Archiv der Kategorie: Atanga

Kabel, Kabel, Kabel

Mi., 31.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1341, 12.404 sm von HH

Nach hinten hin sind alle Kabel grau.
Diesmal liegen sie hinter unserer Wand-Vertäfelung im Schlafzimmer versteckt. Dicht an dicht in ein Rohr gestopft. Da kann man ziehen wie ein Berserker, das gewünschte Kabel zuckt nicht mal.

Raus soll das Kabel, was zum Kurzwellen-Tuner führt. Der ist ganz hinten im Schiff in der Backs-Kiste montiert und sein Plastikgehäuse durch den Blitz zersplittert. Im Inneren des Tuners hat es mehrere Schalt-Elemente gesprengt.

Wenn Achim am Tuner-Kabel zieht, bringt das richtige Kabel die Nachbarn ebenfalls zum Wackeln. Einmal stramm gezogen, muss ich in dem kleinen Loch das verdächtige Kabel wieder lockern. Achim zieht erneut, der Gegner ist erkannt. Jetzt „nur“ noch das Kabel aus dem Rohr zerren.
Nebenbei wird die Hälfte der Kabel als überflüssig identifiziert. Das schafft Platz.

Das war mal unser Schlafzimmer

Das war mal unser Schlafzimmer

Die Demontage schreitet allgemein gut voran. Aber alle Projekte dauern. Allein den Radar-Dom vom Mast zu holen ist ein Mehr-Stunden-Projekt. Das Teil wird riesengroß, wenn es mal so vor einem liegt. Unhandlich und rutschig.

Das Schiff verfällt zwischenzeitlich in schweres Chaos. Umdrehen, bewegen, gar leben und sich wohl fühlen ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Mein Tanzbereich

Pantry

Pantry

 

Sein Tanzbereich. :lol:

ehemaliger Navi-Tisch

ehemaliger Navi-Tisch

 

Dazwischen befindet sich eine, mehr oder weniger, bewohnbare Grauzone.
Überall steht etwas herum. Kaputte Teile müssen wir aufbewahren. Sie gehören faktisch der Versicherung und die entscheidet, was damit passieren soll.

Die Versicherung hat bereits letzte Woche ihr ‚okay‘ zur Bestellung der Ersatzteile gegeben.
Ein 60 Kilo Paket ist auf dem Weg. Der größte Teil kommt aus den USA von einem großen Marine-Ausstatter (Defender). Lieferzeit fünf Tage, heißt es bei der Bezahlung.
Ich lache mich schlapp, während Achim optimistisch zweimal täglich das Tracking verfolgt.
Am Montag lache ich nicht mehr, unser Zeug hat bereits den Status ‚imported in Panama‘: Lieferung erfolgt planmäßig am Mittwoch.
Heute Morgen wird mein belastetes Lieferung-nach-Panama Weltbild wieder gerade gerückt: ‚Auslieferung verspätet‘. Ohne Angabe von Gründen und ohne Angabe, wie lange die Verspätung sich zieht.

Weggesprengte Schalt-Elemente - oben rechts Radar-Dom abgelassen an Deck

Unser Kühlschrank ist da

Fr., 26.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1336, 12.255 sm von HH

So habe ich mir das nicht vorgestellt.
Ich hatte ‚plug and play‘ erwartet.

Dass das halbe Schiff zerlegt werden muss, war nicht zu erwarten.
Fast alle Kabel, die unter der Decke entlang Richtung Kühlschrank führen, sind rot.
Es gibt so viele schöne Mädchenfarben: Mauve, Fuchsia, Koralle. Warum nutzt die Kabelindustrie das nicht? Das beraubt die Menschheit um so schöne Sätze wie „Ich verlege heute die lavendelfarbenen Kabel“.

Welches der roten Kabel mag das richtige sein?
„Zieh doch einfach am Kühlschrank-Ende und ich beobachte, welches Kabel wackelt“, versuche ich zu helfen.
Ein tötender Männerblick: „Alle Kabel sind mit einer Plastikspirale zusammen gebündelt, damit man ja nicht an einem Kabel ziehen kann. Und damit das auch wirklich nicht funktioniert, ist zusätzlich alle vierzig Zentimeter das Bündel mit Isolierband umwickelt.“
Ich höre auf mit klugen Tipps.

Damit Achim das richtige Kabel finden kann , muss die Decke in der Pantry runter.
Damit die Decke runter kommt, muss der Haltegriff neben dem Niedergang ab.
Damit der Haltegriff abgeschraubt werden kann, muss eine weitere Holzleiste weg. Die ist geschraubt und geleimt und gerade in Santa Marta frisch von mir lackiert.
Damit er das Isolierband vom Bündel puhlen kann, muss ein weiteres Deckenelement im Salon runter.

Viele, viele böse F-Wörter später hat Achim das richtige Kabel gefunden.

Wohnlichkeit jetzt auch in der Pantry

Wohnlichkeit jetzt auch in der Pantry

Na, wo ist den das rote Kabel?

Na, wo ist den das rote Kabel?

Die Küchen-Decke, mein ewiger Feind bei der Fett-Spritzer-Suche, liegt offen neben mir. Jetzt kommt Schwager Jürgen mit seinen tollen Ratschlägen ins Spiel: Ich kann den Feind putzen, ohne mir über Kopf die Arme zu verrenken.
Es ist eben nichts so schlecht, dass es nicht für irgendetwas gut wäre.

Achim prökelt derweil weiter. Er versucht das richtige Kabel aus der Spiralen-Umklammerung zu ziehen. Keine Chance. Ohne die Spirale zu entfernen, wird das nichts.

