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Italien Süd: Mit dem Nord über den Golf von Tarent.


 Am Abend hatte ich mir den Wecker gestellt. Pünktlich um 04.30 kamen aus dem IPad die Harfenklänge. Ich ließ es erst einmal eine Minute „harfen“. Dann schlug ich die Augen auf.

Draußen ließen harte Böen LEVJE an ihrem Anker zerren. Nicht beunruhigend. Die Böen hatten eingesetzt, wie der Wetterbericht es vorhergesagt hatte, pünktlich um ein Uhr Morgens. Ich war aufgestanden. Hatte eine Weile zugesehen, wie die Böen LEVJE im  grellen Licht der Uferstraße in der Ankerbucht schwingen ließen. Hatte beobachtet, ob der Anker hielt, indem ich einfach zwei Minuten die Wassertiefe beobachtete. Sie blieb konstant zwischen 4,80 Meter und 5,00 Meter. Der Anker hielt. Dann war ich wieder in meine Koje gekrabbelt. Und war eingeschlafen.

Jetzt waren die Böen immer noch da. Etwas härter, ein weniger hackiger, übellauniger. Und das Gleißen eines Blitzes, das meine Kammer im Achterschiff erhellte. „Steh auf. Geh nachsehen“, mahnte mein Hirn. Schlaftrunken mache ich meine Runde durchs Schiff. Schließe die Fenster, die noch offenstehen. Werfe einen Blick nach draußen. Keine Minute zu Früh. Plötzlich fallen dicke Tropfen. Erst wenige. Dann setzt schwerer Regen ein, während die Böen weiter an LEVJEs Anker zwerren. Eigentlich ist alles dicht auf dem Schiff, nur der Niedergang, die Treppe in LEVJEs Inneres, ist noch offen. Sie ist abgedeckt durch die Sprayhood, eine Art Haube, die sie vor jedem Wetter schützt und auf die jetzt schwer der Regen schlägt. Obwohl der Niedergang windgeschützt ist, dringt Regen ein, weht in schweren Geschossen um die Sprayhood herum und macht mich nass, während ich auf der Treppe im Niedergang sitze. Und beobachte, wie sich mein Schiff verhält.

Regen am Meer kann es in sich haben. Er ist nicht zu vergleichen mit dem kontinentalen Regen, wie er bei uns niedergeht. Selten feiner Niesel, den die Engländer „drizzle“ nennen. Stattdessen Tropfen wie Geschosse, die im Nu das Wasser 20 Zentimeter auf der Straßen stehen lassen. Und in Sekunden als Sturzbach einen Weg vom Genick abwärts finden.

Nach einer Weile lege ich mich wieder in meine Koje. Nein, nicht jetzt wie geplant ablegen, den Anker holen. Und losfahren. Ich gönne mir noch eine Stunde. Und stelle den Wecker auf halb sechs. Und während ich versuche, einzuschlafen, während ich noch nach draußen lausche und dem rauschenden Regen zuhöre, verebbt er. Als hätte jemand mit einer entschlossenen Handbewegung den Wasserhahn abgestellt. Und mit ihm die Böen. Plötzlich ist es windstill draußen in der Dunkelheit. Das Schiff liegt reglos. Der schwere Regen hat die Wellen plattgedroschen. Ich höre nur noch das Gurgeln des strömenden Wassers, das sich an Deck wenige Zentimeter über mir glucksend in zahllosen Rinnsalen seinen Weg ins Meer sucht.

Als das Ipad zum zweiten Mal harft, ist es immer noch ruhig draußen. Die harten Windstöße sind einem feinen Singen gewichen über dem Schiff, der Wind ist gleichmäßiger geworden in meiner Bucht. Doch ich ahne, wie weiter draußen viel Wind weht. Unter den feinen singenden Tönen ahne ich draußen, wo der Schutz der Bucht endet, ein Orgeln. Vor den Fenstern meiner Kammer ist es draußen grau. Es dämmert. Zeit aufzustehen. Mich fertigzumachen.

Ich koche mir einen Tee. Schütte mir ein paar Haferflocken mit bitterer Schokolade in eine Schale. Früher, als ich noch einen Verlag mit 25 Mitarbeitern führte und mein Leben ein ganz anderes war, hatte ich oft Magenprobleme. Magenreizung hier, Reizmagen da. Ich schluckte jeden Tag Pantoprazol, wie viele in meinem Land das tun. Es half. Jetzt gönne ich mir jeden Morgen etwas Haferflocken. Magenschmerzen habe ich keine mehr. 

Die Tasse in der Hand, sehe ich mir noch einmal die Wetterberichte an. Vor drei Tagen hatte ich noch geplant, die 80 Seemeilen über den Golf von Tarent unter Motor zu überqueren, bevor die Kaltfront uns und die Südostspitze Italiens erreichte. Aber dann waren die Wetterberichte milder ausgefallen. Nur noch von sechs Windstärken aus Nord war die Rede, für drei Tage. Ich hatte beschlossen, genau auf dieses Wetter zu warten, um unter Segeln die Strecke zurückzulegen. Doch pünktlich gestern Abend hatte der Wetterbericht der italienischen Luftwaffe seine Milde sang- und klanglos eingestellt. „Ionio settentrionale forza 7. Con temporali.“, hieß es plötzlich gnadenlos. Gewitter. Und Windstärke sieben genau für meinen Sektor Ionisches Meer Nord. Kein Wetter, bei dem man rausgeht. Ich hatte kurz überlegt. Mir dann weitere Windkarten angesehen. Und beschlossen, die Überfahrt auch bei diesem Wetter zu wagen. Schließlich ist LEVJE ein Schiff, das genau für solches Wetter gebaut ist. Siebeneinhalb Tonnen schwer. Der Mast eher einen Tick zu klein, so dass man auch bei höheren Windstärken die Segel stehen lassen kann. Schwer. Behäbig. Ich ging übers Deck. Und machte mein Schiff seeklar.

Mit der Tasse in der Hand schaue ich nach draußen, in die Dämmerung. Und das fahler werdende Licht der Straßenlampen am Ufer, die plötzlich verlöschen. Ich starte den Motor, lausche einen Moment seinem beruhigenden Bullern. Dann setze ich das Großsegel. Und hole im Wasser, das der Nordwind kräuselt, den schweren Anker. 



Zwei Stunden später. Ich bin draußen, und das Kap von Santa Maria die Leuca, da äußerste Ende des Stiefelabsatzes, verblasst langsam hinter mir. Hier draußen hat der Wind kontinuierlich zugenommen. Erst waren es 15 Knoten. Und vorsichtig hatte ich Großsegel und Genua auf zwei Drittel entrollt. Aber irgendwann schwand die Vorsicht. LEVJEs Geschwindigkeit war mir zu wenig, und ich setzte Vollzeug. Alles, was ich hatte. Weiter draußen war der Wind mehr geworden. Und mehr. Erst 20 Knoten. Dann 25. Dann in der Spitze bis 27. LEVJEs siebeneinhalb Tonnen schossen wie ein Pingpong-Ball von rechts nach links, von links an rechts. Zuviel Segel. Reffen war angesagt. 

Reffen: Die Segelfläche verkleinern. Man rollt sie etwas ein. Das klingt einfach, meist sind es schweißtreibende fünf Minuten mit wütend schlagenden Schoten, knatternden Segeln, schepperndem Rigg, in denen ich zusehen muss, möglichst schnell über die Winschen zu kurbeln. Und den um sich hauenden Schoten aus dem Weg zu gehen. Blaue Flecken, eine aus dem Gesicht gehauene Brille wären jetz übel. 


Aber dann segelt LEVJE wieder so munter wie vorher zwischen den Wellenkämen entlang, surft ein Wellental, das seitlich kommt, entlang. Klettert wiegend auf den Gipfel der unter uns durchlaufenden Welle. Und surft vom gischtend brechenden Kamm der Welle wieder hinunter ins nächste Wellental. Ein nettes Spiel, über dem ich schnell vergaß, dass 25 Knoten eigentlich eine Windstärke sind, bei der man Respekt haben sollte, zumals als Einhandsegler. Früher, auf LEVJE I, war genau das meine Grenze. Sie war kleiner, wog nur die Hälfte, und war doch ein tapferes, braves kleines Schiff, auf dem ich Einhand in die Türkei und von dort nach Sizilien gesegelt war. 25 Knoten. Darüber wurde es mulmig, weil das Schiff, meine kleine Welt, zu kippelig, zu instabil wurden.


25 Knoten. Wieder eine Welle, die gischtend vor uns bricht und LEVJE kurz aus ihrem Kurs spültt.  Aber der Autopilot, der auf langen Fahrten steuert, schafft es in zwanzig Sekunden, LEVJEs siebeneinhalb Tonnen wieder einzufangen, auf Kurs zu bringen. Der Autopilot ist Einhandseglers wichtigstes Utensil. Er übernimmt das Steuern, während ich Segel setze, reffe, unter Deck nach dem rechten sehe. Zudem ist Steuern bei diesem Wetter Scherstarbeit, man schafft es für eine begrenzte Zeit, für zwei, fünf oder sieben Stunden. Aber nicht für die 12 Stunden, die ich über den Golf von Tarent unterwegs sein werde.


Kurz nach 13 Uhr erreiche ich etwa die Mitte des Golfes. 40 Meilen in alle Richtungen bis zum Land. 75 Kilometer zu schwimmen, in alle Richtungen. Der Wind klettert über die Marke von 31 Knoten. Er bewegt sich jetzt oberhalb der 28 Knoten, und auch ohne den Windmesser vor mir im Cockpit wüsste ich beim Anblick der Welllen, was es geschlagen hat. Sie rollen jetzt in langen Reihen steil daher. Mauern aus Wasser, eine unmittelbar nach der anderen, ein tiefer Graben dazwischen. Sie treffen LEVJE seitlich, brechend unmittelbar neben ihr, Spritzwasser weht eimerweise in unachtsamen Momenten über mich, wenn ich mich nicht schnell genug hinter die Sprayhood ducke. Schluß mit lustig. Spiel vorbei. Die Wellen lassen Levja jetzt kaum noch auf den Kamm klettern, sie brechen irgendwo seitlich neben ihr, wenn es weiter weg ist, sehe ich, wie der brechende Wellengipfel unter der weißen Gischt in der Sonne flaschengrün leuchtet. Schaue ich nach hinter, wo LEVJEs 1,80 tief hinunterreichendes Ruderblatt eine aufgwühlte See hinterlässt, dann sehe ich, wie der Wind sofort die Tröpfchen vom Kamm mit sich reißt. 


Ende des Spiels. This is going serious. Als eine Welle neben LEVJE bricht, werde ich erst mit Salzwasser überschüttet. Dann fliege ich in LEVJEs harter Bewegung quer durchs Cockpit, auf die andere Seite. Das geht zwei Mal so. Bis auch dem einzigen Dümmsten an Bord dämmert, dass ich etwas unternehmen muss. Reffen? Geht nur noch minimal – ich habe Vorsegel und Groß schon aufs 2. Reff gebracht. Noch mehr Reffen ist nur noch Kosmetik. Dann die nächste Variante: Ich falle etwas ab. Lasse LEVJE jetzt noch mehr mit dem Wind laufen. Es wird wieder ruhiger an Deck. Und LEVJE wird jetzt nicht mehr gar so wild von den Wellen geprügelt. Ich überlege, wie es nun weitergeht. Eine der Winkarten kündigte an, dass es vor Crotone am frühen Abend noch heftiger werden wird. Noch mehr Wind? Wir kommen langsam an unsere Grenze. Sicher. Ich versuche, mir übers Handy den neuesten Wetterbericht zu holen. Aber wir sind längst so weit draußen, für Stunden geht gar nichts mehr. Ich bin auf mich allein gestellt.


Für eine Stunde bleiben die Dinge, wie sie sind. Es weht in Böen über 30 Knoten. Die Wellen ragen steil. Dann: Fällt plötzlich die Zahl auf dem Windmesser. 27. 24. Dann wieder 30. 23. Die Wut der Wellen lässt spürbar nach, das Meer wird glatter. Ich kann wieder den richtigen Kurs legen.


