Kategorie: Mare Più

Kroatien im November. Von Zadar nach Triest (4). Wie sicher ist eigentlich der Hafen bei Wetterextremen?

Philipp, 28, Hörer unseres Segelmythen-Podcasts SEGELN IST MEER! schrieb: Wie ist Segeln im Winterhalbjahr im Unterschied zum Sommer? In den vorigen Posts gab ich erste Einblicke in die bestimmenden Faktoren Helligkeit/Dunkelheit, Herbstwetter und Segeln im Sturm bis 43 Knoten. Ich war froh, danach heil im Hafen von Izola gelandet zu sein. Aber damit wars immer noch nicht getan…

Die Marina In Izola am vergangenen Samstag um 07.00 Uhr Morgens. Eineinhalb Tage nach meinem Sturm-Erlebnis im vorigen Post liegt tiefer Frieden über der Nordmole und der Einfahrt in die Marina. Nichts deutet darauf hin, dass das nächste Sturmereignis für diesen Tag bereits im Anmarsch ist.

In meinen Gewitterseminaren teile ich oft meine Einschätzung mit, dass Wetterextreme und Gewitter weniger lokal begrenzt Ereignisse sind, als die wir sie häufig aus unserem eng begrenzten lokalen Blick erleben. Und Gewitterlagen – also Situationen, die die Entstehung von Gewittern und Unwettern begünstigen, häufig nicht mit dem einzelnen, sprichwörtlich „reinigenden“ Gewitter erledigt sind.

Das Unwetter, das mir zwei Tage zuvor auf See Südost, also „Jugo“, zwischen konstant 35 und mehr als 40 Knoten beschert hatte, war mit diesem Ereignis längst nicht erledigt. Für den folgenden Samstag meldeten die Wetterdienste tagsüber ruhiges Wetter. Doch ab 20 Uhr steigenden Wind, der im 4 Segelstunden entfernt liegenden Grado in Spitzen bis 50 Knoten erreichen sollte. War das ein neues Unwetter? Oder gehörte es erneut zu einem der großen Tiefdrucksysteme vor Irland, die in der Folge auch die verheerenden Ereignisse an der Ostsee nach sich zogen und bis in die nördliche Adria reichten?

Ich hatte überlegt, das kurze Wetterfenster zu nutzen und bis 20 Uhr in meinen Heimathafen San Giorgio di Nogaro zurückzukehren. Es wären ja nur fünfeinhalb Stunden. Noch um 15 Uhr am Samstag Nachmittag war alles ruhig, ich war kurz davor, die Leinen loszuwerfen, „was soll schon passieren, ich bin die Strecke x-mal gefahren, da husche ich schnell vorher durch.“

Ich tat es nicht. Das viel gerühmte Bauchgefühl? Ich weiß es nicht. Ich getraue mich nicht, mich mit meinem 6. Sinn zu brüsten. Oder dem von Bergführern oft erwähnten Bauchgefühl, der Summe aller unserer Erfahrungen, die unseres Inneres „matcht“ mit den aktuell vorliegenden Daten und bei Nichtübereinstimmung der neuen mit den alten Daten ein miserables Bauchgefühl erzeugt.

Ich blieb, wo ich war. Legte bei Sonnenuntergang eine zusätzliche Leine von der Mittschiffsklampe zu meinem Standort auf der Pier auf dem Foto oben. Pünktlich um acht begann es in den Wanten zu sirren aus Südost. Als ich mich eine Stunde später mich in meiner Koje schlafen legte, schien es, als würden sie mit jeder Minute lauter singen.

Gegen 2 Uhr Nachts erwachte ich. Ein ungewöhnliches Heulen über dem Hafen von Izola. Nein, nicht der Wind, obwohl der den harten Bootsbewegungen nach längst in den 30ern von den Hügeln Izolas im Südosten herunter tobte. Nein, das Geräusch war etwas anderes. Der durchdringende, nicht mehr endende Ton einer Sirene. Ich dachte kurz nach. Obwohl ich von 2009 bis 2014 Levje in dieser Marina liegen hatte und den Ort gut kannte, war das neu. Was war das? Es ging über mehrere Minuten. Irgendwann dämmerte mir: „Steh auf. Das muss eine Flutwarnung sein. Der Ort wird möglicherweise überflutet.“ 

Wie ich war, zog ich das Schiebeluk auf. Prasselnder Regen trommelte auf die Sprayhood, an der der Wind rüttelte. Ich leuchtete mit der Taschenlampe zur Pier hinüber, die man im Bild oben gut erkennt. Izola ist ein Gezeitenhafen mit 0,70-1,20 Meter Tidenhub. Doch jetzt stand das Wasser knapp unter der Kante der Pier. Die Vorleinen ragten nun steil nach unten. Ich spurtete ohne Nachzudenken in Unterhose durch das Geprassel zum Bug, um die Leinen zu kontrollieren. Sie waren hart gespannt und hatten bereits begonnen, das Vorschiff tiefer ins Wasser zu ziehen. Der Kopfschlag war hammerhart zugezogen, ich hatte Mühe, ihn mit nassen Fingern soweit zu lösen, dass ich fieren und den Druck auf die Klampen wegbekommen konnte. Lose trieben Passerellen, Polster und Gangway-Bretter im Hafenbecken, die der Wind Richtung Nordmole weitertrieb. Ich löste beide Vorleinen. Aber der Winddruck war erneut unheimlich. In der Spitze waren es wie schon in den Vortagen knapp über 40 Knoten.

Reichten die Vorleinen? Ich hatte das Gefühl, eine weitere lange Leine zur Steuerbord-Mittschiffsklampe könnte die beiden ächzenden Vorleinen entlasten. Doch mein Bug befand sich wegen des Hochwassers zu hoch über der Pier, es kostete mich einige Überlegung, bis ich den Anker aus seiner Halterung etwas fallen ließ und mich daran, immer noch halbnackt, auf die Pier ließ. Schnell die neue Leine festmachen. „Sieh zu, dass du wieder auf dein Schiff kommst und die Leine belegst.“ Ich sah noch eine Weile zu, ob mein Gedanke mit der Achterspring der richtige war. Zumindest bei dieser Windrichtung lag das Schiff ruhiger.

Ich rieb mich trocken unter Deck. Aber es dauerte lange, bis ich ich die Kälte aus meinem Körper brachte, selbst unter zwei Bettdecken. Das Heulen der Sirene hatte längst aufgehört, als ich einschlief.

Und die 50 Knoten in Grado? Als ich am Sonntagnachmittag in San Giorgio eintraf, hatte der Südwest immer noch 6 bft. geblasen. Das richtige für eine schnelle Überfahrt. Doch in der Marina Sant‘ Andrea sah man am Spülsaum mit den angespülten Holztrümmern und Schilfgräsern, dass das Unwetter dort die Betonpier um 50 Zentimeter überspült und die Stromversorgung in Teilen lahm gelegt hatte.

Wie in der Marina Izola war es im Hafen sonst bei im Wasser treibenden Gangwaybrettern geblieben. Ich wundere mich immer noch, dass bei derartigen Extremsituationen in Marinas nicht mehr passiert. Und ein richtig ausgeführter Kopfschlag reicht, um an 700 Booten größere Schäden zu verhindern.

Wer mehr über meine Erfahrungen das Wetter in Kroatien erfahren will: Heute Donnerstag den 9.11. um 19.30 Uhr berichte ich über das, was ich in diesem Herbst über DAS WETTER IN KROATIEN gelernt habe.
Am Donnerstag, den 30. November um 19.30 Uhr spreche ich über STARKWIND-TAKTIK AUF DER ADRIA. Wie kann man bei 43 Knoten noch segeln? Was ist die richtige Taktik? Wie geht man mit der Angst um? Der eigenen? Und der der Crew?

 

Kroatien im November. Von Zadar nach Triest (4). Wie sicher ist eigentlich der Hafen bei Wetterextremen?

Philipp, 28, Hörer unseres Segelmythen-Podcasts SEGELN IST MEER! schrieb: Wie ist Segeln im Winterhalbjahr im Unterschied zum Sommer? In den vorigen Posts gab ich erste Einblicke in die bestimmenden Faktoren Helligkeit/Dunkelheit, Herbstwetter und Segeln im Sturm bis 43 Knoten. Ich war froh, danach heil im Hafen von Izola gelandet zu sein. Aber damit wars immer noch nicht getan…

Die Marina In Izola am vergangenen Samstag um 07.00 Uhr Morgens. Eineinhalb Tage nach meinem Sturm-Erlebnis im vorigen Post liegt tiefer Frieden über der Nordmole und der Einfahrt in die Marina. Nichts deutet darauf hin, dass das nächste Sturmereignis für diesen Tag bereits im Anmarsch ist.

