Archiv der Kategorie: SY Marlin

Mayas neunter Geburtstag auf See

20140603

Wie die Jahre verrinnen.

Geburtstag auf See haben Micha und ich schon einige Male gefeiert. Heute ist Maya dran. Nach der rumpeligen, zerkreuzten Nacht mit Maschinenproblemen ist die Stimmung nicht gerade der Knaller, aber wir geben unser bestes Maya trotzdem ein vernünftiges Fest zu bescheren. Um fünf wird es hell, Zeit den Tag zu beginnen, meint die Neunjährige, die sonst immer gerne bis 8 in den Federn bleibt. Also los, Ständchen singen, das erste Geschenk, Lieblingsbrot und Kakao ins Deckshaus. Der traditionell gedeckte Frühstückstisch fällt aufgrund von Schräglage und häufiger Wenden aus, dafür werden die Geschenke einfach mit Luftballons an die Handläufe gebunden und baumeln von der Decke.

Während Maya Bücher, Gutscheine und Bastelzeug auspackt liegt an Backbord keine drei Seemeilen entfernt immer noch Kuba. Wir sind im Eingang der Windward Passage, hinter dem Leuchtturm wartet endlich der Atlantik, doch so ganz scheint die MARLIN nicht hinzuwollen. Eine Wende nach der anderen fahren wir, seit 24 Stunden schon, um dieses blöde Kap endlich zu umrunden und hinter uns zu lassen. Letztes Etmal 60 Seemeilen, auf der Logge stehen gut doppelt so viele Meilen. Nachdem wir uns gegen den Ost nach Ost gekämpft haben, steht der Wind in der Passage, die nach Norden offen ist, natürlich aus Nordost. Wieder Wenden. Maya rollt mit den Augen, schleppt ihre Geschenke bei jeder Wende auf die andere Seite.

Am frühen Nachmittag ist es endlich geschafft, der Leuchtturm liegt querab und der Atlantik vor uns. „Das Wasser ist direkt blauer, oder?“ Es gibt Tortilla, laute Musik, ein Mittagsschläfchen für den Skipper und dann endlich die richtige Geburtstagsparty. Mit Gesichterschminken, Schokoladenessen und Personenraten. Kindergeburtstag auf See eben. Die MARLIN springt in der Zeit auf irgendeinen Zug auf. Der Wind hat etwas nach Osten gedreht, Strömung zieht gut einen Knoten mit. Bei 10 Knoten Halbwind macht die MARLIN unter ordentlich gereffter Garderobe 7,5 Knoten. „Jetzt überqueren wir endlich richtig den Atlantik, bisher hat sich das gar nicht so angefühlt!“ stellt Maya fest. Recht hat sie.

Trotzdem liebäugeln die Skipper mit dem ein oder anderen Hafen auf den Bahamas wegen des Impellers. Die Einfahrt zu den Bermudas ist nicht gerade kurz und einfach. Das Provisorium funktioniert zwar, aber ohne Garantie. Nun wälzen wir die Handbücher und Karten auf der Suche nach einer risikoarmen Hafeneinfahrt. Kurs Long Island auf den Bahamas liegt an. Da kommen wir eh quasi vorbei. Wo es Marinas gibt, sollte man auch einen neuen Impeller finden können.

MARLIN Pechsträhne hört nicht auf.