Nachmittags um halb drei taucht plötzlich der Schemen des Festlands vor uns auf. Das Radar, das ich mitlaufen lasse, hat es längst schon gesehen, der gelbe Fliegenschisse oben rechts auf dem Bildschirm. Jetzt sehe auch ich es. Weitere drei Stunden später habe ich plötzlich wieder Empfang auf dem Handy. Ich lade mir den Wetterbericht. Doch der verheißt erneut nichts Gutes: „Nordovest 7. Temporali“. Nordwest sieben. Und weiter Gewitter. Bad News. Ich werde nicht ankern können. Ich brauche heute Nacht richtig Schlaf, sonst kann ich den morgigen Tag vergessen. Auf der elektronischen Seekarte finde ich den Hafen von Crotone. Da war ich noch nie. Ich rufe an. Und frage, ob sie in zwei, drei Stunden für mich und mein Schiff Platz im Hafen hätten. Pasquale ist dran. Ja, sagt er, komm ruhig. Wir haben noch Platz. Wenn Du in den Hafen reinfährst, siehst Du rechts einen Typen mit rotem Pullover auf der Pier. Das bin ich. Folge einfach unseren Anweisungen.“


Als ich ankomme, weht der Wind quer durchs Hafenbecken auf mich zu. Statt eines roten Pullovers sehe ich gleich drei auf der Pier. Sie winken. Halten mir die Mooring hin. Eine Drehung im Hafenbecken. Rückwärts rein zwischen die Schiffe. Aufmunternde Rufe von den drei roten Pullovern. Was haben die bloß? Ist doch alles ok. Als meine Leinen fest sind, stelle ich LEVJEs Motor ab. Die drei in den roten Pullovern schauen mich an. „Waren nicht viele heute draußen unterwegs!“, sagen sie.“ Ich nicke. „Vuoi una birra?“ „Willst Du ein Bier?“, fragt Pasquale, und greift in den Kühlschrank hinter sich. Und ich, todmüde, fühle mich wieder einmal aufgenommen, getragen, von einer Woge, wie sie nur die italienische Männerwelt dem Fremden gegenübern zu entfesseln fähig ist.


Italien Süd: Mit dem Nord über den Golf von Tarent. Oder: Wie fühlen sich 30 Knoten an?


 Am Abend hatte ich mir den Wecker gestellt. Pünktlich um 04.30 kamen aus dem IPad die Harfenklänge. Ich ließ es erst einmal eine Minute „harfen“. Dann schlug ich die Augen auf.

Draußen ließen harte Böen LEVJE an ihrem Anker zerren. Nicht beunruhigend. Die Böen hatten eingesetzt, wie der Wetterbericht es vorhergesagt hatte, pünktlich um ein Uhr Morgens. Ich war aufgestanden. Hatte eine Weile zugesehen, wie die Böen LEVJE im  grellen Licht der Uferstraße in der Ankerbucht schwingen ließen. Hatte beobachtet, ob der Anker hielt, indem ich einfach zwei Minuten die Wassertiefe beobachtete. Sie blieb konstant zwischen 4,80 Meter und 5,00 Meter. Der Anker hielt. Dann war ich wieder in meine Koje gekrabbelt. Und war eingeschlafen.

Jetzt waren die Böen immer noch da. Etwas härter, ein weniger hackiger, übellauniger. Und das Gleißen eines Blitzes, das meine Kammer im Achterschiff erhellte. „Steh auf. Geh nachsehen“, mahnte mein Hirn. Schlaftrunken mache ich meine Runde durchs Schiff. Schließe die Fenster, die noch offenstehen. Werfe einen Blick nach draußen. Keine Minute zu Früh. Plötzlich fallen dicke Tropfen. Erst wenige. Dann setzt schwerer Regen ein, während die Böen weiter an LEVJEs Anker zwerren. Eigentlich ist alles dicht auf dem Schiff, nur der Niedergang, die Treppe in LEVJEs Inneres, ist noch offen. Sie ist abgedeckt durch die Sprayhood, eine Art Haube, die sie vor jedem Wetter schützt und auf die jetzt schwer der Regen schlägt. Obwohl der Niedergang windgeschützt ist, dringt Regen ein, weht in schweren Geschossen um die Sprayhood herum und macht mich nass, während ich auf der Treppe im Niedergang sitze. Und beobachte, wie sich mein Schiff verhält.

Regen am Meer kann es in sich haben. Er ist nicht zu vergleichen mit dem kontinentalen Regen, wie er bei uns niedergeht. Selten feiner Niesel, den die Engländer „drizzle“ nennen. Stattdessen Tropfen wie Geschosse, die im Nu das Wasser 20 Zentimeter auf der Straßen stehen lassen. Und in Sekunden als Sturzbach einen Weg vom Genick abwärts finden.

Nach einer Weile lege ich mich wieder in meine Koje. Nein, nicht jetzt wie geplant ablegen, den Anker holen. Und losfahren. Ich gönne mir noch eine Stunde. Und stelle den Wecker auf halb sechs. Und während ich versuche, einzuschlafen, während ich noch nach draußen lausche und dem rauschenden Regen zuhöre, verebbt er. Als hätte jemand mit einer entschlossenen Handbewegung den Wasserhahn abgestellt. Und mit ihm die Böen. Plötzlich ist es windstill draußen in der Dunkelheit. Das Schiff liegt reglos. Der schwere Regen hat die Wellen plattgedroschen. Ich höre nur noch das Gurgeln des strömenden Wassers, das sich an Deck wenige Zentimeter über mir glucksend in zahllosen Rinnsalen seinen Weg ins Meer sucht.

Als das Ipad zum zweiten Mal harft, ist es immer noch ruhig draußen. Die harten Windstöße sind einem feinen Singen gewichen über dem Schiff, der Wind ist gleichmäßiger geworden in meiner Bucht. Doch ich ahne, wie weiter draußen viel Wind weht. Unter den feinen singenden Tönen ahne ich draußen, wo der Schutz der Bucht endet, ein Orgeln. Vor den Fenstern meiner Kammer ist es draußen grau. Es dämmert. Zeit aufzustehen. Mich fertigzumachen.

Ich koche mir einen Tee. Schütte mir ein paar Haferflocken mit bitterer Schokolade in eine Schale. Früher, als ich noch einen Verlag mit 25 Mitarbeitern führte und mein Leben ein ganz anderes war, hatte ich oft Magenprobleme. Magenreizung hier, Reizmagen da. Ich schluckte jeden Tag Pantoprazol, wie viele in meinem Land das tun. Es half. Jetzt gönne ich mir jeden Morgen etwas Haferflocken. Magenschmerzen habe ich keine mehr. 

Die Tasse in der Hand, sehe ich mir noch einmal die Wetterberichte an. Vor drei Tagen hatte ich noch geplant, die 80 Seemeilen über den Golf von Tarent unter Motor zu überqueren, bevor die Kaltfront uns und die Südostspitze Italiens erreichte. Aber dann waren die Wetterberichte milder ausgefallen. Nur noch von sechs Windstärken aus Nord war die Rede, für drei Tage. Ich hatte beschlossen, genau auf dieses Wetter zu warten, um unter Segeln die Strecke zurückzulegen. Doch pünktlich gestern Abend hatte der Wetterbericht der italienischen Luftwaffe seine Milde sang- und klanglos eingestellt. „Ionio settentrionale forza 7. Con temporali.“, hieß es plötzlich gnadenlos. Gewitter. Und Windstärke sieben genau für meinen Sektor Ionisches Meer Nord. Kein Wetter, bei dem man rausgeht. Ich hatte kurz überlegt. Mir dann weitere Windkarten angesehen. Und beschlossen, die Überfahrt auch bei diesem Wetter zu wagen. Schließlich ist LEVJE ein Schiff, das genau für solches Wetter gebaut ist. Siebeneinhalb Tonnen schwer. Der Mast eher einen Tick zu klein, so dass man auch bei höheren Windstärken die Segel stehen lassen kann. Schwer. Behäbig. Ich ging übers Deck. Und machte mein Schiff seeklar.

Mit der Tasse in der Hand schaue ich nach draußen, in die Dämmerung. Und das fahler werdende Licht der Straßenlampen am Ufer, die plötzlich verlöschen. Ich starte den Motor, lausche einen Moment seinem beruhigenden Bullern. Dann setze ich das Großsegel. Und hole im Wasser, das der Nordwind kräuselt, den schweren Anker. 



Zwei Stunden später. Ich bin draußen, und das Kap von Santa Maria die Leuca, da äußerste Ende des Stiefelabsatzes, verblasst langsam hinter mir. Hier draußen hat der Wind kontinuierlich zugenommen. Erst waren es 15 Knoten. Und vorsichtig hatte ich Großsegel und Genua auf zwei Drittel entrollt. Aber irgendwann schwand die Vorsicht. LEVJEs Geschwindigkeit war mir zu wenig, und ich setzte Vollzeug. Alles, was ich hatte. Weiter draußen war der Wind mehr geworden. Und mehr. Erst 20 Knoten. Dann 25. Dann in der Spitze bis 27. LEVJEs siebeneinhalb Tonnen schossen wie ein Pingpong-Ball von rechts nach links, von links an rechts. Zuviel Segel. Reffen war angesagt. 

Reffen: Die Segelfläche verkleinern. Man rollt sie etwas ein. Das klingt einfach, meist sind es schweißtreibende fünf Minuten mit wütend schlagenden Schoten, knatternden Segeln, schepperndem Rigg, in denen ich zusehen muss, möglichst schnell über die Winschen zu kurbeln. Und den um sich hauenden Schoten aus dem Weg zu gehen. Blaue Flecken, eine aus dem Gesicht gehauene Brille wären jetz übel. 


Aber dann segelt LEVJE wieder so munter wie vorher zwischen den Wellenkämen entlang, surft ein Wellental, das seitlich kommt, entlang. Klettert wiegend auf den Gipfel der unter uns durchlaufenden Welle. Und surft vom gischtend brechenden Kamm der Welle wieder hinunter ins nächste Wellental. Ein nettes Spiel, über dem ich schnell vergaß, dass 25 Knoten eigentlich eine Windstärke sind, bei der man Respekt haben sollte, zumals als Einhandsegler. Früher, auf LEVJE I, war genau das meine Grenze. Sie war kleiner, wog nur die Hälfte, und war doch ein tapferes, braves kleines Schiff, auf dem ich Einhand in die Türkei und von dort nach Sizilien gesegelt war. 25 Knoten. Darüber wurde es mulmig, weil das Schiff, meine kleine Welt, zu kippelig, zu instabil wurden.


25 Knoten. Wieder eine Welle, die gischtend vor uns bricht und LEVJE kurz aus ihrem Kurs spültt.  Aber der Autopilot, der auf langen Fahrten steuert, schafft es in zwanzig Sekunden, LEVJEs siebeneinhalb Tonnen wieder einzufangen, auf Kurs zu bringen. Der Autopilot ist Einhandseglers wichtigstes Utensil. Er übernimmt das Steuern, während ich Segel setze, reffe, unter Deck nach dem rechten sehe. Zudem ist Steuern bei diesem Wetter Scherstarbeit, man schafft es für eine begrenzte Zeit, für zwei, fünf oder sieben Stunden. Aber nicht für die 12 Stunden, die ich über den Golf von Tarent unterwegs sein werde.


Kurz nach 13 Uhr erreiche ich etwa die Mitte des Golfes. 40 Meilen in alle Richtungen bis zum Land. 75 Kilometer zu schwimmen, in alle Richtungen. Der Wind klettert über die Marke von 31 Knoten. Er bewegt sich jetzt oberhalb der 28 Knoten, und auch ohne den Windmesser vor mir im Cockpit wüsste ich beim Anblick der Welllen, was es geschlagen hat. Sie rollen jetzt in langen Reihen steil daher. Mauern aus Wasser, eine unmittelbar nach der anderen, ein tiefer Graben dazwischen. Sie treffen LEVJE seitlich, brechend unmittelbar neben ihr, Spritzwasser weht eimerweise in unachtsamen Momenten über mich, wenn ich mich nicht schnell genug hinter die Sprayhood ducke. Schluß mit lustig. Spiel vorbei. Die Wellen lassen Levja jetzt kaum noch auf den Kamm klettern, sie brechen irgendwo seitlich neben ihr, wenn es weiter weg ist, sehe ich, wie der brechende Wellengipfel unter der weißen Gischt in der Sonne flaschengrün leuchtet. Schaue ich nach hinter, wo LEVJEs 1,80 tief hinunterreichendes Ruderblatt eine aufgwühlte See hinterlässt, dann sehe ich, wie der Wind sofort die Tröpfchen vom Kamm mit sich reißt. 


Ende des Spiels. This is going serious. Als eine Welle neben LEVJE bricht, werde ich erst mit Salzwasser überschüttet. Dann fliege ich in LEVJEs harter Bewegung quer durchs Cockpit, auf die andere Seite. Das geht zwei Mal so. Bis auch dem einzigen Dümmsten an Bord dämmert, dass ich etwas unternehmen muss. Reffen? Geht nur noch minimal – ich habe Vorsegel und Groß schon aufs 2. Reff gebracht. Noch mehr Reffen ist nur noch Kosmetik. Dann die nächste Variante: Ich falle etwas ab. Lasse LEVJE jetzt noch mehr mit dem Wind laufen. Es wird wieder ruhiger an Deck. Und LEVJE wird jetzt nicht mehr gar so wild von den Wellen geprügelt. Ich überlege, wie es nun weitergeht. Eine der Winkarten kündigte an, dass es vor Crotone am frühen Abend noch heftiger werden wird. Noch mehr Wind? Wir kommen langsam an unsere Grenze. Sicher. Ich versuche, mir übers Handy den neuesten Wetterbericht zu holen. Aber wir sind längst so weit draußen, für Stunden geht gar nichts mehr. Ich bin auf mich allein gestellt.


