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Pantalica


Es gibt Orte, an die ich auf meinen Reisen immer wieder zurückkehre. Orte, die mich magisch anziehen. Wahrscheinlich ist das alles leicht erklärbar: Ein „guter Moment“. Vor langer Zeit.
Aber was leicht erklärbar scheint, ist in Wahrheit der Anfang der Schwierigkeit zu erklären: Was einen „guten Moment“ denn nun eigentlich ausmacht? Was die Ingredienzen sind, die man einfach aus dem Regal nehmen muss – und dann kommt er heraus, als chemische Reaktion, als Endergebnis, als Fertigprodukt, „der gute Moment“?

Pantalica besuchte ich Mitte der Neunziger zum ersten Mal. Die Ingredienzen, die den Moment damals schufen: Die erste Reise mit meiner neuen Freundin. Katja, die vorschlug, dahin zu fahren, ich wusste nichts von Pantalica. Zwei große Schluchten, die sich auf einander zubewegten. Zwei Flüsse, Anapo und Calcinara, die sich tief, tief eingegraben hatten durch die Kalkschichten, die irgendeinem fernen Erdzeitalter-Ur-Ur-Meer entstiegen waren. 5.000 (!!) in den Fels gehauene Grabkammern, die meisten oben an der Felskante, nie unten. Die meisten nach Osten und Süden, selten nach Norden. Die Wanderung durch das dichte, tiefe Grün im damaligen Mai, das so gar nicht meinem Bild vom verbrannten Sizilien entsprach. Leuchtend roter Mohn. Lupinen. Kniehohes Gras. Meine Sorge, als ich durch die dichten Halme streifte, ich könnte hier, genau hier von einer Schlange gebissen werden, eine Sorge, die mich, der ich im Ausland viel wandere, selten streift. Warum hier?
Pantalica. Zwei Canyons, eine Stunde vom Meer, von Siracusa entfernt.



Die Welt, durch die wir uns bewegen, ist voller Gewissheiten. Das Wetter wird morgen soundso. Dies ist meine Handynummer. Das gibts heute Abend zu essen. Und wenn jemand stirbt, dann kommt der Bestatter. Tatsächlich ist die Art, wie wir mit dem Tod umgehen, jenem, der uns in unserem unmittelbaren Umfeld betrifft, Ausdruck unserer Kultur. Friedhöfe. Orte ehrenden Gedenkens. Teure Grabsteine. Ein Name, zwei Jahreszahlen. Ein paar Blumen.

Vor allem dank Ethnologen und Archäologie weiß man, dass die Arten, wie Kulturen mit dem Tod ihrer Angehörigen umgehen, in die Myriaden gehen. Es ist immer wieder erstaunlich, welchen Variationsreichtum es gibt. Steinzeitliche Kinder, in hockender Position auf den Inseln der Ägäis in Tonkrüge gebettet. 
Die bronzezeitliche Fürstin, deren Grab man keine 30cm unter der Grasnarbe beim Bau des Gymnasiums Grünwald bei München fand, liegend, den Kopf mit einem Bronzekranz bekrönt, den Blick der leeren Augen für immer nach Südosten. 
Die Kelten im gerade 100 Kilometer entfernten Manching, die mit den Schädeln von Verstorbenen und Feinden unter ein und demselben Dach lebten. 
Die heutigen Toten, die wir außerhalb der Wohnorte auf eigenen Arealen in die Erde betten. Und den Gärtner mit der Grabpflege betrauen. 
Die Grabkammern von Pantalica. Einfach in die Felsen gehauen, in die aus dem dichten Grün zwischen Oliven, Macchie, Pistazien herausragenden Vorsprünge, Felsnasen, Hangkanten.



Die Archäologen sagen, dass Pantalica besiedelt wurde etwa zu der Zeit, als Troja unterging. 
Als die Fürstin von Grünwald bestattet wurde, etwa im 13. Jahrhundert vor Christus. 
Längst wurde das Meer befahren, 5.000 Jahre zuvor war wohl von hier, von Sizilien aus, ein Volk aufgebrochen und hatte 50 Seemeilen weiter südlich, auf den Inseln von Malta, eine einzigartige Zivilisation mit den gewaltigen Steintempeln von Hagar Quim begründet. 
1.300 vor Christus? Die Minoer befuhren zu diesem Zeitpunkt bereits 800 Jahre auf festen Handelsrouten das östliche Mittelmeer. Um die gleiche Zeit waren Mykenier, deren Erben, nach Eroberung Troyas im Niedergang begriffen. 
Ägypter schlugen sich um 1.300 unter Ramses II. mit den Hatti an der Grenze im heutigen Palästina herum. Eine unruhige Ecke, heute wie damals, warum eigentlich? 
Keine allzuferne Zeit also, die Zeit von Pantalica. Keine Epoche, über die wir nichts wüssten. 1.300 vor Christus: Eine Zeit, in der große Wanderbewegungen einsetzen. Eine Welt, die nach längerer Phase „stabiler“ Verhältnisse dabei ist, in Umordnung, Neuordnung, Chaos, Veränderung überzugehen. Schatten am Horizont. Dunkle Wolken. Neuankömmlinge, die fremde Sprachen sprechen und auf Booten kommen. Beginnende Bewegung überall im östlichen und mittleren Mittelmeer – auch auf Sizilien.

Es waren wohl Menschen von den Küstenregionen im Osten und Süden Siziliens, die sich unter dem Druck neuer, übers Meer gekommener Siedler offensichtlich von den Küsten weg Richtung Landesinneres bewegten. Die Namen der Neuankömmlinge, zusammengefasst in fremd anmutenden Namen von Völkern: Ausonier. Morgetaner. Und auch: Sikeler. Sikeler, die der Insel mit den drei Kaps für alle Zeit den Namen geben sollten: Sizilien. Shekelet, von denen die alten Schriftsteller erzählen. Jene, die vorher an den Küsten gesiedelt hatten, suchten Zuflucht vor ihnen auf den schwer zugänglichen Höhen zwischen den beiden Canyons von Pantalica. Um irgendwo dort ihre neue Stadt zu gründeten. Von ihr ist nichts erhalten, man weiß nicht, wo sie lag, man weiß nur, dass der Höhenrücken besiedelt war für 600 Jahre. Solange, bis die Griechen kamen.




Was blieb, waren Grabkammern. Über 5.000 von Ihnen liegen in der Landschaft verstreut, manche einzeln, manche in Gruppen eng beieinander liegend, so eng: man könnte meinen, dies wäre über Jahrhunderte Bestattungsanlage einer Familie und aller ihrer Angehörigen gewesen. Und 150 Meter weiter der einer anderen Sippe. Was verblüfft, ist der Aufwand, den die Lebenden für die Toten mit Schaffung der Grabkammern betrieben. Der in den Fels gemeisselte Eingang misst ungefähr ein Meter mal ein Meter fünfzig. Dahinter ein kleiner Raum, breiter und höher als der Eingang, im Volumen etwa ein, zwei Kubikmeter groß. 
Vermutlich wurden Holzgerüste errichtet, um überhaupt Kammern in drei, vier Metern über dem Boden errichten zu können. Wir befinden uns in der Bronzezeit. Presslufthämmer, Dynamit, Gesteinsbohrer waren noch 3.300 Jahre weit weg – Erfindungen unserer Jahrhunderte. Stattdessen: Einfache Meissel aus in Hartholz gespanntem Gestein. Und aus weicher Bronze. Weichmetall, das auf harten Kalkstein-Fels auftrifft. Kleine Gesteinssplitter, die ein Hammer man mit jedem Schlag auf den Bronzemeissel wegsprengt. Ein paar kleine Steinsplitter mit jedem Schlag. Der Meissel, der an dem harten Gestein schnell stumpf wird. Sich vielleicht rasch verbiegt.

Sie sind nicht groß, die Grabkammern. Vielleicht etwas mehr als ein- bis eineinhalb Kubikmeter. Die Eingangsöffnung ist so klein mit ein Meter mal ein Meter zwanzig, dass an jeder Grabkammer eigentlich immer nur ein einziger Mann arbeiten kann. Mehrere würden sich behindern, in der beengten Eingangsöffnung sich gegenseitig im Weg stehen, nein, das geht gar nicht. 
Also ein Mann, der an einer Grabkammer arbeitet. Wie lange braucht ein Mann mit einfachstem, splitterndem Stein- und sich verbiegenden weichen Bronze-Meisseln und Werkzeugen, um etwa einen Kubikmeter harten Kalksteins abzusprengen, abzulösen, Steinchen für Steinchen, bis eine Grabkammer fertig ist? Eine von Fünftausend? 
Die Rechnung ist einfach: Nehmen wir an, jeder Hammerschlag sprengt Splitter und Stäubchen und Steinsprengsel im Volumen eines kleinen Spielwürfels aus dem Gestein. Etwa einen Kubikzentimeter. Dann bräuchte es zwischen ein und zwei Millionen Hammerschlägen, um eine Kammer herauszumeisseln. 1.000.000 bis 2.000.000 Schläge.  Gehen wir weiter davon aus, dass ein guter Arbeiter, ein ausgebildeter Mann etwa 40 Schläge pro Minute ausführen kann. Pausen eingerechnet. Dann schafft er 2.400 Schläge in der Stunde – was dann immerhin der Gesteinsmenge eines Würfels mit  13,4 Zentimeter Kantenlänge entspräche. Könnte der Mann jeden Tag etwa sechs Stunden in derartigem Tempo arbeiten – Pausen und Zeiten für Abräumen der Trümmer eingerechnet, Werkzeug wird „gestellt“, dann: Wäre eine solche Grabkammer nach knapp 140 Tagen fertiggestellt. 140 Tage. Vier Monate und ein halber. Ein halbes Jahr, grob geschätzt, also.

