preisen keinen Blödsinn geschrieben: Zwei Tage nach unserer Ankunft kam ein großes Dinghy längsseits: „Willkommen auf Bora Bora. Die Nacht an der Mooring kostet 30 USD. Dafür holen wir dreimal in der Woche den Müll von Bord, egal wo in der Lagune ihr euch befindet.“ Schluck. Dreißig Dollar für eine Nacht! An einer Mooring! Heftig. „Oder ihr bezahlt dreihundert Dollar auf einmal, dann dürft ihr einen Monat bleiben.“ Das klang für uns nach einem vernünftigen Mengenrabatt. Der Deal war gemacht. Die zwei Tage vor der Kontrolle bekommen wir netterweise geschenkt und dann hat der März auch noch 31 Tage. Ein Schnäppchen.

Bora Bora gilt als eine der teuersten Urlaubsinseln weltweit.
– Eine Übernachtung im ‚Four Season‘ – fünf Sterne 1264 Euro. Check. ✓
– Eine Übernachtung im ‚Pearl Resort‘ – vier Sterne 746 Euro. Check. ✓
– Eine Übernachtung auf Atanga – unendliche Sterne, wenn die Luke in der Schlafkoje offen steht – 7,70 Euro. Check ✓
Man muss alles einfach nur ins rechte Licht rücken.

Ein Gin and Tonic im Yacht Club kosten 10 Euro (geht ja sogar noch). Dafür sind dann auch weiße Stoff-Tischdecken und Servietten eingedeckt, wenn man nach dem Drink etwas essen möchte. Ich weiß nicht, wann ich so etwas zuletzt gesehen habe. Es schmeichelt dem Auge. Und wenn Atanga dann wie eine Multi-Millionärs-Yacht direkt vor dem Club im Sonnenuntergang leicht schaukelt, dann ist dieser Drink unbezahlbar. 

Atanga vor dem Bora Bora Yacht Club

Die Preise im Supermarkt, für kleine Mittags-Snacks und die Miete eines Motorrollers liegen über Tahiti. Mit zehn Prozent in etwa. Uns schreckt das schon gar nicht mehr. Nach Gambier erscheint es überall preiswert. Drei Dollar für ein Kilo Kartoffeln oder für eine Dose Bier zahlen wir mittlerweile locker aus der Hüfte. Sogar die Obdachlosen – von denen es außerhalb von Tahiti nur wenige zu sehen gibt – haben sich angepasst: „Hast du mal ’n Euro“, war gestern. Wir werden tatsächlich um zehn Dollar angefragt. Wir sind so verschüchtert von der Höhe, dass uns Kleingeld in der Tasche stecken bleibt.

Die meistgestellte Frage an uns selber lautet, wie bezahlen die Einheimischen die hohen Preise? Die Lösung ist nicht befriedigend zu finden. Es fängt damit an, dass niemand in Französisch Polynesien Einkommensteuer zu zahlen braucht. Grundnahrungsmittel wie Mehl, Reis, fettarme Milch usw. sind subventioniert (von Frankreich) und kosten weniger als in Deutschland. Eine freiberufliche Sprachen-Lehrerin an der Uni in Papeete verdient 100 Dollar – die Stunde. Die Löhne sind allgemein hoch auf den Inseln. Eine echte Wortschöpfung  erfolgt durch Tourismus, Perlenzucht (rückläufig) und Kopra-Ernte (Kokosnüsse). Die restlichen Arbeitnehmer sind Staatsangestellte und sollen angeblich das zweieinhalb-fache verdienen wie in Frankreich. Und von Staatsangestellten wimmelt es nur so. Französisch Polynesien verwaltet sich selber. Jedes abgelegene Atoll gönnt sich eine Armee von Bauhof-Angestellten, die den ganzen Tag mit Bagger und Laster über die Insel fahren. Unkraut-Zupfer, Straßenfeger und andere Personen mit Gelbwesten schieben Geschäftigkeit vor. Postangestellte, Gemeindearbeiter, Lehrer und Polizisten. In jeder Familie gibt es mindestens einen ‚Beamten‘, der für ein gutes Familieneinkommen sorgt. So scheint die Blase am Leben gehalten zu werden.