Schlappe 24 Stunden später läuft der Kühlschrank und die Deckenplatten sind wieder an ihren Platz. Nebenbei wurden noch ein paar Kabel von ‚Lüfter Küche‘ und ‚Lüfter Deckshaus‘ entfernt. Keiner von uns hat je diese Lüfter zu Gesicht bekommen.
Also, es geht voran. :-) Jetzt mit kaltem Bier zum Feierabend.

Klima Katastrophe Panama

Do., 25.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1335, 12.255 sm von HH

Es regnet jeden Tag. Und wenn es nicht regnet, ist der Himmel grau bewölkt. Wind? Fehlanzeige.
Luftfeuchtigkeit 85%. Im Schiff für Durchzug sorgen? Tageweise ein Ding der Unmöglichkeit. Die Luken sind zu, weil es so schüttet. Unter Deck wächst eine Tropfsteinhöhle. Besser gesagt ein Schimmelloch. Ein shithole.

So sieht ein am Kleiderhaken vergessener Gürtel nach drei Wochen aus.

Das war mal ein Gürtel

Das war mal ein Gürtel

 

Leder ist am schlimmsten betroffen. Ein Portemonnaie, drei Tage unbenutzt auf dem Navi-Tisch liegend, bekommt einen weißen Überzug. Lederschuhe und Gürtel haben wir eingeschweißt. Das ist das einzige, was hilft.

Holz mag Schimmel auch sehr gerne.
Hinter der Tür kann man zusehen, wie der Schimmel wächst. Alle schlecht belüfteten Ecken sind betroffen: Hinter Türen, unter dem Salontisch und im Bad natürlich.
Bin ich hinten fertig mit wischen, kann ich vorne wieder anfangen. Merkwürdigerweise bildet sich in den Schränken kaum Schimmel. Einlegeböden und Seitenwände sind aus Sperrholz, da geht er nicht ran. Schimmel ist ein echter Echtholz-Liebhaber.

Schimmel mag Echtholz

Schimmel mag Echtholz

 

Schimmel hinter der Tür - Dauer der Bildung ungefähr 14 Tage

Schimmel hinter der Tür – Dauer der Bildung ungefähr 14 Tage

Ich wische mit Brennspiritus, statt mit Essigwasser, wie meistens empfohlen. Ich komme mit dem beißendem Geruch von Essig nicht so gut klar. Außerdem bilde ich mir ein, dass ich so weniger Feuchtigkeit auf die betroffenen Stellen bringe.
Eine Testreihe mit einem Paar Schuhen hat ergeben, es ist egal, womit man wischt, es hilft sowieso nicht.
Bereits getragene Sachen, wie Jacken und Base-Caps, gehen gar nicht. Alles, was eine schweißig-salzige oder angegrabbelte Oberfläche hat, muss gewaschen werden.

Vorsichtig frage ich auf anderen Schiffen nach: „Wir? Nein! Wir doch nicht. Wir haben keinen Schimmel!“ Lügner.
Zwei Schiffe weiter bekomme ich eine ehrliche Antwort: „Wir müssen hier weg, alles beginnt sich weiß zu pudern.“ Gott, sei dank, wir sind nicht allein.

Die Trockenzeit sollte längst begonnen haben, hier in Panama.
Auf den San Blas Inseln hat sich das Wetter nach dem anfänglichen Dauerregen ja schon versöhnlich gezeigt. Jetzt gehen wir einen Schritt rückwärts.
Neuankömmlinge berichten von viel Regen auf den Inseln.

Durch den bedeckten Himmel ist es allerdings nicht mehr so brutal heiß, wie in Kolumbien. Nachts geht es runter auf 25 Grad. Es werden Laken zum Zudecken benötigt.
Ich wusste schon, warum wir nur 10 Tage Aufenthalt hier geplant haben. :mrgreen:

Lieferanten-Katastrophe Panama

Di., 23.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1333, 12.255 sm von HH

„Hier in Panama kriegst du alles“, lassen uns Insider wissen, „aber das kann dauern“.
„Und nimm bloß FedEx“, schieben sie hinterher. „Alle anderen Versender kannst du vergessen“.
Wer sich nicht dran hält und auf ‚DHL Worldwide‘ setzt, der wartet auf ein kleines Päckchen, was bereits in Panama City angekommen und verzollt ist, weitere zehn Tage.

Wir hören drauf und wählen ‚FedEx-Express‘ für den Versand unseres Kühlschrank-Kompressors.
Mit drei Tagen Lieferzeit, lockt uns ‚Marine Warehouse‘ bei der Bestellung. Diese drei Tage sind nun viermal rum.
Marine Warehouse hebt die Hand und schreibt, sie seien unschuldig. Mal ist FedEx Schuld (wie kann das sein? Das sind doch die Guten!), mal der Zoll. Wir erhalten Mails mit Fake-News: „Morgen wird geliefert.“ Dann am Tag der Lieferung: „April, April! Heute wird es nichts.“

Na, das kann ja noch heiter werden. Ich mag gar nicht dran denken, wie die ca. 70 Teile (Großgeräte, Adapter, Kabel (!) und Zubehör) auf unserer Liste hier jemals ankommen sollen.

Unser Leih-Kühlschrank der letzten zwei Wochen ist vorgestern durch den Panama Kanal verschwunden. Wir behelfen uns jetzt mit Eis, was man in Vier-Kilo-Paketen im Marina-Shop kaufen kann.
Unser Kühlschrank ist ein Edelstahlkasten, eingebaut in die Pantry-Möbel und von oben zu beladen. Er hat einen Abfluss am Boden aus dem das Schmelzwasser abfließen kann.
Das mit dem Eis funktioniert ganz gut, allerdings frisst ein frischer Beutel reichlich Volumen. Viele Vorräte passen nicht mehr dazu. Aber besser als nix.