20140602

Maschinenprobleme

“Piep! Piep! Piep! Piep!“ O.K. Das Problem kenne ich. Motor sofort aus. Überhitzung. Dafür gibt es nur einen Grund. Fehlendes Kühlwasser. Hmm. „Das ist bestimmt der Impeller. Dafür habe ich Ersatz!“ Den Ersatz finde ich auch direkt, aber dann beginnt ein Fahrradkettengeschichte. Hätte-Hätte-Fahrradkette. Davon ausgehend das es sich um normalen Verschleiß handelt, immerhin ist der Impeller schon ein Jahr im Einsatz, ersetze ich den am YANMAR L4AH. Ganz schon heiß so eine Maschine. Zwischenzeitlich treibt die MARLIN und das normale Leben geht weiter. Ich kratze mir den Finger an einer Schlauchschelle auf. „An der habe ich mich vor einem Jahr schon mal aufgekratzt!“ Eine Stunde später läuft der Yanmar wieder. Alles schein gut zu sein. “Piep! Piep! Piep! Piep!“ entsetzte Gesichter auf der MARLIN. Wir motoren seit einer halben Stunde gegenan. Der Impeller ist wieder kaputt. Vermute ich mal. Den überhitzten Motor packe ich nicht an. Falsch einbauen kann man den eigentlich nicht. Noch nicht mal ich ;-))) Also habe ich wohl das Problem beseitigt aber die Ursache nicht. Ich ziehe den Schlauch vom zentralen Wassereingang und stochere den Eingang von innen auf. Seepocken. Das hat Tortuga, der den Unterwasserbauch der MARLIN sauber gemacht hat vergessen zu reinigen. Egal. Das war wohl das Problem. Zu wenig Wasser und beide Impeller sind heiß gelaufen und haben sich aufgelöst. Nur dumm, dass ich keinen weiteren Impeller habe. Da gehen wir Morgen in den Laden um die Ecke und kaufen einen neuen. Doch weit gefehlt. Wir sind underway. Jetzt wegen dem Impeller nach Jamaica zurück? Mir dampft der Kopf. Den Motor brauchen wir. Kurzum nehme ich den Schlauch vom Yanmar und verbinde ihn mit dem Ausgang der nie genutzten Deckswaschpumpe. Ob der Druck und die Leistung reicht? Eine Stunde später wissen wir mehr. Es funktioniert. Die Kühlung reicht um mit dem Motor und 1.600 laufen zu lassen. Mit dem Infrarotthermometer messe ich die Hitze nach. 82° Kühlwasser. Das ist genau wie normal. Und wenn die Pumpe nicht durchhält, haben wir noch andere an Bord. Ob das endlich das Ende der Pechsträhne ist? Eine Stunde später kommt nächtlicher Landwind auf und WIR KÖNNEN SEGELN. Wir entscheiden mit der provisorischen Lösung auf die Azoren zu segeln. Wozu brauchen wir einen Motor? Wir sind ein Segelboot. Hat irgendjemand eine Idee zur Seewasserpumpe? Impeller auf die MARLIN beamen?

Kuba querab

20140601

1. Tag auf See

Die Fahrt beginnt holperig. Wie immer empfängt uns am Flughafen Montego Bay der Kanal zwischen Kuba und Jamaica mit ordentlich Wind und Welle, Kapeffekt mit Kreuzseen. Ganz was feines. Und wer im Eifer der Abfahrt in der Dämmerung vergisst, die Luken richtig dicht zu schließen, wird mit nassen Betten belohnt. Anfängerfehler, wissen wir. Eine Stunde krieche ich mit nassem Lappen durch das Schiff. Das Säubern der Toilette, die gerne mal bei Backbordlage überläuft bringt auch mein Fass zum Überlaufen. Mir ist kotzübel und angesichts der dreistelligen Meilenzahl vor uns, streiche ich die Segel und lege mich ins Bett.

Vier Stunden später wache ich auf und der Spuk ist vorbei. Seegang normal, Kurs hoch am Wind mit guter Ostkomponente, sternenklarer Himmel. Die Nacht vergeht friedlich. Ein richtiger Wachrhythmus stellt sich noch nicht ein, jeder steuert mal, wacht, schläft. Das neue Großsegel steht perfekt und treibt die MARLIN durch die Nacht.

Am Vormittag taucht die Südküste Kubas aus den Wolken auf. Wir sind weiter östlich, als wir gehofft hatten, dennoch fehlen weitere 160 Seemeilen, bis wir durch die Winward Paddage in den Atlantik hinaussegeln können. 160 lange Meilen, auf der Kreuz werden das schnell 300, oder wir motoren. In der Hoffnung auf ein bisschen Landwind am Abend nähern wir uns auf 5 Meilen der kubanischen Küste. Die Berge der Sierra Maestre leuchten grün im Abendlicht. Die Kinder sind traurig, irgendwie da zwischen in dem Grün liegen Santiago und Cayo Granma mit unseren Freunden. Anhalten geht nicht, zu teuer, zu aufwändig. Der Wind nimmt uns die Entscheidung der Kreuz ab, er schläft ein. Schlüssel gedreht, 1600 Touren, Waschmaschine an um die versalzenen Laken zu waschen, heißes Wasser um das Geschirr zu spülen. Eine Stunde später ist die MARLIN wieder vorzeigbar, die neuen Boxen im Cockpit geben ihr bestes. Das Dieselpöttern wird uns wohl die ganze Nacht begleiten.

