Archiv der Kategorie: Brambusch macht blau

Ein Sonnenuntergang im Advent (Video)

Kurz bevor ich die Drohne in den wolkenlosen Himmel über Kaş schickte, las ich etwas von „Schmuddelwetter“ in Deutschland. Nun ja, jedenfalls eine schöne
Adventszeit aus der Türkei. Hier ist gerade der Sommer zurück gekommen.

Anleitung zum Glücklichsein, Teil 3

Heute ist der dritte Teil meiner kleinen, ganz privaten „Anleitung zum Glücklichsein“ im Floatmagazin erschienen. Einen kleinen Seitenhieb auf die „Kenn ich, weiß
ich, war ich schon-Typen“ unter den Seglern konnte ich mir nicht verkneifen….

 

Hier geht es zum Text.

Morgenrituale (Video)

Frisch gepresster Orangensaft und Kaffee – ein guter Start in den Tag. Dann Frühstück mit den Nachbarn. Und schon ist der halbe Tag vorbei. Könnte schlimmer
sein…..

Vorstadtdisco

Die Bimini halb abgebaut und zu einem Schutz für den Niedergang umfunktioniert
Die Bimini halb abgebaut und zu einem Schutz für den Niedergang umfunktioniert

Es ist wie eine kleine Zeitreise. Zum Anfang der 90er Jahre, das Abi in Sicht, der Blick vernebelt. Der DJ dieselt die Tanzfläche ein.
London im Herbst ist nichts dagegen. Dazu trippelt der Beat wie tausend kleine Füße, liefert den Grundton des Abends, dramatisch unterbrochen von einem lauten WUMMS. Immer wieder diese dumpfen
Bässe. Dazu feuert das Stroboskop Blitze in die Nacht. Stundenlang. Eine Nacht in der Vorstadthölle, vor den Toren Celles. „Inkognito“ hieß die Disco damals. Und so heißt sie auch heute noch. Am
nächsten Morgen dröhnt der Kopf, überall im Zimmer liegen verstreut verschwitzte Klamotten. So war das damals. Und so ähnlich ist auch heute. Same same, but different.

 

Die Nacht war kurz. Der Beat hat mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Blitze, das Wummern wie Kanonenschläge, der heulende Wind, so
weinerlich wie Morrissey. Das Konzert wollte kein Ende nehmen. Das erste nasse T-Shirts der Nacht hängt im Badezimmer, das zweite liegt in der Küche. Die Jacke tropft im Durchgang zur
Achterkabine mit den zwei Stockbetten. Im Bug sieht die Matratze aus als hätte dort jemand gelegen, der sich im Schlaf eingenässt hat. Ein wunderschöner großer Wasserfleck färbt die Unterlage
tiefblau. Plopp. Der nächste dicke Tropfen seiht sich von der Lüftung auf die Matratze ab. Draußen wird das Wummern wieder lauter. Das Trippeln auf dem Deck wird zum Stechschritt. Noch eine
Gewitterfront?

 

Am Abend ging es los. Regen. Langweilig wie in Hamburg nieselte er die Marina in Kaş ein. Unter Deck suchte ich Fotos für den nächsten
Artikel im Float-Magazin zusammen, schnitt sie auf richtige Maß, lud sie hoch und versendete den Link. Nach einer Kanne Tee war mir noch nicht nach Schlafen. Aber ich kuschelte mich schon mal in
die Koje, den Laptop auf der Bettdecke: Netflix. Herrlich.

 

Um kurz nach elf Uhr trommeln dicke Tropfen wie nervöse Finger auf der Luke. Ein schöner Sound. Ich mag ihn. Der Wind schickt die ersten
Böen, die wie Buhrufe im Hafen hallen, Fallen klatschen in den Masten Applaus. Die Dilly-Dally ruckt unangenehm in den Festmachern. Oben, auf dem Achterdeck, scheppert irgendwas. Wahrscheinlich
der Schrubber, den ich an die Davits gelehnt hatte. Dann beginnt draußen die Lichtershow, Blitze zucken vom Himmel, für kurze Zeit ist die Kabine taghell. Ich zähle. Eins, zwei, drei, vier.
WUMMS. Das Gewitter ist also ungefähr vier Kilometer entfernt. Auch in den vergangenen Tagen gab es immer mal wieder kleine Unwetter. Aber entweder blieben sie über der See oder hingen in den
Bergen. Die nächste Bö zerrt am Boot. Oben an Deck wird es lauter. Ich quäle mich aus dem Bett, werfe einen Blick vom Niedergang aus ins nasse Cockpit. Der Wind spuckt mir Regen ins Gesicht. Eine
Bö wütet an der Bimini, hat sie schon halb aus der hinteren Verankerung gerissen.

 

Ich stürme an Deck, versuche die Halterung mit Seilen zu sichern. Scheint zu halten. Klitschnass gehe ich zurück unter Deck, werfe das
T-Shirt ins Badezimmer. Das Wummern des Donners wird leiser. So bedrohlich die Naturgewalten auch scheinen mögen, sie haben auch etwas Faszinierendes. Ein paar Minuten schaue ich dem Schauspiel
am Himmel noch hinterher. Dann krieche ich wieder unter die Bettdecke. Auch nicht schlecht.

