Archiv der Kategorie: Mare Più

An Europas Küsten (1): Mein Segelprojekt in diesem Jahr. Der Aufbruch.

Mein jüngstes Buch DIE VERGESSENEN INSELN ist nach über drei Jahren Arbeit 
im vor wenigen Wochen endlich erschienen. Weil ich reisen und unterwegs sein will, 
stürze ich mich in mein nächstes großes Buchprojekt, das mich um die Westküste Europas mindestens bis in die Bretagne führen soll. Unter dem Titel AN EUROPAS KÜSTEN werde ich in den kommenden 6-7 Monaten von dem berichten, was mir in diesem Sommer auf meinem fast 4.000 Kilometer langen Weg um die Süd- und Westküste Europas  alles begegnet.

Wenn der Westwind weht wie hier Mitte April im Westen Mallorcas vor Palma, dann ist an Segeln in diese Richtung nicht zu denken.


Eigentlich sollte es schon viel früher losgehen. Anfang April wollte ich von Sizilien auf meinem Schiff nach Westen aufbrechen, auf direktem Weg Richtung Sardinien und Balearen. Doch es war, wie häufig in den letzten Jahren. Der Winter ist – was seine Stürme angeht – fast eine freundliche Jahreszeit. Die Zeit des Übergangs ist die schwierige – und kaum war das Frühjahr da, fegten die Frühjahrsstürme los. Einer von ihnen ist der Mistral, der nicht nur lokal durch das Rhonedelta und hinaus in den Löwengolf weht, er beeinflusst das Wettergeschehen von Südfrankreich über Balearen, Korsika, Sardinien die Westküste Italiens bis hinunter nach Sizilien.

Und wenn nicht gerade der Mistral entlang der Südküste Siziliens wehte, dann war es der Scirocco, der einmal die Woche roten Regen voller Saharastaub über Sciacca stürmisch auskippte. Oder sein gewalttätiger Bruder, der Libeccio, der selten, doch wenn, dann hart weht und hohe Wellen aus Südwest in den ungeschützt daliegenden Hafen von Sciacca treibt. So sehr ich auch jeden Tage die Wetterkarten studierte, um eine geeignetes 5-Tage dauerndes Wetterfenster für die ebenso lang dauernde Überfahrt von Sizilien nach Mallorca zu finden: so sehr änderte sich das Wetter gleich wieder nach zwei Tagen. Es blieb blieb mürrisch und launisch und trüb und instabil und änderte sich alle zwei Tage. Ich saß daheim in Iffeldorf, ließ mindestens zwei, drei Flugtickets verfallen, es half alles nichts.



Doch vergangenen Freitag kündigten die Wetterberichte eine einwöchige Ost- und Schwachwindphase an – zum ersten Mal seit 6 Wochen. Ich schnappte mir meinen Seesack, der gepackt im Keller wartete, flog nach Sciacca, ließ das Boot in der Werft ins Wasser und verließ am vergangenen Donnerstag kurz nach 7 Abends zusammen mit Sven den Hafen. Wir wollten die Strecke Sizilien-Balearen direkt segeln – es sind etwa 450 Seemeilen – etwa 800 Kilometer. Es war die Tage schön gewesen, in Sciacca, doch kaum waren wir aus dem Hafen, zogen Regenwolken auf.

Ich mag den Regen beim Segeln. Doch vielleicht ist das leicht gesagt, ich kenne nur den Mittelmeer- und nicht den Nordsee- oder Ostseeregen, der 14 Tage einen Urlaubstörn verhageln kann. Im Mittelmeer ändert sich das Wetter nach einem Tag, und meist ist Regen hier etwas, was man sich herbeiwünscht, um der trockenen Landschaft etwas Feuchtigkeit zu spenden. Regensegeltage im Mittelmeer: Eine leises Tröpfeln, das auch die letzten Wellen auf der Meeresoberfläche plattdrischt. Ein konstantes Lüftchen mit 4 Windstärken, das Levje wie auf Schienen gleiten lässt: So kam die mondlose Nacht mit leichtem Regen, ich ließ Levje laufen und passte bis 2 Uhr morgens auf, bis Sven mich ablöste und bis 6 Uhr morgens das Schiff steuerte.
















Als ich ihn am Morgen ablöste, lag Marettimo, die letzte und unnahbarste der Inselgruppe ganz im Westen Siziliens, querab im bleigrau. Von hier ab für 200 Seemeilen bis Sardinien nichts mehr. Der angekündigte Nordost setzte gleich hinter Marettimo ein und trieb Levje für 28 Stunden mit halbem Wind nach Westen. Segeln, das habe ich erst viel zu spät begriffen, hat viel mit Warten können zu tun, mit Zeit haben. Und auf den richtigen Moment warten, in dem der Wind, egal ob im Hafenmanöver oder auf einem langen Schlag, Dir einfach hilft, Dein Ziel zu erreichen. Doch wer kann schon warten, wenn er nur 14 Tage Zeit hat, weil eben jetzt der Urlaub ist und man genau jetzt eben segeln will.


Vor dem Aufbruch zu dieser Reise habe ich mich wochenlang vorher immer wieder gefragt: Warum tue ich das? Und was finde ich da  draußen?
Eine mögliche Antwort steckt in dem Foto dort oben. Betrachten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, es genau. Es ist wenig darauf zu sehen. Es zeigt eine x-beliebige Stelle irgendwo auf dem 350 Kilometer langen Strecke zwischen Sizilien und Sardinien. Können Sie sagen, was Sie dabei empfinden?
Die meisten Menschen werden beim Anblick dieses Stück Meeres an einem Regentag nicht viel anderes empfinden als Trostlosigkeit und Leere. Damit sind Sie nicht allein, den meisten Menschen wird es so gehen. 

Für mich steckt etwas anderes darin. Es war am Morgen. Ich war allein an Deck. Sven hatte wachfrei und schlief. Ich wanderte, fasziniert von dem was ich sah, auf dem Schiff herum zum Vorstag. Ich beobachtete die Seevögel, die nur wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche durch die Wellentäler glitten, weit weit entfernt vom nächsten Festland. Ich sah die lange Wolke, auf die wir zuglitten und aus der nach oben bösartige Krallen ragten, weil sie Regen und Wind brachte. Ich hätte stundenlang weiter am Vorstag so stehen und fasziniert schauen mögen in dem Wissen, genau in dieser Trostlosigkeit und Leere dieses Ortes irgendetwas Wahres, Tröstliches wieder und wieder zu finden, etwas, was die 1.000 Waagen, die in meinem Inneren beständig in Bewegung, in Unordnung sind und pausenlos und ohne Unterlass wiegen und wägen, urplötzlich in ein Gleichgewicht bringt.

Vielleicht ist darum dieser Ort, der niemals einen Namen tragen wird, so wichtig. Für mich. Aber auch für viele, viele andere Menschen. 


Ich freue mich, wenn Sie mich auf marepiu auf dieser Reise wieder begleiten.





Preiserhöhungen Nationalpark Kornaten. Neue Preise 2018.

Über die Preiserhöhungen in den kroatischen Marinas 
Zum Saisonstart erhöhen auch die Nationalparks ihre Preise. 
Heute ein kurzer Bericht über die Kornaten.



























Der Nationalpark Kornaten hat seine Preise für 2018 drastisch erhöht. Das Eintages-Ticket (!) kostet nun für eine 37ft-Yacht bis zu 162 € (!!) – wenn man nicht aufpasst und sein Ticket nicht vorher Online kauft oder eine der Marinas in und um Murter ansteuert.