Präsident Fritch war gerade gestern bei Macron in Paris. Er hat 237 Millionen Euro als Corona-Hilfe mit nach Französisch Polynesien gebracht. Das klingt spendabel. Aber es sind nur knapp 900 Euro pro Einwohner. Und auf einmal klingt es nicht mehr nach einer riesigen Summe. Aber er hat auch die Zusage der Grenzöffnung zum 1. Mai mitgebracht. Dann kann Französisch Polynesien wieder selber Geld verdienen.


5

Zwei Jahre Französisch Polynesien – der Film

Fr.,24.Mrz.2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Yacht Club, Tag 2482, 21.385 sm von HH

Wer hätte vor einem Jahr erwartet, dass wir so lange hier bleiben würden? Im März vor zwei Jahren sind wir von der Osterinsel kommend in Gambier gelandet. Wir haben es gut getroffen mit Französisch Polynesien und trotz Segelverbot und Lockdown viel erlebt. Zur Feier des Tages habe ich aus noch vorhandenem Material 2019/2020 einen Film zusammen geschnitten.

Südsee-Schnipsel. Südsee-Feeling. Südsee-Spaß.

– Unser erstes Versorgungs-Schiff auf Gambier. Was für ein buntes Durcheinander an der Pier, wenn nach drei Wochen der Versorger eintrifft.
– Auf Tahiti gibt es für Kreuzfahrgäste regelmäßig kostenlose Shows der Tänzer von den Marquesas. Zufällig waren dabei – in der ersten Reihe.
– Unsere Wanderung zum Kopf vom Fautaua-Wasserfall auf Tahiti. Unsere schönste Wanderungen in Französisch Polynesien
– Ein Abstecher nach Makatea. Das gehobene Atoll mit der zusammen gebrochenen Verladebrücke auf der früher Phosphor auf Frachter geladen wurde.
– Tikehau in den Tuamotu mit rosa Strand und Südsee-Atmosphäre.

Besser geht nicht – perfektes Wasser, perfekter Strand


4

Lagunen-Leben

Di.,23. Mrz. 2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Piti Aau, Tag 2487, 21.377 sm von HH

Knapp zwei Wochen schwimmen wir bereits in der Lagune und können uns nicht satt sehen. Diesem Rausch an Türkis kann man sich kaum entziehen. Die Tage ziehen wie ein blaues Band an uns vorbei.
Große Sandflächen sind ja meistens etwas fischarm, anders als die übervölkerten Riffe. Aber regelmäßig ziehen Rochen unter Atanga oder unseren Kajaks durch und wühlen im Sand nach Fütter. Eine Gruppe Adlerrochen fliegt stationär an der Südspitze der Lagune ihre Runden. Und einem Millionen-Heer an kleinen Schwarmfischen dient die Lagune als Kindergartenplatz. Manchmal wird Atanga für die Kleinen zum schützenden Riff und sie umkreisen uns in großen Schwärmen. Gefräßige Hornhechte und Makrelen stöbern ihre Beute trotzdem auf. Wir hören es sofort, wenn die Jäger die Kleinen entdeckt haben. Im Fressrausch klatschen die Makrelen mit ihrem Schwanz an unsere Bordwand. Zeitweise brodelt das Wasser regelrecht. Die Hornhechte sind da besonnener. Sie picken sich mit langem Schnabel ihre, vom Schwarm abgesprengten, Opfer aus dem Wasser.  Hunderte Hornhechte lungern an unserer Badeleiter. Als ich vorsichtig zu ihnen ins Wasser gleite, ist ihnen das allerdings nicht geheuer. Recht schnell suchen sie das Weite. Und wir haben unserem Schwarm für zwei Stunden das Leben gerettet.

