Monatsarchive: August 2016

Typisch! Einmal Segler, immer Segler: Wilfried Erdmann im NDR

 Jetzt in der NDR Mediathek

 

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Wilfried Erdmann, Deutschlands wohl renommiertester Extremsegler dürfte den meisten von euch ein Begriff sein. Nach 14 Jahren unter einer Plane im Garten der Erdmanns ist „Kathena nui“, das Boot mit dem Wilfried seine Rekord-Weltumsegelungen segelte, letztes Jahr wieder zu Wasser gegangen. Wir haben Wilfried und Astrid Erdmann bei den Vorbereitungen zu ihrem ersten Törn auf „Kathena nui“ nach fast eineinhalb Jahrzehnten filmisch begleitet. Während der Vorbereitungen blicken die beiden zurück auf ihre gemeinsamen und nicht gemeinsamen Fahrten. Offen, authentisch und emotional sprechen sie über ihre Motivation und die damit verbundenen Zweifel und Ängste. Filmische Rückblicke auf ihre Reisen ergänzen den sehr persönlichen Einblick in das ungewöhnliche Leben der beiden. Wir glauben, so nah, so facettenreich und so unterhaltsam hat man Wilfried, Astrid und Sohn Kym noch nie vor einer Kamera erlebt.

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Zur Zeit befinden sich die beiden mit „Kathena nui“ übrigens auf dem Rückweg von den Färöer Inseln in Schottland und feierten gerade ein sehr persönliches Jubiläum, 50 Jahre Zweisamkeit. Hut ab!

Einhand um Sizilien, Teil VII: Durch die Straße von Messina. Windhosen.Böen. Und die Spur des Odysseus.

In lockerer Reihenfolge erzähle ich in dieser Artikelserie meine Reise 
um Sizilien auf meiner 31-Fuß-Yacht LEVJE im Sommer 2016. 
Alle Artikel dieser Reihe finden Sie auf click HIER.

Bei der Einfahrt in die Straße von Messina vergangene Woche: Zwei Windhosen. Die weiße links befindet sich gerade in Auflösung, während der kleine bleigraue Schlauch weiter rechts gerade dabei ist, sich auszubilden. Selbst wenn alles weit entfernt ist, wird der Segler auf seinem kleinen Gefährt doch ehrfürchtig.

Das Nachdenken über Homer, über Odysseus und seine wundersame Odyssee und deren genaue Route: Es gehört zum Segeln im Mittelmeer. Unzählige Autoren haben über das Thema geschrieben. Von Göran Schildt’s „Im Kielwasser des Odysseus“ bis „Terra X“, Folge 27 und YOUTUBE: Odysseus und seine Reiseroute bewegen die Gemüter. Bis heute.

Die Felsen vor dem sizilischen Aci Trezza. Und warum sie wegen Odysseus hier liegen…

An kaum einem anderen Abschnitt des Mittelmeeres, nicht in der Ägäis, nicht im türkischen Kleinasien, schon gar nicht im heutigen Ithaka, dessen felsigen Boden die Schliemanns und Dörpfelds vergebens durchgruben, stößt man auf derart viele Hinweise auf Odysseus und die Beschreibung seiner Reise wie im Gebiet zwischen Süditalien und der Ostküste Siziliens.  „Odysseo“ hier. „Ulysse“ da.

Das hat mit zweierlei zu tun. Erstens damit, dass in diesem geografischen Gebiet zwischen der Schuhsohle des italienischen Stiefels und der Küste unterm Ätna sehr viele Orte sich und ihre Geschichte mit Odysseus in Verbindung bringen. Nehmen wir mal das unschuldige Dörfchen Aci Trezza. Das liegt genau zwischen Taormina und Catania unterhalb des Ätna an einem Küstenstrich,  der dank Goethe zu den Keimzellen und Brutstätten des modernen Tourismus gehört. Dort erzählt man sich und jedem Fremden, der es hören mag, die Geschichte, dass die merkwürdigen Basaltformationen, die den Hafen von Aci Trezza heute so malerisch einrahmen, von Polyphem selbst stammen. Der einäugige Riese hätte sie, berauscht, seines einzigen Auges beraubt und von Odysseus wie ein ‚Looser‘ aufs Kreuz gelegt, wütend dem Flüchtenden ins Meer hinaus nachgeschleudert – wo sie noch heute stehen.

Eine schöne Geschichte. Sie ist natürlich nicht wahr, aber doch bewundernswert gut erfunden. Vermutlich stammt sie von einem hochbegabten Dorfschullehrer, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Dorf seine Lümmel endlich mal für lokale Geologie interessieren wollte. Was bei den Lümmeln in der Schule funktioniert, funktioniert erst recht beim Touristen. Und so hielt sich die Geschichte vom geblendeten Polyphem und seinen Steinen in der Welt bis heute. Und ziert jeden Sizilien-Reiseführer. Menschen wollen Emotionen. Sonst funktioniert ihr Hirn schlecht, sagt Hansgeorg Häusl, Gehirnforscher und Marketing-Messias.

Aber auch neue Geschichten kommen hinzu. So benamst das schöne Roccella Ionica, das eigentlich dank Italiens größtem Jazz Festival und einer wunderschönen Küste mit Bergen umwerfender ‚Antipasti di Pesce‘ über mangelnden Touristenzuspruch nicht zu klagen braucht, seine Marina „Porto di Ulisse“ – Hafen des Odysseus. Einen Hafen gabs hier, bevor neuzeitliche Investoren im Bund mit Marketing-Genies ihn gebaren, nie.

Es gibt – zweitens – neben diesen gelungenen Kreationen aus alten und neuen Marketing-Lab’s aber Orte, an denen sich echte Bezüge herstellen lassen, zu Odysseus.

Nehmen wir mal die Geschichte von Scylla und Carybdis. Scylla, ein widerwärtiges Meerungeheuer, das von einem Felsen am Festland heraus die geifertriefenden Zähne seiner sechs Köpfe in die Leiber der vorbeifahrenden Matrosen schlägt. Und sie frisst. Und gegenüber Charybdis. Der Strudel, der drei Mal am Tag Meerwasser einsaugt und gurgelnd wieder ausspeit und dadurch Mannschaften und Schiffe in Bedrängnis bringt.

Natürlich ist das erstunken und erlogen. Aber eben nicht wirklich schlecht erfunden. Deshalb weil:

Auf Lipari hatten wir herrliche Tage verbracht – siehe die letzten Posts über Vulkane und heiße Quellen. Vor allem hatte ich auf guten Wind gewartet, der sich in Gestalt eines Nordwest 5-6 zeigte und schnelle Fahrt zur 35 Seemeilen östlich gelegenen Einfahrt in die Straße von Messina verhieß. Der Wind kam pünktlich Nachmittags um zwei und trieb uns der Meerenge entgegen. Bis sich – wie schon an der vorherigen Tagen auch – Windhosen genau voraus an der Einfahrt in die Straße von Messina zeigten, wie im ersten Foto sichtbar. Auch wenn ich annahm, dass die Windhosen mit dem Nordwest mit und damit von uns weg zogen, sind sie immer noch ein beeindruckendes Wetterphänomen, auf dem man besser unablässig seine wachsames Auge ruhen lässt statt es einfach auf die leichte Schulter zu nehmen.

Nicht auszudenken, wenn man da hinein segelte in einen der beiden Schläuche, die wie die Schlünde eines Ungeheuers vom Himmel aufs Meer herunter ragen. Und die Mannschaft vom Deck eines Schiffes fressen…

Charybdis, der große Strudel. Noch Rod Heikell zitiert in seinem KÜSTENHANDBUCH ITALIEN  für die Straße von Messina das ihm vorliegende  KÜSTENHANDBUCH DER BRITISCHEN ADMIRALITÄT: „Die aus der Antike bekannten Strömungen und Strudel sind dergestalt, dass eine gewisse Vorsicht beim Befahren der Straße von Messina notwendig ist, außerdem sind Schiffe auf beiden Seiten der Straße in der Nähe des Hochlandes heftigen Böen ausgesetzt, die durch die Täler auf die Wasserstraße mit solcher Stärke einfallen, dass ein kleineres Schiff schon mal in Bedrängnis kommt.“

Natürlich laufen vor allem an der Engstelle starke Strömungen, sie sind eher die Ausnahme. Die Versetzung durch Strom stellt man aber immer noch fest, wenn man die Engen passiert. Genauso wie die merkwürdigen „Zipfelmützen“ auf dem Wasser, die ich beim ersten Befahren der Meerenge 2004 bemerkt hatte: Wirbel und auffällige Strömungsmuster, die meine damalige Crew faszinierten. Rod Heikell: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Straße von Messina in der Antike viel gefährlicher war“ –  bis 1783 ein Erdbeben die Topografie des Meeresbodens veränderte. Und dem Strudel, der sich vor der Ortschaft Scilla befand, den Graus machte. Heikell zitiert den Bericht eines britischen Admirals von 1824: „‚Ich habe mehrere Kriegsschiffe gesehen, darunter eines mit 74 Kanonen, die herumgewirbelt wurden, als sie in die Strudel gerieten.“

In der Dunkelheit gegen 22 Uhr kamen wir in Messina an und blieben die Nacht über dort. Die Weiterfahrt am nächsten Tag hatte es in sich. Gegen Mittag in Messina erst Windstille. Dann eine Böenwalze von steuerbord achtern von den sizilischen Hängen herunter, die LEVJE wechselweise flach aufs Wasser legte. Und dann ungebremst in den Wind schießen ließ. So ging es das ganze Stück nach Süden von Messina bis hinaus aus der Straße. Wo nach drei Stunden der Spuk ganz plötzlich vorbei war, als hätte jemand den Schalter des Ventilators ausgeknipst. Und den Rest des Tages nur noch endlose Motorenstunden uns nach Taormina brachten.

Was, wenn die Geschichten von Odysseus wahr wären?
Wenn sich in den Erzählungen einfach die Geschichten der Seeleute vor 3.000 Jahren wiederfinden, die sie sich in den Kneipen erzählten? In die sie ihre Erfahrungen mit regionalen Wetteranomalien verpackten? Und an andere Seereisende weitergaben?

Nehmen wir mal die Geschichte vom Windsack des Odysseus. Sie erinnern sich, ja? Odysseus hatte ja sein Fernbleiben vom häuslichen Herd, sein jahrzehntelange Herumtreiberei im Mittelmeer – öffentlich, wohl in Richtung seiner Frau? – so begründet:

Der Windgott Aiolos habe ihm einen Lederbeutel unbekannten Inhalts geschenkt, der keinesfalls vor Ankunft in Ithaka geöffnet werden sollte.
Zwei gierige Matrosen an Bord des Schiffes konnten sich aber nicht beherrschen. Und öffneten den Sack, als Ithaka in Sichtweite war.
Wie durch Zauber entsprangen dem Sack kreuz und quer durcheinander fahrende Böen und Winde, die Odysseus‘ Boot von der ersehnten Küste und seiner geliebten Penelope weg hinaus aufs Meer trieben. Wo er dann für weitere zehn Jahre herumirren musste. Wir wissen: Es war nicht immer nur zu seinem Leidwesen.

