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Mara’amu Warnung

Sa., 06.Jul.19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1861, 17.889 sm von HH

Mara’amu wird stürmischer Wind aus Süd-Ost genannt, der zwei Stunden, zwei Tage oder zwei Wochen anhalten kann. Wir haben gerade einen Acht-Tage-Mara’amu hinter uns. Mit Böen von über 40 Knoten, das ist Windstärke 9.
Die Lagune hat sich in einen Hexenkessel verwandelt. Der Wind hat kann Anlauf von über 50 Kilometer nehmen und mischt die schützende Lagune ordentlich auf. Die Wellen brechen sich an der Hafenmauer und steigen zum Teil sogar über. Im Prinzip liegen wir in unserem Hafenbecken gut geschützt und brauchen uns keine großen Sorgen machen.
Wäre da nicht das Volllaufen der Lagune.
Über die Riffkante schaufeln von außen vier Meter hohe Wellen die Lagune voll. Der schmale Pass im Norden ist hoffnungslos überfordert, das Wasser fließt nicht schnell genug wieder ab. Der Pegel steigt. Innerhalb von Stunden liegen wir bereits einen Meter höher an unserer rauen Betonwand. Zum Glück werden wir von der Pier weg gedrückt.

Wir liegen sicher hinter der Mauer

Nach drei Tagen beginnt die Lagune zu atmen. Das Wasser steigt und sinkt – alle dreißig Minuten um zwanzig Zentimeter. Man kann dabei zuschauen, wie die Kaimauer verschwindet und wieder auftaucht. Total gruselig. Wir machen uns ernsthafte Sorgen. Wie hoch steigt das Wasser noch? Wir haben keine Ahnung. Die Einheimischen geben Entwarnung: es sei noch nie vorgekommen, dass der Wasserstand höher als die Pier gestiegen ist. Allerdings sei das heftige Ansteigen und Fallen des Wassers ungewöhnlich.

Nach ein paar Tagen dreht der Mara’amu und drückt nun uns jetzt gegen die Betonmauer. Betonmauer-Stummel ist besser. Ein großer Teil der Wand liegt ja bereits unter Wasser. Unsere Fender schwimmen auf und drohen wirkungslos zu werden, wenn der Pegel weiter steigt. Wir brauchen etwas, was nicht schwimmt und Atanga trotzdem vor der Mauer schützt. Achim findet zwei Autoreifen. Besser schwarze Streifen auf weißem Schiff als hässliche Schrammen. Not kennt kein Gebot.
Dann bringen wir noch den Zweitanker aus. Mittschiffs und im rechten Winkel zu Atanga soll er uns von der Mauer fernhalten. Das funktioniert ganz gut. Die letzte Nacht mit Mara’amu überstehen wir ebenfalls unbeschadet.

Die vier schlimmsten Nächte haben wir schlecht geschlafen, aber jetzt ist alles überstanden. Der Wind hat sich abgeschwächt, der Regen ist vorbei. Die Einheimischen sind ebenfalls betroffen. Die Wellen sind auf Höhe der Grundschüle über die komplette Insel gerollt. Die Schule steht unter Wasser, die Straße ist gesperrt. Palmenwedel liegen auf den Wegen, Äste sind abgebrochen, lose Wellbleche klappern. Und Internet gab es auch kein.
Besonders übel trifft es die Kinder aus dem College. Die Ferien haben begonnen und die Internatsschüler sollten bereits Donnerstag abgeholt werden, um auf ihre Atolle gebracht zu werden. Aber der Katamaran ist wieder umgedreht und nach Tahiti zurück gefahren. Keine Ferien zu Hause für die Kinder. Die wurden auf Familien auf Hao verteilt und hoffen nun, dass ihr Schulbus bald kommt und sie nach Hause bringt. Ein zwei-Stunden-Mara’amu wäre allen lieber gewesen.

Wilde Tage liegen hinter uns

 

 

Heiva auf Hao

Fr., 28.Jun.19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1853, 17.889 sm von HH

Seit vier Wochen beobachten wir, dass auf dem Platz zwischen Versorgungs-Schiff-Anleger und Rathaus Wellblechhütten zusammen gezimmert werden. Unansehnliche Buden – der Platz gleicht schnell einer Geisterstadt. Aber plötzlich werden tonnenweise Palmenwedel angeschleppt. Tagelang sitzen die Frauen beieinander und flechten wunderschöne Verkleidungen für die Hütten.

vorher

nachher

Heiva bedeutet ‚Zusammenkunft auf einem öffentlichen Platz‘ und findet im Juli auf fast allen polynesischen Inseln statt. Berühmt ist das Heiva auf Tahiti. Perfekte Tanzshows mit perfekten Kostümen an perfekten Körpern werden dort vor zahlungskräftigem Publikum gezeigt.
Auf Hao dient das Heiva zur Unterhaltung der Einheimischen und gleicht einer Kirmes aus den 70er Jahren. Es fehlt nur das Kinderkarussell. Der Bürgermeister spricht ein paar Eröffnungsworte mit Blumenkranz um den Hals. In den Buden stehen Fußballkicker, Billardtische und ein Basketballkorb, der elektronisch die Treffer zählt. Die Teenager-Jungs sind begeistert. Jeder, der sich traut, wird von einer Traube Schaulustiger umzingelt.
Der „Schießstand“ zum Luftgewehr schießen ist herrlich. Im Wind wackeln die Zielscheiben, die mit Wäscheklammern vor Palmenkulisse aufgehängt wurden. Fünf Schuss kosten 2 USD – Treffer unmöglich. :lol: Die Kinder, die den ganzen Tag mit Schnur und Angelhacken an der Mole stehen können, versuchen sich beim fröhlichen Entenangeln. Zu gewinnen gibt es, wie überall auf der Welt, billigen Plastik-Schrott.