 

Gerade habe ich den ersten Teil der Serie Fugitiva beendet, als wie aus dem Nichts ein Blitz im Hafen einschlägt. Kurz ist es gleißend
hell. Das Licht verschwindet ohrenbetäubend mit einem dumpfen Kanonenschlag. Wind reißt am Schiff. Sekunden später stehe ich im nächsten Shirt an Deck, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, dass
die Bimini wie ein fliegender Teppich abheben will. Ich muss sie abbauen. Links und rechts zucken immer wieder Blitze vom Himmel, der Donner lässt nicht lange auf sich warten. Das Gewitter muss
also noch über mir sein. Bei jedem Blitz zucke ich zusammen, Wasser rinnt mir durchs Gesicht, das Shirt klebt durchsichtig wie bei einem Wet-T-Shirt-Contest an meinen Körper. Gut, dass ich vorhin
noch Sport gemacht habe. Nach fünf Minuten ist die Bimini gesichert. Hoffe ich zumindest. Die nassen Klamotten lasse ich irgendwo im Schiff fallen, lege mir aber noch trockene aufs Bett.
Wahrscheinlich werde ich sie noch brauchen. Auf dem Navigationstisch platziere ich die Stirnlampe, Messer und Werkzeug. Man weiß ja nie. 

 

Zurück im Bett rufe ich die Satellitenbilder von der türkischen Küste auf. Ein riesiger Wirbel dreht sich über dem Mittelmeer, zieht auf
Kaş zu. Na toll. Aus dem dunklen Blau der Regenwolken bilden sich blitzschnell rote Gewitterzonen. Eine sitzt gerade genau über mir. In einer halben Stunde sollte sie aber weg sein. Doch über
Zypern braut sich die nächste riesige Front auf, Marschrichtung Kaş. Dazwischen Regen. Und Sturm. An Schlaf ist also nicht wirklich zu denken. Immer wieder treffen Böen die Dilly-Dally wie
Tiefschläge eines Boxers. Noch einmal drehe ich eine Runde im Regen an Deck, um zu sehen, ob alles gesichert ist. Mittlerweile ist es halb zwei. Der Regen hat etwas nachgelassen, hinten, am
Horizont Richtung Fethiye, leuchtet es immer noch auf. Der Donner ist kaum noch zu hören. Auf den Satellitenbilder ist zu sehen, dass sich das Gewitter über Zypern etwas beruhigt hat. Gegen halb
sechs dürften die Ausläufer aber Kaş erreichen. Dafür entstehen immer wieder neue. 

 

Die Nacht ist unruhig. Starkregen, Gewitter, Sturmböen. Pünktlich um halb sechs ist das große Gewitter da. Allerdings weniger heftig als
erwartet. Ich versuche noch mal zu schlafen. Um acht stehe ich auf. Gegen neun wollten ein paar Freunde zum Frühstück kommen. Pfannkuchen soll es geben. Aber es schüttet so, dass sich keiner aus
seinem Schiff wagen möchte. Einer nach dem anderen sagt per Whatsapp ab. Verständlich. Immer wieder grollt Donner, zucken Blitze. Draußen röhren die Motoren an den Booten der Marineros, die die
Stege abfahren, um zu schauen, ob noch alle Moorings halten. Das Beiboot gleicht einem Pool, wie eine Plastikente schwimmt in dem zentimetertief stehendem Wasser der Benzinkanister. 

 

 

Ich koche mir einen Kaffee, der Kopf fühlt sich wie verkatert an. Wahrscheinlich der Schlafmangel. Es ist wie damals, nach einer dieser
Nächte in der Vorstadtdisco von Celle. Der nächste Morgen ist meist leer. Und dennoch hat er eine ganz eigene reizvolle Stimmung, die eine Lizenz zum Nichtstun beinhaltet. Ich glaube, ich werde
gleich mal die Serie von gestern abend weiter schauen. Ein guter Plan für einen verregneten Tag. Aber erstmal mache ich mir einen Pfannkuchen. Draußen hat gerade irgendwer wieder das Licht
ausgeknipst. Mitten am Tag. Dafür ist der Stroboskopblitz wieder an. Immer diese Wiederholungen. Nervig. Gut, dass es Netflix gibt.

Anleitung zum Glücklichsein, Teil 2

Heute ist der zweite Teil meiner kleinen Anleitung zum Glücklichsein im Float-Magazin erschienen. Diesmal dreht sich alles um den Bootskauf. Verpackt in kleinen
Anekdoten. Im besten Falle ist vielleicht der eine
oder andere Tipp sogar hilfreich. Wenn nicht, dann eben nicht….

 

Hier geht es zum
Text
!

 

Und den ersten Teil, findet Ihr hier!

 

Wenn der Abfluss mal verstopft ist, ….

Wenn der Abfluss mal verstopft ist, ja was ist denn schon dabei, dann geht der Taucher ran, dann geht der Taucher ran…. Problem? Einfach fragen? Irgendein Nachbar
hat schon eine Taucherausrüstung – und der nächste Nachbar filmt.

Wolken? Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Ein trüber Tag Ende November. Die einen hängen einfach ab (komischerweise im Mast), andere dösen vor sich hin (mein Besuch). Zeit, doch einmal mit der Drohne zu
üben. Ein paar Schnapsschüsse aus der Marina in Kaş. Zusammen mit türkischen Bootsnachbarn. 

Die Lizenz zum Türken

Das "Weiße Haus" irgendwo am Wegesrand. Und der Hausherr spaziert im Garten
Das „Weiße Haus“ irgendwo am Wegesrand. Und der Hausherr spaziert im Garten

Es wäre falsch zu sagen, dass sie nicht da wäre, diese leichte Skepsis. Was wäre wenn…?

 

Der Fiat erklimmt die nächsten Serpentinen. Noch scheint die Sonne. Aber in den Bergen vor uns hängen tiefe schwarze Wolken, nass wie ein vollgesogener Schwamm, die
nur darauf warten die Straßen in kleine Bäche zu verwandeln. Im Schritttempo quält sich ein LKW unter Last von Felsbrocken auf der Ladefläche den Berg empor, die Reifen platt, der Qualm aus dem
Auspuff so dunkel wie der Himmel, der sich hinter der nächsten Biegung entlädt.

