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Menschen am Meer: Bei den Honig-Sammlern von Bayir.

Wer sich auf der Loryma-Halbinsel in der Bucht Ciftlik, etwa eine halbe Autostunde südwestlich von Marmaris, in einen Dolmus, einen Kleinbus setzt, der erreicht nach einer Viertelstunde rumpelnder Fahrt immer bergan in luftiger Höhe den kleinen Ort Bayir.
Bayir hat eigentlich nicht viel, was zu sehen sich lohnt. Drei, vier Geschäfte mit bunten Tüchern. Ein netter Trödelladen, mit Kräutern, Nüssen und Honig. 

Den Dorfbrunnen, an dem die Einwohner ihr Wasser holen, weil es Leitungen nicht gibt. Eine Moschee mitten im Ort. Die berühmte Platane gleich daneben, deretwegen viele Reisende hierher kommen. Denn die klugen Einwohner von Bayir haben vor einiger Zeit die Geschichte in die Welt gesetzt: wer den acht Meter umfassenden Stamm der Platane umrundet, den erwarte ein langes und glückliches Leben. Also umrunden auch wir den Stamm, tunlichst im Uhrzeigersinn, denn Aberglaube ist Seemann’s Zier. Vermutlich wundert sich die gewaltige Platane längst nicht mehr über den Unfug, den die Menschen da zu ihren Füßen treiben. Sie ist 1.990 Jahre alt, ihr Schößling keimte, als Jesus noch lebte, und es ist anzunehmen, dass sie in den fast zwei Jahrtausenden ihres Daseins weit gröberen Unsinn miterleben mußte als Menschlein, die verbissen im Kreis rumrennen.

Unter den ausladenden Ästen der Platane hat Mustafa seinen Stand mit Honig aufgebaut. Zwei mannshohe Wände mit großen Honiggläsern, deren Inhalt im Licht der untergehenden Sonne lichtet und leuchtet: wie ein Glasperlenspiel aus tausenderlei Gold- und Bernsteinfarben. Ein Kirchenfenster im Sonnenlicht, nur aus klingenden Goldtönen. Ich kann nicht anders und muß den hellsten, den goldensten Farbton kosten. Orangenhonig – göttlich. Danach löffeln wir uns in die immer dunkleren Farben: Blütenhonig – ahhhh. Pinienhonig – mmmhhh. Thymianhonig – herrje. Kastanienhonig – wie der wohl mit ein bisschen Pecorino schmeckt? Danach fange ich wieder beim Orangenhonig an. Und löffle hier. Und löffle da. Und die Platane wundert sich.
Als es dann mit der Löffelei endlich ein Ende hat: bin ich stolzer Besitzer je eines größen Glases Orangenhonig, Pinienhonig, Thymianhonig. Drei Kilo Honig. Natürlich hab ich zuviel bezahlt, wenn’s um Essen geht, bin ich einfach nur der Sohn meines Vaters, dem Fest für die Sinne willenlos erliegend. Mustafa erzählt, dass er und sein Bruder insgesamt 750 der blauen Bienenkisten, die wir auf der Fahrt überall sehen, besitzen. In jeder wohnt ein Bienenvolk. Und produziert munter vor sich hin: Wenn ich Mustafa richtig verstehe, produzieren etwa 250 der Kästen Pinienhonig. Aus jedem Kasten kommen 25 kg pro Jahr. Das macht über 6 Tonnen. Etwa 100 Bienenvölker produzieren Orangenhonig. Der ist selten und kostbar. Denn jedes Volk liefert nur etwa 8 Kilogramm. Und so fort.
Als der Dolmus dann in der Dunkelheit wieder den Berg hinunterrumpelt, vorbei an blauen Bienenkästen und überwucherten mohammedanischen Friedhöfen, deren schlanke Grabsteine schnell wieder ins Dunkel huschen, bin ich mit der Welt zufrieden. Nicht überall scheinen die Bienen wie bei uns auszusterben. Noch produzieren sie, so wie auf der Loryma- und der Datca-Halbinsel. Aber es ist ein fragiles Dasein, das die Bienen fristen. Und eins, das in Gefahr ist.

Die Obsidian-Sammler von Milos. Oder: Warum man mit einem 5.000 Jahre alten Steinzeit-Messer auch heute noch Zucchini schneiden kann.

Ein markanter Felsen markiert auch heute noch für jeden Segler die Einfahrt in den einstigen Vulkankrater, die heutige Hafenbucht von Milos. In der Steinzeit, um die es in diesem Beitrag geht, lag der Meeresspiegel um mehr als 100 Meter tiefer als heute. Der Felsen, der damals über 100 Meter höher aus dem Meer aufragte, muss für die damaligen Menschen noch drohender gewirkt haben als heute.
Wann die Insel Milos eigentlich entstanden ist: kann niemand sagen. Nur, dass die gewaltige Detonation eines Vulkanes der Insel Milos ihre heutige Form gab, das weiß man. Es war nicht einfach nur ein Vulkanausbruch: Die komplette Spitze des Vulkankegel flog in die Luft, detonierte, schleuderte Abertonnen an Gasen, Asche, Gestein in Staubform in die Atmosphäre. Man kann nur mutmaßen, in welch gewaltigen Ausmaß diese Explosion das Klima der Nordhalbkugel auf Jahrhunderte beeinflußte. Und in den Eiskeller schickte.
Zurück blieb: Dunkelheit. Stille. Eine Kraterwunde in der Erdkruste, die langsam auskühlte. Und voll Meerwasser lief. Gesteine aus dem Erdinneren an der Oberfläche, die die Detonation in einer Hexenküche aus jenseitiger Hitze und aberwitzigem Druck erschaffen hatte. Wie das Vulkanglas Obsidian. Es ist ein Gestein, das tiefschwarz glänzt und hart ist. So hart wie Glas. Und Obsidian gibt es, glaubt man David Aboulafia’s wunderbarer Monographie mit dem Titel DAS MITTELMEER, im Mittelmeer fast nur an dieser einen Stelle: auf Milos.
Irgendwann in der „neolithischen Revolution“ lernten die frühen Menschen, nicht nur von dem zu leben, was sie umherziehend fanden. Sondern sie erwarben das Know-How, Getreide anzubauen, Vieh zu domestizieren. Irgendwann in dieser Zeit zwischen 7.500 und 5.000 vor Christus müssen Menschen auch Milos erreicht haben. Sie kamen in einfachen, geflochtenen Schilf-Kanus. Der Meeresspiegel lag weit über 100 Meter tiefer als heute, die Distanzen zwischen den Inseln waren deshalb kürzer. Aber trotzdem muss es auch für diese Steinzeitmenschen ein echtes Wagnis gewesen sein, über das offene Meer zu fahren. Man man kann den Mut, der sie beflügelte oder die Furcht und den Hunger, der sie trieb, nicht genug nachempfinden. Ob aus Not oder aus Neugier: Sie waren Entdecker und Sucher. Und sie stellten bei ihren Streifzügen über die Insel fest, dass es dort dieses schwarze Gestein gab. Und dass Klingen aus diesem Gestein härter waren, schärfer schnitten, widerstandsfähiger waren als jedes andere Gestein, das diese Menschen kannten. Obsidian wurde zum begehrten Gut.
Zur „neolithischen Revolution“ gehört auch, dass die Menschen begannen, sich zu spezialisieren. Nicht mehr jeder im umherziehenden Nomadenclan machte alles und sammelte alles. Sondern die einen konzentrierten sich auf die eigentliche Landwirtschaft. Wieder andere im Clan begannen, Werkzeuge herzustellen. Und diese fortlaufend zu verbessern. Und vor allem: dieses Wissen auch an andere weiterzugeben. Nur so ist zu erklären, dass Pfeilspitzen und Messerklingen aus dem glasharten Obsidian immer perfekter, immer ebenmässiger und wertiger wurden. Die Obsidianfunde im Foto unten aus dem etwa 50 Kilometer entfernten Paros zeigen, was für perfekte Handwerker die Menschen um 4.000 vor Christus bereits waren:
Es bedarf eines unglaublichen Know-Hows und der Erfahrung vieler Generationen an Steinbearbeitern, bis die Menschen um 4.000 vor Christus in der Lage waren, die fein gearbeiteten, nur fingergroßen Pfeilspitzen in der oberen Reihe oder die Lanzenspitzen unten rechts herzustellen. Produkte wie diese müssen ausgesprochen begehrt gewesen sein: und ihr Rohstoff, der unbehauene Obsidian auf Milos wurde immer gefragter. Dies muss der Punkt gewesen sein, an dem unsere heutige Wirtschaftsform entstand: Handel. Angebot und Nachfrage. Bedarf und Begehren. Das große Feilschen, das bis heute anhält und unser aller Leben bestimmt, es begann hier.
Immer öfter müssen Menschen nach Milos gefahren sein, um den begehrten Rohstoff Obsidian dort zu holen: ihn entweder über die Insel streifend selber aufzulesen. Und mitzunehmen, was gefiel. Oder ihn korbweise zu sammeln. Oder ihn bei dort ansässigen Sammlern, die dessen Wert kannten, einfach einzutauschen gegen etwas, das die Obsidiansammler selbst benötigten. Saatgut? Purpurfarbe aus Muscheln? Der Handel entstand. Und mit ihm die Seefahrt.
Der Obsidian aus Milos verbreitete sich immer weiter. Bearbeitete Fundstücke finden Archäologenheute an der türkischen Küste, auf dem griechischen Festland und in Süditalien. Auf Sizilien, Sardinien. Gute Obsidianklingen wanderten von Hand zu Hand, von Generation zu Generation. Selbst als um 3.000 vor Christus einige hundert Seemeilen weiter östlich ein ganz neuer Werkstoff entwickelt wurde, die Bronze, blieb Obsidian weiterhin der begehrte Wertstoff und hatte seinen Höhepunkt erst noch vor sich. Die meisten bearbeiteten Obsidian-Werkstücke, die Archäologen heute finden, wurden vermutlich in der Bronzezeit hergestellt. Und das Rohmaterial dazu: das stammte aus Milos.
Bei meinen Wanderungen über die Insel Milos, über die ich bereits in einem vorigen Kapitel schrieb, fand ich oben auf dem Grat über dem Meer ein kleines Steinzeitmesser aus Obsidian. Dessen Schneide ist heute immer noch so scharf wie vor 5.000, 6.000 Jahren, als Steinzeitmenschen dieses Messer aus einem größeren Obsidianbrocken heraussprengten. Und es über Generationen verwendeten. Und wer heute wissen will, warum Obsidian über mehrere Jahrtausende so begehrt war: In diesem Video (HIER KLICKEN) zeige ich, wie man mit einem kleinen, auf dem Grat von Milos gefundenen Obsidianmesser heute, 5.000 Jahre nach Verwendung dieses Messers durch Menschen der Steinzeit, immer noch eine Zucchini schneiden kann.

