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Von Sizilien in die südliche Adria. Von versunkenen Handys. Gewittern.Und zertrümmerten Bugkörben.

Im Folgenden die Geschichte über meine Reise 
die Schuhsohle des italienischen Stiefels entlang.
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Immer gut für Überraschungen: Die Straße von Messina.

Segeln, ein Schiff unter Segeln halbwegs gekonnt übers Meer zu bewegen, ist für mich Erfüllung. Ich habe lange Jahre davon geträumt, eines Tages zu tun, was ich jetzt tue. Und selbst zwei Jahre intensiven Segelns haben nichts von der Faszination nehmen können, die mich während meiner vier Tage von Sizilien in die Adria begleitete. 

Vielleicht. Vielleicht segle ich, weil ich auf dem Meer in vier Tagen so vieles, so reiches erlebe wie sonst in einem Jahr. 

Catania war der Startpunkt meiner Umsegelung Siziliens. Und auch der Endpunkt. Und ich erreichte ihn vergangene Woche. Wie schon im vergangenen Herbst war ich auch diesmal überrascht von Siziliens zweitgrößter Stadt. Catania kennt man, weil man hier landet oder abfliegt. Für Catania hat man wenig Zeit. Vom quirrligen Leben in der Stadt, von der studentischen Kneipenszene, dem Theatro Bellini und dem Korbflechter bekommt man wenig mit. Zu wenig. Was schade ist. Catania ist nicht unbedingt eine Hübsche. Aber eine Inspirierende allemal. Und damit hat sich Catania einen Platz auf meiner langen Liste jener Orte verdient, in denen ich leben könnte.

Die Geschichte vom versunkenen Handy.

Das Wegstück von Catania bis Crotone begleitete mich Andreas, der sich in LEVJE’s prall gefülltes Buch der Abenteuer mit folgender Geschichte eintrug:

Der Ätna im Sonnenuntergang. Und gleichzeitig das letzte Foto, das Andreas von seinem iPhone versandte.

Wir brachen nach Taormina auf, etwa fünf Stunden mit dem Boot nördlich von Catania. Die Sonne ist hinter dem Ätna verschwunden und beleuchtet wie ein Theaterscheinwerfer die Dampfwolken, die der Vulkan auf 3.300 Meter Höhe ausstößt. An Steuerbord begleiten uns schon eine ganze Weile Delphine. Sie sind klein, knapp einen Meter groß. Eine Schule von etwa zehn Tieren. Einer ist besonders keck: Immer wieder springt er senkrecht aus dem Wasser, vollführt über der Wasseroberfläche eine halbe Körperdrehung, um dann rückwärts wieder im Wasser einzutauchen. 

Kaum erkennbar, doch unübersehbar: Der kleine Delphin, der gerade aus dem Wasser springt. Und rückwärts wieder eintaucht.

Das geht so 10, 15 Mal, immer wieder zeigt uns der kleine Kerl dasselbe Kunststück, das er ein Stück weit querab von uns vollführt. Es ist das Erstaunliche, immer wieder Verblüffende an Delphinen: Wo andere Lebewesen einfach ihr Dasein frissten, indem sie warten, dass Futter vom Himmel fällt oder  auf Beute lauern, zeigen sie: Kunststücke. Sie nähern sich uns nicht einfach. Sie schenken uns etwas – jedenfalls kommt man bei der Begegnung mit diesen Tieren nicht umhin, deren Verhalten auf sich zu beziehen. Wie oft habe ich Delphine erlebt, die 50 Zentimeter vor dem Bug meines Bootes im Kielwasser schwammen, heraufblinzelten. Nie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Delphine nicht nur die Nähe des Menschen suchen, sondern ihren Spaß haben, etwas mitzuteilen. Es ist, als wären sie sich bewusst, dass da jemand zusieht, ein „Schau’ mal, was ich kann!“ und ein „Kuck mal, wozu ich meine Freiheit nutze!“ In den vier Tagen, den 220 Seemeilen zwischen Sizilien und der Adria sollte ich das noch öfter erleben – siehe meinen neueren Post.

Leider kamen sie nicht näher, blieben auf Distanz. Eine Viertelstunde begleiteten sie uns – dann zogen sie ihrer Wege. Und während die Nacht langsam sank und der Ätna hinter uns immer mehr zum schwarzen Riesen wurde vor seiner goldenen Tapete, während die Delphine fröhlich ihrer Wege zogen, steckte Andreas  auf dem Vordeck sein iPhone in seine Hosentasche. Er tat das, wie man halt sein iPhone in die Hosentasche steckt. Jedenfalls versuchte er es. Denn da, wo seine Hose üblicherweise eine Tasche hat, war diesmal keine. Also hüpfte das iPhone noch einmal fröhlich an Deck auf und vollführte dann, vollendet wie ein Turmspringer, seinen Sprung vom Deck ins Wasser. Mit der Schmalseite voraus. Und fast ohne Spritzer beim Auftreffen. 

Das Handy machte sich ohne weitere Umstände auf den längeren Weg die 235 Meter hinunter auf den Meeresgrund, ohne noch einmal aufzutauchen. Wir versuchten natürlich sofort, hinterher zu telefonieren, um dem iPhone zu sagen: „So gehts ja nicht!“ Aber aus der Wassertiefe kam nicht mal mehr ein „Blubb“, sondern bei Anruf nur die gewohnte Frauenstimme, die darum bat, doch für Herrn Dr. Meyer eine Nachricht zu hinterlassen. Er sei zur Zeit nicht zu erreichen. 

Was dann ja auch eine ganz eigene, tiefere Wahrheit war. 

Von Taormina/Sizilien nach Roccella Ionica/Kalabrien.

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Taormina ist nun wirklich ein touristisches Highlight auf Sizilien. Das kleine Bergnest, das im Dunkel auf der Anhöhe lag und von dessen Amphittheater man einen phänomenalen Blick hat auf den qualmenden Gipfel des Ätna, ist wirklich ein Must See. Aber da wir erst gegen halb elf Nachts ankamen und gleich neben dem Bahnhof den idealen Platz in der Südbucht fanden, um unseren Anker in der Dunkelheit fallen zu lassen, wars nix mit Tourismus. Wir müssen uns mit dem Wissen begnügen, dass das 11.000-Seelen-Nest Taormina jährlich 1,3 Millionen Besucher durchlaufen, was dann das liebe Berlin (3,5 Millionen Einwohner; 2015: 12,5 Millionen Besucher) zumindest von der Einwohner-Besucher-Relation alt aussehen lässt. Alle, alle waren da. Goethe und Sissi. Thomas Mann und Cary Grant. Marlene Dietrich und Greta Garbo. Bloß wir nicht.

Am Morgen um fünf aus den Federn. Ein langer Schlag von 80 Seemeilen über die Straße von Messina und dann die Schuhsohle des italienischen Stiefels Richtung Absatz entlang. Wir holen den Anker im Dunkel vom Meeresgrund, ganz warm ist die Kette, weil das Meer jetzt im August so warm ist. Im Dunkel schleichen wir zwischen den anderen Ankerliegern hinaus, drehen im Schatten der Klippe noch einen Aufschiesser, um in der Dunkelheit unser Großsegel zu setzen. Und dann geht es raus, Kurs Ost-Nord-Ost, Richtung italienisches Festland.

Eigentlich ist für die Wegstrecke bis zur Adria nur schwacher Wind angesagt. Flaute. Nur hier, südlich der Straße von Messina, soll es für die ersten fünf Stunden wie aus einer Düse heraus wehen. Kaum sind wir aus der Felsabdeckung draußen, meldet sich die Düse. Noch im Dunkel nimmt der Wind jede Viertelmeile merklich zu. Und noch bevor die Sonne über der Stiefelspitze aufgegangen ist, haben wir gerefft, was zu reffen war. Der Windmesser zeigt in der Spitze 35 Knoten schräg von vorn, die große Genua ist auf ein Feigenblättchen verkleinert. Trotzdem taucht LEVJE heftig in die Wellen ein, schiebt Lage. Und ich überlege: Was ich eigentlich täte, wenn der Wind noch weiter 

zunähme und mein kleiner Windmesser die 40 Knoten scheinbaren Wind übersteigt. Es sind drei Stunden hartes Steuern: Trotz maximal verkleinerter Segelfläche strebt LEVJE in den Wind, die Pinne auf Kurs zu halten ist kräftezehrendes Oberarm-Training. Im Nu sind Andreas und ich nass, weil krachend Wellen an der Bordwand brechen. Nasses Segeln. Auf nüchternen Magen. Es geht so, bis ich gegen halb acht Uhr endlich feststelle: Der Wind nimmt nun nicht weiter zu.

Die Straße von Messina und ihre ungewöhnlichen Wetterphänomene: Ich schrieb im vorigen Post darüber. Und wie der wütende Wind gekommen war, so schnell ist er wieder vorbei: Kaum haben wir den Trichter hinter uns, endet die Düse abrupt, auf einem Stück von 100 Metern Länge. Als hätte jemand den Strom abgestellt. Man stelle sich ein Fußballfeld vor: Dem Torwart an einem Ende treiben sieben Beaufort Tränen in die Augen. Während der Torwart gegenüber in der Windstille gelangweilt am Pfosten lehnt.

Die Straße von Messina.

Der denkbar merkwürdig zertrümmerte Bugkorb.

Roccella Ionica erreichten wir am Abend. Wir ahnten nicht, dass aus einer Nacht, die wir geplant hatten, drei werden würden, denn schon am nächsten Tag rumpelten schwere Gewitter über den Hafen, gerade, als wir auslaufen wollten. Die Männer der GUARDIA COSTIERA rieten uns ab, auszulaufen, erzählten von Windstärke 7 draußen. Ein Segler aus Starnberg, der wegen Motorproblemen in den Hafen zurückkam, berichtete von 5 Meter hohen Wellen. Ich? Glaubte beides nicht.

Nach drei Tagen im Hafen sitzen und Winschen fetten hatte ich genug. Beim Aufstehen morgens um halb sechs war die Bucht ruhig wie ein Ententeich. Die Gewitterwarnungen waren vorbei. Nur etwas Wind von da, wo wir hin wollten, würden wir bekommen. Was machte es schon.

Um sechs Uhr Morgens brachen wir auf. Unser Ziel: Rüber über den Golfo di Sqillace in 14 Stunden. Und wenn alles gut lief, gleich weiter die 18 Stunden hinüber zum Absatz des Stiefels, die 85 Seemeilen über den Golf von Tarent.

Ich war klug. Dachte ich jedenfalls. Weil ich rechnete, dass Gegenwind stärker blasen würde als angegeben, wechselte ich noch vor dem Golf die Vorsegel. Die für mühevolles Starkwind-Aufkreuzen exakter arbeitende Fock kam drauf. Die große Allzweck-Genua kam runter. Ich rollte sie ein. Und tuchte sie sorgfältig vorne steuerbords am Bugkorb auf dem Seezaun auf, ordentlich alle 80 Zentimeter mit Bändsel gesichert. Falls ich mich irrte. Und der Wind doch nicht so stark ausfallen sollte.

Kaum draußen, kamen Wind und Welle wirklich exakt aus der Ecke, die wir ansteuern wollten. An Kurs aufs Ziel halten war nicht zu denken. Der Wind kam zudem böig daher. Und brachte aus dem Golfo di Squillace eine ungewöhnlich steile Welle daher. In kurzem Abstand kamen sie an. Kaum dass LEVJE mühsam etwas Fahrt aufgenommen hatte, bohrte sich ihr Bug in eine Wellenwand. Das Deck wurde ein ums andere Mal überspült. Mühsam nahm LEVJE wieder Fahrt auf. Legte sich im zunehmenden Wind auf die Steuerbord-Seite. Und marschierte wieder los. Bis die nächste Gruppe steiler Wellen heranrollte. Und sich das Spiel wiederholte. 
Wie sollte man da jemals die 45 Meilen Weg zurücklegen?

Ich versuchte es auf dem Steuerbordbug.
Ich versuchte es auf dem Backbordbug.

Es half kein Trixen. Nichts brachte uns wirklich voran. Und wenn: Dann eher noch weg vom Ziel. Als der Wind zunahm, blieb ich auf Steuerbordbug. LEVJE legte sich mächtig auf die Steuerbordseite. Und trabte los.

Wer segelt, braucht Kraft. Aber vor allem seine Sinne. Und zwar alle. Die Nase, um riechen zu können, wenn Gas oder Diesel ausströmt. Den Tastsinn, um sich im Dunkel verborgener Winkel an Schrauben heranzutasten. Das Gehör. Von all meinen Sinnen ist mein Gehör am weitesten entwickelt. Ich höre buchstäblich, wenn etwas mit LEVJE nicht in Ordnung ist.

Es war gegen Mittag. Da war dieses merkwürdige Geräusch von vorne. Ich hatte es noch nie vorher gehört. An Bord. Geräusche macht LEVJE immer, die guten Geräusche wiederholen sich. Das Knarzen eines bestimmten Schotts in den Wellen. Das dumpfe Gurgeln aus offenen Bordverschlüssen, wenn LEVJE sich auf die Seite meines Waschraums legt. Man kann sie einordnen. Dieses Geräusch war neu. Irgendetwas in der Art splitternden Holzes vom Bug. Da – wieder! Was war das bloß? Ich hängte die Pinne in den Autopiloten, stand auf der mit voller Lage segelnden LEVJE auf und:

Der Bugkorb, nachdem ich ihn per Spifall und Winsch wieder halbwegs in Position gebracht hatte.

Dort, wo ich sorgsam die Genua auf dem Seezaun aufgetucht hatte, waren der massive Bugkorb und Seereling aus der senkrechten in die Waagrechte gebogen. Der Seezaun stand auf einer Länge von vier Metern nicht mehr nach oben, sondern seitlich ab. Eine Relingstütze war gebrochen. Der Seezaun hing durch. Den Bugkorb hatten nur Vorstag und Fockroller davon abgehalten, vollkommen nach steuerbord zu wandern und dort vollends abzureissen. Der Bugtritt aus daumendicken Teakholz war ebenfalls gesplittert. 

Nur die Genua war fest und sicher auf dem schlapp seitlich baumelnden Seezaun aufgetucht, als wäre nichts gewesen. Sie schwebte dort, wo ich sie befestigt hatte, nur jetzt eben fast ein Meter seitlich des Schiffsrumpfes statt darüber.

Vermutlich hatte die nur kopfgroße Öffnung der eingerollten Genua am Bugkorb wie die Öffnung eines Flugzeugtriebwerkes gewirkt: Sie hatte die Kraft der steilen Welle und LEVJE’s schäumende Bugwelle eingefangen. Und wie ein schwerer Treibanker mit unglaublicher Kraft Bugkorb und Seereling nach hinten gezogen. Eine Sache, die ich bestimmt über fünfzig Mal angewendet hatte, hatte im veränderten Umfeld steiler Wellen und in starker Lage zu einem gewaltigen Schaden geführt.

Das Bild war verheerend. Verbogener Edelstahl. Wie nichts geknicktes 25mm-Rohr. Zersplitterte Holztrümmer des beidseitigen Bugtrittes.