Was an der Geschichte richtig ist, sind die stets wechselnden Winde in und östlich der Straße von Messina. Wer jemals den gleichnamigen Golf bei dem Örtchen Squilace durchsegelte, der weiß, wovon die Rede ist. Wechselnde Winde. Winde von hier nach da. Eben ein Nichts. Dann ein grimmiges Hui. Ein Fauchen. Oder wie italienische Segler heute sagen:

„Il Golfo di Squillace
al Marinaio non da pace!“

Der Golf von Squillace – er lässt dem Seemann keine Ruh‘. Nein Homer, Odysseus: Sie haben recht. Die Orte zu identifizieren, an denen Odysseus unterwegs war, wird weiterhin Generationen unterhalten. Und nur gelegentlich gelingen. Aber in seine Lügen-Geschichten von Lotosesssern und einäugigen Riesen und schönen Frauen und bösen Männern sind eine Art 3.000 Jahre alter NAVTEX-Mitteilungen eingeflossen. Regionale Warnungen vor Wind. Und Wetter. Und Wellen. Geschichten, Erfahrungen von Seeleuten, die vor drei Jahrtausenden die Orte, die Meere befuhren und das erzählten. Sie hatten erlebt, was wir heute noch erleben.

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Wie es sich anfühlt, wenn man einer Windhose begegnet.
Was wirklich im Gewitter passiert – 
steht hier drin:



40 Segler berichten ihre Erfahrungen.
In 8 Revieren.
Auf 272 Seiten.
Mit über 100 Fotos.
Mit mehr als 100 Learnings über richtiges Verhalten im Gewitter.

Live-Interview im hessischen Rundfunk ansehen?

Weiterlesen über Gewitter hier auf MARE PIU: 

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Karibiksegeln im Juli – 4. Domenica, der absolute Höhepunkt!


 Ankerbucht vor Roseau
Auf nach Domenica! Unter Motor geht es frühmorgens das kurze Stückhoch zum Nordkap von Martinique. Da wir bisher noch nirgendwo Landstrom bekommen haben, sind wir ja immer wieder auf Motorfahrten angewiesen, um die Spannung in den Akkus zu halten. Die Alternative wäre es, am Liegeplatz den Motor laufen zu lassen. Das müssen wir später auch noch machen, aber ich probiere es eben möglichst zu vermeiden und fahre Schwachwindsektionen dann eben unter Diesel. Am Nordkap angekommen, brist der Wind wie auch im Törnführer beschrieben stark auf. Klar. Düseneffekt und Kapeffekt kommen hier zusammen. Das erste Reff hatte ich schon vor dem Auslaufen eingebunden, also können die Segel direkt nach oben gehen und der wilde Ritt beginnt. Bis zu 8 Knoten stehen auf meinem GPS, die Logge ist, wie so einiges andere an diesem Boot, defekt. Die Sun Odyssey legt sich weit über wird dann aber schnell stabil und schnell. Noch etwas mit Fockgröße, Traveller und Trimm experimentiert, dann passt alles und der Autopilot (dessen Anzeige auch defekt ist) verrichtet seinen Dienst. Wir bekommen den Wind genau von der Seite, samt kräftiger Welle. Aber mit diesem Speed segelt es sich ganz hervorragend und schnell wird Domenica vor dem Bug immer größer, während Martinique im Kielwasser verschwindet. Die Seekarten (die an Bord sind die übrigens noch von 2006!!) und die Plotter (ich habe sicherheitshalber auch mein Tablet samt Navionics Software mitgebracht) berichten vom ominösen 7 Feet Rock, dessen Position nicht ganz eindeutig ist. Ich halte also lieber genug Abstand von Scotts Head, der Untiefe am Südkap von Domenica.
 Land in Sicht

 Zwischen den Inseln
Und auch hier brist es wieder ganz gewaltig auf und eine Böe legt uns eine Zeit heftig auf die Seite. Alle Augen ruhen auf mir. Jetzt bloß ganz gleichgültig tun. Alles an diesem Boot ist so groß, dass man nicht mal eben die Großschot fieren kann. Dazu kommt das German Cuppersystem auf einer gemeinsamen Winsch für Fock und Groß. Da muss dann erst einmal die Großschot um eine Winsch gelegt, eine Klemme geöffnet und langsam gefiert werden, und das dauert eben. Aber die vor Schreck geweiteten Augen der Crew bleiben größer als die eigentliche Krängung. Alles im grünen Bereich. Der Wind dreht nun mit dem Kap mit und kommt eine Zeit lang raum, bis er dann langsam schwächelt. Also gehen wir wieder in den stromerzeugenden Dieselmodus. Mir wurde vorab geraten möglichst nur in Portsmouth zu ankern, da der Rest von Domenica nicht ganz ungefährlich wäre. Soweit in den Norden wollen wir aber nicht, und ich denke die Hauptstadt Roseau geht auch in Ordnung. Der Törnführer beschreibt ein paar mögliche Plätze samt diversen Telefonnummern und UKW Anrufkanälen von möglichen Liegeplätzen, aber niemand antwortet. Eigentlich wollte ich schon mit gutem Abstand zur Küste einen der empfohlenen Plätze reservieren, bevor wir von Boat-Boys umlagert werden. Besonders erwähnt wird im Törnführer von Chris Doyle ein Marcus, der sich um die Security in der gesamten Ankerbucht kümmern soll. Aber auch er antwortet nicht. Und da löst sich auch schon ein kleines, knallbuntes Boot mit Außenborder vom Land und hält auf uns zu. Das hat etwas von den Piratenbildern, die man aus Somalia kennt, aber es wird wohl Zeit Vorurteile über Bord zu werfen und sich dem Neuen zu stellen. Das farbenfrohe Boot samt farbenfrohem Lenker im Rasta-Style und leicht verkifften Augen geht längsseits. Auf Domenica spricht man zum Glück englisch, was die Kommunikation doch sehr erleichtert. Eigentlich möchte ich an eine Mooringtonne vor dem Domenica Marine Center, aber er zeigt auf eine Tonne ein gutes Stück weit davon entfernt. Ich frage ihn nach Marcus. Ja, den kenne er. Wenn ich möchte, würde er ihn holen, sobald wir an der Tonne liegen. Wir willigen etwas zögernd ein und folgen dem Boot. Nachdem die Leine fest ist, verhandeln wir auch schnell noch den Preis. 40 karibische Dollar, also ca. 13 Euro die Nacht. Inklusive Security. Angesichts der verfallenen Gebäude direkt vor uns, sowie schwelender Feuer am Strand und der offensichtlichen Armut sind wir hin- und hergerissen. Wir liegen in Schwimmweite des Strandes und die Küste wirkt leicht bedrohlich. Das ist hier dann doch ganz anders als auf Martinique.

In meinem Buch befindet sich jedenfalls ein Foto von Marcus, und der Mann, der nun mit unserem Boat-Boy angefahren kommt, sieht ihm in der Tat sehr ähnlich. Freier Oberkörper, einige Zähne fehlen, am Gürtel ein martialisch aussehendes Messer sowie eine Handfunke. Und er redet gleich drauflos: “Hi, I am Marcus, I am the Security here in this bay”. Ich zeige ihm das Foto und er lacht. Ja, das wäre er. Er würde nun aber nicht mehr für das Marine Center arbeiten, sondern auf eigene Rechnung, und dieses hier wäre seine private Mooringtonne. Irgendwie wirkt er extrem von der Rolle und auch nicht ganz nüchtern. Ich setze mich aufs Vordeck um ein wenig mit ihm zu plaudern und einen Eindruck zu gewinnen. Er erzählt mir, dass sein nagelneuer Außenborder grade abgesoffen wäre (it went fucking dong, man), und mit ihm sein Handy. Daher hätten wir ihn nicht erreicht, aber er würde sich nun um alles kümmern. Zoll, Ausflüge, er könnte uns überall behilflich sein. Wenn auch nicht ganz nüchtern, erscheint er mir aber doch sympathisch und vertrauenswürdig. Die anderen stimmen zu, und wir bezahlen für zwei Nächte plus einem Trinkgeld von 20 EC für den Service. Und sagen ihm zunächst, dass wir uns später wieder melden würden. Danach sitzen wir erst einmal im Cockpit gewöhnen uns ein und schwimmen, während vom Strand immer lautere Musik herüberweht. Ich würde es Carribean Gangsta Rap nennen, mit viel Waffen- und Schussgeräuschen. „No, I am not a nice guy!”. Boom Boom Boom. Naja, so ganz wohl fühlen wir uns hier dann noch nicht. Zwei Stunden später habe ich dann Marcus am UKW und er will uns für Zoll und Stadtbesichtigung abholen. Das Dinghi bleibt besser angeschlossen an Bord. Marcus erscheint mit dem Boot seines Kollegen und sagt: „Hi I am Marcus, I am the security here in this bay“.  
 
So als sähe er uns gerade zum ersten Mal. Strange, aber nun müssen wir da wohl durch. Am Zoll verlassen wir das Boot und mangels eigenem Hand UKW (denn das hatte ich zuhause vergessen) verabreden wir uns direkt am Strand vor unserem Boot für den Rücktransport. Und hoffen, dass wir den Platz und unser Boot überhaupt wiederfinden. Die Dame beim Zoll winkt ab. Heute am Sonntag käme wohl keiner mehr, und wir sollen doch bitte morgen früh wiederkommen. Also laufen wir etwas unmotiviert durch die Straßen. Alles ist geschlossen und leer, die Menschen erscheinen uns feindselig und wir uns, als offensichtliche Touristen, sehr fehl am Platze. Dazu kommt der Hang zum Gangsta-Look bei vielen Einheimischen plus deren Autos mit rundum getönten Scheiben aus denen fette Bässe dringen. Plus der leicht desolate Zustand der Stadt. Wir wissen nicht so recht wohin und landen am Ende im Innenhof eines recht noblen Hotels. Hier lässt es sich gut aushalten und von der Dachterrasse kann man dann auch unser Boot friedlich vor dem Strand dümpeln sehen. Es ist ziemlich weit weg und wir sollten den Fußweg dorthin rechtzeitig antreten, damit wir nicht im Dunkeln nach der richtigen Strandhütte suchen müssen, in der Marcus auf uns wartet. Samt Messer. Hoffentlich! Mich nervt nun aber auch mein Misstrauen, ob der vielen Klischees und wir beschließen dann statt mit dem Taxi zur Strandhütte zu fahren, doch einfach zu Fuß zu gehen. Sonst werden wir uns nie akklimatisieren. Und in er Tat, mit offeneren Augen und geänderter Haltung ist alles plötzlich sehr aufregend, neu und spannend. 

Bunte Häuser, kleine Geschäfte, ein Fußballplatz und jede Menge Menschen säumen die Küstenstraße. Alle grüßen und sind freundlich, bis auf einen Mann der direkt fünf Dollar von uns verlangt, aber nicht bekommt. Und wir erwischen dann auch den richtigen Abzweig zum Strand und finden dort Marcus und seine rund 10-köpfige Crew vor. Jetzt begrüßen wir uns auch irgendwie das erste Mal richtig. Und machen für den nächsten Tag eine Inseltour ab. Sie würden auf das Boot aufpassen und wir könnten in Ruhe durch heiße Quellen und Wasserfälle streifen. Abgemacht. Die Runde ist karibisch friedlich, der Geruch von Gras hängt in der Luft. Ein Typ aus Florida hängt auch hier ab. Frau und Kind irgendwo draußen an Bord. Auf Langfahrt. 5 Jahre sind geplant. Umgestiegen auf Katamaran, da sie die Krängung stört. Wir werden noch eingeladen mitzufeiern, gehen aber dann doch lieber auf unser Boot. Mit unseren zwei Mädels wollen wir unser Glück nicht herausfordern. Alle 30 Minuten streift der Strahl einer Taschenlampe über unser Boot. Wir werden offenbar gut behütet. Als dann irgendwann die aggressive Musik ruhigeren Raggaeklängen weicht, fühlen wir uns sehr, sehr wohl hier in dieser rauen Stimmung. Und alle sind alle froh den Sprung nach Domenica gewagt zu haben. Wir genießen noch etwas von unserem karibischen Rum und trinken einen Schluck mit Rasmus, bevor wir wie immer sehr früh in die Kojen klettern. Von innen abgeschlossen, haben wir aber trotz dem wachsenden Vertrauen dann doch wieder von innen.