Zum Video hier klicken.

Video of the Day: Wann hat man eigentlich genug vom Türkis des Meeres?

Gestern fragte mich meine Frau: „Und wie gehts Dir, nach vier Monaten auf dem Meer: Ist Dir da das Blau nicht manchmal zuviel? Keine Sehnsucht nach Wäldern, nach Kühle, nach schneebedeckten Bergen?“ 
Ich muss nicht lange nachdenken: Nein. Es gab keinen Moment, wo mir das Meer über gewesen wäre. Selbst in den letzten zehn Tagen, in denen ich mich mit Fieber und einer Virusgrippe herumschlug und alles andere als fit war: Das Blau des Meeres behält seine Faszination. Und selbst jetzt, wo die Tage in der Türkei kürzer werden: die Sonne geht gegen halb acht auf und gegen sieben hinter den Bergen unter, gibt es Stellen, wo das Meer noch ein klein wenig mehr Türkis ist als anderswo. Und das sanfte Rauschen ein klein wenig sanfter. Und das leise Wiegen des Schiffes noch ein klein wenig intensiver. So wie hier, in der Bucht von Bozburun, wo heute Morgen dieses Video entstand.

Im Vergleich: Sechs Onlinewetter-Dienste bei Starkwind-Vorhersage. Und was man daraus lernen kann.


Die Kykladen sind im August als Starkwindrevier bekannt. Prompt kündigen Windguru (oben) und Windfinder für Montag/Dienstag 18./19. August Starkwind bis 7 bft. an. In der Isobarenkarte sieht das Ereignis so aus:

     Griechenland ganz rechts außen, neben dem grünen Balken. Zwischen einem Hoch über Sizilien und einem Tief über der Osttürkei „stauchen“ sich die Isobaren ein klein wenig. Nichts Ungewöhnliches. Aber eben bis 7 bft.


Ich beschließe, mich in die Nordecke von Paros, in die Bucht von Naousa zu verholen und dort vor Anker sechs Online-Dienste zu testen: 
Wie zutreffend sind die Vorhersagen? 
Wie präzise?
Reichen denn die kostenlosen Online-Dienste aus? Braucht man wirklich einen Kostenpflichtigen?
Wie sieht die optimale Törn-Vorbereitung aus?
Und: gibts tatsächlich „The-One-and-Only“: den einen Online-Dienst, der besser ist als alle anderen? Und alle anderen überflüssig macht?

Hier die Ergebnisse:

Die getesteten Wetterdienste
1.1 Die „Tabellarischen“
Sie geben in übersichtlicher Tabellenform die Ergebnisse wieder.



Ist seit Jahren im Standardrepertoire der meisten Fahrtensegler: vor allem auf Kiter, Paraglider, Surfer, Segler spezialisiert. Aber ist er „der Beste“?


Weniger bekannt, von mir seit Jahren bevorzugt ob seiner vielfältigen Programmier- und Einstellungsmöglichkeiten: www.windguru.cz. Genauso wie Windfinder auf weltweit auf Kiter, Paraglider, Surfer, Segler spezialisiert. Aber finde ich ihn nach dem Test immer noch gut?




Der Online-Wetterdienst des HELLENIC NATIONAL METEOROLOGIC SERVICE. Was Offizielles. Ich benutze hier besonders die Seite mit den WARNINGS. Schmucklos, spartanisch, lakonisch, wertvoll. Reicht das?




1.2 Die grafischen Windkarten



Allen Griechenland- und Türkei-Fahrtenseglern bestens bekannt. Windkarten im Drei-Stunden-Takt. „Blau“ für Entwarnung, „Gelb“ ist dann schon 5 bft., „orange“ entsprechend darüber bei 6,7, 8 bft.




Weniger bekannt. Ebenfalls einfache Windkarten im 3-Stundentakt.



1.3 Kostenpflichtige App

Meteo Consult


Für mich der Neuling im Sextett, eine Empfehlung eines MARE PIU-Lesers. Wartet mit einer verblüffenden Informationsdichte auf: Lokales Wetter, frei wählbares, einstellbares Streckenwetter, Isobarenkarte, die das „große“ Wettergeschehen erklärt. Aber liegt METEO CONSULT auch richtig?


PocketGRIB


PocketGRIB kann man sich im Appstore herunterladen für wenige Euro und liefert dafür regionale Windkarten für animierte, eine Woche weit reichende Wetterfilme inklusive Regenvorhersage. Großer Vorteil: Klitzekleine Download-Mengen von wenigen kb (!!) machen PocketGRIB auch für den Download in Gebieten mit ganz schlechtem Empfang attraktiv. Aber macht das allein schon PocketGRIB zu einem guten Instrument?



