Monatsarchive: Oktober 2015

Werftzeit – Schwierige Aufgaben

„Repowering“ nennen die Amerikaner das, was wir hier gerade machen. Ich glaube es gibt gar keinen passenden deutschen Begriff dafür. „Neumotorisierung“ vielleicht? Seit zwei Wochen steht „Maverick too“ auf dem Trockenen. Der alte Volvo war schnell von seinen lebenserhaltenden Schläuchen…

Segeln befreit

20151028

Durch die Düse

Es ist die Frage wer mehr leidet in den ersten drei Tagen auf der MARLIN. Ich als Skipper durch die Crew oder die Crew durch den Skipper, also durch mich ;-) Aber unabhängig davon wird es besser, mit jeder Meile die wir segeln, lernen die Neulinge die Funktion, die Bedeutung und die Farbe den einzelnen Seile, Schoten und Fallen… „Habt ihr Spaß?“, brülle ich ins Cockpit. „Ja Skipper. Wir haben Spaß.“ Kommt es inzwischen genauso laut zurück! Unsere MARLIN muss man schon verstehen, wenn man Spaß mit ihr haben will. Unsere MARLIN ist eben keine Bavaria, die man so mal eben zum zehntägigen Charterurlaub in Kroatien übernimmt.

Wir segeln erst durch den Kanal zwischen Santo Antao und dann an der Südküste von Sao Vicente entlang. Es bläst wie Hölle und aus Vollzeug wird erstes Reff. Aus erstem Reff wird zweites Reff und aus zweitem Reff wird drittes Reff. Alles sehr hektisch, weil der Wind von einem Moment zum nächsten zunimmt auf 30 Knoten. Typisch Kapverdendüsen. Meine Mitsegler stehen mehr staunend im Cockpit, als dass sie mir helfen können. Aber schlussendlich kann ich sie nacheinander ans Steuerrad stellen und ihnen das Schiff überlassen. Alles ist gut, nichts geht schief oder kaputt. Zwischen Sao Vicente und der Insel Ilha Santa Luzia dann wieder Düse. MARLIN bockt auf den Wellenkämmen. Wasser kommt über bis in die Süllkante zum Heck. Aber schon nach kurzer Zeit steuern alle die 30 Tonnen in der richtigen Richtung. So. Aufatmen. Das war der wichtigste Schritt. Ab jetzt geht der Rest von Alleine. Keinem wird schlecht. Die Sonne scheint und am Nachmittag erreichen wir den Südstra nd von Ilha Santa Luzia zum Übernachten.

 


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Unter Segeln von Korfu nach Sizilien: Tag 5: Schwankend durch die stürmische Nacht. Im Golf von Tarent.

Diese Artikelreihe beschreibt meine Reise in der zweiten Oktoberhälfte 2015 von Korfu nach Sizilien. In den vorangegangenen Artikeln schrieb ich über die Reise von Korfu’s Hauptstadt Kerkyra durch die Nacht nach Santa Maria di Leuca an den äußersten Absatz des italienischen Stiefels. Im folgenden die 40 Stunden von Santa Maria di Leuca nach Catania.
 