Unsere Ankerbucht

Wunderbar ausgeschlafen geht es am nächsten Tag auf einen sehr beeindruckenden Ausflug über die Insel. „Unsere“ Jungs haben uns mit „Armstrong“ einen ganz hervorragenden Guide besorgt. Kaum sitzen wir in seinem Taxibus sprudeln Infos auf uns ein. Jedes Gebäude und der Gemüsemarkt wird kommentiert (alleine 40 Sorten Mangos gibt es auf der Insel). Doch wir müssen nun erst einmal einklarieren. Anders als auf Martinique, wo man selber die Infos in einen PC eingibt, ein Formular ausdruckt und abstempeln lässt, herrscht hier ein ganz anderer Ton. Ich muss diverse Angaben handschriftlich festhalten und werde ausgiebig nach Törndauer und Abfahrtszeiten befragt. Es gilt wohl festzustellen, ob unsere Angaben plausibel sind. Am Ende muss sich dann die ganze Crew in einem Raum versammeln und es gilt noch viele weitere Fragen zu beantworten. Wenigstens ist beim Einklarieren das Ausklarieren innerhalb von 14 Tagen inklusive, und so verlassen wir dann eine Stunde später das Zollgebäude, froh nicht wiederkommen zu müssen. Armstrong wartet bereits auf uns und es geht quer über die Insel. Eine Grotte zum Schwimmen (bekannt aus Fluch der Karibik), Wasserfälle, heiße Quellen, ein botanischer Garten und weitere Ziele lagen vor uns. Interessant ist es, das viele Pflanzen, deren Früchte wir nur getrocknet kennen, direkt am Straßenrand standen. Zimt, Muskatnuss, Cashew, Eukalyptus, alles kann einfach so gepflückt werden. Faszinierend. Die Klettertour über die glitschigen Felsen zu den dampfenden Quellen der Trafalgar Falls ist besonders fordernd. Die Mädels geben recht früh auf, und auch ich frage mich, ob es richtig sei unsere Knochen und damit den Törn für ein wenig warmes Wasser zu riskieren? Am Ende ist es zwar ganz nett, ich würde es aber nicht wiederholen. Zu groß ist das Risiko auf den Felsen ganz gefährlich auszurutschen und damit den ganzen Törn zu riskieren. Als Skipper hätte ich wohl besser Nein gesagt, aber damit tue ich mich bei jeder Art von Mutprobe und Herausforderung leider immer sehr schwer. 

Am Ende des Tages kommen wir zwar völlig erledigt, aber absolut begeistert auf unser Boot zurück, das gut bewacht an seiner Mooringtonne liegt. Mich haben die Boat-Boys und meine anfänglichen Vorurteile lange beschäftigt, denn letztendlich sind sie es ja, die mir zwar zuerst das Gefühl der Unsicherheit gaben, um sich dann später als diejenigen herauszustellen, die so sehr um unsere Sicherheit besorgt sind. Schon Paradox. Armstrong erzählt mir dann auch davon, dass Marcus nagelneuer Außenborder ungesichert bei 200 Fuß Wassertiefe über Bord gegangen wäre. Das war auch der Grund weshalb wir von seinem Kollegen Desmond in Empfang genommen wurden. Nun muss er wieder lange auf einen neuen Motor für sein Boot sparen. Ich entscheide mich spontan dafür, ihm dabei finanziell unter die Arme zu greifen, denn ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und ihrem so eigenen Kampf gegen die Kriminalität. Ohne sie und ihre nächtlichen Patrouillen hätte ich mich auf der Insel wahrscheinlich nicht sehr sicher gefühlt. Marcus zeigte mir dann noch seine „Operation“, bestehend aus viel Tauwerk, Ketten, Mooringtonnen und jeder Menge Gerödel. Was bei uns als Schrott in der Garage durchgeht, ist hier der Start seines Geschäftes! Wer also Roseau auf Domenica als Ankerziel wählen möchte, ruft am besten Marcus aus UKW Kanal 16 an, der dann auf 14 gewechselt wird. Man wird dann ruhig schlafen und das Boot auch einmal alleine lassen können. Und auch in dieser Nacht gibt uns das ständige Flackern der Taschenlampen wieder das Gefühl von absoluter Sicherheit. Und ich vergesse es nun auch die Luken zu schließen. Denn ich habe auf der Seekarte eine Info gefunden, die mich nun beschäftigt. Sinngemäß steht dort das viele Yachties es sich unnötig schwer machen, da sie die Tide und die damit verbundene Strömung zwischen den Inseln nicht beachten würden. Und so würde aus einem leichten Halb- bis Amwindkurs, dann ein hartes Gegenan. Grundsätzlich würde in der Karibik immer ein leichter Weststrom setzen, der je nach Tide dann stärker wird oder sich aufhebt. Mangels Internet hole ich per SMS von Mike von www.klassisch-am-wind.dedie aktuellen Tidenzeiten ab. Jetzt gilt es nur noch herauszufinden, in welche Richtung nun Ebbe oder Flut setzen. Aber auch dazu finde ich auf der Seekarte einen Eintrag und verschiebe die für morgens geplante Abfahrt, auf 1230h. Denn um 1430h soll die Tide kippen und wir müssen ja erst noch ums Kap motoren. Außerdem möchte ich wegen der hier recht früh einsetzenden Dunkelheit noch etwas Reserven haben.    

Einhand um Sizilien, Teil VII: Durch die Straße von Messina. Windhosen.Böen. Und die Spur des Odysseus.

In lockerer Reihenfolge erzähle ich in dieser Artikelserie meine Reise 
um Sizilien auf meiner 31-Fuß-Yacht LEVJE im Sommer 2016. 
Alle Artikel dieser Reihe finden Sie auf click HIER.

Bei der Einfahrt in die Straße von Messina vergangene Woche: Zwei Windhosen. Die weiße links befindet sich gerade in Auflösung, während der kleine bleigraue Schlauch weiter rechts gerade dabei ist, sich auszubilden. Selbst wenn alles weit entfernt ist, wird der Segler auf seinem kleinen Gefährt doch ehrfürchtig.

Das Nachdenken über Homer, über Odysseus und seine wundersame Odyssee und deren genaue Route: Es gehört zum Segeln im Mittelmeer. Unzählige Autoren haben über das Thema geschrieben. Von Göran Schildt’s „Im Kielwasser des Odysseus“ bis „Terra X“, Folge 27 und YOUTUBE: Odysseus und seine Reiseroute bewegen die Gemüter. Bis heute.

Die Felsen vor dem sizilischen Aci Trezza. Und warum sie wegen Odysseus hier liegen…

An kaum einem anderen Abschnitt des Mittelmeeres, nicht in der Ägäis, nicht im türkischen Kleinasien, schon gar nicht im heutigen Ithaka, dessen felsigen Boden die Schliemanns und Dörpfelds vergebens durchgruben, stößt man auf derart viele Hinweise auf Odysseus und die Beschreibung seiner Reise wie im Gebiet zwischen Süditalien und der Ostküste Siziliens.  „Odysseo“ hier. „Ulysse“ da.

Das hat mit zweierlei zu tun. Erstens damit, dass in diesem geografischen Gebiet zwischen der Schuhsohle des italienischen Stiefels und der Küste unterm Ätna sehr viele Orte sich und ihre Geschichte mit Odysseus in Verbindung bringen. Nehmen wir mal das unschuldige Dörfchen Aci Trezza. Das liegt genau zwischen Taormina und Catania unterhalb des Ätna an einem Küstenstrich,  der dank Goethe zu den Keimzellen und Brutstätten des modernen Tourismus gehört. Dort erzählt man sich und jedem Fremden, der es hören mag, die Geschichte, dass die merkwürdigen Basaltformationen, die den Hafen von Aci Trezza heute so malerisch einrahmen, von Polyphem selbst stammen. Der einäugige Riese hätte sie, berauscht, seines einzigen Auges beraubt und von Odysseus wie ein ‚Looser‘ aufs Kreuz gelegt, wütend dem Flüchtenden ins Meer hinaus nachgeschleudert – wo sie noch heute stehen.

Eine schöne Geschichte. Sie ist natürlich nicht wahr, aber doch bewundernswert gut erfunden. Vermutlich stammt sie von einem hochbegabten Dorfschullehrer, der Anfang des 19. Jahrhunderts im Dorf seine Lümmel endlich mal für lokale Geologie interessieren wollte. Was bei den Lümmeln in der Schule funktioniert, funktioniert erst recht beim Touristen. Und so hielt sich die Geschichte vom geblendeten Polyphem und seinen Steinen in der Welt bis heute. Und ziert jeden Sizilien-Reiseführer. Menschen wollen Emotionen. Sonst funktioniert ihr Hirn schlecht, sagt Hansgeorg Häusl, Gehirnforscher und Marketing-Messias.

Aber auch neue Geschichten kommen hinzu. So benamst das schöne Roccella Ionica, das eigentlich dank Italiens größtem Jazz Festival und einer wunderschönen Küste mit Bergen umwerfender ‚Antipasti di Pesce‘ über mangelnden Touristenzuspruch nicht zu klagen braucht, seine Marina „Porto di Ulisse“ – Hafen des Odysseus. Einen Hafen gabs hier, bevor neuzeitliche Investoren im Bund mit Marketing-Genies ihn gebaren, nie.

Es gibt – zweitens – neben diesen gelungenen Kreationen aus alten und neuen Marketing-Lab’s aber Orte, an denen sich echte Bezüge herstellen lassen, zu Odysseus.

Nehmen wir mal die Geschichte von Scylla und Carybdis. Scylla, ein widerwärtiges Meerungeheuer, das von einem Felsen am Festland heraus die geifertriefenden Zähne seiner sechs Köpfe in die Leiber der vorbeifahrenden Matrosen schlägt. Und sie frisst. Und gegenüber Charybdis. Der Strudel, der drei Mal am Tag Meerwasser einsaugt und gurgelnd wieder ausspeit und dadurch Mannschaften und Schiffe in Bedrängnis bringt.

Natürlich ist das erstunken und erlogen. Aber eben nicht wirklich schlecht erfunden. Deshalb weil:

Auf Lipari hatten wir herrliche Tage verbracht – siehe die letzten Posts über Vulkane und heiße Quellen. Vor allem hatte ich auf guten Wind gewartet, der sich in Gestalt eines Nordwest 5-6 zeigte und schnelle Fahrt zur 35 Seemeilen östlich gelegenen Einfahrt in die Straße von Messina verhieß. Der Wind kam pünktlich Nachmittags um zwei und trieb uns der Meerenge entgegen. Bis sich – wie schon an der vorherigen Tagen auch – Windhosen genau voraus an der Einfahrt in die Straße von Messina zeigten, wie im ersten Foto sichtbar. Auch wenn ich annahm, dass die Windhosen mit dem Nordwest mit und damit von uns weg zogen, sind sie immer noch ein beeindruckendes Wetterphänomen, auf dem man besser unablässig seine wachsames Auge ruhen lässt statt es einfach auf die leichte Schulter zu nehmen.

