Archiv der Kategorie: Atanga

Baños – im Süden der Allee der Vulkane

Mo.,09.Jul. 18, Ecuador/Baños Tag 1500, 13.337 sm von HH

Aktion ‚rote Blutkörperchen züchten‘ läuft. Gleich beim ersten Ausflug verdoppelt sich meine Anzahl. Was der Wanderführer als leichten Spaziergang deklariert, entpuppt sich als schweißtreibender Ausflug.Und dann kommt auch nach der halben Strecke auch die Sonne raus. Ich verfluche das Hemdchen unter dem langärmeligen T-Shirt, unter dem Fleece, unter dem Windbrecher.
Der Rucksack schwillt zum Ballon durch die ganzen abgelegten Klamotten.

Morgens habe ich das alles noch gebraucht. Mit leichtem Niselregen und gefühlten 10 Grad empfängt uns Baños. Unsere Nachtfahrt verläuft mittelprächtig: Mein Sitz lässt sich nicht nach hinten verstellen, ausweichen ist nicht, alle Plätze sind belegt. Dazu ist es kalt wie im Eisschrank und eine Mitfahrerin meint, den ganzen Bus mit ihrem Telefonat unterhalten zu müssen. Kennen wir alle, diesen Typ. Die bauen sich in der S-Bahn auf und prädigen, was für ein toller Hengst sie doch sind. „Nachher habe ich eine Video-Konferenz mit Singapore und mein Kollege Frank ist der größte Idiot aller Zeiten.“ Die junge Frau schrillt mit ihrer Stimme den Bus zu und erzählt ihrer Freundin in Echtzeit das geschen der letzten Woche.
Der Rest der Fahrt ist dann okay. Einmal umsteigen, klappt prima und bereits um 6:00 Uhr morgens stehen wir vor unserem Hostal. Bei besagtem Nieselregen. Zum Glück ist unser Zimmer schon frei und wir sind herzlich willkommen zu dieser Unzeit. Und um 8:00 gibt es sogar ein Frühstück geschenkt.

Das miese Wetter nutzen wir, um den 18.000 Einwohner-Ort zu erkunden. Eine Schönheit ist der Ort nicht. Typico equadorianisch ebenfalls nicht mehr. Dazu kommen zuviele Touristen nach Baños. Zum Moutain-Biken, Bungee Springen und Rafting.
Baños liegt eingekesselt in ein schmales Tal, umgeben von sensationeller Landschaft. Die versteckt sich noch im Nebel. Vom Tungurahua, einem sehr aktiven Vulkan, der über Baños trohnt, ist nichts zu sehen. Im Ort gibt es allerdings Hinweisschilder mit der Flucht-Route im Falle eines Ausbruchs.
Unregelmäßig, alle paar Monate, meldet sich der Tungurahua mit lautem Grummeln oder einer Aschewolke zu Wort.

Unzählige Wasserfälle gib es in und um Baños

Unzählige Wasserfälle gib es in und um Baños

Friedhof von Banos
Gemüse- und Obstsäfte für kleines Geld
Banos - eingekesselt von Bergen

Kirchenportal

Kirchenportal

Nach dem Mittag lockert es auf und wir entscheiden uns, diesen ‚Spaziergang‘ zu unternehmen.Der Weg ist einfach, aber mörderisch steil. Wir forschen nach einer Abkürzung, die sich in einem Nebenweg anbietet. Nein, Fehlanzeuge, die Bauersleute auf die wir treffen, schicken uns zurück auf den fiesen Weg. Hier nur privado.Wir beißen uns durch. Der Lohn ist eine schöne Sicht auf Baños und rote Blutkörperchen.

Baños - malerische Lage

Baños – malerische Lage

 

Achim fragt nach eienr Abkürzung
Sieht harmlos aus, ist aber steil wie die Hölle

Rundreise in Ecuador

So., 08.Jul. 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1499, 13.337 sm von HH

Überraschend geht es bereits heute Abend los. Bei einem zweiten Besuch am Busbahnhof hat Bahía dann doch noch seine Geheimnisse über Busfahrzeiten gelüftet: die günstigste Verbindung für uns ist der Nachtbus. Wir werden knapp zehn Stunden zum ersten Ziel nach Baños unterwegs sein (auf einmal ist das vermeintliche kleine Land doch ganz schön groß).

Unsere Route ist maßgeblich von der Höhenlage unserer Wunschorte geprägt. Damit wir uns gut an die hohen Lagen gewöhnen, wollen wir uns langsam steigern. Zur Vermeidung von Höhenkrankheit wird geraten, nicht höher als 800 Meter als am Vortag zu übernachten.

Die beiden parallelen Andenketten, die in Längsrichtung durch Ecuador verlaufen, liegen nur ca. 30 bis 40 Kilometer auseinander. Dieses 250 Kilometer lange Hochbecken wird nach Humboldt die ‚Avenida de los Vulkanos‘ genannt. Die Allee der Vulkane.
Nirgends auf der Welt gibt es so eine geballte Vulkandichte wie in Ecuador. Ein Drittel der 73 Vulkane Ecuadors liegen auf diesem Abschnitt zwischen Quito und Riobamba. Die meisten noch aktiv, viele über 5.000 Meter hoch. Da ist es nicht so leicht ein Plätzchen für uns Normal-Null Lungenatmer zu finden. Quito als höchste Hauptstadt der Welt scheidet als Startpunkt aus. Bei knapp dreitausend Metern soll Schnappatmung vorprogrammiert sein, sobald man sich in den steilen Gassen bewegt.