Für eine Stunde bleiben die Dinge, wie sie sind. Es weht in Böen über 30 Knoten. Die Wellen ragen steil. Dann: Fällt plötzlich die Zahl auf dem Windmesser. 27. 24. Dann wieder 30. 23. Die Wut der Wellen lässt spürbar nach, das Meer wird glatter. Ich kann wieder den richtigen Kurs legen.


Nachmittags um halb drei taucht plötzlich der Schemen des Festlands vor uns auf. Das Radar, das ich mitlaufen lasse, hat es längst schon gesehen, der gelbe Fliegenschisse oben rechts auf dem Bildschirm. Jetzt sehe auch ich es. Weitere drei Stunden später habe ich plötzlich wieder Empfang auf dem Handy. Ich lade mir den Wetterbericht. Doch der verheißt erneut nichts Gutes: „Nordovest 7. Temporali“. Nordwest sieben. Und weiter Gewitter. Bad News. Ich werde nicht ankern können. Ich brauche heute Nacht richtig Schlaf, sonst kann ich den morgigen Tag vergessen. Auf der elektronischen Seekarte finde ich den Hafen von Crotone. Da war ich noch nie. Ich rufe an. Und frage, ob sie in zwei, drei Stunden für mich und mein Schiff Platz im Hafen hätten. Pasquale ist dran. Ja, sagt er, komm ruhig. Wir haben noch Platz. Wenn Du in den Hafen reinfährst, siehst Du rechts einen Typen mit rotem Pullover auf der Pier. Das bin ich. Folge einfach unseren Anweisungen.“


Als ich ankomme, weht der Wind quer durchs Hafenbecken auf mich zu. Statt eines roten Pullovers sehe ich gleich drei auf der Pier. Sie winken. Halten mir die Mooring hin. Eine Drehung im Hafenbecken. Rückwärts rein zwischen die Schiffe. Aufmunternde Rufe von den drei roten Pullovern. Was haben die bloß? Ist doch alles ok. Als meine Leinen fest sind, stelle ich LEVJEs Motor ab. Die drei in den roten Pullovern schauen mich an. „Waren nicht viele heute draußen unterwegs!“, sagen sie.“ Ich nicke. „Vuoi una birra?“ „Willst Du ein Bier?“, fragt Pasquale, und greift in den Kühlschrank hinter sich. Und ich, todmüde, fühle mich wieder einmal aufgenommen, getragen, von einer Woge, wie sie nur die italienische Männerwelt dem Fremden gegenübern zu entfesseln fähig ist.


Windhosen über der Insel Mljet.






Insel Mljet. Mitte August. Alles begann harmlos. Harmlos und unauffällig. Die kroatische Wettervorhersage hatte für den Nachmittag möglicherweise Gewitter vorhergesagt. Möglicherweise. Für Nachmittag. Und Böen aus Nordwest bis Nordost mit 35 bis 45 Knoten. Dabei sah man auf wetteronline.de und blitzortung.org die Front am Morgen schon heranziehen.

Man tut als Segler in einem solchen Fall, was zu tun ist. Man geht in einen Hafen. Auf der Insel Mljet, der einsamen und langen Schönheit ein paar Segelstunden nördlich von Dubrovnik, gibt es keinen Hafen. Einen Fähranleger ja, an dem zweimal täglich der Katamaran von Split anlegt. Sonst? Nur ein paar Restaurantstege, an denen Wirte gegen ein Abendessen einen Segler kostenlos festmachen lassen. Einen Hafen gab es aber nicht. Also suchte ich nach einer Bucht. Einer, die geschützt ist, wenn Böen aus Nordwest bis Nordost mit 35 bis 45 Knoten drohen. An der Ostspitze Mljets gibt es so eine Bucht. Saplunara ist nach Westen, Norden, Osten von kiefernbewaldeten Hängen geschützt. Nur nach Süden ist sie offen, zum Meer hin. Von dort, so dachte ich droht ja keine Gefahr. Ich steuerte am Morgen von Dubrovnik kommend die Bucht an. Mied die Bojen, solange sich kein Verantwortlicher zeigte. Ließ meinen Anker neben einer italienischen Yacht fallen. 


Die Frage, ob man im Gewitter sicherer im Hafen oder auf dem offenen Meer ist, scheint leicht zu beantworten. Tatsächlich antworteten sogar ausgewiesene Schadens-Experten, die wir für unser Buch GEWITTERSEGELN interviewten, dass der einzige Unterschied zwischen „drinnen“ und „draussen“ der sei, dass im Hafen schneller Hilfe verfügbar sei. Sonst? Sei man „drinnen“ wie „draussen“ auf dem offenen Meer in Gottes Hand.

Der Himmel am Morgen war wolkenlos. Und gegen alle Vorhersagen wehte kraftvoll Wind aus Süd in die Bucht. Und machte das Liegen unbequem. „Er wird drehen“, dachte ich, „wenn erst das Gewitter kommt. Er wird drehen.“ Also achtete ich vor dem blauen Himmel nicht darauf.

Gegen Mittag erreichte eine graue Wolkenfront aus Nordwesten die Bucht. Es war nichts als ein Strich grauer Wolken von Nord nach Süd, über dem links und rechts der strahlend blaue Himmel weiter leuchtete.

Das erste, was mir auffiel, war, dass der Wolkenstrich sich plötzlich nicht mehr bewegte. Er blieb genau über der Bucht von Saplunara einfach stehen. Ein langer dunkler Wolkenstrich, der von Norden quer über die Insel genau nach Süden hinaus aufs Meer ragte. Dorthin, woher der Wind kam. An der Unterseite des grauen Strichs zeigten sich plötzlich Wirbel. Und in deren Mitte Wolkenbeulen nach unten. Mammatus-Wolken, die wie eine Brust nach unten hängen und ein untrügliches Zeichen für Gewitter sind. Die große Mammatus-Wolke im Bild oben zog einfach einfach das Wolkenband entlang von Süden nach Norden. Wie auf einer Straße. Sie folgte dem Wind.

Plötzlich begann sich die Wolke, wie eine Zitze nach unten zu denen. Die Kreiselbewegung nahm deutlich zu, ein langer Schlauch entwand sich unten Richtung Wasseroberfläche der Bucht. Wenige hundert Meter nördlich lag ich mit LEVJE vor Anker.

Der Schlauch dehnte sich. Wurde länger. Und länger. Reckte den Rüssel nach unten, Richtung Bucht, wo die italienische Yacht neben mit lag. Plötzlich war sie da. Zog entlang des Wolkenbandes langsam nach Norden. Zugleich bildete sich eine zweite Windhose draussen hinter dem Hügel über dem Meer.

Der erste dünne Schlauch zog hinter dem Hügel auf dem Meer. Er fand hinter uns draußen auf dem Meer statt, zog langsam nach Norden, das Wolkenband entlang, das nun schwarz war. Doch der zweite Rüssel wanderte ebenfalls das Wolkenband entlang. Nach Norden. Er erreichte die Einfahrt in die Bucht, reckte sich weiter nach unten, wo sich ein Wirbel gischtenden Wassers bildete, der genau auf die Mitte der Bucht zukam. Auf die italienische Yacht und mich.

 Es ist ein unguter Moment, wenn eine Windhose auf eine ankernde Yacht zusteuert.  Das Boot ist seiner einzigen Abwehrmöglichkeit beraubt – der Bewegung. Ich saß auf LEVJE, spürte mein Herz schneller schlagen. Und wusste, dass die Windhose uns erreicht hätte, bevor ich auch nur den Anker zur Hälfte geholt hätte. Ich begann, in Eile alles Bewegliche an Deck festzuzurren. Oder eilends einfach unter Deck zu werfen. So wie ich für mich ebenfalls plante, einfach unter Deck zu gehen, sollte die Windhose uns tatsächlich erreichen.

Zwischen mir und der Windhose lag nur noch ein Fischer. Er arbeitete zusammen mit seinem Sohn, mit dem Rücken zur Windhose, holte Reusen vom Grund der Bucht herauf. Er sah den langen dünnen Schlauch, der nun vom Himmel bis zur Wasseroberfläche reichte, in seinem Rücken nicht. Ich begann, aus Leibeskräften zu brüllen, um ihn zu warnen. Er hörte mich im Lärm seines Außenborders nicht. Plötzlich sah er den wirbelnden Schlauch in seinem Rücken. Die Reuse ins Wasser fallen und Gas geben waren bei ihm eine Bewegung. Er motorte eilends ins Innere der Bucht. Der Schlauch kam nun unvermittelt weiter auf uns zu, folgte dem Wolkenband mit dem Wind von Süden nach Norden, das sich einfach nicht bewegen wollte.

Es sind genau diese Momente, in denen ich an das Interview in unserem Buch GEWITTERSEGELN denke. Nein, eine Bucht ist bei Gewitter nicht unbedingt sicherer. Es ist eine trügerische Sicherheit, die sie verspricht. Ich? Hatte meine Entscheidung getroffen. Und saß fest. Ich konnte nichts tun, als den Schlauch weiter zu beobachten, der da auf uns zukam. 

Ich gebe gerne zu: Ich vergaß in diesem Moment zu fotografieren. Es war kein großer mächtiger Tornado. Aber wenn sich eine Windhose genau auf Dich zubewegt und Du nichts mehr tun kannst, nicht weglaufen, nicht wegducken, hat man anderes im Sinn als den Auslöser zu drücken.

Die Windhose kam auf ein Fußballfeld heran. Wirbelte, wand sich – und neigte sich plötzlch aus einem unerfindlichen Grund nach rechts, dem felsigen Ufer in der Bucht, 75 Meter von mir. Im selben Moment, in dem sie die Felsen berührte, verschwand der Schlauch. Er zog sich langsam nach oben zurück, in die Wolke, wo von ihm nichts blieb, wie Wolkenfetzen, die wie Qualm aus einer Mündung waberten.

Nichts blieb vom Schlauch als nur ein kreiselnder Wirbel am Himmel, der langsam in sich verwehte. Und erstarb.

Das Ende meiner Geschichte? Das Wolkenband stand für etwa eine Stunde fest über der Bucht am Himmel. Weitere Mammatus-Wolken bildeten sich in ihr. Genau über der Bucht. Ich zählte an diesem Nachmittag insgesamt acht verschiedene Windhosen, die rings um die Bucht aus dem Wolkenband entstanden. Aber keine von ihnen kam uns so nahe wie die eine.





Jetzt in Druck – erscheint Ende September 2017:










Windhosen über der Insel Mljet.






Insel Mljet. Mitte August. Alles begann harmlos. Harmlos und unauffällig. Die kroatische Wettervorhersage hatte für den Nachmittag möglicherweise Gewitter vorhergesagt. Möglicherweise. Für Nachmittag. Und Böen aus Nordwest bis Nordost mit 35 bis 45 Knoten. Dabei sah man auf wetteronline.de und blitzortung.org die Front am Morgen schon heranziehen.

Man tut als Segler in einem solchen Fall, was zu tun ist. Man geht in einen Hafen. Auf der Insel Mljet, der einsamen und langen Schönheit ein paar Segelstunden nördlich von Dubrovnik, gibt es keinen Hafen. Einen Fähranleger ja, an dem zweimal täglich der Katamaran von Split anlegt. Sonst? Nur ein paar Restaurantstege, an denen Wirte gegen ein Abendessen einen Segler kostenlos festmachen lassen. Einen Hafen gab es aber nicht. Also suchte ich nach einer Bucht. Einer, die geschützt ist, wenn Böen aus Nordwest bis Nordost mit 35 bis 45 Knoten drohen. An der Ostspitze Mljets gibt es so eine Bucht. Saplunara ist nach Westen, Norden, Osten von kiefernbewaldeten Hängen geschützt. Nur nach Süden ist sie offen, zum Meer hin. Von dort, so dachte ich droht ja keine Gefahr. Ich steuerte am Morgen von Dubrovnik kommend die Bucht an. Mied die Bojen, solange sich kein Verantwortlicher zeigte. Ließ meinen Anker neben einer italienischen Yacht fallen. 


Die Frage, ob man im Gewitter sicherer im Hafen oder auf dem offenen Meer ist, scheint leicht zu beantworten. Tatsächlich antworteten sogar ausgewiesene Schadens-Experten, die wir für unser Buch GEWITTERSEGELN interviewten, dass der einzige Unterschied zwischen „drinnen“ und „draussen“ der sei, dass im Hafen schneller Hilfe verfügbar sei. Sonst? Sei man „drinnen“ wie „draussen“ auf dem offenen Meer in Gottes Hand.