Nicht auszudenken, wenn man da hinein segelte in einen der beiden Schläuche, die wie die Schlünde eines Ungeheuers vom Himmel aufs Meer herunter ragen. Und die Mannschaft vom Deck eines Schiffes fressen…

Charybdis, der große Strudel. Noch Rod Heikell zitiert in seinem KÜSTENHANDBUCH ITALIEN  für die Straße von Messina das ihm vorliegende  KÜSTENHANDBUCH DER BRITISCHEN ADMIRALITÄT: „Die aus der Antike bekannten Strömungen und Strudel sind dergestalt, dass eine gewisse Vorsicht beim Befahren der Straße von Messina notwendig ist, außerdem sind Schiffe auf beiden Seiten der Straße in der Nähe des Hochlandes heftigen Böen ausgesetzt, die durch die Täler auf die Wasserstraße mit solcher Stärke einfallen, dass ein kleineres Schiff schon mal in Bedrängnis kommt.“

Natürlich laufen vor allem an der Engstelle starke Strömungen, sie sind eher die Ausnahme. Die Versetzung durch Strom stellt man aber immer noch fest, wenn man die Engen passiert. Genauso wie die merkwürdigen „Zipfelmützen“ auf dem Wasser, die ich beim ersten Befahren der Meerenge 2004 bemerkt hatte: Wirbel und auffällige Strömungsmuster, die meine damalige Crew faszinierten. Rod Heikell: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Straße von Messina in der Antike viel gefährlicher war“ –  bis 1783 ein Erdbeben die Topografie des Meeresbodens veränderte. Und dem Strudel, der sich vor der Ortschaft Scilla befand, den Graus machte. Heikell zitiert den Bericht eines britischen Admirals von 1824: „‚Ich habe mehrere Kriegsschiffe gesehen, darunter eines mit 74 Kanonen, die herumgewirbelt wurden, als sie in die Strudel gerieten.“

In der Dunkelheit gegen 22 Uhr kamen wir in Messina an und blieben die Nacht über dort. Die Weiterfahrt am nächsten Tag hatte es in sich. Gegen Mittag in Messina erst Windstille. Dann eine Böenwalze von steuerbord achtern von den sizilischen Hängen herunter, die LEVJE wechselweise flach aufs Wasser legte. Und dann ungebremst in den Wind schießen ließ. So ging es das ganze Stück nach Süden von Messina bis hinaus aus der Straße. Wo nach drei Stunden der Spuk ganz plötzlich vorbei war, als hätte jemand den Schalter des Ventilators ausgeknipst. Und den Rest des Tages nur noch endlose Motorenstunden uns nach Taormina brachten.

Was, wenn die Geschichten von Odysseus wahr wären?
Wenn sich in den Erzählungen einfach die Geschichten der Seeleute vor 3.000 Jahren wiederfinden, die sie sich in den Kneipen erzählten? In die sie ihre Erfahrungen mit regionalen Wetteranomalien verpackten? Und an andere Seereisende weitergaben?

Nehmen wir mal die Geschichte vom Windsack des Odysseus. Sie erinnern sich, ja? Odysseus hatte ja sein Fernbleiben vom häuslichen Herd, sein jahrzehntelange Herumtreiberei im Mittelmeer – öffentlich, wohl in Richtung seiner Frau? – so begründet:

Der Windgott Aiolos habe ihm einen Lederbeutel unbekannten Inhalts geschenkt, der keinesfalls vor Ankunft in Ithaka geöffnet werden sollte.
Zwei gierige Matrosen an Bord des Schiffes konnten sich aber nicht beherrschen. Und öffneten den Sack, als Ithaka in Sichtweite war.
Wie durch Zauber entsprangen dem Sack kreuz und quer durcheinander fahrende Böen und Winde, die Odysseus‘ Boot von der ersehnten Küste und seiner geliebten Penelope weg hinaus aufs Meer trieben. Wo er dann für weitere zehn Jahre herumirren musste. Wir wissen: Es war nicht immer nur zu seinem Leidwesen.

Was an der Geschichte richtig ist, sind die stets wechselnden Winde in und östlich der Straße von Messina. Wer jemals den gleichnamigen Golf bei dem Örtchen Squilace durchsegelte, der weiß, wovon die Rede ist. Wechselnde Winde. Winde von hier nach da. Eben ein Nichts. Dann ein grimmiges Hui. Ein Fauchen. Oder wie italienische Segler heute sagen:

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Der Golf von Squillace – er lässt dem Seemann keine Ruh‘. Nein Homer, Odysseus: Sie haben recht. Die Orte zu identifizieren, an denen Odysseus unterwegs war, wird weiterhin Generationen unterhalten. Und nur gelegentlich gelingen. Aber in seine Lügen-Geschichten von Lotosesssern und einäugigen Riesen und schönen Frauen und bösen Männern sind eine Art 3.000 Jahre alter NAVTEX-Mitteilungen eingeflossen. Regionale Warnungen vor Wind. Und Wetter. Und Wellen. Geschichten, Erfahrungen von Seeleuten, die vor drei Jahrtausenden die Orte, die Meere befuhren und das erzählten. Sie hatten erlebt, was wir heute noch erleben.

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Karibiksegeln im Juli – 4. Domenica, der absolute Höhepunkt!


 Ankerbucht vor Roseau
Auf nach Domenica! Unter Motor geht es frühmorgens das kurze Stückhoch zum Nordkap von Martinique. Da wir bisher noch nirgendwo Landstrom bekommen haben, sind wir ja immer wieder auf Motorfahrten angewiesen, um die Spannung in den Akkus zu halten. Die Alternative wäre es, am Liegeplatz den Motor laufen zu lassen. Das müssen wir später auch noch machen, aber ich probiere es eben möglichst zu vermeiden und fahre Schwachwindsektionen dann eben unter Diesel. Am Nordkap angekommen, brist der Wind wie auch im Törnführer beschrieben stark auf. Klar. Düseneffekt und Kapeffekt kommen hier zusammen. Das erste Reff hatte ich schon vor dem Auslaufen eingebunden, also können die Segel direkt nach oben gehen und der wilde Ritt beginnt. Bis zu 8 Knoten stehen auf meinem GPS, die Logge ist, wie so einiges andere an diesem Boot, defekt. Die Sun Odyssey legt sich weit über wird dann aber schnell stabil und schnell. Noch etwas mit Fockgröße, Traveller und Trimm experimentiert, dann passt alles und der Autopilot (dessen Anzeige auch defekt ist) verrichtet seinen Dienst. Wir bekommen den Wind genau von der Seite, samt kräftiger Welle. Aber mit diesem Speed segelt es sich ganz hervorragend und schnell wird Domenica vor dem Bug immer größer, während Martinique im Kielwasser verschwindet. Die Seekarten (die an Bord sind die übrigens noch von 2006!!) und die Plotter (ich habe sicherheitshalber auch mein Tablet samt Navionics Software mitgebracht) berichten vom ominösen 7 Feet Rock, dessen Position nicht ganz eindeutig ist. Ich halte also lieber genug Abstand von Scotts Head, der Untiefe am Südkap von Domenica.
 Land in Sicht

 Zwischen den Inseln
Und auch hier brist es wieder ganz gewaltig auf und eine Böe legt uns eine Zeit heftig auf die Seite. Alle Augen ruhen auf mir. Jetzt bloß ganz gleichgültig tun. Alles an diesem Boot ist so groß, dass man nicht mal eben die Großschot fieren kann. Dazu kommt das German Cuppersystem auf einer gemeinsamen Winsch für Fock und Groß. Da muss dann erst einmal die Großschot um eine Winsch gelegt, eine Klemme geöffnet und langsam gefiert werden, und das dauert eben. Aber die vor Schreck geweiteten Augen der Crew bleiben größer als die eigentliche Krängung. Alles im grünen Bereich. Der Wind dreht nun mit dem Kap mit und kommt eine Zeit lang raum, bis er dann langsam schwächelt. Also gehen wir wieder in den stromerzeugenden Dieselmodus. Mir wurde vorab geraten möglichst nur in Portsmouth zu ankern, da der Rest von Domenica nicht ganz ungefährlich wäre. Soweit in den Norden wollen wir aber nicht, und ich denke die Hauptstadt Roseau geht auch in Ordnung. Der Törnführer beschreibt ein paar mögliche Plätze samt diversen Telefonnummern und UKW Anrufkanälen von möglichen Liegeplätzen, aber niemand antwortet. Eigentlich wollte ich schon mit gutem Abstand zur Küste einen der empfohlenen Plätze reservieren, bevor wir von Boat-Boys umlagert werden. Besonders erwähnt wird im Törnführer von Chris Doyle ein Marcus, der sich um die Security in der gesamten Ankerbucht kümmern soll. Aber auch er antwortet nicht. Und da löst sich auch schon ein kleines, knallbuntes Boot mit Außenborder vom Land und hält auf uns zu. Das hat etwas von den Piratenbildern, die man aus Somalia kennt, aber es wird wohl Zeit Vorurteile über Bord zu werfen und sich dem Neuen zu stellen. Das farbenfrohe Boot samt farbenfrohem Lenker im Rasta-Style und leicht verkifften Augen geht längsseits. Auf Domenica spricht man zum Glück englisch, was die Kommunikation doch sehr erleichtert. Eigentlich möchte ich an eine Mooringtonne vor dem Domenica Marine Center, aber er zeigt auf eine Tonne ein gutes Stück weit davon entfernt. Ich frage ihn nach Marcus. Ja, den kenne er. Wenn ich möchte, würde er ihn holen, sobald wir an der Tonne liegen. Wir willigen etwas zögernd ein und folgen dem Boot. Nachdem die Leine fest ist, verhandeln wir auch schnell noch den Preis. 40 karibische Dollar, also ca. 13 Euro die Nacht. Inklusive Security. Angesichts der verfallenen Gebäude direkt vor uns, sowie schwelender Feuer am Strand und der offensichtlichen Armut sind wir hin- und hergerissen. Wir liegen in Schwimmweite des Strandes und die Küste wirkt leicht bedrohlich. Das ist hier dann doch ganz anders als auf Martinique.

In meinem Buch befindet sich jedenfalls ein Foto von Marcus, und der Mann, der nun mit unserem Boat-Boy angefahren kommt, sieht ihm in der Tat sehr ähnlich. Freier Oberkörper, einige Zähne fehlen, am Gürtel ein martialisch aussehendes Messer sowie eine Handfunke. Und er redet gleich drauflos: “Hi, I am Marcus, I am the Security here in this bay”. Ich zeige ihm das Foto und er lacht. Ja, das wäre er. Er würde nun aber nicht mehr für das Marine Center arbeiten, sondern auf eigene Rechnung, und dieses hier wäre seine private Mooringtonne. Irgendwie wirkt er extrem von der Rolle und auch nicht ganz nüchtern. Ich setze mich aufs Vordeck um ein wenig mit ihm zu plaudern und einen Eindruck zu gewinnen. Er erzählt mir, dass sein nagelneuer Außenborder grade abgesoffen wäre (it went fucking dong, man), und mit ihm sein Handy. Daher hätten wir ihn nicht erreicht, aber er würde sich nun um alles kümmern. Zoll, Ausflüge, er könnte uns überall behilflich sein. Wenn auch nicht ganz nüchtern, erscheint er mir aber doch sympathisch und vertrauenswürdig. Die anderen stimmen zu, und wir bezahlen für zwei Nächte plus einem Trinkgeld von 20 EC für den Service. Und sagen ihm zunächst, dass wir uns später wieder melden würden. Danach sitzen wir erst einmal im Cockpit gewöhnen uns ein und schwimmen, während vom Strand immer lautere Musik herüberweht. Ich würde es Carribean Gangsta Rap nennen, mit viel Waffen- und Schussgeräuschen. „No, I am not a nice guy!”. Boom Boom Boom. Naja, so ganz wohl fühlen wir uns hier dann noch nicht. Zwei Stunden später habe ich dann Marcus am UKW und er will uns für Zoll und Stadtbesichtigung abholen. Das Dinghi bleibt besser angeschlossen an Bord. Marcus erscheint mit dem Boot seines Kollegen und sagt: „Hi I am Marcus, I am the security here in this bay“.  
 