Wir versuchen also zunächst nach Baños (1.800 m) zu gelangen. Dort züchten wir die ersten vier Tage zusätzliche rote Blutkörperchen und arbeiten uns dann langsam hoch.
Drei Wochen haben wir geplant für Vulkane in großartiger Anden-Landschaft, für indigene Märkte und koloniale Altstädte. Wir hoffen auf Lamas, Guanakos und Alpakas zu treffen, und auf wilde Meerschweinchen, der Grill-Delikatesse Ecuadors. Außerdem besteht Hoffnung auf einen Kondor und auf warmes Wasser in den Unterkünften. Dem wichtigsten Punkt bei der Wahl des Hostals. Nachts wird es bitterkalt in den Bergen. Seit Tagen suchen wir Mützen, dicke Jacken und Handschuhe hervor. Alles Klamotten, die eingeschweißt in den Tiefen des Schiffsbauchs verschwunden waren.

Eiskalte Tropen am Äquator warten auf uns. Wir freuen uns auf eine ganz neue Erfahrung und laden Euch ein: seid mit dabei, wir versuchen von unterwegs zu berichten.

Ecuador Rundreise

Ecuador Rundreise

Neues Video online: durch den Panamakanal

Sa., 07.Jul. 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1498, 13.337 sm von HH

Ich hinke wie immer etwas her, aber jetzt ist das Video über unsere Passage durch den Panamakanal doch noch vor unserer Landreise fertig geworden.
Die meisten Aufnahmen stammen von unserer eigenen Durchfahrt. Außer die Anfahrt unter der halbfertigen Brücke und durch den Gatun See. Diese Szenen sind auf der ‚Lalamanzi‘ entstanden als ich bei Muzzi und Rob als Linehandler mitgefahren bin.
Falls sich jemand wundert, warum wir plötzlich auf einem dicken Katamaran unterwegs sind – alles nur Show.

Viel Spaß bei der Fahrt durch den Kanal.

Verrücktes Treffen in Bahía

Di., 03.Jul. 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1494, 13.337 sm von HH

Achim hat einen Ex-Kollegen Martin. Martins Frau stammt aus Ecuador. Die beiden machen gerade Urlaub im Nachbarort Canoa zusammen mit ihren drei Söhnen. Zusätzlich dabei sind der Vater, Bruder und Schwägerin aus Quito. Also volles Haus. Mit einem Mini-Bus tuckert ‚La Familia‘ zu uns rüber nach Bahía, um die ‚Verrückten‘ in ihrem kleinen Segelboot kennen zu lernen. Als wir in Ecuador angekommen sind, hat Achim Martin gefragt, ob er zufällig dieses Jahr wieder in das Heimatland seiner Frau fahren würde. Tja, und gut drei Wochen später sitzen wir an einem Tisch.
Die Welt ist eben doch nur ein Nest. Martin lädt uns alle zum Mittagessen ein und wir verbringen einen unterhaltsamen Nachmittag im quirligen Dreisprachen-Mix.
Herzlichen Dank an die gesamte ‚Familia‘.

La Familia von Martin (und wir)

La Familia von Martin (und wir)

Aus erster Hand erfahren wir, wo es in Quito das beste Eis gibt und welche Touristenfallen wir meiden sollen. Das kommt gerade recht. Meine Organisation unserer Landreise ist bereits weit fortgeschritten. Die Planung gestaltet sich schwieriger als gedacht. Ecuador ist relativ klein, nur so groß wie Deutschland ohne Bayern und Niedersachsen. Eine Anreise per Flugzeug wie in Mexiko und Kolumbien wird nicht nötig sein.

Die Haupt-Schwierigkeiten bei der Planung bereiten die Berge. Ecuador wird in Nord-Süd-Richtung von zwei Kordilleren der Anden dominiert und bilden eine der spektakulären Attraktionen des Landes. Diese Gebirgsketten nehmen ein Drittel des Landes ein und haben eine mittlere Höhe von über 3.000 Metern. Wer hier nicht auf dem letzten Loch pfeifen will , muss sich akklimatisieren. Ab 2.500 Metern droht die Höhenkrankheit. Durch langsame Steigerung der Höhe kann man dem Entgegen wirken. Aber wo beginnt man eine Tour, wenn alles so verflixt hoch gelegen ist?
Und wie soll die Tour verlaufen, wenn wir nicht in die Ebene zurück wollen?

Wie in Südamerika üblich wird jedes Dorf mehrmals täglich von Bussen angefahren. Allerdings von diversen Busgesellschaften, deren System nur schwer durchschauen ist. Bahía ist nicht gerade der Nabel Ecuadors und alle Wege führen über Quito. Mit der höchstgelegensten Hauptstadt der Welt auf 2.800 Metern wollen wir zur Vermeidung der Höhenkrankheit nicht beginnen.
Ich finde mit ‚Baños‘ einen geeigneten Ort auf 1.800 Metern. Allerdings ist noch unklar, wie wir dort hingelangen können. Widersprüchliche Angaben erhalte ich im Internet und am Busbahnhof.
Montag soll es los gehen. Bleiben noch ein paar Tage Zeit zur Recherche und den Ecuadorianern ihr Geheimnis der Busverbindungen zu entlocken.

Ecuador wird durch die Anden in zwei Hälften geteilt. Schwierig zu überwindende natürliche Hindernisse.

Ecuador wird durch die Anden in zwei Hälften geteilt. Schwierig zu überwindende natürliche Hindernisse.

