Kategorie: Atanga

Einsame Strände und ein Millionen-Wrack

25. – 29. Jun. 26; Vanuatu, Moso, Embas Beach; Tag 4.408 – 12; 29.872 sm total

 Wir verlagern uns auf die Nordwest-Seite des Insel-Kanals. Elf Meilen Genuss-Segeln. Und dann fällt der Anker vor einem einsamen Traumstrand. Was ist in Vanuatu besser? Das Ankern oder das Segeln? :mrgreen: Wir werden hier sehr verwöhnt.

Von Efate nach Moso – kein Schwell, perfektes Segeln. Allerdings heftige Böen, wenn der Wind über Landschneisen gefegt kommt.

Blick von Bord auf Moso. Auf dieser Seite der Insel gibt es keinen Ort.

Blick vom Strand. Kaum Schwell, obwohl wir quasi auf dem offenen Ozean ankern. Es gibt kein vorgelagertes Riff. Der einzige Nachteil: Wir müssen wegen der Korallen ziemlich weit draußen ankern.

Gesunde Korallen bis zum Strand.

Bei Ebbe kurz vor Vollmond gucken die Hirnkorallen aus dem Wasser.

Gesund bis in die letzte Hirn-Windung.

Über einen Waldweg gelangen wir quer über die Insel auf die andere Seite. Dreißig Minuten einfacher Fußmarsch. Hier gibt es ein Hotel, private Luxusunterkünfte und Siedlungen der Ni-Vanuatu. Unterschiedlicher kann man kaum wohnen. Die Grundstücke grenzen direkt aneinander. Und doch lebt der Nachbar in einer anderen Welt.

Direkte Nachbarn

Harter Kontrast

Die Blue Gold ist unser Ziel. Ein Wrack der Güteklasse 1A. Der Trampelpfad führt vorbei an Bananen und Privathäusern. Sind wir bald da? Der Weg zieht sich. Wir haben kein Handy dabei und keinen Blick aufs Wasser. Sind wir etwa schon am Wrack vorbei?
Wir hören zunehmend ein Knallen. Es wird lauter, je weiter wir laufen. Wir können nicht bestimmen, was für ein Geräusch das sein könnte. Vermuten aber, dass es mit dem Wrack zusammenhängt. Wellen am Rumpf? Wir kommen nicht drauf. Ein ungleichmäßiger Rhythmus. Mal lauter. Mal leiser.
Und dann wird die Quelle für das Knallen sichtbar. Die Masten der Blue Gold ragen hoch aus dem Gestrüpp am Ufer. Segel peitschen im Wind. Das Knallen ist Ohren betäubend.
Wir stehen mit offenem Mund vor der Blue Gold. 50 Meter Luxusschrott liegen im seichten Wasser und rotten vor sich hin.

Blue Gold – 50 Meter lang, 300 Tonnen schwer, vor 11 Jahren gestrandet.

Besonders das rechte Segel knallt wie irre. Das Dorf liegt direkt daneben. Wir denken, dass die Bewohner ein Gespräch mit dem Chief über nächtliche Ruhestörung führen könnten. ;-)
Dass die Segel überhaupt noch vorhanden sind. Ein Vorstag-Segel hat sich noch nicht einmal entrollt.

Noch alles da.

Die Vorgeschichte: Zyklon Pam fegte 2015 über Vanuatu und rasierte mit Geschwindigkeiten von 250 km/h alles weg. Ein anderes Boot riss die Verankerung der Blue Gold aus dem Grund, der Koloss trieb ab und wurde von fünf Meter Wellen aufs Riff gespült. Da liegt sie nun seit Jahren wie ein gestrandeter Wal.

Das Theater über die Bergung läuft, denn die Besitzansprüche sind ein fetter Witz. Keiner weiß, wem das Wrack aktuell gehört. Und alle blockieren sich gegenseitig. Der niederländische Ex-Eigentümer hatte steuerliche Diskussionen mit den Behörden in Vanuatu. Daher lag die Blue Gold an der Kette, als das Unglück passierte. Die Behörden in Port Vila schieben Akten hin und her, und die lokalen Chiefs sagen: „Liegt auf unserem traditionellen Riff, also redet mit uns.“ Deshalb passen sie auch auf, dass niemand auch nur einen Fuß auf die Blue Gold setzt. Von außen betrachtet, fehlt nichts. Nicht eine Winsch wurde demontiert. Auch innen soll auch noch alles vorhanden sein.

Auf unserem Rückweg treffen wir auf Frank und seine Frau Sirana. Wir hatten schon auf dem Hinweg herzlich mit ihnen gelacht, weil Frank „Hallo Ladies“ gerufen hat als wir vorbeikamen und er Achim nicht als „he/him“ erkannte. Als er seinen Irrtum bemerkt, fallen er und Sirana in tosendes Gelächter ein.

Sie freuen sich, dass die Ladies noch einmal vorbeikommen. Wieder wird gelacht. Wir kommen ins Gespräch. Das Ehepaar stammt aus Port Vila, hat sich hier ein Grundstück gekauft und vermietet einfache Hütten an erholungsbedürftige Port-Vilaner. Frank weiß alles über die Fußballweltmeisterschaft. „Deutschland ist weiter, schön, wird aber schwierig. Neuer ist zu alt“, lautet sein Urteil.

Frank und Sirana bei der Yams-Ernte. Wir fragen, ob wir Papaya kaufen können. „Kommt nicht in Frage.“ Am Ende gehen wir mit drei Papaya und etlichen Mandarinen nach Hause. :-)

Er erzählt uns auch etwas über die Blue Gold: „Das Wrack gehört hier jedem. Egal, wen du hier fragst, jeder ist Eigentümer. Vor zwei Jahren hat jemand versucht, es vom Riff zu ziehen.“
Dieser Jemand ist Derek French, ein Geschäftsmann aus Australien. Er zahlte rund eine Million Dollar aus eigener Tasche für die Bergung und gab dem Dorf Moso eine monatliche Gebühr von 500 Euro, um überhaupt arbeiten zu dürfen.

Dorfbewohner tauchten mit Schnorcheln und Eimern, um den Sand unter dem Kiel per Hand wegzuschaufeln. Später kamen Hebesäcke und Schlepper zum Einsatz. Sie bewegen das Schiff während einer Springflut zwar um neun Meter, doch dann verkeilt sich ein Felsen unter dem Rumpf. Das Schleppseil riss. Die Aktion scheiterte.
Das Wrack liegt weiter auf dem Riff und niemand weiß, wie es weitergeht. Falls Interesse besteht: Das Wrack soll noch einen Wert von fünf Millionen Dollar haben.

Aufregung in den Mangroven

22. – 24. Jun. 26; Vanuatu, Efate, Esema Bay; Tag 4.405 – 7; 29.861 sm total

Zum nächsten Ankerplatz sind es nur 23 Meilen. Was für ein abwechslungsreicher Segeltrip. Wind: 5 bis 30 Knoten; Wellen: platt bis 2,5 Meter. Und obwohl wir Kurse von 230 bis 70 Grad anliegen haben, können wir komplett segeln. Das kann man genießen, wenn man will.

Von Mele nach Esema. Kurvige Strecke. Zwischen den vorgelagerten Inseln ist es super ruhig.

„Ach, die paar Wellen am Kap“, dachte ich noch so. Nein! Als Info für nachfolgende Boote: Hier geht es zur Sache. Aus dem Nichts 2,5 Meter Wellen aus vielen Richtungen. Ein Segler, der uns entgegengekommen ist (am Wind), ist tatsächlich umgedreht. Das war Arbeit am Ruder für eine knappe Stunde.

Außer am Kap ist es schönstes Küstensegeln. Abwechslungsreich wie lange nicht. Da gehe ich auch schon mal fünf Stunden freiwillig ans Ruder.

Der Anker fällt auf zehn Meter vor einer Mangroven-Wand. Vom nahen Dorf hören wir nichts. Ohne Wind und Schwell schläft es sich wie in einem Sarg. Wir können uns nicht an einen so ruhigen Ankerplatz erinnern. Mehr Genuss macht sich breit.

Super Ankerplatz

Wir paddeln mit dem Kajak zwischen den Mangroven umher. Dort treffen wir auf einen Trupp Arbeiter von der Insel gegenüber. Jeden Morgen kommen sie mit ihren einheitlichen Plastikbooten zu unserer Seite rüber gefahren. Zurzeit fangen sie etwas später an, wie man uns berichtet. Flexi-Time ist  das Zauberwort.
Fußball ist der Grund für ihre Verspätung. Irgendeiner im Dorf hat eine Satellitenschüssel. Davor wird sich versammelt und kein einziges Spiel verpasst. Wenn die Leute hören, dass wir aus Deutschland kommen, freuen sich alle über den deutschen Einzug in die nächste Runde.
Vanuatu ist fußballbesessen.