Ich barg die Genua. Sie war arglos eingerollt und unbeschädigt, wie ich sie befestigt hatte.
Ich versuchte, den eingeklemmten Fockroller wieder gängig zu bekommen.
Ich nutzte Spi-Fall und Winschen, um die verbogenen Teile wieder so hinzubekommen, dass sie beim Segeln und Anlegen nicht mehr im Weg waren.
Ich versuchte, den Seezaun zu reparieren und behelfsmässig zu straffen. Ein nicht gestraffter Seezaun ist – vor allem in der Dunkelheit, wenn man der Gewohnheit folgend schnell danach greift – das Unfallträchtigste überhaupt.

Und: Ich schalt ich mich einen Idioten. 
Auch wenn ich mir in meinen kühnsten Träumen einen derartigen Schaden nicht hätte vorstellen können.

Wie alles weiterging?

Wir beschlossen, nicht umzukehren, sondern die restliche Strecke weiter zu segeln.
Zehn Stunden später, gegen 23 Uhr nachts erreichten wir den Hafen von Le Castella bei Crotone. Fuhren im verlassenen Hafen unseren Anleger.

Am nächsten Morgen suchte ich einen Schlosser. Und fand „Pino“.

LEVJE im Hafen von Le Castella: Ohne Bugkorb. Ohne Seezaun.

Pino ist eigentlich die Kurzform von Giuseppe. Gemeinsam demontierten wir den Bugkorb. Pino schnallte ihn aufs Dach seines FIAT PANDA. Und rollte damit aus dem Hafen.

Gegen Abend kam Pino schweißüberströmt wieder zurück. Auf seinem Autodach der reparierte, wieder in Form gebrachte Bugkorb. Und die geschweißte Relingstütze. Pino hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben: Er schweißte den Bugkorb, wo er gebrochen war. Brachte ihn, wer weiß, mit welchen Hebelarmen und Kräften, wieder in seine ursprüngliche Form. Schliff ihn, wo er neue Nähte aufgebracht hatte. Es war perfekte Arbeit. Nur die zerbrochenen Trittbretter am Bugkorb: Die werden bis zum Winter warten müssen. Aber sie sind auch kein Original-Detail.

Pino, der Schlosser von Le Castella, und der wieder eingesetzte reparierte Bugkorb.

Ich bin Pino, der eigentlich Giuseppe Magnolia heißt, zu tiefem Dank verpflichtet. Ihm und all denen, die mir in diesem Land immer wieder weiterhelfen, wenn mal nichts mehr ging. 

Denn dies ist Italien, wie ich es seit bald 40 Jahren immer wieder erlebte und kenne. Wenn Du ein Problem hast: Dann hilft man Dir hier weiter.

Mare Più: heißt „mehr Meer“. 

Und wenn Sie mehr Geschichten 

über die Menschen am Meer lesen wollen:


Wie es ist, auf einem kleinen Segelboot
• Italien
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Demnächst auch in den CINEPLEX-Kinos 
in Aichach und Germering bei München.

Das sagt die Presse über Buch und Film:

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.

Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“

MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015

„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 

bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“

YACHT im Mai 2015 

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 

Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“

SEGELREPORTER im Dezember 2015

„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“

LITERATURBOOT im Juli 2015

„Absolut empfehlenswert!

Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“


RATGEBER.REISE. im Juni 2015

  

Einhand um Sizilien, Teil VIII.: Mit der Pinne in der einen. Und dem Gelato in der anderen Hand!

In lockerer Folge erzähle ich in dieser Artikelserie meine Reise 
um Sizilien auf meiner 31-Fuß-Yacht LEVJE im Sommer 2016. 

Alle Artikel dieser Reihe finden Sie auf click HIER. 
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Unterwegs in den Gelaterien von Trapani ganz im Westen Siziliens.




Meinen New Yorker Bekannten, nennen wir ihn Rob, denn so heißt er wirklich, treibt sein Interesse alle paar Jahre nach Deutschland. Er ist über 60, Anwalt, und ihn treibt seine Lust, dieses unser Deutschland zu verstehen, regelmäßig für fast einen Monat landauf, landab. Am Ende verfasst Rob für die Freunde in USA einen Bericht über dieses Deutschland, in dem er mich mit klugen Beobachtungen jedes Mal verblüfft.
Rob hält fest:
Was die Deutschen über den VW-Skandal dächten.
Warum die Deutschen lieber in den kleinen Hotelzimmern privat geführter Hotels statt Ketten übernachten.
Warum deutsche Supermärkte in Qualität und Auswahl keineswegs an ihr US-Pendant ran kämen. Nur bei Schokolade und Süßwaren, allenfalls.
Recht so.
Auch was Rob über das Essen in Deutschland schreibt, ist lesenswert. Nur an einer Stelle, lieber Rob, da stutzte ich: „Das beste Eis überhaupt“, schreibt er, das gäbe es in Frankfurt, in der Bockenheimer Landstraße. Grapefruit-Eis.

Nichts gegen Frankfurt. Und schon gar nicht gegen die Bockenheimer Landstraße. Und auch wenn es richtig ist, dass das liebe Deutschland uns gelegentlich, gelegentlich mit umwerfendem Gelato zu verblüffen weiß, so muss doch festgestellt werden: Das ist alles nichts. Gegen Sizilien.

Bei Franco in Marsala: Eis aus pürierten schwarzen (!) Brombeeren (!!) vom Ätna (!!!) und zuletzt mit einem Stich heißer Schokolade übergossen.

Beginnen wir mal mit den verschiedenen Grundsorten: In jeder sizilianischen Gelateria sind Milcheis und Wassereis in verschiedenen Vitrinen getrennt. Wassereis heißt Granita. Eigentlich kann man es eher als intensiv schmeckendes Sorbet bezeichnen. Vereinfacht gesagt, ist Granita einfach zermatschte Frucht, ohne weitere Zutaten (naja, ein bisschen Zucker, vielleicht…) eingefroren. Und zu klitzekleinen gefrorenen Eissplittern gecrushed.

Nehmen wir zum Beispiel die „Gelsi neri del Aetna“, („Brombeeren vom Ätna“), das ich bei Franco in Marsala bekam und die nicht einfach nur Wasser mit Himbergeschmack sind. Nein. Am Gaumen kommt eine Ladung schockgefrosteter pürierter Brombeeren an, in einer Kälte und einer Geschmacksdichte, die 37 Grad Außentemperatur ganz schnell vergessen lässt. Nie werde ich diesen Geschmack vergessen. Und mich darüber zu freuen, dass sogar die zermahlenen Brombeer-Körnchen zu spüren sind, die das ganze so echt machen.

Aber damit nicht genug: Bei Franco läuft wie aus einem Wasserhahn heiße Schokolade, mit der er erst den Keks und dann die eiskalte Granita benetzt. Kaum dass die flüssige Schokolade das Eis berührt, ist sie auch schon zu einer knusprigen Kruste erstarrt. Ich werde noch des öfteren darauf zu sprechen kommen, dass Marsala kulinarisch schon ein ganz besonderes Highlight darstellt in einer Region, wo man meint: Dass es da längst nichts mehr zu toppen gäbe.

Und dann das Milcheis. All die Kreationen zwischen „Sette Veli“ (benannt nach der legendären „Torta Setteveli“) und „Cheesecake con Fragola“ („Käsekuchen-Geschmack, natürlich mit ganzen Stücken von Käsekuchen drin, und eingerührtem Erdbeer-Kompott“, seuffzz!), das gute alte Pistazien-Eis. Dann Nocciola, mit dicken Streifen Nutella eingerührt (Doppel-Seuffz!!), es ist, als ob diesen Sommer noch mal ein Feuerwerk an Eissorten-Erfindungswut am wolkenlosen Himmel über Sizilien abginge. Über Schweinereien, denen ich mich gelegentlich nur verschämt und heimlich hingebe, wenn meine Frau nicht guckt, wie „Kinder-Pingui“ („Kinderschokolade“-Eis), „Rocher“ (Ist voller zerquetschter Rocher-Kugeln) „Mars“ und „Twix“ (alle mit zerquetschten Stückchen!) rede ich nicht.

Das Eis. Es ist dem Menschen quasi in die Wiege gelegt. Denn schon die alten Chinesen, jawohl, die schon wieder, die gerade unsere schöne KUKA-Roboterfertigung geschluckt haben, die haben angeblich das Eis erfunden, indem sie frisch gepressten Fruchtsaft mit kaltem Neuschnee vermengten. Das konnte man vor 2.000, 3.000 Jahren noch tun, weil es noch kein VW gab, das in frischem Neuschnee weitaus mehr Abgaspartikel hinterließ als erlaubt.
Bei den Römern, den Leckermäulern, gab es Eis natürlich auch: Schnelle Läufer brachten Schnee von den Gipfeln des Appenin in die Stadt, wo der Schnee ebenfalls mit Fruchtsaft gemixt wurde. Granita.

Mit den Römern, genauer: Mit den Segnungen des Christentums, verschwand das Eis dann wieder für ganze 600 Jahre von der Bildfläche. Spätestens hier muss endlich einmal ausgesprochen werden, was niemand sagt: Eis-technisch war die Erfindung des Christentums ein Rückschritt. Eis, Gelato kam erst wieder in unsere Hände, als brave Christen während der Kreuzzüge zu Eroberungszwecken im Heiligen Land auftauchten. Und die Muslime sich dafür mit den neuesten Eisrezepten bei den Christen revanchierten. Sie hatten von den Römern die Kunst bewahrt, „Scherbet“ herzustellen – Schnee und Fruchtsaft. Und das teilten sie mit den Christen.

Es war schon mal alles besser in der Welt. Danach war das Eis in der westlichen Welt. Und aus ihr nicht mehr wegzudenken. Vor allem die Amerikaner machten sich keine zwei Jahrzehnte nach dem revolutionären Sieg über die britischen Kolonialherren daran, ihre Unabhängigkeit durch Erfindung der Eismaschine zu krönen und der Welt hinfort in der Erzeugung von Eissorten ein Vorbild zu sein.

Kehren wir zurück nach Sizilien. Milchreis und Granita. Aber wer denkt, dass damit alles erledigt wäre, der irrt. Gewaltig. In Mazara del Vallo, sonst eher etwas herb, verführte mich Paolo von der GELATERIA COPPETTA dazu, ein „Brioche con Gelato“ zu probieren. Ein süßes Rosinen-Brötchen, in der Mitte halbiert. Und mit verschiedenen Eissorten – in diesem Fall „Sette Veli“ und „Cheesecake“ –  gefüllt. So eine Art „Eis-Döner“ in süß. Brüller! Bedächtig darüber sitzend vergesse ich Welt und BREXIT und Umwelt.

Wie alles in der Welt kennt natürlich auch das Eis nicht nur Erfolg und Wachstum und grenzenlose Renditen. Der Softeis-Boom der Siebziger führte zu Problemen mit der Hygiene – heftige Magen-Darm-Infekte waren die Folge, wenn Ei im Eis verwendet wurde. Oder Eis mehrfach auftaute und wieder eingefroren wurde. Oder wenn der Portionier-Löffel drei Tage im gleichen Wasserbecher schwamm. Man erkennt den Profi heute daran, dass er derlei nicht mehr verwendet und den Löffel unter fließendem Wasser reinigt. Ei ist im Gelato eh keins mehr enthalten. Und so schlemme ich mich bedenkenlos einen sizilischen Segelsommer lang von Gelateria zu Gelateria.

Nicht jeder Eishersteller ist gleichermaßen stolz auf die gleichen Dinge. Im schönen Piana degli Albanesi führte mir Giuseppe die Qualität seines Eises vor Augen, indem er das Hörnchen einfach auf den Kopf stellte. „Schau“, sagte er, „So muss das sein! Es muss fest sein. Und darf nicht rausfallen vor lauter Milch.“ Ich war beeindruckt. Aber weniger über Giuseppe’s Theorie, was gutes Eis ausmacht. Sondern über den Dreh mit „Das Eis auf den Kopf stellen“. Ich wage derlei nicht. Weil ich mich eh immer mit dem schmelzenden Eis einsaue. Es ist oft ein Kampf: Wer ist nun schneller: Das Eis? Oder die Hitze? Oder ich mit „Eis-Aufessen“. Neben meinen ständig eingesauten Hosen, die meine Frau genussvoll fotografiert, läuft ständig Gianduia (gesprochen: „Dddschschannduja“, das italienische Wort für Nougat) über meine Pfoten. Am schlimmsten war Eis essen mit der reizenden Desiree. Ich hatte ihr ein Schokoladeneis mitgebracht in der Hitze. Aber da ein heißer Wind wehte, saßen Desiree und ich nur noch zu zweit in einer tröpfelnden Pfütze aus Schokoladen-Eiscreme – sowas verbindet.

Chefin und Mitarbeiterin: Margherita und Francesca in Trapani in der Gelateria PANNA & Co.

Bei all den Schwierigkeiten wird definitiv außer acht gelassen, was für ein Wirtschaftsfaktor das mit dem Gelato mittlerweile in Italien ist. Fünf Milliarden Euro setzt die Branche mittlerweile jährlich um. Das ist mit „Zwei-Euro-Artikeln“ mehr als der halbe Jahresumsatz der Buchbranche in Deutschland. In den 40.000 Gelaterien Italiens arbeiten 150.000 Mitarbeiter – und die Branche verzeichnet: „Wwwwwachstum!“ Dabei darf man das alles nicht unterschätzen: Denn um Eis herzustellen und zu vertreiben, braucht man Eismaschinen. Und Kühlschränke. Und Milch. Und Läden. Ein ganzer Rattenschwanz an Lieferanten verdient also an diesem Wirtschaftsboom kräftig mit.

Debora in Lipari auf der gleichnamigen Insel. Sie hat sich in diesem Jahr mit einer Gelateria selbständig gemacht.

Und wenn man dann denkt: Nun hätte man in Sizilien wirklich, aber auch wirklich alles gesehen und gekostet, was es an Eis so zu schmecken gäbe: Dann steht in einer kleinen Gelateria im Örtchen Lipari plötzlich Debora vor einem. Debora hat sich mit einer kleinen Gelateria CRISPI AL 61 vor kurzem dort selbständig gemacht, wo die Schwimmpontons im Norden des Städtchens Lipari auf der gleichnamigen Insel liegen. Eine Insel-Gelateria, sozusagen. Weil Debora gerade erst angefangen hat, hat sie in ihrer kleinen Gelaterie auch nur sechs, acht Sorten. Aber die haben es allesamt echt in sich. Nach dem ersten Eis musste dann auch gleich ein zweites her. Und das war dann noch mal mindestens genauso gut. Nach ihrem Geheimnis gefragt, sagt Debora: „Ich nehme nur Früchte, die hier auf der Insel wachsen. Von Leuten, die ich kenne. Und dann“, sie kichert verschmitzt, “ verkoche ich die Früchte zu Marmelade. Erst dann kommt das in mein Eis.“

Herrje.

Einhand um Sizilien, Teil VIII.: Mit der Pinne in der einen. Und dem Gelato in der anderen Hand!

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Unterwegs in den Gelaterien von Trapani ganz im Westen Siziliens.




