Archiv der Kategorie: SY Marlin

Island Time

20140611

Zwischen Slow Motion und Aberglaube

Eigentlich sind wir abfahrbereit. Ein schönes Wetterfenster mit Wind im Rücken, aufgefüllter Kühlschrank, ausgeschlafene Crew und entspannte Kinder. Leider fehlt immer noch der Impeller, bzw. die Impeller, denn diesmal haben wir direkt 3 Stück bestellt. Und die Ersatzschrauben für die Dieselrückflussleitung. Liegen noch immer in Nassau. Schiff fällt aus, Schiff fährt zu früh ab, Flieger fällt aus, so geht es seit Dienstagmorgen. Mit Tiffany vom Yanmar Händler habe ich eine Dauertelefonleitung und ich kann sie förmlich mit den Augen rollen hören, wenn sie merkt, dass ich es bin. Da hilft auch rheinische Fröhlichkeit nichts. Nervige Kundin bleibt nervige Kundin.

Hier auf den Bahamas sind eben alle entspannt und ich bin es nicht, ich will los, denn der nächste Termin sitzt uns im Nacken. Freitag, der 13. Da fahren wir NICHT los. Niemals. Der Skipper ist hochgradig abergläubisch und daher versuchen wir alles daran zu setzen vor Mitternacht morgen abend auslaufen zu können. Immerhin ist Vollmond und wir haben unseren Track, wir können also auch noch nach Sonnenuntergang den Anker heben. Die Kinder hingegen bejubeln jede weitere Verzögerung, beschert sie ihnen doch noch einen weiteren Nachmittag mit ihren Freundinnen.

Wir versuchen es weiter mit Gelassenheit zu nehmen, erwerben einen Sack Holzkohle und grillen Würstchen und Kartoffeln am Strand. Und morgen ist einer neuer Tag, ich wette Tiffany freut sich schon auf mich!

Winward Beach

20140608

Sonne, Sand und Wellen

Sonntag, immer noch Wochenende. Familienausflug ist angesagt, nur Micha klinkt sich aus, um ein bisschen Computerarbeit ohne Trubel zu erledigen. Auf Stocking Island gibt es haufenweise Pfade. Ein paar Amis, die hier quasi das ganze Jahr in den Bahamas verbringen, gehen alle paar Tage mit der Machete über die Wege und schlagen sie von tropischen Wucherungen frei. Kreuz und quer kann man über die Insel pilgern, von Lee nach Luv, über die Hügel und wieder zurück. Unsere kleine Karawane wandert mit Picknick und Schwimmzeug bestückt nach Luv zum großen atlantikwärts gelegenen Strand. Über drei Meilen feinster pudriger Sand, stellenweise fühlt es sich an, als würde man in feinstem Kuchenmehl laufen. Wellen perfekter Bodysurfgröße rauschen im Dreiertakt über den flach auslaufenden Strand, stundenlang werfen sich die Mädchen in die tosende Brandung, nur unterbrochen von Sandburgenbauen und Picknick.

Maya und Lena fahren mit Tropenwissen auf und erklären den neuen Freundinnen, die ein Jahr auf der großen Seenplatte und dem Intercostal Waterway verbracht haben und neu sind in den Tropen, ihre Welt. Wie man Einsiedlerkrebse festhält, ohne gezwickt zu werden, wo man das beste Strandgut findet, an welchen Palmen die Kokosnüsse wachsen und dass es nicht schöneres gibt als ein Lagerfeuer am Strand mit gebackenen Kartoffeln und Stockbrot. Leider finden wir kein Holz, der Strand ist nach der Saison komplett abgegrast. Müssen wir wohl am Dienstag in die Stadt und Holzkohle kaufen. Jamaikanische Kartoffeln haben wir noch genug.