Mit dem Boot zur Arbeit. Heute etwas später, England:Ghana hat die Kollegen aufgehalten. ;-)

Die Arbeiter gehen zu ihren „Gärten“, wie sie sagen. Auf dieser Seite werden Tomaten und Pak Choi angebaut. Auf ihrer Insel Maniok. Ohne das zufällige Treffen hätten wir den Weg in den Dschungel gar nicht entdeckt.
Am zweiten Morgen, als alle noch beim Fußball sitzen, suchen wir die Gärten. Vor unserem geistigen Auge tauchen gepflügte Felder auf. Beinahe wären wir dran vorbei gelaufen. Es ist eher ein wilder Acker. Der Begriff Garten ist dehnbar. :mrgreen:

Den Weg hätten wir nur schwerlich gefunden.

Einer der Gärten. Eine wild gerodete Fläche. In den Löchern stecken zarte Pflänzchen von Pak Choi und Tomaten. Alle tipp-topp. Keine hängenden Blätter, keine Kümmerlinge darunter.

Wir sitzen beim Mittag, als mein Blick auf eines der Longboote fällt. Da wir uns vor zwei Stunden noch darüber unterhalten haben, wie sorgfältig die Boote in den Mangroven vertäut und außerdem mit einem Anker gesichert werden, fällt es mir sofort auf. Eines der Boote ist auf Abwegen. Kein Zweifel. Da der Grund hier sehr steil abfällt, ist es nur noch eine Frage von Minuten, wann der Kahn richtig Fahrt aufnehmen wird.

Da wir nur mit dem Kajak unterwegs sind, liegt unser Dinghy an Deck. Der Motor ist am Heck festgezurrt. Bevor wir das in Betrieb haben, ist das Boot abgetrieben. Achim zögert nicht lange: „Ich muss das Kajak nehmen. Aber damit kann ich das schwere Boot nicht ziehen. Den fremden Motor lasse ich besser in Ruhe, man weiß nie, wie das aufgenommen wird. Ich renn in den Wald und suche die Leute. Tschüss.“

Den Vorwurf, kein Gas zu geben, braucht Achim sich nicht machen lassen. ;-)

Ich bleibe an Deck und halte Ausschau. Ein Boot kommt von der anderen Seite und fährt zum Dorfanleger mit fünfhundert Metern Abstand. Ich winke wie wild. Man sieht mich nicht. Fünfzehn Minuten später kommt ein zweites Boot. Ich winke. Die beiden Männer winken zurück. Nein, nein, so war das nicht gemeint. Ich winke wilder. Sie verstehen und kommen auf mich zugefahren. Viel muss ich nicht sagen, ein Fingerzeig auf das Boot auf Abwegen reicht. „Tangkiu tumas!“

Und dann kommt auf einmal Hilfe von allen Seiten. Meine herangewunkenen Jungs. Ein Boot aus den südlichen Mangroven schießt auch auf uns zu. Wo das auf einmal herkommt? Und einer der Feldarbeiter paddelt wie verrückt in unserem Kajak auf den driftenden Kahn zu.
Achim war den Weg in den Wald entlanggerannt. Keiner zu sehen. Fast hatte er schon den Garten erreicht, laut rufend: „Eins eurer Boote ist auf Drift, eins der Boote ist auf Drift“, ohne jemanden zu sehen oder zu hören. Bis schließlich ein Mann hinter ihm auftauchte. Gemeinsam sind sie zum Ufer zurückgerannt und Achim hat ihm unser Kajak geliehen.

Der junge Mann erzählt, dass das Boot seinem Onkel gehört. Der wird sich heute Abend freuen. Die Kombination aus Longboot plus 30-PS-Außenborder hat einen Wert von sieben bis zehntausend Euro. Viel Geld für einen Arbeiter, der nur mit Spaten und Machete das Feld bestellt.

Auf jeden Fall bekommt Achim heute einen Helden-Stern von mir. :-)

Ende gut – Boot im Schlepp

Die beste Feuershow im Pazifik

Fr., 19.Jun.26; Vanuatu, Efate, Mele; Tag 4.390; 29.838 sm total

Die Eigenwerbung für die Feuershow, die jeden Freitag stattfindet, ist vollmundig. Da wollen wir hin. Dafür verlassen wir Port Vila mit seinen Supermärkten. In den nächsten Wochen erwarten wir keine Einkaufsmöglichkeiten. Atanga ist bis zum Versinken des Wasserpasses voll geladen: Wasser, Diesel und reichlich Futter. Ich habe dreißig Mahlzeiten eingekocht. Schwerstarbeit.

Wie zur Atlantik-Überquerung: Die nächsten Wochen erwarten wir wenig Infrastruktur.

Was fehlt, sind Eier. Um mit Oliver Kahn zu sprechen: Eier, wir brauchen Eier!
Im Supermarkt stehen wir vor einem leeren Regal. :shock:
Wir klappern die kleinen Mini-Shops an der Promenade ab und werden fündig. Ein letzter 30er-Träger, eingeschweißt mit einer Folie. Halt! Das Legedatum war am 5. Mai! Das ist ja über sechs Wochen her. Nicht klimatisierter Laden. Daneben stehen 6er-Kartons ohne Datum, aber gleiche Legebatterie. Die Katze im Sack, besser gesagt, das Küken im Ei. Wir suchen weiter. Nächster Laden, gleiche Eier, gleiches Datum.
Erst nach einem Gewaltmarsch durch die halbe Stadt finden wir Eier anderer Herkunft. Komplett ohne Datum. Die nehmen wir jetzt einfach. Was soll schon passieren? :mrgreen:

30er-Träger gibt es auch gerne mal ohne Folie. Gut für den, der ein Band im Rucksack findet. Diese Eier hatten auch kein Datum und waren tadellos.

Bis zur Beach-Bar mit der Feuershow ist es nicht weit. Nach sechs Meilen fällt der Anker vor einem weitläufigen Strand. Trotz kräftiger Böen liegen wir hier ganz prima.
Die Show ist beliebt. Frühes Kommen sichert gute Sicht. Wir sind schon um 17:00 Uhr am Strand. *** Wir finden einen Platz in der ersten Reihe, Mitte. Prima.

Plätze gibt es genug. Kurz vor 8:00 Uhr war noch viel frei. Links, das ist die Schlange für die Pizza-Bestellung. Knapp 90 Minuten später hatten alle ihr Essen.

Aufbau der Feuerstäbe und Dreizack und anderer Schleudergeräte.

Die Show beginnt. Dreißig Mitglieder der örtlichen Tanzgruppe ‚Wan Smolbag‘ springen auf den Strand. Zu moderner Popmusik wird Feuer geschleudert, gespuckt und gedreht. Die Funken sprühen. Es stinkt nach Petroleum. Bei vielen Feuerstößen gleichzeitig wird es warm in der ersten Reihe. Fast meint man, dass die Haare ansengen.
Hier wird nicht lang gefackelt, sondern die beste Feuershow des Pazifiks abgeliefert.

Wie man es sich vorstellt: knackige junge Männer …

Auch drei junge Frauen sind dabei. Die haben beim Jonglieren weniger gepatzt als ihre männlichen Kollegen.

Unter Einhaltung sämtlicher Feuerbrand-Vorschriften werden an langen Stangen Fackeln über die Köpfe der ersten drei Reihen gehalten. Mutig. :mrgreen:

Das furiose Finale. Eine absolut nette Show.

 

*** Show-Infos

Wir sind auf die allgemeine Information „man muss reservieren“ und „ man muss früh vor Ort sein“ hereingefallen. Reservieren muss man nur, wenn man in der Bar an einem der Tische sitzen will. Von wo aus man tatsächlich den schlechtesten Blick auf das Spektakel hat.
Wer zufrieden mit einer Pizza auf dem Schoß ist, braucht weder eine Reservierung, noch muss man bereits um 17:00 Uhr vor Ort sein. Auch eine Stunde später gab es noch gute Plätze, da die meisten Leute einen Tisch reservieren.
Und wer ganz spät kommt, setzt sich einfach vor die erste Reihe in den Sand. Hier wird es dann heiß. Stört aber nicht wirklich jemanden.

Da der Eintritt der Show kostenlos ist, wird die Sause durch den Verzehr der Zuschauer finanziert. Das Programm startet erst, wenn alle ihr Essen bekommen haben (Burger, Fish&Chips, Pizza usw.). Bei uns erst um 19:30 Uhr. Da war unser Hintern auf den schmalen, niedrigen Bänken schon ganz schön platt gesessen.

– Happy Hour auf Getränke zwischen 17:00 und 18:00 Uhr. Happy Hour heißt nicht ‚halber Preis‘. Aber ein Euro Nachlass für ein Bier macht ja auch schon happy.
– Am Ende der Vorstellung geht ein Hut durch die Reihen. Die Feuer-Truppe freut sich über Spenden.

Margaritas im Steuerparadies – Ein Silberhochzeits-Upgrade

07. – 16.Jun.26; Vanuatu, Efate, Port Vila; Tag 4.390-99; 29.832 sm total

 Wir liegen noch vor Port Vila. Es gefällt uns hier. Die Leute sind sympathisch und super freundlich. Ausgedehnte Streifzüge durch die Stadt zeigen, nur die Hauptstraßen sind asphaltiert. Bereits in der dritten Reihe endet dieser staubfreie Luxus. Auch eine Dinghyrunde um die Inseln, in deren Schutz wir liegen, zeigt viel Verfall. Was irgendwann durch einen Zyklon zerstört wurde, wartet vergeblich auf einen Wiederaufbau.