Meinen New Yorker Bekannten, nennen wir ihn Rob, denn so heißt er wirklich, treibt sein Interesse alle paar Jahre nach Deutschland. Er ist über 60, Anwalt, und ihn treibt seine Lust, dieses unser Deutschland zu verstehen, regelmäßig für fast einen Monat landauf, landab. Am Ende verfasst Rob für die Freunde in USA einen Bericht über dieses Deutschland, in dem er mich mit klugen Beobachtungen jedes Mal verblüfft.
Rob hält fest:
Was die Deutschen über den VW-Skandal dächten.
Warum die Deutschen lieber in den kleinen Hotelzimmern privat geführter Hotels statt Ketten übernachten.
Warum deutsche Supermärkte in Qualität und Auswahl keineswegs an ihr US-Pendant ran kämen. Nur bei Schokolade und Süßwaren, allenfalls.
Recht so.
Auch was Rob über das Essen in Deutschland schreibt, ist lesenswert. Nur an einer Stelle, lieber Rob, da stutzte ich: „Das beste Eis überhaupt“, schreibt er, das gäbe es in Frankfurt, in der Bockenheimer Landstraße. Grapefruit-Eis.

Nichts gegen Frankfurt. Und schon gar nicht gegen die Bockenheimer Landstraße. Und auch wenn es richtig ist, dass das liebe Deutschland uns gelegentlich, gelegentlich mit umwerfendem Gelato zu verblüffen weiß, so muss doch festgestellt werden: Das ist alles nichts. Gegen Sizilien.

Bei Franco in Marsala: Eis aus pürierten schwarzen (!) Brombeeren (!!) vom Ätna (!!!) und zuletzt mit einem Stich heißer Schokolade übergossen.

Beginnen wir mal mit den verschiedenen Grundsorten: In jeder sizilianischen Gelateria sind Milcheis und Wassereis in verschiedenen Vitrinen getrennt. Wassereis heißt Granita. Eigentlich kann man es eher als intensiv schmeckendes Sorbet bezeichnen. Vereinfacht gesagt, ist Granita einfach zermatschte Frucht, ohne weitere Zutaten (naja, ein bisschen Zucker, vielleicht…) eingefroren. Und zu klitzekleinen gefrorenen Eissplittern gecrushed.

Nehmen wir zum Beispiel die „Gelsi neri del Aetna“, („Brombeeren vom Ätna“), das ich bei Franco in Marsala bekam und die nicht einfach nur Wasser mit Himbergeschmack sind. Nein. Am Gaumen kommt eine Ladung schockgefrosteter pürierter Brombeeren an, in einer Kälte und einer Geschmacksdichte, die 37 Grad Außentemperatur ganz schnell vergessen lässt. Nie werde ich diesen Geschmack vergessen. Und mich darüber zu freuen, dass sogar die zermahlenen Brombeer-Körnchen zu spüren sind, die das ganze so echt machen.

Aber damit nicht genug: Bei Franco läuft wie aus einem Wasserhahn heiße Schokolade, mit der er erst den Keks und dann die eiskalte Granita benetzt. Kaum dass die flüssige Schokolade das Eis berührt, ist sie auch schon zu einer knusprigen Kruste erstarrt. Ich werde noch des öfteren darauf zu sprechen kommen, dass Marsala kulinarisch schon ein ganz besonderes Highlight darstellt in einer Region, wo man meint: Dass es da längst nichts mehr zu toppen gäbe.

Und dann das Milcheis. All die Kreationen zwischen „Sette Veli“ (benannt nach der legendären „Torta Setteveli“) und „Cheesecake con Fragola“ („Käsekuchen-Geschmack, natürlich mit ganzen Stücken von Käsekuchen drin, und eingerührtem Erdbeer-Kompott“, seuffzz!), das gute alte Pistazien-Eis. Dann Nocciola, mit dicken Streifen Nutella eingerührt (Doppel-Seuffz!!), es ist, als ob diesen Sommer noch mal ein Feuerwerk an Eissorten-Erfindungswut am wolkenlosen Himmel über Sizilien abginge. Über Schweinereien, denen ich mich gelegentlich nur verschämt und heimlich hingebe, wenn meine Frau nicht guckt, wie „Kinder-Pingui“ („Kinderschokolade“-Eis), „Rocher“ (Ist voller zerquetschter Rocher-Kugeln) „Mars“ und „Twix“ (alle mit zerquetschten Stückchen!) rede ich nicht.

Das Eis. Es ist dem Menschen quasi in die Wiege gelegt. Denn schon die alten Chinesen, jawohl, die schon wieder, die gerade unsere schöne KUKA-Roboterfertigung geschluckt haben, die haben angeblich das Eis erfunden, indem sie frisch gepressten Fruchtsaft mit kaltem Neuschnee vermengten. Das konnte man vor 2.000, 3.000 Jahren noch tun, weil es noch kein VW gab, das in frischem Neuschnee weitaus mehr Abgaspartikel hinterließ als erlaubt.
Bei den Römern, den Leckermäulern, gab es Eis natürlich auch: Schnelle Läufer brachten Schnee von den Gipfeln des Appenin in die Stadt, wo der Schnee ebenfalls mit Fruchtsaft gemixt wurde. Granita.

Mit den Römern, genauer: Mit den Segnungen des Christentums, verschwand das Eis dann wieder für ganze 600 Jahre von der Bildfläche. Spätestens hier muss endlich einmal ausgesprochen werden, was niemand sagt: Eis-technisch war die Erfindung des Christentums ein Rückschritt. Eis, Gelato kam erst wieder in unsere Hände, als brave Christen während der Kreuzzüge zu Eroberungszwecken im Heiligen Land auftauchten. Und die Muslime sich dafür mit den neuesten Eisrezepten bei den Christen revanchierten. Sie hatten von den Römern die Kunst bewahrt, „Scherbet“ herzustellen – Schnee und Fruchtsaft. Und das teilten sie mit den Christen.

Es war schon mal alles besser in der Welt. Danach war das Eis in der westlichen Welt. Und aus ihr nicht mehr wegzudenken. Vor allem die Amerikaner machten sich keine zwei Jahrzehnte nach dem revolutionären Sieg über die britischen Kolonialherren daran, ihre Unabhängigkeit durch Erfindung der Eismaschine zu krönen und der Welt hinfort in der Erzeugung von Eissorten ein Vorbild zu sein.

Kehren wir zurück nach Sizilien. Milchreis und Granita. Aber wer denkt, dass damit alles erledigt wäre, der irrt. Gewaltig. In Mazara del Vallo, sonst eher etwas herb, verführte mich Paolo von der GELATERIA COPPETTA dazu, ein „Brioche con Gelato“ zu probieren. Ein süßes Rosinen-Brötchen, in der Mitte halbiert. Und mit verschiedenen Eissorten – in diesem Fall „Sette Veli“ und „Cheesecake“ –  gefüllt. So eine Art „Eis-Döner“ in süß. Brüller! Bedächtig darüber sitzend vergesse ich Welt und BREXIT und Umwelt.

Wie alles in der Welt kennt natürlich auch das Eis nicht nur Erfolg und Wachstum und grenzenlose Renditen. Der Softeis-Boom der Siebziger führte zu Problemen mit der Hygiene – heftige Magen-Darm-Infekte waren die Folge, wenn Ei im Eis verwendet wurde. Oder Eis mehrfach auftaute und wieder eingefroren wurde. Oder wenn der Portionier-Löffel drei Tage im gleichen Wasserbecher schwamm. Man erkennt den Profi heute daran, dass er derlei nicht mehr verwendet und den Löffel unter fließendem Wasser reinigt. Ei ist im Gelato eh keins mehr enthalten. Und so schlemme ich mich bedenkenlos einen sizilischen Segelsommer lang von Gelateria zu Gelateria.

Nicht jeder Eishersteller ist gleichermaßen stolz auf die gleichen Dinge. Im schönen Piana degli Albanesi führte mir Giuseppe die Qualität seines Eises vor Augen, indem er das Hörnchen einfach auf den Kopf stellte. „Schau“, sagte er, „So muss das sein! Es muss fest sein. Und darf nicht rausfallen vor lauter Milch.“ Ich war beeindruckt. Aber weniger über Giuseppe’s Theorie, was gutes Eis ausmacht. Sondern über den Dreh mit „Das Eis auf den Kopf stellen“. Ich wage derlei nicht. Weil ich mich eh immer mit dem schmelzenden Eis einsaue. Es ist oft ein Kampf: Wer ist nun schneller: Das Eis? Oder die Hitze? Oder ich mit „Eis-Aufessen“. Neben meinen ständig eingesauten Hosen, die meine Frau genussvoll fotografiert, läuft ständig Gianduia (gesprochen: „Dddschschannduja“, das italienische Wort für Nougat) über meine Pfoten. Am schlimmsten war Eis essen mit der reizenden Desiree. Ich hatte ihr ein Schokoladeneis mitgebracht in der Hitze. Aber da ein heißer Wind wehte, saßen Desiree und ich nur noch zu zweit in einer tröpfelnden Pfütze aus Schokoladen-Eiscreme – sowas verbindet.

Chefin und Mitarbeiterin: Margherita und Francesca in Trapani in der Gelateria PANNA & Co.

Bei all den Schwierigkeiten wird definitiv außer acht gelassen, was für ein Wirtschaftsfaktor das mit dem Gelato mittlerweile in Italien ist. Fünf Milliarden Euro setzt die Branche mittlerweile jährlich um. Das ist mit „Zwei-Euro-Artikeln“ mehr als der halbe Jahresumsatz der Buchbranche in Deutschland. In den 40.000 Gelaterien Italiens arbeiten 150.000 Mitarbeiter – und die Branche verzeichnet: „Wwwwwachstum!“ Dabei darf man das alles nicht unterschätzen: Denn um Eis herzustellen und zu vertreiben, braucht man Eismaschinen. Und Kühlschränke. Und Milch. Und Läden. Ein ganzer Rattenschwanz an Lieferanten verdient also an diesem Wirtschaftsboom kräftig mit.

Debora in Lipari auf der gleichnamigen Insel. Sie hat sich in diesem Jahr mit einer Gelateria selbständig gemacht.

Und wenn man dann denkt: Nun hätte man in Sizilien wirklich, aber auch wirklich alles gesehen und gekostet, was es an Eis so zu schmecken gäbe: Dann steht in einer kleinen Gelateria im Örtchen Lipari plötzlich Debora vor einem. Debora hat sich mit einer kleinen Gelateria CRISPI AL 61 vor kurzem dort selbständig gemacht, wo die Schwimmpontons im Norden des Städtchens Lipari auf der gleichnamigen Insel liegen. Eine Insel-Gelateria, sozusagen. Weil Debora gerade erst angefangen hat, hat sie in ihrer kleinen Gelaterie auch nur sechs, acht Sorten. Aber die haben es allesamt echt in sich. Nach dem ersten Eis musste dann auch gleich ein zweites her. Und das war dann noch mal mindestens genauso gut. Nach ihrem Geheimnis gefragt, sagt Debora: „Ich nehme nur Früchte, die hier auf der Insel wachsen. Von Leuten, die ich kenne. Und dann“, sie kichert verschmitzt, “ verkoche ich die Früchte zu Marmelade. Erst dann kommt das in mein Eis.“

Herrje.

Einhand um Sizilien, Teil VII: Durch die Straße von Messina. Windhosen.Böen. Und die Spur des Odysseus.

In lockerer Reihenfolge erzähle ich in dieser Artikelserie meine Reise 
um Sizilien auf meiner 31-Fuß-Yacht LEVJE im Sommer 2016. 

Alle Artikel dieser Reihe finden Sie auf click HIER.

Bei der Einfahrt in die Straße von Messina vergangene Woche: Zwei Windhosen. Die weiße links befindet sich gerade in Auflösung, während der kleine bleigraue Schlauch weiter rechts gerade dabei ist, sich auszubilden. Selbst wenn alles weit entfernt ist, wird der Segler auf seinem kleinen Gefährt doch ehrfürchtig.

Das Nachdenken über Homer, über Odysseus und seine wundersame Odyssee und deren genaue Route: Es gehört zum Segeln im Mittelmeer. Unzählige Autoren haben über das Thema geschrieben. Von Göran Schildt’s „Im Kielwasser des Odysseus“ bis „Terra X“, Folge 27 und YOUTUBE: Odysseus und seine Reiseroute bewegen die Gemüter. Bis heute.

Die Felsen vor dem sizilischen Aci Trezza. Und warum sie wegen Odysseus hier liegen…

An kaum einem anderen Abschnitt des Mittelmeeres, nicht in der Ägäis, nicht im türkischen Kleinasien, schon gar nicht im heutigen Ithaka, dessen felsigen Boden die Schliemanns und Dörpfelds vergebens durchgruben, stößt man auf derart viele Hinweise auf Odysseus und die Beschreibung seiner Reise wie im Gebiet zwischen Süditalien und der Ostküste Siziliens.  „Odysseo“ hier. „Ulysse“ da.

Das hat mit zweierlei zu tun. Erstens damit, dass in diesem geografischen Gebiet zwischen der Schuhsohle des italienischen Stiefels und der Küste unterm Ätna sehr viele Orte sich und ihre Geschichte mit Odysseus in Verbindung bringen. Nehmen wir mal das unschuldige Dörfchen Aci Trezza. Das liegt genau zwischen Taormina und Catania unterhalb des Ätna an einem Küstenstrich,  der dank Goethe zu den Keimzellen und Brutstätten des modernen Tourismus gehört. Dort erzählt man sich und jedem Fremden, der es hören mag, die Geschichte, dass die merkwürdigen Basaltformationen, die den Hafen von Aci Trezza heute so malerisch einrahmen, von Polyphem selbst stammen. Der einäugige Riese hätte sie, berauscht, seines einzigen Auges beraubt und von Odysseus wie ein ‚Looser‘ aufs Kreuz gelegt, wütend dem Flüchtenden ins Meer hinaus nachgeschleudert – wo sie noch heute stehen.

Eine schöne Geschichte. Sie ist natürlich nicht wahr, aber doch bewundernswert gut erfunden. Vermutlich stammt sie von einem hochbegabten Dorfschullehrer, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Dorf seine Lümmel endlich mal für lokale Geologie interessieren wollte. Was bei den Lümmeln in der Schule funktioniert, funktioniert erst recht beim Touristen. Und so hielt sich die Geschichte vom geblendeten Polyphem und seinen Steinen in der Welt bis heute. Und ziert jeden Sizilien-Reiseführer. Menschen wollen Emotionen. Sonst funktioniert ihr Hirn schlecht, sagt Hansgeorg Häusl, Gehirnforscher und Marketing-Messias.

Aber auch neue Geschichten kommen hinzu. So benamst das schöne Roccella Ionica, das eigentlich dank Italiens größtem Jazz Festival und einer wunderschönen Küste mit Bergen umwerfender ‚Antipasti di Pesce‘ über mangelnden Touristenzuspruch nicht zu klagen braucht, seine Marina „Porto di Ulisse“ – Hafen des Odysseus. Einen Hafen gabs hier, bevor neuzeitliche Investoren im Bund mit Marketing-Genies ihn gebaren, nie.

Es gibt – zweitens – neben diesen gelungenen Kreationen aus alten und neuen Marketing-Lab’s aber Orte, an denen sich echte Bezüge herstellen lassen, zu Odysseus.

