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Erste Bekanntschaft mit dem Pazifik

Mo., 23.Apr.2018, Las Perlas/Contadora, Tag 1422, 12.486 sm von HH

„Ich geh‘ baden“, höre ich Achim von der Badeplattform rufen.
„Warte, ich komm‘ mit.“ Schnell bin ich im Cockpit, die paar Klamotten sind flink vom Leib gerissen. Meine Brille lege ich ordentlich auf den Cockpittisch. Achim steht noch immer auf der Badeplattform und versperrt den Hauptausgang. Was trödelt er denn da rum?
„Wer zuerst im Wasser ist“, denke ich und entscheide mich für einen Sprung vom Seitenschiff.
Ohne Brille sieht das Wasser verlockend wie immer aus.

Noch im Flug, mich der Wasseroberfläche nähernd, sehe ich sie dann auch. Zum Stoppen ist es zu spät, zum Durchstarten fehlen mir die Flügel. Ich lande in einer Armee von Quallen. Die Erkenntnis und der Schmerz kommen gleichzeitig. Schnell rette ich mich zur Badeleiter. Bloß raus aus dem Wasser. Achim ist mein Held: „Du, da sind viele Quallen im Wasser. Ich wollte dich grade warnen, da platscht es auch schon hinter mir. Ich bin mir nicht sicher, ob sie brennen“, kichert er.

„Es brennt wie Feuer, du Stinkfisch“, mache ich ihn schlau.
Mich hat es an beiden Armen und einem Bein erwischt. Dreißig Zentimeter lange Tentakeln kleben mir quer über die Brust. Schnell ziehe ich die Tentakeln ab und weg damit. Es brennt mehr.
Achim ist nun doch noch nett, rennt und holt Rasierschaum. Ich hatte mal gelesen, dass in Australien erste Hilfe Kästen am Strand mit Rasierschaum bestückt sein sollen. Fällt mir grad rechtzeitig ein, während ich in Flammen stehe. Bloß kein Süßwasser, erinnern wir uns beide. Essig soll auch gehen.
Mir hilft der Rasierschaum. Das Brennen lässt schnell nach.
Fassungslos starre ich ins Wasser, alle Quallen sind verschwunden. Ich bin wahrscheinlich in das einzige Nest im Umkreis von 100 Meilen gesprungen. Danke dafür, Gevatter Pazifik, wäre nicht nötig gewesen.

Andere Welt

Cubanisches Resort

Die Crew hat sich entschieden. „Wir wollen gerne Cayo Levisa kennenlernen“ Der Wunsch meiner Mitsegler sei mir Befehl. Der Weg führt ab der Ansteuerungstonne durch 6 Meilen flache Untiefen, deren Karten in Navionics alles andere als verlässlich sind. Das geht auf die Nerven und mit 2 Knoten Geschwindigkeit hangeln wir uns durch die vom letzten Wirbelsturm versandeten Gewässer. Nun. Zum Glück ist alles Sandboden und nicht Fels wie in den skandinavischen Schären. Nein. Wir haben keine Grundberührung. Erst als ich mich 200 Meter vor Cayo Levisa schon in Abrahams Schoß fühle erwischt uns noch eine Untiefe mit zwei Meter über die wir aber grade noch rüberrutschen. Glück gehabt.

Ich hätte ehrlich gesagt nicht mit einer solchen Crewentscheidung gerechnet. Was folgt ist wieder Papierkram, weil wir ja ein Genehmigung für Havanna haben und nicht für einen Ort davor. Nun. Das nervt, ist aber nicht weiter schlimm. Wir dürfen an Land und besuchen eine schöne Hotelanlage, die um einen dröhnenden Generator herumgebaut ist. Auf der Nordseite ein Strand mit Sand, europäischen Pauschaltouristen und Exilkubanern, die ihren Luxus im Heimatland leben. Wir bestellen uns einen Drink. Es fängt an zu regnen und schwupps sind wir alle wieder auf der MARLIN. The my Home is my castle effect. Die MARLIN hat ja auch einen Generator, aber der muss nicht laufen. Wir haben 24 Stunden Motorfahrt hinter uns. MARLINS Batterien sind voll. Skippers Batterien und Nervenkostüm ist auf 50%. Nein. Ich darf mir nichts anmerken lassen. Das gehört zum Job. Ich hatte den Fisch für das Abendessen schon aufgetaut , jetzt mache ich den auch. Mit Liebe. Ausserdem ist die Küchenv erwüstung auch Entspannung für mich. Dabei kommt ein hervorragendes Essen heraus, sagt die Crew. Ich muss nicht spülen. Ein Grund warum ich gerne koche.

