Monatsarchive: Juni 2014

Befreiungsschlag – Jetzt erst Recht!

Gegenüber meteorologischen Tiefs haben Stimmungstiefs einen deutlichen Vorteil: Wenn sie denn irgendwann vorüber sind, ist nicht gleich automatisch das nächste im Anmarsch. Und der nächste Schlag zum Norden wurde zum Befreiungsschlag.

Nach meinem letzten Artikel habe ich viel Zuspruch bekommen, das hat mir auf jeden Fall echt geholfen, vielen Dank. ;-) Überall in diesen Breiten drehen die ersten um, kommen gar nicht erst mehr hoch, oder stecken ähnlich deprimiert fest. Aber vielleicht ändert sich das auch bald… Kurz nach meinem letzten Eintrag tat sich dann auch endlich eine Lücke im Wettergeschehen auf. Der Wind würde wohl für kurze Zeit abnehmen, später sogar kurz drehen und abflauen, um dann wieder aufzudrehen. Es gab also mal wieder die Chance auf ein kleines Wetterfenster zum vorankommen. Das wollte genutzt werden, koste es was es wolle. So ging es dann am Donnerstag nach Norden. Erstmal die Nasenspitze hinter den Inseln vorstecken. Es sollte nach Kylmäpihlaja gehen. Eine winzig kleine Leuchturminsel vor Rauma. Da sie relativ weit draußen liegt übrigens auch ein guter Absprunghafen. Man muss mit stationären Wetterberichten hier oft relativ vorsichtig sein. Die Küstenstädte liegen oft 5-10sm von der eigentlichen Küste entfernt. Stationen an der Küste herauszusuchen ist wegen der finnischen Zungenbrechernamen oft schwierig. ;-) Das hat mich dann vor Uusikaupunki auch beim ersten Versuch zum Aus(f)bruch verleitet…

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Wie auch immer, ich komme also nachmittags in Kylmäpihlaja an. Die Insel ist ein winzig kleines Paradies, man hat sie noch schneller umrundet als Christiansø auf den Erbseninseln. Als ich in dem winzig kleinen Hafenbecken ankomme habe ich das Gefühl, dass meine einzige Bedingung heute Abend hier zu bleiben wohl eher illusorisch ist: Ich würde gerne einen Platz oder Internetzugang finden an dem ich das Deutschland-USA Spiel verfolgen kann. Ich würde lieber auf der kleinen Insel bleiben, als dafür ins 10sm entfernte Rauma fahren zu müssen – Das sieht aus der Ferne nämlich wenig einladend aus. Trotzdem mache ich mich mal auf die Suche und habe Glück: In den Räumen des Leuchtturms und der verlassenen Lotsenstation wird mittlerweile ein kleines Hotel mit Restaurant betrieben. Die dort arbeitenden Mädels lassen sich schnell überreden, mich das Spiel in einem nicht genutzten Zimmer schauen zu lassen. Als Dank kehre ich dann auch gleich dort zum Abendessen ein, was wiederum durch eine Inselführung mit Leuchturmbesteigung vergolten wird. Der Anblick über den bottnischen Meerbusen und die Schären der Umgebung  bei endlich mal wolkenfreiem Himmel entschädigt mich fast für die letzten Tage. Der Trip von Uusikaupunki auf diese Insel – wahrscheinlich kleiner als das Deck eines Flugzeugträgers – hat mich nur 20sm Luftlinie nach Norden gebracht. Und trotzdem war das nach dem letzten Tagen ein riesiger Schritt. Das Gefühl dem Wetter ein Stück weit entflohen zu sein und ein klitzekleines Stück voran gekommen zu sein, hebt meine Laune schlagartig und stachelt mich zu Höherem an. Ich verbringe noch einen erholsamen Abend im Hafen und studiere alle Wetterdienste am nächsten Morgen mal komplett durch: Der Dreher und die Flaute gegen Abend sollen noch anhalten. Also nichts wie los. So lange und so weit nach Norden wie es eben geht. Das kleine Erfolgserlebnis des Ausbruchs des letzten Tages und der Frust der davor liegenden Tage entladen sich in einem Gewaltschlag nach Norden.