Fischer am ‚Rio‘ Chone

Fr., 29.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1490, 13.337 sm von HH

Fischer soweit das Auge reicht. Auf der Jagd nach Garnelen, Wels und Thunfisch. Wieder andere sammeln Austern und kleine, schwarze Muscheln.
Der Rio Chone ist die ersten Kilometer ein schlanker Meeresarm gefüllt mit Brackwasser. Mit Süßwasser wird er durch den echten Rio Chone gespeist, eher ein Bach als ein richtiger Fluss. Durch den Gezeitenwechsel fühlen sich sowohl Salz- als auch Süßwasserfische wohl. Das ruft die Fischer auf den Plan. Den ganzen Tag fahren sie in ihren kleinen Booten an uns vorbei.

Das Ufer vom Chone fällt bei Ebbe großflächig trocken

Das Ufer vom Chone fällt bei Ebbe großflächig trocken

Schlickrutscher

Schlickrutscher

Fischer auf dem Chone

Fischer auf dem Chone

Einen Vater mit seinem Sohn können wir von der Brücke aus beobachten. Anderthalb Fische sind ihre mickrige Ausbeute. Nicht genug, um den Sprit für den Außenborder zu finanzieren.
Auf dem Markt kostet ein Kilo Garnelen 5 EUR. Fisch sogar nur 3 EUR. Unsere Beobachtung muss ein schlechtes Beispiel gewesen sein, anders ist es nicht zu erklären.

Viel Arbeit für 2 Fische

Viel Arbeit für 2 Fische

 

In unserem Dinghy haben wir mehrfach morgens einen toten Fisch und sogar schon eine Garnele gefunden. Die Fregattvögel und Pelikane hauen sich den ganzen Tag die Bäuche mit Fisch voll. Es scheint noch genug Fisch für alle zu geben.

‚Encebollado‘ ist das typische Gericht der Küstenbewohner in Ecuador. In einem kräftigen Sud aus Maniok (oder Yucca) plus roten Zwiebeln, Tomaten und Kreuzkümmel wird Thunfisch-Filet gegart.
Abgerundet wird mit frischem Koriander und es gibt ein Beutelchen frittierte Bananen-Chips dazu.
Hierbei handelt es sich nicht etwa um ein kräftiges Mittagessen. Von unserem Ankerplatz aus können wir eine der ‚Encebollado‘-Buden beobachten. Bereits um 7:00 Uhr morgens findet die Suppe reichlich Abnehmer. Mittags um 12:00 ist der Laden bereits wieder geschlossen
Ein Selbsttest zeigt, dass Fischsuppe zum Frühstück gewöhnungsbedürftig ist. Schmackhaft, aber die falsche Tageszeit.

Gut besuchte Encebollado-Bude - hier gibt es den kleinen Teller für 2 USD

Gut besuchte Encebollado-Bude – hier gibt es den kleinen Teller für 2 USD

Fischsuppe zum Frühstück

Fischsuppe zum Frühstück

Das Brackwasser des Chone und anderer Flüsse an der Küste ist die ideale Voraussetzungen für die Garnelenzucht. Rechts und links des Chone steht nur noch ein schmaler Mangrovengürtel, der Rest wurde abgeholzt, um Platz für Zuchtbecken zu schaffen. In Ecuador sind bereits Zweidrittel der Mangrovenwälder vernichtet. Die Bauern, die vorher hier Landwirtschaft betrieben, wurden umgesiedelt. Wichtige Brutstätten für Jungfisch vernichtet. Ecuador ist einer der größten Garnelen-Lieferanten weltweit.

Aber es geht ein Ruck durch das Land. Vor ein paar Jahren wurde mit feinmaschigen Netzen vor der Küste Jagd auf Garnelen-Brut gemacht. Von diesem Wildfang überlebt nur knapp 50 Prozent, um zur erntefähigen Garnele zu wachsen. Heute werden die Becken mit Zucht-Jungtieren bestückt und der Bestand im offenen Ozean geschont. Es gibt vielerorts Bemühungen die Mangroven wieder aufzuforsten und einige Zuchtfarmen verzichten bereits komplett auf den Einsatz von Antibiotika.
Die moderne Garnelen-Zucht in Ecuador setzt auf ‚Öko-Siegel‘.

Mit dem Fahrrad unterwegs: Die Reihenhäuser der Fischer - aufgebrochene Straßen durch Erdbeben

Mit dem Fahrrad unterwegs: Die Reihenhäuser der Fischer – aufgebrochene Straßen durch Erdbeben

Ausflug nach Canoa

Mo., 25.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1486, 13.337 sm von HH

Mit dem Bus sind es 30 Minuten zum ’schönsten Strand‘ Ecuadors. Kann man das glauben? Wirbt doch jeder Ort, dass sein Strand der Schönste sei. Mit den Crews der Breakaway und Taitonga (den letzten bewohnten Schiffen vor Ort) wollen wir uns selber überzeugen.
Südamerikanisch üblich kommt alle paar Minuten ein Bus und für kleines Geld werden wir nach Canoa geschaukelt.

Der Tourismus, hauptsächlich kommen neben den Einwohnern Quitos noch Argentinier und Chilenen zum Urlaub machen, schläft. Der Strand ist abgesehen von ein paar Fischern noch leer. Wir sind zu früh. Die Sonne steckt noch hinter fetten Wolken. Vor Mittag wird sie es nicht schaffen ein paar wärmende Strahlen zu schicken. Ecuador ist ein Ferienparadies für Langschläfer.

