Yasur, ein Feuerspucker
Sa., 23. Mai 26; Vanuatu, Tanna, Port Resolution; Tag 4.375; 29.683 sm total
Nur fünf Kilometer Luftlinie vom Ankerplatz entfernt liegt einer der aktivsten Vulkane der Welt: der Yasur. Alle drei bis zehn Minuten kommt es zu einer lautstarken Eruption. Bei schwachem Wind können wir ihn bis aufs Schiff grummeln hören. Das klingt ähnlich wie Gewittergrollen. Als der Wind auf Westen dreht, machen wir Bekanntschaft mit seinen Auswürfen. Mikrokleine Basaltkörner bedecken alles mit einer schwarz-braunen Schicht. Vorsicht beim Putzen! Es handelt sich im Grunde um messerscharfe Glaskristalle. Nicht fegen oder wischen, sondern mit Wasser abspülen, heißt es.
Bei falschem Wind zieht die Wolke Modors über uns herüber.
Alles ist mit Basaltkügelchen bedeckt. Die hinterlassen keine Flecken, haben aber Schmirgelfunktion.
Was den Yasur noch so besonders macht, er ist einfach zu besuchen. Und man kann vom Kraterrand direkt in seinen glühenden Schlund schauen. Da wollen wir hin. Wir könnten uns mit dem Geländewagen fahren lassen oder zu Fuß durch den Dschungel laufen. Da wir die Auto-Strecke schon von unserer Markttour kennen, entscheiden wir uns für die Wanderung. Drei Stunden soll der Aufstieg dauern. Die Angaben schwanken zwischen 5 und 13 Kilometern. „Und vergesst die Taschenlampen nicht. Zurück geht die Strecke im Dunkeln.“ Oha! Mir schwant Unheilvolles.
Wieder sind Magali und Cyril mit von der Partie. Zunächst müssen wir an den Strand paddeln. Wir haben uns für unser aufblasbares Kajak entschieden. Es sind nur pütschi-kleine Wellen, die an den schwarzen Strand rollen. Doch das reicht. Schaum überrollt uns von hinten, das Kajak knickt in der Mitte ein, und schon sitzen wir im Nassen. Das geht ja optimal los. Nasse, sandige Hosenböden. ![]()
Nicht zu glauben, diese Welle hat uns einen nassen Hintern beschert.
Wir haben die Tour über Donavan gebucht. Er nimmt uns um 14:00 Uhr am Strand in Empfang und erzählt, dass seiner Dorfgemeinschaft die Ostflanke des Yasur gehört. Deshalb dürfen Mitglieder seines Dorfes und Gäste, wie wir, ohne den offiziellen Eintritt bezahlen zu müssen, den Yasur besteigen. Das sei gerichtlich ausgeklagt! Im vollen Vertrauen auf diese Worte folgen wir Jimmi und Skigit in den Wald. Die beiden sind gut gelaunt und überaus willig, unsere Fragen zu beantworten. Zwischendurch gibt es Trinknüsse und Zuckerrohr zum Naschen.
Unsere Guides: total sympathische junge Männer.
Trinknuss-Genuss (foto credit: Magali von der Black Lion).
Zuckerrohr, nur zum Naschen. Rum wird hier nicht davon gebraut. „Brauchen wir nicht, wir haben ja unser Kava“, war die Antwort.
Jedem Volk sein eigenes Rauschmittel.
Zunächst geht es steil bergauf. Die Truppe ist für meinen Geschmack etwas zu schnell. Brille wechseln, Mütze verstauen, etwas trinken. Dann gehen mir die Gründe aus, um die Gruppe zum Halten zu animieren. Die nasse Hose trocknet keinen Meter, es kommt jetzt noch Schweiß dazu.
Zwei Drittel des Weges sind leicht. Nur der Anfang ist arg steil.
Im Gänsemarsch auf schmalen Wegen durch den Dschungel (foto credit: Magali von der Black Lion).
Nach einem Drittel wird die Strecke gemäßigter.