Billard statt Autoscooter

 

Entenangeln

 

Schießstand in Polynesien

Einige der Hütten wurden zu Restaurants eingerichtet, aber am Eröffnungsabend sind alle Tische reserviert. Allerdings sitzt kaum jemand an den Tischen. Das System erklärt sich uns nicht. Dort wo es Pizza geben soll, liegen vertrocknete Stücke in einer Vitrine. Wenig verlockend, vielleicht sind die vom Probebacken am Nachmittag übrig geblieben. Auf Nachfragen wird eifrig genickt: Jawohl, es gibt Pizza. Typischer Pizzaduft fehlt allerdings und wir sehen niemanden Pizza essen oder nach Hause schleppen. Etwas frustriert geben wir auf. Hier bekommen wir heute nichts zu essen.

Nette Restaurants – innen mit Tüchern dekoriert

ohne Kunden

 

Alkohol wird übrigens auch nicht verkauft und der Konsum im Heiva Dorf ist strikt verboten. Auf Mangareva wurde während des Festivals sogar der Alkohol-Verkauf im Supermarkt untersagt. Dort waren alle Flaschen in der Zeit weggeräumt.

Neben dem Rummelplatz werden Wettkämpfe in traditionellen und modernen Disziplinen ausgetragen: Singen, Volleyball, Blumen flechten und Biathlon (Fahrradfahrern und Laufen statt irgendwas mit Schnee). Vier Wochen dauert die ‚Heiva‘ auf Hao. Jeden Tag gibt es nur einen kleinen Happen zu sehen. Die Attraktionen, wie Tanzen, leider erst ganz zum Schluss. Solange wollen wir dann doch nicht mehr bleiben. Warum man die Veranstaltung so in die Länge zieht, ist uns unklar. Der Rummelplatz und die Restaurants sollen jeden Tag geöffnet haben. Der Gesangswettbewerb am zweiten Abend findet bereits vor leeren Stühlen satt. Nicht ganz zu unrecht. :mrgreen: Es singe, wem Gesang gegeben.

Der Gesangswettbewerb stößt auf wenig Interesse

Leben auf Hao

Mi., 26.Jun.19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1851, 17.889 sm von HH

Das Wetter ist weniger ‚Südsee‘ als erwartet. Häufig haben wir Starkwindtage mit dicker Wolkendecke. Allerdings ist selten Regen dabei. Das Wasser schimmert grau und ins Nicht-Türkis zum Duschen zu springen kostet einiges an Überwindung bei einer Wassertemperatur, die auf unter 25 Grad gesunken ist. Der Wind-Chill ist nicht ohne. Er kommt vorwiegend aus Süd-Ost, direkt aus der Antarktis. Winter in der Südsee.
Dazwischen gibt es liebliche Abschnitte. Die nutzen wir zum Tauchen oder fahren mit dem Rad in den Süden der Insel. Kilometerlang führt eine Straße den 200 Meter breiten Inselschlauch entlang. Mal haben wir den Blick auf die Lagune, mal auf den offenen Pazifik.
Viele Häuser Richtung Süden stehen leer, die Menschen wollen im Dorfkern wohnen oder in Tahiti. Die Einwohnerzahlen schrumpfen auf fast allen Inseln in Französisch Polynesien.
Die Straße wird zum Feldweg, der Feldweg zur Huppelstrecke. Bis zum Ende der Insel schaffen wir es nicht, der Weg hört irgendwann auf. Die Perlenfarm am Ende von Hao wurde aufgegeben und Kokosnüsse für die Kopra-Produktion werden hier ebenfalls nicht mehr geerntet.

Mein eigener Nuss-Erntehelfer ist immer dabei

An einem andern Tag gibt es ein Grillfest für die Segler-Gemeinschaft und unsere einheimischen Nachbarn. Organisiert von Franzosen, die die notwendige Geheimsprache beherrschen. Es gibt zwei Vorurteile über segelnde Franzosen: 1. Sie rotten sich gerne untereinander zusammen und unternehmen ungern etwas mit anderen Nationen und 2. sie sind die schlechtesten Ankerer der Welt (wobei es sich bei Punkt zwei nicht um ein Vorurteil handelt :mrgreen: ).
„Unsere“ Franzosen sind anders. Sie organisieren einen Grill, halbe Hähnchen und tonnenweise Würstchen. Die Polynesier bringen einen Tisch und Bänke mit. Sie schleppen in großen Schüsseln ‚Poisson Cru‘ an – das Nationalgericht in Polynesien: roher Fisch mit Zitronensaft gebeizt und Kokosmilch übergossen. Je nach Verfügbarkeit kommen Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Paprika dazu. Die Crews bringen Kuchen und Salate mit. Ein bunter Mix aus Essen und Sprache. Es wird Boile gespielt, die Kinder plantschen im Wasser, die Hunde bekommen die Knochen und zur Dämmerung wird Ukulele gespielt. Wir Segler bekommen den Text der Lieder beigebracht und unter viel Gelächter wird gemeinsam (falsch) gesungen. Wer mag, darf sich an der Ukulele versuchen, während eine andere Gruppe in vier Sprachen Schimpfwörter übt. Ein wunderbarer Nachmittag.

Ana, unsere Nachbarin auf Zeit

 

Das Leben ist schön

Die Tage mit schlechtem Wetter nutzen wir für den alltäglichen Wahnsinn auf einem Segelschiff. Die Nähmaschine wird raus geholt, sich leerende Schränke müssen umorganisiert werden und die großen Winschen brauchen eine Reinigung.

1000 Teile Puzzle- jetzt nur wieder richtig zusammenbauen

Und abends? Was macht man abends? Nichts. Es gibt keine Restaurants, keine Kneipe und mangels Touristen nicht mal eine öde Hotelbar. Abends schauen wir einen Film oder, noch lieber, zwei Folgen einer Serie: Desperate Housewives, Dr. House und Jack Bauer besuchen uns am Abend und bereits um neun Uhr fallen uns die Augen zu. Noch ein paar Zeilen lesen und dann ein aufregender Tag zu Ende. Zur gottlosen Zeit um 5:00 Uhr morgens erwacht das Schiff zum Leben und Achim holt uns frisches Baguette zum Frühstück. Wer um 6:00 Uhr beim Becker erscheint, schaut häufig in leere Körbe.
Leben auf Hao.