Wochenende im Paradies

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Vom Notstop zum Spass haben

Labourday, Regen und horrende Einklarierungsgebühren haben wir hinter uns gelassen, den Schlafentzug erfolgreich in den Kojen bekämpft, nun kann das Wochenende beginnen. Frühmorgens scheint die Sonne vom strahlendblauen Himmel und wie immer erscheint die Umgebung gleich in einem anderen Licht. Während die Männer mit dem Dinghi in die Stadt brausen, machen wir Mädels uns auf den Weg an den Strand. Weißer Pudersand, Bänke unter schattenspendenden Pinien, bizarre Felsformationen, unzählige Pfade, die kreuz und quer über die Insel führen und außer uns – niemand. Auf der Satellitenkarte von Google Maps sieht man rund 150 Yacht vor Anker, derzeit liegen gerade mal 5 in der unmittelbaren Umgebung. Die Zugvögel sind längst zurück in den Staaten oder weitergezogen nach Süden. Nach den 5 Tagen auf See und den drei Wochen in der Marina in Montego Bay fällt es hier nicht schwer, den Unmut über den Zwischenstopp abzulegen. Noch einmal im türkisblauen Tropenwasser baden und mit den Zehen im warmen Sand spielen, wer will da meckern?

Am späten Nachmittag machen wir uns alle gemeinsam auf zum Strandclub „Chat & Chill“. Abenteuerspielplatz für alle, Kletterseile, Schaukeln, Bänke im Schatten der Bäume, Conch-Salatbar und kalte Getränke . Auf dem Weg fällt uns ein Katamaran ins Auge. Schmetterlinge auf dem Bug, Prinzessinnenhandtücher auf der Leine, Schwimmreifen hinter dem Heck. Sichere Anzeichen für Kinder an Bord. Und? Recht gehabt. Auf der französisch-kanadischen PAPILLON DES MERS sind zwei Mädchen zu Hause, 8 und 10. Das Glück ist perfekt. „Sind hier vielleicht Kinder?“ hat Maya auf dem Weg durch die Einfahrt noch gefragt. „Wenn irgendwo auf den Bahamas, dann hier!“ war meine Antwort. Man weiß eben nie, wofür ein Zwischenstopp gut ist, bevor man den Anker geworfen hat.

Boxenstop

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Ich war’s nicht

Wohin soll es denn gehen? Hier auf Exuma ist in der Season alles in amerikanischer Hand. Um die 300 Boote sollen hier liegen und den Exzessen des Fahrtensegelns unterliegen. Wir aber kommen am Ender der Season. Juni ist schon Hurrikanzeit, was uns aber ziemlich am Hintern vorbeigeht. Letzte Saison haben wir schon mal Hurrikanbeobachtung gemacht. Ganz so schnell sind die nicht da und wir brauchen 5 Tage um dem gefährlichen Gebiet nach Norden zu entkommen. Clickst Du hier!

Auf Exuma regnet es heute in Eimern. Heute ist hier „Tag der Arbeit!“ Morgen ist hier Pfingsten, dann Wochenende und am Montag Pfingsten. Dienstag kommt unser neuer Impeller aus Miami in Nassau an und dann am Mittwoch mit dem Postschiff auf Exuma, also hier. Dann richtig rum einbauen und weiter geht’s. So die Planung. Ob das klappt? Ja klar. Auf jeden Fall haben wir entschieden nicht ohne loszufahren.

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Und wir nannten Sie die dicke Emma

Skippers Sabotageversuche

“Wenn Du nicht nach Flensburg willst kannst Du mir es auch sagen, anstatt ständige Sabotageversuche in die Manövrierfähigkeit der MARLIN zu machen.“ Meint sie das nun ernst?

Wer sich erinnert, der weiß, dass wir anstatt von Impeller die Deckswaschpumpe zur Kühlung unseres YANMAR nutzen. Klappt auch prima. Trotzdem sind wir bis auf den Ankerplatz auf Exuma / St. Georges /bahams unter Segeln gelaufen, auch den inneren Kanal etc… Alles in Budder auf’m Kudder soweit. Die neuen Impeller kommen am Mittwoch aus Nassau dann zu uns, weil Freitag ist hier Tag der Arbeit, ab Samstag Pfingsten und wie in Deutschland alles zu. Ja, wir wollten ja eh einen Zwischenstopp auf den Bahamas machen. Zu dem Konto auf den Caymans machen wir noch eines auf den Bahamas auf. LOL. Den Anker einfahren, ja, da machen wir dann den Motor an. Klappt auch alles, außer das ich, der Skipper, Fehler muss man zugeben können, den Motor ausmache und erst mal mit der LunaWLANnet auf die Pirsch gehe ob ich nicht ein freies Internet finde. Die Kühlwasserpumpe (Deckswaschpumpe) läuft friedlich weiter. Wnuk also im Internet und die Pumpe drückt den Wassersammler voll mit Salzwasser, dann den Krümmer, dann die Turboeinheit dann die Kolben, bzw. die Zylinder. Klares Bahamas Meerwasser. Jetzt kommt es erst mal nicht weiter. Irgendwann wache ich auf aus meiner Hypnose. Ne, ist kein Aprilscherz.