Staubige oder schlammige Straßen gleich hinter der Marina. Viel Müll liegt herum in den Straßengräben.

Kreative Abstützung einer neu gemauerten Mauer.

Zyklon-Opfer. Unterhalb der Hauptpromenade liegen geblieben.

 

Im Gegensatz dazu wird die Resort-Insel Iririki direkt hinter uns mit noch mehr Unterkünften zugepflastert. Die Luxus-Inseln und Edel-Restaurants bedienen den Geldadel. Häufig durch ausländisches Kapital finanziert, importieren sie ihre Waren selbst und sichern sich mit eigenen Generatoren gegen einen lokalen Stromausfall ab.

Die kleine Insel ist schon seeeehr voll mit Bungalows. Mehr sollen folgen. Das Hotel gehört zwei australischen Brüdern.

Im Supermarkt stehen prall gefüllte Regale. Neuerdings mit australischen Dips und französischer Salami, während das Nationalmuseum von Vanuatu eine traurige, staubige Ansammlung von Artefakten ist. Unstrukturiert in Schaukästen ausgestellt. Gewellte Fotografien an den Wänden und abgeplatzte Fliesen auf dem Fußboden – alles deutet darauf hin, dass es hier schon oft durchs Dach geregnet hat.
Eine Zwei-Klassen-Realität eines Entwicklungslandes.

Die Vitrinen sind mit einer Folie von innen abgeklebt. Wahrscheinlich UV-Schutz. Dadurch kann man alle Gegenstände und Beschriftungen nur noch schwer erkennen. :roll:

Das wohl staubigste Museum, in dem wir bislang gewesen sind. Es wurde versucht Staub zu wischen. Wie bei uns, wenn ich die Cockpit-Scheiben entsalze.

Das Museum ist winzig. Kostet aber trotzdem 8,00 Euro Eintritt. Nicht gerechtfertigt, wie wir befinden. Vieles erschließt sich uns nur, weil wir schon einiges über Vanuatu gelesen haben.

Ein Foto von 1909 – Ein Ni-Vanuatu mit den gedrehten Hauern eines Ebers, die hier bis heute so begehrt sind.

Für nur rund 150.000 Dollar könnten Achim und ich uns hier eine Staatsbürgerschaft kaufen. In dreißig Tagen wäre der Deal perfekt. Früher war der Vanuatu-Pass der absolute Renner, weil man damit visafrei in die EU einreisen konnte. Interessant für wohlhabende Chinesen, Südafrikaner und andere Nationen mit „schlechtem“ Pass.
Damit ist es vorbei, weil Vanuatu die Pässe reihenweise an Leute vergab, deren Identität und Absichten kaum geprüft wurden. Zudem steht das Land auf der schwarzen Liste für Geldwäsche. Wer den Pass heute kauft, benötigt wahrscheinlich ein steuerliches Fluchtfahrzeug. Fehlende Einkommen- und Vermögensteuer in Vanuatu halten die Pass-Attraktivität weiterhin hoch.

Wir nutzen diese Zwei-Klassen-Gesellschaft aus, um eine Scharte vom letzten Jahr auszuwetzen: als unsere Silberhochzeit total unromantisch bei McDonald’s endete. Alles Liebe zur Silberhochzeit Dieses Jahr soll es besser werden. Wir wählen das Restaurant in der Marina.
Zum Glück geht alles glatt. Freundliche Kellner, Frozen Margarita und ein gelungener „Fish of the Day“. Der Gatte ist gut gelaunt und sogar der Himmel zeigt einen Hauch von rosa Färbung. Kaum zu glauben, vor zwei Tagen sind wir noch auf dem Schiff abgesoffen.
Vanuatu gefällt uns immer besser – und mal ehrlich, was sind schon 150 Tausend Dollar? :lol:

Vor 26 Jahren haben wir ja gesagt.

Ein feiner Aperitif mit Blick aufs eigene Schiff. Der Papierstrohhalm wird Vanuatu nicht helfen. Es liegt relativ viel Müll herum, was wenig Mülleimern geschuldet sein könnte.

Nicht nur Achim hat gute Laune.

Über Geschmack kann man nicht streiten: wer Pommes will, soll welche bekommen. Natürlich ist das Essen für das Preisniveau in Vanuatu viel zu teuer. Das ist auch so ein Phänomen von Entwicklungsländern. Aber der Standard war sehr gut und die fünf (!) verschiedenen Kellnerinnen und Kellner, die wir hatten, ausgesprochen nett.

Es gab sogar Blumen. Lotusblüten.

Was mir auf dem Markt noch gar nicht aufgefallen war: Die Blütenblätter sind alle umgekrempelt – ein sogenanntes „Lotus Folding“. Die Idee stammt aus Thailand, aus buddhistischem Umfeld. Die Marktfrauen in Port Vila haben sich diese Technik abgeschaut.
Lotusblüten verwelken in tropischer Wärme sehr schnell, falls die Knospen überhaupt aufgehen. Das Umkrempeln der Blütenblätter bringt die leuchtenden Staubblätter im Inneren zum Vorschein, lässt die Blume viel größer wirken und sorgt dafür, dass sie als Opfergabe im Tempel tagelang frisch  aussieht.

 

 

 

Insel im WM-Rausch  

Fr., 05. Jun. 26; Vanuatu, Efate, Port Vila; Tag 4.394; 29.832 sm total

Schon bei unserer Einfahrt in die Bucht kommt uns Deutschland entgegen. Dicht gefolgt von Doppel-Brasilien. Fast alle Wassertaxis und andere Arbeitsboote sind mit überdimensionalen Flaggen geschmückt. Fußball-Fans?

Alle Arbeitsboote zeigen Flagge.

Jawohl! Und was für welche. Jeden Tag sind Boote und Autos doller geschmückt, werden die Fahnen imposanter. Die Marktfrauen haben plötzlich Tischflaggen ins Haar gesteckt und schwenken Girlanden.
Und dann lädt die Stadt zur Parade ein. Man möchte meinen, soeben sei der Weltmeister gekürt worden. Nein, es ist ein reiner „Wir-machen-uns-schon-mal-warm-vor-dem-Eröffnungsspiel-Autokorso“. Eine Woche vor Beginn. Total verrückt!

Die halbe Stadt ist auf den Beinen. Tausende Leute. Es gibt einen Wettbewerb: Wer hat den schönsten Truck? Der Umzug ist nach Länderflaggen getrennt. Die größte Fangemeinde stellen die Brasilianer, dicht gefolgt von Frankreich und Argentinien. Auch Deutschland ist stark vertreten. Jubelnd und lachend werden die Fahnen-Schwenker von Schaulustigen begrüßt. Heute Nachmittag arbeitet hier keiner mehr. Ein riesiges Volksfest. Wer eine Flagge, ein buntes T-Shirt oder einfach nur gute Laune hat, reiht sich spontan in die Menge ein.

Frankreich ist das letzte Land beim Umzug. Auch stark vertreten.
Vanuatu wurde erst 1980 unabhängig. Bis dahin hatte das Land noch Französische und Englische „Kolonial-Herren“.

Der Treffpunkt des Umzugs liegt nur zehn Minuten vom Mooringfeld entfernt. Wir schließen uns dem Tross an. Auf einer Wiese mit einer kleinen Bühne sammeln sich alle Fans.
Vanuatu braucht kein eigenes Team im Turnier, um die krasseste WM-Party des Planeten zu feiern. Und das, bevor auch nur eine einzige Mannschaft 2026 in Nordamerika aufgelaufen ist.

Brasilien außer Rand und Band. Wir sind die einzigen Langnasen weit und breit. Unbehelligt können wir uns einfach unters Volk mischen.

Mehr Deutschlandflaggen als auf dem Ku’damm.

Vanuatu-Fans meinen das ernst. Eigens entworfene T-Shirts kommen zum Einsatz.

Die Begeisterung ist ansteckend. Die Menschen freuen sich einfach. Ja, worüber eigentlich? Nur darüber, dass eine Weltmeisterschaft stattfinden wird. Egal, wer gewinnt. Dabei ist alles. So unverfälscht sollte Fußball immer sein. Das wäre schön.

Pure Freude

Argentinische Schönheit. Überhaupt sind auffallend viele Frauen unter den Fans.

Vanuatu hat auch eine eigene Nationalmannschaft. Die spielt im internationalen Fifa-Geschehen keine Rolle. Bester Erfolg: Vizemeister 2024 im OFC-Bund (Oceania Football Confederation).
Für eine Sensation sorgte die Nationalmannschaft Vanuatus bei der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, als man Neuseeland mit 4:2 besiegte. Das führte zur Nicht-Qualifikation der hoffnungsvollen Neuseeländer. ;-)

Wer selber bei einer WM nicht dabei sein darf, muss sich etwas einfallen lassen. Für uns wirkt es komplett willkürlich, wer für Argentinien singt oder England trommelt. Traditionell haben die Südamerikaner die meisten Fans. Als erst spät in den 90er-Jahren Fernsehen nach Vanuatu kam, liefen hier vor allem die Spiele der erfolgreichen Teams. Maradona und Ronaldo wurden zu unsterblichen Helden.
Die Fanzugehörigkeit wird im Viertel vom Opa auf den Enkel übertragen. Das bleibt meistens ein Leben lang bestehen. Es sei denn, die gehypte Mannschaft scheidet vorzeitig aus. Da kann es sein, dass der Brasilien-Fan plötzlich deutsche Flaggen zeigt. Besonders das legendäre Spiel 2014, als Deutschland Brasilien mit 7:1 besiegte, hat in Vanuatu viele Deutschlandfans hervorgebracht.

