Archiv der Kategorie: SY Marlin

Eintrag von einem neuen Greenhorn an Bord: Silvia

20140709

Fazit: Echte Menschen, echtes Leben

So, du machst jetzt Heute deinen ersten Logbucheintrag meint Michael einfach mal so, und Nathalie….. kannst ja mal so deine Eindrücke der ersten Tage beschreiben. Gute Idee, nur das ich obwohl ich seit fast fünfundzwanzig Jahren zwischen Nord- und Ostsee bei Flensburg lebe, gerade merke, dass ich immer noch ein waschechter lahmarschiger Berner bin. Denn für diesen Eintrag hier benötige ich satte dreieinhalb Stunden. Nun bin ich aber schon fertig!

Also eine Horizonterweiterung braucht diese Familie hier nicht! Außerhalb der Komfortzone findet das spannende Leben statt, das macht Menschen beweglich. Das ist hier auf der Marlin zu spüren, ab der ersten Minute an Bord. Ich muss jetzt hier mal so richtig rumschleimen, das ist jetzt gerade fällig, auch absolut authentisch und ich habe jetzt die Chance diesen ersten Logbucheintrag zu schreiben, in einer Zeit, wo ich das alles von fast noch außerhalb zu überblicken in der Lage bin.

Die Kinder hier an Bord wachsen in einer selbstverständlichen Eigenverantwortung auf, welche einen gesunden Menschen ausmachen. Chapeau Nathalie und Michael! Es ist eine Freude hier zu sein und in diesen ganz persönlichen Alltag herein gelassen zu werden. Dieser ist autark und gleichzeitig von einer schier unbeschreiblichen Weltoffenheit durchdrungen. Es fühlt sich gerade so an, als ob einer mir die Tür aufhält und sagt: „Komm herein in meine Welt!“ Nach vier Tagen bin ich nun schon fast mitten drin. Sogar eine Loriot-taugliche Frühstücks-Szene habe ich heute beim Frühstück zwischen Michael und Nathalie erleben dürfen. Bevor ich lachen musste, bin ich dann geflüchtet, denn bekanntlich tun sich denn Zwei zusammen, wenn der Dritte anfängt sich einzumischen.

Wir sind hier schon zig mal mit dem Dingi an Land geschippert, mit dem Bus zu den Vulkanen gefahren, zusammen rüber gekraxelt, Verproviantierungseinkauf gemacht, gelernt wie man auf Portugiesisch danke und tschüss sagt, die Schapps der Küche und Kabinen kennengelernt, auch wie man die Klopumpe bedient, an Bordinstrumenten abliest ob gerade genug Strom da ist, um Handy, Lappi oder Akku der Kamera aufzuladen, ein halbes Ohr habe ich auch schon für den Stromgenerator, denn wenn der angeht, kann man sogar einen Staubsauger anschmeißen, soviel Kawumm ist hier auf dem Boot, vorausgesetzt man macht den richtigen Schalter vorher an, ein wahres Technikwunder und ……..die durchschauen das sogar alle, man kann auch die Kinder fragen, wenn man etwas nicht hinbekommt! Mindestens fünf Seiten könnte ich darüber schreiben, was für mich alles neu hier ist und was mir schon alles so „nebenbei“ erklärt wurde.

Ein ironisch gemeintes Schweizer Liedchen zum Abschluss, welches hier nicht gesungen wird: „Der Hans im Schnäggeloch hett alles was är will, und was är will das hett är nit und was är hett das will är nit….dr Hans im Schnäggeloch het alles was är will.“

Vulkantour

20140708

Crewerweiterung

Wir sind zu siebt. In Jamaica haben wir noch schnell einen 11 Liter Druckkochtopf erworben, der so gerade eben auf den Herd passt und nun regelmäßig für die große Crew zum Einsatz kommt. Kleine Läden gehören hier auf Faial längst der Vergangenheit an, im großen Supermarkt Continente gibt es alles, was man auch in Lissabon bekommen kann. Nach über einem Jahr in der teuren Karibik mit amerikanischem Sortiment schwelgen wir in europäischen Delikatessen, Käse, Brot, Schinken, Milchprodukte, feinstes Olivenöl, guter Kaffee, günstiger Wein, es gibt nichts, was es nichts gibt. Herrlich.

Julians Zwillingsbruder Lukas und unsere Schreinerfreundin Silvia aus Flensburg sind eingetroffen, haben vermutlich 30 Prozent der ersten Sicherheitseinweisung auf der MARLIN behalten und leben sich langsam in unseren Bordalltag ein. Auf einmal ist es voll auf der MARLIN, die Kojen sind verteilt, jeder hat sein Schapp und wie immer war es wie Weihnachten, als die Gäste ihre übervollen Taschen ausgepackt haben. Sylvia hat echtes Flens, Rum, Kohlrabi und Schokolade aus der neuen Heimat mitgebracht, Lukas mal wieder einen Impeller und andere Leckerbissen für die dicke Emma, sowie Legoüberraschungen für die Mädels von Johann! Danke, Johann, Jenny, Leon und Paul, Hubschrauber und Hundeschlitten sind gleich begeistert zusammengesetzt worden!