Noch eklatanter fallen die Preiserhöhungen für Boote kleiner 8m aus. Hier kostet das Tagesticket 108€, wenn man es im Nationalpark löst. Beim Kauf außerhalb des Nationalparks sind stolze 54€ pro Tag fällig.

Hier die Preisübersichten:

Preise für Yachten <8m


                                                             Preise für Yachten 37ft

Entsprechend teurer sind auch die 3-Tagestickets. Vorsicht auch beim Besuch des angrenzenden Telascica-Nationalparks – denn der ist im 1-Tages-Ticket nicht enthalten.

Würden die eingesammelten Beträge wenigstens dem Schutz und Ausbau des Kornati-Nationalparks zugute kommen, könnte man damit leben. Doch dem ist nicht so, wie Kornaten-Buchautor Bodo Müller berichtete. Er interviewte im Frühjahr den Direktor des Nationalparks, der in den kommenden Jahren die Nationalparkpreise noch erheblich weiter erhöhen will, während die Kosten für die aufgestellten Müllcontainer weiter die Wirte in den Konoben zu tragen haben.


Für alle, die in Kroatien im Sommer 2018 einen entspannten Urlaub erleben möchten: 
Die im April 2018 Bände des MARINA REPORT KROATIEN informieren umfassend:

  
Mit Restaurant-Tests zu jedem Hafen!






Manchmal ist es nur ein Sprung ins Meer, der ein Leben verändert.

Wenn wir aufs Meer gehen, ob allein oder mit Crew, sind es meist die großen Dinge, die wir fürchten. Jeder Skipper, der ein Schiff steuert, hat etwas, das ihm einen Kloß im Hals erzeugt, wenn er nur dran denkt. An den Motor, der mitten im Anlegemanöver im Hafen aussetzt. An den Anker, der im Starkwind nicht hält. An einen Sturm, der größer ist als alles, was man bislang erlebt hat und einen an die eigenen Grenzen bringt.
Wer viel segelt, hat vieles davon schon mal erlebt. Das meiste davon ist nicht so schrecklich, wie man es sich vorstellt. Manches aber schon.

Es sind die großen Gefahren, um die unser Denken kreist. Doch oft sind es nicht sie, die ein Leben verändern. Die großen Gefahren, unsere Angstgegner, haben wir beim Segeln im Blick. Sie spielen in unseren Überlegungen stets eine Rolle. Meist ist es das, was wir nicht beachten, etwas ganz Alltägliches, das ein Leben verändert. Ewas Unauffälliges. Eine Leiter, von der man ausrutscht. Ein Seezaun, an dem man hundertmal entlangging. Eine Planke im Hafen, auf der man ausrutscht. Eine falsche Körperdrehung auf dem Vordeck. Oder ein einfacher Hechtsprung ins Meer. 

So wie bei Leon. Es waren Ferien. Schulstress vorbei, Abitur in der Tasche, endlich Ferien. Leon mit Freunden auf dem Weg in den Süden. Ein Dorf an der italienischen Küste. Das Meer. Ein einfacher Hechtsprung ins tiefe Blau. Er veränderte alles.














Leon knallte im Wasser auf einen Stein. Auf seiner Spendenseite schreiben seine Angehörigen: „Seit diesem Badetag 2017 ist der 19-jährige Abiturient vom Hals abwärts gelähmt… Selbst das Atmen ist seitdem keine Selbstverständlichkeit mehr.“ 

Wenn wir also in den kommenden Wochen lossegeln: Seien wir achtsam. Behalten wir vor allem die kleinen Dinge im Blick. Die Dinge, die wir beiläufig tun. Dann verliert auch manches Gewitter und mancher Sturm seine Schrecken.


PS: 
In der Reihenfolge der Wichtigkeit:

Leon wird voraussichtlich im Sommer nach fast 2 Jahren im Krankenhaus Murnau nach Hause entlassen. Damit er sein Leben bei seinen Eltern so leben und seine Ziele weiter verfolgen kann, muss das Haus für ihn umgebaut werden. Seine Eltern stemmen den Umbau nicht allein. ->Hier gehts zu Leon’s Geschichte. Und zur Spendenaktion. Hier!

Wer mehr über Stürme und Gewitter in diesem Sommer erfahren will: Hier.

Sizilische Geschichten (9): Der Schneider von Sciacca.

Wenn ich in Sizilien bin, 
und wenn es mich nicht mehr auf meinem Boot, auf Levje, hält,
breche ich zu Wanderungen rund um das sizilische Städtchen Sciacca auf.
Und finde in diesem Ort am Rand Europas ungewöhnliche Geschichten. Wie diese.


Für die einen ist Heimat ein Ort. Wieder andere sagen, Heimat sei kein Ort, sondern ein Gefühl. Mir aber geht es oft so, dass Heimat etwas ist, was mit den Menschen an einem Ort zu tun hat. Heimat ist: Wenn es gelingt, an einem Ort Beziehungen zu seinen Menschen aufzubauen.

Sciacca im Frühling. Sizilien leuchtet: Vom Gelb der Mimosen-Puschel, die in Kaskaden vom felsigen Ufer ins Meer hängen. Vom saftig im Sturm wiegenden Grün in den Hügeln. Doch nicht alles ist Sonnenschein. Alle zwei Tage weht es hart über dem Hafen, mal mit 6 bft. als Nordwest. Mal mit 7 bft. als Scirocco. Als ich vor drei Wochen zurückkehrte zu Levje hatte ein wütender Südwind ihre Persenning zerfetzt. Der Libeccio, so sagen die Fischer von Sciacca, weht nicht oft. Doch wenn er weht, dann hart und heftig.

Ein Boot besitzen ist nichts für Faule. Es ist nicht nur Lust. Es ist Last. Es ist Mühsal. Es hat mit sich-ständig-kümmern-müssen zu tun. Ein Boot bedeutet aber auch, anders zu reisen, ein Land intensiver kennenzulernen. Weniger, weil man segelt. Sondern weil es manchmal eben eine zerfetzte Persenning braucht, um den Menschen eines Landes näherzukommen. Ein kaputtes Teil auf Levje, hat mich Länder ganz anders kennenlernen lassen als es einem Durchreisenden je beschieden sein könnte.

Da stand ich nun oben in der Werft im alten Bahnhof von Sciacca und betrachtete missmutig die Reste der alten Persenning. Der Stoff war mürbe geworden – nichts mehr zu retten, ich machte mich auf die Suche nach einem „Vellaio“, einem Segelmacher. Wo es wie in Sciacca zwei Marinas gibt, ist auch einer, der Segel nähen kann. Aber in Sciacca, dem 40.000-Einwohner-Städtchen an der Südküste Siziliens, ist das nicht unbedingt so. Ratloses Achselzucken bei den Mitgliedern im CIRCOLO NAUTICO.  Ein hilfloses „Mi dispiace“ („Tut mir leid“) in den Ferramentas, den Ausrüstungsläden um den alten, winkeligen Fischereihafen. Bis im dritten Laden jemand den Namen Pietro Tullone erwähnte, oben in der Via Tommaso Campanella gleich neben der Bäckerei LA SPIGA D’ORO, die „Goldene Ähre“. Ich wurde neugierig. Was für ein verheißungsvoller Name für eine Bäckerei.

