Monatsarchive: Juni 2015

Und Tschüss! Auf nach Irland

Leute, wir sind auf dem Weg nach Irland. Ja, wir haben erzählt, dass wir in Lissabon die Continental Europe Arrival Party feiern wollen, nach dem wir in den Azoren schon mal mit der EU auf Tuchfühlung gegangen sind, aber es geht einfach nicht. Die Winde … Und Tschüss! Auf nach Irland weiterlesen

Tara – Love me crazy

In den letzten vier Jahren haben wir größtenteils männliche Musiker aufgenommen. Wir wissen nicht wirklich warum, aber vermutlich tragen sozio-kulturelle Faktoren Schuld daran. An uns kann es jedenfalls nicht gelegen haben! Sobald wir mal eine weibliche Musikerin vor unsere Mikrofone bekommen haben, ist auch gleich … Tara – Love me crazy weiterlesen

Durch die südöstliche Ägäis: Die vergessenen Inseln: Die Palmen von Vai.

Typische für die menschenleere Ost-Ägäis: Die Insel Kasos zwischen Karpathos und Kreta. Karg, kahl – ein heißer Stein im tiefen Blau. Dass die Ost-Ägäis nicht überall so ist, zeigt der nachfolgende Beitrag.

Anders als am Vortag weht so gar kein Wind, als ich von Karpathos am frühen Morgen ablege und weiter Richtung Westen segle. Vorbei an dem Wrack des gestrandeten Frachters, der an der Südspitze von Karpathos zwischen den Felsen liegt. Niemand beseitigt das Wrack. Die Jahre, Wind und Wellen kümmern sich darum. Vorbei an der Insel Kasos, die karg und kahl im Meer liegt. Ein heißer Stein, ein gewachsener Fels im tiefen Blau, auf dessen Hügelkuppe einzig ein Haus steht. Sonst: Nichts.


Das Meer ist unbewegt an diesem Tag. Ein leises Lüftchen an der Südwest-Spitze von Kasos, das ich ausnutze und die Segel setze. LEVJE, die Flautenläuferin: aus einem Hauch an vorlichen Wind holt sie wieder einmal knapp fünf Knoten heraus, wir halten aber zu weit südlich, Kreta ist noch über 30 Seemeilen entfernt. Minute um Minute halte ich Ausschau: dass der leise Wind, der um die Südwestspitze von Kasos herumhaucht, langsam nördlicher drehen möge. Dass sich endlich wie jeden Tag die Schaumkronen in Nordwest zeigen, die den Wind ankündigen. Dass er stärker werden, endlich auf Nordwest drehen möge. Meltemi, wo bist Du heute?

Er läßt sich Zeit. Brav dreht er nach Nordwest. Und bleibt heute eben ein Hauch, der uns langsam übers unbewegte Wasser zieht, dort, wo sonst Starkwind bläst. Na dann halt langsam.


Kreta steigt am Nachmittag langsam aus dem Meer auf, als der Meltemi endlich kommt. Aber statt karger Felsen leuchtet die Insel grün, die kleinen vorgelagerten Inseln im Norden sind mit niedrigem Grün bewachsen. Je näher wir kommen, desto mehr habe ich den Eindruck: dies muss Irland sein, die grüne Insel. Oder Schottland. Alles ist grün, aus der Ferne sieht es aus wie Gras und Moos, die Ostküste Kretas: kein kahler Fels, sondern grün.

Unseren Ankerplatz finden wir in der Abenddämmerung. Weil die Bucht von Vai mit Bojen gesperrt ist, ziehen wir in der Dämmerung eine Bucht weiter nördlich. Und im Morgenlicht dann dies:



Die Palmen von Vai. Die Legende erzählt: Piraten, die in der Bucht ankerten, hätten die Früchte mitgebracht und ihre Kerne am Strand ausgespuckt. Wahr daran ist, dass es die Kretische Dattelpalme Phoenix Theophrasti nur einmal gibt auf der Welt: nämlich hier im Osten Kretas. Früchte tragen sie keine mehr – oder nur ungenießbare. Sie sind vermutlich Jahrhunderte alt – jedenfalls an der Stelle, an der ich sie finde: Stämme entwachsen verfallenden, undurchdringlichen Strünken von meterdickem Umfang, fast ist es, als wäre mitten in jedem der Strünke eine Behausung für einen zotteligen Einsiedler. Aber in die Behausung hinein kann man nicht, so dicht wachsen die Stämme daraus empor. Ein Zauber geht von den Palmen aus, als ich allein am Sandstrand liege: Ein Knacken, wenn der Wind durch die langen Palmwedel streift. Ein Rascheln, wenn die gefiederten Arme aneinander reiben. 
Es ist: als würden sie etwas erzählen, die Palmen von Vai, etwas in ihrer Sprache, das ich nicht verstehe. Von den Piraten, die sie von weither mitbrachten. Von der Basilika, von der nur noch Grundmauern am Hang stehen. Deren marmorne Türschwelle mit ihren halbkreisförmigen Riefen vom christlichen Leben der Menschen vor Hunderten Jahren erzählt, bis Kreta osmanisch wurde. Von den Hippies, die in den 70ern ihr Lager trommelnd am Strand von Vai aufschlugen, die Palmwedel als Brennholz nutzten, bis die Kommune einschritt. Und den Versuch eines anderen Lebens vom Strand von Vai verbannte.

Vielleicht erzählen sie von alldem: Die Palmen von Vai.



Zum Video hier klicken.



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Durch die südöstliche Ägäis: Die vergessenen Inseln: Die Palmen von Vai.

Typische für die menschenleere Ost-Ägäis: Die Insel Kasos zwischen Karpathos und Kreta. Karg, kahl – ein heißer Stein im tiefen Blau. Dass die Ost-Ägäis nicht überall so ist, zeigt der nachfolgende Beitrag.

Anders als am Vortag weht so gar kein Wind, als ich von Karpathos am frühen Morgen ablege und weiter Richtung Westen segle. Vorbei an dem Wrack des gestrandeten Frachters, der an der Südspitze von Karpathos zwischen den Felsen liegt. Niemand beseitigt das Wrack. Die Jahre, Wind und Wellen kümmern sich darum. Vorbei an der Insel Kasos, die karg und kahl im Meer liegt. Ein heißer Stein, ein gewachsener Fels im tiefen Blau, auf dessen Hügelkuppe einzig ein Haus steht. Sonst: Nichts.

 
Das Meer ist unbewegt an diesem Tag. Ein leises Lüftchen an der Südwest-Spitze von Kasos, das ich ausnutze und die Segel setze. LEVJE, die Flautenläuferin: aus einem Hauch an vorlichen Wind holt sie wieder einmal knapp fünf Knoten heraus, wir halten aber zu weit südlich, Kreta ist noch über 30 Seemeilen entfernt. Minute um Minute halte ich Ausschau: dass der leise Wind, der um die Südwestspitze von Kasos herumhaucht, langsam nördlicher drehen möge. Dass sich endlich wie jeden Tag die Schaumkronen in Nordwest zeigen, die den Wind ankündigen. Dass er stärker werden, endlich auf Nordwest drehen möge. Meltemi, wo bist Du heute?
 
Er läßt sich Zeit. Brav dreht er nach Nordwest. Und bleibt heute eben ein Hauch, der uns langsam übers unbewegte Wasser zieht, dort, wo sonst Starkwind bläst. Na dann halt langsam.
 