Nach einem Tag Bootsschule und Eingewöhnung habe ich heute die Gunst der Stunde genutzt und unsere neue Crew die Berge rauf und runter gescheucht. Wacholder, Lorbeer, wilder Ingwer, Hortensien und Rhododendron, Krater, Vulkanhöhlen, in den Wolken, über den Wolken, bei strahlend blauem Himmel. Aschefelder, tosenden Meer an Steilklippen, Leuchttürme und alte Walbeobachtungsposten. 8 km Wanderung durch den kompletten Nordwesten der Insel. Wir Erwachsenen spüren mittlerweile jeden einzelnen Muskel im Bein. Die Kinder, auch wenn sie bei manchen Abschnitten ein wenig gejault haben, merken natürlich gar nichts und waren fit genug, noch das Fußballspiel im Peter Cafe Sport mitzunehmen. Micha hat derweil den Kampf gegen oder für die Heizung aufgenommen und mit ein paar Spezialisten telefoniert. Ich habe nicht alles verstanden, aber anscheinend ist die ganze Anlage sehr dilettantisch installiert worden, falscher Boiler, Heizung zusammengeschlossen mit der Beleuchtung um Vorschiff und, und, und. Ein Projekt, dass sich noch nicht abgeschlossen ist.

Morgen ist die erste Verproviantierung angesagt. Lebensmittel für 7 Personen ranschaffen, wie gut, dass der Supermarkt einen Lieferservice hat.

Landfall in Horta

20140706

MARLIN @ Anchor

Ich bin’s der Micha. So. Nach der ersten Nacht kann ich auch die Tasten mal wieder bedienen. Gestern kurz vor Schluss sind wir hier eingelaufen. Der Hafenmeister war unfreundlich. Das kann ich auch. So kennt man mich ;-) Einklarieren in der Heimat. Das ist ja was. „Wie, ihr wollt vor Anker liegen. Das geht nur, wenn die Marina voll ist. Solange Platz ist müsst ihr an die Pier oder in die Box.“ „Für 40 Euro?“ „Klar.“ Der Beginn einer großen Freundschaft. Also verbringen wir die Nacht an der Kaimauer. Mit dem salatschüsselförmigen Kasko der Marlin ist das immer Mist. Die Fender rutschen gerne hoch und der Skipper bekommt schnell richtig viel schlechte Laune. Für solche Spielchen brauchen wir mal zwei dicke, fette, runde, orange, Fischerfender. Haben wir aber noch nicht.

Nathalie socialt mit unseren spanischen Freunden und abends landen wir auf dem Horta Dorfplatz. Hauptsache die Kinder sind glücklich und spielen mit den spanischen Freunden. Ein lokaler Kinderchor trällert auf eine Bühne, an Ständen gibt es die Reste von der Party, die anscheinend schon ein paar Stunden im Gange ist. Jetzt platzt mir der Kragen: „Nathalie, ich gehe jetzt mit Julian ins Peters Sport Cafe. Gin Tonic trinken bis ich tot umfalle!“ Julian hält sich aus dem sich anbahnenden Streit raus. Er will es sich weder mit mir, noch mit Nathalie verscherzen. Armer Kerl. Nathalie gibt nach. Guter Zug.

Heute am frühen Morgen wache ich im Pilothaus auf. Der Kopf ist schwer, ein Fender liegt auf der Kaimauer, es regnet. Ansonsten keine Schäden. Neuer Tag, neues Glück. Nach einen grandiosen Frühstück mit frischen Eiern und echt billigem Croissants packe ich meine Töchter unter den Arm und enter das Toilettenhaus am anderen Ende der Marina. Auf dem Rückweg wieder ins Hafenbüro. Jose oder Jorge ist wieder da. „Wir wollen dann in die Box verlegen!“ „Die ist jetzt anderswertig vergeben.“ „Na, dann können wir ja vor Anker gehen.“ Ich versuche es mal mit „Bitte!“ Wahrscheinlich schauen Maya und Lena so lieb, dass er „Ja!“ sagen muss. Der Hafenmeister hat einen besseren Tag, ich auch und für 5 Euro oder so, liegen wir eine halbe Stunde später vor Anker. Der Tag beginnt besser. Horta ist richtig schön. So wendet sich alles und Jose oder Jorge und ich, wir werden jetzt bestimmt dicke Freunde.