So als sähe er uns gerade zum ersten Mal. Strange, aber nun müssen wir da wohl durch. Am Zoll verlassen wir das Boot und mangels eigenem Hand UKW (denn das hatte ich zuhause vergessen) verabreden wir uns direkt am Strand vor unserem Boot für den Rücktransport. Und hoffen, dass wir den Platz und unser Boot überhaupt wiederfinden. Die Dame beim Zoll winkt ab. Heute am Sonntag käme wohl keiner mehr, und wir sollen doch bitte morgen früh wiederkommen. Also laufen wir etwas unmotiviert durch die Straßen. Alles ist geschlossen und leer, die Menschen erscheinen uns feindselig und wir uns, als offensichtliche Touristen, sehr fehl am Platze. Dazu kommt der Hang zum Gangsta-Look bei vielen Einheimischen plus deren Autos mit rundum getönten Scheiben aus denen fette Bässe dringen. Plus der leicht desolate Zustand der Stadt. Wir wissen nicht so recht wohin und landen am Ende im Innenhof eines recht noblen Hotels. Hier lässt es sich gut aushalten und von der Dachterrasse kann man dann auch unser Boot friedlich vor dem Strand dümpeln sehen. Es ist ziemlich weit weg und wir sollten den Fußweg dorthin rechtzeitig antreten, damit wir nicht im Dunkeln nach der richtigen Strandhütte suchen müssen, in der Marcus auf uns wartet. Samt Messer. Hoffentlich! Mich nervt nun aber auch mein Misstrauen, ob der vielen Klischees und wir beschließen dann statt mit dem Taxi zur Strandhütte zu fahren, doch einfach zu Fuß zu gehen. Sonst werden wir uns nie akklimatisieren. Und in er Tat, mit offeneren Augen und geänderter Haltung ist alles plötzlich sehr aufregend, neu und spannend. 

Bunte Häuser, kleine Geschäfte, ein Fußballplatz und jede Menge Menschen säumen die Küstenstraße. Alle grüßen und sind freundlich, bis auf einen Mann der direkt fünf Dollar von uns verlangt, aber nicht bekommt. Und wir erwischen dann auch den richtigen Abzweig zum Strand und finden dort Marcus und seine rund 10-köpfige Crew vor. Jetzt begrüßen wir uns auch irgendwie das erste Mal richtig. Und machen für den nächsten Tag eine Inseltour ab. Sie würden auf das Boot aufpassen und wir könnten in Ruhe durch heiße Quellen und Wasserfälle streifen. Abgemacht. Die Runde ist karibisch friedlich, der Geruch von Gras hängt in der Luft. Ein Typ aus Florida hängt auch hier ab. Frau und Kind irgendwo draußen an Bord. Auf Langfahrt. 5 Jahre sind geplant. Umgestiegen auf Katamaran, da sie die Krängung stört. Wir werden noch eingeladen mitzufeiern, gehen aber dann doch lieber auf unser Boot. Mit unseren zwei Mädels wollen wir unser Glück nicht herausfordern. Alle 30 Minuten streift der Strahl einer Taschenlampe über unser Boot. Wir werden offenbar gut behütet. Als dann irgendwann die aggressive Musik ruhigeren Raggaeklängen weicht, fühlen wir uns sehr, sehr wohl hier in dieser rauen Stimmung. Und alle sind alle froh den Sprung nach Domenica gewagt zu haben. Wir genießen noch etwas von unserem karibischen Rum und trinken einen Schluck mit Rasmus, bevor wir wie immer sehr früh in die Kojen klettern. Von innen abgeschlossen, haben wir aber trotz dem wachsenden Vertrauen dann doch wieder von innen.

Unsere Ankerbucht

Wunderbar ausgeschlafen geht es am nächsten Tag auf einen sehr beeindruckenden Ausflug über die Insel. „Unsere“ Jungs haben uns mit „Armstrong“ einen ganz hervorragenden Guide besorgt. Kaum sitzen wir in seinem Taxibus sprudeln Infos auf uns ein. Jedes Gebäude und der Gemüsemarkt wird kommentiert (alleine 40 Sorten Mangos gibt es auf der Insel). Doch wir müssen nun erst einmal einklarieren. Anders als auf Martinique, wo man selber die Infos in einen PC eingibt, ein Formular ausdruckt und abstempeln lässt, herrscht hier ein ganz anderer Ton. Ich muss diverse Angaben handschriftlich festhalten und werde ausgiebig nach Törndauer und Abfahrtszeiten befragt. Es gilt wohl festzustellen, ob unsere Angaben plausibel sind. Am Ende muss sich dann die ganze Crew in einem Raum versammeln und es gilt noch viele weitere Fragen zu beantworten. Wenigstens ist beim Einklarieren das Ausklarieren innerhalb von 14 Tagen inklusive, und so verlassen wir dann eine Stunde später das Zollgebäude, froh nicht wiederkommen zu müssen. Armstrong wartet bereits auf uns und es geht quer über die Insel. Eine Grotte zum Schwimmen (bekannt aus Fluch der Karibik), Wasserfälle, heiße Quellen, ein botanischer Garten und weitere Ziele lagen vor uns. Interessant ist es, das viele Pflanzen, deren Früchte wir nur getrocknet kennen, direkt am Straßenrand standen. Zimt, Muskatnuss, Cashew, Eukalyptus, alles kann einfach so gepflückt werden. Faszinierend. Die Klettertour über die glitschigen Felsen zu den dampfenden Quellen der Trafalgar Falls ist besonders fordernd. Die Mädels geben recht früh auf, und auch ich frage mich, ob es richtig sei unsere Knochen und damit den Törn für ein wenig warmes Wasser zu riskieren? Am Ende ist es zwar ganz nett, ich würde es aber nicht wiederholen. Zu groß ist das Risiko auf den Felsen ganz gefährlich auszurutschen und damit den ganzen Törn zu riskieren. Als Skipper hätte ich wohl besser Nein gesagt, aber damit tue ich mich bei jeder Art von Mutprobe und Herausforderung leider immer sehr schwer. 

Am Ende des Tages kommen wir zwar völlig erledigt, aber absolut begeistert auf unser Boot zurück, das gut bewacht an seiner Mooringtonne liegt. Mich haben die Boat-Boys und meine anfänglichen Vorurteile lange beschäftigt, denn letztendlich sind sie es ja, die mir zwar zuerst das Gefühl der Unsicherheit gaben, um sich dann später als diejenigen herauszustellen, die so sehr um unsere Sicherheit besorgt sind. Schon Paradox. Armstrong erzählt mir dann auch davon, dass Marcus nagelneuer Außenborder ungesichert bei 200 Fuß Wassertiefe über Bord gegangen wäre. Das war auch der Grund weshalb wir von seinem Kollegen Desmond in Empfang genommen wurden. Nun muss er wieder lange auf einen neuen Motor für sein Boot sparen. Ich entscheide mich spontan dafür, ihm dabei finanziell unter die Arme zu greifen, denn ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und ihrem so eigenen Kampf gegen die Kriminalität. Ohne sie und ihre nächtlichen Patrouillen hätte ich mich auf der Insel wahrscheinlich nicht sehr sicher gefühlt. Marcus zeigte mir dann noch seine „Operation“, bestehend aus viel Tauwerk, Ketten, Mooringtonnen und jeder Menge Gerödel. Was bei uns als Schrott in der Garage durchgeht, ist hier der Start seines Geschäftes! Wer also Roseau auf Domenica als Ankerziel wählen möchte, ruft am besten Marcus aus UKW Kanal 16 an, der dann auf 14 gewechselt wird. Man wird dann ruhig schlafen und das Boot auch einmal alleine lassen können. Und auch in dieser Nacht gibt uns das ständige Flackern der Taschenlampen wieder das Gefühl von absoluter Sicherheit. Und ich vergesse es nun auch die Luken zu schließen. Denn ich habe auf der Seekarte eine Info gefunden, die mich nun beschäftigt. Sinngemäß steht dort das viele Yachties es sich unnötig schwer machen, da sie die Tide und die damit verbundene Strömung zwischen den Inseln nicht beachten würden. Und so würde aus einem leichten Halb- bis Amwindkurs, dann ein hartes Gegenan. Grundsätzlich würde in der Karibik immer ein leichter Weststrom setzen, der je nach Tide dann stärker wird oder sich aufhebt. Mangels Internet hole ich per SMS von Mike von www.klassisch-am-wind.dedie aktuellen Tidenzeiten ab. Jetzt gilt es nur noch herauszufinden, in welche Richtung nun Ebbe oder Flut setzen. Aber auch dazu finde ich auf der Seekarte einen Eintrag und verschiebe die für morgens geplante Abfahrt, auf 1230h. Denn um 1430h soll die Tide kippen und wir müssen ja erst noch ums Kap motoren. Außerdem möchte ich wegen der hier recht früh einsetzenden Dunkelheit noch etwas Reserven haben.    

PinUp für mein nächstes Krankenhauszimmer

20160819

Ich fühle mich irgendwo zwischen makaber und romantisch

“So. Jetzt setzt euch mal alle drei zusammen dort auf den Sandhügel. Wir machen ein gestelltes Foto für meine nächsten vier Wochen Aufenthalt, Chemo II im Malteser Flensburg. Lasse ich dann lebensgroß vergrößern und hänge es mir an die Wand. Wenn ich meine Kinder schon vier Wochen nicht sehen darf. Irgendwas zum Festhalten muss ich einfach haben, wenn ich zwischendurch kurz vorm Aufgeben bin.“ Diesmal werde ich meinen Aufenthalt besser vorbereiten. Mittig sieht man Nathalie. Die muss Nerven haben, sag ich euch. Nerven mit der jetzigen Situation klarzukommen. Erst haut der alte Wnuk für Monate ab bis nach Spitzbergen, dann nach einem kurzem Besuch weiter in die Karibik und als er dann nach gut einem Jahr von Kojencharter die Faxen dicke hat, kommt er mit einer kaputten Schulter nach Hause, muss eigentlich in eine Spezialklinik und bekommt die besagte Sommerleukämie dazu. Nathalie schiebt derzeit monatelang einen Dienst nach dem anderem im Krankenhaus, kümmert sich um pubertierende Töchter und Hunde und schiebt noch einen 120qm Haushalt vor sich her. Dazu gehört zumindest genau soviel Mut, wie nach Spitzbergen zu segeln. Nathalie hat immer schon meine Liebe gehört, zwanzig Jahre sind es her, seit dem ersten Kuss. Jetzt macht sie genau soviel mit durch, wie der kranke Skipper. Ohne sie und die Kinder würde ich es nicht schaffen ohne vollkommenen seelischem Schaden, diese Langzeitaufenthalte im Krankenhaus durchzustehen. Das ist so sicher, wie das Armen in der Kirche. Immer wieder muss ich mir dessen bewusst werden und grade der Zeiten tue ich es ganz besonders. Wer auch sonst sollte mich jeden Tag besuchen kommen und nur durch sein Dasein, ohne Worte, den Lebenswillen erhalten. Nicht auszudenken was los wäre, wenn ich Nathalie nicht hätte.