Verstimmung im Paradies

Fr., 21.Jun.19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1846, 17.889 sm von HH

„Sie haben ihn gegessen“, Gerald spricht es als erster aus. Gerald ist unser französischer Nachbar der ersten Stunde auf Hao. Er hat noch immer das Gaumen-Problem und spricht nur ein paar Brocken Englisch, ist aber ansonsten sehr nett und hat vor allem viel Kontakt zu den Einheimischen. Gerald macht eine Essbewegung, um seine Annahme zu unterstreichen.

Die Rede ist von Halbohr. Den Namen haben wir dem kleinen Mischlings-Hund gegeben, der den ganzen Tag auf der Mole umher ströpert. Ein richtiges Zuhause scheint Halbohr nicht zu haben, da er auch nachts bei den Booten bleibt. Abwechselnd schläft er bei Gerald oder bei uns vor der Tür. Diese Treue ist durch ein paar Knochen- oder Reisreste schnell erkauft.

R.I.P Halbohr

Halbohr fehlt die Hälfte eines seiner übergroßen Fledermausohren. Ein sauberer Schnitt durch ein Messer oder eine Machete. Wir vermuten eine Teil-Amputation nach einem Unfall.
Die Einheimischen mögen ihn nicht. Er heißt bei ihnen Crétin – Idiot. Und die Kinder werfen schon mal einen Knüppel nach ihm, wenn sie zum Angeln auf die Mole kommen. Sie bringen ihre eigenen Hunde mit und wollen ihn nicht dabei haben.
Wir mögen Halbohr. Ein unaufdringlicher Kerl, der sich über jede freundliche Geste freut. Er ist noch sehr jung und hat gerade angefangen ‚Stöckchen holen‘ zu lernen. Und nun ist Halbohr verschwunden. Von einem Tag auf den anderen. Spurlos.

Hundefleisch-Verzehr ist durchaus (noch) verbreitet: In vielen asiatischen Ländern, Mexiko, in zwei Kantonen in der Schweiz und eben auch in Polynesien. Auf Hawaii gab es die Zucht des ‚Hawaiian Poi Dog‘ ausschließlich zum Verzehr.
Mitte des 19. Jahrhunderts galt in Deutschland Hundefleisch als Delikatesse zu bestimmten Anlässen und Wilhelm Busch verarbeite das Schlachten eines Hundes literarisch. Im 20. Jahrhundert unterlag Hundefleisch der gesetzlichen Fleischbeschau und ein Verbot von Hund zur Fleischgewinnung erfolgte erst 1986.

Im Internet finden sich Rezepte für Hundegulasch und geräucherten Hund. Wobei Kenner eindrücklich darauf hinweisen, nur junge Tiere zu schlachten, da Hundefleisch im Alter zäh werden soll. In Deutschland gibt es die ‚Bürgerinitiative pro Hundefleisch‘, deren Argumente zum Verzehr von Hund ‚Schutz vor Vogelgrippe‘ und das Fehlen vor Gammelfleisch-Skandalen sind. :shock:
Solche Befürworter sind eher die Ausnahme, gesellschaftlich verbreitet sich weltweit ein Trend zum Hundefleisch-Tabu.
Allerdings müssen sich europäische Tierschützer, die den Verzehr von Hund in Asien anprangern, den Vorwurf des Snobismus und Rassismus gefallen lassen: wer seid ihr, dass ihr uns vorschreibt, was wir essen dürfen.

Unser Halbohr ist nun weg und wir sind traurig. Die einzig logische Erklärung für sein Verschwinden ist tatsächlich, dass er zum Braten wurde. Wir hoffen, dass er sein Ohr nicht als Geschmacksprobe hergeben musste.

Bleiben oder weiterfahren?

Mi., 19.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1844, 17.889 sm von HH

Bevor wir in den Tuamotus angekommen sind, hatte ich heimlich die Befürchtungen, dass es auf diesen kleinen Inselchen etwas langweilig werden könnte.
Was für ein Irrtum. Wir sind jetzt seit über fünf Wochen hier und haben es bisher nicht mal geschafft in den Süden von Hao zu radeln. Es gibt jeden Tag was zu tun.
Zum einen hält uns der Französisch-Unterricht auf Trapp. Über die Lernkurve schweige ich mich diskret aus, aber wir wirken zumindest geschäftig.

Zum anderen liegt auf der anderen Seite der Pier unser Hausriff. Ein paar Schritte und wir haben einen einfachen Tauchplatz vor der Maske, der ohne Guide betauchbar ist. Genau das richtige, um die Ausrüstung zu checken und uns warm zu tauchen. Ungeduldig warten wir auf Alexi, dass er uns zum Tauchen am Pass mitnimmt. Alexi betreibt einen Tauch-„Verein“ auf Hao und nach seiner Auskunft warten am Pass zehntausende Fische und so viele Haie, dass einem das Adrenalin aus den Ohren läuft.
Als das Wetter noch ruhig war, ist Alexi auf Tahiti gewesen und jetzt verlässt er bald die Insel, da die Lehrer- auslaufen werden. Ein paar Tage bleiben noch, wir hoffen weiterhin.

Oktopus am Hausriff – kein Unterwasserfoto

 

 

Die Lagune bei ruhigem Wetter – leider seit 14 Tagen vorbei

Außerdem ist schon wieder ein Fest in Vorbereitungen. An der Hauptpier, wo das Versorgungsschiff fest macht, werden seit drei Wochen Hütten aufgebaut. Dort soll es etwas zu essen geben und angeblich werden Billiard-Tische aufgebaut.
Allabendlich hört man Trommeln schlagen. Direkt in unserer kleinen Marina trifft sich eine Tanzgruppe und übt ihre Choreografie ein. Zunächst wurde mit Musik vom Band trainiert, aber jetzt rücken kurz vor Sonnenuntergang auch die Trommler und Ukulelen-Spieler an.
Unter den knappen Anweisungen einer strengen Tanzlehrerin wird fleißig geübt bis es dunkel ist.

