Archiv der Kategorie: SY Marlin

Kanalinseln querab

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Erziehung zum Kleinkarierten Rückwärtssegler

Es ist Nacht und wir segeln. Noch. Und grade sehr langsam. Eigentlich schnell, aber durch die Gegenströmung um 1,5 Knoten aufgeschoben. Aufgeschoben ist aber nur aufgehoben. Am frühen Morgen steigen wir in den Elevator ein mit der MARLIN und nutzen die starke Strömung bei Aldernay um, Schwupps, die verlorenen Meilen wieder reinzuholen mit 2-3 Knoten Rückenströmung. Die MARLIN, die hat Rückenwind.

Nach dem „kapitalen Riggschaden der MARLIN“ in Jamaika, wie es die YACHT beschrieben hat, kontrollieren Maya und ich jeden Morgen bei Gassigehen mit Bootshund Lars das Rigg. Hierbei sind wir äußerst pingelig wie man sieht. Vorsichtig entfernen wir erst Salzkristalle, dann Flugrost, pulen die Poopel aus dem Zwischenraum am Terminal der Wanten. Danach wird alles mit Süßwasser gespült und mit Watte poliert. Praktischer Segelunterricht Unterricht an Bord der MARLIN. Glaubst Du es? Hoffentlich nicht. Es war fast Spaß. Nach einer Oceanüberquerung säubern wir den Übergang der Drahtseile ins Terminal wirklich, mit etwas Scheuermilch und einer alten Zahnbürste um Schäden oder Elektrolyse erkennen zu können. In ein paar Tagen ist es wieder so weit. In 48 Stunden werden wir Amsterdam anlaufen und ein paar Tage Zwischenstopp einlegen. Wichtige private Tasks haben absolute Priorität. Mikla, unsere MMSI ist im übrigen 367623440.

Englischer Kanal. Skippergedanken.

20140730

Der Wind is wech.

Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn der gute Wind auch im Kanal da gewesen wäre. Jetzt kommt er von genau achtern und das ist nun mal der Wind, den die MARLIN gar nicht gefällt. Am Wind machen wir uns unseren Wind aus einem Lüftlein selbst. Von hinten stehen wir auf der Stelle und treten mit den Hufen auf den Boden. Also Motor rein, Segel runter, Motor aus und Segel rauf. Wie in alten Tagen. Später soll es Meer Wind geben. Wir werden sehen.

Lars ist jetzt so weit, dass er „fast“ stubenrein ist. Beim Segeln gehen Julian, Nathalie und ich abwechselnd mit ihm auf Gassi Rundgang von achtern zum Bugspriet und zurück. Bei wenig Kränkung auch ohne Leine. Heute ist er zum ersten Mal ohne Leine direkt zum Bug vorgelaufen. Ein Stück Kunstrasen am Heck dient als Toilette beim Am-Wind-Kurs. Geht also alles. Das er im Boot mal ausläuft liegt daran, dass ihn dann keiner hört, denn er macht sich immer bemerkbar. Die ganze Situation entspannt sich durch Lars positive Entwicklung deutlich. Auch ist Lars weder seekrank geworden, noch hat er Probleme bei Schräglage, bis zu etwa 15 Grad. Ab 15 Grad sucht er sich kommentarlos eine Ecke im Boot die sicher ist. Hinter der offenen Toilette im vorderen Bad und unter der Koje der Kinder oder auf Skippers Füßen, je nach Lage. Lars hat auf seinen ersten 1.100 Seemeilen 50% an Größe zugelegt, misst nun 56cm von Nase bis Popoende ohne Schwanz und hat 4kg Futter verdrückt. Ich denke, mal, das wird ein guter Bootshund. Maya und Lena sind total glücklich. Vor allen Dingen Lena hat an der Stubenreinheit aktiv mitgeholfen und schickt Lars Tag und Nach raus zu den Wachhabenden. „Lars will Gassi gehen.“ Also: Das war die richtige Entscheidung!