Nathalie und ich, wir haben einiges geschafft. Seglerisch, leberisch, um den Erdball, mit Schiff, ohne Geld, in guten wie in schlechten Zeiten. Wir haben auch einiges an Problemen zusammen gemeistert. Zwei supertolle Töchter bekommen. Aber 2016 gehört definitiv nicht zu den fetten Jahren. Sind die fetten Jahre jetzt vorbei? Kommt jetzt nur noch Krankheit. Natürlich ist das doof, dass ich mich das frage. Und so mancher Leser schreibt: „Micha, in einem Jahr wirst Du nicht mehr an Deine Krankheit denken und wieder Pläne schmieden und meistern.“ Ich bin mir dessen nicht ganz so sicher, wie so mancher Leser. Ist aber auch immer die Frage aus welcher Perspektive man so eine Krankheit betrachtet. Betrachtend oder Erlebend.

Vielleicht kannst auch Du helfen. Nicht mit Geld, sondern mit Filmen für meinen nächsten Krankenhausaufenthalt, Ende des Monats. Sich Filme bei Amazon auszuleihen geht ja auf Dauer doch auf die Nerven. Es soll ja die Filmesammler geben, die Festplatten voll damit haben. Hallo? Könntet ihr mir bitte was kopieren und zuschicken. Wäre ich auch sehr dankbar für. Vielleicht auch ein paar Hörbücher?

Stand Klingelbeutel: >1.000. Tausend Dank noch mal an alle Spender. Ich kann keine personalisierte Dankesschreiben für jede Spende schreiben. Ich find euch alle toll, wie ihr mich hier unterstützt.

Urlaub in Dänemark

Freigang vor der nächsten Chemo

Auf Facebook kommentiert einer meiner Bekannten: „Da hat die Leukämie tatsächlich den richtigen erwischt.“ Da muss ich ein bisschen schlucken. Ist mir dann doch etwas makaber. Wie kann man so etwas sagen. Für mich hört der Spaß bei der Krankheit, vor allen Dingen so einer Krankheit, wie die der Leukämie, echt auf. Den ganzen Tag bleibt mir der Kommentar im Kopf, zu mal ich den Bekannten gar nicht richtig kenne oder erkenne.

“Du kannst bis nächste Woche Donnerstag in Urlaub agehen.“ Dr. Christiane lächelt mich an. „Deine Blutwerte sind gut genug, dass dein Immunsystem mit Deiner Umwelt klar kommt. Da wo viele Menschen sind, solltest Du einen Mundschutz tragen. Für die nächste Chemo sind Deine Blutwerte noch nicht gut genug.“

Nathalie, Maya Lena & ich sind schneller weg als es nur geht. Endlich mal haben wir einen Heimvorteil. Bis zur dänischen Grenze sind es grade mal eine Handvoll Kilometer. Unser Ziel ist die Insel Rømø. Da wir bis zum heutigen Morgen auf das o.k. der Ärzte warten mussten, ist unsere Reservierung einer kleinen Ferienwohnung natürlich voll in die Hose gegangen. Wir ergattern eine kleine schnuckelige Holzhütte auf einem Campingplatz zu Schulferien-Preisen. Egal. Hauptsache nicht mehr die Nase am Krankenhausfenster plattdrücken, Hauptsache das Meer wieder mal sehen, die Freiheit, den Wind genießen. Upps. Da fehlte ordentlich was. Es ist schon ordentlich gemein, von der Freiheit auf der MARLIN in die Isolation einer sechsmonatigen Anti Krebs Chemotherapie versetzt zu werden. Jeder Tag Freiheit zählt nun.

Eigentlich habe ich vorgesorgt um Internet in Dänemark zu haben. Ich habe meinen Alditalk Vertrag gekündigt, habe mich auf Vodafone eingelassen, die damit werben: „Telefonie, Daten und SMS zu gleichen Konditionen wie in Deutschland in der ganzen EU.“ Leider wird die Portierung meiner alten Nummer erst zum 23ten durchgeführt. Da bin ich schon wieder auf dem Weg nach Deutschland, zum nächsten Blutcheck, vielleicht schon zur nächsten Chemo. Dumm gelaufen. Eine Datenkarte fürs iPad stellt sich als nicht Teil des Werbeversprechens dar. Leider hat Wnuk falsch gelesen, falsch verstanden. Wnuk könnte sich jetzt stundenlang mit der Hotline unterhalten oder eine weitere Stunde mit dem unfähigen Vodafone Mitarbeiter des Ladenlokals in der Großen Straße in Flensburg unterhalten. Es ist ein Trauerspiel mit diesem ganzen Tarif-Jungles. Vor allen Dingen im Ausland.

Die Zahl der Schnäppchenjäger mehr sich. „Anscheinend brauchst Du dringend Geld. Also, ich hätte Interesse an der MARLIN zu einem guten Preis.“ Es ist nicht nur ein Mail, was wir in diesem Tenor empfangen. Nachdem ich klar stelle, dass die MARLIN natürlich zu verkaufen ist für eine Million Euro, ansonsten mein Notstand noch nicht so weit ist, dass ich etwas zu verschenken habe, bricht die Kommunikation schnell wieder ab. Die nächste Art von Angeboten bezieht sich auf meinen Wunsch unsere MARLIN nach Flensburg zu bringen. „Also ich könnte es so organisieren, dass ich die MARLIN kurzfristig für Dich nach Flensburg skippern würde.“ Auch einen Koch und diverse Mitsegler bieten sich an. Nachdem ich aufkläre, dass die MARLIN sich selbst darüber finanziert, dass die Mitsegler Kojengeld für ihre Törns bezahlen, fallen die Antwortmails kurzweiliger, direkter und teils unangenehm, unfreundlich aus. „Sorry, dass ich die Leukämie höchstwahrscheinlich überleben werde.“, denke ich mir bei machen Mails. Ein Blick in die Spenderliste bei PayPal zeigt, dass keiner der Schnäppchenjäger auch nur einen Cent in den Klingelbeutel geworfen hat. Da finden sich die realen Freunde der MARLIN und mir, die überzeugten Mitsegler und Leser. Die Beträge sind eigentlich vollkommen egal. Ob 3,33 Euro oder 1.000, jedes Mal freue ich mich über den Willen einfach zu helfen.

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Grillen und Chillen

Einfach Urlaub

Rømø ist die erste dänische Insel auf der Westseite und direkt nördlich dem deutschen Sylt gelegen. Hier treffen sich bei entsprechend viel Wind die Kiter, die Surfer und die Strandsegler. Letzteres ist ein leichtes dreieckiges Gestell mit einem Rad an jedem Eckpunkt, einem Surfbordrigg in der Mitte drauf gestellt. Damit fahren die meist etwas älteren Herrschaften, ich sage mal so mein Alter, relativ schnell, aber unspektakulär den Strand bei Halbwind rauf und wieder runter. In dem Moment, wo es dem Kiter und Surfer zu langweilig wird und die ersten Kunststückchen geübt werden, meist entgegengesetzt der Schwerkraft, hört es bei den Dreiradfahrern auf. Oder habe ich da etwas beim Zuschauen nicht verstanden? Auf jeden Fall treffen sich alle am Abend wieder auf dem Campingplatz. Ausgewiesene Zonen am Strand, das finde ich sehr reizvoll, dürfen nämlich bis zur Wasserkante mit dem eigenen Auto befahren werden. Über Nacht darf man wohl aber nicht in seinem Wohnmobil bleiben.

Rømø reizt auch mit seiner Heidelandschaft. Es gibt ausgewiesene Wälder und Landschaften, auch Strandbereiche, wo man seinen Hund frei laufen lassen darf, ansonsten gilt generell Leinenpflicht, natürlich auch auf dem Campingplatz. Meine Frau Dr. Basara hat aber ganz klar gemacht, dass Hunde nicht keimfrei genug für Leukämie Patienten in der Regenerierunsphase sind. Lars sitz also in der Hundepension. Ganz glücklich, wie er in seinem letzten e-mail schreibt ;-)

Ich schwächel bei den Freizeitaktivitäten ordentlich. Bei Strecken über 1km bin ich direkt ordentlich aus der Puste. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper full of poison shit ist. Mir ist das peinlich gegenüber meinen Kindern, die in ihrem smarten Alter nur so vor Power glühen und einfach keinen Tag ihres wunderbaren Lebens mit Untätigkeit verbringen wollen. Ganz begeistert sind sie von meinen Krankenhaus-Tablettendosen. Diese Dinger mit den den durchsichtigem Schiebeplexiglas und dem Fach für Morgens, Mittags, Abends, Nachts. Frau Dr. hat es sich nicht nehmen lassen mit jede Menge Pillen für meine Gesundheit mitzugeben. Keine Chemo, aber Antibiotika, Anti-Pilz Mittel, Aufbaustoffe etc. Sechs Pillen am Morgen, vier am Abend. Ich weiß, sind gar nicht so viele. Aber ich fühle mich Scheiße, wenn ich die morgens alle schlucken muss. In der Apotheke ist mir fast schlecht geworden. Dort sieht man ja auf der Quittung, was die einzelnen Mittel kosten. Ein bestimmtes Antipilzmittel kostet 5.940 Euro (100 Tabletten), dank meiner gesetzlichen Krankenkasse, zahle ich 10,00 Euro Zuzahlung. Mal ganz ehrlich, ohne Krankenkasse wäre ich doch schon tot. Wie machen die das nur in anderen Ländern ohne Krankenkassensystem?

Wir haben unseren Grill vergessen, haben auch gar keinen richtigen. Nathalie aber hat den richtigen Riecher und findet das Zeichen für öffentlicher Grillplatz auf der Rømø Karte. Wir kaufen ein bisschen was zur Drauflegen, Grillkohle und was man sonst noch braucht. Dann: Nix wie hin und hoffen, dass wir nicht 20 andere Griller neben uns haben. Wir grillen alleine. „Ist doch fast wie auf den Azoren.“, meint Nathalie. Das tut jetzt grade weh, weil, wie gerne wäre ich auf den Azoren, nebst meiner Familie, auf meinem Schiff? Viel zu gerne. „Nicht ganz!“, und ich versuche zu lachen um der Sache nicht zu viel Bedeutung zu geben. Unter einem offene Holzdach sind fünf Grillplätze angelegt. Einfache Bänke laden zum Verweilen ein. Die Kinder bowlen, ich kümmere mich um das Grillgut und Nathalie nimmt sich ein Buch. Ihr Zeichen für: Ich habe JETZT Urlaub. Sie hat es sich verdient. Es gibt eine Dose Bier dazu, die ich eher trinke, weil der Genußneid in mir aufkommt. Seit der Chemo schmecken mir keine alkoholischen Getränke mehr, die vorher wie das Sals in der Suppe, zu meinem Leben gehört haben. Der Geschmack von Rotwein und Bier ist mir zu wieder, einzig die Auswirkung, dass der folgende Schlaf viel tiefer und länger ist, reizt. Das Bewusstsein, dass mein Körper full of poison shit ist und für die nächsten Monate sein wird, beunruhigt mich, macht mich nachdenklich.