Nachdem ich meinen Kopf vor Wut über mich selbst gegen die Wand gefahren habe und mich wieder erholt habe von mir selbst, verbringe ich mit Nathalie den angefangenen Abend im Motorraum. Schwarze Nase, schwarze Finger. Hatten wir das nicht schon mal vor einigen Jahren in Panama. Ähnlich. Um das Wasser rauszubekommen drückt man den Dekohebel und dreht den Motor vorsichtig per Hand. Nicht beim Yanmar. Hier müssen wir die Einspritzdüsen komplett ausbauen. Natürlich auch alle Leitungen. Nun wird Emma geboren. Nachdem alle vier Zylinderöffnungen freigelegt sind, starten wir den Motor ohne „Zündung“, also ohne Diesel und in dicken Fontänen schießt das Salzwasser aus dem Motor. Erst in Flüssigkeit, dann als Dampf. Es sieht aus und hört sich an wie Jim Knopfs Lokomotive, die dicke Emma. Und ab sofort heißt unser Yanmar, die „Dicke Emma“. Nach ein paar Runden kommt nichts mehr. Bis zum Ölbad ist noch kein Wasser gekommen. Nun heißt es wieder zusammenbauen. Das geht schnell. Leider bricht eine der Rückflußschrauben beim Eindrehen ab und ich muss so ein 1,5mm bfreites Loch in eine Schraube bohren. Das ist extrem aufwendig und kostet uns weitere zwei Stunden Fluchen, Schimpfen und Kunst, sowie etwa 15 x 1,5mm Bohrer. Die hatten wir zufälliger Weise grade an Bord. Hatte Johann mal mitgebracht.

Der große Moment naht. Alles ist wieder zusammen gebaut. Nathalie startet den Motor. Als die Luft aus den Leitungen raus ist knallt es und der Zylinderkopf reisst in zwei Stücke… Ach Quatsch! Alles ist gut. Die dicke Emma läuft wie geschmiert. Puh! Glück gehabt Echt. Man lernt nie aus. But wenn am Mittwoch die neuen Impeller aus Nassau eintreffen. Bis dahin kann ich den Motorraum putzen!

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Manövertag

20140604

4. Tag auf See

Die MARLIN scheint ihren Rhythmus gefunden zu haben, brettert wie auf Schienen durch das atlantische Wasser. Dauerhaft zeigt die Logge knapp 8 Knoten an, der mitschiebende Strom macht noch gut einen Knoten mehr daraus. Das alles bei gerefftem Groß und voller Genua. Da macht es auch nichts, dass der Himmel bedeckt ist, ab und an ein paar Regentropfen vom Himmel fallen. Die Rauschefahrt macht einfach Spaß, auf der elektronischen Seekarte kann man förmlich zusehen, wie wir weiterkommen.

An Steuerbord taucht am frühen Vormittag das kleine Korallenatoll Mira por Vos (Pass auf Dich auf) auf. Ein paar Sandhaufen, ein paar Seevögel und Riffe. Normalerweise fahren wir an solchen Orten nie vorbei, doch jetzt liegt Georgetown, das Fahrtenseglermekka der Bahamas an, der Wind steht günstig, wir müssen Meilen machen, wenn wir vor dem Wochenende dort ankommen wollen. Bei dem Wetter kann man die Insel sowieso schlecht anlaufen, zu viele unkartographierte Korallenköpfe, die man besser mit der Sonne im Rücken durchfährt, vor allem ohne zuverlässige Maschine. Wir nehmen den Namen des Atolls lieber wörtlich und fahren einen großen Bogen. Fisch soll es hier geben, Angel raus, bleibt aber leider leer, der Haken.