Eine Formation Adlerrochen unter dem Kajak

Hornhechte umlagern Atanga auf Beutesuche

Wir sind umzingelt

In Deutschland ist Frühlingsanfang. Das freut mich, wenigstens ein Jahreszeiten-Hoffnungsschimmer am ewigen Lockdown-Horizont. Wir sprechen viel über die Lage in Deutschland, saugen uns Infos rein, so gut wie unser tägliches Daten-Volumen es zulässt. Zunehmend sind wir fassungsloser, ob der Einfallslosigkeit der Maßnahmen, der lähmenden Bürokratie und schlechten Organisation.
Bei uns ist Herbstanfang. Das freut mich auch. Die letzten Wochen ist es ganz schön heiß bei uns geworden. Das Meer hat seinen Wärme-Höhepunkt erreicht. Dauerhaft 28 bis 29 Grad. In der Lagune blühen die Algen und Atanga ist mit einem dicken Rasen bewachsen. Keine Pocken, nur weicher Bewuchs. Zwei Tauchflaschen-Füllungen verbraucht die Rasur. Zwei Tage später ist bereits ein neuer Flaum gewachsen. Unter Deck herrschen dauerhaft 31 bis 34 Grad. Die Tage in der Lagune waren windarm, was das Leben an Bord zum Kochen bringt. Besonders beim Kochen. Der Schweiß fließt in Strömen. Ich tippe auf vierzig Grad. Das einzige Thermometer an Bord, was nicht an die Wand geschraubt ist, binde ich mir vor die Stirn. Aha!, Kinderbad-Temperatur ist überschritten!

In the heat of the night

Über den Töpfen stehen 40 Grad zur Diskussion

Das bringt mich zum Drohnen-Info-Update. Unserem Gimbal ist es auch schlicht weg zu heiß. Achim hat die Idee, Atanga-Air vor dem Start eine Abkühlung im Kühlschrank zu verordnen. Und siehe da, seitdem funktioniert der Gimbal wieder prima. Auch die Landung auf meiner Hand bringt uns weniger erhöhten Blutdruck. Üben übt – alte Weisheit.

Wenn sogar der Mast noch einen Schatten aufs Wasser wirft

Wir teilen uns das Mooringfeld mit vier bis sechs anderen Booten. Ein Luxus-Zustand. Wir finden neue Segel-Freunde, leider nur für ein paar Tage, dann müssen Yvonne und Helmut nach Tahiti zurück. Das Hotel an der Südspitze vom Motu hat als eines der wenigen auf Bora Bora noch geöffnet. Ein bescheidener Gästeandrang herrscht nur am Wochenende. Wahrscheinlich Polynesier und Franzosen aus Tahiti. Die Grenzen sind nach wie vor geschlossen. Mit einer Öffnung ist nicht vor Mai zu rechnen.
Der Rest der Insel ist für uns tabu. Hinter dem Hotel stehen die Häuser der Einheimischen. Mit Schildern weist man uns darauf hin, dass die Grundstücke privat sind. Wir paddeln also vorbei und gehen nur dort an Land, wo niemand wohnt.

An der Südspitze der Lagune neben dem Hotelstrand

Haus auf dem Motu am Außenriff

Lagunenleben

Seit heute ist das Wetter gekippt. Die Flauten-Tage sind vorbei. Ein strammer Passat aus Ost peitscht die Lagune auf. Wir sind inzwischen auch arm an frischen Vorräten – eine letzte Gurke liegt im Kühlschrank. Es ist Zeit, die Lagune loszulassen.


10

Atanga-Air

Fr.,19. Mrz. 2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Piti Aau, Tag 2483, 21.377 sm von HH

Da liegen wir in der schönsten Lagune der Welt und natürlich sollen Fotos von oben her. Aber unsere Drohne, Atanga-Air, macht weiterhin Zicken! Oder liegt es an uns? Oder sind gar die Mächte gegen uns?

Versuch No.1: Die Bedingungen sind wie aus dem Lehrbuch. Atanga liegt ruhig im Wasser, schwoit nicht, kaum Wind. Der Flughafen ist diesmal weit genug entfernt. Wir haben Starterlaubnis. Wir wagen unseren ersten Flug direkt vom Deck aus. Dafür wählen wir das seitliche Solarpanel. Das ragt über die Reling hinaus und scheint die perfekte Startbahn zu sein. Zur Sicherheit kommt eine Anti-Rutsch-Matte aufs Panel, das etwas zur See-Seite durchhängt. Nicht dass ein Dinghy vorbei kommt, eine Welle erzeugt und upps-hoppala.
Der Start vom Panel klappt perfekt. Atanga Air liefert erste sensationelle Fotos.