 

Tanz-Training vor der Haustür

Die Kombo kommt auch jeden Abend zum Üben

 

Das sieht schon alles ganz vielversprechend aus

Die Tage zerrinnen wie Sand in den Händen. Verpassen wir andere Inseln, wenn wir zu lange auf Hao bleiben? Sollen wir bleiben oder sollen wir fahren? Wir hören von anderen Atollen: „so beautyful – amazing – such a lovely place – breath taking – ein-musst-du gesehen-haben-Ort“.
Wir diskutieren, wir wiegen ab und – wir bleiben. :-) Es gefällt uns auf Hao. Wir haben unser Paradies gefunden. Eine atemraubende Schönheit ist es nicht, aber wir genießen es, jederzeit an Land zu können. Erwin ist weg und die schlimmsten Sünder im Hafen ebenfalls oder sie haben umgeparkt. Wir fahren bis zu dreimal täglich mit dem Rad in den Ort. Wir kennen unsere einheimischen Nachbarn. Halten mit Dorothea und ihrem Bruder ein Schwätzchen in einem Drei-Sprachen-Kauderwelsch und die Oma des Hauses wäscht unsere Wäsche.
Und man kennt uns. Kinder, die am Hafen mit uns ihre Englisch-Kenntnisse ausprobiert haben, rufen meinen Namen, wenn ich an ihnen vorbei fahre. Und über Achim, den langen Kerl auf seinem knallroten Mini-Velo, lachen sie sich kaputt.
Und ein wenig hoffen wir das Gleiche, wie Tanja Blixen in ‚Jenseits von Afrika‘: „[…] zittert die Luft über der Steppe jemals in einer Farbe, die ich an mir hatte, spielen die Kinder ein Spiel, in dem mein Name vorkommt, wirft der Vollmond einen Schatten, der dem meinen gleicht […]?“
Wir hatten keine Farm in Afrika, aber wir hatten ein Boot auf Hao.
Wird der Vollmond einen Schatten werfen, der dem langen Lulatsch auf seinem Fahrrad gleicht? :lol:

Wenn voll, dann voll – Part two

Fr., 14.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1839, 17.889 sm von HH
Der Platz, an dem die Fischer bei starkem Südwind ihr Boot festmachen, ist jetzt von einem französischen Einhandsegler besetzt. Ob die Mooring noch in Ordnung ist, wissen die Fischer nicht genau, daher binden sie ihr Boot zusätzlich an Bäumen fest. Der junge Mann liegt genau in Schussrichtung von Vanessa und Nicky. Beide Damen statten dem Franzosen einen Besuch ab und bitten ihn, die Mooring zu kontrollieren und zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. „Kiss my Hintern“, lässt er beide Frauen fühlen. :evil:
Unser deutscher Freund, nennen wir ihn Erwin, hat in der Zwischenzeit ein zweites Schiff ins Päckchen genommen. Die Dreier-Gruppe kommt nun dem Franzosen an der wackeligen Mooring so nah, dass der vorsichtig ausmisst, ob der Platz für ihn überhaupt noch ausreichend ist, falls er sich drehen sollte. Wenn ein Franzose am Anker Angst bekommt, dann weißt du, dass du Mist gebaut hast. Der Hafen gibt es jetzt zwei Gruppen: die Gleichgültigen: „Come over, here is plenty of room“ und die Vorsichtigen. Wobei letztere Gruppe deutlich kleiner ist.
Erwin gehört zu den Gleichgültigen. Erwin trifft auf der Pier auf Achim. Es wurde zu einem lockeren Treffen für alle Crews aufgerufen. In kleinen Grüppchen stehen wir Segler beieinander und plauschen. Erwin ist irgendwie auf Krawall gebürstet beginnt mit Achim sofort den Wettkampf ‚wer von uns hat die dicksten Eier?‘: mein schweres Schiff, mein Edelstahlanker, meine Antarktis-Reise und meine harten Erfahrungen: „ja, ja, 40 Knoten Wind, kennt man ja…“. Die Themen wechseln schnell, Erwin hat zu allem etwas Großes beizusteuern. Achim lässt sich nicht (zumindest kaum :mrgreen: ) auf dieses Spielchen ein. Erwin lässt nicht locker. Mir, als stumme Beobachterin, kommt es so vor, als suche er gezielt nach einem Thema, was Achim hochbringt. Man kann die Antipathie zwischen den beiden förmlich greifen. Der volle Hafen bietet sich für Erwin als provokantes Thema an.
Achim berichtet, dass wir am Anfang nur mit zwei bis vier Schiffen hier gelegen haben und es zu dem Zeitpunkt sowohl schöner, als auch sicherer fanden. „Ihr seid schon seit vier Wochen hier? Vielleicht sollte man mal mit dem Bürgermeister sprechen und alle Schiffe nach einem Monat raus schmeißen lassen. “ Achim bleibt ruhig. Erwin versucht es mit den im Päckchen liegenden Schiffen: „Die anderen zwei Boote an der Pier auf meiner Seite wollten niemanden ins Päckchen nehmen. Für mich kein Problem.“ „Für dich vielleicht nicht, aber für den Franzosen neben Dir schon. Ich würde auch nur im Notfall jemanden ins Päckchen nehmen.“ „Was bist du denn für einer. Das gehört sich so.“ Mir wachsen schon vom Zuhören Wutpilze im Gesicht – Achim bleibt ruhig. Er ist dabei seine Meinung zu begründen (neben uns liegt ja der Engländer, der in jedem Fall ein Schiff, was bei uns längsseits ginge, weghauen würde), da wechselt Erwin erneut das Thema: „Und wie haltet ihr es mit eurem Schwarzwassertank? Ich habe ja eine Vakuumanlage. Da kann ich sieben Tage mein Schmutzwasser sammeln.“ Er guckt lauernd. Die Entsorgung der Fäkalien ist in jeder Bucht ein brisantes Thema. Achim steigt aus: „Schön für dich, dass du so eine Anlage hast. Mit dir möchte ich mich nicht mehr unterhalten. Das ist Zeitverschwendung für mich.“ Spricht, dreht sich um und wendet sich einer anderen Gruppe zu. Mich lässt er bei dem Blödmann stehen. Erwin dreht sich zu seiner Frau und berichtet ihr aufgebracht, dass Achim ihn einfach stehen lassen hat. Das ist zu viel für sein Ego. Er quatscht jetzt auf mich ein. Ohne zu wissen, ob wir einen Fäkalientag haben und wenn ja, wie wir ihn nutzen, unterstellt er uns ungebührliches Toiletten-Verhalten. „Wenn der Fäkalientank voll ist, dann fährt man zur Entleerung raus. Das macht jedes anständige Schiff. Ich brauch das nicht, ich habe ja diese Vakuumanlage“, wiederholt sich Erwin. Jede Diskussion mit ihm ist sinnlos – nächtliche Entleerung, Strömung, Schiffe ohne Tank, erzähl mir nicht, dass du alle 7 Tage raus fährst… Er erwähnt immer wieder seine geile Vakuumanlage. Nach einem kurzen Meinungsaustausch an Argumenten, bleibt mir nur, es Achim gleichzutun: „Mit dir zu sprechen ist Zeitverschwendung“. Das ist das Signal zum Aufbruch für Erwin. Er will nicht mehr bleiben. Frau Erwin muss ebenfalls mit und die befreundete Frau vom Nachbarschiff darf auch nicht länger bleiben. Ein deutscher Kleingartenkrieg am Relings-Zaun . ;-) Das erste deutsche Schiff, das wir seit Ecuador treffen und dann sowas.