Es ist Samstag Abend und bei Peters Sport Cafe ist schon spät, als ich und Julian dort an der Theke ankommen. „Bier!“ „Wieviel?“ „Fangen wir mal mit sechs an!“ Es blieb nicht bei sechs. Julian und ich trinken uns durch das flüssige Angebot an Schnapps und Longdrinks. Draußen, sitzen wir auf dem Mäuerchen, ein absolut fähiger Alleinunterhalter mit E-Gitarre und Soundcomputer trällert viel besser als der Kinderchor und als er dann irgendwann aufgibt und den Hafen von Horta seiner nächtlichen Bestimmung übergibt, wankt der Boden endlich auch wieder so, wie die letzten drei Wochen auf See es getan hat. Arm in Arm schaffen wir den Weg auf’s eigene Boot. Nathalie ist noch wach und auch hier tritt wieder Ruhe ein. Wie gesagt. Das war gestern. Heute ist ein besserer Tag. Wir sind wieder in Europa. Socken, lange Hosen, Telefon und Internet. „Watten nen Luxus!“

Horta in Sicht

20140705

Vorbereitungen zum Landgang

Wir haben es fast geschafft, Horta ist in Sicht, oder zumindest wäre es das, wenn wir unter die dicke Wolkendecke gucken könnten, hinter der sich die Insel Faial versteckt. Über uns scheint auf jeden Fall die Sonne und das hat sie auch gestern den ganzen Tag getan. Mit Wind von achtern und mäßiger See haben wir die MARLIN gestern einem Großputz unterzogen, sind mit Eimern, Schwämmen und Wischlappen durch das Schiff gewedelt, haben die Landgangklamotten gewaschen, die Fender aufgepumpt, Landleinen rausgesucht und die passende Gastlandflagge aus der hintersten Ecke gekramt. Wann haben wir die das letzte Mal gesetzt? Die portugiesische Flagge? Irgendwann 2000 in Madeira oder an der portugiesischen Küste.

An Backbord hatten wir gestern den ganzen Tag die Insel Flores an Backbord liegen, eine typische atlantische Insel, hätte auch St. Helena oder ein der Kapverden sein können, grün, steil aufragend, vielversprechend. „Mama, können wir hierher nochmal zurücksegeln?“ Mal sehen, Pläne werden jetzt noch keine gemacht, erstmal ankommen. In der Nacht lassen wir ab und an die dicke Emma mitlaufen, der Wind schläft ein zwischen den Inseln, 6 Knoten von hinten reichen bei unseren 30 Tonnen nicht zum Schieben, selbst, wenn wir noch unseren Gennaker hätten.

Noch 24 Seemeilen to go, Zeit Schampoo, frische Klamottem Rasierer und Nagellack rauszuholen und die dreckige Wäsche ganz unten in einen Seesack zu stopfen. Zeit die Gastlandflagge zu hissen.

Endspurt

20140704

Wale und Delfine

Eigentlich hatten wir für gestern einen Schwachwindtag mit ein paar Stunden Motoren, Putzen, Aufräumen und Wäsche waschen geplant, aber ausnahmsweise bekamen wir mal mehr Wind, als angesagt. 6 Knoten Wind, in Böen mal mehr, alles am Wind Kurs, da hatte die dicke Emma natürlich nichts zu tun. Die MARLIN will ankommen, jeden noch so kleinsten Lufthauch verwandelt sie in Geschwindigkeit und ohne es zu merken, laufen wir schon wieder 7 Knoten. Nur die Welle war teilweise etwas unangenehm.

Ansonsten ist alles in Butter auf dem Kutter, Maya und ich arbeiten uns gerade durch sämtliche Plattinge aus dem Bereich Fancy Work unseres Knotenbuchs um all die Seemannspfeife und Marlspieker, mit denen ein ordentlicher Matrose unterwegs ist artgerecht festbändseln zu können. Julian steht viel mit Musik im Ohr am Steuer, vermutlich, weil er nach fast drei Wochen dann doch genug von uns hat und gerne mal in die andere Richtung laufen möchte. Skipper spielt mit der Navigationssoftware, nein, pardon, er installiert und testet sie natürlich zu Berufszwecken und Lena verschlingt ein Buch nach dem anderen und hofft, auf den Azoren endlich wieder Playmobil spielen zu können. „Spruch des Tages: „Wann sind wir da?“ „In drei Tagen!“ „Was, in drei Tagen? So schnell? Maya, wir sind bald da, nur noch 3 Tage!“ Das sind Dimensionen, normalerweise geht es ja bei den Wann-sind-wir-da-Fragen um Stunde, oder Minuten!