Der Himmel am Morgen war wolkenlos. Und gegen alle Vorhersagen wehte kraftvoll Wind aus Süd in die Bucht. Und machte das Liegen unbequem. „Er wird drehen“, dachte ich, „wenn erst das Gewitter kommt. Er wird drehen.“ Also achtete ich vor dem blauen Himmel nicht darauf.

Gegen Mittag erreichte eine graue Wolkenfront aus Nordwesten die Bucht. Es war nichts als ein Band grauer Wolken von Nord nach Süd, über dem links und rechts der strahlend blaue Himmel weiter leuchtete wie zuvor.

Das erste, was mir auffiel, war, dass das Wolkenband sich plötzlich nicht mehr bewegte. Er blieb genau über der Bucht von Saplunara einfach stehen. Ein langer dunkler Wolkenstrich, der von Norden quer über die Insel genau nach Süden hinaus aufs Meer ragte. Dorthin, woher der Wind kam. An der Unterseite des grauen Strichs zeigten sich plötzlich Wirbel. Und in deren Mitte Wolkenbeulen nach unten. Beginnende Windhosen, die wie eine Brust nach unten hängen und ein untrügliches Zeichen für Gewitter sind. Die große Wolke im Bild oben zog einfach einfach das Wolkenband entlang von Süden nach Norden. Wie auf einer Straße. Sie folgte dem Wind.

Plötzlich begann sich die Wolke, wie eine Zitze nach unten zu denen. Die Kreiselbewegung nahm deutlich zu, ein langer Schlauch entwand sich unten Richtung Wasseroberfläche der Bucht. Wenige hundert Meter nördlich lag ich mit LEVJE vor Anker.

Der Schlauch dehnte sich. Wurde länger. Und länger. Reckte den Rüssel nach unten, Richtung Bucht, wo die italienische Yacht neben mit lag. Plötzlich war sie da. Zog entlang des Wolkenbandes langsam nach Norden. Zugleich bildete sich eine zweite Windhose draussen hinter dem Hügel über dem Meer.

Der erste dünne Schlauch zog hinter dem Hügel auf dem Meer. Er fand hinter uns draußen auf dem Meer statt, zog langsam nach Norden, das Wolkenband entlang, das nun schwarz war. Doch der zweite Rüssel wanderte ebenfalls das Wolkenband entlang. Nach Norden. Er erreichte die Einfahrt in die Bucht, reckte sich weiter nach unten, wo sich ein Wirbel gischtenden Wassers bildete, der genau auf die Mitte der Bucht zukam. Auf die italienische Yacht und mich.

Es ist ein unguter Moment, wenn eine Windhose auf eine ankernde Yacht zusteuert. Ein Boot ist seiner einzigen ihm innewohnenden Abwehrmöglichkeit beraubt – nämlich einfach abzuhauen. Ich saß auf LEVJE, spürte mein Herz schneller schlagen. Und wusste, dass die Windhose uns erreicht hätte, bevor ich auch nur den Anker zur Hälfte geholt hätte. Ich begann, in Eile alles Bewegliche an Deck festzuzurren. Oder einfach unter Deck zu werfen. Sollte die wirbelnde Gischt uns erreichen, würde es an Deck unweigerlich Bruch geben. Ich beschloss in den wenigen Augenblicken, dass der sicherste Ort für mich ebenfalls unter Deck wäre, sollte die Windhose uns tatsächlich erreichen.

Zwischen mir und der Windhose lag nur noch ein Fischer. Er arbeitete zusammen mit seinem Sohn, mit dem Rücken zur Windhose, holte Reusen vom Grund der Bucht herauf. Er sah den langen dünnen Schlauch, der nun vom Himmel bis zur Wasseroberfläche reichte, in seinem Rücken nicht. Ich begann, aus Leibeskräften zu brüllen, um ihn zu warnen. Er hörte mich im Lärm seines Außenborders nicht. Plötzlich sah er den wirbelnden Schlauch in seinem Rücken. Die Reuse ins Wasser fallen und Gas geben waren bei ihm eine einzige Bewegung. Er motorte eilends ins Innere der Bucht. Der Schlauch kam nun unvermittelt weiter auf uns zu, folgte dem Wolkenband mit dem Wind von Süden nach Norden, das sich einfach nicht bewegen wollte.

Es sind genau diese Momente, in denen ich an das Interview in unserem Buch GEWITTERSEGELN denke. Nein, eine Bucht ist bei Gewitter nicht unbedingt sicherer. Es ist eine trügerische Sicherheit, die sie verspricht. Ich? Hatte meine Entscheidung getroffen. Und saß fest. Ich konnte nichts tun, als den Schlauch weiter zu beobachten, der da auf uns zukam. 

Ich gebe gerne zu: Ich vergaß in diesem Moment zu fotografieren. Es war kein großer mächtiger Tornado. Aber wenn sich eine Windhose genau auf Dich zubewegt und Du nichts mehr tun kannst, nicht weglaufen, nicht wegducken, hat man anderes im Sinn als den Auslöser zu drücken.

Die Windhose kam auf ein Fußballfeld heran. Wirbelte, wand sich – und neigte sich plötzlich aus einem unerfindlichen Grund nach rechts, dem felsigen Ufer in der Bucht, 75 Meter von mir. Im selben Moment, in dem sie die Felsen berührte, verschwand der Schlauch. Er zog sich langsam nach oben zurück, in die Wolke, wo von ihm nichts blieb, wie Wolkenfetzen, die wie Qualm aus der Mündung eines Geschützrohrs waberten.

Nichts blieb vom Schlauch als nur ein kreiselnder Wirbel am Himmel, der langsam in sich verwehte. Und erstarb.

Das Ende meiner Geschichte? Das Wolkenband stand für etwa eine Stunde fest über der Bucht am Himmel. Weitere Mammatus-Wolken bildeten sich in ihr. Genau über der Bucht. Ich zählte an diesem Nachmittag insgesamt acht verschiedene Windhosen, die rings um die Bucht aus dem Wolkenband entstanden. Aber keine von ihnen kam uns so nahe wie die eine.





Jetzt in Druck – erscheint Ende September 2017:










Segeln in Montenegro: Unterwegs zu Gipfeln über Kotor. Oder: Des Menschen Suche nach dem Glück.


Am Ende des gleichnamigen langgestreckten Golfs, in seinem hintersten Winkel der langgestreckten Bucht, die eigentlich ein Fjord ist, liegt die Stadt Kotor. Wie ein Kranz überragt die Wehrmauer die alte Stadt. Wer sie besucht, der kann die 1.200 Stufen die alte Stadtmauer hinaufsteigen. Und in drei Stunden auf einen der Gipfel des Lovcen-Gebirgsmassivs wandern, das sich gleich hinter Kotor von von 0 auf über 1.700 Meter steil erhebt.

Also mache ich mich am frühen Morgen auf und rudere von meinem Ankerplatz hinüber zur Stadt. Es ist die beste Zeit. Die Stadt liegt noch im Schatten des großen Berges. Es ist noch nicht heiß. Ich habe mir die Kameras und zwei Flaschen Wasser in meinen Rucksack gepackt.

Irgendwo in einer Seitengasse der kleinen Altstadt geht es rechts ab. Zur Stadtmauer. Man zahlt drei Euro: Und schon darf man hinauf, die Stadtmauer entlang, die zu errichten mindestens sechs Jahrhunderte notwendig war.

Dass es tatsächlich 1.200 Stufen sind, erfahre ich von Marco. Er weiß solche Dinge – schließlich ist er der Küster des kleinen Kirchleins, das auf halber Höhe und halbem Weg in die Wehrmauer eingebettet ist. Marco steht jeden Morgen um sechs auf und geht hinauf zur Kirche. Die Stufen bis zu seiner Kirche hat er nie gezählt. Er läutet da oben über der Stadt die Glocke, wenn es Zeit ist. Verkauft Heiligenbildchen, Anhänger oder – so wie mir – zwei Kerzen, um sie am Altar anzuzünden. Während ich mit ihm spreche über dies und das, während die Hitze steigt und das Innere der Kirche wie einen Backofen füllt, frage ich mich, wie das Tun eines Menschen sein Gesicht formt. 

Ob Marco schon als kleiner Junge aussah wie ein gütiger Mönch? Ob sein Gesicht erst so wurde, weil er tagein, tagaus eben nichts anderes tut als seinen Dienst in der kleinen Kirchen zu versehen? 

Ist es unser Gesicht, das uns irgendwie an den richtigen Fleck im Leben stellt, an den wir hingehören? Oder ist unser Gesicht nur Spiegel dessen, was wir Denken, Tun? Das Gemälde dessen, was unser Leben ist? Worin wir unser Glück finden?

Die Kirche selbst war die gefühlt 300 Stufen alleine schon wert. Weil sie hübsch ist in ihrem Inneren, und einfach, und beides eben doch auch wieder nicht. In manchen Details könnte der Amerikaner Jeff Koons sie designt haben, nein, nicht mit dem Barock-Altar. Der kann mit seinen Stein-Intarsien und den beiden Heiligen zwischen den Säulen seine Herkunft aus Venedig nicht leugnen. Jeff Koons aber könnte Schöpfer der türkis hinterlegten Marien-Abbildungen, der Puti, und von mancherlei geschwungenem Zierat an den Wänden sein.

Wie so oft, wohnt Einfachheit an diesem alten Ort. Irgendetwas, das mich Ruhe finden lässt selbst in der feuchten Hitze seiner Mauern. Gleichmaß, Symmetrie im Steinboden, in der einfachen Kirchenbank, im kleinen Treppenhaus, das nach oben zur Empore führt. Ein beruhigendes Gleichmaß, das mir immer wieder in alten Bauten wie diesen begegnet. Und zu selten sonst in der Welt. Würde man heute diesen Raum irgendwo nachbauen, exakt eins zu eins: Er besäße alles, was der Raum dieser Marienkirche besitzt. Nur das eine nicht. Die Schönheit, die nur Jahrhunderte und ihre Spuren in einen Raum bringen können. 

Ich verlasse Marco, den Küster, und wandere weiter hinauf, die Stufen der alten Wehrmauer entlang, bis ich am höchsten Punkt stehe, da, wo die Wehrmauer den Gipfel erreicht und das Fort von San Giovanni steht. Und wo man den Gipfeln des Lovcen schon merklich nahe ist.

Zu den beliebten und stets neu zu klärenden Fragen im Leben gehört: Käme man als Tier auf die Welt – als was würde man sich gerne inkarnieren? Könnten Sie es aus dem Stand heraus benennen? Ich wusste. Nichts anderes als eine Dohle. Hier oben, wo es einsam wird zwischen den steilen Wänden, da treffe ich sie, die mich oft auf Wanderungen begleiteten. Wo immer ich sie traf, ob in Südfrankreich oder England, wohnten sie am liebsten nahe altem Gemäuer. In der Nähe von Burgen, von einsam gelegenen Mauern und Festungen. Manchmal erschienen mir die kleinen Krähenvögel schon wie Menschen, die einst an diesem Ort gelebt hatten – und einfach nicht weggehen konnten, auf der Suche nach irgendetwas. Ich liebe ihren Flug. Mit leise krächzenden Lauten und lässig hängenden Füßen kurven sie schwerelos zwischen Felswänden umher.

Noch ein Blick auf die Stadt von oben. Dann führt ein schmales Loch in der Mauer nach draußen. Ein Schild sagt, dass es von hier aus noch zwei Stunden sind, bis zum nächsten Gipfel des Lovcen. Hinter dem Loch in der Mauer geht es über ein paar Felsen hinunter. Dann stehe ich vor der nächsten Schönheit am Wegrand.

Die verlassene Kirche eines Dorfes zwischen verfallenden Gebäuden. Es ist nicht mehr als eine Kapelle. Das Dorf, das sich in die Senke duckt, kann nicht groß gewesen sein. Jetzt ist die Kapelle leer. Ein paar Pferdeäpfel liegen zwischen den Trümmern am Boden, aber noch ist das Gewölbe der Kapelle bemalt. Noch zeigt die abblätternde Farbe dort oben jene wunderbaren Blautöne, die sie einst zum Leuchten brachten.

Dann wird es anstrengend. In langen Zickzack-Linien führt der Weg nach oben. Er ist verblüffend gut ausgebaut – vermutlich waren es die österreich-ungarischen Matrosen, die den Weg militärisch befestigten. Waren an der alten Stadtmauer noch viele unterwegs: Jetzt ist es fast einsam. Nacheinander begegnen mir:

1. Ein junger Mann in Turnschuhen, der erst den Berg hinaufjoggt. Und dann mit langen Schritten trittsicher zwischen den Steinbrocken hinunterspurtet. Training für den nächsten Lovcen-Marathonlauf.

