Archiv der Kategorie: SY Marlin

Skinhead Wnuk

Welcome to the Cancer Club.

Ist man erst einmal aufgenommen im Chemo Paradies, dann fangen die Medikamente an zu wirken, wenn man sie aufhört zu nehmen. Bei mir ist es eine ANTRA pro Tag bis nächsten Montag. Danach darf mein Körper wieder eigenes, gesundes Blut produzieren. Ich trau der Sache nicht. Prof. Dr. med. Nazezda Basara sieht das positiv und lächelt mir ins Gesicht. Während ich auf dem Fahrradtrainer eine Stunde abtrete, kommt sie persönlich und gibt mir die Erlaubnis zu bloggen. Ich dachte mir, es macht Sinn zu fragen. „Natürlich nur „Gutes“ Herr Wnuk.“ Ich könnte sie so in den Arm nehmen. Die attraktive Professorin ist ja grade ein paar Tage älter als ich. Aber das lass ich besser. Ich verhalte mich eh schon auffällig, weil ich alle dutze und viele vom Personal kommen damit überhaupt nicht klar. Hinter Heavens Door wird sich bestimmt auch nicht gesiezt, denke ich mir. Sterben tun wir alle irgendwann. Eine meiner Lieblingsschwestern; ich hatte noch nie so viele nette und adrette Schwestern, ist Clara. Clara kommt aus dem Rheinland, weiß das aber nicht. Auf jeden Fall, habe ich Büschel von Haaren bei der morgendlichen Wäsche in den Händen. Die Chemo tötet alle sich schnell teilenden Zellen. Also auch Kopfhaare, Körperhaare, Fußzehenhaare, Haare auf den Zähnen, in den Ohren, Augenbraunen, Wimpern und Augenbraunen. Die Chance mich mal so richtig stylen zu lassen. Männer sollten auch mal schöne Augenbraunen haben. Warten bis alles wieder von alleine wiederkommt kann doch jeder. Die Türkenjungs haben auch alle getrimmte Augenbraunen. In den cubanischen Hinterhöfen von Havanna stehen die Heteros und zupfen sich gegenseitig peinlich jedes Augenbraun und Barthaar. Das dass nur Frauen machen, ist absolut Raumschiff Enterprise Generation. Nicht, dass ich auf meine alten Tage noch ein Coming Out habe. Ob das jemals wieder was wird? Seit der Chemo ist da tote Hose. In meinem nächsten Leben möchte ich dann bitte als Greta Garbo geboren werden. Von Vorteil ist auch, dass ich an alles an Drogen dran komme, was ich nur haben will. „Aha. Deshalb die abgedrehten Texte denkst Du Dir jetzt.“ Morphium gegen Schmerzen, Dipis und Co. Alles BTM. Aber weit gefehlt. Ist alles synthetisch, ohne auch die kleinste rauschende Wirkung, außer, dass die Schmerzen weggehen. Auch keine Pillen von einer meiner Schwestern. Nur von den Weiß- und Grünkitteln. Das sind die Ärzte. Viel mehr habe ich noch heute noch nicht mitbekommen. Ich bin heute den ersten Tag fieberfrei. Und jetzt mache ich das Licht aus. Am Fenster hängt schon eine LunaWLANnet und ich arbeite an der V3 Version. Stabiles, schnelles LTE Internet für die Beatmungsstation ist ein Nebenprodukt. Kostenlos. Früher hat man Blumen geschenkt. Heute Passwörter. Im Nachttisch steht keine Flasche Bier, sondern ein Labornetzteil, damit ich die jeweilige Schiffsituation simulieren kann. Leere Batterien, volle Batterien, Landstrom, Sonne Wind und Energiemangel an Bord. Über den LunaPCmini bin ich mit der MARLIN auf den Azoren verbunden und kann dort neue Software unter realen Bedingungen testen. Lorenz, mein Bootsjunge vor Ort startet einmal die Woche den Generator. Also. Alles im Griff. Ich brüte grade an zwei neuen Produkten, die meinen segelnde Kunden mir aus den Händen reißen werden. Wenn ich jetzt nur nicht sterbe. „Meine echt alte Freundin Sabine, die ähnlich wie ich, bei 36 Jahren stehengeblieben ist , meint dazu nur: Micha, Du stirbst nicht. Wir leben in einem Jahrtausend, wo Herzen transplantiert werden.“ „Stimmt Bine!“, vergisst man manchmal, wenn man vor lauter Selbstmitleid bei 39,9° Fieber, gegen die Chemo ankämpft und mit Old Shatterhand Schüttelfrost im Bett liegt.

Der Klingelbeutel

Guido meint ich bekomme irgendwann Langeweile, das ständige hohe Fieber geht zurück und ich würde auf kurz oder lang wieder schreiben. Damit liegt Guido gar nicht so falsch. Allerdings gibt es für mich an der ganzen Krankheit noch ein ganz anderes Problem. Ich verdiene nämlich kein Geld mehr, ich bekomme keine Krankengeld, kein Krankenhaustagegeld etc. Die MARLIN produziert ordentlich Kosten, fährt aber kein Umsatz rein. Ich steuer grade ordentlich ins Minus und da kann ich auch erst einmal nichts dran ändern. Auch ist mir vollkommen unklar, wen mein Gesundheitszustand und mein MARLIN Blog interessiert. Mit Segeln hat das ja nun nichts zu tun. Meine Lösung ist der Klingelbeutel. Wenn du / ihr wollt, dass ich über mein Tagesallerlei in gewohnter Art und Weise blogge, drückt ihr bitte den Spendenbutton. Auf der rechten Seite der Website. Hat sich 100-150 Euro angesammelt, gibt es einen neuen Blogeintrag. Der kostet mich ungefähr vier Stunden Zeit. Ist dem nicht so, kann ich meine Zeit zwischen den Fieberschüben einsetzten, um neue Produkte bei Lunatronic auszuprobieren und für den Verkauf vorzubereiten. Stand Klingelbeutel: >1.000

Der Leserentscheid hat entschieden: Der Blog soll weiter gehen.

Tributyltin

Eine ganze Sintflut von motivierenden e-mails läuft über das Internet auf mein Mailprogramm. Ich kann mich nicht mehr einzeln bedanken, is mir zu viel Arbeit. Der Leserwunsch ist definitiv ein anderer. Ich soll das alles schnell überleben und wieder auf’s Wasser, auf die MARLIN. Ich soll möglichst täglich bloggen, was in meinem Kopf vorgeht. Ich habe ja versprochen, dass ich einen neuen Blog schreibe, sobald ich 150 Euro im Klingelbeutel verbuchen kann. Zum Ende des Tages ist im Klingelbeutel genug Geld für die nächsten 21 Blogeinträge. Danke für eure Anerkennung und das ich jetzt einen Job habe, den ich aus meinem Krankenbett machen kann. Ich bin echt stolz. Anscheinend liest man meine Post wirklich gerne. Anders kann ich mir das nicht erklären. Dann fangen wir mal an: Vergangenheitsbewältigung: 1970. In jungen Jahren hat mein Vater unser Elternhaus in Kapellen von Innen komplett mit günstigen Kieferprofilen ausgekleidet. Grundgerüst aus Dachlatten, dazwischen Glasfaserwolle und drüber Kiefer-Profilholz. Geschmacksache. Klein Micha in kurzer Lederhose, durfte immer helfen, in den langen regnerischen Abendstundungen. Papa hat immer ne coole Camel zwischen den Lippen, eine Flasche Diebels Alt Bier neben der METABO Kreissäge. „Reichst Du mir mal die Box mit den Klammern mein Sohn?“ Für mich gab es niemand größeren als meinen Papa und der genoss das Wochenende nach 60 Stunden auf’m Pütt, tausend Meter unter der Erde, morgens drei bis mittags drei, bei 1,2 Meter Stehhöhe direkt neben dem Kohlehobel, der mit einem Affenzahn die Kohle aus dem Flötz schabt und dabei soviel Staub macht, dass es eigentlich nicht mehr messbar war. Ich wollte auch bald groß sein und Camel rauchen, Bier trinken. Ich durfte vor allen Dingen die Profile beidseitig auf Klappböcken mit Xyladecor einpinseln. Gegen Borkenkäfer, Ungeziefer etc. Um dem Holz noch etwas mehr Struktur zu geben, kurz mit der offenen Gasflamme abflämmen. Alles ohne Mundschutz. Ich war wohl ca. acht Jahre alt zu diesem Zeitpunkt. In Xyladecor ist vor allen Dingen Linadan. Ohne weitere Worte! Die nächsten 10 Jahre bin ich in dem Haus groß geworden. Auf keinen, keinen Fall will ich hier meinem Vater einen Vorwurf machen. Das war 1970. Da hat man die Rücksitzbank des Käfers umgeklappt, Kinder rein. Vater und Mutter haben sich gegenseitig abgelöst auf dem Weg nach Dänemark in den Urlaub. Wenn Anneliese sich die nächste Kippe angesteckt hat, fragt Ortwin verliebt: „Ist die für mich mein Schatz?“ Draußen ist es kalt, also bleiben die Fenster zu. Der Aschenbecher über dem Schalthebel qualmt. Glühende Filter. Aus dem Transistor-Radio trällert Hans Albers: „La Paloma. Ein Wind weht von Süd und zieht mich hinaus auf See, Mein Kind, sei nicht traurig tut auch der Abschied weh. Mein Herz geht an Bord und fort muss die Reise gehen. Dein Schmerz wird vergehen und schön wird das Wiedersehn. Mich trägt die Sehnsucht fort In die blaue Ferne. Unter mir Meer und über mir Nacht und Sterne. Vor mir die Welt, so treibt mich der Wind des Lebens. Wein nicht, mein Kind, die Tränen, die sind vergebens. Auf Matrosen, ohé! Einmal muss es vorbei sein. Nur Erinnerung an Stunden der Liebe bleibt noch an Land zurück. Seemanns Braut ist die See und nur ihr kann er treu sein wenn der Sturmwind sein Lied singt. Schon winkt mir der großen Freiheit Glück. Wie blau ist das Meer? Wie groß kann der Himmel sein. Ich schau hoch vom Mastkorb Weit in die Welt hinein. Nach vorn geht mein Blick. Zurück darf kein Seemann schauen. Kap Horn liegt auf Lee. Jetzt heißt es auf Gott vertrauen. Seemann gib acht. Denn strahlt auch als Gruß des Friedens Hell durch die Nacht das leuchtende Kreuz des Südens, Schroff ist ein Riff und schnell geht ein Schiff zugrunde. Früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde. Auf Matrosen ohé! Einmal muss es vorbei sein. Einmal holt uns die See. Und das Meer gibt keinen von uns zurück. Seemanns Braut ist die See und nur ihr kann er treu sein, Wenn der Sturmwind sein Lied singt, dann winkt mir der großen Freiheit Glück. La Paloma adé. Auf Matrosen. Ohé! Ohé! Adé. 24 Jahre später: Teneriffa. Kanarischen Inseln. Nathalie und Michael haben ein wunderschönes Stahlboot. Die IRON LADY. Kein Ahnung von Farben. Davon werden wir noch sehr viel Ahnung bekommen. Nathalie trägt immer eine Maske, Micha ist immer sehr lässig cool und trägt ein blaues Stirnband. Beim Unterwasseranstrich geht es um TBT Gift, das einzige Gift, was Seepocken in tropischen Gewässern den Garaus macht. Seit 1990 ungefähr ist Tributyltin verboten, für die Sportschifffahrt, nicht für die Containerschiffe. Ich und viele andere Segler finden es besonders schlau Tributyltin in den Seitenstraßen von Puket in Thailand zu besorgen. Bei 40 Grad im Schatten haben wir meist das hochgiftige Antifouling ohne Maske auf den Bootsrumpf gerollt. Der morgendliche Sprung ins Wasser, die Runde ums Boot schwimmen. Der Unterwasseranstrich ist selbstabreibend. Meint, durch die Fahrt durchs Wasser oder auch nur die Bewegung vor Anker löst sich die Farbe und das darin enthaltenene Gift permanent. Das romantische ums Boot schwimmen, eine Woche im Urlaub stellt kein Problem dar. Jahrelang jeden Tag, führt unweigerlich zur regelmäßigen oralen Aufnahme des Giftes. Meine behandelnde Ärztin: Prof. Dr. med. Nazezda Basara meint, man bekommt Leukämie einfach so. Jeder. Du, ich sowieso, meine Tochter, der Nachbarjunge. Ich glaube das nicht. Ursache der Leukämie sind für mich bösartige, genetische Veränderungen im Knochenmark, die ich im Laufe des Lebens erworben habe. Und das hat nach meiner Überzeugung unmittelbar mit meinem Seglerleben und den langen Jahren auf See zu tun! Risikofaktoren sind unprofessioneller Umgang mit 2K Polyurethane Lacken, Tributyltin (TBT) Antifouling und 2K Epoxidharzen. Wäre ich in der Nähe eines Atomkraftwerks aufgewachsen, wäre das ein weiterer Risikofaktor. Auch die Malaria in Malaysia hätte ich mir gerne gespart. Ich frage mich, ob ich heutzutage noch mal auf Weltumsegelung gehen würde? Die Antwort ist klar und deutlich. Nein! So etwas macht man nur einmal. Mein Vater ist 2014 im Alter von 83 Jahren unter anderen Krankheiten, an einer besonderen Form von Leukämie gestorben.  

Der Klingelbeutel

Guido meint ich bekomme irgendwann Langeweile, das ständige hohe Fieber geht zurück und ich würde auf kurz oder lang wieder schreiben. Damit liegt Guido gar nicht so falsch. Allerdings gibt es für mich an der ganzen Krankheit noch ein ganz anderes Problem. Ich verdiene nämlich kein Geld mehr, ich bekomme keine Krankengeld, kein Krankenhaustagegeld etc. Die MARLIN produziert ordentlich Kosten, fährt aber kein Umsatz rein. Ich steuer grade ordentlich ins Minus und da kann ich auch erst einmal nichts dran ändern. Auch ist mir vollkommen unklar, wen mein Gesundheitszustand und mein MARLIN Blog interessiert. Mit Segeln hat das ja nun nichts zu tun. Meine Lösung ist der Klingelbeutel. Wenn du / ihr wollt, dass ich über mein Tagesallerlei in gewohnter Art und Weise blogge, drückt ihr bitte den Spendenbutton. Auf der rechten Seite der Website. Hat sich 100-150 Euro angesammelt, gibt es einen neuen Blogeintrag. Der kostet mich ungefähr vier Stunden Zeit. Ist dem nicht so, kann ich meine Zeit zwischen den Fieberschüben einsetzten, um neue Produkte bei Lunatronic auszuprobieren und für den Verkauf vorzubereiten. Stand Klingelbeutel: 3.115,69 Euro (jeweils zum Ende des Tages.)

Skipper Micha hat Leukämie

Jetzt ist es raus

Genauer gesagt eine akute myeloische Leukämie. Viel Spaß beim Googeln. Die Ergebnisse brauche ich nicht! Ich habe die beste Chefärztin des Malteser Franziskus Krankenhauses, die ich mir nur vorstellen kann. Ich bin mitten in der ersten Chemo und es sind bisher bestimmt 50 Liter Gift durch meinen Körper gelaufen. Dementsprechend schwach bin ich auf den Beinen, also gar nicht. Die Chance zu sterben ist 1:5, nicht an einer Leukämie, sondern an einer Infektion während der Chemo. Ich habe grade so gut wie keine weiße Blutkörperchen in meinem Blut, die werden komplett abgetötet und dann wachsen hoffentlich wieder gesunde in meinem Knochenmark, wie im Fernsehen ;-) Ich liege umkehrisoliert in einer Art Intensivstation für Leukämiekranke, Stefan Morsch Stiftung. Ich würde euch bitten, die Daumen zu drücken, dass ich schnell wieder gesund werde und von sonstigen e-mails, Kommentaren, Anrufen etc. Abstand zu nehmen. Dies betrifft vor allen Dingen meine Kinder Maya und Lena und Nathalie. Is alles schon schlimm genug. Warum jetzt doch der Blog? Der Anfang war doch sehr aufregend. Vor allen Dingen für mich, Nathalie und die Kinder. Wir wollten es unseren Leuten selber sagen. Der letzte Blogeintrag war eigentlich klar genug ohne eben das böse Wort „Blutkrebs“ zu sagen. Inzwischen habe ich fast das Ende der ersten Chemo erreicht. Langsam fallen mir die Haare aus, ich habe eine Lungenentzündung, ich habe ein paar Kilo abgenommen und jeder der mich besuchen will, kann das nach Voranmeldung machen. Ich habe schon Besuch aus der Schweiz, von Guido, von Schwesterherz und vor allen Dingen als es noch ging, von meinen vier Kindern bekommen. Guido meint ich bekomme irgendwann Langeweile, das ständige hohe Fieber geht zurück und ich würde auf kurz oder lang wieder schreiben. Damit liegt Guido gar nicht so falsch. Allerdings gibt es für mich an der ganzen Krankheit noch ein ganz anderes Problem. Ich verdiene nämlich kein Geld mehr, ich bekomme keine Krankengeld, kein Krankenhaustagegeld etc. Die MARLIN produziert ordentlich Kosten, fährt aber kein Umsatz rein. Ich steuer grade ordentlich ins Minus und da kann ich auch erst einmal nichts dran ändern. Auch ist mir vollkommen unklar, wen mein Gesundheitszustand und mein MARLIN Blog interessiert. Mit Segeln hat das ja nun nichts zu tun. Meine Lösung ist der Klingelbeutel. Wenn du / ihr wollt, dass ich über mein Tagesallerlei in gewohnter Art und Weise blogge, drückt ihr bitte den Spendenbutton. Auf der rechten Seite der Website. Hat sich 100-150 Euro angesammelt, gibt es einen neuen Blogeintrag. Der kostet mich ungefähr vier Stunden Zeit. Ist dem nicht so, kann ich meine Zeit zwischen den Fieberschüben einsetzten, um neue Produkte bei Lunatronic auszuprobieren und für den Verkauf vorzubereiten. Die jetzige Chemo geht über 5 Wochen, danach darf der Körper ein-zwei Wochen ausruhen und neues, hoffentlich gesundes Blut in seinem Knochenmark produzieren. Danach wird die erste Chemo wiederholt um sicher zu gehen dass alle bösen Zellen tot sind. Dann kommen noch drei etwas weniger giftige Chemotherapien. Womit wir Weihnachten haben. Während der Zeit darf ich das Krankenhaus weitestgehend nicht verlassen. Meine Krankheit ist nicht ansteckend und jeder Besucher muss sich komplett die sterile Schutzkleidung anziehen. Am meisten enttäuscht mich Rainer Boesch, einer der Dagoberts. Ihn musste ich aufgrund von falschen Angaben zu seiner Gesundheit in Cuba von Bord bitten, weil der anstehende Törn nach Havanna, zu sportlich für seine künstliche Hüfte gewesen wäre und ich die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Ich habe ihm angeboten seinen nichtgenutzten Tage 100% auszuzahlen. Nun sogar noch das Taxi nach Havanna um nen Deckel auf den Pott zu bekommen. Rainer kennt meine gesundheitliche Situation und ich bekomme jede Woche mehrmals Post seines Rechtsanwaltes, mit Forderungen, zu Leistungen, die ich gar nicht anbiete. Das nächste Schreiben werde ich dann mal hier veröffentlichen. Ich habe sämtliche sonstige Passage-Planungen mit der MARLIN abgesagt, Anzahlungen zurückgezahlt. Aufgrund der einzigartigen Erfahrungen werde ich nie wieder, klassischen Kojencharter anbieten. So was braucht kein Mensch. Komplettes neues Business schwebt im meinem Kopf, aber erst einmal ist das Motto: Überleben und gesund werden. Stand Klingelbeutel: 0,00 Euro 2.8.16

Geschichten die das Leben schreibt

Der Skipper wieder in Flensburg

Es war eigentlich nur Vorbesprechung zur Magen- und Darmspiegelung bei Dr. Nolde. „Dann gehen Sie noch mal hinten durch, da wird man ihnen noch mal Blut abnehmen. Ansonsten sehen wir uns bitte wie besprochen am nächsten Mittwoch.“ Mein dicker Segelfreund C. aus D. ist vor einem halben Jahr an Krebs Darm erkrankt. E. aus F. bekam ALS. C’s OP war schrecklich, der Krebs war selten und die Chancen waren unklar. Frau, zwei Kinder, glücklich. Bisher. Jetzt unglücklich. Das hat mich echt geschockt. Deshalb mal besser Vorsorge. „Gut Herr Dr. Nolde. Dann hoffen wir mal, dass alles gut ist und sie nächste Woche nicht viele Polypen finden.“ Ich wieder auf’s Fahrrad. Es nieselt leicht. Ein typischer Flensburger Tag. Nur drei Stunden später verändert sich mein Leben innerhalb von Sekunden. „Drei unbeantwortete Anrufe!“ Das Display des iPhones blinkt. Ich rufe zurück. „Dr. Nolde am Apparat. Herr Wnuk, ihre Blutwerte sind nicht o.k. Sie gehen am besten direkt in die Notaufnahme des Diako Krankenhaus.“ Ich merke das Blut durch meine Halsschlagader rauschen wie ein reißender Wildbach. Es kribbelt unter der Kopfhaut. Mir ist ganz klar in diesem Moment. Mein Leben dreht sich grade um 180°. Einige Stunden später sitze ich im Malteser Krankenhaus, in dem Nathalie, keine zehn Minuten von unserem Zuhause aus weg, jeden Tag ihren Alltag als Ärztin verbringt. Natürlich werde ich als Mann der Fr. Doktor Müller ganz besonders lieb empfangen und behandelt. Aber das ändert nichts an den grauen Wolken über meinem Kopf, die sich langsam und stetig verdichten. Wieder wird mir Blut abgenommen, die Stirn der diensthabenden Ärztin für Innere Medizin legt sich in Falten. „Herr Wnuk, ihre Blutwerte sind nicht gut. Gar nicht gut.“ Ich sehe rote Zahlen auf dem Bildschirm. Viele rote Zahlen, weniger schwarze Zahlen. Eine der Schwestern schiebt Nathalie ein Ultraschallgerät rein: „Komm Nathalie, dass kannst Du schon selber mal machen. Dann hast Du wenigstens was zu tun, dass machst Du doch jeden Tag und es lenkt Dich ab.“ Weitere Blutwerte fehlen noch, die entscheiden sollen, ob ich nach Hause darf oder direkt im Krankenhaus bleibe. Nathalie Befund ist so lala. Leicht vergrößerte Milz. Nix im normalen Bereich. Die Blutwerte stehen in rot auf dem Bildschirm. Natürlich habe ich auch etwas gemerkt. Müde und schlapp habe ich mich gefühlt in den letzten Tagen, Wochen. Ständig bin ich überall eingeschlafen. Beim Warten vom CT. Einfach so. Im Sitzen. Die Ärzte haben dafür einen Namen: “Blutarmut” (Anämie). Sofort suche ich nach meinem eigenen Fehlverhalten. Rauchen, Übergewicht, Alkohol, falsche Ernährung. Aber das alles habe ich im Griff. Vielleicht ein bisschen viel die Ankunft in Horta gefeiert. Aber das kann ja nicht der Grund sein. Die Nacht verbringe ich in der Klinik. Ein Tropf mit Salzlösung sorgt dafür dass ich genügend Flüssigkeit zu mir nehme. Am nächsten Tag soll es weiter gehen und eine Knochenmarksprobe wird die unumgängliche Wahrheit über meine Krankheit ans Tageslicht bringen. Das erscheint mir im Moment nicht der richtige Content für diesen Blog. Was hinter den Türen des Krankenhaus in der nächsten Zeit passiert, will kein Gesunder hautnah mitbekommen. So ist die Wahrheit. Ich bin dann mal weg. Weil – Es ist meine Krankheit.

Fliegen ist ja eigentlich auch Segeln

Ankunft & Alltag

Bei der Ankunft ist alles immer prima. Vor der Ankunft steht die Anreise. Das wir nun mal wieder richtig südländisch. Der morgendliche Flug fällt aus wegen Nebel. Nachmittags dann alle in den Bus, in die Fähre und nach Pico rüber um dort den Flieger zu bekommen. Warum? Weil die das elektronische Leitstrahlsystem zum Nebelanflug haben, Faial eben nicht. Ist ja auch zum ersten mal Nebel seit Jahren ;-) Ich komme in den Genuss die junge italienische Anna und deutsche Ilona kennenzulernen die mich nach anfänglicher Scheu, in den nächsten Stunden begleiten und ihr Leben erzählen. Die Freundschaft ist kurzweilig und endet am nächsten Morgen in Lissabon auf dem Flughafen. Immer wieder interessant so was. Wir werden uns nie wiedersehen, obwohl man eigentlich nach so kurzer Zeit schon so viel über einander weiß. „Hast Du Facebook?“ Irgendwann komme ich zu Hause an. Ich weiß schon gar nicht mehr wann und nach wie vielen Stunden. Auf jeden Fall in so einem grünen Bus. Wieder schlafe ich ein. Ich schlafe eh überall ein. Die Begrüßung von Lars, Nathalie, Maya, Lena und Ana ist grandios und intensiv. Doch wie zu erwarten schlägt der Alltag wie eine Bombe nach einer Nacht an Bord des heimatlichen Hauses, voll ein. Nathalie hat Rufdienst. Telefon klingelt: Frau wech. Kinder zur Schule. Morgen geht Maya für eine Woche auf Klassenfahrt. Da nehme ich mir Maya und Lars, der jetzt umdenken muss, weil nicht mehr der Herr im Haus, ab in den Glücksburger Hundewald. Hier wird man wenigstens nicht fast von Mountain Bikes umgefahren und Lars darf von der Leine. „Papa. Komm. Warum bist Du so langsam?“ Ich genieße dieses grün, vom vielen Regen. Den Wald, die hohen Bäume und das Rauschen in den hohen Wipfeln. Morgen geht es ins CT. Konfrontation mit der Realität.

Meine französischen Freunde

Und wieder bei Peter

Meine Mitsegler sind weg. Auch Michi hat mich heute Morgen verlassen. Da liegen noch drei Kilo Lamm im Kühlschrank. Was damit machen? Für mich ist das zu viel. Viel zu viel. Aber wofür hat man Freunde. Meine Lieblingsfreunde sind französische Segler. Clementine und Quentin gehören dazu. Seit Tagen halten sie mich von der Arbeit ab. Sie haben Hugo und Manu zu Besuch. Die Beiden fahren als Crew mit nach Brest. Das passt. Cle habe ich gestern schon den Gebrauch eines Druckkochtopf erklärt. Heute kommt die praktische Umsetzung. Der MARLIN Klassiker. Green Curry. Heute mal mit Lamm! Ich zeige Cle wie man mit einem Druckkochtop umgeht. Zugegebenermaßen: Cle ist nicht so der Superkoch. Geht schon mit den Basics los: Reis nebenbei aufsetzten. Vielleicht sollte ich statt „Mitsegeln“, „Sail & Cook“ anbieten. Nach einer Stunde haben Manu und Cle alles geschnibbelt was zu schnibbeln ist und ich erkläre ihr die richtige Reihenfolge des Garens, die Gewürze und Zutatan. Cle staunt. Der Druckkochtopf blässt dazu ab. Alles gut. Der Geruch von Lammfleisch zieht durch das Pilothaus wo Hunger aufkommt. Das Abendessen wird ein voller Erfolg. Eine Ikeatasche voll mit Restbeständen von Lebensmittel geht ebenso mit auf die Reise. So muss ich nichts wegschmeißen und kann die MARLIN mit offenem Kühlschrank zurücklassen, wenn ich morgen nach Deutschland durchstarte. Meine französischen Freunde sind so dankbar, dass sie mich auf einen kleinen Schlussdrink einladen. Wohin? Zu Peter. Ach. Ich könnte noch Stunden schreiben, was alles passiert. Leben kann so schön sein.

In Horta angekommen

Gin Tonic at Peters Sport Cafe

Gabi und Ulli haben mit einem lachenden und einem weinenden Auge die MARLIN verlassen. Erfolgreich hat meine Crew das wichtige Hafenbild unter Gabis Regie gemalt, die MARLIN so verlassen, wie sie sie übernommen haben und mich und Michi mit einem tollen Abendessen und diversen Gin’ in Peter’s Sports Bar verlassen. Es war eine tolle Zeit, eine fantastische Atlantiküberquerung. Vielen Dank noch mal öffentlich an meine Crew, ohne die ich die letzten Wochen bestimmt nicht geschafft hätte! Uns MARLIN liegt sicher im inneren Hafen und wir werden sie morgen für ihren Aufenthalt vorbereiten, denn jetzt hat erst mal mein Arm Priorität. Ich fliege am Mittwoch nach Flensburg und freue mich nach sieben Monaten wieder mal nach Hause zu kommen. Mein Schreibtisch quillt über, jede Menge ist zu tun.

Abflug nach Horta

Einmal ist alles vorbei

Zum Abschied aus Flores müssen wir vor allen Dingen eines: Den Kahn wieder aus dem Hafen bringen. Ohne Querstrahlsteueranlage. Also in die Vorspring eindampfen und rückwärts an dem Cat vorbei, der sich hinter uns in die schmale Hafeneinfahrt gelegt hat. Hafenkino live! Natürlich geht das Manöver schief und die MARLIN steht schräg in der Einfahrt. Prima Sache. Meine Crew steht gespannt auf dem Deck und wartet auf Ansage. Alle anderen Segler sitzen ebenfalls entspannt mit Kaffee in der Hand im Cockpit und denken sich. „Na, wenn das mal klappt. Warum ist der denn mit seinem riesigen Kahn denn überhaupt hier rein gefahren.“ Noch hat keiner einen Fender in der Hand. Vorne zwei Meter, hinten zwei Meter fange ich an die MARLIN mit Radeffekt auf dem Punkt zu drehen. Ruder hart steuerbord. Eine kräftiger Schub voraus. Rückwärts einkuppeln und mit halber Kraft aufstoppen, das Heck zieht mit der rechtdrehenden Schraube nach backbord. Das jetzt gefühlte zwanzig Mal. Dann ist die 180 Grad Wende geschafft. Kein anderes Schiff oder Hafenmauern touchiert. Mit einem langen Hupsignal geht es gelassen aus der Hafen ausfahrt raus um die Ecke. „Take care. Thanks.“, rufe ich dem Cat-Skipper zu. Ob er meine Ironie bemerkt hat? Vor uns liegen 130 Meilen bis nach Horta. Nachtfahrt. Letzter Schlag für Uli und Gabi. Für die beiden heißt es Abschied nehmen von der MARLIN.

Ausflug über Flores

20160630

The Hobbit Land. Ach wie wunderschön.

2014 sind wir an Flores vorbeigesegelt. „Nathalie, das war ein Fehler. Da musst Du noch mal hin.“ Das Daypic bringt den Eindruck am besten rüber. Fast ganzjährig blühende Begonien am Straßenrand für Stunden über Stunden. Man kommt in ein gewissen Rauschlevel, ohne Drogen zu sich genommen zu haben. Ob das die Ausdünstungen der Begonien sind? Kein Dreck am Straßenrand, alles sieht aus wie aus dem Bilderbuch. Uns treibt es nach Santa Cruz. Ein paar Tomaten, endlich wieder Salat und ein paar andere Sachen, die die Herzen erfreuen. Dann geht es in die Berge, ins Herz Flores. Schnell merken wir, dass man am besten an jedem ausgeschilderten Aussichtspunkt anhält. Die Aussicht ist klar. Wir haben einen perfekten Tag mit blauem Himmel erwischt. Wochenlang lagen die Azoren dieses Jahr unter dichtem Nebel, erfahren wir von TO-Stützpunktleiter Christian, der uns netterweise sein Auto für diesen Ausflug zur Verfügung gestellt hat. Es entstehen aber auch weit mehr Fotos als wir die hier zeigen können. Eine Best off Auswahl kannst du dir hier ansehen. Nach Besuch der westlichsten Stadt (Dorf) Europas, Faaja Grande, will Ulli unbedingt noch zu den heißen Quellen direkt bei Lajedo. Bis zu einem Einbahnstrassenschild geht es mit dem Auto, dann heißt es Abstieg. Einige hundert Meter geht es durch ein Feld, dann über Steine und wird dann zur Klettertour in schwindeliger Höhe. Natürlich sind wir nicht mit richtigem Schuhwerk ausgerüstet und in Deutschland wäre der Weg als „Verboten“, statt als „Wanderweg“ ausgezeichnet. Statt heißer Badewannen, wie in Chile, finden wir nur ein kleines Rinnsal, kochend heißem, schwefeligen Wassers vor und ein paar ungemütliche Felsen. Wir Männer springen in das 18 Grad kalte Wasser, jauchzen und lachen. Gabi hält sich zurück. Keiner hat an Badesachen gedacht. Das Problem an den steilen Abgängen, ist, dass man sie auch wieder heraufwandern muss. Gut anderthalb Stunden sind wir unterwegs. Fazit: Genial. Das hat sich gelohnt und war die beste Abwechslung nach der langen Zeit auf See. Am Abend ziehen wir das Abschied Essen vor. Christian zeigt uns das beste Restaurant in der Nähe von Lajes das Flores, das Casa Do Rei. Auch eine gelungene Abwechslung nach Skippers guter Küche, die sich nach drei Wochen und den bekannten Bordbeständen aber auch mal wiederholt. Nichts für ungut. Das Essen war ein Schmaus. Ich bin vom Feiern der letzten Nacht noch etwas angeschlagen und brauche dringend mal eine menschliche Pause, lege mich eine Stunde in meine Kabine, bevor ich plötzlich noch mal wach werde und Energie bekomme, einen Petit Punch für mich und Michi mixe. Auf der Mole sitzen wir, lassen die Beine und die Seele an der Kaimauer baumeln. Die Straßenlaternen sind wundersam orange und die Vögel, die in Scharen um die Zeit noch nach Hause kommen, deren Namen ich nicht weiß, quaken als wenn sie was zu sagen hätten. „Morgen früh geht es weiter nach Horta.“, runze ich Michi an. „Viel zu kurz. Flores ist so wunderschön. Man sollte einen ganzen Sommer hier verbringen und damit sein Leben um ein Jahr verlängern.“

Atlantiküberquerung beendet

Flores erreicht

Nach 14 Tagen und neun Stunden haben wir nach 1.963 Meilen durchs Wasser, 1.804 Meilen direkter Weg und 16 Wenden „Lajes das Flores“ erreicht. Schnellstes ETMAL war dabei 180 Meilen in 24 Stunden. Nicht schlecht der Specht. Ich bin voll zufrieden. Der Hafen ist winzig, aber wir ergattern mit etwas Glück direkt an der Hafeneinfahrt ein Platz am Schwimmsteg. ENDLICH! Die letzten Meilen ziehen sich dann ja doch immer und wenn man nach so einer langen Zeit auf See den süßriechenden Hafen erreicht, der Wind einschläft, dann dreht der Skipper dann doch den Schlüssel. Der westliche Atlantik liegt hinter uns. Wie zu erwarten mit etwas weniger Wind als es im Mai gewesen wäre, auch mit weniger Starkwind, weniger Systemen. Wir hatten alle Winde zwischen 0 und 40 Knoten, von hinten von raumschots bis zum Bergfest und ab dann ein stabiles Azorenhoch, dass den Azoren endlich den Sommer bringt, uns frischen Gegenwind aus Ost, also auf die Nase. Bis auf Fahrt über Grund unter drei Knoten haben wir fast die gesamte zweite Hälfte über 900 Meilen mit Amwindkursen zwischen 30 und 40 Grad zum AWA 200 Meilen Höhe dabei gemacht und aufgekreuzt. Gut gemacht MARLIN. Danke und großes Lob aber nicht nur ans Schiff, sondern auch an die motivierte Crew, Gabi, Michi und Ulli. Bei Amwindkursen ist das Leben an Bord in vielerlei Hinsicht etwas, bis sehr schräg und nicht unbedingt einfach. 40 Stunden ist am Ende der Motor dann doch gelaufen, bei TWS unter 3 Knoten. Die Schäden am Boot haben sich in Grenzen gehalten. Der Riss am Baum ist ein Konstruktionsfehler und bei der genauen Betrachtung erkenn man auch Materialermüdung an der entsprechenden Stelle, die dann unweigerlich zu dem Riss geführt hat. Gut, dass wir das Problem rechtzeitig erkannt und repariert haben. Eine richtige Reparatur kann natürlich erst in einer Werkstatt erfolgen. Ein besonderer Zufall ist, dass die Logge der MARLIN genau beim Einlaufen nach Flores 33.333 Meilen anzeigt. Die Drei ist meine Glückszahl. 27.333 Meilen hat die MARLIN unter ihrem neuen Namen nun zurückgelegt. Da ist es vollkommen o.k. Wenn die Segel mal Wellness beim Segelmacher brauchen und die Genuaschoten ausgetauscht werden sollten. Die zweite Reffleine hat ihren Dienst getan. Ansonsten. Keine besondere Schäden. So. Ich gehe jetzt mal mit meiner Crew an Land und wir trinken ein paar Gläser auf diesen tollen, vollen Erfolg! Prost.

Im Zieleinlauf

Skippers Notes

Der Motor röhrt. Für heute Nacht ist die Windrichtungsänderung von Ost nach Nord angesagt. Erst leicht, dann gut segelbar. Freu mich schon auf den Moment, wenn der Stopp Knopf gedrückt wird. Michi hat heute sein Werk vollbracht und zwei Duschtankschalter, den Hauptbilgenschalter mit Zeitrelay und die Grauwassertank Abpumpelektronik angebracht. Das war mir sehr wichtig. Die elektronischen Schalter von Quick haben beide nur zwei Monate funktioniert. Kann man nix machen. Manchmal fasst man ja ins Klo. Die neue Lösung mit Schwimmer am Reed Kontakt und externes Zeitschaltrelaymodul, sind günstige Standardprodukte ohne Marine Aufkleber. Das passt dann besser. Und eine automatische Bilgenabpumpanlage zu haben lässt mich dann doch ruhiger schlafen. Komisch was? ESSEN & TRINKEN wird auf der MARLIN ja bekannter weise groß geschrieben. Gemeinsames Frühstück um Neun. Mittags macht sich jeder was selbst und am Abend gibt es ein gemeinsames warmes Abendessen vom Küchen-Chef Der bin ich nun mal und da man mich noch nicht Kiel geholt hat, vermute ich mal, dass ich das gut mache. Meine Crew teile ich gerne zum Schnippseln ein. Im Moment gibt es nur noch Zwiebeln und Knoblauch. Gemüse kommt aus dem Gefrierschrank. Das kenne ich so gar nicht und mache das zum ersten Mal. „Einfach nur auftauen und drei Minuten kochen.“, meinte der Großkundenvertriebler auf den Bermudas. Dabei entsteht allerdings nur gummiartiges Wabbelgemüse ohne Geschmack und auch optisch nicht besonders ansprechend. Mit einer Prise Chili, Knoblauch, Zwiebel, etwas Öl und Kokosnussmilch, alles zum richtigen Zeitpunkt und einer Priese Fischbrühe und Fischsauce kommen wir der Sache dann doch schon näher. Dazu Bandnudeln etwas mit Butter, Sahne aufgemotzt ergibt mit einem je 300 Gramm kurzgebratenem Rindersteak doch ein passables Abendessen. „Passabel? Micha. Das war mal wieder Gourmet. Und das nach 14 Tagen auf See. Der reinste Luxus.“, Michi und die anderen lachen. Da wir motoren, biete ich ausnahmsweise eine Flasche Wein an. Keiner will. „Ne. Lieber wenn wir an Land kommen!“ Ich will auch Land. Ein Königreich für eine Einkaufstasche voller frisches Gemüse. Im Freezer haben wir noch zweimal Lambi, einmal Lammschulter, sechs Tunasteaks, Chorizo für Eintopf. Noch 120 Meilen bis nach Flores. Das sollte reichen. Flores wird unsere Landfallinsel. Sobald es wieder Wind genug gibt, geht es von da aus weiter nach Horta.

Entspannte Viersamkeit

Ich freue mich auf die Azoren

Seit dem Bergfest geht es wirklich schräg zu auf der MARLIN. Wir alle sehen uns nicht ganz so viel. Einer ist immer am Schlafen und holt seine Nachtwache nach. In der Nacht: Einzelwachen. Sechs, Neun und Drei Uhr. Ich bin Springer und darf dafür von sechs Uhr an drei Stunden. Oft stehe ich in der Küche. Schräg macht der Kurs das Leben und eben nicht abends in der Marina und am Ankerplatz, sondern auch nachts schräg, am Wind, in der Koje und auf Toiletten. Die Stimmung ist trotzdem gut. Die Manöver manchmal etwas laut und deutlich, wenn der Wind so laut ist und der Skipper ungeduldig klare Kommandos gibt. Aber man verzeiht mir dann, wenn ich trotz schrägem Leben unter Segeln immer wieder die Schalen mit warmen Essen zaubere. Tja. Bisschen Manipulation muss eben sein. Dafür darf ich nachts immer zur Stelle sein wenn was nicht klappt. Schäden? Kein neuer Bruch. Reparatur am Baum hält. Fisch gefangen? Leider nicht. Kühlschrank leer. Durch den permanenten Gegenwind gehen alle Zeitpläne in die Hose, sprich, wir haben Verspätung. „Flight CR18, Bermudas – Horta, Delay“, steht an der Tafel des Flughafens Horta. Gut das keine Anschlussflüge geplant sind. So sind alle entspannt. Das ist jetzt höhere Gewalt. Da kann man nichts machen, außer hinnehmen, das Schicksal will es so. Andere Crews legen den Gashebel ihres Gefährts auf den Pult. Wir erst, wenn die Nadel unter drei Knoten fällt. Aber das macht die MARLIN eigentlich immer. Und so werden aus 378 Meilen bis Horta, wahrscheinlich mit Wenden 580 Meilen. Aber ganz ohne Motor? Das sehe ich auch noch nicht. “Segeln ist Passion!“, versuche ich Gabi das Leben unter Segeln zu erklären. Gabi schaut mich verständnislos an, antwortet mit einem Witz aus ihrer Kölschen Trickkiste. Gut das ich nicht Gabis Gedanken lesen kann. Sie muss bestimmt denken, dass ich eine ganz schöne Meise unter dem Schädel habe. Manchmal denke ich, wir mögen uns, manchmal denke ich: Die findet mich total blöd. Interessant. Das gemeinsame Leben von Ulli, Michi, Gabi und mir findet im Pilot Haus statt. Das ist definitiv der beste Platz der MARLIN. Schatten, Wärme, Schutz vor Wind und Welle gebend, ist es unser aller Lieblingsplatz. Es mag ja Skipper geben, die ihre Mannschaft bei Regen im Cockpit sitzen lassen. Ich gehöre nicht dazu. Bei mir muss keiner frieren und keiner im Regen am Rad stehen. Der Autopilot ist dazu da das Schiff zu steuern, wenn es draußen ungemütlich ist. Dann heißt es: Tür zu! Eine kleine Remote Control-Einheit ändert den Kurs auf Bedarf. Auch auf die Azoren haben wir uns zwischenzeitlich vorbereitet. Die Fehlkonstruktion der Heizungsanlage, die sich 2014 in Flensburg und Spitzbergen herausgestellt hatte, hat Michi, nach meinen Vorgaben gefixt. Und es funktioniert. Jeder Heizkörper kann jetzt einzeln eingestellt werden. Jetzt müssen wir nur noch ein bisschen Winter haben zum ausprobieren. Vielleicht doch Flensburg? Kalt genug ist es da ja.