In meinen Gewitterseminaren teile ich oft meine Einschätzung mit, dass Wetterextreme und Gewitter weniger lokal begrenzt Ereignisse sind, als die wir sie häufig aus unserem eng begrenzten lokalen Blick erleben. Und Gewitterlagen – also Situationen, die die Entstehung von Gewittern und Unwettern begünstigen, häufig nicht mit dem einzelnen, sprichwörtlich „reinigenden“ Gewitter erledigt sind.

Das Unwetter, das mir zwei Tage zuvor auf See Südost, also „Jugo“, zwischen konstant 35 und mehr als 40 Knoten beschert hatte, war mit diesem Ereignis längst nicht erledigt. Für den folgenden Samstag meldeten die Wetterdienste tagsüber ruhiges Wetter. Doch ab 20 Uhr steigenden Wind, der im 4 Segelstunden entfernt liegenden Grado in Spitzen bis 50 Knoten erreichen sollte. War das ein neues Unwetter? Oder gehörte es erneut zu einem der großen Tiefdrucksysteme vor Irland, die in der Folge auch die verheerenden Ereignisse an der Ostsee nach sich zogen und bis in die nördliche Adria reichten?

Ich hatte überlegt, das kurze Wetterfenster zu nutzen und bis 20 Uhr in meinen Heimathafen San Giorgio di Nogaro zurückzukehren. Es wären ja nur fünfeinhalb Stunden. Noch um 15 Uhr am Samstag Nachmittag war alles ruhig, ich war kurz davor, die Leinen loszuwerfen, „was soll schon passieren, ich bin die Strecke x-mal gefahren, da husche ich schnell vorher durch.“

Ich tat es nicht. Das viel gerühmte Bauchgefühl? Ich weiß es nicht. Ich getraue mich nicht, mich mit meinem 6. Sinn zu brüsten. Oder dem von Bergführern oft erwähnten Bauchgefühl, der Summe aller unserer Erfahrungen, die unseres Inneres „matcht“ mit den aktuell vorliegenden Daten und bei Nichtübereinstimmung der neuen mit den alten Daten ein miserables Bauchgefühl erzeugt.

Ich blieb, wo ich war. Legte bei Sonnenuntergang eine zusätzliche Leine von der Mittschiffsklampe zu meinem Standort auf der Pier auf dem Foto oben. Pünktlich um acht begann es in den Wanten zu sirren aus Südost. Als ich mich eine Stunde später mich in meiner Koje schlafen legte, schien es, als würden sie mit jeder Minute lauter singen.

Gegen 2 Uhr Nachts erwachte ich. Ein ungewöhnliches Heulen über dem Hafen von Izola. Nein, nicht der Wind, obwohl der den harten Bootsbewegungen nach längst in den 30ern von den Hügeln Izolas im Südosten herunter tobte. Nein, das Geräusch war etwas anderes. Der durchdringende, nicht mehr endende Ton einer Sirene. Ich dachte kurz nach. Obwohl ich von 2009 bis 2014 Levje in dieser Marina liegen hatte und den Ort gut kannte, war das neu. Was war das? Es ging über mehrere Minuten. Irgendwann dämmerte mir: „Steh auf. Das muss eine Flutwarnung sein. Der Ort wird möglicherweise überflutet.“ 

Wie ich war, zog ich das Schiebeluk auf. Prasselnder Regen trommelte auf die Sprayhood, an der der Wind rüttelte. Ich leuchtete mit der Taschenlampe zur Pier hinüber, die man im Bild oben gut erkennt. Izola ist ein Gezeitenhafen mit 0,70-1,20 Meter Tidenhub. Doch jetzt stand das Wasser knapp unter der Kante der Pier. Die Vorleinen ragten nun steil nach unten. Ich spurtete ohne Nachzudenken in Unterhose durch das Geprassel zum Bug, um die Leinen zu kontrollieren. Sie waren hart gespannt und hatten bereits begonnen, das Vorschiff tiefer ins Wasser zu ziehen. Der Kopfschlag war hammerhart zugezogen, ich hatte Mühe, ihn mit nassen Fingern soweit zu lösen, dass ich fieren und den Druck auf die Klampen wegbekommen konnte. Lose trieben Passerellen, Polster und Gangway-Bretter im Hafenbecken, die der Wind Richtung Nordmole weitertrieb. Ich löste beide Vorleinen. Aber der Winddruck war erneut unheimlich. In der Spitze waren es wie schon in den Vortagen knapp über 40 Knoten.

Reichten die Vorleinen? Ich hatte das Gefühl, eine weitere lange Leine zur Steuerbord-Mittschiffsklampe könnte die beiden ächzenden Vorleinen entlasten. Doch mein Bug befand sich wegen des Hochwassers zu hoch über der Pier, es kostete mich einige Überlegung, bis ich den Anker aus seiner Halterung etwas fallen ließ und mich daran, immer noch halbnackt, auf die Pier ließ. Schnell die neue Leine festmachen. „Sieh zu, dass du wieder auf dein Schiff kommst und die Leine belegst.“ Ich sah noch eine Weile zu, ob mein Gedanke mit der Achterspring der richtige war. Zumindest bei dieser Windrichtung lag das Schiff ruhiger.

Ich rieb mich trocken unter Deck. Aber es dauerte lange, bis ich ich die Kälte aus meinem Körper brachte, selbst unter zwei Bettdecken. Das Heulen der Sirene hatte längst aufgehört, als ich einschlief.

Und die 50 Knoten in Grado? Als ich am Sonntagnachmittag in San Giorgio eintraf, hatte der Südwest immer noch 6 bft. geblasen. Das richtige für eine schnelle Überfahrt. Doch in der Marina Sant‘ Andrea sah man am Spülsaum mit den angespülten Holztrümmern und Schilfgräsern, dass das Unwetter dort die Betonpier um 50 Zentimeter überspült und die Stromversorgung in Teilen lahm gelegt hatte.

Wie in der Marina Izola war es im Hafen sonst bei im Wasser treibenden Gangwaybrettern geblieben. Ich wundere mich immer noch, dass bei derartigen Extremsituationen in Marinas nicht mehr passiert. Und ein richtig ausgeführter Kopfschlag reicht, um an 700 Booten größere Schäden zu verhindern.

Wer mehr über meine Erfahrungen das Wetter in Kroatien erfahren will: Heute Donnerstag den 9.11. um 19.30 Uhr berichte ich über das, was ich in diesem Herbst über DAS WETTER IN KROATIEN gelernt habe.
Am Donnerstag, den 30. November um 19.30 Uhr spreche ich über STARKWIND-TAKTIK AUF DER ADRIA. Wie kann man bei 43 Knoten noch segeln? Was ist die richtige Taktik? Wie geht man mit der Angst um? Der eigenen? Und der der Crew?

 

Kroatien im November. Von Zadar nach Triest (3). Im Sturm.

Philipp, 28, Hörer unseres Segelmythen-Podcasts SEGELN IST MEER! schrieb: Wie ist Segeln im Winterhalbjahr im Unterschied zum Sommer? In den vorigen Posts gab ich erste Einblick in die bestimmenden Faktoren Helligkeit/Dunkelheit sowie Herbstwetter. Ich beschrieb meinen Allerheiligen ud Allerseelen auf See, doch der 3. Tag sollte alles toppen, was ich bisher auf See erlebt hatte…


Die meisten Menschen, die seit April an meinen Mittelmeer- und Kroatien-Wetter-Webinaren teilgenommen haben, kommen mit einer Frage im Kopf. „Was ist der beste Wetterbericht? Welches Wettermodell liefert mir den treffendsten Vorhersagen?“ Die Frage ist nicht falsch. Sie ist nur nicht zielführend. Sie ist eine Scheinfrage und führt zu Schein-Antworten, wie so vieles, worüber wir im Augenblick diskutieren. Sie ist nicht falsch, sie bringt nur niemanden weiter.

Ich beantworte diese Frage stets so: „Es kommt nicht auf den Wetterbericht an. Es kommt viel mehr auf dich an. Weißt du genau, was du zu tun hast, WENN es so kommt, wie der Wetterbericht sagt?“ Ich frage mich seit Donnerstag, ob ich das denn jederzeit weiß? Diese Frage klingt bis heute nach.