Gehen wir davon aus, dass mehrere Männer an einer Grabkammer arbeiteten. Nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, um sich abzulösen. Dann liesse sich die Zeit für die Fertigstellung auf siebzig Tage verkürzen – vielleicht auch deutlich weniger, wenn Tag und Nacht und „rund um die Uhr“ gearbeitet worden wäre.

Wahrscheinlich ist, dass die Grabkammern nicht sämtlich „aus einem Guss“ entstanden. Die Sikeler, die sie errichteten hinterliessen keine schriftlichen Zeugnisse. Forscher unterscheiden verschiedene Komplexe an vier unterschiedlichen Stellen von Pantalica.  Gemeinsam ist ihnen, dass sie in den fünf, sechs Jahrhunderten ihrer Nutzung mehrfach und immer wieder genutzt wurden. Verschlossene Kammern, in denen bereits mehrere Tote bestattet waren, wurden für weitere Beisetzungen geöffnet. Als Archaeologen um 1910 mit der Erforschung des Höhenrückens begannen, fanden sie die Kammern, die heute leer sind, mit ein und sieben Toten beiderlei Geschlechts – zusammen mit den typischen Bronzezeit-Beigaben wie Tonkrügen, Bronze-Dolchen, Fibeln


Was es aber mit den Riten der Sikeler auf sich hatte, ihren Toten in den Hängen regelrecht Häuser hoch oben in den Felsen zu errichten so wie im Leben auf Erden, was sie bewog, ihnen Alltagsgegenstände mit in ihre letzten Wohnungen zu geben, dies wird ihr Geheimnis bleiben.






Was aus alldem wurde?
Die erste Kultur von Pantalica?
Etwa mit dem 7. Jahrhundert vor Christus endet die Nutzung der Grabkammern. Pantalica – oder wie immer der Name des Ortes gewesen sein mag, und seine Bewohner gerieten unter Druck und in die Konflikte der an der Ostküste städtegründenden Griechen. Vermutlich von Griechen aus Syrakus wurde die Stadt im 7. Jahrhundert zerstört.

Die zweite Kultur von Pantalica?Noch verschiedene Male wurde der Höhenrücken zwischen den beiden Flüßen Ort der Zuflucht. Die nächste große Besiedlung fand statt, als sich im 7. Jahrhundert Raubzüge der Araber mehrten. Und die frühchristlich Reströmisch-byzantinische Bevölkerung ebenfalls die Flucht ergriff. Sich landeinwärts auf den geschützten Höhenzügen niederließ. Und die Höhlen ein weiteres Mal besiedelte.

Pantalica heute?
Ein großer Naturpark, in dem der Seewind über die Canyons hinwegstreicht. Ein einsamer Fleck – für mich immer wieder ein Highlight Siziliens, nur etwa 50 Minuten von Siracusa und der Küste entfernt. 






Und für alle, die Fernweh & Meeres-Sehnsucht jetzt gleich befeuern wollen:




Was passiert, wenn wir unser Leben ändern?






Mare Più. 2016-05-08 20:00:00

















Was bringt, was kostet es, ein halbes Jahr Segeln zu gehen? Was findet, was verliert man dabei eigentlich? Ist „ein halbes Jahr Segeln“ nur ein Projekt wie jedes andere? Oder doch nicht? Hinterlässt es Spuren? Hat es tiefere Auswirkungen? Findet man wieder zurück in sein bisheriges Leben? Was wird aus der Beziehung?

Zwei Menschen geben sich im Mai 2014 eine halbjährige Auszeit auf See. Der eine segelte ein halbes Jahr in der Ostsee. Der andere im Mittelmeer. Der eine von Kiel aus in die Schären. Der andere vom slowenischen Izola ins südtürkische Antalya. Der eine ist Musiker. Der andere Verleger. Beide sind nicht auf der Jagd nach Rekorden, sondern nach „Zeit. Einsamkeit. Raum.“

Beide schreiben ein Buch über ihre Reise. Beide machen einen Film über ihre Reise. Warum segeln Menschen überhaupt los? Warum verändert eine halbjährige Auszeit für immer? Warum hinterlässt so etwas überhaupt einen tiefen Eindruck?

                                                                                                      Hier der Link zum Video-Interview.

Zwei Jahre später, im April 2016, treffe ich den Musiker Claus Aktoprak, um mit ihm über seinen halbjährigen Ostsee-Törn zu sprechen. Von Claus erfuhr ich erst, als ich bereits unterwegs war. Ich, der ich mit Rockmusik wenig anfangen konnte, vermutete hinter dem „Eigen-Slogan“ THE SAILING BASSMAN auf Claus‘ Blog www.luvgier.de einen Grenzgänger, einen hartgesottenen ganzkörpertätowierten Bassisten in schwarzem Leder. Als ich Claus zum ersten Mal kurz danach traf, stand mir etwas ganz anderes gegenüber als das. Ein sensibler Mann, den die gleichen Motive, die gleichen Fragen umtrieben wie mich. Claus ist alles andere als ein Grenzgänger. Wenn ich ihn beschreiben müsste, dann ist er ein Musiker, der wieder zurück wollte dorthin, wo wirklich Musik ist. Und nicht das Drumherum, in einer Organisation rund ums Medium „Musik“ sein Geld zu verdienen.

Was von Claus‘ und meiner Reise geblieben ist? Wie geht es uns heute damit, dass wir ausgeschert sind auf der Autobahn, kurz rechts rausgefahren sind und angehalten haben? Hat sich etwas verändert? Oder geht alles nahtlos weiter im Text, wie vorher auch?

                                                                                                     Hier der Link zum Video-Interview

Das Video-Interview beantwortet viele Fragen. So simple Fragen wie „Was kostet so eine Reise eigentlich?“ bis hin zu „Wie ist das Zurückkommen?“. Das „Wie klappt das in einer festen Beziehung, wenn der andere nicht mit will? Oder mit kann?“ Und nicht zuletzt: Wie verändert man sich, was gewinnt, was verliert man, wenn man sein angestammtes Zuhause verlässt?


Wer Lust hat auf mehr Antworten:
für den er selbst die Musik schrieb. Prädikat: Sehr empfehlenswert!
Zum Trailer von Thomas‘ Film. Hier!
           






Flüchtlingsschiffe.




Dienstag, 26. April 2016. Das Meer ist aufgewühlt, man sieht es durch den Bretterzaun auf der Pier. Seit ein paar Tagen weht es mit sechs, sieben Windstärken über die Südküste Siziliens, an der ich mit LEVJE im Hafen von Marina di Ragusa liege. Wenn Polarluft über Deutschland hinwegzieht, dann bläst es hier kurz danach aus Nordwest – so scheint es jedenfalls. Das Meer hat sein Türkis verloren, Grundseen haben den Boden aufgewühlt, nach zwei Tagen Starkwind ist das Meer schlammfarben und von weißer Gischt bedeckt, soweit das Auge reicht. Mein Windmesser zeigt in der Spitze 40 Knoten über dem Boden an. Während wir das Meer am Strand beobachten, sind Haare, Zähne, Ohren im Nu voller Sand. Arbeiten auf dem Boot ist ungemütlich: Selbst im Hafen, wo das Boot fest vertäut liegt und vor Wellen gänzlich geschützt ist, packen die Böen ein ums andere Mal LEVJE’s Rigg und drücken das Boot zur Seite. Feinmotorisches im Geschwanke erledigen ist meine Sache nicht. Sturmtage im Hafen.

Und weil der Segler nicht ruhen kann, fahren wir mit dem Wagen nach Pozzallo, etwa 20 Kilometer östlich Marina di Ragusa. Pozzallo ist ein Hafenstädtchen mit fast 20.000 Einwohnern. Vom Hafen gehen regelmässig Fähren nach Malta, aber jetzt liegt das große Areal verlassen im Licht des stürmischen Mittags. Starkwind, der mir beim Öffnen die Autotüre aus der Hand reißt, während auf der anderen Seite nur ein aubergine-farbener Bus steht, ein modernes Teil mit jeglichem Reisekomfort. Er ist besetzt überwiegend mit jungen dunkelhäutigen Männern, der aubergine-farbene Bus. Und sähen sie nicht so erschöpft aus, hätten sie nicht alle ein und dasselbe Krankenhaus-Handtuch um Kopf, um Nacken gelegt, man könnte tatsächlich denken: Der Kegelclub von Marsala macht einen Ausflug im Reisebus nach Pozzallo. Aber so ist es nicht. Die Insassen sind Flüchtlinge aus Eritrea. 308 Männer, Frauen und Kinder, die an diesem Tag bei sechs bis sieben Windstärken aus Nordwest das Meer gegenan überquerten. Und hier irgendwo an einem der langen Strände vom schlammfarbenen Meer an Land gespült wurden.




Was heute hier passiert, passiert seit einigen Jahren in Pozzallo. Regelmäßig landen hier Flüchtlingsboote, vielleicht weil es von hier aus nur 50 Seemeilen bis nach Malta sind und knappe
200 bis zur Küste Tunesiens. Und weil die Behörden nicht wissen, wohin mit jedem übriggebliebenen Flüchtlingsschiff, wird einfach eine Nummer draufgesprüht. Und sie werden hier in einer Ecke des weitläufigen, verlassenen Hafengelände Pozzallos einfach abgelegt – wie in anderen Häfen des südlichen Sizilien auch. Niemand kümmert sich darum. Es sind: Die vergessenen Schiffe.



Es sind zumeist stabile Fischerboote, feste Kähne, von denen mancher seine besten Tage lange hinter sich hat. Manche von ihnen wurden, um möglichst viele Menschen darauf unterzubringen, eigens für diesen Zweck umgebaut. Die Schlepper haben alle hinderlichen Aufbauten entfernt, um ein glattes Deck zu schaffen, auf dem viele Menschen transportiert werden können. Statt des Auspuffs ragt nur noch ein Ofenrohr aus dem übrig gebliebenen Rest des Deckshauses. Es sind auch keine kleinen Schiffe – Flüchtlingstransport in dieser Spielart ist offensichtlich Massengeschäft.