Zur Marina Hemmingway sind es noch 60 Meilen, plus der Umweg um hier wieder rauszufahren. Na. Auf jeden Fall sollten wir pünktlich am Mittwoch Abend ankommen und ich kann meinen freien Tag geniessen, bevor die neue Crew am Samstag Mittag auf der Matte steht.

 

Das Buch ist da!

  Liebe Leser, nur eine kurze, aber freudige Mitteilung: Unser Buch ist endlich erschienen! Wir haben unser erstes Exemplar gerade heute erhalten und freuen uns riesig darüber. Und es gibt ordentlich was fürs Geld: Einen dicken Schinken mit 320 Seiten…

Kurs Havanna liegt an

Das Riesenfliewatüt

Ein Fahrtensegler hätte auf ein Wetterfenster gewartet. Mal davon ab. Gibt es hier eigentlich eh nicht. Entweder ist Gegenwind oder kein Wind. So wie in Patagonien von Ost nach West. Ein sportlicher Segler hätte dagegen aufgekreuzt. Dafür haben meine Mitsegler keine Zeit. So teile ich den Weg von der Westspitze Cubas nach Havanna in zwei Teile auf. Ziemlich in der Mitte gibt es für uns zwei Möglichkeiten zu halten. Entweder das Inselchen Paraiso oder Levisa. Liegen direkt nebeneinander. Paraiso hat ein Hotel, drei Restaurants und einen Steg. Na, was empfiehlt der Skipper seiner Crew. Levisa, damit er nicht kochen muss?

Der Johann, der Johann. Hätten wir den nicht, dann würden wir bestimmt nicht am Mittwoch Abend in der Marina Hemmingway rechtzeitig ankommen. Haben wir aber und ein Wetterfenster hatten wir auch. Aus der versprochenen Winddrehung heute Nacht aus SE ist bisher nix zu merken. Aus dem Westwind für Dienstag ist in dem aktuellen Progostico del Tiempo keine Rede mehr. Also, alles beim Alten. Aber wenigsten keine 20 Knoten auf die Nase. Das wäre der Normalfall. Also läuft der Diesel und wir schichten wir uns die Nacht um die Ohren um morgen nochmal den dicken Zeh ins Wasser zu halten und vielleicht einmal um die Insel zu laufen. Welche denn nun?

 

Contadora – der Osten

So., 22.Apr.2018, Las Perlas/Contadora, Tag 1421, 12.486 sm von HH

Der Osten der kleinen Contadora – grad 3 Kilometer lang – fällt durch eine Anreihung von Fehlinvestitionen auf. An menschenleeren Stränden steht ein verlassener Hotelkomplex neben dem anderen. Große Anlagen sind dem Verfall preisgegeben.
In amerikanischen Urlaubskatalogen war Contadora als Traumurlaubsziel gelistet. Scheinbar war das nicht attraktiv genug. Eine gestrandete Fähre am Strand davor rundet das Bild der ‚Verlorenen Insel‘ ab.

Schöne Strände für uns allein

Schöne Strände für uns allein

 

Alle Hotels und Häuser stehen leer
und verfallen
Noch mehr Ruinen - eine alte Steganlage, deren Zweck nicht ersichtlich ist

Am Strand liegt ein Wrack - komplett aus Aluminium

Am Strand liegt ein Wrack – komplett aus Aluminium

Man kann rauf klettern und hat Wracktauchen ohne Gerödel

Man kann rauf klettern und hat Wracktauchen ohne Gerödel

Die Strände sind aus Puderzucker, die Felsen sind durch gefaltetes Vulkangestein in den verrücktesten Farben ungemein attraktiv. Lange Sandstrände werden durch kleine Buchten abgelöst. Viel besser kann man sich eine Insel nicht ausdenken.