Der kroatische Wetterbericht las sich nicht schlecht für diesen ersten November-Donnerstag und nicht anders als WINDY oder PREDICTWIND, das sechs verschiedene Wettermodelle gegenüberstellt. Selbst wenn ich das pessimistischste Modell zugrunde legen würde (wie üblich für Kroatien das britische Wettermodell UKMO ;-)), gäbe es  
– Donnerstag Vormittag Südwest 20-24 Knoten, also beherrschbar. 
– Ab Mittag drehend auf Süd 24-26 Knoten. 
– Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit Süd 33-40 Knoten. Aber um diese Uhrzeit wäre ich ja längst im Hafen. Das Wetterfenster würde mir locker reichen, ich würde spätestens Mittag irgendwo im Hafen sein. Ich sah den Wetterbericht. Ich sah nicht, dass die Wellen an diesem Tag so stark sein würden, dass sie am Nachmittag in Piran, wo ich hin wollte, meterdicke Felsblöcke aus dem Wellenbrecher an Land kugeln würden, als wären es Murmeln.

Pirans Riva, die Südpromenade am Spätnachmittag des 2. November. Auf ganzer Länge würde Gestein aus dem Meer Richtung Restaurants gewaschen. Etwa 2 Stunden vor der Aufnahme war ich im dicksten Sauwetter etwa eine Seemeile daran vorbeigesegelt. 

Um 7 Uhr morgens startete ich nach einer unruhigen Nacht in einer Bucht vor den Brioni-Inseln den Motor, holte den Anker nach oben, und setzte Vollzeug. In der Bucht war es ruhig, genau wie die PREDICT-Wind das angegeben hatten. Um 7.10 Uhr stellte ich den Motor ab, wir glitten unter Vollzeug nordwärts aus dem Schutz des Fazanski-Kanals nach Norden Richtung Rovinj.

Um 9.50 Uhr hatte ich Südost 6+, also deutlich mehr und etwa das, was die Modelle für den Nachmittag prognostiziert hatten. Ich tat, was man halt tun muss. Reffen. Was sonst. Also jeweils 1. Reff in Großsegel und in Genua. Das passt so für Levje’s Segeltragezahl, die eher klein ist.

Eineinhalb Stunden später, gegen 11.50 Uhr wurde der Wind sehr böig, die Wellen steilten auf und warfen Levje nun regelmäßig aus der Bahn, wenn sie von achtern unter uns durchgingen. Eine gerade Kurslinie zu halten, war nun nicht mehr möglich. Um eine Patenthalse zu vermeiden, drehte ich kurz bei und nahm das Großsegel weg. Also weiter nur unter der gerefften Genua. Passt schon.

Gegen 12.30, irgendwo zwischen Rovinj und Umag, notierte ich im Logbuch: „Südost konstant 30-35 Knoten.“ Ich fuhr platt vor dem Wind. Seit zwei Stunden standen ich nun selber am Steuer und kurbelte wie ein Wilder, damit Levje nicht ausbrach, sobald eine Welle unter uns durchging. Und ich versuchte, exakt die 30 Meter Tiefenlinie zu halten, weil ich beobachten konnte, wie die Wellen in Richtung Ufer deutlich schneller brachen als draußen auf See. Die 30-Meter-Linie, das war mein Garant. Ich war in Irland schon einmal bei eine Südwest-Starkwind in den Kilometer breiten Mündungstrichter des River Suir eingelaufen und hatte erlebt, dass selbst das nicht reicht. Eine von achtern durchgehende Welle war auf über 30 Meter Wassertiefe unter uns durch und hatte uns trotz Segel und Motor so herumgeschleudert, dass mein Topf mit Suppe vom kardanisch aufgehängten Herd quer durch den Salon noch vorne ins Vorschiff knallte. Brechende Seen: Sie sind die eigentliche Gefahr bei diesem Wetter.

Novigrad kam in Sicht. Ich dachte kurz darüber nach, ob ich den Hafen anlaufen sollte. Er wäre geschützt, wenn ich einmal drin wäre. Aber ich verwarf den Gedanken. Der Wind weht mittlerweile aus Süd und damit auflandig auf die nach Nordnordwest laufende Küste. Die Hafeneinfahrt war 10 Meter tief. Aber der Blick seitwärts auf die brechenden Wellen sagte mir, das lieber bleiben zu lassen. Eine einzige brechende See in der Einfahrt, die ich durch meine Kurbelei am Ruderrad nicht mehr würde aussteuern können, würde uns einfach wegwaschen, wenn es dumm liefe. Also weiter.

Weiter am Ruderrad stehen. Weiter kurbeln. Weiter versuchen, die Wellen von achtern auszusteuern, weil ich genau nach Nordnordwesten musste. Hinauf, wo zwei Stunden entfernt Kap Savudria lag und die Küste nach Osten Richtung Triest zurückspringen würde. Wäre ich erst um Piran herum, wäre alles vorbei. Dachte ich jedenfalls.

Um 13.15 Uhr bewegt sich der Wind fast konstant zwischen 30 und 40 Knoten. Das Meer legte sich in schaumige Streifen, die anzeigen, dass ich jetzt in Windstärke 7 unterwegs war. Ich hatte jetzt das 2. Reff in der Genua – also würde ich jetzt das dritte Reff einbinden müssen. Aber so, wie ich das immer machte, würde das nicht funktionieren bei der Windstärke. „Bau jetzt bloß keinen Scheiß!“ Denn wenn ich einfach loswürfe, würden sich im Nu die Schoten vertörnen. Das Segel würde ungeheuer Schlagen und könnte allein durch die unkontrollierte Bewegung einreissen. „Ten Seconds for ten Minutes“, das habe ich aus meinen Gesprächen mit den Bergrettern gelernt. Ich dachte nach, wie ich reffen könnte, ohne mein Vorsegel zu beschädigen. Ich ging von meinem vorlichen Kurs etwa 30 Grad in den Wind. Hielt hinaus, weg vom Land auf die offenen See. Fierte die Genuaschot so viel, dass gerade noch Spannung im Segel war und das Boot Kurs hielt. Und rollte dabei vorsichtig per Reffleine die Genua Stück für Stück ein. Es klappte.

Um 14 Uhr kam Kap Savudrija voraus ins Sicht. Der Wind überschritt nun regelmäßig die 40-Knoten-Grenze. Nein, ich war alles andere als cool. Ich fragte mich seit zwei Stunden, wie ich es bei den Wellen schaffen sollte, soweit nach Norden zu kommen. Es ging nicht anders, die Häfen im Osten waren mir versperrt. Ich war längst darüber hinaus, das Gefühl zu haben, ich könnte irgendwas beeinflussen, hätte irgendetwas unter Kontrolle. Alles was ich tun konnte, war selber am Steuer zu stehen und wie ein Blöder am Rad zu kurbeln, wenn uns wieder irgendweine blöde Welle von achtern wie ein Spielzeug aus dem Kurs warf.

Um Savudrija musst ich jetzt rum. Aber es war, als würden die Wellen spüren, dass es flacher wurde. Sie brachen jetzt häufiger. Eine detonnierte mit einem lauten Knall genau in unserem Heck und wusch 5 Eimer Seewasser von hinten ins Cockpit. Ich hatte noch keine Zeit gehabt für meine Schwerwetterhose, macht nichts, jetzt ist halt die Hose nass, aber hej, es ist doch klasse! Der Jugo ist doch warm.

Wie man gegen die Angst vorgeht? Sarkasmus hilft, genau wie dieser. Selbstgespräche helfen. Ich bin ja allein an Bord, also kann ich nur mit mir reden. Und das ist bei Angst keinesfalls die schlechteste Methode. Um gegen meine Angst vorzugehen, und weiter voll konzentriert am Rad zu bleiben, packte ich aus, was ich an Mitteln und Methoden wusste. Alles, was ich bisher getan hatte, meine Bücher mit Bergrettern und Seenotrettern, meine Übersetzung des Buches STURMTAKTIK, alles hatte irgendwie kleinste Spuren in mir hinterlassen, die mir jetzt weiterhalfen. 

Ich erzähle nun nicht mehr, dass ich mir eine Stunde Zeit ließ, um in weitem Abstand Kap Savudrija zu runden. Dass ich versuchte, auf der dreißig Meter-Linie zu bleiben, um nicht in die brechenden Seen vor dem Kap zu geraten. Ich erzähle nicht, dass dort, wo ich gedacht hatte, ich wäre da endlich rum um die Ecke der Starkregen einsetzte, gerade so, um mir alle Sicht zu nehmen.

Um 15.20 Uhr erreichte ich den Hafen von Izola, meinem langjährigen Heimathafen mit meiner früheren Levje. Ich wusste, auch dort würde der Süd hart wehen. Aber er käme von den Hügeln herunter und aus dem Hafen heraus statt auflandig darauf zu. 