Was sich tatsächlich am 18./19. August in Naousa/Nord-Paros abspielte

Pünktlich und gemäß allen Vorhersagen stieg der Wind in der Nacht von Sonntag auf Montag deutlich an. Höchste gemessene Knotenzahl dann am Montag Abend mit 36 Knoten. Höchster Durchschnittswert knapp 19 Knoten. Dienstag Vormittag Wetterberuhigung, Nachmittag erneut auffrischender Meltemi. 
Und an Bord vor Anker fühlte sich das so an wie im Video:

Zum Video hier klicken.

Die Testergebnis in sieben Punkten:

1. Der Beste
Gleich vorweg: Den gibt es nicht! Bei diesem „eindeutigen“ Windereignis lagen alle getesten Wetterdienste mehr oder minder richtig. Unterschiede gibt es, wie genau die Wetterdienste an die gemessenen Knoten-Spitzenwerte herankamen. Und da war am zuverlässigsten der lakonisch-wortkarge Grieche HNMS. Der sagt aber einfach nur „NW 6 or 7“. In der Knotenzahl stimmt das annähernd. Aber im zeitlichen Verlauf ist es zu wenig aussagefähig.

Fazit: Einer allein reicht nicht. Es hilft nicht: zwei bis drei Wetterdienste sollten nach wie vor herangezogen werden.


2. Die Spitzenwerte: zu niedrig vorhergesagt
Der Montag brachte in Naousa auf Nordparos fast durchweg Spitzenwerte in den Dreissigern. Das ist in diesem Starkwindrevier immer mal „drin“. Nur: endeten die Vorhersagen fast aller Wetterdienste bei 26 und 27 Knoten.

Fazit: Zukünftig immer 10 Knoten zum Spitzenwert dazurechnen. Dann liegt man – was die Ägäis angeht – nicht verkehrt.


3. Die Durchschnittswerte: zu hoch vorhergesagt
22-27 Knoten – wie die meisten prognostizierten – war selten. Der höchste drei-Stunden-Durchschnittswert am Montag Nachmittag lag bei 18,9 Knoten, also weit geringer.

Fazit: In den Spitzen wirds deutlich mehr als vorhergesagt. Das Mittel liegt drunter.


4. Was ist besser: kostenlos oder „paid“?
Die kostenlosen Wetterdienste reichen für mich als Fahrtensegler vollkommen aus. und lassen wenig Wünsche offen. Lokale Gegebenheiten wie Kap- oder Düsen-Effekte, Winddreher zwischen Inseln halte ich für schlicht nicht voraussagbar, zumal in der Ägäis. Da gibts immer nur Näherungswerte.
Ebenso ist eine Vorhersage von mehr als einer Woche kritisch zu betrachten – so gerne man es auch hätte.

Eine Einschränkung: Da nur eine kostenpflichtige App im Test war und PocketGRIB für mich eher „mittelmässig“ abschnitt, ist der Anteil der getesteten „Kostenpflichtigen“ nur mit Einschränkung repräsentativ.


5. Was ist besser: Tabellarisch oder Grafisch?
Auch hier ergibt sich kein „besser“, kein „schlechter“. Der Mix aus beidem macht es: Eine „tabellarische“ Wettervorhersage wie die von WINDFINDER oder WINDGURU erlaubt eine halbwegs verlässliche Vorausschau auf eine Woche. Mit einem Blick.
Eine gute Windkarte wie die von POSEIDON erlaubt einen Überblick über über das großräumige Wettergeschehen. Auf einen Blick. 
Aus beidem kann man gut Schlüsse ziehen, was die eigene Taktik angeht: Gehe ich die nächsten drei Tage in den Kykladen südlicher? Oder hat’s da ein Beaufort mehr Wind? Bleib ich, wo ich bin? Oder sieht’s im Norden von Paros besser aus?


6. … ja aber: was ist denn jetzt wirklich der Beste?
Klarer Punktsieger: METEO CONSULT.
– lag (in diesem Fall!) ziemlich richtig.
– bietet mit Tabellarischer und grafischer und Isobarenkarte informativ am meisten.
– bietet auch „Streckenwetter“
Sollte man sich auf alle Fälle ansehen. Allerdings habe ich später in der Türkei die Erfahrung gemacht, dass METEO CONSULT gerne mal „Starkwind“ vorhersagt, wo alles ruhig bleibt.

Zweiter Sieger: Windguru, fast gleichauf Windfinder
– lag ziemlich richtig; zuverlässig
– für jeden Ort ist das Wetter programmierbar

Dritter Sieger: HNMS, fast gleichauf Poseidon
– nationale Wetterdienste, die man einfach immer auch heranziehen sollte.


7. … und wie ermittle ich jetzt das Wetter auf meinen nächsten Törn?
Nicht anders wie bisher:
– Täglich in drei Wetterdienste der unter 6. genannten Testsieger schauen: 
In einen „Lokalen“. 
In einen „Tabellarischen“. 
In einen „Grafischen“.
– deren Vorhersagen für die nächsten drei Tage in mein Logbauch aufnehmen;
– nach der besten Vorhersage fahren. Aber einen „Plan B“ in der Tasche haben, wenn die schlechteste Vorhersage eintritt.

Menschen am Meer: Heute beim Bäcker. In der Bucht von Bozzukale, Südtürkei.

Das hier ist Süle. Jeden Morgen, so gegen sieben, heizt Süle in der Bucht von Bozzukale, dort, wo in der Antike die Stadt Loryma lag, den großen Steinofen an. Und backt Brot für die Yachties, die in der Bucht ankern. Der Ofen ist aus einfachen Bruchsteinen gemauert, man sieht ihn rechts im Hintergrund. Süle schichtet einfach dürres Reisig und wenige trockene Kiefernäste in die Ofenöffnung und zündet das Holz an. Der Ofen hat keinen Kamin, der Rauch wogt und wabert und haucht im Wind durch die Ofenöffnung, bis die Innenwände heiß sind.
Das dauert nicht lange. Vor dem Ofen warten in feuchte Tücher eingeschlagene Teigfladen, die Süle in die Öffnung schiebt. Davor kommt dann ein Blech, das aussieht, als wäre es von einem alten Ölfass übriggeblieben (Foto oben). Süle klemmt es mit dem Brotschieber fest.

Und wiederum keine Viertelstunde, dann sind die Brote fertig. Ihr Duft ist unbeschreiblich.

Und wieviel muß man für das Vergnügen ausgeben, eines von Süle’s Broten zu probieren? 
Ein Brot kostet bei Süle 5 Türkische Lira, umgerechnet 1,35 €. Für türkische Verhältnisse ist das nicht wenig – ein Brot kostet im Durchschnitt 1 TL, etwa 27 Cent (!). Ein Brot, nicht ein Brötchen! 
Aber in die Bucht von Bozukkale führt keine Straße, es gibt keinen Strom, und Wasser nur aus dem Brunnen. Alles muss mit Booten auf dem Seeweg mühsam herangeschafft werden. Und der Umgang mit den Yachties, die einfach ganz andere Preise für Brot gewohnt sind als 27 Cent, tut ein Übriges.
Also sind 5 Türkische Lira ein ausgesprochen fairer Preis für die Brote, die Süle jeden Morgen heiß verkauft.

Die vergessenen Inseln: Milos. Oder: Wenn Tonscherben erzählen.