Reisebeschreibung ganz von Anfang an Lesen: Nach unten scrollen.
Und dann: ist es plötzlich da, das Wetter, auf das wir gewartet hatten. Am späten Nachmittag waren Gewitter über dem Golf von Tarent aufgetaucht und östlich gezogen. Sie hatten die Sonnentage verscheucht und Wolken und Platzregen gebracht. Mit den Gewittern war der Wind auf Nordost gesprungen, und kaum ließ der Regen nach, vor dem wir uns in LEVJEs Inneres geflüchtet hatten, da krabbelten wir wie die Maikäferlarven im Frühling aus LEVJEs Bauch, schauten in die wolkenschwere Abenddämmerung, legten ab und segelten los, dahin, wo irgendwo im Dämmerlicht die Sonne versank, nach Westen.
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Kaum war das letzte Licht der Sonne weg, war nichts mehr zu sehen. Kuhnacht. Nur eine dichte Wolkendecke über uns, hinter der irgendwo der Mond steckte, und das rotgrüne Buglicht vor uns, das die Schaumkronen leuchtend grün färbte, wenn sie unter LEVJE hindurchrauschend vorne am Bug ankamen und danach wieder im Dunkel verschwanden. Der Wind legte zu, je weiter wir uns von Santa Maria di Leuca entfernten, er kam genau von hinten, und das machte das Segeln ungemütlich. Denn nicht nur der Wind, auch die Wellen nahmen mit jedem Meter von der Küste weg zu. Nur wenige Meter hinter dem Hafen hatten wir die Genua gesetzt, das große Vorsegel, das Groß blieb drin, zu wackelig war der Kurs, ich wollte trotz Baumbremse mit LEVJE im Dunkel keine Patenthalse riskieren. LEVJE beschleunigte zuerst auf fünf Knoten, später auf sieben, dann auf acht oder gar neun, wenn im Dunkel die großen Wellen aus dem Golf von Tarent heranrauschten, ihr Heck packten und das ganze Schiff zu drehen, aus seinem Kurs zu bringen versuchten.
Segeln auf einem Boot mit achterlichem Starkwind: Das ist für jedes Boot ein anstrengender Kurs, erst recht, wenn das Großsegel drin bleiben muss. Der Wind von hinten lässt LEVJE in den Wellen geigen, sie schaukelt von liiiiinks langsam nach reeeeeechts, und dann wieder nach liiiiiiiinks und dann wieder nach reeeeeeeechts. Unter Deck beginnt das Konzert: Die Gläser im Gläserschapp klirren erbärmlich, ein Schott beginnt rythmisch zu knarzen, immer wenn LEVJE sich auf eine Seite legt, das feine, langsame Strömen des Wassers, das nur wenige Zentimeter von meinem Kopf entfernt an LEVJEs kartondünner Außenwand entlangströmt, während ich versuche, ein Auge zuzumachen. Alles schwingt, wackelt, kullert im schwachen Schein des Arbeitslichts und der beiden Lampions unter Deck, die Tomaten vorne im Obstnetz haben sich ungefragt Ausgang gegeben und kullern nun mit allem, was auf dem Kartentisch lag, über den Schiffsboden, Bleistifte, W-LAN-Router, ein paar Schrauben, Papiere, meine Blocks, eine Flasche Wasser, eine der Taschenlampen, die Salonkissen, mein blaues Tuch, die Tube Sekundenkleber, dies und das. Im Nu ist LEVJE im Dunkel unter Deck in den Zustand eines existenziellen Chaos übergegangen: Nasse Segeljacken, Wäscheteile auf den Salonbänken, Seestiefel und halbfeuchte Segelschuhe, die sich dem Kullern der Tomaten begeistert anschließen, nur der Brotlaib kuckt vom Obstnetz noch ruhig schaukelnd dem Treiben unter ihm zu. Liiiiiiiiiinks, reeeeeechts, liiiiiiiiiiiinks, reeeeeeeechts, liiiiiiiinks, reeeeeeeechts. Gleichzeitig das Drehen, wenn eine Welle LEVJEs Heck hart erfasst und sie plötzlich um 45, 60 Grad aus ihrem Kurs reißt, das Heck gewaltig anhebt, unter LEVJE hindurchgeht und zuletzt das Heck im Wellental zurückläßt, während der Bug sich in den Himmel richtet. Meine Welt, LEVJEs Deck, ihr Salon, die Kojen unter Deck: alles ist in einer dreidimensional wiegenden, sich vorwärts schraubenden Bewegung begriffen, in der jede eigene Bewegung nicht nur Kraftakt bedeutet, sondern aufrechter Gang zu ungelenkem Stolpern, Schlittern, zu einem schlagartigen irgendwo Halt suchen, sich festkrallen wird, weil LEVJEs Bewegung in der achterlichen Welle mal wieder unvorhersehbar war. Es ist: Eine Welt, die nur noch aus Bewegung besteht, vielleicht war ja das der wirkliche Grund, was Jules Verne seinem Kapitän Nemo als Motto für seine NAUTILUS eingab: „Mobilis in Mobili“, beweglich im Beweglichen.
All dies im Dunkel, und fast ohne Sicht. Wir haben uns in Wachen eingeteilt: Sven übernahm die erste, sein Sohn Tino die zweite, bis etwa zwei Stunden nach Mitternacht, und dann von morgens um zwei bis fünf Uhr meine. Ich versuche zu schlafen, während Sven oben aufpasst. Wache gehen, das bedeutet: Aufpassen, das LEVJE auf ihrem Kurs bleibt. Aufpassen, das nicht eines der anderen Schiffe um uns im Dunkel, Frachter, Tanker, Fähren, Segler, die in der Nacht den Golf von Tarent ebenso queren wie wir, plötzlich auf Kollisionskurs mit uns gerät. Und Aufpassen, dass alles auf LEVJE weiter funktioniert: Der Autopilot seinen Dienst versieht, der Arme, der bei diesem Kurs wirklich rackert. Dass das Segel richtig steht. Während Sven also oben aufpasst, versuche ich, so schnell wie möglich einzuschlafen, ein Auge zuzumachen. Es geht nicht. Ähnlich wie der ganze andere Kram, rutsche, kullere ich bei jeder Schiffsbewegung auf meiner Matratze von Liiiiiiiinks nach Reeeeeechts und wieder zurück, begleitet von plötzlich heftigen Eintauchen auf die Matratze und wieder schwerelos Abheben, wenn die großen Wellen unter LEVJE hindurchlaufen. Als LEVJE sich in der Welle weit nach Backbord hinüberneigt, kommen mir alle meine Pullover, Hosen, Bücher aus dem rechten Teil des Schiffes entgegengeflogen, ein Schwall von Sachen, die mich unter sich begraben, noch ist meine Energie so groß, dass ich mich aufrichte. Und alles wieder an seinen Platz räume im Hin und Her. Als ich endlich einschlafe, ist Svens halbe Wache vorbei, mehr als ein Dösen, in dem mein Körper jede Welle fühlt, ist nicht drin. Es ist eine Welt, schaurig und schön zugleich. Schaurig, weil diese Welt sich all dem, was ich mit persönlichem Wohlbehagen verbinde, widerspricht und mit allen Kräften vehement widersetzt. Und schön, weil man den Elementen so unglaublich nah ist: Dem leisen Fließen der Wellen entlang an LEVJEs Bordwand, nur wenige Zentimeter von meinem Kopf entfernt. Dem Gluckern von 2.390 Meter Wassersäule unter mir mit allem Leben, das darin wohnt in einer Welt, die ich nur erahnen kann, die uns vollkommen fremd ist. Dem Wind, der LEVJE mit der Geschwindigkeit eines Marathonläufers Stunde um Stunde zuverlässig durch die Wellen treibt.
Als Tino’s Wache um elf beginnt, ist es mit meinem Dösen und Träumen vorbei. Tino ist 19, viel mit Sven, seinem Vater gefahren. Aber er ist zum ersten Mal auf LEVJE, er kennt das Boot noch nicht, weiß noch nicht, wo er im Geschaukel am besten seinen Lifebelt einklinkt, wo er die Kompassbeleuchtung im Fernglas anschaltet, um die anderen Schiffe im Dunkel zu beobachten. Tatsächlich hat die Batterie im Fernglas, die in den vergangenen Tagen noch ging, ihren Geist aufgegeben, dann also die alte Methode, mit dem Peilkompass, um festzustellen, wo sich ein Frachter hin bewegt. Drei Mal stehe ich während Tino’s Wache auf, beim dritten Mal ist es richtig ernst: Plötzlich nimmt das Heulen und Pfeiffen zu, LEVJE hat sich quergelegt in den Wind, die Wellen treffen sie nun breitseits, alles Schwanken ist nun infernalisch, ich springe aus meiner Koje und bin im Nu an Deck: Eben als LEVJE in der Welle auf fast zehn Knoten beschleunigte, brach die Halterung an der Pinne, in die der Autopilot greift. Von einem Moment auf den anderen sind wir ohne Ruderdruck, ohne Steuerung in den Wellen. Der Wind, der LEVJE sofort anluven ließ. Ich hatte die Schrauben im letzten August erneuert, doppelt so starke wie vorgesehen benutzt. Jetzt: ist eine fünf Millimeter starke Edelstahlschraube einfach abgebrochen. Bleistiftdicker Edelstahl hat einfach aufgegeben unter der Last von Wind und Wellen. Und nachts um zwei bleibt nun nichts anderes übrig: als von Hand zu steuern. Klaglos bringt Tino LEVJE wieder vor den Wind, starrt ins Dunkel voraus, während ich unter ihm am Boden liege, den Schaden untersuche und überlege, ob wir eine Reparatur jetzt gleich im Dunkel, unter Segel, im Geschaukel und Geschwanke vornehmen können. Aussichtslos. Jetzt im Dunkel mit Akkuschrauber rumhantieren, das gibt nur Gefummel. Also bleibt uns nichts anderes, als das Ruder wieder selbst in die Hand zu nehmen. Und LEVJE von jetzt an per Hand durch die Wellen zu steuern. Und neben dem Wachegehen nun auch noch das Schiff selber durchs Dunkel zu steuern.
Es ist halb drei Uhr am Morgen, als ich Tino unter Deck schicke. Seine Wache ist vorüber, er soll nun schlafen. Ich setze mich, bewaffnet mit Fernglas, Wasserflasche auf dem schwankenden Deck ans Steuer. Der Wind hat weiter aufgefrischt, es weht jetzt mit sechs, in Böen mehr. Wir sind jetzt mitten auf dem Golf von Tarent, aus dem es von Norden herausbläst.
Mal sehen, was die Nacht bringt, auf dem Meer.
Die Fortsetzung? Am Sonntag. Hier auf Mare Piu…