Stand Klingelbeutel: >1.000. Tausend Dank noch mal an alle Spender. Ich kann keine personalisierte Dankesschreiben für jede Spende schreiben. Ich find euch alle toll, wie ihr mich hier unterstützt.

Multi70-Trimaran Maserati zu Gast in ADAC Stützpunktmarina di Loano

Der Trimaran Multi70, mit dem der Skipper Giovanni Soldini und sein Team in die neue Wettkampfsaison 2016-2017 starten werden, hat am 6. August im Yachthafen Marina di Loano angelegt und wird dort bis Mitte September bleiben. Loano ist Stützpunktmarina der ADAC Sportschifffahrt.

Multi70 Maserati_Marina di Loano_klein

Bis Mitte September ist der Multi70 Trimaran Maserati zu Gast in der ADAC Stützpunktmarina di Loano.

Der von  John Elkann zur Verfügung gestellte Multi70 wird von UnipolSai gesponsert und steht für eine neue Serie von anspruchsvollen Wettkämpfen von Giovanni Soldini bereit. Der Trimaran gehört mit einer einer Länge von 21,2 und einer Breite von 16,8 Metern gehört zur neuesten Generation von Segelbooten und  zeichnet sich durch die Fähigkeit des Foilens aus. Der Rumpf hebt sich in der Gleitfahrt völlig aus dem Wasser und das Boot so ausschließlich auf Schwertern und Rudern gleitet. Dadurch reduziert sich der Wasserwiderstand drastisch und Geschwindigkeiten von über 40 Knoten können erreicht werden.

Dem Maserati Multi70 dient der Yachthafen Marina di Loano nun als Bühne. Eigentümer des Hafens ist die Gruppe Unipol. Der Yachthafen Marina di Loano befindet sich an der Ligurischen Riviera di Ponente, nur wenige Schritte vom historischen Zentrum und eine Flugstunde von Genua oder Nizza entfernt.

Der Yachthafen Marina di Loano im Eigentum von UnipolSai ist ein moderner touristischer Hafen, reich an Möglichkeiten, um die magische Atmosphäre zu erleben, die das Meer hier bietet. Das ganze Jahr über heisst der Hafen auch dank des besonders milden Klimas seine Gäste willkommen.

Giovanni Soldini_Marco Cornacchia_harbourmaster_klein

Skipper Giovanni Soldini und Hafenmanager Marco Cornacchia freuen sich über die gemeinsame Zeit in der ADAC Stützpunktmarina di Loano.

Er bietet für mehr als 900 Boote von 6 bis 77 Metern Länge Platz und liegt durch einen Damm gut geschützt innerhalb eines leicht zugänglichen Beckens, was ihn selbst bei widrigsten Wetterbedingungen sehr sicher macht. Wohlfühlatmosphäre, Service und Sicherheit der Gäste und der Boote hat hier oberste Priorität und dies das ganze Jahr über, 24 Stunden am Tag. Die Marina di Loano ist ADAC Stützpunktmarina und bietet Clubmitgliedern attraktive Vergünstigungen und Vorteile.

Der Unipol Konzern ist davon überzeugt, dass Sport, mit Leidenschaft, Treue, Aufrichtigkeit und Transparenz gelebt, die Werte fördert, die ein Mensch braucht, um in der Gesellschaft zu wachsen.  Für Unipol bedeutet an die Zukunft der Menschen zu denken auch daran zu denken, was sie lieben, nämlich den Sport.

Karibikcharter im Juli – 3. Case Pilote bis Saint Pierre


Am nächsten Morgen passiert trotz Zusage der Charterbasis erst einmal nichts. Bis 0930h taucht kein Mechaniker auf, auch wenn er angeblich spätestens um 0800h bei uns sein sollte auf. Also gehen wir zur nahegelegenen Bäckerei und wachen erst einmal richtig auf. Mit den geschlossenen Luken war es doch sehr warm im Boot. Mich treibt es jedoch schnell zurück zum Boot und dort sehe ich den Mechaniker s gerade in sein Auto steigen und halte ihn an. Er spricht ebenfalls nur französisch und teilt mir mit das doch alles in Ordnung wäre? Er hätte den Motor gestartet und die Schraube würde doch in beide Richtungen drehen? Ich erkläre ihm noch einmal den Sachverhalt. Er kommt wieder an Bord und schaut sich nun das Getriebe genauer an. Immer mehr Werkzeug kommt an Bord, Stunde um Stunde vergeht. Später holt er noch Spezialwerkzeug von Volvo und zeigt mir dann irgendwann das demontierte Innenleben des Getriebes samt Kegelrädern und Schaltmechanik. Groß und rund wie eine 0,5l Bierdose. Genau dieses Teil wäre hinüber und er würde mal sehen, was es bei Volvo so gäbe. Wir sind einerseits froh, dass er nicht nur hier und da herumprökelt und dann sagt, dass alles wieder OK wäre, aber ein kompletter Getriebewechsel vor Ort? 1,5 Stunden bleibt unser Mechaniker Serge weg, dann kommt er stolz lächelnd zurück. Er hätte zwar nur ein anderes Fabrikat gefunden, welches aber kompatibel wäre. Völlig verschwitzt verschwindet er wieder in der engen Achterkabine um noch weitere 2 Stunden weiterzuarbeiten. Dann heißt es endlich: Motor an und Getriebecheck! Alles passt, wir geben ein gutes Trinkgeld und sind wieder frei in unserem Tun. Nun bin ich doch sehr froh, dass ich uns an diesen Steg gebracht habe. Diese Reparatur wäre in einer Ankerbucht mit Dinghi-Shuttle so wohl nicht machbar gewesen. Ärgerlich zwar, aber eigentlich haben wir nur einen Vormittag verloren. 

Bastel, bastel, schraub, schraub!

Kurzes Crew Meeting. Alle wollen nach Domenica. Das wird heute aber nichts mehr, also peile ich den letzten Hafen im Norden Martiniques an. Saint-Pierre. Der Wind weht recht stark aus Nord, doch die wenigen Boote liegen merkwürdigerweise mit dem Heck ebenfalls stramm nach Nord. Haben die Heckanker, oder dreht der Wind direkt vor dem Ufer? So richtig schlau werde ich nicht aus der Situation, doch dann fällt mir eine große Mooringtonne auf. Bis 13 Meter und 7 Tonnen soll sie halten. Klingt doch gut, und ich kann dann ruhiger schlafen. Ich laufe sie gegen den strammen Wind an. Doch als wir dann eine Leine durch die Tonne haben, wird mir auch die Ankersituation klar. Es herrscht ein sehr starker Strom genau gegen die Windrichtung. Nach etwas Leinenwuhling ob der nun anderen Liegerichtung, liegen wir dann aber gut und sicher. Das Boot wird in der Nacht zwar immer wieder in alle möglichen Richtungen driften und die Plastiktonne gegen den Rumpf klopfen, aber Mooringtonne bleibt Mooringtonne. Meistens fest und sicher. Vor Anker wäre mir das hier mit dem wilden Herumgeschwoje durch den ständig wechselnden Strom doch etwas unheimlich. 

http://www.luvgier.de/page4.html
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Dann geht es, wie hier üblich, über ein langes Dinghi-Dock an Land. Uns wurde ein langes Stahlkabel samt Schloss mitgegeben. Ein weiteres Schloss für den Außenborder habe ich im Reisegepäck. Während ich zunächst das Dinghi ungern aus den Augen lasse, werden wir im Laufe der Reise immer entspannter. Ein Dinghi nach dem anderen kommt oder verlässt das Dock. Auf fast jedem Ponton stehen Angler aber auch jede Menge „schräge Vögel“, betrunken oder bekifft. Es erinnert uns an die Busbahnhöfe oder Bahnhöfe in Deutschland, die ja oft ähnliches Publikum anzuziehen scheinen. Aber genauso wenig wie bei uns Fahrräder von Betrunkenen geklaut werden, wird sich hier an den Dinghis vergriffen. So das wir später auch bei Dunkelheit unser Boot alleine am Steg lassen werden. Ein kleiner Heckanker sorgt dabei übrigens dafür, dass die Dinghis nicht unter den Steg geraten und zerdrückt werden. 

 Am Dinghi Dock
 Sorgenfrei an der Mooringtonne

Wieder einmal haben alle Restaurants geschlossen, bis auf eines mit Spezialitäten aus dem Elsass. Also gibt es Käsespätzle und Fleischwurstsalat. Nicht sehr karibisch, aber es macht uns auch satt. 

Landgang

Im Dunkeln geht es dann zurück zum Boot und schnell in die Koje, denn ich will um 0800h Richtung Domenica aufbrechen. 35 Meilen, davon 26 über die offene See. Genau dort wo der Atlantik und die Karibiksee aufeinandertreffen. Mit dem Törnführer im Arm schlafe ich ein. Domenica bietet nicht so viele Möglichkeiten des Ankerns und die Sicherheit scheint hier auch ernster genommen werden zu müssen als auf Martinique. Na, erstmal sehen. Der Wetterbericht zeigt übrigens unsere ganzen zehn Chartertage konstant Windstärke 4 bis 5 aus Ost an. Keine Hurricanewarnungen und ein ständiger Mix aus Sonne und Wolken. Es regnet auch immer wieder einmal, aber dann maximal für 10 Minuten und eigentlich freuen wir uns immer über die kurzen Erfrischungen. Regenzeit klingt für mich anders. Aber ich komme ja auch aus Hamburg. Später erzählen uns die Einheimischen, das es hier nie länger regnet. Manchmal vielleicht eine Stunde, aber das wäre schon lang. Für uns dominiert hier eindeutig die Sonne und in Deutschland würden wir diese sogenannte Regenzeit wohl gerne gegen unseren „Sommer“ eintauschen, mit konstanten Winden, Wärme und viel Sonne. Auch die sogenannten Squalls mit viel Wind erleben wir nicht. Es regnet einfach nur. Mal mehr, mal weniger und hört dann auch schnell wieder auf. Perfektes Segelwetter. Domenica, wir kommen!

Harmloser Squall – Nur Regen, kein Wind

Karibikcharter im Juli – 3. Case Pilote bis Saint Pierre


Am nächsten Morgen passiert trotz Zusage der Charterbasis erst einmal nichts. Bis 0930h taucht kein Mechaniker auf, auch wenn er angeblich spätestens um 0800h bei uns sein sollte auf. Also gehen wir zur nahegelegenen Bäckerei und wachen erst einmal richtig auf. Mit den geschlossenen Luken war es doch sehr warm im Boot. Mich treibt es jedoch schnell zurück zum Boot und dort sehe ich den Mechaniker s gerade in sein Auto steigen und halte ihn an. Er spricht ebenfalls nur französisch und teilt mir mit das doch alles in Ordnung wäre? Er hätte den Motor gestartet und die Schraube würde doch in beide Richtungen drehen? Ich erkläre ihm noch einmal den Sachverhalt. Er kommt wieder an Bord und schaut sich nun das Getriebe genauer an. Immer mehr Werkzeug kommt an Bord, Stunde um Stunde vergeht. Später holt er noch Spezialwerkzeug von Volvo und zeigt mir dann irgendwann das demontierte Innenleben des Getriebes samt Kegelrädern und Schaltmechanik. Groß und rund wie eine 0,5l Bierdose. Genau dieses Teil wäre hinüber und er würde mal sehen, was es bei Volvo so gäbe. Wir sind einerseits froh, dass er nicht nur hier und da herumprökelt und dann sagt, dass alles wieder OK wäre, aber ein kompletter Getriebewechsel vor Ort? 1,5 Stunden bleibt unser Mechaniker Serge weg, dann kommt er stolz lächelnd zurück. Er hätte zwar nur ein anderes Fabrikat gefunden, welches aber kompatibel wäre. Völlig verschwitzt verschwindet er wieder in der engen Achterkabine um noch weitere 2 Stunden weiterzuarbeiten. Dann heißt es endlich: Motor an und Getriebecheck! Alles passt, wir geben ein gutes Trinkgeld und sind wieder frei in unserem Tun. Nun bin ich doch sehr froh, dass ich uns an diesen Steg gebracht habe. Diese Reparatur wäre in einer Ankerbucht mit Dinghi-Shuttle so wohl nicht machbar gewesen. Ärgerlich zwar, aber eigentlich haben wir nur einen Vormittag verloren. 