 
Kreta steigt am Nachmittag langsam aus dem Meer auf, als der Meltemi endlich kommt. Aber statt karger Felsen leuchtet die Insel grün, die kleinen vorgelagerten Inseln im Norden sind mit niedrigem Grün bewachsen. Je näher wir kommen, desto mehr habe ich den Eindruck: dies muss Irland sein, die grüne Insel. Oder Schottland. Alles ist grün, aus der Ferne sieht es aus wie Gras und Moos, die Ostküste Kretas: kein kahler Fels, sondern grün.
 
Unseren Ankerplatz finden wir in der Abenddämmerung. Weil die Bucht von Vai mit Bojen gesperrt ist, ziehen wir in der Dämmerung eine Bucht weiter nördlich. Und im Morgenlicht dann dies:
 
 
 
Die Palmen von Vai. Die Legende erzählt: Piraten, die in der Bucht ankerten, hätten die Früchte mitgebracht und ihre Kerne am Strand ausgespuckt. Wahr daran ist, dass es die Kretische Dattelpalme Phoenix Theophrasti nur einmal gibt auf der Welt: nämlich hier im Osten Kretas. Früchte tragen sie keine mehr – oder nur ungenießbare. Sie sind vermutlich Jahrhunderte alt – jedenfalls an der Stelle, an der ich sie finde: Stämme entwachsen verfallenden, undurchdringlichen Strünken von meterdickem Umfang, fast ist es, als wäre mitten in jedem der Strünke eine Behausung für einen zotteligen Einsiedler. Aber in die Behausung hinein kann man nicht, so dicht wachsen die Stämme daraus empor. Ein Zauber geht von den Palmen aus, als ich allein am Sandstrand liege: Ein Knacken, wenn der Wind durch die langen Palmwedel streift. Ein Rascheln, wenn die gefiederten Arme aneinander reiben. 
Es ist: als würden sie etwas erzählen, die Palmen von Vai, etwas in ihrer Sprache, das ich nicht verstehe. Von den Piraten, die sie von weither mitbrachten. Von der Basilika, von der nur noch Grundmauern am Hang stehen. Deren marmorne Türschwelle mit ihren halbkreisförmigen Riefen vom christlichen Leben der Menschen vor Hunderten Jahren erzählt, bis Kreta osmanisch wurde. Von den Hippies, die in den 70ern ihr Lager trommelnd am Strand von Vai aufschlugen, die Palmwedel als Brennholz nutzten, bis die Kommune einschritt. Und den Versuch eines anderen Lebens vom Strand von Vai verbannte.
 
Vielleicht erzählen sie von alldem: Die Palmen von Vai.
 
 


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Motorpanne

Liebe Leser, seit mehr als einem Monat bereitet uns der alte Volvo Sorgen. Seit den British Virgin Islands hat er täglich mehr Öl gefressen und wir haben versucht, ihn nur noch für kurze Strecken zu nutzen, ihn nicht mehr übermäßig zu…

Never touch a running system

20150629

War wohl nix mit der Entspannung

“Wollen Sie ihr MAC auf Yosemite OSX 10.10.3 updaten?“ Aber klar denke ich mir. Hast ja nen MAC. Vorsichtshalber mach ich noch ein Backup. Das war Freitag Vormittag. 30 Minuten später ging gar nichts mehr auf meinem MacBook. Das Update erkannte meine e-mail Datenbank mit zigtausend Mails nicht mehr. „Heyheyhey! Das kannst Du nicht mit mir machen.“ Ich wurde wirklich sauer. Aus Entspannung wurde Frust. Das System wurde so langsam, dass ich zum Öffnen von Programmen Stunden brauchte. Ein neuer Admin Benutzeraccount, der perfekt lief sagte mir dann: „Hardware ist o.k.“ Und dann habe ich irgendwie die Kontrolle verloren. Ich war kurz davor den ganzen Kram über Bord zu schmeißen und den Rest meines Lebens ohne diese ganze lustige Unterhaltungselektronik weiterzuführen. Am Sonntag dann habe ich dann alle Daten aus dem Backup wiederhergestellt. Kein Datenverlust. Zicken tut das System aber immer noch ein bisschen. Na gut. Aktuelle MAC OSX Version: Wieder 10.10. Dabei bleibt es auch. Versprochen.

Den 70kg Rocna Anker der MARLIN habe ich mit 3.000 Touren eingefahren. Da passiert gar nix mehr. Hält besser als ne Mouring. Gute Investition. Ich kann beruhigt mit Nicole nach Flensburg fahren. Blablar Car, echt nen prima Einrichtung. Die Bahn ruft 180 Euro für ne einfache Fahrt auf. Moment mal. Die habense doch nicht alle. Oder? Nicole bekomm 22 Euro bis nach Hamburg. Mein Ankernachtbar Hugo, Türsteher von nem Nachtclub im Rotlichtviertel passt auf die MARLIN auf. Also alles bestens.

Ich schmeiß das Klapp-Fahrrad ins Dinghy und ab auf die Straße. Durch grüne Felder geht es bis nach Amsterdam und zurück. Mein Gott, hier ist ja richtig Sommer. Hinterm Deich liegen noch viel mehr Boote. Eine ganze Stadt liegt hier hinter der Schleuse. Auf den alten Rheinschiffern stehen Stühle und Bänke, es wird gegrillt, gefeiert. „Die leben auf den Kähnen.“ Hmm. Sag ich doch. Holland ist irgendwie cooler. War es immer schon. Man sollte mal einen ganzen Sommer hier verbringen und nen bisschen die verknotete Sprache kennenlernen. Ich hatte mal Holländisch in der Schule, allerdings zu einem Zeitpunkt, wo ich noch glaubte, dass Fremdsprachen nun wirklich unnötig sind zum Leben. Zwischenzeitlich sehe ich das ja nun mal komplett anders.

Ob es viel Blogeinträge gibt in den nächsten Wochen kann ich nicht sagen. Weiß ich nicht. Vielleicht brauche ich mal ne Pause um wieder Luft zu holen. Aber ein Versprechen soll es auch nicht sein.

Weiter mit der MARLIN geht es um am 24.7.2015. Beschreibung hier.


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Ab Amsterdam durch den englischen Kanal nach Falmouth / GB Mitte July 2015 www.sy-marlin.de/mitsegeln

Kalles Anchorplace

20150627

Permanententspannung

Unser Segelfreund Kalle aus Göteburg hat uns irgendwann mal die Koordinaten dieses feinen Ankerplatzes bei Amsterdam gemailt. Inklusive dem Passwort fürs Internet der nahgelegenen Marina. Gebe ich auch raus auf Anfrage per e-mail. Hier steckt die MARLIN ihren Kiel in den Mud keine 2 Meter unter ihr, es ist glattes Wasser, es ist ruhig und ungestört. Die Abendmücken nerven etwas, wenn kein Wind da ist.

4.200 Seemeilen Meer sind seit der Abfahrt in Flensburg Anfang April in unserem Kielwasser verflossen. Dazu etliche Crewwechsel und zumindest immer ein Bootsjunge an Bord. Glaubt mir. Ich bin so überglücklich endlich auch mal wieder alleine zu sein.

