Archiv der Kategorie: Brambusch macht blau

Segeln zwischen Weinbergen

Ümit Uzun von Charterbar hat in seinem Podcast mit mir über das neue Leben an Bord, das alte an Land, meine Bücher und darüber, wie es ist, in Unterfranken zwischen den Weinbergen zu segeln, gesprochen.

 

Hier geht es zum Podcast

Coming soon!

Schon nach wenigen Wochen als Bordhund hat Çingene bereits weit über 1000 Seemeilen auf ihrem Salzbuckel. Der kleine Trotzkopf schlägt sich wacker als Leichtmatrose. Na gut, die meiste Zeit pennt die türkische Promenadenmischung an Deck und träumt von ihrem Lieblingshobby: Fressen. Am liebsten aus Mülltonnen. Und das hat mit ihrer Vergangenheit zu tun. Çingene war einmal ein Straßenhund, eine Rumtreiberin. Daher kommt auch ihr Name. Politisch korrekt übersetzt müsste sie heute „nach ungarischer Art“ heißen. Aber damals, vor elf Jahren, war ‚Zigeuner‘ noch kein Schmähwort. 

Das Buch erzählt die wahre Geschichte der kleinen Rumtreiberin, die zum Bordhund wurde, aus zwei Perspektiven. Einerseits als Comic aus der Sicht von Çingene und einmal aus der neutralen Erzählerperspektive. Sie beginnt in ihrer schweren Jugend und endet – natürlich – mit ihrer glanzvollen Karriere auf See.

Çingene liebt das Meer, obwohl sie Wasser hasst. Aber dann kommt Oğluş an Bord, ein grummeliger Siamkater, mit dem Çingene eine Hassliebe verbindet. Wer macht sich besser an Bord? Hund oder Katze?

Schon nach wenigen Wochen als Bordhund hat Çingene bereits weit über 1000 Seemeilen auf ihrem Salzbuckel. Der kleine Trotzkopf schlägt sich wacker als Leichtmatrose. Na gut, die meiste Zeit pennt die türkische Promenadenmischung an Deck und träumt von ihrem Lieblingshobby: Fressen. Am liebsten aus Mülltonnen. Und das hat mit ihrer Vergangenheit zu tun. Çingene war einmal ein Straßenhund, eine Rumtreiberin. Daher kommt auch ihr Name. Politisch korrekt übersetzt müsste sie heute „nach ungarischer Art“ heißen. Aber damals, vor elf Jahren, war ‚Zigeuner‘ noch kein Schmähwort. 

Das Buch erzählt die wahre Geschichte der kleinen Rumtreiberin, die zum Bordhund wurde, aus zwei Perspektiven. Einerseits als Comic aus der Sicht von Çingene und einmal aus der neutralen Erzählerperspektive. Sie beginnt in ihrer schweren Jugend und endet – natürlich – mit ihrer glanzvollen Karriere auf See.

Çingene liebt das Meer, obwohl sie Wasser hasst. Aber dann kommt Oğluş an Bord, ein grummeliger Siamkater, mit dem Çingene eine Hassliebe verbindet. Wer macht sich besser an Bord? Hund oder Katze?

Der Winter kann kommen!

Der Februar des vergangenen Jahres war ein sehr guter Monat. Zumindest für den Segelmacher in unserem Hafen an der türkischen Südküste. Ein Sturm der Windstärke 12 hatte die Marina überfallen. Heftige Fallböen mit Spitzen bis über 70 Knoten Geschwindigkeit zerrten an den Booten. Nicht alle überstanden das unbeschadet. Angeschlagene Segel wurden zerfetzt, Biminis mutierten zu fliegenden Teppichen, Sprayhoods zerlegten sich in Einzelteile. Auch Festmacher knallten wie Sektkorken unter der Last des Windes.Der Februar des vergangenen Jahres war ein sehr guter Monat. Zumindest für den Segelmacher in unserem Hafen an der türkischen Südküste. Ein Sturm der Windstärke 12 hatte die Marina überfallen. Heftige Fallböen mit Spitzen bis über 70 Knoten Geschwindigkeit zerrten an den Booten. Nicht alle überstanden das unbeschadet. Angeschlagene Segel wurden zerfetzt, Biminis mutierten zu fliegenden Teppichen, Sprayhoods zerlegten sich in Einzelteile. Auch Festmacher knallten wie Sektkorken unter der Last des Windes.