 

Hinter den Bergen mit den sieben Zwergen…

20151027

Auf dem Pickup über Santo Antao

Weiter geht die Zeitreise. Morgens um acht Uhr steht schon Fahrer Fernando Gewehr bei Fuß um uns über die Insel zu fahren. Der Ankerplatz ist prima, bisschen rollig, der Passat hat eingesetzt auf den Kapverden, zischen den hohen Bergen von Santo Antao und Sao Vicente bläst die Düse, dass das Meer weiß brodelt, mit um die dreißig Knoten und ordentlich Strömung. Nachdenklich schaue ich auf’s Meer. Morgen will ich mit meiner Anfängercrew nach Osten segeln. „Na, dass soll ja noch was geben“, brummel ich mir in meinen Zwei-Tage-Bart und steige mit auf die Ladefläche des Toypta Aluguers. „Oh Mist. Ich habe meine Voltaren Tabletten nicht mit. Die Holzbänke sind grade mal dreißig Zentimeter breit, das staubige Polster durchgesessen.

20151027a

Was morgen ist, ist uns heute mal egal. Der hohe Mast der MARLIN verschwindet schnell und die Serpentinen hoch geht es Richtung tropischem Regenwald. Fernando hält bei einer typischen Bergfamilie kurz vor der Zone, wo die Wolken für dauerhafte Feuchtigkeit sorgen. Hier ist es grün, hier wächst Mais, Tomaten, Salat und vieles andere mehr. Ungeplanter Bioanbau – is klar. Hier findet man Landwirtschaft in seiner Ursprünglichkeit. Meine Mitsegler und ich dürfen einen Blick in die Unterkünfte, ins Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche der Familie werfen.

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Schnell wird klar, mit wie wenig Luxus die Menschen hier aufwachsen. „Es ist keine Armut. Die Menschen hier haben alles was sie brauchen und sie sind glücklich, auch ohne Fernseher“, versuche ich zu erklären. Der alte Mann neben mir hat ein Transistor Radio in der Hand, was man auf den Kapverden vor fünfzehn Jahren auch immer gesehen hat. Hier ist irgendwie die Zeit stehen geblieben, stelle ich für mich fest. Ich fühle mich wohl dabei.

20151027c

Ich nehme den Platz neben dem Fahrer ein. Auf der Ladefläche ist das Dach so niedrig, dass ich nicht richtig raussehen kann. Für Claudia, ist das kein Problem. Sie ist seit acht Monaten auf Weltreise und hat sich für die nächsten sieben Wochen einen Platz auf der MARLIN gesichert. Von Nepal, Australien und Indonesien ist sie es gewohnt in engen Bussen zu fahren und mit lokalen Verkehrsmitteln von A nach B zu kommen. Ich habe immer das Gefühl, dass wir Claudia ein bisschen aufpeppeln müssen, so dünn wie sie ist. Schwierig mit den Vegetariern. Aber das ist ein anderes Thema, für einen anderen Tag. Es geht weiter hoch und ein vier Kilometer Marsch durch einen alten Krater steht an. Die ersten italienischen Touristen tauchen auf, die Menge wird den ganzen Tag überschaulich bleiben. Es sind keine anderen Segler, sondern Wanderer, die die Schönheit der Insel mit dem Rucksack erkunden und mehrere Tage Zeit dafür haben. Überhaupt haben wir bisher kaum andere Segler ges ehen. Wo sind die nur?

20151027d

Dreidimensionales Fotografieren geht ja nun leider nicht so einfach. Die wunderschöne Bergwelt von Santo Antao muss man live erleben und in seinem Kopf abspeichern. Mein Gast und Mitsegler Norbert aus Franken tut dies offensichtlich, genügsam wie er ist. Norbert ist für drei Wochen auf der MARLIN, selbst Bootseigner einer Bavaria 44 und hier, weil er mich auf dem Blauwasserseminar 2015 auf der BOOT kennengelernt hat. Er ist so gesehen eigentlich keine Anfänger, bezeichnet sich selber eben eben doch als solchen, auf der Suche nach Sicherheit und Erfahrung im Umgang mit dem eigenen Boot. Kann er haben! Morgen werden wir einen ordentlichen Schlag machen. Auch in den nächsten zwei Wochen werden wir auf allen Kursen unterwegs sein.