Das Chaos hat begonnen

Sa., 20.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1330, 12.255 sm von HH

Die Versicherung hat ihr ‚go‘ für die Demontage der kaputten Geräte gegeben.
Zehn Minuten später reißt Achim die ersten Verkleidungen von der Decke. Gemütlich.
Aber wohin mit den 2,50 Meter langen Teilen? Wir finden keinen Platz, wo wir sie lagern könnten.
Draußen an Deck geht ebenfalls nicht – habe ich schon berichtet, dass es jeden Tag regnet und das Wetter eine Katastrophe ist?

Die Marina verleiht abschließbare Kammern und Butzen. 1,23 x 1,23 x 1,23 ist das größte Loch, was zur Zeit frei ist. Na, super.
Da fällt uns der Segelmacher ein, der etwas abseits seine Arbeits-Halle stehen hat. Dort dürfen wir für eine Woche unsere Deckenverkleidung unterstellen. Eine Woche wird nicht reichen, aber was erst mal irgendwo steht, fällt nach kurzer Zeit nicht mehr auf. Tot stellen, lautet die Devise.
Und vielleicht werden ja Lager-Räume in Kürze frei.

Schöner wohnen

Schöner wohnen

Die Liste mit den Ersatz-Geräten ist fertig und liegt der Versicherung zur Entscheidung vor.
Was noch fehlt, sind die dazu gehörigen Kabel. Achim erstellt ein Installations-Layout. Dieses bespricht und verfeinert er mit Rudi. Die Recherche, welches Gerät mit welcher Kabellänge und Kabelart (Spur-Kabel, Raynet-Kabel, Devicenet-Kabel oder Backbone-Kabel) geliefert wird, verbleibt bei ihm. Einige Geräte kommen standardmäßig mit zu kurzen Kabeln. Sollte man im Auge behalten, sonst ist man bei der Installation der Voll-Doofe. :mrgreen:

Installations Layout Atanga

Ich lege zu ‚Blitzschaden‘ noch ‚Kabel‘ als Unwort in die Auswahl für 2018.

Wo neue Kabel rein sollen, müssen zunächst die alten Kabel raus.
Hinter der Verkleidung findet Achim Kabelleichen, ohne Anfang und Ende, und Kabel unbekannter Funktion. Kabel, die hinter Deckenverkleidungen verschwinden und andeuten, dass noch mehr von der Verkleidung runter muss.

Strippen finden und ziehen

Strippen finden und ziehen

Gemütlicher Arbeitsplatz

Gemütlicher Arbeitsplatz

Außerdem zeigt unser Schaltkasten drollige Phänomene seit dem Blitz: Wenn man den Knopf für die Duschpumpe drückt, leuchten die Sicherungen bei AIS und Gaswarner auf. Das lässt auf einen Kurzschluss hinter der Wand schließen und auf Kabel, die zusammengeschmort sein könnten.
Hier möchte Achim nicht so gerne ran, sondern will das Rudi überlassen.
„Ein ‚paar Geräte‘ installieren ist eine Sache“, sagt er, „aber da soll ein echter Fachmann ran“.

 

Panama Kanal – jetzt geht es in den Pazifik

Di., 16.01.2018, Panama/Kanal, Tag 1326, 12.255 sm von HH

Auf einer normalen Langfahrt-Yacht richten es sich zwei Menschen häuslich ein. Platz für drei weitere Übernachtungsgäste ist da nicht vorgesehen. Birgit und Bernd schaffen es trotzdem, Ferry und Achim bequem im Salon unterzubringen. Für mich bleibt ein Platz im Cockpit. Der wird mir kuschelig hergerichtet: wenn man will, dann geht alles.
Die Nacht ist trotzdem kurz und unruhig. Für alle.

Der Advisor kommt etwas zu spät, aber um 7.00 Uhr geht es los. Ein super Frühstück mit Ei, Wurst, Toast und Speck gibt es unterwegs. Birgit verwöhnt alle Gäste und schöpft aus dem Vollen.
Fünf Stunden dauert die Fahrt durch den Gatún-See.
Dieser See ist beim Bau des Panama-Kanals durch den Stau des Rio Chargres entstanden. Kurz vor der Mündung des Rio Chagres in die Karibik gab es eine natürliche Engstelle zwischen zwei Bergen. Diese nur zwei Kilometer breite Lücke wurde durch einen künstlichen Damm geschlossen. Der Chargres staute sich zurück und bildet heute den Gatún-See. Auf der 29 Kilometer langen Strecke zwischen den Schleusen musste nur vereinzelt die Fahrrinne ausgebaggert werden.

Aus unerfindlichen Gründen bleibt das Hubschrauber-Motorboot zurück. Auf der Schiffs-Liste unseres Advisors ist die Yacht vermerkt und vorgesehen, um erneut ein Dreier-Päckchens zu formen. Aber sie kommt nicht.
Somit bilden die ‚Rebell‘ und die ‚Seven Seas‘ heute alleine ein Paket.

Im Zweier-Paket auf dem Weg zur ersten Pazifik-Schleuse

Im Zweier-Paket auf dem Weg zur ersten Pazifik-Schleuse

Wieder binden wir uns kurz vor der Schleuse zusammen. Beide Segelboote sind in etwa von gleicher Größe und Gewicht, also müssen beide Skipper Gas geben und lenken.
Der Chef Advisor befindet sich auf der ‚Rebell‘ und übernimmt das Kommando über beide Schiffe.
Er gibt genaue Anweisungen, wer mehr Schub geben soll und welches Segelboot dagegen halten muss.

Die Jungs mit ihren Affenfäusten stehen schon bereit. Ferry und Achim bedienen die Leinen. Alles geht glatt über die Bühne, keiner bekommt den Stein an den Kopf.