Je näher wir dem Vulkan kommen, desto lauter wird das Grollen. Schaurig schön. Abrupt reißt der dichte Regenwald auf und wir stehen vor den Asche- und Basaltfeldern des Yasur. Der Untergrund ist stellenweise weich und es knirscht bei jedem Schritt. Heftige Böen jagen die Vulkanflanke runter. Wir stehen in den ersten Yasur-Wolken. Unangenehm. Die Luft ist dick. Schwer zu atmen. Ich krame Atemmasken aus dem Rucksack, die ich einem Tipp folgend, eingepackt habe. Ein Corona-Überbleibsel. Die Dinger helfen nicht wirklich. Während wir uns gegen den Wind über die Aschefelder stemmen, beginnt das große Husten. Die Luft ist reizend. Schuld ist Schwefeldioxid. Das Gas verbindet sich mit der Feuchtigkeit der Schleimhäute und bildet schweflige Säure. Diese Säure verätzt die oberste Zellschicht der Atemwege. Der Kehlkopf meldet ein Brennen und löst den Hustenreflex aus.
Erleichterung bringt nur, wenn die giftige Wolke vom Wind kurzfristig zerfetzt wird.
Harmlos von weitem.
Mit Magali und Cyril haben wir eine tolle Begleitung gefunden. (foto credit: Magali von der Black Lion)
Nach fünfzehn Minuten erreichen wir den letzten steilen Aufstieg. Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Ein halbes Dutzend Pick-ups kommt die Zufahrtsstraße entlang. Vielleicht 25 Menschen steigen aus. Eine grobe Treppe aus Beton und einem wackeligen Geländer führt zum Kraterrand. Den Kopf nach unten geneigt stemmen wir uns gegen Wind und Gaswolke.
Plötzlich ruft jemand hinter uns, wir sollen stehen bleiben. Deutlich wird das Vorzeigen einer Quittung für das Eintrittsgeld gefordert. Alle Augen auf unsere Guides. Was werden sie dazu sagen? Nichts! Nicht ein Mucks kommt über ihre Lippen. Keine Verteidigung, keine Ausflüchte, kein Wort. „Was sind das denn für Hasenfüße?“, schießt uns in den Kopf (zu Unrecht *** die Erklärung am Ende des Berichts).
Da die beiden stumm wie Fische betreten neben uns vier Touristen stehen, sucht sich der Quittungs-Mann jemanden anderen. Achim ist sein Opfer. „Quittung, oder ihr dürft nicht zum Vulkan.“ Achim reagiert schnell und richtig (erfahren wir hinterher). „Wir haben über Donavan gebucht, er hat eine Lizenz. Ihn werden wir am Ende der Tour bezahlen. Wenn du eine Quittung möchtest, komm in drei Stunden nach Port Resolution. Von uns bekommst du kein Geld.“ Der Quittungs-Mann nörgelt noch etwas herum, argumentiert, dass er nur seinen Job machen würde. „Und wir sind nur Touristen und haben mit Streitigkeiten nichts zu tun.“ Quittung gibt auf und lässt uns ziehen. Wahrscheinlich auch, weil inzwischen die 25 Personen zu uns aufgerückt sind und ein Streit nicht öffentlich ausgetragen werden soll.
Der Yasur von oben
(foto credit:Cyril von der Black Lion).
Erleichtert, dass wir nicht sieben Kilometer und drei Stunden umsonst gelaufen sind, setzten wir die letzten Meter zum Kraterrand fort.
Jeglicher Windschutz ist nun verschwunden. Erste Kappen fliegen von Köpfen. Vor uns gähnt ein Schlund. Einhundert Meter tief. Senkrechte Steilwand. Davor ein klappriges Holzgeländer. Bloß nicht gegen lehnen. Das Atmen fällt schwer, trotzdem schauen wir vorsichtig in das Loch. Abrupt ist es komplett windstill. Und dann explodiert der Yasur. Glühende Lava schießt siebzig, achtzig Meter hoch. Die riesige Explosion ist seltsam träge, fast majestätisch, wie ein gigantisches, lautloses Feuerwerk in Zeitlupe. Eine feine Vibration läuft durch die Fußsohlen. Bruchteile von Sekunden später, folgt der ohrenbetäubende Knall.
Ich bin so erschrocken, dass ich einen Satz rückwärts mache. Rechts und links neben mir höre ich erschrockene Schreie. Ich schreie auch. Was für ein Spektakel. Die Lava fällt in scheinbarer Zeitlupe (eine optische Täuschung) wieder in ihren brodelnden Topf zurück. Im selben Moment bricht der Sturm los. In Seglersprache: 50 Knoten – orkanartiger Sturm. Als ob jemand eine Windmaschine eingeschaltet hat.