 

Unten im Tal liegt Demre, eine kleine Stadt an der Küste, in die sich aber kaum ein Tourist verirrt. Der Strand ist grau und grob wie die Architektur, die an
Ostblock erinnert, die Stadt besteht aus bröckelnden Plattenbauten, so scheint es. Direkt hinter der Küstenstraße beginnen schon die einfachen Gewächshäuser. Oben, von den Serpentinen aus, sahen
sie aus wie in Frischehaltefolie eingewickelte Tomaten.

 

Demre endet an einem kleinen Süßwassersee, dessen Ufer von pittoresken Fischrestaurants gesäumt wird. Von dort aus schlängelt sich die Küstenstraße D-400 um jede
noch so kleine Bucht. Kurve folgt auf Kurve, Anhöhe auf Anhöhe. Das Wasser in den Buchten schimmert türkis. Angler werfen ihre Ruten aus. Die Wolken bleiben im Tal von Demre gefangen. Jetzt
scheint wieder die Sonne. Bis Kemer sind es noch etwa zwei Stunden Autofahrt. Zwei Stunden, in denen meine Gedanken nur um die eine Frage kreisen.

 

Was wäre wenn…? Der Rucksack mir zu Füßen ist voller Unterlagen. Natürlich ist da der Antrag für die Residentship in der Türkei, die Aufenthaltsgenehmigung, die es
mir ermöglichen soll, zunächst ein Jahr lang in der Türkei zu leben. Deshalb sitze ich im Auto, bin auf dem Weg nach Kemer. Das Migrationsbüro in Kaş wurde dummerweise vor wenigen Monaten
geschlossen. Das nächste ist eben in Kemer. 147 Kilometer entfernt. Das Navi sagt: 2:19 Stunden. Es werden fast Zweidreiviertel Stunden. 

 

Im gleichen Ordner wie das Antragsformular liegt der Nachweis einer türkischen Krankenversicherung, die ich trotz der deutschen Police abschließen musste, der
Vertrag mit der Marina in Kaş, die meine neue Adresse ist, Kopien vom Ausweis, mit dem ich eingereist hin, vier biometrische Passbilder, die ich am Vortag habe machen lassen und natürlich der
Beleg dafür, dass ich die Gebühren für die Aufenthaltsgenehmigung bereits bezahlt habe.

 

„Hast Du Deine türkische Steuernummer dabei“, fragte Mark, der Südafrikaner, noch kurz bevor ich nach Kemer aufbrach. „Meine Steuernummer?“ Nein, die hatte ich
nicht. „Ist kein Problem, die zu bekommen“, sagte Mark wie gewohnt gelassen. „Du brauchst nur ein türkisches Bankkonto. Das bekommst Du, wenn Du… Bank… Antrag…Amt… nette
Frau….Kreditkarte….Bank….Amt…. Bank…. alles kein Problem“. Ich hörte nur noch mit einem halben Ohr zu. In meinem Kopf ratterte es, im Geiste ging ich noch einmal die Anforderungsliste der Behörde
durch. Von einer Steuernummer, da war ich mir sicher, hatte ich nichts gelesen. Also musste es auch ohne Steuernummer gehen. Hoffte ich. Um am Ende nicht irgend einen Beleg zu vergessen, packte
ich vorsichtshalber den halben Navigationstisch in meinen Rucksack.

 

In einem anderen Ordner habe ich nun sämtliche Bootsdokumente. Das Transitlog, den Kaufvertrag, für alle Fälle den internationalen Bootsschein und die
Bootsversicherung. In einen dritten Ordner habe ich alles geworfen, was irgendwie amtlich aussah. Sogar meinen Impfpass. Nicht, dass die Tour nach Kemer an irgendeinem fehlenden Dokument
scheitert. Zudem habe ich mein transportables Wifi eingepackt und das Laptop, um mich auf Wunsch des Beamten in den Account meiner Bank einwählen zu können, um zu belegen, dass ich im kommenden
Jahr nicht zum Sozialfall werde. All das könnte in dem „Interview“, dass ich um 16.30 Uhr mit der Migrationsbehörde vereinbart habe, verlangt werden. Und dann war da noch die Frage nach meinem
Beruf. Ich wählte: Autor. 

 

„Interview“, so wird der Termin in Kemer genannt, klingt irgendwie beängstigend. Ich habe Szenen im Kopf wie Manfred Krug damals „Auf Achse“ war, irgendwo in einer
staubigen, abgelegenen Gegend in einem Büro festgehalten wurde von schwitzenden grimmigen Männern in olivgrünen Uniformen. An der Decke drehte sich eiernd ein Ventilator. Wupp, Wupp, Wupp. Und
natürlich hatte ich die Stimmen im Kopf, als ich erstmals im Bekanntenkreis von meinen Plänen erzählte, aus meinem geregelten Leben auszusteigen, um auf einem Boot in der Türkei zu leben. „In der
Türkei? Bist Du wahnsinnig??? Als Journalist!“

 

Ich war mir sicher, dass entgegen der landläufigen Meinung in Deutschland eine Einreise als Tourist völlig unbedenklich ist. Etliche Male war ich bereits in der
Türkei, hatte zu Studienzeiten in Palästina gelebt. Vor Ort sah das Bild jedes Mal vollkommen anders aus als die Szenarien in den Köpfen an deutschen Schreibtischen.

 

Aber die aktuelle Paranoia hinterließ bei mir winzig kleine Spuren. Was wäre wenn…? Auch als Stephan Boden, ein Segeljournalist, mich beim Bootskauf begleitete,
bekam er gut gemeinte Tipps aus seinem Bekanntenkreis. „Mutig in die Türkei zu reisen. Ich hoffe, Du hast Deinen Journalistenausweis nicht dabei….“, schrieb einer auf Facebook. Andere fanden es
moralisch verwerflich in diesen Staat zu reisen, wieder andere machten sich einfach Sorgen. 