Steinküste in türkis

Steinküste in türkis

Ein gemütlicher Ankerplatz. Die Grillen zirpen so laut, dass wir sie noch auf dem Schiff hören können. Andere Segler kommen und gehen, mehr als fünf Schiffe gleichzeitig sind kaum anwesend.
Nur ein Segler scheint schon mit der Insel verwachsen. An Land hat er sich seinen Thron gebaut.
Tag für Tag bastelt der Eigenbrötler an seinem Werk.

König von Takatuka Land

König von Takatuka Land

Uns Seglern wird das Leben schwer gemacht auf Contadora. Die Ebbe legt einen steilen Sandstrand frei. Ein Dinghy Dock existiert nicht, wer an Land will, muss sein Dinghy schleppen. Viele Meter schleppen. Eine schweißtreibende Angelegenheit. In Zukunft geht es nur noch bei Flut an Land.
Unser neues Dinghy wiegt mit Außenborder und vollem Benzintank über 60 Kilo. Die Räder für den bequemen Landgang fehlen noch. Die Reifen vom alten Dinghy passen bauart bedingt nicht an unser Caribe. Mist. Darüber hat vorher keiner nachgedacht.
Wenn wir wieder in der Zivilisation sind, muss eine Lösung her.

Keine Schildkrötenspur, sondern die Schleifspur unseres Dinghys

Keine Schildkrötenspur, sondern die Schleifspur unseres Dinghys

Riesenmücken

Etappenziel „Die dicke Maria!“ Fast erreicht

Die erste Nachtfahrt haben meine neuen Segel-Freunde sicher und erfolgreich hinter sich gebracht. Der Strom hat gedreht und schiebt uns nun mit anderthalb Knoten zum Ziel. Der Wind Mitte der Nacht wie in den GRIB Files eingesetzt und die Motorerei ein glückliches Ende gefunden. Also alles gut. Mannschaft wohlauf und glücklich. Nach ein paar Stunden immer wieder unterbrochenes Schlafens ist auch meine Batterie zumindest nicht mehr im roten Bereich. In einer Stunde werden wir das Cabo de Corrientes erreichen. Übersetzt Kap der Strömungen. Würde ich jetzt mal ganz schön vorsichtig sein. Kenne ich aber schon. So gefährlich ist das bei normalem Wind nicht. Eine Strecke zum zweiten Mal zu segeln ist eben immer viel einfacher. Das ist auf der ganzen Welt so.

“Am Kopf halten. Pass auf die pickst. Du kannst auch den Schwanz zusammen halten. Damit schlägt sie. Die gemeine Languste!“ Andy ist mutig und halt das Urvieh fest. Ich erkläre, dass Langusten zu der Familie der Insekten gehören und wenn man eine Mücke totschlägt, macht man ja auch nicht so viel Aufheben darum. Ist vollkommenes selbst erfundenes Seemannsgarn. Aber die Mitsegler sind etwas beruihgt. Denn gleich wird der Ranger, der nicht fotografiert werden will dabei, der Languste den Schwanz beim lebendigen Leib herausdrehen. Das das nicht nett ist, findet meine Crew auch. Essen wollen sie die aber trotzdem alle zum Abendessen. Es waren die letzten Langusten für dieses Jahr. Im Norden von Cuba werden wir wenig Zeit haben zu halten. Mal schauen.

In zwei Stunden werden wir Maria la Gorda erreichen und ich bin froh die Nacht durchgesegelt zu sein. Johann braucht noch etwas Liebe und nach einem Rast geht es dann schwuppsdiwupps weiter um die Ecke nach Norden und Kurs Havanna wird auf dem GPS als nächster Wegpunkt dominieren.

 

Wieder im Geschäft

Fast zwei Wochen bin ich nun bereits in Tuzla.