Startschuss

20140531

4621 Seemeilen bis Flensburg

Zweitägige Stille im Logbuch, das bedeutet nicht etwas, dass wir an einem weißen Strand sitzen und Kokosnüsse trinken, sondern dass wir rund um die Uhr mit der Vorbereitung der Atlantiküberquerung beschäftigt waren. Nach ausgiebigen und gründlichen Kontrollen hat Chefrigger Pieter uns endlich das OK zur Weiterfahrt gegeben. In festem Glauben an dieses positive Ergebnis liefen derweil die letzten Erledigungen.

Die beste Zeit auf dem jamaikanischen Markt einzukaufen ist Samstagsmorgens. Morgens heißt vor acht. Machen wir, allerdings fehlt das Bargeld und die Jagd nach dem Cash nimmt fast kubanische Ausmaße an. Die Bankautomaten funktionieren nicht, sind leer oder gar nicht erst für ausländische Kreditkarten zugelassen. Im zehnten Anlauf rattert die Maschine endlich und wir verteilen unsere Dollars auf den Marktständen. 10 kg Kartoffeln, 8 Kilo Möhren, eine grüne Bananenstaude, 5 suppengroße Kürbisse, 3 feste Kohlköpfe, 5 Kilo Gurken, zwei Wassermelonen, 4 grüne Ananas, 4 Paletten Eier, frisch gelegt. Und so weiter. Am letzten Stand können wir zu unserer großen Freude vier von den praktischen Saftkisten, die jeder hat und keiner verkauft, erwerben um das ganze Zeug auch irgendwie zwischen Lagen von Zeitungspapier zu verstauen. Ja, in Patagonien, da war die Bilge ein Kühlschrank, die Lagerung kein Problem. Der Blick auf die Wassertemperaturkarte zeigt hier eher Niedergarmethodenniveau, 30 Grad.

Wir schleppen unseren Kram an Bord, die drei Leichtmatrosen haben derweil Deck und Cockpit geschrubbt. Wasser auffüllen, Segelkontrolle, Dinghi, Fender verstauen, die letzten Karten runterladen, noch mal eben zu Hause anrufen und ein letztes Mal auf die Wetterkarten im Internet gucken. Noch mal eben den Rigger zum Flughafen fahren und mit vielen Dankeschöns für seinen Einsatz verabschieden, in letzter Minute Gummistiefel gegen nasse Füße im Baumarkt und einen Notwasserkanister fürs Deck besorgen.

Um halb sechs sind wir durch und können die Immigration bestellen. Ein netter Beamter klariert uns aus, macht Witzchen, nimmt seinen Job locker und wünscht uns eine gute Fahrt ohne Probleme. Soviel Herzlichkeit sind wir von den Behörden hier gar nicht gewohnt. Und da kommt er doch noch, der Abschiedsschmerz, von dem ich gestern noch so großspurig behauptet habe, dass der hier in Jamaica sicher nicht auftaucht. Vom Dockmaster bis zur Dame aus dem Büro schütteln wir noch ein paar Hände, dann kann es losgehen. Keine anderen Fahrtensegler sind in der Nähe, um das Horn zu blasen, keine Wetterfensteraufregung oder Aufbruchstimmung. Wir sind die letzten hier im Montego Bay Yacht Club. Waren die letzten, denn jetzt liegt die letzte Fahrwassertonne achteraus und knapp 2800 Seemeilen Luftlinie zu den Azoren vor uns.

Skipper can smile again

20140529

The Rigger is on MARLIN

Das ist Pieter von HALL SPARES. Gestern eingeflogen aus Holland. Heute Morgen direkt in den Mast. Neue Babywanten und neue CNC gefräste Aufnahmen bringt Pieter mit im Reisegepäck. Weiß der Himmel, wie er die am Zoll vorbeibekommen hat. Auf jeden Fall ist es für mich eine vollkommen neue Erfahrung unten zu stehen und Kommandos entgegenzunehmen. „Sechser und Zwölfer Bohrer.“ Eimer runter, Micha in die Werkstatt und wieder Eimer hoch. Normalerweise bin ich derjenige, der die „Kunden“ am Projekt Boot aktiv teilnehmen lässt. Jetzt tut das Pieter mit mir.

