Monatsarchive: Juli 2015

England. Wir sind da.

20150730

Etwas übermüdet?

Ich bin ziemlich durch. Die letzte Nacht war ich Springer bei der Wache. Immer wenn mich jemand braucht, Essig mit schlafen. Na ja und mich brauchte ständig jemand. Am Himmel hat es geblitzt wie wild, die Traffic Zone gilt es zu durchqueren, Motor an, Motor aus, zwischendurch noch Mails und SMS schreiben. Kann ja nicht gutgehen. Nun sitzt Jan in Plymouth statt in Portsmouth. Tja, so kann es gehen. Ich kauf mir bei nächster Gelegenheit nen T-Shirt mit der Aufschrift: „Ich bin Skipper. Ich bin immer schuld.“ Spaß dahin – Spaß daher, ich habe mich schon lange damit abgefunden. Solange ich dabei noch lachen kann, ist alles gut.

Unser Segeltag war ein Traum. Am Morgen durchqueren wir mit reichlich Strömung auf den Punkt genau zur richtigen und geplanten Zeit den Ärmelkanal. Das heißt, mit der Strömung im Nacken und 10-11 Knoten über Grund. Das schlechte graue Wetter aus den Niederlanden verzieht sich und der Tag beginnt mir einem aufreißenden blauen Himmel. Die Kalkfelsen von Dover werden angestrahlt und zwischendurch kann ich mir an jeder Ecke mal eine Mütze Schlaf holen. Unter Vollzeug geht es an der Küste von Südengland entlang zum besagten Hafen von Plymouth, ach ne Portsmouth. Der Wind ist weg und um die Spitze von Beachy Head kommen wir unter Segel nicht in einem vertretbaren Zeitmaß rum. Acht Knoten durchs Wasser, zwei Knoten über Grund. Mit der IRON LADY wären wir rückwärts gesegelt. Da dreh ich den Schlüssel rum. Johann, der Motor läuft immer noch. Morgen früh Landfall in Portsmouth.

 


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Derzeit ist fast alles dicht bis September. Dann geht es von Faro nach Madeira. Da sind wieder Plätze frei und von Madeira zu den kanarischen Inseln. Im Oktober kannst Du noch auf den Kapverden mitsegeln. Die Atlantiküberquerung ist ausgebucht. www.marlin-expeditions.com

 

Grüßen – Nett oder lästig?


Situation 1: Deutsche Ostsee: Ein Segelboot passiert mich von vorne kommend. Ich sehe den Skipper am Ruder stehen und grüße ihn freundlich. Er guckt mich einfach nur mit ausdrucksloser Miene an und segelt weiter. Schwedische Ostsee: Ein Segelboot passiert mich von vorne kommend. Obwohl noch weit voneinander entfernt winken wir uns gegenseitig fröhlich zu. 
Situation 2: Ich betrete ein Restaurant in Deutschland. Alle Bedienungen sind unsichtbar oder im gemeinsamen Gespräch. Ich setze mich also einfach an einen freien Tisch. Als nach 5 Minuten immer noch niemand kommt, hole ich mir selbst die Karte. Begrüßt werde ich dann mit einem knappen „Die Küche macht aber gleich zu“. Ich betrete ein Restaurant in den USA. Es folgt dann in etwa dieser Dialog: „Hey, how are you today?” “Great, and you?” “Awesome, please follow me… Where do you come from?” “Germany, we are on a round trip” “Yeees? How nice…what do you want to drink?” “Sweet tea, please” “Great, here is our menu. I’ll be right back to take your orders.” Fühlt sich doch gleich viel besser an. 
Situation 3: Ich freue mich auf die neue Marina in Dänemark, da ich die Skandinavier als sehr liebenswerte und freundliche Menschen kennengelernt habe. Mir kommt ein Paar entgegen. Freundlich grüße ich sie. Doch schnell wird der Blick abgewendet und wortlos vorbeigehuscht. Ich schaue mich genauer um und sehe überall deutsche Kennzeichen. Na gut, dann eben wortlos vorübergehen. Das vierte Paar grüßt mich. Ich bekomme fast einen Schreck. Heckflagge? Danebro…
So könnte ich endlos Beispiel an Beispiel fügen, aber es ist wohl klar worauf ich hinaus will. Warum tun wir Deutschen (ich schließe mich hier leider mit ein) uns so schwer mit den simplen Formen der Höflichkeit und des Umgangs miteinander? In Amerika gilt es als unhöflich im Fahrstuhl schweigend nebeneinander zu stehen oder gemeinsam irgendwo Seite an Seite zu sitzen. Also wird simpler Small Talk gemacht und dabei stets gute Laune suggeriert. Und mir gefällt das. Denn dieser Umgang macht mir gute Laune, auch wenn es mein Gegenüber absolut nicht interessiert, wie es mir denn heute wirklich geht. In Deutschland wird jede persönliche Frage doch irgendwie immer gleich als Angriff gewertet. Wenn ich in einen Fahrstuhl einsteige und dort jemanden frage, wie es ihm geht, denkt er/sie doch gleich ich will die Brieftasche klauen oder eine Versicherung verkaufen. Small Talk? Fehlanzeige. Bloß schnell wegschauen und raus aus dieser unangenehmen Situation. Wovor fürchten wir uns denn? Vor ein paar netten, unverbindlichen Worten? Mir geht es nach einem Small Talk jedenfalls besser als nach einem verkrampften Schweigen. Aber häufig werden hier andere Menschen meist eher misstrauisch als wohlwollend gemustert, und wirklich sicher ist man nur in den eigenen vier Wänden vor dem Fernseher. Der fragt wenigstens nicht wie es einem geht, sondern plärrt einfach vor sich hin. Wäre ja auch noch schöner. Schlimm genug, dass die Supermarktkassiererinnen auch neuerdings auch alle freundlich grüßen (müssen). Viele, gerade der Älteren, lassen diesen Gruß aber unbeantwortet, wie ich immer wieder beobachte. 
Nun mag man den Einwand bringen, das gerade Amerika das Land der Oberflächlichkeit ist und die Höflichkeit daher nur aufgesetzt. Stimmt. Aber: Na und? Es herrscht darüber ja Konsens und fühlt sich dabei trotzdem besser an und als das deutsche Gebrummel. Eine Bekannte von mir brachte es mal so auf den Punkt. Bei der Ankunft in den USA wollte sie ihren schweren Koffer vom Band holen. Doch kaum setzte sie dazu an, sprang ein freundlicher Herr dazu und half ihr. Er begrüßte sie kurz in den USA und fragte wohin die Reise geht, doch die allzu ausführliche Antwort wartete er dann doch nicht ab, sondern machte sich mit einem schnellen „Yeah, have a great trip!“ vom Acker. „Naja, so sind die hier eben“ dachte die besagte Bekannte. Zurück in Deutschland kam ihr in selber Situation natürlich niemand zu Hilfe. Und sie wurde sogar noch von einem Mann angeschnauzt, weil sie den Koffer nicht schnell genug vom Band bekam. Natürlich kam er ihr dabei nicht zur Hilfe. Da kam dann doch schnell wieder Sehnsucht nach dem oberflächlichen Amerika auf.
Mich stört es nicht immer wenn ein Gruß ins Leere geht. Gerade auf dem Segelboot ist man ja oft beschäftigt oder die Entfernungen sind groß. Auch ich habe dabei wohl schon häufig einen Gruß verpasst. Was ich aber absolut nicht nachvollziehen kann ist das „bösartige“ Nichtgrüßen. Sprich, man fährt dicht aneinander vorbei (und ich meine dabei nicht auf der Förde zur Kieler Woche), ich hebe mein Arm und mein Gegenüber schaut mir einfach nur lange und komplett ausdruckslos in die Augen. Warum? Wieso? Weshalb? So gerne wüsste ich die Antwort! Ich empfinde es als echte Frechheit und so ist dann von einfachem Abwinken bis selten zum Mittelfinger (ich gestehe) alles drin…je nach Tagesform. Woher kommt bloß diese ablehnende und (im Wortsinne) fremdenfeindliche Haltung in Deutschland? Freundlichsein erscheint vielen offenbar als Zumutung oder sogar als Anstrengung. Und da man selber gerne unfreundlich und mies gelaunt ist, sollen es die anderen bitte auch sein? Die Standardantwort in Amerika auf ein: „How are you?“ ist „Great!“. In Deutschland folgt auf „Na, wie geht’s?“ ein „Muss ja!“. Das sagt doch schon alles. Und wir haben dabei einen Sozialstaat von dem viele Amerikaner nur träumen. 
Diese meckerige Attitüde findet man nun leider auch online in eigentlich fast allen Gruppen und Foren. Ich kann diese Beiträge eigentlich nur lesen, indem ich konsequent alles themenfremde filtere. Wenn ich eine Antwort auf ein Problem suche interessiert es mich doch nicht, ob die Frage schon einmal (absolut unauffindbar) gestellt wurde. Oder ob der Fragende ein Idiot und der Antwortende ein noch ein größerer Idiot ist. Und daher nun  das Forum verlässt. Aber mit geübtem Filterblick findet man dann irgendwo  auf Seite 3 dann doch den gesuchten Link oder die Information. Und auch hier können wir uns gerne etwas von den Briten oder auch den Amerikanern (außer natürlich zum Thema  privater Waffenbesitz) abgucken. Jede noch so dämliche Frage (die dem Fragenden aber doch offenbar wichtig war) wird da höflich beantwortet. Beispiel: „Ich habe gerade ein kleines Segelboot gekauft und möchte in drei Monaten die Welt umrunden. Brauche ich dafür eigentlich einen Motor und reichen 100 Euro?“
Englisches Forum: „I have great respect for your plans to round the world in a sailboat with just €100.-. It will surely be a great lifetime experience. But I am also sure it will be even greater after a good time of making some sailing experiences in your coastal waters. Also it might be a good idea to spend some time sailing on a boat with an experienced sailor to learn some stuff you might need on your journey. Don’t get me wrong here…I really appreciate your sense for adventures and your courage to face this dangerous trip, which already took the life of many even more experienced sailors. But you will have much more fun when to know exactly how to handle your boat. Good luck, and give me a note if you managed to go round in three month, so I can shake your hand to this new world record!” Oder so ähnlich.
Deutsches Forum: ”Was ist das denn fürn Idiot” “Bleib besser zuhause, du Penner” „Kauf dir nen Strick für €10.- Ist billiger.“ Und das in 786 Variationen plus Insiderwitze über die richtigen Socken beim Kentern.  Bis dann der Ruf an den Admin laut wird dieses A…loch doch endlich zu sperren. Und sehr wenige würden sich dabei die Mühe machen, einfach einmal freundlich und höflich auf den Unsinn dieses Plans hinzuweisen. Generell habe ich den Eindruck, dass vollständig formulierte Sätze es in Deutschland schwer haben. Denn die klingen ja immer noch zu nett. Lieber ein „Tolle Idee, Spinner“ als ein „Entschuldigung, aber ihre Idee ist leider sehr bescheuert!“ Dabei wäre das doch schon ein großer Schritt in die richtige Richtung! In diesem Sinne: Auf die Rückkehr der respektvollen Umgangsformen, damit wir alle mehr vom Leben haben. Jaja, ich hör schon auf zu meckern :-)