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Gut ausgeschlafen geht es los, entlang der Küste. Ich nehme die ersten Stunden noch den letzten einschlafenden Wind mit. Der Tag vergeht ohne besondere Ereignisse. Ich lese, lausche Hörbüchern, geniesse es einfach nach der kurzen Zwangspause wieder draußen zu sein. Auch ist dies der erste Schlag seit dem Erreichen von Helsinki auf offenem Wasser. Gegen Abend lege ich einen Tankstopp in Reposaari ein. Welch glücklicher Zufall, dass die Tanke dort auch Pizza verkauft. Jeder Student weiss um die Vorzüge kalter Pizza, und auch die vor mir liegende Nacht wird durch die Reststücke des Abendessens echt aufgeheitert. Wobei, von Nacht kann man eigentlich nicht wirklich sprechen. Abgesehen von den Positionslampen für einige Stunden bleiben alle anderen Leuchtmittel ausgeschaltet. Sogar gelesen werden kann ohne zusätzliches Licht. Meine kleine Petroleumlampe dient dann auch nur ein wenig der Wärme, denn bis zu 5 Grad kalt, wird es trotz des ewigen Lichts immer noch. Die Nacht bleibt aber friedlich, ich bekomme kaum ein Schiff zu sehen, selbst in der gesamten Reichweite des AIS Empfangs tummeln sich nur 3 Frachter, und so komme ich in den bekannten 20 min Häppchen zu einigem Schlaf.

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Am Nächsten Vormittag stehe ich dann schon vor dem Eingang des Kvarken Archipels, dem Schärengarten vor Vaasa am Flaschenhals des bottnischen Meerbusens. Ab jetzt wird wieder nach Tonnen navigiert, für ca. 40sm. Alleine, nach knapp 24 Stunden unterwegs ist das trotz ner Mütze Schlaf in der Nacht relativ anstrengend. Zudem hat nun auch der Nordwind wieder zu alter Stärke gefunden und bläst zwischen den Inseln hindurch. Es wird also fürs erste wohl bei Vaasa als Ziel bleiben. Reicht ja auch… Selbst hier in den Schären ist es sehr leer. Ich sehe über den ganzen Tag bis 8 Uhr Abends nicht mehr so als 10 Boote. Die Schären hier oben lassen auch die Lieblichkeit des Turku-Archipels und seiner Ausläufer vermissen. Die flachen Buchten – über und über mit Steinen und Felsbrocken übersät – erinnern mich eher an die Buchten Estlands, wo die nötige extra sorgfältige Navigation auch nicht mit endlosen idyllischen Ankerplätzen abgegolten wurde. ;-)

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Die Anfahrt nach Vaasa gerät dann noch mal extra spannend. Es gibt hier Fahrwasser deren Tonnen maximal 70cm hoch ragende Besenstiele sind, und an denen man die an beiden Seiten vorbeiziehenden Felsen fast anfassen kann. Das sorgt dann auch noch für den nötigen Kick am Tag. Gegen Abend mache ich dann nach einem nicht mehr ganz so kurzen Besuch an der Tankstelle im WSF Hafen in Vaasa fest. Mehr als 24 Std. nach dem letzten Stop in Reposaari, und nach knapp 36 Stunden unterwegs. An Schlafen ist aber nicht zu denken: Die Palve, eine HR 42 – also ein wesentlich größeres Schiff – und ein weiterer aus Kaskinen kommender Deutscher, sind keine 24h vor mir eingetroffen. Die Palve ist einen Abend vor mir aus Uusikaupunki ausgebrochen. Beide sind überrascht und happy, dass ich ihnen bei den Bedingungen hierher folgen konnte, und so folgt dem langen Schlag noch ein langes Gelage…

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Wenn man so lange vom Wetter festgehalten wird, fängt man sich oft an zu fragen ob man sich vielleicht einfach nur anstellt. Vor allem wenn größere Boote noch fröhlich winkend auslaufen. Nun ja, sie sind zwar größer, aber trotzdem… Die Statements der großen anderen deutschen Boote haben mich aber darin bestärkt, dass ich mich nicht angestellt habe, dass die Bedingungen wirklich zum Kotzen waren. Und darüber, dass man mit großem Willen auch den Nachteil des kleineren Schiffes ausgleichen kann. Der ewige Nordwind ist wohl sauer darüber, dass ich ihm in seiner Kaffeepause abhauen wollte. Er hat wieder voll aufgedreht und ist auf Nordost gedreht. Da der Bottnische Meerbusen hier oben einen leichten Knick dahin macht, ist das aber leider genau so doof. Dazu regnet es wieder pausenlos. Aber mir ist das egal. Ich hab mir selbst gezeigt, dass sich mein Einsatz trotz widriger Bedingungen immer noch nicht hat kleinkriegen lassen. Und das lässt mich die Zeit bis es weiter geht hier in Vaasa zufrieden abwettern. In diesem November sind die Tage übrigens auch viel länger als normal… ;-)

Jetzt erst recht!