Als scharfe Kante zeigt sich die Grenze zwischen vier Meter Wassertiefe und einem Meter

Eine fast surreale Landschaft

Startbahn für Atanga-Air

Dann kommt der entscheidende Teil. Die Landung. Die Drohne wehrt sich mit allen Sensoren, die ihr zur Verfügung stehen. Sie will nicht auf dem Panel landen. Einen knappen Meter davor bleibt sie stehen. Achim lässt sie seitwärts und rückwärts fliegen, so nah wie es geht und greift mit langem Arm beherzt zu. Puh, das war knapp, aber geschafft!

Versuch No 2: Wir sehen ein, so geht das nicht. Ich muss lernen die Drohne auf dem Vorschiff zu fangen. Dort ist mehr Platz trotz Vorsegeln und Wanten, die die Sensoren irritieren. Dazu geht es zum Üben an Land. Erster Landfall erfolgt am weitläufigen Strand auf dem Motu – auf der windlosen Seite. Wir kramen alle Teile aus dem wasserdichten Sack hervor, bauen alles zusammen und werden von Mücken förmlich gefressen. Schnell raffen wir alles zusammen und bloß weg!

Versuch No 3: Wir düsen mit dem Dinghy zur Wind zugewandten Seite der Insel. Hier ist es mückenfrei, wie wir wissen. Wir bauen erneut alle Teile zusammen und los geht’s. Eine Akku-Ladung verbrauchen wir nur zum Landen. Dazu strecke ich meine Handfläche aus, so weit wie möglich vom Körper weg und Achim steuert seitwärts darauf zu. Klappt mehrfach ohne Probleme. Sehr gut!

Versuch No 4: Am nächsten Tag wollen wir es noch einmal an Land ausprobieren. Diesmal mit ausgeschalteten Landesensoren und im Sportmodus. Diverse Internet-Tipps deuten an, dass dies die optimale Lösung sei. Erneut fahren wir zur Windseite der Insel.
Unsere Dinghy-Sitzbank dient als Startfläche und liegt außerhalb der Wellenzone im trockenen Sand. Atanga-Air steht zum Start bereit, Achim tüttelt noch mit der Fernbedienung als er plötzlich ‚Achtung‘ brüllt. Ich merke es zeitgleich und greife mir beherzt die Drohne. Nicht eine Sekunde zu früh. Eine einzige vorlaute Welle überflutet das Sitzbrett. Atanga Air bekommt nur zwei Spritzer ab. Das war Glück!

Zwei Minuten später ist dieser Sicherheitsabstand nicht mehr ausreichend

Versuch No. 5: Wir trocknen das Sitzbrett und legen es noch ein gutes Stück weiter vom Wasser entfernt in den Sand. Nein, nein, hier geht es auch nicht. Tausend Ameisen wohnen an der Abbruchkante zum Wald. Bloß weg!

Versuch No 6: Wir fahren zu Atanga zurück. Ich kann ja fangen, habe ich gestern bewiesen. Mehr Übung an Land brauche ich nicht, entscheiden wir. Also los. Der Start erfolgt wieder vom Solarpanel. Die Drohne fliegt und Achim grummelt hinter seiner Steuereinheit: „Ich kann gar nicht sehen, wohin ich fliege. Es stimmt etwas nicht mit dem Gimbal. Ich lande. Bist du bereit?“ Bin ich und Atanga-Air landet souverän auf meiner Hand. Brust raus!

Die menschliche Landebahn

Ich mache es dem Piloten leicht

Der Gimbal ist die kardanische Aufhängung der Linse. Eine raffinierte Technik, die für ruhige Filmaufnahmen sorgt und mit der man die Linse hoch und runter, links und rechts bewegen kann. Jetzt zeigt die Linse traurig nach unten.
Wieder befragen wir das Internet. Ein gern beschriebener Fehler. Man soll gegen den unnormalen Widerstand die Linse bewegen, in die Mechanik pusten und daran wackeln. Und beten. Denn entweder funktioniert es nach dieser Behandlung wieder oder die Drohne muss zur Reparatur eingeschickt werden. Hätten wir nicht schon ein paar schöne Aufnahmen, der Spaß an Atanga-Air wäre jetzt spontan vorbei.