Morgens gehört der Strand noch den Fischern

Morgens gehört der Strand noch den Fischern

 

Den Fischern ist das egal. Die ganze Familie ist wach, um das Boot mit vereinten Kräften ins Wasser zu rollen. Geschütze Buchten, gar einen Hafen gibt es nicht. Der achtzehn Kilometer lange Strand endet in Steilküste. Wer hier fischen will, muss durch die rollende Dünung. Flach steigt der Strand bei Ebbe an. Heute sei das Meer ruhig, erzählt mir ein Junge, der Hängematten vermietet. Bei ruhiger See werden hauptsächlich Shrimps gefangen, bei rauer See überwiegend Fisch.

Wellenbretter und kleine Buden mit Liegestühlen stehen zwischen den Fischerbooten

Wellenbretter und kleine Buden mit Liegestühlen stehen zwischen den Fischerbooten

Zwei bis drei Fischer sitzen im Boot, weitere zwei Jungs werden zum Anschieben durch die Wellen benötigt. Um ins tiefere Wasser zu gelangen, wird sich zuerst mit Stangen vorwärts gestakt bis der Außenborder in Wasser gelassen werden kann. Wehe dieser springt nicht gleich an. Die nächste Welle trägt das Boot sofort ins Flache zurück. Die Schiebe-Jungs müssen aufpassen, dass sie nicht überrollt werden. Der Außenborder-Mann muss aufpassen den Außenborder rechtzeitig wieder hochzuziehen. Man mag sich den Stress nicht bei rauer See vorstellen.

Die ganze Familie hilft mit

Die ganze Familie hilft mit

 

Einige haben nur Holzstämme zum vorwärts rollen

Einige haben nur Holzstämme zum vorwärts rollen

Komfortabler geht es mit einer Achse und zwei Rädern

Komfortabler geht es mit einer Achse und zwei Rädern

Jetzt kommt der Außenborder zum Einsatz

Jetzt kommt der Außenborder zum Einsatz

Wenn der Außenborder mal läuft, wird geschickt parallel zu den Wellen Speed aufgenommen. Eine Vermeintliche Lücke in der Brandung wird genutzt, um ins offene Wasser zu gelangen.
Jetzt schon wieder aufpassen: die ersten Wellensurfer sind bereits im Wasser.

Sportlich über die Brandung

Sportlich über die Brandung

Schwimmer müssen die Köpfe einziehen

Schwimmer müssen die Köpfe einziehen

Weiter im Norden Ecuadors sind 90% der männlichen Bevölkerung wirtschaftlich anhängig vom Fischfang. Alternative Arbeitsangebote gibt es kaum. Fast die Hälfte der Einwohner lebt unter der Armutsgrenze. Canoa bietet ein paar Möglichkeiten im Tourismus: Strandbude oder Wellenbrett- und Hängemattenverleih.
Beim Erdbeben vor zwei Jahren stürzten fast alle Bretterbuden an der sandigen Uferpromenade ein. Hilfe von der Regierung gab es zunächst nicht. Man wollte damit erzwingen, dass die Menschen sicher weiter im Landesinneren ansiedeln. Jetzt scheint sich die Lage etwas entspannt zu haben. Ein Ort mit Atmosphäre. Ein kultiger Mix aus Fischerdorf und Touristen-Meile.

Schönheiten liegen am Strand

Schönheiten liegen am Strand

Canoa - sympathischer Touristenort mit uriger Gelassenheit
Sanddollar
Canoa - mit der Sonne kommen die Gäste

Klimapumpe Humboldtstrom

So., 24.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1485, 13.337 sm von HH

Grau, grau, grau, so zeigt sich jeden Tag der Himmel. Ständig sieht es nach Regen aus, ohne dass ein Tropfen fällt. Mittags kommt mal die Sonne durch für zwei, drei Stunden. Das bedeutet nicht automatisch, dass sich blauer Himmel zeigt. Die Wolkendecke reißt nicht auf, der Himmel bleibt auch in den guten Stunden milchig grau.
Die Temperaturen steigen nicht über 25 Grad. Luft und Wasser sind identisch. Achim, die alte Frostmemme, sitzt mit seinem dicksten Faserpelz im Cockpit. Ich komme noch mit einem langärmligen Shirt aus. Der ‚eiskalte‘ Wind lässt uns schaudern. Nachts kühlt es auf 20 Grad runter, Deckenpflicht. Also bitte, wir sitzen fast auf dem Äquator. Nur im Ort ist es deutlich wärmer, dort können wir uns eine Jacke sparen.

Frostgefühl bei 25 Grad

Frostgefühl bei 25 Grad

Wo sind wir bloß gelandet? Jetzt wo man es weiß, finden sich überall Hinweise. Selbst im Reiseführer lese ich die Warnungen: „An der Küste zeigt sich manchmal über Monate nicht die Sonne.“
Die niedrigen Temperaturen stören nicht, machen sie doch das Leben beim Kochen und Schlafen um einiges leichter. Die fehlende Sonne schlägt etwas aufs Gemüt.

Und wer ist schuld? Der Humboldtstrom. Ist ja nicht so, dass wir es nicht gewusst haben.
– Der Humboldtstrom fließ parallel zur Südamerikanischen Westküste. Check.
– Er ist 7 bis 8 Grad kälter als der offene Ozean auf gleicher Breite. War bekannt.
– Die Luft wird durch die niedrige Wassertemperatur ebenfalls abgekühlt. Logisch.
– Die kühle Luft über dem Meer kann nur wenig Feuchtigkeit aufnehmen. Die für die Tropen typischen Regenfälle bleiben an Land aus. Ja, kannte man, schon von gehört, die trockensten Wüsten der Welt liegen in an der Westküste Südamerikas. Für unser Wohlbefinden eher uninteressant.
– Bedingt durch den Temperaturunterschied der Luftschichten kommt es häufig zu Nebel-und Wolkenbildung an der Küste. Aha, schön drüber weg gelesen, einfach ignoriert, nicht wahrgenommen. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Vor zwei Jahren in Französisch Guyana haben wir uns noch den Hintern abgeschwitzt. Nur ein paar Kilometer nördlich des Äquators. Tropische Regengüsse, üppige Natur und feuchte Nächte erfüllten alle Tropen-Klischees. Ein faszinierender Unterschied.
Alexander von Humboldt war übrigens der erste, der einen Zusammenhang zwischen dem kalten Meeresstrom und er Wüstenbildung erkannte. Daher wurde das kalte Wasser aus der Antarktis nach ihm benannt.