SV Voyager – Familie Bey GER

SV Voyager

WELTUMSEGELUNG MIT 30 JAHRE ALTER REINKE HYDRA

Hallo Herr Foerthmann,
Ich habe ein paar Fragen zum Lagerspiel unserer Windpilot Pacific nach erfolgreicher Weltumsegelung.

Nach dieser Mail kam Jan Bey heute zu uns in die Werkstatt und berichtete von seiner Reise um den Spielball, in deren dreijährigen Verlauf er mit seiner Familie 35.000 sm störungsfrei absolvierte. Die Heimreise über den Atlantik, die man im Mai versucht, hat die Familie hingegen auf das kommende Jahr vertagt, weil Wind, Wetter und vor allem Gewitter die Umkehr mitten auf dem Atlantik erzwungen haben. Und so liegt das 30 Jahre alte Stahlschiff nun in Martinique in einem Hurricane Hole zwischen Mangroven sicher vertäut, um im kommenden Jahre dann die Heimreise erneut zu versuchen. Jan berichtete unaufgeregt von einer nächtlichen Begegnung mit einem Wal, der ausser einer enormen Beule im Unterwasserschiff – sowie einem dazu gehörendem Schreck – keine weiteren Folgen hinterlassen hat. Stahl sei Dank ist manchmal die beste Nervenberuhigung. WEITERLESEN

England. Wir kommen.

20150729

Under way

Früh am Morgen um vier Uhr verlassen wir Scheveningen. Draußen immer noch West Wind mit 25 Knoten und ordentlich Welle. Nicht schön und der Grund warum ich jetzt erst dazu komme mal eine Meldung abzusetzen. Der Törn beginnt mit Aufkreuzen gegen Wind und Welle. Süllkante und Reling sind dauerhaft unter Wasser. Wir segeln mal mit und mal gegen die Strömung, tacken uns entlang der holländischen Küstenlinie nach Süden. „Bumm!“ Die zweite in Flensburg angeschweißte Halterung für das Running Backstay fliegt mir am Mittag um die Ohren. War nur eine Frage der Zeit. Der Nathalie Softschäckel ist an der soliden Achterklampe schnell montiert und das Problem beseitigt. Na dann muss ich die Halterung wenigstens nicht abflexen.

Zwischenzeitlich ist es Mitternacht und wir kreuzen die Traffic Separation Zone brav im rechten Winkel. Dank AIS Transponder viel einfacher als noch vor fünfzehn Jahren, als ich hier mit der LADY lang gesegelt bin. Der Verkehr hält sich in Grenzen, der Wind ist eingeschlafen. Nicht viel zu sagen. Der Motor läuft, ebenso wie der Wassermacher. Am Morgen sollten wir Wind bekommen um durch den Kanal Richtung Solent zu segeln. Wir sind durch den Aufenthalt in Scheveningen spät dran. Crewwechsel am Freitag ist jetzt geplant in Portsmouth. Mal schauen ob das wie geplant klappt.

 


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Derzeit ist fast alles dicht bis September. Dann geht es von Faro nach Madeira. Da sind wieder Plätze frei und von Madeira zu den kanarischen Inseln. Im Oktober kannst Du noch auf den Kapverden mitsegeln. Die Atlantiküberquerung ist ausgebucht. www.marlin-expeditions.com

 

“Sie haben Ihr Ziel erreicht!”