Stürme wie dieser sind eher die Ausnahme an der türkischen Südküste, die 50-Knoten-Marke wird aber des öfteren im Winter geknackt. Wohl dem, der sein Boot auf die Wintersaison vorbereitet hat. Gerade, wenn er oder sie nicht an Bord ist. Stürme wie dieser sind eher die Ausnahme an der türkischen Südküste, die 50-Knoten-Marke wird aber des öfteren im Winter geknackt. Wohl dem, der sein Boot auf die Wintersaison vorbereitet hat. Gerade, wenn er oder sie nicht an Bord ist. 

 

Für das Magazin float habe ich zehn Tipps zusammengestellt, was man mindestens tun sollte, bevor man sein Boot Wind und Wetter überlässt.

 

Hier geht es zum Text.

 

Mönchsrobbe frisst Stachelrochen

Die Natur ist eben doch der beste Sender mit den spektakulärsten Tierdokus. Zusammen mit meinem ehemaligen Kollegen, der auf den wunderbaren Namen Jens hört, und seiner Frau Şeyma sind wir ein paar Tage an der türkischen Küste gesegelt. In Berlin hatten Jens und ich uns zuletzt ein Büro geteilt, mittlerweile leben wir beide in der Türkei. Er in Istanbul, ich eben auf der Dilly-Dally. Bei einer Recherchereise zu seinem wirklich empfehlenswerten Buch „Schwere See: Eine Reise um das Schwarze Meer“, lernte er Şeyma kennen,  eine promovierte Meeresbiologin aus Istanbul. Auf unserem kleinen Törn hofften wir auf ein paar Meeresschildkröten, wurden dann aber von einer Mönchsrobbe überrascht, die direkt neben unserem Boot auftauchte und einen Stachelrochen jagte – und schließlich auch als Abendessen verputzte. Eine sehr seltene Begegnung im Mittelmeer, da die mediterranen Mönchsrobben leider vom Aussterben bedroht sind. 

 

Herbsttörn mit Hindernissen

Eigentlich wollten wir zu Arzums und Cingenes Geburtstag in Bozburun sein. Ja, die beiden haben wirklich am gleichen Tag Geburtstag. Aber erst kamen Termine dazwischen, dann kräftiger Wind genau auf die Nase. Um die verlorene Zeit aufzuholen, starteten wir mit zwei langen Etappen um die 50 Seemeilen – entweder bei Flaute oder den Wind gegenan. Durch einen Zufall konnten wir dann doch noch spontan Geburtstag in Bozburun feiern – wenn auch nicht Arzums. Über den Golf von Fethiye waren wir erst nach Bozukkale gesegelt, dann nach Bozburun, Selimiye, Orhaniye und einige Buchten. Zum Zeitvertreib kreierten wir „Billionaire Bingo“ mit Megayachten. Eine Art Quartett in Real Time, denn diese Luxusdinger düsen an der türkischen Küste reihenweise herum. Meist mit Flagge von den Cayman Islands. Merkwürdig. Selbst auf dem Rückweg machte uns der Wind einen Strich durch die Rechnung. Statt eines schönen Westwindes herrschte Flaute oder aber Sturm. Doch das war nicht das Schlimmste. Mitten auf dem Meer zwischen der Türkei und Griechenland entdeckten wir ein gekentertes Flüchtlingsboot. Menschenleer. Nur noch ein Schwimmflügel und ein T-Shirt klebten am Wrack. Nachdem wir die Küstenwache verständigt hatten, setzten wir die Reise fort. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. 

Ankersalat mit Wein und Käsekuchen

Wir haben es geahnt: Als am Abend in Bozburun eine Gulet ihren Anker quer durch das Feld der Ankerlieger legt, befürchten wir bereits, dass die Kette mindestens einen anderen Anker unter sich begräbt. Zum Glück ist es nicht unser. Dass sich Helfen statt Gaffen auszahlt, beweist der „gefangene“ österreichische Kat-Kapitän, der sich mit einem Weingelage und einem Abendessen bei uns revanchiert. Denn wie sich herausstellt, hat er an diesem Tag Geburtstag. Held des Tages ist aber unser Freund Burkhard, der sich sofort seine Tauchflasche umschnallte, um dem Ankersalat auf den Grund zu gehen. Auch, wenn ihm am Ende die Luft ausging und wir professionelle Taucher rufen mussten.