Drüben, auf der anderen Seite des Atlantiks, die wir vor knapp drei Wochen verlassen haben, tobt sich gerade der erste Hurrikan aus, Arthur heißt er. Wir bekommen immer noch die Tropical Weather Alerts und auch wenn wir nun schon viele Meilen weit weg sind, hat die schnelle Entwicklung des Systems zu der ein oder anderen Gänsehaut geführt. Genau zwischen der amerikanischen Küste und der Kurslinie, auf der wir vor den Bermudas so elend lahm vorangekommen sind, hat sich dieses System gebildet. Wir sind wirklich noch im letzten Moment aus der Karibik weggekommen. Ein paar Wochen später und das hätte buchstäblich ins Auge gehen können.

Zum Sonnenuntergang hatten wir ein Erlebnis der besonderen Art. Schon seit knapp einer Woche sehen wir vermehrt verschiedene Delfinarten im Wasser. Immer wieder begleitet uns eine kleine Schule für ein paar Minuten, je nach Wellengang mit mehr oder weniger kunstvollen Sprüngen und Saltos. Doch heute Abend hat Julian tatsächlich zwei Orcas entdeckt. Echte Schwertwale. Zwei Stück nebeneinander, unverkennbar, die lange Rückenflosse, der weiße Bauch. Da wurde uns ganz anders und warm ums Herz, diese grandiosen Tiere haben wir bisher nirgendwo auf den Weltmeeren gesehen.

Noch 208 Seemeilen to go, letztes Etmal 144 Seemeilen.

Duschen

20140703

Meilen fressen…

Nachdem die Capitana heute warm geduscht hat, ist für sie die Welt wieder in Ordnung. Ich brauche keine weitere Etmale, das 200+ war ausreichend. Also rauschen wir durch das Azorenhoch und fressen Meilen, statt Steaks. Wir machen grade mal 10° Lage, da können wir uns mal den Basics zuwenden. Die Mittschiffstoilette bekommt einen neuen Toilettensitz aus Gold. (Wer weiß was ein schnöder Lavac Toilettensitz kostet, der wird mich verstehen.) Der alte war so undicht, das die Spülung nicht mehr funktioniert hat. Das Dinghy musste mal wieder mit 3M 5200 fast cure vorm Zusammenfallen gerettet werden. Das neue ist bestellt, aber noch nicht geliefert. Und seit dem wir die aktuellen Marinapreise von Horta wissen, gehen wir dort wohl vor Anker. Passt mir eh besser. Also Dinghy reparieren, sonst (Jetzt bitte auf die Formulierung achten!) bekommen wir nasse Socken! Die dicke Emma braucht einen neuen Filter im Doppelfiltersystem, ein ST60 Display wackelt und die Pumpe von der Lavac retten wir grade noch mal am Mülleimer vorbei. Außerdem Wasser gemacht und versucht Fisch zu angeln. Tja, da war es dann auch schon wieder dunkel und schon sitze ich wieder in meiner Nachtwache mit Vollzeug am Mast. Alles oben was geht. Ne, das Kuttersegel ist nicht gesetzt. Mach ich auch nicht, sonst bekomme ich wieder Seitenhiebe im Internet.

380 Meilen to Go. Letztes Etmal 137 Meilonitos.

Entspannung

20140702

Noch 420 Seemeilen to go!

Nachdem der Skipper sein Jahrhundertetmal bekommen und mit einer Flasche Weißwein am Abend begossen hat, ist nun wieder Ruhe auf dem Schiff eingekehrt. Bei 6 bis 8 Knoten Wind aus SSE muss man gar nicht erst darüber nachdenken, den eigenen Rekord zu brechen, sondern kann wieder zum ganz normalen Ozeanüberquereralltag zurückkehren. Während der Nachtwache im Cockpit sitzen und Sterne gucken oder ein Buch lesen oder eines schreiben, gemütlich die heiße Kaffeetasse in der Hand und die Wolldecke über den Füssen. Keine nassen Füße, steife Nacken, verkrampfte Hände und Muskelkater.

Also, hat ja Spaß gemacht, so mit bis zu 10 Knoten die Wellen hinunterzurauschen, die 30 Tonnen Schiff mit einer, nee, Moment, mit zwei Händen trotz des Windes zu beherrschen, aber am meisten Spaß macht es halt tagsüber, mit lauter Musik im Cockpit und Sonne im Gesicht. Nachts alleine am Ruder im Dunkeln sieht das schon anders aus. Es ist eben nicht geschenkt, so ein Etmal, wie Micha schon geschrieben hat. Eine ganze Ozeanüberquerung nur mit Trimmen, Handgehen, schnell, schnell, schnell, nee, das wär nix für mich. Ich sitze lieber wieder im Cockpit in Lee, spleiße aus der Seele unserer alten Dyneema Reffleinen Textilschäkel und anderen Schnickschnack, spiele mit den Kindern Karten, bringe Julian das 1×1 des Brotbackens bei und schaue zu, wie auf dem GPS Meile um Meile nebenbei dahinschmilzt.