Port Vila – eine überraschende Hauptstadt

Sa., 30.Mai bis 06.Jun.26; Vanuatu, Efate, Port Vila; Tag 4.382–89; 29.832 sm total

Die nächste Insel liegt 90 Meilen entfernt. Zu viel, um es bei Tageslicht zu schaffen. Dazu vorhergesagte schlappe drei Windstärken. Unser Routing wirft zwanzig Stunden aus. Wir starten am späten Vormittag, um im Morgengrauen anzukommen. Achim hat alles vorbereitet, die Genua ausbaumen zu können. Einmal mit Profis arbeiten. :lol:

Wir rasen mit sechs, sieben Knoten dem Ziel entgegen. Halt! So geht das nicht, dann würden wir Port Vila mitten in der Nacht erreichen. Wir reffen. Es könnte so schönes Segeln sein. Halber Wind, noch Wellenabdeckung der Insel. Aber nein.
Dann kommt der Wind vorlicher. Das Ausbaumen der Genua ist ein Witz. Sie flattert. Weg damit, die Fock muss ran. Zur Nacht nehmen wir das Vorsegel komplett weg. Wir sind zu schnell. Am Ende drehen wir vor der verwinkelten Bucht von Port Vila noch zwei Stunden bei, um Zeit totzuschlagen.
Da hat ein Plan ja mal richtig gut funktioniert.

Port Vila ist die Hauptstadt Vanuatus. Gut 50.000 Menschen, zwanzig Prozent der Bevölkerung, wohnen hier. Der Kontrast zu den Kastom-Dörfern könnte nicht größer sein. Es gibt sogar eine Marina mit Restaurant und Duschen. Wir mieten uns eine der Moorings, da die umliegenden Ankerplätze entweder sehr tief oder unrein sein sollen. Es ist sogar von Schwefelwasserstoff-Ausgasungen die Rede, die den Zink auf der Kette angreifen. Ob das Seemannsgarn ist oder vom Marinabetreiber erfunden wurde, wissen wir nicht. Möchten aber auch keine Versuchskaninchen sein.

Das Mooringfeld. Es ist eine ähnliche Parksituation wie in Fiji/Savu-Savu. Vorgelagerte Inseln bilden eine Art Kanal. Super Dinghy-Dock, kostenlos für Mooring-Nutzer. Auch seinen Müll wird man los und Wasser kann man bunkern. Passt!

Atanga in der Mitte. Im Hintergrund ein winziger Hafenbereich, der stört nicht wirklich.
Schwellfrei Tag und Nacht.

Auf zum Segler-Dreikampf. Dank Starlink entfällt neuerdings die SIM-Kartensuche. Es bleibt ein Zweikampf: Supermarkt und Wäscherei finden. Eine Wäscherei befindet sich direkt auf dem Marinagelände. Mamma Laundry hat ihre eigene Philosophie: Waschen, Trocknen, Falten kosten 16 Euro. *** Wer nur waschen lassen möchte, kein Problem, kostet dann aber das Gleiche. :mrgreen:

Der Supermarkt überrascht uns total. Eine große Auswahl an australischen und vor allem chinesischen Produkten. Bestimmt acht, neun Sorten Reis. Sogar abgepacktes Schwarzbrot. Bio-Qualität aus Frankreich. Zum halben Preis, weil das Ablaufdatum kurz bevorsteht. In den Warenkorb!

Zwei aufgeräumte Supermärkte in Laufweite. Frisches Fleisch hat uns nicht enttäuscht. Das beste Huhn seit Australien.

Aus acht Metern Milchprodukte in Nouméa sind zwei Meter geworden. Käse gibt es als Tasty, Mild oder Edam. 

Fast alles ist preiswerter als in Nouméa. Fühlt sich gut für uns an.
Wir werden noch einige Tage bleiben. Zwei Kartons Bier für den abendlichen Sundowner sind auf den kaputten Gehwegen schwer mit der Karre zu ziehen. Achim hat nach einer Runde keinen Bock mehr. Ich hingegen möchte die aufgemampften Gläser wieder voll kochen. Noch mehr Schlepperei. Aber nach Port Vila erwartet uns tiefste Kastoms-Pampa.

Die Fußwege. Zum Supermarkt sind es knapp 1,5 Kilometer. Das läuft sich mit Karre und Gewicht etwas hässlich.

Auf dem Zentral-Markt gibt es noch Kastom-Feeling.

Lotusblüten-Sträuße auf dem Markt. Nicht nur Deko. Die Blüten kann man essen und die Saat aus den Kapseln, die wie Duschköpfe aussehen, ebenfalls.

Die modernen Computer-Läden haben ein paar Handys und Notebooks. Vor allem aber diese ‚Batterien‘ für die Energieversorgung in den abgelegenen Inseln und Dörfern.
Man kann Sets inklusive Solarpanelen und Kühlschrank kaufen.

Wir genießen Vanuatu total.

 

Waschmaschinen-Talk

*** Dank der bordeigenen Buchhaltung weiß ich, dass wir in zwölf Jahren unfassbare 3.200 Euro für Wäschewaschen ausgegeben haben. Fast 25 Euro im Monat. Oder sechs Mittelklasse-Maschinen in der Anschaffung.
Solche teuren Klopper wie hier treiben die Preise nach oben. Da bekommt „schmutzig, aber noch dreimal tragbar“ eine andere Bedeutung. Und Bettwäsche wechseln wird sowieso überbewertet. ;-)

Vom Wert eines Schweins und einer Packung Milch

Do., 28. Mai 26; Vanuatu, Erromango, Dillons Bay; Tag 4.380; 29.737 sm total

Wir verlassen den Vulkan. Ein letzter Ascheregen fällt in der Nacht ins frisch gewienerte Cockpit und der saure Fallout hinterlässt hässliche Flecken auf dem Edelstahl. Danke für nichts an dieser Stelle, schöner Yasur. ;-)

Ein letzter Blick auf den Yasur als wir morgens nach Erromango aufbrechen.

Die nächste Insel, Erromango, erreichen wir am Nachmittag. Wir werfen den Anker vor dem größten Ort auf der Insel. 800 Einwohner. Der letzte kannibalische Vorfall ereignete sich hier 1839. Ein damals bekannter Missionar wurde hier verspeist. Aber die Sache ist geklärt. Im Jahr 2009 nahmen die Nachkommen des Opfers eine offizielle Entschuldigung der Täter-Nachfahren entgegen. Wir sollten hier also sicher sein.

Kurz vor Sonnenuntergang erreicht uns ein Ausleger-Kanu. „Hi, ich bin David und der Betreiber des Yachtklubs vor Ort. Willkommen in meiner Bucht. Wenn ihr wollt, zeige ich euch morgen das Dorf. Kostet tausend Vatu pro Person.“
Wir schlagen ein.
Um die Abmachung zu besiegeln, wirft David einen Beutel Früchte aufs Deck. Erfreut von so viel pazifischer Gastfreundschaft, sammle ich Papaya und Passionsfrüchte aus dem Sack. Währenddessen möchte David von Achim eine Leine haben, um sein Kanu festzubinden. Ungefragt kommt er an Bord. Wie ein alter Schulfreund klettert er zu mir ins Cockpit. „Ich könnte Zucker oder Milch gebrauchen.“ Ich brauche einen Augenblick. Dann fällt der Groschen. Die Südseeromantik ist in Wahrheit ein Tauschgeschäft. Ich zahle artig mit einem Liter Milch.

David und unser Tauschgeschäft. Das härteste Zahlungsmittel auf Erromango: Milch!

Am nächsten Tag paddeln wir mit dem Aufblas-Kajak an Land. Ein Versorgungsschiff ist im Morgengrauen gekommen. Da es im Dorf keine Pier gibt, ist der Kahn direkt bis ans Ufer gefahren. Eine Landeklappe liegt am Strand und jeder einzelne Sack muss von Hand von Bord getragen werden.
Wir bahnen uns den Weg durch das geschäftige Treiben. David winkt uns schon von weitem und zeigt uns, wo wir anlanden können.

Mit zunehmender Ebbe liegt der Dampfer hinten auf. Nach dem Entladen muss auf Hochwasser gewartet werden.

Alle Männer des Dorfes scheinen auf den Beinen zu sein.

Der blaue Kasten enthält eine Batterie. Solarpanele gibt es reichlich. Jedoch keine Wasserleitungen. Zentrale Wasserhähne sind im Dorf verteilt.