Flüchtlingsboot gesichtet – was tun?

Irgendetwas schwimmt im Meer. Erst als wir den Kurs ändern und direkt darauf zu steuern, erkennen wir, dass es ein gekentertes Flüchtlingsboot ist. Ein roter Schwimmflügel glänzt in der Sonne, ein schwarzes, nasses T-Shirt klebt noch an den Resten des Schlauchboots. Der Anblick ist schwer zu ertragen. Was sollen wir tun? 

 

Wie sich Skipper in einer solchen Situation verhalten sollen, habe ich. für das Floatmagazin aufgeschrieben. Hier geht es zum Text.

Neulich im Hafenkino

Das „Hafenkino“ hat seine Unschuld verloren. Schon immer wurde in Marinas geschaut, getuschelt und natürlich auch ein bisschen gelästert. Aber trotzdem geholfen. Seit missglückte Manöver im Internet zur Klickhure avancieren, ist das Hafenkino zum hämischen Gaffertum verkommen. Was heute zählt, sind Klicks statt Tipps. Besonders besserwissende Sofa-Kapitäne offenbaren ihre hässliche Fratze. Eine Abrechnung. 

 

Erschienen ist der Artikel bei Float. Hier geht es zum Text.

Bezauberndes Kekova

Für eine Woche sind wir nach Kekova gesegelt. Die versunkene Stadt mit ihren wundervollen Buchten und geschützten Ankerplätzen ist ein Paradies für Segler. Zumindest solange, bis eine Megayacht samt Helikopter neben dir auftaucht. Ehrlich, wir sind kein Stück neidisch. Wir machen uns auch bestimmt nicht lustig über den Pott. Und dann ist da noch der US-Sänger Gregory Porter, der neidisch auf Bordhund Cingene ist.

Gelbe Engel und blonde Bengel

Das ADAC-Skipperportal hat mich zum Leben auf dem Boot interviewt.

Hier das Ergebnis.

Neue Wanten für die Dilly-Dally

Dieses mulmige Gefühl segelte immer mit. Zumindest unterschwellig. An windarmen Tagen schien es fast verschwunden, aber wenn der Wind das Mittelmeer aufwühlte, war es wieder da. Stärker als zuvor. Ich weiß, wie alt das Boot ist. Ich habe aber keine Ahnung, wann die Wanten und Stage, die dem Mast Halt geben, das letzte Mal erneuert wurden. Ich befürchte, sie sind der gleiche Jahrgang wie das Boot. „Kann der Mast eigentlich umkippen“, fragte mal eine Freundin, die zu Besuch an Bord war, mitten auf dem Meer. Das Land am Horizont war klein und die Sorge in ihren Augen groß. Also sagte ich voller Inbrunst: „Nein!!!“ Dabei waren die Ausrufezeichen Fragezeichen. Ich selbst hatte mich das schon oft gefragt.

 

Zugegeben, ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Fahrtenyacht gesehen zu haben, die ihren Mast verloren hat. Aber ich kenne die Horrorgeschichten und die Bilder. Eine Yacht, enthauptet mitten auf dem Meer, ist so ziemlich das Schlimmste, was ein Segler sich vorstellen kann. Beim Strandsegeln hatte ich mehrmals das Vergnügen. Natürlich sind da die Begebenheiten anders, die Stöße härter und zum aggressiven UV-Licht und Salz kommt noch Sand dazu. Nicht die beste Mischung für verschleißanfällige Materialien.

Hier geht es zum ganzen Artikel, den ich für das float geschrieben habe.

Seglerparade zum „Tag des Sieges“ – muss das sein?