Die Tongs, die Aufnahmen der Wanten am Mast waren ja bekanntlich an backbord ausgebrochen. Ursache weiterhin unbekannt. Die neuen sind erheblich größer und stabiler und nach mal mit einen Deckplatte verstärkt. Die Frage ob ich die Dinger nicht auch selber hätte einsetzen können. Ja, bestimmt. Aber Pieter macht so was täglich und das definiert den Profi. Mir wären bestimm zwei Gewindeschneider abgebrochen. Drei Tage hätte ich mindestens gebraucht. Mit gleichem Ergebnis? Pieter bricht auch ein Gewindeschneider ab, aber erst beim letzten Loch und er kann ihn an der anderen Seite rausdrehen. Mittags, fängt es an wie gewohnt aus Eimern zu schütten. Pieter bleibt weiterhin energisch an der Arbeit. Sein Tagesziel sind die neuen Wanten vor Feierabend gesetzt zu haben. Dieses Ziel erreicht er auch. Punkt fünf steht der Mast der MARLIN wieder grade und der Skipper lacht wieder nach Tagen des Schweigens. „Well Done!“, lobe ich Pieter.

20140529a

Ob wir nun den Atlantik entern dürfen ist damit allerdings noch nicht geklärt. Morgen wird Pieter noch mal ins Rigg der MARLIN gehen und sich alles ganz genau anschauen. Bleibt nur zu hoffen dass alles gut ist und wir am Wochenende wieder auf See sind. Drei Wochen Aufenthalt wegen Mastschaden reicht so langsam.

Kontraste

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Immer wieder sonntags

Während Europa zur Wahl geht versuchen wir ein weiteres Mal, uns mit der jamaikanischen Kultur anzufreunden. Es gelingt mir nicht immer, muss ich zugeben. Zu fordernd, zu laut, zu reduziert auf die harte Währung US-Dollar verlaufen die meisten Gespräche. Dennis in seinem gelben Autovermietungs-Shirt übergibt uns um punkt neun den Schlüssel zu vier japanischen Rädern, Schwimmsachen eingepackt und los geht es.

Lonely Planet und Google Maps streiten sich über richtigen Weg zu unserem Ziel, den Mayfield Falls. Der Lonely Planet gewinnt und beweist, dass gedrucktes Papier manchmal eben doch besser ist, als Infos aus dem Netz. Andererseits ist es nicht verwunderlich, dass die Straße nicht angezeigt wird, denn den Namen Straße verdient der Weg mitnichten. Selbst Schotterstraße wäre noch geschönt. Dafür ist es grün, rechts und links und über uns. Nur selten kommt uns ein Auto entgegen, immer tiefer geht es in das hügelige Hinterland. Menschen pilgern zur Kirche, ältere Herren mit Krawatte, zugeknöpftem Hemd und Bibel unter dem Arm, alte Damen mit Hut und Kostüm, Kinder mit bunten Schleifen im Haar und viele Frauen in Taft, Satin und Netzstrumpfhose. Flip-Flops an den Füßen, die Plateauschuhe in der Hand. Diese Straßen sind weder für Mietwagen, noch für High-Heels gemacht.

Zwei Stunden später haben wir es geschafft. Auf den letzten 2 Kilometern fährt ein Local selbstlos mit dem Motorrad vor uns her – und verlangt bei der Ankunft ein angemessenes Trinkgeld. Das fängt ja gut an. Und geht so weiter. Die Eintrittspreise für das Erlebnis Wasserfall sind Anfang des Jahres verdoppelt worden und lassen eine 5-köpfige Fahrtenseglerfamilie heftig schlucken. Noch nie haben wir soviel Geld für einen Wasserfall bezahlt, dazu bekommen die Guides, ohne die man nicht rein darf, ein Trinkgeld je nach Geldbeutel. Doch es gibt kaum Alternativen hier auf Jamaica. Jeder zugängliche Wasserfall, jeder Wanderweg am Bach entlang kostet Geld. Zu dicht ist der Wald, zu wenig erschlossen für eigene Erkundungen.