Nehmen wir mal die Geschichte von Scylla und Carybdis. Scylla, ein widerwärtiges Meerungeheuer, das von einem Felsen am Festland heraus die geifertriefenden Zähne seiner sechs Köpfe in die Leiber der vorbeifahrenden Matrosen schlägt. Und sie frisst. Und gegenüber Charybdis. Der Strudel, der drei Mal am Tag Meerwasser einsaugt und gurgelnd wieder ausspeit und dadurch Mannschaften und Schiffe in Bedrängnis bringt.

Natürlich ist das erstunken und erlogen. Aber eben nicht wirklich schlecht erfunden. Deshalb weil:

Auf Lipari hatten wir herrliche Tage verbracht – siehe die letzten Posts über Vulkane und heiße Quellen. Vor allem hatte ich auf guten Wind gewartet, der sich in Gestalt eines Nordwest 5-6 zeigte und schnelle Fahrt zur 35 Seemeilen östlich gelegenen Einfahrt in die Straße von Messina verhieß. Der Wind kam pünktlich Nachmittags um zwei und trieb uns der Meerenge entgegen. Bis sich – wie schon an der vorherigen Tagen auch – Windhosen genau voraus an der Einfahrt in die Straße von Messina zeigten, wie im ersten Foto sichtbar. Auch wenn ich annahm, dass die Windhosen mit dem Nordwest mit und damit von uns weg zogen, sind sie immer noch ein beeindruckendes Wetterphänomen, auf dem man besser unablässig seine wachsames Auge ruhen lässt statt es einfach auf die leichte Schulter zu nehmen.

Nicht auszudenken, wenn man da hinein segelte in einen der beiden Schläuche, die wie die Schlünde eines Ungeheuers vom Himmel aufs Meer herunter ragen. Und die Mannschaft vom Deck eines Schiffes fressen…

Charybdis, der große Strudel. Noch Rod Heikell zitiert in seinem KÜSTENHANDBUCH ITALIEN  für die Straße von Messina das ihm vorliegende  KÜSTENHANDBUCH DER BRITISCHEN ADMIRALITÄT: „Die aus der Antike bekannten Strömungen und Strudel sind dergestalt, dass eine gewisse Vorsicht beim Befahren der Straße von Messina notwendig ist, außerdem sind Schiffe auf beiden Seiten der Straße in der Nähe des Hochlandes heftigen Böen ausgesetzt, die durch die Täler auf die Wasserstraße mit solcher Stärke einfallen, dass ein kleineres Schiff schon mal in Bedrängnis kommt.“

Natürlich laufen vor allem an der Engstelle starke Strömungen, sie sind eher die Ausnahme. Die Versetzung durch Strom stellt man aber immer noch fest, wenn man die Engen passiert. Genauso wie die merkwürdigen „Zipfelmützen“ auf dem Wasser, die ich beim ersten Befahren der Meerenge 2004 bemerkt hatte: Wirbel und auffällige Strömungsmuster, die meine damalige Crew faszinierten. Rod Heikell: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Straße von Messina in der Antike viel gefährlicher war“ –  bis 1783 ein Erdbeben die Topografie des Meeresbodens veränderte. Und dem Strudel, der sich vor der Ortschaft Scilla befand, den Graus machte. Heikell zitiert den Bericht eines britischen Admirals von 1824: „‚Ich habe mehrere Kriegsschiffe gesehen, darunter eines mit 74 Kanonen, die herumgewirbelt wurden, als sie in die Strudel gerieten.“

In der Dunkelheit gegen 22 Uhr kamen wir in Messina an und blieben die Nacht über dort. Die Weiterfahrt am nächsten Tag hatte es in sich. Gegen Mittag in Messina erst Windstille. Dann eine Böenwalze von steuerbord achtern von den sizilischen Hängen herunter, die LEVJE wechselweise flach aufs Wasser legte. Und dann ungebremst in den Wind schießen ließ. So ging es das ganze Stück nach Süden von Messina bis hinaus aus der Straße. Wo nach drei Stunden der Spuk ganz plötzlich vorbei war, als hätte jemand den Schalter des Ventilators ausgeknipst. Und den Rest des Tages nur noch endlose Motorenstunden uns nach Taormina brachten.

Was, wenn die Geschichten von Odysseus wahr wären?
Wenn sich in den Erzählungen einfach die Geschichten der Seeleute vor 3.000 Jahren wiederfinden, die sie sich in den Kneipen erzählten? In die sie ihre Erfahrungen mit regionalen Wetteranomalien verpackten? Und an andere Seereisende weitergaben?

Nehmen wir mal die Geschichte vom Windsack des Odysseus. Sie erinnern sich, ja? Odysseus hatte ja sein Fernbleiben vom häuslichen Herd, sein jahrzehntelange Herumtreiberei im Mittelmeer – öffentlich, wohl in Richtung seiner Frau? – so begründet:

Der Windgott Aiolos habe ihm einen Lederbeutel unbekannten Inhalts geschenkt, der keinesfalls vor Ankunft in Ithaka geöffnet werden sollte.
Zwei gierige Matrosen an Bord des Schiffes konnten sich aber nicht beherrschen. Und öffneten den Sack, als Ithaka in Sichtweite war.
Wie durch Zauber entsprangen dem Sack kreuz und quer durcheinander fahrende Böen und Winde, die Odysseus‘ Boot von der ersehnten Küste und seiner geliebten Penelope weg hinaus aufs Meer trieben. Wo er dann für weitere zehn Jahre herumirren musste. Wir wissen: Es war nicht immer nur zu seinem Leidwesen.

Was an der Geschichte richtig ist, sind die stets wechselnden Winde in und östlich der Straße von Messina. Wer jemals den gleichnamigen Golf bei dem Örtchen Squilace durchsegelte, der weiß, wovon die Rede ist. Wechselnde Winde. Winde von hier nach da. Eben ein Nichts. Dann ein grimmiges Hui. Ein Fauchen. Oder wie italienische Segler heute sagen:

„Il Golfo di Squillace
al Marinaio non da pace!“

Der Golf von Squillace – er lässt dem Seemann keine Ruh‘. Nein Homer, Odysseus: Sie haben recht. Die Orte zu identifizieren, an denen Odysseus unterwegs war, wird weiterhin Generationen unterhalten. Und nur gelegentlich gelingen. Aber in seine Lügen-Geschichten von Lotosesssern und einäugigen Riesen und schönen Frauen und bösen Männern sind eine Art 3.000 Jahre alter NAVTEX-Mitteilungen eingeflossen. Regionale Warnungen vor Wind. Und Wetter. Und Wellen. Geschichten, Erfahrungen von Seeleuten, die vor drei Jahrtausenden die Orte, die Meere befuhren und das erzählten. Sie hatten erlebt, was wir heute noch erleben.

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Karibiksegeln im Juli – 4. Domenica, der absolute Höhepunkt!


 Ankerbucht vor Roseau
Auf nach Domenica! Unter Motor geht es frühmorgens das kurze Stückhoch zum Nordkap von Martinique. Da wir bisher noch nirgendwo Landstrom bekommen haben, sind wir ja immer wieder auf Motorfahrten angewiesen, um die Spannung in den Akkus zu halten. Die Alternative wäre es, am Liegeplatz den Motor laufen zu lassen. Das müssen wir später auch noch machen, aber ich probiere es eben möglichst zu vermeiden und fahre Schwachwindsektionen dann eben unter Diesel. Am Nordkap angekommen, brist der Wind wie auch im Törnführer beschrieben stark auf. Klar. Düseneffekt und Kapeffekt kommen hier zusammen. Das erste Reff hatte ich schon vor dem Auslaufen eingebunden, also können die Segel direkt nach oben gehen und der wilde Ritt beginnt. Bis zu 8 Knoten stehen auf meinem GPS, die Logge ist, wie so einiges andere an diesem Boot, defekt. Die Sun Odyssey legt sich weit über wird dann aber schnell stabil und schnell. Noch etwas mit Fockgröße, Traveller und Trimm experimentiert, dann passt alles und der Autopilot (dessen Anzeige auch defekt ist) verrichtet seinen Dienst. Wir bekommen den Wind genau von der Seite, samt kräftiger Welle. Aber mit diesem Speed segelt es sich ganz hervorragend und schnell wird Domenica vor dem Bug immer größer, während Martinique im Kielwasser verschwindet. Die Seekarten (die an Bord sind die übrigens noch von 2006!!) und die Plotter (ich habe sicherheitshalber auch mein Tablet samt Navionics Software mitgebracht) berichten vom ominösen 7 Feet Rock, dessen Position nicht ganz eindeutig ist. Ich halte also lieber genug Abstand von Scotts Head, der Untiefe am Südkap von Domenica.

 Land in Sicht


 Zwischen den Inseln
Und auch hier brist es wieder ganz gewaltig auf und eine Böe legt uns eine Zeit heftig auf die Seite. Alle Augen ruhen auf mir. Jetzt bloß ganz gleichgültig tun. Alles an diesem Boot ist so groß, dass man nicht mal eben die Großschot fieren kann. Dazu kommt das German Cuppersystem auf einer gemeinsamen Winsch für Fock und Groß. Da muss dann erst einmal die Großschot um eine Winsch gelegt, eine Klemme geöffnet und langsam gefiert werden, und das dauert eben. Aber die vor Schreck geweiteten Augen der Crew bleiben größer als die eigentliche Krängung. Alles im grünen Bereich. Der Wind dreht nun mit dem Kap mit und kommt eine Zeit lang raum, bis er dann langsam schwächelt. Also gehen wir wieder in den stromerzeugenden Dieselmodus. Mir wurde vorab geraten möglichst nur in Portsmouth zu ankern, da der Rest von Domenica nicht ganz ungefährlich wäre. Soweit in den Norden wollen wir aber nicht, und ich denke die Hauptstadt Roseau geht auch in Ordnung. Der Törnführer beschreibt ein paar mögliche Plätze samt diversen Telefonnummern und UKW Anrufkanälen von möglichen Liegeplätzen, aber niemand antwortet. Eigentlich wollte ich schon mit gutem Abstand zur Küste einen der empfohlenen Plätze reservieren, bevor wir von Boat-Boys umlagert werden. Besonders erwähnt wird im Törnführer von Chris Doyle ein Marcus, der sich um die Security in der gesamten Ankerbucht kümmern soll. Aber auch er antwortet nicht. Und da löst sich auch schon ein kleines, knallbuntes Boot mit Außenborder vom Land und hält auf uns zu. Das hat etwas von den Piratenbildern, die man aus Somalia kennt, aber es wird wohl Zeit Vorurteile über Bord zu werfen und sich dem Neuen zu stellen. Das farbenfrohe Boot samt farbenfrohem Lenker im Rasta-Style und leicht verkifften Augen geht längsseits. Auf Domenica spricht man zum Glück englisch, was die Kommunikation doch sehr erleichtert. Eigentlich möchte ich an eine Mooringtonne vor dem Domenica Marine Center, aber er zeigt auf eine Tonne ein gutes Stück weit davon entfernt. Ich frage ihn nach Marcus. Ja, den kenne er. Wenn ich möchte, würde er ihn holen, sobald wir an der Tonne liegen. Wir willigen etwas zögernd ein und folgen dem Boot. Nachdem die Leine fest ist, verhandeln wir auch schnell noch den Preis. 40 karibische Dollar, also ca. 13 Euro die Nacht. Inklusive Security. Angesichts der verfallenen Gebäude direkt vor uns, sowie schwelender Feuer am Strand und der offensichtlichen Armut sind wir hin- und hergerissen. Wir liegen in Schwimmweite des Strandes und die Küste wirkt leicht bedrohlich. Das ist hier dann doch ganz anders als auf Martinique.

In meinem Buch befindet sich jedenfalls ein Foto von Marcus, und der Mann, der nun mit unserem Boat-Boy angefahren kommt, sieht ihm in der Tat sehr ähnlich. Freier Oberkörper, einige Zähne fehlen, am Gürtel ein martialisch aussehendes Messer sowie eine Handfunke. Und er redet gleich drauflos: “Hi, I am Marcus, I am the Security here in this bay”. Ich zeige ihm das Foto und er lacht. Ja, das wäre er. Er würde nun aber nicht mehr für das Marine Center arbeiten, sondern auf eigene Rechnung, und dieses hier wäre seine private Mooringtonne. Irgendwie wirkt er extrem von der Rolle und auch nicht ganz nüchtern. Ich setze mich aufs Vordeck um ein wenig mit ihm zu plaudern und einen Eindruck zu gewinnen. Er erzählt mir, dass sein nagelneuer Außenborder grade abgesoffen wäre (it went fucking dong, man), und mit ihm sein Handy. Daher hätten wir ihn nicht erreicht, aber er würde sich nun um alles kümmern. Zoll, Ausflüge, er könnte uns überall behilflich sein. Wenn auch nicht ganz nüchtern, erscheint er mir aber doch sympathisch und vertrauenswürdig. Die anderen stimmen zu, und wir bezahlen für zwei Nächte plus einem Trinkgeld von 20 EC für den Service. Und sagen ihm zunächst, dass wir uns später wieder melden würden. Danach sitzen wir erst einmal im Cockpit gewöhnen uns ein und schwimmen, während vom Strand immer lautere Musik herüberweht. Ich würde es Carribean Gangsta Rap nennen, mit viel Waffen- und Schussgeräuschen. „No, I am not a nice guy!”. Boom Boom Boom. Naja, so ganz wohl fühlen wir uns hier dann noch nicht. Zwei Stunden später habe ich dann Marcus am UKW und er will uns für Zoll und Stadtbesichtigung abholen. Das Dinghi bleibt besser angeschlossen an Bord. Marcus erscheint mit dem Boot seines Kollegen und sagt: „Hi I am Marcus, I am the security here in this bay“.  

 
So als sähe er uns gerade zum ersten Mal. Strange, aber nun müssen wir da wohl durch. Am Zoll verlassen wir das Boot und mangels eigenem Hand UKW (denn das hatte ich zuhause vergessen) verabreden wir uns direkt am Strand vor unserem Boot für den Rücktransport. Und hoffen, dass wir den Platz und unser Boot überhaupt wiederfinden. Die Dame beim Zoll winkt ab. Heute am Sonntag käme wohl keiner mehr, und wir sollen doch bitte morgen früh wiederkommen. Also laufen wir etwas unmotiviert durch die Straßen. Alles ist geschlossen und leer, die Menschen erscheinen uns feindselig und wir uns, als offensichtliche Touristen, sehr fehl am Platze. Dazu kommt der Hang zum Gangsta-Look bei vielen Einheimischen plus deren Autos mit rundum getönten Scheiben aus denen fette Bässe dringen. Plus der leicht desolate Zustand der Stadt. Wir wissen nicht so recht wohin und landen am Ende im Innenhof eines recht noblen Hotels. Hier lässt es sich gut aushalten und von der Dachterrasse kann man dann auch unser Boot friedlich vor dem Strand dümpeln sehen. Es ist ziemlich weit weg und wir sollten den Fußweg dorthin rechtzeitig antreten, damit wir nicht im Dunkeln nach der richtigen Strandhütte suchen müssen, in der Marcus auf uns wartet. Samt Messer. Hoffentlich! Mich nervt nun aber auch mein Misstrauen, ob der vielen Klischees und wir beschließen dann statt mit dem Taxi zur Strandhütte zu fahren, doch einfach zu Fuß zu gehen. Sonst werden wir uns nie akklimatisieren. Und in er Tat, mit offeneren Augen und geänderter Haltung ist alles plötzlich sehr aufregend, neu und spannend. 