Eine dicker Deckel, der den Laderaum verschließt, in dem wer-weiß-wieviele Menschen während der 2-4 Tage dauernden Überfahrt kauern. Selbst für den Steuermann ist kein Deckshaus mehr da, alles ist abmontiert, am Heck ist nur noch eine Pinne mit langem Arm erkennbar.



Auch ein Schlauchboot liegt auf dem Schiffsfriedhof von Pozzallo. Es ist das Teil mit der Nummer 166 – oder das, was nach der Überfahrt noch übrig ist. Ein über 10 Meter langes Schlauchboot, dem längst alle Luft entwich, der Boden aus einfachen Sperrholzplatten, aus denen Unkraut wuchert. Wer weiß, wie viele Menschen auf so einem Gefährt das Meer überquerten, und bei was für einem Wetter, im langen zurückliegenden Winter.

Natürlich sind, wie das auf einem Schiffsfriedhof üblich ist, die Schiffe längst ausgeweidet. Alles, was nach der Ankunft irgendwie verwendbar, verwertbar war, wurde entfernt, kaum ein Schiff, an dem noch ein Steuerrad ist, Edelstahl haben die Schiffe in den Ländern, aus denen sie kommen, sicher nie gesehen. Nur weniges blieb an Bord. Doch dies wenige ist ergreifend, weil es die persönliche Habe von Flüchtlingen ist, die sie zurückliessen:



Der Schuh eines Mannes und eines Kindes, die auf den Planken rotten. Vater und Sohn?

Ein kleiner Rucksack mit einer Zahnbürste darin:



Die Zahnpastatube mit anderen Schuhen. Zwei BHs. Ein Spielwürfel. Ein Suppenlöffel. Gegenstände, die eine Geschichte darüber erzählen, was jemand mitnimmt, wenn er nichts mehr mitnehmen KANN. Was würde jeder von uns auswählen, einpacken, wenn es plötzlich hieße: „Nimm alles Wichtige mit. Heute Abend. Aber es muss in einen Rucksack passen.“ Was nähme man mit? Zahnpasta?



Es sind ihre Habseligkeiten, die die Flüchtlinge beim Ankommen an Bord ließen, die mehr über ihre Schicksale erzählen als manches Andere. Alte Wasserflaschen. Schlafsäcke. Und Berge von Schwimmwesten, zumindest das. Immer wieder sind Flüchtlinge in Zeitungen zu sehen, auf Gefährten, die kaum schwimmfähig scheinen. Doch Schwimmwesten tragen die meisten. Gibt es einen Gott, der vor der Abreise Schwimmwesten verteilt? Gibt es ein multinationales Amt, das dafür sorgt, dass jeder der Flüchtlinge zumindest eine Schwimmweste hat, wie es die Gesetze auf See vorschreiben? Gibt es im Auswandererland eine geheime Behörde, die wegschaut, wenn Flüchtlingsboote „umgebaut“, vorbereitet werden? Aber hinschaut, damit jeder eine Rettungsweste trägt? Gelten irgendwie doch noch Vorschriften dort, wo Menschen alles wagen, sich ins Ungewisse begeben, jedes Risiko auf sich nehmen, nur um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können? Es gibt so vieles, was ich an diesen Geschehnissen nicht verstehe.



Am Dienstag, den 26. April 2016 kamen in Pozzallo, Provinz Ragusa, Italien, 308 Flüchtlinge an. Einen Teil von ihnen habe ich in dem aubergine-farbenen Bus gesehen. Insgesamt 177 Männer. 72 Frauen, darunter sechs schwangere. 46 Jungen. 13 Mädchen. 100 von ihnen wurden weiter nach Trapani verbracht, 208 blieben zunächst im Erste Hilfe-Zentrum in Pozzallo. Es hat eigentlich nur Platz für 180 Menschen.

Anders als zu erwarten, ist der Zeitungsartikel, der am folgenden Tag in LA SICILIA erschien, voller Anteilnahme für die Not der Flüchtlinge – obwohl die Bevölkerung Italiens genauso wie die Griechenlands oder Spaniens längst der Probleme und der Last überdrüssig sein müsste, die sie seit bald zwei Jahrzehnten trägt.

Vielleicht ist jenes Europa, von dem wir träumen, doch spürbar, hier in Italien. In Pozzallo.







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Mare Più. 2016-04-29 00:07:00

 
Weil das mit dem langsamen Reisen etwas ist, was gelernt und gekonnt und gelebt sein will, habe ich heute einige Gedanken darauf verschwendet, wie ich vom Flughafen Catania nun eigentlich an Siziliens Südküste komme, dorthin, wo mein Schiff LEVJE im Hafen von Marina di Ragusa liegt. Am schnellsten ginge das mit den etwas mehr als 100 Kilometern natürlich mit einem Leihwagen – da wäre ich ganz schnell, in eineinhalb Stunden, im Süden am Meer. Option 2: Ich nehme den Bus. Der braucht drei Stunden – und für die letzten zehn Kilometer von Donnalucata bis nach Marina di Ragusa: Da müsste ich mir dann etwas ausdenken. Taxi? Trampen? Mit 56? Ob mich jemand mitnähme? Das Leben kann so spannend sein. Option 3: Ich fahre mit dem Bus nach Siracusa. Und nehme von dort das Bimmelbähnchen, bis nach Scicli. Etwa fünf Stunden. Und von da weiter? Siehe Option 2. Und weil „Fahren mit altmodischen Zügen“ durch vergessene Landschaften eine meiner heimlichen und ungelebten Leidenschaften ist, neige ich eher zur fünfstündigen Reise. Stelle mir vor, wie das Bähnchen jetzt im späten April durch duftende Orangenhaine Siziliens gleitet. An den Flüssen Siziliens die karstige Landschaft hinauf. Und dann in langer Neigung ans Meer hinunter. Nein. Allein mit diesen Gedanken ist meine Entscheidung  schon gefallen. Am Bahnhof von Siracusa werde ich nicht enttäuscht: Da steht, was ich mir erwartet hatte, neben einer alten italienischen Dampflok: Ein von FIAT gebauter Triebwagen. Verbeult. Alt. Ehrwürdig. Alles andere als schön & modern. Nicht mehr als ein dieselbetriebenes Wägelchen, das schon alt war, als ich jung war. Die Fensterscheiben sind blind und ungepflegt – durchschauen kann man nicht. Was aber gar nichts macht, denn man kann mit ihnen tun, was einem die Bundesbahn mittlerweile überall versagt: Man kann die Fenster öffnen. und damit weiteren Leidenschaften ungezügelt ihren Lauf lassen: Nämlich den Kopf während der langen Fahrt aus dem Fenster hängen lassen, den Wechsel von Licht und Schatten, Wärme und Kälte, von hunderterlei Farben und Formen auf der Haut spüren, durch Gerüche und Düfte Siziliens reisen. „Landschaft in 3D statt Klimaanlage“, die mal wieder ausgefallen ist. „Wir bitten dies zu entschuldigen.“ Schon fünf Minuten vor der Abfahrt drängelt die Durchsage am kleinen Bahnhof von Siracusa. Es ist einer von drei Zügen, der in diesen Stunden abgeht, also nimmt man hier die Sache schon ernst. Schließlich könnte ja einer der 13 Mitreisenden die ernste Angelegenheit der Abfahrt auf die leichte Schulter nehmen und nicht schon fünf Minuten vorher auf seinem Platz sitzen. Noch eine Durchsage: „Il treno per Pozzalo – Scicli – Modica – Ragusa …“ ja ja: ich steig ja schon ein und lass‘ die Dampflok Dampflok sein!
  Und kaum dass ich sitze, geht es auch schon los. Der Diesel im Wägelchen beginnt zu wummern. Mit einem Ruck setzt sich das Bähnchen in Bewegung, rumpelt langsam über die Weichen hinaus in die große weite Welt des östlichen Sizilien.