 

Die Fahrwasser in Finnland sind meistens gut betonnt.
Alter Leuchtturm auf dem Weg...
....nach Kylmäpihlaja...
....Denn Rauma sah aus der Entfernung nicht wirklich einladend aus.
Kylmäpihlaja Majakka.
Der kleine Hafen in Kylmäpihlaja. Hat mich sehr an Drejö gamle havn erinnert.
Kylmöpihlaja.
Der Leuchtturm.
Der freie Blick auf den Bottnischen Meerbusen.
Und auf die Schären....
...Und auf die kleine Nonsuch!
Blick vom Leuchtturm.
Inselidylle.
Im Hafen.
Es gab ein kleines Infohäuschen mit ausgestelltem Strandgut untergeganger Schiffe.
Klaren Blick voraus.
Die kleinen Frachter ziehen an der Lotseninsel vorbei...
Kylmäpihlaja.
Catwalk.
Sonnenuntergang.
Oder doch nicht?
...traumhafte Kulisse.
Der Sonnenuntergang dauert hier etwas länger...
Pizza to go von der Bootstanke. Luxus pur!
"Nacht"-fahrt.
Der Beginn des Kvarken Archipels.
Die Buchten sind hier deutlich weniger einladend als in Südfinnland.
Gourmet Mittagessen. Schmeckt tatsächlich besser als jede Dose!
Sportliches Fahrwasser zur Abendunterhaltung!
Angekommen in Vaasa.
Legebatterie.

 

 

 

 

The Sailing Bassman – Episode 13 – Mother Nature’s Son

Diese Folge widmet sich der absolut beeindruckenden Natur in der ich mich zur Zeit bewege. In Deutschland wäre jeder dieser Flecken Erde eine Sehenswürdigkeit und entsprechend frequentiert; hier herrscht ein Überfluss an Schönheit und Raum. Erst unter Segeln, wenn ich also lautlos und nur vom Wind getrieben durch diese Inselwelt gleite, erschliesst sich mir diese Kombination aus Einsamkeit und Weite und ich fühle mich wie ein Teil des Ganzen. Manchmal vergehen dabei Stunden ohne das ich es überhaupt wahrnehme. Ein für mich einzigartiges Erlebnis, an das ich mein Leben lang denken werde.

Good Morning Sweden

Leerer Kühlschrank

20140629

Die Rauschefahrt hält an

Es läuft. Das kann man nicht anders sagen. Genua und Groß jeweils im 2. Reff und trotzdem 8 Knoten Fahrt, da kann man nicht meckern. Kann man natürlich doch, über die blauen Flecken, die man sich holt, weil man schon wieder von einer Welle halb durchs Schiff geschleudert wird. Aber alles hat eben seine Vor- und Nachteile.

Nur der immer leerer werdende Kühlschrank, der hat keine Vorteile mehr. Gemüse, Käse, Butter, Speck, von allem sind nur noch homöopathische Dosen da. Jetzt wird rationiert. Für die Kinder gibt es jeden Tag eine Möhre zum Teilen als Rohkost, wegen Skorbut, ist doch klar. Erwachsene gehen leer aus. Die müssen mit Kürbis in der Suppe und Kohlsalat glücklich werden. Seit neuestem auch wieder Alfalfasprossen. Kartoffeln sind auch noch ein paar im Sack und 30 Eier, die aber mit Vorsicht zu geniessen sind. Die Bahamas eignen sich nicht wirklich zum Verproviantieren für Ozeanüberquerungen, da alles gekühlt ist und oft schon weite Transportwege hinter sich hat und so kommt alles, was wir an Bord haben noch aus Jamaica, der Markteinkauf liegt gute 4 Wochen zurück.

Fisch beißt leider seit einer Woche auch keiner mehr und die letzten Doradestücke sind gestern in Form von Fischfrikadellen in den hungrigen Mägen gelandet. Also gibt es jetzt Ozeanüberquerungskost: Erbsensuppe, Linsensuppe, Kürbissuppe, Chili sin Carne, Spaghetti mit Tomatensoße, indisches Linsencurry, Bohnensuppe, Frijoles refritos. Macht 8 Tage, dann sollten wir angekommen sein, sonst fängt der Speiseplan wieder von vorne an. Dazu läuft natürlich der Backofen auf Hochtouren, alle zwei Tage zwei Brote, das heizt die Bude ganz schön auf. Mich gelüstet es jetzt schon nach frischen Äpfeln, Salat, knackigen Paprika, Gurken und Tomate. Julian will Bier, Zigaretten und Schokolade (ich weiß nicht in welcher Reihenfolge), Maya und Lena wollen Erdbeeren und Micha auch Schokolade, viel wahrscheinlich, Traube-Nuss.