Sciacca ist steil.  Die Stadt steigt von der Häuserzeile um den Fischerhafen steil an, verwinkelte Stiegen und verstopfte Straßen führen nach oben ins Stadtzentrum. Da war die Goldene Ähre. Und rechts daneben nicht mehr als eine zur Front verglaste Garage. Zwei Männer saßen darin vor dem Fenster, einer im grauen Arbeitskittel hinter einer Nähmaschine mit einem ehrlichen Gesicht, das mich anrührte. Und einer, der ihm bei der Arbeit zusah.

Beim Eintreten nahm ich Dinge war: Das uralte Moped, das seit Jahren im Hintergrund steht. Schaumgewebe und Stoffe, die sich im Hintergrund zu einem einfachen Materiallager. Die Arbeitslampe, deren Schirm über der Nähmaschine an einem einfachen Draht baumelt. Zwei Garne, rot und weiß. Der Mann im grauen Kittel erhob sich. Ja, er sei Pietro Tullone. Ich zeigte ihm die alte Persenning, er schüttelte traurig den Kopf. Nein, das würde nichts mehr. Aber wenn ich unten am Hafen nach Tancredi fragen würde – der hätte Persenningstoff in seinem Laden. Ich solle dort welchen kaufen. Den Rest würde er, Pietro Tullone erledigen.

Ich machte mich auf den Weg den Hügel hinunter. Nicht ohne an den bescheidenen Mann mit dem ehrlichen Gesicht zu denken. Bei Tancredi unten am Hafen fand ich, wonach ich gesucht hatte. Leuchtend weiße Persenning-Bahn, 18qm.






Am Tag darauf stapfte ich mit meinem Packen wieder hügelan. Der Schneider saß hinter seiner Nähmaschine, umgeben diesmal von drei älteren Männern, Besuchern offensichtlich. Pietro befühlte meinen Stoff. Nickte. Besah sich die Skizze und meinte, ich solle doch am Ostersamstag wiederkommen. Da wäre alles fertig. Wo er denn die 16 qm sperrige LKW-Persenning auslegen und schneiden wolle, fragte ich neugierig. Die Männer grinsten. „Draußen, hier vor der Tür, auf der Straße. Da ist genug Platz.“ Ich schaute etwas ratlos auf die zugeparkte Straße, klappte meinen offenstehenden Mund zu und überließ Pietro den Bergen auseinanderfallenden Persenningstoffes.

Ich ertappte mich dabei, dass ich zuhause an den Schneider dachte. Er strahlte etwas aus, was heute selten geworden ist. Milde. Güte. Alte, aus der Mode gekommene Worte. Sah ihm zu, wie er an seiner einfachen Nähmaschine hantierte, breitete sich in mir ein wohliges Gefühl aus. Doch Pietro Tullones Besucher, deren stille, schweigend entspannte Gelassenheit: Die verstand ich noch nicht.

Karsamstag. Sciacca brummte und summte in vorösterlicher Betriebsamkeit, während ich am Vormittag wieder hügelan stieg. Wie üblich saß Pietro hinter seiner Nähmaschine, während im Laden drei Männer saßen, die ich noch nicht kannte und die ihm bei der Arbeit zusahen. Drei weitere vor dem Laden standen. Einer von ihnen öffnete mir schwungvoll die Tür. Da lag meine 16 Quadratmeter große neue Persenning neben Pietro Tullone auf einem Hocker. Einen Tisch gibt es nicht bei ihm, doch die Persenning, deren Fläche von Pietros Werkstatt deutlich überstieg, war makellos gefaltet, vernäht, mit Ösen beschlagen. Die Männer, die andere waren als die beim letzten Mal, sahen mich grinsend an. Pietro erhob sich, wandte sich dem Packen zu und überreichte ihn mir. Ein Mann trat ein, näherte sich Pietro Tullone, drückte dem Schneider mit „Buona Pasqua. Augurone“ die Hand, und verschwand, wie er gekommen war. „Ja, also“, sagte Pietro, „50 €, wie ausgemacht.“ Als ich ihm etwas mehr geben wollte, sträubte er sich. Erst als ich ihm erklärte, die 10 € seien nicht für ihn, sondern für seine Enkel, denen er an Ostern ein Eis kaufen sollte, strahlte er dankend und erzählte: Er hätte fünf. Die Männer grinsten immer noch, als ich meinen Packen nahm. Und vom Hügel wieder zu Levje hinunterstieg.



Die Persenning passte. Ich ertappte mich dabei, dass ich meinen Blick durch Levje schweifen ließ, was ich denn noch zu nähen hätte, nur damit ich einen Grund hätte, mich wieder wie die anderen Männer bei Pietro Tullone einzufinden. Ja, richtig. Die gestreiften Kissen aus der Türkei hatten keinen Reißverschluss, um die Bezüge waschen zu können. Und die Vorhänge bräuchten neue Druckknöpfe, die alten waren korrodiert. Dienstag Spätnachmittag machte ich mich wieder auf den Weg, den Hügel hinauf. Pietro saß an seiner Nähmaschine. Zwei Männer, die ich noch nicht kannte, saßen davor und sahen ihm bei der Arbeit zu. Ja, könne er erledigen. Doch nicht heute. Er deutete auf die Wand mit den verblichenen Fotos an der Wand. Heute Abend würden die „Rosso-Neri“, die Rot-Schwarzen spielen. AC Mailand, das wäre sein Klub, das dürfe er nicht verpassen im Fernsehen, ich solle nur ja nicht böse sein.

Die Männer um Pietro grinsten wissend. Und in stiller Kumpanei. So wäre er nun mal, da könne man nichts machen. Ein Sizilianer, der einen Club aus dem fernen Norden verehrte.

Zurück auf Levje, fielen mir weitere Dinge auf, die ich noch zu Pietro Tullone bringen könnte. Die frisch gereinigten Teppiche vorne aus Katrins Koje, ihrem „cinema paradiso“. Den alten Bettbezug, der könnte einen neuen Reissverschluß verkraften. Ich dachte über Pietro Tullone nach. Was hatte der einfache Schneider, dass sich die Männer seines Viertels immer wieder bei ihm einfanden? Es war nicht Geld. Es war nicht Vermögen. Er ist nur ein Schneider. Und doch brachten ihm die Männer des Viertels Achtung wie einem Rabbiner entgegen. Er war jemand, bei dem sich die Männer des Viertels einfanden. Und immer neue. Ich fragte Carlo, den Marinaio, er war Fischer und hier aufgewachsen und kannte jeden in Sciacca. Carlo lächelte nur. Ja, Pietro Tullone würden vielen kennen. Und in seinem Viertel wäre der Schneider sehr geachtet.



Als ich lossegelte, damals vor vier Jahren im Mai von Izola, wusste ich nicht, wo mich meine Reise hinbringen würde. Doch ein Gedanke begleitete mich segelnd in all den Jahren nach Antalya und von dort über Kreta und Griechenland nach Sizilien: Das es irgendwo auf einer der vielen Inseln im Mittelmeer einen Ort gebenkönnte, der mir und Katrin mehr sein könnte als eine Station auf der Durchreise.
Vielleicht habe ich in Sciacca, diesem Ort an der äußersten Peripherie Europas so einen Ort gefunden, der Heimat sein könnte. Wenn es so wäre: Dann hat es auf alle Fälle mit einem zu tun: Mit den Menschen dort. Und der Art, wie sie leben.



Am 10. April ist es soweit:
Mein Buch über DIE VERGESSENEN INSELN erscheint.


Jetzt reinlesen: Hier oder hier.
Oder in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift YACHT,
die einen Vorabdruck aus dem Buch bringt.