Bunte Häuser, kleine Geschäfte, ein Fußballplatz und jede Menge Menschen säumen die Küstenstraße. Alle grüßen und sind freundlich, bis auf einen Mann der direkt fünf Dollar von uns verlangt, aber nicht bekommt. Und wir erwischen dann auch den richtigen Abzweig zum Strand und finden dort Marcus und seine rund 10-köpfige Crew vor. Jetzt begrüßen wir uns auch irgendwie das erste Mal richtig. Und machen für den nächsten Tag eine Inseltour ab. Sie würden auf das Boot aufpassen und wir könnten in Ruhe durch heiße Quellen und Wasserfälle streifen. Abgemacht. Die Runde ist karibisch friedlich, der Geruch von Gras hängt in der Luft. Ein Typ aus Florida hängt auch hier ab. Frau und Kind irgendwo draußen an Bord. Auf Langfahrt. 5 Jahre sind geplant. Umgestiegen auf Katamaran, da sie die Krängung stört. Wir werden noch eingeladen mitzufeiern, gehen aber dann doch lieber auf unser Boot. Mit unseren zwei Mädels wollen wir unser Glück nicht herausfordern. Alle 30 Minuten streift der Strahl einer Taschenlampe über unser Boot. Wir werden offenbar gut behütet. Als dann irgendwann die aggressive Musik ruhigeren Raggaeklängen weicht, fühlen wir uns sehr, sehr wohl hier in dieser rauen Stimmung. Und alle sind alle froh den Sprung nach Domenica gewagt zu haben. Wir genießen noch etwas von unserem karibischen Rum und trinken einen Schluck mit Rasmus, bevor wir wie immer sehr früh in die Kojen klettern. Von innen abgeschlossen, haben wir aber trotz dem wachsenden Vertrauen dann doch wieder von innen.

Unsere Ankerbucht

Wunderbar ausgeschlafen geht es am nächsten Tag auf einen sehr beeindruckenden Ausflug über die Insel. „Unsere“ Jungs haben uns mit „Armstrong“ einen ganz hervorragenden Guide besorgt. Kaum sitzen wir in seinem Taxibus sprudeln Infos auf uns ein. Jedes Gebäude und der Gemüsemarkt wird kommentiert (alleine 40 Sorten Mangos gibt es auf der Insel). Doch wir müssen nun erst einmal einklarieren. Anders als auf Martinique, wo man selber die Infos in einen PC eingibt, ein Formular ausdruckt und abstempeln lässt, herrscht hier ein ganz anderer Ton. Ich muss diverse Angaben handschriftlich festhalten und werde ausgiebig nach Törndauer und Abfahrtszeiten befragt. Es gilt wohl festzustellen, ob unsere Angaben plausibel sind. Am Ende muss sich dann die ganze Crew in einem Raum versammeln und es gilt noch viele weitere Fragen zu beantworten. Wenigstens ist beim Einklarieren das Ausklarieren innerhalb von 14 Tagen inklusive, und so verlassen wir dann eine Stunde später das Zollgebäude, froh nicht wiederkommen zu müssen. Armstrong wartet bereits auf uns und es geht quer über die Insel. Eine Grotte zum Schwimmen (bekannt aus Fluch der Karibik), Wasserfälle, heiße Quellen, ein botanischer Garten und weitere Ziele lagen vor uns. Interessant ist es, das viele Pflanzen, deren Früchte wir nur getrocknet kennen, direkt am Straßenrand standen. Zimt, Muskatnuss, Cashew, Eukalyptus, alles kann einfach so gepflückt werden. Faszinierend. Die Klettertour über die glitschigen Felsen zu den dampfenden Quellen der Trafalgar Falls ist besonders fordernd. Die Mädels geben recht früh auf, und auch ich frage mich, ob es richtig sei unsere Knochen und damit den Törn für ein wenig warmes Wasser zu riskieren? Am Ende ist es zwar ganz nett, ich würde es aber nicht wiederholen. Zu groß ist das Risiko auf den Felsen ganz gefährlich auszurutschen und damit den ganzen Törn zu riskieren. Als Skipper hätte ich wohl besser Nein gesagt, aber damit tue ich mich bei jeder Art von Mutprobe und Herausforderung leider immer sehr schwer. 


Am Ende des Tages kommen wir zwar völlig erledigt, aber absolut begeistert auf unser Boot zurück, das gut bewacht an seiner Mooringtonne liegt. Mich haben die Boat-Boys und meine anfänglichen Vorurteile lange beschäftigt, denn letztendlich sind sie es ja, die mir zwar zuerst das Gefühl der Unsicherheit gaben, um sich dann später als diejenigen herauszustellen, die so sehr um unsere Sicherheit besorgt sind. Schon Paradox. Armstrong erzählt mir dann auch davon, dass Marcus nagelneuer Außenborder ungesichert bei 200 Fuß Wassertiefe über Bord gegangen wäre. Das war auch der Grund weshalb wir von seinem Kollegen Desmond in Empfang genommen wurden. Nun muss er wieder lange auf einen neuen Motor für sein Boot sparen. Ich entscheide mich spontan dafür, ihm dabei finanziell unter die Arme zu greifen, denn ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und ihrem so eigenen Kampf gegen die Kriminalität. Ohne sie und ihre nächtlichen Patrouillen hätte ich mich auf der Insel wahrscheinlich nicht sehr sicher gefühlt. Marcus zeigte mir dann noch seine „Operation“, bestehend aus viel Tauwerk, Ketten, Mooringtonnen und jeder Menge Gerödel. Was bei uns als Schrott in der Garage durchgeht, ist hier der Start seines Geschäftes! Wer also Roseau auf Domenica als Ankerziel wählen möchte, ruft am besten Marcus aus UKW Kanal 16 an, der dann auf 14 gewechselt wird. Man wird dann ruhig schlafen und das Boot auch einmal alleine lassen können. Und auch in dieser Nacht gibt uns das ständige Flackern der Taschenlampen wieder das Gefühl von absoluter Sicherheit. Und ich vergesse es nun auch die Luken zu schließen. Denn ich habe auf der Seekarte eine Info gefunden, die mich nun beschäftigt. Sinngemäß steht dort das viele Yachties es sich unnötig schwer machen, da sie die Tide und die damit verbundene Strömung zwischen den Inseln nicht beachten würden. Und so würde aus einem leichten Halb- bis Amwindkurs, dann ein hartes Gegenan. Grundsätzlich würde in der Karibik immer ein leichter Weststrom setzen, der je nach Tide dann stärker wird oder sich aufhebt. Mangels Internet hole ich per SMS von Mike von www.klassisch-am-wind.dedie aktuellen Tidenzeiten ab. Jetzt gilt es nur noch herauszufinden, in welche Richtung nun Ebbe oder Flut setzen. Aber auch dazu finde ich auf der Seekarte einen Eintrag und verschiebe die für morgens geplante Abfahrt, auf 1230h. Denn um 1430h soll die Tide kippen und wir müssen ja erst noch ums Kap motoren. Außerdem möchte ich wegen der hier recht früh einsetzenden Dunkelheit noch etwas Reserven haben.    

Einhand um Sizilien, Teil VII: Durch die Straße von Messina. Windhosen.Böen. Und die Spur des Odysseus.

In lockerer Reihenfolge erzähle ich in dieser Artikelserie meine Reise 
um Sizilien auf meiner 31-Fuß-Yacht LEVJE im Sommer 2016. 

Alle Artikel dieser Reihe finden Sie auf click HIER.

Bei der Einfahrt in die Straße von Messina vergangene Woche: Zwei Windhosen. Die weiße links befindet sich gerade in Auflösung, während der kleine bleigraue Schlauch weiter rechts gerade dabei ist, sich auszubilden. Selbst wenn alles weit entfernt ist, wird der Segler auf seinem kleinen Gefährt doch ehrfürchtig.

Das Nachdenken über Homer, über Odysseus und seine wundersame Odyssee und deren genaue Route: Es gehört zum Segeln im Mittelmeer. Unzählige Autoren haben über das Thema geschrieben. Von Göran Schildt’s „Im Kielwasser des Odysseus“ bis „Terra X“, Folge 27 und YOUTUBE: Odysseus und seine Reiseroute bewegen die Gemüter. Bis heute.

Die Felsen vor dem sizilischen Aci Trezza. Und warum sie wegen Odysseus hier liegen…

An kaum einem anderen Abschnitt des Mittelmeeres, nicht in der Ägäis, nicht im türkischen Kleinasien, schon gar nicht im heutigen Ithaka, dessen felsigen Boden die Schliemanns und Dörpfelds vergebens durchgruben, stößt man auf derart viele Hinweise auf Odysseus und die Beschreibung seiner Reise wie im Gebiet zwischen Süditalien und der Ostküste Siziliens.  „Odysseo“ hier. „Ulysse“ da.

Das hat mit zweierlei zu tun. Erstens damit, dass in diesem geografischen Gebiet zwischen der Schuhsohle des italienischen Stiefels und der Küste unterm Ätna sehr viele Orte sich und ihre Geschichte mit Odysseus in Verbindung bringen. Nehmen wir mal das unschuldige Dörfchen Aci Trezza. Das liegt genau zwischen Taormina und Catania unterhalb des Ätna an einem Küstenstrich,  der dank Goethe zu den Keimzellen und Brutstätten des modernen Tourismus gehört. Dort erzählt man sich und jedem Fremden, der es hören mag, die Geschichte, dass die merkwürdigen Basaltformationen, die den Hafen von Aci Trezza heute so malerisch einrahmen, von Polyphem selbst stammen. Der einäugige Riese hätte sie, berauscht, seines einzigen Auges beraubt und von Odysseus wie ein ‚Looser‘ aufs Kreuz gelegt, wütend dem Flüchtenden ins Meer hinaus nachgeschleudert – wo sie noch heute stehen.

Eine schöne Geschichte. Sie ist natürlich nicht wahr, aber doch bewundernswert gut erfunden. Vermutlich stammt sie von einem hochbegabten Dorfschullehrer, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Dorf seine Lümmel endlich mal für lokale Geologie interessieren wollte. Was bei den Lümmeln in der Schule funktioniert, funktioniert erst recht beim Touristen. Und so hielt sich die Geschichte vom geblendeten Polyphem und seinen Steinen in der Welt bis heute. Und ziert jeden Sizilien-Reiseführer. Menschen wollen Emotionen. Sonst funktioniert ihr Hirn schlecht, sagt Hansgeorg Häusl, Gehirnforscher und Marketing-Messias.

Aber auch neue Geschichten kommen hinzu. So benamst das schöne Roccella Ionica, das eigentlich dank Italiens größtem Jazz Festival und einer wunderschönen Küste mit Bergen umwerfender ‚Antipasti di Pesce‘ über mangelnden Touristenzuspruch nicht zu klagen braucht, seine Marina „Porto di Ulisse“ – Hafen des Odysseus. Einen Hafen gabs hier, bevor neuzeitliche Investoren im Bund mit Marketing-Genies ihn gebaren, nie.

Es gibt – zweitens – neben diesen gelungenen Kreationen aus alten und neuen Marketing-Lab’s aber Orte, an denen sich echte Bezüge herstellen lassen, zu Odysseus.

Nehmen wir mal die Geschichte von Scylla und Carybdis. Scylla, ein widerwärtiges Meerungeheuer, das von einem Felsen am Festland heraus die geifertriefenden Zähne seiner sechs Köpfe in die Leiber der vorbeifahrenden Matrosen schlägt. Und sie frisst. Und gegenüber Charybdis. Der Strudel, der drei Mal am Tag Meerwasser einsaugt und gurgelnd wieder ausspeit und dadurch Mannschaften und Schiffe in Bedrängnis bringt.

Natürlich ist das erstunken und erlogen. Aber eben nicht wirklich schlecht erfunden. Deshalb weil:

Auf Lipari hatten wir herrliche Tage verbracht – siehe die letzten Posts über Vulkane und heiße Quellen. Vor allem hatte ich auf guten Wind gewartet, der sich in Gestalt eines Nordwest 5-6 zeigte und schnelle Fahrt zur 35 Seemeilen östlich gelegenen Einfahrt in die Straße von Messina verhieß. Der Wind kam pünktlich Nachmittags um zwei und trieb uns der Meerenge entgegen. Bis sich – wie schon an der vorherigen Tagen auch – Windhosen genau voraus an der Einfahrt in die Straße von Messina zeigten, wie im ersten Foto sichtbar. Auch wenn ich annahm, dass die Windhosen mit dem Nordwest mit und damit von uns weg zogen, sind sie immer noch ein beeindruckendes Wetterphänomen, auf dem man besser unablässig seine wachsames Auge ruhen lässt statt es einfach auf die leichte Schulter zu nehmen.

Nicht auszudenken, wenn man da hinein segelte in einen der beiden Schläuche, die wie die Schlünde eines Ungeheuers vom Himmel aufs Meer herunter ragen. Und die Mannschaft vom Deck eines Schiffes fressen…

Charybdis, der große Strudel. Noch Rod Heikell zitiert in seinem KÜSTENHANDBUCH ITALIEN  für die Straße von Messina das ihm vorliegende  KÜSTENHANDBUCH DER BRITISCHEN ADMIRALITÄT: „Die aus der Antike bekannten Strömungen und Strudel sind dergestalt, dass eine gewisse Vorsicht beim Befahren der Straße von Messina notwendig ist, außerdem sind Schiffe auf beiden Seiten der Straße in der Nähe des Hochlandes heftigen Böen ausgesetzt, die durch die Täler auf die Wasserstraße mit solcher Stärke einfallen, dass ein kleineres Schiff schon mal in Bedrängnis kommt.“

Natürlich laufen vor allem an der Engstelle starke Strömungen, sie sind eher die Ausnahme. Die Versetzung durch Strom stellt man aber immer noch fest, wenn man die Engen passiert. Genauso wie die merkwürdigen „Zipfelmützen“ auf dem Wasser, die ich beim ersten Befahren der Meerenge 2004 bemerkt hatte: Wirbel und auffällige Strömungsmuster, die meine damalige Crew faszinierten. Rod Heikell: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Straße von Messina in der Antike viel gefährlicher war“ –  bis 1783 ein Erdbeben die Topografie des Meeresbodens veränderte. Und dem Strudel, der sich vor der Ortschaft Scilla befand, den Graus machte. Heikell zitiert den Bericht eines britischen Admirals von 1824: „‚Ich habe mehrere Kriegsschiffe gesehen, darunter eines mit 74 Kanonen, die herumgewirbelt wurden, als sie in die Strudel gerieten.“

In der Dunkelheit gegen 22 Uhr kamen wir in Messina an und blieben die Nacht über dort. Die Weiterfahrt am nächsten Tag hatte es in sich. Gegen Mittag in Messina erst Windstille. Dann eine Böenwalze von steuerbord achtern von den sizilischen Hängen herunter, die LEVJE wechselweise flach aufs Wasser legte. Und dann ungebremst in den Wind schießen ließ. So ging es das ganze Stück nach Süden von Messina bis hinaus aus der Straße. Wo nach drei Stunden der Spuk ganz plötzlich vorbei war, als hätte jemand den Schalter des Ventilators ausgeknipst. Und den Rest des Tages nur noch endlose Motorenstunden uns nach Taormina brachten.