“Sie haben Ihr Ziel erreicht!” … zumindest vorerst. Gestern morgen sind wir in Lamb’s Marina in Camden im Bundesstaat North Carolina angekommen. Hier wollen wir nun ein paar Wochen bleiben. Auf den Bahamas haben wir von diesem Yachthafen, ihren fantastisch günstigen…

Hafentag

20150727

Phase 10

Der Tag endet am Kirschholztisch im Salon mit Phase 10. Es pfeift immer noch und die MARLIN drückt gegen alle verfügbaren Fender. Morgen soll es weiter gehen. Mir ist noch unklar wie wir überhaupt bei dem Wind von unserem Platz ablegen sollen, aber irgendwas wird mir schon einfallen. Im Notfall lassen wir das Dinghy ins Wasser und ziehen uns selbst mit dem 30PS Außenborder frei.

Wartetage im Hafen sind immer sehr anstrengend und gehen aufs Gemüt. Deshalb hole ich die Phase 10 Karten aus dem Spieleschrank. Dann wird gekloppt, geschrien, geflucht und abgelenkt. Vom Green Curry habe ich zu viel gegessen, Andreas war noch besser, der hat gleich drei Teller verdrückt. Der Topf war leerer als er es sein kann. Auch so ein Trick um die Stimmung über dem Horizont zu halten. Die Crew kümmert sich beim Sailmaker um die Reparatur des Dinghycovers unter dem sich eine Shoot verfangen hatte und eine Naht aufgerissen hat. Erick kommt ganz verwirrt zurück. Die Segelmacherin hat sein Herz in Wallungen gebracht. Der arme Kerl. Er such schon den ganzen Abend nach einem Grund um gleich morgen früh wieder hin zu müssen. „Ich habe leider nichts, was kaputt ist. Mach doch einfach was kaputt Erick!“, meine ich zu ihm nicht ganz ernst.

Sorgen macht mir der Achterstagsspanner von Holmatro. Die Pumpe geht plötzlich sehr schwer. Wenigstens kann ich noch Zug aufbauen, aber nicht mehr als 100 bar. Holmatro wird jetzt vertreten durch Reckmann. Die sind am Telefon wirklich sehr professionell und zumindest besteht keine Gefahr für das Rigg. Wahrscheinlich sind die Dichtungsringe im Zylinder undicht und Öl ist in den unteren Teil des Zylinders gelaufen, in dem normalerweise Luft zusammengedrückt wird. Unangenehm, auch nicht sehr toll, wenn wir das Genuavorstag nicht mehr richtig durchsetzen können, aber kein Grund die Fahrt zu unterbrechen. Ich meine sogar einen Dichtungssatz selbst an Bord zu haben und Reckmann bestärkt mich, dass ich die Reparatur auch selber durchführen könnet, wenn ich mir eine Hülse aus Plastik anfertige, die die Dichtungen beim Einschieben des Zylinders vor Bestätigungen schützt. Keine Reparatur für jetzt, aber für demnächst.

Time to sleep. Good night.

 


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Derzeit ist fast alles dicht bis September. Dann geht es von Faro nach Madeira. Da sind wieder Plätze frei und von Madeira zu den kanarischen Inseln. Im Oktober kannst Du noch auf den Kapverden mitsegeln. Die Atlantiküberquerung ist ausgebucht. www.marlin-expeditions.com

 

Eingeweht und auf die Nase

20150726

Nicht grade Hans im Glück

“Dann lasst uns mal den Anker heben.“ Zu Beginn der Zeit mit der neuen Crew liegen wir in Durgerdam vor ROCNA-Anker. Der Anker hält die 40 Knoten Wind, die Kette auch. Nur das Wasser im Markermeer ist zeitweise durch den Winddruck etwas weniger geworden und die MARLIN liegt im Schlick, dreht sich plötzlich nicht mehr in den Wind. Na so was. Irgendwann kommt eine kräftige Böe und drückt uns dann doch in die richtige Richtung.

Ich nutze den Tag um wieder einmal ein paar Dinge von der ToDo Liste zu streichen. Kellerregal reparieren, AIS Buzzer anschließen, zwei Eimer Spitzbergen Kondenswasser aus einer extrem erreichbaren Bilgenecke unter dem Bett der Vorkabine absaugen und das Gefrier-Kühlschrank System von Kristallen befreien… Wir fahren mit dem Dinghy einkaufen bei Albert Hein – Ich muss an Curacao denken. Komisch. Die Crew ist super. Alle helfen, keine Langeweile kommt auf und so bleibt die Stimmung an Bord entspannt. Eine Schweinegulasch, eine Runde Steak hilft über den Frust am Ankerplatz bleiben zu müssen schnell hinüber.

Die ersten 48 Stunden sind aber auch immer hart für die neue Crew. 48 Stunden: Tu das nicht, tue jenes nicht. Merk Dir immer alles wieder dahin zu tun, wo Du es hergenommen hast etc. Immer auf Messers Schneide sich unbeliebt zu machen. Oder denke ich mir das nur? Andreas ist selbst manchmal Skipper, Gordon hat ein eigenes Boot und jede Menge Segelerfahrung. Nur Carmen ist absolut unbedarft. Sie lacht am meisten. Segelerfahrung: Null. Vielleicht gar nicht so schlecht. Sie saugt alles ohne Urteil auf und versucht sich bestmöglich einzubringen um zu lernen, um zu erfahren ob ihr das Segeln Spaß macht. Normalerweise steht sie auf einem Bord und zeigt anderen wie man Wellen runterrauscht. Eine Affinität zum Wasser ist ihr nicht abzusprechen.

Wir verlassen IJmuiden nach hervorragenden zwei Schleusengängen. Perfekt. Mir steht das Grinsen im Gesicht. Mitten am Horizont brechen sich die Wellen an der Hafeneinfahrt. „Ich zieh mal das Groß hoch! Zweites Reff!“ Um die Ecke wäre es schön die 25 Knoten Wind aus Norden zu haben, aber wie so oft, Wind und Welle kommt aus SW. Genau gegen an. Nach zwei Stunden aufkreuzen haben wir 2 Meilen gut gemacht. „Hmm.“ Problem. Für Morgen sind 30 Knoten angesagt, mit Böen auf 40. Auch aus SW, also da wo wir hinwollen. In der Mitte des Kanals ist es noch viel mehr, viel mehr Welle gegen Strömung auf flachem Grund. „Brauchen wir nicht. Wir laufen Scheveningen an!“ Mein Bootsjunge, der schräge Holländer Erik steht in seinem Überlebensanzug am Steuer. 28 Knoten Wind drückt die Reling der MARLIN in die Wellen. „Geht es Dir gut Carmen? Nicht grade Anfängerwetter, was? Sorry. War anders geplant.“ Carmen nickt. Sie hat das getan, was ich ihr geraten habe. „Wenn Du Dich komisch fühlst leg Dich in Deine Koje. Nach ein paar Stunden geht es Dir besser. Versuche nicht gegen die Seekrankheit anzukämpfen, darauf wartet das Biest nur. Ignorieren, ausschlafen ist der richtige Weg.“ In die Marina trauen wir uns nicht. Zu eng, zu voll und zu viel Wind. Längsseits eine Touristendampfers finden wir einen Platz für heute Nacht und morgen. Gegen 30 Knoten Wind – Brauchen wir nicht. Skippers Vorschlag: Crew entscheidet. Allen geht es gut.

