Archiv der Kategorie: SY Marlin

Die Atlantiksegler

Auf zum großen Schlag

Ein Fotograf, der Direktor der Hemmingway Marina und noch drei andere stehen vor der MARLIN. „Darf Meijlina an Bord kommen und wir machen ein paar Fotos? Das Schiff ist so bezaubernd und wir benötigen ein graziöses Bildumfeld.“ Kann ich da Nein sagen? Dann geht es eben richtig südamerikanisch ab. „Stell Dich so hin. Jetzt wie eine Prinzession lächeln…“ Der Fotograf macht das nicht zum ersten Mal. Ich brauche nur meine Kamera über seiner Schulter positionieren. Natürlich habe ich vorher um Erlaubnis gefragt. Die 15 Jahre junge Meijlina feiert demnächst das wichtigste Fest in ihrem Leben. Ihre Quinceañera. Wichtiger vielleicht als ihre Hochzeit. Wer mehr dazu wissen will kann es nachlesen. Und so komme ich zu meinem gestrigen Daypic um ein bisschen sarkastisch am Klischee über Skippers freien Tag zu arbeiten. Dieser lief im übrigen so ab, dass ich mich von Havanna mit einem Dinner vor One in der Altstadt verabschiedet habe und um 22:00 in der Hängematte eingeschlafen bin, bis die Mücken mich vertrieben haben. Für die Parties, die ja immer erst um 23:30 losgehen, fehlte mir dann doch die Energie die ich ja heute für die neue CREW 45 brauche.

CREW 45 ist fast vollständig. Helen, Hana, Ralf und Stephan… Christian fehlt noch. Der kommt erst mit dem Flieger heute nachmittag. Und los gehts. Wie gehabt. Ankommen, Einziehen, Willkommensessen und -trunk, Sicherheitseinweisung. Nur alles viel intensiver als gewohnt. Denn wir segeln nicht um die Ecke, sondern über den Atlantik. Ich freue mich. Coole CREW habe ich ausgesiebt. Starke Typen, starke Frauen. Genau was die MARLIN und ich brauche.

 

Skippers freier Tag

Was geht in Havanna?

MARLIN und CREW44 sind gut angekommen in der Hemmingway Marina in Havanna. Die letzte zwei Tage sind dann immer noch mal anstrengend. Die CREW will natürlich noch den guten Fisch essen, den sie ja auch bezahlt habe, den Wein auftrinken, damit der nicht verkommt und ich stelle mich noch mal in die Küche. Ein letztes Mal für die 44, bereite ich den Pago an Senf Sahne zu. Im Gegenzug scheuche ich die CREW am nächsten Morgen zu beliebten Grundreinigung mit Kärcher übers Deck und mit Feudel durch Schiff. Das klappt für drei Stunden, dann wird gemeutert und damit nicht die gesamte Blüte der Reise nun in Unmut umschlägt, gebe ich mich Punkt 12:00 befriedigt. „Ihr hättet ja auch einfach 150 Euronen bezahlen können und ich hätte alles selber gemacht.“ Tine meint nur, dass ich dann dann sicherlich eine nette Cubanerin engagiert hätte und das bestimmt nicht selber gemacht hätte. Nun. Die leidliche Endreinigung der MARLIN wird schnell in Vergessenheit geraten und die 11 tollen Segeltage und das andauern gute Essen, die Sonne, die Strände, die Rieseninsekten und und und… werden als einer der positivsten Urlaubserinnerungen im Gedächtnis der Crew an diesen Törn standhalten.

Es war wie immer. Den Rest des Tages verbringe ich damit Wäsche zu waschen. Genau acht Maschinen. Ist doch prima so eine Waschmaschine an Bord zu haben. Kaum habe ich ein große Leine um die MARLIN gespannt wird der Himmel stockdunkel schwarz, es fängt an zu winden und ein dickes Gewitter kommt auf. Es gießt in Eimern. Ich verhole das noch nasse Bettzeug, spanne die Leinen durch die MARLIN um die Wäsche im Schiff aufzuhängen. Super Sache so eine Waschmaschine an Bord. Beim nächsten Schiff gibt es noch einen Trockner dazu. Beide Maschinen, so dass sie auch für 220V/60Hz funktionieren und der Generator nicht die ganze Zeit laufen muss. Denn der Landstrom hier hat nicht wie in Deutschland 50Hz sondern 60Hz und damit gehen alle Motoren ganz einfach und schnell: KAPUTTI!

Für alle Crews ist das Privatleben des Skippers immer ein besonders interessantes Thema. Ein debriefing um kontrovers zu besprechen was gut und was schlecht war am Trip, lasse ich mich diesmal nicht hinreißen. Ich merke, dass die CREW das lieber besprechen möchte, wenn ich nicht dabei bin. Ein Skipper unterliegt klaren seeläufigen Vorstellungen. Was er tut. „Du sitzt mehr am Computer als ich das ganze Jahr. Was schreibst Du denn eigentlich die ganze Zeit?“ Eine Freundin in jedem Hafen der Welt gehört auch zum Bild über den Skipper und vieles andere meer. Durch den Verstand werden die Vorstellungen zur Einheit verknüpft und ich will niemanden seine Visionen nehmen. Wenn ich dann plötzlich rasiert, gutriechend aus der Dusche komme, mir mein letztes sauberes Hemd anziehe, das Sonntagsbesteck über die Daumen stecke und mir offensichtlich 50 CUC in die Tasche stecke, ist doch klar was ich mache. Wenn ich dann noch sage: „Bis Morgen!“ und ins nächste Taxi steige ist das Bild komplett. Bilder sagen doch alles.

 

Grundberührungen

Therorie und Praxis der GPS Navigation

Das mit den Expeditionen stimmt ja zum Teil. Ich stehe im Pilothaus mit der Fernsteuerung des Autopiloten in der Hand. Wir fahren unter Motor mit drei Knoten genau den Track zurück, den wir nach Levisa am Tag davor ohne Probleme reingefahren sind. Der Unterschied ist der Sonnenstand. Die Sonne ist noch niedrig. Es ist früh am Morgen. „Kann nichts passieren, wenn wir den Track genau zurück fahren.“ Dann traue ich meinen Augen nicht. Die Werte vom Echolot gehen von 4,5 auf 3,5 auf 2,4 auf 1,8 und schon werden wir sanft gebremst von Seegras und Schlick, als wenn wir in ein weiches Kissen fahren. „Hmm!“, grummel ich. „Kann ja eigentlich gar nicht sein.“ Ich vermute einen kleinen Sandhügel unter Wasser, renne ums Deck, aber alles sieht gleich tief aus. „Mit Gewalt durchfahren, in der Hoffnung dass es gleich wieder tiefer wird. Wir sind ja genau auf Track“, geht mir durch den Kopf. Genauso schnell wie der Gedanke da ist, siegt die Vernunftshälfte meines „M it dem Kopf durch die Wand – Skippergehirns“. Mit etwas Rückwärtsfahrt ziehe ich den Kiel schmatzend aus dem Schlick zurück. Nur gut das ich dem Track nicht getraut habe und mit Vollgas gefahren bin. Es ist kein Problem. Ich stelle mich aufs Pilothaus. Keine Sicht-Navigation möglich. Die kleinen Wellen werde zu flach vom Licht angestrahlt. Ich putze die Pol-Brille. Meine Crew schaut mich erwartungsvoll an. Da wird mir auch keiner helfen, die erwarten immer das ich weiß was ich mache und das das richtig ist. Zu Recht. Hilft nur siebten Sinn einschalten. Ich kontrolliere das verschiedene Kartenmaterial, Navionics. C-Map. Jetzt das Dinghy wässern und Handloten wäre der richtige Weg. Das dauert mir zu lange. Entweder weiter nördlich oder weiter südlich. Die Gefahr bei der ganzen Geschichte ist, dass es in 50% der Fälle so endet, dass man weder vorwärts noch rückwärts weiter kommt und Hilfe braucht. Das würde aber meinen Fahrplan extrem gefährden. Und ich will ja am 15.6. in Culatra vor Anker liegen und meine Kinder sehen. „Also Wnuk. Wat tun? Schalt mal dein Gehirn ein. Doch loten?“ Südlich von uns sind die Mangroven. An den Rändern der Mangroven haben die Wirbelstürme immer tiefes Wasser ausgegraben. Also weiter südlich. Der erste Versuch, zwei Schiffslängen weiter südlich endet auch mit Schmatz in der Pampe. Der zweite Versuch passt dann. Ich weiß schon in was ich irgendwann mal investieren werde. Ein kleine, mobiles Echolot am Heck des Dinghys um für solche Fälle. Am besten mit Aufzeichnung der Messwerte über eine iPhone App und Übertragung auf die Seekarten. Der zweite Versuch klappt und wir tuckern an der Untiefe langsam vorbei. Geht doch. Ich atme auf. Eine Meile weiter will uns der Track schon wieder über eine Untiefe locken, direkt an den Überresten eines ehemaligen westlichen Kardinalzeichens. Jetzt wird klar, dass die GPS Ungenauigkeit in den hiesigen Gewässern größer als 25 Meter ist. Therorie und Pra xis der GPS Navigation.

Es wird ein schöner Segeltag. Mariana hat deutlich gemacht, dass sie keine Nachtwache mehr will. CREW 44 merkt natürlich das der Skipper wie ein Pferd in die Box will und es eilig hat. Genau vor der Einfahrt der Bahia Cabanas setzt der Wind schlagartig aus. Wir tuckern in die Lagune, suchen uns einen Platz im flachen Wasser auf fünf Meter Tiefe. Mit großem Hallo gibt es Nathalies Spagetti mit Tomatensauce. Auch der Rotweinbestand muss dezimiert werden. Morgen geht es dann weiter bis zum Endpunkt dieses Törns.

 

Andere Welt

Cubanisches Resort

Die Crew hat sich entschieden. „Wir wollen gerne Cayo Levisa kennenlernen“ Der Wunsch meiner Mitsegler sei mir Befehl. Der Weg führt ab der Ansteuerungstonne durch 6 Meilen flache Untiefen, deren Karten in Navionics alles andere als verlässlich sind. Das geht auf die Nerven und mit 2 Knoten Geschwindigkeit hangeln wir uns durch die vom letzten Wirbelsturm versandeten Gewässer. Nun. Zum Glück ist alles Sandboden und nicht Fels wie in den skandinavischen Schären. Nein. Wir haben keine Grundberührung. Erst als ich mich 200 Meter vor Cayo Levisa schon in Abrahams Schoß fühle erwischt uns noch eine Untiefe mit zwei Meter über die wir aber grade noch rüberrutschen. Glück gehabt.

Ich hätte ehrlich gesagt nicht mit einer solchen Crewentscheidung gerechnet. Was folgt ist wieder Papierkram, weil wir ja ein Genehmigung für Havanna haben und nicht für einen Ort davor. Nun. Das nervt, ist aber nicht weiter schlimm. Wir dürfen an Land und besuchen eine schöne Hotelanlage, die um einen dröhnenden Generator herumgebaut ist. Auf der Nordseite ein Strand mit Sand, europäischen Pauschaltouristen und Exilkubanern, die ihren Luxus im Heimatland leben. Wir bestellen uns einen Drink. Es fängt an zu regnen und schwupps sind wir alle wieder auf der MARLIN. The my Home is my castle effect. Die MARLIN hat ja auch einen Generator, aber der muss nicht laufen. Wir haben 24 Stunden Motorfahrt hinter uns. MARLINS Batterien sind voll. Skippers Batterien und Nervenkostüm ist auf 50%. Nein. Ich darf mir nichts anmerken lassen. Das gehört zum Job. Ich hatte den Fisch für das Abendessen schon aufgetaut , jetzt mache ich den auch. Mit Liebe. Ausserdem ist die Küchenv erwüstung auch Entspannung für mich. Dabei kommt ein hervorragendes Essen heraus, sagt die Crew. Ich muss nicht spülen. Ein Grund warum ich gerne koche.

Zur Marina Hemmingway sind es noch 60 Meilen, plus der Umweg um hier wieder rauszufahren. Na. Auf jeden Fall sollten wir pünktlich am Mittwoch Abend ankommen und ich kann meinen freien Tag geniessen, bevor die neue Crew am Samstag Mittag auf der Matte steht.

 

Kurs Havanna liegt an

Das Riesenfliewatüt

Ein Fahrtensegler hätte auf ein Wetterfenster gewartet. Mal davon ab. Gibt es hier eigentlich eh nicht. Entweder ist Gegenwind oder kein Wind. So wie in Patagonien von Ost nach West. Ein sportlicher Segler hätte dagegen aufgekreuzt. Dafür haben meine Mitsegler keine Zeit. So teile ich den Weg von der Westspitze Cubas nach Havanna in zwei Teile auf. Ziemlich in der Mitte gibt es für uns zwei Möglichkeiten zu halten. Entweder das Inselchen Paraiso oder Levisa. Liegen direkt nebeneinander. Paraiso hat ein Hotel, drei Restaurants und einen Steg. Na, was empfiehlt der Skipper seiner Crew. Levisa, damit er nicht kochen muss?

Der Johann, der Johann. Hätten wir den nicht, dann würden wir bestimmt nicht am Mittwoch Abend in der Marina Hemmingway rechtzeitig ankommen. Haben wir aber und ein Wetterfenster hatten wir auch. Aus der versprochenen Winddrehung heute Nacht aus SE ist bisher nix zu merken. Aus dem Westwind für Dienstag ist in dem aktuellen Progostico del Tiempo keine Rede mehr. Also, alles beim Alten. Aber wenigsten keine 20 Knoten auf die Nase. Das wäre der Normalfall. Also läuft der Diesel und wir schichten wir uns die Nacht um die Ohren um morgen nochmal den dicken Zeh ins Wasser zu halten und vielleicht einmal um die Insel zu laufen. Welche denn nun?

 

Riesenmücken

Etappenziel „Die dicke Maria!“ Fast erreicht

Die erste Nachtfahrt haben meine neuen Segel-Freunde sicher und erfolgreich hinter sich gebracht. Der Strom hat gedreht und schiebt uns nun mit anderthalb Knoten zum Ziel. Der Wind Mitte der Nacht wie in den GRIB Files eingesetzt und die Motorerei ein glückliches Ende gefunden. Also alles gut. Mannschaft wohlauf und glücklich. Nach ein paar Stunden immer wieder unterbrochenes Schlafens ist auch meine Batterie zumindest nicht mehr im roten Bereich. In einer Stunde werden wir das Cabo de Corrientes erreichen. Übersetzt Kap der Strömungen. Würde ich jetzt mal ganz schön vorsichtig sein. Kenne ich aber schon. So gefährlich ist das bei normalem Wind nicht. Eine Strecke zum zweiten Mal zu segeln ist eben immer viel einfacher. Das ist auf der ganzen Welt so.

“Am Kopf halten. Pass auf die pickst. Du kannst auch den Schwanz zusammen halten. Damit schlägt sie. Die gemeine Languste!“ Andy ist mutig und halt das Urvieh fest. Ich erkläre, dass Langusten zu der Familie der Insekten gehören und wenn man eine Mücke totschlägt, macht man ja auch nicht so viel Aufheben darum. Ist vollkommenes selbst erfundenes Seemannsgarn. Aber die Mitsegler sind etwas beruihgt. Denn gleich wird der Ranger, der nicht fotografiert werden will dabei, der Languste den Schwanz beim lebendigen Leib herausdrehen. Das das nicht nett ist, findet meine Crew auch. Essen wollen sie die aber trotzdem alle zum Abendessen. Es waren die letzten Langusten für dieses Jahr. Im Norden von Cuba werden wir wenig Zeit haben zu halten. Mal schauen.

In zwei Stunden werden wir Maria la Gorda erreichen und ich bin froh die Nacht durchgesegelt zu sein. Johann braucht noch etwas Liebe und nach einem Rast geht es dann schwuppsdiwupps weiter um die Ecke nach Norden und Kurs Havanna wird auf dem GPS als nächster Wegpunkt dominieren.

 

Höhle mit Ausblick

Tucker Tucker…

Johann schiebt uns grade gen Westen südlich der Insel Juventud. Die Sonne brennt immer noch vom Himmel und es wird die erste Nacht auf See für meine Crew 44 werden. Irgendwann gegen Mitternacht soll dann Segelwind kommen, der uns den Rest der Strecke ohne Tucker Tucker zum Ziel bringt. Vielleicht auch nicht. Verlassen kann man sich hier auf gar nichts. Ausser, dass die Sonne untergeht und wieder aufgeht. Das Stützsegel im zweiten Reff durchgesetzt wie ein Brett, hindert die MARLIN am Aufschaukeln. Batterien und Wassertanks sind schon lange voll.

Die Leguane sind aus ihren Höhlen raus gekommen, größer als Katzen schauen sich mit uns zusammen den Sonnenuntergang an – Die Erinnerung nehmen wir mit auf unseren Weg nach Maria Gorda. MARLIN schiebt ihren Rumpf durch die Wellen der Gegenströmung mit sechseinhalb Knoten, über Grund bleiben grade mal fünf Knoten Fahrt über. Ich erinnere mich an 2016, als meine damaligen Mitsegler nicht bereit waren nachts zu segeln oder Wachen zu schieben, sondern sich um 20 Uhr ins Bett gelegt haben. Gut, dass das unser jetziges Team das nicht als Kreuzfahrt sieht. Wir haben die Nacht in drei Gruppen aufgeteilt. Mit etwas Glück können wir gegen Mitternacht den Motor mal ausmachen und den vorhergesagten Wind nutzen. Wie immer nervt es unter Motorfahrt, aber an dem Wetter kann auch ein englischer Yacht Master wie ich, nichts ändern.

Ich bin ein bisschen melancholisch, traurig. Heute. Meine Batterien kann ich nicht mit Generator oder Maschine einfach aufladen. Ich bräuchte mal ein paar Glückshormone. Ne. Nicht Geld oder Materie. Andreas setzt sich grade zu mir mit einer Tüte Haribo Gummibärchen. Na dann. Versuchen wir mal Gummibärchen. Aber eigentlich muss ich mal auf’n Arm. Ist aber keiner da, der das könnte.

 

Gestellte Crew

Meine bunten Mitsegler – CREW 44

Tine und Udo sind alls langjährige Blogleser an Bord gekommen. „War eigentlich klar, dass wir eines Tages mal mit der MARLIN mitsegeln werden.“ Wie der Zufall es wollte, kamen Mariana und Hanspeter dazu und mir war schon bei der Buchung vor ein paar Monaten klar, dass die beiden Pärchen sich gut verstehen werden. „Hast Du noch einen Platz frei?“ Den Törn 44 hatte ich schon längst aus unserer Webseite entfernt. So war ich ein bisschen neugierig, wer hinter der WhatApp Message stand. „Ich habe grade eure beiden Bücher gelesen und bin voll angefixt. Ich muss unbedingt sofort mit.“ Auch hier hat das Gefühl wieder richtig gelegen. Andy hat menschlich Skipper Qualitäten und führt sich elastisch in die kleine Gruppe mit ein. Sein Aussehen, sein Charakter, ähnelt nicht wenig dem meines dicken Freundes Rene von der MIRA, der leider in den Fängen des normalen Hamsterradlebens in St. Maarten verschwunden ist.

Noch in Cayo Largo hat Pire, der Marina Manager, ohne den in Cayo Largo nichts gehen würde, es dann geschafft und wedelt mit meinem Pass. „Dein VISA mit der Verlängerung bis zum 20. Mai.“ Ich atme auf. Das Problem hätte ich nun wirklich nicht gebrauchen können. Ich nehme mein Cubanischen Freund in den Arm und gleichzeitig muss ich mich auch leider direkt verabschieden. „Wann kommst Du wieder?“ Olga schaut mich etwas traurig an. So kann ich auch gucken und drücke ihr einen Kuss auf die Wange „Nächstes Jahr. Wenn ich gesund bleibe.“ Jetzt aber mal flott los. Der Wind für die nächsten Tage ist unstetig. Nachmittags schläft er ein und Nachts wacht er um Mitternacht wieder auf. Komisch. Am Morgen nehmen wir noch 300 Liter Diesel auf für den Weg nach Havanna und schon sind wir unterwegs. Langsam aber stetig. Am Wochenende will die MARLIN mit mir und den Mitseglern in Maria Gorda an der Westspitze von Cuba sein.

Das obligatorische Gruppenfoto machen wir diesmal am Iguana Strand. Nett sehen sie aus, meine Mitsegler. Sind sie auch. Vor allen Dingen sehr bemüht mir an allen Ecken und Kanten zu helfen. Ich habe das Gefühl, dass sie eine super Zeit haben und sich sehr wohl fühlen. Das soll belohnt werden.

Nach einem heißen Segeltag, nur unter Groß erreichen wir die neuen Ranger Crew auf Cantilles. Vier sind es diesmal. Alle neu und zum ersten Mal auf der Insel. Netterweise nehmen sie uns mit ihrem Boot mit an Land und wir müssen unser Beiboot nicht zu Wasser lassen. Es wird verhandelt und getauscht. Das Abendessen kommt in Form eines Riesenschnappers und Langusten an Bord und die Eiweißversorgung in den nächsten Tagen ist gesichert. Ich stelle mich in die Küche und bereite das Abendessen vor. Fischsuppe aus dem Kopf des Schnappers und das traditionelle Lobsteressen aus dem Ofen für meine CREW 44. Ich esse selbst zu viel von dem Reis mit schwarzen Bohnen, den ich nun als ebenfalls traditionelles MARLIN Essen perfektioniert habe, schlafe schnarchend in der Hängematte ein.

 

Wie geil ist das denn?

Der türkise Wahnsinn

Mr. Glücklich und Mrs. Happy sind grade auf der MARLIN im Paradies. Weißer Sandstrand, der schönste in der ganzen Karibik, sage nicht ich, sagt der Reiseführer. Der ist so fein, dass er einem die Füße nicht verbrennt und man stundenlange Spaziergänge am Playa Sirena machen kann. Und so verteilen sich die Touristen an dem langen Strand und meine Mitsegler haben „fast“ den ganzen Strand für sich allein. Zu Mittagszeit ist es allerdings so heiß, dass man schon eine italienische Sonnenanbeterin sein muss, die keinen Funken UV auslässt um ein makelloses Braun auf ihren Körper zu zaubern. CREW 44 verbringt so die Zeit doch lieber unter dem Schutz des Biminis und lässt sich ab und an ins Wasser fallen, liest ein Buch und geniesst die Ruhe.

Ich dagegen bin ja Chef und muss zu den anderen Chefs ins Hafenbüro, wo wiederum andere Chef’s grade im Urlaub sind und die Vertretung des Chef’s in Havanna grade nicht mehr daran erinnern kann, dass man seit Jahren in Cayo Largo die dritte Visa Verlängerung ausstellt. Cuba Life! Ich bleibe erst einmal sitzen. Nein, ich rege mich jetzt nicht auf, ich bleibe ganz ruhig, lächle und bleibe sitzen, bis ich zumindest schon mal meinen Pass mit den notwendigen Briefmarken für 25 CUC für die Verlängerung abgeben kann. Cuba ist und bleibt eben Cuba, so wie der Strand von Cayo Largo eben der schönste Strand mit dem weichsten Strand der Karibik bleibt. So steht es in den Reiseführern und wird in ein paar Jahren auch noch drin stehen wenn die Amis immer noch draussen bleiben. Es gibt keine Mülltüten in den kleinen Supermarkt, es gibt auch kein Dosenbier. Ist grade aus. Ich schaue Katia an, die an der Kasse sitzt. „Kannst Du mir die dritte Visaverlängerung verkaufen Ka tja?“ Katja lächelt, so wie sie immer lächelt, wenn sie meine deutschen Späße nicht versteht.

Der Plan morgen noch hier zu bleiben hat sich also als vorausschauend erwiesen. Ich habe mir meinen Unmut erst einmal von der Seele geschrieben und jetzt gehe ich zu meiner netten CREW 44, lasse mich ein bisschen bemitleiden und stelle mich danach vielleicht ein bisschen in die Küche, schnibbel und bruzzel was und bin wieder Chef. Küchenchef. Dann gibt es einen kalten Küchenwein, es rieht aus einem Topf ganz lecker, repariere den kaputten DCDC Wandler und morgen ist ein neuer Tag.

 

Sportliches Segeln mit neuer Crew

Rund Westend Cuba

Meine Familie ist abgereist. Gar nicht schön. „Papa. Du siehst aus, als wenn Du gleich anfängst zu heulen.“ Maya hat Recht. Mir ist kotzübel vor Trennungsschmerz. Erst Mitte Juni werde ich Nathalie, May und Lena wiedersehen, wenn alles nach Plan läuft. Nach Plan. Was heißt das schon? In Portugal werden wir uns sehen und Portugal 3956 Meilen Luftlinie weit weg. Dazwischen Meer. Viel Meer. Viel Wasser. Viel Wind. Viele Wellen. Ein bisschen schaudert mir schon. Mayalena und Nathalie sind sich sicher das ich das easy auf die Reihe bringe. Sicherer als ich.

Tine, Udo, Mariana, Hanspeter und Andreas sind meine neue CREW 44. Ich fange wieder von vorne an alles zu erklären und jeden nach seinen Fähigkeiten und Neigungen in den bevorstehenden Trip zu integrieren. Nicht grade einfach wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt. Ich entscheide am Sonntag loszusegeln um Meilen zu machen. Gut 440 Meilen sind in 12 Tagen zu segeln und zu motoren. Eine Aufgabe für sich. Den Anker heben wir bei 27 Knoten Wind, in der Lagune von Cienfuegos bläst es mit Böen um die 32 Knoten. Der Mast der MARLIN neigt sich auch ohne Segel. „Super Segelwetter!“, grinse ich. Eigentlich ist mir garnicht nach Grinsen. Das Cockpit ist voll mit erwartungsvollen, hochmotivierten Mitseglern, die aber die Bedeutung des Wustes der Leinen nicht klar ist. Hier wo ich den Anfang unserer Törns normalerweise bei Windstille beginne, entwickelt sich grade eine sportliche Segelsituation. Kaum sind wir im Channel kommt der stürmische Wind gegen den auslaufenden Strom, eine steile Welle schlägt uns entgegen. „Na super. Wir brechen jetzt mal ab.“ Der Bug zeigt binnen Sekunden wieder Richtung Nord zurück nach Cien Fuegos. Auf dem AIS sehe ich die WYLDE SWAN, ein 45m holländischer Schul-Zweimaster, draussen in der Bucht. Auf Funk antworten die nicht. Na dann eben mit Nachdruck. Ein DSC Anruf wird sofort beantwortet. „Herrliches Segelwetter. Zwanzig Knoten Wind und 1,5 Meter Welle“, wird meine Frage nach dem dortigen Wetterverhältnissen beantwortet. „Ok. Wir setzen das Großsegel als Stützsegel und machen einen zweiten Versuch.“ Der Skipper eines entgegenkommenden Katamaran winkt wild und gibt das Handzeichen für rollende See. Das Wasser an der Einfahrt ist weiß. Johann heult auf und nach einer Meile gegen die heftigen Wellen, ziehe ich mit meiner neuen Crew die Fock raus, falle ab und die Holländer haben Recht. Wunderschönes Segeln hoch am Wind gegen 27 Knoten scheinbaren Wind. Ich verteile die ersten Skopolamin P laster. Bleibt mal besser im Cockpit sitzen und hakt euch ein. Richtig glücklich schaut noch keiner. Mir ist auch ein bisschen komisch. Eine Stunde hinlegen hilft. Gut das ich gestern nicht noch mal aus war zum Feiern. Lust hätte ich schon gehabt. Die Vernunft hat gesiegt.

ZumSchluß geht meine neue CREW 44 Hand am Rad und macht das gut. Wir ankern im Dunkeln vorm Leuchtturm. „Kannst Du noch die Badeleiter rausholen?“ Meine Meinung zu meinen neuen Segelfreunden steigt sich deutlich. Ich schlafe unruhig. Um Fünf weckt mich das Wetter. Der Wind hat auf N gedreht, frischt auf und mit dem Dämmerlich sehe ich den Norder kommen. Eine schwarze Wand. „Andy. Steh mal auf. Ich glaube wir sollten uns mal vom Acker machen.“ 20 Minuten später bläst es wie Hölle, es regnet Eimer und eine fiese See entwickelt sich. Wir laufen ab auf die Südseite von den Cayos Dios. CREW 44 verselbständigt sich. Es wird eigenständig aufgeklart. Kaum ist der Anker im Wasser, steht das Frühstück auf dem Tisch. Gestern noch gestresst und unter Hochspannung entspanne ich mich schlagartig und schreibe endlich mal wieder einen Blogeintrag. Sicheres Zeichen dafür das eine schöne Zeit beginnt. Ein paar wichtige Sachen sind noch zu machen. Dann geht es auch Richt ung Cayo Largo. Es klart auch schon wieder auf.

 

FACE BOOK: Alter Schuh

Doppelter Heimatkurs

Sinngemäß ist die Farbe des Fundschuh’s falsch oder richtig. Sozialistisch gesehen, wäre das Logo von FB in Cuba ja auch rot. Passt also. Der Fundschuh ist ja auch ein linker Fundschuh. Wie so oft, findet man meist den passenden der anderen Seite, in unserem Falle also den rechten, nicht. Ob rechts oder links: FACEBOOK ist doch ein alter Schuh. Könnte ich FB aus Cuba aufrufen, ich würde mich gestern schon abgemeldet haben. Ist aber geblockt. Über Jahre habe ich unsere Logbuchpost’s in FB geteilt. Ich habe hunderte von Freunden, die ich aber meist nicht kenne. Meiner Tochter Maya sagt FB wenig. Allein der Gedanke daran, dass dieses mächtige Tool FB die letzten Wahlen in Amerika manipuliert haben soll, reicht eigentlich aus um ein klares „NEIN zu FB!“ auszusprechen. Öffnen tue ich die Seite schon seit langer Zeit nicht mehr, die Kommentare zu meinen Post’s interessieren mich nicht und das ich mal meinte, dass ich über meine FB Präsenz mehr Lunatronic Kunden und Mitsegler bekomme, stagniert oder ist rückläufig.

Wie man sieht, schaukelt es auf der MARLIN. Mitseglerin Katrin aus CREW 42 meint, dass das mit dem ersten April Scherz ja auch eine Wunschvorstellung sein könnte. Die Sache ist schnell erledigt: Für den Marktwert der MARLIN würde ich kein so tolles Schiff in der Größe, Ausstattung, Performance etc. neu bekommen. Never – Ever. Sollte die MARLIN jemals verkauft werden, wäre das, weil ich nicht mehr segeln könnte. Aus welchem Grund auch immer.

Katrin bemerkt auch reflektierent, nebst vorwiegend positiven Erlebnissen, dass ich eine rauhbeinige Schale habe. Berührt mich. Wie immer. Wenn es das nicht mehr tut, wäre es ja auch vorbei. Das passiert ja nun immer wieder mal. Aktuell sehe ich fünf Mitsegler, die in zwei Wochen in Havanna einsteigen werden, mit dem Ziel mit der MARLIN und mir die eben schönere, aber auch nicht grade einfache Nordatlantik Überquerung nach Europa zu segeln. Vier Wochen ohne aussteigen zu können. Vier Wochen wird Skipper Micha unter Strom stehen. Im Gedanken suche ich schon seit Wochen nach Möglichkeiten die Truppe und den Einzelnen besser führen zu können. Die Umsetzung von SAFETY FIRST und Schäden vermindern klappt ausnahmslos mit allen Crews hervorragend. Tägliche Briefings und Debriefings haben sich ebenso bewährt. Alles gut. Was mit einem von fünfen nicht klappt ist mein Ton, wird mir immer mal wieder gesagt. Ich aber merke das das gar nicht. Meine Gedanken gehen in die Ri chtung anonymer Crew-Kummerkasten auf dem 24/7 Bordrechner. Eine Desktop Datei, auf die jeder Zugriff hat und seinen Unmut loswerden kann. Ein Versuch wäre es ja wert. Ja, ich glaube, dass ist eine gute Idee für die Nachtwachen. Wenn jeder ihn liest.

Unsere Familienzeit auf der MARLIN endet bald und am Leuchtturm nehmen wir uns noch einen Tag Entspannen, bevor es wieder losgehen wird nach Cienfuegos. Für mich war die Zeit mit Nathalie, der besten Seglerin, die ich kenne, mit MayaLena, den besten Segelkids, die mir jemals unter die Fittiche gekommen sind, die totale Erholung. Ich konnte richtig Energie auftanken und das Ziel nicht nur die drei, sondern dazu noch meine beiden Söhne im Juni in Portugal für ein paar Wochen zu sehen, beflügelt meine Stimmung.

 

Kinder. Das schönste Glück im Leben

Ich kann glücklich sein

Zwei meiner Kinder an Bord zu haben ist das größte Glücksgefühl für mich, dass ich überhaupt haben kann. Sie nicht täglich zu sehen, stellen sich viele als doch sehr schmerzhaft vor. Ich denke da etwas anders drüber. Komme ich nach Flensburg, so versinkt die anfänglich extreme Freude nach wenigen Tagen im Alltag. Schule, Arbeit, Stress, Termine, Viren, Probleme, Freizeit Aktivitäten und immer wieder anderen die in unser Leben treten und Zeit klauen wollen. Nicht zuletzt die sogenannten sozialen Netzwerke, die einem die Zeit seiner Kinder, die den Kindern, die Zeit ihrer Eltern klauben. Vielleicht ungerecht, egoistisch, entziehe ich mich mit meiner Leben-Segel-Philosophie, diesem Trott. Meine Kinder kommen an Bord und nehmen sich, wozu sie das Recht haben. 100% Papa.

Die Überfahrt vom Leuchtturm nach Cayo Largo war grandios. Wir haben zwei Logbucheinträge gemacht. Einem beim Abfahren, einen beim Ankommen. Keine gute Seemannschaft. Aber gutes Familiensegeln. „Wann sind wir endlich da?“ Mayalena langeweilen sich eher. Die Eltern geniessen den gesäuberten Rumpf der MARLIN, ohne Rattern des Propellers unter Motor und die altbekannte Rumpfgeschwindigkeit der MARLIN. Diese legt sich auf die Backe, rauscht und gurgelt am Wind mit 8-9 Knoten durchs Wasser Richtung Strandleben und Urlaubsimage. Perfekt. So soll es sein.

Schwester Susanne ist auch dabei. Wir legen in Cayo Largo ausnahmsweise am Steg der Marina an und Susanne, die die Liebe zum Segeln noch nie so richtig entwickeln konnte, ist froh einen mehrtägigen Tauchurlaub in Folge zu buchen, mit All Inclusive Hotelurlaub und Strandbar. Wir gönnen es ihr. Es war eine wunderschöne Woche Susanne. Wir gönnen es auch uns und sind nun als Familie an Bord. Verlegen nicht ohne obligatorischen Marinakratzer vor Anke an den Playa Sirena. Es wird ausgepackt: Dinghy mit 30PS Aussenborder, Schnorchelzeug, GoPro Kamera, Tolino, Hängematte, Wein, Lobster, Pago, Paddelbord, Wakeboardutensilien, Strandhandtuch… Von oben Sonne. Aus Süden Wind. Ich bekomme tonnenweise Zuneigung von MayaLena. Zwischenzeitlich heulen wir gemeinsam, weil die Zeit so rennt und so kurz ist, dann wieder Vollgas an Aktivitäten. Ich stellen MayaLena mit der Wakebord Leine aufs Paddelbord hinter das Dinghy. Nach zwei Versuchen stehen sie beide sicher bei Vollgas. Es ist unglaublich. Grinsen von rechts bis links im Gesicht. „Jetzt aber das Kite Board als Wakebord.“ Ich erkläre ihnen was ich weiß und selbst nicht kann. Maya steht nach zwei Versuchen auf dem Board und fährt ihre ersten 5 Meter hinter dem Dinghy. Leichtgewicht Lena ziehe ich mit der Hand die ersten Meter über das Wasser. Es ist gar keine Frage, dass sie innerhalb der nächsten Tage übers Wasser fliegen lernen. Ein bin ehrlich neidisch über ihre jugendliche Leichtigkeit so etwas zu lernen und das alles ohne sich weh zu tun. Unglaublich.

Die Woche gehört uns. Das Wetter passt. Der Wind wird an den richtigen Tagen aus den richtigen Richtungen wehen. Das Spassbarometer steht auf Anschlag. Abends sitze ich mit Maya, Arm in Arm kuschelnd auf dem Vordeck und wir philosophieren über das Leben. Sie ist so groß geworden. Ich verbiete mir immer selbst, so etwas zu sagen. Dieser blöde Spruch. Das Schönste in meinem Leben ist sicherlich meine Kinder zu haben.