Was, wenn die Geschichten von Odysseus wahr wären?
Wenn sich in den Erzählungen einfach die Geschichten der Seeleute vor 3.000 Jahren wiederfinden, die sie sich in den Kneipen erzählten? In die sie ihre Erfahrungen mit regionalen Wetteranomalien verpackten? Und an andere Seereisende weitergaben?

Nehmen wir mal die Geschichte vom Windsack des Odysseus. Sie erinnern sich, ja? Odysseus hatte ja sein Fernbleiben vom häuslichen Herd, sein jahrzehntelange Herumtreiberei im Mittelmeer – öffentlich, wohl in Richtung seiner Frau? – so begründet:

Der Windgott Aiolos habe ihm einen Lederbeutel unbekannten Inhalts geschenkt, der keinesfalls vor Ankunft in Ithaka geöffnet werden sollte.
Zwei gierige Matrosen an Bord des Schiffes konnten sich aber nicht beherrschen. Und öffneten den Sack, als Ithaka in Sichtweite war.
Wie durch Zauber entsprangen dem Sack kreuz und quer durcheinander fahrende Böen und Winde, die Odysseus‘ Boot von der ersehnten Küste und seiner geliebten Penelope weg hinaus aufs Meer trieben. Wo er dann für weitere zehn Jahre herumirren musste. Wir wissen: Es war nicht immer nur zu seinem Leidwesen.

Was an der Geschichte richtig ist, sind die stets wechselnden Winde in und östlich der Straße von Messina. Wer jemals den gleichnamigen Golf bei dem Örtchen Squilace durchsegelte, der weiß, wovon die Rede ist. Wechselnde Winde. Winde von hier nach da. Eben ein Nichts. Dann ein grimmiges Hui. Ein Fauchen. Oder wie italienische Segler heute sagen:

„Il Golfo di Squillace
al Marinaio non da pace!“

Der Golf von Squillace – er lässt dem Seemann keine Ruh‘. Nein Homer, Odysseus: Sie haben recht. Die Orte zu identifizieren, an denen Odysseus unterwegs war, wird weiterhin Generationen unterhalten. Und nur gelegentlich gelingen. Aber in seine Lügen-Geschichten von Lotosesssern und einäugigen Riesen und schönen Frauen und bösen Männern sind eine Art 3.000 Jahre alter NAVTEX-Mitteilungen eingeflossen. Regionale Warnungen vor Wind. Und Wetter. Und Wellen. Geschichten, Erfahrungen von Seeleuten, die vor drei Jahrtausenden die Orte, die Meere befuhren und das erzählten. Sie hatten erlebt, was wir heute noch erleben.

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Karibikcharter im Juli – 3. Case Pilote bis Saint Pierre

Am nächsten Morgen passiert trotz Zusage der Charterbasis erst einmal nichts. Bis 0930h taucht kein Mechaniker auf, auch wenn er angeblich spätestens um 0800h bei uns sein sollte auf. Also gehen wir zur nahegelegenen Bäckerei und wachen erst einmal richtig auf. Mit den geschlossenen Luken war es doch sehr warm im Boot. Mich treibt es jedoch schnell zurück zum Boot und dort sehe ich den Mechaniker s gerade in sein Auto steigen und halte ihn an. Er spricht ebenfalls nur französisch und teilt mir mit das doch alles in Ordnung wäre? Er hätte den Motor gestartet und die Schraube würde doch in beide Richtungen drehen? Ich erkläre ihm noch einmal den Sachverhalt. Er kommt wieder an Bord und schaut sich nun das Getriebe genauer an. Immer mehr Werkzeug kommt an Bord, Stunde um Stunde vergeht. Später holt er noch Spezialwerkzeug von Volvo und zeigt mir dann irgendwann das demontierte Innenleben des Getriebes samt Kegelrädern und Schaltmechanik. Groß und rund wie eine 0,5l Bierdose. Genau dieses Teil wäre hinüber und er würde mal sehen, was es bei Volvo so gäbe. Wir sind einerseits froh, dass er nicht nur hier und da herumprökelt und dann sagt, dass alles wieder OK wäre, aber ein kompletter Getriebewechsel vor Ort? 1,5 Stunden bleibt unser Mechaniker Serge weg, dann kommt er stolz lächelnd zurück. Er hätte zwar nur ein anderes Fabrikat gefunden, welches aber kompatibel wäre. Völlig verschwitzt verschwindet er wieder in der engen Achterkabine um noch weitere 2 Stunden weiterzuarbeiten. Dann heißt es endlich: Motor an und Getriebecheck! Alles passt, wir geben ein gutes Trinkgeld und sind wieder frei in unserem Tun. Nun bin ich doch sehr froh, dass ich uns an diesen Steg gebracht habe. Diese Reparatur wäre in einer Ankerbucht mit Dinghi-Shuttle so wohl nicht machbar gewesen. Ärgerlich zwar, aber eigentlich haben wir nur einen Vormittag verloren. 


Bastel, bastel, schraub, schraub!

Kurzes Crew Meeting. Alle wollen nach Domenica. Das wird heute aber nichts mehr, also peile ich den letzten Hafen im Norden Martiniques an. Saint-Pierre. Der Wind weht recht stark aus Nord, doch die wenigen Boote liegen merkwürdigerweise mit dem Heck ebenfalls stramm nach Nord. Haben die Heckanker, oder dreht der Wind direkt vor dem Ufer? So richtig schlau werde ich nicht aus der Situation, doch dann fällt mir eine große Mooringtonne auf. Bis 13 Meter und 7 Tonnen soll sie halten. Klingt doch gut, und ich kann dann ruhiger schlafen. Ich laufe sie gegen den strammen Wind an. Doch als wir dann eine Leine durch die Tonne haben, wird mir auch die Ankersituation klar. Es herrscht ein sehr starker Strom genau gegen die Windrichtung. Nach etwas Leinenwuhling ob der nun anderen Liegerichtung, liegen wir dann aber gut und sicher. Das Boot wird in der Nacht zwar immer wieder in alle möglichen Richtungen driften und die Plastiktonne gegen den Rumpf klopfen, aber Mooringtonne bleibt Mooringtonne. Meistens fest und sicher. Vor Anker wäre mir das hier mit dem wilden Herumgeschwoje durch den ständig wechselnden Strom doch etwas unheimlich. 

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Dann geht es, wie hier üblich, über ein langes Dinghi-Dock an Land. Uns wurde ein langes Stahlkabel samt Schloss mitgegeben. Ein weiteres Schloss für den Außenborder habe ich im Reisegepäck. Während ich zunächst das Dinghi ungern aus den Augen lasse, werden wir im Laufe der Reise immer entspannter. Ein Dinghi nach dem anderen kommt oder verlässt das Dock. Auf fast jedem Ponton stehen Angler aber auch jede Menge „schräge Vögel“, betrunken oder bekifft. Es erinnert uns an die Busbahnhöfe oder Bahnhöfe in Deutschland, die ja oft ähnliches Publikum anzuziehen scheinen. Aber genauso wenig wie bei uns Fahrräder von Betrunkenen geklaut werden, wird sich hier an den Dinghis vergriffen. So das wir später auch bei Dunkelheit unser Boot alleine am Steg lassen werden. Ein kleiner Heckanker sorgt dabei übrigens dafür, dass die Dinghis nicht unter den Steg geraten und zerdrückt werden. 


 Am Dinghi Dock


 Sorgenfrei an der Mooringtonne

Wieder einmal haben alle Restaurants geschlossen, bis auf eines mit Spezialitäten aus dem Elsass. Also gibt es Käsespätzle und Fleischwurstsalat. Nicht sehr karibisch, aber es macht uns auch satt. 


Landgang

Im Dunkeln geht es dann zurück zum Boot und schnell in die Koje, denn ich will um 0800h Richtung Domenica aufbrechen. 35 Meilen, davon 26 über die offene See. Genau dort wo der Atlantik und die Karibiksee aufeinandertreffen. Mit dem Törnführer im Arm schlafe ich ein. Domenica bietet nicht so viele Möglichkeiten des Ankerns und die Sicherheit scheint hier auch ernster genommen werden zu müssen als auf Martinique. Na, erstmal sehen. Der Wetterbericht zeigt übrigens unsere ganzen zehn Chartertage konstant Windstärke 4 bis 5 aus Ost an. Keine Hurricanewarnungen und ein ständiger Mix aus Sonne und Wolken. Es regnet auch immer wieder einmal, aber dann maximal für 10 Minuten und eigentlich freuen wir uns immer über die kurzen Erfrischungen. Regenzeit klingt für mich anders. Aber ich komme ja auch aus Hamburg. Später erzählen uns die Einheimischen, das es hier nie länger regnet. Manchmal vielleicht eine Stunde, aber das wäre schon lang. Für uns dominiert hier eindeutig die Sonne und in Deutschland würden wir diese sogenannte Regenzeit wohl gerne gegen unseren „Sommer“ eintauschen, mit konstanten Winden, Wärme und viel Sonne. Auch die sogenannten Squalls mit viel Wind erleben wir nicht. Es regnet einfach nur. Mal mehr, mal weniger und hört dann auch schnell wieder auf. Perfektes Segelwetter. Domenica, wir kommen!


Harmloser Squall – Nur Regen, kein Wind

Karibikcharter im Juli – Teil 2

Der nächste Morgen beginnt mit einem langen Schritt direkt in das lauwarme, türkisfarbene Wasser der Bucht der Grande Anse d’Arlet gefolgt von einem ausgiebigen Frühstück. Und nochmaligem Schwimmen und Gammeln. Dieser lange Schritt direkt ins lauwarme Wasser wird einer der Highlights dieser Reise. Da sich nun alle etwas an das Bordleben gewöhnen konnten, rufe ich nun alle zur weiteren Planung des Törns zusammen. Ich habe zwei Alternativen vorbereitet. Entweder Meilensegeln um möglichst viele Inseln zu erreichen, oder Buchtenbummeln mit einem kleinen Ausflug nach Domenica. Es wird sich einstimmig für die zweite Variante entschieden, was mir sehr recht ist. Außerdem muss die Sache mit dem Motor noch geklärt werden, bevor ich überhaupt ans Weiterfahren denke. Der Törnführer gibt mit Case Pilote ein Ziel mit Steg, schönem Ort und einer Motorwerkstatt an. Also eine Steilvorlage für unsere Situation. Unter Segeln machen wir uns auf den Weg. Drei Stunden später starte ich dann den Diesel und nehme Kurs auf den Steg von Case Pilote. Die minimale Wassertiefe für unser Boot wurde von der Charterfirma mit drei Meter unter dem Kiel vorgegeben. Entspricht 2,20 Tiefgang plus 80 Zentimeter Sicherheitsreserve. Doch die drei Meter sind schon weit vor dem Steg erreicht. 

Überfahrt und fest am Steg

Langsam taste ich mich weiter doch es wird immer flacher. Ich lasse die Tiefe aussingen, damit ich den Blick auf dem Steg behalten kann. 2,60…2,40…und genau in diesem Augenblick merke ich, das ich wieder keinen Schub nach vorne habe. So ein Mist. Ich laufe rückwärts ab bevor mich der Seitenwind noch in die Hafeneinfahrt drückt. Was nun? Sehr verärgert rufen wir die Charterfirma an. Nach wie vor herrscht hier Ratlosigkeit, uns wird aber auch geraten in Case Pilote festzumachen um das weitere Vorgehen abzustimmen. Eine vorgeschlagene Rückfahrt in die Basis lehne ich schlicht ab. Es würde alle Törnpläne zerstören und der Weg in die Sackgasse von Le Marin wäre unverantwortlich ohne Vorwärtsgang. Aber zunächst einmal muss ich an diesen Steg hier kommen. Wegen der geringen Tiefe geht das nur vorwärts um das Ruder bei Grundberührung nicht zu gefährden. Und mit dem Gas spielen, bzw. ein- und auskuppeln kann ich auch nicht. Im Augenblick nicht einmal einkuppeln. Also treiben wir mit gestoppter Maschine zehn Minuten vor uns hin. Danach Neustart und das Einkuppeln vorwärts geht wieder. Ich fasse den Gashebel nicht mehr an und nehme Kurs auf den Steg. Henning steht vorne mit der Vorleine. Vor dem Steg kuppele ich dann aus und wir treiben langsam in Position. Der Tiefenmesser ist mir jetzt egal, es muss einfach passen und wir sind sowieso sehr langsam über sandigem Grund. Eine kräftige Böe von der Seite schiebt mich zu weit hinüber, die Korrektur mit dem Ruder ist bei so wenig Fahrt zu gering. Also Hebel voraus…und wieder keine Wirkung. Ich treibe nun auf den Stegkopf zu. „Langsamer!!“ tönt es von vorne. Ich stoppe auf und will eigentlich wieder ablaufen, doch Henning steht schon sprungbereit auf dem Bugkorb. Na gut, alles auf eine Karte. Ich lege volles Seitenruder und eile zum Bug. Henning ist bereits drüben und zieht uns weiter an den Steg, während ich mit Hilfe der Mädels den Bug um den Stegkopf gedrückt bekomme und schließlich auch den Rest des Bootes. Leinen fest, Motor aus und aufatmen. 


 Einsamer Liegeplatz am Palmenstrand.


 Fischer bei der Arbeit
Der Tiefenmesser zeigt 2,20. Also den eigentlichen Tiefgang des Boots. Ich tauche hinab und sehe das gerade noch ein Hummer unter den Kiel passt. Er sitzt direkt unter dem Boot und winkt mit seinen Antennen. Haben wir ihn dort überrascht? OK, da hat die Charterbasis wohl nochmal 20 Zentimeter Sicherheitsreserve mehr einprogrammiert. Eine Stunde später kommt ein Mechaniker der nahegelegen Volvo Penta Werkstatt mit Zange und Schraubendreher an Bord. Die Verständigung ist nur auf Französisch möglich. Ich werde langsam immer besser darin. Das Fazit nach 20 Minuten Check. Er kann nichts machen, das Boot muss an Land und das Getriebe komplett überholt werden. Au revoir! Bedröppelt sitzen wir im Cockpit. Was nun? Wir gehen alle Optionen durch, aber kommen aber zu keinem Entschluss. Also wieder Anruf bei der Basis. Morgen früh um 0800h wollen sie ihren besten Techniker zu uns schicken. Aber kann der das Getriebe vor Ort reparieren? Wir können nicht anders als darauf hoffen und genießen den Abend an Land. Ein Gemüsemarkt lockt, ein paar Strandrestaurants und ein Supermarkt. Schön ist es hier. 


Alle sitzen draußen, die Rentner klönen am Strand, die Fischer arbeiten an Netzen und Booten. Zerlegen Fisch mit schweren Macheten. Ein paar Jugendliche stehen an unserem Boot herum. So am Steg liegen wir natürlich sehr viel präsenter als vor Anker. Ein Schritt und man ist sofort an Bord. Ich frage die anderen ob sie sich sicher fühlen? Im Großen und Ganzen ist die Antwort: Ja. Wir werden das Boot von innen verschließen, aber heute Nacht am Steg bleiben. Die Restaurants machen hier, wie auch in Frankreich üblich, erst gegen 2000h auf. Also stehen wieder schwimmen, Kaffee trinken und faulenzen auf dem Programm. Alles wäre wunderbar…wenn nur die Sorgen um den Motor nicht wären. Doch dieses Thema lassen wir erst einmal aus, während die Sonne malerisch hinter dem Horizont verschwindet und wir einen tollen Abend in einem Restaurant direkt mit Meerblick genießen.