Als ich hier angekommen bin, habe ich am Flughafen meinen Mietwagen abgeholt und bin die knapp 20 Kilometer nach Tuzla gefahren.
Wer bei Instagram oder Facebook vorbeigeschaut hat, wird es vielleicht bereits mitbekommen haben, der Verkehr hier in Tuzla hat mich wirklich gefordert. Mehr los als in Athen ist hier auch nicht, aber der Fahrstil der Leute ist ein völlig anderer und die Strassen sind auch irgendwie anders angelegt. In den ersten Tagen hatte ich hauptsächlich Angst ums Auto. Ich hatte eigentlich fest damit gerechnet, dass es früher oder später scheppert. Aber zum Glück ist das ausgeblieben.
Am vierten Tag hatte ich mich langsam angepasst und konnte ein ganz klein wenig entspannter fahren. Am fünften Tag fing ich so langsam an, das Chaos zu begreifen und irgendwann ist mir aufgefallen, dass die Fahrweise der Menschen hier doch nur für Ungeübte chaotisch ist. Auffällig ist nämlich, dass trotz des vermeintlichen Chaos, die Autos kaum Dellen haben.
Jedenfalls bin ich nach einer Woche in der Lehre dann auch relativ entspannt über die roten Ampeln gefahren. Man muss einfach schauen wo es Sinn macht zu bremsen, dann läuft das.

Was auch sehr gut lief, war die Versorgung mit Ersatzteilen und Zubehör für Nomade. So einfach und schnell wie hier in Tuzla bin ich noch nie an so viel Ausrüstung fürs Boot gekommen. RAL 6001 Farbe, Antifouling von Stoppani, 32 Ampere Stecker, Fender in einer bestimmten Größe mit blauen Käppchen… Alles kein Problem.
Neue Namensaufkleber für Nomade brauchte ich ebenfalls, weil der bestehende am Heck völlig verwittert war. Dazu bin ich zu einem beliebigen Werbeshop im Hafenviertel gefahren. Englisch konnte dort zwar niemand, aber ich habe einfach aufgemalt was ich brauchte. Dann durfte ich mit ins Designbüro und mittels Google Übersetzer hat die Designerin mit mir alles festgelegt. Anschließend wurde die Datei an den Plotter geschickt und auf hochwertiger Folie von Orafol geplottet. Gleich danach wurde alles fürs aufkleben vorbereitet. Hat für drei Namensaufkleber etwa 15 Minuten gedauert und war ziemlich günstig, Tee inklusive.

Wo wir gleich beim nächsten Thema wären, der Gastfreundschaft. Jede einzelne Geschichte hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen, aber ohne zu übertreiben kann ich sagen, dass ich noch nie zuvor so eine Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit erlebt habe wie hier in der Türkei!
Und damit meine ich nicht nur die netten Gesten, wenn ich etwas kaufen wollte. Ständig wurde ich irgendwo zum Tee eingeladen und Sabrina hatte manchmal Angst, dass ich einen Teeschock bekommen könnte.
Einmal haben mir Nachbarn im Boatyard völlig überraschend ein richtig leckeres Essen vorbei gebracht.

Irgendwie läuft hier vieles anders. Spürbar herzlicher und gemeinschaftlicher und davon gehört hatte ich bereits letztes Jahr im Spätsommer, als ich von einer türkischen Crew in Griechenland mehrfach zum Essen an Bord eingeladen wurde. Da wurden mir Geschichten von großen Festen an einer langen Tafel mit Freunden erzählt und ich dachte, ok, das ist vielleicht ein Einzelfall. Nein Leute, ist es nicht.
In der Türkei, die ich kennengelernt habe, blüht das Leben, gehen Frauen ihren eigenen Weg und tragen manchmal Kopftuch, dann allerdings eher zu hochhackigen Schuhen und Jeans.
In der Türkei, die ich kennengelernt habe, schieben Männer den Kinderwagen, gehen mit ihren Freundinnen händchenhaltend durch die Fußgängerzone und stehen auf Autos von Volkswagen. Oder auf Elektroautos von Renault! Davon habe ich in den verschiedenen Städten nämlich mehr als in Deutschland gesehen.
An welchen Gott ich glaube hat mich übrigens niemand gefragt, an welche türkische Fußballmannschaft, dagegen schon. Auf Fußball stehen die Menschen hier nämlich total. Genauso auf Pubs und Cafes. Und auf Klamotten. Ja, man kleidet sich hier ziemlich schick.