Jetzt hängen wir also unter unserer privaten Dauerwolke. Zu ändern ist es nicht. Gene meint, dass es bald besser werden müsste. Im Sommer gäbe es mehr Sonnentage und Sommer beginnt ab Juni.
Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Dauerwolke über Bahía

Dauerwolke über Bahía

Bahía de Caráquez

Do., 21.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1482, 13.337 sm von HH

Bahía hat, wie gesagt, keine touristischen Highlights.
Das Dollste, was man im Ort machen kann, ist auf den Hausberg zu steigen. Dort steht ein überdimensionales Kreuz mit einer Wendeltreppe im Inneren.
Die Stufen zum Aussichts-Kreuz verheißen schon nichts Gutes. Auch hier hat das Erbeben vor zwei Jahren große Schäden hinterlassen.

Treppe zum Aussichts-Kreuz

Treppe zum Aussichts-Kreuz

Viel Zutrauen entwickeln wir nicht zu dem Kreuz. Mit Gott-Vertrauen versuchen wir unser Glück, der Rundblick scheint verlockend. Auf den seitlichen Auslegern rufen wir uns ‚Verhalten im Falle eines Erdbebens‘ ins Gedächtnis. Die Risse in der gesamten Konstruktion sind alarmierend.
Beinahe täglich soll es draußen vor der Küste rumpeln, wie diese interessante Seite verrät. Meistens sind es nur kleine Stöße, die am Festland kaum mehr zu spüren sind.

Aussichts-Kreuz mit Tücken

Aussichts-Kreuz mit Tücken

Kleines Ankerfeld im Rio Chone

Kleines Ankerfeld im Rio Chone

Bahía macht trotz (oder gerade wegen) seiner Schlichtheit Spaß. Die Menschen sind ultra freundlich, rufen ihre Hunde zurück, damit die nicht so auf uns einbellen, wenn wir sie passieren. Jede der Hütten am Berg hat mindestens zwei Hunde. Manchmal sogar eine ganze Handvoll.
Die Leute grüßen und winken als wir durch ihr Viertel kommen. Die meisten sind Mestizen, eine Mischung aus Ureinwohnern und Europäern. Schwarze sieht man kaum in Bahía.

Die Kirche ist aus rosa und hellblauem Wellblech - gewagtes Design

Die Kirche ist aus rosa und hellblauem Wellblech – gewagtes Design

Nur ungefähr 70% der Einwohner Ecuadors sind katholisch

Nur ungefähr 70% der Einwohner Ecuadors sind katholisch

Der Ort ist auffällig sauber, es gibt kaum Schmuddel-Ecken und selbst der Gemüse-Markt sieht ständig frisch gefegt aus. Die Preise sind niedrig (Ein Kilo Tomaten gibt es für 50 Cent), die Auswahl ist groß: Neben Radieschen und Brokkoli liegen die Exoten wie Maracuja und Drachenfrucht. Leinsamen, Sesam und Hülsenfrüchte aller Art werden lose angeboten. Alles ist frisch und knackig. Nur fünf Minuten Fußweg und ich bin im Einkaufshimmel. Wir zahlen das gleiche wie die Einheimischen, einen Langnasen-Aufschlag gibt es nicht.
Auf der anderen Seite der Marina gibt es einen großen Supermarkt, der nicht die größte Auswahl hat, aber doch genug, um zufrieden zu sein.
Die Menschen sind närrisch nach Fotos. Sobald ich meinen Fotoapparat hebe, wird gewunken und sich in Pose geworfen. Wer zufällig vor der Kirche steht und meine Knipserei mitbekommt, bedankt sich, dass ich ein Foto von ihn (? okay, kann man so sehen) gemacht habe.

Man achte auf den sauberen Fußboden auf dem Markt. Das haben wir schon ganz anders gesehen.

Man achte auf den sauberen Fußboden auf dem Markt. Das haben wir schon ganz anders gesehen.

Erdbeeren, Bohnen, Melonen, Brokkoli, der Markt gibt alles her

Erdbeeren, Bohnen, Melonen, Brokkoli, der Markt gibt alles her

Fußball können wir in einer Sports-Bar gucken und beim Friseur war ich ebenfalls schon.
Open-Air-Buden meide ich seit Mexiko  Unvergessen: Mexiko und wähle einen richtigen Salon neben dem Supermarkt. Für 11,50 USD gibt es Waschen, Schneiden, Föhnen, wie ein Aushang verspricht. Alles sieht nach europäischem Standard aus. Trotzdem bekomme ich die Haare mit kaltem Wasser gewaschen. Mein Misstrauen wächst. Die Friseurin lacht mich an als ich meine Brille auf die Ablage lege: „Oh, meine Augen sind auch schlecht, in der Nähe sehe ich nix“. Warum trägt sie dann keine Brille als sie anfängt zu schneiden? Ich erwarte eine Katastrophe.
Zu Unrecht. Ich meine, ich habe den besten Schnitt seit Lissabon. Geht doch. Bahía, ich glaube wir werden dicke Freunde.