Karibikcharter im Juli – 2. Grande Anse d’Arlet bis Case Pilote

Der nächste Morgen beginnt mit einem langen Schritt direkt in das lauwarme, türkisfarbene Wasser der Bucht der Grande Anse d’Arlet gefolgt von einem ausgiebigen Frühstück. Und nochmaligem Schwimmen und Gammeln. Dieser lange Schritt direkt ins lauwarme Wasser wird einer der Highlights dieser Reise. Da sich nun alle etwas an das Bordleben gewöhnen konnten, rufe ich nun alle zur weiteren Planung des Törns zusammen. Ich habe zwei Alternativen vorbereitet. Entweder Meilensegeln um möglichst viele Inseln zu erreichen, oder Buchtenbummeln mit einem kleinen Ausflug nach Domenica. Es wird sich einstimmig für die zweite Variante entschieden, was mir sehr recht ist. Außerdem muss die Sache mit dem Motor noch geklärt werden, bevor ich überhaupt ans Weiterfahren denke. Der Törnführer gibt mit Case Pilote ein Ziel mit Steg, schönem Ort und einer Motorwerkstatt an. Also eine Steilvorlage für unsere Situation. Unter Segeln machen wir uns auf den Weg. Drei Stunden später starte ich dann den Diesel und nehme Kurs auf den Steg von Case Pilote. Die minimale Wassertiefe für unser Boot wurde von der Charterfirma mit drei Meter unter dem Kiel vorgegeben. Entspricht 2,20 Tiefgang plus 80 Zentimeter Sicherheitsreserve. Doch die drei Meter sind schon weit vor dem Steg erreicht. 

Überfahrt und fest am Steg

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Langsam taste ich mich weiter doch es wird immer flacher. Ich lasse die Tiefe aussingen, damit ich den Blick auf dem Steg behalten kann. 2,60…2,40…und genau in diesem Augenblick merke ich, das ich wieder keinen Schub nach vorne habe. So ein Mist. Ich laufe rückwärts ab bevor mich der Seitenwind noch in die Hafeneinfahrt drückt. Was nun? Sehr verärgert rufen wir die Charterfirma an. Nach wie vor herrscht hier Ratlosigkeit, uns wird aber auch geraten in Case Pilote festzumachen um das weitere Vorgehen abzustimmen. Eine vorgeschlagene Rückfahrt in die Basis lehne ich schlicht ab. Es würde alle Törnpläne zerstören und der Weg in die Sackgasse von Le Marin wäre unverantwortlich ohne Vorwärtsgang. Aber zunächst einmal muss ich an diesen Steg hier kommen. Wegen der geringen Tiefe geht das nur vorwärts um das Ruder bei Grundberührung nicht zu gefährden. Und mit dem Gas spielen, bzw. ein- und auskuppeln kann ich auch nicht. Im Augenblick nicht einmal einkuppeln. Also treiben wir mit gestoppter Maschine zehn Minuten vor uns hin. Danach Neustart und das Einkuppeln vorwärts geht wieder. Ich fasse den Gashebel nicht mehr an und nehme Kurs auf den Steg. Henning steht vorne mit der Vorleine. Vor dem Steg kuppele ich dann aus und wir treiben langsam in Position. Der Tiefenmesser ist mir jetzt egal, es muss einfach passen und wir sind sowieso sehr langsam über sandigem Grund. Eine kräftige Böe von der Seite schiebt mich zu weit hinüber, die Korrektur mit dem Ruder ist bei so wenig Fahrt zu gering. Also Hebel voraus…und wieder keine Wirkung. Ich treibe nun auf den Stegkopf zu. „Langsamer!!“ tönt es von vorne. Ich stoppe auf und will eigentlich wieder ablaufen, doch Henning steht schon sprungbereit auf dem Bugkorb. Na gut, alles auf eine Karte. Ich lege volles Seitenruder und eile zum Bug. Henning ist bereits drüben und zieht uns weiter an den Steg, während ich mit Hilfe der Mädels den Bug um den Stegkopf gedrückt bekomme und schließlich auch den Rest des Bootes. Leinen fest, Motor aus und aufatmen. 


 Einsamer Liegeplatz am Palmenstrand.


 Fischer bei der Arbeit
Der Tiefenmesser zeigt 2,20. Also den eigentlichen Tiefgang des Boots. Ich tauche hinab und sehe das gerade noch ein Hummer unter den Kiel passt. Er sitzt direkt unter dem Boot und winkt mit seinen Antennen. Haben wir ihn dort überrascht? OK, da hat die Charterbasis wohl nochmal 20 Zentimeter Sicherheitsreserve mehr einprogrammiert. Eine Stunde später kommt ein Mechaniker der nahegelegen Volvo Penta Werkstatt mit Zange und Schraubendreher an Bord. Die Verständigung ist nur auf Französisch möglich. Ich werde langsam immer besser darin. Das Fazit nach 20 Minuten Check. Er kann nichts machen, das Boot muss an Land und das Getriebe komplett überholt werden. Au revoir! Bedröppelt sitzen wir im Cockpit. Was nun? Wir gehen alle Optionen durch, aber kommen aber zu keinem Entschluss. Also wieder Anruf bei der Basis. Morgen früh um 0800h wollen sie ihren besten Techniker zu uns schicken. Aber kann der das Getriebe vor Ort reparieren? Wir können nicht anders als darauf hoffen und genießen den Abend an Land. Ein Gemüsemarkt lockt, ein paar Strandrestaurants und ein Supermarkt. Schön ist es hier. 


Alle sitzen draußen, die Rentner klönen am Strand, die Fischer arbeiten an Netzen und Booten. Zerlegen Fisch mit schweren Macheten. Ein paar Jugendliche stehen an unserem Boot herum. So am Steg liegen wir natürlich sehr viel präsenter als vor Anker. Ein Schritt und man ist sofort an Bord. Ich frage die anderen ob sie sich sicher fühlen? Im Großen und Ganzen ist die Antwort: Ja. Wir werden das Boot von innen verschließen, aber heute Nacht am Steg bleiben. Die Restaurants machen hier, wie auch in Frankreich üblich, erst gegen 2000h auf. Also stehen wieder schwimmen, Kaffee trinken und faulenzen auf dem Programm. Alles wäre wunderbar…wenn nur die Sorgen um den Motor nicht wären. Doch dieses Thema lassen wir erst einmal aus, während die Sonne malerisch hinter dem Horizont verschwindet und wir einen tollen Abend in einem Restaurant direkt mit Meerblick genießen.

Karibikcharter im Juli – Teil 1



Der Beginn jeder Charter ist wohl immer etwa hektisch. Zusammen mit einem befreundeten Pärchen warten wir nach einer sehr regenreichen Nacht im Hotel seit 1400h in der Charterbasis in Le Marin auf Martinique darauf, unser Boot, eine Sun Odyssey 409, zu übernehmen. Unsere Sachen können wir im Office lagern, werden aber dringend gebeten noch nicht auf dem Steg nach dem Boot zu suchen. Was uns dort wohl erwarten würde, fragen wir uns, während wir im Café der Marina erst einmal zu Mittag essen. Besonders der französische Café au lait hat es uns sehr angetan. Martinique gehört zu Frankreich und damit zur EU. Zur Einreise ist daher nur der Personalausweis erforderlich, aber, wie überall in Frankreich, wird ungern englisch gesprochen. Ich bin dann selbst überrascht, wie viel Französisch noch aus meiner Schulzeit und diversen Urlauben hängengeblieben ist. So bin ich also nicht nur Skipper, sondern auch Sprachrohr für die Wünsche der Crew. 

Charterbasis, Crew und Boot

 

Nachdem wir um 1800h dann endlich das Boot übernehmen können, gilt es noch die lange Inventarliste abzuarbeiten. Da alles auf Französisch geschrieben ist, zieht es sich bis zum schnellen Einbruch der Dunkelheit um 1900h hin. Auch ist es mir sehr wichtig das ganze Boot auch wirklich kennenzulernen. Ich habe Fragen zu Geräten, Displays, dem Motor, Gas-Wasserinstallationen, dem Rigg, der Ankerwinde und vielem mehr. Und das alles in stehender, brutal warmer und schweißtreibender Luft. Einige Fragen bzgl. der Technik bleiben zwar zunächst ungelöst, aber im Groben ist mir das Boot nun vertraut genug. Ich habe die Crew einkaufen geschickt, damit ich mich in Ruhe mit der Technik vertraut machen kann. In der Nacht heißt es dann alle Luken dicht zu machen wegen des Regens und des schweren Gewitters. Aber solange man ruhig daliegt, ist die karibische Wärme zu ertragen. Sie ist zwar allgegenwärtig, aber nie wirklich unangenehm. Nur fange ich nun an mir etwas Sorgen um unser Törnwetter während der Regenzeit in der Karibik zu machen.

 
 



 Farbenfrohe Krabben leben überall in Erdlöchern

Früh am nächsten Morgen, wache ich aber doch überraschend erfrischt auf. Voll Vorfreude auf meinen ersten Törn in diesem so geschichtsträchtigen Meer. Doch davor gilt es noch weitere Einkäufe zu tätigen und die endgültige Bootsübernahme mit weiteren Details zur Technik und der Zollbesuch stehen auch noch aus. Es zieht sich. Der Wind frischt zwischenzeitlich immer mehr auf, und das erste Ablegemanöver in der Engen Mooringgasse wird damit auch gleich interessant. Und soll für die Crew ja auch noch ganz relaxt wirken um Vertrauenspunkte zu sammeln. Und es klappt auch alles so wie gedacht. In die Achterleine eingedampft bekomme ich das Boot in eine gute Ausgangsposition um dann durch die Gasse zu dampfen. Immer langsam, doch am Ende vertreibt das Boot dann doch und beim Gasgeben passiert irgendwie nichts viel. Merkwürdig, ist das der böige Seitenwind oder was ist hier los? Es fühlte sich so an, als hätte ich keinen Vortrieb während die gespannten Mooringleinen immer näherkommen. Gerade komme ich so um die Ecke ins Fahrwasser. Vor dem Wind dann, auf dem Weg aus der Sackgasse von Le Marin, passt dann wieder alles. Merkwürdig. Ich gebe dem Diesel auch schon etwas Support durch die Genua. Eigentlich will ich auch das Groß noch setzen, aber der Wind ist doch sehr stark und der Speed reicht mir zunächst. Da muss ich nicht lange rumdaddeln und kann das Boot entspannt einfach laufenlassen. Meine Crew hat etwas Erfahrung mit Fendern und Vorleinen. Mehr nicht. Und so geht es vorbei am Club Med auf die Passage die Südküste von Martinique entlang und immer dichter an den so charakteristischen Diamond Rock. 


Die Mädels auf dem Weg zum Diamond Rock.

Genau zwischen diesem Felsen und der Küste möchte ich durch. Immer noch mir raumen Wind hat die Welle kräftig zugelegt und leichte Seekrankheit macht sich an Bord bemerkbar. Aber die Abdeckung der Westküste ist schon in Sicht. Wird schon noch passen. Es folgt die Passage zwischen dem Rock und der Küste. Der große Junge in mir jubelt vor Glück. Was für ein Traumsegeln in dieser Kulisse. Piraten, Spanier, Engländer, Lord Nelson, Kolumbus…wer war hier schon alles unterwegs! 


 Ein tolles Gefühl


 Überall trifft man auf Piraten

Langsam ebbt der Schwell der offenen See ab, der Wind dreht mit der Küste mit und wir erreichen die ersten möglichen Ankerbuchten. La Petite Anse gefällt mir nicht, durch das Fernglas sehe ich jede Menge Kabbelwasser und Fallböen, also geht es noch eine Bucht weiter in die Grande Anse d‘Arlet. Und ich muss grinsen, denn ich, der immer gerne jeden Meter aussegelt, laufe ganz Charterer die letzte Stunde unter Diesel um die Akkus noch einmal vollzusaugen. Denn Marinas sind hier rar, und der Strom muss selbst erzeugt werden. Aber auch hier ist es schwer einen schönen Platz zu finden. Immer wieder donnern Fallböen die Berge herunter und die wenigen sandigen Fleckchen sind besetzt oder sehr klein. Erster Versuch des Ankerns. Knapp neben dem Fleck fällt der Anker ins Gras. 60 Meter Kette hinterher und Einfahren. So richtig erfolgreich fühlt es sich nicht an. Das Abtauchen zeigt dann auch einen rutschenden Anker. Mist. Wieder noch einmal. Enttäuschung an Bord, war doch schon Badelaune angesagt. 


Unsere erste Ankerbucht

Und jetzt passiert es wieder! Hatte ich mich doch nicht getäuscht. Nach dem Einkuppeln kann man zwar Gas geben, aber der Propeller dreht offensichtlich nicht mit. Na super. Teils funktioniert es nach kurzer Rückwärtsfahrt, teils nicht. Etwas schwierig so den Anker aus dem Grund zu bekommen ohne die Winsch zu überlasten. Und auch die Nachbarlieger kommen näher. Doch der Wind treibt uns aus der Bucht heraus, also ist zunächst keine Hektik angesagt. Mehrere Einkuppelversuche später krabbele ich durch Inspektionsluken zum Gaszug…alles sieht nagelneu und frisch aus. Wir rufen die Charterbasis an. Allgemeine Ratlosigkeit, wenn auch gepaart mit Hilfsbereitschaft. Auch die Schaltwippe am Motor tut wie sie soll. Komisch. Aber das Rückwärtsfahren geht gut. Also gehe ich das nächste Manöver direkt rückwärts an. Langsam über den Sandfleck, auskuppeln und raus mit dem Anker. Der fällt…leider wieder ganz knapp neben den Sandfleck. Wieder gebe ich alle Kette raus, das neue Plätzchen ist etwas windstiller und erneutes Abtauchen gibt auch Entwarnung. Das Eisen leibt drin. Weiter geht es mit Telefonaten mit der Basis. Hier werden Bedienfehler vermutet. Zu schnelles Schalten von Vorwärts nach Rückwärts könnte die Ursache sein. Aber ich bin kein Anfänger und bin auch nicht so gefahren. Nach langem Hin- und Her dreht der Propeller zwar nun wieder vorwärts, aber ich habe so meine Bedenken ob das dauerhaft gut gehen wird. 


 Landgang


Die Jungs beim Schlemmen

Für heute liegen wir aber erst einmal sicher und genießen den ersten Abend vor Anker in einer echten Karibikbucht. Langsam wird uns bewusst, dass wir unterwegs sind und die nächsten neun Tage auf und im Wasser verbringen werden. Mit dem Dinghi geht es dann ans Dinghi Dock zum ersten Landgang. Palmen, relaxte Atmosphäre und Karibikflair erwarten uns hier. Da wir vor der Abfahrt frisch eingekauft haben, wird an Bord gegessen, während die Sonne früh um 1900h im Meer versinkt. Und auch wir klettern nach dem aufregenden ersten Tag relativ früh in unsere Kojen.