Unsere Vorträge auf der AUSTRIAN BOATSHOW in Tulln, 1.3.-4.3.2018

Die AUSTRIAN BOATSHOW in Tulln bei Wien mag keine große Messe sein – aber während die Düsseldorfer BOOT vom Publikum eher Nord- und Ostsee-Interessierte anspricht, ist die AUSTRIAN BOATSHOW eine reine Mittelmeer-Messe. Fast 50.000 Menschen werden in 4 Tagen dorthin kommen. Ich bin gespannt, weil wir dort die vier Tage mit Stand sein werden und der Veranstalter so angetan von unseren Themen war, dass Susanne Guidera und ich fast an jedem Tag zwei Vorträge halten. Ich freue mich also auf Tulln – und auf die Zuhörer, die sich im Konferenzzentrum für unsere Mittelmeer-Themen interessieren:

1. Wetterextreme. 
Segeln in Starkwind, Gewitter & Sturm.

Link zum Buch: Hier!

Ein Foto und seine Geschichte: In meinem 45-minütigen Vortrag erzähle ich nicht nur die Geschichte jenes legendären Fotos von Bodo Müller, in dem er den Moment einfing, als ein kanadischer Segler im Sturm sein Yacht verlor. Sondern stelle neben anderen Sturmgeschichten auch die markantesten Windphänomene des Mittelmeeres aus unserem Buch STURM vor.

Termine:
Donnerstag, 1. März 2018: 12.00-12.45 Uhr
Samstag, 3. März 2018:      12.00-12.45 Uhr
Sonntag, 4. März 2018:       15.00-15.45 Uhr 


2. MARINA REPORT KROATIEN 2018 – 
Wo man hingeht. Wo besser nicht.

Mehr erfahren und bestellen: Hier
Oder bei AMAZON.
Er klingt ja schon motzig, der Untertitel, den wir unserem vor zwei Tagen erschienenen MARINA REPORT KROATIEN SÜD und seinen beiden Folgebänden verpasst haben. Tatsächlich geht es genau darum: Jeden Skipper – egal ob er auf 5 Meter oder 50 Fuß unterwegs ist – vor dem jährlich heftiger spürbaren Verdruss in kroatischen Marinas zu bewahren. Neben Hinweisen zu den neuen Bestimmungen bei Aufenthaltsgebühr und Permit gibts vor allem Hinweise auf offensichtliche, aber auch verdeckte Preis- und sonstige Fallen rund um die kroatischen Marinas – von A wie ACI bis T wie Trogir.
Termine:
Donnerstag, 1. März 2018: 15.00-15.45 Uhr 
Freitag, 2. März 2018:      15.00-15.45 Uhr
Sonntag, 4. März 2018:       12.00-12.45 Uhr 


3. Ein Sommer lang Sizilien


Mehr erfahren: Hier!
Nach so viel harter Kost einfach was Schönes: Jede Menge schöner Fotos von einem Sommer, der mich rund um Sizilien und die umgebenden Inseln Malta, Äolische und Ägadische Inseln führte. Und von den Tugenden eines Seemanns, von sizilianischen Meisterköchen oder der faszinierenden Art der Sizilianer, einen harmlosen Vereinsabend in ein großes, chaotisch-lärmendes Gesamtkunstwerk zu verwandeln.

Termine:
Samstag, 3. März 2018: 15.00-15.45 Uhr 


3. Einhand durchs Mittelmeer.

Mehr erfahren? Und reinlesen in die Leseprobe: Hier!
Eigentlich wird mein neues Buch ja erst in fünf Wochen, am 10. April erscheinen. Es erzählt davon, was passiert, wenn man sich vier Jahre lang acht Monate im Mittelmeer herumtreibt. Von namenlosen Insel tief in der Türkei bis zu den großen Inseln wie Sizilien und Mallorca weit im Westen segelt – und auf jeder der 35 Inseln ein Stück unserer ureigenen Geschichte entdeckt – von der Steinzeit bis in die Jetzt-Zeit. Wer schon mal reinlesen will – der Verlag hat vor wenigen Tagen eine Leseprobe eingestellt: Hier! 
Ein bisschen werde ich Vortrag über dieses Buches erzählen – aber vor allem darüber, wie es ist einhand im Mittelmeer zu segeln.
Termin:
Freitag, 2. März 2018: 12.00-12.45 Uhr 

4. Gewittersegeln
Susanne Guidera stellt unser gemeinsames Projekt GEWIITERSEGELN vor – und vermittelt, was es über Gewitter an Wahrheiten, Halbwahrheiten und Überraschungen zu wissen gibt.

Termin:
Freitag, 2. März 2018: 13.00-13.45 Uhr 

5. Zwischen Pasta und Prosecco
Die Marinas in Friaul und Julisch-Venetien
Susanne Guidera – vom Pass her Italienerin, von der Abstammung Sizilianerin und vom Liegeplatz Friulanerin – stellt ihr aktuelles italienisches Lieblingsrevier vor. Und bietet eine Liegeplatz-Beratung aus allererster Hand.

Termin:
Sonntag, 4. März 2018: 13.00-13.45 Uhr 

Die 21. Neuerscheinung bei millemari.: Ein kritischer Törnführer über den Süden Kroatiens.

Paperback. € 19,95. Jetzt bestellen. Hier

Kroatien. Nicht nur dem Bootsreisenden zauberte dieses Wort den Geschmack  „der einfachen Sommerfreuden am Meer“ auf die Zunge. Auf Sonne und kristallklares Wasser. Auf einfaches Essen vom Grill und niedrige Preise. Auf „einfach Seele baumeln lassen.“

Die Sonne ist immer noch da. Das kristallklare Wasser auch. Mit den niedrigen Preisen ist es nach drei Jahren touristischem Ansturm vielerorts an der kroatischen Küste vorbei. „Man könne bald bloß noch in Istrien und im Norden unterwegs sein“, klagen die einen. Die anderen  schwärmen von der Schönheit der 1.200 vor Kroatien liegenden Inseln. Und nehmen dafür sündteure, doch mangelhafte Marinas, lärmige Ankerplätze, mittelmäßiges Essen stillschweigend einfach in Kauf. Die Inseln seien es wert.

Seit ich im Sommer vergangenen Jahres für zwei YACHT-Reportagen die Küste rauf, die Küste runter reiste, ging mir nicht mehr aus dem Kopf, wie sehr die kroatische Küste ihr Gesicht verändert. Es ging mir, der ich die Küste zum ersten Mal 1998 – nach dem Krieg -besucht hatte –  nicht mehr aus dem Kopf, was ich gesehen hatte: Wie der Tourismus, aber auch Begehrlichkeiten plötzlich die Stimmung an der Küste veränderten. 

Irgendwann im vergangenen Herbst beschloss ich, ein Buch über diese zweimonatigen Erfahrungen zu schreiben. Nicht um den 22 vorhandenen Kroatien-Törnführern einen überflüssigen 23. hinzuzufügen. Erst recht nicht, um dem so verdienstvollen Buch von Karl-Heinz Beständig – das ich auch in der neuesten 31. Auflage sehr schätze – etwas entgegenzusetzen. Ich hatte das Gefühl, dass am Markt etwas fehlt. Etwas anderes. Ein Törnführer der anderen Art, der Skipper nicht vor den Gefahren der See warnt, sondern vor dem, was beim Landgang Frust erzeugt. Ein Törnführer, der sich die Leistungen von Marinas und Restaurants kritisch ansieht. Denn dort, im Hafen beginnt immer noch jeder Törn. Und dort endet er. Und fürs Sightseeing sucht man ihn auch auf.