Die Stimmung an Bord ist prima. Julian, ist viel, viel entspannter als bei seinem ersten Trip bis zu den Azoren und schon der Profiskipper, wenn es nach ihm geht. Na, da müssen wir aber noch ein bisschen An- und Ablegen, Einparken und Rückwärtssegeln üben. Und das alles mit 18 Meter und ohne Bugstrahlruder. ;-) Lukas leidet etwas unter Zivilisationsentzug und Gruppenzellensyndrom, so kommt es mir vor. Vielleicht findet er es aber auch ein bisschen doof, dass sein kleiner Bruder mal mehr weiß und kann als er. Er will vor allen Dingen ankommen. Silvia ist eh tiefenentspannt, solange sie zu ihrem Schlaf kommt und genießt jede Meile. Die Kinder sind eh verrückt und glücklich weil einfach alle da sind, die sie besonders lieb haben. Nathalie und ich finden uns selbst abwechselnd blöd und toll. Also alles beim alten. Über der MARLIN ziehen wir eine dicke schwarze Wolke an Problemen mit, die zu privat fürs Logbuch sind, die sich grade wieder aber so langsam lichtet. Aber auch das ist ja irgendwie normal.

Wir sind jetzt im Kanal, mit leichten Winden aus West, shiften vor der Brise. Mal mit, mal gegen die Strömung. Ich krame mein Yachtmaster Wissen wieder aus den grauen Zellen. Tiden und Strömungsberechnung. Da war doch was. Ach so. Englischer Kanal und Nordsee. Da bin ich doch groß geworden. Ein bisschen Abwechslung ist das gemeinsame Mittagessen, Nathalies Funkerei mit Armin von Intermar. Hi.

Es ist voll im Englischen Kanal. Sieht man auf der AIS Karte am besten. Aber keine Angst. In Wirklichkeit ist das gar nicht so schlimm. Nur etwas ungewohnt, wenn man tausende von Meilen über den Atlantik kein anderes Boot gesehen hat.

Biskaya

20140729

Wale

Ich hab Wache, stehe am Steuer und es ist fünf Uhr Nachmittags. Ich meditiere!

Nathalies Kopf erscheint grinsend im Pilothaus und kuckt mich an: „Bitte genau den Kurs halten, bis die paar Fischerboote vor uns durch sind.“ Aha…also ich weiß, dass hier irgendwo die Kante kommt, wo es in die Biskaya geht, rattert es durch meinen Kopf. Der Meeresboden steigt innerhalb circa 200 Seemeilen von 4000 Meter Tiefe im Nordatlantik auf 130 Meter Tiefe in der Biskaya an und an dieser Kante gibt es wohl besonders viele Fische und halt eben auch besonders viele Fischerboote, logisch oder? Was, genau wo ich Wache habe? Na die Nathalie hat Nerven, lässt mich echt hier oben alleine am Steuer. Na ja ganz alleine ist man hier am Steuer ja nie, denn seit Bootshund Lars hier ist, geht ständig einer Gassi mit ihm, einmal rund Deck. Dann muss man den „Lars-Kurs“ steuern, das heißt nicht so viel Schräglage!

Trotzdem bin ich jetzt gerade alleine hier. Los Silvi, konzentrier dich, du schaffst das! Zwei Minuten später wieder Nathalie. Sie macht den Motor an. Gerade hatte ich meine innere Ruhe wieder. Mein Blick verrät anscheinend alles. Sie grinst mich an: „Nix schlimmes, brauch nur Strom!“ Ein paar Minuten später kommt Micha ins Cocktpit, er klappt den Deckel zum Motorraum auf und geht in Keller. So ganz nebenbei sagt er: „Motor läuft, da kann ich ja Wasser machen.“ Also echt, die machen mich grad fertig die Beiden!

Nach dem Bergfestessen lecker a la Nathalie heute Nachmittag freu ich mich tierisch. Noch ein Stündchen Verdauungsschlaf bis zur Wache! Gerade im Tiefschlaf angekommen schreit die ganze Bande wild und ziemlich laut durcheinander. Ich versteh Silvi und Wale und fall fast aus der Koje. Nullkommazack bin ich draußen. Watt ein Schauspiel, Wale und zwar viele Wale und sie springen wie Delphine und manchmal zwei zusammen. Mann hab ich ein Glück. Merci, dass ihr mich geweckt habt.

Gerade ruft Nathalie wieder: „Delphine an Steuerbord auf drei Uhr.“ Während ich Richtung Cockpit hechte, kuckt Micha verschlafen aus der Türöffnung der Kabine und fragt:“ Was ist kaputt?“ Ha, ha, ha, wir prusten echt los vor lachen……dabei ist hier doch fast nie was kaputt! Aber los ist hier echt immer wat und diese verrückte Mannschaft fängt langsam an, mir ans Herz zu wachsen! Silvia.

