Monatsarchive: März 2015

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, Teil 9: Vor der großen Überfahrt. Von Blanesnach Barcelona.

 

Auch wenn es an Bord der ROXANNE meistens fröhlich und ausgelassen zugeht wie auf einem ganz normalen Törn: Beim Frühstück an Bord in Blanes an diesem Morgen: Immer wieder Gespräche über die Krankheit. Über das eigene Erleben dieser Krankheit. Immer wieder Geschichten. 

 

Wie Andrea die Nacht erlebte, nachdem zum zweiten Mal Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert worden war und die Ärzte ihr als einzigen Ausweg: die Chemotherapie vor Augen stellten. Wie sie die Nacht durch weinte. Wie es war, als sie zum ersten Mal nach der Chemo nach Hause durfte, zu ihrem Mann. Und gar nicht wollte. „Was sollte ich da? Eine Tasse aus dem Schrank holen: war echter Hochleistungssport, mit Puls sofort auf 180.“ 
 
Wie Marc – ausgerechnet – auf Mallorca, unserem Reiseziel zum ersten Mal entdeckte: dass er doppelt sieht, dass irgendetwas nicht stimmt mit ihm, irgendetwas, das nicht nur wie ein Kratzen im Hals, wie eine Grippe ist. 

 

Wie Hauke die Chemo erlebte: das „meine Abwehrkraft auf Null setzen.“ Das Einleiten der roten Flüssigkeit an einem langen, langen Schlauch. Damit er auch auf die Toilette konnte. Was Anna über Medikamente denkt, für die die Pharma-Industrie 800 € und mehr pro Spritze verlangt. Wie Susanne froh ist, dass der lange in ihr wuchernde Schilddrüsenkrebs entdeckt und behandelt wurde. Dass sie ihre Erkrankung „als Glücksfall“ erlebt: „Ich habe meine Dankbarkeit wiedergefunden. Dankbarkeit für die ganz kleinen Freuden – nicht für das, was es zu kaufen gibt.“

 

Bruchstücke. Wie Soldaten sie aus einem unvorstellbaren Krieg irgendwo in einem fernen Land erzählen. Aber bei den Soldaten, die hier um den Frühstückstisch sitzen, tobte der Krieg, von dem sie berichten, in ihnen selber. Die Bilder vom Frühstück auf ROXANNE: sie zeigen, wie nahe es den betroffenen Mitseglern immer noch geht: ihre Geschichte zu erzählen. Die Geschichten vom gleichen Leiden anderer betroffen aufzunehmen, weil jeder nachempfinden kann: wie sich der andere fühlt. 
Auch dies ist etwas, wofür man Marc Naumann’s Idee der SEGELREBELLEN nicht genug wertschätzen kann: Einen Ort für Austausch geschaffen zu haben – aber einen anderen Ort, als ihn Psychotherapeuten anbieten. Einen Ort, wo Menschen im Sturm, in extremer Situation zusammengeschweißt werden zu einer Crew, sich nahekommen. Wo Menschen feststellen, was sie zu leisten wieder in der Lage sind. Was sie nicht gedacht hätten. Von sich. Das Meer: mit all seiner Schönheit, seiner Wildheit, seiner Gefährlichkeit, als Ort einer Selbst-Entdeckung. Und eines Stückchens Heilung. „Es ist gut, dass wir hier draußen drüber reden“, sagt Andrea. „In all den Stürmen, der Kälte, da wird sie klein und fern, die Krankheit. Hier kann man drüber reden.“
Als wir aus Blanes ablegen, sind wir nachdenklich. Die Sonne scheint. Zum ersten Mal eine leise, leise Ahnung von T-Shirt-Wetter. Und dass es Sommer werden könnte, hier am Meer, auch wenn er jetzt im März noch unendlich weit weg zu sein scheint. Jeden Tag ist es so, dass einer aus der Crew gesundheitliche Probleme hat. Jo, der sagt: er könne sich nach der Therapie nichts mehr merken. Anna, die zerbrechliche, die über Brennen im Magen klagt nach jeder Mahlzeit. Heute ist es Andrea. Draußen auf dem Meer, im Cockpit, meldet sie plötzlich, dass ihr Kreislauf in den Keller fällt. Wir denken sofort an Seekrankheit. Nein, Seekrankheit ist das bei Andrea heute nicht, nein. Bei dem Thema haben die Krebspatienten dem Rest ein großes Stück voraus: Sie haben kotzen gelernt. Es schockt sie nicht mehr. In der zweiten Nacht auf See, bei der langen, wilden Überfahrt, erbrachen fast alle mit großer Heftigkeit. Aber damit war es dann erledigt. Abgehakt. Für den Rest der Reise. Für alle. Die Seekrankheit war vorbei.
Auch Kotzen kann man erlernen. Das ist eines meiner Learnings dieser Reise.

 

Nein. Bei Andrea ist es der Kreislauf, der heute nicht mitmacht. „Die Woge der Gefühle“, nennt sie es später. Zwar ist immer ein Arzt für uns erreichbar, das hat Marc, ganz großer Bruder, schon so organisiert. Aber: Wir haben keinen Arzt dabei, bewußt. Denn den würde man bei jedem Wehwehchen ja konsultieren. Gerade das, dies wieder Verantwortung abgeben an andere: das will Marc Naumann mit seinen SEGELREBELLEN eben nicht. Genau das Gegenteil. Und so kümmert sich die Crew liebe voll um Andrea. Susanne, die sie in die Schocklage bettet. Jo, der ihr die Beine hochhält. Hauke, der mit ihr spricht.
Nach 10 Minuten grinst Andrea wieder. Und feuert munter ihre Ruhrpott-Slang-Breitseiten in die Runde ab. Dies ist ein zweites Learning für mich: Mit Bordmitteln ist auf einem Schiff mehr als nur Bootstechnik zu reparieren.

 

Als es Abend wird, laufen wir in Barcelona ein, in den Port Vell. Vom ersten Moment an ist Barcelona faszinierend für alle: schön, fesselnd wie ein Filmstar. Man kann nicht wegkucken. Ein Ausbruch an schönem Design, witzigen Ideen. Wie man altes Industriegemäuer verpackt. Und neues aufwertet. Der Bruch, die Herausfordrung unserer Jahre, den Niedergang der Industrien durch Neues auszugleichen: auf den ersten Blick scheint er hier gelungen.

 

Nur schade: dass wir keine Zeit haben. Die nächste Etappe geht von Barcelona nach Mallorca. Und für genau diese Etappe ist ab Mittwoch zwei Uhr Morgen Mistral angesagt. In Stärken von 8-10 Beaufort für die Nordostecke Mallorcas, die wir runden müssen. Wenn wir dem entgehen wollen und wenige Stunden vorher noch eben in den Hafen von Alcudia rutschen wollen: Dann müssen wir aufbrechen. Noch in dieser Nacht.
Und so geht die Crew der ROXANNE jubelnd, pfeiffend, singend noch in Hafennähe Tapas essen, wieder einmal froh um die Wärme eines Restaurants, die Wärme nach gutem Essen in uns. Gegen 22 Uhr klariert die erste Wache (Marc, Hauke, Anna, Susanne) das Schiff an unserem böigen Liegeplatz auf. Kocht Suppe. Bereitet Tee. Während die zweite Wache (Jo, Andrea, Kameramann Felix und ich) schon in ihre Kojen krochen. Für zwei, drei Stunden Schlaf. Denn die wird die ROXANNE um eins aus dem mitternächtlichen Hafen bringen. Und hinaussegeln werden auf die 100 Seemeilen lange Etappe von Barcelona nach Mallorca.
Und davon werde ich morgen erzählen.


With a Lot of Help from My Friends


Das aus der Idee die Musik meiner Reise zu veröffentlichen ein so gewaltiges Projekt werden würde, war mir so nicht bewusst. Hätte ich es sonst sein lassen? Sicherlich nicht! Aber vielleicht hätte ich doch eher den Kopf in den Sand gesteckt, als sofort loszulegen. Doch nun fügte sich Stück für Stück einfach alles zusammen. Recorden werden wir ab nächster Woche im Rooted Music Studio bei Jurik Maretzki direkt bei mir um die Ecke. Ein zum Studio umgebautes Einzelhaus mit viel Atmosphäre. Die Empfehlung eines Freundes, die sich schon bei den ersten zwei Kennenlernterminen als genau richtig erwiesen hat. Aber nun Achtung, und das wurde mir heute selbst erst bewusst, diese sage und schreibe 25 Musiker werden an den Aufnahmen beteiligt sein:

Vocals: Caro Leuzinger

Vocals: John Barron
Vocals: Dara McNamara
Backing Vocals: Kati Reisener
Backing Vocals: Mario Schulmann –Reisener
Backing Vocals: noch offen
Drums: Oliver Steinwede
Drums: noch offen
Percussion: Jochen Topp
Keyboards: Merih Aktoprak
Gitarre: Kai Wiener  
Gitarre: Yorck Mennich
Gitarre: Dara McNamara
Gitarre: Van Wolfen

Gitarre: Jürgen Gleba
Gitarre: Ralf Hartmann
Gitarre: Oliver Terwiehl 
Gitarre: Oliver Sparing
Saxophon: Michael Prott
Flügelhorn: Nicolas Boysen
Posaune: noch offen.
Trompete: noch offen
Cello: noch offen
Akkordeon: Uwe Steger
Pedal Steel: Karen Adolph
Blues Harp: Christian Hönniger
Bass & Kontrabass & Vocals: Me, Myself & I

 

Eine beeindruckende Liste. Jeder der Mädels und Jungs tut mir dabei auf die eine oder andere Art einen Gefallen, denn ansonsten wäre das Projekt für mich, ja ohne finanzielle Unterstützung einer Plattenfirma, nicht realisierbar. Andererseits bin ich natürlich auch froh, das mir niemand in die Produktion hineinredet.  Denn auch wenn alle Songs meine Handschrift tragen, sind sie doch so unterschiedlich, das es aus Plattenfirmensicht schwer sein dürfte die stets nötigen Schubladen zu definieren. Es werden nun zwei Instrumentals, eine Rockabilly-, zwei Blues- und eine Jazznummer. Dann zwei kraftvolle Titel im New-Country-Stil, drei Singer/Songwriter Balladen, ein deutschsprachiger Titel im Bacardi Feeling, eine ebenfalls deutschsprachige, bluesige  Seemannsballade, ein Song im 60er Girl Group Motown Sound und eine weitere sehr klavierlastige Ballade. 

Wie passt das alles zusammen? Schwer zu sagen, aber mein Kopf saugt  offenbar die unterschiedlichsten Musikstile auf wie ein Schwamm, und irgendwann kommen diese dann einfach wieder herausgeplätschert. Das mag für den Zuhörer manchmal schwierig einzuordnen sein, andererseits wird es dadurch aber auch sehr abwechslungsreich und macht mir unglaublichen Spaß. Und darum geht mir am Ende bei allem. Den Spaß an der Musik ist der Grund aus dem wir alle mal angefangen Instrumente zu erlernen. Die Augenblicke im Proberaum, in denen man sich wie ein Rockstar fühlte und gedanklich schon auf Welttournee war. Zumindestens bis man am nächsten Tag die Mitschnitte der Probe gehört hat. Die Freundschaften, die man über die Jahre zu anderen Musikern  entwickelt hat, da man viel Zeit und teils auch Hotelzimmer miteinander geteilt hat. 
Und es macht einfach Spaß Songs so zu komponieren, wie sie einem einfallen. Ohne Gedanken an kommerziellen Erfolg, aktuellen Geschmack der möglichen Zielgruppen oder Radiotauglichkeit. Denn die Zeiten, in denen man mit Musik schnell Geld verdienen konnte sind in Zeiten von Spotify und co. wohl endgültig vorbei. Einerseits schlecht, andererseits muss man sich aus künstlerischer Sicht auch nicht mehr verbiegen. Und thematisch hängen die Songs dann doch alle zusammen. Sind sie doch alle auf See und beim Segeln entstanden oder zumindestens vollendet worden. Und behandeln Themen wie:

Am Sonntag beginnt die Produktion und die Kamera ist dabei, so das ich immer wieder kleine Ausschnitte davon posten werde.


Schiffssicherheitsprüfung bestanden

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Und nen Gang runter schalten!

Und Sonne bitte! Es reicht doch so langsam echt mit dem Winter und der Kälte. Am Morgen schien schon mal die Sonne. Herr Conradi von der SeeBG taucht pünktlich auf und die MARLIN wird professionell auch ihre Schiffssicherheit geprüft. Nathalie ist auch da. Macht ja immer nen guten Eindruck, wenn die Schiffsärztin selber was zur Zusammenstellung der Schiffsapotheke sagen kann. Die SeeBG lässt sich alles zeigen und klettert auch brav mit mir in der Maschinenraum. Mit ein paar sinnvollen Tipps zertifiziert sich Herr Conradi selbst als alten Hasen mit fundiertem Fachwissen. Ein Gang über das Deck der MARLIN lässt Zweifel an der Sicherheit der MARLIN schnell verfliegen. Das Schaltpanel der Signalanlage habe ich noch nicht verbaut. „Funktioniert aber schon. Sehen Sie mal: Töööööööööt! Was meinen sie wo soll der Push Button denn hin? Aha. An den Steuerstand. Ja. Is klar. Machen wir so.“ Der Rest ist abharken von Ja / Nein. Wir bekommen die erwartete Mängelliste: Feuerlöscher warten und komplementieren, Sicherheitswesten ebenso und ein paar andere Kleinigkeiten. „Eine erneute Prüfung ist nicht nötig. Bitte teilen Sie uns mit, wenn die Punkte erledigt sind. Hierfür haben Sie bis Ende April Zeit und dann bekommen sie das Schiffssicherheitszertifikat für die MARLIN. Auf Wiedersehen in zwei Jahren. Dann muss die Prüfung wiederholt werden.“ Danke an allen, die uns die Daumen gedrückt haben.

Am Wochenende waren die Los Locos da. David, Gui, Bruno und Viola von der http://rancho-relaxo.at Da war ganz schön was los auf der MARLIN… Wir reden über die Welt, das Segeln, die Politik, die Rückkehr ins normale Leben und trinken Wein, bis das Reden immer schwerer fällt. Gui verschwindet zuerst in der Koje bei den Kindern, ich kurze Zeit später während Nathalie und David noch länger aushalten. Am nächsten Tag schein die Sonne. Kein Wind. Es ist sechs Uhr dreißig als mich die Blase zum Klo treibt. Alle schlafen, ich nutze die Gelegenheit die wieder mal angefrorenen Festmacher an Deck zu schmeißen und den Motor zu starten. Verschlafen tauchen einer nach dem anderen im Pilothaus auf. Nathalie verteilt Heißgetränke und die Ochseninseln erscheinen am Horizont. Ich bin mit der anstehenden Sicherheitsprüfung, ganz und gar nicht entspannt. David, ist dann noch der Ruhigster der ganzen Truppe. „Eh David, ich muss noch die Tonsignalanlage der MARLIN fertig installieren.“ „Ich bin dabei!“ Irgendwie kapieren Mütter und Kinder, dass es jetzt Zeit zum Landfgang ist. David und ich verlegen meterweise Kabel und installieren die Steuerbox. „Wetten, dass die morgen von Dir wollen, dass das Bedienteil am Steuerstand installiert ist?“ „Jep, bestimmt. Dann installieren wir das eben nicht und fragen…wohin es denn nun soll“ Hat sich ja alles bewahrheitet. Danke David. Während dessen lernen die Kinder bei Bauer Rüdiger auf der Insel, wie man den Schafstall sauber macht und was alles bei der Schafzucht zu beachten ist. Rüdi hat genau wie die Kinder großen Spass, wie wir später erfahren. Später bekommen die Kinder zwei Jutetaschen voll mit frischer Schafswolle für zu Hause geschenkt. Zu Skippers großer Freude… Alle kommen auf ihre Koste.

 


Mitsegeln auf der MARLIN? Du bist dabei: Bergen zu den Lofoten 15.4.2015 Spitzbergen im Mai und Juni ab Longyearbyen. Atlantiküberquerung ab Kapverden 1.12.15. Bonaire nach Kuba. Februar 2016. Und verschiedenes meer… www.sy-marlin.de/mitsegeln

 

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, Teil 8.: Von Porto Roses Richtung Barcelona.

 

Den Samstag Morgen weht es hart über Porto Roses. Beim Aufwachen pfeift der Mistral nur so die Hügel im Nordwesten herunter. Wolken jagen über den Himmel, als ich durch das mit dicken Tropfen beschlagene Luk meiner Kammer hinausschaue. Regen prasselt aufs Deck. Die ROXANNE neigt sich in den Böen, rüttelt an der Vertäuung. Die Persenning will sich losreissen. Schnell raus, noch im Schlafanzug, zusammen mit Marc, das schlagende Tuch zu bändigen.

 

Porto Roses? Einer dieser typischen Orte, die sich an der nördlichen Küste des ganzen Mittelmeeres dahinziehen. Hotels. Hotels. Pensionen. Ferienwohnungen. Immobilienmakler. Mir fällt ein: dass es auf dem Mittelmeer zwei große Völkerwanderungen gibt. Und hier: genau hier in diesen Einheits-Küstenorten, die sich von Spanien bis an die Ostgrenze der Türkei erstrecken: hier treffen die beiden Völkerwanderungen aufeinander.
Die eine: von Süd nach Nord. Menschen die Arbeit, Hoffnung, eine Perspektive suchen aus den Staaten Nord- und Zentralafrikas. Die andere: Von Nord nach Süd, aber genauso mächtig: Menschen, die den Sommer aus dem Norden ans Meer kommen, hier Erholung, Entspannung, Etschleunigung suchen. Porto Roses: Im Sommer 30.000 Einwohner. Im Winter 1.300.
Zwei gewaltige Wellen. Zwei Wogen. Die an diesem Morgen in meinem Kopf eine Kreuzsee bilden.

 

Und doch: hat Porto Roses auch im Winter seine guten Seiten:
Der Hafen ist sicher.
Die Paella gestern war heiß und gut. Der Rotwein köstlich. Genau, was ich wollte. Gegen 21.30 sank mein Kopf im Restaurant auf den Teller. Der Tag war zu lang. Ich war hundemüde vom Steuern, 24 Stunden mit 3 Stunden Schlaf. Wie köstlich, dann ins Bett zu dürfen. Unbezahlbar.
Die Bäckerin im Cafe oben beeilt sich, mir am Morgen ein großes Sandwich mit Serrano zu machen. Nein. Auch in der Trostlosigkeit lässt es sich verdammt gut leben. Vorausgesetzt. Ja vorausgesetzt: Man wendet an, was man beim Segeln lernt. Reduziere! Auf! Die! Einfachen! Freuden!
Und so hart der Mistral noch am früher Morgen hereinpfeifft: am späten Vormittag verliert er an Kraft. Marc meint, dass er sogar ganz einschlafen wird. Die Crew: Sie macht sich fertig zum Auslaufen.
Schwarze Fleece-Teile, Latzhosen, Körperteile, die auf ROXANNE’s engem Raum kurzzeitg kreuz- und quer durcheinandergehen. Zuvor aber ein Highlight. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN, die ich bei der Bäckerin in Porto Roses kaufte, entdecken wir unser Foto. Einen Bericht über uns und unsere Reise. Ein Highlight nach BILD und SÜDDEUTSCHER, die über unseren Törn berichteten.
Gegen halb drei legen wir ab. Sunnyboy Felix macht Aufnahmen mit uns im Hafen, für den Film. Es dauert. Aber alle sind mit Spaß dabei. Verflogen ist die Seekrankheit. Der Stolz überwiegt, etwas Großartiges durchgestanden und zu einem guten Ende gebracht zu haben. Die Crew: sie ist zusammengeschweißt. Fremde, die sich noch vor wenigen Tagen nicht kannten. Sich wahrscheinlich im Büro nicht ansehen würden: Sie sind jetzt ein Team.
Als es am lichtlosen Spätnachmittag zu dunkeln beginnt, übernehme ich von Marc die Wache. Meine Crew ist schon oben, Hauke Susanne kommen dazu. Sie hören in ihren Kojen unsere Gespräche, wollen teilnehmen. Sitzen mit uns, obwohl sie wachfrei haben zusammen. Felix dreht sein Zigarettchen. Filmt. Ulkt. Die Nacht ist unglaublich. Ein steter Wind aus raumschots treibt uns an der spanischen Küste entlang nach Westen, drei Leuchttürme zählen wir, die uns in der Dunkelheit und Kühle der Nacht wie Freunde vorkommen. Als es zehn ist: singen Andrea und Susanne. Beide haben wunderschöne Stimmen. Jeder darf sich ein Lied wünschen. Das sie dann zu zweit singen. Leider kennt nur Susanne mein Lied: THIS IS MY PLAYGROUND von MADONNA. Also singt sie allein. Das Lied kenn ich zwar nicht mehr: aber ihre Stimme in der Nacht, über dem Meer ist schön. Und als uns die Lieder ausgehen: singen wir noch ein WHAT SHALL WE DO WITH THE DRUNKEN SAILOR, bevor wir im Schutz der Nacht gegen halb zwölf in den Hafen von Bandes einlaufen und festmachen.
Das Leben: es ist schön, auf dem Meer.

Spaziergang über die Insel Carriacou

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Liebe Leser,

mein südlichster Wendepunkt auf der letzten Reise war Union Island, ganz im Süden der Inselgruppe namens “St. Vincent and the Grenadines”. Deshalb waren Grenada und die Inseln nördlich davon für mich genauso Neuland wie für Cati. Die nächste Insel ist nun Union Island, wir erreichen meine alte Route.

Vorher haben wir aber vergangenen Montag erstmal in die Hauptstadt St. Georges verholt, um unsere Vorräte aufzustocken. In Le Phare Bleu gab es nämlich nur einen kleinen Tante-Emma-Laden mit dem nötigsten, also Getränken, Brot, Wurst und Käse, aber kaum mehr. In der Hauptstadt hingegen ist die Versorgung sehr gut. Grund genug also, unsere Langfahrtseglerfamilie (die inzwischen auf fünf Yachten angewachsen war) zu verlassen und die Segel zu setzen.

In St. Georges haben wir neben einer holländischen Yacht festgemacht, deren Blog ich schon seit längerer Zeit verfolge. Leon und Frieda sind etwa in unserem Alter und stammen aus Holland. Mit ihrer “Puff” (die den Beinamen “the magic Dragon” trägt) sind sie einige Monate vor uns gestartet. Als ich noch im Büro saß, habe ich jede Woche auf ihre neuen Einträge hingefiebert und jedes Bild auf der Route Holland – Spanien aufgesogen. Dann sind wir selbst gestartet und in ihrem Kielwasser gesegelt. Nun haben sich die Kurse der fast gleich großen Yachten ganz zufällig auf Grenada gekreuzt. Wir sind gegen 16 Uhr eingelaufen und kurz nach dem Festmachen hatte Cati schon den Kaffee auf dem Herd. Nach einem Cappuccino an Bord der “Maverick” (“Was ist das eigentlich mit euch Deutschen, dass ihr nachmittags immer einen Kaffee trinken müsst?” ;-)) waren wir zusammen in einem nahen Fastfood-Imbiss und haben für wenig Geld zusammen ein kleines Potpourri der karibischen Küche gefuttert. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, mit den Händen essen und die vielen Knochenstücke, die vorsichtig aus dem Haufen heraus operiert werden müssen. Überhaupt scheinen die Tiere in der Karibik häufig so wie sie sind im Mixer und dann im Kochtopf zu landen. Aber man gewöhnt sich an alles. Nach dem Essen wurden wir dann noch zu zwei Cocktails auf die holländische Stahlyacht eingeladen und sind anschließend, karibik-typisch, bereits um 22 Uhr in der Koje verschwunden.

Am nächsten Tag waren beide Crews mit ihren Dinghys auf Einkaufstour. Wir haben uns mit den Basics für die vor uns liegenden Wochen versorgt. Eigentlich wollte ich auch noch ein paar Fotos für eine YACHT-Geschichte und einen neuen Blogeintrag ins Internet laden, aber den ganzen Tag über ist die Verbindung immer wieder zusammengebrochen.

Mittwochmittag haben wir dann endlich Abschied von Grenada genommen. Nachdem “Puff” schon morgens um neun abgelegt hat, sind wir gegen Mittag hinterher getuckert. Zum Segeln war im Lee der Insel leider zu wenig Wind. Eigentlich sollte das Ziel der Etappe die Tyrrel-Bay auf Carriacou sein, aber gegen 15 Uhr haben wir uns dann entschlossen, die unbewohnte Insel Ronde Island anzulaufen, die auf halber Strecke liegt. Der Anker fiel auf etwa fünf Meter Wassertiefe, hinter zwei britischen Yachten. Die erste Nacht vor Anker. Eine Nacht, der noch viele dutzende folgen sollen, denn von nun an soll nur noch geankert werden. Allerdings war es auch sehr rollig, denn gut geschützt ist die Bucht nicht.

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Am nächsten Morgen sind wir dann wieder Ankerauf gegangen und haben die letzten 12 Meilen nach Carriacou zurückgelegt. Wieder ein Meilenstein: Das erste Mal vor Anker in türkisem Wasser. Cati ist gleich hineingesprungen, ich hinterher. Mit Schnorchel und Brille. Der Anker liegt auf vier Meter Tiefe, perfekt in den Sandboden eingegraben. Hier können wir entspannt liegen.

Eigentlich wollten wir am Samstag weiter nach Union Island segeln. Eine Distanz von wieder nur 12 Meilen. Doch Samstags nehmen die Zollbüros und Einwanderungsbehörden hohe Zuschläge fürs Ein- und Ausklarieren. Union Island gehört bereits zur nächsten Inselkette, deshalb müssen wir uns hier ab- und dort anmelden. Nachdem der Außenborder Samstagmittag schon an Bord gewuchtet war, haben wir uns dann also doch zum Bleiben entschlossen. Lieber das Geld sparen und zwei Tage länger hier sein.

Eine gute Gelegenheit, ein bisschen mehr von der Insel sehen und endlich einen Blogeintrag zu senden. Blöderweise ist das Internet hier sehr instabil. Trotz perfektem Empfangs ist keine Bandbreite hinter dem Signal. Das merkt man aber immer erst, wenn die 8 Dollar für 24 Stunden schon bezahlt sind ; )

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Gestern sind wir also mit dem Dinghy an den Strand gefahren und haben uns zu Fuß auf den Weg nach Norden gemacht. Einerseits um das Geld für den Bus zu sparen – andererseits, um Fotomotive zu entdecken, an denen wir ansonsten vorbeigefahren wären. Einige Kilometer Fußmarsch in der Sonne, die die Strapazen aber wert waren. Zuerst haben wir auf halber Strecke den Paradise Beach besucht. Dann sind wir weiter nach Hillsborough gelaufen, die Hauptstadt der Insel.

Etwa 1,5 Kilometer vor der Stadt kam plötzlich ein großer, schwarzer Hund von einem Schrottplatz aus auf uns zugerannt. Ein Streuner, offenbar noch relativ jung und unglaublich neugierig. Durch die Größe waren wir natürlich erstmal ein bisschen eingeschüchtert, vor allem als er Anstalten machte, an mir hochzuspringen. Aber er war keineswegs aggressiv, sondern total aufgeregt, dass da jemand des Weges entlang gelaufen kommt, während alle anderen einfach vorbeifahren. Wir waren da, um mit ihm zu spielen – das war für ihn eine ganz klare Sache. Also lief er immer wieder um uns rum, hüpfte, kläffte, freute sich, wedelte mit dem Schwanz.

Wir haben versucht, ihn zu ignorieren, sind einfach weitergelaufen. Aber das machte ihn aufgeregter. Nun kannte er unseren Weg und rannte fröhlich vor uns her. Neugierig in jede Ecke schauend und andere Hunde wegbellend. Wir schöpften ein wenig Vertrauen in das große Tier – das allerdings auch gleich wieder wich, als er sich einfach ein kleines Schaf am Wegesrand griff, ihm in den Nacken biss uns es in den nächsten Acker pfefferte. Allerdings wohl auch spielerisch und sehr vorsichtig, denn das Schaf stand danach gleich wieder auf, als wäre nichts gewesen. Da fielen mir dann auch die großen, langen, weißen Zähne auf, die schon gefährlich wirkten. Wieder lief “Rambo” freudig um uns herum, schien es aber besonders auf mich abgesehen zu haben. “Jetzt hast du einen Hund”, lachte Cati. Und tatsächlich, er war nicht mehr loszuwerden. Ein armes Tier eigentlich. An seinen Beinen waren einige schlecht verwachsene Wunden zu erkennen, die er mit seinen jungen Jahren bereits an sich trägt. “Den müssen wir jetzt wohl mitnehmen”, meinte Cati, die schon immer einen Hund haben wollte. Natürlich nicht ganz ernst. Denn schon beim Einklarieren auf Union Island wäre seine Reise ohne Papiere zuende. Außerdem haben wir schon eine Kuh an Bord.

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Aber wie loswerden? Hillsborough lag plötzlich vor der Nase. Zumindest für karibische Verhältnisse eine Großstadt. Der Hund hielt einen Augenblick inne, wartete auf uns. Offenbar war die Stadt für ihn Neuland. Aber wir gingen weiter, also rannte auch er wieder vergnügt los und vor uns her, in jede Ecke schauend, sein neues Revier markierend. “Was hat der eigentlich getrunken? Er markiert schon den dreißigsten Baum!” staunten wir. Inzwischen hatte “Brutus” noch mehr Vertrauen gewonnen, kam immer näher und machte erneut Versuche, an mir hoch zu springen. Schaute mich aus treuen Augen an. Wären doch nur die großen Zähne nicht. Ich hätte ihn am liebsten einmal durchgestrubbelt. Aber wir mussten ihn loswerden. “Da ist ein Supermarkt, schnell rein!” rief ich Cati zu. “Waldi” blieb am Eingang stehen. Offenbar wusste er, dass er dort nicht hinein durfte. Wir mussten ohnehin noch ein bisschen einkaufen und ließen uns eine Menge Zeit zwischen den fünf Regalen mit ihren 80 verschienenen Waren. Als wir eine Viertelstunde später wieder vor die Tür traten, war der Hund weg. “Geschafft”, flüsterte ich. Und merkte im selben Augenblick, wie mir kaltes Wasser von hinten gegen die Beine flog. “Da ist er wieder”, rief Cati und lachte sich kaputt, “er war kurz im Meer baden!”

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“Struppi” freute sich mehr denn je uns zu sehen und lief wieder treu und plitschnass neben uns her. Er begleitete uns sogar in unseren nächsten Zufluchtsort, eine örtliche Fastfoodbude. Statt Döner oder Hamburger isst man hier Roti. Karibisch-Indische Teigfladen, gefüllt mir einem Stew aus Kartoffeln, Curry und Fleisch. Extrem billig und lecker, meist aus Holzbaracken oder Straßenständen verkauft. Bei mir war sogar noch ein kleiner mit Käfer eingebacken, ohne Aufpreis. Der Hund folgte bis an den Tresen. “Is that your dog?” fragte uns die einheimische Dame hinter der Kasse. “No, he followed us inside”, erklärte Cati – worauf die Verkäuferin den Hund kurzerhand aus dem Laden beförderte. Kaum vor der Tür hing er uns aber wieder an den Hacken, folgte bis vor einen Eisenwarenladen und anschließend weiter. Wir waren inzwischen auf dem Rückweg zur Tyrrel Bay.

Plötzlich hielt “Rocky” (wir hatten uns immer noch auf keinen Namen verständigt) inne, stocksteinernen Blickes. Wie eingefroren. Direkt vor uns, neben einem Gitter, das vor dem Eingang eines mittlerweile geschlossenen Ladens hing. Dahinter saß eine kleine, getigerte Katze, die ebenso eingefroren auf unseren “Blacky” starrte. Sich wohl bewusst, dass sie hinter dem Gitter in Schutz war. Keiner der beiden rührte sich, als spielten sie ein Spiel, wer wohl zuerst blinzelt. “Das ist die Chance”, rief ich Cati zu. Schnell weiter. Im passenden Augenblick kam einer der kleinen Toyota-Busse, die hier in Linie fahren. 60 PS und 1000 Watt in der Soundanlage. Die neun Sitze sind häufig mit 16 Personen besetzt. “Schnell, rein da”, schob ich Cati vorwärts. Schiebetür auf, schwupps ins Auto, Schiebetür zu. Ich drehte mich um. Unser “Bandit” war inzwischen 100 Meter hinter uns, noch immer vollkommen vertieft in die Katze. Er hatte unsere Flucht gar nicht mitbekommen. Schnell ließ der kleine Bus die Stadt hinter sich und setzte uns 20 Minuten später in der Tyrrel Bay ab, für 3,50 EC-Dollar. Umgerechnet 1,30 Euro.

Was der Hund wohl dachte, als er sich umgedreht hat und wir weg waren? Wir denken noch oft über ihn nach und ich bin kurz davor, nochmal nach Hillsborough zu laufen und ihn mal richtig durchzuknuddeln. Egal, ob er Flöhe hat. Aber dann wäre er wohl noch schwerer wieder loszuwerden. Und wir müssen morgen weiter. Hinüber nach Union Island und dann die Inselkette hinauf nach Norden. So ist das Fahrtenseglerleben. Freundschaften schließen und wieder aufgeben. Nur mit Hunden hatte ich das noch nie.

 

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, TEIL 7: Die Nacht. Der Golf de Lion. Andrea. Und die 40 Windstärken.

Es ist zehn vor neun, als wir endlich aufbrechen. Tagsüber hatte es in heftigen Böen aus Ost in den Vieux Port von Marseille geweht. Ich bin unschlüssig, ob wir bei dem Wetter rausgehen sollten. Mit einer Crew von Nichtseglern. Menschen, die noch vor wenigen Monaten das Übelste: Chemo- oder Strahlentherapie durchgemacht haben. Mit allen Begleiterscheinungen. Mit allen, wirklich allen Folgen.

Kann man das? Darf man das?
Auch Marc, der Skipper, ist sich angesichts der Wetterberichte nicht sicher. Zumal ja auch hier in Marseille zwei neue Crew-Mitglieder zu uns stoßen werden, die wegen des Piloten-Streiks auch noch nicht eingetroffen sind. Marc und ich beraten uns. Es sind für den 2. See-Tag sicher nicht die besten Bedingungen: Wind 5-6 Beaufort auf Raumschots-Kurs. Böen darüber. Wellenhöhen 3-4 Meter im Golf. Aber auch nichts, was jetzt akut Gefahr bedeuten würde. Unser Schiff, die ROXANNE, ist eine 49-Fuß-Yacht: Groß genug, gebaut für genau so etwas. Wir beschließen, in jedem Fall rauszugehen. Und wenn die Verhältnisse wirklich schlimm werden sollten: Nach Port Saint Louis, unseren Ausgangshafen abzulaufen. Das ist das wirklich Schöne an diesem Revier: Häfen und Schlupflöcher gibt es hier, im Golf de Lion, diesem wirklich anspruchsvollen Seegebiet, alle 10 Seemeilen. Das hat man nicht überall so.
Gegen sieben ist Susanne da. Aber ohne Gepäck. Das hat die LUFTHANSA verbaselt. Wieder überlegen wir: sollen wir noch warten? Ihre dringendste Medizin hat Susanne zwar im Handgepäck. Aber alles andere, Segeljacke, Stiefel, warme Wäsche: Sie sind im Gepäck. Und LUFHANSA sagt: frühestens morgen. Wir beschließen, trotzdem rauszugehen. Susanne wird immer die Ausrüstung von jemandem tragen, der gerade wachfrei hat. Und ihr Gepäck dann in Barcelona erhalten.
Es ist zehn vor neun, als wir endlich aufbrechen. Der Wind hat sich beruhigt. Über der Marina ist es ruhig. Das Riesenrad leuchtet über dem Hafenbecken. Es ist ungewöhnlich ruhig. Aus dem Gebäude der SOCIETE NAUTIQUE schallt etwas Lärm von einem Club-Event herüber. Ausgelassene Menschen in Feierlaune. Sie tanzen, reden, essen im Warmen. Wir: stehen draussen: eingepackt in dicke Klamotten. Schwere Seestiefel. Rettungswesten Lifebelts. Drunter mindestens zwei Lagen Unterwäsche. Dann Fleece. Soviel ist sicher: es wird kalt werden, da draussen in dieser Nacht auf dem Golf. Um die 8 Grad. Im Starkwind.
Der Weg über den Golf de Lion hinüber nach Spanien, nach Porto Roses, ist etwa 120 Seemeilen lang. Wir rechnen mit einer Zeit auf See von etwa 20 Stunden. Marc hat uns in zwei Wachen eingeteilt: Die erste Wache besteht aus Marc, Anna, Hauke und der neu hinzugekommenen Susanne. Die zweite Wache besteht aus mir, Jo und Andrea. Sunnyboy Felix, der einen Film über uns dreht, unser Kameramann, wird abwechselnd jede Wache filmen. Wenn die Wetterbedingungen es zulassen und wir Skipper es erlauben. Die erste Wache wird uns aus Marseille heraussegeln in den Golf hinein. Nach Mitternacht, gegen halb zwei, so ist es geplant, übernimmt die zweite Wache. Und die erste legt sich schlafen. Vier Stunden dauert jede Wache. Um halb sechs werden Marc und sein Team uns dann wieder ablösen. 
Das Ablegen, es klappt lautlos in der Nacht. Leise tuckern wir jetzt aus dem windstillen Hafen, ROXANNE gleitet wie ein Luftschiff majestätisch vorbei an der imposanten Festung. Wir passieren in der Dunkelheit die Außenmole. Jetzt sind wir draußen. Die ersten Wellen. ROXANNE nimmt sie gelassen, aber sie sind nicht zu übersehen. Das Schiff beginnt zu arbeiten, Schotten knarzen leise, als das Schiff eintaucht. An Deck leises Gemurmel. Wo soll der Fender noch mal hin? Wie geht der Webeleinstek noch? Die klammen Finger tun ein Übriges. Als das Schiff aufgeklart ist in der Dunkelheit, bitte ich meine Wache unter Deck. Jetzt ist jede Minute kostbar. Schlafen. Genau vier Stunden. „Ruht Euch aus.“
Aber so einfach ist das mit dem Schlafen nicht. Der Seegang ist gröber geworden. Marc hat oben Segel gesetzt. Das Schiff arbeitet noch stärker, das Gurgeln des Wassers, draussen, Zentimeter von mir entfernt hinter der knapp ein Zentimeter dicken Bordwand aus Glasfaser, ist nicht zu überhören in hunderterlei Tönen. Taucht das Schiff in die Welle: staucht es mich in die dünne Matratze. Taucht das Schiff aus der Welle heraus, schwebe ich sekundenbruchteile darüber. Trotzdem schlafe ich drei, vier, fünfmal ein. Bis mich Kommandos, Stimmen, das Rauschen des Funkgeräts in der Dunkelheit gleich wieder wecken. Geregelter Schlaf? Kein Gedanke.
Dann klopft es an meine Tür. Es ist kurz vor zwei. Der Wind hat deutlich zugenommen. Ich ziehe mich langsam an. Die Funktions-Unterwäsche. Die Fleece-Unterwäsche. Zwei Wollpullover. Dicke Wollsocken. Schwerwetter-Hose. Seestiefel. Seejacke. Schwimmweste. Lifebelt. Meine Wollmütze. Handschuhe. Es geht los.
Jo und Andrea warten schon. Wir gehen hoch an Deck. Da sieht es übel aus. Während Felix über Wind und Welle jubelt, hat Anna, Hauke, Susanne und Marc die Seekrankheit gepackt. Felix, Sunnyboy, hat für jeden immer ein Paiertuch parat. Marc ignoriert die Übelkeit, er steht kreidebleich, doch unbeirrt am Steuer. Anna und Hauke leiden schwer, müssen sich immer wieder über die Bordwand übergeben. Jetzt nur die richtige Seite erwischen, die, bei der der Wind, der mit 25 bis 30 Knoten weht, den Kram fortträgt und nicht aufs Schiff.
 
Kaum sind wir an Deck, ziehen die vier ab, zu ihrer verdienten Ruhe. Kaum sind wir an Deck, muss auch Andrea spucken. Während ich das Schiff aufklariere in der Dunkelheit und Jo am Steuer steht, muss sich Andrea übergeben. Ihr ist schlecht. Auch sie ist nun seekrank, sie sitzt still an Deck. Fällt aus. Ich bitte Sunnyboy Felix, unseren Kameramann, doch so gut zu sein: und im Salon zu schlafen. Wahrscheinlich werden wir reffen müssen: und dafür brauche ich noch eine weitere erfahrene Hand im Starkwind. Er soll sich bereithalten.
 
Andrea beugt sich über die Reling nach achtern, um sich zu übergeben. Wieder und wieder. Der Wind nimmt gegen zwei weiter zu, wir haben jetzt 30-35 Knoten, kein Mond, kein Stern am Himmel. Ich habe noch einmal reffen lassen, Jo und Felix klettern in der Dunkelheit auf dem schwankenden Deck nach Vorne, das Groß ist jetzt mit kleinster Segelfläche draußen, die Genua im 2. Reff. Die ROXANNE rauscht dahin durch die stockdunkle Nacht, kein Schiff, kein Licht am Horizont. Sie ist wie ein größer Stahlcontainer, der durch die Wellen getrieben wird, vom kalten Wind, schaukelnd, schwankend, knarrend, knarzend, geigend. Um uns sind nur die Wellenkämme erkennbar, zu denen man jetzt manchmal hinaufschauen muß, wenn sie heranrollen. 

Kein Ort, an dem man sein will? 
Kein Ort, an dem man genesen kann? 
Oder doch?
 
Als Andrea zum 11. Mal über die Reling kotzt und sich erschöpft herüberbeugt, höre ich sie sagen: „Das ist das Gute: Kotzen hab‘ ich letzten Dreivierteljahr echt gelernt. Das schmeißt mich nicht mehr um.“ Wie bitte? „Naja: nach der Chemo kotzt Du soviel: das macht Dir nichts mehr aus. Du merkst einfach, was wirklich wichtig ist. Und dass Du kotzt: ist nicht mehr wichtig.“ 
 
Nur zittern tut sie jetzt heftig. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Bitte Felix, während ich am Steuer stehe, doch Cola zu holen, für Andrea. Das hat meinen Brüdern auch immer geholfen, wenn die als Kleinkinder kotzten. Bei Andrea hat der Schluck Cola zunächst den gegenteiligen Effekt. Sie beugt sich zum zwölften Mal über die Reling. Aber das Zittern ist weg. Und ihre Lebensgeister kehren zurück. Ich setze sie ans Steuer. Die alte Regel, vielleicht hilft sie ja auch hier: Wer steuert, wird nicht seekrank. Und Andrea nimmt die Aufgabe an: Sie steuert das mehr als 10 Tonnen schwere Schiff alleine durch die Finsternis, bei Wind zwischen 25 und 35 Knoten. Und ihre Lebensgeister kehren zurück. Irgendwie. Sie kämpft und kurbelt tapfer. Ein ums andere Mal läuft ihr das Schiff aus dem Ruder. Es macht nichts. Wir haben Zeit. Sie ist ein ziemlicher Brocken, die Frau aus dem Pott, und steuert tapfer. Obwohl sie zum ersten Mal am Steuer einer Yacht steht. Zumal in dieser Extremsituation.
 
Als der Morgen langsam graut – und es ist tatsächlich nicht mehr als ein lichtloses Grau über dem Meer – weht der Wind immer noch mit 30, 35, teilweise 40 Knoten.
Wir steuern die ROXANNE aus der Nacht in den Morgen, sind jetzt mitten auf dem Meer. Halb sechs Uhr morgens. Knapp hundert Kilometer in alle Richtungen kein Land mehr. Das Handy: es hat schon lange kein Netz mehr. Und wird auch jetzt lange keins haben. Wir sind auf uns gestellt.
Die hohen Wellen sind da. Die Gischt, die sich in zarte Streifen legt. Die Wellenkämme, die neben uns brechen. Ein paar Seevögel, die lautlos durch die rauschenden Wellentäler ziehen. Es sind faszinierende Landschaften. Hügel, die heranrollen, und unter ROXANNE liebkosend durchgehen, eben, als ich noch denke: die knallt jetzt voll an die Bordwand.
„Am schlimmsten war es für mich, meine Angehörigen während meiner Krankheit leiden zu sehen. Meine Mama. Rafael, meinen Mann. Es ist so schlimm, dass ich nichts für sie tun konnte. Mein Mann würde das zwar nicht hören wollen: aber bevor er Krebs kriegt: krieg das lieber ich.“ Ruhrpott. Da redet man so. Wie nett, dass das ein Teil Deutschlands ist.
Jo steht in der Dämmerung am Steuer. Er ist 49, Darmkrebs. Und während Andrea neben ihm sitzt und ihm die Windstärke vorliest, immer wieder im starken Wind die Knoten-Anzahl vorsingt, steuert Jo die Yacht die Wellenberge hinunter. An einem Samstag Morgen, der kein ganz normaler Samstag Morgen ist, weit, weit entfernt vom Land. Draußen.
Das Wetter macht ihm nichts aus, Jo ist schon öfter gesegelt, bevor er krank wurde. Er hat sein Leben rigoros geändert, hat sich getrennt aus seiner langjährigen Beziehung, suchte eine neue Beziehung, erzählt mit leuchtenden Augen darüber.
Gegen sieben wecke ich Marc. Er ist nicht fit. Trotzdem geht der Skipper ans Ruder, zusammen mit Susanne, Anna und Hauke. Sie übernehmen ihre Wache, steuern das Schiff. Während Andrea, Jo und ich unter Deck gehen. Feuchte Klamotten ausziehen. Und dann ganz schnell unter die Bettdecke. Schnell. Schnell. Schlaf. Wärme. Köstlich.
Hauke (liegend), Anna am Ruder, Susanne und Marc.
Gegen 10 Uhr löse ich Marc wieder ab. Trommle meine Crew, Andrea und Jo, aus dem Tiefschlaf. Wieder das gleiche Spiel. Wieder rein in die noch feuchten Sachen. Das Schiff: es hat keine Heizung. Was einmal feucht ist: bleibt feucht. Was einmal nass ist: bleibt nass. Ein bisschen hilft es, die nassen Sachen in der Kälte mit Küchenkrepp und Zeitungspapier auszustopfen. 20 Minuten braucht man, bis man wieder in seiner Montur ist, die Anzieh-Prozedur von gestern Abend wiederholt hat. Dann sind wir drei fertig. Und gehen rauf an Deck.
Der Wind ist ruhiger geworden, am Morgen, wir haben jetzt noch 15-20 Knoten, aber es beginnt zu regnen. Nur leicht, aber es reicht um alles nass zu machen. Aber die Segelsachen, die HELI HANSEN den Segelrebellen für diesen Törn als Sponsor kostenlos zur Verfügung stellte: sie halten dicht.
Die Hälfte dieses langen Schlages, die haben wir jetzt hinter uns. Es regnet. Lufttemperatur etwa 11, 12 Grad. Wind raumschots aus Südost. Weil wir drei uns fit fühlen, steuern wir weiter, lassen Marc und seine Wache auch über die vereinbarte Zeit schlafen. Dunkle Wolken ziehen am frühen Nachmittag auf vor uns. Wir halten auf Cap Creus zu, eigentlich müßte man das schon längst sehen, aber die schwarze Wolkenbank versperrt uns die Sicht. Liegen die Felsen jetzt 15 oder 5 Seemeilen vor uns? Ich gehe nach unten, um unseren Standort zu ermitteln. Jo und Andrea steuern das Schiff. Ich trage unseren letzten Ort in die Seekarte und ins Logbuch ein. Die dunkle Wolkenwand: wir werden eins auf die Mütze bekommen, so viel ist sicher.
Gegen 14 Uhr erwischt uns die Kaltfront. Schlagartig Starkregen, die Sicht geht auf 50 Meter herunter, dafür steigt jetzt der Wind. Auf über 40 Knoten nimmt er zu, ich steuere das Schiff, „gottseidank hab ich vor 10 Minuten gerefft,“ ich hatte so eine Ahnung, manchmal funktioniert das ja. Andrea steht neben mir, singt mir ständig Windstärke aus und die Tiefe. Ich habe vor, mich im Starkwind an der 100 Meter-Tiefenlinie entlang zu bewegen, bis wir Cap Creus umrundet haben und vor der südlichen Einfahrt nach Porto Roses stehen. Und dabei muss mir Andrea jetzt helfen.
In der Weite des Meeres, verloren in der Schönheit der See: Andrea, Jo, ich bei der Arbeit im Regen. Gefilmt von Kameramann Felix.
Der Wind legt noch einmal enorm zu, Gischt weht waagrecht übers Vordeck, ich kenne das, wenn das Boot in die Wellen taucht, es ist mein Kennzeichen, dass der Wind jetzt in den Vierzigern weht. Segeln bei acht Windstärken. Eine Viertelstunde dauert der Starkregen. Dann nimmt er ab. Die Sicht wird besser. Aber der Wind, der bleibt. Bis Andrea plötzlich die Delfine entdeckt. Unmittelbar nach dem Sauwetter.
Es ist eine ganze Herde: Zwei, drei, vier Alt-Tiere mit über zwei Metern Länge. Ein, zwei Kleinchen sind dabei. Sie springen neben dem Boot aus dem Wasser. Sie schwimmen im Bug mit uns mit. Sie tauchen unter ROXANNE durch, sind mal links, mal rechts. Meine Wache jubelt, schreit, ruft, mitten im Starkwind. Freut sich, ohne Grenzen, ohne Ende. Delfine, Delfine. Wie immer, wenn man diesen Türen auf dem Meer begegnet, ist man tief berührt. Ein Schmetterling ist schön. Ein Delfin ist unser Bruder, unsere Schwester. Fünf Minuten dauert das Spiel: dann sind die Delfine weitergezogen. Aber sie haben uns ein reiches Geschenk gemacht.
Endlich tauchen die Felsen von Cap Creus vor uns auf in den Wolkenfetzen. Sie sind noch weiht weg. Aber weil es immer noch um die 40 Knoten, teilweise bis 50 Knoten weht, wecke ich Marc gegen drei, um zur Sicherheit die Navigation zu machen. Es klappt zwar ziemlich gut, mich entlang der 100 Meter-Tiefenlinie an Creus entlang nach Süden zu hangeln, aber an dieser Leeküste sollten wir zu zweit das Schiff navigieren. Marc bestimmt laufend unter Deck die Position, Andrea hält mich mit dem Aussingen der Tiefen auf der 100 Meter-Linie, ich steuere. Gegen 16 Uhr stehen wir vor Porto Roses, gegen 16.30 machen wir im Hafen endgültig fest. Das Boot ist innen klatschnaß. Die Crew jubelt ausgelassen. Wir sind fröhlich und voller Freude über das, was wir an diesem Tag geleistet haben. Im März über den Golf de Lion. Danke, Marc. Für die Idee mit den SEGELREBELLEN.
Und ich: ich träume. Von einem großen Teller mit heißer Paella. Und dazu drei Gläsern Rotwein. Mindestens. 

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, Teil 6: In Marseille.

Am späten Nachmittag des Donnerstag erreichen wir Marseille. Marc bringt das Schiff in den Vieux Port, den alten Stadthafen, mitten rein in die Stadt. Ein guter Platz. Wenn nur der SOCIETE NAUTIQUE DE MARSEILLE, der Traditionssegelclub, in dem wir liegen, nicht in Trauer wäre über seine Club-Kameradin, die französische Segellegende Florence Arthaud, die bei einem Hubschrauberabsturz in Guadeloupe ums Leben kam. Das Porträit der Seglerin, der ihr Leben ins Gesicht geschrieben steht, prangt zwischen Blumensträußen über dem Eingang in die Societé.
Die Crew der Segelrebellen ficht dies nicht an. Unser Schiff ROXANNE liegt zwischen lauter Yachten aus den 20igern, weiß und gepflegt wie das Clubgebäude. Ein wunderbarer Ort, um in Marseille zu sein. Mitten drin in den sichtbaren Narben und Umbrüchen dieser Stadt.
Marseille ist gezeichnet von diesen Umbrüchen. Die Flut Algerieneinwanderer in Nachkriegsjahren, Überfremdung, Rassenkonflikte und Gewalt in den Siebzigern. Reihenweise schließende Industrien seit den Neunzigern, Arbeitslosigkeit. Phänome, mit dem Ettikett „Des-Industrialisierung“ in ein dürres Wort gekleidet. Alles, was wir in Deutschland auch kennen, nur nicht in dieser Heftigkeit. Die Stadt, die Regierung, die sich dem mit Kraft entgegenstemmen. Versuchen, Tourismus, Dienstleistung, neues hereinzubringen. „Nach den besten Jahren. Aber sexy.“
Die Crew ist fröhlich. Zwei weitere Mitglieder stossen dazu: Mitsegelerin Andrea, die in den Tagen zuvor von der BILD-Zeitung für ein Interview über die SEGELREBELLEN ausgewählt worden war:
Am nächsten Abend um 21 Uhr legten wir ab. Segelten hinaus in den Golf de Lion. Und warum mich Andrea wirklich beeindruckte, während wir die Nacht bei bis zu 40 Knoten durchsegelten: darüber schreibe ich in meinem nächsten Post. Hoffentlich heute Abend.

Vassilingalou – Ein Wort über M. Narjeat

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EIN WORT über M. NARJEAT
Monsieur Narjeats Augen haben auf dem Kopfkissen dünne Blutspuren hinterlassen. Sein Gesicht ist angeschwollen, die Verletzung oberhalb seiner dunkelbraunen Stirn ist wie eine halbe Orange. Er ist sichtlich verwirrt. Braucht viel Zeit, um zu entscheiden, mit welcher Hand der Ständer mit den Tropftüten zu packen ist. Eine Ewigkeit bis das Manöver an der Badezimmertür beendet ist. Er schläft viel, tagsüber zumindest. Nachts isst er mehrmals Gehamstertes aus unserer beiden Speisetabletts und raschelt systematisch in tiefen Nylontüten. Fast meine ganzen Portionen landen dort, weil ich niemanden überzeugen kann, dass ich Vegetarier bin. Sein nächtlicher Schlaf wird immer plötzlich vom Harndrang unterbrochen. Auch nach mehrtägiger Routine und erheblicher Verkürzung des Hantiers mit dem Ständer, schafft er es nicht bis hinter die Badezimmertür. Sein Strahl zielt auf die Kloschüssel aus der Entfernung. Ein guter Schütze ist er nicht. Geschweige mit der schweren Artillerie. Eines Nachts vergisst er den Infusion-Ständer und sein Blut zeichnet quer über das Zimmer bizarre Bilder. Ich liege gelähmt von Schmerz und Tropf, kann kaum den Notknopf drücken. Die Krankenschwester, aufgebretzelt wie die Königin von Kongo, nimmt etwas von den Flüssigkeiten mit einer Windel auf und legt sie auf meinen Speisetisch. Ein Albtraum? Die Windel liegt zum Frühstück immer noch da.

Vier Tage später geht es mir deutlich besser. Es ist klar, was mit mir los war. Jetzt laufe ich mit meinen Tropftüten rum und kann arbeiten, denn Monsieur Narjeat lässt mich nicht langweilen. Ihm geht es auch besser. Die Orange ist weg, die Augen bluten nicht mehr, der Tropf ist ab. Verwirrt ist er dennoch und sein Strahl unverbesserlich ungenau. Das Krankenhaus in Form einer faulen, krummbeinigen Sanitäterin, hat mir Putzlappen und Desinfektionsflasche zugewiesen. Nach jedem Besuch von Monsieur Narjeat auf der Toilette putze ich und bin glücklich. Ich komme hier bald raus. Ich bin bald den Stein in meiner Niere los. Ich werde die Frau meines Lebens heiraten. Nur eine kleine Wolke gibt es. Wir zwei müssen unsere Reise unterbrechen, denn ich bin nicht krankenversichert und mein mickriger Nierenstein wird teurer als drei große Diamanten. Egal, ich war in Not, man hat mir geholfen. Danke! Ich zahle! Ich arbeite und zahle. Mit diesem Versprechen werde ich entlassen.

Monsieur Narjeat muss noch bleiben, ich weiß nicht warum. Sein Besuch bringt ihm Wasser, Säfte, Eau de Collogne. Das ganze Zimmer duftet! Es vergeht einige Zeit, bis ich begreife, dass die Eau de Collogne- Duftwolke um ihn, kein Produkt der Eitelkeit ist. Sie kommt mit seinem Atem. Monsieur Narjeat ist versichert und bleibt.

“Wie viel hat das Krankenhaus gekostet?” Interessiert alle sehr. Ich war lange drin, aber die Immobilie an sich ist dennoch wesentlich teurer, obwohl ziemliche Ruine, denke ich mir. Genau drei unserer fünf bekannten Segler hier fragen mich allen Ernstes: “Warum bist du nicht einfach abgehauen? Warum setzt ihr nicht einfach Segel?”

Abhauen? So tun, als wenn nichts gewesen wäre? Wer würde dann von Monsieur Narjeat erzählen?

Vasill, Martinique im Jahre 2014

SV Grisu – Harry Schank Azores PT

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VOM BERGMANN ZUM SEEMANN – DER LANGE WEG ZU DEN AZOREN
Dies ist die Kurzgeschichte eines langen Lebens von HARRY SCHANK, geboren im Jahre 1969 mitten in HERTEN einer Bergbaustadt mitten im Ruhrgebiet.Wer dort geboren wird, dessen beruflicher Weg war damals vorgezeichnet: Harry wurde zum Bergmann ausgebildet und hat viele Jahre unter Tage in Kohle Förderung gearbeitet. Keineswegs ein Traumberuf, weshalb eine Umschulung zum Schweisser schnell erfolgte. Handwerklich allround begabt, ist Harry mit 27 Jahren nach Holland gegangen, wo er auf Yachten und Motorbooten lebte und als Lackierer und Schiffszimmermann bis 2008 gearbeitet hat. Dann war die SV GRISU, eine Catalina 36, startklar für die grosse Reise.

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Der Sommer 2008 war für Segler auf Reise in den Süden keineswegs ein Spaziergang. Harry hatte im Kanal und der Biscaya mit Windstärken 8-10 zu kämpfen und musste viele Nächte in überteuren Marinas Warteschleifen drehen, weil das Wetter immer wieder die Weiterreise durchkreuzte. Die Reise zehrte an Nerven und Reisekasse und ergab sich als ideal, dass Harry in PORTIMAO einen Job als Schiffszimmermann für einen Spanier annehmen konnte, der ihm für 8 Monate Arbeit brachte.

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Im Frühjahr 2009 ging es dann Richtung AZOREN weiter, eine Traum Destination, die Harry´s Leben verändern sollte. Denn Harry hat in HORTA / FAIAL inzwischen eine neue Heimat gefunden. Seine Firma GOODATWOOD beschäftigt heute vier Mitarbeiter, er wohnt hingegen immer noch auf der SV Grisu, die im Hafen liegt.

Auch als Erfinder ist Harry aktiv geworden: er ist Erfinder eines patentierten Wellenlagers, das zwecks Erneuerung des Gummilagers aufzuklappen ist, was dem Service Persona von Werften ungeheure Arbeit ersparen kann. Das Patent wurde verschiedenen Firmen zur Verwertung angeboten.

Als langjährigem Windpilot Segler war es für Harry nur noch ein kleiner Schritt, heute mitten im Atlantik Windsteuersysteme zu vertreiben und zu montieren.

So ergeben sich die Dinge im Leben manchmal wie von selbst, und meist verstecken sich dahinter dann diese Geschichten, wie ich sie ich so gern erzähle…

Afbeelding 017Die Geschichte von Harry, dem Mann, der seine WINDPILOT PACIFIC geradezu abenteuerlich stark seitenversetzt montierte, dass mir fast die Kinnlade heruntergefallen ist, als ich das obige Foto schoss. Wenn Harry mir bis heuet angelegentlich versichert, dass das System bis heute perfekt funktioniere, will ich das immer noch nicht recht glauben…

sei´s drum…
Peter Foerthmann

SV Monsterpiu – Adriana Diniz + Jayme Santos Souza BR

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BRASILIANISCHE ALIENS IN GREIFSWALD
Dies ist die Kurzgeschichte von zwei brasilianischen Seglern, die ihr neues Schiff in Greifswald persönlich abgeholt haben und dabei ganz eigentümliche Erfahrungen haben machen müssen.

Nach langer Flugreise erreichten sie Hamburg Airport an einem kalten Abend Ende März 2014. Der Entschluss, mit Mietwagen nach Greifswald weiterzureisen, war die logische Entscheidung, weil eine Menge Gepäck mitgekommen war. Jedenfalls erreichten Adriana und Jayme Nachts um 02:30 einigermassen glücklich, wenngleich müde, das Ziel ihrer langen Reise: GREIFSWALD, Geburtsort ihrer neuen Jacht.

DSC01151Eine Stadt im Schlaf ohne Bewegung auf den Strassen, weder Im Hafen noch in der Stadt ein warmes Willkommen. SOFA PENSION, das war die letzte Chance auf ein warmes Willkommen und Doppelbett.

Bei Tageslicht ging es zur Werft, ein Mitarbeiter von HANSE brachte die Beiden zur SV MONSTERPIU, die im Hafen an den Leinen zerrte. Man zeigte das Boot, den Bordkomfort, die Mikrowelle, MP3 Player … aber Jayme war mehr interessiert an der Bootstechnik: Segel, Motor, Bordelektrik und Hydraulik. Eine formgerechte Übergabe unter Segel und Maschine war offenbar nicht vorgesehen. Enttäuschung!

Der Umgang mit der Werft erwies sich als hard core business, weil etliche Reklamationen und After Sales Service offenbar nicht recht Ernst genommen wurden. Für einen erfahrenen Menschenkenner, der – als Chirurg – zudem auch handwerkliches Verständnis besass, wurden im wochenlangen Hin-und-Her am Ende sämtliche erforderlichen Nacharbeiten erledigt.

DSC05695Für Südamerikaner eine Erfahrung der besonderen Art: Greifswald, eine saubere und freundliche Stadt mit moderaten Preisen und hilfsbereiten Menschen. Für Segler ein Schlaraffenland in alle Wünsche in Erfüllung gehen konnten.

Anfang Mai wurden die Leinen losgeworfen, die deutsche Ostsee Küste ausgiebig bereist, dann ging es durch den Kiel Kanal Richtung Hamburg, England, Irland, Frankreich, Portugal, wo das Schiff für die Zeit eines Flugs in die Heimat, an Land geparkt wurde.

Adriane und Jayme sind seit einigen Tagen wieder an Bord zurückgekehrt und brechen bald auf zu neuen Abenteuern. WEITERLESEN

Neuer Blogeintrag auf YACHT.de

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Liebe Leser,

wir haben den Absprung von Grenada geschafft und sind nun in der Tyrrel-Bay auf der Insel Carriacou angekommen. Ein herrlicher Ort. Vor allem ankern wir das erste Mal seit der Abfahrt in türkisem Wasser. Während der Werftjahre hat Cati immer wieder erzählt, dass sie jeden Morgen ein paarmal ums Boot schwimmen will, wenn wir erst in der Karibik sind. Das ist nun endlich soweit! Gestern haben wir den halben Nachmittag schwimmend und tauchend unter dem Boot verbracht. Cati hat den Spiegel geputzt und ich das Unterwasserschiff von einigen ersten Muscheln befreit. Eine saß genau auf dem Paddelrad der Logge.

Wir werden hier wohl nur für zwei Tage bleiben. Ich muss mal wieder etwas arbeiten, um Geld zu verdienen, aber das Internet ist hier derart langsam, dass ich fast sechs Stunden an diesem neuen Blogpost auf YACHT-online gesessen habe. Es gibt einen Hotspot im Ankerfeld, aber der hat 8 Dollar gekostet und funktioniert so gut wie nicht. Deshalb werden wir nun bald weiter nach Norden hüpfen und hoffen auf besseres Internet. Natürlich hätten wie auch nichts dagegen, mal ein paar Wochen unbeschwert und vor allem offline durch die Gegend zu segeln – aber das Netz ist gerade für mich zum arbeiten sehr wichtig. Der Job von unterwegs macht es uns ja erst möglich, in so jungen Jahren unterwegs zu sein.

Vielen Dank übrigens an alle, die uns zur gelungenen Atlantiküberquerung etwas in die Kaffeekasse geworfen haben! Wir haben uns jedem ein paar Flossen zum Schnorcheln dafür gegönnt. Außerdem einen Ventilator, der uns bereits im Windstillen St. Georges sehr geholfen hat. Und ein paar Tage nach dem Anlegen haben wir uns einen leckeren Hamburger gegönnt. Was waren wir vielleicht auf Fleisch-Entzug … Ich will jedem persönlich Danken, wegen des langsamen Internets ist es mir aber noch nicht gelungen.

Toll, wie ihr alle mitfiebert und uns unterstützt! Die Karibik ist ganz schön teuer. Aber zumindest fallen ja jetzt die Liegegebühren weg, wir ankern nur noch.

Nun erstmal viel Spaß beim Blogeintrag auf YACHT-online. Hier ist der LINK.

Johannes

 

 

 

Tage voller Glück. BSH und SeeBG Geschichten

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Was wir immer schon wussten

“Micha! Micha!“, schreit Nathalie aus dem Mast. Ich hechte nach draußen Richtig Steg, vergesse, dass die untere Absperrung in der Reling noch drin ist und fliege goofymäßig flach mit der Nase auf den Steg! „Rumms!“ Schön ist es ja, wenn der Schmerz dann doch langsam nachlässt. Ich erwarte ein gebrochenes Bein oder Handgelenk, halte mir die Hand vors Gesicht um das spritzende Blut zu stoppen und drehe mich langsam auf den Rücken. „Hast Du Dir weh getan? Ich kann Dir grade nicht helfen von hier oben. Ich dachte Du hörst mich nicht, deshalb habe ich so geschrien.“ Ich stöhne nur vor mich hin und aus den Sternchen meiner Dunkelheit wird langsam wieder Realität. Es ist nichts gebrochen, es blutet auch nichts. Ein paar Abschürfungen und eine angeschwollene Nase.

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Es geht derzeit um das Nebelhorn. Das man das braucht, ob gewerblich oder nicht, spielt keine Rolle. Es muss zugelassen sein vom BSH. Mit Arved hab ich schon den letzten Samstag damit verbracht das Horn am Mast anzubringen. Als es dunkel wurde, waren wir grade so weit dass wir das Zugseil zum Mastfuß gelegt hatten. Kabel im Mast verlegen dauert immer, klemmt immer und immer denkt man irgendwann: „Das geht nicht. Wir verlegen das Kabel an der Mastaußenkante!“ Mit Nathalie haben wir den gesamten Vormittag gebraucht um das dämliche Kabel einzuziehen. Auch das hat sich natürlich irgendwo verklemmt. Immerhin: Das Zugseil ist nicht gerissen.

BSH Funkabnahme

Es geht auf der MARLIN zu wie im Taubenschlag. Am Mittwoch war Stefan Wetzel vom BSH zu Besuch. Abnahme der Funkanlage für Fahrtgebiet A gewerbliche Fahrt, also weltweit steht auf dem Plan. Is doch prima, wenn endlich mal jemand meine Lunatronic Arbeit certifiziert. Fast alles richtig gemacht. Notbatterie, Ladegerät der Notbatterie, Position, Navtex Empfänger, Kurzwelle, DSC, VHF, Inmarsat Phone, EPIRB, S4 Rescue SART, VHF Notantenne, AIS, GPS, Handheld VHF. Alles wird getestet. „Das SSB empfängt keine DSC Messages!“ „Ja. Das hab ich auch gar nicht installiert. Wußte ich gar nicht, dass ihr das wollt.“ „O.K. Setz ich als einzigen Punkt auf die Mängelliste. Schreib mir ein Mail, wenn das gemacht ist und dann bekommst Du die Zulassung zur weltweiten Fahrt. Zumindest die Funkanlage!“ Wieder ein Schritt nach vorne. Die DSC Anschluß vom ICOM M802 kommt mit an den AIS Splitter und gut ist.

Gestern Nachmittag schlägt dann Thorsten auf um die endlich die letzten Schweißarbeiten an der MARLIN fertigzustellen. Der Deckel über der Segelvorpiek bekommt Scharniere aus Alu. Die bestehenden Edelstahldinger haben mir die Deckel mit Elektrolyse ausgefressen. Gut Arbeit hat Thorsten wieder gemacht. Die Scharniere haben eine Hülse aus Messing, damit die Edelstahlschrauben nicht mit dem Alu reagieren. Dauert halt wieder alles sehr lange. Grundregel: Es dauert alles immer viermal so lange wie geplant. Mit künstlichem Licht schweißt Thorsten bis spät in die Dunkelheit noch neue Aufnahmen für die Running Back Stays.

Jeden Tag kommen neue Pakete von Toplicht aus Hamburg. Dort sitzt Kai und hilft mir auch noch meine restlichen Sparreserven in Plastic Fantastik umzusetzten. Für die Sicherheitsprüfung der SeeBG am Montag. Eine Markierungsboje, mit Pfeife und Treibanker, neuer Satz Leuchtraketen und Handfackeln, 2 AIS Transponder für Mitsegler, dass man die einfacher finden, wenn sie doch mal über Bord gehen. Aber das ist nicht alles. Karten, Besteck und Lineale. Automatische Lichter für die Rettungswesten, zwei neue Rettungsringe, 200m Schwimmleine zum Festmachen und Schärennägel, Fäustel, Rettungswurfleine, Kälteschutzanzüge, Suchscheinwerfer etc.

Eine manuell/automatische Feuerlöschanlage für den Motorraum ist geordert, die reparierten Winschmotoren liegen in einer Achterkajüte und das wichtigste: Unser Krängungstest ist akzeptiert. Aus Belgien liegt inzwischen die Urkunde vor, dass die MARLIN die CE Zulassung Fahrtgebiet A (weltweit) hat. Das war übrigens das teuerste. Die Zulassung ist von der SeeBG akzeptiert. Also, wer uns mag, der drückt uns für Montag die Daumen, dass das mit der Prüfung mit einer schaffbaren Mängelliste endet.

 


Mitsegeln auf der MARLIN? Du bist dabei: Bergen zu den Lofoten 15.4.2015 Spitzbergen im Mai und Juni ab Longyearbyen. Atlantiküberquerung ab Kapverden 1.12.15. Bonaire nach Kuba. Februar 2016. Und verschiedenes meer… www.sy-marlin.de/mitsegeln