Deshalb ein Buch:
  • Das kritisch auf Marinas, ihre Gebühren, Preise und Leistungen sowie der Restaurants berichtet
  • das mit den Augen eines erfahrenen Skippers draufschaut, der zum ersten Mal in eine Marina kommt
  • und gleichzeitig zu jeder Kritik auch konkrete ALTERNATIVEN zu überfüllten Marinas, zu mittelmäßigen Restaurants und steigenden Preisen zu bieten.
Das Ergebnis liegt seit gestern aus der Druckerei vor mir:

Paperback. 19,95€.Mehr Infos hier.
Oder: bei AMAZON.
Er ist der erste von drei Bänden über Kroatien. Er hat nur 72 Seiten – aber die haben es in sich. Es gab viele Testleser, die nach der Lektüre sagten: Das wäre Ihnen ein zu kritischer Törnführer. Zu viele frustrierende Tabellen über aktuelle Gebühren. Und die teuersten/die günstigsten Marinas. Kein Wunder. Das Thema ist Kroatiens Süden, in dem sich vieles ballt, weil sich die Region dort am spürbarsten dem Geschäft mit internationalen Chartergästen verschrieben hat.

Jetzt liegt der knallrote Band vor mir. Ich gestehe, ich habe etwas Angst. Ein solches Buch zu schreiben, ist irgendwie, wie ein Kind in die Welt zu setzen. Während es im eigenen Inneren heranwächst, brodelt alles im Kopf. Man macht man sich allerhand Sorgen: Hab ich alles richtig gemacht? War ich kritisch genug? Ist es auch ordentlich geworden? Ist alles richtig daran? 

Jetzt, wo es da ist, ist meine Sorge nicht weniger. Dieses Buch ist so kritisch, dass es nicht jedem gefallen wird. Wir werden damit  „anecken“: Bei manchem kroatischen Marinabetreiber. Bei manchem, der im Moment gutes Geld mit der kroatischen Küste verdient.

Das alles kann ich in Kauf nehmen. Denn: Dieses Buch ist kompromisslos für Skipper geschrieben – egal er ob auf 50 Fuß oder 5 Metern unterwegs ist. Und wenn es nur einen Skipper gibt, der sagt: „Wow, die Tipps für Südkroatien haben mich echt davor bewahrt, irgendwo reinzufallen und mich zu ärgern“: Dann haben sich auch meine Sorgen gelohnt.

Entscheiden Sie also selbst.

Und wenn Sie’s lesen wollen: Tun Sie’s auf alle Fälle vor Ihrem nächsten Kroatien-Törn.


PS: Der MARINA REPORT KROATIEN MITTE wird Ende März 2018 erscheinen. Der MARINA REPORT KROATIEN NORD im April 2018.







Sizilische Geschichten (8): Die 3.000 Gesichter des Don Filippo Bentivegna.

Wenn ich in Sizilien bin, 
und wenn es mich nicht mehr auf meinem Boot, auf Levje, hält,
breche ich zu Wanderungen rund um das sizilische Städtchen Sciacca auf.
Und finde in diesem Ort am Rand Europas ungewöhnliche Geschichten. Wie diese.

Was weiß man eigentlich wirklich, was die eigenen Nachbarn in ihren vier Wänden so treiben? Und wenn man es wüsste: Was dächte man drüber?

Es scheint, dass Don Filippo Bentivegna zu seinen Lebzeiten nicht immer einen leichten Stand hatte bei seinen Nachbarn in Sciacca. Ein bisschen wunderlich war er. Lebte eigenbrötlerisch und allein auf einem außerhalb gelegenen Grundstück an den Hängen des Monte Kronio im Osten der Stadt von Sciacca. Vielleicht hielten sie ihn für ein bisschen verrückt, für den „Matto del paese“, den Verrückten im Dorf, wie jedes Dorf einen hat.

Dabei tat Don Filippo Bentivegna wenig, was diesen Ruf gerechtfertigt hätte. Er war nur der Sohn eines Fischers, einer von vielen, die rausfuhren aufs Meer, um mehr schlecht als recht den Unterhalt für die vielköpfige Familie zu verdienen. Als Filippo 25 war, zogen schlechte Jahre auf. Die Fischgründe draußen vor Sciacca über jener magischen Untiefe, dem Korallenriff, das nie einer gesehen hatte und das sie alle nur „il Corallo“ nannten, waren leergefischt. Filippo beschloß, sich auf den Weg nach Amerika zu machen, wie viele andere aus Sciacca. Das war 1913, kurz bevor auch in Italien der große Krieg begann.

Es scheint, dass es ihm schwerfiel, in Amerika Fuß zu fassen. Er irrte von Stadt zu Stadt. Es scheint, dass Filippo sich dort verliebte. Sei es, dass das Mädchen einem anderen versprochen war oder ein anderer ein Auge auf sie geworfen hatte: Es kam zum Streit, in dessen Verlauf einer der Kontrahenten handgreiflich wurde. Und Filippo einen schweren Schlag auf den Kopf erhielt. Er fiel ins Koma.



Als er erwachte, war er nicht mehr derselbe. Stammelte wirres Zeug. Wurde in den Staaten für arbeitsunfähig erklärt. Kehrte zurück nach Sciacca, von wo er sechs Jahre vorher aufgebrochen war. Er zog sich zurück auf jenes Grundstück seiner Eltern im Osten der Stadt. Das war 1919. Da war er 31.

Er begann, in seinem steinigen Garten über dem Meer Köpfe aus Stein zu meisseln. Erst einzelne Gesichter, frontal in den Stein gemeisselt, und überlebensgroß. Dann andere, im Profil. Fast alle



gleich groß, er wurde nicht müde, sie wieder und wieder aus den scharfkantigen Kalksteinen zu schlagen, als wollte er all die Menschen abbilden, jeden einzelnen, der ihm in den Städten auf der anderen Seite des Atlantik auf seiner Reise begegnet war.

Irgendwann waren es zehn Köpfe. Dann 30. Als es hundert waren, konnte Filippo immer noch nicht aufhören, Köpfe aus dem Gestein zu meisseln. Jetzt gings erst richtig los. Doch irgendwann gingen Don Filippo die Steine auf seinem Grundstück aus. Weil er neue brauchte, hackte er sich in den Fels. Grub mannshohe Kammern, Höhlen und Schächte ins Gestein. Die Nachbarn schüttelten die Köpfe. Tuschelten. Den Verrückten von Sciacca nannten sie ihn, doch selbst wenn Filippo es hörte, so nahm er es nicht wahr. Nur die Gesichter zählten. Er ließ sich gelegentlich mit „Excellenza“ anreden von den Dörflern, ein König war er. König in einem verzauberten Schloß, einem „castello incantato“. Manchmal tauschte er einen der Köpfe ein, gegen Essen, Werkzeug.



Ob Filippo die Köpfe zählte? Ob er sich ein Glas Rotwein extra gönnte, wenn wieder 5 oder 10 fertiggestellt waren? Ob er mit seinem Hund redete? Wir wissen es nicht. Filippo meisselte weiter. Unentwegt, besessen. Köpfe, wie sie nur die Romanik kennt, einfach, kraftvoll. Andere nur hinskizziert in den Stein. Weder andere wie Dämonen, geschaffen, um das Böse abzuhalten wie die Sphinx. Filippos riesiger Garten unter den Oliven füllte sich mit den Gesichtern.