Die Bucht Agiou Dimitriou im Norden des Vulkankraters, der die Insel Milos heute bildet. Genau gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, ein Hang voller Tonscherben. Um ihn geht es in diesem Beitrag.
Es gehört zu den Besonderheiten einer Reise durch die griechische und türkische Ägäis: Wo immer man den Fuß an Land setzt, tritt man in antike Tonscherben. Für einen Historiker ist allein das schon jeden Tag ein Fest: Scherben von Tonkrügen. Von Weinbechern, mit denen gefeiert und gelacht wurde. Reste von Amphoren, in denen Brotgetreide, Haselnüsse, Fischsauce transportiert wurde. Tonkrüge, in den Kräuter, Weihrauch, Parfüm, Gewürze gehandelt wurden. Zeugnisse des Lebens vor 2.000, 3.000 Jahren, wohin man auch schaut, wohin man auch tritt. Siedlungen, Händlerorte, Festungen, Hafenstädte, Werften zur Reparatur von Kriegsschiffen oder dickbauchigen Handelskähnen. Belebt in den 1.000 Jahren vor Christi Geburt. Untergegangen, aufgegeben, verlassen meist 500 Jahre nach dessen Ende.

Und weil das Entdecken dieser untergegangenen Welt so fesselnd ist, habe ich schon vor längerer Zeit ein Abendritual entwickelt. Wo immer ich gerade bin, rudere ich mit dem Schlauchboot an Land. Und streife bis Sonnenuntergang in der Landschaft umher. Den Kopf gebeugt, immer auf der Suche nach der einen Tonscherbe, die plötzlich zu reden beginnt. Es ist wie eine Detektivarbeit.

Für die meisten Menschen sind Tonscherben – wie alles aus der Antike – „tote Steine“. Auch für Andreas, der mich bei meinen Wanderungen auf Milos begleitet. Aber auch er wird leise, als ich ihm die Geschichte erzähle, die eine Handvoll Tonscherben vom Leben in dieser Bucht vor über 2.600 Jahren erzählen, die wir oberhalb der Bucht von Agiou Dimitrou, unserem Ankerplatz, finden. 

Tonscherben sind so eine Art „Plastiktüten-Reste der Antike“: Behälter für Transport und Aufbewahrung. Von Nahrung und anderem. Und genauso wie Plastiktüten sind Tonscherben individuell gestaltet: Mal sind sie dickwandig, aus grobem Material, von grobschlächtiger Hand geformt. Mal ganz fein und zerbrechlich und zeugen von teurem Geschmack. Mal sind sie geriffelt, mal bemalt. Mal dünnwandig, mal dick. Mal Bruchstücke eines großen Gefäßes, einer Amphore, mal von einem kleinen Weinbecher, einem Krater.  

Das besondere an antiken Tongefässen ist zweierlei: Meistens wurden sie nicht an dem Ort hergestellt, an dem man sie findet. In verschiedenen Phasen der Antike gab es jeweils andere Produktionsstandorte, die den Markt beherrschten: Die Minoer auf Kreta um 1.500 vor Christi Geburt. Danach die Mykenier, die das Handelsnetz der Minoer übernahmen, bis 1.200 v. Chr. Danach die dunklen Jahrhunderte. Dann die Korinther ab 800. Dann die Athener um 500. Zuletzt die Römer. Und jede dieser Keramik-Produktionsstätten hatte eine ganz eigene Art, Tongefässe zu gestalten. So dass sich aus Verarbeitung und Gestaltung Hinweise ergeben, welchem großen Exporteur und welcher Epoche die Tonscherben zuzurechnen sind.

Und je nachdem, was man so findet, kann man sich ein bisschen von dem zusammenreimen, wer hier wann, warum und wie gelebt hat. Das geht auch als Laie. Zwar nicht annähernd mit der Treffsicherheit der Archäologen. Aber die liegen oft auch Jahrhunderte daneben.

Und das ist, was wir an diesem Abend auf Milos entdeckt haben:


Und diese Scherben erzählen folgende Geschichte über die Besiedlung der Bucht (im Uhrzeigersinn, beginnend ganz oben):

Die ersten Menschen kamen übers Meer, und sie siedelten hier vermutlich bereits zwischen 5.000 und 3.000 vor Christi Geburt. Damals lagen die Meeresspiegel noch mehr als 100 Meter tiefer, es war erheblich kälter, die letzte Eiszeit lag gerade mal 5.000 Jahr zurück. Wegen des niedrigeren Meeresspiegels waren die Inseln alle etwas näher als heute. Trotzdem müssen die Siedler, die das kleine Steinzeitmesser, das Microlith (ganz oben im Bild auf 12 Uhr) benutzten, schon eine weite Strecke über das Meer gefahren sein – und das vermutlich in kleinen, aus Schilf geflochtenen Kanus. Es war eine Gemeinschaft von Jägern, die an dieser Stelle lebte. Und: weil sie ganz oben auf dem Grat lebten, nach damaliger Rechnung 200 Höhenmeter über dem Meer, muss es in einer Zeit gewesen sein, in der kriegerische Auseinandersetzung zwischen einzelnen Clans auf der Tagesordnung waren. Auch dies: Krieg, die Waffen gegen die eigene Art erheben, ist eine Erfindung des neueren Menschen.

In den Jahrhunderten zwischen 1.700 und 1.300 vor Christus schufen die Kreter zum ersten Mal ein Handelsnetz im östlichen Mittelmeer: Die Bronzezeit war angebrochen, der Hunger nach dem neuen Werkstoff für Werkzeug und Waffen unersättlich. Die Kreter schafften Kupferbarren von der Kupferinsel, von Zypern, heran. Und die für die Legierung erforderlichen 10% Zinn aus dem Schwarzen Meer. Und von dort überall hin im östlichen Mittelmeer, bis hinunter nach Tameri, nach Ägypten. Und später Getreide, Wein, Textilien, Weihrauch, Bauholz, wer weiß was noch alles, in alle Richtungen. Es war eine Welt in der Blüte. Und die kleine Bucht von Milos war Teil dieser Welt: hier existierte vermutlich eine kretische, wahrscheinlicher: eine mykenische Handelssiedlung – die kleine Tonscherbe rechts neben dem Microlith gehört aufgrund des geometrischen Musters vermutlich in die Zeit um 1.000 vor Christus. Händlersiedlung: das bedeutet Händler. Und Handwerker, die Waren schufen, die ihrerseits für den Export geeignet waren. Wer weiß, worauf sich die Handwerker von Milos spezialisiert hatten. Und Bauern, die für die Versorgung der Bevölkerung zuständig waren.



Um 1.200, zeitgleich mit dem Untergang Troyas, brach diese Händlerwelt im östlichen Mittelmeer komplett zusammen. Die Seevölker, aus Völkerwanderungsprozessen hervorgegangene Gemeinschaften von Plünderern verheerten, zerstörten, plünderten binnen Stunden, was Jahrhunderte lang ein funktionierende Wirtschafträume waren. Vom Peloponnes über die türkische und libanesische Küste bis hinunter nach Ägypten zog sich sich die Verwüstung über 200 Jahre. Erst die Phönizier, die Purpurhändler um 1.000 vor Christus aus Tyros im heutigen Libanon, begannen, wieder ein Handelsnetz aufzubauen. Doch diesmal noch weiter: Erst bis Sizilien, dann Sardinien, dann Nordafrika, wo sie Karthago gründeten. Bis über Gibraltar hinaus nach Protugal zog sich ihr Handelsnetz. 

Um 800 vor Christus trat Korinth als führender Händler neben den Phöniziern mit auf den Plan, wurde um 500 vor Christus durch Athen abgelöst. Korinthische und athenische Töpferwaren fanden reissenden Absatz, man findet ihre Überreste fast im gesamten Mittelmeer-Raum – auch in unserer Bucht auf Milos: Die braun bemalten Tonscherben rechts oben im Bild stammen aus dieser Zeit und zeigen, dass Milos wieder eine Händlersiedlung hatte. Und eine, die funktionierte: Denn auch der Großteil der übrigen Tonscherben gehört vermutlich in diese Zeit, in der die Siedlung wahrscheinlich am größten war. Hier müssen viele Menschen gelebt haben, der Hang ist voll von Amphorenhenkeln, Krugscherben, Becherresten.