 


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Derzeit ist fast alles dicht bis September. Dann geht es von Faro nach Madeira. Da sind wieder Plätze frei und von Madeira zu den kanarischen Inseln. Im Oktober kannst Du noch auf den Kapverden mitsegeln. Die Atlantiküberquerung ist ausgebucht. www.marlin-expeditions.com

 

Heute in Griechenland (11): Was man von Griechenland lernen könnteindiesen Tagen.

Irgendwann in diesen Tagen wird es soweit sein, dass zum 100.000mal ein Leser auf MARE PIU klickt. Das ist natürlich ein seltenes Jubiläum, etwas, worauf ich, worauf wir über ein Jahr gewartet haben. Und um dem Tag die richtige, dem Ereignis angemessene Würde zu verleihen, haben wir uns für heute in unserer Artikelserie HEUTE IN GRIECHENLAND für unseren 11. Post etwas Milde und Nachdenklichkeit verordnet. Seien wir also zurückhaltend zumindest für den heutigen Tag nach diesen Wochen verbitternder Diskussion zwischen Nordeuropäern und Griechen, die gleichermaßen zu wissen schienen, woran dies Land nun wirklich zu kranken scheint.
Übersehen wir also zumindest für diesen einen Tag die Rohbauten, die überall rottend am Meer herumstehen.
Schauen wir einfach hinweg über die tollen Ferien-Anlagen, die brandneu fertiggestellt ihr Dasein als leblose Geisterstädte verfallend fristen.

Blicken wir hinweg über eine ungeheure Vielzahl an Betonmonumenten vielerlei Art, die uns alle nur das eine sagen: Dass dies Land irgendwie seine liebe Not hat mit Großprojekten aller Art. 
Verdrängen wir für einen Moment, wieviele Hochbegabte, gut Ausgebildete dieses Land jeden Monat verlassen, Ärzte, Programmierer: weil sie hier keine adäquate Beschäftigung finden. 
Legen wir gnädig einen Schleier des Schweigens über jene Schreihälse unter griechischen Politikern, die – wer weiß, aus welchem Spieltrieb heraus – europäische Kollegen als „Terroristen“ bezeichneten und das Land isolierten. 
Freuen wir uns, dass sich die Wogen auf dem Meer vor Agios Nikolaos und in der Presse beruhigt haben und die Brecher jetzt gerade woanders als mit Kraft ans Ufer schlagen. Und denken wir für einen Moment darüber nach: Was man lernen könnte, in diesen Tagen, von Griechenland und den Griechen.


„Griechenland ist immer noch ein wunderbares Land, 
um abzuhängen.“

Was eine deutsche Touristin gestern so schön formulierte, enthält einfach einen wahren Kern. Oder gleich mehrere: Man wird in Ruhe gelassen, in diesem Land. Keiner dreht einem irgendwo etwas an oder fragt, ob’s denn nun nach dem Essen auch noch ein doppelter Espresso sein dürfe. Die Männer in diesem Land sind noch Teddybären und haben eben nicht sieben Jahre „Vertrieb“ auf dem Buckel. In Restaurants – wie oben in Paleokastro ganz im Osten von Kreta – geht es beschaulich zu. Alles ist etwas verlangsamt und eben noch nicht vertriebsorientiert. Und dafür sitzt man dann über seinem 47. Tsatsiki während dieses Griechenland-Aufenthalts, zieht genüsslich die Joghurt-Gurken-kühle Gabel über die Zunge und ist der Meinung: dies sei ja nun wirklich das allerbeste Tsatsiki, das man auf dieser Reise serviert bekommen habe.
„So ganz habe ich es noch nicht raus:       
Aber für Griechen scheint Geld eine andere Währung 
zu sein als für den Rest der Welt.“         
Haben Sie sich schon einmal gefragt: Was Geld für Sie bedeutet? Welchen Betrag Sie zum Beispiel im Portemonnaie haben müssen, um sich sicher zu fühlen, wenn Sie durch die Straßen ihrer Stadt laufen? 200 Euro? 100 Euro? 30 Euro?  
Ab wann Sie nervös werden und nach dem nächsten Bankautomaten schielen, weil die „magische Grenze“ unterschritten ist?
Haben sie sich schon mal gefragt: Welcher Betrag täte mir richtig weh, wenn ich ihn auf der Straße verlieren würde? 10 Euro? 50 Euro? Nichts dergleichen?
In den zurückliegenden Wochen der Krise war es zumindest hier in Agios Nikolaos bewundernswert, wie die Griechen sich im Alltag mit dem herumschlugen, was im Ausland so schön „Kapitalverkehrskontrollen“ heißt. An den Geldautomaten zu gehen, und der spuckt täglich nur mehr 60 Euro für mich aus. Manchen von uns würde allein schon das Gefühl der Limitierung, nicht mehr im „Unbegrenzten“ leben zu können, an den Rand des Wahnsinns treiben.
Tatsächlich blieben die Griechen, die ich beobachten konnte, erstaunlich gelassen. Das hat einerseits damit zu tun, dass 60 Euro täglich, wie Mikhalis Farsaris im Interview sagte, für den durchschnittlichen Griechen eine Menge Geld seien, immerhin 1.800 Euro monatlich.
                                                        Weiterlesen bei: Mikhalis Farsaris. Was ein Manager sagt. Hier.
Lassen wir einmal außer Acht, dass die Griechen schon die letzten fünf Jahre in der Gewißheit verbrachten, dass ihnen demnächst – finanztechnisch – der Himmel auf den Kopf fällt. Dass alle sich vorbereitet haben. Die Kopfkissen mit Banknoten füllten. Auslandskonten anlegten. Konten am Wohnort bei möglichst drei bis vier Banken unterhalten (das ergibt dann beim morgendlichen Rundgang von Bankautomat zu Bankautomat für Cleverles statt 60 Euro schon mal 180 Euro, darüber spricht man nicht!). Wohlgemerkt: alles hier in Agios Nikolaos auf Kreta, nicht Athen oder Thessaloniki. Lassen wir dies alles außer Acht, denn der Kern ist ein anderer, nämlich: „Wofür soll ich hier schon 180 Euro brauchen?“. Geld ist in Griechenland etwas anderes als in Deutschland. Mit „Geld“ scheint es in Griechenland wie mit „Auto“ zu sein. Ein bisschen was davon ist immer da. Aber lebensnotwendig ist beides nicht.
Und das färbt wohltuend auch in diesen Tagen auf das Reiseland ab. Alles läuft einfach weiter. Weil es auf das, wovon halt jeden Tag „ein bisschen da sein muss“, nun wirklich nicht ankommt.