Der erste gute Haarschnitt in Übersee
Schöner Platz für unsere Räder in der Marina
Kindergeburtstag und sofort wird gewunken

 

Warum Bahía de Caráquez?

Di., 19.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1480, 13.337 sm von HH

Bahía ist ein 15.000-Seelen-Kaff ohne besondere Highlights.
Vor zwei Jahren hat ein schweres Erdbeben 70% aller Häuser in Mitleidenschaft gezogen. Sämtliche Hochhäuser -achtstöckig gilt hier schon als Hochhaus- sind unbewohnbar zerstört.
Das Beben hat einen kleinen lokalen Tourismus zum Erliegen gebracht. Die Wunden des Erdbebens sind lange nicht verheilt und an vielen Fassaden deutlich sichtbar.
Mit einem Ausschlag von 7,8 ereignete sich das Beben direkt vor der Küste im Norden Ecuadors und richtete in der gesamten Küstenregion große Schäden an. Ein befürchteter Tsunami blieb aus.

Bei der Anfahrt auf Bahía de Caráquez

Bei der Anfahrt auf Bahía de Caráquez

Erbebenschäden
Unbewohnbare Hochhäuser werden abgerissen und neue sind im Aufbau
Jedes Haus weißt solche Schäden auf

Ecuador gilt als eines der Erdbeben gefährdetsten Länder der Erde. Vor der Küste drängt sich die Nazca-Platte mit einer Geschwindigkeit von acht Zentimetern im Jahr unter die Südamerikanische Platte. Zusätzlich sorgen noch neun aktive Vulkane für seismographische Erschütterungen.
Die Verschiebung der Nazca-Platte ist verantwortlich für die Auffaltung der Anden, die sich nur 200 Kilometer hinter uns bis auf fast 7.000 Meter erheben.

Warum Bahía de Caràquez? Die Antwort ist einfach: weil es der einzig bezahlbare Ort für uns in Ecuador ist. Ein paar Kilometer südlich gibt es eine Marina mit der Option, die Einrichtungen eines angeschlossenen Resorts zu nutzen. Zu teuer. Über 900 USD möchte man dort monatlich sehen. Für eine kurze Zeit ist das okay, für ein halbes Jahr deutlich zu viel.

Ein Segler-Paradies ist Ecuador nicht. Vorgelagerte Inseln oder eine Küstenlinie mit sicheren Buchten gibt es kaum. Die Küste Ecuadors wird von dem ungebremsten Pazifik überrollt. Im Süden gibt es gar einen berühmten Wellenreiter-Hotspot.
Die Küstenorte bieten Seglern keinen Unterschlupf. In Manta ist die Fischerei-Flotte von Ecuador stationiert. Fünftausend Boote sind dort registriert. Schwimmende Hightech-Fischfabriken, Kutter und kleine Motorboote strömen von dort auf den Pazifik. Im Ort wird in Fischfabriken der Fang verarbeitet. Manta ist Industrie dominiert und sicherlich keine attraktiver Standort auf Dauer.
Guayquil, noch südlicher, ist eine 3,5 Millionen Stadt, deren geschützte Bucht alle Nachteile einer Großstadt mit sich bringt: schmutziges Wasser und große Distanzen.

Daher haben wir uns für Bahía entschieden. Mit 300 USD monatlich sind die Mooring-Bojen auch kein Schnäppchen. Dafür liegen wir mit einer Bug-und Heckmooring vertäut, die ein Wechsel unserer Lage bei Ebbe und Flut verhindern. Die Strömungen sind beträchtlich, in beide Richtungen fließt das Wasser zeitweise mit 2,5 Knoten.

Für 300 USD gibt es ein prima Internet, heiße Duschen, einen vernünftigen Dinghy-Steg und Wäsche-Service gegen Gebühr. Am Steg dürfen wir kostenlos Brauchwasser in Kanistern holen (unseren Wassermacher haben wir still gelegt. Wie üblich bringt auch der Chone eine Menge Sediment aus den Bergen mit und die Filter wären schnell verstopft. Außerdem gehen wir bald auf Tour und dann muss er sowieso eingemottet werden).

Ein Platz für unsere Fahrräder zum Unterstellen hat sich auch schon gefunden. Das Restaurant bietet zu guten Preisen Hamburger mit Pommes und Artverwantes. Und am Wochenende soll es sogar richtiges Essen geben, was gut schmeckt. Gene, ein ehemaliger US-Soldat und jetzt Besitzer der Marina ist ausgesprochen hilfsbereit und freundlich.

Beschauliches Bahía

Beschauliches Bahía

Touristen gibt es keine mehr auf der Promenade nach dem letzten Beben trotz kilometerlagem Flussstrand - im Hintergrund - vor der Brücke- die Marina

Touristen gibt es keine mehr auf der Promenade nach dem letzten Beben trotz kilometerlagem Flussstrand – im Hintergrund – vor der Brücke- die Marina

Marina Amistad in Bahía de Caráquez

Marina Amistad in Bahía de Caráquez

Einklarieren in Ecuador

Di., 12.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1472, 13.337 sm von HH

Am Tag nach unserer Ankunft kommen die Offiziellen an Bord: Vier Mann und eine Frau werden mit einem kleinen Kahn zu uns gebracht. Eine wilde Fragerei prasselt auf uns ein. Die Dame von ‚Gesundheit‘ lässt sich unsere Medikamente zeigen und erkundigt sich, wogegen sie sind. Ein Schapp mit Vorratsdosen wird inspiziert und tatsächlich das Haltbarkeitsdatum kontrolliert.
Sie geht allerdings nicht selbständig an Schränke, sondern ist zufrieden mit dem, von mir präparierten, Fach. Dass wir im großen Stil preiswertes Bier und Wein aus Panama ins Land schmuggeln, kümmert keinen.