Noch ein Krieg war übers Land hereingebrochen, wir wissen nicht, ob Filippo davon überhaupt Notiz genommen hat. Er war nun 51. Jahre später kam ein schwedischer Maler in Filippos Garten, redete mit ihm, staunend ob der schieren Menge an Gesichtern, die Filippo in seinem Olivengarten erschaffen hatte. Er sei auf der Suche nach der großen Mutter, sagte Filippo bloß, als mehr und mehr kamen, Künstler, Journalisten, Professoren, Schriftsteller, um ihn staunend bei seiner täglichen Arbeit zu beobachten. Filippo nahm sie war, sprach freundlich mit ihnen, geduldig, wie mit Kindern. Er meisselte einfach weiter Gesichter in den gnadenlos harten Kalkstein.




79 Jahre, nachdem er als Sohn eines einfachen Fischers geboren worden war, fast 50 Jahre, nachdem er jenen verhängnisvollen Schlag auf seinen Kopf erhalten hatte, stirbt Don Filippo Bentivegna, „Filippo mit den Gesichtern“. Sein Garten liegt verwaist, niemand kümmert sich um die Köpfe, die achtlos herumliegen, Witterung und Verfall preisgegeben. Es war Jean Dubouffet, der ein Jahr später im Garten in Don Filippos Garten erschien, der Künstler der „Art brut“, der „rohen Kunst“, wie er sie nannte, der Kunst der Außenseiter und psychisch Erkrankten. Er rettete in Don Filippos Garten, was noch zu retten war, von den Gesichtern.

Es waren über 3.000.



Die Gesichter des Don Filippo Bentivegna kann man heute immer noch sehen. In Sciacca im Olivengarten des Filippo, der heute immer noch „Castello incantato“ heißt.


Noch mehr sizilische Geschichten? Hier.

Auf der BOOT 2018: Kroatische ACI-Marinas erhöhen die Tagesliegeplätze um über 8%.

Und was gibts Neues aus Kroatien?

Am Stand der ACI-Gruppe liegt die druckfrische Preisliste für 2018 aus. Anders als noch in 2017 gibt die ACI-Gruppe diesmal ihre Preise nicht in Euro, sondern in Kuna an – obwohl das Land soeben im Januar die Aufnahme in die europäische Gemeinschaftswährung beantragt hat. Wer dann den Taschenrechner zückt und zum aktuellen Tageskurs umrechnet, ist erstaunt:

Die ACI-Marina-Gruppe, mit 22 von ca. 60 Marinas größter Betreiber von Sportboothäfen an der kroatischen Küste, erhöht ihre Preise für Liegeplätze deutlich. Für Yachten mit 37 Fuß (< 12 Meter) kostet ein Tagesliegeplatz im Juli und August statt durchschnittlich bisher 73,43 € nun fast 80 € – eine Steigerung um knapp 8%.

Rechnet man die Liegeplätze in der neuen ACI-Marina Rovinj, deren Eröffnung für Juni 2018 angekündigt ist, mit ein, fällt die Steigerung noch heftiger aus. Die inklusive aller Gebäude und Steganlagen neu errichtete Marina verlangt ausnahmslos für alle Schiffslängen bis 12 Meter pro Tag 1.107 Kuna – umgerechnet 149 €.

Während die Preissteigerungen für Tagesliegeplätze im Norden zwischen 3%und 7% moderat ausfallen, gehen bei ACI vor allem die Preise in den großen Charterrevieren im Süden nach oben. Spitzenreiter nach Rovinj beim Preis sind: ACI-MARINA SPLIT mit + 17% (115 € pro Tag), die vor zwei Jahren eröffnete ACI-Marina Slano +14% (98 € pro Hafentag) sowie die Marina Dubrovnik zwischen Freitag und Sonntag mit +13% (121 € pro Hafentag). Ebenfalls nicht zimperlich ist die bei Seglern immer wieder in der Kritik stehende Marina Palmizana mit einer Erhöhung auf 100 €.

Nachfolgend die Preise TAGESLIEGEPLÄTZE für die Referenzgröße 37 Fuß (<12 Meter) im Juli und August 2018. Ebenfalls kräftig erhöht die Gruppe die Preise für JAHRESLIEGEPLÄTZE – im Schnitt um 18%. Eine Übersichtstabelle JAHRESLIEGEPLÄTZE folgt aus Düsseldorf morgen.



Aktuell in Vorbereitung:



ca. 80 Seiten. 
€ 24,95. 
Auslieferung Ende April 2018

Vorbestellungen ab sofort an [email protected] 






millemari. auf der BOOT in Düsseldorf. Mit jeder Menge Vorträge.

Bis Ende Januar sind wir mit unserem Verlag millemari. auf der BOOT in Düsseldorf. Wir stehen mit Vorträgen zu folgenden millemari.-Themen auf der Bühne im SAILING CENTER, Halle 15/G21:

Sonntag, 21.1.2018: 









11:15   Wetterextreme. Segeln in Starkwind, Gewitter und Sturm.



















13:30   Kroatien und seine Marinas.




Montag, 22.1.2018:
11:45   Wetterextreme. Segeln in Starkwind, Gewitter und Sturm.

Dienstag, 23.1.2018:
15:30   Kroatien und seine Marinas.

Mittwoch, 24.1.2018:
16:30   Kroatien und seine Marinas.

Donnerstag, 25.1.2018:
12:30   Wetterextreme. Segeln in Starkwind, Gewitter und Sturm.


Zusätzlich treffen Sie folgende millemari.-Autoren auf der BOOT mit Vorträgen:


Sebastian Janotta

Samstag, 20.1. 
16.15    Liveaboard – Leben auf einem kleinen Segelboot.

Sonntag, 21.1. 
16.15      Liveaboard – Leben auf einem kleinen Segelboot.
im REFIT-CENTER Halle 11 H01










Holger Peterson

Samstag, 27.1.
16:15   Wassereinbrüche & Co. – So sichern Sie Ihre Yacht und Ihr Leben.

Samstag, 28.1.
16:15   Wassereinbrüche & Co. – So sichern Sie Ihre Yacht und Ihr Leben.
im REFIT-CENTER Halle 11 H01

Sonntag, 28.1.
14.15   Mein Boot ist mein Zuhause
im Sailing-Center Halle 15 G21





Claus Aktoprak



Samstag, 27.1.
14.15   Einhand durch den Götakanal – mit Live Musik von Klaus!
im Sailing-Center Halle 15 G21










Wir sehen uns!

Frohe Weihnachten. Auf Sizilianisch.



Sizilische Geschichten (7). Caltabellotta. Näher kann man auf Erden dem Himmel nicht kommen.


Caltabellotta. Manche Orte begleiten einen ein Leben lang, obwohl man sie niemals sah. Und niemals dort war. Irgendwie kreuzen manche Orte immer wieder im eigenen Leben unverhofft auf. Ein Name, der irgendwie bleibt. Eine Verbindung, die irgendwann einmal in einem früheren Leben war.

Von Caltabellotta hörte ich zum ersten Mal als ich 21 war. Ich weiß es deshalb so genau, weil dies die Jahre waren, in denen plötzlich mit Wucht die Freiheit in mein Leben trat. Die Schule war Zwangst gewesen und Enge für mich. Daran anschließende vier Monate Bundeswehr waren eine interessante Erfahrung, wie sich eine Diktatur anfühlen könnte, in der ein Individuum nichts, aber auch gar nichts mehr zählt.