Wäre ich, wenn ich all das gewusst hätte, nicht losgesegelt? Ich weiß es nicht. Wir Menschen sind dazu verdammt, zu lernen. „Research? Ist immer Me-Search“. Ich habe so viel neues gelernt für mich in dieser Situation. Dinge wie 
„Warum es leichter ist bei 7 Beaufort zu steuern als bei 6 Beaufort, aber weitaus tückischer.“ 
Wie ich anders reffe. 
Wie ich beidrehe, um richtig beizuliegen. 
Ich habe gelernt, welche Mittel es gegen die eigene Angst gibt. Wie ich, der ich kein mutiger Mensch bin, weiter funktioniere, wenn es darauf ankommt. 
Ich habe gelernt, was ich nicht mehr lernen musste: Dass Levje, mein Schiff weit besser ist als sein Skipper.

Um alle diese Erfahrungen drehen sich meine kommenden Online-Seminare: WETTER IN KROATIEN am 9. November und in mein STARKWIND-Webinar am 30. November.

Im nächsten Post: Izola. Bei Sturm ist der Hafen ein sicherer Ort?

Kroatien im November. Von Zadar Richtung Triest. (2)

Philipp, 28, Hörer unseres Segelmythen-Podcasts SEGELN IST MEER! bat vergangene Woche um Infos über Segeln im Winter-Halbjahr. Und die Unterschiede zum Sommersegeln. Im vorigen Post gab ich einen ersten guten Einblick in die Gegebenheiten und beschrieb meinen Allerheiligentag auf dem Meer von Zadar nordwärts, wo ich in Susak ankern wollte. Doch daraus sollte nichts werden…

Die Greben – ein 2 Seemeilen langer und gerade mal ein Fußballfeld breiter Felsrücken auf dem Weg nach Norden.

Am Nachmittag dieses zweiten Tages hatte sich das Licht verändert. Irgendwo auf Höhe der Greben, dem markanten Saurier-Rücken östlich der Insel Premuda, hatte sich der Himmel bewölkt. Das Licht war fahl geworden, Allerseelen-Friedhofswetter über den nördlichen Inseln Kroatiens. Der Wind war lange vor Susak eingeschlafen, Levje brummte unter Motor nach Norden. Wie geplant lag um kurz vor 17.00 Uhr der Hafen der Insel Susak vor mir. Aber anders als im Sommer lag die Insel an diesem frühen November-Abend irgendwie trostlos da. Trostlos. Einsam. Und ungastlich. Ich beschloss, weiterzufahren.

So sehr wir dazu neigen, unser Gehirn als einen vollkommen rational vorgehenden Denkapparat zu betrachten, so wenig stimmt das. Unser Gehirn schickt unsere Gedanken auf eine eigene Reise. Lässt uns unsere Entscheidungen treffen aus Gründen, die alles andere als rational sind. Und manchmal richtiger sind als jede rational begründete Entscheidung.

Ich blickte kurz in den letzten Wetterbericht, verglich die verschiedenen Wettermodelle für die kommenden Tage auf PREDICTWIND, wie ich es auch in meinem Webinar getan hatte. Für heute Abend Südwest 13-15kn. Morgen ab 7.00 Uhr Südwest 20 Knoten. Und dann ein Zeitfenster bis 11 Uhr wo der Wind auf Südwest 25 Knoten klettern würde. Ein Zeitfenster, das sich spätestens am Nachmittag schließen würde, wenn der Wind auf Windstärke 7 und am Abend auf 8 gehen würde. Mein Plan war, In Susak übernachten und morgens um halb sieben mit dem ersten Licht los und in vier Stunden den offenen Meeresarm des Kvarner hinter mir lassen, um mich dann vor dem Sturm in Pula zu verkriechen. 

Aber irgendwie schien mir das alles „auf Kante genäht“. Es würde ungemütlich werden auf dem Kvarner, wenn der Starkwind nicht erst um 10, sondern schon früher einsetzte. Ich beschloss weiterzufahren und den Kvarner noch in der anbrechenden Nacht hinter mich zu bringen. 

Doch so einfach ist das im Leben ja oft nicht. Beim Routinescheck der Lichter in der Abenddämmerung fiel mir auf, dass die Batterie trotz laufender Maschine nicht mehr geladen wurde. Ich ließ Levje weiterlaufen unter Segel, stellte die Maschine aus. Und beschloß, mir den Keilriemen mal näher anzusehen, den ich seit Tagen argwöhnisch beäugte. Er war tatsächlich auffällig dünn geworden, sah zwar intakt aus. Aber beschloss, ihn dennoch mal testhalber auszubauen und durch einen neuen zu erstzen. Ein kurzer Blick draußen, ob alles frei vor mir ist. Dann holte ich Arbeitshandschuhe, Schraubenschlüssel und tauschte den Keilriemen gegen einen neuen, ich habe immer zwei dabei. Nach 10 Minuten war das 

erledigt. Die Batterie saugte sich nach dem Start der Maschine fast genüßlich mit Strom aus der wieder laufenden Lichtmaschine voll. Keine Minute zu früh. Susak lag hinter uns. Der Wind frischte auf. Ich musste mich nun in der Dunkelheit um mein Schiff und die Segel kümmern. Wir schoben beachtlich Lage und schossen mit 7-8 Knoten in die Schwärze über dem Kvarner.

Wo blieb bloß der Mond? Vor meiner Reparatur hatte ich mir den Mondaufgang aus dem Internet geholt. 19.05 Uhr sollte er über Pula aufgehen. Aber statt des Mondes zeigte sich nur ein Blitz im Nordosten über Cres. Wieso ein Blitz? Die hatten doch kein Gewitter vorhergesagt?

Ich prüfte die Situation auf www.blitzortung.org. Tatsächlich hatte die Website drei Blitze über Cres erfasst. Der Mond zeigte sich immer noch nicht. Aber dafür mehr Blitz. Sie waren nun rechts und links von mir und erhellten die Nacht, je näher ich dem Leuchtturm von Porer kam. Eineinhalb Stunden später hatte sich der erste Blitz zu einem gewaltigen Gewitter ausgewachsen, das bis zur Insel Lastovo vor Südkroatien reichte:

„Mist. Wir haben hier Gewitter!“ schrieb Tatjana. Sie lagen mit ihrem Katamaran, der Goere, im Norden der Insel Hvar. „Ich weiß“, schrieb ich Tatjana zurück, „ich hab den ersten Blitz der Front vor zwei Stunden gesehen.“Tatjana schickte nur ein Icon mit Händen, die vor einem Gesicht zusammenschlugen. 

Jetzt nur schnell drunter durchgehuscht, bevor mich die Böen in den Untiefen um den Leuchtturm von Porer erwischen. Ich schlich in der Dunkelheit in ungewöhnlich weitem Bogen um die unsichere Gegend. Dann setzte Starkregen ein, der vom Norden gegen die Sprayhood prasselte. Ich dachte an den alten Spruch, der bislang immer stimmte auf dem Meer im Gewitter:

„Kommt der Wind vor Regen,
Skipper kann sich schlafen legen.
Kommt der Regen vor Wind,
Skipper: Birg‘ die Segel geschwind.“

Ich rollte im Starkregen die Genua ganz dicht ein. Dann setzte ich ins Groß ein zweites Reff. Keine Minute zu früh. Ein harter Puster aus Norden kam. Beeindruckte 5 Minuten. Dann waren Regen und Böen mit einem Schlag vorbei. Und dann zeigte sich endlich auch der Mond. Er war – fast noch als Vollmond -tatsächlich um 19.05 Uhr aufgegangen. Aber die Wolken, die zuvor am Nachmittag für fahles Licht gesorgt hatten, hatten auch sein Licht vollständig geschluckt. Erst die Wetterbesserung nach dem Gewitter ließ die Nacht hell werden. Zumindest sah ich jetzt voraus, wo Levje nun hinfuhr.

Gegen 22.00 Uhr erreicht ich die Bucht von Valbandon östlich der Brioni Inseln. Sie ist mein ständiger Nacht-Ankerplatz, weil dort ein Fluß mündet und der Boden lehmig ist und gut hält. Ich dachte, ich werde dort eine ruhige Nacht verbringen. Aber daraus wurde nichts. So schön das Licht am Morgen war: Es wurde eine unruhige Nacht. Erst dieser Tag sollte zeigen, wie richtig es war, die Nacht durchzufahren und den Kvarner hinter mich zu bringen. Aber darüber, wo das wirkliche Abenteuer dieser Tage begann, schreibe ich im Teil (3).

 

Kroatien im November. Allerheiligen von Zadar nach Susak. Ein Tag auf dem Meer.

