Archiv der Kategorie: SY Marlin

Heimatgefilde

20140811

Fluchthafen Makkum erreicht

Enkhuisen nach Kornfelder Sand. Geplant war eigentlich noch am Abend durch die Schleuse Kornweder Sand zu gehen um am Dienstag volles Rohr durchzubrettern. Mit der gerefften Genua gehen wir aus dem Vorhafen von Enkhuisen raus und ab geht die Post. Mal abgesehen von den Phantasiewerten unserers Windinstruments weht es aber ordentlich. Tiefdrucksystem Bertha verdichtet sich noch mal zum Abschluss. Wind raumshots. „Sag mal, wir sind ja ganz alleine hier. Gar kein anderes Boot zu sehen. Komisch, is doch sonst nicht so leer aufm Ijsselmeer“ Auf dem GPS steht dauernd 8-9 Knoten. Das Wasser gurgelt grün, der Wind pfeift mit 30 Knoten +. Windstärke 7-8. Wir rauschen in den Vorhafen von der Kornweder Sand Schleuse. Nathalie guckt Micha an. Micha guckt Nathalie an. Es bläst. Hier festmachen für eine Nacht? „Makkum?“ „Ja, Makkum!“ Ohne Worte. Die Hafeneinfahrt ist eine Meile weg. Keine Diskussion. Vor 14 Jahren ist die IRON LADY, von hier gestartet. Heimatgefühle kommen auf. Ob wir mit unserem Kahn überhaupt einen Platz finden? Direkt an der ersten Marina, steht die Hafenmeisterin am Kai. „Habt ihr Platz für uns?“ Sie bejaht und zehn Minuten liegen wir längsseits des Außen Stegs zum Kanal. Gut so.

Die Fischbude am Dorfplatz ist nicht mehr da. Der Supermarkt ist jetzt woanders. Sonst hat sich in Makkum nicht viel getan. Es ist kurzzeitig komisch, dann sind wir glücklich. Doch schön seinen Ausgangshafen wieder zu erreichen. Wir werden abwarten bis weniger Wind ist und die Fahrt durchs Waddenmeer und die Ausfahrt von Vlieland in die Nordsee nicht zum unvergesslichen Abenteuer wird. Safty First!

Ausgebremst

20140810

Scholle satt

Die letzten Tage waren und sind geprägt vom Wetter. Unser schöner Zeitplan, am Wochenende einmal quer durchs Ijsselmeer, Fischbrötchen essen, im Stadthafen liegen, durch die Waddenzee rasen, alles durchkreuzt durch die unverständliche Großwetterlage. Ursula und Bertha sind schuld.

Sturmtief Ursula zog in der Nacht von Freitag auf Samstag über unsere Köpfe, was soll man machen. Am besten am sicheren Ankerplatz bleiben und die Decke über die Ohren ziehen. Samstagmittag ging es weiter. Ankerplatzkoller. Wo sollen wir lang? Zurück nach Ijmuiden? Oder doch den Weg über das Ijsselmeer. Je mehr holländische Boote mit geblähten Segeln draußen im Fahrwasser auf die Reise gingen, desto mehr juckte es auch uns in den Händen. Anker auf und rein ins Vergnügen. Friesisches Segeln. Rechts und links die Plattbodenschiffe, Sportboote, keine Welle, 5 Windstärken. Nur unter Genua haben wir uns die 20 Seemeilen bis Enkhuizen blassen lassen. Kurz vor Sonnenuntergang die Schleuse vom Markermeer ins Ijsselmeer und schon liegen wir gut geschützt im Hafen vor Anker. Die Fallen klappern weit weg an den Schwimmstegen, wir haben hier im Hafenbecken unsere Ruhe. So mögen wir das.

Der Blick am nächsten Morgen verheißt nichts Gutes. Wie schon seit ein paar Tagen angekündigt, hat sich der Tropical Storm Bertha nicht mit der Karibik zufriedengegeben, sondern hat sich auf dem Weg nach Norden in ein ausgeweitetes Tiefdruckgebiet verwandelt. Die Grib Files zeigen ab Sonntagnachmittag rot, knallrot. Das gesamte Seegebiet zwischen England, Deutschland und Dänemark gleicht einem Hexenkessel, über 40 Knoten Wind, in Böen mehr. Da geht niemand freiwillig raus. Wir auch nicht. Hier im Ijsselmeer hält sich der Wind in Grenzen, trotzdem wird es kurzfristig bei Eintreffen der Front hektisch. Unsere Anker versagt mal wieder den Dienst. Anker auf und neues Manöver. Glücklicherweise ist diesmal mehr Platz im Hafen und wir können die 50 Meter Kette stecken, die unsere MARLIN braucht, um mit diesem Anker sicher zu liegen. Die Optimierung des Ankergeschirrs steht ganz oben auf der To-Do Liste.

