Monatsarchive: Mai 2014

Ein Segeltag wie Einer von Hundert

Irgendwann muss selbst so traumhafte Stadt wie Tallinn verlassen werden. Gut, dass mir das Wetter den Abschied heute leicht macht. Es geht Richtung Finnland. Nachdem St. Petersburg ja erstmal gestorben ist, macht die Vorhersage nun auch ein weiteren Aufenthalt an der exponierten Nordküste Estlands zunichte. Schade, hätte mir hier gerne noch das ein oder andere Kleinod angeschaut, aber vielleicht ein andernmal!

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Die Vorhersage für heute verspricht aber noch einmal bestes Wetter: Sonne, 15 Grad, West- bis Südwestwind, zunehmend bis auf 6. Perfektes Wetter für den Schlag über den finnischen Meerbusen bis nach Helsinki. An Anfang war ich noch eher skeptisch: Der Wind kam anfangs noch sehr unstet in Richtung und Stärke. Ich hoffte inständig, dass das nicht so weitergehen würde, und meine Bitten wurden erhört. Langsam steigerte sich der Wind auf bis zu 22kn. Raumschotkurs – den Wind also von schräg hinten einfallend, besser gehts nicht – nach Helsinki. Ich segelte mich wie in einem Rausch. Es ist schwer diese Empfindungen niederzuschreiben, ich versuche es dennoch mal. Die Windzunahme bemerkte ich aufgrund der Windrichtung nur sehr langsam, eher schon wie der Druck am Ruder und die Geschwindigkeit zunahmen. Überhaupt habe ich an diesem Tag alle Geschwindigkeitsrekorde der Nonsuch gebrochen: Bis hoch zu 7,6kn, konstant über 6kn, das schafft man nicht zu oft mit der dicken alten Dame. Mein Grinsen wurde mit jeder Minute breiter und ich habe das Schiff mal so richtig geprügelt. Gute Musik voll aufgedreht (Dazu später mehr), einen Schrick in die Schot, ein  Grinsen so breit wie eine Kreissäge, Wasser an Lee vorbeirauschend, und das Vibrieren des Ruders. Besser geht es nicht. Alles fliegt kreuz und quer durch die Kajüte, doch heute stört mich das nicht mal. Wer bremst verliert – Das Segeln ist anstrengend aber nach den letzten motorlastigen Tagen extrem befriedigend. Meine Laune stieg in ungeahnte Höhen. Ich habe das Schiff so richtig bis nach Finnland geprügelt. Erst beim Auftauchen der ersten Schärenfelsen dieser Reise nahm ich den Fuß vom Gas, nahm das Vorsegel weg, und tauchte langsam in den Vorgarten von Helsinki ein. So etwas kann man nur unter sehr ausgewählten Bedingungen alleine machen. Und heute war so ein Tag. Erst als ich dabei langsamer wurde, merkte ich, dass der Wind mittlerweile schon auf 25kn im Mittel zugenommen hatte… Bin ich unvorsichtig geworden? Ich hoffe nicht, war doch heute so ein Tag mit ausgewählten Bedingungen, und eine andere Yacht war (obwohl 4m länger ;-) – immer in Sichtweite.

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Unterwegs war auch richtig was los. Insbesondere die Schnellfähren zwischen Helsinki und Tallinn sind eindrucksvoll: Trotz ihres normalen Aussehens sind sie doppelt so schnell wie ihre normalen Artgenossen unterwegs, was für surreale Bilder sorgt. Ich bin ja seglerisch an der Elbe aufgewachsen. Dort ist man den Umgang mit Berufsschifffahrt ja gewohnt, und so habe ich mich oft gewundert was für ein Aufriss um die “Schnellfähren” in diesem Sektor gemacht wird. Man kann die Kurse der Berufsschifffahrt doch eigentlich immer ganz gut kalkulieren. Doch die Dinger hier haben es ob ihrer Geschwindigkeit echt in sich… Wohl ein Dutzend Mal sind die Kollegen auf dem Weg an mir hin und her vorbeigeprescht. Die muss ich ganz schön genervt haben, aber dank AIS halten sich alle Berufsschiffe an ihre Ausweichpflicht und ich kann ungestört nach Finnland knattern.

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5sm vor Helsinki erreicht mich eine SMS von Timo: Er schlägt vor, dass wir uns auf der Festungsinsel Suomenlinna, unmittelbar vor Helsinki treffen. Ein bisschen Ruhe vor der nächsten Großstadt macht natürlich Sinn, und so folge ich ihm dorthin. Wir erleben einen entspannten Abend mit frischgekochtem Essen bei sich langsam verschlechterndem Wetter. St. Petersburg fallenzulassen war wohl leider richtig… Aber egal, ein perfekter Segeltag neigt sich dem Ende zu. Bitte mehr davon!