Philipp, 28, Hörer unseres Podcasts SEGELN IST MEER schrieb vergangene Woche, wie das ist, im Winter zu segeln. Und was das ideale Mittelmeer-Revier für Januar wäre. In diesem Post werde ich versuchen, Segeln in Kroatien Anfang November zu beschreiben. Das ist zwar nicht Winter, gibt aber bereits jetzt einen ersten guten Einblick in die Gegebenheiten. 

Sonnenaufgang heute morgen um 06.45 Uhr in der Bucht Sutomiscica vor der Olive Island Marina auf Ugljan. Zum ersten Mal seit Ende September war mir kalt in dieser Nacht.

Mittwoch, 1. November, 06.30 Uhr. 

Ich schlage die Augen auf. Ein Hahn kräht aus dem Dorf herüber. Das Tuckern eines Fischers erinnert mich an etwas, ich brauche einen Moment, bis ich es habe. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, sagt mein schlaftrunkenes Hirn besserwisserisch. Es ist eindeutig fiter als der Rest von mir.

Durchs Skylight erkenne ich, wie fahles Licht die Dunkelheit verdrängt. Die Nacht ist vorbei. Jetzt, Anfang November, sie dauert lang. Gestern ging die Sonne vor Zadar um 16.45 Uhr unter. Das bedeutet: Wenn ich ankern will und noch sehen, wohin mein Anker fällt, sollte ich um 16 Uhr am Zielort sein. Sonst bleibt nur, den Anker aufs Geratewohl fallen zu lassen. Ich setze Teewasser auf im Dämmer und die kleine Cafetierra für einen Espresso. Kontrolliere den Batteriestand nach der Nacht, stelle ALi (mein Logbuch-Kürzel fürs Ankerlicht) ab, und mache mein Frühstück. Aufgequollene Haferflocken mit Birne und Bitterschokolade.

07.15 Uhr.

Während die Haferflocken dabei sind, sich aufzuplustern, setze ich mich als erstes hinters Logbuch und prüfe den Wetterbericht. Der kroatische Wetterbericht für 06.00 Uhr kämpft noch mit Zeitumstellung, ich bekomme nur den gestrigen Wetterbericht. Also dann die nächsten drei Tage in Windy und Windguru überprüfen. Dann ist der kroatische Wetterbericht plötzlich da, mein kleiner Liebling im Moment: Südwest und Südost-Böen 35-40 Knoten, ab Mittag Südost 8-18 Knoten, „stillend in der Nacht.“ Das sorgt für Heiterkeit. Ob der Meteorologe, der das schrieb, in Wirklichkeit eine Frau ist? Ich schiebe den Gedanken beiseite. Aber es scheint mir worttechnisch von Vorteil, statt der zwei Worte „abschwächend auf“ das Wort „stillend“ zu verwenden.

Danach sind WINDY und PREDICTWIND dran. Der Kroatische Wetterdienst METEO.hr kuckt nur 24 Stunden weit. Die anderen beiden sehen, dass der nächste Südost schon am anrollen ist. Ab morgen

Donnerstag Mittag über dem Kvarner Südost, ansteigend auf 6-7 bft. Will ich vorher durchschlüpfen und über den Kavrner drüber, muss ich heute 45 Seemeilen fahren. Und morgen sehr früh aufstehen.

Also los. Aufräumen. Abwaschen. Müll rausbringen. Die Spuren der Nacht beseitigen. Auf einem Boot vor Anker geht es am Morgen auch nicht anders zu als daheim.

Während ich herumhantiere und vom Espresso nippe, denke ich an den letzten Südost. Vorgestern war heftig. Für die Nacht von  Montag auf Dienstag kündigte der kroatische Wetterdienst auf meteo.hr lapidar, wie es sein Art ist, Südost-Böen 35-50 Knoten. Nicht stillend.

Er irrte sich. In der Spitze zeigte Levjes Windmesser um Mitternacht nur 45,6 Knoten. Ich war Montag früh am Morgen um 08.30 Uhr von der Zlarin-Bucht vor Sibenik platt vor dem Wind losgesegelt. Der Südost steigerte sich von 15 Knoten um 9.00 Uhr auf 20 Knoten um 11 Uhr, um 12 Uhr auf 26 Knoten. Vor Murter war ich gegen 13 Uhr, da zeigte der Windmesser 30 Knoten an. Wahrer Wind. Und da blieb er dann auch für die nächsten vier Stunden. Levje trug noch immer Vollzeug platt vor dem Wind, Ground Speed 7,5-10,5kn. Ich dachte daran, dass es nun wirklich Zeit wäre, zu reffen. Begann in voller Fahrt, vorsichtig erst die Genua auf Fock-Größe zu verkleinern. Fuhr eine Halse, drehte bei, um zum Reffen

ausreichend Ruhe zu haben. Das mit der Ruhe war relativ. Vor Murter wird das Meer flacher. Die Wellen steilten sich auf, weil sie den Grund spürten. Das „Murtersko More“, das Meer vor Murter, hat sich mir bleibend eingeprägt genauso wie später die Ecke vor Biograd, wo die Wassertiefe nur noch 10 Meter beträgt. 

Danach war es herrliches Segeln. Weil die Genua vor dem Wind nur noch killte, nahm ich sie weg und fuhr unter gerefftem Groß. Das ging flott voran. So böig der Wind auch zwischen 4 und 7 bft blies, er wich nicht ein Grad aus seiner Richtung ab. Also stand ich selber am Ruder, 7 Stunden, um unter Autopilot keine Patenthalse zu bauen und lief um 15.30 Uhr in Sukosan ein, um eine ruhige Nacht zu haben. Aber auch das war ein Irrtum. Ab 35 Knoten beginnt Levje zu vibrieren wie ein Cello und wird zum Resonanzkörper für das, was die Böen draußen im Rigg geigen. Gischt wehte wagrecht über die Betonmole. Ich brachte eine weitere Spring nach Luv aus. 

Am Dienstag Vormittag drehte der Wind innerhalb einer halben Stunde über Südwest auf Nordwest. Selbst auf den Hebriden vor der schottischen Küste habe ich s oetwas nie erlebt. Das – gibts nur in Kroatien. 

Um 15.00 Uhr dann plötzlich Windstille – oder besser Nordwest 3-4bft. Ich mag keine Marinas – und die Riesen-Marina Sukosan mit ihren über 1.000 Booten ist im Herbst so verlassen und trist wie kein anderer

Hafen Kroatiens. Blitzschnell warf ich los, und fuhr hinüber in die Bucht von Sutomiscica auf der Insel Ugljan. Vor der Mole der Olive Island Marina ist der Ankergrund perfekter schwerer Ton. Es war eine ruhige Nacht nach einem Schwimm im eiskalten Meer. Und dann dem Webinar mit Michael Herrmann zum Thema Motorbasics. Nette Diskussion mit ihm über Qualm-Farben bis 22.00 Uhr.

08.30 Uhr

Ich starte den Motor. Kurs ist gesteckt auf dem Ipad. Während ich nach unten gehe, um die Seeventile zu schließen, höre ich andächtig nach draußen, ob Levjes Auspuff auch brav den Schwall Kühlwasser

ausspuckt. Tut sie. Ich klettere nach oben. Winke dem Fischer zu, der über die Bucht rudert und das Wasser absucht, hole den Anker hoch, der schwer aus dem Grund geht. Als er oben ist, sehe ich den dicken pPlacken zähen Tons, den er mit hoch bringt. Gut so.

Fortsetzung folgt heute. 

Kroatien im Oktober: Jugo. Kann Wind beständig sein?

Als ich morgens um vier aufwache und an Deck klettere, ist es ungewöhnlich warm. Die Bora brachte Kälte am vergangenen Wochenende, der Jugo, der seit gestern morgen in scharfen Böen die Bucht peitscht, bringt am zweiten Tag ungewöhnliche Wärme.

In den Wetterberichten war der dreitägige Starkwind aus Südosten schon am Wochenende zu erkennen. Da war die Bora noch am Werk, ich nutzte sie um mit Speed schnell nach Süden zu kommen. Am Mittwoch Abend, bevor der Jugo einsetzen sollte, suchte ich nach einem Platz für die windigen Tage. Lief in der Abenddämmerung nach Stari Grad. Der Hafen war erstaunlich voll, fast, als wäre es noch Saison. Aber wahrscheinlich hatten alle genauso wie ich seit Sonntag in die Seekarten geschaut und sich genauso wie ich die Nordseite der Insel Hvar als ruhigste Ecke auserkoren. Ich schaute mir das Treiben an. Funkte kurz den Hafenmeister an, ja, ein Liegeplatz wäre noch frei – ausgerechnet an der Stelle, die Karlheinz Beständig in seinen 888 Häfen und Buchten nur für mich markiert hat mit den Worten „hier nachts oft laute Musik“. Tatsächlich wummerten da schon jetzt aus einem Haus balkanische Weisen.