Etmal 168 Seemeilen, das kann sich doch sehen lassen, hoffentlich begleitet uns der Wind noch ein paar Tage!

So werden Charterschiffe angelegt…

…Muskeln gegen Maschine.

SV Anne – Nette+Stefan Wendl GER

WendlFAMILIE + 3 KINDER + DER ATLANTIK
Ein Familienabenteuer, das am 3.Juli im Hamburger Citysportboothafen seinen Anfang nimmt. Ein Abenteuer, das zunächst im Rahmen der EUROPAEN ODYSSEY von Jimmy Cornell bis in der Karibik, und anschliessend über die Nordroute wieder zurück in die Heimat führt. WEITERLESEN

SV Monsterpiu – Jayme Souza + Adriana Diniz Br

P1010706ZU GAST in HAMBURG MARINA
JAYME SOUZA und ADRIANA DINIZ aus Brasilien sind Anfang April nach Deutschland gekommen, um ihre neue HANSE 385 in Greifswald in Empfang zu nehmen. Aus einem Kurzbesuch sind zwei Monate geworden, die man in Rufweite zur Werft verbrachte, bis man mit dem Schiff zufrieden und sich nach Westen auf den Weg gemacht. Jayme, ehemals im bürgerlichen Beruf als “Gott in Weiss” ( Chirurg ) und Dozent erfolgreich, berichtet auf seiner FACEBOOK Seite von seinen Erlebnissen in unserem Land, demnächst auch in Englisch, wie er mir versprochen hat.

Zwischenbilanz und aktuelle Reiseroute

http://www.tripline.net/trip/luvgier_-_Die_Reiseroute-5350417703331007BAE69FE4493A3C5A

Das erste Logbuch wird langsam voll, daher mal eine kleine Statistik

Tage unterwegs:                   53
Tage auf See:                       36
Tage Einhand:                      28
Gefahrene Meilen:              711
Gesegelt:                            531
Motort:                              180
besuchte Länder:                    2
verpasste Deutschlandspiele:   2
Reparaturen:                           2
Gegenwind:                           ca. 10%
passende Wind                      ca. 90%
Bordgrilltage                            6 

Should I stay or should I go?

Diese Frage stellt sich mir in letzter Zeit morgens immer häufiger. Die Pflichtmeilen sind geschafft, ich liege gut innerhalb meiner groben Planung und habe absolut keine Eile. Abends nach dem Festmachen überlege ich sowieso nie sofort wie es weitergeht. Das hat immer Zeit bis zum Frühstück….und dann sitze ich da und vergleiche Wind, Karten, Hafenhandbücher, WM-Spielplan und stelle die Optionen zusammen. Am Ende ist es dann meist eine spontane Bauchentscheidung einen Tag zu verlängern und das Nichtstun zu geniessen oder abzulegen und weiterzuziehen. Es gibt allerdings folgende Ausnahme: Manchmal wache ich bereits um 8.00h auf und will sowas von los. Das kommt doch ab und zu vor, ich lege dann direkt ab und frühstücke erst nach dem Segelsetzen. Meistens segel ich an diesen Tagen bis in den Abend und schaffe jede Menge Meilen. Am nächsten Tag kommt dagegen dann meist wieder die Frage: Should I stay or should I go.
Diese Art zu reisen ist absoluter Luxus und ich habe in einem Reiseführer das Wort „Zeitmillionär“ gelesen; ja genau so fühle ich mich zur Zeit. Eigentlich wollte ich durch die Schären Richtung Stockholm, hatte aber Rückenwind Richtung Södertalje-Kanal und bin danach auch wieder spontan backbord abgebogen um nach Schloss Gripsholm in Mariefred zu segeln. Ein perfekter Entschluss der mit viel Sonne und ganz leichtem Wind belohnt wurde, und mich zu einem der schönsten Häfen bisher geführt hat. Hier muss ich nicht überlegen: Stay!! Mindestens bis übermorgen…

