Monatsarchive: Juli 2015

Heute in Griechenland (6): Emmanouela, 32, Sozialarbeiterin in AgiosNikolaos.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am vergangenen Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Das ist Emmanouela Giannikaki. Sie ist geboren 1983 in Rethymno auf Kreta. „Eigentlich wusste ich schon mit 18, was ich machen will: Ich wusste: ich will anderen Menschen helfen“. Und deshalb belegte sie an der Universität das Studienfach „Sozialarbeit“, das sie auch mit Diplom abschloss. Danach ging sie zurück in ihre Heimat, nach Kreta und begann 2008 hier zu arbeiten.

MARE PIU: Wie war das denn 2008? Sie waren 25 Jahre alt, kamen frisch von der Uni – war das leicht, einen Job zu finden?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Naja. 2008 war das nicht ganz so leicht. Ich musste mich schon etwas anstrengen. Aber ab 2010 ging das dann ganz leicht.

MARE PIU: Was war denn in 2010 anders?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Bis 2010 ging in Griechenland eigentlich alles gut. Aber 2010 unter Papandreu: da war sie plötzlich da, die Krise. Und jeder, aber auch wirklich jeder wollte plötzlich einen Sozialarbeiter. Sozialarbeiter waren plötzlich gesucht.

MARE PIU: Sie bekamen dann in 2010 eine Festanstellung hier bei OKYDAN?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Der Grund für den plötzlichen Bedarf an Sozialarbeitern war, dass die Regierung in der Krise ein Gesetz verabschiedet hatte, dass jede Kommune in Griechenland soziale Arbeit zu leisten habe und das auch selbst organisieren müsse. Also haben sich hier auf kommunaler Ebene ein paar Verantwortliche zusammengetan und haben OKYDAN als gemeinnützige Orgnaisation  gegründet. Dessen Vorstand wird gewählt, in unserem Fall hier in Agios Nikolaos ist das der Klinikchef Dr. Mouthazakis. In jeder größeren griechischen Kommune gibt es diese Organisationen, sie heißen aber überall anders.

MARE PIU: Haben Sie denn Kontakt zu anderen Organisationen? Zum Beispiel nach Athen oder Thessaloniki?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Haben wir leider nicht. Das ist alles sehr dezentral und spielt auf kommunaler Ebene. Das System ist aber überall dasselbe.

MARE PIU: Es war bestimmt nicht einfach, das aufzubauen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Im Gegenteil. Agios Nikolaos war 2010 schon relativ weit, es gab hier schon sehr viel: 2009 hatte mir ein Einwohner erzählt, dass er Altkleider gesammelt habe und nicht wisse: wohin damit. Wir haben dann einen Shop aufgebaut unter dem Namen MAGAZI und dort begonnen, Kleidungsstücke für Bedürftige für 1 EURO abzugeben. Von den Einnahmen kauften wir Lebensmittel, die wir an Notleidende kostenlos verteilten. Das funktioniert bis heute. Wir verfügen hier einen Vorrat an Kleidung und Lebensmitteln, aus dem OKYDAN regelmäßig verteilt.

MARE PIU: Gibt es Menschen, die hungern oder betteln gehen müssen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das muss man differenziert sehen. Wirklich arme Menschen, die betteln gehen müssten, die haben wir in Agios Nikolaos nicht. Es ist ja auch so, dass jeder hier etwas anbaut: Tomaten, Gurken, Bohnen, irgendetwas. Die Grundversorgung ist dadurch schon mal sichergestellt, über den Sommer. Im Winter müssen wir dann schon öfter einspringen. Wer nichts anbaut, wer nichts hat: dem helfen oft Nachbarn oder Angehörige. Es war ja in 2010, als wir begannen, so: dass eigentlich nur Ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen von uns Nahrungsmittel bezogen. Jetzt ist die Situation eine ganz andere: Sehr viele Familien benötigen plötzlich Lebensmittel von uns.

MARE PIU: Wir sitzen hier im 4. Stock bei OKYDAN. Darf ich neugierig sein: Was ist in den Ordnern im Bücherregal hinter Ihnen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Jeder Ordner ist eine Familie, eine Person aus Agios Nikolaos und Umgebung, die mich aktuell wegen irgendwelcher Probleme angesprochen hat. Als wir mit OKYDAN 2010 anfingen, waren es 30 Familien im Monat. Die Griechen sind ein sehr stolzes Volk: „Pah, Probleme habe ich keine, heißt es nach außen.“ Sie kommen zuerst zu mir wegen irgendwelcher Probleme in der Familie. Und dann packen Sie langsam aus, dass dies, das jenes nicht stimmt. Dass sie in Not sind. Hilfe brauchen.
Aktuell sind es 200 Familien im Monat, die ich hier in diesem Büro betreue, die mich hier aufsuchen. Das sind die Ordner hinter mir. Von denen sind aber nur 4 über 60. Die betreue ich als Langzeitarbeitslose.
Da drüben die Ordner: das sind weitere 300 Bedürftige in unserem Programm HELP AT HOME: Menschen im Alter zwischen 70 und 100 Jahren, zu denen wir hinausgehen, Essen, Medikamente bringen und uns um die Hygiene kümmern.

MARE PIU: Das ist ein gewaltiges Pensum: Von 30 auf 500 Fälle monatlich…

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Da liegt auch das Problem. Seit Ausbruch der Krise 2010 gibt es so viel zu tun. Ich bin die einzige Sozialarbeiterin in Agios Nikolaos, die Finanzierung weiterer Langfrist-Stellen für OKYDAN durch die Kommune ist derzeit nicht möglich. Wir kriegen nicht mehr Geld. Und für mich allein ist das einfach zu viel. Wir könnten sechs Sozialarbeiter beschäftigen.

MARE PIU: Wie kommen denn die Menschen mit der täglichen Limitierung der Geldmengen zurecht: 60 Euro täglich für Besitzer einer Bankkarte und 120 Euro wöchentlich für Menschen, die keine Karte haben. Was tun die, die nicht auf die Bank gehen können? Oder der Rentner auf dem Foto, der weinend vor einer Bank zusammenbrach, weil er kein Geld bekam?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das mit den Cash-Machines ist nicht das Problem: 60 € pro Tag sind 1.800€ im Monat. Das ist mehr, als einem Griechen normal zur Verfügung stehen. Und für die, die keine Karte haben, gibt es 120 € pro Woche. Von den Menschen, die wir betreuen, hatten wir keine Anrufe von älteren Menschen und auch keinen Klagen, dass sie nicht mehr an Geld kämen. Nicht einen. Wir gehen ja auch raus und kümmern uns um die Familien und die Menschen, bringen Lebensmittel und Medizin, kümmern uns ums Reinigen der Wohnung.
Menschen, die vor Geldautomaten weinen, das kann ich nicht glauben. Diese Bilder aus dem Fernsehen und der Presse glaube ich nicht. Es kann schon sein, dass jemand vom Warten in der Hitze erschöpft ist. Aber hier und Heraklion hat die Bank den Wartenden Wasser und Orangensaft rausbringen lassen. Das kam gut an.

MARE PIU: Was denken Sie denn, wie sich die Zahl der Leute, die Not leiden, in Agios Nikolaos weiter entwickeln wird?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Ich denke, das dürfte jetzt stabil bleiben wird.

MARE PIU: Sind Sie da nicht zu optimistisch?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: —

MARE PIU: Sie erleben hier ja täglich viele Schicksale. Was hat die Krise in Griechenland aus ihrer Sicht verursacht?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Probleme wurzeln meiner Meinung nach in den Jahren 2000 bis 2006. Damals riefen die griechischen Banken jeden zuhause an: „Möchtest Du gerne mal in Urlaub fahren? Hättest Du gerne ein neues Auto? Du kannst eine Kreditkarte haben. Würdest Du nicht gerne ein Haus bauen? Kein Problem. Wir finanzieren das!“ Also nahmen viele Menschen das Geld und erfüllten sich ihre Wünsche. Manche bauten ein Haus. Andere eins mit Pool. Weder andere bauten gleich vier Häuser. Erfolgreich sein hieß in diesen Jahren: möglichst viel Geld von der Bank aufgenommen zu haben. Und als das Geld nicht mehr reichte: nahm man halt einfach noch mehr Geld auf. Und irgendwann nahm man Geld auf, um die Schulden zurückzuzahlen. Dann kam die Krise 2010. Jeder dachte nur noch an sich und versuchte sich zu retten.

MARE PIU: Und wie kam es am vergangenen Sonntag beim Referendum aus ihrer Sicht zum „Nein“?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Auch ich habe mit „Nein“ gestimmt – und das aus vielerlei Gründen. Da ist einmal eine große Enttäuschung. Vor fünf Jahren sagte man uns: „Ihr müsst vorsichtiger mit Geld umgehen. Ihr dürft nicht so viel ausgeben. Ihr müsst sparen. Ihr müsst das so wie wir machen, dann wird alles besser.“ „Okay“ , sagten wir. „Dann macht ihr das bitte für uns.“ Aber nichts wurde besser. Alles wurde schlimmer. Ich bin einfach enttäuscht. Fünf Jahre und lauter Lügen. Ich glaube einfach nichts mehr.

Und dann kam Alexis Tsipras. Er denkt, was wir denken, und er hat uns bisher nicht angelogen. Ich kann diese Lügen nicht mehr hören.

MARE PIU: Und was erwarten sie für die nächsten Monate?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Situation ist offen – Gott allein weiß, was kommt. Ich hoffe, dass sich der Premierminister sehr schnell mit der EU einigen kann. Ich wünsche mir, dass Reformen kommen, ich möchte, dass endlich die Probleme in unserem behoben werden. Dass die Reichen bei uns auch Steuern zahlen. Und sollte ein Schuldenschnitt kommen: Dann bin ich bereit, mein Teil zu leisten und zu bezahlen. Ich möchte einfach gerne ein anständiges Leben leben.

Ab kommenden Mittwoch auf MARE PIU: Wie es ist, in schwierigen Zeiten, Bürgermeister einer Gemeinde am Meer zu sein. Ein Interview mit Antonis Zervos, Bürermeister von Agios Nikolaos.