Wenn voll, dann voll

Mi., 12.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1837, 17.889 sm von HH

Das sehen aber nicht alle so. Und somit stapeln sich in der Zwischenzeit die Schiffe in unserem kleinen Hafenbecken. Ich lass mich selten über die Fehler der anderen aus, weil wir mit unseren eigenen Dummheiten genug zu tun haben, aber seit fünf Tagen kommen wir aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Hierbei wird besonders die Deutsch-Französische Freundschaft strapaziert. :mrgreen:
Neben den Plätzen an den Betonwänden gibt es in der Mitte des Beckens tonnenschwere Betonklötze mit massiven Haken, die als Mooring benutzt werden können. Vanessa war die erste, die sich so eine Mooring geschnappt hat. Friedlich, mit doppelter Leine und Scheuerschutz an ihren Tampen, schwoit ihr Boot in der Mitte umher.

Vor alle Schiffe in Luv (!!) hat sich ein französischer 25-Tonnen-Kahn mit 18 Meter Länge gelegt. Sein Betonklotz ist schon etwas angefressen. Nach eigener Aussage kann er den Klotz anheben, wenn er mit der Maschine rückwärts gibt. Sein Tampen liegt nur auf ‚Slip‘ um den Metallhaken. Da er keinen Platz zum Schwoien hat, hat er sein Heck an irgendwelchen Ketten, die im Hafenbecken liegen und wohl mal zur Mooring-Klotz-Konstruktion gehörten, festgebunden. :shock: Leider gefährdet er mit seiner Sorglosigkeit nicht nur sich selber, sondern uns alle.

Diesen Parkplatz an einer kaputten Mooring zu wählen, ist verantwortungslos

Zwei weitere Franzosen liegen am Eingang des Hafenbeckens. Zunächst lagen sie so eng beieinander, dass man fast von einem Schiff zum anderen übersteigen konnte. Das mögen die Franzosen gerne haben und soll uns egal sein. Ihre Hecks hatten sie mit Landleinen an Bäumen festgebunden. Das gefiel allerdings den Einheimischen nicht, dass man ihre Palmen benutzt. Jetzt ankern die beiden in der Gasse am Eingang. Ihre Hecks haben sie mit Heckankern gesichert.

Genau neben uns liegt ein englisches Schiff. Vierzehn Meter plus Dinghy, was in den Davids hängt und den Kahn auf sechszehn Meter anschwellen lässt. Fröhlich haben sie sich an der Mooring auf unserer Höhe festgebunden. Auf unsere Frage, ob sie sicher sind, dass sie uns nicht berühren, wenn der Wind auf Nord-Osten dreht, wird eifrig genickt: „Es sind locker zwei Schiffslängen zwischen uns“. Sorglosigkeit und Fahrlässigkeit sind also Nationen übergreifend.
Wir sind misstrauisch. Die hauseigene Messung mit einer Angelschnur, ergibt einen Abstand von 25 Meter. Das klingt okay, aber wenn Zug auf ihren Tampen kommt bei einer Wassertiefe von vier Metern, dürften nur noch fünf bis sieben Meter Abstand zu uns übrig bleiben. Uns ist das zu wenig, was wir ihnen freundlich mitteilen. Sie bringen darauf hin einen Heckanker aus. „Nun zufrieden?“, werden wir am Abend angegiftet. Da haben wir wohl keine Freunde fürs Leben gefunden. :lol:

Zum krönenden Abschluss kommt heute ein deutsches Schiff in den Hafen gefahren – „Der liebe Gott beschütze mich vor Sturm und Wind und Deutschen, die auf Reisen sind.“
Ein fünfzehn Meter langer Eisenhaufen. „Du kannst da vorne ankern“, ruft unsere britische Nachbarin dem Skipper zu und zeigt auf die Stelle, wo die einheimischen Fischer bei viel Wind ihre Boote festmachen. „Nein, da kannst du nicht ankern“, klärt Achim ihn auf. „Mach kurz auf der anderen Seite an der Betonpier fest. Aber du solltest die Fischer fragen, ob das okay ist, denn eigentlich wollen sie, dass der Platz für sie frei gehalten wird.“
Der Skipper folgt Achims Empfehlung. Zehn Minuten später steht er neben unserem Schiff. „Wen muss ich fragen, ob ich dort festmachen darf?“, will er von uns wissen. Wir erklären ihm, wo er wahrscheinlich jemanden finden kann, da fängt er plötzlich wild an zu winken. Ein weiteres Schiff kommt auf den Hafen zugetuckert. Offensichtlich kennen die Crews einander. Über Funk ruft er seinen Kumpel an: „Du kannst bei mir längsseits gehen! Kein Problem, ich hänge Fender raus.“ Dass der Platz frei bleiben soll, interessiert ihn nicht.
„Und? Was ist hier so los? Auch nichts, oder? Auch nur türkises Wasser, nä?“
Nein, auch wir werden keine Freunde.

Solange der Wind friedlich mit fünfzehn Knoten über die Lagune weht, ist alles in Ordnung, obwohl der Hafen jetzt bis zur Manövrierunfähigkeit zugeparkt wurde. Vierzehn Schiffe, ein Rekord, wie die Einheimischen berichten.
Vor zwei Wochen ist eine dreistündige Mini-Depression über Hao hinweggegangen, die uns fast vierzig Knoten Wind beschert hat. Ungewöhnlich mit Westwind. Sollte sich so etwas wiederholen, geht das sicher nicht ohne Schäden an einigen Booten aus.
Es ist verständlich, dass keiner draußen in der Lagune ankern mag. Die bietet keinen Schutz vor Schwell und Wind. Aber, dass der Hafen voll ist, wurde breit über Funk bekannt gegeben. Und wenn voll, dann voll. Dann sollte man vernünftig sein und in ein anderes Atoll ausweichen.

Wenn der Kahn neben uns um 90 Grad herumschwingt, müssen wir die Fender rausholen

20 Jahre College Hao

Fr., 07.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1833, 17.889 sm von HH

Diese Jubiläum wird gefeiert. Und zwar mit einem ‚Tag der offenen Tür‘. Alle Inselbewohner und vor allem die Kinder der Hao Grundschule sind eingeladen, vorbeizukommen. Wir werden ebenfalls freundlich herein gewunken. Die Schüler zeigen, was ihnen im College beigebracht wird. Neben den traditionellen Fähigkeiten, wie tanzen, Palmenwedel flechten und Blumenkränze binden, gibt es auch moderne Techniken. In einer Werkstatt werden Außenborder erklärt und der Umgang mit Glasfassermatten zur Bootsreparatur gezeigt. Mit einer Lehre im deutschen Sinn ist das nicht zu vergleichen. Diese Sachkunde steht zwischen Mathe und Tanzen auf dem Stundenplan.
Auf Hao gibt es keinen Tourismus. Hotels und Ferienanlagen existieren nicht. Trotzdem setzt man auf das Pferd ‚Tourist‘ und führt die Teenager in der schuleigenen Küche an Jobs in der Gastronomie heran. Wer diese Branche einschlägt, ist dazu verdammt, seine Insel verlassen zu müssen. Jede höhere Ausbildung führt zwangsläufig zur Abwanderung. Vielleicht besteht für einige wenige die Möglichkeit später als ausgebildeter Arzt oder als Lehrer zurück zu kehren. Aber für hohe Schulbildung besteht auf Hao kein großer Bedarf.

Perlenschmuck der Flecht-Lehrerin

Ich habe gelesen, dass Tanzen und Singen einen wichtigen Platz im Stundenplan einnehmen soll. Das deckt sich mit dem, was wir hören: Trommeln und Gesang schallen zu jeder Zeit über die Schulhöfe. Und die kleinen Mädchen üben in den Pausen ihren Hüftschwung.
Zum Jubiläumstag zeigt ein Profi-Tänzer den Kids, wie es richtig geht. Der Tänzer ist unglaublich. Das Beste, was wir bis jetzt gesehen haben. Seine Mimik und Gesten sind so variantenreich, dass er eben noch die ‚Ankunft mit dem Kanu‘ tanzt und einem im nächsten Augenblick eine heiße Liebesnacht verspricht. Die lütten Jungs stehen hinter ihm und eifern ihm begeistert nach. Er zieht alle in seinen Bann.

 

Profi-Tänzer

mit ganzem Körpereinsatz

Abends wird im College gegrillt und natürlich gibt es danach Tanzvorführungen. Die wollen uns heute aber nicht so recht gefallen. Die Musik kommt von der CD, schlimme Schnulzen, wahrscheinlich top Schlager aus Tahiti, denn das Publikum ist textsicher und singt begeistert mit. Dazu wird brav in bunten Baumwollkleidern getanzt. Eine Art Formationstanz mit wenig Beinarbeit, aber viel theatralischem Gefuchtel mit den Armen.

Die Kleinen posieren für ihr Leben gern

Französisch für Fortgeschrittene

Mi., 05.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1831, 17.889 sm von HH

Nach unserem Fehlversuch mit dem Französisch-Unterricht sind wir noch einmal in die Schule geradelt. Diesmal ist gerade Pause und wir stoßen bis ins Lehrerzimmer vor. Dort ist es hektisch, es ist die letzte große Pause, bevor die Ferien beginnen und außerdem wird gerade die 20-Jahr-Feier der Schule organisiert. Trotzdem nimmt Emmanuelle, der Englischlehrer der Schule, sich Zeit für uns: „Ich fliege morgen nach Tahiti, aber kommt nach den Ferien zu mir nach Hause, dann sehen wir weiter. Ich wohne an der Hauptstraße hinter dem grünen Tor.“Das bedeutet also zwei Wochen warten, dann sehen wir weiter, ob es mit Französisch-Unterricht noch klappen wird.