Ganz oben auf dem Grat finde ich Teile eines fein gearbeiteten, dünnwandigen Weingefässes aus dieser Zeit. Vielleicht war es – wie so oft – so: Am Hang, um den heute verlandeten Hafen, lebten Händler, Handwerker, Sklaven. Produzierten, fabrizierten, trieben Handel, kochten. Stritten, liebten, lebten. Oben auf dem Grat war die Garnison, die den Händlerort schützte. Vielleicht auch ein Tempel. Und vielleicht war mein kleiner Tonrest Teil eines Weihegeschenks, bevor der Ort vermutlich am Ende der Römerzeit aufgegeben, verlassen und nie wieder richtig besiedelt war. So wie in der Antike.










Alle im Bild gezeigten Tonscherben verblieben an ihrem Fundort: dem Nordhand über der Bucht Agiou Dimitrou auf der Insel Milos.
Special Thanks to Andreas Meyer for Fotography.



Menschen am Meer: Giorgos. Oder: Muränen sterben langsam.

Der da nach unserem Anleger auf Milos an LEVJE vorbeischwimmt, ist Giorgos. Er ist Lehrer und lebt eigentlich in Athen. Aber wie so viele Griechen, die ich unterwegs kennenlerne, kehrt auch Giorgos einmal im Jahr zurück, dorthin, wo er aufgewachsen ist: Nach Milos. Und dort verbringt er eine gute Zeit. Meistens mit Freunden, und auf einem kleinen Motorboot, Auf dem kleinen Motorboot sind zwei Familien versammelt: Giorgos‘ Freund mit Frau und Kind. Eine Freundin. Mit Kind. Und Giorgos. Sie liegen da. Schaukeln in den Wellen. Machen Musik. Ein friedliches Völkchen.
Und weil ja Abends etwas auf den Teller muss: zieht Giorgos mit seiner Harpune los. Im Bild oben ist er schon auf dem Rückweg. In der Felswand hat er eine mittelgroße Dorade harpuniert. Und eine braune Muräne. Man sieht sie, oben, im Foto, an der Spitze der Harpune.
Giorgos ist stolz über sein Jagdglück. Muräne gegrillt sei köstlich. Und das weiß auch ich, seit ich in diesem Winter in LEVJE’s Heimathafen Izola in Slowenien gegrillten Meeraal vorgesetzt bekam. Im RIBICA, das von Fischern betrieben wird. Es war einer der besten Fischteller, die ich je vor mir hatte.

Aber leider ist die Muräne noch nicht verendet. Sie kämpft. Und krampft. Und windet sich zu einem Knäuel. Und versucht, sich irgendwie von der Harpune zu befreien, das scheußliche Ding loszuwerden.
Eh ich michs versehe, hat mir Giorgos die Harpune in die Hand gedrückt, samt der sich windenden Muräne. Er schnorchelt zum Grund, und als er wieder auftaucht, hat er eine Steckmuschel in der Hand. Gegrillt ein Gedicht, meint Giorgos. Und er will sie mir schenken.

Aber so weit geht meine Experimentierlust heute nicht. Während ich noch mit der Muräne in der Hand dastehe, fällt mir dazu schon nichts Vernünftiges ein, wie ich dem Leiden der sich windenden Kreatur auf der Harpune ein schnelles und für mich nicht akzeptables Ende setzen könnte. Keines, über das ich hier gerne schriebe. Nein. Heute keine Steckmuschel auf dem Grill.

Die Muräne erinnert mich daran, wie wir überall mit Tieren umgehen, auch bei uns in Deutschland. Das Schwein, das meine Großmutter zu ihrer Goldenen Hochzeit schlachten ließ, bei sich im Hof. Der Metzger, der Fischer-Seppl, ging zielstrebig zu Werke, er wußte, wie er es machen mußte. Aber trotzdem ließ die ganze Prozedur samt fröhlichem Kesselfleisch-Essen der Gäste den Achtjährigen verstört zurück. Ich habe nie Kesselfleisch gegessen. 
Da ist sie dann wieder, die moralische Frage: 
Auf der Stelle Vegetarier werden? Ändert nichts an der Tatsache, dass genau in diesem Augenblick, wo immer wir uns gerade befinden, in geringster Entfernung Tiere geschlachtet werden. Und uns in guter deutscher Manier raushalten? Ich fürchte, die Zukunft wird uns Anderes abverlangen. 
Augenblicklich eine Initiative gegen das Harpunieren gründen? Aufkleber verteilen? 
Oder einfach den freundlichen Giorgos schelten? Und was, wenn er mir das Wort WIESENHOF und WIETZE um die Ohren haut? 432.000 geschlachtete Hühner. Pro Tag. Und das ist nur EINER von vielen Hühner-Schlachthöfen in Deutschland. Die Fischfarmen, die mich auf meiner ganzen Reise von Triest bis hierher begleiteten?
Nein, ich fürchte, dies ist, was man „Leben“ nennt, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit. Wir können den Kreaturen, die für uns ihr Leben lassen, mit Respekt begegnen. Für artgerechte Aufzucht und ein erträgliches Ende ohne Qual sorgen. Das ja. Aber das „Stirb und Werde“ und unsere Rolle dabei: daran werden wir wenig ändern. 

Segeln mit Nicht-Seglern: 7 Tipps für einen gelungenen Törn mit Leuten,die zum ersten Mal auf dem Meer sind.

    Eine typische Charter-Crew im Herbst in der Ägäis. Mit Begeisterung auf dem Meer, auch wenn es überwiegend Nicht-Segler sind. 

       Hier 7 Tipps, wie man als Skipper seiner Crew ein sicheres Gefühl gibt. 


Über das Segeln mit „Nicht-Seglern“ gibt es ein schönes Experiment: 1988 verloste der STERN, damals noch in Saft & Kraft, zwei Segelreisen mit Weltumsegler Wilfried Erdmann. Über den Atlantik. Bedingung an die Teilnehmer: noch nie gesegelt zu sein. Jeweils acht Teilnehmer durften mit auf das von Wilfried Erdmann ausgewählte und ausgerüstete Schiff, die GATSBY. Und über diese Reise, einmal Amerika hin, einmal zurück, hat Erdmann ein immer noch lesenswertes Buch geschrieben: EIN UNMÖGLICHER TÖRN.
So in die Extreme geht meine Woche als Skipper in der Ägäis natürlich nicht. Meine Crew besteht aus Freunden. Sie sind zwischen 60 und 72 Jahre alt, schon mehrfach mitgesegelt. Sie kennen das Bordleben. Sie mögen das Draussensein. Sie lieben das Meer. Seekrank (so gut kann sich jeder einschätzen) wird keiner. 
Trotzdem: den Palstek kann keiner. Wie die Technik auf einer Yacht wie der SUNNY, unserer 50-Fuß OCEANIS funktioniert, weiß keiner. Navigation? Anlegen? Nein. Alles zwar keine Segel-Novizen. Aber eben „Nicht-Segler“. Und da ich immer gerne Segeln ging mit Leuten, die zum ersten Mal segeln, hier meine 7 Tipps zum Segeln mit Nicht-Seglern:

1. Wie stellt man eine gute Crew zusammen? 
Wie schätzt man ein, ob jemand überhaupt als Mitsegler in Frage kommt?
Natürlich kann man als Skipper Leute einfach mitnehmen. Nach dem Motto: „Wird schon wissen, worauf sie sich einläßt.“ Ich habe es mir zur Regel gemacht, mit Mitseglern einfach kurz zwanglos zu telefonieren oder zu mailen. „Hallo, ich bin der Thomas. Wollt‘ mich mal melden…“ Wichtig daran ist das Abklären zweier banaler Grundfragen:

„Hast Du schon mal im Zelt geschlafen?“ 
„Bist Du schon mal auf einem Campingplatz gewesen?“ 
Wenn Segelinteressierte bei diesen Fragen zucken: sollten Sie genauer nachhaken. Denn von der Lebensform her ist Segeln nichts anderes als „Camping auf dem Wasser.“ Viel Draussen sein. „Stinkeinfache“ sanitäre Verhältnisse. Sowohl auf dem Boot. Als auch im Hafen. Schräglage. Knarrendes Tauwerk. Überlaute Hafen-Discos. Dinge, die man nicht ändern kann. Mit denen man sich arrangieren muss. Wenn man das nicht kann: wird’s für alle zur Qual.