                                                 Weiterlesen bei: Warum Despina kein Geld von mir annimt. Hier.
                                                 Weiterlesen bei: Warum ein Unternehmer sagt: „Everybody in Greece 
                                                                            pays like Hell.“

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Heute in Griechenland (6): Emmanouela, 32, Sozialarbeiterin in AgiosNikolaos.

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am vergangenen Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.
 

 

Das ist Emmanouela Giannikaki. Sie ist geboren 1983 in Rethymno auf Kreta. „Eigentlich wusste ich schon mit 18, was ich machen will: Ich wusste: ich will anderen Menschen helfen“. Und deshalb belegte sie an der Universität das Studienfach „Sozialarbeit“, das sie auch mit Diplom abschloss. Danach ging sie zurück in ihre Heimat, nach Kreta und begann 2008 hier zu arbeiten.

MARE PIU: Wie war das denn 2008? Sie waren 25 Jahre alt, kamen frisch von der Uni – war das leicht, einen Job zu finden?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Naja. 2008 war das nicht ganz so leicht. Ich musste mich schon etwas anstrengen. Aber ab 2010 ging das dann ganz leicht.

MARE PIU: Was war denn in 2010 anders?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Bis 2010 ging in Griechenland eigentlich alles gut. Aber 2010 unter Papandreu: da war sie plötzlich da, die Krise. Und jeder, aber auch wirklich jeder wollte plötzlich einen Sozialarbeiter. Sozialarbeiter waren plötzlich gesucht.

MARE PIU: Sie bekamen dann in 2010 eine Festanstellung hier bei OKYDAN?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Der Grund für den plötzlichen Bedarf an Sozialarbeitern war, dass die Regierung in der Krise ein Gesetz verabschiedet hatte, dass jede Kommune in Griechenland soziale Arbeit zu leisten habe und das auch selbst organisieren müsse. Also haben sich hier auf kommunaler Ebene ein paar Verantwortliche zusammengetan und haben OKYDAN als gemeinnützige Orgnaisation  gegründet. Dessen Vorstand wird gewählt, in unserem Fall hier in Agios Nikolaos ist das der Klinikchef Dr. Mouthazakis. In jeder größeren griechischen Kommune gibt es diese Organisationen, sie heißen aber überall anders.

MARE PIU: Haben Sie denn Kontakt zu anderen Organisationen? Zum Beispiel nach Athen oder Thessaloniki?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Haben wir leider nicht. Das ist alles sehr dezentral und spielt auf kommunaler Ebene. Das System ist aber überall dasselbe.

MARE PIU: Es war bestimmt nicht einfach, das aufzubauen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Im Gegenteil. Agios Nikolaos war 2010 schon relativ weit, es gab hier schon sehr viel: 2009 hatte mir ein Einwohner erzählt, dass er Altkleider gesammelt habe und nicht wisse: wohin damit. Wir haben dann einen Shop aufgebaut unter dem Namen MAGAZI und dort begonnen, Kleidungsstücke für Bedürftige für 1 EURO abzugeben. Von den Einnahmen kauften wir Lebensmittel, die wir an Notleidende kostenlos verteilten. Das funktioniert bis heute. Wir verfügen hier einen Vorrat an Kleidung und Lebensmitteln, aus dem OKYDAN regelmäßig verteilt.

MARE PIU: Gibt es Menschen, die hungern oder betteln gehen müssen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das muss man differenziert sehen. Wirklich arme Menschen, die betteln gehen müssten, die haben wir in Agios Nikolaos nicht. Es ist ja auch so, dass jeder hier etwas anbaut: Tomaten, Gurken, Bohnen, irgendetwas. Die Grundversorgung ist dadurch schon mal sichergestellt, über den Sommer. Im Winter müssen wir dann schon öfter einspringen. Wer nichts anbaut, wer nichts hat: dem helfen oft Nachbarn oder Angehörige. Es war ja in 2010, als wir begannen, so: dass eigentlich nur Ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen von uns Nahrungsmittel bezogen. Jetzt ist die Situation eine ganz andere: Sehr viele Familien benötigen plötzlich Lebensmittel von uns.

MARE PIU: Wir sitzen hier im 4. Stock bei OKYDAN. Darf ich neugierig sein: Was ist in den Ordnern im Bücherregal hinter Ihnen?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Jeder Ordner ist eine Familie, eine Person aus Agios Nikolaos und Umgebung, die mich aktuell wegen irgendwelcher Probleme angesprochen hat. Als wir mit OKYDAN 2010 anfingen, waren es 30 Familien im Monat. Die Griechen sind ein sehr stolzes Volk: „Pah, Probleme habe ich keine, heißt es nach außen.“ Sie kommen zuerst zu mir wegen irgendwelcher Probleme in der Familie. Und dann packen Sie langsam aus, dass dies, das jenes nicht stimmt. Dass sie in Not sind. Hilfe brauchen.
Aktuell sind es 200 Familien im Monat, die ich hier in diesem Büro betreue, die mich hier aufsuchen. Das sind die Ordner hinter mir. Von denen sind aber nur 4 über 60. Die betreue ich als Langzeitarbeitslose.
Da drüben die Ordner: das sind weitere 300 Bedürftige in unserem Programm HELP AT HOME: Menschen im Alter zwischen 70 und 100 Jahren, zu denen wir hinausgehen, Essen, Medikamente bringen und uns um die Hygiene kümmern.

MARE PIU: Das ist ein gewaltiges Pensum: Von 30 auf 500 Fälle monatlich…

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Da liegt auch das Problem. Seit Ausbruch der Krise 2010 gibt es so viel zu tun. Ich bin die einzige Sozialarbeiterin in Agios Nikolaos, die Finanzierung weiterer Langfrist-Stellen für OKYDAN durch die Kommune ist derzeit nicht möglich. Wir kriegen nicht mehr Geld. Und für mich allein ist das einfach zu viel. Wir könnten sechs Sozialarbeiter beschäftigen.

MARE PIU: Wie kommen denn die Menschen mit der täglichen Limitierung der Geldmengen zurecht: 60 Euro täglich für Besitzer einer Bankkarte und 120 Euro wöchentlich für Menschen, die keine Karte haben. Was tun die, die nicht auf die Bank gehen können? Oder der Rentner auf dem Foto, der weinend vor einer Bank zusammenbrach, weil er kein Geld bekam?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Das mit den Cash-Machines ist nicht das Problem: 60 € pro Tag sind 1.800€ im Monat. Das ist mehr, als einem Griechen normal zur Verfügung stehen. Und für die, die keine Karte haben, gibt es 120 € pro Woche. Von den Menschen, die wir betreuen, hatten wir keine Anrufe von älteren Menschen und auch keinen Klagen, dass sie nicht mehr an Geld kämen. Nicht einen. Wir gehen ja auch raus und kümmern uns um die Familien und die Menschen, bringen Lebensmittel und Medizin, kümmern uns ums Reinigen der Wohnung.
Menschen, die vor Geldautomaten weinen, das kann ich nicht glauben. Diese Bilder aus dem Fernsehen und der Presse glaube ich nicht. Es kann schon sein, dass jemand vom Warten in der Hitze erschöpft ist. Aber hier und Heraklion hat die Bank den Wartenden Wasser und Orangensaft rausbringen lassen. Das kam gut an.

MARE PIU: Was denken Sie denn, wie sich die Zahl der Leute, die Not leiden, in Agios Nikolaos weiter entwickeln wird?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Ich denke, das dürfte jetzt stabil bleiben wird.

MARE PIU: Sind Sie da nicht zu optimistisch?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: —

MARE PIU: Sie erleben hier ja täglich viele Schicksale. Was hat die Krise in Griechenland aus ihrer Sicht verursacht?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Probleme wurzeln meiner Meinung nach in den Jahren 2000 bis 2006. Damals riefen die griechischen Banken jeden zuhause an: „Möchtest Du gerne mal in Urlaub fahren? Hättest Du gerne ein neues Auto? Du kannst eine Kreditkarte haben. Würdest Du nicht gerne ein Haus bauen? Kein Problem. Wir finanzieren das!“ Also nahmen viele Menschen das Geld und erfüllten sich ihre Wünsche. Manche bauten ein Haus. Andere eins mit Pool. Weder andere bauten gleich vier Häuser. Erfolgreich sein hieß in diesen Jahren: möglichst viel Geld von der Bank aufgenommen zu haben. Und als das Geld nicht mehr reichte: nahm man halt einfach noch mehr Geld auf. Und irgendwann nahm man Geld auf, um die Schulden zurückzuzahlen. Dann kam die Krise 2010. Jeder dachte nur noch an sich und versuchte sich zu retten.

MARE PIU: Und wie kam es am vergangenen Sonntag beim Referendum aus ihrer Sicht zum „Nein“?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Auch ich habe mit „Nein“ gestimmt – und das aus vielerlei Gründen. Da ist einmal eine große Enttäuschung. Vor fünf Jahren sagte man uns: „Ihr müsst vorsichtiger mit Geld umgehen. Ihr dürft nicht so viel ausgeben. Ihr müsst sparen. Ihr müsst das so wie wir machen, dann wird alles besser.“ „Okay“ , sagten wir. „Dann macht ihr das bitte für uns.“ Aber nichts wurde besser. Alles wurde schlimmer. Ich bin einfach enttäuscht. Fünf Jahre und lauter Lügen. Ich glaube einfach nichts mehr.

Und dann kam Alexis Zipras. Er denkt, was wir denken, und er hat uns bisher nicht angelogen. Ich kann diese Lügen nicht mehr hören.

MARE PIU: Und was erwarten sie für die nächsten Monate?

EMMANOUELA GIANNIKAKI: Die Situation ist offen – Gott allein weiß, was kommt. Ich hoffe, dass sich der Premierminister sehr schnell mit der EU einigen kann. Ich wünsche mir, dass Reformen kommen, ich möchte, dass endlich die Probleme in unserem behoben werden. Dass die Reichen bei uns auch Steuern zahlen. Und sollte ein Schuldenschnitt kommen: Dann bin ich bereit, mein Teil zu leisten und zu bezahlen. Ich möchte einfach gerne ein anständiges Leben leben.

Ab kommenden Mittwoch auf MARE PIU: Wie es tsi, in schwierigen Zeiten, Bürgermeister einer Gemeinde am Meer zu sein. Ein Interview mit Antonis Zervos, Bürermeister von Agios Nikolaos.