2. Eine Gruppe Chinesinnen und Chinesen, angeführt von einem heimischen Führer, der sein Gesicht zum Schutz vor der Hitze dick mit Creme eingeschmiert hat. Und mich fragt: Ob ich denn auch genug Wasser dabeihätte? Glücklich sehen sie hier oben nicht aus, die Chinesen.

3. Einen Mann, der hinter seinem vollbepackten Esel Richtung Gipfel trottet. Man sieht ihn etwa in der Bildmitte oben. Hinter dem Esel. Vielleicht einer, der die einsam gelegenen Höfe dort oben mit dem Nötigsten versorgt? Auch er trägt Turnschuhe. Weil sie ihm zu groß sind, benutzt er sie als Pantoffeln, deren hinteren Teil er einfach plattgetreten hat. Trittsicher folgt er über das Geröll seinem Esel, der leidend, doch selbstbewusst seinen Weg kennt.

Wie ein Lichterkranz umgibt die Stadtmauer das alte Kotor in der Nacht. Und weil die Lichterkette sich an diesem windstillen Abend im Wasser der Bucht von Kotor spiegelt und die Spiegelung aussieht: Als wäre sie nichts anderes als ein leuchtendes Herz in der Nacht, drum endet mit diesem Foto für meine Frau dieser viel zu lange Post. Über eine Wanderung. Und die nie enden wollende Suche nach dem Glück.


Segeln in Montenegro: Unterwegs zu Gipfeln über Kotor. Oder: Des Menschen Suche nach dem Glück.


Am Ende des gleichnamigen langgestreckten Golfs, in seinem hintersten Winkel der langgestreckten Bucht, die eigentlich ein Fjord ist, liegt die Stadt Kotor. Wie ein Kranz überragt die Wehrmauer die alte Stadt. Wer sie besucht, der kann die 1.200 Stufen die alte Stadtmauer hinaufsteigen. Und in drei Stunden auf einen der Gipfel des Lovcen-Gebirgsmassivs wandern, das sich gleich hinter Kotor von von 0 auf über 1.700 Meter steil erhebt.

Also mache ich mich am frühen Morgen auf und rudere von meinem Ankerplatz hinüber zur Stadt. Es ist die beste Zeit. Die Stadt liegt noch im Schatten des großen Berges. Es ist noch nicht heiß. Ich habe mir die Kameras und zwei Flaschen Wasser in meinen Rucksack gepackt.

Irgendwo in einer Seitengasse der kleinen Altstadt geht es rechts ab. Zur Stadtmauer. Man zahlt drei Euro: Und schon darf man hinauf, die Stadtmauer entlang, die zu errichten mindestens sechs Jahrhunderte notwendig war.

Dass es tatsächlich 1.200 Stufen sind, erfahre ich von Marco. Er weiß solche Dinge – schließlich ist er der Küster des kleinen Kirchleins, das auf halber Höhe und halbem Weg in die Wehrmauer eingebettet ist. Marco steht jeden Morgen um sechs auf und geht hinauf zur Kirche. Die Stufen bis zu seiner Kirche hat er nie gezählt. Er läutet da oben über der Stadt die Glocke, wenn es Zeit ist. Verkauft Heiligenbildchen, Anhänger oder – so wie mir – zwei Kerzen, um sie am Altar anzuzünden. Während ich mit ihm spreche über dies und das, während die Hitze steigt und das Innere der Kirche wie einen Backofen füllt, frage ich mich, wie das Tun eines Menschen sein Gesicht formt. 

Ob Marco schon als kleiner Junge aussah wie ein gütiger Mönch? Ob sein Gesicht erst so wurde, weil er tagein, tagaus eben nichts anderes tut als seinen Dienst in der kleinen Kirchen zu versehen? 

Ist es unser Gesicht, das uns irgendwie an den richtigen Fleck im Leben stellt, an den wir hingehören? Oder ist unser Gesicht nur Spiegel dessen, was wir Denken, Tun? Das Gemälde dessen, was unser Leben ist? Worin wir unser Glück finden?

Die Kirche selbst war die gefühlt 300 Stufen alleine schon wert. Weil sie hübsch ist in ihrem Inneren, und einfach, und beides eben doch auch wieder nicht. In manchen Details könnte der Amerikaner Jeff Koons sie designt haben, nein, nicht mit dem Barock-Altar. Der kann mit seinen Stein-Intarsien und den beiden Heiligen zwischen den Säulen seine Herkunft aus Venedig nicht leugnen. Jeff Koons aber könnte Schöpfer der türkis hinterlegten Marien-Abbildungen, der Puti, und von mancherlei geschwungenem Zierat an den Wänden sein.

Wie so oft, wohnt Einfachheit an diesem alten Ort. Irgendetwas, das mich Ruhe finden lässt selbst in der feuchten Hitze seiner Mauern. Gleichmaß, Symmetrie im Steinboden, in der einfachen Kirchenbank, im kleinen Treppenhaus, das nach oben zur Empore führt. Ein beruhigendes Gleichmaß, das mir immer wieder in alten Bauten wie diesen begegnet. Und zu selten sonst in der Welt. Würde man heute diesen Raum irgendwo nachbauen, exakt eins zu eins: Er besäße alles, was der Raum dieser Marienkirche besitzt. Nur das eine nicht. Die Schönheit, die nur Jahrhunderte und ihre Spuren in einen Raum bringen können. 

Ich verlasse Marco, den Küster, und wandere weiter hinauf, die Stufen der alten Wehrmauer entlang, bis ich am höchsten Punkt stehe, da, wo die Wehrmauer den Gipfel erreicht und das Fort von San Giovanni steht. Und wo man den Gipfeln des Lovcen schon merklich nahe ist.

Zu den beliebten und stets neu zu klärenden Fragen im Leben gehört: Käme man als Tier auf die Welt – als was würde man sich gerne inkarnieren? Könnten Sie es aus dem Stand heraus benennen? Ich wusste. Nichts anderes als eine Dohle. Hier oben, wo es einsam wird zwischen den steilen Wänden, da treffe ich sie, die mich oft auf Wanderungen begleiteten. Wo immer ich sie traf, ob in Südfrankreich oder England, wohnten sie am liebsten nahe altem Gemäuer. In der Nähe von Burgen, von einsam gelegenen Mauern und Festungen. Manchmal erschienen mir die kleinen Krähenvögel schon wie Menschen, die einst an diesem Ort gelebt hatten – und einfach nicht weggehen konnten, auf der Suche nach irgendetwas. Ich liebe ihren Flug. Mit leise krächzenden Lauten und lässig hängenden Füßen kurven sie schwerelos zwischen Felswänden umher.

Noch ein Blick auf die Stadt von oben. Dann führt ein schmales Loch in der Mauer nach draußen. Ein Schild sagt, dass es von hier aus noch zwei Stunden sind, bis zum nächsten Gipfel des Lovcen. Hinter dem Loch in der Mauer geht es über ein paar Felsen hinunter. Dann stehe ich vor der nächsten Schönheit am Wegrand.

Die verlassene Kirche eines Dorfes zwischen verfallenden Gebäuden. Es ist nicht mehr als eine Kapelle. Das Dorf, das sich in die Senke duckt, kann nicht groß gewesen sein. Jetzt ist die Kapelle leer. Ein paar Pferdeäpfel liegen zwischen den Trümmern am Boden, aber noch ist das Gewölbe der Kapelle bemalt. Noch zeigt die abblätternde Farbe dort oben jene wunderbaren Blautöne, die sie einst zum Leuchten brachten.

Dann wird es anstrengend. In langen Zickzack-Linien führt der Weg nach oben. Er ist verblüffend gut ausgebaut – vermutlich waren es die österreich-ungarischen Matrosen, die den Weg militärisch befestigten. Waren an der alten Stadtmauer noch viele unterwegs: Jetzt ist es fast einsam. Nacheinander begegnen mir:

1. Ein junger Mann in Turnschuhen, der erst den Berg hinaufjoggt. Und dann mit langen Schritten trittsicher zwischen den Steinbrocken hinunterspurtet. Training für den nächsten Lovcen-Marathonlauf.

2. Eine Gruppe Chinesinnen und Chinesen, angeführt von einem heimischen Führer, der sein Gesicht zum Schutz vor der Hitze dick mit Creme eingeschmiert hat. Und mich fragt: Ob ich denn auch genug Wasser dabeihätte? Glücklich sehen sie hier oben nicht aus, die Chinesen.

3. Einen Mann, der hinter seinem vollbepackten Esel Richtung Gipfel trottet. Man sieht ihn etwa in der Bildmitte oben. Hinter dem Esel. Vielleicht einer, der die einsam gelegenen Höfe dort oben mit dem Nötigsten versorgt? Auch er trägt Turnschuhe. Weil sie ihm zu groß sind, benutzt er sie als Pantoffeln, deren hinteren Teil er einfach plattgetreten hat. Trittsicher folgt er über das Geröll seinem Esel, der leidend, doch selbstbewusst seinen Weg kennt.

Wie ein Lichterkranz umgibt die Stadtmauer das alte Kotor in der Nacht. Und weil die Lichterkette sich an diesem windstillen Abend im Wasser der Bucht von Kotor spiegelt und die Spiegelung aussieht: Als wäre sie nichts anderes als ein leuchtendes Herz in der Nacht, drum endet mit diesem Foto für meine Frau dieser viel zu lange Post. Über eine Wanderung. Und die nie enden wollende Suche nach dem Glück.


Segeln in Montenegro: Der Delphin um Mitternacht.
















Es geht auf Mitternacht zu. Das Städtchen Kotor in der gleichnamigen Bucht liegt in tiefem Frieden zu Füßen des steilen Felsens, dessen Stadtmauer sich als hellleuchtende Lichterkette erhaben um das Städtchen schmiegt.  Es ist ruhig. Absolute Windstille, in der sich kein Hauch regt. Nichts. Nur der Lärm von der Straße, die um die Marina von Kotor herumführt.

Plötzlich ein Geräusch vom Ankerkasten. Ich habe auf elf Metern geankert, die Wassertiefe ist selbst am Südende des langen Fjords beträchtlich. Ich habe fast alles an Kette draussen, was ich hatte. Fast Fünfzig Meter. Wieder ein Rappeln der Kette vorne im Ankerkasten. LEVJE dreht sich eine Vierteldrehung nach steuerbord. Merkwürdig. Wieso das, wo es doch weder Wind noch Strömung hat?

Wieder ein Rappeln. Ich gehe nach vorne zum Bugkorb. Und was ich unter mir sehe, ist gespenstisch. Wie von Geisterhand bewegt, rührt die schwere Ankerkette im Kreis herum, als wäre sie ein Kaffeelöffel, der in einer Tasse kreist. Ein Kreis mit fast zwei Metern Durchmesser. Einer rechtsrum. Dann noch einer.

Plötzlich hängt die Kette wieder reglos nach unten. Während ich nach unten in die Schwärze der Wasseroberfläche starre und mir nur das aufgewühlte Wasser versichert, dass ich alles nicht geträumt habe, taucht plötzlich ein großer weißer Schatten neben der Bordwand in der Tiefe auf. Kommt an die Oberfläche. Atmet unmittelbar in der Dunkelheit neben LEVJE aus. Und schickt mir im Abtauchen seinen Blast nach oben, dass ich die feuchtwarme Atemluft des großen Tieres in meinem Gesicht spüre.

Ein Delphin. Und ein großer, ausgewachsener dazu. Jetzt rüttelt er wieder an LEVJEs Ankerkette. Und zwar so stark, dass LEVJE’s Bug nun auf und ab geht. Ich gebe zu, dass es mich einen Moment gruselt. Mein Hirn versucht sich einen Reim auf das zu machen, was sich da vor mir in der Tiefe abspielt. Aber mehr als ein dummer Vers kommt dabei nicht raus: „Delphin beißt in Ankerkette und versucht, Schiff in die Tiefe zu ziehen.“ Blödsinn. LEVJE wiegt siebeneinhalb Tonnen. Ein Lebewesen von mehreren 100 Kilogramm kann keinen Körper wie den von LEVJE versenken. Trotzdem ist die Energie des Tieres, seine Entschlossenheit beeindruckend. Alles an den Aktionen des Tieres fühlt sich irgendwie nach Männergehabe, nach Testosteron an. Wieder die schwere Kette, die vor mir durchs Wasser kreist. Wieder ein Auftauchen, ein Ausatemn. Diesmal an Backbord.

Ich gehe nach hinten und hole die Taschenlampe. Ich muss wissen, was da vor sich geht. Während ich unten bin, ist das Rumpeln des Ankerns, sein Scheuern an der Bordwand unüberhörbar. Ich greife mir die stärkste Taschenlampe. Gehe nach vorne. Leuchte nach unten. Der große weiße Schatten in der Tiefe, irgendwo fünf Meter unter mir, kreist um die Ankerkette.

Hat sich sein Weibchen in der Kette verfangen? Blödsinn. Wie denn?