Die Wirtschaft in diesem Land blüht. Es wird gearbeitet was das Zeug hält. Überall wird gebaut und das in einer Geschwindigkeit und Qualität, die wir in Deutschland so langsam verlernen. Infrastruktur, Industrie, Geschäfte, Marinas. Allein die Viaport Marina, in der ich gerade bin, wäre auf ganz Europa übertragen konkurrenzlos in allen Bereichen! So etwas gibt es im Ansatz nur in Südfrankreich, aber wirklich nur Ansatzweise.
Die leeren Marinas, von der mir Segler unterwegs manchmal erzählt haben (keiner von denen war jemals hier) gibt es ebenfalls nicht! Was stimmt ist, ich bin tatsächlich der einzige Ausländer hier, aber die Marinas sind nicht leer. Sie sind voll! Die Türken haben selbst genug Segelyachten und Motorboote, um die Marinas auszulasten und neue Marinas sind gerade mehrere im Bau, weil Bedarf da ist. Die Viaport hat geschätzt 80% Auslastung (im April) und ist gerade mal 3 Jahre im Betrieb.
Bei uns in Deutschland bauen sie dagegen in manchen Gegenden mittlerweile die Steganlagen wieder ab, weil der Nachwuchs fehlt.

Tuzla ist für Schiffe und Boote wirklich ein besonderer Ort. In der Stadt gibt es über 500 Unternehmen im Marinesektor. Unzählige Werften können nahezu alles bauen. Angefangen bei Holzschiffen, über Frachter und Luxusyachten, bis hin zu schwimmfähigen Tunnelsegmenten, die dann im Bosporus versenkt werden und einen Eisenbahntunnel ergeben.
Für jemanden, der ein altes Stahlboot restaurieren muss, kann es eigentlich keinen besseren Ort geben als Tuzla. Und ganz ehrlich, ich habe in den letzten Tagen oft darüber gegrübelt, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, einfach hier zu bleiben. Kein richtiger Winter, nette Menschen, beste Versorgung und ein Transitlog für 5 Jahre. Tja, aber allein macht es dann auch keinen Spaß und irgendwie hänge ich auch ein wenig an Zuhause.

Tuzla ist mir jedenfalls sehr ans Herz gewachsen und gehört zu den wenigen Orten an die ich unbedingt eines Tages mal zurück kommen möchte. Ich werde die Leute hier richtig vermissen!

Ansonsten ist Nomade jetzt startklar, mein Muskelkater lässt langsam nach und die zerissene Bordjeans passt auch wieder. Kann also bald los gehen…

So sah Nomade nach meiner Ankunft aus.

Nicht schön.

Besser, oder?












Höhle mit Ausblick

Tucker Tucker…

Johann schiebt uns grade gen Westen südlich der Insel Juventud. Die Sonne brennt immer noch vom Himmel und es wird die erste Nacht auf See für meine Crew 44 werden. Irgendwann gegen Mitternacht soll dann Segelwind kommen, der uns den Rest der Strecke ohne Tucker Tucker zum Ziel bringt. Vielleicht auch nicht. Verlassen kann man sich hier auf gar nichts. Ausser, dass die Sonne untergeht und wieder aufgeht. Das Stützsegel im zweiten Reff durchgesetzt wie ein Brett, hindert die MARLIN am Aufschaukeln. Batterien und Wassertanks sind schon lange voll.