Vergnügt sitzen wir im Deckshaus beim Mittagessen, als plötzlich hinter uns eine schwarze Gewitterwand auftaucht. Ein tropischer Squall, kurz aber heftig. Wir haben Vollzeug stehen. „Ich glaube, wir sollten mal reffen!“ Ich reiße den Jungs ihre Suppenschüssel aus der Hand und drücke ihnen stattdessen die Schwimmwesten und Regenjacken in die Hand. Mittlerweile klappen die Manöver FAST immer prima. Zu dritt haben wir auch ohne Elektrowinsch schnell das Groß ins zweite Reff gebunden und die Genau eingerollt. Noch während wir die Reffleinen dicht holen, pfeifen Böen mit knapp 30 Knoten über die MARLIN hinweg und die Gewitterwolken schütten ihren Inhalt aus. Noch ein Reff ins Groß, wieder an den Mast, durch die schlagenden Segel versteht man kaum sein eigenes Wort, die Kommunikation auf die weite Distanz müssen wir noch üben.

Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei, Wind weg, Regen weg. Zeit sich dem Impeller zu widmen. Bei nun endgültig abgekühlten Motor baut Micha ein zweites Mal den Impeller aus, leider bestätigt sich der Verdacht, dass das gute Stück wirklich kaputt ist. Eine Resthoffnung war vorher geblieben. Es bleibt also beim Ziel Georgetown. In Nassau sitzt der Yanmar Händler, aber der Weg nach Nassau ist ein umwegiger, wir hoffen einfach mal, dass es auch dort einen Schiffausrüster gibt.

Mayas neunter Geburtstag auf See

20140603

Wie die Jahre verrinnen.

Geburtstag auf See haben Micha und ich schon einige Male gefeiert. Heute ist Maya dran. Nach der rumpeligen, zerkreuzten Nacht mit Maschinenproblemen ist die Stimmung nicht gerade der Knaller, aber wir geben unser bestes Maya trotzdem ein vernünftiges Fest zu bescheren. Um fünf wird es hell, Zeit den Tag zu beginnen, meint die Neunjährige, die sonst immer gerne bis 8 in den Federn bleibt. Also los, Ständchen singen, das erste Geschenk, Lieblingsbrot und Kakao ins Deckshaus. Der traditionell gedeckte Frühstückstisch fällt aufgrund von Schräglage und häufiger Wenden aus, dafür werden die Geschenke einfach mit Luftballons an die Handläufe gebunden und baumeln von der Decke.

Während Maya Bücher, Gutscheine und Bastelzeug auspackt liegt an Backbord keine drei Seemeilen entfernt immer noch Kuba. Wir sind im Eingang der Windward Passage, hinter dem Leuchtturm wartet endlich der Atlantik, doch so ganz scheint die MARLIN nicht hinzuwollen. Eine Wende nach der anderen fahren wir, seit 24 Stunden schon, um dieses blöde Kap endlich zu umrunden und hinter uns zu lassen. Letztes Etmal 60 Seemeilen, auf der Logge stehen gut doppelt so viele Meilen. Nachdem wir uns gegen den Ost nach Ost gekämpft haben, steht der Wind in der Passage, die nach Norden offen ist, natürlich aus Nordost. Wieder Wenden. Maya rollt mit den Augen, schleppt ihre Geschenke bei jeder Wende auf die andere Seite.

Am frühen Nachmittag ist es endlich geschafft, der Leuchtturm liegt querab und der Atlantik vor uns. „Das Wasser ist direkt blauer, oder?“ Es gibt Tortilla, laute Musik, ein Mittagsschläfchen für den Skipper und dann endlich die richtige Geburtstagsparty. Mit Gesichterschminken, Schokoladenessen und Personenraten. Kindergeburtstag auf See eben. Die MARLIN springt in der Zeit auf irgendeinen Zug auf. Der Wind hat etwas nach Osten gedreht, Strömung zieht gut einen Knoten mit. Bei 10 Knoten Halbwind macht die MARLIN unter ordentlich gereffter Garderobe 7,5 Knoten. „Jetzt überqueren wir endlich richtig den Atlantik, bisher hat sich das gar nicht so angefühlt!“ stellt Maya fest. Recht hat sie.

Trotzdem liebäugeln die Skipper mit dem ein oder anderen Hafen auf den Bahamas wegen des Impellers. Die Einfahrt zu den Bermudas ist nicht gerade kurz und einfach. Das Provisorium funktioniert zwar, aber ohne Garantie. Nun wälzen wir die Handbücher und Karten auf der Suche nach einer risikoarmen Hafeneinfahrt. Kurs Long Island auf den Bahamas liegt an. Da kommen wir eh quasi vorbei. Wo es Marinas gibt, sollte man auch einen neuen Impeller finden können.

MARLIN Pechsträhne hört nicht auf.

20140602

Maschinenprobleme

“Piep! Piep! Piep! Piep!“ O.K. Das Problem kenne ich. Motor sofort aus. Überhitzung. Dafür gibt es nur einen Grund. Fehlendes Kühlwasser. Hmm. „Das ist bestimmt der Impeller. Dafür habe ich Ersatz!“ Den Ersatz finde ich auch direkt, aber dann beginnt ein Fahrradkettengeschichte. Hätte-Hätte-Fahrradkette. Davon ausgehend das es sich um normalen Verschleiß handelt, immerhin ist der Impeller schon ein Jahr im Einsatz, ersetze ich den am YANMAR L4AH. Ganz schon heiß so eine Maschine. Zwischenzeitlich treibt die MARLIN und das normale Leben geht weiter. Ich kratze mir den Finger an einer Schlauchschelle auf. „An der habe ich mich vor einem Jahr schon mal aufgekratzt!“ Eine Stunde später läuft der Yanmar wieder. Alles schein gut zu sein. “Piep! Piep! Piep! Piep!“ entsetzte Gesichter auf der MARLIN. Wir motoren seit einer halben Stunde gegenan. Der Impeller ist wieder kaputt. Vermute ich mal. Den überhitzten Motor packe ich nicht an. Falsch einbauen kann man den eigentlich nicht. Noch nicht mal ich ;-))) Also habe ich wohl das Problem beseitigt aber die Ursache nicht. Ich ziehe den Schlauch vom zentralen Wassereingang und stochere den Eingang von innen auf. Seepocken. Das hat Tortuga, der den Unterwasserbauch der MARLIN sauber gemacht hat vergessen zu reinigen. Egal. Das war wohl das Problem. Zu wenig Wasser und beide Impeller sind heiß gelaufen und haben sich aufgelöst. Nur dumm, dass ich keinen weiteren Impeller habe. Da gehen wir Morgen in den Laden um die Ecke und kaufen einen neuen. Doch weit gefehlt. Wir sind underway. Jetzt wegen dem Impeller nach Jamaica zurück? Mir dampft der Kopf. Den Motor brauchen wir. Kurzum nehme ich den Schlauch vom Yanmar und verbinde ihn mit dem Ausgang der nie genutzten Deckswaschpumpe. Ob der Druck und die Leistung reicht? Eine Stunde später wissen wir mehr. Es funktioniert. Die Kühlung reicht um mit dem Motor und 1.600 laufen zu lassen. Mit dem Infrarotthermometer messe ich die Hitze nach. 82° Kühlwasser. Das ist genau wie normal. Und wenn die Pumpe nicht durchhält, haben wir noch andere an Bord. Ob das endlich das Ende der Pechsträhne ist? Eine Stunde später kommt nächtlicher Landwind auf und WIR KÖNNEN SEGELN. Wir entscheiden mit der provisorischen Lösung auf die Azoren zu segeln. Wozu brauchen wir einen Motor? Wir sind ein Segelboot. Hat irgendjemand eine Idee zur Seewasserpumpe? Impeller auf die MARLIN beamen?

Kuba querab

20140601

1. Tag auf See

Die Fahrt beginnt holperig. Wie immer empfängt uns am Flughafen Montego Bay der Kanal zwischen Kuba und Jamaica mit ordentlich Wind und Welle, Kapeffekt mit Kreuzseen. Ganz was feines. Und wer im Eifer der Abfahrt in der Dämmerung vergisst, die Luken richtig dicht zu schließen, wird mit nassen Betten belohnt. Anfängerfehler, wissen wir. Eine Stunde krieche ich mit nassem Lappen durch das Schiff. Das Säubern der Toilette, die gerne mal bei Backbordlage überläuft bringt auch mein Fass zum Überlaufen. Mir ist kotzübel und angesichts der dreistelligen Meilenzahl vor uns, streiche ich die Segel und lege mich ins Bett.

Vier Stunden später wache ich auf und der Spuk ist vorbei. Seegang normal, Kurs hoch am Wind mit guter Ostkomponente, sternenklarer Himmel. Die Nacht vergeht friedlich. Ein richtiger Wachrhythmus stellt sich noch nicht ein, jeder steuert mal, wacht, schläft. Das neue Großsegel steht perfekt und treibt die MARLIN durch die Nacht.

Am Vormittag taucht die Südküste Kubas aus den Wolken auf. Wir sind weiter östlich, als wir gehofft hatten, dennoch fehlen weitere 160 Seemeilen, bis wir durch die Winward Paddage in den Atlantik hinaussegeln können. 160 lange Meilen, auf der Kreuz werden das schnell 300, oder wir motoren. In der Hoffnung auf ein bisschen Landwind am Abend nähern wir uns auf 5 Meilen der kubanischen Küste. Die Berge der Sierra Maestre leuchten grün im Abendlicht. Die Kinder sind traurig, irgendwie da zwischen in dem Grün liegen Santiago und Cayo Granma mit unseren Freunden. Anhalten geht nicht, zu teuer, zu aufwändig. Der Wind nimmt uns die Entscheidung der Kreuz ab, er schläft ein. Schlüssel gedreht, 1600 Touren, Waschmaschine an um die versalzenen Laken zu waschen, heißes Wasser um das Geschirr zu spülen. Eine Stunde später ist die MARLIN wieder vorzeigbar, die neuen Boxen im Cockpit geben ihr bestes. Das Dieselpöttern wird uns wohl die ganze Nacht begleiten.

Startschuss

20140531

4621 Seemeilen bis Flensburg

Zweitägige Stille im Logbuch, das bedeutet nicht etwas, dass wir an einem weißen Strand sitzen und Kokosnüsse trinken, sondern dass wir rund um die Uhr mit der Vorbereitung der Atlantiküberquerung beschäftigt waren. Nach ausgiebigen und gründlichen Kontrollen hat Chefrigger Pieter uns endlich das OK zur Weiterfahrt gegeben. In festem Glauben an dieses positive Ergebnis liefen derweil die letzten Erledigungen.

Die beste Zeit auf dem jamaikanischen Markt einzukaufen ist Samstagsmorgens. Morgens heißt vor acht. Machen wir, allerdings fehlt das Bargeld und die Jagd nach dem Cash nimmt fast kubanische Ausmaße an. Die Bankautomaten funktionieren nicht, sind leer oder gar nicht erst für ausländische Kreditkarten zugelassen. Im zehnten Anlauf rattert die Maschine endlich und wir verteilen unsere Dollars auf den Marktständen. 10 kg Kartoffeln, 8 Kilo Möhren, eine grüne Bananenstaude, 5 suppengroße Kürbisse, 3 feste Kohlköpfe, 5 Kilo Gurken, zwei Wassermelonen, 4 grüne Ananas, 4 Paletten Eier, frisch gelegt. Und so weiter. Am letzten Stand können wir zu unserer großen Freude vier von den praktischen Saftkisten, die jeder hat und keiner verkauft, erwerben um das ganze Zeug auch irgendwie zwischen Lagen von Zeitungspapier zu verstauen. Ja, in Patagonien, da war die Bilge ein Kühlschrank, die Lagerung kein Problem. Der Blick auf die Wassertemperaturkarte zeigt hier eher Niedergarmethodenniveau, 30 Grad.

Wir schleppen unseren Kram an Bord, die drei Leichtmatrosen haben derweil Deck und Cockpit geschrubbt. Wasser auffüllen, Segelkontrolle, Dinghi, Fender verstauen, die letzten Karten runterladen, noch mal eben zu Hause anrufen und ein letztes Mal auf die Wetterkarten im Internet gucken. Noch mal eben den Rigger zum Flughafen fahren und mit vielen Dankeschöns für seinen Einsatz verabschieden, in letzter Minute Gummistiefel gegen nasse Füße im Baumarkt und einen Notwasserkanister fürs Deck besorgen.

Um halb sechs sind wir durch und können die Immigration bestellen. Ein netter Beamter klariert uns aus, macht Witzchen, nimmt seinen Job locker und wünscht uns eine gute Fahrt ohne Probleme. Soviel Herzlichkeit sind wir von den Behörden hier gar nicht gewohnt. Und da kommt er doch noch, der Abschiedsschmerz, von dem ich gestern noch so großspurig behauptet habe, dass der hier in Jamaica sicher nicht auftaucht. Vom Dockmaster bis zur Dame aus dem Büro schütteln wir noch ein paar Hände, dann kann es losgehen. Keine anderen Fahrtensegler sind in der Nähe, um das Horn zu blasen, keine Wetterfensteraufregung oder Aufbruchstimmung. Wir sind die letzten hier im Montego Bay Yacht Club. Waren die letzten, denn jetzt liegt die letzte Fahrwassertonne achteraus und knapp 2800 Seemeilen Luftlinie zu den Azoren vor uns.

Skipper can smile again

20140529

The Rigger is on MARLIN

Das ist Pieter von HALL SPARES. Gestern eingeflogen aus Holland. Heute Morgen direkt in den Mast. Neue Babywanten und neue CNC gefräste Aufnahmen bringt Pieter mit im Reisegepäck. Weiß der Himmel, wie er die am Zoll vorbeibekommen hat. Auf jeden Fall ist es für mich eine vollkommen neue Erfahrung unten zu stehen und Kommandos entgegenzunehmen. „Sechser und Zwölfer Bohrer.“ Eimer runter, Micha in die Werkstatt und wieder Eimer hoch. Normalerweise bin ich derjenige, der die „Kunden“ am Projekt Boot aktiv teilnehmen lässt. Jetzt tut das Pieter mit mir.

Die Tongs, die Aufnahmen der Wanten am Mast waren ja bekanntlich an backbord ausgebrochen. Ursache weiterhin unbekannt. Die neuen sind erheblich größer und stabiler und nach mal mit einen Deckplatte verstärkt. Die Frage ob ich die Dinger nicht auch selber hätte einsetzen können. Ja, bestimmt. Aber Pieter macht so was täglich und das definiert den Profi. Mir wären bestimm zwei Gewindeschneider abgebrochen. Drei Tage hätte ich mindestens gebraucht. Mit gleichem Ergebnis? Pieter bricht auch ein Gewindeschneider ab, aber erst beim letzten Loch und er kann ihn an der anderen Seite rausdrehen. Mittags, fängt es an wie gewohnt aus Eimern zu schütten. Pieter bleibt weiterhin energisch an der Arbeit. Sein Tagesziel sind die neuen Wanten vor Feierabend gesetzt zu haben. Dieses Ziel erreicht er auch. Punkt fünf steht der Mast der MARLIN wieder grade und der Skipper lacht wieder nach Tagen des Schweigens. „Well Done!“, lobe ich Pieter.

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Ob wir nun den Atlantik entern dürfen ist damit allerdings noch nicht geklärt. Morgen wird Pieter noch mal ins Rigg der MARLIN gehen und sich alles ganz genau anschauen. Bleibt nur zu hoffen dass alles gut ist und wir am Wochenende wieder auf See sind. Drei Wochen Aufenthalt wegen Mastschaden reicht so langsam.

Kontraste

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Immer wieder sonntags

Während Europa zur Wahl geht versuchen wir ein weiteres Mal, uns mit der jamaikanischen Kultur anzufreunden. Es gelingt mir nicht immer, muss ich zugeben. Zu fordernd, zu laut, zu reduziert auf die harte Währung US-Dollar verlaufen die meisten Gespräche. Dennis in seinem gelben Autovermietungs-Shirt übergibt uns um punkt neun den Schlüssel zu vier japanischen Rädern, Schwimmsachen eingepackt und los geht es.

Lonely Planet und Google Maps streiten sich über richtigen Weg zu unserem Ziel, den Mayfield Falls. Der Lonely Planet gewinnt und beweist, dass gedrucktes Papier manchmal eben doch besser ist, als Infos aus dem Netz. Andererseits ist es nicht verwunderlich, dass die Straße nicht angezeigt wird, denn den Namen Straße verdient der Weg mitnichten. Selbst Schotterstraße wäre noch geschönt. Dafür ist es grün, rechts und links und über uns. Nur selten kommt uns ein Auto entgegen, immer tiefer geht es in das hügelige Hinterland. Menschen pilgern zur Kirche, ältere Herren mit Krawatte, zugeknöpftem Hemd und Bibel unter dem Arm, alte Damen mit Hut und Kostüm, Kinder mit bunten Schleifen im Haar und viele Frauen in Taft, Satin und Netzstrumpfhose. Flip-Flops an den Füßen, die Plateauschuhe in der Hand. Diese Straßen sind weder für Mietwagen, noch für High-Heels gemacht.