Atanga erscheint losgelöst im glasklaren Wasser

Versuch No 7, 8 und 9: Achim hat gewackelt und gepustet und die Linse neu kalibriert. Der Gimbal lässt sich wieder bewegen. Wir starten. Achim knipst und filmt. Es scheint alles gut. Es folgt die Landung. Eine klitzekleine Fehlbewegung meines Ringfingers. Zack, schmerzhaft bekomme ich zu spüren, dass eine Drohne kein Kinderspielzeug ist. Einer der Rotoren streift meine Fingerkuppe einen Millimeter. Das zwickt ganz ordentlich. Das Internet weiß für solche Fälle auch guten Rat: Nimm Sekundenkleber mit zum Drohne-Fliegen, um die Wunden kleben zu können, die die Rotoren in Finger hacken können. :mrgreen: Bei der Sichtung der Filme zeigt sich, dass der Gimbal noch immer eine Macke hat. Die Aufnahmen zittern unangenehm. Aber die Fotos sind eine Sensation!

Versuch No 10 und 11: Noch mehr Gewackel am Gimbal. Noch mehr Gepuste in die Mechanik und auch ein paar Gebete helfen. Atanga Air liefert wieder fast perfekte Filme. Nur wenn man genau hinsieht, erkennt man vielleicht noch ein paar Vibrationen. Wir sind aber happy, dass tatsächlich eine Selbstheilung erfolgt ist. Wir hatten es nicht zu hoffen gewagt. Die Landung ist mittlerweile auch schon Routine. Selbstsicher stehe ich vorne am Bug. Atanga-Air kommt und landet. Normalerweise stellt sich sofort nach der Landung der Motor von alleine ab. Heute nicht! Das Biest steht auf meiner flachen Hand und rotiert weiter. Ich spüre den Wind im Gesicht von den vier Propellern. Vorsichtig greife ich zu. Das Biest zieht. Man mag es nicht glauben, mit was für einer Kraft so eine Drohne zieht, um weg zu kommen. Ich halte dagegen. „Mach den Motor aus!“, rufe ich Achim zu. „Mach aus, mach aus!“ „Geht nicht“, kommt zurück. „Ich weiß nicht warum. Du musst die Drohne um neunzig Grad zur Seite kippen!“ Gesagt, getan. Spontan ist Ruhe. Puh, ich hatte mich schon kurz und klein geschreddert an Deck liegen sehen.
Woher der Fehler nun wieder kommt? Wir werden das Internet befragen.

Fazit: Im Augenblick glauben wir nicht, sollten wir die Drohne verlieren – was jetzt nicht so unwahrscheinlich erscheint und Statistiken geben uns Recht – dass wir uns wieder eine Drohne kaufen würden. ;-)


4

Im Farbenrausch auf Bora Bora

Di.,16. Mrz. 2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Piti Aau, Tag 2480, 21.377 sm von HH

Bora Bora hat nur einen Passeingang ins Atoll – im Westen gelegen. Anders als in Tahaa ist es für uns unmöglich mit zwei Meter Tiefgang die Insel zu umrunden. Im Süden ist es einfach zu flach. Ein tiefblauer Kanal führt über Norden in den schönen Osten von Bora Boras Lagune.