Bugwechsel

20140727

Neuer Kurs: Am Wind

Unsere Motorstunden bekommen haben wir. 20 Stunden hat es gedauert das Zentrum des Hochs zu queren und an die Ostseite des Systems zu gelangen. Wir hätten sicher noch ein paar Meilen mehr mit 3 Knoten Fahrt unter Segel machen können, aber wenn man weiß, dass man mit ausreichend Fahrt den nächsten günstigen Ausgangspunkt erwischen kann, um wieder drei Tage stetigen Wind aus günstigen Richtungen zu bekommen, ist das Gebrumm ganz gut zu ertragen. Wetter gibt es derzeit wie immer einmal täglich über die Grib Files, sowie morgens und abends über die Intermar. Armin, Rüttger, Rüdiger und Klaus sind abwechselnd zweimal täglich auf der 14.313 zu hören und versorgen Yachten zwischen Mittelmeer und Skandinavien mit individueller Wetterinformation. Auf dem Weg zu den Azoren konnten wir die Runde wegen starker Störungen aus den USA nur schlecht verstehen, doch seit den Azoren sind die Bedingungen perfekt. Wieder eine neue Sprache für Silvia und Lukas. KD7SVT, QRV, CQ Mike Mike, 73, Delta Lima, QRM, usw. Lukas guckt mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, während ich mit dem Mikrofon in der NAV-Ecke gequetscht unser Wetter hole. Recht hatten sie glücklicherweise auch, die Prognosen von Intermar und so setzt der Nordwestwind mittags wieder ein. Genua, Groß, Fock, volle Kutterbesegelung ausgeschüttet, die dicke Emma darf wieder schlafen gehen. Wir segeln jetzt auf Steuerbordbug, das heißt die Kinder und ich haben jetzt endlich die Sahneseite, Gerechtigkeit muss sein.

Neuer Kurs: Am Wind. Schräges Segeln mit 20 Grad Krängung. Julian und ich lösen uns gegenseitig am Steuer ab. Laute Musik und Sonnenschein tragen nicht gerade dazu bei, dass unter Deck ideale Lebensbedingungen herrschen. Es ist einfach zu schön, das Rauschen des Kielwasser zu hören, zu spüren, wie die MARLIN sich auf die Seite legt, ihre Spur sucht und beschleunigt. Drinnen purzelt alles durcheinander, Lars hat sich angewöhnt seitwärts immer die Wand lang zu laufen. Zwischendurch winschen wir Julian das Vorstag hoch, der Skipper hat bei einem seiner Gassi-Rundgänge ein paar lose Schrauben an der Rollreffanlage gesehen. Schon praktisch, so Zwillinge, einer winscht, einer hängt in den Seilen und ich hab die Hände für die Kamera frei. Silvia ist endgültig im schrägen Leben auf der MARLIN angekommen und bäckt Apfelkuchen. Dünn an der Backbord, dick an der Steuerbordseite, ein ganz normaler Am-Wind-Kuchen eben. Jens, deine Frau ist hochseetüchtig, hast Du ein Schwein gehabt! Da werden Dich viele drum beneiden.

Etmal 140 sm, noch 1.081 sm Luftlinie bis Flensburg.

Auf dem Weg ins Hoch

20140726

Kurs auf die Biskaya

531 Seemeilen haben wir in den ersten drei Tagen abgesegelt, mehr als ein Viertel der Strecke bis nach Flensburg. Zu glauben, dass es nun so weitergeht, wäre albern, aber ein gutes Gefühl ist es. 3 Tage Hochgeschwindigkeit am Rande des Tiefs, jetzt kommt das Hoch. Mit dem Hoch kommen weniger Wind, weniger Speed, aber auch weniger Wolken. Das Leben an Bord wir ruhiger, langsamer, die Musik im Cockpit wird lauter aufgedreht und auch wenn alle irgendwie ein bisschen jammern, dass wir keine 8 Knoten mehr fahren, genießen sie doch die Ruhe. Frühstück mit frischgebackenem Roggenbrot am Tisch, zum Mittagessen Salat zu den Nudeln und Gabeln, keine Schalen mit Eintopf und Löffeln. Bei Schwachwind darf auch Gustav, der Autopilot wieder mitspielen, denn mit dem Wind ist auch die Welle verschwunden und bei Responselevel 2 hört man den Autopiloten fast überhaupt nicht. Lars durfte schon viermal die Runde übers Deck laufen, die Delfine, die neugierig an Backbord mitgeschwommen sind, haben ihn allerdings nicht interessiert.