Das Gelbe sind wieder die handlichen Reissäcke – 25 Kilo.

Er führt uns zu seinem Yachtclub. Ein kleines Betonhaus mit Veranda und herrlichem Ausblick auf die Bucht. Mit viel Aufwand hat er per Schiff den Zement aus der Hauptstadt liefern lassen. Da dies viel Geld kostet, zogen sich die Bauarbeiten über Jahre hin.
Seine zwei Gästebücher gehen bis ins Jahr 2014 zurück. Etliche Boote, die sich verewigt haben, kennen wir. Das ‚who is who‘ der Langfahrt-Szene.

Der Yachtklub – viele Länderflaggen und Einträge in seinen Büchern hat David in zwölf Jahren gesammelt.

Danach bekommen wir die versprochene Dorfführung. David führt uns zwei Stunden lang  zwischen den Hütten hindurch bis in die abgelegenen Gärten des Dorfes.  Wir nutzen die Gelegenheit, um Fragen über das Leben in einem Kastom-Dorf, einem traditionellen Dorf, zu stellen.

Die Wege zwischen den Hütten-Häusern. Pikobello. Hübsch mit Kies abgestreut.

Total gepflegte Reihenhaussiedlung.

David knackt uns eine Kokosnuss – die beste seit Jahren.

David erzählt, dass er unterhalb seines Yachtclubs Hochzeiten ausrichtet. Das ist eine bedeutsame Sache in Vanuatu. Eine Frau kostet mindestens ein Schwein, wenn ein Mann heiraten möchte. Der Preis hängt von der Form der Hauer des Ebers ab. Je runder die Zähne, desto wertvoller das Schwein. Wenn sich ein Paar gefunden hat, wird die Frau symbolisch geblockt. Nun hat der Bräutigam die oft jahrelange Arbeit, die nötigen Eber mit den entsprechenden Hauern heranzuzüchten.

Der Brautpreis ist eine stolze Tradition, steht in Vanuatu jedoch zunehmend unter Kritik. Frauenrechtsorganisationen beklagen, dass manche Männer das Gefühl entwickeln, sie hätten ihre Ehefrau gekauft. Der Vorwurf des Kaufens hat sicherlich einen wahren Kern. Mehrmals benutzt David das Wort ‚to buy‘ als er von den Schweinen erzählt, lacht Achim ins Gesicht und zeigt dabei verschmitzt auf mich.

Geduldig beantwortet er all unsere Fragen. Auf Englisch können wir uns verständigen, sprechen aber trotzdem nicht dieselbe Sprache. Bei einigen Fragen habe ich den Eindruck, David denkt, dass wir wirklich dumme Fragen stellen. Und vermutlich hat er recht.

Wir hätten die Wege auch alleine abwandern können. Durch den bezahlten Guide bekommt das Ganze wieder diesen ‚Museumsdorf-Charakter‘. Auf der anderen Seite wären uns Einblicke ins Kastom-Leben entgangen.
Unterschiedlicher können zwei Lebensläufe nicht sein. Wie seltsam wir ihm vorkommen müssen. Da segeln wir mit dem Boot aus einem Land, das er nur vom Fußball kennt, mitten in sein Dorf – während seine Leute noch nicht mal drüben beim Vulkan gewesen sind. Zu weit weg.

Junge Leute – immer das Handy dabei. Bei dem Thema ist kein Unterschied zwischen Dritter und Erster Welt mehr zu erkennen.

Starlink neben der Schule. Das traditionelle Kastom trifft auf modernste Technik. Wie mögen das die Kinder verarbeiten?

Yasur, ein Feuerspucker

Sa., 23. Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.375; 29.683 sm total

Nur fünf Kilometer Luftlinie vom Ankerplatz entfernt liegt einer der aktivsten Vulkane der Welt: der Yasur. Alle drei bis zehn Minuten kommt es zu einer lautstarken Eruption. Bei schwachem Wind können wir ihn bis aufs Schiff grummeln hören. Das klingt ähnlich wie Gewittergrollen. Als der Wind auf Westen dreht, machen wir Bekanntschaft mit seinen Auswürfen. Mikrokleine Basaltkörner bedecken alles mit einer schwarz-braunen Schicht. Vorsicht beim Putzen! Es handelt sich im Grunde um messerscharfe Glaskristalle. Nicht fegen oder wischen, sondern mit Wasser abspülen, heißt es.

Bei falschem Wind zieht die Wolke Modors über uns herüber.

Alles ist mit Basaltkügelchen bedeckt. Die hinterlassen keine Flecken, haben aber Schmirgelfunktion.

Was den Yasur noch so besonders macht, er ist einfach zu besuchen. Und man kann vom Kraterrand direkt in seinen glühenden Schlund schauen. Da wollen wir hin. Wir könnten uns mit dem Geländewagen fahren lassen oder zu Fuß durch den Dschungel laufen. Da wir die Auto-Strecke schon von unserer Markttour kennen, entscheiden wir uns für die Wanderung. Drei Stunden soll der Aufstieg dauern. Die Angaben schwanken zwischen 5 und 13 Kilometern. „Und vergesst die Taschenlampen nicht. Zurück geht die Strecke im Dunkeln.“ Oha! Mir schwant Unheilvolles.

Wieder sind Magali und Cyril mit von der Partie. Zunächst müssen wir an den Strand paddeln. Wir haben uns für unser aufblasbares Kajak entschieden. Es sind nur pütschi-kleine Wellen, die an den schwarzen Strand rollen. Doch das reicht. Schaum überrollt uns von hinten, das Kajak knickt in der Mitte ein, und schon sitzen wir im Nassen. Das geht ja optimal los. Nasse, sandige Hosenböden. :lol:

Nicht zu glauben, diese Welle hat uns einen nassen Hintern beschert.

Wir haben die Tour über Donavan gebucht. Er nimmt uns um 14:00 Uhr am Strand in Empfang und erzählt, dass seiner Dorfgemeinschaft die Ostflanke des Yasur gehört. Deshalb dürfen Mitglieder seines Dorfes und Gäste, wie wir, ohne den offiziellen Eintritt bezahlen zu müssen, den Yasur besteigen. Das sei gerichtlich ausgeklagt! Im vollen Vertrauen auf diese Worte folgen wir Jimmi und Skigit in den Wald. Die beiden sind gut gelaunt und überaus willig, unsere Fragen zu beantworten. Zwischendurch gibt es Trinknüsse und Zuckerrohr zum Naschen.

Unsere Guides: total sympathische junge Männer.

Trinknuss-Genuss (foto credit: Magali von der Black Lion).

Zuckerrohr, nur zum Naschen. Rum wird hier nicht davon gebraut. „Brauchen wir nicht, wir haben ja unser Kava“, war die Antwort.
Jedem Volk sein eigenes Rauschmittel.

Zunächst geht es steil bergauf. Die Truppe ist für meinen Geschmack etwas zu schnell. Brille wechseln, Mütze verstauen, etwas trinken. Dann gehen mir die Gründe aus, um die Gruppe zum Halten zu animieren. Die nasse Hose trocknet keinen Meter, es kommt jetzt noch Schweiß dazu.

Zwei Drittel des Weges sind leicht. Nur der Anfang ist arg steil.

Im Gänsemarsch auf schmalen Wegen durch den Dschungel (foto credit: Magali von der Black Lion).

Nach einem Drittel wird die Strecke gemäßigter.
Je näher wir dem Vulkan kommen, desto lauter wird das Grollen. Schaurig schön. Abrupt reißt der dichte Regenwald auf und wir stehen vor den Asche- und Basaltfeldern des Yasur. Der Untergrund ist stellenweise weich und es knirscht bei jedem Schritt. Heftige Böen jagen die Vulkanflanke runter. Wir stehen in den ersten Yasur-Wolken. Unangenehm. Die Luft ist dick. Schwer zu atmen. Ich krame Atemmasken aus dem Rucksack, die ich einem Tipp folgend, eingepackt habe. Ein Corona-Überbleibsel. Die Dinger helfen nicht wirklich. Während wir uns gegen den Wind über die Aschefelder stemmen, beginnt das große Husten. Die Luft ist reizend. Schuld ist Schwefeldioxid. Das Gas verbindet sich mit der Feuchtigkeit der Schleimhäute und bildet schweflige Säure. Diese Säure verätzt die oberste Zellschicht der Atemwege. Der Kehlkopf meldet ein Brennen und löst den Hustenreflex aus.
Erleichterung bringt nur, wenn die giftige Wolke vom Wind kurzfristig zerfetzt wird.

Harmlos von weitem.

Mit Magali und Cyril haben wir eine tolle Begleitung gefunden. (foto credit: Magali von der Black Lion)

Nach fünfzehn Minuten erreichen wir den letzten steilen Aufstieg. Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Ein halbes Dutzend Pick-ups kommt die Zufahrtsstraße entlang. Vielleicht 25 Menschen steigen aus. Eine grobe Treppe aus Beton und einem wackeligen Geländer führt zum Kraterrand. Den Kopf nach unten geneigt stemmen wir uns gegen Wind und Gaswolke.
Plötzlich ruft jemand hinter uns, wir sollen stehen bleiben. Deutlich wird das Vorzeigen einer Quittung für das Eintrittsgeld gefordert. Alle Augen auf unsere Guides. Was werden sie dazu sagen? Nichts! Nicht ein Mucks kommt über ihre Lippen. Keine Verteidigung, keine Ausflüchte, kein Wort. „Was sind das denn für Hasenfüße?“, schießt uns in den Kopf (zu Unrecht *** die Erklärung am Ende des Berichts).