Rückenwind

20140628

und Rauschefahrt

Kurzes Zwischenresümee. Ich würde die Strecke in Zukunft vielleicht doch eher im April oder Mai segeln. Wir hatten durchweg eher zu wenig Wind um unsere MARLIN auf Geschwindigkeit zu bringen. Oder von Vorn oder gepaart mit einer Front. Heute war es zum ersten Mal anders. 12-15 Knoten aus SW geben uns ordentlich Druck in den neuen Rolly Tasker Segeln und wir stellen das Groß weit aus. Unter Vollzeug, aber recht stabil beschleunigt die MARLIN auf acht Knoten, Durchschnitt. Julian und ich gehen für ein paar Stunden Hand und laufen deutlich mit neun Knoten. Ohne Autopilot und mit einer sportlichen Crew und kurzen Wechseln an der Radsteuerung würden wir wesentlich schneller ans Ziel kommen und über 200 Meilen Etmal machen. Aber wir sind zu dritt und leben auch noch an Bord. Nathalie muss sich um die Küche und Erziehung kümmern, Julian bekommt fast jeden Morgen eine Liste von Reparaturen, die er auszuführen hat und ich habe auch immer eine lange Liste zu tun. Also Segeln pur ist nicht drin. Der Autopilot macht seinen Job zwar gut, aber nicht wie ein guter Steuermann.

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Die Stimmung an Bord ist gut, weil wir endlich Meilen machen. Und genau jetzt im Moment springt unser GPS um vom 1.000 Meilen auf 999 Meilen to Go! Jetzt geht es schneller. Aus Erfahrung. Ich weiß nicht genau warum. Aber wenn da steht 3.200, dann ist das noch so unvorstellbar viel. 999 Meilen. Das sind ein paar Tage mit einem Schiff wie der MARLIN. Wenn’s Wind hat.

Wind werden wir haben bis Mittwoch. Dann zieht ein lokales Tief über den Azoren, das Hoch nach Norden, genau uns in den Weg. Wie wir dann die letzten 500 Meilen machen werden ist vollkommen unklar. Im Moment hoffen wir einfach, dass sich die Meteorologen irren, dass Tief plötzlich verschwindet oder sonst was. Und wenn es dann eben so ist, dann ist es eben so. Dann haben wir wenigstens Gegenwind, den wir aufkreuzen können und nicht Rückenwind, bei dem wir stehenbleiben.

Mit dem Fischen ist so die Sache. Wir verlieren viele Köder, weil uns große Fische die Köder einfach abbeißen. Und zwar durchs Vorfach aus Stahlseil. Das hängt leider auch mit der Geschwindigkeit zusammen. Hier werden wir wohl ab den Azoren soliden Stahldraht verwenden, wie ich es bei den Game Fischern auf Cayman Islands gesehen habe. Hab ich leider nicht an Bord.

Julian

20140627

Mensch. Der hat Rückenwind

Intermezzo. Heute mal probeweise die Webasto in Betrieb genommen. Die 9KW Webasto ist das Herz unseres Warmwasserkreislaufs mit Thermospeicher, auf Dieselbasis. Ersatzweise Motorkühlkreislauf. Ich musste vor ein paar Monaten das Wasser ablassen, weil ich einen Heizkörper im Bad demontiert habe. Nun, kein Problem. Die Kühlflüssigkeit hatte ich in einem Kanister aufgefangen. Also wieder rein und gut ist. ON! Ne. Kein On. Fehlermeldung. Irgendwelche Blinksignale am Schaltpanel. Also Manual raus und lesen. Manual ist auf Holländisch. Haha. Die Sprache kann grade keiner an Bord. Nach langem Wühlen finde ich das Installationsmanual auf Deutsch. Der Blinkcode: Fünfmal kurz, Zehn mal lang meint: Überhitzung. Die Heizung springt nicht mehr an. Ich also in den Motorraum, Abdeckung ab und allgemeines Unverständnis, wie immer wenn man an ein neues technisches Gerät gerät, dass nicht einfach nur funktioniert.

