Archiv der Kategorie: SY Marlin

Trauerspiel

20140520

Müll im Paradies

Seit über eine Woche regnet es jeden Tag pünktlich zum Mittagessen aus Eimer. Die sonst grün-türkis schimmernden Flüsse Jamaikas, auf denen Familien und verliebte Pärchen normalerweise von charmanten Rastas auf Bambusflössen flussabwärts gestakt werden, sind schlammig braun. So weit so gut, nichts ungewöhnliches für Gewässer nach der Trockenzeit wenn der Wasserspiegel steigt. Doch leider wird eben mit den ersten Regengüssen auch all der Müll ins Meer gespült, der sich angesammelt hat.

20140520a

Im tiefsten Wettergrau, dass nur durch die leuchtend gelben Regenmäntel der Marinamitarbeiter belebt wurde, tauchten heute auf einmal seltsame Objekte am Horizont auf. Flaschen, Verpackungen, Schuhe, halbe Bäume, ganze Blätterwiesen und wieder Flaschen. Cola, Sprite, Wasser, Bier. Glas und Plastik. Mit sicher über einem Knoten Strömung kam die Mülllawine in die Bucht geschwommen und sammelte sich am sonst schneeweißen, gefegtem Sandstrand eines Resorts. Die Marine Park Police fährt herum und macht ein paar Fotos. Die dicksten Baumstämme werden aus dem Wasser gezogen und zu Kleinholz zerhackt. Der Rest bleibt liegen. „Normalerweise nimmt die Strömung das Zeug in ein paar Tagen wieder mit, das kenne ich schon“, meint Turtle, der gerade unser Unterwasserschiff sauberkratzt. Aus den Augen aus dem Sinn. Das nächste Kreuzfahrtschiff wird erst in einer Woche erwartet. Na da bleibt ja noch ein bisschen Zeit. Uns bleibt auch noch eine Woche Zeit, dann kommt der Rigger aus Holland, die Erstazteile im Gepäck. Bleibt zu hoffen, dass er keine weiteren Schwachstellen findet. Das Groß steht wie eine Eins. Alle Latten sind gekürzt und eingesetzt, die Reffleinen neu in logischer Reihenfolge eingezogen und das gute Stück unterm Segelcover zum Schutz verstaut worden. Erstes Großprojekt endlich abgeschlossen.

Getarnte Bleistifte

20140519

Amerika unterläuft kubanische Grundschulen mit Hilfe ahnungsloser Fahrtensegler!

Um die Weihnachtszeit habe ich hier in Jamaika in einem Großhandelsmarkt Bleistifte gekauft. Bleistifte für Kuba. Oder besser gesagt, für kubanische Mädchen. In rosa, blau und lila, mit Feen, Elfen und Prinzessinnen. Ich hätte auch noch die Auto-Helikopter-Dinosaurier-Variante erstanden, war aber ausverkauft. Viele dieser schönen Bleistifte haben in den letzten Monaten neue Besitzerinnen in Kuba gefunden, denn ein paar hatte ich immer in der Tasche, zwei ganze Pakete sind ein Carepaket für eine Grundschule gewandert. Besser Bleistifte als Bonbons, so die Devise.

Den letzten Rest habe ich in einer Aufräumaktion heute unter das anwesende Volk geworfen. Micha und Julian haben dankend abgelehnt, aber die Mädels sind immer froh über Stiftenachschub, da sie die eigenen gerne verlegen. Als ich das nächste Mal im Kindermäppchen nach einem Bleistift greife, habe ich jedoch plötzlich nicht mehr Prinzessin XY sondern Obama und die amerikanische Flagge in der Hand??? „Wo kommen die denn hier?“ „Mama, die waren da drunter, die rosa Hülle konnte man abknibbeln, die sind alle so!“ Tatsache, unter jeder Prinzessin verbirgt sich ein amerikanischer Präsident. Eingestampfte Wahlkampfgeschenke? Der Schokoladenosterhase in der Weihnachtsmannfolie? Oder umgekehrt?