Stimmt mit der Kette was nicht? Es ist eine Spezialkette von TOPLICHT, Bruchlast siebeneinhalb Tonnen statt der üblichen zwei Tonnen. Hat der italienische Kettenhersteller irgendein Delphin-Pheromon in die Veredelung mit eingebaut, das männliche Delphine brünstig macht, Dampf ablassen lässt?

Hat sich die Kette über eine mit Fischen prall gefüllte Reuse gelegt? Und der hungrige Delphin kommt nicht ran?

Ich komme nicht drauf. Dann leuchte ich den etwa Zweimeterfünfzig langen Fischkörper beim Auftauchen von vorne bis hinten ab. Und entdecke das fingerdicke Seil, das sich am Ansatz der Fluke  um den Körper des Tieres verknotet hat. Es schneidet in seine Haut ein, weht fast eineinhalb Meter hinter der Schwanzflosse im Wasser aus. Ich beobachte den Delphin, wie er im Wasser entlang der Kette hinuntertaucht. Und verzweifelt versucht, wieder und wieder an der Kette den einschneidenden Strick abzustreifen. Loszuwerden. Er beißt nicht in die Kette. Er scheuert mit dem Schwanz daran. Wieder und wieder.

Ich überlege, wie ich dem Tier helfen könnte. Ins Wasser gehen, mit einem Messer versuchen, heranzukommen? Ich verwerfe den Gedanken sofort wieder. Das hier ist nicht „Flipper“. Und hier wird nicht für NETFLIX die 19. Staffel gedreht. Delphine sind scheue Tiere. Auch wenn sie auf dem Meer oft zutraulich scheinen: Sie sind Wildtiere, denen man sich auf keinen Fall nähern sollte, deren Territorium zu respektieren ist. Zudem: Ein verletztes Tier, vielleicht gepeinigt von Schmerzen, ist unberechenbar. Nein, überhaupt gar keine Lösung.

Ich versuche herauszufinden, wie das Tier reagiert, wenn ich etwas in seine Nähe bringe. Ich hole das Dinghi von hinten. Und binde es nahe am Bug fest. Mal sehen, ob das bei dem Tier Aggression auslöst. Aber der Delphin ist nur mit sich und der Kette beschäftigt. Das Dinghi, neben dem er wieder und wieder ruhig zum Atemholen auftaucht, stört ihn nicht im mindesten. Na ja. Das ist doch schon mal was.

Es ist Mitternacht geworden. Ich überlege weiter. Wenn ich es schaffen könnte, langsam zu dem verletzten Tier Vertrauen aufzubauen. Es wäre so leicht, die Schnur mit einem Seitenschneider einfach durchzutrennen, das Tier zu befreien. Ich hole langsam das kleine Dinghi nach hinten. Setze mich hinein. Sicherheitshalber habe ich meine Schwimmweste angezogen, Taschenlampe, scharfes Messer, Seitenschneider eingepackt. Langsam hangle ich mich an LEVJE’s Bordwand nach vorne, bloß nicht hastig, Meter für Meter. Dann bin ich vorne an der Ankerkette. Die wackelt hin und her. Etwas keck rüttle ich an der Ankerkette von oben. Einmal. Zweimal. Unten Stille. Als würde jemand über mein Signal nachdenken. Plötzlich ein wütendes Atemluft nach oben stoßen neben meinem kleinen Dinghi. Kein ruhiges Auf- und Untertauchen, sondern ein Atem-Ausstoßen wie ein bedrohliches Platzen. Ich sitze in den Wassertropfen der Atemluft im Dinghi. Aha. Das war zu nah! Ich hangle mich mit dem Dinghi zwei Meter nach hinten.

Mal sehen, ob ich ihn neugierig machen kann. Ich beschließe: ER muss kommen. ER muss die Spielregeln bestimmen, mit denen er sich wohl fühlt. Ich warte an der Bordwand ab. Näher und näher kommt der Delphin beim Auftauchen – er ist ruhig jetzt, taucht in der Dunkelheit mal einen Meter hinter mir auf. Mal einen Meter vor mir. Mal einen Meter neben mir. Er kommt näher. Aber immer noch sieht er seine Rettung in der Kette, nicht in mir in meinem kleinen Schlauchboot in der Dunkelheit. Ich versuche ganz entspannt zu sitzen, hektische Bewegungen zu vermeiden. Zu sehen, ob der Delphin vielleicht durch eine Geste Vertrauen signalisiert. Aber nichts passiert. Er ist voll und ganz auf sein Tun fokussiert, das Seil an der Kette abzustreifen.

Ich sitze. Und warte. Als es ein Uhr schlägt, hangle ich mich langsam wieder zum Bug. Zur Ankerkette, bis die neben mir in die Tiefe führt. Der Delphin akzeptiert es, taucht langsam unter meinem Dinghi zum Atmen an die Oberfläche. Es kostet ihn Kraft, denn er taucht nun alle 40, 50 Sekunden aus der Tiefe auf, um Luft zu holen. Ich könnte ihn in der Dunkelheit berühren, wenn sein Leib schlangengleich an die Oberfläche kommt. Aber ich lasse es. Er muss die Initiative haben.

Ich spüre, wie ich müde werde in meinem Dinghi. Ich spüre, wie ich es bis hierher geschafft habe. Dass er mich in seiner Nähe toleriert. Aber ich spüre auch, dass es bis hierhin ging. Dass ich jetzt nicht weiterkomme. Dass der nächste Schritt für den Delphin, die Annäherung, die körperliche Nähe zu mir durch irgendein Signal zu zeigen, nicht kommen wird. Ich warte an der Bordwand. Und nicke ein. Während der Delphin links und rechts der Ankerkette zum Luftholen aufsteigt.

Irgendwann wache ich auf. Ich muss mich damit abfinden, dass ich dem Tier nicht werde helfen können. Ich hangle mich zurück zu LEVJEs Heck. Binde das Dinghi hinten an, der Delphin sieht in seiner Verzweiflung nur die Ankerkette, nicht den Menschen, der ihm helfen könnte. Wie denn auch? Wo das Seil, das sich um seinen Leib geschlungen hat, von Menschen kommt.

Ich kann ihm nicht helfen. Vielleicht ist er am Morgen noch da. Und abgekämpfter. Müder. Vielleicht versuche ich es in der Morgendämmerung noch einmal, denke ich, während das Rumpeln der Kette vorne im Ankerkasten mich bis tief in meinen Schlaf begleitet.







Segeln in Montenegro: Der Delphin um Mitternacht.
















Es geht auf Mitternacht zu. Das Städtchen Kotor in der gleichnamigen Bucht liegt in tiefem Frieden zu Füßen des steilen Felsens, dessen Stadtmauer sich als hellleuchtende Lichterkette erhaben um das Städtchen schmiegt.  Es ist ruhig. Absolute Windstille, in der sich kein Hauch regt. Nichts. Nur der Lärm von der Straße, die um die Marina von Kotor herumführt.

Plötzlich ein Geräusch vom Ankerkasten. Ich habe auf elf Metern geankert, die Wassertiefe ist selbst am Südende des langen Fjords beträchtlich. Ich habe fast alles an Kette draussen, was ich hatte. Fast Fünfzig Meter. Wieder ein Rappeln der Kette vorne im Ankerkasten. LEVJE dreht sich eine Vierteldrehung nach steuerbord. Merkwürdig. Wieso das, wo es doch weder Wind noch Strömung hat?

Wieder ein Rappeln. Ich gehe nach vorne zum Bugkorb. Und was ich unter mir sehe, ist gespenstisch. Wie von Geisterhand bewegt, rührt die schwere Ankerkette im Kreis herum, als wäre sie ein Kaffeelöffel, der in einer Tasse kreist. Ein Kreis mit fast zwei Metern Durchmesser. Einer rechtsrum. Dann noch einer.

Plötzlich hängt die Kette wieder reglos nach unten. Während ich nach unten in die Schwärze der Wasseroberfläche starre und mir nur das aufgewühlte Wasser versichert, dass ich alles nicht geträumt habe, taucht plötzlich ein großer weißer Schatten neben der Bordwand in der Tiefe auf. Kommt an die Oberfläche. Atmet unmittelbar in der Dunkelheit neben LEVJE aus. Und schickt mir im Abtauchen seinen Blast nach oben, dass ich die feuchtwarme Atemluft des großen Tieres in meinem Gesicht spüre.

Ein Delphin. Und ein großer, ausgewachsener dazu. Jetzt rüttelt er wieder an LEVJEs Ankerkette. Und zwar so stark, dass LEVJE’s Bug nun auf und ab geht. Ich gebe zu, dass es mich einen Moment gruselt. Mein Hirn versucht sich einen Reim auf das zu machen, was sich da vor mir in der Tiefe abspielt. Aber mehr als ein dummer Vers kommt dabei nicht raus: „Delphin beißt in Ankerkette und versucht, Schiff in die Tiefe zu ziehen.“ Blödsinn. LEVJE wiegt siebeneinhalb Tonnen. Ein Lebewesen von mehreren 100 Kilogramm kann keinen Körper wie den von LEVJE versenken. Trotzdem ist die Energie des Tieres, seine Entschlossenheit beeindruckend. Alles an den Aktionen des Tieres fühlt sich irgendwie nach Männergehabe, nach Testosteron an. Wieder die schwere Kette, die vor mir durchs Wasser kreist. Wieder ein Auftauchen, ein Ausatemn. Diesmal an Backbord.

Ich gehe nach hinten und hole die Taschenlampe. Ich muss wissen, was da vor sich geht. Während ich unten bin, ist das Rumpeln des Ankerns, sein Scheuern an der Bordwand unüberhörbar. Ich greife mir die stärkste Taschenlampe. Gehe nach vorne. Leuchte nach unten. Der große weiße Schatten in der Tiefe, irgendwo fünf Meter unter mir, kreist um die Ankerkette.

Hat sich sein Weibchen in der Kette verfangen? Blödsinn. Wie denn?

Stimmt mit der Kette was nicht? Es ist eine Spezialkette von TOPLICHT, Bruchlast siebeneinhalb Tonnen statt der üblichen zwei Tonnen. Hat der italienische Kettenhersteller irgendein Delphin-Pheromon in die Veredelung mit eingebaut, das männliche Delphine brünstig macht, Dampf ablassen lässt?

Hat sich die Kette über eine mit Fischen prall gefüllte Reuse gelegt? Und der hungrige Delphin kommt nicht ran?

Ich komme nicht drauf. Dann leuchte ich den etwa Zweimeterfünfzig langen Fischkörper beim Auftauchen von vorne bis hinten ab. Und entdecke das fingerdicke Seil, das sich am Ansatz der Fluke  um den Körper des Tieres verknotet hat. Es schneidet in seine Haut ein, weht fast eineinhalb Meter hinter der Schwanzflosse im Wasser aus. Ich beobachte den Delphin, wie er im Wasser entlang der Kette hinuntertaucht. Und verzweifelt versucht, wieder und wieder an der Kette den einschneidenden Strick abzustreifen. Loszuwerden. Er beißt nicht in die Kette. Er scheuert mit dem Schwanz daran. Wieder und wieder.

Ich überlege, wie ich dem Tier helfen könnte. Ins Wasser gehen, mit einem Messer versuchen, heranzukommen? Ich verwerfe den Gedanken sofort wieder. Das hier ist nicht „Flipper“. Und hier wird nicht für NETFLIX die 19. Staffel gedreht. Delphine sind scheue Tiere. Auch wenn sie auf dem Meer oft zutraulich scheinen: Sie sind Wildtiere, denen man sich auf keinen Fall nähern sollte, deren Territorium zu respektieren ist. Zudem: Ein verletztes Tier, vielleicht gepeinigt von Schmerzen, ist unberechenbar. Nein, überhaupt gar keine Lösung.

Ich versuche herauszufinden, wie das Tier reagiert, wenn ich etwas in seine Nähe bringe. Ich hole das Dinghi von hinten. Und binde es nahe am Bug fest. Mal sehen, ob das bei dem Tier Aggression auslöst. Aber der Delphin ist nur mit sich und der Kette beschäftigt. Das Dinghi, neben dem er wieder und wieder ruhig zum Atemholen auftaucht, stört ihn nicht im mindesten. Na ja. Das ist doch schon mal was.

Es ist Mitternacht geworden. Ich überlege weiter. Wenn ich es schaffen könnte, langsam zu dem verletzten Tier Vertrauen aufzubauen. Es wäre so leicht, die Schnur mit einem Seitenschneider einfach durchzutrennen, das Tier zu befreien. Ich hole langsam das kleine Dinghi nach hinten. Setze mich hinein. Sicherheitshalber habe ich meine Schwimmweste angezogen, Taschenlampe, scharfes Messer, Seitenschneider eingepackt. Langsam hangle ich mich an LEVJE’s Bordwand nach vorne, bloß nicht hastig, Meter für Meter. Dann bin ich vorne an der Ankerkette. Die wackelt hin und her. Etwas keck rüttle ich an der Ankerkette von oben. Einmal. Zweimal. Unten Stille. Als würde jemand über mein Signal nachdenken. Plötzlich ein wütendes Atemluft nach oben stoßen neben meinem kleinen Dinghi. Kein ruhiges Auf- und Untertauchen, sondern ein Atem-Ausstoßen wie ein bedrohliches Platzen. Ich sitze in den Wassertropfen der Atemluft im Dinghi. Aha. Das war zu nah! Ich hangle mich mit dem Dinghi zwei Meter nach hinten.