Da kommt am selben Abend noch ein kleines Segelboot in den Hafen getuckert. Das Boot macht an der gegenüberliegenden Pier fest und Achim nimmt die Leinen für Vanessa an. So werden wir direkt am nächsten Abend zum Sundowner eingeladen. Der Abend ist kurzweilig, wir plaudern über dies und das; wir berichten von unserer Lehrer-Suche.

-Vanessa ist Einhandseglerin ==> check, kein Göttergatte, der sie ablenken könnte.
-Vanessa ist Belgierin ==> check, Französisch als Muttersprache.
-Vanessa ist Lehrerin ==> check, Erwachsenenbildung auf Tahiti.
-Vanessa ist sprachbegabt ==> check, sie lehrt Französisch, Spanisch, Englisch
-Vanessa hat Unterrichtsmaterial dabei ==> check, für Anfänger
-Vanessa ist jung (35), witzig, intelligent und hübsch. ==>check.
-Der Vorschlag kommt von ihr ==> check, sie möchte uns unterrichten!

Wir können unser Glück kaum fassen. Als Gegenangebot mache ich ihr den Vorschlag, dass sie abends bei uns mitessen kann. Damit ist sie einverstanden, Geld will sie auf keinen Fall von uns.
Vanessa entpuppt sich als eine der nettesten Personen, die wir seit langem kennen gelernt haben (natürlich, segelt sie doch in drei Wochen nach Tahiti zurück, wieder arbeiten).
Ihr Unterricht ist großartig. Fast täglich kommt sie für 1,5 Stunden an Bord und weiht uns in die Abgründe der Französischen Sprache ein. Manchmal will sie schnorcheln gehen oder schiebt andere Ausreden vor, dann nimmt sie sich einen Tag Auszeit. Allerdings lässt sie einen Berg Hausaufgaben für uns da. Und bringt uns frisch gebackenen Kuchen rüber. Vanessa ist unglaublich.

Dass Französisch schwer ist, ist hinlänglich bekannt. Dass es sooo schwer ist, haben wir nicht erwartet. Du meine Güte. Diese Sprache besteht ja nur aus Ausnahmen und nicht zu durchschauenden Regeln. Dazu eine Aussprache, die den Unterkiefer verformt.
Vanessa, ganz Profi, lässt ‚très bien‘ und ähnliches zu unseren Fortschritten hören. Wir sind unsicher. Erste Selbstversuche mit dem Mädchen an der Kasse im Supermarkt reißen sei zu der hoffnungsvollen Frage hin: „Do you speak English?“
Okay, wir nennen das trotzdem Erfolg, sonst waren wir immer diejenigen, die fragen mussten, ob jemand Englisch spricht. :lol:

Fünf Jahre – zwei Fazits

Sa., 01.Jun. 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1826, 17.889 sm von HH

Wie immer getrennt voneinander geschrieben.

Achim
Schon wieder ist ein Jahr rum. Fünf Jahre ist es her, dass wir die Leinen in Finkenwerder losgeworfen haben und nach Wedel gefahren sind. Auch die längste Reise beginnt halt mit dem ersten Schritt, egal wie klein dieser sein mag.
Das Leben an Bord und in der Wärme ist Normalität geworden. Alles unter 25° ist kühl und Sonnenschein ist der der Normalzustand. Gut, ich gebe zu, dass Ecuador hier eine kleine Ausnahme darstellte. Dennoch waren unsere 6 Monate in Ecuador im letzten Jahr super und das Land ist immer eine Reise wert.
Jetzt sind wir in der Südsee. Wer hätte das gedacht. Allein der Name lässt die Ohren klingeln. Es ist schön hier, und ruhig, und sehr Französisch sprechend. Mein ganzes Leben konnte ich mich vor dem Französisch lernen drücken, aber das ist nun vorbei. Wir haben Unterricht hier auf Hao, sodass ein Großteil des Tages jetzt dem Lernen gewidmet ist. Eigentlich glaube ich aber, dass die Sprache unlernbar ist …. Wir werden sehen.
Alles ist gut. Das Leben ist gut und ich weiß, dass wir/ich gesegnet sind, dass wir diese Reise machen dürfen und können. Auch nach fünf Jahren hat sich mein Fazit nicht geändert:
Alles super – weiter so!

Sabine
Es macht ungebrochen sehr viel Spaß neue Länder zu entdecken und als Vagabund durch die Welt zu tingeln. Das einzige, was ich vermisse, sind Menschen, die ich mag: meine Freunde und die Familie. Und neue Freunde zu finden, erscheint mir zunehmend schwieriger. In den Büchern der Weltumsegler lese ich von phantastischen Treffen, außerordentlichen Crews und großartigen Kameradschaften. Achim und ich tun uns da schwerer. Wo sind sie, die Crews, die gut zu uns passen und (!) ähnliche Pläne haben wie wir? In den ersten zwei Jahren hatten wir noch Glück, da haben wir viele Monate mit der La Joya, der Balou und der Worlddancer verbracht. Freundschaften fürs Leben sind dort entstanden.

Seitdem lernen wir häufig Crews kennen, bei denen nach fünf Minuten klar ist, dass wir niemals auf eine Wellenlänge kommen. Er braucht nur den Mund aufzumachen und ich sehe in Achims Gesicht ‚Besserwisser‘ aufleuchten. Oder wir kommen nach Hause und sind uns einig: „Er geht ja ganz nett, aber sie geht gaaaar nicht…“
Crews, bei denen uns beide sympathisch sind, die schlagen drei Tage später garantiert einen ganz anderen Weg ein. Wir wollen ja gar nicht permanent aufeinander hängen und anderen auf den Geist gehen. Unsere gemeinsame Zweisamkeit ist super und macht Spaß. Aber mal ein Abendessen zu viert, ein gemeinsamer Ausflug, eine Flasche Wein zu viel leeren, zusammen lachen, zusammen reparieren, zusammen Pläne schmieden – das hätte zwischendurch auch mal was.
Mal ein paar neue Erlebnisse hören. Achims schlimmste Geschichten, die er mir die letzten 20 Jahre nicht erzählt hat, werden sowieso für immer sein schmutziges Geheimnis bleiben. Da kommen keine Sensationen mehr. Es ist nicht so, dass wir uns nichts zu sagen haben, aber ein Gespräch mit einer Frau, die nicht zum Lachen in den Keller geht, würde mir gefallen.