Bei dem schönen Wetter liegt auch keiner tagsüber für ein Schläfchen in der Koje, Zeit für ein Crewfoto mit Segeln bevor der Wind komplett einschläft. Wobei, ein paar Stunden Motoren heute Nacht wären gar nicht so verkehrt, heißes Wasser zum Duschen für Mensch und Hund, das hätte was.

Noch 1235 Seemeilen Luftlinie bis Flensburg.

Ich glaub , ich dreh am Rad

20140725

Die Tagesthemen

Alle haben jetzt ihre Seebeine und der Wind blast weiter mit 20 Knoten aus Süd – Sagen die Wetterkarten. Unsere Anzeigeinstrumente zeigen nur 15 Knoten an mal 18. Da stimmt irgendwas nicht. Vielleicht mal kalibrieren? Wie es geht weiß ich ja, aber wo nach kalibriert mal denn. Windkanal? Raymarine halt. Augenbraunen hoch. Was man hat, das hat man eben. „Is wenigstens bezahlt.“

Der gemeine Skipper lässt wieder alle per Hand am Rad drehen. Das auch noch ohne Diskussion. Da würde mich ja mal interessieren was unsere Leser dazu meinen. Mit ausreichender Crew wie wir jetzt sind finde ich das ganz normal. Vier Stunden Nathalie und Silvia, vier Stunden Julian und Michael, dann vier Stunden Lukas und Michael. Na? Was gemerkt, ich komme doppelt vor. Wollte ich aber auch, damit ich was von meinen Söhnen hab. Hab ich aber nicht. Entweder ich schlafe oder meine Söhne schlafen. Trotzdem alles superschön. Wann werde ich das mal wieder haben, meine ganzen Kinder so beieinander. Ich speichere das auch fleißig im Kopf ab. Da wo es mir keiner wegnehmen kann.

Alles ist anders. Kein Fisch an der Angel. Es ist kalt, zumindest in der Nacht. Der Himmel ist nicht blau sondern grau. Wir erreichen die Breite des Kap Finisterre: Nathalie, dass ist wie nach einem langen schönen Urlaub am Mittelmeer, mit dem Auto zurück nach Düsseldorf kommen. Dann passierst Du den Frankfurter Flughafen und sagst: „Guck mal hier kreuzt die A3 die Welt. Jetzt sind es nur noch 300 km bis nach Hause. Dann ist alles wieder beim Alten und der Urlaub ist vorbei.“

Das Steuer zu drehen ist bei Dunkelheit, Regen und ohne Sterne, Mond oder Horizont nicht grade einfach. „Nicht so schräg!“, rufe ich Julian zu. „Nicht 60 Grad, sondern 40 Grad!“ Silvia und Lukas zeige ich erfolgreich, wie man mit geringsten Steueraufwand den Kurs halten kann. Die beiden können jetzt auch am Rad drehen. Wir funken jeden Tag zwei, manchmal sogar dreimal mit Intermar, um uns unser Wetter noch mal bestätigen zu lassen. Die MARLIN rennt, als wenn sie sagen wollte: „Dieser Skipper, also wirklich!“ Der Kurs Karibik-Flensburg, ist definitiv anders als der Kurs Flensburg-Karibik. Ich fühl mich ein bisschen wie beim heiteren Berufe raten mit Robert Lempke. Der ist doch bestimmt auch schon tot. Du kennst die Sendung noch? Dann pass auf…

Am schrägen Gemütszustand des Skippers, liegt das Ende der letzten Lucky Strike Packung, will die Capitana schreiben, wenn Sie diese Zeilen liest. Da komme ich ihr mal zuvor. Kann auch sein. Jeder Tag ohne Lucky oder meinem Freund Marlboro ist ein guter Tag. Doch die Zeit an Land, die Partys, das gute Essen und die Wiedersehensfreude mit meinen Söhnen, die mir dann einen vorqualmen? Da will ich dann auch ungesund leben und Spaß haben. Auf der MARLIN aber, da fährt der anerkannte Mann (…und Frau. Silvia hat mitgemacht!) nur mit einer Packung. Ist die leer, ist man begeisterter Nichtraucher. (Das mit der Begeisterung kommt morgen)