20151027e

Wir erreichen Punta del Sol und wieder leben meine Erinnerungen auf. Noch hat sich nicht viel verändert, aber wird sich verändern. Der Rohbau eines großen Hotels direkt am Hafen steht schon als Betongerüst. Die Fischerboote sind aber immer noch da. Wir essen in dem Restaurant mit Blick auf den Hafen mehr oder weniger totgebratenen Fisch mit Reis und Pommes, ein paar Blättern Salat. „Micha, wenn man Dein Essen auf der MARLIN erlebt hat, dann schmeckt es einem hier nicht mehr richtig.“ Ich lache. Was soll ich machen? Es ist auch die Art und Weise wie auf den Kapverden gekocht wird. „Is halt so. Morgen sind wir ja wieder auf unserem Schiff und kochen wieder selbst.“

20151027f

Ich nehme mir die kulinarischen Wünsche meiner Gäste zu Herzen. Wir entern gemeinsam den Hafen. Es ist die Zeit, in der die Fischer mit ihren kleinen Booten wieder vom Meer nach Hause kommen. Die bunten Fänge aus Garupa, Wahoo, Dorade und Snap-a-Lot’s werden auf den Betontischen gewogen, verteilt und verhökert. Man muss schon schnell sein. Wir kaufen auch, für unseren Freezer. Aber ich fange auch dutzende von Motiven mit der Canon ein. Bis es passiert. Auf dem glatten Steinen lege ich einen 1a Salto hin. Die Kamera rette ich geschickt, am Ellbogen und am Knie blutet es ordentlich aus Schürfwunden. Genug Photos für heute.

20151027g

Mitsegler Mark hat sich „Last Minute“ auf der MARLIN einquartiert. Mark ist gebürtiger Holländer, lebt aber seit langer Zeit in Wien und hat einen lustigen Wiener Dialekt mit niederländischem Einschlag. Mark ist sehr motiviert, fragt besonders viel und hat ein sichtliches Händchen zum Segeln, wenn ich das so sagen darf. Er motiviert die Gruppe sehr positiv. Alles in allem habe ich wieder richtig Glück gehabt mit meiner Truppe.

20151027h

Ich humpel mit meinen Blessuren durch den Hafen, als ein junger Bursche aus dem Wasser steigt und an einer langen Leine die Fänge mit der Harpune sortiert. Ohne eigenes Boot hat er seinen Fang an der Außenseite gemacht. Gut ein Dutzend Papageifische sind dabei. „Hey Mark. Kauf mal sechs von den Papageifischen! Dann mache ich Dir Poisson Crue und Du wirst immer wieder auf die MARLIN zurück kommen – Allein schon wegen diesem Gericht.“ Mark schaut den Fisch an, schau mich an. „Na, da bin ich ja mal gespannt.“ Ich grinse siegesbewusst zurück.

Über den Rückweg kann ich nicht viel schreiben. Ich bin eingeschlafen. Genug passiert hier und heute.


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Mit MARE PIU auf die HANSEBOOT: MARE PIU verlost 15 Eintrittskartenunter seinen Lesern.

Am kommenden Samstag, den 31. Oktober beginnt die 54. HANSEBOOT. MARE PIU wird mit aktuellen Beiträgen ab kommenden Mittwoch täglich von der HANSEBOOT berichten. MILLEMARI., der Segelbuch-Verlag, ist auf der HANSEBOOT mit zahlreichen Veranstaltungen dabei: Auf der Bühne stehen zahlreiche MILLEMARI.-Autoren zu den Themen

Gewittersegeln: Susanne Guidera und die Autoren
Leben auf dem Boot: Holger Peterson
Schnell kann jeder. Mit dem Schlauchboot 500 Kilometer segelnd durch Friesland: Sebastian Janotta
Einmal München – Antalya, bitte. Mit Ausschnitten aus dem Film: Thomas Kaesbohrer
Schärensegeln: Klaus Aktoprak, mit Band!
und viele weitere.
Die aktuellen Termine aller MILLEMARI.-Veranstaltungen finden Sie rechts im Kasten sowie im Veranstaltungsprogramm der HANSEBOOT hier.
Für MARE PIU-Leser haben wir ein Kontingent Freikarten gesichert. Und verlosen 15 kostenlose Eintrittskarten für die HANSEBOOT. Wenn Sie die HANSEBOOT also kostenlos besuchen möchten: Schreiben Sie uns einfach rechts außen über das Kontaktformular. Und sie nehmen an der täglichen Verlosung teil. Solange unser Freikarten-Kontingent reicht.

Unter Segeln von Korfu nach Sizilien, Tag 4: Santa Maria di Leuca oder: Flic. Der Hund, der Mathe kann.

Es ist eine verläßliche Größe in meinem Leben, seit ich mit 16 zum ersten Mal in diesem Land war. Und mit vor Staunen über die Schönheit weit geöffnetem Mund stunden-, tagelang durch Gassen und Märkte strich: Meine Begeisterung für Italien. Ich betrete dieses Land mit einem Lächeln und verlasse es mit einem Lächeln, irgendein selbst-hypnotischer Vorgang ist da am Werk, eine unerklärliche Ausschüttung an Glückshormonen, wenn ich durch die Schönheit dieser Sprache und dieses Landes und seiner Küche am streife. Was immer es ist: bin ich hier, verlässt mich das Staunen nie.