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Am nächsten Morgen legen wir dann sodann auch nicht gleich ab, sondern erkunden erstmal die alte Festungsinsel. Es erinnert mich ein wenig an Christiansø, nur größer und weniger abgeschieden. Besonders beeindruckend sind aber nicht die alten Festungsanlagen, sondern wie dicht die Fähren und Frachter zwischen den Helsinki vorgelagerten Schäreninseln hindurchpreschen. Da muss ich glaub ich nicht zwischen her kreuzen…

Irgendwann lässt der Wind dann aber kurzzeitig nach und wir verlassen Suomenlinna für den kurzen Weg nach Helsinki. Praktisch: Laut Timo habe ich das absolute must-see des hiesigen Sightseeingprogramms schon abgearbeitet. ;-)

 

Abschied von Tallinn...
Der Wind nahm langsam....
...immer weiter zu.
Herrliches Segeln...
Eine Schnellfähre kreuzt meinen Weg. Und Schnell sind die Dinger wirklich...
Die ersten Finnischen Landbrocken erscheinen...
Zeit fürs Bremspedal...
Das "Traumschiff" verlässt gerade Helsinki.
Die Lotsenstation von Helsinki.
Fest im Innenhafen der Festungsinsel Suomenlinna.
Suomenlinna.
Es könnte einem schlechter gehen!
Suomenlinna.
Ein altes Trockendock, immer noch in Betrieb, auf der Insel.
Schärenfahrwasser für die Großschifffahrt.
Am Horizont wartet schon Helsinki.
Suomenlinna.
Suomenlinna.
Heute kann man hier auch friedlich wohnen..
Suomenlinna.
Die "Vesikko", Prototyp der deutsche Typ II U Boote ist hier ausgestellt.
Das muss ich mir natürlich gleich ganz genau anschauen...
...Aber auch weitere friedliche Ecken...
...Gibt es hier häufig...

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…führt Segeln gegen Dieseln!!
In Seemeilen natürlich

The city that never sleeps

Nein, ich bin nicht in New York. Und nein, ich bin auch immer noch in der Ostsee unterwegs. Genauer gesagt in Tallinn. Und wenn es tatsächlich eine Stadt gibt die niemals schläft, dann ist es wohl Tallinn im Sommer. Die Stadt hat mich absolut fasziniert.

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Nachdem ich beschloss St. Petersburg auf eigenem Kiel wahrscheinlich aufzugeben und dafür Tallinn ganz in Ruhe zu genießen verholte ich mich am Samstag zunächst einmal in die Old City Marina von Tallinn, also quasi der Innenstadthafen. Äußerlich geht es hier sehr formal zu: Einlaufen nur bei grünem Licht und nach Funkanmeldung, Bootsdokumente beim Check-in vorzeigen, dafür aber auch erstklassige Einrichtungen. Auf den Stegen hingegen herrscht das Leben. Es geht zu wie auf dem Aldiparkplatz einen Tag vor Heiligabend. Ich muss erstmal 1 Stunde herumkreisen um, nachdem eine finnische Herrencrew wie sie im Buche steht abgelegt hat, einen Platz zu ergattern. Im Sommer ist dieser Hafen wohl fest in finnischer Hand, und die Finnen haben dieses tropisch heiße Wochenende wohl zu zahlreichen Testausflügen genutzt. In allen Cockpits herrscht bierselig-sommerliche Fröhlichkeit und auf den Stegen stapeln sich die Einkaufswagen. Noch eine Paralelle zum Aldiparkplatz. Moment mal, Einkaufswagen? Ja! Die bereits beschriebenen Hamsterkäufe sind hier noch wesentlich zahlreicher. Der Hafen liegt in unmittelbarer Nähe zu den Fährterminals (welche aber nicht wirklich stören) und den dazugehörigen Duty-Free-shops. Nicht nur Bier und Wein, sondern auch gleich das Hochprozentige wird hier gleich in Kisten verkauft. Massenweise verschwinden Wagen- und Schulterladungen in allen Schiffen. Jedes zweite alkoholische in Finnnland verhaftete Getränkt stammt angeblich aus Estland. Nachdem ich St. Petersburg nun aufgegeben habe mische ich mich auch diesbezüglich unters Volk und stocke meine – bisher dem Zoll zuliebe kleingehaltene – Getränkevorräte auf. Danach geht es dann auf zum Kulturprogramm.