Mir geht es nicht alleine so. Neulich habe ich eine junge Norwegerin getroffen (sehr nett und natürlich auf dem Weg nach irgendwo). Sie erzählte mir, dass sie so müde ist, ob der ewig gleichen Neuanfänge: „wo kommt ihr her?, wie lange seid ihr unterwegs?, bei uns ist bereits das, das und das kaputt gegangen!, ihr müsst unbedingt nach x und dürft auf keinen Fall nach y fahren.“
Sie schickt jetzt ihren Man alleine los, neue Leute kennen zu lernen. Und er soll ihr nur dann berichten, dass die andere Crew ihm nett erscheint, wenn sie die gleiche Strecke segeln. Die anderen will sie gar nicht mehr kennen lernen. :mrgreen: Gar nicht schlecht die Idee – eine Option für Jahr sechs.

Unser Leben – seit fünf Jahren meistens wunderschön

Gas-Alarm

Do., 30.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1824, 17.889 sm von HH

„Biep-biep-biep“, leise äußert unser Gas-Warner seinen Unwillen. Ich bin allein an Bord. In der Zwischenzeit sind wir mit sechs Booten in der kleinen ‚Marina‘ und Achim hält ein Schwätzchen auf der anderen Seite des Hafens. Ich bin nicht beunruhigt. Achim hat mir mit einem Gasfeuerzeug demonstriert, dass Mikro-Mengen Gas ausreichen, um den Gaswarner zum Piepen zu bewegen. Ich drehe die Gasflasche ab und schließe das Ventil am Herd.
Es piept weiter. Riechen kann ich nichts.
Das Gepiepe nervt, also schalte ich einfach die Sicherung des Gaswarners aus. : mrgreen: Endlich Ruhe. Nach zwei Minuten schalte ich den Warner wieder ein. „BIEP-BIEP-BIEP„, gelt es mir entgegen. Huch, das klingt aber nicht mehr gut. Ich kontrolliere die Flasche. Die ist zu, wirklich zu. Aber warum bellt dann das Gerät wie verrückt? Riechen kann ich noch immer nichts.
Ich drücke erneut die Sicherung. Himmlische Ruhe. Was man nicht hört, kann nicht existieren. Dieser Selbstbetrug klappt nur bedingt. Vorsichtig schalte ich den Warner wieder ein: „BIEP-BIEP-BIEP„!
Jetzt werde ich entgegen aller Logik doch nervös. Ich setzte mich in Trab. Im Dauerlauf rüber auf die andere Seite, den Chef-Techniker holen. Der steht bei ein paar Amerikanern rum und sieht mich rennen. Ein seltener Anblick. „Sieht das nach etwas Ernsthaften aus?“, witzelt er mit Martin rum. Derweil fange ich an zu winken und zu rufen. Achim schwingt sich auf sein Rad und kommt mir entgegen. „Gas-Alarm“, brülle ich ihn an.

Natürlich schweigt der Gas-Warner als wir an Bord kommen. Achim wirft mir einen Blick zu. Ausschalten, einschalten. Ein verhaltenes Piepen ertönt. Ich bin rehabilitiert. Achim pustet in den Gas-Warner und bringt ihn so zum Verstummen… :roll:

Unsere Leitung von der Gasflasche zum Herd ist aus einem durchgehenden Edelstahlrohr. Der Verdacht fällt somit auf die Schlauch-Verbindung zum Herd. Achim baut den Herd aus. Heiliger Bimbam. Sehr eklig, was da zu Tage kommt. Ich bin eine schlechte Hausfrau, ein echtes Dreckschwein. Während der Techniker neue Schläuche installiert (was lapidar einfach klingt, ist eine Aktion von drei Stunden, weil natürlich nichts mal eben passt, Pressungen der Rohrleitung abgesägt werden müssen, danach zu kurz sind und daher vom Bodenbrett der Ausschnitt vergrößert werden muss), habe ich die Gelegenheit die Seiten vom Herd gründlich zu wienern.

Der neue Schlauch hat ein ‚best before 2021‘! Na bitte, geht doch.
Wenn wir an Bord sind, ist immer der Gaswarner an. Nachts drehen die Gasbuddel zu und wirklich jedes Mal, wenn wir das Schiff verlassen. Eine gute Angewohnheit, wie sich heute gezeigt hat.

Yacht Artikel Osterinsel

Yacht Artikel Osterinsel

Mi., 28.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Otepa, Tag 1822, 17.889 sm von HH

In eigener Sache ein kleiner Hinweis: Ich durfte für die Yacht erneut einen Artikel schreiben. Diesmal über unsere Anreise und den Aufenthalt auf der Osterinsel. Ab sofort ist das Heft am Kiosk erhältlich. :-)

Themen im aktuellen Heft

Ich freue mich natürlich riesig über die Veröffentlichung und zitiere Carlos Ruiz Zafón. Besser kann man es nicht ausdrücken!
„Ein Schriftsteller vergisst nie, wann er zum ersten Mal für eine Geschichte ein paar Münzen oder Lob empfangen hat. Er vergisst nie, wann er zum ersten Mal das süße Gift der Eitelkeit im Blut gespürt und geglaubt hat, wenn er nur seine Talentlosigkeit vor den anderen geheim halten könne, werde ihm der Traum von der Literatur ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit am Ende des Tages und schließlich das heißersehnte verschaffen: seinen Namen auf ein paar kläglichen Blättern gedruckt zu sehen, die ihn mit Gewissheit überleben werden.“