Riesenrad

20150711

Auf Heimaturlaub

Ich hab es ja gleich gewusst. Ich halte es nicht lange aus mit meiner Blog Pause. Heute morgen beim Spazieren Gehen mit Lars ist mir durch den Kopf gegangen, was ich schreiben will. Eine gute Woche bin ich jetzt schon in Flensburg. Erst mal hab ich mich mit einer vernünftigen Internetverbindung um mein MacBook gekümmert und doch das Update gemacht. Natürlich lag der Fehler an mir, weil ich mich mit zwei verschiedenen Accounts in der iCloud angemeldet habe. Die Fehlerbeschreibung habe ich im Internet gefunden. War klar. Nachdem das korrigiert war, läuft das MacBook wieder wie geschmiert. Mit der Folge, dass ich endlich wieder vernünftig und schnell arbeiten kann.

Meine Familie hat sich natürlich eine Ast abgefreut, dass ich endlich zu Hause bin. Jeder wollte was anderes von mir. Ich bin mit Liebe und Zuneigung überschüttet worden, inklusive von Lars. An den Vormittagen habe ich dem Land unter an meinem Schreibtisch Herr zu werden versucht. Die meiste Arbeit macht doch immer wieder diese Stapel von A4 Blättern Rechnungen, Briefe, Formulare, Produkte für Lunatronic. Ich habe das Gefühl, mein Leben ist zu klein für all diese Tasks. Mit den Tagen wird es immer besser und heute werde ich mal aufräumen.

Gestern Abend haben Nathalie und ich es geschafft die Kinder über Nacht auszulagern und zum Hafen zu gehen. Die Flensburger Dampf Rundum beherrscht unsere Stadt. Am Kai reiht sich eine Fress- und Trinkbude neben der anderen. Ein Flens aus dem Plastikbecher, ein Bratwurst am Schwenkgrill. „Komm Nathalie. Ich lade Dich zum Riesenrad ein!“ Kaum eingestiegen und an der höchsten Stelle geht die 80er Kirmesmusik und die 12.000 Lampen des Riesenrads aus und das Feuerwerk der Hafenparade fängt an. „Heyhey hey. Jetzt wird es aber romantisch und kuschelig! Hab ich das nicht prima gebucht Nathalie?“ Ich muss sagen, ich bin wirklich glücklich, dass Flensburg mein Heimathafen ist und meine Familie nicht wieder nach Düsseldorf gezogen ist! Nathalie und ich versacken an der Bar des angesagten Kaffeehauses mit zwei Caipis vor der Nase und einer Horde wildgewordener Abistudenten hinterm Rücken. Das Leben kann so schön sein.


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Segel doch mit ab Falmouth nach La Coruna. Die Biskaya ist immer eine Reise wert! www.marlin-expeditions.com

Heute in Griechenland (5): Komme ich im Urlaub an Geld,Diesel,Lebensmittel heran?

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Der Urlaubsort Agios Nikolaos im Osten Kretas am gestrigen Abend. Im Vordergrund der Voulismeni-See, mitten im Ort ein mit Süßwasser gefüllter Vulkankrater, der erst seit ein paar Jahrzehnten eine künstliche Verbindung zum Meer hat. Alle Bilder dieses Posts wurden in den letzten 24 Stunden hier in Agios Nikolaos aufgenommen.  
Freitag, 10.7.2015: Mit dem pünktlichen Eintreffen eines neuen Reformplanes aus Athen heute Nacht in Brüssel hat sich auch die Stimmung in den deutschen Medien etwas gelegt. Das Wort von der „humanitären Katastrophe“, das SPIEGEL und andere Medien Anfang der Woche noch über die Situation in Griechenland verbreitet hatten, es ist verschwunden so schnell, wie es aufgetaucht ist. Aber damit ist die drohende Pleite der griechischen Banken und des griechischen Staates überhaupt nicht vom Tisch. Und die Dinge und Mißstände, die der Marina-Betreiber Mikhalis Farsaris so klar und präzise im gemeinsamen Umgang zwischen Europäern und Griechen aufgelistet hat, auch nicht.
Wie ist die Situation tatsächlich in Agios Nikolaos, einem Urlaubsort mit knapp 12.000 Einwohnern hier im Osten Kretas? Bekomme ich tatsächlich alles, was ich brauche?
Für heute habe ich mir einen Selbsttest verordnet – eine Art „Stress-Test“ für Agios Nikolaos, sozusagen:
Ich gehe zuerst los, um für LEVJE Diesel zu besorgen. 
Dann: werde ich Geld abheben. 
Und dann Lebensmittel einkaufen. 

Ganz normale Dinge also. Beginnen wir also unseren Rundkurs:
1. Diesel im Hafen bekommen.
LEVJE, meine DEHLER 31, hat keinen großen Tank: 40 Liter gehen hinein, dazu führe ich 20 Liter in zwei Kanistern mit. Etwa 25 Liter bräuchte ich. Also gehe ich hier in der Marina zur kleinen Rezeption. Meine gute Despina ruft sofort Iannis, den Marinero auf der Pier an. Zwei Minuten später treffe ich ihn – das passt gut, meint Iannis, eine andere Segelyacht bräuchte 250 Liter Diesel, dann würde er den Tanklaster gleich bestellen, ich solle doch mit zwei Kanistern in zehn Minuten da sein. Und so wackle ich also zurück zu LEVJE, hole meine beiden Kanister und wackle wieder zurück zur großen Pier. Dort wartet Manolos neben seinem Tanklaster schon, er hat die holländische Yacht mit 250 Litern schon versorgt und schaut auf die Uhr. Er sieht aus, als wäre er von Früh bis spät auf den Beinen. 
Das Abfüllen meiner beiden Kanister zieht sich etwas, weil er den richtigen Stutzen nicht dabei hat. Am Ende zahle ich 26 Euro für 20 Liter. Und wackle wieder zurück zu LEVJE. Wo Iannis, weil ihm grad fad war, meine beiden Kanister per Roller hingebracht und vor LEVJE abgestellt hat. Passt. 
Volle Punktzahl: Alle vier von vier erreichbaren Punkten.
2. Geld am Automaten abheben.

Es wurde viel geschrieben über die langen Schlangen vor den griechischen Geldautomaten. Und wie schrecklich es sei, pro Tag nur 60€ abheben zu dürfen.

Dass das mit den 60 € täglich eigentlich eine ganz entspannte Sache ist, die die Griechen jedenfalls hier und im benachbarten Herklion, immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands, auch ganz entspannt annehmen: darauf hat mich ebenfalls Mikhalis Farsaris gebracht.

                                          Weiterlesen bei: Warum Mikhalis Farsaris sagt: „They pay like hell“. Hier.

Tatsächlich habe ich hier in dieser Woche nicht eine jener Menschentrauben vor Geldautomaten gesehen. Aber wie sieht’s denn aus: Komme ich als Urlauber an Bargeld? Unbegrenzt? Auch wenn jede Bank seit einer Woche geschlossen ist?

Weil ich ja gerne gegen den Stachel löcke, suche ich mir einen Geldautomaten mitten in der Innenstadt aus, genau unter dem großen OXI-Plakat von SYRIZA. Niemand vor mir am Apparat, also gleich ran.

Bedienung wie auch in Deutschland, ich könnte alle Beträge wählen, auch oberhalb 600 Euro. Das mache ich aber nicht – ich will nicht, dass dem nächsten nach mir ein leerer Geldautomat OXI sagt, wenn er 60 Euro abheben will. Also belasse ich es zu Testzwecken bei 200 Euro. Und die sind sofort da. Alle schön nagelneu und druckfrisch.
Erneut vier von vier Punkten. Damit stehen wir bei acht von acht erreichbaren Punkten.
3. Lebensmittel. Und: Haben eigentlich alle zu essen?

In einem Post vor wenigen Tagen schrieb ich darüber, wie ich mich als Segler für einen einwöchigen Törn hier im örtlichen CARREFOUR-Supermarkt anstandslos versorgte. 

                                                     Weiterlesen bei: Warum Despina kein Geld von mir annimmt. Hier.
Daran hat sich bis heute überhaupt nichts geändert. Um meinen „Stresstest“ mit gebotener deutscher Gründlichkeit durchzuführen, kaufe ich in drei verschiedenen Supermärkten mitten im Ort ein: Frisches Brot. Frisches Obst. Wasser. Weißwein. Tomaten. Käse. Alles da.
Erneut vier von vier Punkten. 
Also insgesamt: „La Grèce: Douze Points!“ 

Doch bleiben wir realistisch: 

Zum einen: Griechenland besitzt etwa 6.000 Inseln, von denen gerade mal 113 bewohnt sind. Griechenland ist damit der Staat mit den meisten Inseln im Mittelmeer. 

                                                 Weiterlesen bei: Wieviele Inseln gibt es im Mittelmeer? Hier.

Was für Kreta und Agios Nikolaos stimmt, kann anderswo anders sein. Was ich aber nicht glaube: noch vorige Woche waren auf Lefkas, dem großen griechischen Charterzentrum, die Dinge nicht anders als hier in Agios Nikolaos.
Vor allem in und um die Großstädte Athen und Thessaloniki kann es anders aussehen. Und im Krisenfall auch anders „zur Sache gehen“.

Zum anderen: Die griechische Krise ist definitiv vorhanden – und noch nicht vom Tisch. Die Dinge können morgen anders aussehen.

Und Morgen?


Das ist Emanuela Gianikaki, Diplom-Sozialarbeiterin. Sie ist aufgewachsen am Meer hier auf Kreta in Rethymno. Sie ist offizell von der Gemeinde Agios Nikolaos bestellt und seit 2010 für die Sozialarbeit verantwortlich. 
Ich habe sie heute in ihrem Büro besucht, weil ich wissen wollte:
• Wie geht es Menschen, die über keine Rücklagen verfügen?
• Wie geht es den Griechen, die jetzt gerade nicht an ihr Sparkonto kommen?
• Was tun Menschen in Not in einem Land, das fast pleite ist?

Das Interview mit Emanuela Gianikaki können Sie lesen ab morgen, Samstag Abend auf Mare Più.