Julian fotografiert weniger. Wie auch, bei dem dauerhaft grauen Hintergrund und meiner derzeit schlechten Motivation. Dafür macht er heute Erbsensuppe mit Fleischwursteinlage. Sehr lecker. Hat er von Nathalie gelernt. Ein ziemliches Highlight, wenn Maya nicht grade zum Essen, Lars geweckt hätte, der natürlich sofort Gassi gehen will auf dem Vordeck, um eine neue Ecke für sein Geschäft auszuprobieren. Lars mach nämlich ungern an einer Stelle zweimal. Nach anfänglicher Freude, darüber das er in die Dusche gemacht hat, bin ich heute so weit gekommen, dies festzustellen und renne weiterhin, wie alle anderen auch mit einer Küchenrolle hinter dem angeleinten Hund bei 15 Grad Schräglage. Ich sach euch: „Hier is was los. Hier tobt das richtige Leben auf der MARLIN!“ Dazu kommt jeder Menge Krimskrams, Leichtes und Ernstes is auch dabei, deren Details ich hier mal verschweige.

Und deshalb drehe ich wieder am Rad, schalte den Autopiloten aus und wir zeigen dem dummen Ding, dass wir es besser können. Dabei kommen wir unserem Wegpunkt Brest immer näher. 727nm. Letztes Etmal 181 Meilen. 1.437nm bis Flensburg. Deutschland vor 14 Jahren mit der IRON LADY verlassen. Jetzt wiederkommen auf dem gleichen Seeweg, mit anderem Boot. Hat was. Grins.

Durch den Wind, statt durch die Welle!

20140724

Im Nordatlanik

Da wir jetzt fünf Erwachsene an Bord sind und ich die Nachtwache von Mitternacht bis vier Uhr Morgens stehe statt die von neun Uhr abends bis Mitternacht habe, muss ich mich genau wie der Rest der Crew erst an einen Neuen Rhythmus gewöhnen. In meiner ersten Nachtwache auf dem Weg Richtung Flensburg hieß es dann gestern Nacht direkt mal Reffen. Der Wind kommt seit Abfahrt von den Azoren mit 15 bis mittlerweile bis zu 22 Knoten von Achtern. Bin ich froh, dass wir dass nicht aufkreuzen müssen. Wir nutzen also das Tiefdruckgebiet welches gerade über den Azoren kreist, um ordentlich Nord zu laufen, was bisher auch sehr gut klappt. Um vier Uhr Morgens fängt der Tag für Nathalie damit an, sämtliche Ecken von Pinkel und Geschäft des neuen Bootshundes Lars zu befreien. Das mit der Erziehung gelingt uns noch nicht perfekt, aber Lars muss sich eben auch erst an Seegang und ein neues Leben an Bord gewöhnen. Und für seine Paar Wochen, die er erst jung ist, macht er sich schon ganz gut. Silvie und Lukas, die neu in der Crew sind und das erste mal über Nacht segeln, machen sich in meinen Augen gar nicht mal schlecht am Steuer. Klar, nicht so komfortreich wie Skipper Michael oder der Autopilot, wenn er denn nicht aus dem Ruder läuft, aber einen 30 Tonnen Marlin auf Kurs zu halten ist selbst für mich noch nicht ganz so einfach. Aber wie heißt es so schön? Übung macht den Meister. Beim Mittagessen traute ich dem Autopilot nicht und stand mit 20 Knoten Wind im Rücken meinen Geschwindigkeitsrekord über Grund mit 11,5 Knoten durch die Welle. Maya und Lena scheint Wind und Welle kaum zu interessieren. In der Zeit wo die Erwachsenen abwechselnd bis zum Kopf in Regenklamotten am Steuer stehen, klettern die zwei in Unterhose im Pilothaus oder kümmern sich um Bootshund Lars. Ansonsten sind wir alle etwas durch den Wind. Für Michael und mich heißt es aber jetzt Nachtwache. Ich wünsche mir und meiner Crew eine angenehme Nacht und einen weiterhin anstrengenden, aber auch schönen Trip. Julian.

Echt Abgefahren!