„Bei der gegenwärtigen Krise handelt es sich 
weniger um eine ökonomische, 
sondern um eine Krise der Werte.
Sagt der Doktor.
Seit einigen Tagen denke ich über die letzten Interviews nach, die ich in den vergangenen Tagen hier führte. Dass Sven, aufgewachsen in der Nähe von Brüssel, mir über seine Heimat sagt, dass er aufgrund der sozialen Probleme und der wachsenden Kriminalität sein Land verlassen habe, weil er nicht möchte, dass sein Kind darin aufwächst?
Oder dass mir der Doktor das mit der Krise der Werte sagt. Und beschlossen hat, eine Organisation zu gründen, um die Menschen durch Rückbesinnung auf traditionelle Anbaumethoden in Selbstversorgung zu schulen.

Natürlich geht es nicht, dass ein Nachbar dauerhaft auf Kosten seiner Nachbarn lebt. Und ein Land auf Dauer von anderen durchgefüttert wird. Die Ermutigung, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, muss an erster Stelle stehen. Das tun die Griechinnen und Griechen, mit denen ich in den letzten Wochen Interviews führte, allesamt und ohne Ausnahme. Sie tun es nur ein wenig anders als wir Deutschen, wir Nordeuropäer oder Nordamerikaner insgesamt.
„Warum ist Wasser in Deutschland’s 
Restaurants und Bahnhöfen 
eigentlich so teuer?“ fragt Despina.
Manche der Fragen, die mir hier gestellt werden, haben durchaus ihre Berechtigugng. Ich bin zumindest nachdenklich geworden nach all dem, was ich hier sah, ob der deutsche Weg, ein Land auf Biegen und Brechen in die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu führen, für Griechen und Griechenland der richtige Weg ist. 
Ganz abgesehen davon, dass von vielem, was aus Brüssel in Griechenland oder in Deutschland landet, längstens der Schleier des Schweigens gezogen gehört:   
Dieses Land würde vieles verlieren, was für andere Länder wertvoll ist.
Und kommenden Dienstag: Da schreibe ich darüber: Warum Thomas, 26, aufgewachsen unmittelbar neben dem Eifelturm in Paris nichts anderes möchte als: Hier leben. Auf Kreta.

Alle Fotos vom gestrigen Samstag entstanden im Osten von Kreta.
Weiterlesen bei: Die Palmen von Vai. Hier.

Heute in Griechenland (11): Was man von Griechenland lernen kann in diesen Tagen.

Irgendwann in diesen Tagen wird es soweit sein, dass zum 100.000mal ein Leser auf MARE PIU klickt. Das ist natürlich ein seltenes Jubiläum, etwas, worauf ich, worauf wir über ein Jahr gewartet haben. Und um dem Tag die richtige, dem Ereignis angemessene Würde zu verleihen, haben wir uns für heute in unserer Artikelserie HEUTE IN GRIECHENLAND für unseren 11. Post etwas Milde und Nachdenklichkeit verordnet. Seien wir also zurückhaltend zumindest für den heutigen Tag nach diesen Wochen verbitternder Diskussion zwischen Nordeuropäern und Griechen, die gleichermaßen zu wissen schienen, woran dies Land nun wirklich zu kranken scheint.
Übersehen wir also zumindest für diesen einen Tag die Rohbauten, die überall rottend am Meer herumstehen.
Schauen wir einfach hinweg über die tollen Ferien-Anlagen, die brandneu fertiggestellt ihr Dasein als leblose Geisterstädte verfallend fristen.
Blicken wir hinweg über eine ungeheure Vielzahl an Betonmonumenten vielerlei Art, die uns alle nur das eine sagen: Dass dies Land irgendwie seine liebe Not hat mit Großprojekten aller Art. 
Verdrängen wir für einen Moment, wieviele Hochbegabte, gut Ausgebildete dieses Land jeden Monat verlassen, Ärzte, Programmierer: weil sie hier keine adäquate Beschäftigung finden. 
Legen wir gnädig einen Schleier des Schweigens über jene Schreihälse unter griechischen Politikern, die – wer weiß, aus welchem Spieltrieb heraus – europäische Kollegen als „Terroristen“ bezeichneten und das Land isolierten. 
Freuen wir uns, dass sich die Wogen auf dem Meer vor Agios Nikolaos und in der Presse beruhigt haben und die Brecher jetzt gerade woanders als mit Kraft ans Ufer schlagen. Und denken wir für einen Moment darüber nach: Was man lernen könnte, in diesen Tagen, von Griechenland und den Griechen.
 
 
„Griechenland ist immer noch ein wunderbares Land, um abzuhängen.“
Was eine deutsche Touristin gestern so schön formulierte, enthält einfach einen wahren Kern. Oder gleich mehrere: Man wird in Ruhe gelassen, in diesem Land. Keiner dreht einem irgendwo etwas an oder fragt, ob’s denn nun nach dem Essen auch noch ein doppelter Espresso sein dürfe. Die Männer in diesem Land sind noch Teddybären und haben eben nicht sieben Jahre „Vertrieb“ auf dem Buckel. In Restaurants – wie oben in Paleokastro ganz im Osten von Kreta – geht es beschaulich zu. Alles ist etwas verlangsamt und eben noch nicht vertriebsorientiert. Und dafür sitzt man dann über seinem 47. Tsatsiki während dieses Griechenland-Aufenthalts, zieht genüsslich die Joghurt-Gurken-kühle Gabel über die Zunge und ist der Meinung: dies sei ja nun wirklich das allerbeste Tsatsiki, das man auf dieser Reise serviert bekommen habe.
„So ganz habe ich es noch nicht raus:       
Aber für Griechen scheint Geld eine andere Währung zu sein als für den Rest der Welt.“
Haben Sie sich schon einmal gefragt: Was Geld für Sie bedeutet? Welchen Betrag Sie zum Beispiel im Portemonnaie haben müssen, um sich sicher zu fühlen, wenn Sie durch die Straßen ihrer Stadt laufen? 200 Euro? 100 Euro? 30 Euro?
Ab wann Sie nervös werden und nach dem nächsten Bankautomaten schielen, weil die „magische Grenze“ unterschritten ist?
Haben sie sich schon mal gefragt: Welcher Betrag täte mir richtig weh, wenn ich ihn auf der Straße verlieren würde? 10 Euro? 50 Euro? Nichts dergleichen?
In den zurückliegenden Wochen der Krise war es zumindest hier in Agios Nikolaos bewundernswert, wie die Griechen sich im Alltag mit dem herumschlugen, was im Ausland so schön „Kapitalverkehrskontrollen“ heißt. An den Geldautomaten zu gehen, und der spuckt täglich nur mehr 60 Euro für mich aus. Manchen von uns würde allein schon das Gefühl der Limitierung, nicht mehr im „Unbegrenzten“ leben zu können, an den Rand des Wahnsinns treiben.
Tatsächlich blieben die Griechen, die ich beobachten konnte, erstaunlich gelassen. Das hat einerseits damit zu tun, dass 60 Euro täglich, wie Mikhalis Farsaris im Interview sagte, für den durchschnittlichen Griechen eine Menge Geld seien, immerhin 1.800 Euro monatlich.
Lassen wir einmal außer Acht, dass die Griechen schon die letzten fünf Jahre in der Gewißheit verbrachten, dass ihnen demnächst – finanztechnisch – der Himmel auf den Kopf fällt. Dass alle sich vorbereitet haben. Die Kopfkissen mit Banknoten füllten. Auslandskonten anlegten. Konten am Wohnort bei möglichst drei bis vier Banken unterhalten (das ergibt dann beim morgendlichen Rundgang von Bankautomat zu Bankautomat für Cleverles statt 60 Euro schon mal 180 Euro, darüber spricht man nicht!). Wohlgemerkt: alles hier in Agios Nikolaos auf Kreta, nicht Athen oder Thessaloniki. Lassen wir dies alles außer Acht, denn der Kern ist ein anderer, nämlich: „Wofür soll ich hier schon 180 Euro brauchen?“. Geld ist in Griechenland etwas anderes als in Deutschland. Mit „Geld“ scheint es in Griechenland wie mit „Auto“ zu sein. Ein bisschen was davon ist immer da. Aber lebensnotwendig ist beides nicht.
Und das färbt wohltuend auch in diesen Tagen auf das Reiseland ab. Alles läuft einfach weiter. Weil es auf das, wovon halt jeden Tag „ein bisschen da sein muss“, nun wirklich nicht ankommt.
„Bei der gegenwärtigen Krise handelt es sich weniger um eine ökonomische, sondern um eine Krise der Werte“, sagt der Doktor.
Seit einigen Tagen denke ich über die letzten Interviews nach, die ich in den vergangenen Tagen hier führte. Dass Sven, aufgewachsen in der Nähe von Brüssel, mir über seine Heimat sagt, dass er aufgrund der sozialen Probleme und der wachsenden Kriminalität sein Land verlassen habe, weil er nicht möchte, dass sein Kind darin aufwächst?
 