                           Jeden Post aus der Serie HEUTE IN GRIECHENLAND lesen: Nach unten scrollen.
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Herausgegeben vom Autor von MARE PIU:

Vierzig Segler erzählen ihre Geschichte, wie es ihnen im Gewitter auf See erging.
„Ich bin hellauf begeistert… es sind ja die persönlichen Geschichten, die Geschichten aus der Praxis, die Dramen, die den Unterschied zu einem Lehrbuch machen.“
Ein Leser in seinem Post.

Mehr erfahren: Hier klicken.

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Heute in Griechenland (5): Komme ich im Urlaub an Geld, Diesel, Lebensmittel heran?

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei aufgebrochen und über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.
 
Der Urlaubsort Agios Nikolaos im Osten Kretas am gestrigen Abend. Im Vordergrund der Voulismeni-See, mitten im Ort ein mit Süßwasser gefüllter Vulkankrater, der erst seit ein paar Jahrzehnten eine künstliche Verbindung zum Meer hat. Alle Bilder dieses Posts wurden in den letzten 24 Stunden hier in Agios Nikolaos aufgenommen.
Freitag, 10.7.2015: Mit dem pünktlichen Eintreffen eines neuen Reformplanes aus Athen heute Nacht in Brüssel hat sich auch die Stimmung in den deutschen Medien etwas gelegt. Das Wort von der „humanitären Katastrophe“, das SPIEGEL und andere Medien Anfang der Woche noch über die Situation in Griechenland verbreitet hatten, es ist verschwunden so schnell, wie es aufgetaucht ist. Aber damit ist die drohende Pleite der griechischen Banken und des griechischen Staates überhaupt nicht vom Tisch. Und die Dinge und Mißstände, die der Marina-Betreiber Mikhalis Farsaris so klar und präzise im gemeinsamen Umgang zwischen Europäern und Griechen aufgelistet hat, auch nicht.
Wie ist die Situation tatsächlich in Agios Nikolaos, einem Urlaubsort mit knapp 12.000 Einwohnern hier im Osten Kretas? Bekomme ich tatsächlich alles, was ich brauche?
Für heute habe ich mir einen Selbsttest verordnet – eine Art „Stress-Test“ für Agios Nikolaos, sozusagen:
Ich gehe zuerst los, um für LEVJE Diesel zu besorgen.
Dann: werde ich Geld abheben.
Und dann Lebensmittel einkaufen.
Ganz normale Dinge also. Beginnen wir also unseren Rundkurs:
1. Diesel im Hafen bekommen.
LEVJE, meine DEHLER 31, hat keinen großen Tank: 40 Liter gehen hinein, dazu führe ich 20 Liter in zwei Kanistern mit. Etwa 25 Liter bräuchte ich. Also gehe ich hier in der Marina zur kleinen Rezeption. Meine gute Despina ruft sofort Iannis, den Marinero auf der Pier an. Zwei Minuten später treffe ich ihn – das passt gut, meint Iannis, eine andere Segelyacht bräuchte 250 Liter Diesel, dann würde er den Tanklaster gleich bestellen, ich solle doch mit zwei Kanistern in zehn Minuten da sein. Und so wackle ich also zurück zu LEVJE, hole meine beiden Kanister und wackle wieder zurück zur großen Pier. Dort wartet Manolos neben seinem Tanklaster schon, er hat die holländische Yacht mit 250 Litern schon versorgt und schaut auf die Uhr. Er sieht aus, als wäre er von Früh bis spät auf den Beinen.
Das Abfüllen meiner beiden Kanister zieht sich etwas, weil er den richtigen Stutzen nicht dabei hat. Am Ende zahle ich 26 Euro für 20 Liter. Und wackle wieder zurück zu LEVJE. Wo Iannis, weil ihm grad fad war, meine beiden Kanister per Roller hingebracht und vor LEVJE abgestellt hat. Passt.
Volle Punktzahl: Alle vier von vier erreichbaren Punkten.
2. Geld am Automaten abheben.

Es wurde viel geschrieben über die langen Schlangen vor den griechischen Geldautomaten. Und wie schrecklich es sei, pro Tag nur 60€ abheben zu dürfen.

Dass das mit den 60 € täglich eigentlich eine ganz entspannte Sache ist, die die Griechen jedenfalls hier und im benachbarten Herklion, immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands, auch ganz entspannt annehmen: darauf hat mich ebenfalls Mikhalis Farsaris gebracht.

Tatsächlich habe ich hier in dieser Woche nicht eine jener Menschentrauben vor Geldautomaten gesehen. Aber wie sieht’s denn aus: Komme ich als Urlauber an Bargeld? Unbegrenzt? Auch wenn jede Bank seit einer Woche geschlossen ist?
Weil ich ja gerne gegen den Stachel löcke, suche ich mir einen Geldautomaten mitten in der Innenstadt aus, genau unter dem großen OXI-Plakat von SYRIZA. Niemand vor mir am Apparat, also gleich ran.
Bedienung wie auch in Deutschland, ich könnte alle Beträge wählen, auch oberhalb 600 Euro. Das mache ich aber nicht – ich will nicht, dass dem nächsten nach mir ein leerer Geldautomat OXI sagt, wenn er 60 Euro abheben will. Also belasse ich es zu Testzwecken bei 200 Euro. Und die sind sofort da. Alle schön nagelneu und druckfrisch.
Erneut vier von vier Punkten. Damit stehen wir bei acht von acht erreichbaren Punkten.
3. Lebensmittel. Und: Haben eigentlich alle zu essen?

In einem Post vor wenigen Tagen schrieb ich darüber, wie ich mich als Segler für einen einwöchigen Törn hier im örtlichen CARREFOUR-Supermarkt anstandslos versorgte.

Daran hat sich bis heute überhaupt nichts geändert. Um meinen „Stresstest“ mit gebotener deutscher Gründlichkeit durchzuführen, kaufe ich in drei verschiedenen Supermärkten mitten im Ort ein: Frisches Brot. Frisches Obst. Wasser. Weißwein. Tomaten. Käse. Alles da.
Erneut vier von vier Punkten. 
Also insgesamt: „La Grèce: Douze Points!“ 
 
Doch bleiben wir realistisch: 
 
Zum einen: Griechenland besitzt etwa 6.000 Inseln, von denen gerade mal 113 bewohnt sind. Griechenland ist damit der Staat mit den meisten Inseln im Mittelmeer. 


Was für Kreta und Agios Nikolaos stimmt, kann anderswo anders sein. Was ich aber nicht glaube: noch vorige Woche waren auf Lefkas, dem großen griechischen Charterzentrum, die Dinge nicht anders als hier in Agios Nikolaos.
Vor allem in und um die Großstädte Athen und Thessaloniki kann es anders aussehen. Und im Krisenfall auch anders „zur Sache gehen“.
 
Zum anderen: Die griechische Krise ist definitiv vorhanden – und noch nicht vom Tisch. Die Dinge können morgen anders aussehen.
 
Und Morgen?
 
 
Das ist Emanuela Gianikaki, Diplom-Sozialarbeiterin. Sie ist aufgewachsen am Meer hier auf Kreta in Rethymno. Sie ist offizell von der Gemeinde Agios Nikolaos bestellt und seit 2010 für die Sozialarbeit verantwortlich. 
Ich habe sie heute in ihrem Büro besucht, weil ich wissen wollte:
• Wie geht es Menschen, die über keine Rücklagen verfügen?
• Wie geht es den Griechen, die jetzt gerade nicht an ihr Sparkonto kommen?
• Was tun Menschen in Not in einem Land, das fast pleite ist?
 
Das Interview mit Emanuela Gianikaki können Sie lesen ab morgen, Samstag Abend auf Mare Più.

 

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Herausgegeben vom Autor von MARE PIU:

 

Vierzig Segler erzählen ihre Geschichte, wie es ihnen im Gewitter auf See erging.
„Ich bin hellauf begeistert… es sind ja die persönlichen Geschichten, die Geschichten aus der Praxis, die Dramen, die den Unterschied zu einem Lehrbuch machen.“
Ein Leser in seinem Post.
Mehr erfahren: Hier klicken.

 

 
 

Routine

Morgens gibt es Kaffee ans Bett. Meistens von Johannes serviert. Zum einen, weil er fast immer vor mir wach ist – zum anderen soll es erwähnt werden, um zu zeigen, wie lieb er zu mir ist. So. Beim Kaffee und…

Heute in Griechenland (3): Warum Despina kein Geld von mir annimmt.

„Medikamente, Lebensmittel, Gas und Öl – vielen Griechen fehlt es schon jetzt am Nötigsten. Über eine humanitäre Katastrophe will kaum ein Spitzenpolitiker reden, doch intern und bei Hilfsorganisationen werden schon Szenarien durchgespielt“, schreibt SPIEGEL ONLINE heute abend auf seiner Titelseite. Zeilen wie diese legen den Schluß nahe, dass ein Land am Abgrund steht. Ich bin hier, um nachzusehen.

Heraklion, mit fast 175.000 Einwohnern immerhin viertgrößte Stadt Griechenlands: Lange Schlangen finde ich – aber nicht vor Banken und Geldautomaten, an denen ich vorbeischlendere. Sondern vor der Kasse des archäologischen Freigeländes von Knossos, wo Mittags alle Parkplätze belegt sind. Die Schlange ist mehr als 50 Meter lang. Ich höre: Ungarisch, Italienisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Portugiesisch, Tschechisch, Russisch. In der Warteschlange vor Minotaurus‘ Palast scheint Europa wunderbar zu funktionieren.

Nachmittags im CARREFOUR-Supermarkt: Es ist nicht viel los – ist ja auch Nachmittag. Fehlen – siehe oben – tut in den Regalen eigentlich nichts. Niemand verdächtigt mich der Hamsterei, als ich – ganz Segler beim Aufbruch – einen Berg Mineralwasser zur Kasse schiebe, getoppt von einem Hügel Tomatenkonserven und Sardinendosen. Nein, in Hamsterstimmung aus Furcht vor dem Zusammenbruch ist hier auf Kreta auch kaum jemand. Ein griechisches Pärchen am prall gefüllten Käseregal, das sich irgendwie fürs Abendessen nicht entscheiden kann. 
Keine Krise? Alles nur Medien-Fake? Es fällt mir jedenfalls schwer, hier auf Kreta Krisenstimmung zu entdecken. Die zwei Wirte, mit denen ich sprach, sind zufrieden mit dem Geschäft in diesem Sommer bisher. Der Autoverleiher von SIXT auch. Der grinst, als ich ihn auf die westlichen Medien anspreche. Ja, das würde er auch lesen. Und sich wundern. 
Kann es sein, dass ein Land, das nur Tage vor dem großen Kollaps steht, so entspannt ist? Griechen, die in Kaffees ihren Frappé schlürfen? Ältere Dämchen, die gemächlichen Schrittes ihr Hündchen Gassi führen? Es passt alles nicht ins Bild des Landes, dessen Banken nur noch einen Hauch von der Insolvenz entfernt sind.