Gonzo hält ebenfalls den Kopf flach und zeigt sich nicht. Von den drei zugelaufenen Geckos ist er der einzige der noch bei uns ist. Die anderen haben wir vermutlich in der Shelter Bay Marina mit unserer letzten Schlauch-Putz-Aktion von Bord gespült.

Unsere Gelbfieberimpfung kontrolliert die Gesundheits-Tante ebenfalls. Die ist elf Jahre alt und wird von ihr anstandslos akzeptiert. In den letzten Jahren hat sich die Auffassung der WHO wohl herumgesprochen, dass eine Gelbfieberimpfung ein Leben lang hält (und nicht nur zehn Jahre, wie mal angenommen).

Viele Formulare und Fragen später, über unsere Seenot-Rettungs-Signale, unser Notruder, der frisch gewarteten Feuerlöscher und anderer Kleinigkeiten, sind wir fertig und bekommen einen Stempel für drei Monate. Alle sind ausgesprochen höflich und korrekt. Von uns angebotene Cola Dosen werden ‚für später‘ mit von Bord genommen.

Das Cockpit voll mit Immigration- und Gesundheits-Inspektoren

Das Cockpit voll mit Immigration- und Gesundheits-Inspektoren

Wir sind nicht die einzigen Segler in der Marina: die ‚Kokopelli‘ aus USA und die ‚Alrisha‘ aus Österreich kennen wir bereits. Neu dazu kommt die ‚Taitonga‘ aus Frankfurt.
Somit wird der erste Abend gleich ein buntes Treffen alter und neuer Mitsegler. Allerdings sind fast in Aufbruchsstimmung. In drei Wochen werden wir wohl recht einsam sein, wenn nicht Frischfleisch nachrückt und sich die ‚Alrisha‘ noch auf Landreise in Peru befindet.

Die Alrisha bei unserer Ankunft

Die Alrisha bei unserer Ankunft

Das Mooringfeld mit einer Handvoll Gast-Yachten - Hinter den Segelbooten tauchen die Sandbänke bei Ebbe auf

Das Mooringfeld mit einer Handvoll Gast-Yachten – Hinter den Segelbooten tauchen die Sandbänke bei Ebbe auf

Über die Barre in den Rio Chone

Mo., 11.Juni 18, Ecuador/Bahía de Caráquez, Tag 1471, 13.337 sm von HH

Die Nacht verbringen wir im sogenannten ‚waiting room‘ am Anker. Bereits nach wenigen Minuten ist klar, warum der ‚waiting room‘ nicht Ankerplatz genannt wird. Es ist nämlich gar kein Ankerplatz – die Dünung vom Pazifik rollt ungebremst auf uns zu. Wir haben mehr Seegang als auf der gesamten Tour. Bei Ebbe kommt die Strömung aus dem Fluss und wir liegen unglücklich mit dem Heck gegen die Wellen. Der Druck ist so enorm, dass ein 16 mm Tampen wie ein Bindfaden reißt. Dieser Tampen hält unsere Ankerkralle, besser gesagt, hielt unser Ankerkralle, denn nun liegt sie auf dem Meeresboden (Eine Ankerkralle dient dazu, den Zug der Kette von der Winsch zu nehmen und sie somit zu entlasten. Die Kralle wird in ein Kettenglied eingehengt und der Tampen am Bug des Schiffes belegt. Nun wird ein Stück Kette herausgelassen, so dass die Kette in einer Bucht lose und ohne Zug auf der Ankerwinsch liegt).

Über Funk melden wir uns in der Marina ‚Puerto Amistad‘. Dort haben wir eine Boje reserviert. Gene, der Chef der Marina schickt uns Ariostos als Lotsen. Eine Stunde vor Hochwasser können wir in den Chone rein. Aber Ariostos ist nicht zufrieden: „Heute stehen ungewöhnlich hohe Wellen vor der Flussmündung. Ihr müsst bis Hochwasser warten.“ Über Handy steht er in Kontakt mit seinen Kollegen in einem kleinen Motorboot. „Wie hoch sind die Wellen? Okay, jetzt soll es los gehen.“

Ariostos übernimmt das Ruder. Die Wellen werden durch abnehmende Wassertiefe immer steiler. Sie heben uns sacht an und nehmen uns im Surf mit auf ihren Weg. 6 Knoten, 7 Knoten, fast 8 Knoten Speed bekommen wir auf die Logge. Ariostos tut cool: „Alles gut!“
Als wir die flachste Stelle passieren, ist er dann aber auch sichtlich erleichtert: „Perfecto! Todo es perfecto“! Beim Skipper ist eher nichts perfekt, der wischt sich heimlich die feuchten Hände an der Hose ab.

Wir tuckern dann noch eine Meile flussaufwärts. Hinter einer Kurve des Chone liegt Bahia de Caraquez. Eine Marina mit Stegen ist ‚Puerto Amistad‘ nicht. Es gibt Mooringbojen, die als sicher gelten und offensichtlich auch gewartet werden. Hier können wir Atanga beruhigt alleine lassen, wenn wir Landausflüge unternehmen.