Unser Streifzug entlang des Lunghomare von Santa Maria di Leuca führt uns an allerhand Restaurants vorbei, die schon in den Winterschlaf gefallen sind. Tische, Stühle im Inneren aufeinandergestapelt wie von Möbelpackern, keine Neonlampe, die mehr leuchtet, kein Duft von Spaghetti Frutti di Mare, der noch durchs Restaurant zieht, kein Kellner, der an den Tisch heranwedelt und „aqua senza gas“ und Wein herbeibringt. Invernale, Wintersaison. Am Strand ist nur noch der LUPO DI MARE geöffnet, das Restaurant von Giuseppe Petese. Und der empfängt seine Besucher im Restaurant mit den blauen Holzbänken über dem Meer auf vielerlei Arten. Da ist zunächst einmal das Schild am Lunghomare neben dem Eingang. Mit Kreide steht da in großen Buchstaben am Restauranteingang „Fida ti“: „Trau Dich.“ Muss ich mir Sorgen machen?
Dann ist da – zwischen allerhand anderen Raritäten – ein überlebensgroßes Poster an der Wand. Der Hausherr im Smoking, überlebensgroß – und offensichtlich übriggeblieben vom Auftritt in einer Fernseh-Show. Dann eine Tafel mit Rechenaufgaben, mitten im Restaurant. Hoffentlich muss ich jetzt nicht öffentlich Kopfrechnen, bevor ich was zu essen bekomme.

Aber das mit dem Essen klappt untadelig. Als wir mit den Antipasti mare, den Spaghetti mit Meeresfrüchten und dem frischen Schwertfisch endlich fertig sind, macht uns der Hausherr mit seinem Hund „Flic“ bekannt. Giuseppe hat nämlich Flic das Rechnen beigebracht. Und dafür braucht er die Tafel. Flic, der Hund sitzt brav davor. Giuseppe deutet auf die erste Rechenaufgabe: 

2 x 2 + 2 = ? 
Flic kuckt auf sein Herrchen. Dann auf das Leckerli. Dann auf mich. Dann schüttelt er sich, als wolle er all die imaginären Flöhe aus seinem Fell loswerden, blickt treu auf Giuseppe und – bellt. Sechs mal. 
Sapperlott!
2 x 3 + 1 = ?
Das dauert dann schon etwas länger. Irgendwie scheint der Hund im Gegensatz zu Giuseppe zu denken, das man das Leckerli doch auch leichter rüberreichen könne als über die umständliche Rechnerei. Giuseppe lockt und gurrt und balzt, Flic schüttelt sich über all die Kompliziertheit, die menschliches Tun und Denken in die Welt gebracht hat und: bellt schließlich sieben Mal. Bravo!
2 x 5 – 1 : 3 = ?
Jetzt wird es richtig kompliziert. Wer weiß denn von uns noch, wie das war mit „Punkt vor Strich“? Oder müßte da nicht richtigerweise eine Klammer auf der Tafel stehen? Flic ist das alles einerlei, schielt einfach auf das Leckerli und – bellt zwei Mal. „Bravo“ ruft Giuseppe, während wir noch mal kritisch nachrechnen und auf ganz andere Ergebnisse kommen. Egal!
Aber während Giuseppe mit wachsender Begeisterung sich nun der vierten Aufgabe auf der Tafel zuwendet und uns von DOLLARO erzählt, dem Hund, mit dem er samt Rechenkünsten im italienischen Fernsehen auftrat, hören wir es draußen weit im Westen über dem Golf von Tarent zum dritten Mal donnern. Schluß mit lustig! Wir spurten im einsetzenden Gewitterregen den Lungomare hinunter, zurück zu LEVJE, auf der alles sperrangelweit offen steht und die wir gerade noch erreichen, bevor der große Regen einsetzt. Es wird merklich kühler, das schlechte Wetter ist da. Und mit ihm der Nordost, der uns ab heute Abend mit 5-6 Windstärken in zwei Tagen übers Meer wehen soll: Auf direktem Weg nach Sizilien. Nach Catania!
Soeben erschienen vom Autor von Mare Piu: 
Ein Film darüber: Was Segeln ist.

                         Als Download und auf DVD: € 19,99
Was passiert, wenn das Leben die gewohnten Bahnen verlässt? 
Was geschieht, wenn man sich einfach aufmacht und fünf Monate Segeln geht? 
Darf man das? Und wie ändert sich das Leben?
Der Film einer ungewöhnlichen Reise, der Mut macht, seinen Traum zu leben.



Der Film entstand nach diesem Buch: 
Geschichten über die Entschleunigung, übers langsam Reisen 
und die Kunst, wieder sehen zu lernen
Einmal München – Antalya, bitte. 
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Und nach Ilha de Santo Antão geflüchtet

20151026

Snap-a-lot

Die ersten Segelschläge sind geschafft, das Groß hoch gezogen und wieder eingetütet und eigentlich könnte es jetzt richtig losgehen, da schlägt die Insel Santo Antão mit ihrem Charme voll zu. Wie anscheinend auf vielen der kapverdianischen Inseln ist auch hier der Hafen, Porto Novo, nicht nur erweitert, sondern quasi neu gebaut worden. Ein Fähranleger, eine moderne Abfertigungsstation mit Rolltreppen, man sieht deutlich die Ausrichtung auf Tourismus. Warum auch nicht? Einen Flughafen gibt es nicht auf Santo Antão, das wäre wirklich zu teuer. Noch ist der Tourismus kaum merklich. Noch sind wir das einzige Segelschiff im Hafen. Wir liegen sicher im Wind und Wellenschatten des neuen Anlegers. Platz für Yachten, eine Marina sind nicht geplant. Nur für eine Handvoll Fischerboote oder eben ein zwei Segelyachten gibt es. Oder weiter hinter der Mole im Schwell. Wir haben Glück. Im Hafenbecken erwischen wir eine sichere Ecke für uns MARLIN um für einen Tag auf Landgan g zu gehen.