Das moderne Säbelrasseln klingt nach Hubschrauberlärm und riecht nach Dieselgenerator. Schon als ich Anfang der 90er Jahre das erste Mal nach Kaş  kam, lag vor dem Ort ein türkisches Kriegsschiff. Das graue Ungetüm aus schwerem Stahl röchelte den ganzen lieben langen Tag an einer Boje vor sich hin. Vis-a-vis, nur wenige Kilometer entfernt, das gleiche Bild. Nur mit einem kleinen feinen Unterschied in weiß-blau. Statt der roten Fahne mit dem weißen Halbmond wehte am Heck die Flagge Griechenlands. Heute, knapp 30 Jahre später, hat sich an der Situation zwischen den ungleichen Nato-Partnern wenig geändert. Oder besser gesagt: Sie ist noch schlimmer geworden. Manchmal patrouillieren gleich mehrere Kriegsschiffe an der imaginären Seegrenze wie Wachhunde hinter einem Zaun und werfen jeweils der Gegenseite lautstark über Kanal 16 Grenzverletzungen vor. Ein gängiges Ritual mit zunehmend aggressiverem Tonfall.

 

Seit vor wenigen Wochen das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“, begleitet von einer Armada türkischer Kriegsschiffe und dem Aufschrei Griechenlands und einiger EU-Staaten zu weiteren Erdgas-Probebohrungen im östlichen Mittelmeer aufbrach, rasseln die Säbel so laut wie seit 30 Jahren nicht mehr. Damals standen die beiden zerstrittenen Nachbarn kurz vor einem Krieg, entfacht im Streit um zwei unbewohnte Inseln in der Ägäis. Was die Politik nicht in der Lage war zu stemmen, schafften zwei Naturkatastrophen. Als im August 1999 ein Erdbeben der Stärke 7,6 die Nordtürkei und die Region Istanbul erschütterte, starben 18.373 Menschen, mehr als 50.000 wurden verletzt. Aus der ganze Welt eilten Helfer in die Türkei, auch aus Griechenland. Als wenige Wochen später die Erde bei Athen bebte, waren es wiederum die Türken, die sofort Hilfe leisteten. Aber die Jahre der Annäherung scheinen nun endgültig vorbei. 

 

Die Absurdität des türkisch-griechischen Verhältnisses ist in Kaş auf einen Mikrokosmos zusammengeschrumpft. Die östlichste griechische Insel, Kastelorizo (von den Türken Meis genannt), liegt so nah, dass man hinüberschwimmen kann. Und in der Tat tun das einige. Einmal im Jahr, also in normalen Jahren, findet ein Schwimmwettbewerb mit hunderten Teilnehmern statt. Von der griechischen Insel ans türkische Festland. Griechen wie Türken und andere Nationalitäten nehmen daran teil. Im Wasser sind alle gleich, alle vereint.

 

Täglich pendeln Fähren, bringen türkische Touristen nach Griechenland, die einen Tag an den herrlichen Stränden der Insel verbringen, in den Tavernen Gyros essen und Ouzo trinken. Über die Jahre haben sich herzliche Freundschaften entwickelt, Ehen wurden grenzübergreifend geschlossen, der türkische Ort versorgt die wenigen hundert Einwohner der griechischen Insel mit Lebensmitteln, liefert beispielsweise frisches Obst und Gemüse. In normalen Zeiten. 

 

Aber die scheinen derzeit weit weg. Corona hat dem Tourismus in beiden Ländern stark zugesetzt, die türkische Währung, die Lira, befindet sich seit Monaten auf einer Talfahrt, die steiler ist als die legendäre Streif bei Kitzbühel. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, Corona ist nur einer. Um die Wirtschaft und das Wahlvolk zu beruhigen, bräuchte es großartige Erfolge. Wie beispielsweise die Erschließung von gigantischen Erdgasfeldern unter dem Mittelmeer, die die Türkei unabhängig von Importen machte. Derzeit muss das Land seinen Bedarf zu 98 Prozent aus dem Ausland decken. Dumm nur, dass die Mittelmeeranrainer unterschiedlicher Auffassung sind, wem das Territorium am Meeresgrund, reich an Ressourcen, gehört. Und so wird aufgerüstet. Abschreckung statt Absprache, Waffen statt Worte. Ein Trauerspiel. Hüben wie drüben. 

 

Und nicht nur Ausländer sehen das so. Viele Türken und Griechen können dem Muskelgeprotze auf dem Meer nichts abgewinnen. Alles, was sie wollen, ist Stabilität und Frieden in der Region, die beste Ressource für den Tourismus, von dem so viele Menschen an der Küste leben. 