Hier noch ein paar Bilder unserer düsteren, sonnenlosen, aber ruhigen Überfahrt:

Blick nach hinten
Blick nach vorn
Wenn du weißt, gleich geht es wieder los
Und wieder eine Walze in der blauen Stunde

Hoffnung für eine Stunde, es zieht wieder zu

Hoffnung für eine Stunde, es zieht wieder zu

Fischer kommen morgens zum 'hallo' sagen vorbei

Fischer kommen morgens zum ‚hallo‘ sagen vorbei

Tramper

Tramper

Schietwetter
Pechschwarze Nacht und dann auch noch Regen
Schnittchen vom Käpt'n geschmiert
Jede Sonnen-Minute ist ein Geschenk

Dusche bei fast Flaute am ersten Tag

Dusche bei fast Flaute am ersten Tag

Tag 9 nach Ecuador – Die Äquatortaufe

So., 10.Juni 18, Pazifik, Tag 1470, 13.333 sm von HH, etmal 76

Seit ich denken kann, kenne ich den Begriff der Äquatortaufe. Schon als kleines Mädchen habe ich den Taufschein meines Vaters bewundert. Der hing eingerahmt immer im Arbeitszimmer. Ein dicker Neptun sitzt in den Fluten und hält seinen Dreizack. Den Dicken, im Stil der 50er Jahre gehalten, mochte ich schon immer leiden. Die Dias der Taufen, die mein Vater von seinen Seereisen mitbrachte, fand ich schaurig-schön.

Eine fast hundertjährige Familientradition bekommt ein neues Kapitel: Opa (Seeteufel) getauft 1927, Papa (Schweinsfisch) getauft 1961 und jetzt ich (Knurrhahn) getauft 2018. Man darf behaupten, dass Seereisen in der Familie liegen.

Aus einer Dachlatte (ja, ja, man wundert sich, was Langfahrtsegler so an Bord mit sich schleppen) und drei Gabeln basteln wir uns einen Dreizack. Etwas Fischernetz ist auch noch aufzutreiben, so dass wir uns zünftig als Neptun verkleiden können.
Am Nachmittag, Wettergötter haben ein Einsehen und schicken die erste Sonne nach einer Woche, ist es dann soweit. Vorsichtig, so will es Neptun, überqueren wir über den Äquator.

Neptun mit Dreizack

Neptun mit Dreizack

Da eine Äquatortaufe nach den Meeresgesetzen vorgeschrieben ist, treffen Achim und ich uns auf dem Achterdeck und haben beide die gleiche Idee: den anderen vor der Taufe mit Rasierschaum einzuschmieren. Achim muss zusätzlich noch ein Ekelgetränk aus Milch, Tabasco und Sojasauce trinken und bekommt noch etwas Mehl auf seinen Rasierschaum gestreut.
Zum Abschluss gibt es eine Pütz voll Äquatorwasser über den Kopf. Achim segelt fortan als ‚Katzenhai‘ über die Weltmeere.
Um auf Nummer sicher zu gehen, bekommt Neptun noch einen guten Schluck aus der Schnapsbuddel und wir einen kleinen.

Schikane vor der Taufe

Schikane vor der Taufe

für beide Täuflinge

für beide Täuflinge

Ein frisch getaufter Knurrhahn

Ein frisch getaufter Knurrhahn

Ein frisch getaufter Katzenhai

Ein frisch getaufter Katzenhai

Weit ist es nun nicht mehr zu unserem Ziel, keine 40 Meilen. Der Kurs, den wir fahren können, ist gut. Der Wind ist schwach, so dass wir mitten in der Nacht in Bahia de Caraquez ankommen werden.
Die letzten zehn Meilen sind immer mehr Fischer unterwegs. Die Bucht blinkt wie ein Weihnachtsbaum in allen Farben. Rechts leuchtet ein Fischer mit einer rot-blauen Rundumleuchte, links flackert es grün, daneben ein Boot in rot. Dazwischen sehen wir weiße Blitzer oder plötzlich wird ein grüner Strahl auf uns gerichtet. Eine Fahrt wie durch ein Minenfeld.

Um 1.45 Uhr fällt der Anker. Nach 8 Tagen und sieben Stunden. Aus knapp 600 Meilen direkte Strecke sind knapp 800 geworden. Wir haben 15 Stunden motoren müssen und sind mit dieser Bilanz hoch zufrieden. Es gibt Yachten, die machten aus der Strecke tausend Meilen oder mussten dreiviertel der Strecke den Motor benutzen.

Die Nacht werden wir vor der Flussmündung des Rio Chone verbringen. Wir müssen auf das nächste Hochwasser warten und Morgen einen Lotsen über Funk anfordern.
In den Rio Chone kann nur bei Hochwasser eingefahren werden, nur dann steht über der Barre in der Mündung genug Wasser. Tonnen, die eine Fahrwasserrinne kennzeichnen, gibt es keine. Die Strömung verändert ständig den befahrbaren Kanal, so dass es nicht geraten ist, ohne Lotsen in den Fluss zu fahren.
Drei Meter, so heißt es, sei der Wasserstand bei Hochwasser . Allemal genug für uns, wenn der Lotse denn den richtigen Weg findet. Das wird nochmal spannend Morgen.

Tagesmeilen 76 – davon 12 unter Motor

Taufspruch:
Wir Neptun, der Einzige, Dreizackfürst, rechtmäßiger Beherrscher der veilchenblauen Meeresflut, Erdumgürter und Erderschütterer, haben allergnädigst den p.p. Staubgeborenen Jochim Willner an Bord des Uns befreundeten Schiffes SY Atanga Erlaubnis zum vorsichtigen Überschreiten Unseres Äquators erteilt.
Die Unseren Meergesetzen vorgeschriebene Linientaufe ist geziemend vollzogen und überstanden worden. Der Täufling wurde mit geweihtem Linienwasser auf den Namen Katzenhai getauft.