Noch 420 Seemeilen bis Horta. Das sollte in vier Tagen zu schaffen sein. Die anfänglich angesagte Flaute scheint doch auszubleiben, das Azorenhoch tanzt genau in die richtige Richtung, um uns durchgehend Wind und Sonne zu bieten. Den Motor haben wir heute trotzdem mal kurz laufen lassen, um heißes Wasser zum Duschen zu haben. Muss ja nicht jeden Tag sein, aber einmal in der Woche einen heißen Strahl über den Rücken laufen zu lassen, ist ein Luxus, von dem wir auf der Lady nur geträumt haben.

The 200 Miles Etmal!

20140701

We finaly did it!

Tja, Herr Thomas Kersting. Schade Herr Stefan Sturm. Wir haben ja immer mal wieder drüber geredet, über die 200 Meilen Schallgrenze für Monohulls. Jetzt müsst ihr mitsegeln und sie überbieten. Seit heute Mittag halte ich den Rekord auf der MARLIN mit 201 Meilen direkte Kurslinie von gestern 12:00 bis heute 12:00 LT. Es war knapp, ganz knapp und hätte die Capitana nicht noch vorm in Bett gehen heute morgen gesagt: „Versuchs mit dem Kuttersegel, dann bekommst Du es vielleicht noch hin!“, hätte ich es nicht geschafft. Kurz vor Schluss wollte mich der Wind im Stich lassen. Auch bin ich um ca. fünf Uhr morgens einfach im Stehen am Ruder eingeschlafen und erst um neun Uhr in Stehen wieder aufgewacht. Aber dann habe ich noch mal alles gegeben und zentimeterweise den Bauch von Genua, Kutter und Groß getrimmt, bis ich die MARLIN, auf die erforderlichen 9+ Knoten bekommen habe. Zugegeben, so kurz vorm langersehnten Ziel, hätte ich am liebsten den Motor kurz angemacht. Aber hab ich nicht. Jetzt kommt er, der goldene Ohring, fürs Kap Hoorn und für die 200. Zusammen mit Maya traue ich mich, die bekommt auch nen Stecker, allerdings weil sie neun geworden ist. Gratulationen und Kommentare bitte ins Gästebuch! Denkt dran, wir haben und wollen kein Facebook an Bord.

20140701a

Jeder Segler unter euch weiß was es heißt. 200 Meilen müssen hart erarbeitet werden. Zugegeben. Mit 60 Fuß Boot ist es etwas einfacher. Mit der LADY war das nie eine wirkliche Diskussion. Soviel Rückenwind und Strömung gibt es nirgends. 200 Meilen sind ein Durchschnitt von 8,4 Meilen in der Stunde. Wie gesagt: Durchschnitt. Und hätten Nathalie und Julian nicht so toll mitgemacht und in ihrer Wache von Hand gesteuert, wir hätten das nicht geschafft.

Jetzt sind wir auf 40°+ Nord und haben uns eingereiht in jede Menge Frachter und Containerschiffe, die hier nach Osten fahren. Wohl wegen dem Wetter und der Strömung. Vor uns das Azorenhoch und drei Tage Schwachwind! Na, ob wir das ohne Motor schaffen? Im Moment sieht es so aus, als wenn wir am Sonntag Abend auf Horta einlaufen könnten. Dort stehen dann Lukas und Silvia am Pier mit Blumen, Schokolade, kaltem Bier und Schokolade. Ach wir freuen uns so sehr. Ne, in Echt, wir wollen jetzt echt alle mal ankommen.

Leerer Kühlschrank

20140629

Die Rauschefahrt hält an

Es läuft. Das kann man nicht anders sagen. Genua und Groß jeweils im 2. Reff und trotzdem 8 Knoten Fahrt, da kann man nicht meckern. Kann man natürlich doch, über die blauen Flecken, die man sich holt, weil man schon wieder von einer Welle halb durchs Schiff geschleudert wird. Aber alles hat eben seine Vor- und Nachteile.

Nur der immer leerer werdende Kühlschrank, der hat keine Vorteile mehr. Gemüse, Käse, Butter, Speck, von allem sind nur noch homöopathische Dosen da. Jetzt wird rationiert. Für die Kinder gibt es jeden Tag eine Möhre zum Teilen als Rohkost, wegen Skorbut, ist doch klar. Erwachsene gehen leer aus. Die müssen mit Kürbis in der Suppe und Kohlsalat glücklich werden. Seit neuestem auch wieder Alfalfasprossen. Kartoffeln sind auch noch ein paar im Sack und 30 Eier, die aber mit Vorsicht zu geniessen sind. Die Bahamas eignen sich nicht wirklich zum Verproviantieren für Ozeanüberquerungen, da alles gekühlt ist und oft schon weite Transportwege hinter sich hat und so kommt alles, was wir an Bord haben noch aus Jamaica, der Markteinkauf liegt gute 4 Wochen zurück.

Fisch beißt leider seit einer Woche auch keiner mehr und die letzten Doradestücke sind gestern in Form von Fischfrikadellen in den hungrigen Mägen gelandet. Also gibt es jetzt Ozeanüberquerungskost: Erbsensuppe, Linsensuppe, Kürbissuppe, Chili sin Carne, Spaghetti mit Tomatensoße, indisches Linsencurry, Bohnensuppe, Frijoles refritos. Macht 8 Tage, dann sollten wir angekommen sein, sonst fängt der Speiseplan wieder von vorne an. Dazu läuft natürlich der Backofen auf Hochtouren, alle zwei Tage zwei Brote, das heizt die Bude ganz schön auf. Mich gelüstet es jetzt schon nach frischen Äpfeln, Salat, knackigen Paprika, Gurken und Tomate. Julian will Bier, Zigaretten und Schokolade (ich weiß nicht in welcher Reihenfolge), Maya und Lena wollen Erdbeeren und Micha auch Schokolade, viel wahrscheinlich, Traube-Nuss.

Etmal 168 Seemeilen, das kann sich doch sehen lassen, hoffentlich begleitet uns der Wind noch ein paar Tage!

Rückenwind

20140628

und Rauschefahrt

Kurzes Zwischenresümee. Ich würde die Strecke in Zukunft vielleicht doch eher im April oder Mai segeln. Wir hatten durchweg eher zu wenig Wind um unsere MARLIN auf Geschwindigkeit zu bringen. Oder von Vorn oder gepaart mit einer Front. Heute war es zum ersten Mal anders. 12-15 Knoten aus SW geben uns ordentlich Druck in den neuen Rolly Tasker Segeln und wir stellen das Groß weit aus. Unter Vollzeug, aber recht stabil beschleunigt die MARLIN auf acht Knoten, Durchschnitt. Julian und ich gehen für ein paar Stunden Hand und laufen deutlich mit neun Knoten. Ohne Autopilot und mit einer sportlichen Crew und kurzen Wechseln an der Radsteuerung würden wir wesentlich schneller ans Ziel kommen und über 200 Meilen Etmal machen. Aber wir sind zu dritt und leben auch noch an Bord. Nathalie muss sich um die Küche und Erziehung kümmern, Julian bekommt fast jeden Morgen eine Liste von Reparaturen, die er auszuführen hat und ich habe auch immer eine lange Liste zu tun. Also Segeln pur ist nicht drin. Der Autopilot macht seinen Job zwar gut, aber nicht wie ein guter Steuermann. 20140628a Die Stimmung an Bord ist gut, weil wir endlich Meilen machen. Und genau jetzt im Moment springt unser GPS um vom 1.000 Meilen auf 999 Meilen to Go! Jetzt geht es schneller. Aus Erfahrung. Ich weiß nicht genau warum. Aber wenn da steht 3.200, dann ist das noch so unvorstellbar viel. 999 Meilen. Das sind ein paar Tage mit einem Schiff wie der MARLIN. Wenn’s Wind hat. Wind werden wir haben bis Mittwoch. Dann zieht ein lokales Tief über den Azoren, das Hoch nach Norden, genau uns in den Weg. Wie wir dann die letzten 500 Meilen machen werden ist vollkommen unklar. Im Moment hoffen wir einfach, dass sich die Meteorologen irren, dass Tief plötzlich verschwindet oder sonst was. Und wenn es dann eben so ist, dann ist es eben so. Dann haben wir wenigstens Gegenwind, den wir aufkreuzen können und nicht Rückenwind, bei dem wir stehenbleiben. Mit dem Fischen ist so die Sache. Wir verlieren viele Köder, weil uns große Fische die Köder einfach abbeißen. Und zwar durchs Vorfach aus Stahlseil. Das hängt leider auch mit der Geschwindigkeit zusammen. Hier werden wir wohl ab den Azoren soliden Stahldraht verwenden, wie ich es bei den Game Fischern auf Cayman Islands gesehen habe. Hab ich leider nicht an Bord.

Julian

20140627

Mensch. Der hat Rückenwind

Intermezzo. Heute mal probeweise die Webasto in Betrieb genommen. Die 9KW Webasto ist das Herz unseres Warmwasserkreislaufs mit Thermospeicher, auf Dieselbasis. Ersatzweise Motorkühlkreislauf. Ich musste vor ein paar Monaten das Wasser ablassen, weil ich einen Heizkörper im Bad demontiert habe. Nun, kein Problem. Die Kühlflüssigkeit hatte ich in einem Kanister aufgefangen. Also wieder rein und gut ist. ON! Ne. Kein On. Fehlermeldung. Irgendwelche Blinksignale am Schaltpanel. Also Manual raus und lesen. Manual ist auf Holländisch. Haha. Die Sprache kann grade keiner an Bord. Nach langem Wühlen finde ich das Installationsmanual auf Deutsch. Der Blinkcode: Fünfmal kurz, Zehn mal lang meint: Überhitzung. Die Heizung springt nicht mehr an. Ich also in den Motorraum, Abdeckung ab und allgemeines Unverständnis, wie immer wenn man an ein neues technisches Gerät gerät, dass nicht einfach nur funktioniert.

Das ist Julian. Julian ist 23 und mein Sohn. Julian ist groß und segelt zum ersten Mal über den Atlantik. Ein Traum für ihn. Gestern war Bergfest und jetzt weiß er, dass er den Rest der Reise auch überleben wird. Wenn wir viel Wind haben, machen wir die Segel kleiner. Haben wir wenig Wind, andersrum. Bei keinem Wind warten wir ab oder machen den Motor an. Bei Sturm machen wir die Segel fast weg und die Fenster zu, so dass es nicht reinregnet. Ansonsten ist es manchmal wackelig. Am Anfang hatte Julian viel Respekt vor der Reise. Jetzt hat er sich daran gewöhnt. Wenn Papa nervt, sagt er: „Is klar Papa. Mach ich!“ und denkt sich seinen Teil, weil der Alte grade mal nervt. Ist auch erlaubt. Und dann sind da gefühlte hundert Leinen an Bord, deren Namen Nathalie und Michael die ganze Zeit benutzen. Ein ziemliches Kauderwelsch in den ersten fünf Tagen. Die Manöver müssen manchmal schnell gehen und da ist es doof, wenn man nicht alle Namen kann. Jetzt kann Julian die Namen. Er geht über Deck, zupft hier und da und lernt grade was Schamfilen ist und wie man das vermeidet. Wenn das sitzt, dann lernt er vielleicht noch trimmen. Immer noch besser als immer abspülen zu müssen. Julian spricht nicht so viel. Manche, meist Mütter nennen das introvertiert. Ich nenne das mundfaul. Vielleicht ist es auch nur Unsicherheit und Schutz. Aber man sollte andere Menschen nehmen wie sie sind. Das erwarte ich von anderen, dass darf Julian auch vom Skipper erwarten.

Die Webasto. Hat noch keinen Namen. Ich mache das Ding immer wieder an und aus. Aber die Dieselpumpe fördert kein Treibstoff. Kein leises Klicken. Bin ich dämlich? Da steht drin, den Temperaturbegrenzer drücken, wenn die Anlage überhitzt war. Hmm. Ich bin doch dämlich und stelle den Temperaturregler runter und wieder raus. Du lachst? Wahrscheinlich hast Du das Manual gelesen. Irgendwann macht es auch bei mir Klick, Bumms, Doing! Der Temperaturbegrenzer ist an der Heizung selber ein versteckter Reset Button mit einem dicken Gummi drüber. Brav entlüfte ich die Anlage noch mal, wie beschrieben und fülle noch etwas Kühlmittel nach. ON! Yes! Mit einem gesunden Rauschen beginnt das Herz unserer Flensburg-Überwinterung an zu arbeiten. Ich prüfe die Leitungen im Boot. Alles wird warm, heiß. Die Heizkörper im Bad und Dusche, auf Toilette. Die Lüfter im Salon, brauchen wohl noch etwas Liebe, ebenso in der vordere Kabine. Aber das bekommen wir noch hin. Hauptsache die Webasto läuft: Flensburg, wir können kommen.

Heute Abend dann haben Julian und ich für die Nacht gerefft. Nathalie hat schon geschlafen. Das Großsegel der MARLIN mit seinen 100qm ist immer ein bisschen biestig. Beim in Wind fahren neigt sich der Mast je nachdem wie viel Wind und Segel drauf ist ganz schön. Eigentlich sind zum Reffen immer sechs Hände notwendig und alle müssen wissen was zu tun ist. Heute Abend haben Julian und ich das dann eben mal alleine probiert und das hat richtig gut geklappt. Ganz in Julians Sinn: Ohne viel Worte. „Das war richtig gut. Das hast Du sehr gut gemacht!“, schließe ich das Manöver ab. Reibungslos. Morgen fangen wir mit dem Segeltrimm an. Ein guter Bootsjunge. Seine eigentliche Aufgabe an Bord allerdings ist die Dokumentation. Die meisten Bilder der Reise stammen von ihm. Macht er auch sehr gut. Was für ein Video aus dem Filmmaterial entstehen wird, wird man in ein paar Wochen sehen. So habe ich mehr Zeit Manuals zu lesen ;-) Julian hat Rückenwind. Ob er das merkt?