Mit Linus, Michael und Bernhard bin ich vorgestern Abend mit dem Dinghy in die Innenstadt geglitten, habe mit eine Gracht gesucht und war mitten drin. Das brauchte ich dringend. Bier, Betäubung und ne Entspannungspommes mit Majo. Die Hoffnung, dass mich meine Crew zum Abschied in eine Steakhaus oder beim Spanier einlädt, so wie die gute Seemannschaft es vorschlägt, starb zu Letzt, als wir wieder ins Dinghy einstiegen. Ich könnte jetzt richtig ab lästern, Dinge schreiben die passiert sind, doch mein Innerstes sagt mir: „Mensch Mich. Eigene Schuld. Was nimmst Du auch Crew mit, bei der der Groschen nicht fällt. Nächste Mal besser aufpassen und konsequent von vorn herein verneinen. Skipper. Du bist doch gar nicht so dumm. Hast doch nen Händchen für den Job.“

Ich habe auf mein Innerstes gehört und den gestrigen Tag damit verbracht im Bett liegen zu bleiben. Heiß zu duschen und wieder ins Bett zu gehen. Das gebe ich mir jetzt einfach mal dieses Wochenende. Nix tun. Ab Montag kann ich wieder Pläne schmieden, mich um scheinbar wichtiges kümmern. Jetzt ist Wochenende.

 


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Ab Amsterdam durch den englischen Kanal nach Falmouth / GB Mitte July 2015www.sy-marlin.de/mitsegeln

 

 

Small Ship – Big Ocean

20150624

Kundengewinnung

Über das Kontaktformular kommt folgende Message rein: „I’m the 1st officer of an offshore vessel, we were close to you yesterday by the Pierce field right on the border. I like sailing myself so was a bit envious! It did look a bit choppy though. Are you doing a round-the-world voyage? Small boat on the big ocean:)“ Und ich dachte unsere MARLIN ist gigantisch. Vom Deck eines Ölplattformversorgers sieht das wohl etwas anders aus. Ich habe meinem neuen Freund Birk direkt zurückgeschrieben und versucht ihn anzuheuern. Nen echter 1st Officer. Das wäre doch mal was. Die Leute dazu bringen weniger zu arbeiten und meer zu segeln, dass kann ich.

Auf dem Photo steht Linus aus der Schweiz. Als gelernter Koch hat er mich aus der Küche verjagt und zaubert mit den Resten aus dem Kühlschrank tolle Sachen. Den Freezer habe ich ihm nicht gezeigt, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt! Lieber soll mich meine Überführungscrew mal in Amsterdam zum vollen Programm einladen. Ich sehe es schon kommen: Koma. Skipper an Gracht eingeschlafen. Linus macht sich gut an Bord. Nicht nur die Pfeife ist gute Seemannschaft, er wird auch mal gut.

20150624a

25 Meilen vor uns liegt die südenglische Seeschifffahrtsstraße nach Hamburg. Früher hatte ich vor solchen Dingern mächtig Respekt. Jetzt versuchen wir einfach möglichst schnell unser Ziel zu erreichen. Die großen Pötte sehen uns dank Vesper Watch Mate @ LUNATRONIC.net, machen uns den Weg frei. Der Wind ist grade eingeschlafen. Johann vibriert sich durchs ganze Boot und beschleunigt uns mit sieben Knoten durch kristallklaren Himmel in die nächste Phase. Ansteuerung Den Helder oder Nordseekanal. Mal schauen. Es soll später wieder auffrischen. Das Groß steht schon bereit.

 


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Durch die südöstliche Ägäis, Teil IV.: Ägäis-Segeln.

Um Mitternacht wache ich auf. Die Fallböen wecken mich, und LEVJE’s harte Bewegungen, wenn Wanten und Dirk im Wind zu schwingen und zu brummen beginnen. Ich höre die Ankerkette, wie sie hart einruckt, gefolgt vom Ächzen des Festmachers, mit dem ich die Ankerkette auf dem letzten Meter an LEVJE’s Bugbeschlag gesichert habe. Das Boot, das bei ruhigem Wetter nur mit einem leisen Glucksen  in den Wellen liegt: es arbeitet jetzt in den Böen: knarzt, schwingt, summt, brummt, ächzt, gurgelt. Gibt hundert Geräusche von sich, die mir im Dunkel signalisieren: alles in Ordnung.
Ich stehe auf, gehe hinaus, und drehe eine Runde auf dem nächtlichen Boot. Sehe kurz nach dem Tiefenmesser, immer noch 5,60 Meter Tiefe – wir haben uns in den Böen nicht viel bewegt: LEVJE’s Anker hält uns also. Würde er nicht halten, würde er ins Rutschen kommen: Dann würde LEVJE von den harten Böen langsam in tieferes Wasser getrieben; der Anker würde dort seinen Halt verlieren – und LEVJE würde unweigerlich von Böen auf die Felsen gegenüber getrieben. Wir würden: „Scheitern“. In einem Lexikon aus dem Jahr 1641, das ich kürzlich auf meinem Hotelzimmer fand, als hätte es dort jemand hingelegt, nur für mich, Bücher „finden“ einen, habe ich ebenfalls schlaflos den Begriff „Scheitern“ nachgeschlagen: Das Lexikon, zusammengetragen von einem Mönch während der düstersten Phase des Dreißigjährigen Krieges, kannte für den Begriff „Scheitern“ nur diese Bedeutung: dass ein Schiff an der Küste zerschellt. Das menschliche, das berufliche Scheitern: In dieser Bedeutung gibt es das Wort wohl noch keine 30 Jahre. „Scheitern“ ist nicht nur einfach „seinen Job verlieren, weil man ihn nicht kann“. „Scheitern“ ist: Seinen Job verlieren, weil man sein Schiff nicht achtsam genug manövriert hat und Kräfte im Spiel sind: die größer sind als alles, was wir beherrschen.
Kräfte wie die Fallböe, die eben den Prophitis Elias, den hohen Berg nordwestlich von uns über dem 
Örtchen mit Wucht hinunterrollt, durch leere Gassen, Tavernen fegt, hinaus auf die Bucht, in der ich mit LEVJE liege. Sie packt LEVJE’s Bug, schiebt ihn einfach nach rechts zur Seite, solange, bis die Ankerkette steifkommt, bis der Festmacher unter der Last, das Boot halten zu müssen, ächzend die Drehbewegung auffängt.
Alles hält. Ich gehe wieder unter Deck in meine warme Koje und lege mich schlafen.

Als es zu dämmern beginnt: sind es wieder die Fallböen und LEVJE’s Bewegungen, die mich wecken. Ich ziehe mich an, setze im Dämmer Wasser auf für meinen Tee. Die Sonne steht noch hinter der weißen Kapelle auf dem Hügel hinter uns, aber es ist schon taghell. Der karge, bis auf eine Stelle mit dunklem Grün gänzlich abgenagte Prophitis Elias strahlt taghell vor uns. Und in der Ferne oben, klein, weiß auf dem höchsten Gipfel, die Burg, die die Johanniter errichteten.