Fest steht, wir haben das sozialistische Kuba mit amerikanischer Wahlkampfpropaganda unterlaufen. Und noch dazu an seiner empfindlichsten Stelle, den Grundschulen. Dass wir das unwissentlich getan haben, spielt vermutlich keine Rolle. Vielleicht ist so endlich der Besuch der kubanisch markierten Brieftaube geklärt, die uns auf dem Weg nach Jamaika bespitzelt hat.

Photo 5 Dollar!

20140517

Bootsflucht.

Immer nur auf dem Boot. Wer will das schon. Uns frustumflossene, ich soll nicht immer so selbstmitleidig sein meint Natale, ist nach etwas Frischluft. Noch haben wir grade einen Mietwagen, also was liegt näher als es auszunutzen, wenn es endlich mal grade nicht regnet. Ausflugstour. Stadt, Land, Fluss ist uns vollkommen egal. Wir fahren einfach los Richtung Ost, entern Falmouth, einen Platz der mit dem Boot so gut wie nicht anlaufbar ist und landen dort auf dem Markt.

20140517a

Markt ist immer gut. Sohn und Bootsjunge Julian ist gut mit der Kamera und jetzt bekommt er das was er braucht: Die Motive. Jamaika, dort wo wir die einzigen Touristen auf weiter Flur sind. Touristen sind zum Melken da finden die Rastas. Entweder Du kaufst was oder machst ein Foto. Kaufen kann man Früchte, Gemüse und Kräuter. Fotografieren darf man alles. Kosten tut beides was, aber beim Fotografieren entsteht die Diskussion immer erst im Nachhinein und vor allen Dingen mit den Rastas. „Give me five Dollar“ Alles kostet five Dollar, also, warum nicht auch ein Foto. Manchmal zücke ich zwei Dollar, manchmal ein, manchmal kein. Entwicklungshilfe.

20140517b

Wir fahren in die Berge, stoppen hier und da. Wir fahren so weit, bis die Straßen zu eng und zu schlecht werden. Wir haben ja keinen Ersatzreifen mehr, den haben wir schon verbraucht. Also besser nach Hause? Wir ergattern noch Flusskrebse, einen frischen Pulpo an ein paar Hütten am Strand. Wieder kostet alles fünf Dollar. Ach, wenn unsere Rigg Reparatur doch auch fünf Dollar kosten würde. Aber da kommen wohl doch eher mal drei Nullen dran und ob es bei der Fünf davor bleibt? Wer weiß das schon. Ist auch grade Wochenende und Sorgen, die wollen wir jetzt bis Montag Morgen auch nicht haben.

20140517c

Das Großsegel steht. Ist dran und passt. Die Segellatten, die müssen wir morgen früh noch anpassen. Dann könnten wir eigentlich lossegeln, nach Flensburg, wenn unser Mast segeln könnte.

The main sail – Zweiter Tag

20140516

Gut Ding braucht Weile

Das Stimmungsbarometer auf der MARLIN bewegt sich einfach nicht nach oben. Der monsumartige Regen ab Mittag tut seinen Teil dazu. Das Großsegel liegt immer noch auf dem Deck. Nathalie muss noch Kleinigkeiten ändern. Ich fahre in die Stadt um einfach ein paar neue Edelstahlsplinte zu besorgen. Fehlanzeige. Nicht auf Jamaica. Hier gibt es keine Edelstahlsplinte, keinen „Nuts and Bolts“, wie in jeder gottverdammten Hafenstadt auf dieser Erde.

Unser Pechsträhne hält eben an. Das fängt schon damit an, dass ich mit Maya aus dem Yachtclub komme um in den Mietwagen zu steigen und wir, wie kann es anders sein, einen Plattfuß haben. Maya und Lena wechseln unter meiner Aufsicht also erst mal den Reifen. Ausschließlich das Lostreten und Anziehen der Muttern mit dem Fuß überlassen Sie mir. Sogar das Hochbocken des Toyotas macht Ihnen nicht aus.

Zu dem Regen kommt die Hitze. Mittag, wenn es einfach reicht, nehme ich Julian, Maya und Lena und wir springen in den Pool. Abkühlung pur. Dort über wir Kinderpacketweitwurf, runde Delfinblasen und Reiterkampf.

The main sail

20140515

Zugeschaut und mitgebaut

Einfach aus dem Sack und dann hochziehen, dass ging mit Fock und Genua. Mit dem Großsegel ging das leider nicht so einfach. Die Halterungen der Segellatten müssen vom alten Segel abmontiert und am neuen Segel dranmontiert werden. Ein leichtes Missverständnis über die Reihenfolge von Webbings und Latten, mit Tasker führt dazu, dass wir die Reihenfolge der Schlitten am Mast ändern müssen, dabei kommen uns ein paar Kugel entgegen. Ja. Hinterher, weißt Du immer mehr. Die Skipper sind selbst schuld. Tasker hat alles nach Plan gemacht und uns ist es nicht aufgefallen. Doch, wie gesagt, wir können die Anbringung ändern und alles ist gut.

What’s going on on MARLIN?

20140514

Die Mühle dreht sich

Von guter Laune des Skippers zu schreiben, wäre wohl etwas übertrieben. Der Skipper ist eher gestresst. Zu den 255 morgendlichen Problemen, gesellen sich jeden Tag neue, manche verabschieden sich, manche kündigen sich an. Der ganz normale Wahnsinn.

20140514a

Die Situation mit unserem Unterwant hat sich recht schnell entspannt. Hall Spars Holland, die 2006 auch den Mast setzten, haben sich schnellstmöglich und vorbildlich um ein neues individuelles Design von neuen Mastbestfestigungen gekümmert, die das entstandene Loch im Mast nutzen. Viele Kleinigkeiten waren hierbei zu beachten, die Johnny mit mir besprochen hat. Jetzt werden die neuen Halterungen für steuerbord und backbord CNC gefräst, morgen eloxiert und nächste Woche mit zwei neuen Unterwanten 14mm auf den Weg nach Jamaica gebracht. Hall Spare ist einfach gesagt professionell. Keine Frage. Nun geht es darum den Ausbruch im Mast zu machen. Der muss natürlich all glatt passen und 1a sein. Da schaltet sich unsere Versicherung Wehring & Wolfes ein. Das in Jamaica alles repariert wird, es aber keinen professionellen Rigger für Performance Riggs gibt sollte jedem klar sein, der schon mal in Jamaica war. Also war für mich eigentlich klar, dass ich den Ausbruch aus dem Mast selber mache. Wehring & Wolfes sieht das anders, die wollen lieber einen Fachmann von Hall US einfliegen, der die Terminals und die Fittings einsetzt. Wenn der Mast dann auf dem Atlantik im Sturm runter kommt, wäre bei der Selbstinstallation der Wnuk schuld und der Versicherer würde ggf. nicht zahlen wollen. Installiert HALL Spare und checkt noch mal das ganze Rigg, wäre an der Professionalität der Reparatur keine Zweifel, der Versicherer würde zahlen. Ich muss zugeben, auch bei unserer Versicherung sitzen Profis mit jahrelanger Erfahrung. Wenn das unsere Passaageplan für die Atlantiküberquerung nicht zerreißt und wir eine weitere Saison in der Karibik verweilen müssen, soll es mir Recht sein. Ja, klar, sogar sehr Recht. Das Bild oben zeit unsere den Elektromotor unserer Anderson Mastfallwinsch nach dem Kabelbrand in unserer Pechnacht! Also, die Reste. Reparatur mit Bordmitteln nicht möglich. Die Steuerelektronik hat es total zersägt. Ja, da schaut der Skipper schon wieder mal dumm aus der Wäsche. Ne, das tun wir hier und jetzt unserer Versicherung nicht auch noch an. Das kann Anderson beurteilen, wenn wir in Flensburg sind. Das Großsegel setzen ich und Julian mit der Hand zwanzig mal schneller. Die Winsch kann man ganz normal mit der Hand bedienen. Da müssen wir jetzt nicht Kiloweise Pakete durch die Luft befördern und die Umwelt unnötig schädigen. Wir nutzen den Vormittag. Das alte Großsegel ist nun endlich abgeschlagen. Morgen Vormittag fangen wir an das neue Großsegel anzuschlagen. Ab Mittag regnet es meist. Dann wird Unter Deck geschafft. Die restlichen Sitzkissen by Nathalie. Michael und Julian bauen Hochlastschalter für die Winschen ein, damit das Boot sicherer wird. Die Kinder lernen bis zum geht nicht mehr, auf das sie noch schlauer als Nathalie werden. Und ab fünf Uhr gehört der Pool uns und wir sind laut. Wir ernten böse Blicke der benachbarten Geschäftsführerin des Yach-Club-Restaurants. Aber den Kindern den Pool zu verbieten, so weit haben sie es bisher noch nicht geschafft.

Limbo in Jamaika

20140512

Gute Nachrichten

Das Wochenende verging für uns in einem absoluten Limbo, im Schwebezustand. Ohne weitere handfeste Nachrichten von Versicherung und Rigger schwankten Stimmung und Gespräche zwischen: Was müssen wir noch für die Atlantiküberquerung vorbereiten?“ und „ Wo ist eigentlich das nächste Hurrikanhole, falls wir ein halbes Jahr hierbleiben müssen?“ Untätig rumsitzen bringt am wenigsten und so entstehen die Leesegel, mehr Polster fürs Cockpit und die neuen Außenlautprecher für die musikalische Untermalung der bevorstehenden Reise werden von den Jungs eingebaut. Nee, Trübsal blasen kann uns keiner vorwerfen.

Der nächste Angriff erfolgt auf die drohende Ghettoatmosphäre hier im Yacht Club, weit ab vom wirklichen jamaikanischen Leben. Der Mann von Hertz macht uns ein gutes Angebot und steht Sonntag Nachmittag mit den Schlüsseln für einen Toyota vor dem Club. Sehr gut. Ein bisschen deplaziert komme ich mir dort vor, in Shorts und Shirt mit ausgelatschten FlipFlops an den Füßen. Denn es ist Sonntag. Nicht irgendein Sonntag, sondern Muttertag. Die halbe Stadt ist auf stöckelbeschuhten Beinen unterwegs. Hütchen, Glitzer, Cocktailkleider und eng geknüpfte Krawatten. Wer es sich leisten kann, geht aus, natürlich mit der ganzen Familie. Wir können es uns noch nicht leisten, was weniger mit Geld, als mit den Wetterverhältnissen zu tun hat. 20 Knoten Wind stehen in die Bucht, die MARLIN spielt Rodeoreiten, die Anziehungskraft der roten Fahrwassertonne steckt noch in den Knochen. Doch abends um 5 sind wir endlich auch dabei. Nicht ganz so schick, aber immerhin im Kleid, geht es mit einer Empfehlungsliste der Marinamitarbeiter die Küste entlang. Im Sky Beach Seafood Grill ist der Parkplatz schon überfüllt, die Kellner schleppen einen Tisch nach dem nächsten auf den Rasen, decken ein, die Köche wirbeln ihre Pfannen. Auch hier, fernab der Reichen, trägt man Festtagsmode. Kleinen coolen Jungs mit Lackschuhen und Rapperhosen guckt statt Calvin Klein Schriftzug die Windel aus dem Hosenbund, während der Papa die Goldkette zwischen den Fingern dreht und Mama ihr Dekolleté zur Schau trägt. Es gibt viel zu gucken und gut zu essen. Muttertagsschnulzen im Rastarhythmus. Seele baumeln lassen.