Mal sehen, ob ich ihn neugierig machen kann. Ich beschließe: ER muss kommen. ER muss die Spielregeln bestimmen, mit denen er sich wohl fühlt. Ich warte an der Bordwand ab. Näher und näher kommt der Delphin beim Auftauchen – er ist ruhig jetzt, taucht in der Dunkelheit mal einen Meter hinter mir auf. Mal einen Meter vor mir. Mal einen Meter neben mir. Er kommt näher. Aber immer noch sieht er seine Rettung in der Kette, nicht in mir in meinem kleinen Schlauchboot in der Dunkelheit. Ich versuche ganz entspannt zu sitzen, hektische Bewegungen zu vermeiden. Zu sehen, ob der Delphin vielleicht durch eine Geste Vertrauen signalisiert. Aber nichts passiert. Er ist voll und ganz auf sein Tun fokussiert, das Seil an der Kette abzustreifen.

Ich sitze. Und warte. Als es ein Uhr schlägt, hangle ich mich langsam wieder zum Bug. Zur Ankerkette, bis die neben mir in die Tiefe führt. Der Delphin akzeptiert es, taucht langsam unter meinem Dinghi zum Atmen an die Oberfläche. Es kostet ihn Kraft, denn er taucht nun alle 40, 50 Sekunden aus der Tiefe auf, um Luft zu holen. Ich könnte ihn in der Dunkelheit berühren, wenn sein Leib schlangengleich an die Oberfläche kommt. Aber ich lasse es. Er muss die Initiative haben.

Ich spüre, wie ich müde werde in meinem Dinghi. Ich spüre, wie ich es bis hierher geschafft habe. Dass er mich in seiner Nähe toleriert. Aber ich spüre auch, dass es bis hierhin ging. Dass ich jetzt nicht weiterkomme. Dass der nächste Schritt für den Delphin, die Annäherung, die körperliche Nähe zu mir durch irgendein Signal zu zeigen, nicht kommen wird. Ich warte an der Bordwand. Und nicke ein. Während der Delphin links und rechts der Ankerkette zum Luftholen aufsteigt.

Irgendwann wache ich auf. Ich muss mich damit abfinden, dass ich dem Tier nicht werde helfen können. Ich hangle mich zurück zu LEVJEs Heck. Binde das Dinghi hinten an, der Delphin sieht in seiner Verzweiflung nur die Ankerkette, nicht den Menschen, der ihm helfen könnte. Wie denn auch? Wo das Seil, das sich um seinen Leib geschlungen hat, von Menschen kommt.

Ich kann ihm nicht helfen. Vielleicht ist er am Morgen noch da. Und abgekämpfter. Müder. Vielleicht versuche ich es in der Morgendämmerung noch einmal, denke ich, während das Rumpeln der Kette vorne im Ankerkasten mich bis tief in meinen Schlaf begleitet.







Segeln in Montenegro: Ankommen in der Bucht von Kotor.















Sie kommt anfangs unscheinbar daher. Unspektakulär und unscheinbar, die Bucht von Kotor. Dabei markierte sie einst das spektakuläre südliche Ende dieses Jugoslawien, in das noch in den 80ern alljährlich deutsche Familien mit Kindern auf die Campingplätze strömten. Erinnert sich noch jemand? „Ja zu YU“ lautete der prominente Werbespot, der ein geflügeltes Wort war wie „Berlin tut gut“.

Dann kam der Krieg. Niemand ging mehr hin. Von Jugoslawien blieben Einzelteile. Der südlichste davon, an der Grenze zu Albanien, ist Montenegro. Kaum 650.000 Einwohner groß, im Krieg anfangs auf Seiten der serbisch dominierten Bundesarmee, später ausgeschieden, heute EU-Beitrittskandidat. Als Land ein Winzling, mit Touristen überwiegend aus Serbien, der Ukraine und Russland, mit der Währung Euro und den Polizeisirenen von New York. Es sind die einfacheren Russen, die an dieser Küste Urlaub machen. Junge Leute, die in Moskau arbeiten, so wie Marija, die ich an der Bushaltestelle kennenlerne und die frei erzählt, was ihre Generation über Putin, die Oligarchen, über Angela Merkel und The Donald denkt.

Velimir, der Taxifahrer, der mich auf dem Rückweg mit meinen Tüten vom Gemüsemarkt überredet, doch Bus Bus sein zu lassen und für fünf Euro lieber sein Taxi zu benutzen, klagt: Die Touristen hätten alle kein Geld mehr. Die Russen nicht. Die Ukrainer nicht. Die Serben sowieso nicht. Nur die Italiener. Und die Deutschen. Um Velimir den Glauben nicht zu rauben, bezahle ich mehr als ich muss. Rudere zu LEVJE. Und breche auf in die Bucht von Kotor.

Anfangs nette kleine Häuschen. Einige rasch gewachsene Siedlungen, an deren alten Kirchen man den Dorfkern des einstigen Weilers erkennt, bevor sie in den letzten dreißig Jahren pubertierend drauf los wuchsen. Als mich der Kreuzfahrer, die NORWEGIAN STAR, kurz vor der Engstelle von Kamenari überholt und sich langsam da durchdrückt, bekomme ich eine erste Ahnung, dass es dahinter nicht so unscheinbar weitergehen wird wie zuvor. Die Berge steigen im hinteren Teil schroff an. Kaum bin ich mit LEVJE durch die Engstelle motort und drei Fähren ausgewichen – die weiße „Dicke“ vor mir ließen sie in Ruh‘. Auf mich gehen sie los! – bleibt mir die Spucke weg.

Nach Norden hin steigen die Berge an, als wäre dies hier irgendeine Ecke am Lago di Garda oder dem Lago Maggiore. Das Kloster von Gospa od Skrpjela auf seinem Felsenriff wirkt winzig in der Landschaft. Und selbst die vorher imposante NORWEGIAN STAR gibt ganz klein bei und verliert sich in der Weite aus Gebirge und Meer. Ein bisschen misstrauisch schiele ich die steilen Hänge hinauf. Wenn das mal keine Fallböen gibt heute Nacht. Da habe ich schon wegen kleinerer Hügel die Nacht über kein Auge zugetan.

Die Wassertiefe im Fjord ist bis zum Ufer stets 25 Meter. Ankern? Nur dicht am Ufer. Die Bucht von Kotor ist ein Flusstal, dass sich das Meer geholt hat, als es in den letzten 5.000 Jahren um 100 Meter anstieg. Vorher war dies vielleicht alles ein fruchtbares Schwemmlandtal.

Ich bekomme Lust, in den Bergen zu wandern. Hitze hin. Hitze her. Es sind pittoreske Dörfer, die sich in die Hänge schmiegen. Prcanj könnte – was seine Barockirche angeht – auch gerne irgendwo in Sizilien liegen. Alles sieht verlassen aus, und irgendwie wie Auenland. So ganz anders als das Städtchen Herceg Novi, in dessen weiter Bucht ich in der Abenddämmerung einen geschützten Platz gefunden zu haben meinte. Und mir die mitleidigen Blicke der Bootssteuerer nicht erklären konnte – bis gegen 21 Uhr in der Dunkelheit die Disco am Ufer zu wummern anfing wie ein Getthoblaster. Ich startete den Motor. Holte den Anker. Und suchte mir in der Dunkelheit zwei Seemeilen weiter ein ruhiges Plätzchen vor der der Zollpier, wo um Mitternacht nur ein paar Betrunkene grölten.

Nein. Hier scheint alles friedlich. Und verlassen. Und irgendwie heil geblieben. Perast am anderen Ufer scheint genauso schön – aber das hebe ich mir heute auf genauso wie Risan hinter der Klosterinsel. Für heute folge ich lieber der NORWEGIAN STAR – wo die vielen hingehen: da muss es doch schön sein. Und tatsächlich. Die „Dicke“ lässt ihren schweren Anker genau vor dem Städtchen Kotor am Südende der Bucht fallen.

Ein mindestens ebenso pittoresker Ort. Wer genau hinsieht kann links und rechts über dem Städtchen die Wehrmauern erkennen, die sich wie die chinesische Mauer gleichmütig in die Höhe ziehen und das Städtchen umschließen. 


Zwei Fußballfelder hinter der NORWEGIAN STAR lasse ich auch unseren Anker fallen. Ich kenne die Verhaltensweisen der Brüder Kreuzfahrer. Und weiß, dass spätestens heute Abend die NORWEGIAN STAR wieder weiterziehen wird. Um ihre Gäste beim Aufwachen am nächsten Morgen schon mit dem nächsten Highlight ein paar Buchten weiter zu überraschen. Korfu? Olympia? Wer weiß das schon. Das Städtchen Kotor und die Bucht bleiben heute Abend einfach wieder sich selber überlassen. 



Segeln in Montenegro: Ankommen in der Bucht von Kotor.















Sie kommt anfangs unscheinbar daher. Unspektakulär und unscheinbar, die Bucht von Kotor. Dabei markierte sie einst das spektakuläre südliche Ende dieses Jugoslawien, in das noch in den 80ern alljährlich deutsche Familien mit Kindern auf die Campingplätze strömten. Erinnert sich noch jemand? „Ja zu YU“ lautete der prominente Werbespot, der ein geflügeltes Wort war wie „Berlin tut gut“.

Dann kam der Krieg. Niemand ging mehr hin. Von Jugoslawien blieben Einzelteile. Der südlichste davon, an der Grenze zu Albanien, ist Montenegro. Kaum 650.000 Einwohner groß, im Krieg anfangs auf Seiten der serbisch dominierten Bundesarmee, später ausgeschieden, heute EU-Beitrittskandidat. Als Land ein Winzling, mit Touristen überwiegend aus Serbien, der Ukraine und Russland, mit der Währung Euro und den Polizeisirenen von New York. Es sind die einfacheren Russen, die an dieser Küste Urlaub machen. Junge Leute, die in Moskau arbeiten, so wie Marija, die ich an der Bushaltestelle kennenlerne und die frei erzählt, was ihre Generation über Putin, die Oligarchen, über Angela Merkel und The Donald denkt.

Velimir, der Taxifahrer, der mich auf dem Rückweg mit meinen Tüten vom Gemüsemarkt überredet, doch Bus Bus sein zu lassen und für fünf Euro lieber sein Taxi zu benutzen, klagt: Die Touristen hätten alle kein Geld mehr. Die Russen nicht. Die Ukrainer nicht. Die Serben sowieso nicht. Nur die Italiener. Und die Deutschen. Um Velimir den Glauben nicht zu rauben, bezahle ich mehr als ich muss. Rudere zu LEVJE. Und breche auf in die Bucht von Kotor.

Anfangs nette kleine Häuschen. Einige rasch gewachsene Siedlungen, an deren alten Kirchen man den Dorfkern des einstigen Weilers erkennt, bevor sie in den letzten dreißig Jahren pubertierend drauf los wuchsen. Als mich der Kreuzfahrer, die NORWEGIAN STAR, kurz vor der Engstelle von Kamenari überholt und sich langsam da durchdrückt, bekomme ich eine erste Ahnung, dass es dahinter nicht so unscheinbar weitergehen wird wie zuvor. Die Berge steigen im hinteren Teil schroff an. Kaum bin ich mit LEVJE durch die Engstelle motort und drei Fähren ausgewichen – die weiße „Dicke“ vor mir ließen sie in Ruh‘. Auf mich gehen sie los! – bleibt mir die Spucke weg.

Nach Norden hin steigen die Berge an, als wäre dies hier irgendeine Ecke am Lago di Garda oder dem Lago Maggiore. Das Kloster von Gospa od Skrpjela auf seinem Felsenriff wirkt winzig in der Landschaft. Und selbst die vorher imposante NORWEGIAN STAR gibt ganz klein bei und verliert sich in der Weite aus Gebirge und Meer. Ein bisschen misstrauisch schiele ich die steilen Hänge hinauf. Wenn das mal keine Fallböen gibt heute Nacht. Da habe ich schon wegen kleinerer Hügel die Nacht über kein Auge zugetan.

Die Wassertiefe im Fjord ist bis zum Ufer stets 25 Meter. Ankern? Nur dicht am Ufer. Die Bucht von Kotor ist ein Flusstal, dass sich das Meer geholt hat, als es in den letzten 5.000 Jahren um 100 Meter anstieg. Vorher war dies vielleicht alles ein fruchtbares Schwemmlandtal.