                                                                                     Weiterlesen bei: Rhodos. Die Johanniter. Hier.
Von LEVJE’s Ankerplatz schaue ich hinaus aufs offene Meer. Das Wasser ist tief tief dunkelblau, die Böen färben die Wasseroberfläche noch dunkler, dort, wo sie auf dem Wasser aufschlagen. Wind aus der richtigen Richtung – das ist gut. Ich beschließe, die Gunst des Windes zu nutzen, nur kurz zu frühstücken und gleich abzulegen, zu einem langen Schlag, auf alle Fälle nach Süden zur langen Insel Karpathos, mindestens bis zum Hauptort Pigadia, womöglich aber noch weiter bis zur Südspitze, vielleicht sogar bis zu nächsten Insel Kasos, von der Rod Heikell schreibt: Sie sei wahrlich ein windiger Ort.
Mein Tee ist fertig. Kurz in ein altes Brot gebissen, ich habe nur noch das seit Symi, seit drei, vier Tagen war ich nicht mehr an Land. Dann sehe ich nach dem Motor, kontrolliere den Ölstand, fasse mit der Hand aus Gewohnheit unter Seewasserpumpe und Motorblock, ob Wasser oder Öl austritt, schaue in die Bilge. Alles gut. Ich lege meine Schwimmweste an und den Lifebelt – wer weiß schon, wie es da draußen heute wird.
Ich gehe an Deck. Blicke mich einmal um. Alles gut. Los. Ich drehe den Zündschlüssel, drücke den schwarzen Starterknopf. Der Motor springt bullernd an, ich warte, bis Wasser aus dem Auspuff kommt. Dann hangle ich mich am Want vorbei zum Bug, löse den Festmacher, den ich als Ruckdämpfer zur Ankerkette eingesetzt hatte. Ich drücke auf die Steuerung der Ankerwinsch, ratternd beginnt sie, Glied um Glied der Kette herein ins Schiff zu holen. Immer wieder bin ich erstaunt über die Kraft, die die kleine Winsch dabei entfaltet, schließlich habe ich mein Ankergeschirr eine Nummer größer und schwerer gewählt als vorgesehen. Und nach den Fallböen dieser Nacht bin ich wieder einmal dankbar für diese Entscheidung. Rumpelnd kommt der Bügelanker hoch, auch ihn schaue ich dankbar an, wie er an seiner Spitze etwas Seegras-Wurzelwerk mit hochbringt. Hart scheppernd hole ich ihn in seine Halterung. „Anker frei.“
Ich gehe nach hinten, ins Cockpit. Nehme die Pinne in die Hand, drücke LEVJE’s Gashebel nach vorn in den Tuckergang. Behutsam drehen wir einen Kreis hinaus um unseren Ankerplatz, weg von dem Ort, der uns für die Nacht Geborgenheit bot. Raus als.
Kaum bin ich draussen: treffen uns die Fallböen noch härter. Ich setze das große Vorsegel, die Genua. Vielleicht zuviel Segeltuch? LEVJE nimmt in den Böen sofort rauschend die Fahrt auf, das Tuch spannt sich jetzt enorm, wenn die Böen von der Insel herunterdonnern, ich stelle den Motor ab, LEVJE läuft in den Böen mit über sieben Knoten vor dem Wind, die Fallböen von Chalkis: sie schieben uns hinaus, hinaus am Morgen auf dem offene See.
So geht das etwa 20 Minuten. Je weiter wir von Chalkis wegkommen: umso heftiger werden die Böen. Ich schaue sorgenvoll auf mein Vorsegel, wie es sich hart spannt. Fasse kurz ans Achterstag, das den enormen Zug vom Vorsegel auf die Mastspitze auffängt, es ist hart gespannt wie eine Bogensaite. Aber LEVJE läuft einfach wie auf Schienen hinaus unter dem Zug der Genua, was soll ich da eingreifen?
Und dann: ist mit einem Schlag alles anders: Wir sind aus der Abdeckung der Insel heraus, der Wind ist schlagartig vorbei, ein merkwürdiges Phänomen des ablandigen Windes, diese Kalmen. Als wäre nichts gewesen, schaukelt und klappert LEVJE hilflos in den sich kreuzenden Wellen, treibt einfach dahin, während keine fünfzig Meter hinter mir der Wasser noch von den Fallböen brodelt. Ägäis-Wind. Schon Homer erzählt in seiner Odyssee davon, und nicht nur Heinrich Schliemann, der große Grabräuber, lag richtig mit seinem „Homer schreibt genau.“
Na gut. Dann jetzt eben mit Motor weiter, es kann nur ein kurzes Stück sein bis zum nächsten Windstrich. Ich starte also den Motor. Und weil in der Kimm tatsächlich der Wind kleine Schaumkronen aufwirft, nutze ich die Zeit. Und setze das Großsegel. Vorsichtshalber mal binde ich schon das erste Reff ein – die Fallböen seit Stunden kommen ja nicht aus dem Nichts: Sie sind der umgewandelte Wind, der von Nordwesten auf die Berghänge Chalki’s auftraf. Sich mühsam den Gipfel hinaufwälzte, um dann, wer weiß, von welchen thermischen Phänomenen aufgeladen, beschleunigt, sich die andere Seite des Inselberges mit rasender Wucht hinunterzustürzen. Kommt man aber aus dem Windschatten des Inselberges heraus: dann trifft man den regulären, den ursprünglichen Nordwest wieder an; meist nach einer kleinen oder größeren windstillen Zone.
LEVJE klappert unter Motor durch die kabbelige See, weiter hinaus und weg von der Insel. Keine zehn Minuten später haben wir ihn gefunden, den Wind. LEVJE’s Segel ziehen plötzlich, ich öffne das Groß und fiere den Großbaum weit hinaus, der Wind kommt schließlich mehr als querab. LEVJE spurtet los, der Motor läuft nur noch leer mit, der Wind hat jetzt den Antrieb übernommen. Ich stelle den Motor ab. Kurz den Ganghebel in den Rückwärtsgang, damit der Faltpropeller sich zusammenklappt und dem vorbeiströmenden Wasser keinen Widerstand mehr bietet. Und dann zieht LEVJE los durch die rauschenden Wellen.
Es ist ein anstrengender Kurs. Je weiter wir von Chalki wegkommen, je weiter der Vormittag vorrückt, umso mehr nehmen Wind und Welle zu. Der Wind mit 20, 25, 28 Knoten , er kommt von schräg achtern und treibt Welle um Welle genau in LEVJE’s Heck. Es wird angehoben, nach backbord weggedreht, der Bug wandert ruckartig nach steuerbord, der Autopilot hat ratternd alle Hände voll zu tun, ruckartig fährt der Steuerarm des Autopiloten aus und versucht, die Pinne in die richtige Richtung zu drücken. Ein unendliches Spiel, das die Wellen da abliefern und dem ich fasziniert zuschaue, wie sie immer wieder von rechts hinter uns anrollen, dem Autopiloten, wie er arbeitet und vor allem: LEVJE, wie sie sich in den Wellen verhält und wie ein irisches Curragh von Wellenkamm zu Wellenkamm schießt. Hier mein Video von diesem Abschnitt:
Langsam kommt Karpathos in Sicht, langgestreckt und hoch, ein bisschen wie das kroatische Dugi Otok, die die Italiener Izola Lungha, die lange Insel nannten. Karpathos – es liegt auf meinem Kurs wie eine Hauswand, an der ich entlang muß: Gehe ich an der Westseite von Karpathos entlang, werde ich starken Wind haben, der auf die Hauswand trifft und uns auf die Hauswand zutreibt. Aber auf die ganze Insellänge von 30 Kilometern keinen Hafen, keine Bucht. Es würde bedeuten: durchzusegeln bis heute Abend bis nach Kasos, zur nächsten Insel, wo auch der nächste Hafen läge, in stetig starkem Wind. Oder: ich gehe die Ostseite der Hauswand entlang. Sie ist windabgewandt, der Wind fällt hier über das Hausdach herunter, wird unstet sein: Fallböen, die in großer Stärke herabfallen und mit Kalmenzonen wechseln. Aber ich habe die Chance, weiter südlich am Nachmittag Pigadia zu erreichen, den Hauptort von Karpathos mit großer Bucht und Hafen. Und südlich davon sind ebenfalls geschützte Buchten.
Ich entscheide für Letzteres. Es scheint mir entspannter, zumal ich jetzt am späten Vormittag den frühen Aufbruch spüre und müde werde. Eben fielen mir die Augen kurz zu, ich dachte noch im Einschlafen: ich könnte es mir leisten, alles um mich sei frei und kein Schiff weit und breit seit drei Tagen. Ich weiß nicht, wie lange ich schlafe, es sind wohl keine zehn Minuten, als mich irgendetwas weckt, ein innerer Warnton, ich weiß nicht was. Ich blicke auf und: keine 100 Meter entfernt läuft ein Frachter auf uns zu, verflixt, wo kommt der denn her? „Pass bloß auf“, schimpfe ich mich und gehe sofort höher an den Wind, um den Frachter an mir vorbeiziehen zu lassen. Es ist die TAI STAR, ein Stückgut-Frachter, ich überlege kurz, ob ich ihn über Funk anrufen soll, um rauszukriegen, ob er mich wenigstens auf dem Radar sah. Aber wahrscheinlich hat auch er mich nicht gesehen, ich kenne das, weil ich zwei mal auf Containerfrachtern mitfuhr. Ein Mann auf der Brücke auf Wache, müde wie ich, mit Papierkram beschäftigt, der Autopilto und das Radar laufen ja.
Also entscheide ich mich für das kürzere, aber böigere Wegstück. Der Wind nimmt zu auf 25 – 30 Knoten, LEVJE’s Groß ist im kleinsten Reff, und es ist eine Lust, sie zu segeln, wie mein Video von diese Stelle zeigt, mit dem fernen Karpathos am Horizont:

Es ist später Nachmittag, als der Wind weiter zunimmt. Ich stehe etwa 45 Minuten vor Pigadia, als der Wind konstant auf über 30 Knoten auffrischt. LEVJE hat das Groß im 2. Reff, die Genua ist ebenso auf kleinste Segelfläche heruntergerefft. Ak Patella liegt recht voraus, und hier staut sich der Wind, der von den Bergen Karpathos‘ herunterfällt. Die Schaumkronen werden dichter, die ablandigen Wellen höher und steiler und folgen dicht aufeinander, Gischt weht wagrecht über LEVJE’s Vordeck, der Windmesser nähert sich der 40 Knoten Marke, die Pinne knarrzt schwer unter dem Ruderdruck, ich brauche viel Kraft für die Pinne, selbst auf diesem Kurs. Ich gehe auf halben Wind, die Fahrt mit dem fast achterlichen Wind wird mir zu riskant, immer wieder drehen die hohen Wellen LEVJE’s Heck aus der Richtung. Ich steuere LEVJE auf die Hafenmole von Pigadia zu – hoffentlich siehts da vorne nicht so wild aus wie hier? – die langsam hinter dem Gegischte in Sicht kommt. Der Wind rüttelt und zerrt am gerefften Vorsegel, Gischt kommt über, salzt mich ein wie einen Trockenfisch, aber ich bin erstaunt, wie sauber LEVJE den starken Wind wegsteckt und ihren Kurs hält. Segeln bei knapp 40 Knoten mit einem 31-Fuß-Schiff – erstaunlich, wie gut das geht. Ich halte nun auf die Bucht mit dem großen Sandstrand nördlich von Pigadia zu, eine weite geschützte Bucht, blicke öfter sorgenvoll ins Groß ob des gewaltigen Winddrucks, der darauf lastet. Und suche die Kimm ab, Richtung Sandstrand, ob ich nicht schon irgend ein Zeichen sehe, dass die Wellen niedriger werden, die Schaumkronen, die sich überschlagend dicht folgen, weniger. Noch nicht. „Das muss doch weniger werden da vorne, es weht doch ablandig…“ bete ich mir vor. Noch nichts zu erkennen.
Ich weiß nicht mehr, ob es eine Meile war. Oder drei, die ich so dahinsegelte. Die Konturen am Strand wurden klarer. Ganz rechts eine kleine Fabrik, eine Wasserentsalzungsanlage, arbeitet mein Gehirn. Sonnenschirme und Mattelagen, vereinzelt Menschen am ewig langen Strand. Endlich in der Kimm: das Wasser wird türkis – die Wellen werden flacher, noch sieben Minuten, noch fünf. Der Winddruck auf die Segel läßt nach, nur noch in Böjen legt LEVJE sich jetzt flach aufs Wasser, ich spüre jeden Muskel meiner beiden Arme, mit denen ich die Pinne heranziehe, um LEVJE auf ihrem Kurs zu halten. Die Drücker werden weniger, schlagartig ist das Wasser türkis, weil wir dem Ufer näherkommen und die Sedimente vom Ufer sowie die geringere Wassertiefe das Licht anders brechen und das Wasser türkis „färben“. LEVJE segelt aufrecht, das Wasser wird glatter und glatter, ich komme dem Strand näher, 10 Meter Tiefe, noch näher zum Strand hin, „da vorne müßte es gut sein, um den Anker fallen zu lassen“. Und plötzlich bin ich nur noch von stillem Türkis und leisem Glucksen an der Bordwand umgeben. Der Wind weht sanft, LEVJE schnürt dem Strand zu, läuft wie auf Schienen.
Ich schaue mich um. Am Strand spielt ein Mann mit Kind Federball. Eine Frau auf einer Liege reibt mit langsamen Bewegungen Sonnenöl ins Gesicht. Von LEVJEs Deck läuft immer noch übergekommenes Spritzwasser ab. Das Cockpit ein Durcheinander: Reffleinen, Cockpitkissen, Fallen, Genuaschoten verrutscht, verschoben von Segeln mit viel Lage, ein wüstes Ineinander, in dem nur meine Wasserflasche geborgen liegt wie ein Baby. Unter Deck? Reden wir nicht drüber, „What a mess!“ Salz auf meiner Haut, Salz in meinem Bart, meine Brille salzstarrend, mein Hut brettsteif vom getrockneten Meerwasser. Vor mir: friedliches Strandleben. Ich drehe mich um: Hinter mir, kein Fußballfeld entfernt, dreschen Fallböen auf die Wasseroberfläche und werfen Schaumkronen und Gischt auf. Kein Fußballfeld entfernt: immer noch über 30 Knoten.
Agäis-Segeln.
                                                    Noch weitere Seestücke auf Mare Piu lesen? Hier:
                                                    Durch die Straße von Otranto: Von Italien nach Griechenland. Hier.
                                                    Wind über Paros. Hier.
                                                    Meltemi! Meltemi! Hier.
                                                    Kein ganz normaler Törn. Überfahrt über den Golf von Lyon. Hier.



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Durch die südöstliche Ägäis, Teil IV.: Ägäis-Segeln.