    Hier hat sich Weltumsegler Haluk Karamanoglu ein Paradies geschaffen: Der GLOBAL SAILING CLUB in der Bucht von Karaca Koyu, wo Haluk junge Segelbegeisterte auf LASER und OPTIMIST ausbildet. Und seinen Enten ein friedliches Leben beschert…

2. Kann man vorher einschätzen, ob jemand seekrank wird?
Nicht 100%ig. Aber zu 70% geht das. Denn so gut kennt jeder sich selber: Es gibt Menschen, denen wird schon beim Anblick eines Ruderbootes schlecht. Dann rate ich von einem Segeltörn ab. Christian wollte unbedingt segeln. Hatte sich aber vorher mein Video von der Überquerung der Straße von Otranto angesehen. Und meinte dann: da würde ihm schon leicht schlecht. Ich habe die Entscheidung ihm überlassen, aber letztlich hat er abgesagt. 
Einfach mit Interessierten locker über das Thema reden. Denn auch dies kann auf einem Törn für alle belastend werden.

3. Klare Regeln
Dazu gehört das Thema Alkohol. Ich bin da ziemlich eisern, und als ich meiner Crew meine Regel zum ersten Mal verkaufte, mussten die schon schwer schlucken. Aber mittlerweile schätzen sie es. Meine Regel: 
„Sind wir im Hafen oder vor Anker, könnt Ihr machen, was Ihr wollt. 
Sind wir draussen: Kein Alkohol. Ausnahme: ein „Stützbier“. In der Mittagshitze.“ 
Mittlerweile fragt mich meine Crew, alles gestandene Firmenlenker, ganz schüchtern mittags, ob ich ein Stützbier genehmigen würde. Süß. Und nebenbei gesagt: Richtigen „Saufing-Törns“ wirkt man mit dieser Regel auch entgegen.
Regel ist auch für alle Mitsegler: Frag den Skipper.
Wenn Dir irgendetwas komisch vorkommt. Frag den Skipper. Wen Nachts etwas nicht koscher ist: Frag den Skipper. Wenn Du irgendetwas am Schiff siehst, was komisch aussieht: Frag den Skipper. Wenn jemand knapp vor unserem Bug ankert: Frag den Skipper. Wenn Du nicht weißt, ob Du den Skipper fragen sollst: frag den Skipper.

    Die Einfahrt in die Bucht von Bozburun auf der Halbinsel Datca.

4. Klare Ansagen
Eine Crew von fünf, sechs Leuten ist – was das morgendliche Ablegen angeht – manchmal wie ein Sack Flöhe. Die Backschaft geht noch mal eben ein Brot holen, was den anderen animiert „Ich könnt ja noch mal schnell duschen“. Und wupps: steh ich allein da, die Stromschot in der einen, den Festmacher in der anderen Hand und will ablegen.
Meine Regel: Ist die meines alten Segellehrers: Ich vereinbare „7, 8, 9“. Heißt: „Sieben Uhr aufstehen. Acht Uhr Frühstück. Neun Uhr Ablegen.“ Das funktioniert natürlich auch als „6, 7, 8“. Oder „9, 10, 11.“ Aber man muss es klar ansagen. Und wenn man das mit seiner Crew am Vorabend bespricht, dann klappt das auch. Spätestens am dritten Tag. ;-)
Die klare Einteilung der Crew vorab: 
Wer macht die Bordkasse? 
Wie wird die Backschaft erledigt und eingeteilt?
Falls erforderlich: Wer nicht Backschaft hat, kümmert sich morgens um eine saubere Plicht.
Ist das dann aber erfolgt: hält man sich als Skipper bei diesen Themen raus. Es ist begeisternd für jedes Crewmitglied, eine Aufgabe zu haben. Das ging auf diesem Törn so weit, dass Lutz nervös wurde, wenn ich mir in der Küche zu schaffen machte. Das war SEIN Revier. 
Und eigentlich würde ich auf solchen Törns jemanden ernennen, der sich auch für die Landgänge und Restaurantwahl zuständig erklärt. Um das Schiff kümmere ich mich gerne. Es nervt mich, wenn ich als Skipper plötzlich zum „Gesamt-Reiseleiter“ mutiere. 

    Ankern in der Antike: Das Amphittheater von Knidos, darunter die aus der Antike stammenden, zusammengefallenen  Reste der gewaltigen Kaimauern.