Bei dem dicken Pott, der hinter uns in die Schleuse kommt, übernehmen kleine Elektro-Lokomotiven die Aufgabe der Leinenhalter. Winden an den Loks straffen Drahtseile zwischen Schiff und Lok.
Diese Loks übernehmen komplett die Führung der großen Schiffe.
Als Winzling hinter so einem Frachter wünscht man sich, dass die Bremsen der Loks auch wirklich funktionieren.

Der Frachter wird mit Schleppern in die Schleuse gebracht

Der Frachter wird mit Schleppern in die Schleuse gebracht

Hier haben die Loks die Arbeit übernommen

Hier haben die Loks die Arbeit übernommen

 

Hoffentlich halten die Bremsen

Hoffentlich halten die Bremsen

Viel Platz ist nicht übrig

Viel Platz ist nicht übrig

Zwischen der ersten und zweiten Schleuse liegen knapp zwei Seemeilen, die wir als Verbund zurück legen. Die beiden letzten Schleusen liegen wieder unmittelbar hinter einander.
Das bergab schleusen ist nicht halb so spannend wie bergauf. In der Schleusenkammer wird ein ‚Stöpsel gezogen‘, der das Wasser unspektakulär abfließen lässt.

Erst wenn sich das letzte Tor zum Pazifik öffnet, wird es noch mal spannend. Die Vermischung von Salz-und Süßwasser kann zu heftigen Turbulenzen führen. Bei der Fahrt der ‚Rebell‘ bleibt alles ruhig, so dass sie ihren Eintritt in den neuen Ozean ausgiebig genießen können.

Hinter der letzten Schleuse trennen wir uns von der ‚Seven Seas‘, die ‚Rebell‘ spendiert für alle noch ein leckeres Mittagessen und der Advisor wird von seinen Leuten abgeholt.
Ferry, Achim und ich gehen in der nächsten Marina von Bord. Es ist später Nachmittag und wir haben noch mindestens zwei Stunden Fahrt zur Atlantik-Seite zurück.

Liebe Birgit und Bernd, Euch wünschen wir eine tolle und sichere Reise in den Pazifik und danke für den Job auf Eurer ‚Rebell‘.

Das Tor zum Pazifik, was für Atanga noch eine lange Zeit verschlossen bleibt

Das Tor zum Pazifik, was für Atanga noch eine lange Zeit verschlossen bleibt

Als Line Handler durch den Panama Kanal

Mo., 15.01.2018, Panama/Kanal, Tag 1325, 12.255 sm von HH

Cooler Job.
Jedes Segelschiff, das durch den Panama Kanal will, muss vier ‚Leinenhalter‘ an Bord mit durch den Kanal nehmen. Das bedeutet für die durchschnittliche Zweier-Crew, dass sie sich drei fremde Line Handler suchen muss.
Üblicherweise tauschen wir Yachties uns untereinander aus: Ein Schiff, das durch möchte, sucht sich in der Marina willige Crew-Mitglieder anderer Schiffe, die ein paar Tage später auf dem eigenen Kiel fahren.

Zu unserer Überraschung ist es schwerer als erwartet, Mitfahrer zu finden. Wer niemanden findet, kann auf ‚Taxifahrer‘ zurückgreifen. Diese Jungs kommen in die Shelter Bay Marina und bieten gegen 120 USD ihre Dienste an.
Wir hatten mit Birgit und Bernd von der ‚Rebell‘ bereits in Santa Marta verabredet, uns gegenseitig zu helfen.
Für uns ist das keine lästige Pflicht. Wir erwarten von dem Testlauf, dass sich ein paar Mythen über die Kanal-Passage in Wohlgefallen auflösen. Von der Kanal-Aufsicht wird dieser ‚Übungslauf‘ ebenfalls empfohlen.

Die beiden alten Altlantik-Schleusen vom Atlantik aus gesehen

Die beiden alten Altlantik-Schleusen vom Atlantik aus gesehen

Um 14.00 Uhr finden wir uns gemeinsam mit Ferry (Österreicher und von der Alrisha), auf der ‚Rebell‘ ein. Nach einer Stunde Fahrt erreichen wir den Warteplatz für Yachten. Dort nehmen wir den ‚Advisor‘ an Bord. Dieser wird von der Kanal-Aufsicht geschickt und ist ebenfalls ein Pflicht-Mitglied an Bord.
Der Advisor übernimmt keine Lotsen-Funktion, wie auf den großen Frachtschiffen, sondern dient nur als Berater. Die Skipper auf Sportbooten behalten die volle Verantwortung und ihre Aufgabe als Rudergänger. Wer sich allerdings nicht an die Advisor-Ansagen hält, wird an die Kette gelegt.

Sportboote werden meistens in Zweier-oder Dreier-Paketen zusammen gelegt.
Im Fall der ‚Rebell‘ erfolgt dies mit der ‚Seven Seas‘, einem weiteren Segelboot, und in die Mitte kommt ein großes Motorboot mit eigenem Hubschrauber an Deck. :shock:

Eine fette Motor-Yacht kommt in die Mitte Der Advisor kommt an Bord Gut gefendert geht es im Paket in die Schleuse Birgit und Bernd von der Rebell

Das Dreierpaket wird kurz vor der ersten Schleuse gebildet. Die Advisor haben genaue Vorstellungen, wie die Schiffe zusammen ‚geschnürt‘ werden, sind aufmerksam und behilflich.
Dann geht es in die Schleuse. Hinter einem recht kleinen Frachter hinterher.
Das Motorboot, mit seinen kräftigen Motoren, übernimmt die Führung. Die, an der Seite hängenden, Segelboote sind arbeitslos.

Die Besonderheit im Panama Kanal ist, dass Schiffe nicht an der Schleusenwand festmachen. Weder die Großen noch Sportboot-Pakete.
Jetzt kommen die angeheuerten Leinenhalter ins Spiel. Normalerweise. Im Fall der ‚Rebell‘ sind wir überflüssig. Das dicke Hubschrauber-Boot ist so viel länger als wir Segelboote an der Seite, dass die Motorboot Line Handler den Job übernehmen müssen.