Zum Glück fegt der Wind einen vom Schlund weg. Mit dem Wind kommen Asche und die verflixten Basaltkügelchen. Es ist wie Sandstrahlen. Nicht auszuhalten im Gesicht, in den Augen. Dazu die Husterei. Alle wenden sich ab, halten sich Augen und Ohren zu. Nach vielleicht dreißig Sekunden lässt der Wind nach, ebbt auf ein laues Lüftchen runter. Man kann einen neuen Blick in die Hölle wagen.
Windig und gasig.
Alle drei, vier Minuten erfolgt eine Eruption. Wenn dieser grausame Wind nicht wäre, ich könnte stundenlang dieses Schauspiel beobachten.
In der lokalen Mythologie ist der Yasur kein Berg, sondern eine mächtige, lebendige Persönlichkeit – oft wird er als ein gütiger, aber leicht reizbarer alter Mann oder Geist angesehen. Das erscheint mir zutreffend.
Nach ein paar Explosionen können wir es nicht länger aushalten. Ein geregelter Rückzug erfolgt. Am Fuß der Treppe werden wir erneut vom Quittungs-Mann aufgehalten. Betreten schauen wir uns an. Achim argumentiert wie zuvor. Wir dürfen gehen.
Inzwischen ist es dunkel. Vor uns liegen zwei Stunden Dschungel-Tour. Dank sechs Taschenlampen geht das besser als erwartet. Dass unserem Guide die Taschenlampe auf halber Strecke versagt, fällt nicht auf. Ist aber kein Zeichen von Sorgfalt. Dafür kennt er den Weg zurück. Wir hätten uns wahrscheinlich verlaufen.
Im Dunkeln geht es zurück. Spannend.
Interessanter Weise sind wir nicht von einer einzigen Mücke belästigt worden. Weder im hellen noch im Dunkeln.
Der Einfluss vom Yasur?
In Port Resolution wartet Donavan auf uns. Er entschuldigt sich für den Vorfall am Eingang vom Yasur. Am nächsten Tag bekommen wir große Mengen Früchte geschenkt als Entschuldigung.
Wir zahlen unsere 7.000 Vatu (52,00 Euro) pro Person. Eine Quittung gibt es nicht. Aber es ist auch niemand da, der eine sehen möchte. ![]()
*** Die Gesetze in Vanuatu, sogenannte Kastoms.
Am Mount Yasur prallen zwei Welten aufeinander. Die offizielle Parkverwaltung verlangt von Touristen eine hohe Eintrittsgebühr (10.000 Vatu). Die Dorfgemeinschaft von Port Resolution beansprucht die östlichen Flanken des Vulkans als ihr Stammesland. Da sie von den offiziellen Einnahmen kaum etwas abbekommen, schleusen lokale Guides Touristen über die „Hintertür“ auf den Krater.
In Vanuatu gibt es kein öffentliches Land; jeder Quadratmeter gehört einem Clan. Wer das Sagen hat, wird durch mündlich überlieferte Geschichten geregelt. Das führt am Yasur zu einem Dauerstreit über Grenzen und Geldströme zwischen den Dörfern, der selbst von Gerichten nicht gelöst werden kann.
Die Security der Vulkangesellschaft fängt Wanderer auf der Kratertreppe ab, um die Gebühr einzutreiben. Dabei wird versucht, Druck auf die Touristen aufzubauen. Die lokalen Guides (besonders jüngere) halten sich bei Konflikten komplett raus, da sie in der traditionellen Hierarchie kein Rederecht gegenüber Posten oder Älteren haben.
Das System reguliert sich durch Wortgefechte und Bluffen. Sobald man als Tourist konsequent bleibt, keinen Cent extra zahlt und die Security auf den Organisator (Donovan) verweist, knicken die Posten ein, um eine echte Konfrontation zu vermeiden.
So in etwa soll die Kastom-Lage am Yasur von statten gehen. Es ist das traditionelle, ungeschriebene Lebens-, Rechts- und Glaubenssystem, das in Vanuatu seit Jahrtausenden von Generation zu Generation weitergegeben wird. Unsere Guides durften nach Kastom-Regeln dem Älteren nicht widersprechen. Wieder was gelernt.




























































Johannes Erdmann hat im Jahre 2023 zwei Berichte zur Thematik von Windsteuersystemen verfasst, die auf Widerspruch in Form lesenswerter Kommentare gestoßen sind, die hier zusammengefasst wiedergegeben werden, unterlegt mit frischen Fotos von 
































