Kategorie: Mare Più

Unter Segeln: Durch die Nacht. Von Monemvasia nach Milos.

Unverkennbar, drohend und von den Gewalten der Explosion des Vulkans zeugend:
Der Felsen an der Einfahrt in den Vulkankrater der Insel Milos.

Wer auf der fünf-, sechstausend Jahre alten Händler-Seeroute vom Peloponnes nach Osten, in die Inselwelt der Ägäis will, für den ist die Insel Milos das nächste Ziel, knapp 70 Seemeilen entfernt. 70 Seemeilen: das bedeutet: 130 Kilometer übers offene Meer, etwa 14 Stunden. Und weil ich gerne Milos noch bei Tageslicht erreichen will, um zu sehen, wo wir unseren Anker fallen lassen, fassen Andreas und ich den Plan: Morgens gegen drei in Monemvasia aufzubrechen.

Gegen zwei Uhr werde ich wach. Nicht ganz freiwillig: Die griechische Band, die seit elf am Hafen endlos sich wiederholende Klagelieder singt, tut das ihre dazu. Ich halte die Uhr in der Dunkelheit vor die Augen, spiele einen Moment mit dem Gedanken, mich noch einmal umzudrehen, weiterzuschlafen. Nichts da. Ich stehe auf. Andreas ist wach. Wir kochen uns in der Dunkelheit Kaffee mit warmer Milch. Ein Biss ins Brot. Schwimmwesten an, Lifebelts. Navigationslichter an. Und das kleine Dämmerlicht über dem Kartentisch. Dann raus in die sternklare Nacht. Warmer, leichter Nordost. Ein Käuzchen ruft.

Unsere Festmacher haben wir am Abend vorher schon klariert, alles soll zwischen den anderen Hafenliegern so lautlos wie möglich vor sich gehen. Es ist halb drei. Der Motor springt bullernd an, ich werfe die Achterleinen los, Andreas holt im Dunkel vorne den Anker hoch, zieht uns langsam ins Hafenbecken. Ruhig gleiten wir aus dem Hafen, vorbei an den dunklen Molenköpfen, und hinaus, südlich am Felsen der byzantinischen Festung Monemvasia entlang. Und kaum haben wir den Hafen verlassen, wird aus dem leichten Nordost ein nette 10 Knoten-am-Wind Brise: genau Levje’s Wetter. Ein Aufschießer in der Dunkelheit, erst das Groß, dann die Genua setzen, und zurück auf unseren Kurs für die nächsten 14 Stunden: auf etwa 80 Grad zieht uns der warme Wind durch die mondlose Nacht, nach Osten.

Ich übernehme die erste Wache bis Sonnenaufgang. Wie immer freue ich mich über die Geschwindigkeit, die Levje aus dem wenigen Wind herausholt: stabil über fünf Knoten aus acht, neun Knoten vorlichem Wind. Reine Freude. Ich beobachte die Segel, zupfe hier, ziehe da, optimiere, versuche die Geschwindigkeit noch zu steigern. Aber alles arbeitet hervorragend. Das Schiff läuft, die Segel ziehen, der Autopilot macht surrend seine Arbeit. Ich kann nichts besser machen in der Dunkelheit, nur auf die gelegentlichen, kleinen Windänderungen reagieren und die Segelstellung gleich korrigieren. Ich laufe auf dem Schiff herum, schaue mir mit der Taschenlampe die Segel von allen Seiten an, beobachte das Rauschen des Wassers am Bug. Levje läuft.

Wir sind allein draussen. Fast. Denn hin und wieder zieht im Dunkel ein Frachter um die Südecke des Peloponnes und geht auf Nordkurs, Richtung Athen und Piräus, auch das ist eine uralte Händlerroute, der sie folgen. Und wie so oft, wenn ich in der Morgendämmerung mit Ostkurs unterwegs war, foppt mich der im Osten aufgehende Morgenstern, die Venus. Zuerst denke ich, es ist das Topplicht eines anderen Seglers, was da im Osten über der Kimm aufsteigt. Das Licht wird größer und heller. Ich nehme das Fernglas, um den vermeintlichen Entgegenkommer zu sehen. Das Licht steigt höher und höher, und irgendwann in der Morgendämmerung dämmert es auch in mir: es ist die Venus. Und nicht ein Segler auf Gegenkurs.