Auf den Wänden der Schleusen stehen Jungs, die dünne Leinen mit Hilfe einer ‚Affenfaust‘ auf das Motorboot werfen. Das dünne Band wird an geliehene Festmacher gebunden und von den Jungs zurück zur Schleusen-Wand gezogen und dort belegt.
Die vier Leinenhalter haben die Aufgabe, die Leinen auf Zug zu halten. Wenn der Wasserstand in der Schleuse steigt, keine so leichte Aufgabe. Die Tampen sind dick und widerborstig. Man muss schon ordentlich ziehen, um die Leine dicht zu holen.

Zielgenau kommt die Affenfaust geflogen - die Jungs werfen ziemlich gut

Zielgenau kommt die Affenfaust geflogen – die Jungs werfen ziemlich gut

Mit der Hilfsleine wird der lange Tampen an Land gezogen

Mit der Hilfsleine wird der lange Tampen an Land gezogen

Die Rebell hängt am Motorboot - an der anderen Seite hängt die Seven Seas

Die Rebell hängt am Motorboot – an der anderen Seite hängt die Seven Seas

 

Wenn alle an ihren Positionen soweit sind, wird das Tor geschlossen und dann heißt es: „Wasser Marsch“. Also, das ist schon schwer beeindruckend. Die eben glatte Oberfläche des Wassers verwandelt sich in einen Hexenkessel. Drei Knoten Strömung misst Bernd an der Logge. Wow!
In Null-Komma-Nichts ist das riesige Becken gefüllt. Nochmal wow!

Sprudelwasser in der Schleuse

Sprudelwasser in der Schleuse

Sobald die Schleusenkammer voll ist, wird das Tor zur nächsten Kammer geöffnet. Unser Päckchen fährt hinter dem Dicken nach vorne, ohne dass der Leinenkontakt zu den Schleusen-Wänden gelöst wird. Dieser Vorgang wiederholt sich drei Mal. Die drei Atlantik-Schleusen-Kammern liegen direkt hintereinander. Ungefähr 26 Höhenmeter steigen wir auf das Niveau des Gatun-Sees.

In der Zwischenzeit ist es nach 18:00 Uhr und dunkel geworden. Im Dreier-Paket fahren wir hinter den Schleusen ‚rechts ran‘, der Verbund wird gelöst und einzeln geht es (20 Minuten Fahrt) weiter zum Nacht-Warteplatz. Hier werden die Advisor von ihren Booten abgeholt und wir Crews bekommen die Info: „Morgen früh um 6:00 Uhr kommen neue Advisor, die Euch durch den Gatun-See begleiten und die Schleusung in den Pazifik übernehmen. Gute Nacht.“

Das letzte Tor zum Gatun See öffnet sichnet sich

Der Blick zurück auf den Atlantik

Der Blick zurück auf den Atlantik

Das Unwort des Jahres

Mo., 15.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1325, 12.255 sm von HH

Das ist leicht zu erraten: Blitzeinschlag!
Den ganzen Tag gibt es nur ein Thema: Blitzeinschlag!
Wen wir auch treffen: „Was macht Euer Blitzeinschlag?“

Achim wühlt sich durch die Liste mit den Ersatz-Geräten. Immer und immer wieder kontrolliert er, ob er die richtigen Geräte aufgeschrieben hat. Wir sind für die korrekte Bestellung verantwortlich, nicht etwa Rudi. In Deutschland würde ein beauftragter Handwerker den Job der Suche nach Ersatzteilen übernehmen. Hier funktioniert es anders.

Achim findet Doubletten in der Liste. Beim Autopiloten hat er Zubehör aufgeschrieben, welches bereits in einem Set enthalten war. Diese Doublette fliegt raus. An anderer Stelle ist die Typenbezeichnung für ein Gerät falsch oder es fehlt noch ein Zubehör-Teil auf der Liste.

Natürlich sind wir als Versicherter gehalten, die Kosten so klein wie möglich zu halten. Dazu gehören auch die Frachtkosten. Sammel-Pakete müssen gebildet werden. In Deutschland haben wir vier, fünf verschiedene Lieferanten, deren Teile alle in ein Paket sollen.

Es kostet Achim Stunden herauszufinden, wo er die Ersatz-Antenne bekommt, die uns vom Dach geflogen ist. Die Halterung dafür ist noch intakt und Achim möchte diese gerne wieder verwenden. Niemand hat gesteigertes Vergnügen in 20 Meter Höhe eine neue Halterung anzuschrauben.

Ich bin raus aus dem Ersatzbeschaffungs-Geschäft. So eine Liste kann nur von einer Person sinnvoll bearbeitet werden. Außerdem kann ich mit einem Kabel nur etwas anfangen, wenn es an einem Ende einen Stecker hat und eine Steckdose in der Nähe ist.
Mir bleibt, den Haushalt zu erledigen und dafür zu sorgen, dass Achim das Essen nicht vergisst. Und zu versuchen, das Chaos im Schiff möglichst klein zu halten.

Die Liste liegt nun der Versicherung vor. Wir müssen auf Thorsten, den Sachverständigen, warten.
Seine Anreise von den San Blas Inseln ist für heute oder Morgen avisiert, je nach Wind.
Das gibt uns die Zeit ein gegebenes Versprechen einzulösen. Wir gehen heute Nachmittag an Bord der ‚Rebell‘, um sie als Leinhandler durch den Panama Kanal zu begleiten.

Die Shelter Bay Marina

So., 14.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1324, 12.255 sm von HH

Wo sind wir denn jetzt eigentlich gelandet? Was wird unser zu Hause für die nächsten Monate sein?
Die Shelter Bay Marina dient Langfahrtseglern nur als Zwischenstation, um in den Panama Kanal zu fahren. Hier kommt der Vermesser an Bord und Leinenhandler werden gesucht.