20151026a

Für morgen haben wir ein Aluger gemietet. Ein offener Pickup, der uns den ganzen Tag über die 2.000m hohen Berge auf die andere Seite der malerischen Insel bringen wird. Ich freu mir schon den Ast ab. Endlich mal wieder Bootsflucht. Zu allererst lassen wir die Port Authorities links liegen. Ich fliege bei der lokalen hochschwangeren Zahnärztin ein, um meine Baustelle im Oberkiefer begutachen zu lassen. Sie will da, Gott sei gedankt, nun auch nicht mit der Hedström Feile herumhantieren. Was ruhig ist, soll man ruhen lassen. Auf meine Bitte hin verschließt sie mir den Krater den die Flensburger Jungzahnärztin hinterlassen hat, mit Plastik, so dass ich mir nicht weiter des Nachts Wunden in meine Mundschleinmhaut beiße und nach jedem Essen mit Zahnstochern rumstochern muss. Die Behandlung ist sauber, die Geräte und der Stuhl modern. Der Preis günstig. Hatte ich mir ehrlich auch nicht anders vorgestellt. Porto Novo ist ebenfalls sauber, die Straßen sind gepflegt, hier hat sich vieles zum Positiven entwickelt. Wir erstehen einen riesigen 2,5kg Red Snapper, einen Snap-a-lot für ein fürstliches Abendmahl. Alles ist gut, könnte nicht besser sein.

 


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Und es werde Licht!

20151024

Angekommen in Mindelo. Neue Crew eingebootet

Nahtlos geht alte und neue Crew ineinander über. Nicht grade die Erholung für mich. Ich wollte es nicht anders. Für die nächsten drei Wochen sind wir jetzt mit mir zu fünf Seglern an Bord. Vier Greenhorns, absolute Neulinge beim Segeln. Ich mach das schon – mit Spaß an der Freud. Inzwischen bin ich Profi. Meine ich zumindest ;-)

Das von der Nationalheldin Cesária Évora so leidenschaftlich besungene Cafe Atlantico mit dem dicken, fetten roten Kater auf der Theke, gibt es nicht mehr. Mit dieser Feststellung lässt sich der Zustand von Mindelo beschreiben. Dafür gibt es jetzt eine Marina, ein ausreichendes 3G Netz, mehr Cafe’s, einen Supermarkt und ansonsten ist eigentlich alles beim Alten geblieben. Es gibt viel Arm und wenig Reich. Ich bin in einem großen Déjà vu. Ja, wir liegen vor Anker. Nicht wegen dem Preis der Marina, eigentlich mehr aus Überzeugung und Faulheit die Festmacher rauszuholen. Dann kommen die Geschichten, von den Räubern die in der Nacht gerudert und geschwommen kommen, um sich einen Teil des Kuchens von den vermeidlich Reichen zu holen. Rafa zeigt mir das er mit einem Zug am Heckgriff der MARLIN hochkommt. Ich schaffe das nicht. Stories über Räuber, wie sie schon immer gab und geben wird. Ich verbringe die erste Nacht in der Hängematte, wache von vorbeifahrenden Rude rern auf, träume von Raub, Vergewaltigung und schlimmeren. Um vier Uhr morgens schaue ich mir unsere Ankernachbarn an. Ein schwimmendes chinesisches Wrack, ein spanischer Frachter. Alle hell beleuchtet. Hmm. Das ist doch die Lösung. In Flensburg wurde ja auch mal auf der MARLIN eingebrochen und ich habe derzeit einen LED Strahler, Bewegungsmelder und Kamera gekauft, aber nie Zeit gehabt dies einzubauen. Jetzt ist es soweit. Der nächste Tag vergeht mal wieder mit Bastelei. Unter dem Geräteträger hängt jetzt der LED Strahler und erleuchtet in der Nacht permanent das Cockpit, dass es nur so leuchtet! Bei so viel Licht kommt keiner mehr. Da sind sich alle sicher. Und wenn doch, wird uns der Bewegungsmelder im Pilothaus lauthals melden, ich werde aufstehen und den Besucher mit der umgedrehten Maclite begrüßen.

20151024a

Mitsegler Mark kommt mit einem neuen MagSafe Bord für das alte Notebook. Ich schicke meine Mannschaft zum Einkaufen und zerlege mein geliebtes MacBook Pro mit dem 15 Zoll Grafikbildschirm. Das kleine Bord ist schnell gewechselt. Ja, das war das Problem. Der Rechner startet sofort wieder und alles ist beim Alten. Jetzt brauche ich eigentlich keinen neuen Rechner mehr. Aber ich denke mal ich stehe zu meinem Wort. Den alten MBP bekommen meine Töchter zum Fest. Das Gewicht und die veraltete USB2 Technologie untermalen meine Entscheidung. Am Nachmittag bringt dann Claudia das neue MacBook Air aus Deutschland mit. Ist schon ne Nummer und für das was ich damit mache, einfach handlicher. Fürs Büro kann ich immer noch einen dicken externen Monitor anschliessen.

 


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Unter Segeln von Korfu nach Sizilien, Tag 3: Ganz ganz unten. Am Stiefelabsatz von Italien, in Santa Maria di Leuca.

Beginnen wir bei ganz einfachen Dingen, zum Beispiel beim Blau des Meeres. An diesem Morgen nach dem langen Nachtschlag von Korfu bis hierher, den ich im vorigen Post beschrieb, sind wir unterwegs auf dem menschenleeren Lunghomare, dem Spazierweg von Santa Leuca entlang des Meeres. Ganz links: das Meer. Und während ich jetzt hinausschaue, kann ich nicht anders als festzustellen: Dies eigentümliche Glitzern auf dem Meer: das gibt es so doch nur an einem Ort: das kann doch eigentlich nur in Italien sein. 
Natürlich stimmt das nicht, denn Meeresglitzern ist ja nun überall gleich, egal ob Ägäis oder Atlantik, ob Poros oder Puerto Rico: Meer ist schließlich Meer, und Glitzern ist Glitzern. Und doch: Hätte mir jemand an diesem Morgen nach der langen Überfahrt eine Augenbinde abgenommen und mir das obige Foto gezeigt: Ich hätte ganz sicher auf Italien getippt. 
Am Strand, im Wasser unter dem Lunghomare tummeln sich nur eine Handvoll Unentwegter, nicht mehr, obwohl es doch in dieser Jahreszeit am schönsten ist, am Meer zu sein. Die Lufttemperatur ist bei 21 Grad, das Meer bei 23 Grad, es ist also drinnen im Wasser wärmer als draußen, das konnten wir an diesem Morgen deutlich spüren, als wir uns noch vor dem Einlaufen in den Hafen ins Wasser stürzten. Und doch ist Santa Maria die Leuca herrlich verwaist an diesem Morgen. Im Supermarkt erklärt man uns, dass man heute für ein halbes Jahr schließen würde, die leeren Regale werden gescheuert, kaum, dass man dort noch etwas kaufen kann. Santa Maria lebt im und lebt vom Sommer, wie die meisten Orte am Meer, das ist das eine.
Das andere: Dass dieser Ort offensichtlich eine lange Tradition als Sommerfrische, als Ferienort hat. Denn auf der anderen Seite des Lunghomare reihen sich Ferienvillen und Sommer-Residenzen der anderen Art aneinander. In irgendeiner Phase seiner langen Existenz scheint eine merkwürdige Bauwut in Santa Maria gewütet zu haben. Nein, nicht der Stil des italienischen Futurismo, den ich so sehr liebe, die modernistische italienische Spielart des Bauhaus, sondern hier in Santa Maria di Leuca ein architektonischer Stil-Mischmasch, ein wildes Deklamieren und Zitieren von Baustilen allen Epochen und aller Länder. Als da wären: 