 

Doch auch dieses mal war das Bild vor Ort ein völlig anderes als aus der Ferne, wo ein kleines Mosaiksteinchen zu einem gewaltigen Bild aufgezoomt wird und alle
anderen Facetten überschattet. Das, was auf diesem einen kleinen Steinchen abgebildet ist, muss nicht falsch sein, aber es ist eben bei weitem nicht das ganze Bild. 

 

„Aber was wäre wenn….?“. Noch eine knappe Stunde bis Kemer. Es regnet wieder. Ein Lkw ist von der Straße gerutscht. Ich habe keine Sorge vor irgendwelchen Problemen
mit den Behörden. Aber gerade weil bislang alles so unglaublich glatt gelaufen ist, frage ich mich, wann denn der erste Dämpfer kommen mag. Wenn die Aufenthaltsgenehmigung nicht erteilt wird,
gibt es dann einen Plan B? Bis Anfang Januar dürfte ich noch mit meinem Touristenvisum in der Türkei bleiben, dann dürfte ich aber erst wieder nach drei Monaten erneut einreisen – wieder für drei
Monate. Und in der Zwischenzeit?

 

Mittlerweile habe ich viele Segler kennengelernt, Ausländer, die in der Türkei leben – und natürlich sehr viele Türken. Jeder sagte mir, dass es überhaupt kein
Problem sei, die Residentship zu erhalten, wenn denn alle Unterlagen vorlägen. Ich werfe noch mal einen Blick in den Rucksack. Alles da. Außer die Steuernummer. 

 

Zwei Stunden vor dem Termin kommen wir in Kemer an. Eine Touristenhochburg, die mal fest in deutscher Massentourismushand war. Mittlerweile dürften die Russen die
Stadt erobert haben. Zumindest zeugen die Speisenkarten und Schriftzüge an Geschäften in Kyrillisch davon. Die Stadt ist wie ausgestorben. Die Saison ist vorbei. Wie ein großer Klotz liegt das
Administrationsgebäude unweit des Hafens. Um sicher zu gehen, vor dem richtigen Gebäude zu stehen, frage ich bei der Security nach. „Ikamet?“ Der nette Wachmann schüttelt den Kopf, begleitet mich
aus dem Gebäude, weist mir den Weg um das Gebäude herum. Lars, der derzeit zu Besuch ist, sucht eine Toilette. Ich gehe durch die Tür. Eigentlich hatten wir aus Spaß ausgemacht, noch ein Foto zu
machen, bevor ich zum „Interview“ gehe. 

 

In dem Büro sitzen vier Beamte. Ich frage, ob ich richtig sei. Ein Beamter nickt. Ob ich einen Termin habe? „Ja“, sage ich, „aber erst in zwei Stunden.“ „No
problem“, sagt der Mann und winkt mich zu seinem Schreibtisch. Ich packe meine Unterlagen aus, er tippt meinen Namen in den Computer, blickt stumm auf den Bildschirm. Ob ich alle Unterlagen dabei
hätte. Ich breite den Inhalt meines Rucksacks auf dem Schreibtisch aus. „Auch eine Kopie des Transitlogs?“ „Kopie nicht, aber das Original“, erkläre ich. Er brauche eine Kopie, sagt der Mann –
für die Akte. Er zeigt zeigt auf einen roten Pappordner. Könne ich aber nachher machen und vorbeibringen. Ich atme auf. Der Mann geht die Unterlagen durch, spricht mit seinen Kollegen, lacht.
Alles sehr entspannt. Dann nimmt er das Transitlog und legt es auf den Kopierer, der auf seinem Tisch steht. Er muss dazu nicht einmal aufstehen. Sorgfältig tippt er auf seiner Tastatur, druckt,
locht und heftet ab. Nur einmal blickt er auf: „You have studied?“, fragt er. Ich bejahe. Er nickt anerkennend. „And your profession is …. writer?“ Kurz schlucke ich. Er streckt mir den Daumen
entgegen. „Good!“ Noch einmal druckt er etwas aus. Ich erkenne mein biometrisches Passbild darauf und den Schriftzug „Turkiye Cumhuriyeti“, darunter „Residence Permit“. Stempel wandern über das
Dokument. „That’s it“, sagt der Mann. „Welcome!“ Nach zehn Minuten ist das „Interview“ vorbei. Ich brauche keinen Plan B. Das nächste Jahr in der Türkei ist gesichert. Schnell und
unkompliziert. 

Am nächsten Morgen sitze ich im Cockpit der Dilly-Dally und berichte von meinen Erfahrungen einem jungen Paar, er stammt aus Alaska, sie aus Australien. Vor vier
Jahren sind sie in Florida mit einer Dufour 37 aufgebrochen, erst durch die Karibik gesegelt, dann haben sie nach Europa übergesetzt. Jetzt wollen auch sie in Kaş überwintern. Am Montag müssen
sie nach Kemer. Wir tauschen Erfahrungen aus. Auch sie hatten sich gefragt: „Was wäre wenn…?“. Die Sorge kann ich ihnen nehmen. Der Ami ist beruhigt. Hauptsache Trump lässt bis Montag seine
Finger von Twitter. 

Nächster Schritt: Türkische „Residentship“

Langsam wird es Herbst. Kalendarisch sowieso, aber auch hier werden die Nächte kühler. Allerdings
noch nicht so kühl, dass ich jemals eine lange Hose hätte anziehen müssen. Also Jammern auf sehr hohem Niveau. Aber auch in Kaş wird es langsam leerer, einige Restaurants haben bereits
geschlossen, in der Marina wandern immer mehr Yachten an Land. Zeit für mich, endlich einmal den nächsten Schritt in Angriff zu nehmen: die türkische „Residentship“. Mit dem einfachen
Touristenvisum darf man nur drei Monate bleiben, das ganze maximal zwei Mal im Jahr. Also nicht mehr als 180 Tage. Zu wenig für mich. 