Notrollen:
Auch wenn es da immer betretenes Schweigen gibt, spiele ich Notsituationen durch. Bevor wir erstmals Ablegen: 
1. Jeder legt mal seine Schwimmweste an. Und passt sie sich auch an. Das machen wir solange, bis jeder das Anlegen seiner Schwimmweste beherrscht. Und jeder „seine“ Schwimmweste samt Lifebelt mit in seine Kabine nimmt.
2. Ich spiele bei diesem Gespräch die Notsituationen „Feuer“, „Wasser-Einbruch“ durch. Und erzähle, was wir machen werden, wenn. Und teile schon mal die Leute ein. Einfach laut mal durchspielen, wie wir das machen, wenn’s auf dem Herd brennt.
3. „Man over Board“: Das Wichtigste für mich hier, wenn man nicht wochenlang auf dem Meer ist: „Laut Lärm machen, wenn jemand über Bord geht.“ Sowohl der, der der fällt. Als auch die, die es sehen. Durch lautes Rufen alarmieren.
5. Die Ängste der Mitsegler
Betreffen meist nicht die Dinge, die auf See zur wirklichen Bedrohung werden. 
Ein Beispiel: Thema Nummer eins ist „Und wenn das Boot umkippt?“ 
Auf einem September-Törn in der Ägäis und nicht in den „Roaring Forties“ keine wirkliche Gefahr. Ich erkläre zunächst mal unseren Eisenkiel mit 40% Anteil am Gesamtgewicht. Und dann lasse ich, wenn der Wind zum ersten Mal etwas bläst, die Welle aber noch klein ist, zuviel Segel stehen und reffe nicht. Einfach, um mal das Schiff kennenzulernen. Dann weiß jeder, wie sich das Schiff bei Lage anfühlt. Dann fahren wir die erste Wende. Und meist stellt sich dann bei den meisten Vertrauen ein.
„Werde ich seekrank?“
Das kann man meist schon nach dem ersten Seetag beruhigend verneinen. Aber „Zwiebelschneiden unter Deck“ wird während der Fahrt dann doch für manchen zur Überraschung.
Echte Gefahren hingegen können nicht eingeschätzt werden: Zum Beispiel die „Paraglider-Schleppboote“. Vor Kos, vor Turgutreis, vor Marmaris. Die kleinen, langsam fahrenden Motorboote weichen nämlich selbst einem Segler nicht aus. Und schwupps: sind die mit ihrem Drahtseil bis auf 10 Meter an den Mast heran.
6. Manöver allgemein
Das Wichtigste: Alle „lesen im Buch auf derselben Seite.“ Will sagen:
– Für jedes Manöver eine klare Einteilung ansagen: WER macht WAS? Und zwar kurz vor dem Manöver.
– Jedes Manöver mit drei, vier Sätzen vorher beschreiben: „Wir gehen jetzt in den Hafen durch die Einfahrt da vorne. Ich stoppe auf. Wir ziehen dann rückwärts rein in die Box, die wahrscheinlich dann links von uns liegt.“ 
Falls die Box dann doch rechts liegt: ist die Sache mit einem Zuruf geklärt. Denn jeder weiß ja, was er zu tun hat.
7. Anlegen und Ablegen
Auch hier machen klare Ansagen das Leben einfach:
Ablegen:
1. Zunächst spiele ich das Manöver im Kopf durch. Mit allen möglichen Gefahren: Seitenwind? Sich verklemmende Fender? Die Moorings der Nachbarlieger? 
Haben wir alles an Bord: Stromschot, Passerelle abgebaut? Alle Schuhe an Bord?
Das mache ich für mich. In Ruhe. Einfach drei, vier Minuten die Klappe halten.
2. DANN starte ich den Motor. Und kontrolliere in Ruhe, ob Kühlwasser kommt.
Das Starten des Motors ist aber auch für die Crew das Signal, sich zu sammeln. Und bevor nicht alle an Deck sind: sitze ich einfach nur da. Und warte.
3. Klare Einteilung der Crew: „Volker, Du machst die Mooring. Andreas, Lutz: Ihr kümmert Euch um die Achterleinen. Josef, Du hältst uns ab.“
4. Frage an alle: „Alle Klar?“
5. Erst dann, wenn wirklich alle „Klar!“ meldeten, geht es los mit: „Achterleinen los!“ usw. usw.
Anlegen:
Ich mache das genau so, als würde ich einhand Segeln:
1. Vor der Einfahrt in den Hafen: Alle Fender raus. Vorleinen, Achterleinen sind klar zum Werfen.
2. Ich gehe nicht in den Hafen, bevor nicht alles bereit ist.
3. Erklären mit drei, vier Sätzen: Was wird jetzt passieren. Ist wichtig. Denn das „Ungeahnte“, „Überraschende“, was jetzt passieren wird, ist erstmal weg. SO LÄUFT DAS JETZT. 
4. Klare Einteilung der Crew. „Wer macht die Vorleine?“ „Wie wirft man sich richtig?“ „Wer springt rüber?“ „Wer hält ab?“
5. Frage an alle: „Alle klar?“
6. Und erst wenn alle „Klar!“ meldeten, dann erst: gehts los.
Und wenn jetzt irgendetwas Überraschendes kommt – und das gibts fast immer – dann ist die Crew zu 90% informiert. Und nur zu 10% überrascht über Dinge wie: 
Die Mooring-Trosse ist armdick und läßt sich nicht belegen. Oder sie ist zu kurz.
Der Hafenkapitän will den Anleger anders (Das ist oft in der Türkei so: Sind die Achterleinen ausgebracht, noch mal vier, fünf Meter vor. Die Mooring richtig fest „anknallen“. Dann mit Gas rückwärts ran. Achterleinen ebenfalls fest „anknallen“.)
Der Seitenwind vertreibt uns. Also alles noch mal von vorn.
und 
und 
und. 
Aber das Überraschende ist dann reduziert.

Unter Segeln: Durch die Nacht. Von Monemvasia nach Milos.

Unverkennbar, drohend und von den Gewalten der Explosion des Vulkans zeugend:
Der Felsen an der Einfahrt in den Vulkankrater der Insel Milos.

Wer auf der fünf-, sechstausend Jahre alten Händler-Seeroute vom Peloponnes nach Osten, in die Inselwelt der Ägäis will, für den ist die Insel Milos das nächste Ziel, knapp 70 Seemeilen entfernt. 70 Seemeilen: das bedeutet: 130 Kilometer übers offene Meer, etwa 14 Stunden. Und weil ich gerne Milos noch bei Tageslicht erreichen will, um zu sehen, wo wir unseren Anker fallen lassen, fassen Andreas und ich den Plan: Morgens gegen drei in Monemvasia aufzubrechen.
Gegen zwei Uhr werde ich wach. Nicht ganz freiwillig: Die griechische Band, die seit elf am Hafen endlos sich wiederholende Klagelieder singt, tut das ihre dazu. Ich halte die Uhr in der Dunkelheit vor die Augen, spiele einen Moment mit dem Gedanken, mich noch einmal umzudrehen, weiterzuschlafen. Nichts da. Ich stehe auf. Andreas ist wach. Wir kochen uns in der Dunkelheit Kaffee mit warmer Milch. Ein Biss ins Brot. Schwimmwesten an, Lifebelts. Navigationslichter an. Und das kleine Dämmerlicht über dem Kartentisch. Dann raus in die sternklare Nacht. Warmer, leichter Nordost. Ein Käuzchen ruft.

Unsere Festmacher haben wir am Abend vorher schon klariert, alles soll zwischen den anderen Hafenliegern so lautlos wie möglich vor sich gehen. Es ist halb drei. Der Motor springt bullernd an, ich werfe die Achterleinen los, Andreas holt im Dunkel vorne den Anker hoch, zieht uns langsam ins Hafenbecken. Ruhig gleiten wir aus dem Hafen, vorbei an den dunklen Molenköpfen, und hinaus, südlich am Felsen der byzantinischen Festung Monemvasia entlang. Und kaum haben wir den Hafen verlassen, wird aus dem leichten Nordost ein nette 10 Knoten-am-Wind Brise: genau Levje’s Wetter. Ein Aufschießer in der Dunkelheit, erst das Groß, dann die Genua setzen, und zurück auf unseren Kurs für die nächsten 14 Stunden: auf etwa 80 Grad zieht uns der warme Wind durch die mondlose Nacht, nach Osten.
Ich übernehme die erste Wache bis Sonnenaufgang. Wie immer freue ich mich über die Geschwindigkeit, die Levje aus dem wenigen Wind herausholt: stabil über fünf Knoten aus acht, neun Knoten vorlichem Wind. Reine Freude. Ich beobachte die Segel, zupfe hier, ziehe da, optimiere, versuche die Geschwindigkeit noch zu steigern. Aber alles arbeitet hervorragend. Das Schiff läuft, die Segel ziehen, der Autopilot macht surrend seine Arbeit. Ich kann nichts besser machen in der Dunkelheit, nur auf die gelegentlichen, kleinen Windänderungen reagieren und die Segelstellung gleich korrigieren. Ich laufe auf dem Schiff herum, schaue mir mit der Taschenlampe die Segel von allen Seiten an, beobachte das Rauschen des Wassers am Bug. Levje läuft.

Wir sind allein draussen. Fast. Denn hin und wieder zieht im Dunkel ein Frachter um die Südecke des Peloponnes und geht auf Nordkurs, Richtung Athen und Piräus, auch das ist eine uralte Händlerroute, der sie folgen. Und wie so oft, wenn ich in der Morgendämmerung mit Ostkurs unterwegs war, foppt mich der im Osten aufgehende Morgenstern, die Venus. Zuerst denke ich, es ist das Topplicht eines anderen Seglers, was da im Osten über der Kimm aufsteigt. Das Licht wird größer und heller. Ich nehme das Fernglas, um den vermeintlichen Entgegenkommer zu sehen. Das Licht steigt höher und höher, und irgendwann in der Morgendämmerung dämmert es auch in mir: es ist die Venus. Und nicht ein Segler auf Gegenkurs.