Avola, erster Halt. Der Ort, der dem berühmten Nero d’Avola den Namen lieh, jenem Rotwein, den man überall in Süditalien trinkt. Nero d’Avola, der – so weiß es Wikipedia – auch „Principe Siciliano“ genannt wird, „sizilianischer Fürst“. Seit ich neulich für mich die Insolia-Rebe entdeckt habe hier auf Sizilien und seitdem zum Fisch nichts anderes mehr bestelle – es gibt sie nämlich auch als Frizzantino, herrje, mit kleinen Bläschen, drin baden könnte ich… aber … wenden wir uns lieber wieder der Fahrt zu. Ruckelnd, rumpelnd, schmetternd, schmatzend setzt sich mein Wägelchen am Bahnhof von Avola in Bewegung, ein tiefes Schnaufen, ein kreischendes Zirpen und Sägen von Stahl auf Stahl in den Weichen, ein Tuten an einem Bahnübergang, das rhythmische Schmettern des Diesels steigert sich, als der Zug beschleunigt. Langes Tuten, irgendwie herrlich un-dominant. Nein dominant ist hier nichts, außer der chicen blauen Uniform des TRENITALIA-Kontrolleurs. Wieder ein langes Tuten im Tal, das voller Orangenbäume steht, die Hänge hinauf Olivenhaine.   Nächster Halt: Noto. „Citta per la pace e i diritti humani“, steht auf dem Bahnhofsschild. Aber in Noto, das ich nun wirklich kenne, in der alten Barockstadt, waren die Dinge auch schon mal besser. Oh ja: der Bahnhof hat mindestens fünf Gleise und drei Bahnsteige. Aber alles ist überwuchert hier von schnell schießenden Grashalmen und dem jetzt im April überall blühenden roten Mohn, die Gleise lang nicht mehr benutzt, hier unten setzt sich fort, was oben längst zu besichtigen ist in der Barockstadt, die jeder Führer anpreist ob ihres barocken Stadtbildes: Die Wirklichkeit ist, dass Noto das „alte“ Sizilien ist. Das Sizilien der achziger Jahre, der Hoffnungslosigkeit- An jedem dritten Haus das obligate „Vendesi“-Schild,  „Zu Verkaufen“ also ein Palazzo nach dem anderen. Wenn jetzt einer käme mit einer Vision, was man aus dem barocken Städtchen machen könnte samt dem Knast mit den verbauten Fenstern unmittelbar am Marktplatz: Wenn jetzt einer käme mit einer klugen Idee, was man daraus machen könnte aus dieser einzigartigen Kulisse: es gäbe kein Halten mehr.   Die dreizehn Mitreisenden hängen träge in den dunkelblauen Sitzen, Dösen vor sich hin oder schlafen, Köpfe nicken im Takt der Schienen, Ta-tam Ta-tam. Ta-tam Ta-tam. Köpfe, die langsam Richtung Brust kippen. Rosolino. Auch hier überwucherte Gleise, der Mohn wächst üppig zwischen den Schwellen.     Die Hand des Lokführers ein paar Meter vor mir, die er aus dem Zug in den Wind hält. Es ist eine junge Hand, die eines verheirateten Mannes. Er trägt einen Ring am Finger, nein, genauer: gleich zwei? Ein junger Mann, der schon Wittwer ist? Der, weil das Schicksal ihn schlug mit Sorge, Gram um eine kranke Frau, nicht weiter kam im Leben als genau bis hierher, in das Bähnchen, das jeden Tag mehrfach zwischen Siracusa und Ragusa verkehrt? Und wenn: Vielleicht ist er ja genau damit glücklich, überglücklich? Nicht die große Bühne, die ihn lockt, nein, sondern genau dies hier: Die kleine Bimmelbahn jeden Tag entlang.   Ispica. Alte Schienen am Rand, rostige Schienen, aufeinander gestapelt, dahinter Berge von Schotter, Die Kisten der Tomaten und Orangen-Kooperative, deren Plastik-Gewächshäuser sich am eingleisigen Schienenstrang entlangziehen. Kornfelder, die bereits jetzt im April goldgelb gereift sind, Hafer, der zwischen uralten Olivenbäumen steht und die Köpfe hängen lässt, als wäre es Anfang August. Manche Felder bereits jetzt Ende April abgeerntet.  
 
Neben der eingleisigen Strecke kommt das Meer in Sicht. Pozzallo. Hafenstadt. Bahnhof und Bahnsteig sind mit Grafiti beschmiert, die am Bahnhof liegenden Industriegebäude produzieren längst nichts mehr. Die Alcoholfabrik der „Cavalieri Franceso e Enrico Giufreddi“ ist Kind eines anderen Jahrhunderts, einer anderen Epoche, ihre Reste stehen heute am Bahngleis, man muss findiger sein heute als einfach nur Alcohol zu brennen. Die Fabrik ist verwaist samt Schornstein, die Fenster eingeschlagen. Das Dach längst weg. Aber dafür ist auf den Bahnsteig genau vor meinem Fenster in dicker dicker grüner Farbe hingepinselt:   „Auguri per la mia piccola con gli occhi piu dolci“: „Alles Gute, Du meine Kleine mit den süßesten Augen der Welt, für Dich.“  
 
Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Hinter Sampieri, einem gottverlassenen Bahnhof irgendwo in der Pampa, wendet sich der Zug ab von der Küste, vom Meer, das jetzt breit, breit  vor mir liegt. Dreht einwärts Richtung Binnenland, Richtung Scicli und Modica, der Diesel schmettert die Hügel hinauf, blaue Vorhänge knattert im Wind wie tibetanische Gebetsfahnen, die Reisenden stehen am Fenster, schauen hinaus, eine kleine bunt zusammengewürfelte Gemeinschaft, die Hand des Lokführers, die aus dem Zug hängt und allen voranfährt.
 
 
Scicli. Deutschen Zungen ein Rätsel, wie man es ausspricht – aber dabei doch so einfach: „Schieckli“. Meine Fahrkarte geht nur bis hierher, ich überlege, ob ich noch weiterfahren soll, die schönen Orte kommen erst noch: Modica. Stadt in den Hügeln. Und jeder zweite Laden bietet hier die Schokolade aus Modica an, dunkle herbe Schokokade voller Kakao, aber mit Rohrzucker angerührt, der knirschend zwischen den Zähnen hängebleibt. Oder Ragusa, der Endpunkt, hoch oben auf den Hügeln. Um Ragusa zu erreichen, fährt der Zug 270 Grad um einen Berg herum hinauf, das wollte ich mir immer mal ansehen, aber für heute muss ich raus. Von Scicli nach Marina di Ragusa sind es gerade eben 17 Kilometer, kein Bus, kein Taxi – mal sehen.   Und während ich mich noch umsehe, wie es jetzt mit mir weitergehen könnte in Scicli, während ich dabei bin, den Mitreisenden vom anderen Fenster, der sich genauso wie ich nicht sattsehen konnte während der Fahrt und ebenfalls in Scicli ausstieg, während ich all dies bedenke: Blicke ich zurück zum Bahnhof. Mein Bähnchen steht verlassen da. Der Lokführer ist ausgestiegen, ich sehe ihn, wie er neben den Gleisen ein kleines Gärtchen voller Orangen- und Apfelsinenbäumchen betritt. Und voller Lust hochspringt, und die beringte Hand nach den Orangenfrüchten greift, sich eine Orange nach der anderen vom Baum holt, eine, noch eine. Und dann schnellen Schrittes zurück zu seinem Zug läuft, der sich kurz darauf schmetternd hügelauf wieder in Bewegung setzt.   Nein. Es braucht wohl wirklich nicht viel, um glücklich zu sein. Als Lokführer. In Scicli.  
Und für alle, die Fernweh & Meeres-Sehnsucht jetzt gleich befeuern wollen:
Was passiert, wenn wir unser Leben ändern?
 

EINMAL MÜNCHEN-ANTALYA – heute live bei GEOBUCH München. Oder: Vom langsamen Reisen.


Reste des antiken Theaters im südtürkischen Myra:
Die Mienen der Schauspieler.

Es gibt vielfältige Gründe, warum wir reisen. Und warum wir hinterher darüber den Mund aufreißen über das, was wir erlebt haben, noch mehr. Egal, wie immer man reist, ob pauschal oder „all inclusive“ oder „individual“: Irgendetwas verändert sich. Der Alltag ist, zumindest am ersten Tag danach, ein anderer. Wir sehen unsere Welt danach mit anderen, weit aufgerissenen Augen – auch wenn der Effekt im Büro oder sonstiger Alltagsroutine nach einem Tag meist verschwunden ist. „Unsere“ Welt hat uns dann wieder.
„Urloub“: Im Deutsch des Mittelalters ist das Wort eng verwandt mit „sich Erlaubnis nehmen“. Der Urlaub war …


also noch nie die Regel, wollte man ihn, musste man sich „Erlaub“-nis holen – von wem auch immer. Mir hat das eigentlich nie eingeleuchtet, schon als Kind nicht, am Ende der großen Sommerferien. Ich habe mich lange gefragt und tue das bis heute: „Wie stellt man es an, eigentlich immer Urlaub, ja: „Erlaubnis“ zu haben?“

Genug der Wort- und Gedankenspiele, der Bekenntnisse. Heute Abend werde ich über meine Reise von München nach Antalya erzählen:


Und das ist für mich schon ein besonderes Highlight. Denn schließlich ist GEOBUCH immer ein traditioneller Ort des Aufbruchs, ein Ort, an den ich ging bei x Reisevorbereitungen. Wenn Sie also,
wie das Pärchen, das ich vergangene Woche bei meinem Vortrag in der Berliner URANIA kennenlernte und das von Berlin nach Antalya mit dem Motorrad möchte, wenn Sie also das Fernweh plagt und zwickt: Dann freue ich mich, wenn Sie heute Abend im Publikum sitzen.

Denn ums Fernweh, um Nisomanie (die Inselsucht) und Leben am Meer wird’s gehen.
Und darum, dass wir unserem Fernweh öfter mal „Erlaubnis“ geben sollten.




Und für alle, die Fernweh & Meeres-Sehnsucht jetzt gleich befeuern wollen:





Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.
Was passiert, wenn wir unser angestammtes Leben ändern?

Demnächst Vorträge in:

            Donnerstag, 31.3.2016, 19:30 Uhr: URANIA, Berlin                                                                                     
     An der Urania 17, 10787 Berlin, Tel. 030 218 90 91
Donnerstag 7.4.2016, 19:30 Uhr: GEOBUCH, München
Rosental 6, 80331 München, Tel. 089 265030

Kommenden Sonntag der Film im Kino in:

Sonntag 10.4.2016, 11:00 Uhr: Kino im ANDREASSTADEL, Regensburg  




Im Download. Als DVD. Hier.















                        







Auf Sizilien. Im späten Winter.





Und irgendwie hatte ich es wieder nicht hingekriegt. Hatte es einfach nicht gemacht. Hatte das, was wichtig ist, einfach aus den Augen verloren. Ich hatte mir vorgenommen: „Im Winter mindestens einmal pro Monat am Meer.“ Auf LEVJE, die jetzt im Süden Siziliens im Hafen von Marina di Ragusa liegt. Nicht weniger als eine Woche. Mindestens. 

