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Vanuatu: Das sicherste Katastrophengebiet der Welt

16.08.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Luganville; Tag 4.460; 30.098 sm total

Sonntagnachmittag. Alles ist ruhig auf Atanga. Eine Fliege summt durch den Salon. Ich liege auf dem Sofa, verscheuche sie gelegentlich von meinem Bein und konzentriere mich auf meine Sprachen-App. Achim macht in der Achterkabine das Gleiche. Denke ich zumindest, vielleicht ist er auch eingenickt. Hinten ist es auffällig ruhig.

Plötzlich höre ich ein Rattern. Es rumpelt, als ob ein großes Schiff nahe an uns vorbeifährt. Sehr nahe. Zu nahe. Welcher Trottel will uns da rammen?
Ich springe vom Sofa auf ins Cockpit. Laufe aufs Vorschiff. Nichts zu sehen. Außer unsere Nachbarn auf ihrem Katamaran, die ebenfalls aufgeregt an Deck stehen. Es rumpelt wieder. Achim ist jetzt auch zur Stelle. Mit einem Fragezeichen am Kopf. Unsere Ankerkette kann die Geräusche nicht machen, wir hängen ja am Mooring-Seil. Es rattert erneut. Und dann kommt die Erkenntnis: ein Erdbeben!

Nach ein paar Stößen ist es vorbei. Stärke 6,1. Einhundert Kilometer von uns entfernt. Es rumpelt in knapp 200 Meter Tiefe. Zu schwach und zu tief für einen Tsunami finden wir eine Entwarnung im Internet.
Mein Puls geht wieder auf normal.

Das Erdbeben, das wir deutlich an Bord spüren konnten. Keine Schäden in Vanuatu. Quelle: U.S. Geological Survey

Alle Erdbeben der letzten 7 Tage als orangene Punkte. Die meisten Beben im Land sind schwach und richten kaum Schäden an. Ab 6.0 gilt ein Beben als stark. Davon gibt es in Vanuatu eine Handvoll im Jahr. Quelle: vmgd.gov.vu

In Vanuatu ballen sich die möglichen Naturkatastrophen. Kaum anderswo auf der Welt ist die Bedrohung größer, durch so ein Ereignis zu Schaden zu kommen. Vulkanausbrüche. Tsunamis. Erdbeben. Und weil das noch nicht reicht, kommen im Sommerhalbjahr auch noch Zyklone dazu.
Vor drei Jahren schafften es innerhalb von 48 Stunden zwei Kategorie-4-Zyklone Vanuatu zu überrollen. Während alle noch ihre Häuser sicherten, gab es mittendrin noch ein 6,5-Erdbeben. „Das chaotischste Wochenende im Pazifik“ wurde ausgerufen.
Vor ein paar Jahren hob ein Beben eine Lagune so schnell an, dass die Bewohner mit Eimern bewaffnet Langusten und Fische auf dem neu entstandenen Land einsammeln konnten.
Beim Unterwasservulkan nahe der Insel Epi fing 2023 plötzlich das Meer an zu kochen. Einhundert Meter hohe Dampfwolken zwangen Schiffe zu Umwegen.

Ein gefährliches Pulverfass, dieses Vanuatu.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Kriminalstatistik. Platz 186 von 193 Ländern. In Vanuatu gibt es keine organisierte Schwerstkriminalität, keine Banden und selten Schusswaffengebrauch. Die Alltagskriminalität beschränkt sich in der Regel auf Diebstähle. In Luganville einen auf den Kopf zu bekommen, diese Chance ist kleiner, als vom Tsunami weggewaschen zu werden.

Entsprechend leer sind Gefängnisse. Kleinere Vergehen werden vom Chief des Kustom-Dorfes gelöst. Man entschuldigt sich, als Wiedergutmachung wechselt ein Schwein den Besitzer.
Schwere Delikte, wie Sexualstraftaten, Inzest und Gewalt enden im Gefängnis.

In Port Vila sind wir beim Stadtrundgang am Gefängnis vorbeigekommen. Von außen wirkte es eher wie ein gut gesichertes Internat. Massenausbrüche in Vanuatu machten bereits internationale Schlagzeilen. Die Insassen entkamen einfach durchs Anheben eines Zauns.
Die Häftlinge hatten gar nicht vor zu flüchten, sondern brachen aus, um die Familien zu besuchen, Weihnachten zu feiern oder die Gartenarbeit zu erledigen. Freiwillig kehrten sie in ihre Zellen zurück.

Das Gefängnis in Port Vila. Mit Natodraht gesichert, aber die Wärter saßen im Schatten und haben geschwatzt.

Der sicherste unsichere Ort der Welt. Wir spazieren also weiterhin unbefangen über die Inseln und schließen nachts die Türen nicht ab. Ein gutes Gefühl. Zyklone sind im Augenblick nicht zu erwarten. Den Vulkanen gehen wir aus dem Weg. Bleiben die Erdbeben und Tsunamis – was sagt eigentlich unsere Versicherung dazu?

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