Ein klein wenig orientalisch-muselmanisch unter duftenden KIefern (siehe oben).
Ein klein wenig maurisch:

Ein klein wenig US-amerikanisches White House, ohne Oval Office:
Und dann:
Ein klein wenig von Allem mit rosa Streifen drauf und getoppt von einem Leuchtturm, den der heutige Besitzer nachts von innen mit roter Laterne erhellt. Ein rotes Licht, das in die heranbrechende Nacht über Santa Maria di Leuca leuchtet und mich an die alte Warnung an die Seefahrer denken lässt, auf dem Meer und in Hafenvierteln wachsam zu sein: 

„Nicht immer hält das rote Licht, 
was es dem Fahrensmann verspricht.“ 

Dazu noch die schönen Ochsenaugen im linken und rechten Flügel mit bemerkenswert schön gearbeiteten Fensterläden behängt.

Und weiter findet man:
Ein klein wenig Neugotik (hab ich mir verkniffen, zu fotografieren).
Ein klein wenig Neuromantik (hab ich mir auch verkniffen).
Ein klein wenig Neu-Renaissance.

Alles sieht so aus, als hätten irgendwo zwischen Gründerzeit und erstem Weltkrieg die wohlhabenden Sommerfrischler aus dem nördlichen gelegenen Lecce dazu verführt, genau hier ihrer Lust am Märchenhaften zu frönen und sich in einzigartigen Villenbauten auszutoben, ein Disneyland der Baustile, das sich fröhlich dem Betrachter darbietet. Santa Maria di Leuca, von dem die Legende erzählt, dass hier der Ort war, an dem früher Sirenen von den Klippen herunter die Seefahrer in die Irre gesungen hätten, verwirrt die Sinne heutiger Reisender mit einem herrlich bunten Allerlei alter Sommerresidenzen, von denen die meisten nur darauf warten, aus ihrem Halbschlaf wachgeküsst zu werden. In den leeren Gärten und kleinen verfallenden Parks vor den Gebäuden niemand, niemand, außer einem humpelnden alten Gärtner, der vor dem WHITE HOUSE dürre Planzen begießt. Die Villen von Santa Maria di Leuca: Sie werden aufgenommen in die lange Liste meiner ungeschriebenen Bücher.
Als die Sonne im Meer versinkt, wandern wir schnell hinauf zum Leuchtturm auf der Sirenenklippe. Und erleben dort oben, genau unter dem Halbmond, im Dämmer genau den Moment, in dem der Leuchtturm seine Arbeit beginnt: Sein Licht in der Dämmerung über der stillen Piazza plötzlich anspringt und sich mit langsamer, unendlich langsamer Bewegung drei Linsen um das Licht zu drehen beginnen, drei geschliffene riesige Glaslinsen, die in der Nacht um das Licht herum kreisen, unentwegt und mit langsamer, gleichmäßiger Bewegung. Und den Schiffen bis 50 Kilometer weit draußen, die halbe Strecke nach Korfu hinüber den Weg weisen mit einem einfachen Lichtsignal, das auch uns bis hierher geführt hat.

Unter Segeln von Korfu nach Sizilien, Tag 3: Ganz ganz unten. Am Stiefelabsatz von Italien, in Santa Maria di Leuca.

Beginnen wir bei ganz einfachen Dingen, zum Beispiel beim Blau des Meeres. An diesem Morgen nach dem langen Nachtschlag von Korfu bis hierher, den ich im vorigen Post beschrieb, sind wir unterwegs auf dem menschenleeren Lunghomare, dem Spazierweg von Santa Leuca entlang des Meeres. Ganz links: das Meer. Und während ich jetzt hinausschaue, kann ich nicht anders als festzustellen: Dies eigentümliche Glitzern auf dem Meer: das gibt es so doch nur an einem Ort: das kann doch eigentlich nur in Italien sein. 
Natürlich stimmt das nicht, denn Meeresglitzern ist ja nun überall gleich, egal ob Ägäis oder Atlantik, ob Poros oder Puerto Rico: Meer ist schließlich Meer, und Glitzern ist Glitzern. Und doch: Hätte mir jemand an diesem Morgen nach der langen Überfahrt eine Augenbinde abgenommen und mir das obige Foto gezeigt: Ich hätte ganz sicher auf Italien getippt. 
Am Strand, im Wasser unter dem Lunghomare tummeln sich nur eine Handvoll Unentwegter, nicht mehr, obwohl es doch in dieser Jahreszeit am schönsten ist, am Meer zu sein. Die Lufttemperatur ist bei 21 Grad, das Meer bei 23 Grad, es ist also drinnen im Wasser wärmer als draußen, das konnten wir an diesem Morgen deutlich spüren, als wir uns noch vor dem Einlaufen in den Hafen ins Wasser stürzten. Und doch ist Santa Maria die Leuca herrlich verwaist an diesem Morgen. Im Supermarkt erklärt man uns, dass man heute für ein halbes Jahr schließen würde, die leeren Regale werden gescheuert, kaum, dass man dort noch etwas kaufen kann. Santa Maria lebt im und lebt vom Sommer, wie die meisten Orte am Meer, das ist das eine.
Das andere: Dass dieser Ort offensichtlich eine lange Tradition als Sommerfrische, als Ferienort hat. Denn auf der anderen Seite des Lunghomare reihen sich Ferienvillen und Sommer-Residenzen der anderen Art aneinander. In irgendeiner Phase seiner langen Existenz scheint eine merkwürdige Bauwut in Santa Maria gewütet zu haben. Nein, nicht der Stil des italienischen Futurismo, den ich so sehr liebe, die modernistische italienische Spielart des Bauhaus, sondern hier in Santa Maria di Leuca ein architektonischer Stil-Mischmasch, ein wildes Deklamieren und Zitieren von Baustilen allen Epochen und aller Länder. Als da wären: 