Bora Bora Umrundung – im Nordosten lauert ein Engpass

Zunächst ist es bequeme fünfundzwanzig Meter tief. Die Sonne steht hoch als wir uns auf den Weg machen. Dann kommt ein Engpass. Also der Engpass, vielfach beschrieben in Büchern und von anderen Seglern. Ich stehe am Ruder und schwitze. Achim steht vorne am Bug mit dem Funkgerät in der Hand für Anweisungen an mich. Ich weiß nicht, welcher Job schweißtreibender ist. Der, der einen Bommy übersieht oder der, der dagegen brummt? Es gibt eine gute Anzahl an Seezeichen, die uns im Slalom den richtigen Weg weisen. Gelb-schwarze Gefahren-Tonnen, deren Toppzeichen anzeigen an welcher Himmelsrichtung man an ihnen vorbei fahren muss. Und außerdem grüne und rote Fahrwassertonnen. Aber Achtung! Eine Falle lauert auf Segler. Sind die roten Tonnen beim der Einfahrt ins Atoll noch links, so müssen die roten Tonnen nun rechts vom Schiff sein. Rechts. Man kann es sich gar nicht oft genug sagen.
Bei so viel Tonnen sollte man denken, kann ja nicht so schwierig sein. Einfach das befolgen, was die Tonnen anzeigen. Fertig. In der Praxis macht die Enge dann doch nervös. Das Wasser ist glasklar, jeder Korallenhaufen ist klar zu erkennen. Wer vom Weg abkommt, der rummst auf. Gleich neben der ‚erdachten‘ Fahrbahn wird es sofort flach.
Aber wir kommen gut durch. Ein Katamaran, der uns entgegen kommt, wartet am Ende der Slalom-Strecke darauf, bis wir durch sind. Ein Charter-Kat. Also ein Profi am Ruder. Der junge Mann lacht als ich ihm ‚first time for me‘ zurufe und imaginären Schweiß von der Stirn wische.

Diesen Bommies gilt es auszuweichen

Mit Hilfe einer Vielzahl an Seezeichen

und dem Skipper vorne am Bug der Kommandos über Funk an mich weiter gibt

Wir lachen dann auch. Vor uns liegt ein kleines Wunder: die Lagune von Bora Bora! Wir sind türkis ja doch etwas gewöhnt, aber so etwas haben wir noch nicht gesehen. Weder in der Karibik in den Tobago Cays, noch in Belize. Tiefe Bereiche von fünfzehn Metern gehen in flache Bereiche von vier Meter über, dann weiter runter auf einen Meter fünfzig. Die Farbkanten sind wie mit dem Messer abgeschnitten. Dunkelblau wechselt zu blau – himmelblau zu fast weiß. Gleißend liegt dieser Zauberkasten an Farben vor uns. Tiefere Bereiche zeichnen grünblaue Bänder ins helle Türkis. Pfauenblau – Porzellanblau – Wolkenblau., 89 Namen für Blau habe ich gefunden. Sie dürften alle vor uns liegen. Zumindest aber RAL 5000 bis RAL 5029. ;-)

Wir suchen uns eine leere Mooring. Atanga schwebt im glasklaren Wasser wie losgelöst. Alles an Deck schimmert grünlich, die Segel, der Mast, ja, selbst die Seeschwalben, die vorbei fliegen, sind von unten türkis.
Wir springen ins Wasser. Neunundzwanzig Grad bieten keine Abkühlung aber pures Vergnügen. Nur hundert Meter hinter uns wird es flach, dort können wir stehen. Der endlose Sandboden, der für diese zauberhaften Farben sorgt, wird nur von ein paar versprengten Korallenflecken unterbrochen. Manchmal schwimmt so ein Korallenfleck auch davon, dann ist es ein Stachelrochen. Und hinter all dem baut sich der ansehnliche Krater von Bora Bora auf. Grün vor blauem Himmel. Waldgrün vor Himmelblau.

Am Ufer vom nächsten Motu (Inselchen) wird die Lagune fast weiß

Die Lagune – mal blau

Mal türkis. Immer wieder in einer anderen Farbe


14

Rundtour Bora Bora

Do.,11. Mrz. 2021, Franz.Polynesien/Bora Bora/Yacht Club, Tag 2499, 21.369 sm von HH

Um zu sehen, ob Bora Bora dem schönste-Insel-Ruf gerecht wird, mieten wir uns ein Moped. Teuerste Insel der Welt wird auch häufig behauptet – bei der Moped-Miete können wir diese Aussage spontan bestätigen. 62 USD für acht Stunden. Für den Preis bekommt man auf den Kanaren dreimal 24 Stunden ein Auto gemietet. Avis hat nur 50ccm Hobel im Angebot. Hoffentlich ist die Strecke nicht bergig – nicht, dass ich peinlicher Weise absteigen muss.
Der Roller entpuppt sich dann aber als bequem. Mein Hintern findet diesmal ausreichend Platz hinter Achim. Das erste Mal funktionieren Blinker und Tacho. Sogar die Bremsen sind okay. Los geht’s.