Das Prozedere ist erstaunlich einfach. Man kann den Antrag online ausfüllen, sogar das Passbild hochladen – und natürlich bezahlen. Trotzdem bin ich dankbar, dass
mir Marina-Manager Tuncay geholfen hat, denn es sind nicht wenige Angaben, die man tätigen muss. Zwar hatte mir meine private Krankenversicherung in Deutschland bestätigt, dass sie auch in der
Türkei für anfallende Kosten aufkommt (auch bei einem Daueraufenthalt), allerdings reicht das den Behörden vor Ort nicht. Ich brauche eine private türkische Krankenversicherung für Ausländer.
Sofort griff Tuncay zum Telefon, rief bei einer Agentur in Kaş an, erklärte den Fall, erkundigte sich nach dem Preis. „Sie wissen Bescheid, Du kannst hinfahren“, sagte er. „Vergiss Deinen Ausweis
nicht!“, sagte er noch. „Und der Preis?“, fragte ich etwas ängstlich. Ich sah mein mir gesetztes Budget zusammen mit der Sonne im Meer untergehen. Immerhin ist die deutsche
Krankenversicherung im Moment der größte Posten an Ausgaben, den ich mit mir rumschleppe (etwa 500 Euro im Monat). „Ungefähr 360 Türkische Lira“, sagte Tuncay. Das entspricht beim aktuellen
Tageskurs 59,22 Euro. Damit kann ich leben. Tuncay lacht. „Im Jahr!“
Das Büro, in das ich wenig später in der Altstadt gehe, liegt in einer kleinen Gasse. Neben der Tür hängt ein blaues Schild mit weißer Aufschrift – und es ist mir
wohl bekannt: „Allianz“ steht darauf. Die Mitarbeiterin spricht perfektes Deutsch, hilft beim Ausfüllen des Antrags und belastet sogar ihre Kreditkarte mit der Jahresgebühr, da die Versicherung
die Summe vorab haben will, und es von einem türkische Konto wesentlich schneller geht. Ich bin – wieder mal – baff ob der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Leute hier. Natürlich gebe ich
ihr das Geld sofort zurück.
Mit der Versicherungspolice in der Hand kehre ich zurück in Tuncays Büro, der sich sofort wieder meinem Antrag widmet. Beim Bezahlen des Langzeit-Visums gibt es
zunächst wieder ein Problem mit meiner Kreditkarte, da das System, so schaut es zunächst aus, nur türkische Kreditkarten akzeptiert. „Don’t worry“, sagt Tuncay, und zückt sofort seine
Kreditkarte. Aber auch die verschmäht das System, wahrscheinlich, weil sie nicht auf meinen Namen läuft. Ein Pop-up-Fenster verrät, die Überprüfung würde einige Minuten in Anspruch nehmen –
mindestens zehn. Ich gehe zurück zur Dilly-Dally, kaum angekommen, steht ein Mitarbeiter der Marina am Heck. Ob ich noch einmal in das Hafenbüro kommen könnte. Tuncay hat mittlerweile einen Weg
gefunden, wie doch die deutsche Kreditkarte akzeptiert wird.
Der Antrag auf „Residentship“ ist gestellt, die Gebühr (insgesamt 503 Türkische Lira, entspricht 83 Euro) ist bezahlt. Das einzige Problem: Beim Erstantrag muss man
die Dokumente persönlich abholen, sich vorstellen. „Interview“ wird das ganze genannt. Noch bis vor kurzem gab es ein Büro in Kaş, das wurde aber geschlossen, also muss ich in die nächste größere
Stadt: Die Touri-Hochburg Kemer, kurz vor Antalya. Gut zwei Autostunden entfernt. Der Termin kann online vereinbart werden. Nächsten Donnerstag, 16.30 Uhr, habe ich hoffentlich meine
türkische „Residentship“. Lars, ein guter Freund aus Hamburg, der gerade zu Besuch ist, hat einen Leihwagen. Von daher wird es eine nette Landpartie werden. Inschallah. 
Derweil genieße ich den türkischen Herbst. Ist nicht soooo schlecht. Siehe Video unten.

Dilly-Dally in den Medien

Für das Float-Magazin habe ich eine vierteilige „Anleitung zum Glücklichsein“ geschrieben. Also eigentlich über den Bootskauf. Der erste Teil ist heute erschienen. Freut mich besonders, dass auch
Focus-Online den Artikel veröffentlicht. Die Links zu den Artikeln gibt es hier:

 

Float-Magazin

 

Focus-Online

Kochen mit türkischen Freunden

Die türkische Küche ist fantastisch. Zusammen mit türkischen Freunden kochen wir (es war Marks Idee) jetzt einmal die Woche (oder öfter). Der Deal: Servit, ein
gelernter Koch, weiht uns in die Geheimnisse der türkischen Küche ein, er lernt dabei ein bisschen Englisch, wir Türkisch. Gegessen wird gemeinsam. Ein wunderbarer Deal made in Turkey. Mit einer
kleinen Anleitung zum Nachkochen. Es lohnt sich. Wirklich! Mehr im Video.