 Friedlich schwojt ein Nachbarlieger

Karibikcharter im Juli – 1. Le Marin bis Grande Anse d’Arlet



Der Beginn jeder Charter ist wohl immer etwa hektisch. Zusammen mit einem befreundeten Pärchen warten wir nach einer sehr regenreichen Nacht im Hotel seit 1400h in der Charterbasis in Le Marin auf Martinique darauf, unser Boot, eine Sun Odyssey 409, zu übernehmen. Unsere Sachen können wir im Office lagern, werden aber dringend gebeten noch nicht auf dem Steg nach dem Boot zu suchen. Was uns dort wohl erwarten würde, fragen wir uns, während wir im Café der Marina erst einmal zu Mittag essen. Besonders der französische Café au lait hat es uns sehr angetan. Martinique gehört zu Frankreich und damit zur EU. Zur Einreise ist daher nur der Personalausweis erforderlich, aber, wie überall in Frankreich, wird ungern englisch gesprochen. Ich bin dann selbst überrascht, wie viel Französisch noch aus meiner Schulzeit und diversen Urlauben hängengeblieben ist. So bin ich also nicht nur Skipper, sondern auch Sprachrohr für die Wünsche der Crew. 

Charterbasis, Crew und Boot

 

Nachdem wir um 1800h dann endlich das Boot übernehmen können, gilt es noch die lange Inventarliste abzuarbeiten. Da alles auf Französisch geschrieben ist, zieht es sich bis zum schnellen Einbruch der Dunkelheit um 1900h hin. Auch ist es mir sehr wichtig das ganze Boot auch wirklich kennenzulernen. Ich habe Fragen zu Geräten, Displays, dem Motor, Gas-Wasserinstallationen, dem Rigg, der Ankerwinde und vielem mehr. Und das alles in stehender, brutal warmer und schweißtreibender Luft. Einige Fragen bzgl. der Technik bleiben zwar zunächst ungelöst, aber im Groben ist mir das Boot nun vertraut genug. Ich habe die Crew einkaufen geschickt, damit ich mich in Ruhe mit der Technik vertraut machen kann. In der Nacht heißt es dann alle Luken dicht zu machen wegen des Regens und des schweren Gewitters. Aber solange man ruhig daliegt, ist die karibische Wärme zu ertragen. Sie ist zwar allgegenwärtig, aber nie wirklich unangenehm. Nur fange ich nun an mir etwas Sorgen um unser Törnwetter während der Regenzeit in der Karibik zu machen.

 
 



 Farbenfrohe Krabben leben überall in Erdlöchern

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Früh am nächsten Morgen, wache ich aber doch überraschend erfrischt auf. Voll Vorfreude auf meinen ersten Törn in diesem so geschichtsträchtigen Meer. Doch davor gilt es noch weitere Einkäufe zu tätigen und die endgültige Bootsübernahme mit weiteren Details zur Technik und der Zollbesuch stehen auch noch aus. Es zieht sich. Der Wind frischt zwischenzeitlich immer mehr auf, und das erste Ablegemanöver in der Engen Mooringgasse wird damit auch gleich interessant. Und soll für die Crew ja auch noch ganz relaxt wirken um Vertrauenspunkte zu sammeln. Und es klappt auch alles so wie gedacht. In die Achterleine eingedampft bekomme ich das Boot in eine gute Ausgangsposition um dann durch die Gasse zu dampfen. Immer langsam, doch am Ende vertreibt das Boot dann doch und beim Gasgeben passiert irgendwie nichts viel. Merkwürdig, ist das der böige Seitenwind oder was ist hier los? Es fühlte sich so an, als hätte ich keinen Vortrieb während die gespannten Mooringleinen immer näherkommen. Gerade komme ich so um die Ecke ins Fahrwasser. Vor dem Wind dann, auf dem Weg aus der Sackgasse von Le Marin, passt dann wieder alles. Merkwürdig. Ich gebe dem Diesel auch schon etwas Support durch die Genua. Eigentlich will ich auch das Groß noch setzen, aber der Wind ist doch sehr stark und der Speed reicht mir zunächst. Da muss ich nicht lange rumdaddeln und kann das Boot entspannt einfach laufenlassen. Meine Crew hat etwas Erfahrung mit Fendern und Vorleinen. Mehr nicht. Und so geht es vorbei am Club Med auf die Passage die Südküste von Martinique entlang und immer dichter an den so charakteristischen Diamond Rock. 


Die Mädels auf dem Weg zum Diamond Rock.

Genau zwischen diesem Felsen und der Küste möchte ich durch. Immer noch mir raumen Wind hat die Welle kräftig zugelegt und leichte Seekrankheit macht sich an Bord bemerkbar. Aber die Abdeckung der Westküste ist schon in Sicht. Wird schon noch passen. Es folgt die Passage zwischen dem Rock und der Küste. Der große Junge in mir jubelt vor Glück. Was für ein Traumsegeln in dieser Kulisse. Piraten, Spanier, Engländer, Lord Nelson, Kolumbus…wer war hier schon alles unterwegs! 


 Ein tolles Gefühl


 Überall trifft man auf Piraten

Langsam ebbt der Schwell der offenen See ab, der Wind dreht mit der Küste mit und wir erreichen die ersten möglichen Ankerbuchten. La Petite Anse gefällt mir nicht, durch das Fernglas sehe ich jede Menge Kabbelwasser und Fallböen, also geht es noch eine Bucht weiter in die Grande Anse d‘Arlet. Und ich muss grinsen, denn ich, der immer gerne jeden Meter aussegelt, laufe ganz Charterer die letzte Stunde unter Diesel um die Akkus noch einmal vollzusaugen. Denn Marinas sind hier rar, und der Strom muss selbst erzeugt werden. Aber auch hier ist es schwer einen schönen Platz zu finden. Immer wieder donnern Fallböen die Berge herunter und die wenigen sandigen Fleckchen sind besetzt oder sehr klein. Erster Versuch des Ankerns. Knapp neben dem Fleck fällt der Anker ins Gras. 60 Meter Kette hinterher und Einfahren. So richtig erfolgreich fühlt es sich nicht an. Das Abtauchen zeigt dann auch einen rutschenden Anker. Mist. Wieder noch einmal. Enttäuschung an Bord, war doch schon Badelaune angesagt. 


Unsere erste Ankerbucht

Und jetzt passiert es wieder! Hatte ich mich doch nicht getäuscht. Nach dem Einkuppeln kann man zwar Gas geben, aber der Propeller dreht offensichtlich nicht mit. Na super. Teils funktioniert es nach kurzer Rückwärtsfahrt, teils nicht. Etwas schwierig so den Anker aus dem Grund zu bekommen ohne die Winsch zu überlasten. Und auch die Nachbarlieger kommen näher. Doch der Wind treibt uns aus der Bucht heraus, also ist zunächst keine Hektik angesagt. Mehrere Einkuppelversuche später krabbele ich durch Inspektionsluken zum Gaszug…alles sieht nagelneu und frisch aus. Wir rufen die Charterbasis an. Allgemeine Ratlosigkeit, wenn auch gepaart mit Hilfsbereitschaft. Auch die Schaltwippe am Motor tut wie sie soll. Komisch. Aber das Rückwärtsfahren geht gut. Also gehe ich das nächste Manöver direkt rückwärts an. Langsam über den Sandfleck, auskuppeln und raus mit dem Anker. Der fällt…leider wieder ganz knapp neben den Sandfleck. Wieder gebe ich alle Kette raus, das neue Plätzchen ist etwas windstiller und erneutes Abtauchen gibt auch Entwarnung. Das Eisen leibt drin. Weiter geht es mit Telefonaten mit der Basis. Hier werden Bedienfehler vermutet. Zu schnelles Schalten von Vorwärts nach Rückwärts könnte die Ursache sein. Aber ich bin kein Anfänger und bin auch nicht so gefahren. Nach langem Hin- und Her dreht der Propeller zwar nun wieder vorwärts, aber ich habe so meine Bedenken ob das dauerhaft gut gehen wird. 


 Landgang


Die Jungs beim Schlemmen

Für heute liegen wir aber erst einmal sicher und genießen den ersten Abend vor Anker in einer echten Karibikbucht. Langsam wird uns bewusst, dass wir unterwegs sind und die nächsten neun Tage auf und im Wasser verbringen werden. Mit dem Dinghi geht es dann ans Dinghi Dock zum ersten Landgang. Palmen, relaxte Atmosphäre und Karibikflair erwarten uns hier. Da wir vor der Abfahrt frisch eingekauft haben, wird an Bord gegessen, während die Sonne früh um 1900h im Meer versinkt. Und auch wir klettern nach dem aufregenden ersten Tag relativ früh in unsere Kojen.


 Friedlich schwojt ein Nachbarlieger

Einhand um Sizilien, Teil VI. Unterwegs im Krater.

Auf der Insel Vulcano, einer der liparischen Inseln nördlich von Sizilien, gibt es zwei Ankerbuchten. Die eine – Porto di Levante – geht nach Osten und schützt vor dem Nordwest. Die andere – Porto di Ponente – geht nach Nordwest. Und beide: Liegen genau zu Füßen des Vulkankraters, der sich genau 499 Meter über dem Meer erhebt und den die Einheimischen respektvoll „Il Cratere“, „DEN Krater“ nennen. Als würde es sich bei dem Vulkan, der immer noch zu seinen Füßen Schwefeldämpfe aus dem Meer aufsteigen lässt, um einen etwas wunderlichen alten Onkel handeln, der gelegentlich einen über den Durst trinkt.

500 Höhenmeter also. Zuerst entlang der Partymeile des 360-Seelen-Ortes. Denn Vulcano lebt vom Tourismus – vor allem jetzt im Ferragosto. Aber die Partymeile ist eine kleine einfache Teerstraße, die schnurstracks unter schattigen Bäumen zum Fuß des Vulkans, wo ein allererstes Schild „800 Meter“ bis zum Krater verheißt.

Wer Italien kennt und das Land zu Fuß bereist, der weiß aus Erfahrung, dass italienische Angaben über „Wegstrecken zu Fuß“ immer mehr mit Lottozahlen zu tun haben als mit der tatsächlichen Wegentfernung. Der Hinweis „dieci minuti“ beispielsweise sollte beispielsweise immer mit der Näherungszahl 6,59382 multipliziert werden – das entspricht dann eher dem, was man tatsächlich zu laufen hat. Und auch die Startangabe „800 Meter“sind zwar eine durchaus motivierende Angabe für jeden Fußlahmen, haben aber mit der Wirklichkeit soviel zu tun wie PIRATES OF THE CARIBEAN, Teil III.

Der Weg beginnt zwischen Ginsterbüschen. Und im schwarzen Feinsplitt – fein zermahlenen Basaltsplittern, die schnell die Bootsschuhe füllen. Ich aber bin mit meinen geliebten Flipflops unterwegs. Denn: Sie zwingen mich bei jedem Schritt zum sehr konzentriert darauf achten, wohin ich meinen Fuß setze. Zum achtsamen Gehen. Und Steinchen können auch keine reinfallen  ;-)

Keine 200 Höhenmeter später ist es schlagartig vorbei mit Ginsterbüschen und jeglichem Bewuchs, die „Baumgrenze“ auf Vulcano liegt deutlich tiefer als in den Alpen. Der Fußweg geht über von splitterndem Geröll in harten rötlichen Fels. Wie mit dem Lineal gezogen endet der Schotter. Beginnt das Gestein. Die Landschaft reduziert sich auf drei Farben schwarz, rosa, tiefblau. Stille umfängt den Wanderer. Und feiner rötlicher Staub seine Füße.

Und dann verheißt das Schild die letzten 100 Meter bis zum Krater. Es ist klar, dass das nicht stimmen kann – trotzdem verleiht so was Flügel. Und plötzlich steht man dann hier:

Etwas, das aussieht wie ein gewaltiger Wumms in der Landschaft. Als hätte ein Meteorit eingeschlagen. Oder ein strafender Gott in allgewaltigem Zorn etwas Großes, sehr Großes hierher geschleudert. Ein paar Unentwegte, Mutige sind hinabgeklettert, auf den Grund. Und haben aus Steinen etwas auf den Grund des Kraters geschrieben, der mit Sonden und Fühlern gespickt ist. Der Krater und seine Ruhe: Sie sind fragil.

Auf dem Karter befindet man sich in einer Wüstenei. Kein Baum, kein Strauch schenkt Trost, der Mensch steht verloren in dieser Landschaft, die ihm deutlich sagt: „Du hast hier nichts verloren. Dies ist ein Garten, der einem höheren Wesen gehört.“

Aus hundert Erdlöchern steigt Schwefeldampf auf, der zischend, pfeifend, brodelnd irgendwo aus wer weiß welchen Tiefen der Hexenküche in Mutter Erde seinen Weg durch kilometerlange Spalten nach oben findet. Dort, wo Dampf dem Gestein entweicht und heißen Nebenschwaden gleich vom Wind über das Gestein getrieben wird, lagert sich Schwefel ab. Wer einsam dort oben steht, der steht mitten im Schwefeldampf. Der Weg ist übersät mit großen und kleinen Fumarolen, Hunderte Spalten, Ritzen,

Löcher, Engen, aus denen es zischt und quillt und stiebt. Die Dämpfe, schreibt Wikipedia, sind ein Gebräu verschiedenster Gase und enthalten zu 1% auch „Schwefelwasserstoff. Die Giftigkeit des Gases ist schon im ppm-Bereich erheblich“, auch wenn der Wind dort oben die Gase gleich bei deren Austritt verdünnt und verwirbelt.

Ich aber bin fasziniert von dem gewaltigen Garten, in dem ich mich befinde und der mich meist gleichgültig, manchmal böse aus zwei dampfenden Augen anblickt. Klein fühlt sich der Eindringling in dieser Welt, klein, weil Dich hier die Erdzeitalter anblicken und Du Dich klein fühlst vor der Gewalt dessen, was sich vor dem Auge ausbreitet.

Ob sich die Trumps, die Putins, die Erdogans, die Orbans ändern würden? Wenn man sie hier herauf schaffte? Und drei Tage allein ließe, jeden für sich, mit sich und nichts als sich selbst allein?
Ohne Publikum, ohne jubelnde Entourage, die ihnen beständig ins Ohr flüstert: „Du bist groß“?

Ob sie ihr Denken ändern würden?

Ich weiß es nicht. Ein Ort der Umkehr wie bei Dante ist „Il Cratere“, ein Ort des Staunens und der Selbstvergewisserung für den, der nicht nur ein Spektakel darin sieht.

Die liparischen Inseln: Sie sind mehr als ein touristisches Event. Und mehr als ein Fünf-Minuten-Kitzel.

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Das sagt die Presse über Buch und Film:

 
„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015
 
„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele, auf die man 
bei üblicher Herangehensweise schwerlich gekommen wäre.“
YACHT im Mai 2015 
 
„Die Besonderheit des einstündigen Streifens ist seine Ruhe. 
Eine Ruhe, die der Film mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015
 
„… ein schönes, ein gelungenes Werk, animierend und inspirierend.“
LITERATURBOOT im Juli 2015
 
„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“


RATGEBER.REISE. im Juni 2015