Zähneknirschend zücken wir unsere Scheine und folgen Shaun und Nico zum Fluss. Die Mayfield Falls gewinnen keine Rekorde. Sie sind weder hoch, noch steil, noch besonders gewaltig, aber es sind viele. Mehr Stromschnellen als Wasserfälle. Der Weg führt nicht zu den Fällen, sondern durch und über die Fälle. Der Weg ist das Ziel, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waten und klettern durch das Flussbett und mit jedem Sprung ins kalte Wasser ist ein weiterer Dollarschein vergessen. Es gibt Tunnel zum Durchtauchen, Wasservorhänge mit versteckten Höhlen, Sprudelbecken, Felsrutschen und einen 4 Meter hohen Baum zum Runterspringen. „Willst Du auch mal gucken, Lena?“ fragt Micha, und kaum ist die Kleinste oben angekommen, ist sie auch schon runtergesprungen. Ich trau mich natürlich nicht, war ja klar. Ein bisschen nervös werden unsere Guides nach einer Weile, denn die Kinder haben mehr Spaß und Ausdauer, als so mach anderer Gast und wo andere zweimal ins Wasser hüpfen, springen unsere 10mal. Knapp 90 Minuten soll die Tour dauern, wir liegen jetzt schon weit drüber. Am Ende haben die Mädels blaue Lippen und schlottern mit den Armen, eine kurze Wanderung durch den feucht-warmen tropischen Wald heizt wieder auf.

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Genug Geld hier gelassen, wir ziehen weiter, auf der Suche nach einer kleinen Suppenküche in irgendeinem Bergdorf. Der nächste Ort hat eine parat, dicke Mamas im Sonntagsstaat rühren vor einem Haus in großen Töpfen. Das halbe Dorf ist versammelt, verspeist Huhn mit Reis und Bohnen. Wir kurbeln das Fenster runter. „Können wir hier etwas zu Essen kaufen?“ „Nein, ihr könnt hier nichts kaufen, aber ihr könnt etwas essen! Kommt, steigt aus, ich besorge Euch was.“ Clinton ist vielleicht 60 und hat ein paar Jahre auf den Caymans gearbeitet. Mit Kürbissuppe und Hühnerbeinen in der Hand stehen wir zwischen den Einheimischen und plauschen. „Was ist denn eigentlich der Grund für die Feier?“ frage ich. „Eine Beerdigung!“ grinst Clinton. „Aber macht Euch keine Sorgen, Beerdigungen sind hier fröhliche Feste. Wir kommen alle schon am Abend vorher zusammen, trinken und feiern, heute Morgen war der Gottesdienst und jetzt wird gegessen. Alle sind eingeladen, auch ihr.“

Kontraste. Mein Verhältnis zu Jamaica ist so indifferent wie vorher. Abends sitzen Micha und ich auf dem Mäuerchen am öffentlichen Strand zwischen den Locals. Es wird gelacht, erzählt, die Kinder rennen noch im Dunkeln durch den Sand. Eine schöne Atmosphäre und tatsächlich fast eine Auszeit vom Kommerz. Bis auf das Geld für Scratchy’s Glas Rum, damit er mit uns anstoßen kann. Zum Abschied nimmt umarmt unser neuer Freund mich herzlich. „Come back tomorrow, Miss Nathalie, and don’t forget the money for the rum!“

Kuh auf’m Eis

20140523

Gelassenheit

Am 28. Mai kommt Pieter. Pieter kommt aus Holland und ist bei HALL der Chef Rigger. Nun ja. Ist ja prima. Er bringt zwei neue Wanten, zwei Fittings für den Mast mit und wird die auch selber einbauen. Dann soll er noch das Rigging checken, ob wir den „soooooooo“ über den Atlantik dürfen. TÜV sozusagen. Von seinem Gutachten hängt ab, ob die Versicherung unseren Mast mitversichert oder ausschließt. Ohne würden wir nicht fahren und so steht da jetzt ne Kuh auf’m Eis und traut sich nicht runter. Stimmung auf der MARLIN: „Ach wir sind ja so relaxt und doch so angespannt. Is doch alles kein Problem reden wir uns alles selbst ein.

Dazu gibt es Regen. Regen. Regen.