Hans im Glück

Seit einer knappen Woche liege ich in der Kaş-Marina, meinem neuen Zuhause. Die Liegeplatzgebühr ist bezahlt bis Mai 2020. Kaş ist damit mein Heimathafen,
meine Basis, mein Anlaufpunkt, wenn ich nicht unterwegs bin. Im Preis inbegriffen ist die Nutzung alle anderen Setur-Marinas in der Türkei (und einer auf Lesbos) – von Antalya im Osten bis nach
Istanbul im Norden. Der neue Hafen mutet ein bisschen an wie eine Gated-Community in Dubai. Ein Tor mit Sicherheitskontrolle, dahinter grüne Wiesen, hohe Palmen und 450 Liegeplätze. Nicht alle
vergeben. Am Ende des Hafens thront ein Luxus-Ressort mit kleinen Pavillons, von denen Badeleitern in das kristallklare Wasser führen, wie man es sonst nur von den Seychellen kennt. Wer nicht ins
Meer steigen will, kann sich auch in seinen privaten Whirlpool hocken, der auf jeder Terrasse steht. 

 

Den riesigen Swimmingpool mit Blick auf das schimmernde Meer können alle Hafendauerlieger kostenlos nutzen, ebenso wie einen Tennisplatz
oder den Basketballkorb. Momentan beschränke ich mich aber auf ein paar Übungen an meinem TRX-Gerät. Die ersten Bootsnachbarn haben sich auch gerade die Schlingen bestellt. 

 

Im Hafen gibt es ein türkisches Bad mit Massagen, eine tolle Bar mit Livemusik und zwei Restaurants, einen Schiffsausrüster, eine
Wäscherei, die einen vollgestopften, müffelnden Seesack, für 35 Lira (etwa einen Heiermann) in eine aprilfrische Wiese verwandelt. Der Supermarkt in der Marina ist gut sortiert und wenn dem
Briten nach seinem Frühstücksbacon gelüstet, findet er auch das passende Stück Schwein in der Auslage. Es ist eine kleine heile Welt, in der jeder jeden grüßt, die Sicherheitsleute mit Golfcaddys
über das weitläufige Gelände düsen – und auch weniger rüstige Senioren zu ihren Schiffen bringen. Das einzige Manko: Das Internet. Derzeit läuft es nicht, zumindest nicht mit Apple-Geräten.
Sicherheitsleck. Man sei da dran, versichert die junge Dame im Marina-Office, in dem die netten Mitarbeiter jedes noch so kleine Problem ernst nehmen und versuchen, es bei einem Tee zu klären.
Auch wenn nachts Wehwehchen auftreten, einfach funken: Kanal 73. „Wir schicken dann jemanden.“ Und auch Hypochonder können beruhigt sein: Das brandneue Krankenhaus liegt keinen Kilometer
entfernt. 

 

Wenn ich morgens das Rollo von der Luke in meiner Kajüte löse, blicke ich auf einen blauen Himmel. Und auf Berge. Wellen klopfen sanft
an den Rumpf, irgendwo kräht ein Hahn, den ersten Ruf des Muezzin vor Sonnenaufgang höre ich schon gar nicht mehr. Und wenn doch: Dann freue ich mich, schließe noch mal die Augen und denke an den
ersten Kaffee des Tages an Deck. Noch ist das alles nicht Normalität, ich bin gespannt, ob und wann dieser Tag kommen wird.

 

Die Nächte sind mittlerweile frisch, aber selbst am frühen Morgen lässt es sich Anfang November in kurzer Hose und T-Shirt an Deck
aushalten, ehe ab zehn Uhr schon der Platz im Schatten der Favorit ist. Baden, muss ich nicht sagen, kann man immer noch. Das Wasser ist noch herrlich warm. Und das sagt einer, der im Freibad
naserümpfend erst einen Zeh langsam ins Wasser steckt, ehe er es wagt, Sekunden später, den ganzen Fuß zu versenken. 

 

Mark, der immer gut gelaunte Südafrikaner, grüßt zwei Boote weiter. Wie jeden Morgen: „What a beautiful morning! How you doing? Isn’t it
a fantastic day?“ Sein Bootsnachbar, ein Brite, schnorrt gerade einen Kaffee bei ihm. Ken hat am frühen Morgen seine Katze, Margarita, zum Tierarzt gebracht. Eine Kolik. 

 

„Jens, halb elf Yoga neben dem Hafenbüro. Fantastic!“, ruft Mark. Ich winke ihm erst zu, dann ab: „Nächstes Mal!“ Erst muss ich noch
mein Internet-Problem lösen. Nachdem ich viermal das maximale Datenvolumen von 15 Gigabyte gekauft und pulverisiert habe, hat mich Turkcell gesperrt. Komisches Businessmodell. Weiteres
Datenvolumen kann ich nicht mehr kaufen. Das versteh wer will. Andernorts würde ich als Super-Kunde hofiert. Dass ich so viel Datenvolumen in so kurzer Zeit verballert habe, liegt auch ein
bisschen an meiner Blödheit. Nichtsahnend schloss ich einige Zeit meine Kamera und die Drohne an das Laptop an, zog die Filme auf den Schreibtisch, um dann aus etlichen Minuten Material in
höchster Auflösung einige wenige internetkompatible zu schneiden. Dass mein Computer automatisch beginnt, den ganzen Müll in die Cloud zu jagen, musste ich teuer bezahlen. Aber irgendwo da oben,
auch das ist ein schönes Gefühl, tummeln sich jetzt ganz viele Videoschnipsel. 

 

Im Turkcell-Geschäft vor Ort lähmen mich meine auf Restaurant-Türkisch reduzierten Sprachkenntnisse von einer Problemanalyse. Englisch
ist leider auch keine Option. Im Chat mit Turkcell wird mir erklärt, dass ich nur vier Mal das maximale Datenvolumen binnen von drei Monaten kaufen kann. Will heißen: Internet erst wieder in zwei
Monaten. Keine sehr prickelnde Aussicht. 