Fast schon denke ich, im falschen Land zu sein, so wie der Mann, der nach Brasilien wollte und dafür extra Spanisch paukte, nur um festzustellen: dass man das überall in Südamerika, nur in Brasilien nicht gebrauchen kann. Irrtum, denke ich also. Bis ich ins Museum von Heraklion gehe. 
An der Kasse des Museums will ich meinen Rucksack abgeben, aber man weist mich ein paar Schritte weiter, um das Museum herum, am Caffee vorbei. Und dort sitzt: Despina, Mitte 40, im Freien vor einem Blechregal mit zwei Koffern. Freundlich nimmt sie meinen Rucksack, ich frage, ob der bei ihr auch sicher sei, schließlich sei mein Computer drin, „ohne“ sei ich wertlos. Despina, offensichtlich halbseitig gelähmt, lächelt und sagt in gebrochenem Englisch, ich solle mir keine Sorgen machen, der Rucksack sei sicher bei ihr. Mühevoll malt sie eine „Sechs“ auf einen kleinen gelben Zettel, den solle ich nur ja wieder mitbringen. Und weil mir Despina das sagt, drum gebe ich den gelben Zettel mit der Sechs die Stunden, die ich im Museum verbringe, nicht mehr aus der Hand. 
Als ich zu Despina zurückkehre, sitzt sie immer noch im Freien vor dem Blechregal, in dem einsam mein schwarzer Rucksack liegt. Artig zeige ich meine „Sechs“, Despina händigt mir meinen Rucksack aus, ohne etwas dafür zu verlangen. Also greife ich in meine Tasche, will ihre Mühe vergelten. Aber Despina lehnt energisch ab. Nein nein, das ginge nicht. Nein, wirklich nicht.
Fast schon will ich gehen, da greife ich zu einer kleinen List, damit sie, die es sicher brauchen kann, doch noch etwas von mir annimmt: Ich gehe zurück und bitte sie, doch das Wenige anzunehmen und einem Menschen zu geben, den sie kenne und der gerade in Not sei. Wieder schüttelt Despina ihr Haupt: Das ginge nicht. Das dürfe sie nicht. Und lehnt entschlossen ab.
Belassen wir es bei dieser Geschichte von der aufrechten Despina. 
PS:
Ins Museum ging ich eigentlich nur wegen des Stier-Reliefs auf dem Foto oben. Es erschien vergangenes Wochenende in der SÜDDEUTSCHEN mit dem Hinweis, der Tourismus auf Kreta sei stark zurückgegangen seit Ausbruch der Krise. 
Das Stier-Relief fand ich im Museum. Als ich hinkam, war es umlagert von etwa 30 Chinesen. Die nächste Reisegruppe dahinter wartete bereits…

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Vom Autor von MARE PIU: 

Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.


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Das Buch "Gewittersegeln" – eine Rezension

Zugegeben: Ich habe dem Buch Gewittersegeln eine Geschichte beigesteuert, bin aber doch jetzt erst dazu gekommen es einmal ganz durchzulesen. Und bin hellauf begeistert. Warum? 
Es sind die persönlichen Erlebnisse, die Geschichten aus der Praxis, die unerwarteten Dramen die den Unterschied zum Lehrbuch machen. Der Grund warum man Kurse belegt oder Vorlesungen besucht, obwohl man seine auch selbsterworbenen Kenntnisse meist nur in einer Abschlussprüfung belegen müsste. Die Theorie prägt sich durch Geschichten aus der Praxis einfach besser ein und die Wahrheit ist ja oft viel komplexer als es ein Lehrbuch darstellt. An Bord meines Bootes habe ich den Klassiker „Seemannschaft“ und ein SSS Lehrbuch. In beiden Büchern wird auf nur wenigen Seiten auch über Gewitter geschrieben, aber es fehlen die Beispiele aus dem Leben. Denn die von den 40 Autoren beschriebenen Abenteuer bis Katastrophen aus den verschiedensten Regionen haben eines gemeinsam. Der Zustand Gewitter vermischt sich immer mit einer persönlichen Komponente. Und erst deren Kombination wird zur Gefahr. 
So wie im Auto eine Fahrt im Dunkeln durch Schnee oder Regen erst einmal unkritisch ist, ändert sich das durch Übermüdung des Fahrers, abgefahrene Reifen, fehlende Landkarten. Es ist immer die Kombination die zu Unfällen führt, und die in den Lehrbüchern nicht beschrieben wird. In der „Seemannschaft“ steht nichts von nachlassender Wachsamkeit auf langem Törn bei schönem Wetter – und schon liegt man platt auf dem Wasser. Nichts von der wegen übermässiger Vorsicht lästernden Ehefrau – und schon ist man zu tief in einer ungeeigneten Ankerbucht gefangen. Der unterdimensionierte Aussenborder, der fehlende Mann bei einer langen Yachtüberführung. Die Variationen sind so zahlreich wie die Autoren, und das ist gut so. Reviere, Kenntnisstand, Yachtgröße, Schreibstil…alles variiert, so das dieses Buch einfach nicht langweilig wird. 
Die meisten der Geschichten werden ergänzt durch Selbsteinsichten der Autoren, was sie hätten anders machen können und heute anders machen würden. Ich würde mir noch viel mehr dieser Praxisbücher zu weiteren Themen der Segelei wünschen, denn ähnlich wie die Praxisaufgaben in der Navigation, festigen sie erst den Kenntnisstand des Seefahrenden und bieten ihm im Ernstfall einen fremderlebten Wissensfundus, der hilft eben diese gefährliche Kombination aus Fehlern zu vermeiden. Die meisten der Geschichten enden dann auch nur mit einem Schrecken oder einer neuen Erfahrung, doch ein tödlicher Ausgang einer Überführung im Mittelmeer zeigt wie schnell auf See etwas Ernstes passieren kann. Und je intensiver man sich mit den vielfältigen Gefahren der Gewitter vorher auseinandergesetzt hat, umso ruhiger kann man im Ernstfalle damit umgehen. 
Und dafür plädiere ich in meiner Geschichte im Buch. Sicherheit durch gute Vorbereitung, damit man auf See der Gefahr begegnen kann und ihr die Stirn bietet. Und nicht verunsichert und verängstigt falsche Entscheidungen trifft. Und auf etwas Aberglauben und auch das bewusste Auskosten der Gefahren, die das Abenteuer Seefahrt nun mal seit Jahrhunderten in sich birgt. Und die man dann in den Seemannskneipen der Welt zu hören bekommt. Oder in diesem Buch zu lesen bekommt. Denn im Sessel vor dem Fernseher erlebt man so etwas nun einmal nicht. Mehr davon!   

Blogger Thomas Käsbohrer berichtet aus Griechenland

Die aktuellen Ereignisse in Griechenland lassen viele Segler in Sorge zurück. Wie geht es weiter? Ist mein Boot noch sicher im Hafen? Kann ich noch sorglos in Griechenland chartern? Was bedeuten die Beschrän­kungen im Zahlungsverkehr im Alltag? Fragen wie diese und die Presseberichterstattung über Engpässe und den unmittelbar bevorstehenden Austritt aus dem Euro – den GREXIT – legen den Schluss nahe, dass Griechenland am Abgrund steht. Überrascht von den Ergebnissen des Referendums am Sonntag ist Thomas Käsbohrer zurückgekehrt zu seinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos auf Kreta, um von hier in seinem Blog MARE PIÙ zu berichten, was die Menschen in Griechenland heute bewegt, wie es ihnen in dieser Krise tatsächlich ergeht und was das alles für den Segler bedeuten mag, der sein Boot in einer griechischen Marina liegen hat.

Flagge Griechenland

Wie geht es meinem Boot in Griechenland? © millemari. UG

Das Referendum in Griechenland vom Wochenende, es hat unmittelbaren Einfluss auf das Leben der Menschen. Auf ihr Selbstverständnis, was Griechenland ist und wo es stehen soll in einem europäischen Zusammenhang. Eigentlich ging es um viel mehr und doch zugleich um nichts: Das viel mehr, um das es ging, ist: Wollen 10 Millionen Griechen weiter einen sehr schmerzhaften Weg innerhalb einer wirtschaft­lichen Gemeinschaft gehen, mit all den Verpflichtungen und, ja: „Verbindlichkeiten“, die zum Leben in einer Gemeinschaft gehören? Und das Nichts? Es ist die Frage „Wollen 10 Millionen Griechen stattdessen lieber einen ebenso schmerzhaften, aber etwas eigenstän­digeren Weg gehen?“ Die Antworten auf diese Fragen fallen so ganz anders und vielschichtiger aus, als man sie aus den Medien hierzulande kennt. Das Land, das so viele fast schon abgeschrieben haben – es hat viele Facetten. Ebenso viele, so möchte man meinen, wie Inseln in der Ägäis.

Auf den ersten Blick ist für den Griechenlandreisenden alles wie immer. Anders als erwartet ist die Maschine von München nach Heraklion fast ausgebucht. Im Flugzeug Lachen und Ausgelassenheit. Für die Men­schen im Flieger: endlich Ferien. Auf Kreta bietet sich folgendes Bild. Boote, die im Hafen dümpeln, Menschen, die ihren Kaffee in der Sonne genießen, das Warenangebot in Supermärkten und bei Händlern in gewohnter Fülle. Alles also nur Sensationsjournalismus westeuropäischer Medien? Mitnichten. Die Antwort dürfte ein klares „Jein“ sein. Noch ist aber kein Grund zur Stornierung des Griechenland-Törns in Sicht.