Um Mitternacht wache ich auf. Die Fallböen wecken mich, und LEVJE’s harte Bewegungen, wenn Wanten und Dirk im Wind zu schwingen und zu brummen beginnen. Ich höre die Ankerkette, wie sie hart einruckt, gefolgt vom Ächzen des Festmachers, mit dem ich die Ankerkette auf dem letzten Meter an LEVJE’s Bugbeschlag gesichert habe. Das Boot, das bei ruhigem Wetter nur mit einem leisen Glucksen  in den Wellen liegt: es arbeitet jetzt in den Böen: knarzt, schwingt, summt, brummt, ächzt, gurgelt. Gibt hundert Geräusche von sich, die mir im Dunkel signalisieren: alles in Ordnung.
Ich stehe auf, gehe hinaus, und drehe eine Runde auf dem nächtlichen Boot. Sehe kurz nach dem Tiefenmesser, immer noch 5,60 Meter Tiefe – wir haben uns in den Böen nicht viel bewegt: LEVJE’s Anker hält uns also. Würde er nicht halten, würde er ins Rutschen kommen: Dann würde LEVJE von den harten Böen langsam in tieferes Wasser getrieben; der Anker würde dort seinen Halt verlieren – und LEVJE würde unweigerlich von Böen auf die Felsen gegenüber getrieben. Wir würden: „Scheitern“. In einem Lexikon aus dem Jahr 1641, das ich kürzlich auf meinem Hotelzimmer fand, als hätte es dort jemand hingelegt, nur für mich, Bücher „finden“ einen, habe ich ebenfalls schlaflos den Begriff „Scheitern“ nachgeschlagen: Das Lexikon, zusammengetragen von einem Mönch während der düstersten Phase des Dreißigjährigen Krieges, kannte für den Begriff „Scheitern“ nur diese Bedeutung: dass ein Schiff an der Küste zerschellt. Das menschliche, das berufliche Scheitern: In dieser Bedeutung gibt es das Wort wohl noch keine 30 Jahre. „Scheitern“ ist nicht nur einfach „seinen Job verlieren, weil man ihn nicht kann“. „Scheitern“ ist: Seinen Job verlieren, weil man sein Schiff nicht achtsam genug manövriert hat und Kräfte im Spiel sind: die größer sind als alles, was wir beherrschen.
Kräfte wie die Fallböe, die eben den Prophitis Elias, den hohen Berg nordwestlich von uns über dem
Örtchen mit Wucht hinunterrollt, durch leere Gassen, Tavernen fegt, hinaus auf die Bucht, in der ich mit LEVJE liege. Sie packt LEVJE’s Bug, schiebt ihn einfach nach rechts zur Seite, solange, bis die Ankerkette steifkommt, bis der Festmacher unter der Last, das Boot halten zu müssen, ächzend die Drehbewegung auffängt.
Alles hält. Ich gehe wieder unter Deck in meine warme Koje und lege mich schlafen.

 