Wann geht es weiter? Nach dem Tief. Hier in Enkhuizen sieht es schon jetzt moderat aus, die Wolken haben sich verzogen, der Supervollmond steht strahlend hell am Himmel, doch ein Blick auf den Seewetterbericht zeigt, dass es draußen vor den Inseln weniger schön aussieht. Das Problem ist vor allem der Seegang. Und die Tide. Wir müssen durch die Wadenzee und das geht eben nicht immer. Morgen am späten Vormitttag könnten wir durch die Schleuse gehen, oder eben am nächsten Tag. Nachts durch das Watt wollen wir nicht. Nicht alle Tonnen sind beleuchtet und die Vorstellung mitten in der Nacht auf eine Sandbank zu laufen und bei ablaufendem Wasser festzustecken ist mehr als gruselig. Es wird wohl Dienstagmorgen werden, bevor wir weiter kommen. Aber wer weiß, beim Wetter wird ja nie alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Der Wecker ist gestellt und der erste Blick wird dem Wetter gelten. Langweilig wird uns nicht so schnell, aber ankommen wollen wir so langsam alle mal. Seit über einer Woche stehen nur noch 233 Seemeilen Luftlinie bis Flensburg auf der Tafel. Ein Klacks. Natürlich nur mit dem richtigen Wind.

Überwachung

20140808

Banditen tragen schwere Säcke

Wir passieren die deutsch-holländische Grenze. Über uns Kameras die jeden Wagen filmen, der sie passiert. Immer schön lächeln. In der Schleuse, auf den Brücken, im Nordseekanal, überall wird man gefilmt, aufgenommen und das Gefilmte gleich übertragen, weltweit. Wenn unsere Leser die Webcam der Schleuse xy aufrufen, würden sie schneller sehen, wann sich die Tore öffnen, als wir. Bei der Autovermietung unterzeichnet Micha den Vertrag mit dem Finger auf dem I-Phone, auch der Wagen überwacht was wir tun, Warnung hier, Warnung da. Achtung Gefahrenstelle. Bitte Denken abstellen, die Elektronik macht das schon.

Wir sind noch nicht wirklich angekommen, rennen hinterher oder bleiben einfach stehen und widmen uns unserem Fahrtenseglertrott bis uns die Wirklichkeit wieder einholt. So wie gestern. Nach 11 Tagen mit 7 Personen auf See waren Kühlschrank und Backkisten leer. Richtig leer. Keine Butter, keine Eier, kein Brot, von Gemüse und Fleisch ganz zu schweigen. Aber find mal einen Supermarkt im Zentrum von Amsterdam. Wir verlegen also, noch eine Schleuse, dann sind wir im Markermeer. Der kleine Ort Durgerdam hat einen süßen Yachtclub, ein paar Stege und einen sicheren Ankerplatz vor der Tür. Aber ansonsten gibt es nichts. Kein Laden, kein Bäcker, kein Kiosk. Nicht einmal einen Zigarettenautomaten für die Jungs. Der Hafenmeister zuckt nur mit der Achseln, müsst ihr halt nach Amsterdam. Klar, mal eben. Hier machen eben alle Urlaub, haben das Auto mit einer Kofferraumladung Aldi oder Albert Heijn vollgemacht. Glücklicherweise haben unsere Freunde von der ELIN uns die Koordinaten eines Supermarktes gemailt. Der internationale Informationsfluss über Funk funktioniert bestens.

Auf der anderen Seite der Ij ist in den letzten Jahren ein Neubaugebiet entstanden, schicke Häuser, einige Marinas, früher war hier nur Wasser. Mittendrin ist der Supermarkt. Mit Einkaufsliste und Geld schicken wir die Jungs am frühen Abend los. Der Weg ist weit, einmal quer über die Ij, inklusive Schleuse, 30 Minuten Dinghifahrt. Zwei Stunden später liegen wir Mädchen in der Abendsonne auf dem Vordeck und wundern uns über den Helikopter, der seine Runden über der MARLIN zieht. Wollen die zu uns? Übungsflug? Ist ja komisch, so spät am Abend werden doch auch keine Rundflüge mehr angeboten. Unsere Gedanken werden vom Ruf der Zwillinge unterbrochen, die gerade zurückgekommen sind. Im Dinghi den schweren Verproviantierungssack mit Klopapier, Mülltüten und Lebensmitteln. Wir haben kaum die Beute im Kühlschrank verstaut, als ein Polizeiboot mit Blaulicht auf uns zurast. Was denn jetzt? Wir haben uns doch brav überall gemeldet, unsere Rechnungen bezahlt und überhaupt. Die werden doch nicht jetzt wegen der Nacht im Kanal kommen. Ob man da doch nicht liegen durfte?