Dank Zeitverschiebung gab es heute dann schon vor dem Frühstück die ersehnten Nachrichten. Die Rigger warten mit einem Plan der Ersatzteilbeschaffung auf, angepeilter Lieferzeitpunkt: drei Wochen. Das klingt doch ganz gut. Das Beste ist vor allem, dass die Reparatur ohne Mastlegen oder Kranen hier vor Ort erfolgen kann. Die zweite Nachricht kommt von unserer Versicherung. Was für ein Glück, dass wir seit einem Monat wieder bei Wehring und Wolfes versichert sind. Ein Telefonat bringt sofort Hilfe, Informationen und das Wichtigste: Die Zusage zur Schadensübernahme. Dicke Steine plumpsen in das trübe Hafenwasser. Was folgt sind die üblichen Mails. Mehr Fotos schicken, Schaden schildern, Infos über Boot und Rigg, Kontaktpersonen bei Versicherung und Rigger kurzschließen. Es passiert etwas, unser Fall liegt nicht auf irgendeinem Ablagestapel, sondern alle erkennen die Notwendigkeit des schnellen Handels und machen mit. Ein gutes Gefühl. Das muss doch klappen. Hab gleich den Meilencountdown auf der Küchentafel geändert. 4622 Seemeilen Luftlinie, haben wir ja schon 100 Meilen seit letztem Sonntag gut gemacht.

Broken shrouds on MARLIN

20140509

Wie Träume zerbrechen

Es passierte mit einem lauten „Pääääääng!“ so gegen 4 Uhr 30 nah der Dämmerung. Wir kreuzen schon die ganze Nacht gegen 14 Knoten Wind, zwei Meter Welle und das gemütlich im zweiten Reff im Main und Fock. Alles ist gut. Wir machen Meile um Meile Richtung Discovery Bay. Backbordbug. Steuerbordbug. Und wieder Backbordbug. Ich denke noch, das sich die Fockschot irgendwo verhakt hatte. Vielleicht wollte ich es auch nicht wissen! Das BB Unterwant war es. Unglaublich. Komplett gebrochen und aus dem Mast rausgerissen. Mein Vertrauen in das professionelle Hall Spare Rigg fällt ins Bodenlose. Ich stelle mich vor den Mast, schaue hoch. Der sieht eher aus wie ein Flitzebogen. Wäre der gestellt und nicht gesteckt bis auf den Kiel, dann hätten wir schon keinen mehr. „Segel runter!“, schreie ich nach hinten. Die schauen mich nur verdutzt an. „Segel runter. Sofort!“ Skipper können schreckliche Menschen sein. Ich setze dicht, schaue wieder hoch. Glück gehabt. Mast steht wieder grade.

Aber dem war nicht alles in dieser Nacht: Um 22:00 gestern Abend bediene ich die elektrische BB Winsch. Es blitzt, die Kontrolllichter gehen aus und Minuten später der Geruch nach Feuer. Unter der Winsch ein Kabelbrand. Na das fehlt uns heute auch noch. Ich sprinte in Juians Kabine, dort ist der Hauptschalter der Batterie. Räume die Kisten mit Proviant weg. Julian fällt aus der Koje. Instinktiv wacht Nathalie auf und stellt sich ans Steuer, weil sie merkt das der Strom weg ist und der Autopilot nicht mehr funktioniert. Der ganze Motorraum ist voller Qualm. Doch im Endeffekt stellt sich nach zwei Stunden heraus, dass eine lose Kabelendverbindung den Brand ausgelöst hat. Der Elektromotor der Winsch allerdings ist hinüber. Na, da hab ich ja schon was, was ich mir zu Weihnachten wünschen kann.

Aus der Traum von Flensburg. Mit dem faustdicken Loch im Mast kommen wir nicht auf die Azoren, noch nicht einmal in den nächsten Port. Port Antonio, die Hälfte des Weges haben wir schon geschafft. Aber gegen die Welle und den Wind mit den fehlendem Want. Nee. Entscheidung. Wende und Ablaufen Richtung last port.

20140509a

Auf der MARLIN traurige Gesichter. Frust. Einsam steht an der Kreidetafel in der Kombüse: „4721sm bis Flensburg“ Die anstehende Reparatur, die Kosten hierfür, die Zeit. All diese Dingen fliegen in allen Köpfen der Crew durch den Kopf. Jeder hat sein eigenes Kino. Sich schon gefreut. Verabredet auf den Azoren, in Frankreich und in Flensburg.

Aber es gibt auch was Gutes an der ganzen Sache! Keiner ist zu Schaden gekommen. Der Mast steht noch und vor allen Dingen ist es jetzt passiert und nicht mitten auf dem Atlantik. Das hätte uns grade noch gefehlt.

Drückt uns mal die Daumen das unsere Pechsträhne ein baldiges Ende findet.

Grade kommt ein Mail von Nan Hall, dem Chef von Hall Spares rein. Nan hat unseren Hilferuf via e-mail persönlich erhalten und verspricht uns sich am Montag direkt zu kümmern. Na, dass nenne ich mal schnell und professionell. Ein kleines Licht geht am Horizont auf.

Crew komplett

20140508

Vorbereitungen für den großen Schlag

Einen Matrosen mehr an Bord haben wir uns gewünscht für die Atlantiküberquerung. Eine Person mehr um bequemere Nachtwachen, mehr Hände zum Zupacken, mehr Unterhaltung für die Kinder und einfach einen angenehmeren Trip zu haben. Seit gestern ist der Matrose nun an Bord und nicht nur die beiden Mädchen freuen sich, ihren Bruder hier zu haben.

Ansonsten reichen uns 36 Stunden Montego Bay, um wieder zu wissen, dass wir hier nicht auf das Wetterfenster für den Atlantik warten wollen. Da hilft auch der beste Spielplatz und die freundlichste Marina Crew nicht. Der Ankergrund hier ist einfach zum Wegfahren. 50 Meter Kette und zwei verkattete Anker reichen nicht aus, um die MARLIN von Annäherungsversuchen an die rote Fahrwassertonne abzuhalten. Spritzpistole und Schleifpapier liegen schon bereit für ihren Arbeitseinsatz. Bei jedem Ankermanöver holen wir Plastiktüten oder Angelschnüre raus, alle paar Tage wirbelt ein Kreuzfahrtschiff den Meeresgrund auf. Da kann ja nichts halten. Zwischendurch kommt die Marinepolizei und will uns ein paar Meter weiter nord, süd, rechts oder links haben. Die Stadt ist nur per Taxi zu erreichen, um uns herum nichts als Resorts und Hotels, das wahre Jamaika weit weg. Sind wir genervt? Nee, wir wollen nur nicht hierbleiben. Für die letzten Vorbereitungen, den Wechsel des Segels, Nähen von Lee-Segeln und Motorservice brauchen wir einfach ruhiges Wasser, gute Waschmaschinen und ein Dorf mit Gemüsemarkt in Laufnähe.

Das alles gibt es in Port Antonio, 90 Seemeilen Luftlinie, doppelt so viele Seemeilen Aufkreuzen entfernt. Natürlich nimmt der Wind zu, jetzt wo wir weiter nach Osten wollen, aber bisher ist die Mannschaft guter Dinge. Besser Aufkreuzen mit Wind als Motoren ohne, oder? Sagen wir jetzt, hier vor Anker, wo der Wind wieder nachgelassen hat und keine Böen von 20 Knoten mehr anzeigt.