MJG 92/37/88

20140522

Und es rutscht…

Wir wollen ja niemanden etwas vorenthalten. Jib und Genua sind nun ergänzt worden durch 92m² Großsegel. Endlich steht das gute Teil, rutscht leicht, runter und rauf mit Muskelkraft und steht dann dann auch noch wie ne eins. Drei gute Tage hat der Umbau des Fredricksen Lattensystems auf das Taskersegel gedauert. Müller-Wnuk hatten die üblichen mittelschweren Kommunikationsprobleme wenn es um Segelwerk geht. War so, ist so und wird weiter so bleiben. Aber nun ist das Tuch dran und wenn da nicht dieses fehlende Unterwant wäre, dann wären wir, nix wie weg hier.

Trauerspiel

20140520

Müll im Paradies

Seit über eine Woche regnet es jeden Tag pünktlich zum Mittagessen aus Eimer. Die sonst grün-türkis schimmernden Flüsse Jamaikas, auf denen Familien und verliebte Pärchen normalerweise von charmanten Rastas auf Bambusflössen flussabwärts gestakt werden, sind schlammig braun. So weit so gut, nichts ungewöhnliches für Gewässer nach der Trockenzeit wenn der Wasserspiegel steigt. Doch leider wird eben mit den ersten Regengüssen auch all der Müll ins Meer gespült, der sich angesammelt hat.

20140520a

Im tiefsten Wettergrau, dass nur durch die leuchtend gelben Regenmäntel der Marinamitarbeiter belebt wurde, tauchten heute auf einmal seltsame Objekte am Horizont auf. Flaschen, Verpackungen, Schuhe, halbe Bäume, ganze Blätterwiesen und wieder Flaschen. Cola, Sprite, Wasser, Bier. Glas und Plastik. Mit sicher über einem Knoten Strömung kam die Mülllawine in die Bucht geschwommen und sammelte sich am sonst schneeweißen, gefegtem Sandstrand eines Resorts. Die Marine Park Police fährt herum und macht ein paar Fotos. Die dicksten Baumstämme werden aus dem Wasser gezogen und zu Kleinholz zerhackt. Der Rest bleibt liegen. „Normalerweise nimmt die Strömung das Zeug in ein paar Tagen wieder mit, das kenne ich schon“, meint Turtle, der gerade unser Unterwasserschiff sauberkratzt. Aus den Augen aus dem Sinn. Das nächste Kreuzfahrtschiff wird erst in einer Woche erwartet. Na da bleibt ja noch ein bisschen Zeit. Uns bleibt auch noch eine Woche Zeit, dann kommt der Rigger aus Holland, die Erstazteile im Gepäck. Bleibt zu hoffen, dass er keine weiteren Schwachstellen findet. Das Groß steht wie eine Eins. Alle Latten sind gekürzt und eingesetzt, die Reffleinen neu in logischer Reihenfolge eingezogen und das gute Stück unterm Segelcover zum Schutz verstaut worden. Erstes Großprojekt endlich abgeschlossen.

Getarnte Bleistifte

20140519

Amerika unterläuft kubanische Grundschulen mit Hilfe ahnungsloser Fahrtensegler!

Um die Weihnachtszeit habe ich hier in Jamaika in einem Großhandelsmarkt Bleistifte gekauft. Bleistifte für Kuba. Oder besser gesagt, für kubanische Mädchen. In rosa, blau und lila, mit Feen, Elfen und Prinzessinnen. Ich hätte auch noch die Auto-Helikopter-Dinosaurier-Variante erstanden, war aber ausverkauft. Viele dieser schönen Bleistifte haben in den letzten Monaten neue Besitzerinnen in Kuba gefunden, denn ein paar hatte ich immer in der Tasche, zwei ganze Pakete sind ein Carepaket für eine Grundschule gewandert. Besser Bleistifte als Bonbons, so die Devise.

Den letzten Rest habe ich in einer Aufräumaktion heute unter das anwesende Volk geworfen. Micha und Julian haben dankend abgelehnt, aber die Mädels sind immer froh über Stiftenachschub, da sie die eigenen gerne verlegen. Als ich das nächste Mal im Kindermäppchen nach einem Bleistift greife, habe ich jedoch plötzlich nicht mehr Prinzessin XY sondern Obama und die amerikanische Flagge in der Hand??? „Wo kommen die denn hier?“ „Mama, die waren da drunter, die rosa Hülle konnte man abknibbeln, die sind alle so!“ Tatsache, unter jeder Prinzessin verbirgt sich ein amerikanischer Präsident. Eingestampfte Wahlkampfgeschenke? Der Schokoladenosterhase in der Weihnachtsmannfolie? Oder umgekehrt?

Fest steht, wir haben das sozialistische Kuba mit amerikanischer Wahlkampfpropaganda unterlaufen. Und noch dazu an seiner empfindlichsten Stelle, den Grundschulen. Dass wir das unwissentlich getan haben, spielt vermutlich keine Rolle. Vielleicht ist so endlich der Besuch der kubanisch markierten Brieftaube geklärt, die uns auf dem Weg nach Jamaika bespitzelt hat.

Photo 5 Dollar!

20140517

Bootsflucht.

Immer nur auf dem Boot. Wer will das schon. Uns frustumflossene, ich soll nicht immer so selbstmitleidig sein meint Natale, ist nach etwas Frischluft. Noch haben wir grade einen Mietwagen, also was liegt näher als es auszunutzen, wenn es endlich mal grade nicht regnet. Ausflugstour. Stadt, Land, Fluss ist uns vollkommen egal. Wir fahren einfach los Richtung Ost, entern Falmouth, einen Platz der mit dem Boot so gut wie nicht anlaufbar ist und landen dort auf dem Markt.

20140517a

Markt ist immer gut. Sohn und Bootsjunge Julian ist gut mit der Kamera und jetzt bekommt er das was er braucht: Die Motive. Jamaika, dort wo wir die einzigen Touristen auf weiter Flur sind. Touristen sind zum Melken da finden die Rastas. Entweder Du kaufst was oder machst ein Foto. Kaufen kann man Früchte, Gemüse und Kräuter. Fotografieren darf man alles. Kosten tut beides was, aber beim Fotografieren entsteht die Diskussion immer erst im Nachhinein und vor allen Dingen mit den Rastas. „Give me five Dollar“ Alles kostet five Dollar, also, warum nicht auch ein Foto. Manchmal zücke ich zwei Dollar, manchmal ein, manchmal kein. Entwicklungshilfe.

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Wir fahren in die Berge, stoppen hier und da. Wir fahren so weit, bis die Straßen zu eng und zu schlecht werden. Wir haben ja keinen Ersatzreifen mehr, den haben wir schon verbraucht. Also besser nach Hause? Wir ergattern noch Flusskrebse, einen frischen Pulpo an ein paar Hütten am Strand. Wieder kostet alles fünf Dollar. Ach, wenn unsere Rigg Reparatur doch auch fünf Dollar kosten würde. Aber da kommen wohl doch eher mal drei Nullen dran und ob es bei der Fünf davor bleibt? Wer weiß das schon. Ist auch grade Wochenende und Sorgen, die wollen wir jetzt bis Montag Morgen auch nicht haben.

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Das Großsegel steht. Ist dran und passt. Die Segellatten, die müssen wir morgen früh noch anpassen. Dann könnten wir eigentlich lossegeln, nach Flensburg, wenn unser Mast segeln könnte.

The main sail – Zweiter Tag

20140516

Gut Ding braucht Weile

Das Stimmungsbarometer auf der MARLIN bewegt sich einfach nicht nach oben. Der monsumartige Regen ab Mittag tut seinen Teil dazu. Das Großsegel liegt immer noch auf dem Deck. Nathalie muss noch Kleinigkeiten ändern. Ich fahre in die Stadt um einfach ein paar neue Edelstahlsplinte zu besorgen. Fehlanzeige. Nicht auf Jamaica. Hier gibt es keine Edelstahlsplinte, keinen „Nuts and Bolts“, wie in jeder gottverdammten Hafenstadt auf dieser Erde.

Unser Pechsträhne hält eben an. Das fängt schon damit an, dass ich mit Maya aus dem Yachtclub komme um in den Mietwagen zu steigen und wir, wie kann es anders sein, einen Plattfuß haben. Maya und Lena wechseln unter meiner Aufsicht also erst mal den Reifen. Ausschließlich das Lostreten und Anziehen der Muttern mit dem Fuß überlassen Sie mir. Sogar das Hochbocken des Toyotas macht Ihnen nicht aus.

Zu dem Regen kommt die Hitze. Mittag, wenn es einfach reicht, nehme ich Julian, Maya und Lena und wir springen in den Pool. Abkühlung pur. Dort über wir Kinderpacketweitwurf, runde Delfinblasen und Reiterkampf.