Wir bedanken uns bei Constanze für Ihre Autorenzuwendung via Spandenbutton!

Die dicke Emma und die Augsburger Puppenkiste

20140626a

Endlich. Es haucht.

12 Stunden sind wir unter Motor gefahren. Ein Zwischenhoch ist direkt über uns hinweggezogen und hat jeglichen Druckausgleich zwischen Isobaren zum Erliegen gebracht. Kein Fisch hat gebissen und die Sonne hat uns auf die Köpfe geschienen. Das Meer wabert wie eine Plastikfolie. Es ist blau. Der Himmel ist blau und Tuktuktuktuktuk… schiebt sich der Rumpf der MARLIN langsam Meile für Meile weiter. So kann es gehen. Ich bin echt froh, dass die dicke Emma das ohne einen Mucks gemacht hat. War ja in letzter Zeit nen bisschen schwierig und bis heute ist nicht klar, warum sie vor zwei Tagen heiß gelaufen ist. Ob es wirklich Luft war in der Kühlleitung? Ich hatte jetzt auch keine Lust rumzuspielen und den Motor zum Test wieder auf 3.000 Touren laufen zu lassen. Das kann ich machen wenn wir auf den Azoren am Pier liegen und Ersatzteile schneller verfügbar sind als mitten auf dem Atlantik. Endlich werden wir auch leichter. 1,2 Tonnen Diesel mit sich rumschleppen macht ja auch nicht grade schnell. Die Batterien sind auch mal wieder randvoll und der Batteriemonitor zurückgesetzt, die Crew geduscht und wohlriechend, zwei Maschinen Wäsche gewaschen und getrocknet, die Wassertanks voll mit herrlich schmeckendem Wassermacherwasser. Ja und da kündigt sich dann für den frühen Abend ein Lüftlein an. Jetzt ist es da und die 5 Knoten schieben uns an ohne Tuktuktuktuktuk. Mal drei, mal vier Knoten, besser als das Gedröhne der dicken Emma allemal. Hoffentlich bleibt der Wind stehen. Westlich von uns kommt schon wieder die nächste Front mit Regen und Wind. Uns ist es egal, da kommen wir wenigstens weiter.

Heute haben wir dann Bergfest gefeiert. Bergfest ist die Hälfte des Weges. Geschafft. Die Hälfte von den Bahamas zu den Azoren. Auf der Karte sieht das so schnell aus. Auf dem Wasser ist das ein langer Weg mit fünf Personen auf wenig Raum. O.K. Wir können uns wirklich nicht beklagen. Platz haben wir genug und zu einem Streit ist es noch nicht gekommen. Noch nicht mal im Ansatz. Wie immer wichtig ist, dass alle immer satt sind. Und das war dann auch heute wieder der Fall. Ich habe meinen Miniräucherofen aus dem Motorraum geholt und ein ordentliches Stück Dorade mit Tropenholzspänen aus Suriname geräuchert. Nathalie hat dazu Poison Crue in Kokosnussmilch auf polynesisch gemacht und Kartoffeln, Julian konnte gar nicht genug bekommen, Krautsalat, eine Flasche Weißwein und zum Schluss ist der Skipper schlafen gegangen… Leben, wie Gott in Frankreich nennt man das wohl. Ich sag nur: Segeln kann so schön sein wenn alle drei Tage ein Fisch beißt. Ob uns das Fischglück weiterhin begleitet? Wer weiß. Zwei Köder haben uns irgendwelche Monsterfische mit sicherlich mehr als hundert Kilo einfach abgebissen. Was ist auch schon so ein Stahlvorfach? Da beißt man doch einfach durch. Solche Monsterfische wollen wir ja auch gar nicht haben. Aber so ein 25kg Yellowfin Tuna, der steht noch auf der Liste. Ob das überhaupt geht hier, so weit im Norden? Wir nähern uns deutlich der 36 Grad N Grenze. Da haben wir einen neuen ganz bunten Köder geknüpft. Petri Heil.

Der Wind ist schon wieder vorbei. Die dicke Emma brummt schon wieder. Vielleicht irgendwann heute Nacht? Wind? Tuktuktuktuktuk…

Unserem treuesten Leser, meinem Vater Ortwin wünschen wir auch an dieser Stelle noch mal herzlichen Glückwunsch zum Abschluss seines 82 Lebensjahres! Happy Birthday and a lot of Gesundheit!