 

Mein Plan: Ich kaufe eine weitere Prepaidkarte, was allerdings dem Verkäufer nicht so recht einleuchten will. Ich habe doch schließlich
eine. Seine junge Kollegin atmet schwer, lässt sich dann aber doch davon überzeugen, mir eine weitere Karte zu verkaufen. Der Akt, eine Prepaidkarte zu bestellen, gleicht in etwa der Zulassung
eines Autos in Deutschland. Fünf mal muss ich irgendwas unterschreiben, meinen Ausweis vorlegen, ihn dann neben mein Gesicht für ein Foto halten. Ganz wichtig sind auch Baba und Anne. Vater und
Mutter. Zumindest deren Namen. Heinz-Dieter scheint in der Türkei eher ungewöhnlich, zweimal muss ich in Druckbuchstaben den Namen schreiben. Als Dank gibt es einen skeptischen Blick der
Verkäuferin. 

 

 

Mit Schrecken erinnere ich mich noch an die leidvolle Erfahrung in Marmaris, als erst nach dem dritten Besuch im Geschäft, mein Internet
laufen lernte. Und dort sprachen die Verkäufer sehr gutes Englisch. Als ich endlich meine zweite Karte habe, die ich gleich in das Modem lege, wundere ich mich über die flinken Finger des
Verkäufers, der sofort die alte Karte vernichtet. NEINNNN! Er schaut mich verdutzt an. „Cöp!“, sagt er. Müll. Meinen Plan, sollte ich wieder mit einer Karte das Limit binnen drei Monaten
ausschöpfen, wieder die andere Karte zu aktivieren, hat er wohl nicht ganz durchstiegen. Oder es gibt ein Gesetz, dass man nur eine Karte besitzen darf. Aber damit nicht genug, die neue Karte
lässt sich nicht aufladen. Warum, weiß ich nicht. Wilde Telefonate folgten. Als mir wieder ein Stuhl gereicht und der nächste Tee serviert wird, weiß ich: Der Nachmittag wird lang. Insgeheim
rechne ich damit, dass die nervösen Blicke der Verkäufer zur Straße mir verraten, dass sie auf die Polizei warten. Von „System-Probleme“ ist die Rede. Ich bin mir nicht sicher, ob sie
Computersystem-Probleme meinen. Lieber frage ich nach meinem Ausweis, der immer noch hinter einem Schreibtisch liegt, und frage, ob es in Ordnung sei, morgen wiederzukommen. „Problem yok“, ruft
der Verkäufer. „Kein Problem.“ Ich atme erleichtert auf. „Zahlen für die neue Karte?“ „Yarin! Yarin!“, wiegelt er ab. Morgen, morgen. Enttäuscht düse ich mit dem Roller zurück zum Hafen. 
Merkwürdigerweise läuft das Internet dann abends doch plötzlich. Auch ohne gezahlt zu haben. Ich werde morgen aber mal lieber das Geld vorbeibringen. Ich bin sicher, ich war nicht zum letzten Mal
in dem Geschäft. 

 

Mark lacht. „That’s Turkiye!“, ruft er in einer Mischung aus Englisch und Türkisch. Seit gestern besucht mein Bootsnachbar einen
Türkischkurs in der Stadt. „Join us!“, ruft er. „It’s fun.“ Ich werde es tun. Nächsten Montag geht es los. Wieder Schulbank drücken. Aber als Gast in einem Land, wenn auch Urlaubsland, ist es das
Mindeste, was man tun kann. Vielleicht kann ich dann auch meine Wlan-Probleme lösen. Mark bietet mir derweil an, mich in sein Wlan zu hängen („kostet doch eh kaum was“), aber ich lehne dankend
ab. Gerne wäre ich autark. Schon am Mittag hatte er selbstlos seinen Roller zur Verfügung gestellt, nachdem er mich verschwitzt auf dem kleinen Bordfahrrad ohne Gangschaltung durch die Gegend
strampeln sah. 

 

Als ich Mark den Schlüssel wiedergeben will, sitzt er in der Bar. Kaffee trinken hatte er gesagt. Jetzt süffeln er und Ken, der Brite
von nebenan, an großen Halbliterflaschen. Es ist kein Kaffee. Ken zieht einen weiteren Hocker an den Tresen, bestellt sofort ein Bier für mich. 

 

Ein ganz normaler Tag in Kaş. Jeder hilft jedem. Ob es die Jungs aus der Bar sind, die eine Luftpumpe für den ermatteten Reifen
meines Fahrrads auftreiben, oder die Segler untereinander. Fängt einer an zu werkeln, stehen die anderen parat. Nicht mit dummen Tipps, sondern mit Eifer. 

 

Kurz bevor ich mein Türkcell-Abenteuer am Nachmittag in Angriff nahm, stand plötzlich ein Türke vor der Dilly-Dally. „Hans?“, fragte er
mich. „Jens“, korrigiere ich, typisch deutsch. Er hielt den Kopf schief. „Welcome, Hans!“, lächelte er und reckte den Daumen in die Höhe. Er liege am Steg gegenüber, erklärte er.  Ich lud
ihn auf einen Kaffee ein, er lehnte ab. Er habe eine Verabredung. „Heute abend in der Bar?“, fragte er dann. Ich nickte. „Welcome!“, rief er nochmal und ging. Ein Stück weit werden auch seine
Biere an dem dicken Kopf heute morgen Schuld haben. 

