Archiv der Kategorie: SY Marlin

Yachtversicherunge? Lästig? Notwendig?

Das Hirn des Skippers raucht.

“Als wenn ich sonst nichts zu tun hätte.“ Der eine Mitsegler lässt den Deckel des Schalters der Elektrowinsch offen. Es ist dunkel. Das Manöver schwierig. Da kommt Mitsegler Amadeus und trampelt natürlich drauf. „Kracks.“ Kaputt. Die menschliche Reaktion: „T’schuldigung Skipper“. Skipper Jan kommt vom Atlantik und Eigner Micha sieht den Schaden sofort. „Was issen das?“ Jan nimmt es cool. „Kaputt! Passiert halt!“ Ich nehme es auch cool. Jeder Eigner weiß: Die Plastikkappe (früher übrigens aus Edelstahl bei Anderson!) kostet nicht 5 Euro, sondern weil Marineversion gleich 29 Euro. Dazu kommt Bestellung, Versand, DHL Logistik, Einbau, Passt doch nicht, Zurückschicken, Neu schicken, Sendung beim Nachbarn abgegeben… Zeitaufwand gesamt 4 Stunden. Gesamt also mal salopp gerechnet: 229 Euro. „T’schuldigung.“

In der nächsten Nacht. Skipper Jan schläft und Skipperin Kleopatra ist auf Wache mit Amadeus. „Lass uns ausreffen. Ich winsche das Groß hoch mit der Winsch. Du Amadeus schaust das mit den Segellatten alles klar geht.“ Statt, wie von mir, generell vor dem Trip klar angewiesen: „Die Benutzung der Elektrowinsch ist verboten!“, benutzt Kleopatra die Elektrowinsch. Jan, hat sie irgendwann eingeschaltet. Kleopatra drückt den leidigen Knopf: “Krach. Bumm. Bäng!“ „Stop!“, ruft schnell noch Amadeus, da ist es schon passiert. Die Segellattentasche hängt zerrissen runter, das Running Backstay ist eingeklemmt und hat drei Segellatten zerstört. „Hättest Du mit der Hand gewinscht anstatt den Knopf zu drücken, hättest Du den Wiederstand gemerkt, das Running Backstay gelöst und gar nichts wäre kaputt gegangen. „T’schuldigung.“, mein Kleopatra am Telefon. Geschätzter Schaden: Segel runter nehmen, Segel versenden zum Segelmacher, Segel reparieren, Segel wieder abholen, Segel wieder setzten: 1.500 Euro

“Täglich werden tausende von Autos bei Autovermietungen geliehen. Da zahlst Du eine Kaution. Das ist in der Regel der Betrag, den die Versicherung als Eigenkostenanteil bezeichnet. Am Tag danach fährst Du einen ordentlichen Kratzer in die Seitentür. Kommst Du wieder mit dem Auto zahlt das die Versicherung, den Eigenanteil nicht. Die Kaution ist weg. Das ist das normalste der Welt und kein Mensch wird T’schuldigung sagen.“, Nathalie sieht das pragmatisch. Aber nicht so beim Mitsegel Charter Törn. Anstatt: “Micha. Kein Problem. Schick mir die Gesamtkostenaufstellung und ich schicke die meiner Haftpflichtversicherung. Ich habe den Schaden ja verursacht. Ich habe das Gaspedal getreten.“, höre ich: „Amadeus ist schuld. Der sollte ja gucken.“ Amadeus aber sagt: „Micha. Das musst Du doch in Deinen Kosten einkalkuliert haben. Dafür bist Du doch versichert. Solche Schäden sind doch normal.“

Doch am Ende ist der Schuldige immer der Skipper. Jan liegt in der Koje und schnarcht, träumt von der Karibik, vom nächsten Schlag mit der MARLIN. Klar muss auch Jan, dem das Malheur nicht passiert wäre, auch mal schlafen. Die klare Anweisung: „Wenn ich Schiffe seht, die näher als drei Meilen kommen oder Manöver an den Segeln machen wollt, weckt ihr mich für das Manöver!“ wäre eine klare Vorgabe gewesen. Das weiß Jan jetzt auch. Ich erinnere mich, daran wie viele Nächte ich bei der Atlantiküberquerung Bermudas / Azoren in voller Montur mit Rettungsweste geschlafen habe, weil meine Crew so unerfahren war mit dem Schiff. Aber was hilft es.

Ca. 15 Kojenchartertörns sind mit der MARLIN 2017 geplant. Fallen pro Törn 2.000 Euro an Schäden an, die Kaskoversicherung als Eigenanteil nicht deckt, ist das der kalkulierte Gewinn für das ganzen Jahr nach Abzug aller Kosten. Ja. Sorry. Das ist die Wahrheit. Reich macht einen so ein Schiff nicht. Im besten Fall schafft man es die Kosten zu decken und den Wert zu erhalten. Eigenleistung im übrigen nicht mit eingerechnet. Dann machen wir es doch wie die Autovermieter und verlangen von unseren Gästen den Risikofaktor als Kaution vor Abfahrt. Ich greife zum Telefon, rufe meinen Geschäftspartner Markus Seebich von Sailing Islands an. „Ne Micha. Das kannst Du nicht machen. Dann bucht keiner bei Dir. Das kommt ganz schlecht an. Wenn Du einen vernünftigen, erfahrenen Skipper einsetzt, dann passieren solche Schäden nicht.“ O.K. So ganz einfach scheint das mit der Selbstbeteiligung an den Schäden wohl doch nicht zu sein. Ich schau mal ins Internet, dass, zumal in den einschlägigen Foren, Markus bestätigt: „Grob Fahrlässig. Also entgegen der Skipper Anweisungen das Fernglas nicht um den Hals tragen und versenken. Dann muss der Gast das bezahlen.“ Richtig helfen tut mir der Mann mit über 20 Jahren Erfahrung im Mitsegelcharterbetrieb nun auch grade nicht. „Und dann laufe ich wochenlang hinter meinem Geld für das teure Steiner hinterher.“

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Ich will mich wieder der Reparatur des Kühlschranks widmen, der ja ohne Schuldzuweisung kaputt gegangen ist und rufe noch mal Amadeus an. „Hi Michael. Ach wegen dem Segelschaden. Ja. Ich muss in ein dringendes Meeting. Aber ich rufe Dich gleich zurück. Versprochen.“ Danke Amadeus. Ich warte immer noch auf den Rückruf. Ich falle in den Wochenendmodus. „Ommmmmmm!“ Am Montag denke ich weiter über dieses Thema nach.

 


Du findest die MARLIN Klasse und willst trotz Skippers Wnuk’s eigenwilliger Art (…oder grade deshalb vielleicht) im kommenden Jahr mit uns durch die Ostsee segeln? Dann schaust Du hier und buche Dir Deinen Platz noch heute. Das wird garantiert eine geile Segelzeit. www.marlin-expeditions.com

 

Reparaturen, Reparaturen, Reparaturen

MARLIN startet in die neue Segelsaison 2017

Nachdem Skipper Wnuk nun kurz vorm gesund sein für die nächste Segelsaison steht, bewegt sich auch die MARLIN stetig in dieselbe Richtung. Jungskipper Jan ist extra aus Berlin angereist. Das reparierte Tuch, Jib, Genua und 100 qm Großsegel, hole ich mit Raureif auf der Windschutzscheibe, von Holm Segel in Schleswig ab.

Der Riss im Baum kurz vorm Lümmel beschlag war klein, provisorisch repariert und hat auch gehalten. Schweißer Peter Jonsson hat die Sollbruchstelle ähnlich wie ich eingestuft: „Das muss mal ordentlich verstärkt werden.“ Ich bin begeistert von der Umsetzung. Kein „Rumgebrate“ sondern saubere Arbeit. Sieht doch wohl gut aus. Oder? Um 11 Uhr hatten wir die Brücke nach Egernsund erreicht. Glück gehabt, dass diese überhaupt in Betrieb ist. Da ist nämlich eine dicke Baustelle drauf. Peter hat aber nicht nur den Baum geschweißt. Nein. Auch unseren Radarmast hat er repariert, mit einem Auslegerarm versehen, mit dem wir unseren großen Außenborder von der Reling zum Dinghi herunterlassen können, ohne die Bordwand zu touchieren. Bild gibt es später.

“Du bist krank. Andere Leute legen sich ins Bett, machen nix zwischen den Chemos. Danach gehen sie für ein paar Monate in die Reha um sich zu erholen. Du hast Deine Chemo noch nicht ganz durch und läufst schon wieder unter Volldampf. Du solltest Dich schonen.“, mein Nathalie, meine private Ärztin. „Du weißt doch ganz genau, dass ich nicht stillsitzen kann. Soll ich besser grübeln darüber ob? Viel schlimmer wann? … die Leukämie wieder kommt? Ich bekomme in paar Almosen-Euro von der Versicherung wegen meiner Schulterverletzung. Ansonsten muss ich schauen, wo ich finanziell bleibe. Und damit auch Du.“

Ich schaue in den Spiegel. Im Bad. Im Flur. Nein. Ich gefalle mir gar nicht. Mir wachsen wieder Haare auf dem Kopf. Schön. Aber leider gibt es einen dicken Flecken, wo keine Haare wachsen. Also setzte ich den Rasierer an. Die paar Schamhaare, Haare auf der Brust, kommen auch direkt mit weg. Andere stehen stundenlang im Bad. Brauch ich nicht. Ich habe keine Augenbrauen mehr. Scheiß Chemo.

Flucht nach Vorn. War schon immer meine Devise und ich glaube, diese werde ich auch nicht ändern. „Komm Jan wir ziehen die neuen Reff leinen rein. Die alten haben es hinter sich und waren eh, immer schon viel zu dick dimensioniert für unsere Fallen Stopper im Cockpit.“ Es ist kalt im Flensburger Hafen. Grade mal fünf Grad. Tobias, neuer Bootsjunge, ist auch da und hilft. Gut so. Ich, mit meinem immer noch nicht so tollen Blutwerten muss schon mal zwischendurch rein um mich an der Heizung anzuwärmen. Kaum aufgetankt, stehe ich wieder an Deck und treibe die beiden an. „Um vier Uhr wird es wieder dunkel. Los, der Auspuff vom Generator muss noch eingebaut werden.“ Der hat jetzt eine Zink Opferanode damit er aufhört sich Masse über das salzige Kühlwasser zu ziehen. Ein echtes Elektrolyseproblem. Ob wir es damit hin bekommen. Jan kennt mich. Drei Tage gibt er mit mir Vollgas. Am Ende ist die MARLIN bereit um zumindest wieder zu segeln. Baum ist dran, Segel sind oben, Heizung läuft. Jetzt kommen noch die anderen 33 Seiten ToDo Liste. Hoffentlich lässt mich Gott morgen nen volles Portemonnaie finden auf dem Weg zum Ship chandler. Ja. So war das immer schon in der christlichen Seefahrt. Es ist mehr die Liebe zur See als die Möglichkeit reich zu werden, die die Schiffe am Schwimmen hält.

Wer knuspert an meinem Häuschen?

Sonntags auf der MARLIN

Meine zweiten Airbnb Gäste sind abgereist und auch meine Schwester sitzt im warmen Auto nach Hause. Die MARLIN ist wieder leer und gefegt, die Betten abgezogen. Heute Nacht wird Skipper Jan eintreffen um mir in den kommenden Tagen etwas zu helfen. Wobei? Wir starten die Segelsaison! Am Montag holen wir den geschweißten Baum in Egernsund ab, wenn denn die Klapp-Brücke funktioniert. Am Dienstag die Segel und wenn alles nach Plan läuft schlagen wir die Segel am Mittwoch wieder an. Dann ist die MARLIN fertig um wieder unter Segeln auszulaufen in die Förde. Hey. Da freue ich mich.

Wer nimmt da 2 in unserer Bilge? Das sind Kakerlaken, dass sehe ich mit einem Blick. Was die kleinen Viecher für eine Kraft haben ist schier unglaublich. Wir haben keine Kakerlaken im Schiff. Nicht bei diesen Temperaturen. Vielleicht hat sich eine dieses Bonbon in letzter Not einverleibt und ist dann in den winterlichen Tiefschlaf gefallen. Wer weiß das schon. So. Ich nehme mir mal Bootshund Lars und geh an die Förde eine Runde spazieren.

Schön hier an der Förde

Auswege aus der Chemo

Das sind Nico und Bert. Nico ist links und Bert ist rechts. Bert geht es gut. Nico schüttelt sich alle paar Minuten, startet aber nicht mehr. Natürlich seit Schreiner Harry den Kühlschrank neu verkleidet hat mit Isolierungsmaterial. Gut das ich immer einen Schuldigen finde! Darin bin ich immer schon Meister gewesen. Ob Nico nun eine neue Steuereinheit braucht oder komplett im Eimer ist, frage ich grade in Holland nach. Schwierig zu bekommen, wassergekühlte Kühlschrankkompressoren. Auf jeden Fall steht Marine drauf. Das ist das generelle Preisschild. Übersetzt: Teuer.

Chemo IV von V habe ich hinter mir. Das ich noch lebe kommt mir manchmal wie ein kleines Wunder vor. Kleine Wunder – Große Wunder. Meine Venen sind total zerstochen, vernarbt und sehen eher aus, wie die eines Ex-Fixers. Aber jetzt ist Pause bis zum 2ten Januar. Tablettenreduziert, keine Chemomedikamente mehr. Das letzte Präparat durfte ich vorgestern aussetzten. 24h später bin ich plötzlich quietschfidel. Dann im Januar die letzte Chemo. Freuen tue ich mich nicht, aber den Mut habe ich. Das schaffe ich auch noch. Ärzte und Wissende, manche, die auch schon mal jemanden mit Leukämie kennengelernt haben oder jemanden kannten, der jemanden kannte, der Leukämie hatte, warnen mich. „Die Medikamente werden Dich depressiv machen. Die Medikamente werden Dich dumm machen. Die Medikamente lassen Dich alt werden.“ Stimmt alles: Ich kann mir kaum noch den Hintern selbst abputzen, lasse mich im Rollstuhl von meinen Kindern durch die Coffeeshops von Amsterdam fahren, denn Cannabisöl soll gegen Krebs helfen. Träume ich manchmal. Es gibt viele Geschichten um alternative Methoden zur Krebsbehandlung. Doch wirklich jemanden, der nachweislich durch Cannabisöl oder Beifußkraut von Krebs geheilt wurde, den findet man, trotz intensiver Recherche nicht.

Ich würde gerne mehr schreiben, mehr posten und mehr bloggen. Auch Material habe ich genug. Doch mir geht so langsam wird das Polster aus, die finanziellen Fettreserven schwinden. Also kümmere ich mich mit Hochdruck um den Dampfer, der ja schon bald wieder in See stechen soll. Ich arbeite Ana unser, Au Pair, in die Buchhaltungssoftware ein, die sie mir im nächsten Jahr mehr und mehr abnehmen soll. In den letzten Monaten war ja teils unklar, ob es überhaupt Sinn macht oder sie dann vielleicht in ein paar Wochen keinen Chef mehr hat. MARLIN Expeditions wird hochoffiziell ein Flensburger Unternehmen. Da bekommt man direkt neue Freunde: Das Finanzamt. Das achtet immer drauf, dass auch alle Einnahmen versteuert werden. Im Moment sind aber noch so wenig Einnahmen, wie Sonnenstrahlen da. Ein paar Buchungen von Airbnb Gästen helfen allenfalls die Heizkosten zu tragen. Wenigstens dürfen wir auch steuerbegünstigt mit der Hauptmaschine Heizöl fahren. Tja. Fragen beim Zoll hilft. Zwischen 10 und 20 Liter pro Tag kostet uns die Heizung, je nach Außentemperatur. Zumindest funktioniert sie einwandfrei. Mit Gebläse bekommen wir den Kutter nach der Jan-Micha Reparatur easy auf 20 Grad.

Neben Ana habe ich Bootsjunge Tobias über e-bay Kleinanzeigen gefunden. Mit seinen 21 Jahren, eigener Nussschale und mitten in der beruflichen Orientierungsphase. Abends geht er zur Schule. Tobias kommt tagsüber für ein paar Stunden und macht alles was an Praktischem auf der ToDo Liste steht. Von Heizungsinstallation und Isolation bis Bilge putzen und Heizöl einfüllen. Zu Tun ist genug. Ich kann die Zeit nutzen um ein Telefonat nach dem anderen zu führen. Prima Tobias. Gut Dich kennengelernt zu haben, denn meine letzten Monate waren beruflich in keiner Hinsicht erfolgreich. Die Wnuk Powermaschine lief im Leerlauf und stotterte dabei noch ordentlich.

Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum? Ich freue mich auf die Feiertage, auf meine Familie. Ich genieße es mein Schiff im Hafen zu haben. Zum ersten Mal in all den Jahren, in denen ich nun zur See fahre, ziert eine weihnachtliche Lichterkette vom Bug zum Masttop, zum Heck der MARLIN das Stadtbild der Flensburger Nightline. Hübsch sieht sie aus. Sie kann blinken und faden, lange und kurze Signale in die Nacht aussenden, was zu leidigen Kommentar meines Seefreundes und Hafennachtbars Lars führt: „Hast Du eigentlich ein Stromproblem? Oder warum blinkt Deine Lichterkette?“ Nathalie sagt nur: „Tue ihm doch den Gefallen und schalte das Dauerlicht ein. Der arme Kerl kann gar nicht mehr im Pilothaus sitzen und ungestört aus die Förde schauen.“ Das Problem regelt sich gestern von ganz alleine. An der in China gefertigten Lichterkette läuft das Wasser in den Anschlussstecker, verursacht einen Kurzschluss und aus ist die Maus. Da muss ich einen Lunatronic Notfalldienst anfahren und die Kabel mit galvanisierendem Klebeband anschließen. Nicht das Lars sich erschreckt, dass die Lichterkette jetzt ausgegangen ist

Wieder auf’m Kutter

Der Alltag kehrt wieder ein

Erst mal möchte ich mich bedanken. Bei allen, die mir ihre Glückwünsche zum Geburtstag gesendet haben, die an mich gedacht haben. Es tut gut zu wissen, dass ihr da seid, dass hilft mir mit meiner Krankheit besser klar zu kommen. Ohne die Leser und Spender dieses Blogs hätte es ganz schön übel ausgesehen und ich wäre sicherlich in ein riesiges Depressionsloch gefallen.

Eure und vor allen Dingen Maya’s ständige Aufmunterung MARLIN nach Flensburg zu holen war wohl die beste Idee. Ich bin so glücklich unseren Kahn wieder in Nähe zu haben, es ist schier unglaublich, wie sehr mir das ebenso hilft Hoffnung, Mut und Lebensfreude wiederzugewinnen. Jetzt am Ende der vierten Chemo, die Blutwerte sind deutlich im normalen Bereich, schein mein Hirn auch wieder genug Blut zum Denken zu bekommen. Flensburg trumpft mit winterlichem und eiskalten Sonnenschein und ich kann mit Ana’s Hilfe die MARLIN vorbereiten für ihre ersten AirBnB Gäste. Ja ihr hört richtig. Hotelschiff MARLIN. Um nicht im Unterhalkostensumpf zu versacken, nutzen wir auch diese Quelle um den Kahn am Schwimmen zu halten.

Markus und Tobias melden sich übers Internet und helfen mir den Radarmast und den Windgenerator abzunehmen. Beide müssen in die Werkstatt. Der Windgenerator braucht ein neues Lager, am Radarmast soll ein Kranvorichtung aus Alu angeschweißt werden, mit der der 30PS, 50kg Außenborder zum Dinghy heruntergelassen werden kann. Danke euch beiden. Ohne Hilfe hätte ich das niemals geschafft.

Happy Birthday – Die neue Bedeutung

Lebensstage

Meinen 53ten Geburtstag darf ich mit meiner Familie feiern. Das ist ein großes Glück. Derweilen stelle ich mir in so manchen Momenten, wenn ich alleine für eine Zeit X im Krankenhauszimmer bin, vor, wie es wäre, wenn, wenn ich meine Familie nicht hätte. Keine schöne Vorstellung, so eine Lebensphase alleine durchstehen zu müssen.

Mein Geburtstag fängt erst einmal an mit einem Geschenk des Malteser Krankenhauses: Einen ganzen Liter Blut bekomme ich, um meine chemobedingte Blutarmut zu überbrücken. Das dauert nicht nur, erzeugt auch eine latente Schwäche. Wieder zu Hause verpenne ich den Rest des Tageslichtes und werde erst wieder wach als Maya lautstark aus der Schule nach Hause kommt. Kurzum bekomme ich Küchenverbot, weil dort der Geburtstagstisch gedeckt wird. Am Nachmittag, es ist schon dunkel, darf ich endlich den Geburtstagskuchen anschneiden. Geschenke, Lachen, Ständchen. Lebenstage bekommen eine neue Bedeutung.

Front-End Körpersystem

Alle Werte im Keller

Meine erste Reaktion auf den Leukämiebefund im July war: „Sie haben meine Blutprobe verwechselt!“ Das war für mich so klar wie Kloßbrühe. Jetzt fast ein halbes Jahr später, nach vier Chemo Therapien bin ich schon ziemlich speziell, was meint, ich verstehe meinen Inneren Front-End Blut Kontoauszug, den ich nun in der vierten Chemotherapie grade alle 48h bekomme. Ziel ist es in der Chemotherapie alle „böse“ Zellen abzutöten. Leider sterben die „guten“ dann gleich mit. Was zu den sichtbaren Ergebnissen führt. Immunsystem: Nicht mehr vorhanden. Rote Blutkörperchen: Zeit für zwei Konserven. Blutplättchen: Sofortige Konserve, sonst Gefahr einer unstillbaren Blutung.

Neben dem Skipper reparieren wir die MARLIN gleich mit. Eine Motor-Fahrt über die glatte Flensburger Förde bei strahlend blauem Himmel führt uns zu C.J.skibs- & badebyggeri ApS, alias Christian Jonsson in Egernsund. Der kann schweißen. Schweißen können viele, aber Peter der Sohn von Christian kann Alu schweißen und das richtig. Das habe ich mir vorher angeschaut. Jetzt ist die MARLIN baumlos und der Haarriss von der letzten Atlantiküberquerung wird nicht nur geschweißt auch ordentliche Verstärkungen an beiden Seiten sollen den Konstruktionsfehler in Zukunft überbrücken. Ich bin gespannt wie Peters Arbeit aussehen wird.

Samstag Abend geht es los. