Monatsarchive: September 2015

Jans neuer Freund Osga

20150922

Another day in Paradise

Die letzte Nacht haben wir uns recht unangenehm um die Ohren geschlagen. Mitten in der Nacht geht der Wind aus. Die Stahltonne an der wir hängen knutscht die MARLIN, die MARLIN bummst zurück. Alles geht ohne sichtbaren Schaden ab… „Jan, raus, wir müssen was tun.“ Heute schon weiß keiner mehr wann es denn überhaupt war und wieder passiert ein kleiner Fehler. „Wir hätten den Anker nicht ohne Sorgleine runter lassen sollen. Wenn der sich in einer Felsspalte auf 17 Meter verklemmt. Shit. Wir haben nur noch eine halbvolle Drucklufttauchflasche. Auf 17 Meter taucht auch der Skipper nicht Apnoe.“ Jan und ich träumen gemeinsam von verlorenen Ankern und Ketten (Was in unserem Fall auch ein großer Verlust an teurem Edelstahl wäre), während die MARLIN genussvoll Rumpelgespenst spielt. Ich erinnere mich. „Beim letzten Besuch haben wir einen Ankerschaft des Heckankers verbogen! Damals glaubte ich noch an Heckanker, hatte das mal in irgendeinem Buch gelesen. Es gibt auf dieser Inseln keinen Sand. Nur Felsen.“ Und genau das macht den Aufenthalt so schwierig.

Jan lernt heute was fürs Leben. Ankern für Fortgeschrittene. Dem Rumpeln setzten wir ein Ende, indem wir erst einmal in die enge Bucht vor der Rangerstation reinfahren. Die Ensenade Cagarras. Am frühen Morgen ist es still und das kleinste Sandeckchen sollte sichtbar sein. Ist aber kein Sand. Der Anker fällt. „Spring mal ins Wasser.“ „Ich?“ „Ja, wer sonst. Zieh Dir die Brille an und schau wie der Anker liegt.“ Prustend berichtet mein Bootsjunge, der grade den Umgang mit der Schnorchelbrille und Schnorchel lernt, nach ein paar Minuten: „Der liegt einfach nur so auf einer Steinplatte. Alles ist hier glatter Stein. „Kann ja nicht sein. Tauch noch mal.“ Irgendwann finden wir eine Senke, ein Loch mit etwas Sand, Geröll umrundet von einer kleinen Kante. „Da rein!“ Anker wieder hoch, wieder Kreise fahren. Jetzt aber. „Jetzt eine Landleine mit 150 Metern zu den Klippen und den kleinen 20kg CQR mit 2m Kettevorlauf hinter einen Stein schmeißen. Was hier in zwei Sätzen beschrieben wird dauert in Wirklichkeit 4 Stunden. Jetzt sitzt der Anker und die Landleine hält die MARLIN auf Spannung. Schluss mit Anker-Rumpelstielzchen. Sind wir ein Team? Yes, wir sind ein Team.

Neben dem Fortbildungskurs und Schnorchelunterricht für Jan, zieht es uns um 10 Uhr zu unseren neuen Freunden. Xandro und Carlos warten schon seit 10 Uhr. Wir kommen um 12 Uhr. Genau zum Zenit der Sonne. Carlos ist angepisst, sieht wahrscheinlich seinen Mittagsschlaf flöten und wird rastlos. Wir hinterher. Xandro geht ins Haus. Kochen. Jetzt lernen wir was. Im Sauseschritt. Die Hauptbewohner der Insel sind die Cagarras, eine Seevogelart die mit lautem Geschrei bei Sonnenaufgang die Insel verlässt, um Futter auf dem offenen Meer zu finden und pünktlich zum Abendbrot wieder auf die Insel zurückkommt. Wie die 240.000 Vögel ihr Nest unter einem Stein mit dem entsprechenden Küken wieder finden bleibt unklar. „Alle ausgeflogen.“ Die Babys, in der Größe eines ausgewachsenen Huhns, sind mucksmäuchenstill und verstecken sich. Würde ich auch machen. Endemisch können die Vögel nicht sein. Auf den Azoren gab es die auch. Aber das gehört ja auch fast zusammen.

Das auf dem Photo ist Osga die Echse. Richtig heißt er Osga Tarentola Boettgeri Bischoffi und ist wirklich endemisch. Sagt Carlos. Unter jedem 30ten Stein hockt so ein Lebewesen und wartet auf die Nacht um Insekten zu jagen. Am Tag wird geschlafen. Die Portugiesen haben Wanderwege auf der Insel angelegt, die mit Steinen gesäumt sind. Auch ohne Schild ist klar, dass man die nicht zu verlassen hat. In jahrelanger Kleinarbeit haben die Ranger die Insel gereinigt von Ziegen und hundertausenden von Kaninchen, die irgendwelche Schatzsucher hier ausgesetzt haben um Essen zu haben, gereinigt. Auch eine andere Planze gehört hier nicht hin. Die Nikoretta oder so. Kann ich grade nicht goggeln. Eine Pflanze die Nikotin erzeugt. Na wer die hier angeschleppt hat um zu überleben? Das lässt meine Phantasie schon wieder köcheln. Auf jeden Fall finden die Ranger die immer noch jeden Tag und es ist ihre Pflicht, die mit Wurzeln aus dem Boden zu entfernen und so die Verbreitung zu unterbinden. Wir kommen zu der nördlichen Bucht, der Ensenada de Piedras. Das ist die schönste. Hier lagen Nathalie und ich vor 15 Jahren mit der IRON LADY, fingen einen Drückerfisch und haben ihn nicht gegessen, weil in so einem Buch stand, dass die giftig sind. So ein Blödsinn. Auf den Kapverden haben wir dann gelernt, dass die eine Spezialität sind. Nur der Rückenstachel ist giftig. Heute isst man wirklich keinen Fisch mehr auf den Selvagens. Xandro erklärt, dass alle Fische auf der Insel und im ganzen Archipel Ciguaterra verseucht sind. Eigentlich eine bekannte Fischvergiftung aus der Südsee. „Die Forscher haben sie vor einiger Zeit hier festgestellt und uns den Verzehr von Fisch strengstens untersagt. Ciguaterra gibt es nur in warmen Wasser, wird durch eine Alge verbreitet, die an den Korallen rumschleimt und wird durch die Großschifffahrt verbreitet, die große Mengen Wasser in ihren Tanks als Ballast irgendwo aufnimmt und dieses dann wieder irgendwo anders auspumpt. Verboten. Aber was ist nicht alles verboten?

Das andere Thema auf den Selvagen ist immer wieder der Schatz. Wir stehen an den Klippen, 100 Meter über „meiner“ Bucht, der Ensenada de Peidras und ich erkläre Carlos, dass dort unten Wrackteile im Wasser liegen. Das steht wiederum in einem Schatzsucherbuch an Bord der IRON LADY. Ob wir das Buch auf der MARLIN noch haben, weiß ich gar nicht. Und mit viel Phantasie habe ich auch Wrackteile vor 15 Jahren beim Tauchen gesichtet. Carlos bekommt große Augen und erzählt von der Höhle direkt an der gleichen Bucht. Hier soll auch ein Schatz gelegen haben. Ich glaube, so eine kleine Insel, unser Phantasie, die Geschichte, die Einsamkeit und die Sonne, alles zusammen führt immer wieder dazu, dass es einfach einen Schatz, eines alten Seeräubers geben muss. Oder? Is doch eigentlich ganz klar. Gute zwei Stunden und 10km laufen wir, auf meinen Wunsch, den „langen“ Weg durch die Mittagshitze. Nathalie wäre stolz auf mich. Carlos immer 50 Meter voraus, Jan hinterher und ich am Ende. Schnell noch versuchen ein Photo zu machen. „Die Photos dürft ihr kommerziell nicht nutzen.“ Is klar. Was ist auch schon kommerziell? Wer interessiert sich schon für unsere Fotos? Am Ende des Tages liegt die MARLIN immer noch da, wo sie hin gehört, eine Schweitzer Yacht hat sich dazu gesellt. Wahrscheinlich haben sie uns auf dem AIS gesehen und der Ankerplatzneid ist ausgebrochen. Aber lange bleiben sie nicht. Das Dinghy bleibt zusammengerollt. Zu rollig, die Ankerkette rumpelt. Tja. Unsere nicht mehr. Xandro und Carlos kommen an Bord zu Besuch. Ich schwatze Carlos ein Ranger T-Shirt ab und die beiden bringen eine kleine Flasche Selbstgebrannten aus Funchal mit. Es wird spät. Die Wettervorhersage ist weiter schlecht um nach Fuerte Ventura zu segeln. Gott sein Dank. Da müssen wir ja noch etwas hierbleiben :-) Jan und ich wollen morgen Sternephotos und -videos oben auf dem Plateau machen und das Geschrei der Vögel aufnehmen. „Hier gibt es außer dem Leuchtfeuer nämlich keinen Lichtmüll. Das Leuchtfeuer kann man quasi als Blitzlicht benutzen. Und der Mond, der geht um 2 Uhr morgens unter.“, erklärt mit Jan. „Das geht nur Nachts.“ Ein paar weitere Arbeiten an der MARLIN sind auch zu machen. Der Besuch auf Graciosa fällt also wohl flach. Nun. Man muss Prioritäten setzen in seinem Leben. Wir haben noch vier Eier, eine Paprika und nur noch zwei Knollen Knoblauch an frischem Lebensmitteln. Bis zum Wochenende sollte das reichen.

 


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Ne Nä!– Nicht schon wieder Kreuzfahrtschiffe

20150921

Angekommen auf Selvagem Grande

“Jan. Guck mal da vorne ist die Insel. Endlich geht die Sonne auf.“ Langsam wendet sich der Bug der MARLIN um die Ecke der Selvagem Insel. „Nein. Das kann doch nicht sein. Nein. Das könne sie nicht machen.“ Es erscheint der riesige weiße Bug eines Kreuzfahrtschiffs, das an einem brandneuen Anleger auf der kleinen Insel angelegt hat. Touristen schwärmen wie Ameisen aus dem Bauch des 16 stöckigen Schiffes. Ein großer gelber Luftballon mit dem bekannten Logo des amerikanischen Fast Food Konzerns Mac Donalds schwebt über dem Leuchtfeuer der Insel.

“Eh Micha. Aufstehen. Die Sonne lacht. Lass uns das Dinghy wässern!“ Ich wache blitzartig aus meinem Albtraum auf. „Wo ist das Kreuzfahrtschiff?“ „Micha. Alles klar. Welches Kreuzfahrtschiff? Du hast geträumt.“, Jan läuft durchs Boot und packt schon Kamera und Co. In den gelben Sack ein. Eine Kopie der Bootspapiere, unserer Pässe und der Ausgabe 24/15 der Yacht, mit Nathalie auf der Titelseite. „Hey, lass uns noch eine Flasche Rotwein einpacken. Die Ranger sind bestimmt einsam hier.“ Wir haben nämlich keine Genehmigung aus Funchal, die man braucht um die Inseln zu besuchen. Hmm.

Eine Stunde später sitzen wir auf der Veranda der Ranger Station. Carlos und Stefan sind die Ranger und wie nicht anders zu erwarten: Super Nett! Wir bekommen einen Espresso, der Hund Salvagem liegt auf meinen Füssen und überall laufen diese kleinen Salamander rum. Wir blicken auf die Bucht und erzählen Geschichten aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Das Wetter ist etwas rauh, deshalb liegen wir mit der MARLIN etwas weiter draußen an der großen Boje der Versorger mit einer 80 Meter Leine vor Slip, damit die MARLIN der rostigen Mega Boje nicht zu nah kommt. „Die Genehmigung aus Funchal ist nicht mehr notwendig. Die Selvagens können jederzeit angelaufen werden. In den gekennzeichneten Bereichen kann geankert werden. Sobald ihr an Land wollt müsst ihr uns über VHF16 um Erlaubnis fragen. Wir brauchen den Bootsnamen und den Namen des Skippers. Das ist alles. Wollt ihr morgen früh mit uns über die Insel laufen. Wir machen gerne eine Führung mit euch um die einzigartige Natur zu zeigen? 11 endemische Pflanzen und Tiersorten gibt es hier.“ Jan und ich nicken nur schnell. „Hey, das ist ja cool. Dann lass uns gleich mal die Nase unter Wasser stecken. Was meinst Du? Sieht so aus, als wenn wir hier noch ein bisschen bleiben.“

 


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Unter Segeln: Auf LEVJE nachts durch den Kanal von Korinth. Oder: Im Reich der Lichter.

Am Morgen war ich von Athen aufgebrochen. Windstill begann der Tag in der verlassenen ATHENS MARINA direkt neben dem Olympia-Stadion. Ein langsames Hinaustuckern in die Sonne, vorbei an der Insel Salamis, nicht ohne mir die Bucht angesehen zu haben, in der im September vor bald 2.500 Jahren die übermächtige persische Flotte auf eine hoffnungslos unterlegene griechische Flotte getroffen war. Kaum war ich dort an dem Ort, der heute zwischen Container-Terminals, den Werften von Perama liegt und heute eher einem Schiffsfriedhof gleicht, kam der Wind: ein netter Süd mit 10, 12 Knoten, zum ersten Mal, seit ich zwischen den Inseln unterwegs bin, ein Südwind. Das bedeutete: Regen für den nächsten Tag, aber soweit war es noch nicht, der nette Süd, er schob mich mit fünfeinhalb Knoten westwärts, zum Kanal von Korinth. 
Am frühen Abend hatte der Wind weiter aufgefrischt. Ich war bis kurz vor die Kanaleinfahrt gesegelt, hatte brav drei Kabellängen davor gewendet und die Segel fallen lassen. Hatte brav den Funkkanal 11 eingestellt, mich brav eine Stunde vor Erreichen bei der CHANNEL AUTHORITY angemeldet, noch einmal brav den Wetterbericht angesehen: Starkregen für den nächsten Morgen, Regen den ganzen Tag. Und was mir gar nicht gefiel: fünf, sechs Windstärken genau in die Bucht vor dem Kanal.
Ich entschloß mich, noch am Abend die Durchfahrt zu wagen, im Dämmer, statt am nächsten Tag im Mistwetter. Vorausgesetzt, die CHANNEL AUTHORITY spielte mit. „Yes, you can pass this evening“, war die Antwort der Frauenstimme per Funk. Also legte ich LEVJE im auflandigen Wind an die Pier der CHANNEL AUTHORITY, ein grausiger Ort bei diesem Wind. Ich hatte alle Fender draußen an Steuerbord, Rod Heikell’s immer noch schätzenswertes Buch hatte mich gewarnt, es half trotzdem nichts. Die auf die Betonmole platschenden Wellen warfen LEVJE auf und ab, die Klampen ächzten fürchterlich, Festmacher zum Zerreissen gespannt. Es wurde erst besser, als ich Springs ausgebracht hatte, da schleuderte LEVJE nicht mehr gar so wild herum. Aber ich schaute trotzdem sorgenvoll in den Kanal hinein: Jetzt noch ein Frachter, der aus dem Kanal käme und genau hier an dieser Stelle wenige Meter neben LEVJE die Schrauben beschleunigte: Herausgerissene Klampen und was sonst für Bruch wären unvermeidlich. Doch der Kanal war leer. Der Frachter, den die CHANNEL AUTHORITY über Funk anpreite, war auf der anderen Seite noch fünf Seemeilen von der Einfahrt entfernt. Jetzt also los. Mit einem Sprung auf die Pier, ins Gebäude gespurtet, bei einem freundlichen Beamten für das Passieren von LEVJE’s 9,40 Meter 109,72 € bezahlt. Wie Rod Heikell schreibt: Gemessen in Euro pro Seemeilen ist der Kanal von Korinth die teuerste Wasserstraße der Welt.
Ganze dreieinhalb Seemeilen misst das Wegstück, das um 1890 ungarische Ingenieure und griechische Arbeiter über 85 Meter tief in den Fels sprengten, hackten, kratzten. Ganze dreieinhalb Seemeilen lang. Und 24,60 Meter breit. Mit 7,50 Wassertiefe. Ich hatte Zeit darüber nachzudenken, während ich auf der schwankenden LEVJE saß und auf die Freigabe zur Einfahrt wartete. Das dauert. Es dämmerte schon. Bis sich plötzlich ganz oben im Kontrollturm ein Fenster öffnete und eine Frauenstimme herunterrief: „Go! Go!“ Und mich mit der unnachahmlichen Geste griechischer Frauen von meiner wackeligen Pier hinein in den Kanal wegscheuchte. Die Brücke, die mir vorher den Weg in die Einfahrt versperrt hatte, war weg, einfach versunken in 7.50 Meter Wassertiefe. Der Weg lag frei vor mir.
Kaum war ich drin, steigen die Felswände zu beachtlicher Höhe an. Felswand links, Felswand rechts, Vor mir die mit dem Lineal gezogene Wasserstraße durch den Fels. Bäume und Büsche, die von ganz oben heruntergrüßen, manchmal auf einer der vier Brücken in luftiger Höhe ein Fußgänger, der herunterschaut, ein Hund, der in die aufkommende Nacht zu mir herunterbellt. Ich bin mit LEVJE allein im Kanal. Vor mir: Sechs Kilometer Fahrt durch den Fels.
Kaum bin ich drin, meldet sich über Funk die Frauenstimme aus dem Tower, die mit der unnachahmlich wegscheuchenden Handbewegung. Ich habe alle Hände voll zu tun. Die Pinne halten. Gleichzeitig quer durchs Cockpit mich nach dem Funkgerät recken, ich mir vorsorglich im Niedergang unter größter Dehnung das Mikro festgeklemmt. „Das nächste Mal: Nur mit Handfunke!“ Es dauert, bis ich das Mikro in der Hand habe, LEVJE derweil auf die Felswände zudriftet, weil ich die Pinne gerade noch so eben mit den Fingerspitzen halte, während ich mit der anderen vorne nach Knopf am Mikro taste. Die Botschaft der Frau mit der unnachahmlichen Geste an mich ist eindeutig: „Faster, LEVJE! Faster!“

Wieso?? Ich fahr doch hier schon mit 4,8 Knoten. Strom setzt dagegen, der Motor jault, ich gebe noch mehr Gas. Immerhin 5,3 Knoten über Grund. Jetzt quäle ich die Maschine ganz ordentlich.
Aber während ich im Kanal bin, ist die Nacht lautlos und mit einem Schlag herangeschlichen. Gelbe Lampen an den Tunnelwänden, abwechselnd links, abwechselnd rechts erleuchten meinen einsamen Weg. Die Feslwände, LEVJE’s Mast, das ganze Boot. Alles ist in rotes Licht getaucht, ein unbeschreiblicher Anblick. Passiere ich eine der Lampen, glüht LEVJE richtig auf. Mast, Wanten und Stagen, Seezaun, Dinghi: alles ist ins gelbrot der Lampen getaucht, das langsam verglimmt, wenn ich sie hinter mir lasse und LEVJE wieder in die Dunkelheit taucht.
LEVJE’s roter Mast, der hinaufragt, zur Brücke, hoch oben über mir, mit einem Scheinwerfer. Ganz versunken bin ich in den Anblick, hin und weg. Ein Fußgänger, der hoch oben zu mir heruntersieht, reglos. Als sich wieder die Frau mit der unnachahmlichen Geste meldet, unbarmherzig: „Faster, LEVJE! Faster!“
5,3 Knoten! Also wirklich! Noch mehr Gas geben wäre unverantwortlich. Was passiert eigentlich, wenn hier drin plötzlich der Motor aussetzt? Mit einem Schlag abstirbt, vielleicht noch ein einziges Mal bullernd hustet, dann unabänderlich – weg ist? Und LEVJE dann noch mit dem Schwung, den sie jetzt hat, lautlos gerade noch 211 Meter weiterläuft, langsamer wird und langsamer und dann plötzlich liegenbleibt, bei Kilometer 1,6 und auf 24,5 Meter Breite? Läßt man den Anker fallen? Teilt man der Frau mit der unnachahmlichen Handbewegung das dann mit wie APOLLO 13: „Houston, we have a problem.“? Schickt sie dann ein Lotsenboot, das LEVJE und mich ans andere Ende schleppt? Werde ich dort dann geteert und gefedert? Oder zusätzlich zu den 109€ mit Rechnungen in unfasslicher Größenordnung überschüttet?
Das Funkgerät reißt mich aus meinen Gedanken: „Faster, LEVJE! Faster!“
„Jaaajaaa.“
Das war Slobo’s Antwort, wenn es nichts mehr zu anatworten gab. Slobo, dem einer meiner ersten Posts galt und dem ich in meinem Buch ein kleines Denkmal gesetzt habe. Also gut. Weil sie es will. 5,4 Knoten jetzt.
Je weiter ich in den Kanal eindringe, je höher die Felswände links und rechts von LEVJE steigen: Um so faszinierender wird das Schauspiel der Lichter. Es ist, als wäre ich tief im Gestein der Erde unterwegs. Malereien, die die gelben Lampen auf Felswände zeichnen, gewaltige Schattenbilder rings um mich herum, neben mir auf dem Wasser. Felswände, in sanftes Rot getaucht wie vom matten Licht einer Fackel, bei der ein Steinzeit-Künstler seine Stiere an die Felsen zeichnet, seine Hand. Felswände, die zu Kino-Leinwänden werden, wenn LEVJE und ich daran vorbeifahren, dann: LEVJEs und mein Schatten an der Felswand, der uns überholt. Ein Mast, ein Bootskörper, der hinter mir als als kleiner Schatten an der Wand auftaucht, größer wird, uns langsam überholt, während wir an der Felswand entlanggleiten. Und vor uns im Dunkel wieder versinkt.
„Faster, LEVJE! Faster!“
LEVJE’s Motor gibt nun wirklich, was er hat. Er jault und jodelt, und wäre die Gegenströmung nicht: dann wären wir ganz sicher jetzt mit sechseinhalb, sieben Knoten unterwegs. Aber so: Sind es gerade mal fünfeinhalb Knoten. Was macht das. Denn das Reich der Lichter im Kanal, es hat mich gefangengenommen. Das Rot der Felswände. Das Fackelleuchten auf dem fast unbewegten Wasser. Die beiden Grüns, die am anderen Ende des Kanals langsam sichtbar werden, langsam, langsam näher kommen, eins links. Eins rechts.
Langsam verlieren die Felswände an Höhe. Hingen Buschwerk und Bäume vorher vom Kanalrand hoch über mir herunter, sind sie jetzt fast schon wieder auf meiner Höhe. Ein Nachtvogel singt. Das Rot der Lampen verschwindet, nichts mehr, das ihnen Kinoleinwand wäre, auf Nimmerwiedersehen versickert es in der umgebenden Nacht, als ich aus dem Kanal heraus bin und ins Hafenbecken des westlichen Kanalendes einfahre. Für einen Moment verliere ich die Orientierung. Nichts mehr links, nichts mehr rechts. Nur noch Dunkelheit. Und die beiden grünen Lichter vor mir.

„Faster, LEVJE! Faster!“ Wieder die Stimme.
Als ich näherkomme, sehe ich, dass auch die beiden grünen Lichter eine Brücke markieren. Eine Brücke, die im Kanal versenkt ist. Autos stehen links und rechts, mit leuchtenden Schweinwerfern, Menschen unter den grünen Lichtern. Sie warten auf – mich? Applaus brandet auf, als ich näherkomme. Es sind tatsächlich geschätzt 100 Autos, die links und rechts der grünen Lichter warten. Fahrer sind ausgestiegen. Hämischer Applaus und wütendes Geschimpfe bricht los, als ich die grünen Lichter erreiche. Ein Mann gestikuliert wütend und deutet auf seine Uhr. Vier, fünf Leute daneben klatschen. Ein Mann am anderen Ufer, der mir einen Vogel zeigt. Aus der Dunkelheit und dem Gebüsch neben mir dringt erneut Applaus. Und wie erklärt man jetzt mit freundlichen Worten seinen griechischen Mannsgenossen, dass LEVJE’s Motor ja nunmal nur seine 19 PS hat und der Faltpropeller bei Gegenströmung nicht unbedingt kraftvoller zubeißt? Ich lasse es lieber. Und denke mir: Vielleicht ist das so. Keine Schönheit, ohne dass nicht jemand dafür leiden müßte.
„Faster, LEVJE! Faster!“

Unter Segeln: Auf LEVJE nachts durch den Kanal von Korinth. Oder: ImReich der Lichter.

Am Morgen war ich von Athen aufgebrochen. Windstill begann der Tag in der verlassenen ATHENS MARINA direkt neben dem Olympia-Stadion. Ein langsames Hinaustuckern in die Sonne, vorbei an der Insel Salamis, nicht ohne mir die Bucht angesehen zu haben, in der im September vor bald 2.500 Jahren die übermächtige persische Flotte auf eine hoffnungslos unterlegene griechische Flotte getroffen war. Kaum war ich dort an dem Ort, der heute zwischen Container-Terminals, den Werften von Perama liegt und heute eher einem Schiffsfriedhof gleicht, kam der Wind: ein netter Süd mit 10, 12 Knoten, zum ersten Mal, seit ich zwischen den Inseln unterwegs bin, ein Südwind. Das bedeutete: Regen für den nächsten Tag, aber soweit war es noch nicht, der nette Süd, er schob mich mit fünfeinhalb Knoten westwärts, zum Kanal von Korinth. 
Am frühen Abend hatte der Wind weiter aufgefrischt. Ich war bis kurz vor die Kanaleinfahrt gesegelt, hatte brav drei Kabellängen davor gewendet und die Segel fallen lassen. Hatte brav den Funkkanal 11 eingestellt, mich brav eine Stunde vor Erreichen bei der CHANNEL AUTHORITY angemeldet, noch einmal brav den Wetterbericht angesehen: Starkregen für den nächsten Morgen, Regen den ganzen Tag. Und was mir gar nicht gefiel: fünf, sechs Windstärken genau in die Bucht vor dem Kanal.
Ich entschloß mich, noch am Abend die Durchfahrt zu wagen, im Dämmer, statt am nächsten Tag im Mistwetter. Vorausgesetzt, die CHANNEL AUTHORITY spielte mit. „Yes, you can pass this evening“, war die Antwort der Frauenstimme per Funk. Also legte ich LEVJE im auflandigen Wind an die Pier der CHANNEL AUTHORITY, ein grausiger Ort bei diesem Wind. Ich hatte alle Fender draußen an Steuerbord, Rod Heikell’s immer noch schätzenswertes Buch hatte mich gewarnt, es half trotzdem nichts. Die auf die Betonmole platschenden Wellen warfen LEVJE auf und ab, die Klampen ächzten fürchterlich, Festmacher zum Zerreissen gespannt. Es wurde erst besser, als ich Springs ausgebracht hatte, da schleuderte LEVJE nicht mehr gar so wild herum. Aber ich schaute trotzdem sorgenvoll in den Kanal hinein: Jetzt noch ein Frachter, der aus dem Kanal käme und genau hier an dieser Stelle wenige Meter neben LEVJE die Schrauben beschleunigte: Herausgerissene Klampen und was sonst für Bruch wären unvermeidlich. Doch der Kanal war leer. Der Frachter, den die CHANNEL AUTHORITY über Funk anpreite, war auf der anderen Seite noch fünf Seemeilen von der Einfahrt entfernt. Jetzt also los. Mit einem Sprung auf die Pier, ins Gebäude gespurtet, bei einem freundlichen Beamten für das Passieren von LEVJE’s 9,40 Meter 109,72 € bezahlt. Wie Rod Heikell schreibt: Gemessen in Euro pro Seemeilen ist der Kanal von Korinth die teuerste Wasserstraße der Welt.
Ganze dreieinhalb Seemeilen misst das Wegstück, das um 1890 ungarische Ingenieure und griechische Arbeiter über 85 Meter tief in den Fels sprengten, hackten, kratzten. Ganze dreieinhalb Seemeilen lang. Und 24,60 Meter breit. Mit 7,50 Wassertiefe. Ich hatte Zeit darüber nachzudenken, während ich auf der schwankenden LEVJE saß und auf die Freigabe zur Einfahrt wartete. Das dauert. Es dämmerte schon. Bis sich plötzlich ganz oben im Kontrollturm ein Fenster öffnete und eine Frauenstimme herunterrief: „Go! Go!“ Und mich mit der unnachahmlichen Geste griechischer Frauen von meiner wackeligen Pier hinein in den Kanal wegscheuchte. Die Brücke, die mir vorher den Weg in die Einfahrt versperrt hatte, war weg, einfach versunken im Wasser. Der Weg lag frei vor mir.
Kaum war ich drin, steigen die Felswände zu beachtlicher Höhe an. Felswand links, Felswand rechts, Vor mir die mit dem Lineal gezogene Wasserstraße durch den Fels. Bäume und Büsche, die von ganz oben heruntergrüßen, manchmal auf einer der vier Brücken in luftiger Höhe ein Fußgänger, der herunterschaut, ein Hund, der in die aufkommende Nacht zu mir herunterbellt. Ich bin mit LEVJE allein im Kanal. Vor mir: Sechs Kilometer Fahrt durch den Fels.
Kaum bin ich drin, meldet sich über Funk die Frauenstimme aus dem Tower, die mit der unnachahmlich wegscheuchenden Handbewegung. Ich habe alle Hände voll zu tun. Die Pinne halten. Gleichzeitig quer durchs Cockpit mich nach dem Funkgerät recken, ich hatte mir vorsorglich im Niedergang unter größter Dehnung das Mikro festgeklemmt. „Das nächste Mal: Nur mit Handfunke“, schwöre ich mir.  Es dauert, bis ich das Mikro in der Hand habe, LEVJE derweil auf die Felswände zudriftet, weil ich die Pinne gerade noch so eben mit den Fingerspitzen halte, während ich mit der anderen Hand  vorne nach dem Knopf am Mikro taste. Die Botschaft der Frau mit der unnachahmlichen Geste an mich ist eindeutig: „Faster, LEVJE! Faster!“

Wieso?? Ich fahr doch hier schon mit 4,8 Knoten. Strom setzt dagegen, der Motor jault, ich gebe noch mehr Gas. Immerhin 5,3 Knoten über Grund. Jetzt quäle ich die Maschine ganz ordentlich.
Aber während ich im Kanal bin, ist die Nacht lautlos und mit einem Schlag herangeschlichen. Gelbe Lampen an den Tunnelwänden, abwechselnd links, abwechselnd rechts erleuchten meinen einsamen Weg. Die Felswände, LEVJE’s Mast, das ganze Boot. Alles ist in rotes Licht getaucht, ein unbeschreiblicher Anblick. Passiere ich eine der Lampen, glüht LEVJE richtig auf. Mast, Wanten und Stagen, Seezaun, Dinghi: alles ist ins gelbrot der Lampen getaucht, das langsam verglimmt, wenn ich sie hinter mir lasse und LEVJE wieder in die Dunkelheit taucht.
LEVJE’s roter Mast, der hinaufragt, zur Brücke, hoch oben über mir, mit einem Scheinwerfer. Ganz versunken bin ich in den Anblick, hin und weg. Ein Fußgänger, der hoch oben zu mir heruntersieht, reglos. Als sich wieder die Frau mit der unnachahmlichen Geste meldet, unbarmherzig: „Faster, LEVJE! Faster!“
5,3 Knoten! Also wirklich! Noch mehr Gas geben wäre unverantwortlich. Was passiert eigentlich, wenn hier drin plötzlich der Motor aussetzt? Mit einem Schlag abstirbt, vielleicht noch ein einziges Mal bullernd hustet, dann unabänderlich – weg ist? Und LEVJE dann noch mit dem Schwung, den sie jetzt hat, lautlos gerade noch 211 Meter weiterläuft, langsamer wird und langsamer und dann plötzlich liegenbleibt, bei Kilometer 1,6 und auf 24,5 Meter Breite? Läßt man den Anker fallen? Teilt man der Frau mit der unnachahmlichen Handbewegung das dann mit wie APOLLO 13: „Houston, we have got a problem.“? Schickt sie dann ein Lotsenboot, das LEVJE und mich ans andere Ende schleppt? Werde ich dort dann geteert und gefedert? Oder zusätzlich zu den 109€ mit Rechnungen in unfasslicher Größenordnung überschüttet?
Das Funkgerät reißt mich aus meinen Gedanken: „Faster, LEVJE! Faster!“
„Jaaajaaa.“
Das war Slobo’s Antwort, wenn es nichts mehr zu anatworten gab. Slobo, dem einer meiner ersten Posts galt und dem ich in meinem Buch ein kleines Denkmal gesetzt habe. Also gut. Weil sie es will. 5,4 Knoten jetzt.
Je weiter ich in den Kanal eindringe, je höher die Felswände links und rechts von LEVJE steigen: Um so faszinierender wird das Schauspiel der Lichter. Es ist, als wäre ich tief im Gestein der Erde unterwegs. Malereien, die die gelben Lampen auf Felswände zeichnen, gewaltige Schattenbilder rings um mich herum, neben mir auf dem Wasser. Felswände, in sanftes Rot getaucht wie vom matten Licht einer Fackel, bei der ein Steinzeit-Künstler seine Stiere an die Felsen zeichnet, seine Hand. Felswände, die zu Kino-Leinwänden werden, wenn LEVJE und ich daran vorbeifahren, dann: LEVJEs und mein Schatten an der Felswand, der uns überholt. Ein Mast, ein Bootskörper, der hinter mir als als kleiner Schatten an der Wand auftaucht, größer wird, uns langsam überholt, während wir an der Felswand entlanggleiten. Und vor uns im Dunkel wieder versinkt.
„Faster, LEVJE! Faster!“
LEVJE’s Motor gibt nun wirklich, was er hat. Er jault und jodelt, und wäre die Gegenströmung nicht: dann wären wir ganz sicher jetzt mit sechseinhalb, sieben Knoten unterwegs. Aber so: Sind es gerade mal fünfeinhalb Knoten. Was macht das. Denn das Reich der Lichter im Kanal, es hat mich gefangengenommen. Das Rot der Felswände. Das Fackelleuchten auf dem fast unbewegten Wasser. Die beiden Grüns, die am anderen Ende des Kanals langsam sichtbar werden, langsam, langsam näher kommen, eins links. Eins rechts.
Langsam verlieren die Felswände an Höhe. Hingen Buschwerk und Bäume vorher vom Kanalrand hoch über mir herunter, sind sie jetzt fast schon wieder auf meiner Höhe. Ein Nachtvogel singt. Das Rot der Lampen verschwindet, nichts mehr, das ihnen Kinoleinwand wäre, auf Nimmerwiedersehen versickert es in der umgebenden Nacht, als ich aus dem Kanal heraus bin und ins Hafenbecken des westlichen Kanalendes einfahre. Für einen Moment verliere ich die Orientierung. Nichts mehr links, nichts mehr rechts. Nur noch Dunkelheit. Und die beiden grünen Lichter vor mir.

„Faster, LEVJE! Faster!“ Wieder die Stimme.
Als ich näherkomme, sehe ich, dass auch die beiden grünen Lichter eine Brücke markieren. Eine Brücke, die im Kanal versenkt ist. Autos stehen links und rechts, mit leuchtenden Schweinwerfern, Menschen unter den grünen Lichtern. Sie warten auf – mich? Applaus brandet auf, als ich näherkomme. Es sind tatsächlich geschätzt 100 Autos, die links und rechts der grünen Lichter warten. Fahrer sind ausgestiegen. Hämischer Applaus und wütendes Geschimpfe bricht los, als ich die grünen Lichter erreiche. Ein Mann gestikuliert wütend und deutet auf seine Uhr. Vier, fünf Leute daneben klatschen. Ein Mann am anderen Ufer, der mir einen Vogel zeigt. Aus der Dunkelheit und dem Gebüsch neben mir dringt erneut Applaus. Und wie erklärt man jetzt mit freundlichen Worten seinen griechischen Mannsgenossen, dass LEVJE’s Motor ja nunmal nur seine 19 PS hat und der Faltpropeller bei Gegenströmung nicht unbedingt kraftvoller zubeißt? Ich lasse es lieber. Und denke mir: Vielleicht ist das so. Keine Schönheit, ohne dass nicht jemand dafür leiden müsste.
„Faster, LEVJE! Faster!“

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Soeben erschienen vom Autor von Mare Pius als Film
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Was passiert, wenn das Leben die gewohnten Bahnen verlässt? 
Was geschieht, wenn man sich einfach aufmacht und fünf Monate Segeln geht? 
Darf man das? Und wie ändert sich das Leben?
Der Film einer ungewöhnlichen Reise, der Mut macht, seinen Traum zu leben.



Der Film entstand nach diesem Buch: 
Geschichten über die Entschleunigung, übers langsam Reisen 
und die Kunst, wieder sehen zu lernen
Einmal München – Antalya, bitte. 

Bremse angezogen

20150920

30 Meilen nördlich der Selvagem

Jan und ich sehen uns quasi gar nicht vor Mittag. Einer schläft immer. Ab Mittag beginnt das gemeinsame Leben und endet am frühen Abend. Einer geht schlafen. Gut so, dass Jan schläft, so kann ich in aller Ruhe an dem leckeren Brot mit Walnüssen und Oliven laben, dass er vorhin im Ofen gezaubert hat. Wir stehen vor den Selvagem und geben uns Mühe dort erst bei Sonnenaufgang einzutreffen. Der Mond geht leider um 1:30 schon unter und dann ist es wieder tiefschwarze Nacht. So segeln wir nur mit Groß über das schwarz glitzernde Meer Richtung Süd. Der Autopilot steuert an der Insel vorbei. Für den Fall des Falles, dass beide einschlafen.

Wir haben einen kompletten Tag Flaute hinter uns. Am Morgen noch 1 Knoten Fahrt. Gegen Mittag habe ich dann das schlagende Großsegel fallen lassen. Dann vier Stunden elendes, nervendes, Schlagen des Hecks in die alte Dünung und Schaukelpferdchen. Nein, wir haben den Schlüssel nicht gedreht. Wir haben es ausgesessen. So wie die alten Segler ohne Motor das auch gemacht haben. Hätte eh nix gebracht. Es wäre trotzdem Nacht gewesen, wenn wir angekommen wären. Um 22 Uhr dann wieder 5 Knoten Wind. Genug um uns mit vier Knoten segeln zu lassen und vor allen Dingen Druck im Segel zu haben, das das Schaukelpferdchen beruhigt. Mit Genua machen wir 8 Knoten, das wollen wir aber grade gar nicht. Die Sonne geht erst um 7:30 auf.

 


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Ankunft auf Madeira

20150918

Ankunft – Abschied – Ankunft – Abschied… etc.

Man sollte eigentlich nirgendwo hinfahren, wo man schon mal war und in jungen Jahren eine tolle Zeit hatte. Und genau das ist schwierig für mich auf der Route der Fahrtensegler in die Karibik. Also: Alle Erwartungen auf Null stellen, alle Erinnerungen löschen und neu anfangen.

Mit Susan und Dieter sind wir nach einem kurzen Tagesschlag von Puerto Santo auf Madeira angekommen. Die Bucht „Enseada de Abra“ ist malerisch schön, nicht überlaufen und lädt zu einem Spaziergang ein. Ein guter Abschluss, denn Dieters Heimflug ins Hamsterlaufrad steht für Samstag früh an, Susans Mann Thomas sitzt schon im Flieger nach Madeira um seine geliebte Frau von der MARLIN abzuholen. Die beiden lassen noch eine Woche gemeinsam die Seele baumeln. Machico bietet sich an um sich zu treffen. Hier habe ich mal mehrere Wochen meines Lebens auf der MARLIN verbracht. Hier habe ich Freunde gehabt und friedlich im Hafenbecken geankert. Davon ist nichts übrig geblieben. Eine neue Promenade und eine kleine Marina, für die MARLIN kein Platz. Wir anken im berühmten Schwell von Machico. Das Heck der MARLIN platscht laut in die ankommenden Wellen. Eigentlich will ich gar nicht hier sein.

Unsere tolle Crew lädt uns zum Essen ein. Abschiedsessen. So soll es sein. Zum letzten Mal werden die Geschichten des gesegelten Schlages warm diskutiert. Es war ein voller Erfolg. Danach trennen sich unsere Wege wieder, nach 240 Stunden ununterbrochener Gemeinsamkeit. Jeder nimmt seinen Teil aus dieser Zeit mit in seine Erinnerung. Alles Negative wird bald verblassen und die goldene Erinnerung wird bleiben. Das Geld hat sich gelohnt. Besser als jedes Foto.

Jan und ich sind plötzlich leer. Wir suchen die Kneipe um uns ein paar Bier hinter die Binsen zu schütten. Etwas schwierig in Machico, doch letztendlich wollen wir eigentlich wieder nach Hause auf die MARLIN und versacken doch in der Lounge Hafenbar bei fast guter Musik und zwei guten Gin Tonic’s.

 


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Melancholie

20150919

Abschied… etc.

Scheiß Tag. Um 5:30 am Morgen wurde der Ankerplatz vor der Machico Hafeneinfahrt im Schwell nicht mehr haltbar. Der Wind fehlt, die MARLIN legt sich in die parallelen Wellen, fängt an sich einzuschaukeln. Ich falle fast aus der Koje und außerdem bin ich seekrank von dem Gewackel und dem Gin Tonic. Da platzt mir, dem Skipper die Hutschnur und 10 Minuten später ist der Anker am Bug und Kurs Funchal liegt an. Langsam wir es hell, die Genua saugt uns an den alternativen Ankerplatz. Doch weit gefehlt. Dort fehlen jegliche Fahrtensegler im Hafenbecken wie noch vor ein paar Jahren. Neue, riesige Anleger für Kreuzfahrschiffe sind stattdessen gebaut worden. Im Hafen: Zwei dieser dicken Raumschiffe. Neuster Schrei, ein Kran an Deck mit einer Gondel für die Touristen. Ich hasse diese Kreuzfahrtschiffe abgrundtief, ohne jeglichen Scham. Sicher: Für Funchal sind zwei Kreuzfahrtschiffe am Tag besser als eine Handvoll, abgelederter Fahrtensegler im Hafenbecken. Und so machen wir einen Schlag durch den Hafen. Vier Mourings sind vor der Einfahrt der Marina gelegt. Vier riesige Katamarane, die die Kreuzfahrer dann aufnehmen und um die Insel fahren. Es ist zum Kotzen. Das wir mit der MARLIN nicht in die volle Marina wollen brauche ich an dieser Stelle wohl nicht zu erwähnen.

Wir fahren um die Ecke aus dem Hafen raus um einen ruhigen Ankerplatz zu finden. Auf dieser Seite von Madeira gibt es keine Trennung mehr zwischen den Städten. Madeiras Südseite ist eine einige große Stadt, von der Seeseite aus deutlich zu erkennen. Genau wie die Algarve von Lagos bis Faro. Häuser, Häuser, Häuser. Auf Madeira: Hotels, Hotels, Hotels. Ich will jetzt nur nicht sagen: „Früher war alles anders.“, also denke ich es nur. Mir kommen Gedanken wie Überbevölkerung in den Kopf. Kreuzfahrer in Spitzbergen, den Lofoten, die ganze Norwegische Küste, in Jamaica auf den Cayman Islands, in Grenada… Auf Cuba noch nicht. Wie lange noch? Ein Jahr? Zwei Jahre? Wahrscheinlich wird die MARLIN im nächsten Jahr das letzte Mal nach Cuba segeln ohne Kreuzfahrer im Rücken. Melancholie mach sich breit in meinem Kopf.

Wir finden eine kleine Bucht. Kein Felsen ist zu erkennen. Rundum Hotels, aber Sandboden. „Anker auf 10 Meter.“ Der Anker sitzt sofort und um 11 Uhr kommen Jan und ich endlich zum Frühstücken und Nachschlafen. Logbucheintrag. „Sag mal, das war wohl nen Griff ins Klo. Hier sind mindesten fünf Unterseekabel, die hier ankommen. Genau unter uns.“ Wir greifen zur Schnorchelbrille. Aber es ist alles gut. Um ein paar Meter haben wir wohl die Unterwasserkabelinstallation der Insel Madeira verpasst. Vielleicht schauen wir demnächst mal vor Ankerfall auf die Karte.

Ich bin weiter melancholisch. „Jan, wir fahren weiter. Prüf doch mal den Wind.“ „Weiter?“ „Ja, was sollen wir hier. Alles ist zugebaut. Wenn wir an Land gehen, geben wir nur Geld aus. Es gibt nichts Schönes hier. In der Stadt sind grade wahrscheinlich 8000 Kreuzfahrttouristen. Da will ich mich nicht dazu gesellen. Mir reicht es mit Madeira. Lass und nach Graciosa segeln. 300 Meilen, in 42 Stunden sind wir da. Vielleicht versuchen wir einen Stop auf den Selvagem’s Inseln. Hoffentlich fahren die Kreuzfahrer dort nicht auch schon hin. Weißt Du eigentlich, dass am Kap Hoorn jetzt auch ein Anlegesteg für die Kreuzfahrtschiffe gebaut wird? Damit die ihre Gäste nicht mehr mit den Beibooten an Land bringen müssen?“

Zwischenzeitlich sind wir auf See. Es ist Nacht. Tiefschwarze Nacht. Wir segeln angenehm und ich glaube, hier gefällt es mir im Moment am besten. Ruhe. Ich kann verstehen, warum Menschen nach ihrem Tod auf See bestattet werden wollen. Das möchte ich auch gern. Is ja eh klar. Brauche ich eigentlich gar nicht zu erwähnen. Langsam geht es mir wieder besser. 80 Meilen noch bis zu den Selvagem’s. Fliegendreck auf dem Übersegler. Klar, ich war schon mal da. Schaun wir mal, ob wir es anliegen können und wollen. Neuer Tag, neues Glück.

 


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The Sailing Bassman – Episode 30 – Die Mutprobe

Susanne Guidera vom Verlag millemari bat mich darum vor der Kamera etwas aus meinem Buch SchärenSegeln vorzulesen. Irgendwo an Bord oder so…. aber da Susanne sich so sehr für das Buch eingesetzt hatte, erschien mir das zu lasch. Daher lese ich nun in 35 Metern Höhe aus dem Mast der Rickmer Rickmers. Nur musste ich vorher dort hinaufklettern. Und da ich nicht ohne Höhenangst bin, fiel es mir alles andere als leicht. Seht selbst…

The Sailing Bassman – Episode 30 – Die Mutprobe

Susanne Guidera vom Verlag millemari bat mich darum vor der Kamera etwas aus meinem Buch SchärenSegeln vorzulesen. Irgendwo an Bord oder so…. aber da Susanne sich so sehr für das Buch eingesetzt hatte, erschien mir das zu lasch. Daher lese ich nun in 35 Metern Höhe aus dem Mast der Rickmer Rickmers. Nur musste ich vorher dort hinaufklettern. Und da ich nicht ohne Höhenangst bin, fiel es mir alles andere als leicht. Seht selbst…

Meine Premiere als Buchautor

Soeben ist mein erstes Buch zur Reise bei millemari. erschienen. Und zeitgleich zu dessen Veröffentlichung erschien gerade das Kapitel über die Alandinseln im Magazin „SEGELN“. 
Eigentlich wollte ich vor einem Jahr einfach nur lossegeln und 6 Monate Freiheit geniessen. Das daraus ein Blog, ein Buch, viele Fotos, eine Musik CD und sogar ein ganzer Film werden würde, hätte ich mir nie zu träumen gewagt. Es bestärkt mich aber nur einmal mehr darin, das man einfach irgendwann nur den ersten Schritt in eine neue Richtung gehen muss, um seinem Leben zu verändern. Es fühlt sich schon aufregend an, sich plötzlich in einem Magazin zu finden, das man selber immer schon gerne gelesen hat. Es hat richtig Spaß gemacht aus allen Bildern und Erinnerungen dieses Buch zusammenzustellen und vom Abenteuer des Segelns in den Schären (Süd-, Ost- und Westschweden, den Alandinseln und, last but not least, quer durch Schweden über den Götakanal) zu schwärmen. Auch wenn ich dieses Jahr dafür nun deutlich weniger auf dem Wasser war, hat sich die viele Arbeit auf jeden Fall gelohnt. Und ich bin natürlich auch ein wenig stolz. Mein besonderer Dank gilt dabei Susanne Guidera vom Verlag millemari. Für ihre Motivation. Für ihren Einsatz. Für ihre Ideen. Für ihre Ruhe im Sturm. Ohne Susanne wäre es wohl nur bei ein paar Schnappschüssen und ein paar facebook Postings geblieben. Neugierig? Hier kann man das Buch bestellen.

http://millemari.de/schaeren-segeln/

Meine Premiere als Buchautor

Soeben ist mein erstes Buch zur Reise bei millemari. erschienen. Und zeitgleich zu dessen Veröffentlichung erschien gerade das Kapitel über die Alandinseln im Magazin „SEGELN“. 
Eigentlich wollte ich vor einem Jahr einfach nur lossegeln und 6 Monate Freiheit geniessen. Das daraus ein Blog, ein Buch, viele Fotos, eine Musik CD und sogar ein ganzer Film werden würde, hätte ich mir nie zu träumen gewagt. Es bestärkt mich aber nur einmal mehr darin, das man einfach irgendwann nur den ersten Schritt in eine neue Richtung gehen muss, um seinem Leben zu verändern. Es fühlt sich schon aufregend an, sich plötzlich in einem Magazin zu finden, das man selber immer schon gerne gelesen hat. Es hat richtig Spaß gemacht aus allen Bildern und Erinnerungen dieses Buch zusammenzustellen und vom Abenteuer des Segelns in den Schären (Süd-, Ost- und Westschweden, den Alandinseln und, last but not least, quer durch Schweden über den Götakanal) zu schwärmen. Auch wenn ich dieses Jahr dafür nun deutlich weniger auf dem Wasser war, hat sich die viele Arbeit auf jeden Fall gelohnt. Und ich bin natürlich auch ein wenig stolz. Mein besonderer Dank gilt dabei Susanne Guidera vom Verlag millemari. Für ihre Motivation. Für ihren Einsatz. Für ihre Ideen. Für ihre Ruhe im Sturm. Ohne Susanne wäre es wohl nur bei ein paar Schnappschüssen und ein paar facebook Postings geblieben. Neugierig? Hier kann man das Buch bestellen.

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Angekommen auf Porto Santo

DCIM103GOPRO

DCIM103GOPRO

Willkommen in den Subtropen

Sieben Schläge haben wir gebraucht um die restliche Höhe zu laufen. Gestern Nacht fährt Jan das Manöver „Ankerfall unter Großsegel wegen Motorausfall“. Nein, der Motor war nicht ausgefallen, einfach nur zur Übung. „90% war gut. Die restlichen 10% lernst Du noch.“ Ja, ich bin manchmal ein anstrengender Skipper. Ich will meinen Mitseglern auch was mitgeben, was sie in ihren eigenen Segelalltag später reproduzieren und nutzen können. Hab mal heute Morgen nachgefragt, vorsichtig. Alle sind glücklich. Anscheinend bin ich doch zu ertragen. Sogar Lob gab es. Cool. Ein Blick auf die Wetterstatistik: An 3,4% Tagen im Jahr Westwind. „Micha, wie bekommst Du das nur immer hin, dass wir Gegenwind bekommen? Nicht das ihr noch Westwind bei der Atlantiküberquerung bekommt.“, Jan grinst. Jan wird nicht dabei sein. Bei der Atlantiküberquerung. Schade. Aber Schule und Ausbildung geht eben vor.

Vor ziemlich genau 15 Jahren war ich mit meinem Freund Guido hier in Porto Santo. Ich bin gespannt wie es sein wird später an Land zu gehen. Die Marina sparen wir uns. Mit der MARLIN brauchen wir die nicht. Wir sind autonom. Wasser und Strom produzieren wir selbst, aufschaukeln am Ankerplatz tut die MARLIN nicht. Ich bin gespannt wie das auf den Kanaren und Kapverden wird. Mit unserem Dinghy haben wir einen großen Aktionsradius. Nur der Kühlschrank ist leer. Wir brauchen Gemüse.

Die Crew war ein voller seglerischer Erfolg. Immer wieder gerne. Mal abgesehen von der abgerissenen Schlauchtülle gibt es keine Schäden. Ach so. Unser Ankerball, ist wahrscheinlich schon mal vorgeschwommen, Richtung Karibik. Na ja. Etwas Schwund gibt es immer.

 


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