Doch das Leben meinte es gut mit mir. Von einem Tag auf den anderen war ich plötzlich „draußen“ vom Bund, ein glücklicher Zufall. Und „drinnen“ in der universitären Welt von München. Plötzlich war, was vorher Enge war, Weite und Freiheit. Vorlesungen hören dürfen, die ich hören wollte. Hemmungslos meinen Neigungen nachgehen und zuhören dürfen, wie das war, mit der Eroberung Süditaliens durch die Normannen. Oder dem Parzifal. Die Spitze dieser Leidenschaften war ein historisches Seminar, das den Titel trug „Die Urkunden Siziliens bis zum Vertrag von Caltabellotta“. Ich war 21. Das Seminar ging drei Stunden. Es begann Freitag Morgens um acht. Etwas für Geniesser. Neben mir interessierten sich nur noch zwei andere Studenten für dieses brennende Thema. Der eine, der es ebenfalls Freitag Morgens im Winter in das Seminar schaffte, hieß Giovanni di Lorenzo. Das sagte mir damals nichts. Doch im Gegensatz zu mir, der ich nur über Neugier und einen revoluzzerhaften roten Bart verfügte, hatte Giovanni di Lorenzo etwas, das mir vollkommen neu war: Er war einfach smart. Schon damals. Und irgendwie in diesem überheizten staubigen Raum morgens um acht war er wie ein Wesen, das nicht zu den Zausebärten gehörte, sondern aus einem anderen Universum stammte. Was ihn an den sizilischen Urkunden gelockt hatte, weiß ich nicht. Aber es war ganz sicher nicht sein Wissen um den Vertrag von Caltabellotta, was ihn später zum Chefredakteur der ZEIT werden ließ.

Später lernte ich dann, als ich vor lauter Freiheit und Neugier, nicht mehr wusste, was ich noch anstellen sollte und deshalb Arabisch lernte, dass der Name Caltabellotta aus dem Arabischen kommt. „Qualat-al-Balut“ – der Berg oder auch die Festung aus Eichen. Ich habe das nie vergessen, es ist ein gar zu schönes Bild. Doch nach Caltabellotta selber kam ich nie. 

Man kann sie sich gut vorstellen, auf dem obersten Foto, die Eichenfestung. Eine erste Burg aus aneinandergereihten Eichenstämmen oben um den Felsen, wo heute die Häuser enden. Aber so oft mir auch die Eichenfestung im Hirn summte – nie kam ich hin. Bis mich sizilianische Bekannte und allen voran Franco, der gewichtige „Presidente“ des Circolo Nautico von Sciacca, vor einigen Tagen ermahnten, dass Caltabellotta faszinierend sei. Und schön. Also machte ich mich auf den Weg. 

Ich habe keine Sekunde bereut. Der Ort liegt keine halbe Stunde von Sciacca entfernt, hineingeklebt in die Bergkette, die man als Segler von unten vom Meer aus sieht. Eine halbe Stunde nur in die Berge hinauf. Und auf


dieser Fahrt begegnet einem tatsächlich nur wenig anderes, als hin und wieder ein alter Fiat 500 mit einem noch älteren, kleinwüchsigen Sizilianer darin. „Die sind alle klein da oben“, sagte Franco, der über einsneunzig groß ist und fast so breit, „die sind astreine Sikeler“. Damit meinte Franco den einen der drei Stämme, die Sizilien besiedelt hatten, bevor die Griechen kamen und die Urbevölkerung in die Berge drängten. Triocala nannten sie den Ort. Und wer hierher kam, der erwählte sich diesen Ort nur selten freiwillig. Trocala/Caltabellotta liegt vom Meer weg auf fast 1.000 Meter Höhe. Ein eiskalter Wind pfiff, die mich die Hände tief in der Jacke vergraben ließ, wo ich

doch eben noch am Meer in warmen 17 Grad in der Sonne saß. Der Ort ist unwirtlich. Und doch kenne ich kaum einen irdischen Ort, an dem mich so sehr das Gefühl beschlich,  dem Himmel so nah gekommen zu sein, wie das auf Erden eben nur irgend möglich ist.

Der Ort ist menschenleer, es ist Nachmittags, die Stunde, in der sich alle Italiener ausnahmslos verabreden, sich bei Strafe die nächsten zwei Stunden keinesfalls, keinesfalls auf der Straße blicken zu lassen. Ich fahre durch die leeren Gassen, es wird enger, es wird steiler. Und wer jemals meinte, er könne Autofahren, darf kann das nirgendwo so gut wie in Caltabellota unter Beweis stellen. Straßen, die so schräg sind, dass ich Sorge habe, mein kleiner UP könnte kippen. Steile Gassen so eng, dass ich beim Durchfahren schon die beiden Außenspiegel splittern höre. Während mich die Furcht beschleicht, wie ich wohl jemals wieder hinunterkommen werde, folge ich der Straße weiter und weiter nach oben.

Und dann steht sie da, die Kathedrale des Ortes, auf dem zweithöchsten Punkt, wo sonst nichts mehr steht und nur noch ein Felsen ragt. Die Kathedrale, wie sie sich nennt, könnte dem Film DER NAME DER ROSE entsprungen sein. Karges hellgraues Gemäuer. Einziger Schmuck an der Front ist ein schmuckloses romanisches Portal, ganz Proportion, nicht Dekoration. Ein Bogen, der dem, der über die Schwelle tritt und hindurchschreitet, den Eingang in eine andere, bessere Welt verkündet. Ob sie das wirklich war, die die Gläubigen im 11. Jahrhundert dort drinnen fanden? An diesem Nachmittag stehen drei Gemeindemitglieder um den Altar herum. Sie bauen gerade die Krippe auf, besprechen die letzten Details und beachten mich nicht weiter, während ich mich in die Kirchenbank setze und für einen Moment die Stille genieße. Wie und warum schafft man es, auf 1.000 Meter Höhe und fernab der Welt ein Leben zu meistern an diesem Ort, der mehr Flucht als Behagen verspricht? Und: Wie und warum schafft man es, an diesem Ort im 11. Jahrhundert eine Kathedrale zu errichten? Sie – und vielleicht nicht die Burg – war vielleicht der Ort, in dem der Vertrag von Caltabellotta zustande kam? Was immer auch sein Inhalt war.

Der Blick aus der Kirche. Von der Kirche: Ist wie der Blick aus einem Krähennest. Wohin ich auch schaue: Es ist diese merkwürdige Art von Weite, die die Landschaft Siziliens ausmacht. Es gibt die hohen Berge, die von 0 auf 1.000 Meter ansteigen. Doch sie sind nicht umgeben von anderen hohen Bergen, so dass der Blick sich gleich wieder am nächsten Gipfel verfängt und nicht weiterkommt. Überall ist in Sizilien hügelige Weite, an deren Ende irgendwo in der Ferne immer das Meer verheißungsvoll glitzert. Wo man auch steht: Überall ist diese Weite.



Caltabellotta. Wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet, dann hätte ich mir nicht 35 Jahre Zeit gelassen, hierherzukommen. Ob ich hier leben könnte? Ich weiß es nicht. Zu eng. Zu steil. Und selbst der kleine Supermarkt, dessen Händler mir freundlich grinsend, doch begeistert über mein holpriges Italienisch ein Panino al Prosciutto crudo schneidet, selbst dieser Supermarkt ist ein Bild dieses  Ortes: Waren und Würste liegen weniger neben- als übereinander in der Theke aus. Das muss man aushalten. Doch vielleicht ist das der Preis, immer, immer diese Weite und diesen Blick um sich zu haben. Wohin man auch gehen oder schauen mag.