Erster Jamaica Besuch auf der MARLIN

20140506a

Das sind Rasta Delfine

Wer kennt sie nicht? Flipper und seine Freunde Bob Marley und natürlich Free Willy. Alle kommen heute Morgen vorbei. Das Meer ist ruhig und ich springe mal eben ins Wasser und begrüße die Damen und Herren Besucher. Aber da bekommen sie doch Respect. Das ist auch das Passwort für Jamaica: „Respect Man!“ Und schon gehört man dazu und kann ohne Dauerverfolger durch die Stadt laufen. Noch. Noch sind Maya und Lena klein. Ich bin nen bisschen übermüdet. „Yeah Man!“ Eine Stunde noch, dann lassen wir unser Eisen in den Schlamm der Montego Bay fallen.

Wind wieder wech

20140506

Noch 39 Meilen bis nach Jamaica

Wie so oft Nachts in der Karibik, aber auch anderswo, schläft nicht nur der Skipper gern ein, sondern auch der Wind. Aus 4 Knoten machen wir zwar immer noch 2,8 Knoten Fahrt. Aber der „Schlüsselumdreh-Effekt“ siegt. Nathalie hat mich fast bis drei Uhr schlafen lassen in der Achterkabine. Ohne Kind auf dem Bauch schlafe ich dort tausend mal besser als vorne. Eh sind die Achterkabinen schlaftechnisch der Hit, weil quasi mitschiffs. Dafür darf Nathalie jetzt ausschlafen. Das weiß sie auch. Ich werde sie nicht mehr um fünf aus der Koje schmeißen, sondern ihr irgendwann einen Kaffee ans Bett bringen. Oder: Selber noch mal einschlafen und Wache, Wache sein lassen, weil sicher, weil AIS.

Der Blick auf die Karte ist nicht besonders vielsagend. Wir wollen so schnell wie möglich durch die Caicos Passage auf den offenen Atlantik und dann Richtung Bermudas. Dazwischen liegen noch vierhundert Meilen. Die Hälfte davon an der Südküste Kubas. Noch mal einklarieren in Kuba wollen wir auf keinen Fall. Die 250 Meilen bis zur Ostspitze Kubas sind auf jeden Fall mit ordentlich Gegenwind oder kein Wind gespickt. Der Rest im Moment auch mit Gegenwind. Tja. So sieht es aus. Aber das wird sich noch ändern. Wahrscheinlich werden wir bis Port Antonio an der Nordostspitze von Jamaica nachts aufmotoren müssen… Ich lasse meine Gedanken einfach mal so fließen… Oder doch links rum um Kuba? Aber irgendwie ist es jetzt zu spät dafür. Alles dreht sich, draußen knabbert die Dämmerung am Horizont, ein Frachtschiff „Bulk Patriot“ nimmt Kurs, 2 Meilen an der MARLIN vorbei. So ein aktives AIS ist eine echte Erleichterung der Nacht- und Tagwachen. Das Problem mit der Berufsschifffahrt hat sich erledigt. Die fahren immer auf mindestens 2 Meilen Abstand.

MARLIN Rennt!

20140505a

Noch 65 Meilen bis nach Jamaica

Die neuen Segel machen was her. Nach dem No-Wind-Deaster der letzten Nacht und schlimmen zehn Motorstunden um auf Höhe von Cayman Brac zu kommen, heute wunderschönes Leichtwindsegeln. Die MARLIN macht aus 8 Knoten Wind, 6 Knoten Fahrt. Das kann sie echt gut. Wie das so geht mit 28 Tonnen, wir wissen es nicht. Vielleicht der Konstrukteur. Auf jeden Fall sind wir das Motoren echt nicht mehr gewöhnt und läuft dieser hat der Skipper schlechte Laune. Aber das ist ja nun mal Schnee von gestern. Montego Bay liegt an, wir segeln in der Nacht auch noch im ersten Reff, damit die Damen nicht aus dem Bett fallen. Kaum Welle, ist irgendwie ruhiger als am schwelligen Ankerplatz vor Grand Cayman. Segeln kann so schön sein.