20140723

Endlich weiter

Eigentlich war ja für morgen die Abfahrt geplant, aber der Wind frischte so schön auf Süd, dass wir dann doch schnell aufgeklart haben. „Husch, Husch!“ treibe ich Julian an. Noch schnell gehe ich mit Bootshund Lars in die Stadt um noch zwei 16mm Schrauben und Muttern für ein Notreparatur des Ruderstocks zu kaufen. Nicht das die kaputt sind, nur so ein Gefühl, solche Bolzen an Bord zu haben, ist mir lieber. Das sind so Gefühlskäufe. „Die Orginalbolzen haben jetzt von den Ersatzbolzen Angst und gehen nicht kaputt.“, erkläre ich Julian und Lukas den Kauf. „Man muss immer seinen Gefühlen folgen.

Zwischenzeitlich sind wir schon ausgelaufen, das Segel steht im ersten Reff für die Nacht, die Genua zieht die MARLIN mit stetigen 7-8 Knoten nach Nordost. Wir nutzen ein ankommendes Tief aus West und da dazugehörigen Südwind um bis zum Wochenende ordentlich nach Nordost zu setzen. Wie es dann weitergeht werden wir sehen. So weit geht unser Wetterbericht nicht. Das Bild zeigt die Vorhersage in 48 Stunden Vorhersage.

An Bord ist es ruhig. Alle sind etwas nervös vor den kommenden Wochen auf See.

Das Glück…..

20140722

Ich habe das Glück in Eimern gesoffen!

Ja heute war das mal so: “Ich habe tatsächlich das Glück in Eimern gesoffen!“ Wir sind gesegelt und es war wunderwunderschön. Delfine hab ich gesehen, dreimal! Und ganz viele, sie tanzen um den Bug und das ist wirklich wahr, genau so, wie ich es in den vielen Weltumsegler Büchern gelesen habe, die bei mir zu Hause im Regal stehen! Die Rest Crew hat sich auch riesig gefreut, aber ich hab sie mit dem Handy fotografiert, kreuz und quer bin ich über dieses für mich riesige Schiff gehechtet und heute habe ich erfahren, dass die schon Wetten abschließen, wann ich mein Handy im Wasser versenke…..also ehrlich die sind echt nett, ne?

Steuern darf ich auch schon, das ist ein umdenken für mich, denn sonst habe ich eine Pinne in der Hand und das funktioniert ja genau andersherum.

Den Webeleinstek kenne ich nun wirklich in und auswendig, vor allem mit Namen, denn ausgerechnet bei mir ist immer das Klopapier alle und das wird mit diesem Knoten festgebunden. Den Begriff Palstek kann ich nun meinem Knoten zuordnen, denn Micha besteht hier auf die seemännischen Begriffe, damit bei so vielen Menschen hier an Bord kein Chaos entsteht. Sogar eine Email haben wir von ihm bekommen, mit Knoten und Regeln, damit wir das verinnerlichen. „Bün ik hier mit min fast fofftich Johr wieder in der Schule gelandet oder watt?“ Mittlerweile denke ich , dass dat Ganze durchaus Sinn macht, denn auf so nem Boot müssen alle die selbe Sprache sprechen, hier nützt mein nordfriesisches mit den Augen sprechen und einfach machen, wie ich es mir in zwanzig Jahren, als Schweizer im Norden auf der gemütlichen Nordsee mit unserem Jollenkreuzer mona Lisa antrainiert habe, nichts mehr…zu viele Tampen…. äh also Leinen heißt das hier. Wenn hier so ne Böe kommt und man nen Lappen mit hundert Quadratmeter eben mal reffen muss, ist das ja doch „n beeten anners nich?“ Morgens vor dem Frühstück: Also Kinners, wo ist hier in diesem Schapp die Marmelade versteckt? Backbord, achtern, völlig normal…oder?

Ach ja und dass hier ein internationales Monopoly von Kindern zwischen vier und neun Jahren in drei verschiedenen Sprachen zelebriert wird, wo ich fast nix versteh ist, auch völliger „Alltag“. Und außerdem, dachte ich immer völlig stolz, dass ich als Tischlermeisterin ziemlich stark bin, aber wenn Ihr mal Nathalie hier erlebt, menno die hat vielleicht Muggis, Hammer! Und lecker Schokoladenkuchen bäckt sie auch mal schnell, zwischendurch. Trotz kardanisch aufgehängtem Superbackofen ist der schief geworden, aber gerade nicht übergelaufen, gut nicht? Abends haben wir dann noch lecker zusammen deutsch-schweizer Küche aufgefahren. Schön hier zu sein!