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Es ist bereits 18:00 als ich mich auf in die Stadt mache, und doch tobt dort immer noch das Leben. Ich lasse mich durch die Altstadt treiben und lasse mich aud einer der zahlreichen Restaurantterassen nieder um das Treiben erst mal zu beobachten und mich für den Ausflug ins Tallinner Nachtleben zu stärken. Irgendwann mache ich mich auf zu einer kleinen Kneipentour und bemerke erst mit der Zeit was mich hier so fasziniert: Es ist mittlerweile fast halb 12 Mitternacht, und doch sind die Straßen voll von Menschen. Und nicht nur das um diese Tageszeit normalerweise anzutreffende Feiervolk, sondern ein ganz bunter Mix: Touristen, Einheimische, friedlich feiernde Jugendliche, Alte, Junge, von allem ist was dabei. Es herrscht ein Betrieb wie anderorts um 4 Uhr Nachmittags. Ich erinnere mich, wie mir jemand mal vom Lebensgefühl der Südeuropäer im Sommer vorschwärmte, wo das richtige Leben abends erst beginnt. Doch das ist hier noch besser, denn in Tallinn kommt noch das Dämmerlicht der weißen Sommernacht dazu. Es ist noch immer nicht richtig dunkel. All das sorgt für eine ganz besondere Stimmung und sorgt dafür, dass die Stadt im Sommer wohl wirklich nie schläft. Irgendwo ist immer etwas los. Die Tallinnerinnen gehören ja allen Erzählungen nach zu den hübschesten in Europa. Das kann man wohl bestätigen. Aber auch ansonsten ist die Bevölkerung unheimlich jung, freundlich und aufgeschlossen.

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Das Tallinner Nachtleben selbst überzeugt dann auch voll und ganz. Die Vielzahl der verschiedenen Möglichkeiten – hier ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei – , die laue Sommernacht, die freundlichen und aufgeschlossenen Esten, der bunte Mix aus Einheimischen Touristen, all das trägt zu einem wirklich netten Abend bei. Ich komme erst spät wieder zurück aufs Schiff. Auch hier fällt mir wieder auf, wie friedlich im Vergleich zu Deutschland gefeiert wird. Irgendwie hat in ganz Osteuropa meine Altersklasse – allen Vorurteilen zum Trotz – ihren Alkoholkonsum wesentlich besser im Griff. Es wird auch viel mehr gelacht und gelächelt als in heimischen Clubs und Kneipen.  Davon auszunehmen sind lediglich die zahlreichen britischen und finnischen Junggesell(innen)abschiede. Die gehören laut Aussage der Einheimischen hier zum Stadtbild ähnlich dazu wie der japanische Kameratourist in eine mittelalterliche Burg. ;-)

In den nächsten beiden Tagen setze ich dann meine Erkundung der Stadt fort. Ich bewege mich auch mal aus dem Altstadtbereich heraus und bin gleich positiv überrascht. Die Altstadt wird zu allen Seiten von zahlreichen modernen Neubauten flankiert, die Tallinn auch den äußerlichen Anstrich einer modernen Großstadt gibt. Man fühlt sich fast wie in der City of London, Frankfurt, oder ähnlichen Stahl- und Glasmetropolen. Die Bausünden des sozialistischen Wohnungsbaus hat man hier übrigens konsequent von Anfang an an den Stadtrand gedrängt. Tallinn ist die erste Stadt auf meiner Reise, welche im Stadtbild wirklich gar nicht mehr nach Sowjetunion ausschaut.

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Auch sonst gefällt mir das Stadtbild außerordentlich gut. Auf meinen Streifzügen durch die Altstadt fällt mir auch nach langem Nachdenken auf, was mich ein klein wenig an Danzig oder Riga gestört hat. Im Gegensatz zu Danzig ist Tallinn nicht so “überrenoviert”. Danzig ist zwar sehr sehr schön, manchmal aber fast ein wenig zu sehr restauriert. Es schaut fast ein wenig unwirklich aus. Tallinn im Gegensatz dazu ist in Würde gealtert und schaut wesentlich authentischer aus. Riga hingegen ist ähnlich schön im Stadtbild, ist aber schon zu einer richtigen EasyJet-Metropole geworden. Die Anzahl an Bernsteinschmuckständen, Wechselstuben, und geführten Touristengruppen ist in Tallinn (noch) deutlich kleiner. Auch das sorgt für mehr Authenzität.