Aber wie das Leben so läuft: Ein netter Winter in Oberbayern. Eine spannende Aufgabe in Berlin.  Und weg ist der gute Vorsatz… 

Aus „Mindestens einmal monatlich“ wurde flugs „kein einziges Mal in vier Monaten.“ Mein Leben war spannend. Doch ich scharrte mit den Hufen, endlich, endlich in diesem Winter wieder auf mein Schiff zu kommen. Ich spürte, wie mein Schiff an den Leinen ruckte, ein Lebewesen erwacht in den Winterstürmen Siziliens. Nachts lag ich wach: „Schwimmt sie noch?“

Heute war es soweit. Früh aufgestanden, die letzten Dinge im Seesack verstaut, proppenvoll mit Werkzeug, Schrauben, Bolzen, Plastikflaschen voll „Harz & Härter“. Zwei Beutel mit Ostereiern, meine Lieblingssorte, die mir Katrin neben den Seesack legt. Minuten später stehe ich allein am Bahnhof, en Seesack geschultert, mein Schritt ist federleicht, obwohl der Seesack zusammen mit dem kleinen Rucksack für meine elektronische Ausrüstung mehr als 20 Kilo wiegt. Rollkoffer? Nein. Ich spüre es nicht, das Gewicht, weil andere Gewichte heute morgen von mir abfallen, während ich im lichtlosen Grau auf dem Bahnsteig stehe, beim Umsteigen nehme ich zwei Stufen auf einmal. Das Herz: es hüpft.


Der kleine Militärflughafen weit weit im Westen, von dem die Maschinen mit der aufgemalten gelben Harfe abheben. Noch nie bin ich mit RYANAIR geflogen, es ist eine verflixte Gängelei, vorher und während wir abgefertigt werden. Gedrängel und Gegängel im Wechsel, eingepfercht sein – da hilft auch kein noch so flotter Marketing-Refrain. Ein Massenprodukt, das mit Massen gefüllt sein will, sonst funktioniert es nicht, ich überlege, wie man – eingepfercht und nicht nur der Beinfreiheit beraubt, dieser Art von Massentransport, es ist ja nichts anderes, Positives abgewinnen könnte. Ich schließe die Augen. Schlafen ist gut. Der Blick aus dem Fenster auf die Weite der Berge – ja der entschädigt.


Anflug auf Palermo. Als die Wolken aufreissen, sagt jemand hinter mir: „Merkwürdig. Ich sehe Schnee. Und Berge.“ Doch was aus der Luft wie Schnee aussieht, ist Gischt. Wind, der tief unter uns auf dem Meer Wellen aufwirft, Gischt, die von hoch oben weiß aussieht, wenn Kämme brechen.

Und tatsächlich. In Palermo weht es. Wie fast immer, liegt der Flughafen einer Insel am Meer, beim Aussteigen warnt der Purser, dass man aufpassen solle, „heavy gusts outside“. Als ich aussteige, galoppieren graue Wolkenfetzen über den Berg, der archaisch hinter dem Rollfeld aufragt. Pfützen, die flirren, als lägen sie unter einem Triebwerk. Der Autoverleiher, ein netter Rothaariger, der versucht, mir noch für 170 € eine Extra-Versicherung anzudrehen. Nettes Palaver. Italien.

Ich rolle durch die Dämmerung. In Palermo Stau, es ist sechs, dann auf der Autobahn Richtung Süden. Windboen treiben meinen Kleinwagen immer wieder aus der Spur, aber sie lassen etwas nach. Regenschauer, kein Mittelmeer-Regen, eher feines Gesprühe. Meerwetter. Atlantikwetter. Zwischen den Bergen kurz der Vollmond, der zwischen jagenden Wolken sich zeigt. Als ich ihn sehe, weiß ich wieder, wie richtig es ist, immer wieder aufzubrechen, genau das und dies hier zu suchen, und wenn es nur für Tage, Stunden ist. Freude, die beim Anblick des Mondes wie ein Blitz durch mich zieht. Die letzten Kilometer, ein Gekurve durch düstere Wälder von Schilf, lange Halme, die sich im Wind biegen, wenn der Scheinwerfer des Wagens sie fasst.
Als ich endlich den Hafen erreiche, ist es mondlos, wolkenverhangen, Finsternis. Eigentlich wollte ich noch etwas essen gehen, aber die Sorge um mein Boot treibt mich gleich zum Hafen, jetzt um neun ist eh fast alles zu. Marina di Ragusa, Ferienort. Winterschlaf. Fetzen von Planen, die von Zäunen wehen.

Dann stehe ich endlich vor LEVJE. Sieht alles gut aus, von der Pier. Die Persenning bläht sich und bauscht im heftigen Nordwest, ein Brausen in den Masten. Ein paar ausgerissene Zeisinge, es muss heftig geweht haben hier die letzten Monate, die Trikolore, die ich neu im Herbst aufzog, sie ist in der Dunkelheit reduziert auf „Uno Colore“. Der Rest: verweht, vom Wind zerzaust, zerfasert, zerstoben.

Ich klettere an Bord. Fühlt sich so gut an, der gewohnte Tritt am Bug in den Bügelanker, in einem Schwung hinauf mit dem Seesack auf den Rücken in den Bugkorb, LEVJE schwingt freundlich in einer Böe nach Steuerbord. „Guten Tag.“ Mein Gesicht ein dümmliches Grinsen, ich freue mich einfach nur, als wäre es Weihnachten, wieder hier zu sein. Schnell das Steckschot geöffnet. Ich tappe im Dunkel nach unten, jedes Mal erwarte ich, im Dunkel mit den Füßen in eisiges Schwappen zu tauchen, weil ein Bordverschluss leise aufgab, im Winter. Aber alles ist trocken. Ich taste im Dunkel nach dem Hauptschalter, drehe kurz den Knochen. Licht springt an, ich habe beim Weggehen vorbereitet, dass alle Lichter gleichzeitig angehen. Mein erster Blick: Alles gut, alles trocken. Batterien so la-la. Nur die Kartoffeln in der Bilge habe Triebe bekommen, ich dachte ja im späten Dezember, gleich wär’ ich wieder da. Alles trocken. Alles gut. Freude packt mich, wieder auf meinen Boot zu sein, Freude, tief kindlich und kindisch zugleich, ich streichle LEVJEs Mastfuß, wie immer, wenn ich komme, wenn ich gehe. 

Die Beziehung eines Menschen zu seinem Gefährt: Sie ist bemerkenswert immer dann, wenn es nicht um „ es Haben“, sondern um „damit etwas Machen“ geht. Natürlich handelt es sich ja alles nur um ein paar industriell gefertigter und montierter Teile, Glas, Harz, Härter, Alu und Holz, im Wesentlichen. Aber zu jedem wichtigen Gefährt hatte ich auch immer eine besondere Beziehung. Mein erstes Fahrrad, auf dem ich nach der Schule, wenn das Wetter es zuließ, jeden Nachmittag aufbrach, um irgendwo im Dorf herumzustreunen, nach Erfahrungen, Abenteuern zu suchen, hieß „Emma“. So wie die Lokomotive von Lukas in dem Buch, das ich Nachmittags auf den heißen Pflastersteinen liegend wieder und wieder verschlang. Das erste Motorrad, das den Radius deutlich vergrößerte, die „wilde Wutz“. Der kleine rote Golf. Vielleicht ist das so: Ein Gefährt wird zum Gefährten, wenn man mit ihm ganz neue Schritte ins Leben geht. Neue Wege beschreitet. Wenn man ihm neue Erfahrungen verdankt, Weite im Kopf. Und Stunden des Glücks.

Ich schaue mich unter Deck um. Die Fenster blieben im prasselnden Winterregen alle dicht. Draussen macht der Wind Geräusche wie ein dahinbrausender Zug, der sich in die Kurve neigt. Ein schrilles Pfeiffen zwischen den Wanten. Ein dumpfes Wummern vom Meer hinter der Mole. Hundertfaches Sirren und Schwirren in der Luft. Ein Rauschen und Branden, Levje, die in den Böen hin und herschwingt, dazwischen der brummende Ton einer Orgel. Levjes Mastfuß, der vibriert. Die Tausenderlei Töne, die schwächer werden, nur um gleich wieder anzuschwellen, das Sirren und Schwirren und Brummen und Pfeiffen, das über allem liegt im Dunkel. Und ich mittendrin, geborgen, behütet in der Unwirtlichkeit, in der mein kleines Schiff schwingt, während ich Wasser für einen Topf mit Penne aufsetze und mir eine der letzten griechischen Bierdosen öffne: Bin glücklich während ich im Cockpit sitze, und hinausschaue in die brausende Finsternis. 


„Das Leben eines Menschen ist, was seine Gedanken daraus machen.“ Der alte Kaiser, der das schrieb, hatte recht – im Guten wie im Schlechten. Ich stelle mir vor: Wie er diese Zeile im matten Licht einer Öllampe seinem Sekretär diktierte – der alte Kaiser lebte meist im Militärlager, ein Kaiser zwar, aber im Zelt, die zwanzig Jahre seiner Regierung fast nur in widrige Grenzkriege im Norden verwickelt. „Das Leben eines Menschen ist, was seine Gedanken daraus machen.“



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Mehr Geschichten vom Autor von MARE PIU: 


Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.
Was passiert, wenn wir unser angestammtes Leben ändern?


Demnächst Vorträge in:

            Donnerstag, 31.3.2016, 19:30 Uhr: URANIA, Berlin                                                                                     
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Demnächst der Film in:

Sonntag 10.4.2016, 11:00 Uhr: Kino im ANDREASSTADEL, Regensburg                           





MEIN BOOT IST MEIN ZUHAUSE: Die SWR 2-Sendung jetzt als Podcast hören.




MEIN BOOT IST MEIN ZUHAUSE ist der Titel des bei millemari. kürzlich erschienenen Buches darüber, wie man seinen Wohnsitz in Deutschland auf ein Boot verlegt. Und mit welchen Tricks und Kniffen man sich das Wohnen und Leben auf einem Boot erleichtern kann.