Da die beiden stumm wie Fische betreten neben uns vier Touristen stehen, sucht sich der Quittungs-Mann jemanden anderen. Achim ist sein Opfer. „Quittung, oder ihr dürft nicht zum Vulkan.“ Achim reagiert schnell und richtig (erfahren wir hinterher). „Wir haben über Donavan gebucht, er hat eine Lizenz. Ihn werden wir am Ende der Tour bezahlen. Wenn du eine Quittung möchtest, komm in drei Stunden nach Port Resolution. Von uns bekommst du kein Geld.“ Der Quittungs-Mann nörgelt noch etwas herum, argumentiert, dass er nur seinen Job machen würde. „Und wir sind nur Touristen und haben mit Streitigkeiten nichts zu tun.“ Quittung gibt auf und lässt uns ziehen. Wahrscheinlich auch, weil inzwischen die 25 Personen zu uns aufgerückt sind und ein Streit nicht öffentlich ausgetragen werden soll.

Der Yasur von oben
(foto credit:Cyril von der Black Lion).

Erleichtert, dass wir nicht sieben Kilometer und drei Stunden umsonst gelaufen sind, setzten wir die letzten Meter zum Kraterrand fort.
Jeglicher Windschutz ist nun verschwunden. Erste Kappen fliegen von Köpfen. Vor uns gähnt ein Schlund. Einhundert Meter tief. Senkrechte Steilwand. Davor ein klappriges Holzgeländer. Bloß nicht gegen lehnen. Das Atmen fällt schwer, trotzdem schauen wir vorsichtig in das Loch. Abrupt ist es komplett windstill. Und dann explodiert der Yasur. Glühende Lava schießt siebzig, achtzig Meter hoch. Die riesige Explosion ist seltsam träge, fast majestätisch, wie ein gigantisches, lautloses Feuerwerk in Zeitlupe. Eine feine Vibration läuft durch die Fußsohlen. Bruchteile von Sekunden später, folgt der ohrenbetäubende Knall.

Ich bin so erschrocken, dass ich einen Satz rückwärts mache. Rechts und links neben mir höre ich erschrockene Schreie. Ich schreie auch. Was für ein Spektakel. Die Lava fällt in scheinbarer Zeitlupe (eine optische Täuschung) wieder in ihren brodelnden Topf zurück. Im selben Moment bricht der Sturm los. In Seglersprache: 50 Knoten – orkanartiger Sturm. Als ob jemand eine Windmaschine eingeschaltet hat.
Zum Glück fegt der Wind einen vom Schlund weg. Mit dem Wind kommen Asche und die verflixten Basaltkügelchen. Es ist wie Sandstrahlen. Nicht auszuhalten im Gesicht, in den Augen. Dazu die Husterei. Alle wenden sich ab, halten sich Augen und Ohren zu. Nach vielleicht dreißig Sekunden lässt der Wind nach, ebbt auf ein laues Lüftchen runter. Man kann einen neuen Blick in die Hölle wagen.

Windig und gasig.

Alle drei, vier Minuten erfolgt eine Eruption. Wenn dieser grausame Wind nicht wäre, ich könnte stundenlang dieses Schauspiel beobachten.
In der lokalen Mythologie ist der Yasur kein Berg, sondern eine mächtige, lebendige Persönlichkeit – oft wird er als ein gütiger, aber leicht reizbarer alter Mann oder Geist angesehen. Das erscheint mir zutreffend.

Nach ein paar Explosionen können wir es nicht länger aushalten. Ein geregelter Rückzug erfolgt. Am Fuß der Treppe werden wir erneut vom Quittungs-Mann aufgehalten. Betreten schauen wir uns an. Achim argumentiert wie zuvor. Wir dürfen gehen.

Inzwischen ist es dunkel. Vor uns liegen zwei Stunden Dschungel-Tour. Dank sechs Taschenlampen geht das besser als erwartet. Dass unserem Guide die Taschenlampe auf halber Strecke versagt, fällt nicht auf. Ist aber kein Zeichen von Sorgfalt. Dafür kennt er den Weg zurück. Wir hätten uns wahrscheinlich verlaufen.

Im Dunkeln geht es zurück. Spannend.
Interessanter Weise sind wir nicht von einer einzigen Mücke belästigt worden. Weder im hellen noch im Dunkeln.
Der Einfluss vom Yasur?

In Port Resolution wartet Donavan auf uns. Er entschuldigt sich für den Vorfall am Eingang vom Yasur. Am nächsten Tag bekommen wir große Mengen Früchte geschenkt als Entschuldigung.
Wir zahlen unsere 7.000 Vatu (52,00 Euro) pro Person. Eine Quittung gibt es nicht. Aber es ist auch niemand da, der eine sehen möchte. ;-)

*** Die Gesetze in Vanuatu, sogenannte Kastoms.

Am Mount Yasur prallen zwei Welten aufeinander. Die offizielle Parkverwaltung verlangt von Touristen eine hohe Eintrittsgebühr (10.000 Vatu). Die Dorfgemeinschaft von Port Resolution beansprucht die östlichen Flanken des Vulkans als ihr Stammesland. Da sie von den offiziellen Einnahmen kaum etwas abbekommen, schleusen lokale Guides Touristen über die „Hintertür“ auf den Krater.

In Vanuatu gibt es kein öffentliches Land; jeder Quadratmeter gehört einem Clan. Wer das Sagen hat, wird durch mündlich überlieferte Geschichten geregelt. Das führt am Yasur zu einem Dauerstreit über Grenzen und Geldströme zwischen den Dörfern, der selbst von Gerichten nicht gelöst werden kann.

Die Security der Vulkangesellschaft fängt Wanderer auf der Kratertreppe ab, um die Gebühr einzutreiben. Dabei wird versucht, Druck auf die Touristen aufzubauen. Die lokalen Guides (besonders jüngere) halten sich bei Konflikten komplett raus, da sie in der traditionellen Hierarchie kein Rederecht gegenüber Posten oder Älteren haben.
Das System reguliert sich durch Wortgefechte und Bluffen. Sobald man als Tourist konsequent bleibt, keinen Cent extra zahlt und die Security auf den Organisator (Donovan) verweist, knicken die Posten ein, um eine echte Konfrontation zu vermeiden.

So in etwa soll die Kastom-Lage am Yasur von statten gehen. Es ist das traditionelle, ungeschriebene Lebens-, Rechts- und Glaubenssystem, das in Vanuatu seit Jahrtausenden von Generation zu Generation weitergegeben wird. Unsere Guides durften nach Kastom-Regeln dem Älteren nicht widersprechen. Wieder was gelernt.

Markttag ist kein Zuckerschlecken

Fr., 22. Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.374; 29.683 sm total

Die Hauptattraktion auf der Insel Tanna ist der nahegelegene Vulkan. Uns macht für einen Besuch das Wetter bislang einen Strich durch die Rechnung. Somit liegen wir in Port Resolution länger als erwartet. Uns geht langsam das Grünzeug aus, weil wir nicht so viel schmuggeln wollten.
Hier im Dorf gibt es keinen Laden, aber im 50 Kilometer entfernten Lenakel. Zusammen mit Magali und Cyril von der Black Lion organisieren wir einen Transport. Die Fahrt kostet hin und zurück 45 Euro pro Paar. Bei dem Preis erscheint vor unserem Auge eine individuelle Fahrt quer über die Insel.

Unterwegs mit Magali und Cyril. Hier sieht es noch nach Luxusreisen aus.

Bereits im Dorf zerplatzt diese Vorstellung. Der Pick-up hält an jeder Milchkanne. Schnell ist die Ladefläche rappelvoll: sieben Erwachsene, zwei Kinder, eine große Gasflasche und diverse Taschen. Zwei Männer springen noch hinten auf die Stoßstange. Mehr passt beim besten Willen nicht.

Zwei Dorfbewohner hängen wenig begeistert an der Stoßstange. Ich muss aufpassen, dass ich dem Herren neben mir nicht den Ellenbogen ins Gemächt haue.

Gute beladen – einige müssen sogar stehen.

Volle Kiste

Begeisterung ist in alle Gesichter geschrieben

Die Straße ist in einem schlechten Zustand und verdient den Namen nicht. Aufgeweicht vom Regen der letzten Tage. Stellenweise muss der Fahrer anhalten. Die Männer springen dann von der Stoßstange. Mühsam arbeiten wir uns voran.
Der Wagen schaukelt. Das Gestänge sorgt für blaue Flecken im Rücken.