Die Leguane sind aus ihren Höhlen raus gekommen, größer als Katzen schauen sich mit uns zusammen den Sonnenuntergang an – Die Erinnerung nehmen wir mit auf unseren Weg nach Maria Gorda. MARLIN schiebt ihren Rumpf durch die Wellen der Gegenströmung mit sechseinhalb Knoten, über Grund bleiben grade mal fünf Knoten Fahrt über. Ich erinnere mich an 2016, als meine damaligen Mitsegler nicht bereit waren nachts zu segeln oder Wachen zu schieben, sondern sich um 20 Uhr ins Bett gelegt haben. Gut, dass das unser jetziges Team das nicht als Kreuzfahrt sieht. Wir haben die Nacht in drei Gruppen aufgeteilt. Mit etwas Glück können wir gegen Mitternacht den Motor mal ausmachen und den vorhergesagten Wind nutzen. Wie immer nervt es unter Motorfahrt, aber an dem Wetter kann auch ein englischer Yacht Master wie ich, nichts ändern.

Ich bin ein bisschen melancholisch, traurig. Heute. Meine Batterien kann ich nicht mit Generator oder Maschine einfach aufladen. Ich bräuchte mal ein paar Glückshormone. Ne. Nicht Geld oder Materie. Andreas setzt sich grade zu mir mit einer Tüte Haribo Gummibärchen. Na dann. Versuchen wir mal Gummibärchen. Aber eigentlich muss ich mal auf’n Arm. Ist aber keiner da, der das könnte.

 

Gestellte Crew

Meine bunten Mitsegler – CREW 44

Tine und Udo sind alls langjährige Blogleser an Bord gekommen. „War eigentlich klar, dass wir eines Tages mal mit der MARLIN mitsegeln werden.“ Wie der Zufall es wollte, kamen Mariana und Hanspeter dazu und mir war schon bei der Buchung vor ein paar Monaten klar, dass die beiden Pärchen sich gut verstehen werden. „Hast Du noch einen Platz frei?“ Den Törn 44 hatte ich schon längst aus unserer Webseite entfernt. So war ich ein bisschen neugierig, wer hinter der WhatApp Message stand. „Ich habe grade eure beiden Bücher gelesen und bin voll angefixt. Ich muss unbedingt sofort mit.“ Auch hier hat das Gefühl wieder richtig gelegen. Andy hat menschlich Skipper Qualitäten und führt sich elastisch in die kleine Gruppe mit ein. Sein Aussehen, sein Charakter, ähnelt nicht wenig dem meines dicken Freundes Rene von der MIRA, der leider in den Fängen des normalen Hamsterradlebens in St. Maarten verschwunden ist.

Noch in Cayo Largo hat Pire, der Marina Manager, ohne den in Cayo Largo nichts gehen würde, es dann geschafft und wedelt mit meinem Pass. „Dein VISA mit der Verlängerung bis zum 20. Mai.“ Ich atme auf. Das Problem hätte ich nun wirklich nicht gebrauchen können. Ich nehme mein Cubanischen Freund in den Arm und gleichzeitig muss ich mich auch leider direkt verabschieden. „Wann kommst Du wieder?“ Olga schaut mich etwas traurig an. So kann ich auch gucken und drücke ihr einen Kuss auf die Wange „Nächstes Jahr. Wenn ich gesund bleibe.“ Jetzt aber mal flott los. Der Wind für die nächsten Tage ist unstetig. Nachmittags schläft er ein und Nachts wacht er um Mitternacht wieder auf. Komisch. Am Morgen nehmen wir noch 300 Liter Diesel auf für den Weg nach Havanna und schon sind wir unterwegs. Langsam aber stetig. Am Wochenende will die MARLIN mit mir und den Mitseglern in Maria Gorda an der Westspitze von Cuba sein.

Das obligatorische Gruppenfoto machen wir diesmal am Iguana Strand. Nett sehen sie aus, meine Mitsegler. Sind sie auch. Vor allen Dingen sehr bemüht mir an allen Ecken und Kanten zu helfen. Ich habe das Gefühl, dass sie eine super Zeit haben und sich sehr wohl fühlen. Das soll belohnt werden.