Die Shelter Bay Marina liegt am Arsch der Heide. Rundherum nur Dschungel. Kein Ort, kein Dorf, keine Infrastruktur. Ein paar Abbruch-Häuser stehen verstreut auf dem Gelände. Hier befand sich mal eine Militär-Basis, die lange verlassen wurde.

Shelter Bay Marina zwei Stunden von Colon entfernt

Shelter Bay Marina zwei Stunden von Colon entfernt

Eine schmale Asphaltstraße führt nach Colon. Mindestens eine Stunde Fahrt. Manchmal auch länger. Über den Kanal kommt man mit der Fähre oder, wenn die Schleusentore grade geschlossen sind, kann man über die Tore fahren. Wenn ein dicker Pott aus der Schleuse kommt, muss die Fähre warten. Das kann dauern.

Die Marina unterhält einen kostenlosen Shuttle-Bus nach Colon.
Immerhin fährt der zweimal am Tag.
Der Bus stoppt an einem lieblosen Einkaufs-Komplex außerhalb vom Colon-Zentrum an einer Ausfallstraße. Dort gibt es ein paar Geschäfte mit Haushaltswaren, Klamotten, den üblichen Handy-Läden und einem Supermarkt. Der Supermarkt ist ganz gut sortiert, die Preise sind angenehm. Der Haken sind die vier Stunden, die man unterwegs ist. Der halbe Tag ist weg für einen simplen Einkauf.

Dieser Einkaufs-Komplex hat nichts Schönes, keine Straßenhändler, die gegrillte Köstlichkeiten verkaufen, keine Atmosphäre, null Spaßfaktor. Oh, geliebtes Santa Marta, ich vermisse dich.

In der Marina gibt es einen kleinen Shop, in dem man ein paar Grundnahrungsmittel erhält.
Na, besser als vier Stunden wegen vergessener Eier mit dem Bus zu fahren.
Und eine gute Wäscherei. Entweder man wäscht selber für 2 USD die Maschine oder lässt waschen.

Daneben gibt es einen Swimming-Pool, der vor allem von den Amerikanern belagert wird.
Die Amis sind überhaupt fit in der Organisation von ’social life‘, das muss man ihnen lassen.
Sie organisieren Wasser-Gymnastik, Yoga und sonntags gibt es einen ‚Pot luck‘ am Gemeinschaftsplatz.
Das ist toll. Es gibt einen Holzkohle-Grill und jeder bringt sein eignes Fleisch mit. Und einen Salat oder eine andere Beilage für die Gemeinschaft. Die Salate werden auf einem Buffet zusammengestellt.

Pool in der Marina

Pool in der Marina

Gemeinschaftsplatz - der beste seit Monaten

Gemeinschaftsplatz – der beste seit Monaten

Letzten Sonntag waren wir bestimmt vierzig Personen und es gab einen Geburtstag zu feiern.
Viele Crews kennen wir bereits. Aus Santa Marta oder auch schon länger, von Grenada oder sonst wo. „Hi, ihr auch hier. Mensch, was für eine Überraschung.“ Dann folgt für uns die Enttäuschung: Auch diese Crew wird in zehn Tagen durch die Schleuse verschwinden.

Wir sprechen mit einigen Yachten, die ebenfalls einen Blitz-Schaden hinter sich haben. Die Geschichten sind ähnlich: Es dauert bestimmt drei Monate bevor wir alles wieder in Ordnung gebracht haben.
Solange wird die Shelter Bay Marina unser zu Hause sein.

Shelter Bay Marina klein, nett, aber abgelegen

Shelter Bay Marina klein, nett, aber abgelegen

Wie geht es jetzt weiter?

Do., 11.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1321, 12.255 sm von HH

Als erstes können wir uns mal glücklich schätzen: wir sind gegen Blitz-Einschlag versichert. Sogar ohne Selbstbeteiligung. Spätestens jetzt wissen wir, dass es sich lohnt, einen weltweiten Versicherungs-Schutz abzuschließen.

Bereits bei unserer Ankunft in der Marina ist uns klar, unser geplanter Aufenthalt von einer Woche ist Geschichte. Die Marina hat Puff-Preise (über 50 USD pro Tag plus Internet plus Strom) und kaum eine Yacht bleibt lange hier.
Wir haben keine Wahl und buchen uns trotzdem direkt für drei Monate ein und erleben eine Überraschung: Die Rabatte sind enorm, 22,50 USD pro Tag sind erträglich.

Unser Glück hält an: In der Marina gibt es Rudi. Rudi ist Holländer, in Elektro-Arbeiten die ‚Number One‘ vor Ort und wohnt drei Stege weiter. Letztes Jahr hat Rudi vier verblitzte Yachten gerichtet.
Rudi ist dem zuständigen Sachverständigen unserer Versicherung bekannt und wird von ihm akzeptiert, uns bei der Reparatur zu helfen.

Vor die Reparatur hat der liebe Gott die Schadenermittlung gelegt.
Jedes defekte Teil muss aufgelistet werden. Ob ein Teil wirklich defekt ist, zeigt sich nicht unmittelbar. Nehmen wir unser UKW-Funkgerät, was uns noch so brav hierher geleitet hat. Es läuft noch und wir können funken, aber verbindet Achim eine GPS-Antenne mit dem Gerät, so wird keine Position mehr angezeigt. Der sichere Beweis, dass das Gerät doch einen Schaden mitbekommen hat.