Man muss schon etwas genauer hinsehen und vor allem genauer hinhören, um die Auswirkungen der aktuellen Krise auf den Inseln zu erahnen. Und so sieht der aufmerksame Beobachter neben dem aufgrund seiner stabilen Umsätze zufriedenen Autovermieter in Heraklion und der aufrechten Garderobenfrau, die sogar das kleine Trinkgeld nicht annehmen darf, das man ihr anbietet, auch nachdenklich stimmende Bilder von leeren Restaurants. Wer mit den Menschen spricht, erfährt, welche konkreten Auswirkungen es auf das Alltagsleben hat, wenn der Bankautomat zwar 60 Euro täglich ausspuckt, aber viele Griechen gar keine Karte haben, um einen dieser Bankautomaten zu benutzen. Sie sind in Wahrheit oft auf eine kleine wöchentliche Abhebung angewiesen, die die Banken erlauben.

Auf den ersten Blick ist für den Griechenlandreisenden alles wie immer. © millemari. UG

Auf den ersten Blick ist für den Griechenlandreisenden alles wie immer. © millemari. UG

Und was bedeutet die Situation für den Segler auf eigenem Kiel oder an Bord einer Charteryacht? Man hört von Seglern, dass auf Bargeldzahlungen bis zu 10 Prozent Rabatt gegeben werden, während Taxifahrer eine Zahlung mit Kreditkarte ablehnen. Doch während neue Charterbuchungen einerseits drastisch zurück­gehen, bietet der Hafen in Agios Nikolaos Urlaubs­romantik und wie eh und je flanierende Sommer­frischler. Fern scheinen die Geschichten, die man in den Nachrichten hört von einem Staat im Zusammen­bruch, der weder die eigenen Landsleute bezahlen noch die zahlreichen Flüchtlinge versorgen kann, die täglich an die Küsten der Inseln gelangen. Noch ferner die Sorge, das Boot könnte im Hafen nicht mehr sicher sein, da es im Zuge einer bevorstehenden Staatspleite exorbitant besteuert oder schlimmer gar beschlagnahmt werden könnte.

Also gilt es, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen. Thomas Käsbohrer und MARE PIÙ gehen nachsehen. Wer sich als Segler und Liebhaber von Land und Leuten informieren möchte, dem sei der tägliche Klick auf www.marepiu.blogspot.de empfohlen. Denn die Geschichten von MARE PIÙ sind am Menschen ausgerichtet. Wenn ihr „Capitano“ LEVJE im Hafen zurück lässt, um mit Menschen zu sprechen, die üblicherweise in den Medien keine Stimme erhalten – Marinabetreiber, Fischer, Restaurantbesitzer oder kleine Geschäftsleute – entsteht ein komplexeres Bild eines Landes, das trotz seines spontanen Neins zu weiteren Sparmaßnahmen unbedingt an Europa festhalten möchte. Aus aktuellem Anlass berichtet MARE PIÙ täglich über die Ereignisse in Griechenland, die Auswirkungen auf die Menschen auf den Inseln und was dies alles für Segler bedeutet.

„Eigentlich leben wir seit fünf Jahren mit dem Gefühl, dass der Bankrott unserer Banken und unseres Staates jederzeit möglich ist“, sagt denn auch der Betreiber einer Marina auf Kreta und berichtet im selben Atemzug von erfreulich guten Buchungen fürs Winterhalbjahr. Die Realität, so scheint es, ist komplexer, als es manche Tageszeitung wahrhaben will.

Der Blog Mare Più. www.marepiu.blogspot.de

Eine Website über das Leben am Meer. Mit Geschichten vom und über das Meer. Und über die Menschen, die dort leben.

Einmal München Antalya bitte Cover (2)Thomas Käsbohrer: Nach 21 Jahren als Geschäfts­führer eines Verlages hat Thomas Käsbohrer seine Route geändert und ist mit seinem kleinen Boot unter­wegs durchs Mittelmeer. Der Blog MARE PIÙ folgt locker der Route, die Thomas Käsbohrer und sein Schiff LEVJE, eine Dehler 31, durch das Mittelmeer zurücklegen.

Das Buch: „Einmal München – Antalya, bitte.“ ist erschienen im Verlag millemari. – 1000 Meere. www.millemari.de

Ein ruhiger Freitagabend im Hafen…

Geschichten die das Seglerleben so schreibt:

Ein warmer Freitagabend im Sommer am Hafen. Eigentlich wollte ich nur auf noch ein Bier mit einem Kumpel kurz an Bord gehen. Nur ist mir Nachmittags aber das erste mal seit 3 Jahren das Spinnakerfall ausgerauscht. Statt entspannt mit einer Dose kühlen Getränks stehen wir also nun kopfkratzend mit in die Hüften gestemmten Armen vor dem Mast.

Also sich fix bei Stephan gegenüber einen Bootsmannsstuhl ausgeliehen. “Komm, zu dritt gehts einfacher!” meinte er noch, und schon gehts für mich in die zweite Etage. So hab ich mir den Freitag Abend irgendwie nicht vorgestellt. Meine Höhenangst hält sich zwar in Grenzen, aber irgendwie ist diese Mastkletterei doch nicht die Lieblingsbeschäftigung eines Skippers. Die “Boah bist du schwer geworden” Rufe der Kollegen unten an der Kurbel machen das Ganze auch nicht angenehmer. Oben angekommen das Fall wieder runtergeholt und zurück in die 1. Etage – Herrenmode. Dachte ich mir so.

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Aber unten angekommen kratzt sich Stephan nun so verdächtig am Kopf. “Also da ist noch so eine Flaggleine bei mir unter der Saling…”. Also das Ganze noch mal von Vorne. Nur, dass der zweite Mast schon gute 15m hat. Wenigstens hat sich mit Sven noch der nächste Stegnachbar zur Hilfe angeboten. Wenigstens quengeln die Kurbelmatrosen da unten also nicht mehr so laut. Kann man oben eh nicht hören. ;-)

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Unten angekommen schaut Sven dann nur so verdächtig in seinen eigenen Masttopp. Was tut man nicht alles für Kameraden: Ich frage nur noch scherzhaft, was bei ihm denn so zu machen wäre. Also gleich das Ganze noch mal von vorn. Obwohl es schon 22:00 ist. Hat aber auch Vorteile, denn auf Svens 20m Kloppermast erlebe ich so noch einen zweiten Sonnenuntergang. Mittlerweile hab ich als Kletterhörnchen auch die Aufmerksamkeit des halben Hafens plus Touristen an der Promenade. Und ich bin wieder komplett im Training.

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Bevor jetzt noch weitere Clubkameraden mit diesem gefährlich verschämten Nackenkratzen und fragendem Blick ankommen, ziehen wir uns aber ins Cockpit zurück und genießen den Sundowner. 3 Masten in einer halben Stunde reichen fürs Erste. Ich wollte schließlich Segler und nicht Bergsteiger werden. Es bleibt die Erkenntnis, dass es einen “schnellen ruhigen Sundowner an Bord” irgendwie nicht gibt. Irgendwas an Bord ist immer. Und trotzdem machen diese kleinen Stories und die Kameradschaft das Seglerleben erst zu dem was es ist.

Heute in Griechenland (4): Warum ein Unternehmer sagt: "Everybody inGreece Pays like Hell."

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

                                                                             Weiterlesen bei: Heute in Griechenland, Teil 1. Hier.

Das ist Mikhalis Farsaris. Er ist Vorstand von DAEAN und damit zweierlei: Herr über fast alle Strände von Agios Nikolaos sowie der zugehörigen MARINA AGIOS NIKOLAOS mit 260 Liegeplätzen. Zwar gehören Ufer und Marina dem griechischen Staat, aber in Agios Nikolaos wurden – wie in anderen Gemeinden an der Küste auch – die Nutzungsrechte an eine private Gesellschaft übertragen, in diesem Fall DAEAN. Mikhalis Farsaris ist lange im Geschäft. Nebenbei betreibt er auch ein kleines Hotel.
MARE PIU: Wie läuft es bei Ihnen, drei Tage nach dem „Nein“?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich läuft dieses Jahr für uns ganz gut. Wir haben bislang keine Einbrüche bei den Besuchern an den Stränden hier in Agios Nikolaos. Da gibts zwar immer mal die eine oder andere Verschiebung von Strand zu Strand. Mal läufts am einen besser. Mal am anderen. Aber in Summe sind wir im Umsatz auf Vorjahres-Niveau. 
In der Liegeplatz-Vermietung hier in der Marina Agios Nikolaos sieht es ähnlich aus: Etwa 40% sind Einheimische, etwa 60% auswärtige Langfahrtsegler. Wir haben etwa 160 Liegeplatz für Schiffe über 10 Meter Länge. Die Festbuchungen der Langfahrtsegler, der „Live-Aboards“, die ihren Winter hier verbringen werden, sehen fürs Winterhalbjahr gut aus. Richtig vielversprechend sind die Reservierungen fürs Winter-Halbjahr, da haben wir mehr Anmeldungen als üblich.
MARE PIU: Wie geht das denn? Glaubt man der Presse in Deutschland, dann ist Griechenland in wenigen Tagen zahlungsunfähig, die Banken schließen und nichts geht mehr?
MIKHALIS FARSARIS: Die internationale Presse hat sicher auch einen großen Anteil an der chaotischen Situation, die hier herrscht. Vergangene Woche erschien in der FINANCIAL TIMES ein Bericht, nach dem griechische Spar-Guthaben ab einer Höhe von 8.000 Euro für außerordentliche Abgaben an den Staat herangezogen werden sollen – ein Alptraum. Selbst in Zypern wurden beim Crash vor einigen Jahren nur Konten ab einer Höhe von 100.000 Euro belastet. Die mussten einfach über Nacht die Hälfte ihrer Guthaben an den Staat abgeben.
MARE PIU: Das verstehe ich nicht. Die Stimmung hier in Agios Nikolaos ist doch gut. Augenscheinlich ist doch alles wie immer?
MIKHALIS FARSARIS: Ist es ja auch. Eigentlich leben wir seit fünf Jahren mit dem Gefühl, dass der Bankrott unserer Banken und unseres Staates jederzeit möglich ist. Bereits 2010 war der griechische Staat de facto Pleite. Alle wussten das. Aber vor allem die Verantwortlichen in der EU wollten dies nicht wahrhaben und ließen nicht zu, dass der damalige Präsident Papandreu damals den aus heutiger Sicht klügeren Weg eines griechischen Staatsbankrotts einschlug. Stattdessen: viele Hilfsgelder, für die wir dankbar waren. Und die Troika.
MARE PIU: Und wieso sind die Menschen in Agios Nikolaos angesichts dessen, was bevorsteht, dann so ruhig?
MIKHALIS FARSARIS: Im Wissen um das, was kommen kann, haben die meisten Zuhause Reserven an Bargeld aufgebaut. „Pocket Money“. In Euro. Soweit es ging, wurden Spar-Guthaben aus den Banken heraus „ins Kopfkissen“ verlagert. Deshalb wird auch im Fall einer Bankenpleite alles weitergehen. Solange jemand, der ein Brot kauft, bar bezahlen, wird es nicht so übel. Schlimm wird es für die, die keine Reserven aufgebaut und keine Angehörigen haben.