Nach einer halben Stunde wechselt der Feldweg in eine befestigte Straße. Eine Art Knotenpunkt der Pick-ups aus anderen Dörfern. Die Stoßstangen-Reiter wechseln das Auto. Ein Junge folgt ihrem Beispiel. Jetzt wird es leichter, denken wir. Unser Fahrer gibt Gas. Zu viel Gas für unseren Geschmack. Auf dem Rückweg sehen wir, dass er gerne und viel mit seinem Handy daddelt. Davon bekommen wir zum Glück nichts mit.

Es fängt an zu nieseln. Gefolgt von Regen. Dann ein Regenguss. Wir sind schon deutlich durchnässt, als der Fahrer anhält. Eine Plane wird über die Ladefläche gespannt. Sie wird notdürftig mit einem Band befestigt. Natürlich flattert die Plane wie verrückt. Es knallt und knattert, aber wir sitzen im Trockenen.
Immerhin. Besser schlecht gefahren als gut gelaufen.

Mit einem Band wird die Plane befestigt. Links, der junge Mann, ist übrigens ein Fahrgast. Hier muss jeder mit ran.

Damit die Plane nicht zu sehr schlägt, müssen die Gäste am Ende festhalten.

Regen zu Ende

Nach anderthalb Stunden kommen wir lebend in Lenakel an.
Der Markt von Lenakel ist der Ort, an dem die Insel zusammenkommt. Es herrscht ein großes Gewusel. Die Menschen reisen – genau wie wir auf der Ladefläche – von den entlegenen Dörfern an, um ihre Waren zu verkaufen.
Daneben gibt es eine Bank, eine Tankstelle und ein paar Läden mit einem einheitlichen Angebot: Reis in praktischen 25 Kilo Säcken, Dosen mit Thunfisch und Corned Beef. Waschpulver und etwas Hardware, wie Schaufeln und Schubkarren.

Nur Frauen verkaufen auf dem Markt. Fast einheitlich in Grün gekleidet.
Grün ist bei vilen protestantischen Kirchengemeinden dominant.

Mittagessen: Hühnerflügel auf Maniok oder Taro mit Spinat artigem Gemüse: 2 Euro.

Ganz toll sind die geflochtenen Bio-Tragetaschen aus Palmenblatt. Plastikeinwegtaschen sind streng verboten seit 2018. Das wird sehr gut umgesetzt.

Unser Snack sind gebackene und gezuckerte Teigröllchen. Man achte auf das Blatt als Teller.

Nach unserem erfolgreichen Einkauf stehen wir gerade mit Cyril und Magali zusammen am Straßenrand, als unser Fahrer uns entdeckt. Das ist nicht schwer. Außer uns zwei Crews gibt es nur noch zwei weitere Langnasen auf dem Markt.
„Seid ihr fertig? Dann könnte ich euch jetzt schon zurückbringen. Ich muss sowieso noch einmal hin und her fahren.“ Wir sind einverstanden und bekommen diesmal den Platz in der Fahrerkabine. Was für ein Luxus. Kostet aber nicht mehr. ;-)
Wir zahlen sowieso schon den Touristenpreis. Die Einheimischen brauchen nur zwischen 500 und 1000 Vatu zu bezahlen. Je nachdem, ob sie Waren zum Transport dabei haben. Wir haben 3.000 Vatu pro Person bezahlt. So ist das eben in Vanuatu, da kann man nichts machen und es gehört wohl zum Abenteuer dazu.

Schweine zwischen den Hütten und Eier am Strand

Sa.–Di., 16.–19.Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.368–72; 29.683 sm total

Frage: Warum kochen zehn Erwachsene am Strand ein paar Eier hart?
Antwort: Weil sie es können. :mrgreen:

Der nahe Vulkan Yasur streckt seine heißen Arme aus bis in die Bucht. Regelmäßig steigen Dampfwolken aus der Steilwand an unserem Heck. Am Strand muss man aufpassen, wo man hintritt, sonst gibt es verbrühte Füße.
Kennedy, ein junger Mann aus dem Dorf, lockt uns vier Crews bei Niedrigwasser an den Strand. Hier würden seine Leute aus dem Dorf ab und an tatsächlich noch kochen. Heute ist es ein Spaß für verwöhnte Städter.

Kennedy zeigt uns den heißesten Bereich. Wenn man auf die falsche Stelle tritt, gibt es heiße Sohlen.

Wenn Eierkochen zur Sensation wird. ;-)
Nach 20 Minuten sind sie wachsweich nach 30 hart.

Kennedy hat auch Instantnudeln zum Kichen vorgeschlagen. Heimlich glaube ich, dass er die Koch-Aktion auch anregt, weil für ihn immer eine kleine Extramahlzeit abfällt. Heute die Nudeln und zwei Eier.

Dezent zieht er sich zurück und putzt die Nudeln weg. So ein junger Mann hat Dauerhunger.

 

Das Dorf von Kennedy scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Wie ein großes Freilichtmuseum, nur ohne Hinweisschilder. Stünden da nicht vereinzelt Solarpanele, würden wir uns Jahrhunderte zurück versetzt fühlen: Mit der Hand behauene Ausleger-Kanus liegen am Strand. Es gibt keine Strom- und Wasserleitung. Die Wege sind unbefestigt, die Hütten mit Palmenblättern gedeckt. Geflochtene Matten dienen als Wände. Dazwischen laufen glückliche Hühner und Schweine umher.

Dorfleben – die Frauen sind bei den ganz Kleinen am Haus, die größeren Kinder in der Schule, die Männer sind Fischen.

Schweinchen laufen durchs Dorf. Es gibt aber auch Tiere hinter Zäunen.

Bescheidene Häuser aus Naturmaterialien – gekocht wird draußen.

Freilichtmuseum: hier Dachdecken. Mit vorgeflochtenen Palmenwedeln. Wer das Flechten erledigt, wäre noch interessant.

Relativ dunkle Häuser auf Stelzen. Es gibt allerdings auch Häuser aus Stein oder Wellblech. Besonders die Lehrer wohnen in steinschen Häusern.

Die Menschen leben von dem, was sie anbauen und fangen. Nur Luxus; wie Kleidung, Reis und der Transport in die „Stadt“ müssen verdient werden. Wie, ist für uns schwierig zu durchschauen. Allerdings gibt es zwei Bungalows für Touristen und an Segler werden Ausflüge ‚verkauft‘. Sind wir wieder weg, bringt ein bescheidener Handel mit Fisch und Bananen etwas Geld. Manchmal arbeiten die Ni-Vanuatu auch in Australien oder Neuseeland als Saisonarbeiter. Das schafft mehr Geld ins Dorf als jahrelange harte Kopra-Ernte.

Es gibt zwei, drei Autos im Dorf. Die gehören einzelnen Familien, nicht der Gemeinschaft. Es wird aber der Transport der Nichtautobesitzer als selbstverständlich angesehen.

Hier kann man sich als Tourist einbuchen. Nicht über booking zu finden. Der Preis beträgt wohl 75,00 Euro pro Person, hängt von der Verpflegung ab.

Ein Teil der Flotte in der Bucht. Es gibt bestimmt dreißig Kanus.

Nahe vom Strand entsteht ein neues Einbaum-Ausleger-Kanu. Drei Tage soll die Arbeit dauern.

Gefischt wir gemeinsam. Die Gruppe besteht aus zehn bis zwanzig Kanus. Es ziehen Trupps von Makrelen durch die Bucht, die sind heiß begehrt.

Der Fang gehört dem Einzelnen. Wer leer ausgegangen ist, kann Fisch gegen andere Lebtnsmittel tauschen oder kaufen vom Kumpel.

Feierabend. Jeden Tag, außer am Wochenende, wird gefischt. Mehrere Stunden.

Idylle

 

Die Dorfbewohner sind freundlich, aber eher zurückhaltend. Wir treffen auf Warry, den Bruder vom Chief. „Bewegt euch gerne frei im Dorf umher“, lädt er uns ein. „Es gibt zwei, drei Tabu-Zonen. Einfach im Dorf fragen, dann wird man euch schon Bescheid geben. Die Tabu-Schilder wurden leider vom Zyklon umgerissen“.
Warry spricht Englisch. Eine von drei Amtssprachen in Vanuatu. Auch die Bücher und Ankündigungen auf der Tafel in der Schule sind englisch. Kaum zu glauben, dass trotzdem nur vierzig Prozent der Ni-Vanuatu diese Sprache beherrschen sollen.
Es gibt 65 bewohnte Inseln, jedoch 138 Sprachen. Eine verrückte Dichte. Jedes Dorf hat seinen eigenen Slang. Dafür wurde Bislama, das lustige Pidgin-English kreiert. Als dritte Amtssprache und verbindendes Element untereinander. Jetzt auch für uns ganz nützlich.
„Halo. Olsem wanem? – Wie geht’s?“, ist jetzt Namba tu in unserem Dorf-Wortschatz.

Große Pause. Gespielt wird Fangen und ein Ballspiel. Der Ball ist eine harte, unreife Frucht. 300 Kinder sollen hier, auch aus anderen Dörfern, zur Schule gegen.

Von außen dachten wir, dass die Schule eine Ruine sein. Nein, dieser schäbige Raum ist aktiv. Tafeleintrag vom 12. Mai 2026.