Ein klein wenig orientalisch-muselmanisch unter duftenden KIefern (siehe oben).
Ein klein wenig maurisch:

Ein klein wenig US-amerikanisches White House, ohne Oval Office:
Und dann:
Ein klein wenig von Allem mit rosa Streifen drauf und getoppt von einem Leuchtturm, den der heutige Besitzer nachts von innen mit roter Laterne erhellt. Ein rotes Licht, das in die heranbrechende Nacht über Santa Maria di Leuca leuchtet und mich an die alte Warnung an die Seefahrer denken lässt, auf dem Meer und in Hafenvierteln wachsam zu sein: 

„Nicht immer hält das rote Licht, 
was es dem Fahrensmann verspricht.“ 

Dazu noch die schönen Ochsenaugen im linken und rechten Flügel mit bemerkenswert schön gearbeiteten Fensterläden behängt.

Und weiter findet man:
Ein klein wenig Neugotik (hab ich mir verkniffen, zu fotografieren).
Ein klein wenig Neuromantik (hab ich mir auch verkniffen).
Ein klein wenig Neu-Renaissance.

Alles sieht so aus, als hätten irgendwo zwischen Gründerzeit und erstem Weltkrieg die wohlhabenden Sommerfrischler aus dem nördlichen gelegenen Lecce dazu verführt, genau hier ihrer Lust am Märchenhaften zu frönen und sich in einzigartigen Villenbauten auszutoben, ein Disneyland der Baustile, das sich fröhlich dem Betrachter darbietet. Santa Maria di Leuca, von dem die Legende erzählt, dass hier der Ort war, an dem früher Sirenen von den Klippen herunter die Seefahrer in die Irre gesungen hätten, verwirrt die Sinne heutiger Reisender mit einem herrlich bunten Allerlei alter Sommerresidenzen, von denen die meisten nur darauf warten, aus ihrem Halbschlaf wachgeküsst zu werden. In den leeren Gärten und kleinen verfallenden Parks vor den Gebäuden niemand, niemand, außer einem humpelnden alten Gärtner, der vor dem WHITE HOUSE dürre Planzen begießt. Die Villen von Santa Maria di Leuca: Sie werden aufgenommen in die lange Liste meiner ungeschriebenen Bücher.
Als die Sonne im Meer versinkt, wandern wir schnell hinauf zum Leuchtturm auf der Sirenenklippe. Und erleben dort oben, genau unter dem Halbmond, im Dämmer genau den Moment, in dem der Leuchtturm seine Arbeit beginnt: Sein Licht in der Dämmerung über der stillen Piazza plötzlich anspringt und sich mit langsamer, unendlich langsamer Bewegung drei Linsen um das Licht zu drehen beginnen, drei geschliffene riesige Glaslinsen, die in der Nacht um das Licht herum kreisen, unentwegt und mit langsamer, gleichmäßiger Bewegung. Und den Schiffen bis 50 Kilometer weit draußen, die halbe Strecke nach Korfu hinüber den Weg weisen mit einem einfachen Lichtsignal, das auch uns bis hierher geführt hat.

Wie kommt ein neuer Motor in die USA und was kostet das?

Seinen Morgenkaffee hat Johannes heute im Kofferraum getrunken – neben dem neuen Motor sitzend. Momentan könnte ich vermutlich alles von ihm verlangen, so gut ist er gelaunt! Wir haben den Motor gestern in einer Hau-Ruck-Aktion aus Newark, NJ abgeholt. Dorthin…

Mindelo – Wir sind im Anflug

20151022

Crewwechsel ist angesagt

Norbert, Mark und Claudia kommen nach Mindelo, Markus fliegt Morgen zurück ins Sockenland. So ist das im Mitseglerleben. Aber erst einmal haben sich endlich die Regenwolken der letzten drei Tagen verzogen. Früh um 4 Uhr geht der Wecker, die Sterne stehen klar über uns. Kaum aus dem Windschatten von Sao Nicolao raus, fängt der Nordostwind an zu blasen. Ein letzter schöner Segeltag für Markus. Endlich mal wieder am Wind, nicht mehr so langweilig von hinten. „Auf der anderen Seite des Zauns ist der Rasen immer grüner!“ Markus schaut mich unverständlich an. Wahrscheinlich rede ich für meine Umwelt ab und an viel dummes Zeug, wenn ich so in meiner kleiner Skipperwelt, meiner kleinen Ecke Privatleben, wie auf einer Eisscholle, über das Meer segle. Im Gedanken, im Traum. An der Süllkante sitzend, schaue ich der Sonne beim Beleuchten der kapverdischen Inseln zu. „So schöööööön.“ Wir sitzen auf der richtigen Seite des Zaunes. Gute Entscheidung.

“Frühstück ist fertig!“ Bei Schräglage im heißen Bootsinneren mit Töpfen und Pfannen, Tellern und heißem Wasser zu hantieren ist nicht einfach. Ich war gespannt, ob Raffa es hinbekommt. Bekommt er hin. Und immer am Lachen. Guter Bootjunge.

 


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