Bootshund Lars hat seinen Reisepass

20140721

Wer keine Probleme hat, der macht sich welche

Die Einreiseformalitäten von Hunden in der EU sind nicht besonders einheitlich. Vor allen Dingen nicht von Welpen und nicht in England. So kommt es, dass uns die Regelung dieser bis heute in Angra festgehalten hat. Nachdem Julian und Lukas am Wochenende den kulturellen Austausch mit den Einheimischen und dem dazugehörigen Kater gepflegt haben, ich sie dabei auch noch unterstützt habe, sind Nathalie und ich gestern Abend dann auch noch mal ordentlich im angesagten Cafe am Platz versackt – Lars durfte mit und unterm Tisch liegen. Also keine Zeit für Logbuchberichte.

Heute dann, der Besuch beim Tierarzt. Nach einer ausgiebigen Konferenz mit Gesetzestexten und Kollegen, kamen wir zum Schluss, dass Lars einen Reisepass, seine Impfungen und einen elektronischen Chip im Nacken braucht. Gute anderthalb Stunden verbrachen wir in der modernen Tierklinik und ich hörte die Kasse schon klingeln. Aber dem war dann nicht so. Mit 60 Euro ist Lars nun registriert und mit den notwendigen Papieren ausgestattet, die uns den Besuch der jeweiligen Länder erlaubt und auch die Einbürgerung nach Deutschland steht nichts im Weg. Mit portugiesischem Pass darf er nun am kulturellen Hundeleben teilnehmen und in ganz Europa an jede Straßenecke sein Zeichen setzen. Nun ist er zum ersten Mal mit auf See, verdaut seinen ersten Knochen und die Medikamente im Bad und interessiert sich einen Hundedreck für die Schräglage.

Wir segeln gemächlich die 15 Meilen um die Ecke um Praia da Vitoria zu erreichen. Unser Absprungshafen am Mittwoch oder Donnerstag scheint das Wetter tauglich zu sein. Eigentlich will ich gar nicht, den die Azoren, vor allen Dingen aber Terceira hat es uns allen angetan. Das portugiesische Leben ist ruhig, das Leben langsam, das Klima angenehm. Warum eigentlich wegsegeln?

Wir sind alle gespannt auf die nächste Stadt, den nächsten Hafen. So. Jetzt aber genug der Freizeit. Ich habe Toilettenputzdienst. Ich werde mal den Aufnehmer schwingen und Lars von seinem Stammplatz vetreiben.

Vor- und Nachbereitungen

20140718

Schadensbegutachtung

Nachdem sich die erste Aufregung über unseren Seehund gelegt hat, gehen heute die Überlegungen und Planungen zum nächsten großen Schlag weiter. Wir sind uns einig, 130 Seemeilen gegen den Wind oder hart am Wind nach Sao Miguel anbolzen um in den heißen Quellen zu baden, das wollen wir alle nicht. Segeln dagegen wollen alle, vor allem unsere neu zugestiegene Crew, die auf dem Trip von Sao Jorge nach Terceira Blut geleckt hat. Sonntag soll es losgehen, eigentlich, aber der Blick auf die Wetterkarte zeigt eine gemeine Kaltfront, die uns garantiert nach 36 Stunden auf See erwischen würde. Nein danke, segeln mit 2 Kindern, einem Welpen und zwei Neuzugängen in der Crew und dann geplant in schlechtes Wetter laufen, das machen wir nicht. Dass falsche Eile zu nichts führt, haben wir jetzt schon mehrfach erlebt, wir lassen es ruhig angehen.

Zunächst muss endlich mal der kaputte Gennaker ausgepackt werden, direkt am Hafen ist so etwas wie ein Hubschrauberlandeplatz, perfekt geeignet, um mal eben 220qm auszulegen. Sogar Lars darf mit und aus der Ferne mit den Mädels dem Treiben zuschauen. Micha, Julina, Lukas und ich lassen das Leichtwindsegel aus dem Sack und versuchen diese Massen an Stoff so zu bändigen, dass man den Schaden fotografisch ablichten kann. Wie schon damals im Dunkeln vermutet, ist das Achterliek komplett ausgerissen und das Segel einmal quer und einmal längs in zwei Teile zerrissen. Ob sich die Reparatur lohnt, können wir noch nicht sagen, ich vermute mal ja, denn der Großteil der Schnitteile ist heil geblieben, vermutlich werden so um die 10 ersetzt werden müssen. Das gute Stück wird mit vereinten Kräften wieder erst in den Sack, dann im Segellocker verstaut. Ende der Baustelle, hat keine Priorität für die Fahrt in den Kanal.