Auch nach 3 Tagen Stadtrundgang habe ich noch nicht alles gesehen. Immer neue schöne Plätze fallen mir auf. Ich werde sogar zum illegalen Einwanderer. Ohne Reisepass in der Tasche stratze ich durch die Parkanlagen am Südende des Domberges. Diese gehören teilweise zum Gelände der japanischen Botschaft. Das hat die Tallinner Jugend in den 90ern für wilde Parties ausgenutzt, denn die estnische Polizei hatte ja hier keinen Zutritt. Für kurze Zeit befinde ich mich also auf japanischen Boden. Konichiwa! Aber wie läuft das jetzt eigentlich Gastlandflaggentechnisch?

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Tallinn zusammenzufassen ist wirklich schwer. Die Stadt ist voll von Geschichte und doch so modern wie keine andere die mir spontan in den Sinn kommt. Moderner Konsum und ein traditionelles Stadtbild sind hier perfekt vereint. Es gibt ein perfektes aber unaufdringliches Nachtleben und unglaublich freundliche Menschen. Tallinn ist mindestens genau so schön wie Paris oder Venedig, ohne aber die teils arrogante Einstellung dieser Städte zu vermitteln.  Es wäre wirklich ein Jammer gewesen, wenn mich der Wind hier gleich wieder rausgetrieben hätte… Ich hoffe, dass ich im Winter nochmal zurückkehren werde. Denn die deutschen Weihnachtsmärkte von denen mir berichtet wurde, bekommen in dieser beispiellos schönen Altstadt bestimmt ein ganz besonderes Flair.

 

Zur Old City Marine geht es - Oh Wunder! - direkt Richtung Altstadt.
Direkt durch den Manäversektor der zahlreichen Fähren. Da macht die sehr formelle Verehrslenkung doch Sinn...
Die Silja Europa. Das letzte Schiff welches Kontakt zur gesunkenen Estonia hatte...
Hoher Besuch in der Old City Marina. Die Swan 60 des Nord Stream Races sind da!
Nachdem Nonsuch den Schengenraum wohl erstmal nicht verlassen wird, bunkere auch ich gutes estnisches Dosenbier...
... und auch ein paar gesunde Sachen (man beachte das Grünzeug in der Tüte!)
Passt wie angegossen. Ob die Schmidt´s diese Maße wohl bei der Konstruierung schon im Sinn hatten?
Nonsuch in Tallinn.
Moderne Bürobauten...
...Lassen oft den Gedanken an NYC aufkommen....
...Die Stadt wirkt oft sehr modern.
Der Sommer ist da!
Shops.
Hinein in die Tallinner Altstadt.
Estnisches Nationaldenkmal.
Altstadt von Tallinn.
Willkommen in Japan!
Diese Grunanlage gehört zum Gelände der japanischen Botschaft.
Überall finden sich nette Cafes...
...Alte Gemäuer...
...und wichtige Schaltzentralen. Hier das estnische Parlament auf dem Domberg...
...Von hier wurde auch schon vor 600 Jahren die Stadt regiert.
Gleich daneben: Die deutsche Boschaft.
Die Alexander Nevski Kathedrale.
Auf dem Domberg.
Die Tallinner Jugend genießt das Wochenende.
Altstadt von Tallinn.
Altstadt von Tallinn.
Blick vom Domberg.
Altstadt von Tallinn.
Ein bisschen fühlt man sich wie in Aerosköbing.
Zahlreiche Restaurants locken die Touristen..
...nobody can take from us...
Die sowjetischen Wohnsilos hat man hier gekonnt an den Stadtrand verbannt.
Blick über die Stadt...
...Und die Tallinner Bucht.
Abstieg in die Unterstadt. Die eigentliche Hanse- und Kaufmannsstadt.
Tallinn steht Venedig oder Wien in Schönheit nicht nach..
Geschäftiges Treiben auf dem Rathausplatz.
Das gotische Rathaus von Tallinn.
Respektable Bierkarte.
Die Straßenbahn...
Abschied von Tallinn...

 

 

 

Noch mehr Besuch an Bord…

Willkommen du Schotte

Der erste Besucher

Am Dienstag kommt der erste Mitsegler an Bord. Around the World Reiseexperte Henning von www.reiss-aus.de Nebenbei auch Playstation RockBand Held und Drummer. Er hat mir grad dieses Bild geschickt…sieht nach „Serious Fishing“ aus. Ich habe noch NIE geangelt, habe das aber für die Reise fest eingeplant. Alsi nun nach der Theorie (Buch) die Praxis…freu mich!!

Nicht das allerbeste Segelwetter…

…aber morgen gehts weiter.