Häufig bestehen Geräte aus mehreren Komponenten, wie zum Beispiel der Autopilot. Das Bedienteil sagt keinen Ton, wenn man es anschaltet. Ob die dahinterliegende Steuereinheit noch funktioniert, kann man ohne Instrumenten-Display nicht sagen. Ständig sieht man Achim mit Stirnlampe und Multimeter in der Hand durchs Schiff laufen. Ströme messen. Rückwände aufschrauben. Nach Schmauchspuren suche und durchgebrannten Platinen forschen.

Der Multimeter-Mann

Der Multimeter-Mann

Milimeterkleine Defekte - hier weggesprente Kabel

Milimeterkleine Defekte – hier weggesprente Kabel

Welches Teil er auch anfasst, es hat einen weg. Bei der Ankerwinsch ist das Relais durchgeschmort. Beim Wassermacher ist die Vorpumpe defekt. Beim Laderegler für den Windgenerator hat es die Sicherung pulverisiert.

Die schlimmste Arbeit ist es eine Tabelle zu erstellen, mit allen defekten Geräten und Komponenten. Herauszufinden, welches Gerät als Ersatz in Frage kommt, wo wir es bestellen können und was es kostet.
Diese Tabelle besteht schon jetzt aus einer Unmenge an Einzelposten. Ein Wahnsinns-Akt an Internet-Recherche. In Panama gibt es kaum etwas auf Lager zu kaufen. Alles muss bestellt werden und kommt aus den USA oder Europa. Es existieren Dutzende Händler, Marine-Ausstatter und Elektronik-Lieferanten, jedoch alle ohne Ladengeschäft.

Aus dieser Tabelle wird Rudi einen Kostenvoranschlag erstellen, sein Arbeitsaufwand kommt dazu und dann muss nur noch die Versicherung nicken. Vorher möchte sie, dass ein Sachverständiger den Schaden begutachtet. Wieder dieses Glück: In der Marina wohnt Thorsten. Thorsten ist Deutscher und Bootsbau-Ingenieur. Er wird von unserer Versicherung als Sachverständiger akzeptiert.
Thorsten macht gerade Urlaub auf den San Blas Inseln, wird aber in ein paar Tagen hier erwartet.

Nach dem Blitz

Sa., 06.01.2018, Panama/Shelter Bay, Tag 1316, 12.255 sm von HH

Unser Trip nach Colon klappt gut. Es ist ein wenig ungewohnt, keine Navigation zu haben. Durch den Regen der vergangenen Tage ist das Wasser schlammig, Augapfel-Navigation ausgeschlossen. Ich stehe am Ruder, Achim steht unter Deck und leitet mich aus der Riff gespickten Ausfahrt: „weiter links, mehr rechts.“
Die weitere Fahrt ist stressfrei. Vor dem Kanal ist wohl Verkehr, aber auf der Elbe war häufig mehr los. Somit erreichen wir wohlbehalten die Shelter Bay Marina.

Der Schock von gestern klingt ab. Uns ist nichts passiert, das ist das wichtigste.
Als der Einschlag kam, hatte ich erst einen anderen Eindruck: Wir befanden uns beide in unserer Achter-Kabine. Ich wollte eine der Luken komplett verschließen und hatte Achim um Hilfe gebeten, da er die Fliegen-Netze leichter zur Seite gefummelt bekommt.
Er steht mit langen Armen an der Luke als es knallt. Wie vom Blitz getroffen (har har), sackt er in sich zusammen. Ich brülle ihn an: „Bist Du getroffen worden?“ „Nein, alles okay, ich hab mich nur erschrocken.“ Später erzählt er mir, dass er ein Kribbeln in den Händen gespürt hat.
Das Schiff ist komplett nass durch den Regen, da wird wohl etwas Strom geflossen sein.
Aber Mann muss doch deshalb nicht so zusammen brechen und mir den Schock meines Lebens verpassen. Mädchen!

Wenn ein Blitz in den Mast einschlägt, sucht sich der Strom wieder einen Weg nach draußen. Steht man auf Holz oder dem GFK , was nicht leitet, ist Personen-Schaden sehr unwahrscheinlich. Bei Gewitter fasst man somit besser nichts aus Metall an.

Der Strom entweicht üblicherweise durch den Rumpf. Bei GFK-Yachten kann es daher passieren, dass der Blitz kleine Löcher im Rumpf hinterlässt. Wie mit dem Schrott-Gewähr drauf geschossen, sieht das aus.
Wir haben eine Blitzschutzanlage, die dies verhindern soll. Alle Metall-Teile an Deck sind durch einen Metall-Strang miteinander verbunden und dieser endet an einem Erdungs-‚Schwamm‘, der am Rupf unter Wasser angeschraubt ist. Hier soll die gesamte Energie zielgerichtet entweichen.
Das scheint bei uns funktioniert zu haben. Sicher können wir aber erst sein, wenn das Schiff aus dem Wasser zur Begutachtung kommt.
Der Strom nutzt auch gerne Bordventile aus Metall, den Motor, die Welle oder das Ruder, um zu entkommen. Es gibt daher auch Blitz-Fälle, die einen Ausfall des Motors zur Folge haben.

Die unangenehme Nebenerscheinung bei einem Blitz-Einschlag ist der EMP. Der Elektromagnetische Puls. Der kann Geräte, die mit dem Blitz gar nichts zu tun haben, zerstören. Sogar über einige Entfernungen hinweg. Schlägt auf dem Nachbar-Dampfer der Blitz ein, gehen auf dem eigenen Schiff die Lichter aus, wenn’s mal so richtig doof laufen soll.

In der Marina sind wir schnell Dorf-Gespräch: „Ohje, ihr seid die Blitzopfer“. Eine warme Welle der Hilfsbereitschaft rollt uns entgegen. Wir werden durchgefüttert (danke Rebell, danke Seven Seas), erhalten gute Tipps, wer uns helfen könnte, bekommen eMail-Adressen, Visitenkarten und von der Alrisha einen Camping-Kühlschrank, damit wir den Frust wenigstens mit kaltem Bier herunter spülen können. Danke Alrisha.