MARE PIU: Schlägt denn die Begrenzung der täglichen Abhebung auf maximal 60 Euro nicht heute schon richtig durch?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich nicht. Man geht halt täglich an den Bankautomaten und holt sich 60 Euro. Das macht 1.800 Euro im Monat: Das ist in Griechenland eine ganze Menge Geld… und es reicht in jedem Fall zum Leben. Richtig Probleme bekommen Menschen, die keine Bankkarte haben: Pensionäre, Menschen ohne Absicherung. Diese Personen dürfen pro Woche einmal 120  Euro am Schalter persönlich abheben. Auch das ergibt 480 Euro monatlich. Problem ist aber, dass sich jeden Tag bei den Banken etwas ändert und die Situation dort auch nicht einfach ist.
MARE PIU: Die Banken haben aber doch offiziell geschlossen?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist richtig. Offiziell sind die Mitarbeiter der Banken im Urlaub. Aber die arbeiten weiter, denn hinter den zugezogenen Vorhängen sind Millionen von Transaktionen und Überweisungen täglich durchzuführen. Es ist viel mehr als sonst.
MARE PIU: Mehr Überweisungen kurz vor dem wirtschaftlichem Kollaps?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist das Problem – und jedes Unternehmen, jeder Grieche und jede Griechin hat es: Keiner will wegen des über uns schwebenden Cuts viele Euros auf dem Konto haben. Also zahlt jeder seine Rechnungen sofort. „Everybody pays like hell.“ Ich habe zum Beispiel heute Vormittag meine Unternehmens-Steuern für 2014 an den griechischen Staat in Höhe von 73.367 Euro in einem Rutsch überwiesen. Normalerweise können wir das in sieben Raten machen, aber ich habe es aus den genannten Gründen vorgezogen, das gleich und sofort zu tun. Nur nichts auf dem Konto liegen lassen. Und unsere Pacht für die Strände an den griechischen Staat habe ich ebenfalls gleich überwiesen. Jeder versucht, jeden sofort zu bezahlen, und was Überweisungen angeht, so schnell wie möglich anzuweisen. Der Staat profitiert davon, in diesen Tagen macht er nur eins: Geld einsammeln.
Das alles funktioniert aber nur innerhalb Griechenlands. Überweisungen auf Auslandskonten sind nicht möglich. Und das macht es für uns Unternehmen sehr, sehr schwer, denn Griechenland ist Import-, nicht Export-Nation wie Deutschland. Wir müssen importieren. Und was wir einführen, das müssen wir auch bezahlen. Aber das derzeitige Chaos bei den Banken mit täglich wechselnden Vorschriften macht es nicht leichter.
MARE PIU: Was denken Sie als Unternehmer, was wirklich insgesamt schief ging?
MIKHALIS FARSARIS: Niemals hätten wir die Schulden so anwachsen lassen dürfen, wie das jetzt passiert ist. Ich wiederhole mich: Die beste Lösung wäre gewesen, Griechenland 2010 in die Insolvenz gehen zu lassen, als Griechenland tatsächlich insolvent war. Damals wäre nur Griechenland betroffen gewesen. Aber durch die Aufkäufe der maroden griechischen Bonds durch die EZB hängt nun auch jeder Europäer mit drin. Damals wären nur die griechischen Banken pleite gegangen, heute hängt Europa mit drin. Letztlich hat die Politik, haben EZB und IWF aus dem griechischen Drama ein europäisches gemacht. Und unsere Schulden wuchsen ins Untragbare. Das andere: Die von außen verordneten Ausgaben-Kürzungen trafen viele Griechen hart, sehr hart. Griechenland musste eine Menge vom IWF verordneter Cuts auf sich nehmen. Das hat der Wirtschaft nicht gut getan. Was wir gebraucht hätten, sind Reformen, die Geld in die Wirtschaft bringen und nicht abziehen.
MARE PIU: Aber was ging denn generell schief? Der europäische Grundgedanke „Wir geben Geld gegen die Einführung verbindlicher Standards“: warum hat die Umsetzung hier in Griechenland nicht funktioniert? Warum konnte kein funktionierendes Steuersystem aufgebaut werden? Warum bleiben die Reichen unbesteuert bis heute?
MIKHALIS FARSARIS: So traurig das klingt: Letztlich war jeder Regierung der politische Preis dafür zu hoch – den wollte keine griechische Regierung bezahlen. Wir sind damit tatsächlich gescheitert, unser Land grundlegend zu reformieren. Das andere: Irgendwann erschöpften sich Troika und IWF im Einfordern von Maßnahmen statt echter Reformen. Die Angst in den Geberländern begann, zu überwiegen.
MARE PIU: Können Sie ein Beispiel geben?
MIKHALIS FARSARIS: Zuletzt verlangte der IWF die Besteuerung der Tourismus-Unternehmen hier auf Kreta mit einem Schlag von 6,5% auf 23% zu erhöhen. Dies ist keine Reform, dies ist eine harte Maßnahme, die die wirtschaftliche Initiative auf der Insel im Zweifel eher abwürgt statt forciert. Das kann nicht gut gehen. Maßnahmen wie diese machten die Menschen richtig wütend.
MARE PIU: Und was lief am vergangenen Sonntag beim Referendum verkehrt? Wie kam es dazu, dass hier in Agios Nikolaos und in Heraklion tatsächlich mehr Menschen als im nationalen Durchschnitt mit „Nein“ stimmten?
MIKHALIS FARSARIS: Auch dies ist vielschichtig. Da war einerseits die berechtigte Wut der Menschen hier über die Ausgabenkürzungen, deren Folgen jeder zu spüren bekam. Das Zweite: Unsere Regierung ließ uns unfairer Weise nicht über die GRIECHISCHEN Reformvorschläge abstimmen; sondern über die der Geberländer, die zudem vom Tisch waren. 
Das Dritte: Unsere Regierung erklärte uns: „Yes“: das wäre nichts anderes als „to live as Europe’s slave“. Ein „Nein“ wäre gleichbedeutend mit „Wir verhandeln in Würde. Und kommen innerhalb 48 Stunden mit Europa zu einer Einigung.“ Das haben die Leute geglaubt. 
Den letzten, fatalen Ausschlag gaben dann aber die Stimmen europäischer Politiker, die den Griechen im Falle eines „Nein“ mit einem Ausscheiden aus Euro und Europa drohten. Das löste bei den meisten genau den gegenteiligen Effekt aus: Trotz. Und Ablehnung. Eben ein griechisches „Nein“. Die letzte Woche: das war hier in Griechenland wie nach 1945, es war Bürgerkrieg. Wer „Ja“ sagte, war fast Verräter.
MARE PIU: Und was wird jetzt passieren? Wie wird es weitergehen?
MIKHALIS FARSARIS: Da habe ich zwei Optionen im Kopf. Die erste ist schlimm. Die zweite ist bestenfalls ungewiss. 
Die erste: Es gibt langfristig keine Einigung. Wir fliegen aus dem Euro. Griechenland wird Venezuela: trotz vieler Assets (Griechenland ist ja nicht arm) bleiben die Regale der Supermärkte leer. Wir bekommen einen „Commandante“ als Regierungschef.
Die zweite: Wir bekommen parallele Währungen. Es ist unklar, wie das mit den Transaktionen auf internationaler Ebene dann laufen soll. Und es weiß keiner, wohin das führen wird. Aber letztlich, ob so oder so: Wir werden überleben, ob mit, ob ohne Euro. Es wird weitergehen.

                           Wer mehr über die MARINA AGIOS NIKOLAOS auf Kreta erfahren möchte, wo ich                        mit LEVJE derzeit liege: Hier klicken.
       
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Heute in Griechenland (4): Warum ein Unternehmer sagt: "Everybody inGreece Pays like Hell."

Vor Wochen bin ich auf LEVJE von der Türkei über Marmaris, Rhodos nach Kreta gesegelt. Überrascht von den Ereignissen in Griechenland am Sonntag bin ich aus Deutschland gestern zurückgekehrt zu meinem Schiff LEVJE im Hafen von Agios Nikolaos, um von hier zu berichten.