 

Vor wenigen Tagen kreisten stundenlang schwer munitionierte Kampfhubschrauber im Tiefflug über der Marina, gut sichtbar vom gegenüberlegenden Meis. Die meisten Türken in der Marina standen kopfschüttelnd auf den Stegen ob der Provokation gegenüber dem Nachbarn. 

Um so überraschter war ich gestern, als ich hörte, dass an diesem 30. August eine Parade von Seglern und Motorbootfahrern stattfinden soll. Der 30. August ist in der Türkei ein besonderer Tag, ein Feiertag – der „Tag des Sieges“, auf Türkisch „Zafer Bayramı“. An diesem Tag gedenken die Türken dem Sieg über die griechischen Streitkräfte in der Schlacht von Dumlupinar im Jahr 1922. Mein erster Impuls: Wie kann man denn in Zeiten, in denen unverhohlen von Krieg gesprochen wird, an einer Parade teilnehmen, die den militärischen Sieg über denselben Gegner zelebriert, mit dem man auch heute Stirn an Stirn wegen territorialer Ansprüche steht?

 

Die Empörung, die auch Segler aus anderen Ländern teilten, liegt nahe, doch wie so oft ist kurz gedacht eben falsch gedacht. In das Schwarz-Weiß-Schubladendenken dieser Tage passt die sofortige Entrüstung aber gut. Wie meine türkischen Freunde mich aber belehrten, ist der 30. August, der„Tag des Sieges“, vielmehr der Tag der Befreiung. Denn in Folge des Sieges bei Dumlupinar gelang es nunmehr vor fast 100 Jahren dem Oberbefehlshaber Kemal Atatürk, Izmir von den Griechen zu befreien. Viele der Griechen in Kleinasien flohen, wurden vertrieben oder verließen später im Rahmen des Bevölkerungsaustausches das Land. 

 

Ein gutes Jahr später, am 29. Oktober 1923, rief Atatürk die Türkische Republik aus. In einem symbolischen Akt der Abkehr vom Osmanischen Reich mit seinem Sultanat und Kalifat verlegte Atatürk den Regierungssitz von Istanbul nach Ankara und führte tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System durch, die die Türkei in einen modernen, säkularen und an Europa orientierten Staat verwandeln sollten.

 

Atatürk setzte eine neue Verfassung in Kraft, durch die unter anderem die religiösen Gerichte abgeschafft wurden. Im Laufe seiner Regentschaft wurde der Schleier verboten, die islamische Zeitrechnung durch den gregorianischen Kalender ersetzt, das Rechtssystem aus europäischen Ländern übernommen und den türkischen Verhältnissen angepasst. Die Türkei orientierte sich dabei vor allem an dem Schweizer Privatrecht, das die Einehe, das Scheidungsrecht und die Gleichstellung von Mann und Frau festschrieb. Aus Deutschland wurde das Handelsrecht übernommen, aus Italien das Strafrecht. Später wurden in der Verfassung die Säkularisierung und der Laizismus, also die Trennung von Religion und Staat, verankert. Darauf sind die säkularen Türken zurecht stolz, auch wenn es in dieser Zeit natürlich Schattenseiten gab.

 

Und so bekommt auch die Parade der Wassersportler plötzlich einen ganz anderen Sinn. Sie ist keine Provokation gegenüber den griechischen Freunden, schon gar nicht eine Unterstützung des politischen Kurses, den die Regierungen derzeit steuern. An Land hat Ankara die Feierlichkeiten an diesem Tag untersagt. Wegen Corona, so die offizielle Begründung. Das scheint nachvollziehbar und umsichtig, wären nicht in der Vergangenheit bereits andere Feiertage zu Ehren des Staatsgründers aus ganz anderen Gründen abgesagt worden.

 

Da auf Booten die Abstandsregeln aber automatisch eingehalten werden, entschlossen sich also die Segler, Atatürk an diesem Feiertag ein Denkmal zu setzen. Durch die gemeinsame Ausfahrt. So wie es auch trotz des Verbots aus Ankara andere Küstenorte taten. Und so wehten an den meisten Booten nicht die gängigen türkischen Flaggen, sondern sie wurden ersetzt durch welche mit dem Konterfei des Staatsgründers, als Bekenntnis zu dessen Politik, die auch heute noch Bestandteil des Parteiprogramms der CHP ist – der Oppositionspartei. 

 

Nicht alles ist eben so, wie es auf den ersten Blick aussieht!