Zwei Stunden später haben wir es geschafft. Auf den letzten 2 Kilometern fährt ein Local selbstlos mit dem Motorrad vor uns her – und verlangt bei der Ankunft ein angemessenes Trinkgeld. Das fängt ja gut an. Und geht so weiter. Die Eintrittspreise für das Erlebnis Wasserfall sind Anfang des Jahres verdoppelt worden und lassen eine 5-köpfige Fahrtenseglerfamilie heftig schlucken. Noch nie haben wir soviel Geld für einen Wasserfall bezahlt, dazu bekommen die Guides, ohne die man nicht rein darf, ein Trinkgeld je nach Geldbeutel. Doch es gibt kaum Alternativen hier auf Jamaica. Jeder zugängliche Wasserfall, jeder Wanderweg am Bach entlang kostet Geld. Zu dicht ist der Wald, zu wenig erschlossen für eigene Erkundungen.

Zähneknirschend zücken wir unsere Scheine und folgen Shaun und Nico zum Fluss. Die Mayfield Falls gewinnen keine Rekorde. Sie sind weder hoch, noch steil, noch besonders gewaltig, aber es sind viele. Mehr Stromschnellen als Wasserfälle. Der Weg führt nicht zu den Fällen, sondern durch und über die Fälle. Der Weg ist das Ziel, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waten und klettern durch das Flussbett und mit jedem Sprung ins kalte Wasser ist ein weiterer Dollarschein vergessen. Es gibt Tunnel zum Durchtauchen, Wasservorhänge mit versteckten Höhlen, Sprudelbecken, Felsrutschen und einen 4 Meter hohen Baum zum Runterspringen. „Willst Du auch mal gucken, Lena?“ fragt Micha, und kaum ist die Kleinste oben angekommen, ist sie auch schon runtergesprungen. Ich trau mich natürlich nicht, war ja klar. Ein bisschen nervös werden unsere Guides nach einer Weile, denn die Kinder haben mehr Spaß und Ausdauer, als so mach anderer Gast und wo andere zweimal ins Wasser hüpfen, springen unsere 10mal. Knapp 90 Minuten soll die Tour dauern, wir liegen jetzt schon weit drüber. Am Ende haben die Mädels blaue Lippen und schlottern mit den Armen, eine kurze Wanderung durch den feucht-warmen tropischen Wald heizt wieder auf.

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Genug Geld hier gelassen, wir ziehen weiter, auf der Suche nach einer kleinen Suppenküche in irgendeinem Bergdorf. Der nächste Ort hat eine parat, dicke Mamas im Sonntagsstaat rühren vor einem Haus in großen Töpfen. Das halbe Dorf ist versammelt, verspeist Huhn mit Reis und Bohnen. Wir kurbeln das Fenster runter. „Können wir hier etwas zu Essen kaufen?“ „Nein, ihr könnt hier nichts kaufen, aber ihr könnt etwas essen! Kommt, steigt aus, ich besorge Euch was.“ Clinton ist vielleicht 60 und hat ein paar Jahre auf den Caymans gearbeitet. Mit Kürbissuppe und Hühnerbeinen in der Hand stehen wir zwischen den Einheimischen und plauschen. „Was ist denn eigentlich der Grund für die Feier?“ frage ich. „Eine Beerdigung!“ grinst Clinton. „Aber macht Euch keine Sorgen, Beerdigungen sind hier fröhliche Feste. Wir kommen alle schon am Abend vorher zusammen, trinken und feiern, heute Morgen war der Gottesdienst und jetzt wird gegessen. Alle sind eingeladen, auch ihr.“

Kontraste. Mein Verhältnis zu Jamaica ist so indifferent wie vorher. Abends sitzen Micha und ich auf dem Mäuerchen am öffentlichen Strand zwischen den Locals. Es wird gelacht, erzählt, die Kinder rennen noch im Dunkeln durch den Sand. Eine schöne Atmosphäre und tatsächlich fast eine Auszeit vom Kommerz. Bis auf das Geld für Scratchy’s Glas Rum, damit er mit uns anstoßen kann. Zum Abschied nimmt umarmt unser neuer Freund mich herzlich. „Come back tomorrow, Miss Nathalie, and don’t forget the money for the rum!“