Im Schnellboot sitzt ein sehr holländisches Polizistenpaar, groß, blond, langhaarig die Beamtin, sommersprossig und rothaarig der Kollege. Frau Polizistin grinst übers ganze Gesicht, der Kollege kann sich sein Lachen kaum verkneifen. „Ward ihr das mit dem Dinghi auf der anderen Seite?“ „Äh, ja, die beiden Jungs hier, ist das verboten?“ „Was habt ihr da gemacht?“ „Ähm, eingekauft, bei Albert Heijn, hier auf der Seite gibt es ja nichts und nach 14 Tagen auf See haben wir nichts mehr zu essen.“ „Ja, das haben wir uns auch schon gedacht! Ein paar Leute haben ein verdächtiges Boot gemeldet. Zwei junge Männer in dunkler Kleidung und schweren Säcken, sie haben vermutet, dass eingebrochen wurde!“ Wir sind sprachlos. Das ist kein Aprilscherz, oder?“ „Habt ihr nicht den Helikopter gesehen? Der ist wegen Euch los, hat das Dinghi verfolgt, damit wir sehen konnten, wo ihr hinfahrt. Wir haben ja gleich gesagt, dass ihr einkaufen ward, aber gemeldet ist gemeldet, dem mussten wir wohl nachgehen! Tschuldigung für die Störung, habt noch einen schönen Abend.“ Unter lautem Gegacker verschwinden die beiden im Gleitflug. Völlig verdattert lassen sie uns zurück.

Nun immerhin müssen wir uns keine Sorgen machen, wir sind ja gut überwacht.

Kurs Nord

20140807

Was sind schon Pläne

Familiäre Gründe haben mich, Nathalie, die Kinder und Lars zu einem Kurztrip nach Düsseldorf bewogen. Die Hintergründe sind zu ernst, zu privat, zu bedauernswert um hier Einzug zu halten. Heute sind wir zurück gekommen und haben die restliche Crew wohlerhalten wiedergefunden. Die MARLIN liegt im Schlick des Markermeers vor dem idylischen Ort Durgerdam friedlich vor Anker. Zweimeterzehn Tiefgang auf zweimeterzwanzig Wassertiefe. Da kann sie wenigstens nicht sinken und auch nicht abhauen. Die Holländer sind extrem nett und der Ankerplatz somit der Hit. Außerdem kostenlos. Mal abgesehen von den ansonsten recht hohen Lebenshaltungskosten in Holland.

Danke erst einmal für die vielen Glückwünsche zum Landfall, aber wir sind noch nicht fertig. Nicht meinen, dass wir jetzt aufhören zu bloggen und in der Versenkung des europäischen Alltags verschwinden. Solang die MARLIN von uns gesegelt und bewohnt wird, wird es auch diesen Blog geben. Ob in der gewohnten Regelmäßigkeit mit Abenteuern und Geschichten aus fernen Ländern, dass bleibt abzuwarten. Es gibt zu viele Eventualitäten in unserer nahen Zukunft um eine Aussage über die MARLIN zu machen. Sicher ist, es bleibt spannend.

Je nach Wetterlage geht es kurzfristig durchs Ijjselmeer wieder auf die Nordsee mit Ziel Flensburg. Na, ob wir das hinbekommen? Oder stecken bleiben?

Der Kreis schließt sich

20140803

Großstadtromantik

14 Jahre, nachdem die Lady die Schleusen von Ijmuiden passiert hat, um auf große Fahrt zu gehen, laufen wir sie mit der MARLIN wieder an. Damals hat Micha von der Nordsee ordentlich einen auf den Deckel bekommen, heute ist sie gnädig und beschert uns Sonntagswetter. 3 Beaufort von hinten, Schäfchenwolken, 25 Grad. Großreinemachen ist angesagt. Alle schwingen den Feudel und bringen die MARLIN auf Vordermann. Um uns segeln die Holländer. Wochenendausflug. Familiencrews sitzen im Cockpit und genießen das Sommersegeln. Wir mittendrin. An der Schleuse sehen wir sie aus der Nähe. Eltern, Kinder, Hunde, Freunde, bunt gewürfelte Crews, die den Tag auf dem Wasser verbringen. Lars verkriecht sich lieber auf Lenas Schoß, seine bellenden Kollegen auf den anderen Yachten sind ihm nicht ganz geheuer. Schleusenmanöver klappt ohne Gezank, nichts verlernt in den Jahren unterwegs und dann sind wir drin im Nordseekanal nach Amsterdam. Niedriges Ufer, holländische Architektur, grüne Bäume und: „Mama, guck mal, das sind Enten! Und Schwäne, guck mal! Enten und die haben Babies!“ Wunder der Natur nach fast 5000 Seemeilen mit Delfinen, Walen und Seevögeln. Wir sind verabredet. Mit Judith. Vor 14 Jahren hat sie Micha und mich mit unseren letzten Bootsteilen nach Nordspanien auf die LADY gefahren, als wir unseren erste Etappe der großen Reise gemeinsam gesegelt sind. Ein paar Tage war sie mit an Bord, hat uns verabschiedet und als einzige die Leinen gelöst. Heute steht sie wieder am Steg, mit Mann und Kind und nimmt sie entgegen. Die drei machen zufällig keine 10 km entfernt Urlaub an der See. Nach ein paar Rührungstränchen gibt es das obligatorische Anlegebier im Cockpit. An Land steht ein bewohntes Wohnmobil, neben uns hat ein bewohnter Frachtkahn festgemacht. Gardinen im Fenster, die halbwüchsigen Jungs springen im Abendlicht ins Wasser des Kanals. Schräge Menschen. Kurze Zeit später kommt ein Holländer, begutachtet die MARLIN und gibt uns zu verstehen, dass er einen Laden für Tauwerk hat und Spezialist für Spleißarbeiten ist. Ich zeige auf meine Festmacher und grinse, ich auch! Da freut er sich und winkt uns mit Judith und Cemil lange nach, als wir den Weg nach Amsterdam fortsetzen. Die untergehende Sonne im Rücken nähern wir uns der Großstadt. Afrikahaven, Jan van Riebbeck Haven, Petroleumhaven. Hier waren wir überall schon, kennen wir, doch was dann kommt, kennen wir nicht mehr. 14 Jahre, kann wirklich soviel in 14 Jahren gebaut werden? So alt sind wir doch noch gar nicht. Architektonische Kunstwerke säumen den Kanal kurz vor dem Hauptbahnhof. Unsere Kinder sind nicht begeistert und auch tue mich noch sehr schwer, dem Großstadtcharme zu erliegen. Gegenüber des Hauptbahnhofes biegen wir links ab, in einen Nebenkanal neben dem kleinen Sixthaven. Vor 14 Jahren konnte man hier liegen, und heute Abend sind wir zu müde, die Schilder alles richtig zu interpretieren. Der Kreis schließt sich. Die Amsterdamer sind an diesem lauen Sommerabend mit dem Rad unterwegs, wie auch sonst. Die skurrilsten Zweiräder sind unterwegs, mit ebenso skurrilen Fahrern. Der ein oder andere fährt kurz langsamer, grüßt. Das perfekte Hafenkino. Und irgendwann ist auch dieser Tag vorbei und die Mannschaft fällt in die Kojen.

Don Quijote

20140802

Nordseeträume

Industrieseeromantik haben wir seit Calais. Atomkraftwerke, Hochofenanstich, Dreckswasser und Schiffe, Schiffe, Schiffe. Die Karten sind voller Untiefen, Strömungen von allen Seiten. Gleichzeitig bin ich im Kopf ganz woanders. In Patagonienen. Wie ein Haus entsteht unser neues Buch aus Bausteinen der Erinnerung. Kap Hoorn, Port Hoppner, der Beagle Channel. Beim Gedanken an diese Erinnerungen bekomme ich ein Gänsehaut auf den Unterarmen, die sich über die Schultern bis in die Beine fortsetzt. Es sind schöne Erinnerungen. Es ist Nacht. Julian und ich stehen hinter dem Pilothaus und schauen auf den Horizont. „What the fuck ist that shit!“ Geflucht wir immer wenn Nathalie und die Kinder schlafen. Dafür laut! Wie im Klassiker, War oft the Worlds, sind dort die Außerirdischen gelandet und laufen mit ihren haushoch-langen sechs Stelzenbeinen auf der Suche nach Futter, auf der Suche nach uns. Oben auf den Köpfen haben Sie rote Lichter, die alle gleichzeitig aufleuchten, wenn die Datenströme ihre Einzelgehirne miteinander im Netzwerk kommunizieren. Kampfdrohnen mit weißen Signallichtern schützen die Area vor Eindringlingen.

Ob Lukas mir was in den Tee getan hat? Vorsichthalber rufe ich Nathalie, die eh unten im Salon rumläuft. Irgendjemand reicht mir Lars, der Überdruck aus den unteren und achterlichen Körperöffnungen hat. Zwanzig Plus Knoten Wind und Vollzeug an der Palme schieben und mit Rumpfgeschwindigkeit durch die kurze, hohe Welle, die entsteht wenn zwei Knoten Strömung gegen Wind stehen. Der Mast der Marlin geigt, dass der Baum durchs eine weiße Schaumbahn Wasser zieht. Klar zum Reffen, der Bug der MARLIN schießt in den Wind, dass Großfall fällt bis zum Reffharken. Alles klappt, da neigt eine besonders große Welle den Mast nach steuerbord, Nathalie verliert die Kontrolle über den Bullenstander auf der Running Backstay Winsch. Patenthalse. „Achtung! Baum kommt rüber.“ Bumm! Alle ducken sich, der Skipper schreit blöd rum, verliert kurzzeitig die Kontrolle über das 30 Tonnen Boot und noch mal geigt die Welle den Mast auf die andere Seite. Wieder Bumm! Endlich haben wir wieder Druck im Segel und die Kontrolle über die MARLIN zurück. Nix passiert. Die Rolly Tasker Segel können das ab. Ich aber habe immer die Vision, des halbierten Baums. Noch mal Glück gehabt!

Die Außerirdischen entpuppen sich als drei Windparks mit je 100 riesigen Monstern, die ihre Windräder in den Himmel halten. Mitten auf See. In der Karibik muss man sich vor Riffen in Acht nehmen. Hier sind es die Windparks. Nathalie und ich sind wirklich etwas überfordert von der entfremdeten See. Hier wächst doch nichts mehr. Hier gibt es keine Delfine, keine Wale und die Farbe des Wassers ist wie die des Qualms aus den Schornsteinen an Land. Die Nordsee ist Teil einer riesigen Industriemaschinerie, mit Natur hat das alles nichts mehr zu tun. Was sollen wir hier? Diese Frage stellt sich mir unweigerlich als wir zwei Stunden lang brauchen um zwischen den Windparks durchzumanövrieren. Unweigerlich bahnt sich eine kleine Träne den Weg vom linken Auge in Richtung Backe. Muss wohl vom starken Wind der Nacht sein.

Shooting

20140801

Sommerwetter

Die nahe Ankunft vor Augen, lege ich mir beim Frühstück im Hinterkopf schon die ersten Sätze für den Blog auf der YACHT Seite zurecht, wobei mir auffällt, dass ich zwar viel zu erzählen habe, wir aber allesamt äußerst fotofaul gewesen sind. Auf mein Gemotze, wie man denn so arbeiten soll, kommen allgemeine Ausflüchte: Wetter, Wolken, haben wir schon fotografiert, ist doch eh immer nur Himmel und Wasser, die Delfine waren schon wieder weg oder der Akku war leer.

Ja, ja, stimmt ja. Micha, Julian, die Kinder und ich haben jetzt knapp über 4500 Seemeilen in genau 2 Monaten zurückgelegt. Da hat man die Winsch von vorne, hinten, innen, mit offener Blende und Fischauge fotografiert. Die Sonnenuntergänge gibt es mit Boot, mit People, mit Wolken und ohne und überhaupt genießen wir sie am liebsten ohne Objektiv vor der Nase. Unsere neue Crew war in der letzten Woche viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Platz inmitten des eingespielten Teams Micha, Nathalie, Julian zu finden, als dass sie viel an Bildmaterial gedacht hätte. Verständlich, zumal der Himmel tatsächlich sehr viel sehr grau war, aber eben nicht grau genug um Actionmaterial in Sturm und Schnee zu produzieren. Doch wer Reisegeschichten erzählen will, braucht schöne Bilder, deshalb gibt es heute keine Ausflüchte mehr, die Sonne scheint, die Brise ist ausreichend, dass das Vollzeug steht. Am Frühstückstisch entsteht eine Liste der Bordsituationen, die unseren Alltag und diesen Fahrtabschnitt insbesondere, ausmachen. Ist ja keiner der Leser dabei, wenn Micha mal wieder mit dem Hund Gassis geht, oder Julian die Pütz vollmacht, um das Deck hinterher zu säubern, Lukas mit dem Handy im Cockpit sitze, um zu checken, ob es schon Netzempfang gibt, Silvia es sich mal wieder mit ihren 1,57 m OHNE Schuhe irgendwo gemütlich machen konnte, ohne sich den Kopf zu stoßen oder ich mal wieder mit eingeschaltetem Lehrermodus den Unterschied zwischen wahrem und scheinbarem Wind erkläre. Doch mit ein paar Fotos wird die Geschichte lebendiger.

Lukas packt also seine Profiausrüstung aus, entstaubt die Objektive und putzt die Linsen. Den Rest des Tages wird gefilmt und fotografiert, was das Zeug hält. Die größte Herausforderung war es, den weißen Welpen auf dem weißen Deck in Aktion abzulichten. Dass Hundebändigerin Maya dabei die ganze Zeit auf seinem Rücken hing, macht die Sache nicht einfacher. 10 Minuten ist Lars mit wedelndem Schwanz, schlappenden Ohren und tapsigen Pfoten zwischen Maya und mir hin und her gerannt. Danach fiel er in einen 4-stündigen komatösen Schlaf. Tja, Fotoshooting ist halt anstrengend!

Noch 464 Seemeilen Luftlinie bis Flensburg!

Kanalinseln querab

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Erziehung zum Kleinkarierten Rückwärtssegler

Es ist Nacht und wir segeln. Noch. Und grade sehr langsam. Eigentlich schnell, aber durch die Gegenströmung um 1,5 Knoten aufgeschoben. Aufgeschoben ist aber nur aufgehoben. Am frühen Morgen steigen wir in den Elevator ein mit der MARLIN und nutzen die starke Strömung bei Aldernay um, Schwupps, die verlorenen Meilen wieder reinzuholen mit 2-3 Knoten Rückenströmung. Die MARLIN, die hat Rückenwind.

Nach dem „kapitalen Riggschaden der MARLIN“ in Jamaika, wie es die YACHT beschrieben hat, kontrollieren Maya und ich jeden Morgen bei Gassigehen mit Bootshund Lars das Rigg. Hierbei sind wir äußerst pingelig wie man sieht. Vorsichtig entfernen wir erst Salzkristalle, dann Flugrost, pulen die Poopel aus dem Zwischenraum am Terminal der Wanten. Danach wird alles mit Süßwasser gespült und mit Watte poliert. Praktischer Segelunterricht Unterricht an Bord der MARLIN. Glaubst Du es? Hoffentlich nicht. Es war fast Spaß. Nach einer Oceanüberquerung säubern wir den Übergang der Drahtseile ins Terminal wirklich, mit etwas Scheuermilch und einer alten Zahnbürste um Schäden oder Elektrolyse erkennen zu können. In ein paar Tagen ist es wieder so weit. In 48 Stunden werden wir Amsterdam anlaufen und ein paar Tage Zwischenstopp einlegen. Wichtige private Tasks haben absolute Priorität. Mikla, unsere MMSI ist im übrigen 367623440.

Englischer Kanal. Skippergedanken.

20140730

Der Wind is wech.

Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn der gute Wind auch im Kanal da gewesen wäre. Jetzt kommt er von genau achtern und das ist nun mal der Wind, den die MARLIN gar nicht gefällt. Am Wind machen wir uns unseren Wind aus einem Lüftlein selbst. Von hinten stehen wir auf der Stelle und treten mit den Hufen auf den Boden. Also Motor rein, Segel runter, Motor aus und Segel rauf. Wie in alten Tagen. Später soll es Meer Wind geben. Wir werden sehen.

Lars ist jetzt so weit, dass er „fast“ stubenrein ist. Beim Segeln gehen Julian, Nathalie und ich abwechselnd mit ihm auf Gassi Rundgang von achtern zum Bugspriet und zurück. Bei wenig Kränkung auch ohne Leine. Heute ist er zum ersten Mal ohne Leine direkt zum Bug vorgelaufen. Ein Stück Kunstrasen am Heck dient als Toilette beim Am-Wind-Kurs. Geht also alles. Das er im Boot mal ausläuft liegt daran, dass ihn dann keiner hört, denn er macht sich immer bemerkbar. Die ganze Situation entspannt sich durch Lars positive Entwicklung deutlich. Auch ist Lars weder seekrank geworden, noch hat er Probleme bei Schräglage, bis zu etwa 15 Grad. Ab 15 Grad sucht er sich kommentarlos eine Ecke im Boot die sicher ist. Hinter der offenen Toilette im vorderen Bad und unter der Koje der Kinder oder auf Skippers Füßen, je nach Lage. Lars hat auf seinen ersten 1.100 Seemeilen 50% an Größe zugelegt, misst nun 56cm von Nase bis Popoende ohne Schwanz und hat 4kg Futter verdrückt. Ich denke, mal, das wird ein guter Bootshund. Maya und Lena sind total glücklich. Vor allen Dingen Lena hat an der Stubenreinheit aktiv mitgeholfen und schickt Lars Tag und Nach raus zu den Wachhabenden. „Lars will Gassi gehen.“ Also: Das war die richtige Entscheidung!

Die Stimmung an Bord ist prima. Julian, ist viel, viel entspannter als bei seinem ersten Trip bis zu den Azoren und schon der Profiskipper, wenn es nach ihm geht. Na, da müssen wir aber noch ein bisschen An- und Ablegen, Einparken und Rückwärtssegeln üben. Und das alles mit 18 Meter und ohne Bugstrahlruder. ;-) Lukas leidet etwas unter Zivilisationsentzug und Gruppenzellensyndrom, so kommt es mir vor. Vielleicht findet er es aber auch ein bisschen doof, dass sein kleiner Bruder mal mehr weiß und kann als er. Er will vor allen Dingen ankommen. Silvia ist eh tiefenentspannt, solange sie zu ihrem Schlaf kommt und genießt jede Meile. Die Kinder sind eh verrückt und glücklich weil einfach alle da sind, die sie besonders lieb haben. Nathalie und ich finden uns selbst abwechselnd blöd und toll. Also alles beim alten. Über der MARLIN ziehen wir eine dicke schwarze Wolke an Problemen mit, die zu privat fürs Logbuch sind, die sich grade wieder aber so langsam lichtet. Aber auch das ist ja irgendwie normal.

Wir sind jetzt im Kanal, mit leichten Winden aus West, shiften vor der Brise. Mal mit, mal gegen die Strömung. Ich krame mein Yachtmaster Wissen wieder aus den grauen Zellen. Tiden und Strömungsberechnung. Da war doch was. Ach so. Englischer Kanal und Nordsee. Da bin ich doch groß geworden. Ein bisschen Abwechslung ist das gemeinsame Mittagessen, Nathalies Funkerei mit Armin von Intermar. Hi.

Es ist voll im Englischen Kanal. Sieht man auf der AIS Karte am besten. Aber keine Angst. In Wirklichkeit ist das gar nicht so schlimm. Nur etwas ungewohnt, wenn man tausende von Meilen über den Atlantik kein anderes Boot gesehen hat.

Biskaya

20140729

Wale

Ich hab Wache, stehe am Steuer und es ist fünf Uhr Nachmittags. Ich meditiere!

Nathalies Kopf erscheint grinsend im Pilothaus und kuckt mich an: „Bitte genau den Kurs halten, bis die paar Fischerboote vor uns durch sind.“ Aha…also ich weiß, dass hier irgendwo die Kante kommt, wo es in die Biskaya geht, rattert es durch meinen Kopf. Der Meeresboden steigt innerhalb circa 200 Seemeilen von 4000 Meter Tiefe im Nordatlantik auf 130 Meter Tiefe in der Biskaya an und an dieser Kante gibt es wohl besonders viele Fische und halt eben auch besonders viele Fischerboote, logisch oder? Was, genau wo ich Wache habe? Na die Nathalie hat Nerven, lässt mich echt hier oben alleine am Steuer. Na ja ganz alleine ist man hier am Steuer ja nie, denn seit Bootshund Lars hier ist, geht ständig einer Gassi mit ihm, einmal rund Deck. Dann muss man den „Lars-Kurs“ steuern, das heißt nicht so viel Schräglage!

Trotzdem bin ich jetzt gerade alleine hier. Los Silvi, konzentrier dich, du schaffst das! Zwei Minuten später wieder Nathalie. Sie macht den Motor an. Gerade hatte ich meine innere Ruhe wieder. Mein Blick verrät anscheinend alles. Sie grinst mich an: „Nix schlimmes, brauch nur Strom!“ Ein paar Minuten später kommt Micha ins Cocktpit, er klappt den Deckel zum Motorraum auf und geht in Keller. So ganz nebenbei sagt er: „Motor läuft, da kann ich ja Wasser machen.“ Also echt, die machen mich grad fertig die Beiden!

Nach dem Bergfestessen lecker a la Nathalie heute Nachmittag freu ich mich tierisch. Noch ein Stündchen Verdauungsschlaf bis zur Wache! Gerade im Tiefschlaf angekommen schreit die ganze Bande wild und ziemlich laut durcheinander. Ich versteh Silvi und Wale und fall fast aus der Koje. Nullkommazack bin ich draußen. Watt ein Schauspiel, Wale und zwar viele Wale und sie springen wie Delphine und manchmal zwei zusammen. Mann hab ich ein Glück. Merci, dass ihr mich geweckt habt.

Gerade ruft Nathalie wieder: „Delphine an Steuerbord auf drei Uhr.“ Während ich Richtung Cockpit hechte, kuckt Micha verschlafen aus der Türöffnung der Kabine und fragt:“ Was ist kaputt?“ Ha, ha, ha, wir prusten echt los vor lachen……dabei ist hier doch fast nie was kaputt! Aber los ist hier echt immer wat und diese verrückte Mannschaft fängt langsam an, mir ans Herz zu wachsen! Silvia.

Bugwechsel

20140727

Neuer Kurs: Am Wind

Unsere Motorstunden bekommen haben wir. 20 Stunden hat es gedauert das Zentrum des Hochs zu queren und an die Ostseite des Systems zu gelangen. Wir hätten sicher noch ein paar Meilen mehr mit 3 Knoten Fahrt unter Segel machen können, aber wenn man weiß, dass man mit ausreichend Fahrt den nächsten günstigen Ausgangspunkt erwischen kann, um wieder drei Tage stetigen Wind aus günstigen Richtungen zu bekommen, ist das Gebrumm ganz gut zu ertragen. Wetter gibt es derzeit wie immer einmal täglich über die Grib Files, sowie morgens und abends über die Intermar. Armin, Rüttger, Rüdiger und Klaus sind abwechselnd zweimal täglich auf der 14.313 zu hören und versorgen Yachten zwischen Mittelmeer und Skandinavien mit individueller Wetterinformation. Auf dem Weg zu den Azoren konnten wir die Runde wegen starker Störungen aus den USA nur schlecht verstehen, doch seit den Azoren sind die Bedingungen perfekt. Wieder eine neue Sprache für Silvia und Lukas. KD7SVT, QRV, CQ Mike Mike, 73, Delta Lima, QRM, usw. Lukas guckt mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, während ich mit dem Mikrofon in der NAV-Ecke gequetscht unser Wetter hole. Recht hatten sie glücklicherweise auch, die Prognosen von Intermar und so setzt der Nordwestwind mittags wieder ein. Genua, Groß, Fock, volle Kutterbesegelung ausgeschüttet, die dicke Emma darf wieder schlafen gehen. Wir segeln jetzt auf Steuerbordbug, das heißt die Kinder und ich haben jetzt endlich die Sahneseite, Gerechtigkeit muss sein.

Neuer Kurs: Am Wind. Schräges Segeln mit 20 Grad Krängung. Julian und ich lösen uns gegenseitig am Steuer ab. Laute Musik und Sonnenschein tragen nicht gerade dazu bei, dass unter Deck ideale Lebensbedingungen herrschen. Es ist einfach zu schön, das Rauschen des Kielwasser zu hören, zu spüren, wie die MARLIN sich auf die Seite legt, ihre Spur sucht und beschleunigt. Drinnen purzelt alles durcheinander, Lars hat sich angewöhnt seitwärts immer die Wand lang zu laufen. Zwischendurch winschen wir Julian das Vorstag hoch, der Skipper hat bei einem seiner Gassi-Rundgänge ein paar lose Schrauben an der Rollreffanlage gesehen. Schon praktisch, so Zwillinge, einer winscht, einer hängt in den Seilen und ich hab die Hände für die Kamera frei. Silvia ist endgültig im schrägen Leben auf der MARLIN angekommen und bäckt Apfelkuchen. Dünn an der Backbord, dick an der Steuerbordseite, ein ganz normaler Am-Wind-Kuchen eben. Jens, deine Frau ist hochseetüchtig, hast Du ein Schwein gehabt! Da werden Dich viele drum beneiden.

Etmal 140 sm, noch 1.081 sm Luftlinie bis Flensburg.

Auf dem Weg ins Hoch

20140726

Kurs auf die Biskaya

531 Seemeilen haben wir in den ersten drei Tagen abgesegelt, mehr als ein Viertel der Strecke bis nach Flensburg. Zu glauben, dass es nun so weitergeht, wäre albern, aber ein gutes Gefühl ist es. 3 Tage Hochgeschwindigkeit am Rande des Tiefs, jetzt kommt das Hoch. Mit dem Hoch kommen weniger Wind, weniger Speed, aber auch weniger Wolken. Das Leben an Bord wir ruhiger, langsamer, die Musik im Cockpit wird lauter aufgedreht und auch wenn alle irgendwie ein bisschen jammern, dass wir keine 8 Knoten mehr fahren, genießen sie doch die Ruhe. Frühstück mit frischgebackenem Roggenbrot am Tisch, zum Mittagessen Salat zu den Nudeln und Gabeln, keine Schalen mit Eintopf und Löffeln. Bei Schwachwind darf auch Gustav, der Autopilot wieder mitspielen, denn mit dem Wind ist auch die Welle verschwunden und bei Responselevel 2 hört man den Autopiloten fast überhaupt nicht. Lars durfte schon viermal die Runde übers Deck laufen, die Delfine, die neugierig an Backbord mitgeschwommen sind, haben ihn allerdings nicht interessiert.

Bei dem schönen Wetter liegt auch keiner tagsüber für ein Schläfchen in der Koje, Zeit für ein Crewfoto mit Segeln bevor der Wind komplett einschläft. Wobei, ein paar Stunden Motoren heute Nacht wären gar nicht so verkehrt, heißes Wasser zum Duschen für Mensch und Hund, das hätte was.

Noch 1235 Seemeilen Luftlinie bis Flensburg.