Das ist Julian. Julian ist 23 und mein Sohn. Julian ist groß und segelt zum ersten Mal über den Atlantik. Ein Traum für ihn. Gestern war Bergfest und jetzt weiß er, dass er den Rest der Reise auch überleben wird. Wenn wir viel Wind haben, machen wir die Segel kleiner. Haben wir wenig Wind, andersrum. Bei keinem Wind warten wir ab oder machen den Motor an. Bei Sturm machen wir die Segel fast weg und die Fenster zu, so dass es nicht reinregnet. Ansonsten ist es manchmal wackelig. Am Anfang hatte Julian viel Respekt vor der Reise. Jetzt hat er sich daran gewöhnt. Wenn Papa nervt, sagt er: „Is klar Papa. Mach ich!“ und denkt sich seinen Teil, weil der Alte grade mal nervt. Ist auch erlaubt. Und dann sind da gefühlte hundert Leinen an Bord, deren Namen Nathalie und Michael die ganze Zeit benutzen. Ein ziemliches Kauderwelsch in den ersten fünf Tagen. Die Manöver müssen manchmal schnell gehen und da ist es doof, wenn man nicht alle Namen kann. Jetzt kann Julian die Namen. Er geht über Deck, zupft hier und da und lernt grade was Schamfilen ist und wie man das vermeidet. Wenn das sitzt, dann lernt er vielleicht noch trimmen. Immer noch besser als immer abspülen zu müssen. Julian spricht nicht so viel. Manche, meist Mütter nennen das introvertiert. Ich nenne das mundfaul. Vielleicht ist es auch nur Unsicherheit und Schutz. Aber man sollte andere Menschen nehmen wie sie sind. Das erwarte ich von anderen, dass darf Julian auch vom Skipper erwarten.

Die Webasto. Hat noch keinen Namen. Ich mache das Ding immer wieder an und aus. Aber die Dieselpumpe fördert kein Treibstoff. Kein leises Klicken. Bin ich dämlich? Da steht drin, den Temperaturbegrenzer drücken, wenn die Anlage überhitzt war. Hmm. Ich bin doch dämlich und stelle den Temperaturregler runter und wieder raus. Du lachst? Wahrscheinlich hast Du das Manual gelesen. Irgendwann macht es auch bei mir Klick, Bumms, Doing! Der Temperaturbegrenzer ist an der Heizung selber ein versteckter Reset Button mit einem dicken Gummi drüber. Brav entlüfte ich die Anlage noch mal, wie beschrieben und fülle noch etwas Kühlmittel nach. ON! Yes! Mit einem gesunden Rauschen beginnt das Herz unserer Flensburg-Überwinterung an zu arbeiten. Ich prüfe die Leitungen im Boot. Alles wird warm, heiß. Die Heizkörper im Bad und Dusche, auf Toilette. Die Lüfter im Salon, brauchen wohl noch etwas Liebe, ebenso in der vordere Kabine. Aber das bekommen wir noch hin. Hauptsache die Webasto läuft: Flensburg, wir können kommen.

Heute Abend dann haben Julian und ich für die Nacht gerefft. Nathalie hat schon geschlafen. Das Großsegel der MARLIN mit seinen 100qm ist immer ein bisschen biestig. Beim in Wind fahren neigt sich der Mast je nachdem wie viel Wind und Segel drauf ist ganz schön. Eigentlich sind zum Reffen immer sechs Hände notwendig und alle müssen wissen was zu tun ist. Heute Abend haben Julian und ich das dann eben mal alleine probiert und das hat richtig gut geklappt. Ganz in Julians Sinn: Ohne viel Worte. „Das war richtig gut. Das hast Du sehr gut gemacht!“, schließe ich das Manöver ab. Reibungslos. Morgen fangen wir mit dem Segeltrimm an. Ein guter Bootsjunge. Seine eigentliche Aufgabe an Bord allerdings ist die Dokumentation. Die meisten Bilder der Reise stammen von ihm. Macht er auch sehr gut. Was für ein Video aus dem Filmmaterial entstehen wird, wird man in ein paar Wochen sehen. So habe ich mehr Zeit Manuals zu lesen ;-) Julian hat Rückenwind. Ob er das merkt?

Wir bedanken uns bei Constanze für Ihre Autorenzuwendung via Spandenbutton!

The Sailing Bassman – Episode12 – Kulturschock

Von Nyköping bin ich über Hamburg zu einem Auftritt mit der Band “Kati und die Schulmänner” auf einer Oldtimer Rally in Bad Aibling geflogen. Der Auftritt stand schon vor meiner Reise fest und ich habe mich drauf gefreut, obwohl es mich natürlich aus meiner Urlaubsroutine gerissen hat. Er bezahlt aber auch die Reise durch den Götakanal!! Mit Grillparty bei Freunden und Geburtstagsfeier meiner Frau habe ich in 4 Tagen gefühlt 100 Menschen getroffen, was nach der langen Einsamkeit erstmal verarbeitet werden musste; wobei mir die Rückkehr dann schwerer fiel, als die Hinreise. In diesem Video nehme ich euch mit auf die Reise und auf die Bühne!!