Kategorie: News & Blogs

Vom Wert eines Schweins und einer Packung Milch

Do., 28. Mai 26; Vanuatu, Erromango, Dillons Bay; Tag 4.380; 29.737 sm total

Wir verlassen den Vulkan. Ein letzter Ascheregen fällt in der Nacht ins frisch gewienerte Cockpit und der saure Fallout hinterlässt hässliche Flecken auf dem Edelstahl. Danke für nichts an dieser Stelle, schöner Yasur. ;-)

Ein letzter Blick auf den Yasur als wir morgens nach Erromango aufbrechen.

Die nächste Insel, Erromango, erreichen wir am Nachmittag. Wir werfen den Anker vor dem größten Ort auf der Insel. 800 Einwohner. Der letzte kannibalische Vorfall ereignete sich hier 1839. Ein damals bekannter Missionar wurde hier verspeist. Aber die Sache ist geklärt. Im Jahr 2009 nahmen die Nachkommen des Opfers eine offizielle Entschuldigung der Täter-Nachfahren entgegen. Wir sollten hier also sicher sein.

Kurz vor Sonnenuntergang erreicht uns ein Ausleger-Kanu. „Hi, ich bin David und der Betreiber des Yachtklubs vor Ort. Willkommen in meiner Bucht. Wenn ihr wollt, zeige ich euch morgen das Dorf. Kostet tausend Vatu pro Person.“
Wir schlagen ein.
Um die Abmachung zu besiegeln, wirft David einen Beutel Früchte aufs Deck. Erfreut von so viel pazifischer Gastfreundschaft, sammle ich Papaya und Passionsfrüchte aus dem Sack. Währenddessen möchte David von Achim eine Leine haben, um sein Kanu festzubinden. Ungefragt kommt er an Bord. Wie ein alter Schulfreund klettert er zu mir ins Cockpit. „Ich könnte Zucker oder Milch gebrauchen.“ Ich brauche einen Augenblick. Dann fällt der Groschen. Die Südseeromantik ist in Wahrheit ein Tauschgeschäft. Ich zahle artig mit einem Liter Milch.

David und unser Tauschgeschäft. Das härteste Zahlungsmittel auf Erromango: Milch!

Am nächsten Tag paddeln wir mit dem Aufblas-Kajak an Land. Ein Versorgungsschiff ist im Morgengrauen gekommen. Da es im Dorf keine Pier gibt, ist der Kahn direkt bis ans Ufer gefahren. Eine Landeklappe liegt am Strand und jeder einzelne Sack muss von Hand von Bord getragen werden.
Wir bahnen uns den Weg durch das geschäftige Treiben. David winkt uns schon von weitem und zeigt uns, wo wir anlanden können.

Mit zunehmender Ebbe liegt der Dampfer hinten auf. Nach dem Entladen muss auf Hochwasser gewartet werden.

Alle Männer des Dorfes scheinen auf den Beinen zu sein.

Der blaue Kasten enthält eine Batterie. Solarpanele gibt es reichlich. Jedoch keine Wasserleitungen. Zentrale Wasserhähne sind im Dorf verteilt.

Das Gelbe sind wieder die handlichen Reissäcke – 25 Kilo.

Er führt uns zu seinem Yachtclub. Ein kleines Betonhaus mit Veranda und herrlichem Ausblick auf die Bucht. Mit viel Aufwand hat er per Schiff den Zement aus der Hauptstadt liefern lassen. Da dies viel Geld kostet, zogen sich die Bauarbeiten über Jahre hin.
Seine zwei Gästebücher gehen bis ins Jahr 2014 zurück. Etliche Boote, die sich verewigt haben, kennen wir. Das ‚who is who‘ der Langfahrt-Szene.

Der Yachtklub – viele Länderflaggen und Einträge in seinen Büchern hat David in zwölf Jahren gesammelt.

Danach bekommen wir die versprochene Dorfführung. David führt uns zwei Stunden lang  zwischen den Hütten hindurch bis in die abgelegenen Gärten des Dorfes.  Wir nutzen die Gelegenheit, um Fragen über das Leben in einem Kastom-Dorf, einem traditionellen Dorf, zu stellen.

Die Wege zwischen den Hütten-Häusern. Pikobello. Hübsch mit Kies abgestreut.

Total gepflegte Reihenhaussiedlung.

David knackt uns eine Kokosnuss – die beste seit Jahren.

David erzählt, dass er unterhalb seines Yachtclubs Hochzeiten ausrichtet. Das ist eine bedeutsame Sache in Vanuatu. Eine Frau kostet mindestens ein Schwein, wenn ein Mann heiraten möchte. Der Preis hängt von der Form der Hauer des Ebers ab. Je runder die Zähne, desto wertvoller das Schwein. Wenn sich ein Paar gefunden hat, wird die Frau symbolisch geblockt. Nun hat der Bräutigam die oft jahrelange Arbeit, die nötigen Eber mit den entsprechenden Hauern heranzuzüchten.

Der Brautpreis ist eine stolze Tradition, steht in Vanuatu jedoch zunehmend unter Kritik. Frauenrechtsorganisationen beklagen, dass manche Männer das Gefühl entwickeln, sie hätten ihre Ehefrau gekauft. Der Vorwurf des Kaufens hat sicherlich einen wahren Kern. Mehrmals benutzt David das Wort ‚to buy‘ als er von den Schweinen erzählt, lacht Achim ins Gesicht und zeigt dabei verschmitzt auf mich.

Geduldig beantwortet er all unsere Fragen. Auf Englisch können wir uns verständigen, sprechen aber trotzdem nicht dieselbe Sprache. Bei einigen Fragen habe ich den Eindruck, David denkt, dass wir wirklich dumme Fragen stellen. Und vermutlich hat er recht.

Wir hätten die Wege auch alleine abwandern können. Durch den bezahlten Guide bekommt das Ganze wieder diesen ‚Museumsdorf-Charakter‘. Auf der anderen Seite wären uns Einblicke ins Kastom-Leben entgangen.
Unterschiedlicher können zwei Lebensläufe nicht sein. Wie seltsam wir ihm vorkommen müssen. Da segeln wir mit dem Boot aus einem Land, das er nur vom Fußball kennt, mitten in sein Dorf – während seine Leute noch nicht mal drüben beim Vulkan gewesen sind. Zu weit weg.

Junge Leute – immer das Handy dabei. Bei dem Thema ist kein Unterschied zwischen Dritter und Erster Welt mehr zu erkennen.

Starlink neben der Schule. Das traditionelle Kastom trifft auf modernste Technik. Wie mögen das die Kinder verarbeiten?

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