Nach einem heißen Segeltag, nur unter Groß erreichen wir die neuen Ranger Crew auf Cantilles. Vier sind es diesmal. Alle neu und zum ersten Mal auf der Insel. Netterweise nehmen sie uns mit ihrem Boot mit an Land und wir müssen unser Beiboot nicht zu Wasser lassen. Es wird verhandelt und getauscht. Das Abendessen kommt in Form eines Riesenschnappers und Langusten an Bord und die Eiweißversorgung in den nächsten Tagen ist gesichert. Ich stelle mich in die Küche und bereite das Abendessen vor. Fischsuppe aus dem Kopf des Schnappers und das traditionelle Lobsteressen aus dem Ofen für meine CREW 44. Ich esse selbst zu viel von dem Reis mit schwarzen Bohnen, den ich nun als ebenfalls traditionelles MARLIN Essen perfektioniert habe, schlafe schnarchend in der Hängematte ein.

 

Blauwasser.de

Do., 19.Apr.2018, Las Perlas/Contadora, Tag 1418, 12.486 sm von HH

Soenke Roever, Weltumsegler und dreifacher Buchautor, hält regelmäßig Seminare auf Messen und präsentiert erfolgreich seine Bilder-Show ‚1200 Tage Samstag‘ der eigenen Langfahrt.
Vor ein paar Jahren hat Sönke die Internet-Plattform Blauwasser.de ins Leben gerufen.
Verschiedene Autoren und er selber berichten über alles, was den Blauwassersegler interessiert: Technik, Alltag an Bord, Kommunikation und Ausrüstung.

Für mich bot sich jetzt die Möglichkeit einen Gastartikel auf Blauwasser.de zu schreiben.
Tipps für das Arbeiten auf Langfahrt.

Viel Spaß beim Lesen.

Wie geil ist das denn?

Der türkise Wahnsinn

Mr. Glücklich und Mrs. Happy sind grade auf der MARLIN im Paradies. Weißer Sandstrand, der schönste in der ganzen Karibik, sage nicht ich, sagt der Reiseführer. Der ist so fein, dass er einem die Füße nicht verbrennt und man stundenlange Spaziergänge am Playa Sirena machen kann. Und so verteilen sich die Touristen an dem langen Strand und meine Mitsegler haben „fast“ den ganzen Strand für sich allein. Zu Mittagszeit ist es allerdings so heiß, dass man schon eine italienische Sonnenanbeterin sein muss, die keinen Funken UV auslässt um ein makelloses Braun auf ihren Körper zu zaubern. CREW 44 verbringt so die Zeit doch lieber unter dem Schutz des Biminis und lässt sich ab und an ins Wasser fallen, liest ein Buch und geniesst die Ruhe.

Ich dagegen bin ja Chef und muss zu den anderen Chefs ins Hafenbüro, wo wiederum andere Chef’s grade im Urlaub sind und die Vertretung des Chef’s in Havanna grade nicht mehr daran erinnern kann, dass man seit Jahren in Cayo Largo die dritte Visa Verlängerung ausstellt. Cuba Life! Ich bleibe erst einmal sitzen. Nein, ich rege mich jetzt nicht auf, ich bleibe ganz ruhig, lächle und bleibe sitzen, bis ich zumindest schon mal meinen Pass mit den notwendigen Briefmarken für 25 CUC für die Verlängerung abgeben kann. Cuba ist und bleibt eben Cuba, so wie der Strand von Cayo Largo eben der schönste Strand mit dem weichsten Strand der Karibik bleibt. So steht es in den Reiseführern und wird in ein paar Jahren auch noch drin stehen wenn die Amis immer noch draussen bleiben. Es gibt keine Mülltüten in den kleinen Supermarkt, es gibt auch kein Dosenbier. Ist grade aus. Ich schaue Katia an, die an der Kasse sitzt. „Kannst Du mir die dritte Visaverlängerung verkaufen Ka tja?“ Katja lächelt, so wie sie immer lächelt, wenn sie meine deutschen Späße nicht versteht.

Der Plan morgen noch hier zu bleiben hat sich also als vorausschauend erwiesen. Ich habe mir meinen Unmut erst einmal von der Seele geschrieben und jetzt gehe ich zu meiner netten CREW 44, lasse mich ein bisschen bemitleiden und stelle mich danach vielleicht ein bisschen in die Küche, schnibbel und bruzzel was und bin wieder Chef. Küchenchef. Dann gibt es einen kalten Küchenwein, es rieht aus einem Topf ganz lecker, repariere den kaputten DCDC Wandler und morgen ist ein neuer Tag.