Mal kritische, mal hintergründige Fragen stellte der Journalist Burkhard Müller-Ullrich vom SÜDWESTFUNK seinen drei Gästen, die er zu seiner Sendung KAJÜTE STATT KAMIN. WIE WOHNT MAN AUF DEM WASSER? eingeladen hatte. Jeder der drei Gäste hatte im vergangenen Jahr mindestens neun Monate auf seinem Boot verbracht, hatte – der eine mit mehr, der andere mit weniger Kompromisslosigkeit – seinen Traum vom Leben auf dem Wasser erfüllt. Nicht aus Not, nicht aus Verzweiflung. Denn jeder der drei Gäste ist steht mitten im Leben, geht einer geregelten Tätigkeit „an Land“ nach. Das Boot also nicht als Sehnsuchtsort, sondern als bewusst gewählte Lebensform.

Wie die Diskussion lief, welche Aspekte beim Leben auf dem Boot zu beachten sind, können Sie jetzt selbst hören. Einfach reinklicken. Hier.

Und wer danach nicht glaubt, wie schön das Leben im Winter auf dem Boot sein kann, dem empfehle ich den einen oder anderen Post auf MARE PIU:



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Soeben bei millemari. erschienen:




Sehenswerte Bilder und Texte aus diesem Buch haben wir 
auf unserer millemari.-Bestellseite für Sie zusammengestellt. 
Klicken Sie rein.


… nicht vergessen: Wenn Ihnen dieser Post gefiel, klicken Sie bitte unten auf „Tolle Geschichte.“

Der Segler im Winter: Mallorca.





Und? Wissen wir noch, wie das ist, jetzt im späten Winter am Meer? Könnten wir das einfach beschreiben, wie das zugeht am Himmel und aussieht und sich anfühlt, wenn die Sonne das Meer alleine zurücklässt? Hätten wir sie noch alle drauf, all die Farben, wie sie sich über den langen langen Sonnenuntergang dahinziehen? Wissen wir noch, wie das ist, wenn der Himmel im Abendlicht
zu einer Kinoleinwand wird, über die ein Film ganz anderer Art flimmert? Versuchen wir mal, diesem Kinofilm beizuwohnen.

Zur Erinnerung: Jetzt im Winter, am späten Nachmittag, versinkt die Welt am Meer im Blau noch mehr als am Land. Und nur, was aufragt aus dem Meer, was sich dem letzten Licht des Abends entgegenstellt, ein Fels, ein wackeliger Steg, zwei gekreuzte Bretter, das leuchtet plötzlich auf wie eine rätselhafte Hieroglyphe.



Das leise Rauschen am Strand. Ein kalter Wind im Gesicht, der Frösteln macht. Geruch nach frischem  Tang. Wolken, die wie feine Finger über die ganze Weite des Himmels ausgreifen. Schwere Schuhe, die im Sand versinken. Der rote Turm, von dem niemand Ausschau hält und der doch dasteht: als würde er auf etwas sehnsüchtig warten, etwas heiß ersehntes, was übers Meer kommen wird. Ganz sicher.



Und während wir langsam zurück stapfen durch den Sand und der Erdboden immer mehr im Dunkel versinkt und der Himmel duftig immer heller wird und heller, bis er nur noch ein einziges Leuchten ist, weil der Rest der Welt im Dunkel versinkt, schießt mir ein Satz durch den Kopf, den ich im Flugzeug las, über den Wolken, und den ich festhalten möchte auf diesem Blog, weil er so passt, zu all dem:

„Man ist ja auch immer das Gegenteil dessen, was man ist.“






PS: Der kluge Satz: Der stammt von Künstlerin-Sängerin Laurie Anderson. Und er war an diesem Wochenende in ihrem Interview im lesenswerten SZ-Magazin LOS GEHTS. EIN FRAUENHEFT ÜBER DEN AUFBRUCH zu lesen.
Und der Himmel im Winter am Meer? Der ist ganz sicher noch da, wo er immer ist.
Der Himmel: Er kommt für alle, die nicht warten wollen, am Ende in meinem Buch und auch im Film EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE ausgiebig vor. Der Film läuft an diesem Wochenende
                      am Samstag, 19.3. im KURTHEATER in Tutzing
                      und am Sonntag 20.3. als Matinee im BREITWAND in Herrsching.

Und wer wiederum darauf nicht warten will: Den Film gibts samt Trailer bei www.segelfilme.de.



Mare Più. 2016-04-09 17:27:00






























Im Nachhinein und Hinterher klingt alles wie erfunden. Und doch ist jedes Wort wahr: Mein Film entstand wahrscheinlich genau in dem Moment, in dem mich zum ersten Mal die Faszination des „Auf dem Meer unterwegs seins“ voll erwischt hatte.

Es war 1998. Die Eltern meiner damaligen Freundin – Segler, Abenteuer-Urlauber alter Couleur mit drei Töchtern – hatten mich eingeladen. 1998 Segeln in
der südlichen Türkei. Ich willigte ein, nichtsahnend, was auf mich zukäme. Wir legten ab, und kaum hatten wir die Hafenmole von Marmaris erreicht, entfuhr mir ein Schrei, so wie ich am Vorstag stand. Ein Jubel. Irgendwie war es um mich geschehen. Etwas war in mein Leben getreten, was mich nie wieder verlassen würde.

Was es war: Dem versuche ich bis heute auf die Spur zu kommen. Seither bin ich segelnd auf dem Meer unterwegs. Die ersten 17 Jahre knappste ich die Zeit neben meinem Beruf ab. Von sechs Wochen Urlaub verbrachte ich jedes Jahr sieben auf dem Meer. Mindestens. Nach meinem zweiten oder dritten Törn trabte ich los und kaufte eine Kamera. Ich wollte einen Film machen, erzählen, was „das da draußen für eine phantastische Landschaft ist. Ich wollte weniger von dem erzählen, was Sportgazetten und Webseiten beherrscht, das „Schneller! Höher!! Weiter!!!“ von Regatten und Rennen. Nichts vom Kick, den „Speed“ vermitteln kann. Nichts über Beschleunigung. Stattdessen interessierten mich: Geschichten. Kleine Geschichten, wie man sie an jedem Wegrand findet.

„Freunde der Fünf-Meter-Wellen-Action,
Fans rauschender Gleitfahrten mit überspülten Decks,
Liebhaber hektischer Filmschnitte:
Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein:
Dies ist kein Film für Euch!“
DIE SEGELREPORTER im Dezember 2015
über meinen Film.


Nein. Mein Film sollte über anderes gehen: Über das Langsame. Über die Schönheit, die man findet, wenn man die Nacht allein in einer einsamen Bucht verbringt. Über den Frieden, der sich an unwirtlichen Orten einstellt, wo man niemals vermutet hätte, ihn finden zu können. Zehn, zwanzig Seemeilen von der Küste entfernt, weit weit weg, wenn Land am Horizont verblasst. Irgendwo auf einer Ägäisinsel, wenn man hoch über dem Meer den Grat im Wind entlang wandert. Im Sonnenuntergang in der Wüste. Im Laden des lachenden, 92jährigen Herrn Michelakis auf Amorgos, der ähnlich wie das Haus meiner Großmutter mehr mit einer vergessenen Galaxie gemein hat als mit „Shop“ und „Shoppen“.


Allesamt sind dies vordergründig unwirtliche Orte. Und Reiseziele, die man in keinem Ferienprospekt fände. Es ist das, was überall sichtbar abseits am Wegrand liegt.


„… eröffnet dem Weltenbummler ganz wunderbare Traumziele,
auf die man bei üblicher Herangehensweise
schwerlich gekommen wäre.“
DIE YACHT im Juni 2015 über EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE. 


Der Film ist da. Und jetzt?
Habe ich natürlich Angst, dass die Zuschauer ihn nicht gut finden könnten. Mein Alptraum geht so: Am kommenden Sonntag, wenn der Film vorbei ist und im Kino P das Licht im Saal wieder angeht, schaue ich in die Gesichter der Zuschauer – und schaue in verhärtete, zu Stein gewordene Gesichter. Köpfe, die verneinend hin und hergehen. Es ist nicht auszuschließen. Es wäre mir arg. Denn: Mit seinen Kunden darf man alles machen, alles. Nur eines nicht: Sie langweilen.

„… ein Sehnsuchtsbuch par excellence.
Und ein echtes sinnliches Erlebnis.“
MÄRKISCHE ZEITUNG im Oktober 2015
über das Buch EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE.


Aber lassen wir uns einfach überraschen, was da kommt. Denn schließlich gilt: „Ein Boot im Hafen ist sicher. Aber dafür ist ein Boot nicht gemacht.“ So lautet das Schlusswort meines Films. Und das gilt auch für einen Film, an den man immer gedacht, ihn nie gemacht oder gar gezeigt hat.

„Absolut empfehlenswert!
Für Reisebegeisterte ist ‚Einmal München-Antalya, bitte!‘ definitiv zu empfehlen.“
RATGEBER.REISE. im Juni 2015


Und auch wenn dieser Film vordergründig ein Segelfilm ist, auch wenn mein heimlicher Held in diesem Film das Meer ist und jeder Moment im Film sich um die Sehnsucht nach dem Meer dreht: Es ist ein Reisefilm. Ein Film darüber, was passiert, wenn wir uns aufmachen. Was mit uns passiert, wenn wir unser Zuhause verlassen, aus unserer gewohnten Umgebung einfach herausgehen.

„Die Besonderheit des einstündigen Streifens
ist seine Ruhe. Eine Ruhe, die der Film
mit poetisch angehauchter Sprache und sinnlichen Bildern 
von Szene zu Szene eingehender vermittelt.“
SEGELREPORTER im Dezember 2015

Was erwartet man sich, wenn man einen Film macht? Die Mühen auf sich nimmt, Menschen motiviert, verpflichtet, dabei mitzumachen? Ruhm? Ehre? Geld? Sicher nicht. Dafür ist dieser Film mit einfachen Mitteln gedreht. Filmmusik, Schnitt und Ton haben echte Film-Profis übernommen, das ja. Sie werden im Kino P auch mit dabei sein.
Nein. Was ich mir wünsche, ist, dass dieser Film sein Publikum erreicht – diejenigen, denen er ein Lächeln entlockt. Das wäre schon sehr viel.


EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA läuft zunächst in folgenden Kinos – ich hoffe, es werden noch mehr:

Sonntag, 14.2.2016    11.00 und 18.00 Kino P, Penzberg
Sonntag, 21.2.2016    10.30 Kino im Griesbräu, Murnau
Sonntag, 21.2.2016    13.00 KurTheater, Tutzing

sowie in Ausschnitten auf folgenden Veranstaltungen

Samstag, 13.2.2016    15.00 F.R.E.E. München auf dem MITTELMEER SKIPPER-TREFFEN.
Donnerstag, 31.3.16   19.00 URANIA Berlin

Zum Trailer des Films? Gehts hier lang!


Special Thanks an die vielen Menschen, 
ohne die EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE
nie entstanden wäre. Und an
Susanne Guidera, www.concepts4u.de 
für ihre perfekte Pressearbeit 
für Buch und Film.




Der Segler im Winter: Unterwegs in Berlin.





Nein, am Meer liegt es nicht. Und Sterne hat es auch keine abbekommen im Gault Milliau. Es ist einfach nur eines von diesen Lokalen irgendwo in Berlin, in einer Seitenstraße, irgendwo in Schöneberg.

Ein Restaurant ist es im eigentlichen Sinn, wegen der langen Speisekarte hätte es die Bezeichnung allein schon verdient, aber dafür fehlt dann wieder der Hauch von Noblesse und Tütteltüh, der im Wort „Restaurant“ nun mal
mitschwingt. Gäbe es dies Wort noch unter den ungezählten Worten, die das Deutsche kennt für „Orte, an denen man isst“: Würde ich DIE FEINBÄCKEREI am ehesten als „Taverne“ nennen.

Eine Taverne: Eben so ein Ort wie DIE FEINBÄCKEREI. Ein Ort, an dem man an einem klammkalten Wintertag gerne durch die bimmelnde Eingangstür (sie bimmelt nicht wirklich!) ins warme Innere tritt, sich durch den schweren Filzvorhang, der Unbill, Kälte draußen hält, ins Innere wühlt. Den schweren Mantel ablegt und sich nach anstrengendem Tag einfach der wohligen Wärme am Wirtshaustisch ergibt. Und sich die Speisekarte angelt. Was die wohl hergibt? Davon später.

Mein Faible für Berliner Institutionen dieser Art rührt von einem Niederländer, ausgerechnet. Es war Cees Nooteboom, der in seinem in wunderbarer Sprache gereiftem Roman ALLERHEILIGEN genau dieser Sorte von Berliner Taverne ein Denkmal setzte. Vier Intellektuelle aus drei Ländern, die in eiskalter Winternacht in einer pfälzischen Weinstube in Berlin aufeinandertreffen. Und über Pfälzer Saumagen, Hefe, Rotschimmelkäse, Blut- und Leberwürsten und Pfälzerwein über den Zustand der Welt und der Wurst im besonderen sinnieren. Dies Sinnieren lässt Cees Noteboom lange währen: Eine traurige russische Physikerin im Pelz kommt darin vor, ein deutscher Bildhauer, der der Tafelrunde mit gewichtigem Wort vorsteht, und der Held des Romans Arthur Dahne, Niederländer wie sein Schöpfer, ein Mann, der Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verlor, und damit alles. Drei, vier Gestalten, gespült vom Leben an irgendein Gestade, irgendwie am Ende ihrer Geschichte und doch im Lot – ich liebe die Helden des Cees Nooteboom. Und nicht einmal der Tod eines weiteren Gastes, der in ihrem Beisein selig lächelnd über seinem Glas Pfalzwein entschläft, könnte sie noch aus der Bahn werfen.


So ein Ort ist DIE FEINBÄCKEREI. Und solche Orte gibt es nur in Berlin. Die Speisekarte verkündet Handfestes: Kässpatzen. Und gschmelzte Maultaschen. Und Maultaschen in Mangold und getrockneten Tomaten. Und Maultaschen in Gorgonzolasauce. Am Ende „Ebbs zum Veschbra“ und: „Ebbes Siass!“ Davor noch einmal Kässpatzen, in dreierlei Variation. Und „Saidewirscht“ – Spätzle und Linsen und Wiener. Und dann: Auch Spätzle mit Bratensoße – was ich als Kind oft aß, ich mochte nun mal kein Fleisch, meine schwäbische Großmutter, die mir den Teller vorsetzte und zu den streng blickenden Eltern hin raunzte: „Duand‘ des Buale edd so ploga!“ Mehr Geborgenheit, mehr Heimat kann es in einem Leben nicht geben.

Womit wir dann auch beim Thema wären. An den Wänden wartet DIE FEINBÄCKEREI mit allerhand Fotografien auf. Sie alle drehen sich um eine Kindheit in Deutschland nach dem Krieg – eben in einer Feinbäckerei. Ich kann nicht sagen, wo der Ort dieser Feinbäckerei ist: Ob in Berlin oder irgendwo im Nachkriegs-Schwaben. Aber die Feinbäckerei: Sie spielt auf jedem Foto eine Rolle. Sie ist der heimliche Held auf jeder Fotografie, der Ort, an dem – wer auch immer – genau dies getan hat: „Die glücklichen Spiele der Kindheit gespielt.“ Vor dem Laden auf der Straße herumgelungert, die ersten Schritte gemacht im Leben, wirklich die allerersten.









Herumgehangen in der Backstube bei den Gesellen. Der Vater voll Stolz, hält ihn bang, er könnte fallen, der Sohn. Vor dem Laden dann wieder herumgehangen mit 15, mit 16, Tante und Schwester vor der Ladentüre, es ist Sommer, die langen, langen Beine in einer noch kürzeren Hose, damals Mangel, heute uncool. Und der blecherne grüne Kasten mit den Pfefferminzbonbons darin, VIVIL, wer hatte sich das bloß ausgedacht, mit Pfefferminzbonbons aus grünen Blechkästen gnadenlos das ganze Land überziehen?


Nein, nein: Cees Nooteboom hat da schon Recht. Dem Segler im Winter in einer Welt, die irgendwie jeden Tag aufs Neue außer Rand und Band zu geraten scheint, kann ein Ort, an dem es etwas zu Essen gibt, schon etwas Geborgenheit und Trost schenken. Aber nur, wenn die Kneipe im Winter und in Berlin steht.



DIE FEINBÄCKEREI mit ihrer lesenswerten Speisekarte und ihren vielen Kässpatzen? Die gibt es wirklich. Hier.





EINMAL MÜNCHEN-ANTALYA – heute live bei GEOBUCH München. Oder: Vom langsamen Reisen.

… die Reste dessen, was vom Theater im römischen Myra überlebt hat: Die Minen von Schauspielern.
Es gibt vielfältige Gründe, warum wir reisen. Und warum wir hinterher darüber den Mund aufreißen über das, was wir erlebt haben, noch mehr. Egal, wie immer man reist, ob pauschal oder „all inclusive“ oder „individual“: Irgendetwas verändert sich. Der Alltag ist, zumindest am ersten Tag danach, ein anderer. Wir sehen unsere Welt danach mit anderen, weit aufgerissenen Augen – auch wenn der Effekt im Büro oder sonstiger Alltagsroutine nach einem Tag meist verschwunden ist. „Unsere“ Welt hat uns dann wieder. „Urloub“: Im Deutsch des Mittelalters ist das Wort eng verwandt mit „sich Erlaubnis nehmen“. Der Urlaub war also noch nie die Regel, wollte man ihn, musste man sich „Erlaub“-nis holen – von wem auch immer. Mir hat das eigentlich nie eingeleuchtet, schon als Kind nicht, am Ende der großen Sommerferien. Ich habe mich lange gefragt und tue das bis heute: „Wie stellt man es an, eigentlich immer Urlaub, ja: „Erlaubnis“ zu haben?“ Genug der Wort- und Gedankenspiele, der Bekenntnisse. Heute Abend werde ich über meine Reise von München nach Antalya erzählen: Und das ist für mich schon ein besonderes Highlight. Denn schließlich ist GEOBUCH immer ein traditioneller Ort des Aufbruchs, ein Ort, an den ich ging bei x Reisevorbereitungen. Wenn Sie also, wie das Pärchen, das ich vergangene Woche bei meinem Vortrag in der Berliner URANIA kennenlernte und das von Berlin nach Antalya mit dem Motorrad möchte, wenn Sie also das Fernweh plagt und zwickt: Dann freue ich mich, wenn Sie heute Abend im Publikum sitzen. Denn ums Fernweh, um Nisomanie (die Inselsucht) und Leben am Meer wird’s gehen. Und darum, dass wir unserem Fernweh öfter mal „Erlaubnis“ geben sollten.
Und für alle, die Fernweh & Meeres-Sehnsucht jetzt gleich befeuern wollen:
 
Ein Mann verliert seinen Job.
Aber statt zu resignieren, begibt er sich einfach auf sein kleines Segelboot.
Und reist in fünf Monaten: Von München nach Antalya.
Was passiert, wenn wir unser angestammtes Leben ändern?

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            Donnerstag, 31.3.2016, 19:30 Uhr: URANIA, Berlin                                                                                           An der Urania 17, 10787 Berlin, Tel. 030 218 90 91
Donnerstag 7.4.2016, 19:30 Uhr: GEOBUCH, München
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Kommenden Sonntag der Film im Kino in:

Sonntag 10.4.2016, 11:00 Uhr: Kino im ANDREASSTADEL, Regensburg   Im Download. Als DVD. Hier.