 

Es ist ungewohnt, so viele nette, respektvolle, hilfsbereite Leute auf einen Haufen zu treffen. Ich erinnere mich an Vereine in
Deutschland, wo jeder Neue erstmal argwöhnisch beäugt wird. Dabei hat man doch das gleiche Hobby. Kein Wunder, dass einige Segelvereine gnadenlos überaltert sind und aussterben. Interessant ist
auch, dass die Segler, je erfahrener sie sind, auf das ganze Segel-Schnickschnack keinen Wert legen. „Kenn ich, weiß ich, war ich schon“, gibt es nicht. Eher Bekenntnisse wie „eigentlich bin ich
ja kein guter Segler“ oder „bei viel Wind geht mir die Muffe“. Sie lachen über ihre Missgeschicke und dann kommt beiläufig raus, dass sie schon zweimal über den Atlantik gesegelt sind oder seit
vielen Jahren auf ihren Boot leben. 

 

Die Segler, die hier überwintern, kommen aus der ganzen Welt. An meinem Steg liegen Australier, Briten, Amerikaner, Dänen, natürlich
Mark, der Südafrikaner, ein paar Deutsche und viele Türken – meist aus Istanbul. Sie alle eint eines: Die Freude am Segeln. Die Gemeinschaft. Die Einfachheit in all ihrem Luxus. Das Boot ist für
sie kein Statussymbol, sondern Liebe und Lebenseinstellung. Sie sind sich nicht zu fein, jeden Morgen zum Duschen mit ihrem Kulturbeutel in der Hand in die sanitären Anlagen zu schlendern. Sie
genießen die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf dem Weg zu den sanitären Anlagen, stehen wie Schuljungen auf Klassenfahrt an den Waschbecken nebeneinander, tratschen, lachen und diskutieren über
das neueste Restaurant oder den versackten Abend in der Hafenbar, teilen Duschgel und Rasierschaum. 

 

Viele könnten in Villen leben. Wie Mark. Seine Familie ist im Gummibusiness tätig, wie er abends an der Bar sagt. Erst im Nachsatz
erklärt er, dass seine Familie Südafrikas führender Autorreifenproduzent ist, Partner von Conti und Michellin. Sein Bruder leite jetzt die Geschäfte. Er sei „nur noch“ Stakeholder. Das Boot, auf
dem er lebt, habe sein Vater 1984 gekauft. Ken, der Brite ist eigentlich Ingenieur, er lebt seit vielen Jahren in der Türkei. Er ist verheiratet mit einer türkischen Ärztin in Ankara, die unter
anderem die Leibärztin für die deutsche Botschaft ist. Sie haben mehrere Häuser in der Türkei. Gerade kommt er aus Belek von einem Golfturnier. Aber am liebsten wohnt er in Kaş – wahlweise auf
seinem Schiff oder in ihrem Haus am Hang. 

 

Natürlich ist der fuc… Brexit auch ein Thema. Sein Urgroßvater, erzählt Ken, war Ire, wie er kürzlich herausgefunden habe. Deshalb hat
er jetzt einen irischen Pass beantragt. Er will Mitglied in der EU bleiben. Wir sitzen an der Bar, trinken ein, zwei, drei Bier. Dann hören wir auf zu zählen. Der Brite muss gehen, Margarita vom
Tierarzt abholen. Oder seiner Frau erklären, warum Margarita nicht mehr ist (sie ist noch, wie er gerade berichtete). Aber egal wie, morgen um elf („Gin-Time“) wollen wir segeln gehen.

 

Auf dem Tresen bettet sich gerade ein Yorkshire-Terrier-Mischling, sein Ohr liegt im Aschenbecher. Beck’s, der Kneipenhund, ein
stattlicher Golden Retriever, tobt mit vier anderen Hunden wild umher. Niemand stört sich daran. Leben und leben lassen. Beck’s ist der Herr im Haus. Ob die anderen Hunde allerdings wissen, dass
er gestern mit eingeklemmten Schwanz das Weite suchte, als eine Ente die Bar eroberte und erst zurückkam, als der Barbesitzer die Ente, ein Riesenvieh, schnappte und zum Wasser zurücktrug?

 

Die Bar ist gut besucht, ein paar Segler lungern am Tresen, an den kleinen Tischen sitzen aber vor allem Türken aus dem Ort. Ein paar
sehen aus, als hätten sie ihrem Frisör ein Che-Guevara-Portrait als Vorbild gezeigt. Lässige Typen und hübsche Frauen, die so gar nichts mit dem Klischee gemein haben, das viele vor Augen haben,
wenn sie „Türkei“ hören. 

 

Und die Segler? Sind sie alles privilegierte Typen? Einige sicherlich. Aber längst nicht alle. Ein gebrauchtes Schiff, groß genug zum
Leben, kostet schließlich nicht mehr als ein neuer Passat. Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind verglichen mit Deutschland sehr günstig, auch wenn die Lira zum Euro wieder ein Viertel an
Wert gewonnen hat. Immer noch kostet die Schachtel Kippen nicht mehr als 1,50 Euro und ein schönes Abendessen zwischen fünf und zehn Euro – auch in der Marina. Getränke inklusive. 

 

 

Im Stadthafen liegt eine australische Yacht. Es gehört einem Paar, das alle Habseligkeiten in Down-under verkauft hat, um sich ein Boot
in Spanien zu kaufen. Ein Lebenstraum. Jetzt liegen sie in Kaş, abgebrannt aber glücklich. Und dann ist da der alte Brite, der mir im Vorbeigehen  auf die Schulter klopft. Er stellt sich
nicht vor, sagt nur: „Du hast alles richtig gemacht. Du bist noch jung.“ (Okay, 46 Jahre alt). „Genieß es!“ Viel zu spät habe er sich entschlossen, seinen Traum vom Segeln zu erfüllen. Jetzt sei
er alt. Dann humpelt er weiter. Ich drehe mich um. Er dreht sich um, er reckt den Daumen. Dann geht er weiter. Ich gehe weiter. In Momenten wie diesen denke ich, es ist der richtige
Weg,