Oder dass mir der Doktor das mit der Krise der Werte sagt. Und beschlossen hat, eine Organisation zu gründen, um die Menschen durch Rückbesinnung auf traditionelle Anbaumethoden in Selbstversorgung zu schulen.
Natürlich geht es nicht, dass ein Nachbar dauerhaft auf Kosten seiner Nachbarn lebt. Und ein Land auf Dauer von anderen durchgefüttert wird. Die Ermutigung, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, muss an erster Stelle stehen. Das tun die Griechinnen und Griechen, mit denen ich in den letzten Wochen Interviews führte, allesamt und ohne Ausnahme. Sie tun es nur ein wenig anders als wir Deutschen, wir Nordeuropäer oder Nordamerikaner insgesamt.
„Warum ist Wasser in Deutschland in Restaurants und Bahnhöfen eigentlich so teuer?“, fragt Despina.
Ich bin zumindest nachdenklich geworden nach all dem, was ich hier sah, ob der deutsche Weg, ein Land auf Biegen und Brechen in die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu führen, für Griechen und Griechenland der richtige Weg ist.
Ganz abgesehen davon, dass von vielem, was aus Brüssel in Griechenland oder in Deutschland landet, längstens der Schleier des Schweigens gezogen gehört:
Dieses Land würde vieles verlieren, was für andere Länder wertvoll ist.
Alle Fotos vom gestrigen Samstag entstanden im Osten von Kreta.

Faule Eier und neue tolle Crew

20150724

Wiedereingliederung

Der Donnerstag verlief nicht gut für mich. Grund der Totenstille aus Amsterdam war die Bilge im sogenannten Keller, dort wo unter den Bodenbrettern die Weinvorräte der MARLIN lagern, die schon den Weg durch den Zoll bis nach Spitzbergen und zurück geschafft haben. In Alesund habe diese eine Frischeierdusche bekommen, Jan hatte nicht die Zeit auch unter den Bodenbrettern gründlich sauber zu machen. Na ja, kann passieren. Dazu kamen noch ein paar Liter Diesel aus einem anderen Skipper Unfall beim befüllen des Tagestank und auch Arved hat die Suppe aus Wasser, faulen Eiern und Diesel dann eher als unangenehm empfunden. Die Kartons des Tütenweins haben sich mit der „gutriechenden“ Suppe vollgesogen, auch einige Liter H-Milch und gut dreißig Kilo bester Jasminreis sind dabei drauf gegangen. In Folie eingeschweißt heißt nicht dicht. Muss man immer wieder dran denken. Auf jeden Fall, ich die Bodenbretter hoch und mit Nasenklammer der Scheiße an den Leib. Schlechte Laune hatte ich eh schon, weil mal wieder meine ganzen Tabakutensilien über Bord geworfen, damit ich mich morgens nicht mehr wie ein ungeleerter Aschenbecher aus dem Trinkgelage der letzten Nacht fühle. Kennt man ja schon von mir. Meinem Freund Erik, der so brav auf die MARLIN aufgepasst hat, habe ich schon gewarnt. Er mach einen großen Kreis um die MARLIN für 24 Stunden. Weiter geht es. Zu der Suppe kommt jetzt noch ein halber Sack Grillkohle der auch durchweicht war und der mir aufgerissen ist. So was ungeschicktes aber auch. Die Kohlenstücke verstopfen immer das Rohr der Handpumpe, mit dem ich die zum Würgen anreizende Suppe versuche über Bord zu bekommen. „Echt. Das ist nicht mein Tag.“ In einem alten Saft-Kanister schneide ich ein Loch für das Absaugrohr und mit dem Staubsauger erzeuge ich Unterdruck in dem Kanister. Jetzt geht es. Etwa drei Liter kann ich abpumpen. Den Rest mit dem Feudel und zig Eimern Wasser aus dem Ijsselmeer. Bestimmt verboten was ich da mache. Aber das ist mir egal. Säckeweise Müll bringe ich in den Nachtstunden in die Marina, damit mich keiner sieht. Irdgendwann wird es so dunkel, dass ich die Headlamp anziehen muss, genau das zieht tausende von Mücken an. Hmm. Ich geh dann mal ins Bett.“

Als heute dann Andreas als erster neuer Gast auf der MARLIN erschein bitte ich ihn nur noch mir die Sachen anzugeben, die in den Keller kommen. Irgendwie bin ich fertig. Irgendwie aber auch glücklich das diese Baustelle ein Ende hat. Verproviantieren? Wir kaufen nur noch für die kommenden 10 Tage ein. Genau das passiert. Wir entern Albert Hein und kaufen Grolsch und Co. Den Tütenwein konnte ich retten, die Tüten waren dicht und den guten Jaques Wein habe ich in alle möglichen Flaschen umgefüllt und in der Bilge verstaut. Ohne Eier und ohne Licht. Mit dabei ist auch Gordon und Carmen, die am Nachmittag die MARLIN erreichen.

Für morgen sind erst einmal 40 Knoten Wind aus Westen angesagt. In Böen meer. Was machen wir? Wir bleiben vor Anker und warten bis der Spuck vorbei ist! Fängt ja wieder gut an.


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Derzeit ist fast alles dicht bis September. Dann geht es von Faro nach Madeira. Da sind wieder Plätze frei und von Madeira zu den kanarischen Inseln. Im Oktober kannst Du noch auf den Kapverden mitsegeln. Die Atlantiküberquerung ist ausgebucht. www.marlin-expeditions.com

Heute in Griechenland (10): Was der Doktor sagt. Und warum derDoktoreine Arche baut.

Die medizinische Versorgung in Griechenland: Thema oder Trauma? MARE PIU frägt den Mediziner Dr. Aris Pagkalos in Agios Nikolaos – und erhält einige verblüffende Antworten.