 

Das ist Mikhalis Farsaris. Er ist Vorstand von DAEAN und damit zweierlei: Herr über fast alle Strände von Agios Nikolaos sowie der zugehörigen MARINA AGIOS NIKOLAOS mit 260 Liegeplätzen. Zwar gehören Ufer und Marina dem griechischen Staat, aber in Agios Nikolaos wurden – wie in anderen Gemeinden an der Küste auch – die Nutzungsrechte an eine private Gesellschaft übertragen, in diesem Fall DAEAN. Mikhalis Farsaris ist lange im Geschäft. Nebenbei betreibt er auch ein kleines Hotel.
MARE PIU: Wie läuft es bei Ihnen, drei Tage nach dem „Nein“?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich läuft dieses Jahr für uns ganz gut. Wir haben bislang keine Einbrüche bei den Besuchern an den Stränden hier in Agios Nikolaos. Da gibts zwar immer mal die eine oder andere Verschiebung von Strand zu Strand. Mal läufts am einen besser. Mal am anderen. Aber in Summe sind wir im Umsatz auf Vorjahres-Niveau.
In der Liegeplatz-Vermietung hier in der Marina Agios Nikolaos sieht es ähnlich aus: Etwa 40% sind Einheimische, etwa 60% auswärtige Langfahrtsegler. Wir haben etwa 160 Liegeplatz für Schiffe über 10 Meter Länge. Die Festbuchungen der Langfahrtsegler, der „Live-Aboards“, die ihren Winter hier verbringen werden, sehen fürs Winterhalbjahr gut aus. Richtig vielversprechend sind die Reservierungen fürs Winter-Halbjahr, da haben wir mehr Anmeldungen als üblich.
MARE PIU: Wie geht das denn? Glaubt man der Presse in Deutschland, dann ist Griechenland in wenigen Tagen zahlungsunfähig, die Banken schließen und nichts geht mehr?
MIKHALIS FARSARIS: Die internationale Presse hat sicher auch einen großen Anteil an der chaotischen Situation, die hier herrscht. Vergangene Woche erschien in der FINANCIAL TIMES ein Bericht, nach dem griechische Spar-Guthaben ab einer Höhe von 8.000 Euro für außerordentliche Abgaben an den Staat herangezogen werden sollen – ein Alptraum. Selbst in Zypern wurden beim Crash vor einigen Jahren nur Konten ab einer Höhe von 100.000 Euro belastet. Die mussten einfach über Nacht die Hälfte ihrer Guthaben an den Staat abgeben.
MARE PIU: Das verstehe ich nicht. Die Stimmung hier in Agios Nikolaos ist doch gut. Augenscheinlich ist doch alles wie immer?
MIKHALIS FARSARIS: Ist es ja auch. Eigentlich leben wir seit fünf Jahren mit dem Gefühl, dass der Bankrott unserer Banken und unseres Staates jederzeit möglich ist. Bereits 2010 war der griechische Staat de facto Pleite. Alle wussten das. Aber vor allem die Verantwortlichen in der EU wollten dies nicht wahrhaben und ließen nicht zu, dass der damalige Präsident Papandreu damals den aus heutiger Sicht klügeren Weg eines griechischen Staatsbankrotts einschlug. Stattdessen: viele Hilfsgelder, für die wir dankbar waren. Und die Troika.
MARE PIU: Und wieso sind die Menschen in Agios Nikolaos angesichts dessen, was bevorsteht, dann so ruhig?
MIKHALIS FARSARIS: Im Wissen um das, was kommen kann, haben die meisten Zuhause Reserven an Bargeld aufgebaut. „Pocket Money“. In Euro. Soweit es ging, wurden Spar-Guthaben aus den Banken heraus „ins Kopfkissen“ verlagert. Deshalb wird auch im Fall einer Bankenpleite alles weitergehen. Solange jemand, der ein Brot kauft bar bezahlen, wird es nicht so übel. Schlimm wird es für die, die keine Reserven aufgebaut und keine Angehörigen haben.

 

MARE PIU: Schlägt denn die Begrenzung der täglichen Abhebung auf maximal 60 Euro nicht heute schon richtig durch?
MIKHALIS FARSARIS: Eigentlich nicht. Man geht halt täglich an den Bankautomaten und holt sich 60 Euro. Das macht 1.800 Euro im Monat: Das ist in Griechenland eine ganze Menge Geld… und es reicht in jedem Fall zum Leben. Richtig Probleme bekommen Menschen, die keine Bankkarte haben: Pensionäre, Menschen ohne Absicherung. Diese Personen dürfen pro Woche einmal 120  Euro am Schalter persönlich abheben. Auch das ergibt 480 Euro monatlich. Problem ist aber, dass sich jeden Tag bei den Banken etwas ändert und die Situation dort auch nicht einfach ist.
MARE PIU: Die Banken haben aber doch offiziell geschlossen?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist richtig. Offiziell sind die Mitarbeiter der Banken im Urlaub. Aber die arbeiten weiter, denn hinter den zugezogenen Vorhängen sind Millionen von Transaktionen und Überweisungen täglich durchzuführen. Es ist viel mehr als sonst.
MARE PIU: Mehr Überweisungen kurz vor dem wirtschaftlichem Kollaps?
MIKHALIS FARSARIS: Das ist das Problem – und jedes Unternehmen, jeder Grieche und jede Griechin hat es: Keiner will wegen des über uns schwebenden Cuts viele Euros auf dem Konto haben. Also zahlt jeder seine Rechnungen sofort. „Everybody pays like hell.“ Ich habe zum Beispiel heute Vormittag meine Steuern für 2014 an den griechischen Staat in Höhe von 73.367 Euro in einem Rutsch überwiesen. Normalerweise können wir das in sieben Raten machen, aber ich habe es aus den genannten Gründen vorgezogen, das gleich und sofort zu tun. Nur nichts auf dem Konto liegen lassen. Und unsere Pacht für die Strände an den griechischen Staat habe ich ebenfalls gleich überwiesen. Jeder versucht, jeden sofort zu bezahlen, und was Überweisungen angeht, so schnell wie möglich anzuweisen. Der Staat profitiert davon, in diesen Tagen macht er nur eins: Geld einsammeln.
Das alles funktioniert aber nur innerhalb Griechenlands. Überweisungen auf Auslandskonten sind nicht möglich. Und das macht es für uns Unternehmen sehr, sehr schwer, denn Griechenland ist Import-, nicht Export-Nation wie Deutschland. Wir müssen importieren. Und was wir einführen, das müssen wir auch bezahlen. Aber das derzeitige Chaos bei den Banken mit täglich wechselnden Vorschriften macht es nicht leichter.
MARE PIU: Was denken Sie als Unternehmer, was wirklich insgesamt schief ging?
MIKHALIS FARSARIS: Niemals hätten wir die Schulden so anwachsen lassen dürfen, wie das jetzt passiert ist. Ich wiederhole mich: Die beste Lösung wäre gewesen, Griechenland 2010 in die Insolvenz gehen zu lassen, als Griechenland tatsächlich insolvent war. Damals wäre nur Griechenland betroffen gewesen. Aber durch die Aufkäufe der maroden griechischen Bonds durch die EZB hängt nun auch jeder Europäer mit drin. Damals wären nur die griechischen Banken pleite gegangen, heute hängt Europa mit drin. Letztlich hat die Politik, haben EZB und IWF aus dem griechischen Drama ein europäisches gemacht. Und unsere Schulden wuchsen ins Untragbare. Das andere: Die von außen verordneten Ausgaben-Kürzungen trafen viele Griechen hart, sehr hart. Griechenland musste eine Menge vom IWF verordneter Cuts auf sich nehmen. Das hat der Wirtschaft nicht gut getan. Was wir gebraucht hätten, sind Reformen, die Geld in die Wirtschaft bringen und nicht abziehen.
MARE PIU: Aber was ging denn generell schief? Der europäische Grundgedanke „Wir geben Geld gegen die Einführung verbindlicher Standards“: warum hat die Umsetzung hier in Griechenland nicht funktioniert? Warum konnte kein funktionierendes Steuersystem aufgebaut werden? Warum bleiben die Reichen unbesteuert bis heute?
MIKHALIS FARSARIS: So traurig das klingt: Letztlich war jeder Regierung der politische Preis dafür zu hoch – den wollte keine griechische Regierung bezahlen. Wir sind damit tatsächlich gescheitert, unser Land grundlegend zu reformieren. Das andere: Irgendwann erschöpften sich Troika und IWF im Einfordern von Maßnahmen statt echter Reformen. Die Angst in den Geberländern begann, zu überwiegen.
MARE PIU: Können Sie ein Beispiel geben?
MIKHALIS FARSARIS: Zuletzt verlangte der IWF die Besteuerung der Tourismus-Unternehmen hier auf Kreta mit einem Schlag von 6,5% auf 23% zu erhöhen. Dies ist keine Reform, dies ist eine harte Maßnahme, die die wirtschaftliche Initiative auf der Insel im Zweifel eher abwürgt statt forciert. Das kann nicht gut gehen. Maßnahmen wie diese machten die Menschen richtig wütend.
MARE PIU: Und was ging am vergangenen Sonntag beim Referendum schief? Wie kam es dazu, dass hier in Agios Nikolaos und in Heraklion tatsächlich mehr Menschen als im nationalen Durchschnitt mit „Nein“ stimmten?
MIKHALIS FARSARIS: Auch dies ist vielschichtig. Da war einerseits die berechtigte Wut der Menschen hier über die Ausgabenkürzungen, deren Folgen jeder zu spüren bekam. Das Zweite: Unsere Regierung ließ uns unfairer Weise nicht über die GRIECHISCHEN Reformvorschläge abstimmen; sondern über die der Geberländer, die zudem vom Tisch waren.
Das Dritte: Unsere Regierung erklärte uns: „Yes“: das wäre nichts anderes als „to kiss Europe’s arse“. Ein „Nein“ wäre gleichbedeutend mit „Wir verhandeln in Würde. Und kommen innerhalb 48 Stunden mit Europa zu einer Einigung.“ Das haben die Leute geglaubt.
Den letzten, fatalen Ausschlag gaben dann aber die Stimmen europäischer Politiker, die den Griechen im Falle eines „Nein“ mit einem Ausscheiden aus Euro und Europa drohten. Das löste bei den meisten genau den gegenteiligen Effekt aus: Trotz. Und Ablehnung. Eben ein griechisches „Nein“. Die letzte Woche: das war hier in Griechenland wie nach 1945, es war Bürgerkrieg. Wer „Ja“ sagte, war fast Verräter.
MARE PIU: Und was wird jetzt passieren? Wie wird es weitergehen?
MIKHALIS FARSARIS: Da habe ich zwei Optionen im Kopf. Die erste ist schlimm. Die zweite ist bestenfalls ungewiss.
Die erste: Es gibt langfristig keine Einigung. Wir fliegen aus dem Euro. Griechenland wird Venezuela: trotz vieler Assets (Griechenland ist ja nicht arm) bleiben die Regale der Supermärkte leer. Wir bekommen einen „Commandante“ als Regierungschef.
Die zweite: Wir bekommen parallele Währungen. Es ist unklar, wie das mit den Transaktionen auf internationaler Ebene dann laufen soll. Und es weiß keiner, wohin das führen wird. Aber letztlich, ob so oder so: Wir werden überleben, ob mit, ob ohne Euro. Es wird weitergehen.