Plötzlich war mir klar: Drei Tage im Hafen liegen ist nicht mein Ding. Nicht mal eine Nacht. Ich räumte meine Fender wieder weg und nahm Kurs zurück auf die Bucht, die ich mir auf dem Weg in die Stadt eingehend angesehen hatte. 20 Minuten von der Stadt entfernt. Ein Ort unter rauschenden Kiefern. Und das Netz, um mein Webinar am Abend abzuhalten, war sogar deutlich besser als in der Stadt, so sagte es jedenfalls fast.com. Ich ließ den Anker fallen. Schwamm in der Abenddämmerung mit meinen Trossen hinüber zu den Felsen und vertäute mich genau nach Südosten, woher der Jugo blasen sollte. Den Gefallen  tat er mir freilich nicht.

Es war die richtige Entscheidung, jedenfalls für mich. Die Bucht ist herrlich. Fernab von allem. Nach dem Aufstehen Schwimmen im großen Türkis. Nur der Jugo tut nicht, wie er soll. Hier in der Bucht jagt er nicht wie die Wolken über mir aus Südost, sondern er trifft Levje breitseits aus Nordost. Wie heftig er draußen vor der Bucht weht, wie ruhig es hier in der Bucht ist erkenne ich erst, als hinaus auf die Ansteuerung von Stari Grad blicke. Man erkennt das gänzlich andere Wellenbild, durch das sich eine Charteryacht mit killender Fock verzweifelt gegen den Jugo Richtung Hafen Stari Grad kämpft:

Ist der Jugo beständig? Auf seine Art ist er das. Ich höre ihn in den Wipfeln der Kiefern über meinen Landleinen beständig rauschen. Er ist immer da, auch wenn sich an Bord gerade kein Wimpel regt. Das geht so eine oder fünf Minuten. Bis plötzlich eine Fetzen Böe aus Nordost das Boot zur Seite drückt und die Papiere auf meinem Platz im Cockpit flattern lässt, als wollten sie mit der vollen Tasse darauf gleich abheben.

Es ist ein guter Platz, den ich gefunden habe, denke ich jedenfalls. Es soll Gewitter geben heute nacht – also nur nichts berufen und zu früh frohlocken. Auch das ist etwas, was das Meer mir wieder und wieder von neuem über den Sinn des Reisens auf dem Meer vermittelt. Charles Darwin riet in der Rückschau über seine Fahrt mit der Beagle 30 Jahre später jedem,

„… unbedingt sein Glück zu versuchen und auf Reisen zu gehen, wenn möglich über Land, ansonsten: lange zu bleiben. Er kann versichert sein, dass er – allenfalls in seltenen Fällen – keinen derartigen Schwierigkeiten oder Gefahren begegnen wird, wie er sie am Beginn vorraussieht.

Unter einem moralischen Gesichtspunkt sollte eine solche Reise ihn 
– gutwillige Geduld lehren, 
– Freiheit von Selbstsucht, 
– die Gewohnheit, für sich selbst zu handeln, 
– und aus jedem Geschehnis das Beste zu machen, 
kurzum: er sollte die charakteristischen Eigenschaften des Seemanns besitzen. 

Reisen sollte ihn auch Mißtrauen lehren, aber gleichzeitig wird er entdecken: wieviele wahrhaft gutherzige Menschen es gibt, mit denen er nie zuvor Kontakt hatte und auch nie mehr wieder haben wird, und die dennoch bereit sind, ihm die uneigennützigste Hilfe zu gewähren.“

                                                                                                         Charles Darwin, 
                                                                                                         Die Fahrt mit der Beagle, 
                                                                                                         letztes Kapitel. 

Mein Standort:
Die Luka Zalava auf der Insel Hvar

Kroatien im Oktober: Lonely Paradise?

Es ist kühl geworden jetzt Mitte Oktober. Auch hier im Süden von Solta. Hüpfe ich nach einem langen Segeltag noch schnell ins Meer, ist es im Wasser wärmer als draussen. Wer rauskommt aus den 23 Grad Wassertemperatur an die Luft, der schnattert.

Ich hatte nicht erwartet, in Kroatien irische Verhältnisse anzutreffen. Eine kühle Brise, die erfrischend meinen Wollpullover durchdringt, als trüge ich nichts. Anders als in Irland finden die Küstenbewohner es nicht sportlich, bei 15 Grad Lufttemperatur sich der Freude hinzugeben, dass endlich Hochsommer ist und Stunden im Wasser zu verbringen.

Jeden Morgen fahre ich los und recherchiere ich für meine Neuausgabe des REVIER KOMPASS KROATIEN. Fahre auf meiner Route jede Bucht ab, kreuze auf unter Segeln, betrachte, beurteile konzentriert, was ich da in welcher Bucht vorfinde, und segle weiter. Manchmal fühle ich mich ein bischen wie der Fliegende Holländer. Wahrscheinlich wirkt es so auf die wenigen Segler, die noch in Buchten liegen. Ich kreuze auf, fahre Zickzack, verschwinde wieder. Es ist lustig, ein fliegender Holländer zu sein.

Gestern erreichte ich die Uvala Tatinja, eine Bucht im Süden Soltas, die eigentlich aus drei Armen besteht. Ich liege im östlichsten, vor dem Restaurant mit Namen Lonely Paradise, ein witziges Ding und im Sommer ein Hit. Jetzt hat es geschlossen, die meisten Konoben an der Küste schlossen vor wenigen Tagen. Die Bucht ist verwaist, und dankenswerterweise hat der Wirt seine vier Bojen, um die sich im Sommer die Gäste balgen, im Wasser gelassen. Ich habe mir gestern Abend in der Dämmerung eine geschnappt und ließ mich von ihr in den Schlaf wiegen. Nicht ohne mir zuvor das Motor-Webinar mit Michael Herrmann reinzuziehen, das Susanne gestern bei millemari. allein veranstaltete. Kein Spruch: Ich habe es ich in vollen Zügen genossen, ich mag Michael Herrmann, seit ich ihm zum ersten Mal zuhören durfte und freue mich auf die nächsten zwei weitere Motoren-Webinare mit ihm.

Das Wetter wird sich ändern. Ab morgen werden wir für drei Tage Jugo haben, in Böen bis 40 Knoten. Das schafft eigene Notwendigkeiten: Ich muss bis morgen nicht nur einen guten Schlupfwinkel finden, von wo aus ich mein Webinar MIT APPS BESSER SEGELN morgen Abend abhalten kann. Ausreichendes 5G-Netz muss her, und das ist nicht leicht auf den Inseln, für mein Webinar letzte Woche musste ich 3 Stunden rumkurven, bis ich in Biograd nördlich des Hafens eine Bucht direkt unterm Funkmast fand. Lassen wir uns einfach überraschen. Übrigens werde ich im Webinar auch um meine Grundberührung berichten, die NAVIONICS und ich gemeinsam letzte Woche produzierten. Und mir neue Wetterdienste wie PREDICTWIND etwas genauer ansehen. 

So schön es hier gerade vor dem Lonely Paradise also ist: Der Fliegende Holländer muss rastlos weiterziehen. Aber Kroatien im Oktober? Das ist echt Lonely Paradise!

Kroatien im Oktober. "Einen verklemmten Anker? Kriegt man niemals alleine raus!"

Meer und Felsküsten – das gehört zusammen, auch beim Ankern. Vor allem in Kroatien, wo es – anders als in Italien, Griechenland oder den Balearen -verschwindend wenige Sandstrände, sondern überwiegend Felsküste gibt.

Gestern 12 Uhr. Insel Fenoliga, der südlichste Punkt Istriens. Da stehe ich nun am Steuer, bereit, den Anker aufzuholen und abzulegen. Alles funktioniert. Der Motor springt auf ersten Dreh des Zündschlüssels an. Die Ankerwinsch legt los auf Tastendruck, holt Kette um Meter. Und dann das: Plötzlich ein gequältes Jaulen der Winsch. Vom Steuer sehe ich, wie sich Levje’s Bug um 70 Zentimeter nach unten senkt und dort verharrt, als würde etwas mit aller Kraft nach unten ziehen. Im selben Augenblick quittiert die Ankerwinsch den Dienst. Der Anker hat sich verklemmt!

Ich kenne das. Wenn ich  segle, verbringe ich, so viel ich kann, vor Anker. Laut meinem Logbuch über 95%. Ich gehe nur in den Hafen, wenn ich es muss. Wenn Wasser oder Diesel zur Neige gehen. Oder Lebensmittel.