Das ist Dr. Aris Pagkalos. Er ist Hals-Nasen-Ohren-Facharzt und einer von 50 Medizinern, die sich medizinisch um die Bevölkerung von Agios Nikolaos kümmern. Zuvor war er an der Universitätsklinik von Heraklion, vor 15 Jahren ist er in seine Heimatstadt Agios Nikolaos zurückgekehrt, um sich als Facharzt niederzulassen. Er ist 50 Jahre alt und hat zwei Töchter, die in Athen Griechische Philologie studieren.
MARE PIU: 
Wie ist das so, als Arzt in Griechenland?
Dr. PAGKALOS: Wenn ich mir so die Entwicklung der letzten Jahre ansehe, scheint es nicht sonderlich attraktiv zu sein: Wir haben drei größere Tendenzen:
Erstens: 
Sehr starke „Wanderungsbewegung“ unter den Ärzten: Abwanderung von Fachärzten an den Hospitälern. Auswanderung aus finanziellen Gründen. Abwanderung in den vorzeitigen Ruhestand, manchmal schon mit 60 oder jünger, da werden gerne gesetzliche Schlupflöcher genutzt. 
Zweitens:
Noch eine Wanderungsbewegung: Viele Ärzte in unserem Land nehmen öfter einen Ortswechsel vor innerhalb Griechenlands, ebenfalls aus ökonomischen Gründen. Für eine stabile medizinsiche Versorgung ist das nicht gut.
Drittens:
Generelle Reduzierung von Personal und Ausstattung an Kliniken. Die Kliniken in Griechenland sind – anders als in Deutschland – immer noch staatlich. Selbst wenn ich dem Leiter eines Krankenhauses nachweise, dass wir die Kosten für diese oder jene Anschaffung innerhalb kurzer Zeit wieder hereinholen, ist seine Neigung zu größeren Anschaffungen gering. Bürokratie. Mittlerweile ist es so, dass ich mir als Facharzt in meinen Räumen teilweise besseres Equippment leisten kann als die Kliniken.
MARE PIU: Gibt es zunehmend Schwierigkeiten, die Patienten hier in Agios Nikolaos zu versorgen?
Dr. PAGKALOS: Das nicht, nein. Wir haben alles, was wir brauchen. Was wir aber schon feststellen, ist, dass die Menschen weniger ihren Arzt aufsuchen. Das hat eindeutig mit Verunsicherung, mit ökonomischem Druck zu tun. Man geht nicht einfach so zum Arzt. Ärzte, die gute Arbeit machen, merken das weniger, sie sind nach wie vor gut frequentiert. Aber die anderen oder die, die ihre Praxis gerade gestartet haben, verzeichnen eindeutig Rückgänge.
MARE PIU: Es gibt hier in Griechenland ja viele Unversicherte ohne Krankenversicherung. Was geschieht jetzt eigentlich mit den Patienten, die sich einen Arzt nicht leisten können?
Dr. PAGKALOS: Die behandle ich natürlich trotzdem – jeder Arzt hier macht das. Ich habe Privatversicherte, Normalversicherte, Nichtversicherte. Wir behandeln alle – dafür bin ich Arzt. Und als Präsident des hiesigen ROTEN KREUZES stelle ich auch fest, dass es in den letzten Monaten mehr Menschen geworden sind, die nicht bezahlen können.

MARE PIU: Wenn es an Ihnen läge, wenn Ihnen Mittel zur Verfügung stünden: Wo würden Sie als Arzt investieren?
Dr. PAGKALOS: Ich würde noch mehr investieren in den Anbau traditioneller Produkte. Produkte, die wir hier vor Ort seit jeher anbauen und produzieren. Ich habe hierzu eine Organisation gegründet, die ARK OF SEEDS heißt, ARCHE DER PFLANZEN. Innerhalb dieser Organisation sammeln wir das Wissen um die Pflanzen, die wir hier auf Krtea immer angebaut. Wir schulen hier Leute, wie man das richtig macht, wann man sät, wann man erntet, was man braucht. Wir wollen die Menschen hier unabhängiger machen und haben zu diesem Zweck ein großes Stück Land erworben, das wir Menschen zur Verfügung stellen, die über geringes Einkommen verfügen. Wir schulen die Leute auch in Obst- und Gartenbau, zeigen, wie man auf unserer wasserarmen Gegend „Cultivation without Water“ betreibt. Wir haben eine Bank mit Pflanzensamen gegründet. Und wir wollen Respekt gegenüber den traditionellen Anbaumethoden und Lebensweisen hier auf Kreta bewahren. Da war ja alles nicht verkehrt. Ich möchte gerne, dass wir bei jeder Art von Problem aus den Abhängigkeiten herauskommen. Und unabhängig werden.
MARE PIU: Wie kamen Sie denn auf die Idee?
Dr. PAGKALOS: Ich habe meine Großmutter sehr verehrt. Sie hat mich die Liebe zu den Dingen gelehrt, mit ihrer einfachen Lebensweise. Aber das erstaunlichste war: Sie hat immer dafür gesorgt, dass wir mehr zu essen hatten, als wir essen konnten – und das aus dem einfachen Landbau heraus. Und genau das möchte ich mit ARK OF THE SEEDS erreichen: das wir dieses alte Wissen weitergeben.

MARE PIU: In den siebzigern Jahren erschien in den nordeuropäischen Ländern eine Studie, in welchem Land die Menschen die größte Lebenserwartung hätten. Mit weitem Abstand lag Ihre Insel Kreta vorne. Man hat über Jahrzehnte versucht, die Gründe dafür zu finden. Sah sie vor allem in der mediterranen Küche: wenig Fleisch, viele wasserspeichernde Gemüsesorten. Können Sie die Ergebnisse der Studie bestätigen?
Dr. PAGKALOS (lacht): Von dieser Studie habe ich noch nie gehört.
MARE PIU: Wenn Sie die augenblickliche Krise in Europa betrachten – wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen?
Dr. PAGKALOS: Ich glaube, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise weniger um eine ökonomische, sondern um eine Krise der Werte („values“) handelt. Wir Griechen haben nach der europäischen Einigung das Maß verloren. Wahlgeschenke: Menschen, die einfach im öffentlichen Sektor eingestellt wurden, ohne sie zu brauchen. Viele, die die Grenzen aus den Augen verloren, und die dann über ihre Verhältnisse lebten. Europa reagierte auf die Krise ebenfalls nicht richtig, weil es diese Krise derzeit ausschließlich aus dem wirtschaftlichen Blickwinkel sieht. Und das ist auch nicht richtig.
MARE PIU: Und wie kam es zu dem folgenreichen Referendum?
Dr. PAGKALOS (lacht): Das müssen Sie über die Griechen wissen: Ein „Nein“ ist uns Griechen allemal IMMER gemäßer und auch näher. „Ja“ ist manchmal nur ein höfliches Wort, das wir sagen, und es leider nicht so meinen.
                                                          Weiterlesen bei: Das sagt der Bürgermeister. Hier.
                                                          Weiterlesen bei: Das sagt die Sozialarbeiterin. Hier.
                                                          Weiterlesen bei: Das sagt der Strandliegen-Verleiher. Hier.
                                                          Weiterlesen bei: Warum Despina von mir kein Geld nimmt. Hier.
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Vom Autor von MARE PIU: 
Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.