Erster Stopp beim Bloody Marys. Dem Promi-Lokal auf Bora Bora. Zur Zeit mangels Touristen und Prominenter nur donnerstags bis samstags geöffnet, wie uns ein Mitarbeiter erzählt. Nette Bar mit gestreutem Sand als Boden und rustikalen Hockern aus Palmen-Stämmen. Draußen hängt eine Tafel mit den Schönen und Wichtigen, die den Laden schon besucht haben. Und schon habe ich noch mehr unnützes Wissen über Tony Marshall: hat doch der kleine Aufschneider in einem Interview mit dem Tagesspiegel behauptet, dass sein Name direkt neben dem von ‚Marlon Brando‘ stünde … pffft. Und, dass er der einzige Deutsche auf der Tafel sei. Steht doch aber Wolfgang Rademann (deutscher Regisseur) drei Spalten vor ihm. :-)   Dieser Tony.

Tony Marshall steht in der vierten Spalte – achter von oben – Marlon Brando auf einer anderen Tafel auf der linken Seite vom Eingang :mrgreen:

Das Bloody Marys mit eigenem Steg und Shuttle Service zum Diner

Wir fahren weiter. Nächster Halt – Traumstrand. Weißer Puderzucker-Sand, Palmen und glasklares Wasser. So stellt man sich die Südsee vor. Auch Bora Bora leidet etwas unter dem typischen Strandmangel auf den jeweiligen Hauptinseln. Nur auf den Inselchen auf der Riffkante findet man Strand im Überfluss. Irgendwie haben die Einheimischen es geschafft, dass kein Hotel diesen Strand vereinnahmt hat. Er gehört ihnen. Und das machen sie mit ‚betreten verboten‘ Schildern, Flatterband und Zäunen jedem deutlich klar. Wir schießen zwei Fotos und düsen weiter.

Traumstrand ohne Hotel im Süden von Bora Bora

An der nächsten Bucht mit Strand steht eine Hotelruine. Geplündert, um Fenster, Türen und andere verwertbare Teile beraubt. Die Waschbecken und Badezimmer-Schränkchen finden sich in einer Tischlerei auf der anderen Inselseite im Wohngebiet wieder. Sechs Hotel-Ruinen hat Bora Bora. Eine nie fertig gestellte Anlage und fünf aufgegebene Objekte. Solche Hotelruinen findet man auf allen Inseln in Französisch Polynesien. Die Natur holt sich die Brachflächen schnell wieder. Pionier-Gehöze überwuchern das Gelände und schon bald sind solche Flächen nicht mehr vom typischen Urwaldbewuchs zu unterscheiden. Häufig gibt es auch Streitereien um den Grundbesitz. Auf Moorea gehört der Grund und Boden des aufgegebenen Club Med einer Erbengemeinschaft von 16 Familien. Die Hotel-Leichen versperren den Zugang zum Strand und sind den Einheimischen ein Dorn im Auge oder sie werden einfach in Beschlag genommen. Einzelne Appartements werden renoviert und illegal bewohnt. Ich habe in einer französische Studie gelesen, dass die Hotels in Französisch Polynesien nur eine durchschnittliche Betriebsdauer von 15 Jahren haben sollen, dann werden sie aufgegeben. Und an anderer Stelle wird ein neues Hotel errichtet. Ein Ende dieses Kreislaufes ist nicht abzusehen.

Geplündertes Hotel

Ehemalige Hotelwaschbecken warten auf ihre Weiterverwertung

Nur an Stellen, wo es nicht so schön ist, kommt man ans Wasser

Eine Inselrundfahrt sind nur 32 Kilometer. Das Inselinnere ist unerschlossen und hat unberührte Natur. Wir drehen noch eine zweite Runde in entgegengesetzte Richtung. Nein, die Stelle mit der schönsten Insel der Welt haben wir nicht gefunden. Aber wir sind auch noch nicht fertig. Liest man die Lobgesänge auf Bora Bora genau, dann fällt auf, dass es häufig heißt ‚die schönste Lagune der Welt‘. Das probieren wir morgen und wechseln mit Atanga zur anderen Seite.

Wasserbungalows im Süden und Osten von Bora Bora

Die Motus sind mit Wasserbungalows zugepflastert


16