21 Kilogramm schwer. Fast 40 Zentimeter breit. Mein Bügelanker. Arbeitsmotto: Was er erstmal hält, das hält er.

Ich habe schon alles mögliche vom Grund nach oben geholt. Letzten August auf Kefalenia eine schwere Bojenkette im Hafen von Agia Eufemia. Auf einem meiner ersten Törns im Industriehafen von Barletta/Apulien im Südwesten der Adria das tote Ende eines schwere Stromkabels. In Kroatien hängt der Anker immer mal – in Felsen.

Das gute an der Situation ist: Wer hängt, der hängt erstmal bombensicher. Den vertreibt es nicht in Richtung Felsen. Meist reicht es dann, Ketten, Kabel, Netze, schwere Trossen nach oben zu holen, soweit es eben geht. Hinabzutauchen, einen Festmacher um das Ärgernis zu legen und beide Enden des Fenstmachers auf Zug an der Bugklampe zu belegen. Von Bord aus hängt man den Anker mithilfe der merklich erleichterten Winsch aus und lässt das Teil wieder dorthin sinken, wo ein Anker es fand. Ins ewige Vergessen auf 5-7 Metern Wassertiefe.

Doch es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man nicht wie gewohnt den Anker nach oben holt, sondern sich der Bug ins Wasser senkt und so bleibt. Ich mühte mich eine Viertel Stunde. Versuchte mit Motorkraft, in alle Richtungen zu ziehen. Das war nicht sonderlich klug – aber so handelt man nun mal, denn: „Das hat doch bisher immer gut funktioniert.“

Erste krumme Gedanken im Kopf. 
„Den kriegst du niemals alleine raus!“
„Du? Willst morgen im Webinar Leuten etwas übers richtige Ankern erzählen? Und baust so einen Bockmist. Peinlich!“
„Und was ist, wenn du jetzt kleinlaut SEAHELP rufen musst?“
„Dir bleibt nur, den Anker samt Kette aufzugeben. 1.500€ im Eimer.“

Weg mit solchen Gedanken. Mein alter Spruch ist: „Wenn’s nachts draußen vor dem Zelt raschelt, geh nachsehen!“ Wenn du Angst hast, geh raus und finde die Ursache. Sieh nach! Schau genau hin! 

Ich nehme Taucherbrille und Schnorchel, steige ins Wasser und verlasse Levje. Erstmal sehe ich gar nichts. Die Kette verschwindet unter einer wuchtigen Felsnase, die nach Westen offen ist. Vom Anker nichts zu sehen. „Der muss sich wohl voll genau unter der dicken Felsnase verkeilt haben. Wenn ich mit loser Kette genau nach Westen steuere, müsste ich den Anker doch unter der Nase rausdrehen können.“

Erster Versuch? Scheitert. Zweiter auch. Nochmal ins Wasser. Noch mal genau ansehen. 

Das Problem beim Alleinsegeln ist: Ich bräuchte einen zweiten Mann/Frau im Wasser, der mich in die richtige Richtung bugsiert. Hab ich aber nicht. Also streng dein Hirn an. Steuere genau. Such dir vom Wasser aus an Land die richtigen Peilmarken.

Etwa eine dreiviertel Stunde brauche ich. Aber am Ende klappte es!

Übrigens: Wer genau wissen will, wie das mit den Trossen, den Stromkabeln und den Unterwasserfelsen abwerfen aus eigener Kraft klappt: Heute Mittwoch, 3.10.23 Abend um 19.30 Uhr erzähle ich in meinem Webinar übers Ankern anhand von Grafiken, wie man sich von Ballast am Anker befreit. Und darüber, wie man möglichst stressfrei ankert. Über die häufigsten Irrtümer beim Ankern. Wie man sie leicht vermeidet. Und über richtige und falsche Freunde beim Ankern.

Denn in einem bin ich mir sicher: Ich werde mir beim Ankern sicher wieder einen einfangen irgendwo. Denn wenn man viel und überall ankert, gehört das mit dazu. Es gehört dazu, wie der Fehler zum Segeln – siehe meinen vorigen Post.

Mein heutiger Standort: Insel Rab, Bucht von Kampor.

Entlang Kroatiens Küsten. Oktober. Eine Nacht auf dem Meer.

Die Nacht liegt über dem Meer vor der Insel Fraskeric im Süden Istriens. Im Sommer ist hier viel los, nicht auf der kleinen Insel, die ist nicht mehr als ein unbewohntes Eiland, das selbst in der Saison nur den Möwen gehört. Jetzt herrscht hier Stille. Kein Laut vom Campingplatz hinter mir am Festland, in dem noch vor wenigen Wochen das Leben toste.

Jetzt gerade ist jedes menschliche Geräusch aus der Welt verschwunden. Sie gehört den Lauten des Meeres. Ein sanftes Plätschern von drüben von der kleinen Insel. Das zaghafte Zirpen einer Grille. Ein kleiner Fisch, der flirrend neben dem Boot die Wasseroberfläche. Das Schnaufen zweier Delphine, die sich  

vor der Insel an einer Reuse abarbeiten, um an Fische zu kommen. Ein Wasservogel, der sich an diesem frühen Morgen plusternd in der Dunkelheit mit Nässe besprengt.

Gestern morgen bin ich los im Norden von der Marina Sant’Andrea in den Lagunen von Grado. Mein Plan ist, die nächsten Wochen für meine Neuausgabe des REVIER KOMPASS KROATIEN die Küste entlang nach Süden zu fahren und zu recherchieren. Es war Karlheinz Beständig, der Autor der 888 Häfen und Buchten, der mich im Telefonat darauf brachte. Auch er bricht erst spät im Jahr auf und ist oft bis November unterwegs, um zu arbeiten. 

Die Nachtluft riecht würzig nach Kräutern. Der einsame Schrei einer Möwe, der die Stille zerschneidet. Nur das morgendliche Krähen der Hähne fehlt noch, das man manchmal in einsamen Gegenden auf Mallorca hört. Das plötzliche Rauschen einer Dünung, die ein Frachter aufwarf, dessen Lichter ich draußen sah.

„Traveling is Education“, sagte ein Mann letzte Woche ins Telefon. Ein Ire oder Australier, der neben mir im Zug reiste. Der Satz hallt nach. Die Jahreszeit gehört wohl denen, die mit Lust alleine reisen. Erziehung, dass nicht wirklich wichtig ist, was wir für wichtig erachten. Erziehung, seinen Schreibtisch aufs Meer zu verlegen und zu beobachten, wieder immer wieder, als könne uns das verändern.

Morgen will ich weiter südostwärts über den Kvarner, dorthin, wo sich die Inseln Cres und Losinj berühren und um 17 Uhr durch unter der Drehbrücke durch den schmalen Kanal, der sich dann kurz öffnet und aus der einen Insel zwei macht. Am Mittwoch soll es einen kurzen Bora-Puster geben, den ich nutzen will, um hinauf nach Rab und Krk zu kommen. Ich hoffe, dort gutes WLAN zu finden, um am Mittwoch Abend von dort mein Webinar über das Thema Ankern zu halten. Auch das wird eine Erfahrung, wie das vom Boot aus klappt.

Entlang Kroatiens Küsten. September-Abend auf dem Meer.

Eine Bucht irgendwo südlich von Rovinj. Der Abend schleicht sich auf leisen Sohlen heran. Ein Fischer irrt irgendwo am Horizont herum. Slicks malen merkwürdige Linien in die leicht bewegte See, die ich nicht enträtseln kann.

Wenn ich die Augen schließe, weiß ich: Dies kann nur die kroatische Küste sein. Das leise Glucksen und Murmeln der Wellen in den Felsen am Ufer. Kein Rauschen wie am Sandstrand von Mallorca. Der würzige Geruch nach Liebstöckel und Meerfenchel in der Luft, der von den heißen Steinen herüber weht durchsetzt von kalter Luft. Nur der Mond lässt sich heute Zeit. Er steht als kleines helles „a“ am Himmel, kein voller Mond, sondern eben nur halbvoll. Ein kleines „a“, es steht für abnehmender Mond. 


Ein kleines Boot gesellt sich zum ersten. Auch das ist nur in Kroatien so: Die kleinen Motorboote aus jugoslawischer Zeit, gerade recht, um am Feierabend noch die Angel auszupacken und rauszufahren.

Keine motzigen Motoryachten, nein, kleine Boote. Oft treffe ich ich sie in den Buchten, um Cres oder Mali Losinj, kroatischer Ferienspaß: Drei Leute auf so einem kleinen Ding drei Wochen in einer Bucht. So klein, dass ich mich wundere, wie sie der Bora der letzten Tage standhielten. Im Velebit waren 80 Knoten angekündigt, im Süden bis 60. Hier war es ruhig vor Istrien, gerade mal 25 Knoten in der Spitze. Wie fühlt sich das an, in so einem kleinen Töff-Töff, wenn eine 30 Knoten-Böe über sie herfällt? Kippelt das kleine Boot? Ächzt es unter der Last der Böe? Fühlt sich sein Skipper sicher an Bord? Oder denkt er sich bei dreißig Knoten wie ich: „Mehr muss es jetzt aber nicht werden?“

Ich mag die kleinen Boote. Sie künden von einfachem Spaß auf dem Wasser. Kein Tütteltüh, kein Schi-Schi, kein Chick. Einfach nur raus aufs Wasser und Spaß haben. Das kleine Töff-Töff zieht zielstrebig nach Backbord, als wüsste sein Skipper genau, wohin er es heute noch in der Weite zu steuern hat.


Muster aus Blau und Rot, die ich nicht deuten kann. Dass es September ist, merkt man daran, dass die Nacht auf dem Meer schneller fällt als im Sommer. Die Dämmerung kommt blitzschnell und mit ihr das Rot. Kaum ist das Töff-Töff verschwunden, färbt sich der Himmel rot. Das kleine Eiland im Westen, unscheinbar am Tag, wird zum Held der Dämmerung. 

Seit fünf Tagen hänge ich jetzt hier in der Bucht ab. Eigentlich müsste ich morgen weiter. Aber während ich den Himmel sehe, denke ich mir: „Was soll’s? Ich glaub‘ ich bleib‘ auch morgen noch hier vor Anker in der Bucht. Und genieße die Stille.“


Der Himmel hat nun die intensivste Röte. Kein Boot ist mehr zu sehen. In fünf Minuten wird alles vorbei sein. Das Rot wird verschwunden sein, und alles dunkel bleiben. Ich werde noch eine Weile sitzen und warten, bis der Mond erscheint, das kleine helle „a“. Vielleicht werde ich wie die letzten Nächte sehen, wie ihn einem kleiner heller Stern begleitet übers nächtliche Firmament. Ein Stern, der nicht von seiner Seite weichen will.

Ganz sicher werde ich LEVJE’s leichtes Schaukeln in der Dünung spüren. Das Murmeln und Glucksen am Ufer hören. Und das intensive Knippsen der Taschenkrebse unter dem Boot. 

Eine Viertelstunde später ist es dunkel. Ich sitze noch und schreibe an diesen Zeilen. Aus der Dunkelheit nähert sich ein Boot. Es zieht einen weiten Kreis um LEVJE durch die Bucht. Was ist das? Doch dann erkenne ich, dass das Meer um das Boot selbst in der Nacht türkis leuchtet. Ein Lampenfischer ist es, der vor sich her durch die Wogen helle Lampen trägt, um Fische anzulocken und zu speeren. Er zieht seinen Kreis – und dann verschwindet er, wie er gekommen ist, einfach und trägt seine Lampen weiter in die Nacht über dem Meer.

Auch das ist Kroatien im September.

 

Was macht ein Revier zu einem Traumrevier?

Die Insel Susak liegt nur eine Segelstunde vor Mali Losinj. Für mich ist sie – nicht anders wie Cres, wie die Ecke um Unije oder um Premuda ein Traumrevier. Und das wird es immer bleiben bleiben. Aber was macht ein revier zum Traumrevier?

Und wann wird für einen ein Revier zu einem Traumrevier? 

Wenn man es zum ersten Mal bereist auf einem Boot und sich auf einem Törn immer wieder in die Wange kneift und sich sagt: „Oh Mann, ist das klasse hier! Das kann doch gar nicht sein?“

Wenn man zum dritten Mal da ist, seine Ecken kennt und liebt und immer wieder sich mitreißen lässt von dem, was man schon kennt?

Wenn man immer weiter eintaucht und Neues entdeckt, wo man dachte: „Ich kenn ja schon alles?“

Wenn man mit den Jahren abgeklärter wird. Und weiß: „Da will ich unbedingt wieder hin. Das muss ich unbedingt noch mal sehen!“ Und gleichzeitig genau weiß, wo man nicht mehr im Revier hin will?“

Wenn ein Revier ist wie eine alte Liebe ist, die man lange lange kennt. Wo es auch mal Ausrutscher gibt und Enttäuschungen, die einer Zuneigung zu einem Land, einer Insellandschaft nichts anhaben können und die man auch einmal wegsteckt?

Kroatien, die Ostsee, die Schären, Griechenland: Es ist egal – über den Begriff „Traumrevier“ lässt sich trefflich streiten. Trotzdem verwenden wir ihn. Wieviel ist daran richtig? Wieviel verkehrt? Zum Traumrevier gehört Licht genauso wie Schatten. Nur ehrlich sollte man damit sein. Oder?

Traumrevier Kroatien Nord.
Online-Seminar am Dienstag, 29. August 2023, 19.30 Uhr


Traumrevier Kroatien Süd.
Online-Seminar am Donnerstag, 31. August 2023, 19.30 Uhr


Tickets unter www.millemari.de

 

 

Vier Wochen allein in den Bergen (6): Sonntagmorgen. "Irgendwas ist ja immer."

Jeden Morgen genieße ich die Stille draußen vor der Hütte. Sie ist ungeheuer und allumfassend. Jeden Morgen sitze ich hier über meiner Tasse. Betrachte meine Welt. Und achte auf die Stille.

Die Stille suche ich immer wieder. Draußen auf dem Meer, wenn ich dort bin, wo das Land hinter mir lange verschwunden ist und ich alle Geräte auf dem Boot abstelle, nur um einen Moment die Stille zu hören, wie in dieser Geschichte vor sieben Jahren. Dort draußen, wo nichts anders mehr ist als Wasser und Himmel, ist es so still, dass die Stille in meinen Ohren rauscht, als wäre mein Ohr, mein ganzer Hörapparat, gar nicht mehr in der Lage, mit purer Stille etwas anzufangen und sie im dafür zuständigen Teil meines Gehirns sinnvoll zu übersetzen. Also rauscht es in meinen Ohren, und mein Gehirn brummt achselzuckend: „Na, irgendwas is‘ ja immer!“.

Hier oben auf 2.000 Metern ist es am Morgen fast so still wie draußen auf dem Meer. Fast. Das lauteste Geräusch, das ich gerade höre, ist das Sirren einer Fliege. Der Lufthauch, der die langen Nadeln der

Zirben vor dem Haus durchkämmt, in denen noch die Tautropfen der Nacht hängen. Ein Zilzalp, der zaghaft ruft. Um 10 Uhr die Kirchenglocken unten aus dem Tal. Das ist alles.

Manchmal kann man die Stille am Morgen sogar in einer Landschaft sehen, wenn man wandert. Sie ist eingekerbt in den Linien, die sich quer durch die Hänge dieser Landschaft ziehen, wenn ich mich durch sie hindurch bewege.

Wenn ich es erklären müsste, warum die Stille so kostbar ist, würde ich es so tun: Stille ist ein Überbleibsel, aus einer Zeit, bevor wir begannen, uns eine Welt zu erschaffen, die wir intuitiv nicht mehr verstehen.

Müsste ich ein Rätsel schreiben, dann ginge es so: 

Es ist flüchtig wie ein Lufthauch. 
Es ist ist selten wie ein Diamant.
Es zeigt sich nicht jedem. 
Willst du es finden: Musst du früh aufstehen. Lange wachen. Und weit laufen 
Du musst die Orte kennen, wo es wohnt. 
Doch hättest du es für immer, dann wärst du der einsamste Mensch der Welt.

Des Rätsels Lösung: die Stille.

Doch mit einem Schlag ist Schluss. Ein Krähenvogel plärrt aus der Zirbe vor dem Haus. Was ihn wohl nervt? Schluß mit lustig. Die schlichte Weisheit meines Lebensfreundes Anderle stimmt einfach, dies „Irgendwas is ja immer“. Und wenns nur der Krähenvogel ist, der sein „Bräääääähhhh Bräääääähhhh“ in die Welt ruft. Vielleicht ist das Kostbarste an der Stille. Sie ist flüchtig. Man kann sie nicht kaufen. Sie schenkt sich einem, der sie zu schätzen weiß. Dann ist sie fort, unvermittelt, ohne ein Wort des Abschieds. 

Aber das Gute ist: Sie kommt wieder. Spätestens morgen Früh ist sie wieder da.