Bei Sonnenaufgang haben wir immer noch guten Wind. Monemvasia ist längst hinter uns im Dunst verschwunden, wir sind jetzt draußen. Und zum ersten Mal ist jetzt vor der aufgehenden Sonne die Silhouette einer Insel voraus zu erkennen, nur für eine Viertelstunde. Mit der höher steigenden Sonne verliert sich, was vorher wie ein Scherenschnitt war, wieder in der Weite. So müssen das die Alten auch gemacht haben: bei Sonnenaufgang unbekannte Inseln voraus entdecken.

Und während die Sonne schnell kräftiger wird, werde ich müde. Meine Wache ist vorbei, Andreas übernimmt, jetzt führt er das Schiff, und ich lege mich schlafen.
Weil der Wind anhält, erreichen wir die Insel Milos schneller als gedacht. Aber nichts ist vollkommen: Als wir gegen zwei Uhr Andimilos, den heißen Felsklotz vor Milos passieren, schläft der Wind plötzlich ein. Der Seegang aber nicht: Levje schaukelt im Kreuz und Quer der Wellen hilflos hin und her, ein bemitleidenswertes Geklapper in der Takelage, ich mag schon den ersten Klapperer nicht, wenn die Welle zum ersten Mal stärker als der Wind ist und mir untrüglich zu verstehen gibt, dass der Wind jetzt einschläft. Und nichts mehr geht. Also motoren wir eine Stunde, ein Geschaukel, was müssen erst die Doldrums sein, da geht das wochenlang so. Aber kurz vor der Einfahrt in den alten Vulkankrater, der der als Insel Milos nach einer gewaltigen Explosion – ähnlich wie Santorin – übrig blieb, ist der Wind wieder da. Böig zwar – aber er ist da. Und treibt uns um den gewaltigen Felsen, oben im ersten Bild, der die Einfahrt in den Krater und die große Hafenbucht von Milos markiert. Wir passieren den Felsen ganz nah, das Wasser ist hier tief, runden eine zweite Huck, und dann liegt da, unerwartet, mitten im vulkanischen Gestein, eine wunderbare Ankerbucht, Agiou Dimitrou. Unter Segeln einlaufend, beschließen wir, hier unseren Anker fallen zu lassen, im Vulkankegel, an den Abhängen des alten Kraters. 
Und außer der Kapelle des Heiligen Dimitrios und einem anderen Segler ist es nur die Stille, die uns empfängt.

Wo liegt eigentlich Milos? Unsere Route.

Pic of the Day: Die vergessenen Inseln: Cleopatra’s Island. Wo der Sand in der Türkei am schönsten ist.

Kleopatra sagen Historiker neuerdings nach: sooo schön wie die letzten 2000 Jahre behauptet, sei sie ja nun doch nicht gewesen. Neuere Lehrmeinungen gehen sogar davon aus, sie sei ausgesprochen hässlich gewesen. Das ist insofern bemerkenswert, weil sich der Berufsstand der Historiker bisher eher weniger mit Wortmeldungen zu DSDS-Kandidatinnen oder „Miss-Sachsen“-Wahlen hervorgetan hat.

Unstreitig ist von Kleopatra zweierlei: Dass sie erstens gleich ein Paar spektakuläre Liebschaften hingelegt hat, wie man weiß: Julius Caesar und später Marc Anton. Und dass sie zweitens genau dadurch „Haus und Hof“ verspielt hat, denn sie war die letzte Herrscherin aus dem Geschlecht der Ptolemiden. Und danach fiel das stinkreiche Ägypten an Rom, genauer gesagt: in den persönlichen Besitz des Octavian, des Cleverles, das die Welt wenige Jahre später Augustus nennen sollte.

Aber soweit sind wir mit unserer Geschichte noch nicht. Noch ist alles glücklich. Julius Caesar ist tot, der gemeinsame Sohn Caesarion lebt (noch), Marc Anton und die alleinerziehende Kleopatra haben sich gefunden. Und verbringen so eine Art „Honeymoon“ auf einer kleinen Insel im Gebiet der heutigen Türkei: auf Sehir Adasi im Golf von Gökova. Und weil der galante junge Mann seiner hübsch-hässlichen Geliebten die Welt zu Füssen legen wollte, ließ er den feinsten und weissesten Sand auf diese Insel schaffen. Wie es heißt: auf Kamelen. Und aus Nordafrika.

Und dieser Sand ist so weiß und so fein, dass er noch heute Unmengen an Sandfans anzieht, so dass sich das türkische Tourismus-Ministerium vor einigen Jahren gezwungen sah, einzuschreiten: es ließ untersagen, dass fürderhin Sand von der Insel als Souvenir mitgenommen und entfernt wird.

Wir wissen nicht, was an dieser Geschichte wahr ist. Vermutlich ist es eine Legende, aber keine richtig alte, wie die unten von Phokas, sondern eine, die man heute „moderne Großstadtlegende“ nennt. Sie wissen schon: ersonnen von irgendeiner schlauen Marketing-Abteilung. Aber: vielleicht steckt ja auch in dieser Legende – wie so oft – „ein Körnchen“ Wahrheit.

Will ich unbedingt hin! Nämlich hierher!

Die vergessenen Inseln: Agios Fokas. Oder: Eine Insel für den Heiligen der Seefahrer.

Wer sich in Monemvasia auf den Motorroller setzt und auf der Landstraße die Ostküste des Peloponnes lustvoll nach Süden knattert, der kommt dort, wo die Straße immer enger und schmaler wird und schließlich ganz endet, nach Agios Fokas, zur Insel des Heiligen Phokas. 
Nicht, dass der Heilige Phokas dort wirklich gelebt hätte: Der war eigentlich Gärtner in Sinope am Schwarzen Meer. Historisch gesehen gehört er in die Reihe der Märtyrer der großen Diokletianischen Christenverfolgung zu Beginn des 4. Jahrhundert, wie die Heilige Katharina, der Quirin und andere Prominente. Noch einmal, und paradoxerweise nur zehn Jahre, bevor das Christentum als Staatsreligion offiziell durch Konstantin eingeführt wurde, bäumte sich der römische Machtapparat auf und versuchte, das Christentum abzuschütteln wie ein gepeinigter Hund die Flöhe. Vor allem aus Staatsdienst und Verwaltung sollten Christen entfernt werden. Wer im Westen des Reiches nicht abschwor, wurde in die Bergwerke deportiert. Im Osten des Reiches aber war die Verfolgung grausam und blutig, und Phokas war vermutlich eines ihrer Opfer.
Die Heiligenlegende des Phokas ist schnell erzählt, jedenfalls die wichtigste von Ihnen: Soldaten hatten den Auftrag, Phokas zu suchen und zu töten. Müde von der Suche, kehrten sie bei einem Gärtner vor der Stadt ein, der sie aufnahm und bewirtete – Phokas. Als der erfuhr, dass die Suche ihm galt, ging er in seinen Garten, hob ein Grab aus, betete die Nacht, gab sich am Morgen den Soldaten als der Gesuchte zu erkennen. Und wurde enthauptet.
Damit endete ein Leben. Wie die Legende erzählt, mit großer Standhaftigkeit in großer Bedrängnis. Und weil die Erfindung der Spaßgesellschaft noch nicht sooo lange her ist und in der Menschheitsgeschichte „Leben in Bedrängnis“ immer ganz oben auf der Tagesordnung stand und immer noch steht: Deshalb begann das zweite Leben des Phokas mit einer Legende. Und die machte ihn zum Helfer und Patron der Gärtner und Seefahrer, die ihm auch hier, auf dem vergessenen Inselchen von Agios Fokas, einen Ort der Bitte und des Dankes erbauten. 
Und wer weiß: vielleicht trägt der Wind, der immer durch das stille Kirchlein weht und den blauen Vorhang bauscht, so manchen Wunsch an einen fernen Ort, wo er gehört wird.