 

Contadora

Mo., 16.Apr.2018, Las Perlas/Contadora, Tag 1416, 12.486 sm von HH

Contadora – genau meine Insel. Contadora heißt Buchhalterin und die Insel erhielt ihren Namen wegen der zahlreichen Verstecke, die sie für Raubgut von Piraten bot.
Bereits 1513 entdeckten die Spanier die vorgelagerten Inseln im Golf von Panama. Indios tauchten hier erfolgreich nach Perlen. Die Spanier rotteten in kurzen Kämpfen die gesamten Ureinwohner aus und besiedelten die ‚Las Perlas‘ – ‚Die Perlen‘ mit Sklaven, die fortan zum Tauchen nach den Perlen eingesetzt wurden.
Zunehmend diente die Inselgruppe auch Piraten und Freibeutern als Unterschlupf.

Die wohl berühmteste Perle der Welt ‚La Peregrina‘ stammt von hier. Sie war zunächst 15 Hundert Krug in Besitz der spanischen Krone, wurde Königin Maria I von England zur Hochzeit geschenkt und 1969 schließlich von Richard Burton für 37.000 USD ersteigert, der sie Liz Taylor zum Valentinstag schenkte.
Frau Taylor verlor die Perle als sie aus Freude über das Geschenk (wie Gollum am Schicksalsberg) durchs Wohnzimmer tanzte. Während sie noch vorsichtig den Teppich abtastete, kaute bereits einer ihrer Hunde darauf herum. Sie konnte die Perle retten und 2011 für 10,5 Millionen USD verkaufen. Ob der Hund überlebt hat, ist nicht überliefert. Der Sklave, der einst die Perle fand, soll seine Freiheit geschenkt bekommen haben.

Heute ist Contadora das Epizentrum des Tourismus auf den Las Perlas. Hier geht es trotzdem beschaulich zu. Am Wochenende kommen einige Boote aus Panama City. Private große Motoryachten und ein paar Ausflugs-Katamarane.
Sonntags ab 17:00 Uhr kehrt Ruhe ein, zurück bleiben ein paar Hotelgäste und eine Handvoll Segler.

"Überfüllte" Strände am Wochenende, wochentags ist es dann wirklich menschenleer

„Überfüllte“ Strände am Wochenende, wochentags ist es dann wirklich menschenleer

Die gepflegten Apartmenthäuser, Privatvillen und Hotels sehen zum größten Teil unbewohnt aus. Alles ist gut in Schuss, kein Müll liegt herum, nur ein paar Golf Carts knattern um die Insel. Keine 300 Einwohner hat Contadora. Zum Ende der Trockenzeit tragen die Bäume fast kein Laub mehr, eine herbstliche Stimmung herrscht im Inselinneren.
Die zwei Supermärkte haben weniger zu bieten als die kleinen Minimärkte auf den Antillen. Frisches Obst oder Gemüse sind Fehlanzeige. „Am Dienstag gibt es wieder Fleisch“, bekomme ich zu wissen.
Na, noch ist unser Gemüse-Netz halbvoll, der Hungertod noch abgewehrt.

Gediegen Urlaub machen auf Contadora

Gediegen Urlaub machen auf Contadora – nur die Gäste fehlen

Herbststimmung zum Ende der Trockenzeit

Herbststimmung zum Ende der Trockenzeit

Kirche und Schule in einem Gebäude für knapp 300 Einwohner

Kirche und Schule in einem Gebäude für knapp 300 Einwohner

Die Las Perlas unterscheiden sich komplett von den San Blas Inseln auf der karibischen Seite von Panama. Dort sind es nur palmenbewachsene, flache Sandhaufen, hier gibt es Steinküste, die sich mit malerischen Sandbuchten abwechselt. Bis 200 Meter erheben sich die Las Perlas und geben einen schönen Blick auf die nächsten Inseln frei.

Schon der Blick zur nächsten Insel

Schon der Blick zur nächsten Insel