Als es zu dämmern beginnt: sind es wieder die Fallböen und LEVJE’s Bewegungen, die mich wecken. Ich ziehe mich an, setze im Dämmer Wasser auf für meinen Tee. Die Sonne steht noch hinter der weißen Kapelle auf dem Hügel hinter uns, aber es ist schon taghell. Der karge, bis auf eine Stelle mit dunklem Grün gänzlich abgenagte Prophitis Elias strahlt taghell vor uns. Und in der Ferne oben, klein, weiß auf dem höchsten Gipfel, die Burg, die die Johanniter errichteten.
Von LEVJE’s Ankerplatz schaue ich hinaus aufs offene Meer. Das Wasser ist tief tief dunkelblau, die Böen färben die Wasseroberfläche noch dunkler, dort, wo sie auf dem Wasser aufschlagen. Wind aus der richtigen Richtung – das ist gut. Ich beschließe, die Gunst des Windes zu nutzen, nur kurz zu frühstücken und gleich abzulegen, zu einem langen Schlag, auf alle Fälle nach Süden zur langen Insel Karpathos, mindestens bis zum Hauptort Pigadia, womöglich aber noch weiter bis zur Südspitze, vielleicht sogar bis zu nächsten Insel Kasos, von der Rod Heikell schreibt: Sie sei wahrlich ein windiger Ort.
Mein Tee ist fertig. Kurz in ein altes Brot gebissen, ich habe nur noch das seit Symi, seit drei, vier Tagen war ich nicht mehr an Land. Dann sehe ich nach dem Motor, kontrolliere den Ölstand, fasse mit der Hand aus Gewohnheit unter Seewasserpumpe und Motorblock, ob Wasser oder Öl austritt, schaue in die Bilge. Alles gut. Ich lege meine Schwimmweste an und den Lifebelt – wer weiß schon, wie es da draußen heute wird.
Ich gehe an Deck. Blicke mich einmal um. Alles gut. Los. Ich drehe den Zündschlüssel, drücke den schwarzen Starterknopf. Der Motor springt bullernd an, ich warte, bis Wasser aus dem Auspuff kommt. Dann hangle ich mich am Want vorbei zum Bug, löse den Festmacher, den ich als Ruckdämpfer zur Ankerkette eingesetzt hatte. Ich drücke auf die Steuerung der Ankerwinsch, ratternd beginnt sie, Glied um Glied der Kette herein ins Schiff zu holen. Immer wieder bin ich erstaunt über die Kraft, die die kleine Winsch dabei entfaltet, schließlich habe ich mein Ankergeschirr eine Nummer größer und schwerer gewählt als vorgesehen. Und nach den Fallböen dieser Nacht bin ich wieder einmal dankbar für diese Entscheidung. Rumpelnd kommt der Bügelanker hoch, auch ihn schaue ich dankbar an, wie er an seiner Spitze etwas Seegras-Wurzelwerk mit hochbringt. Hart scheppernd hole ich ihn in seine Halterung. „Anker frei.“
Ich gehe nach hinten, ins Cockpit. Nehme die Pinne in die Hand, drücke LEVJE’s Gashebel nach vorn in den Tuckergang. Behutsam drehen wir einen Kreis hinaus um unseren Ankerplatz, weg von dem Ort, der uns für die Nacht Geborgenheit bot. Raus als.
Kaum bin ich draussen: treffen uns die Fallböen noch härter. Ich setze das große Vorsegel, die Genua. Vielleicht zuviel Segeltuch? LEVJE nimmt in den Böen sofort rauschend die Fahrt auf, das Tuch spannt sich jetzt enorm, wenn die Böen von der Insel herunterdonnern, ich stelle den Motor ab, LEVJE läuft in den Böen mit über sieben Knoten vor dem Wind, die Fallböen von Chalkis: sie schieben uns hinaus, hinaus am Morgen auf dem offene See.
So geht das etwa 20 Minuten. Je weiter wir von Chalkis wegkommen: umso heftiger werden die Böen. Ich schaue sorgenvoll auf mein Vorsegel, wie es sich hart spannt. Fasse kurz ans Achterstag, das den enormen Zug vom Vorsegel auf die Mastspitze auffängt, es ist hart gespannt wie eine Bogensaite. Aber LEVJE läuft einfach wie auf Schienen hinaus unter dem Zug der Genua, was soll ich da eingreifen?
Und dann: ist mit einem Schlag alles anders: Wir sind aus der Abdeckung der Insel heraus, der Wind ist schlagartig vorbei, ein merkwürdiges Phänomen des ablandigen Windes, diese Kalmen. Als wäre nichts gewesen, schaukelt und klappert LEVJE hilflos in den sich kreuzenden Wellen, treibt einfach dahin, während keine fünfzig Meter hinter mir der Wasser noch von den Fallböen brodelt. Ägäis-Wind. Schon Homer erzählt in seiner Odyssee davon, und nicht nur Heinrich Schliemann, der große Grabräuber, lag richtig mit seinem „Homer schreibt genau.“
Na gut. Dann jetzt eben mit Motor weiter, es kann nur ein kurzes Stück sein bis zum nächsten Windstrich. Ich starte also den Motor. Und weil in der Kimm tatsächlich der Wind kleine Schaumkronen aufwirft, nutze ich die Zeit. Und setze das Großsegel. Vorsichtshalber mal binde ich schon das erste Reff ein – die Fallböen seit Stunden kommen ja nicht aus dem Nichts: Sie sind der umgewandelte Wind, der von Nordwesten auf die Berghänge Chalki’s auftraf. Sich mühsam den Gipfel hinaufwälzte, um dann, wer weiß, von welchen thermischen Phänomenen aufgeladen, beschleunigt, sich die andere Seite des Inselberges mit rasender Wucht hinunterzustürzen. Kommt man aber aus dem Windschatten des Inselberges heraus: dann trifft man den regulären, den ursprünglichen Nordwest wieder an; meist nach einer kleinen oder größeren windstillen Zone.
LEVJE klappert unter Motor durch die kabbelige See, weiter hinaus und weg von der Insel. Keine zehn Minuten später haben wir ihn gefunden, den Wind. LEVJE’s Segel ziehen plötzlich, ich öffne das Groß und fiere den Großbaum weit hinaus, der Wind kommt schließlich mehr als querab. LEVJE spurtet los, der Motor läuft nur noch leer mit, der Wind hat jetzt den Antrieb übernommen. Ich stelle den Motor ab. Kurz den Ganghebel in den Rückwärtsgang, damit der Faltpropeller sich zusammenklappt und dem vorbeiströmenden Wasser keinen Widerstand mehr bietet. Und dann zieht LEVJE los durch die rauschenden Wellen.
Es ist ein anstrengender Kurs. Je weiter wir von Chalki wegkommen, je weiter der Vormittag vorrückt, umso mehr nehmen Wind und Welle zu. Der Wind mit 20, 25, 28 Knoten , er kommt von schräg achtern und treibt Welle um Welle genau in LEVJE’s Heck. Es wird angehoben, nach backbord weggedreht, der Bug wandert ruckartig nach steuerbord, der Autopilot hat ratternd alle Hände voll zu tun, ruckartig fährt der Steuerarm des Autopiloten aus und versucht, die Pinne in die richtige Richtung zu drücken. Ein unendliches Spiel, das die Wellen da abliefern und dem ich fasziniert zuschaue, wie sie immer wieder von rechts hinter uns anrollen, dem Autopiloten, wie er arbeitet und vor allem: LEVJE, wie sie sich in den Wellen verhält und wie ein irisches Curragh von Wellenkamm zu Wellenkamm schießt. Hier mein Video von diesem Abschnitt:
Langsam kommt Karpathos in Sicht, langgestreckt und hoch, ein bisschen wie das kroatische Dugi Otok, die die Italiener Izola Lungha, die lange Insel nannten. Karpathos – es liegt auf meinem Kurs wie eine Hauswand, an der ich entlang muß: Gehe ich an der Westseite von Karpathos entlang, werde ich starken Wind haben, der auf die Hauswand trifft und uns auf die Hauswand zutreibt. Aber auf die ganze Insellänge von 30 Kilometern keinen Hafen, keine Bucht. Es würde bedeuten: durchzusegeln bis heute Abend bis nach Kasos, zur nächsten Insel, wo auch der nächste Hafen läge, in stetig starkem Wind. Oder: ich gehe die Ostseite der Hauswand entlang. Sie ist windabgewandt, der Wind fällt hier über das Hausdach herunter, wird unstet sein: Fallböen, die in großer Stärke herabfallen und mit Kalmenzonen wechseln. Aber ich habe die Chance, weiter südlich am Nachmittag Pigadia zu erreichen, den Hauptort von Karpathos mit großer Bucht und Hafen. Und südlich davon sind ebenfalls geschützte Buchten.
Ich entscheide für Letzteres. Es scheint mir entspannter, zumal ich jetzt am späten Vormittag den frühen Aufbruch spüre und müde werde. Eben fielen mir die Augen kurz zu, ich dachte noch im Einschlafen: ich könnte es mir leisten, alles um mich sei frei und kein Schiff weit und breit seit drei Tagen. Ich weiß nicht, wie lange ich schlafe, es sind wohl keine zehn Minuten, als mich irgendetwas weckt, ein innerer Warnton, ich weiß nicht was. Ich blicke auf und: keine 100 Meter entfernt läuft ein Frachter auf uns zu, verflixt, wo kommt der denn her? „Pass bloß auf“, schimpfe ich mich und gehe sofort höher an den Wind, um den Frachter an mir vorbeiziehen zu lassen. Es ist die TAI STAR, ein Stückgut-Frachter, ich überlege kurz, ob ich ihn über Funk anrufen soll, um rauszukriegen, ob er mich wenigstens auf dem Radar sah. Aber wahrscheinlich hat auch er mich nicht gesehen, ich kenne das, weil ich zwei mal auf Containerfrachtern mitfuhr. Ein Mann auf der Brücke auf Wache, müde wie ich, mit Papierkram beschäftigt, der Autopilto und das Radar laufen ja.
Also entscheide ich mich für das kürzere, aber böigere Wegstück. Der Wind nimmt zu auf 25 – 30 Knoten, LEVJE’s Groß ist im kleinsten Reff, und es ist eine Lust, sie zu segeln, wie mein Video von diese Stelle zeigt, mit dem fernen Karpathos am Horizont:

Es ist später Nachmittag, als der Wind weiter zunimmt. Ich stehe etwa 45 Minuten vor Pigadia, als der Wind konstant auf über 30 Knoten auffrischt. LEVJE hat das Groß im 2. Reff, die Genua ist ebenso auf kleinste Segelfläche heruntergerefft. Ak Patella liegt recht voraus, und hier staut sich der Wind, der von den Bergen Karpathos‘ herunterfällt. Die Schaumkronen werden dichter, die ablandigen Wellen höher und steiler und folgen dicht aufeinander, Gischt weht wagrecht über LEVJE’s Vordeck, der Windmesser nähert sich der 40 Knoten Marke, die Pinne knarrzt schwer unter dem Ruderdruck, ich brauche viel Kraft für die Pinne, selbst auf diesem Kurs. Ich gehe auf halben Wind, die Fahrt mit dem fast achterlichen Wind wird mir zu riskant, immer wieder drehen die hohen Wellen LEVJE’s Heck aus der Richtung. Ich steuere LEVJE auf die Hafenmole von Pigadia zu – hoffentlich siehts da vorne nicht so wild aus wie hier? – die langsam hinter dem Gegischte in Sicht kommt. Der Wind rüttelt und zerrt am gerefften Vorsegel, Gischt kommt über, salzt mich ein wie einen Trockenfisch, aber ich bin erstaunt, wie sauber LEVJE den starken Wind wegsteckt und ihren Kurs hält. Segeln bei knapp 40 Knoten mit einem 31-Fuß-Schiff – erstaunlich, wie gut das geht. Ich halte nun auf die Bucht mit dem großen Sandstrand nördlich von Pigadia zu, eine weite geschützte Bucht, blicke öfter sorgenvoll ins Groß ob des gewaltigen Winddrucks, der darauf lastet. Und suche die Kimm ab, Richtung Sandstrand, ob ich nicht schon irgend ein Zeichen sehe, dass die Wellen niedriger werden, die Schaumkronen, die sich überschlagend dicht folgen, weniger. Noch nicht. „Das muss doch weniger werden da vorne, es weht doch ablandig…“ bete ich mir vor. Noch nichts zu erkennen.
Ich weiß nicht mehr, ob es eine Meile war. Oder drei, die ich so dahinsegelte. Die Konturen am Strand wurden klarer. Ganz rechts eine kleine Fabrik, eine Wasserentsalzungsanlage, arbeitet mein Gehirn. Sonnenschirme und Mattelagen, vereinzelt Menschen am ewig langen Strand. Endlich in der Kimm: das Wasser wird türkis – die Wellen werden flacher, noch sieben Minuten, noch fünf. Der Winddruck auf die Segel läßt nach, nur noch in Böjen legt LEVJE sich jetzt flach aufs Wasser, ich spüre jeden Muskel meiner beiden Arme, mit denen ich die Pinne heranziehe, um LEVJE auf ihrem Kurs zu halten. Die Drücker werden weniger, schlagartig ist das Wasser türkis, weil wir dem Ufer näherkommen und die Sedimente vom Ufer sowie die geringere Wassertiefe das Licht anders brechen und das Wasser türkis „färben“. LEVJE segelt aufrecht, das Wasser wird glatter und glatter, ich komme dem Strand näher, 10 Meter Tiefe, noch näher zum Strand hin, „da vorne müßte es gut sein, um den Anker fallen zu lassen“. Und plötzlich bin ich nur noch von stillem Türkis und leisem Glucksen an der Bordwand umgeben. Der Wind weht sanft, LEVJE schnürt dem Strand zu, läuft wie auf Schienen.
Ich schaue mich um. Am Strand spielt ein Mann mit Kind Federball. Eine Frau auf einer Liege reibt mit langsamen Bewegungen Sonnenöl ins Gesicht. Von LEVJEs Deck läuft immer noch übergekommenes Spritzwasser ab. Das Cockpit ein Durcheinander: Reffleinen, Cockpitkissen, Fallen, Genuaschoten verrutscht, verschoben von Segeln mit viel Lage, ein wüstes Ineinander, in dem nur meine Wasserflasche geborgen liegt wie ein Baby. Unter Deck? Reden wir nicht drüber, „What a mess!“ Salz auf meiner Haut, Salz in meinem Bart, meine Brille salzstarrend, mein Hut brettsteif vom getrockneten Meerwasser. Vor mir: friedliches Strandleben. Ich drehe mich um: Hinter mir, kein Fußballfeld entfernt, dreschen Fallböen auf die Wasseroberfläche und werfen Schaumkronen und Gischt auf. Kein Fußballfeld entfernt: immer noch über 30 Knoten.
Agäis-Segeln.
 

Willkommen in der Nordsee

20150623

Land der Ölplattformen erreicht

Unser Webmaster Martin meint: „Micha Du solltest mal wieder ausschlafen. In Deinen Logbuchberichte stimmen die Tags nicht und so werden die nicht veröffentlicht.“ Letzte Nacht war auch nicht viel mit Schlaf. Raus und runter, die MARLIN hat in der letzten Nacht einen Eiertanz auf fünf Meter hohen Wellen hingelegt, das es drinnen ordentlich gescheppert hat. Kaputt gegangen ist fast nix. Wir haben ordentlich Strecke gemacht. Etmal 178 Meilen. Letzte Nacht sogar 208 auf 12 Stunden kumuliert. Jetzt lässt der Wind allerdings deutlich nach und wir haben den Kurs nach Süd, nach Amsterdam angelegt. Alle haben jetzt Seebeine und lachen wieder natürlich. Rund um uns herum hunderte von Bohrinseln durch die wir mit Gefühl durchmanövrieren müssen. Der Ruhrpott der Nordsee, so würde ich das hier nennen. Nach all der Natur in den letzten 3 Monate für mich eine unangenehme Erscheinung. Auch unserem Ziel Amsterdam sehe ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Im Makkermeer hoffe ich einen sicheren Ankerplatz für die MARLIN zu finden um dann meine Familie in Flensburg besuchen zu können. In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag sollten wir das Ziel der MARLIN erreicht haben.

 


Nächste Abfahrtmöglichkeit mit der MARLIN: Ab Amsterdam durch den englischen Kanal nach Falmouth / GB Mitte July 2015www.sy-marlin.de/mitsegeln

 

 

Mamor, Stein und Eisen

 

20150620

Die Sonne geht in Bergen auf

Bergen ist die Stadt in der es in Norwegen am meisten regnet. Manche sagen sogar von der ganzen Welt. Wir kommen an, der Himmel reißt auf und die Sonne scheint. Wenn Engel reisen, kann man da nur sagen. Alle jungen Mädchen in Bergen tragen heute kurze Röcke. Es muss Sommer sein. Das kreuzen wir rot im Logbuch an. Als wir den Bug langsam neben den einer schicken Bavaria, eines der dutzend Päckchen, legen und den schlafenden Eigner sanft wecken, tauchen Elizabeth und Rachel auf. Die waschechte Norwegerin Elizabeth ist der eigentliche Grund warum wir Bergen angelaufen haben. Altes Eisen. 2002 haben wir uns in Panama das letzte Mal gesehen. Sie ist seit dem, gut 10 Jahre mit ihrer Segel Freundin Rachel auf der Barfußroute um die Welt gesegelt. Ab und an war man immer wieder mal in Kontakt. Das letzte Mal als ich Elizabeth zum Abschied in den Arm genommen habe, hatte sie noch 2mm kurze Haare, daran kann ich mich noch erinnern. Optisch verändert man sich, im Herzen bleibt man gleich. Eine gute Erfahrung. Der Tag verläuft natürlich mit viel BlaBla über alte Zeiten. Wir finden noch ein fünf Liter Fass Flensburger in der Bilge der MARLIN. “Ach, schau mal einer an! Elizabeth. Dein Geburtstagsgeschenk. Du hattest doch gestern Geburtstag? Oder?” Wenn mal aus dem 5Liter Fass 25 Gläser Bier zapft und mit dem Kneipenpreis von 80 Kronen multipliziert sind das 2.000 Kronen, also 240 Euro. Wer also nach Norwegen segelt sollte die Bilge mit ein paar von diesen Bierbomben für besondere Feste mit sich führen. “Wer, wo, warum, weshalb”, füllt den Rest des Tages. Martin ist der bester Barkeeper in Bergen.

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Im “No Stress!” versacken wir natürlich bis in die späten Nachtstunden. Ich hätte Elizabeth gerne als Crew mit nach Amsterdam genommen, doch wie zu erwarten hat Elizabeth andere Pläne. Dickschädel. Wahrscheinlich habe ich sie deshalb so in mein Herz geschlossen. “T´schö. Bis in 14 Jahren dann mal wieder.” Das ist Fahrtenseglen.

 


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