Das nächste Mal: Werde ich darauf eher hören. Wenn mich der Name eines Ortes ein Leben lang begleitet.


Sizilische Geschichten (6): Wenn der Libeccio über die Südküste fegt.

Nachts war noch alles ruhig. Vielleicht ein leichtes Blähen der Plane, die ich über Levjes Cockpit aufgespannt hatte. Ein leises Wehen aus dem Osten, das unter der Plane hindurchstreicht. Nicht mehr.

Am Morgen wache ich auf, weil das Boot vibriert. Ein Unruhe verbreitendes Tak-Tak-Tak vom Mast her, ein rythmisches Geräusch, das Unruhe in meinen Halbschlaf schiebt und sich nicht begnügt, nur mein Trommelfell zum Schwingen zu bringen, sondern gleich das ganze Schiff. Während ich die Augen im Halbdunkel öffne, denke ich darüber nach, was mein siebeneinhalb Tonnen schweres Schiff in seinem zwei-Meter hohen Stahlgerüst derart zum Vibrieren bringt. Ein schlagendes Fall kann es nicht sein. Aber was dann? 

Ich beschließe aufzustehen. Gemessen an den Nächten zuvor ist es angenehm warm. Mehr als 18 Grad zeigt das Thermometer am frühen Morgen, wo es noch vor 24 Stunden kaum acht Grad waren. Angenehm, zumindest das. Ich schaue hinaus. Keine 100 Meter weiter vorne, den Hügel am alten Bahnhof hinunter, wo mein Boot für den Winter geparkt ist, sehe ich das Meer. Statt spiegelglatt kommt jetzt Roller auf Roller auf die Küste zu. Lange Reihen. Mehr als sechs Windstärken. Libeccio. Wind aus dem Südwesten, Wind aus der Sahara. Das erklärt die achtzehn Grad beim Aufstehen. Ich höre das gewaltige Rauschen der Brecher bis in Levjes Kombüse, aus der ich jetzt hinunterschaue.

Die Einfahrt in den Hafen von Sciacca – immerhin beherbergt er die zweitgrößte Fischereiflotte Siziliens. Aber an einem solchen Tag geht kein Fischer hinaus.
Während ich mir Tee koche, gerät das Boot immer wieder in Schwingung. Es sind Böen, die vom Meer heranrollen wie Brecher und Levje breitseits treffen. Vermutlich sind sie so stark, dass der Mast für sie ein Hindernis ist. Dass die Böen gegen den Mast prallen. Ihn in Schwingung versetzen, als wäre er ein zwischen den Fingern eingespannter Grashalm, den man kraftvoll anpustet. Nur das er seine Schwingung über die Wanten auf die Seitenwände des aufgebockten Bootes überträgt. Mein Boot, meine Behausung in diesen Wochen, sie ist jetzt im Libeccio an Land ein großer Resonanzkasten. Ein ums andere Mal vibriert der Tee in meiner Tasse.


Am Nachmittag sehe ich mir ich mir an, was der Sturm mit dem Meer in der Hafeneinfahrt macht. Ich sehe die brechenden Grundseen genau in der Einfahrt. Für eine Segelyacht wäre es zumindest ein schwieriges Unterfangen, bei diesen Bedingungen einzulaufen, wenn nicht gar unmöglich. Ich versuche mir diesen Anblick für alle Zeit einzubläuen, für den Fall der Fälle. Wie schwierig die Situation draußen auch immer sein mag: Allemal besser draußen bleiben, als mit dem Boot in eine dieser brechenden Seen in der Hafeneinfahrt zu geraten und querzuschlagen.


Einen Moment sehe ich fasziniert den Vögeln zu, die im Starkwind segeln, einfach mit ausgebreiteten Flügeln vor sich hin schweben. Wo Sturm ist, kreist meist ein Vogelsschwarm. Wo unsereins bei solchen Bedingungen die feste, schützende Hülle sucht, tun die meisten Vögel (jedenfalls die, die fliegen nicht verlernt haben) genau das Gegenteil. Sie suchen das unsichere Element. Sie stürzen sich in die Lüfte. Gerade dort, im scheinbar Unsicheren, Unwirtlichen, finden sie mehr Schutz als in jeder Mauernische, die für sie zur Falle werden kann.

Eigentlich trifft der Wind an dieser Stelle aus südöstlicher Richtung auf die Küste. Er schon. Aber die Wellen nicht. Sie rollen in die Richtung, die der Wind ihnen weit draußen verpasst hat. Dorthin, wohin der Libeccio sie draußen hinbeschleunigt: Nach Nordosten. Dummerweise ist die Hafeneinfahrt des großen Hafens in Sciacca auch noch so konzipiert, dass sie nach Südwesten offen ist. Die Wellen rollen von dort ungehindert an. Und schwappen in den Hafen, wo gleich hinter der Hafeneinfahrt die Schwimmstege der beiden großen Segelclubs liegen. Ich treffe Carlo, der jetzt im CIRCOLO NAUTICO den Winter über als Marinero arbeitet. Er schaut sorgenvoll. „Schau mal, wie sich der hundert Meter lange Schwimmsteg wie eine Seeschlange in der einlaufenden Dünung windet.“ Nicht nur er oszilliert. An den Seiten des ewig langen Schwimmsteges ist Boot an Boot vertäut. Jetzt werden sie einfach mitgerissen wie Nussschalen vom Hin und Her des Schwimmsteges in der glucksenden Dünung.

„Vorne, am Ende dieses Stegs, schließt sich im rechten Winkel ein zweiter Steg an. Die Verbindung ist gebrochen, wenn das so weitergeht, dann reißt der Steg auseinander. Die beiden Yachten an diesem Außensteg sind zu schwer.“ Aber auch sonst hat Carlo alle Hände voll zu tun. Er überwacht die kleinen Boote, die sich im Hin und Her des Schwimmsteges immer mehr von ihrer Heckleine holen und dadurch drohen, mit dem Steg selbst zu kollidieren. Immer wieder spurtet Carlo über den schwankenden Steg nach draußen, wenn ein Boot droht, zu nahe an die scharfen Kanten des stählernen Schwimmsteges zu geraten.


„Am schlimmsten sind die Stürme hier immer um die Zeit, wenn die Jahreszeiten wechseln“, sagt Carlo. „Das war nicht immer so. Als ich hier aufwuchs, waren es eher die reinen Winterstürme, die uns beeindruckten. Seit ein paar Jahren habe ich den Eindruck, dass das Wetter schlecht wird, wenn es eigentlich schön werden müsste – wenn das Frühjahr kommt, im April.“ Carlo fuhr früher raus als Fischer, bevor er sich für ein vermeintlich ruhigeres Leben als Marinero entschied.

Ich fahre hinaus, ein paar wenige Minuten nach Westen vor die Stadt, zum Sandstrand vor der alten Tonnara, der einstigen Thunfisch-Konservenfabrik. Es ist meine Lieblingsecke. Ein weiter Sandstrand zu Füßen eines einsamen Schlotes, den man als letztes Wahrzeichen der einstigen Tonnara stehen ließ. Der große Schlot, über den Qualm der großen Feuer abzog, die das Thunfischfleisch in großen Kupferkesseln zum Sieden brachten. Vor zwei Tagen bin ich zwischen den beiden großen Steinmolen hindurch noch nach draußen geschwommen. Jetzt ist daran kein Denken mehr, so aufgewühlt und tobend sind die Elemente. Sie werden es für zwei weitere Tage noch bleiben. Mindestens.


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