Das Schulmaterial. Es lag auf einem Tisch neben der Tafel. Am Sonntag konnten wir einen Blick in die leeren Klassenzimmer werfen.

Merksätze an der Schulwand.

Namabawan!

Mi.–Fr., 13.–15.Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.365–7; 29.683 sm total

‚Nambawan‘ ist Bislama (Pidgin English), leitet sich von ‚Number One‘ ab und bedeutet so viel wie ‚großartig‘ und ‚das Beste‘. Selbst ein Bier heißt so in Vanuatu.
„Wenn die Offiziellen bei euch an Bord sind, dann solltet ihr das Wort benutzen“, gibt uns unsere Segelfreundin Carina als Tipp auf den Weg. Bereits zweimal war sie in Vanuatu. „Das öffnet Herzen und freut die Menschen sehr.“

Vorgeschichte: Port Resolution ist kein offizieller Einklarierungshafen. Die Ankersituation auf der anderen Seite der Insel, in Lenakel, soll katastrophal sein. Daher haben wir per Mail einen Antrag gestellt, in Port Resolution einklarieren zu dürfen. Die Genehmigung kommt prompt. Die Behördenmitglieder fahren in diesem Fall mit dem Auto eineinhalb Stunden aus Lenakel rüber. Das kostet Extragebühren – die sind wir bereit zu zahlen.

Mittwoch: Um 10:00 Uhr fällt der Anker. Achim informiert die Behörden, dass wir angekommen sind. Um 10:30 Uhr die Antwort: „Der Zoll kommt um 12:00 Uhr. Habt euer Dinghy bereit, wir rufen über Funk, sobald wir da sind.“
Hui, die sind ja flott hier! Hektische Betriebsamkeit bricht aus. Dinghy ins Wasser lassen und schnell noch duschen, nach zwei Tagen auf See.

Niemand kommt. Um 15:00 Uhr fragt Achim nach per Mail. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Entschuldigung für unsere Verspätung. Wir kommen heute nicht mehr. Die Regierung braucht das Auto.“ Ob es sich bei der ‚Regierung‘ um echte Regierungs-Mitglieder handelt oder ob die Ehefrau vom Schreiber gemeint ist, bleibt ungeklärt.
Wir geben unsere freudige Bereitschaft kund, zu warten. Dann die Ernüchterung: „Wenn es für Sie wegen der Überstundengebühren machbar ist, würden wir die Einklarierung gerne morgen durchführen. Morgen ist ein Feiertag.“
Hui, die sind ja frech hier!

Donnerstag, Himmelfahrt: Um 13:00 Uhr hören wir dauerhaftes schrilles Pfeifen von Land. Zusammen mit der ‚Black Lion‘, die nur eine Stunde nach uns in die Bucht eingelaufen ist, geht es an Land. Mit drei Mann hoch steht der Zoll mit seinem Pick-up am Dorfrand. Sie mussten nach uns pfeifen, weil Immigration heute das Funkgerät hat. :mrgreen:
Auf der Heck-Klappe vom Auto müssen die ausgefüllten Formulare, die Achim schon per Mail gesendet hat, noch einmal per Hand ausgefüllt werden. Achim hatte so etwas geahnt und in Nouméa Ausdrucke machen lassen.

Die normale Zollgebühr beträgt 5.000 Vatu. Die extra Anfahrtskosten von 3.000 Vatu teilen wir durch zwei Boote. Der Feiertagszuschlag: 6.000 Vatu – knapp 45 Euro!
Wir bekommen eine offizielle Quittung über die Beträge. Eine Recherche gibt Hinweise, dass der Feiertagszuschlag in den Taschen der Beamten landet. Zumindest der größte Teil. Geschickt eingefädelt. Nur nicht ganz so geschickt, dafür zu dritt aufzutauchen.
Wann Immigration und die Biosecurity kommen werden, wissen die Jungs nicht. Warum sie nicht mit im Auto gesessen haben, ist uns ein Rätsel.
Der Zoll kann jetzt noch kein ‚Nambawan‘ bekommen.

Kein Auto, kein Funkgerät, aber Siegel sind am Mann.
Diesen versiegelten Umschlag erhalten wir vom Zoll. Der ist abzugeben beim Ausklarieren in dem von uns gewählten Hafen. Es steht Port Vila drauf, die Hauptstadt. Das soll aber nicht stimmen. Hoffentlich wissen das dann am Ende auch die anderen.

Freitag: Um 12:00 Uhr knattert das Funkgerät. Immigration und Biosecurity wollen vom Strand abgeholt werden. Cyril von der Black Lion ist so nett und nimmt Achim mit an Land. Dort steigen zwei Personen ein. Zunächst geht es zur Black Lion, einem Katamaran. Achim kann dort gleich für uns beide die Formalitäten mit erledigen. Es gibt nach langer Zeit sogar mal wieder einen Stempel in den Pass. Wir bekommen das Maximum von 120 Tagen und brauchen uns nicht noch einmal um Verlängerung bemühen in der Hauptstadt. Fein.
Die Biosecurity interessiert sich für nichts. Es wird darauf verzichtet, auch noch bei uns an Bord zu kommen. Auf unseren schwankenden Mono zu klettern, dazu fehlt offensichtlich jede Meinung.
Ich kann überzählige Salami, Käse und Zwiebeln wieder aus dem Schrank holen. Nambawan!

Immigration: 10.000 Vatu. Biosecurity: 3.000 Vatu, extra Anfahrkosten 3.000 Vatu. Diesmal pro Schiff. Warum? Nicht fragen, freundlich lächeln. Es hätten auch noch extra 3.000 Vatu fällig werden können für gesammelten Müll, pro Tüte. Das entfällt. Der lagert weiterhin an Bord.
Insgesamt kostet uns die Einklarierung 140,00 Euro und erreicht mit 48 Stunden Wartezeit den Spitzenplatz. Nambawan!

Schöner wohnen! Unser Ausblick für zwei Tage Richtung Osten.

Flüssiger Sonnenschein. Blick Richtung Westen.

Eine ‚Lange Anna‘ im Norden, am Eingang zur Port Resolution Bucht.

Wir genießen unsere Freiheit. Der Dinghy-Landeplatz liegt ruhig im Osten der Bucht.

Zu viert liegen wir im Augenblick in der Bucht. Alle aus Nouméa gekommen. Die ersten Boote auf Tanna in diesem Jahr.

Die Bucht besteht überwiegend aus schwarzem Strand. Ein Gruß vom nahen Vulkan.

Überfahrt nach Vanuatu

Mo.–Mi., 11.–13.Mai 26; Pazifik; Tag 4.363–5; 29.683 sm total

Der gute Teil: Es war eine der entspanntesten Überfahrten seit langer Zeit. Zunächst erforderte das erste Drittel der Strecke ‚am Wind segeln‘. Auf unserem direkten Weg liegt eine Insel mitten im Weg. Macht nichts, wahrer Wind 14 Knoten. Seglers Glückseligkeit. Wir kommen flott voran ohne große Bolzerei.

Wie ein Golf Green liegt die Windprognose für 48 Stunden vor uns.

Nach sieben Stunden können wir Kurs Tanna anlegen. Jetzt halber Wind. Atanga liegt nun stabil auf der Backe. Nichts wackelt oder klappert.

Nicht nur Grren, manchmal auch Semi-Rough: Ein Squall macht Achim Arbeit.

 

Der schlechte Teil: Darüber möchte ich den Mantel des Schweigens legen. Während Atanga glänzte, ging es mies. Dauerübelkeit, Darmkrämpfe und feststeckende Blähungen.
Am ersten Abend hatten wir noch die Reste der vorgekochten Hühnersuppe. Danach gab es nur noch altes Baguette und Knäckebrot. Ich war zu nichts fähig. Achim – der Held der Überfahrt – hat sich am zweiten Abend Nudeln gekocht und mit Ketchup gekrönt. Besonders in der ersten Nacht hat er einen erheblichen Teil meiner Wache mit übernommen.
Wir sind beide hohlwangig und haben Ringe unter den Augen. Dankbar, dass die Überfahrt so einfach war.

 

Die Ankunft: Am dritten Morgen dann Tanna in Sicht. Endlich bin ich wieder brauchbar. Die Einfahrt von ‚Port Resolution‘ liegt an der Ostseite von Tanna. Ungebremst rollt der Pazifik gegen die Küste. Ein Saumriff gibt es nicht. Wenn man aus Südwesten kommt, muss man einen Knick von 180 Grad fahren. Das bringt den Genuss von Schwell auf alle Bootseiten. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, dann fällt der Anker auf 4,5 Meter.

Südspitze von Tanna – alles voller Vulkane.

Der Yasur liegt genau neben unserem Ankerplatz. Alle paar Minuten pafft er dunkle Wolken in den Himmel. Das wird noch spannend hier.

243 sm von Casy nach Port Resolution. Wir haben zwei Tage und drei Stunden gebraucht. Genau, wie das Routingprogramm es berechnet hat (siehe Bericht Vanuatu Tag 1).
Ob es nun an der guten Performance der Crew oder des Programms gelegen hat. Man weiß es nicht. ;-)