In Intervallen nehmen wir uns den Revierführer und den Reeds vor, studieren Häfen, Zufahrtswege, Strömungskarten und Tidentabellen. Sollen wir Frankreich anlaufen? Cherbourg? Oder die Kanalinseln? Oder doch lieber gleich England? Baguette oder Fish’n Chips? Wir wissen es nicht. Letztendlich wird das Wetter entscheiden wie weit und wohin wir kommen. Den Luxus haben wir, es wartet keine Crewerweiterung mehr auf uns. Die Kojen sind alle belegt, hat Maya heute in ihr Tagebuch geschrieben. Wohl war und mit Lars jetzt allemal. Der Kleine hat seine ersten 24 Stunden an Bord gut überstanden, heute einen halben qm Kunstrasen für Geschäfte an Deck bekommen und seine anfängliche Angst beim Dinghifahren komplett verloren.

Morgen wird der Wochenmarkt geplündert, voraussichtliche Abfahrt nach Durchzug der Front am Dienstag oder Mittwoch.

Bootshund Lars ist da

20140717

Schnellentschlossen wieder auf den Hund gekommen

Mit 2,83kg und 37cm Länge unser kleinstes neues Crewmitglied, seit heue an Bord und bekommt siebenfache große Liebe. Jetzt sind wir acht, die über den Atlantik segeln. Am glücklichsten sind natürlich Maya und Lena, dass sie endlich ihren Willen durchgesetzt habe und Papa konsequent und erfolgreich seit Patagonien weichgekocht haben.

Das Lars, Lars heißt, war nicht so ganz einfach, denn die Capitana meinte, dass der Name nicht passt. Lena, Maya und ich sind da anderer Meinung und haben uns durchgesetzt. Lars ist ein Labrador. Die Mama eher etwas zierlich und kleiner, der Papa ein echter Brocken. Was nun aus Lars wird, ob Monster oder Zierhund, ob Kuscheltier oder lauter Bootshund, dass ist im Moment noch vollkommen unklar. Auf jeden Fall ist es schwieriger MayaLena beizubringen, wie man mit so einem kleinen Hund umgeht, als Lars zu zeigen, wie er heißt und was er zu tun und zu lassen hat. Nun der Unterschied zum Kuscheltier ist noch nicht so besonders sichtbar. Es wird so enden, dass ich bei jedem Wetter mit dem Hung Gassi gehen werde, was mir aber vorher klar war. Kann mir nur gut tun, den Schädel öfters mal weiter weg als 50cm zum Bildschirm zu bekommen. Nathalies großes Hundeherz hat Lars sowieso schon erobert. Auch das war nicht besonders schwierig.

Besonders wichtig war uns, nachdem wir vor 14 Jahren unserer letzten Hund nicht im hohen Alter an das schräge Bordleben gewöhnen konnten und abgeben mussten, dass wir einen Welpen als Bordhund bekommen, den wir von Anfang an, an das Leben auf See gewöhnen können. Ehrlich, ich bin total nervös, dass das auch klappt. Morgen bekommt er erst einmal Pfotenstulpen aus Elefantenhaut, damit er bei Schräglage nicht so durch den Salon rutscht wie im Eisstadion.

Lars war auch der Grund, warum wir gestern schnell nach Terceira gesegelt sind. Nun heißt es: Warten auf das richtige Wetter. Wetter? Das Wetter von den Azoren zur Bretagne zu bestimmen ist so gut wie unmöglich. Alles dreht sich. Das Azorenhoch und das Islandtief andersherum. Dazwischen müssen wir durch. Erst einen ordentlichen Schlag nach Nord und dann ab durch die Mitte. Drei Tage können wir bestimmen, danach heißte Reff oder Vollzeug. Die Jahreszeit stimmt.

Die Azoren haben wir besucht. Aber viel zu wenig Zeit hier verbracht. Da muss ich noch mal hin. Das ist auf jeden Fall so sicher, wie das Amen in der Kirche. Ein wunderschönes Reise- und Segelrevier. Na. Noch keine Abschiedstränen. Noch sind wir ein paar Tage hier.