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Heute in Griechenland (10): Was der Doktor sagt. Und warum derDoktoreine Arche baut.

Die medizinische Versorgung in Griechenland: Thema oder Trauma? MARE PIU frägt den Mediziner Dr. Aris Pagkalos in Agios Nikolaos – und erhält einige verblüffende Antworten.

 

Das ist Dr. Aris Pagkalos. Er ist Hals-Nasen-Ohren-Facharzt und einer von 50 Medizinern, die sich medizinisch um die Bevölkerung von Agios Nikolaos kümmern. Zuvor war er an der Universitätsklinik von Heraklion, vor 15 Jahren ist er in seine Heimatstadt Agios Nikolaos zurückgekehrt, um sich als Facharzt niederzulassen. Er ist 50 Jahre alt und hat zwei Töchter, die in Athen Griechische Philologie studieren.
MARE PIU:
Wie ist das so, als Arzt in Griechenland?
Dr. PAGKALOS: Wenn ich mir so die Entwicklung der letzten Jahre ansehe, scheint es nicht sonderlich attraktiv zu sein: Wir haben drei größere Tendenzen:
Erstens:
Sehr starke „Wanderungsbewegung“ unter den Ärzten: Abwanderung von Fachärzten an den Hospitälern. Auswanderung aus finanziellen Gründen. Abwanderung in den vorzeitigen Ruhestand, manchmal schon mit 60 oder jünger, da werden gerne gesetzliche Schlupflöcher genutzt.
Zweitens:
Noch eine Wanderungsbewegung: Viele Ärzte in unserem Land nehmen öfter einen Ortswechsel vor innerhalb Griechenlands, ebenfalls aus ökonomischen Gründen. Für eine stabile medizinsiche Versorgung ist das nicht gut.
Drittens:
Generelle Reduzierung von Personal und Ausstattung an Kliniken. Die Kliniken in Griechenland sind – anders als in Deutschland – immer noch staatlich. Selbst wenn ich dem Leiter eines Krankenhauses nachweise, dass wir die Kosten für diese oder jene Anschaffung innerhalb kurzer Zeit wieder hereinholen, ist seine Neigung zu größeren Anschaffungen gering. Bürokratie. Mittlerweile ist es so, dass ich mir als Facharzt in meinen Räumen teilweise besseres Equippment leisten kann als die Kliniken.
MARE PIU: Gibt es zunehmend Schwierigkeiten, die Patienten hier in Agios Nikolaos zu versorgen?
Dr. PAGKALOS: Das nicht, nein. Wir haben alles, was wir brauchen. Was wir aber schon feststellen, ist, dass die Menschen weniger ihren Arzt aufsuchen. Das hat eindeutig mit Verunsicherung, mit ökonomischem Druck zu tun. Man geht nicht einfach so zum Arzt. Ärzte, die gute Arbeit machen, merken das weniger, sie sind nach wie vor gut frequentiert. Aber die anderen oder die, die ihre Praxis gerade gestartet haben, verzeichnen eindeutig Rückgänge.
MARE PIU: Es gibt hier in Griechenland ja viele Unversicherte ohne Krankenversicherung. Was geschieht jetzt eigentlich mit den Patienten, die sich einen Arzt nicht leisten können?
Dr. PAGKALOS: Die behandle ich natürlich trotzdem – jeder Arzt hier macht das. Ich habe Privatversicherte, Normalversicherte, Nichtversicherte. Wir behandeln alle – dafür bin ich Arzt. Und als Präsident des hiesigen ROTEN KREUZES stelle ich auch fest, dass es in den letzten Monaten mehr Menschen geworden sind, die nicht bezahlen können.

 

MARE PIU: Wenn es an Ihnen läge, wenn Ihnen Mittel zur Verfügung stünden: Wo würden Sie als Arzt investieren?
Dr. PAGKALOS: Ich würde noch mehr investieren in den Anbau traditioneller Produkte. Produkte, die wir hier vor Ort seit jeher anbauen und produzieren. Ich habe hierzu eine Organisation gegründet, die ARK OF SEEDS heißt, ARCHE DER PFLANZEN. Innerhalb dieser Organisation sammeln wir das Wissen um die Pflanzen, die wir hier auf Krtea immer angebaut. Wir schulen hier Leute, wie man das richtig macht, wann man sät, wann man erntet, was man braucht. Wir wollen die Menschen hier unabhängiger machen und haben zu diesem Zweck ein großes Stück Land erworben, das wir Menschen zur Verfügung stellen, die über geringes Einkommen verfügen. Wir schulen die Leute auch in Obst- und Gartenbau, zeigen, wie man auf unserer wasserarmen Gegend „Cultivation without Water“ betreibt. Wir haben eine Bank mit Pflanzensamen gegründet. Und wir wollen Respekt gegenüber den traditionellen Anbaumethoden und Lebensweisen hier auf Kreta bewahren. Da war ja alles nicht verkehrt. Ich möchte gerne, dass wir bei jeder Art von Problem aus den Abhängigkeiten herauskommen. Und unabhängig werden.
MARE PIU: Wie kamen Sie denn auf die Idee?
Dr. PAGKALOS: Ich habe meine Großmutter sehr verehrt. Sie hat mich die Liebe zu den Dingen gelehrt, mit ihrer einfachen Lebensweise. Aber das erstaunlichste war: Sie hat immer dafür gesorgt, dass wir mehr zu essen hatten, als wir essen konnten – und das aus dem einfachen Landbau heraus. Und genau das möchte ich mit ARK OF THE SEEDS erreichen: das wir dieses alte Wissen weitergeben.

 

MARE PIU: In den siebzigern Jahren erschien in den nordeuropäischen Ländern eine Studie, in welchem Land die Menschen die größte Lebenserwartung hätten. Mit weitem Abstand lag Ihre Insel Kreta vorne. Man hat über Jahrzehnte versucht, die Gründe dafür zu finden. Sah sie vor allem in der mediterranen Küche: wenig Fleisch, viele wasserspeichernde Gemüsesorten. Können Sie die Ergebnisse der Studie bestätigen?
Dr. PAGKALOS (lacht): Von dieser Studie habe ich noch nie gehört.
MARE PIU: Wenn Sie die augenblickliche Krise in Europa betrachten – wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen?
Dr. PAGKALOS: Ich glaube, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise weniger um eine ökonomische, sondern um eine Krise der Werte („values“) handelt. Wir Griechen haben nach der europäischen Einigung das Maß verloren. Wahlgeschenke: Menschen, die einfach im öffentlichen Sektor eingestellt wurden, ohne sie zu brauchen. Viele, die die Grenzen aus den Augen verloren, und die dann über ihre Verhältnisse lebten. Europa reagierte auf die Krise ebenfalls nicht richtig, weil es diese Krise derzeit ausschließlich aus dem wirtschaftlichen Blickwinkel sieht. Und das ist auch nicht richtig.
MARE PIU: Und wie kam es zu dem folgenreichen Referendum?
Dr. PAGKALOS (lacht): Das müssen Sie über die Griechen wissen: Ein „Nein“ ist uns Griechen allemal IMMER gemäßer und auch näher. „Ja“ ist manchmal nur ein höfliches Wort, das wir sagen, und es leider nicht so meinen.
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Vom Autor von MARE PIU:
Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.