Bei Sonnenaufgang haben wir immer noch guten Wind. Monemvasia ist längst hinter uns im Dunst verschwunden, wir sind jetzt draußen. Und zum ersten Mal ist jetzt vor der aufgehenden Sonne die Silhouette einer Insel voraus zu erkennen, nur für eine Viertelstunde. Mit der höher steigenden Sonne verliert sich, was vorher wie ein Scherenschnitt war, wieder in der Weite. So müssen das die Alten auch gemacht haben: bei Sonnenaufgang unbekannte Inseln voraus entdecken.

Und während die Sonne schnell kräftiger wird, werde ich müde. Meine Wache ist vorbei, Andreas übernimmt, jetzt führt er das Schiff, und ich lege mich schlafen.

Weil der Wind anhält, erreichen wir die Insel Milos schneller als gedacht. Aber nichts ist vollkommen: Als wir gegen zwei Uhr Andimilos, den heißen Felsklotz vor Milos passieren, schläft der Wind plötzlich ein. Der Seegang aber nicht: Levje schaukelt im Kreuz und Quer der Wellen hilflos hin und her, ein bemitleidenswertes Geklapper in der Takelage, ich mag schon den ersten Klapperer nicht, wenn die Welle zum ersten Mal stärker als der Wind ist und mir untrüglich zu verstehen gibt, dass der Wind jetzt einschläft. Und nichts mehr geht. Also motoren wir eine Stunde, ein Geschaukel, was müssen erst die Doldrums sein, da geht das wochenlang so. Aber kurz vor der Einfahrt in den alten Vulkankrater, der der als Insel Milos nach einer gewaltigen Explosion – ähnlich wie Santorin – übrig blieb, ist der Wind wieder da. Böig zwar – aber er ist da. Und treibt uns um den gewaltigen Felsen, oben im ersten Bild, der die Einfahrt in den Krater und die große Hafenbucht von Milos markiert. Wir passieren den Felsen ganz nah, das Wasser ist hier tief, runden eine zweite Huck, und dann liegt da, unerwartet, mitten im vulkanischen Gestein, eine wunderbare Ankerbucht, Agiou Dimitrou. Unter Segeln einlaufend, beschließen wir, hier unseren Anker fallen zu lassen, im Vulkankegel, an den Abhängen des alten Kraters. 
Und außer der Kapelle des Heiligen Dimitrios und einem anderen Segler ist es nur die Stille, die uns empfängt.

Wo liegt eigentlich Milos? Unsere Route.

Pic of the Day: Die vergessenen Inseln: Cleopatra’s Island. Wo der Sand in der Türkei am schönsten ist.

Kleopatra sagen Historiker neuerdings nach: sooo schön wie die letzten 2000 Jahre behauptet, sei sie ja nun doch nicht gewesen. Neuere Lehrmeinungen gehen sogar davon aus, sie sei ausgesprochen hässlich gewesen. Das ist insofern bemerkenswert, weil sich der Berufsstand der Historiker bisher eher weniger mit Wortmeldungen zu DSDS-Kandidatinnen oder „Miss-Sachsen“-Wahlen hervorgetan hat.

Unstreitig ist von Kleopatra zweierlei: Dass sie erstens gleich ein Paar spektakuläre Liebschaften hingelegt hat, wie man weiß: Julius Caesar und später Marc Anton. Und dass sie zweitens genau dadurch „Haus und Hof“ verspielt hat, denn sie war die letzte Herrscherin aus dem Geschlecht der Ptolemiden. Und danach fiel das stinkreiche Ägypten an Rom, genauer gesagt: in den persönlichen Besitz des Octavian, des Cleverles, das die Welt wenige Jahre später Augustus nennen sollte.