Ich bekomme Lust, in den Bergen zu wandern. Hitze hin. Hitze her. Es sind pittoreske Dörfer, die sich in die Hänge schmiegen. Prcanj könnte – was seine Barockirche angeht – auch gerne irgendwo in Sizilien liegen. Alles sieht verlassen aus, und irgendwie wie Auenland. So ganz anders als das Städtchen Herceg Novi, in dessen weiter Bucht ich in der Abenddämmerung einen geschützten Platz gefunden zu haben meinte. Und mir die mitleidigen Blicke der Bootssteuerer nicht erklären konnte – bis gegen 21 Uhr in der Dunkelheit die Disco am Ufer zu wummern anfing wie ein Getthoblaster. Ich startete den Motor. Holte den Anker. Und suchte mir in der Dunkelheit zwei Seemeilen weiter ein ruhiges Plätzchen vor der der Zollpier, wo um Mitternacht nur ein paar Betrunkene grölten.

Nein. Hier scheint alles friedlich. Und verlassen. Und irgendwie heil geblieben. Perast am anderen Ufer scheint genauso schön – aber das hebe ich mir heute auf genauso wie Risan hinter der Klosterinsel. Für heute folge ich lieber der NORWEGIAN STAR – wo die vielen hingehen: da muss es doch schön sein. Und tatsächlich. Die „Dicke“ lässt ihren schweren Anker genau vor dem Städtchen Kotor am Südende der Bucht fallen.

Ein mindestens ebenso pittoresker Ort. Wer genau hinsieht kann links und rechts über dem Städtchen die Wehrmauern erkennen, die sich wie die chinesische Mauer gleichmütig in die Höhe ziehen und das Städtchen umschließen. 


Zwei Fußballfelder hinter der NORWEGIAN STAR lasse ich auch unseren Anker fallen. Ich kenne die Verhaltensweisen der Brüder Kreuzfahrer. Und weiß, dass spätestens heute Abend die NORWEGIAN STAR wieder weiterziehen wird. Um ihre Gäste beim Aufwachen am nächsten Morgen schon mit dem nächsten Highlight ein paar Buchten weiter zu überraschen. Korfu? Olympia? Wer weiß das schon. Das Städtchen Kotor und die Bucht bleiben heute Abend einfach wieder sich selber überlassen. 



Kolocep. Kroatiens drittletzte Insel.






Das Ankommen entscheidet, ob wir uns wohlfühlen an einem Ort oder nicht. Es sind oft nur Sekunden. Die Insel Kolocep erreichte ich am Freitag Abend. Gar kein guter Zeitpunkt jetzt im August. Die Bucht war voll. Wer am folgenden Samstag abreist, will noch einmal alles, alles erleben. Mutwille. Lärm. Übermut. Die Bucht vor dem Sandstrand voller kleiner Motorboote. Der Ankerplatz vor den Klippen voller Charterer und Eignerschiffe. Der Platz vor dem Anleger voller Ausflugsschiffe. „Dubrovnik Excursion“ steht auf den meisten: Wer seinen Urlaub in Dubrovnik verbringt, der will auch auf die davor liegenden Inseln Lokrum und eben nach Kolocep. Lärm, Gewummer, Techno-Bass.

Eigentlich bin ich genervt. Aber dann bleibt mein Blick haften auf ein paar Dingen. Der Felskante vor dem Hafen mit dem türkisen Wasser. Der kleinen verfallenden Villa am Ufer in der Abenddämmerung. Der Villa am gegenüberliegenden Ufer. Ich beschließe zu ankern und einfach zu bleiben. Trotz Lärm. Ich sehe nicht, wie es jetzt gerade ist. Sondern wie es sein könnte.

Beim Segeln wie im Leben ist es kein leichtes, an einem Ort sesshaft zu werden. An einem Ort auf Levje zu bleiben bedeutet:
Levjes Anker vor der nach Norden schützenden Felskante fallen lassen;
unter Motor Richtung Ufer ziehen;
drei Festmacher auf etwa 70 Meter Länge zusammenknoten;
ins Wasser steigen;
Richtung Ufer schwimmen, das Ende der zusammengeknoteten 70-Meter-Leine in der Hand hinter mir herziehend;
samt Leine auf einen Felsen klettern;
die Leine um den Felsen schlingen und verknoten;
mich an der Leine durchs Wasser zurück zu Levje zu hangeln;
und dann mit Kraft den Festmacher Hand über Hand dichtholen, bis Levje fest vertäut zwischen ihrem Anker und dem Felsen als Poller liegt.

Nicht so schwer. Aber bei fast 40 Grad und salznass nicht einfach. Das dauert eine halbe Stunde. Aber dann schalte ich Levjes Motor ab. Und habe Zeit für Kolocep. Auf der Landkarte ist Kolocep Kroatiens drittletzte Insel nach Süden, von insgesamt 1.200 Inseln, die sich entlang seiner 500 Kilometer langen Küste hinziehen. Danach? Kommen nur noch Lokrum, die Insel vor Dubrovnik. Und die Inseln vor Cavtat, der letzten kroatischen Stadt vor Montenegro und der Bucht von Kotor.



Kolocep ist nicht groß. Angeblich leben 150 Menschen auf der kleinen Insel. Sie tun das überwiegend im Sommer. Und wenn es in früheren Zeiten hieß, sie ernährten sich vom Fischfang und etwas Landwirtschaft, dann leben sie heute vom Tourismus. Allein in dem kleinen Ort mit seinen 20 Häusern zähle ich: das größere Resort am Sandstrand. Verschiedene kleinere Hotels für Individualreisende. Ein Restaurant mit dem Namen CULINARIUM und der Zeile ON RESERVATION ONLY. Eine einfache Kneipe am Strand gleich daneben, nett anzusehen mit den Sonnenschirmen an der einzigen Pier und den entspannt sitzenden Menschen. Doch was ihre Preise angeht, nicht ihr Angebot, kann es die kleine Kneipe am Strand von Kolocep mit der legendären Sansibar auf Sylt aufnehmen. Was solls. Dubrovnik eben.

Ein paar Schritte weiter stehe ich im Dorfladen. Und der tuts mir sofort an. Ein paar Strohhüte im Regal. Ein paar Fläschchen 30er Sonnenmilch. Zwei Stauden aufgeplatzte Bananen. Chipstüten. Abgepackter Schinken und bunt leuchtende Energy-Drinks. Was der Reisende für den Strand halt so braucht. Eine Omi steht hinter dem Thresen, keck zeigt sie die entblößte Schulter, man trägt das heut‘ so. Nein, „Kruh“, Brot, habe sie keins. Erst wieder morgen Früh halb zehn, wenn die erste Fähre kommt. Aber leer möchte ich nicht gehen. Also nehme ich drei Dosen Bier mit. Jeder Sommer hat seinen Drink. Und in diesem Sommer hat meine Frau an Bord neben Wein und Proseco etwas neues eingeführt. Bier, mit Mineralwasser verdünnt. Ein genialer Durstlöscher, sagt meine Frau. Heute Abend also zum Sternenhimmel ein „Armenbier“.



Kolocep an einem Freitag Abend im August. Der Gesang aus dem Resort gegenüber hallt über die Bucht. Dinghis, die in der Dunkelheit zu ihren Schiffen eilen. Leben in der Bucht.

Als ich am um halb acht am nächsten Morgen an Deck gehe, ist alles leer. Die Pier. Die Bucht. Kolocep, leergefegt, ist, wie ich ahnte, dass es sein könnte.

Dann werde ich mal hinüber rudern. Und Brot holen gehen.










Kolocep. Kroatiens drittletzte Insel.







Das Ankommen entscheidet, ob wir uns wohlfühlen an einem Ort oder nicht. Es sind oft nur Sekunden. Die Insel Kolocep erreichte ich am Freitag Abend. Gar kein guter Zeitpunkt jetzt im August. Die Bucht war voll. Wer am folgenden Samstag abreist, will noch einmal alles, alles erleben. Mutwille. Lärm. Übermut. Die Bucht vor dem Sandstrand voller kleiner Motorboote. Der Ankerplatz vor den Klippen voller Charterer und Eignerschiffe. Der Platz vor dem Anleger voller Ausflugsschiffe. „Dubrovnik Excursion“ steht auf den meisten: Wer seinen Urlaub in Dubrovnik verbringt, der will auch auf die davor liegenden Inseln Lokrum und eben nach Kolocep. Lärm, Gewummer, Techno-Bass.

Eigentlich bin ich genervt. Aber dann bleibt mein Blick haften auf ein paar Dingen. Der Felskante vor dem Hafen mit dem türkisen Wasser. Der kleinen verfallenden Villa am Ufer in der Abenddämmerung. Der Villa am gegenüberliegenden Ufer. Ich beschließe zu ankern und einfach zu bleiben. Trotz Lärm. Ich sehe nicht, wie es jetzt gerade ist. Sondern wie es sein könnte.

Beim Segeln wie im Leben ist es kein leichtes, an einem Ort sesshaft zu werden. An einem Ort auf Levje zu bleiben bedeutet:
Levjes Anker vor der nach Norden schützenden Felskante fallen lassen;
unter Motor Richtung Ufer ziehen;
drei Festmacher auf etwa 70 Meter Länge zusammenknoten;
ins Wasser steigen;
Richtung Ufer schwimmen, das Ende der zusammengeknoteten 70-Meter-Leine in der Hand hinter mir herziehend;
samt Leine auf einen Felsen klettern;
die Leine um den Felsen schlingen und verknoten;
mich an der Leine durchs Wasser zurück zu Levje zu hangeln;
und dann mit Kraft den Festmacher Hand über Hand dichtholen, bis Levje fest vertäut zwischen ihrem Anker und dem Felsen als Poller liegt.

Nicht so schwer. Aber bei fast 40 Grad und salznass nicht einfach. Das dauert eine halbe Stunde. Aber dann schalte ich Levjes Motor ab. Und habe Zeit für Kolocep. Auf der Landkarte ist Kolocep Kroatiens drittletzte Insel nach Süden, von insgesamt 1.200 Inseln, die sich entlang seiner 500 Kilometer langen Küste hinziehen. Danach? Kommen nur noch Lokrum, die Insel vor Dubrovnik. Und die Inseln vor Cavtat, der letzten kroatischen Stadt vor Montenegro und der Bucht von Kotor.



Kolocep ist nicht groß. Angeblich leben 150 Menschen auf der kleinen Insel. Sie tun das überwiegend im Sommer. Und wenn es in früheren Zeiten hieß, sie ernährten sich vom Fischfang und etwas Landwirtschaft, dann leben sie heute vom Tourismus. Allein in dem kleinen Ort mit seinen 20 Häusern zähle ich: das größere Resort am Sandstrand. Verschiedene kleinere Hotels für Individualreisende. Ein Restaurant mit dem Namen CULINARIUM und der Zeile ON RESERVATION ONLY. Eine einfache Kneipe am Strand gleich daneben, nett anzusehen mit den Sonnenschirmen an der einzigen Pier und den entspannt sitzenden Menschen. Doch was ihre Preise angeht, nicht ihr Angebot, kann es die kleine Kneipe am Strand von Kolocep mit der legendären Sansibar auf Sylt aufnehmen. Was solls. Dubrovnik eben.



Ein paar Schritte weiter stehe ich im Dorfladen. Und der tuts mir sofort an. Ein paar Strohhüte im Regal. Ein paar Fläschchen 30er Sonnenmilch. Zwei Stauden aufgeplatzte Bananen. Chipstüten. Abgepackter Schinken und bunt leuchtende Energy-Drinks. Was der Reisende für den Strand halt so braucht. Eine Omi steht hinter dem Thresen, keck zeigt sie die entblößte Schulter, man trägt das heut‘ so. Nein, „Kruh“, Brot, habe sie keins. Erst wieder morgen Früh halb zehn, wenn die erste Fähre kommt. Aber leer möchte ich nicht gehen. Also nehme ich drei Dosen Bier mit. Jeder Sommer hat



seinen Drink. Und in diesem Sommer hat meine Frau an Bord neben Wein und Proseco etwas neues eingeführt. Bier, mit Mineralwasser verdünnt. Ein genialer Durstlöscher, sagt meine Frau. Heute Abend also zum Sternenhimmel ein „Armenbier“.



Kolocep an einem Freitag Abend im August. Der Gesang aus dem Resort gegenüber hallt über die Bucht. Dinghis, die in der Dunkelheit zu ihren Schiffen eilen. Leben in der Bucht.

Als ich am um halb acht am nächsten Morgen an Deck gehe, ist alles leer. Die Pier. Die Bucht. Kolocep, leergefegt, ist, wie ich ahnte, dass es sein könnte.

Dann werde ich mal hinüber rudern. Und Brot holen gehen.