Bastel, bastel, schraub, schraub!

Kurzes Crew Meeting. Alle wollen nach Domenica. Das wird heute aber nichts mehr, also peile ich den letzten Hafen im Norden Martiniques an. Saint-Pierre. Der Wind weht recht stark aus Nord, doch die wenigen Boote liegen merkwürdigerweise mit dem Heck ebenfalls stramm nach Nord. Haben die Heckanker, oder dreht der Wind direkt vor dem Ufer? So richtig schlau werde ich nicht aus der Situation, doch dann fällt mir eine große Mooringtonne auf. Bis 13 Meter und 7 Tonnen soll sie halten. Klingt doch gut, und ich kann dann ruhiger schlafen. Ich laufe sie gegen den strammen Wind an. Doch als wir dann eine Leine durch die Tonne haben, wird mir auch die Ankersituation klar. Es herrscht ein sehr starker Strom genau gegen die Windrichtung. Nach etwas Leinenwuhling ob der nun anderen Liegerichtung, liegen wir dann aber gut und sicher. Das Boot wird in der Nacht zwar immer wieder in alle möglichen Richtungen driften und die Plastiktonne gegen den Rumpf klopfen, aber Mooringtonne bleibt Mooringtonne. Meistens fest und sicher. Vor Anker wäre mir das hier mit dem wilden Herumgeschwoje durch den ständig wechselnden Strom doch etwas unheimlich. 

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Dann geht es, wie hier üblich, über ein langes Dinghi-Dock an Land. Uns wurde ein langes Stahlkabel samt Schloss mitgegeben. Ein weiteres Schloss für den Außenborder habe ich im Reisegepäck. Während ich zunächst das Dinghi ungern aus den Augen lasse, werden wir im Laufe der Reise immer entspannter. Ein Dinghi nach dem anderen kommt oder verlässt das Dock. Auf fast jedem Ponton stehen Angler aber auch jede Menge „schräge Vögel“, betrunken oder bekifft. Es erinnert uns an die Busbahnhöfe oder Bahnhöfe in Deutschland, die ja oft ähnliches Publikum anzuziehen scheinen. Aber genauso wenig wie bei uns Fahrräder von Betrunkenen geklaut werden, wird sich hier an den Dinghis vergriffen. So das wir später auch bei Dunkelheit unser Boot alleine am Steg lassen werden. Ein kleiner Heckanker sorgt dabei übrigens dafür, dass die Dinghis nicht unter den Steg geraten und zerdrückt werden. 

 Am Dinghi Dock
 Sorgenfrei an der Mooringtonne

Wieder einmal haben alle Restaurants geschlossen, bis auf eines mit Spezialitäten aus dem Elsass. Also gibt es Käsespätzle und Fleischwurstsalat. Nicht sehr karibisch, aber es macht uns auch satt. 

Landgang

Im Dunkeln geht es dann zurück zum Boot und schnell in die Koje, denn ich will um 0800h Richtung Domenica aufbrechen. 35 Meilen, davon 26 über die offene See. Genau dort wo der Atlantik und die Karibiksee aufeinandertreffen. Mit dem Törnführer im Arm schlafe ich ein. Domenica bietet nicht so viele Möglichkeiten des Ankerns und die Sicherheit scheint hier auch ernster genommen werden zu müssen als auf Martinique. Na, erstmal sehen. Der Wetterbericht zeigt übrigens unsere ganzen zehn Chartertage konstant Windstärke 4 bis 5 aus Ost an. Keine Hurricanewarnungen und ein ständiger Mix aus Sonne und Wolken. Es regnet auch immer wieder einmal, aber dann maximal für 10 Minuten und eigentlich freuen wir uns immer über die kurzen Erfrischungen. Regenzeit klingt für mich anders. Aber ich komme ja auch aus Hamburg. Später erzählen uns die Einheimischen, das es hier nie länger regnet. Manchmal vielleicht eine Stunde, aber das wäre schon lang. Für uns dominiert hier eindeutig die Sonne und in Deutschland würden wir diese sogenannte Regenzeit wohl gerne gegen unseren „Sommer“ eintauschen, mit konstanten Winden, Wärme und viel Sonne. Auch die sogenannten Squalls mit viel Wind erleben wir nicht. Es regnet einfach nur. Mal mehr, mal weniger und hört dann auch schnell wieder auf. Perfektes Segelwetter. Domenica, wir kommen!

Harmloser Squall – Nur Regen, kein Wind

Karibikcharter im Juli – 2. Grande Anse d’Arlet bis Case Pilote

Der nächste Morgen beginnt mit einem langen Schritt direkt in das lauwarme, türkisfarbene Wasser der Bucht der Grande Anse d’Arlet gefolgt von einem ausgiebigen Frühstück. Und nochmaligem Schwimmen und Gammeln. Dieser lange Schritt direkt ins lauwarme Wasser wird einer der Highlights dieser Reise. Da sich nun alle etwas an das Bordleben gewöhnen konnten, rufe ich nun alle zur weiteren Planung des Törns zusammen. Ich habe zwei Alternativen vorbereitet. Entweder Meilensegeln um möglichst viele Inseln zu erreichen, oder Buchtenbummeln mit einem kleinen Ausflug nach Domenica. Es wird sich einstimmig für die zweite Variante entschieden, was mir sehr recht ist. Außerdem muss die Sache mit dem Motor noch geklärt werden, bevor ich überhaupt ans Weiterfahren denke. Der Törnführer gibt mit Case Pilote ein Ziel mit Steg, schönem Ort und einer Motorwerkstatt an. Also eine Steilvorlage für unsere Situation. Unter Segeln machen wir uns auf den Weg. Drei Stunden später starte ich dann den Diesel und nehme Kurs auf den Steg von Case Pilote. Die minimale Wassertiefe für unser Boot wurde von der Charterfirma mit drei Meter unter dem Kiel vorgegeben. Entspricht 2,20 Tiefgang plus 80 Zentimeter Sicherheitsreserve. Doch die drei Meter sind schon weit vor dem Steg erreicht. 

Überfahrt und fest am Steg
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Langsam taste ich mich weiter doch es wird immer flacher. Ich lasse die Tiefe aussingen, damit ich den Blick auf dem Steg behalten kann. 2,60…2,40…und genau in diesem Augenblick merke ich, das ich wieder keinen Schub nach vorne habe. So ein Mist. Ich laufe rückwärts ab bevor mich der Seitenwind noch in die Hafeneinfahrt drückt. Was nun? Sehr verärgert rufen wir die Charterfirma an. Nach wie vor herrscht hier Ratlosigkeit, uns wird aber auch geraten in Case Pilote festzumachen um das weitere Vorgehen abzustimmen. Eine vorgeschlagene Rückfahrt in die Basis lehne ich schlicht ab. Es würde alle Törnpläne zerstören und der Weg in die Sackgasse von Le Marin wäre unverantwortlich ohne Vorwärtsgang. Aber zunächst einmal muss ich an diesen Steg hier kommen. Wegen der geringen Tiefe geht das nur vorwärts um das Ruder bei Grundberührung nicht zu gefährden. Und mit dem Gas spielen, bzw. ein- und auskuppeln kann ich auch nicht. Im Augenblick nicht einmal einkuppeln. Also treiben wir mit gestoppter Maschine zehn Minuten vor uns hin. Danach Neustart und das Einkuppeln vorwärts geht wieder. Ich fasse den Gashebel nicht mehr an und nehme Kurs auf den Steg. Henning steht vorne mit der Vorleine. Vor dem Steg kuppele ich dann aus und wir treiben langsam in Position. Der Tiefenmesser ist mir jetzt egal, es muss einfach passen und wir sind sowieso sehr langsam über sandigem Grund. Eine kräftige Böe von der Seite schiebt mich zu weit hinüber, die Korrektur mit dem Ruder ist bei so wenig Fahrt zu gering. Also Hebel voraus…und wieder keine Wirkung. Ich treibe nun auf den Stegkopf zu. „Langsamer!!“ tönt es von vorne. Ich stoppe auf und will eigentlich wieder ablaufen, doch Henning steht schon sprungbereit auf dem Bugkorb. Na gut, alles auf eine Karte. Ich lege volles Seitenruder und eile zum Bug. Henning ist bereits drüben und zieht uns weiter an den Steg, während ich mit Hilfe der Mädels den Bug um den Stegkopf gedrückt bekomme und schließlich auch den Rest des Bootes. Leinen fest, Motor aus und aufatmen. 

 Einsamer Liegeplatz am Palmenstrand.
 Fischer bei der Arbeit
Der Tiefenmesser zeigt 2,20. Also den eigentlichen Tiefgang des Boots. Ich tauche hinab und sehe das gerade noch ein Hummer unter den Kiel passt. Er sitzt direkt unter dem Boot und winkt mit seinen Antennen. Haben wir ihn dort überrascht? OK, da hat die Charterbasis wohl nochmal 20 Zentimeter Sicherheitsreserve mehr einprogrammiert. Eine Stunde später kommt ein Mechaniker der nahegelegen Volvo Penta Werkstatt mit Zange und Schraubendreher an Bord. Die Verständigung ist nur auf Französisch möglich. Ich werde langsam immer besser darin. Das Fazit nach 20 Minuten Check. Er kann nichts machen, das Boot muss an Land und das Getriebe komplett überholt werden. Au revoir! Bedröppelt sitzen wir im Cockpit. Was nun? Wir gehen alle Optionen durch, aber kommen aber zu keinem Entschluss. Also wieder Anruf bei der Basis. Morgen früh um 0800h wollen sie ihren besten Techniker zu uns schicken. Aber kann der das Getriebe vor Ort reparieren? Wir können nicht anders als darauf hoffen und genießen den Abend an Land. Ein Gemüsemarkt lockt, ein paar Strandrestaurants und ein Supermarkt. Schön ist es hier. 

Alle sitzen draußen, die Rentner klönen am Strand, die Fischer arbeiten an Netzen und Booten. Zerlegen Fisch mit schweren Macheten. Ein paar Jugendliche stehen an unserem Boot herum. So am Steg liegen wir natürlich sehr viel präsenter als vor Anker. Ein Schritt und man ist sofort an Bord. Ich frage die anderen ob sie sich sicher fühlen? Im Großen und Ganzen ist die Antwort: Ja. Wir werden das Boot von innen verschließen, aber heute Nacht am Steg bleiben. Die Restaurants machen hier, wie auch in Frankreich üblich, erst gegen 2000h auf. Also stehen wieder schwimmen, Kaffee trinken und faulenzen auf dem Programm. Alles wäre wunderbar…wenn nur die Sorgen um den Motor nicht wären. Doch dieses Thema lassen wir erst einmal aus, während die Sonne malerisch hinter dem Horizont verschwindet und wir einen tollen Abend in einem Restaurant direkt mit Meerblick genießen.