Aber soweit sind wir mit unserer Geschichte noch nicht. Noch ist alles glücklich. Julius Caesar ist tot, der gemeinsame Sohn Caesarion lebt (noch), Marc Anton und die alleinerziehende Kleopatra haben sich gefunden. Und verbringen so eine Art „Honeymoon“ auf einer kleinen Insel im Gebiet der heutigen Türkei: auf Sehir Adasi im Golf von Gökova. Und weil der galante junge Mann seiner hübsch-hässlichen Geliebten die Welt zu Füssen legen wollte, ließ er den feinsten und weissesten Sand auf diese Insel schaffen. Wie es heißt: auf Kamelen. Und aus Nordafrika.

Und dieser Sand ist so weiß und so fein, dass er noch heute Unmengen an Sandfans anzieht, so dass sich das türkische Tourismus-Ministerium vor einigen Jahren gezwungen sah, einzuschreiten: es ließ untersagen, dass fürderhin Sand von der Insel als Souvenir mitgenommen und entfernt wird.

Wir wissen nicht, was an dieser Geschichte wahr ist. Vermutlich ist es eine Legende, aber keine richtig alte, wie die unten von Phokas, sondern eine, die man heute „moderne Großstadtlegende“ nennt. Sie wissen schon: ersonnen von irgendeiner schlauen Marketing-Abteilung. Aber: vielleicht steckt ja auch in dieser Legende – wie so oft – „ein Körnchen“ Wahrheit.

Will ich unbedingt hin! Nämlich hierher!

Die vergessenen Inseln: Agios Fokas. Oder: Eine Insel für den Heiligen der Seefahrer.

Wer sich in Monemvasia auf den Motorroller setzt und auf der Landstraße die Ostküste des Peloponnes lustvoll nach Süden knattert, der kommt dort, wo die Straße immer enger und schmaler wird und schließlich ganz endet, nach Agios Fokas, zur Insel des Heiligen Phokas. 

Nicht, dass der Heilige Phokas dort wirklich gelebt hätte: Der war eigentlich Gärtner in Sinope am Schwarzen Meer. Historisch gesehen gehört er in die Reihe der Märtyrer der großen Diokletianischen Christenverfolgung zu Beginn des 4. Jahrhundert, wie die Heilige Katharina, der Quirin und andere Prominente. Noch einmal, und paradoxerweise nur zehn Jahre, bevor das Christentum als Staatsreligion offiziell durch Konstantin eingeführt wurde, bäumte sich der römische Machtapparat auf und versuchte, das Christentum abzuschütteln wie ein gepeinigter Hund die Flöhe. Vor allem aus Staatsdienst und Verwaltung sollten Christen entfernt werden. Wer im Westen des Reiches nicht abschwor, wurde in die Bergwerke deportiert. Im Osten des Reiches aber war die Verfolgung grausam und blutig, und Phokas war vermutlich eines ihrer Opfer.

Die Heiligenlegende des Phokas ist schnell erzählt, jedenfalls die wichtigste von Ihnen: Soldaten hatten den Auftrag, Phokas zu suchen und zu töten. Müde von der Suche, kehrten sie bei einem Gärtner vor der Stadt ein, der sie aufnahm und bewirtete – Phokas. Als der erfuhr, dass die Suche ihm galt, ging er in seinen Garten, hob ein Grab aus, betete die Nacht, gab sich am Morgen den Soldaten als der Gesuchte zu erkennen. Und wurde enthauptet.

Damit endete ein Leben. Wie die Legende erzählt, mit großer Standhaftigkeit in großer Bedrängnis. Und weil die Erfindung der Spaßgesellschaft noch nicht sooo lange her ist und in der Menschheitsgeschichte „Leben in Bedrängnis“ immer ganz oben auf der Tagesordnung stand und immer noch steht: Deshalb begann das zweite Leben des Phokas mit einer Legende. Und die machte ihn zum Helfer und Patron der Gärtner und Seefahrer, die ihm auch hier, auf dem vergessenen Inselchen von Agios Fokas, einen Ort der Bitte und des Dankes erbauten. 
Und wer weiß: vielleicht trägt der Wind, der immer durch das stille Kirchlein weht und den blauen Vorhang bauscht, so manchen Wunsch an einen fernen Ort, wo er gehört wird.