In Sizilien. Auf dem Boot. Im Gründonnerstags-Sturm.

Und irgendwie hatte ich es wieder nicht hingekriegt. Hatte es einfach nicht gemacht. Hatte das, was wichtig ist, einfach aus den Augen verloren. Ich hatte mir vorgenommen: „Im Winter mindestens einmal pro Monat am Meer.“ Auf LEVJE, die jetzt im Süden Siziliens im Hafen von Marina di Ragusa liegt. Nicht weniger als eine Woche. Mindestens.  Aber wie das Leben so läuft: Ein netter Winter in Oberbayern. Eine spannende Aufgabe in Berlin.  Und weg ist der gute Vorsatz. Aus „Mindestens einmal monatlich“ wurde flugs „kein einziges Mal in vier Monaten.“ Mein Leben war spannend. Doch ich scharrte mit den Hufen, endlich, endlich in diesem Winter wieder auf mein Schiff zu kommen. Ich spürte, wie mein Schiff an den Leinen ruckte, ein Lebewesen erwacht in den Winterstürmen Siziliens. Nachts lag ich wach: „Schwimmt sie noch?“ Heute war es soweit. Früh aufgestanden, die letzten Dinge im Seesack verstaut, proppenvoll mit Werkzeug, Schrauben, Bolzen, Plastikflaschen voll „Harz & Härter“. Zwei Beutel mit Ostereiern, meine Lieblingssorte, die mir Katrin neben den Seesack legt. Minuten später stehe ich allein am Bahnhof, en Seesack geschultert, mein Schritt ist federleicht, obwohl der Seesack zusammen mit dem kleinen Rucksack für meine elektronische Ausrüstung mehr als 20 Kilo wiegt. Rollkoffer? Nein. Ich spüre es nicht, das Gewicht, weil andere Gewichte heute morgen von mir abfallen, während ich im lichtlosen Grau auf dem Bahnsteig stehe, beim Umsteigen nehme ich zwei Stufen auf einmal. Das Herz: es hüpft.
Der kleine Militärflughafen weit weit im Westen, von dem die Maschinen mit der aufgemalten gelben Harfe abheben. Noch nie bin ich mit RYANAIR geflogen, es ist eine verflixte Gängelei, vorher und während wir abgefertigt werden. Gedrängel und Gegängel im Wechsel, eingepfercht sein – da hilft auch kein noch so flotter Marketing-Refrain. Ein Massenprodukt, das mit Massen gefüllt sein will, sonst funktioniert es nicht, ich überlege, wie man – eingepfercht und nicht nur der Beinfreiheit beraubt, dieser Art von Massentransport, es ist ja nichts anderes, Positives abgewinnen könnte. Ich schließe die Augen. Schlafen ist gut. Der Blick aus dem Fenster auf die Weite der Berge – ja der entschädigt.
 
Anflug auf Palermo. Als die Wolken aufreissen, sagt jemand hinter mir: „Merkwürdig. Ich sehe Schnee. Und Berge.“ Doch was aus der Luft wie Schnee aussieht, ist Gischt. Wind, der tief unter uns auf dem Meer Wellen aufwirft, Gischt, die von hoch oben weiß aussieht, wenn Kämme brechen. Und tatsächlich. In Palermo weht es. Wie fast immer, liegt der Flughafen einer Insel am Meer, beim Aussteigen warnt der Purser, dass man aufpassen solle, „heavy gusts outside“. Als ich aussteige, galoppieren graue Wolkenfetzen über den Berg, der archaisch hinter dem Rollfeld aufragt. Pfützen, die flirren, als lägen sie unter einem Triebwerk. Der Autoverleiher, ein netter Rothaariger, der versucht, mir noch für 170 € eine Extra-Versicherung anzudrehen. Nettes Palaver. Italien. Ich rolle durch die Dämmerung. In Palermo Stau, es ist sechs, dann auf der Autobahn Richtung Süden. Windboen treiben meinen Kleinwagen immer wieder aus der Spur, aber sie lassen etwas nach. Regenschauer, kein Mittelmeer-Regen, eher feines Gesprühe. Meerwetter. Atlantikwetter. Zwischen den Bergen kurz der Vollmond, der zwischen jagenden Wolken sich zeigt. Als ich ihn sehe, weiß ich wieder, wie richtig es ist, immer wieder aufzubrechen, genau das und dies hier zu suchen, und wenn es nur für Tage, Stunden ist. Freude, die beim Anblick des Mondes wie ein Blitz durch mich zieht. Die letzten Kilometer, ein Gekurve durch düstere Wälder von Schilf, lange Halme, die sich im Wind biegen, wenn der Scheinwerfer des Wagens sie fasst. Als ich endlich den Hafen erreiche, ist es mondlos, wolkenverhangen, Finsternis. Eigentlich wollte ich noch etwas essen gehen, aber die Sorge um mein Boot treibt mich gleich zum Hafen, jetzt um neun ist eh fast alles zu. Marina di Ragusa, Ferienort. Winterschlaf. Fetzen von Planen, die von Zäunen wehen. Dann stehe ich endlich vor LEVJE. Sieht alles gut aus, von der Pier. Die Persenning bläht sich und bauscht im heftigen Nordwest, ein Brausen in den Masten. Ein paar ausgerissene Zeisinge, es muss heftig geweht haben hier die letzten Monate, die Trikolore, die ich neu im Herbst aufzog, sie ist in der Dunkelheit reduziert auf „Uno Colore“. Der Rest: verweht, vom Wind zerzaust, zerfasert, zerstoben. Ich klettere an Bord. Fühlt sich so gut an, der gewohnte Tritt am Bug in den Bügelanker, in einem Schwung hinauf mit dem Seesack auf den Rücken in den Bugkorb, LEVJE schwingt freundlich in einer Böe nach Steuerbord. „Guten Tag.“ Mein Gesicht ein dümmliches Grinsen, ich freue mich einfach nur, als wäre es Weihnachten, wieder hier zu sein. Schnell das Steckschot geöffnet. Ich tappe im Dunkel nach unten, jedes Mal erwarte ich, im Dunkel mit den Füßen in eisiges Schwappen zu tauchen, weil ein Bordverschluss leise aufgab, im Winter. Aber alles ist trocken. Ich taste im Dunkel nach dem Hauptschalter, drehe kurz den Knochen. Licht springt an, ich habe beim Weggehen vorbereitet, dass alle Lichter gleichzeitig angehen. Mein erster Blick: Alles gut, alles trocken. Batterien so la-la. Nur die Kartoffeln in der Bilge habe Triebe bekommen, ich dachte ja im späten Dezember, gleich wär’ ich wieder da. Alles trocken. Alles gut. Freude packt mich, wieder auf meinen Boot zu sein, Freude, tief kindlich und kindisch zugleich, ich streichle LEVJEs Mastfuß, wie immer, wenn ich komme, wenn ich gehe. Die Beziehung eines Menschen zu seinem Gefährt: Sie ist bemerkenswert immer dann, wenn es nicht um „ es Haben“, sondern um „damit etwas Machen“ geht. Natürlich handelt es sich ja alles nur um ein paar industriell gefertigter und montierter Teile, Glas, Harz, Härter, Alu und Holz, im Wesentlichen. Aber zu jedem wichtigen Gefährt hatte ich auch immer eine besondere Beziehung. Mein erstes Fahrrad, auf dem ich nach der Schule, wenn das Wetter es zuließ, jeden Nachmittag aufbrach, um irgendwo im Dorf herumzustreunen, nach Erfahrungen, Abenteuern zu suchen, hieß „Emma“. So wie die Lokomotive von Lukas in dem Buch, das ich Nachmittags auf den heißen Pflastersteinen liegend wieder und wieder verschlang. Das erste Motorrad, das den Radius deutlich vergrößerte, die „wilde Wutz“. Der kleine rote Golf. Vielleicht ist das so: Ein Gefährt wird zum Gefährten, wenn man mit ihm ganz neue Schritte ins Leben geht. Neue Wege beschreitet. Wenn man ihm neue Erfahrungen verdankt, Weite im Kopf. Und Stunden des Glücks. Ich schaue mich unter Deck um. Die Fenster blieben im prasselnden Winterregen alle dicht. Draussen macht der Wind Geräusche wie ein dahinbrausender Zug, der sich in die Kurve neigt. Ein schrilles Pfeiffen zwischen den Wanten. Ein dumpfes Wummern vom Meer hinter der Mole. Hundertfaches Sirren und Schwirren in der Luft. Ein Rauschen und Branden, Levje, die in den Böen hin und herschwingt, dazwischen der brummende Ton einer Orgel. Levjes Mastfuß, der vibriert. Die Tausenderlei Töne, die schwächer werden, nur um gleich wieder anzuschwellen, das Sirren und Schwirren und Brummen und Pfeiffen, das über allem liegt im Dunkel. Und ich mittendrin, geborgen, behütet in der Unwirtlichkeit, in der mein kleines Schiff schwingt, während ich Wasser für einen Topf mit Penne aufsetze und mir eine der letzten griechischen Bierdosen öffne: Bin glücklich während ich im Cockpit sitze, und hinausschaue in die brausende Finsternis. „Das Leben eines Menschen ist, was seine Gedanken daraus machen.“ Der alte Kaiser, der das schrieb, hatte recht – im Guten wie im Schlechten. Ich stelle mir vor: Wie er diese Zeile im matten Licht einer Öllampe seinem Sekretär diktierte – der alte Kaiser lebte meist im Militärlager, ein Kaiser zwar, aber im Zelt, die zwanzig Jahre seiner Regierung fast nur in widrige Grenzkriege im Norden verwickelt. „Das Leben eines Menschen ist, was seine Gedanken daraus machen.“
 
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Rosental 6, 80331 München, Tel. 089 265030

 

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