Und ebenfalls ein fettes Dankeschön an alle Whats-App Schreiber, die vielen netten Kommentare und an alle, die getröstet haben. Das hilft sehr.

Vom Blitz getroffen

Fr., 05.01.2018, Panama/Puerto Lindo, Tag 1315, 12.224 sm von HH

Der Einschlag erfolgt um 5:33 Uhr. Ein ohrenbetäubender Schlag genau über uns.
Wir stürzen in den Salon. Dort rieht es, als ob der Teufel persönlich zu Besuch vorbei gekommen wäre. Verschmort, nach schwelendem Plastik, teuflisch.

Achim springt sofort zu den Schaltschränken. Der erste Blick sagt alles. Wir sind direkt getroffen worden.

verkohlter Antennen-Splitter

verkohlter Antennen-Splitter

 

Bereits seit einer Stunde sind wir wach. Halten Ankerwache, falls wir oder einer unser Ankernachbarn auf Drift geht. Um uns herum wird der Weltuntergang geprobt. Es gießt wie aus Eimern, die Sicht beträgt kaum 100 Meter. Und Blitze. Im Zehn-Sekundentakt kommen sich herunter.
Und dann dieser Knall.

Als es hell wird und wir sicher sind, dass nicht noch ein Schwelbrand hinter einem Schrank schlummert, gehen wir auf Fehlersuche. Fast alle elektrischen und elektronischen Geräte sind kaputt: Tiefenmesser, Plotter und Autopilot. Der Windgenerator dreht nur noch müde vor sich hin, das gesamte Zubehör für den Kurzwellenfunk ist tot.
Wie durch ein Wunder haben die Handy, Pads und Laptops überlebt. Das UKW-Funkgerät, unser Autoradio und der Barograph.

Eine Katastrophe. Der Super-Gau. Alles hin. Nicht nur die Geräte, auch unsere Pläne. Mit einem einzigen Schlag ist alles anders.

In Puerto Lindo können wir mit diesem Schaden nicht bleiben. Hier gibt es zwar die kleine Werft. Aber wir sind drei Stunden Autofahrt von Colon entfernt und ernsthaft, hier kann man ja nicht mal mit Kreditkarte bezahlen.
Wir beschließen nach Colon zu fahren in die Shelter Bay Marina.
Aber wie kommen wir hier weg?

Der Plotter ist hin. Aber da die Laptops laufen, haben wir eine Navigation. Schon lange haben wir überall Backups für so einen Notfall aufgespielt. Auf allen Laptops ist OpenCPN mit CM93 und Bauhaus Karten installiert.

Bleibt noch der Funk. Das UKW-Gerät funktioniert, aber wir haben keine Antenne mehr. Die hat der Blitz vom Mast gesprengt. Scherben vom Toplicht, was ebenfalls explodiert ist, finden wir an Deck verstreut. Die Antenne ist verschwunden.

Hier steckte mal eine Antenne

Hier steckte mal eine Antenne

 

Das versprengte Top-Licht

Das versprengte Top-Licht

Die Kanal-Aufsicht möchte, dass man sich 10 Meilen vor Annäherung an den Kanal per Funk anmeldet. Der Schiffsverkehr dürfte dort beträchtlich sein. Alle wollen durch das Nadelöhr. Wenn dann noch die Sicht so schlecht ist, wie heute, können wir ohne Funk dort nicht gefahrlos fahren. Unser AIS Signal ist mit der Antenne zusammen verschwunden.

Wir brauchen eine Ersatz-Antenne. Achim kann unmöglich in den Mast klettern. Es regnet den ganzen Tag sintflutartig. Elekrto-Arbeiten sind unmöglich. Außerdem steht ein grauenhafter Schwell in der Bucht. Wir krängen 10 Grad zu jeder Seite. Der Mast schlägt sicher drei Meter aus – zu jeder Seite. Zum Glück schlummert am Heckkorb unsere UKW Notfallantenne. Die war eigentlich für den Fall vorgesehen, falls man mal gar keinen Mast mehr hat. :mrgreen:

Achim polt das Funkgerät auf diese Antenne um und: voila! Unsere Funk-Reichweite dürfte nun drei Meilen betragen. Keine zehn Meilen mehr wie sonst, aber besser als nichts. Damit können wir es in den Kanaleingang wagen.

So gerüstet können wir Morgen die dreißig Meilen nach Colon antreten.

Während Achim bastelt, bereite ich für Morgen einen Kartoffel-Salat vor. Der Schwell ist so heftig, dass ich die Verriegelung vom Herd lösen muss, damit der Herd kardanisch schwingt und ich überhaupt Kartoffeln kochen kann.
Der Salat ist fertig und beim Wegräumen der Gurken höre ich es hinter mir klatschen. Die Schüssel liegt umgedreht auf dem Boden. Der Salat schwimmt grade davon. Die Soße läuft zwischen die Bodenbretter
Schnell schaufel ich alles in die Schüssel zurück. Hey, in diesem Salat stecken unsere letzten zwei Eier und die vorletzten Kartoffeln. Ich halte es mit der ‚Verzweifelte-Hausfrauen -Regelung‘: „Was keine fünf Sekunden auf dem Boden gelegen hat, ist noch essbar.“
Während ich so den Salat in die Schüssel racke, kommt mein unbeaufsichtigtes Gurkenglas ins Rutschen. Das Essigwasser findet seinen Weg direkt in den Kühlschrank, den ich grade gestern ausgewischt habe.

Bis zu dem Zeitpunkt konnte ich noch alles ertragen, jetzt fließen die ersten Tränen. Worte über die Stimmung an Bord erspare ich mir. ;-)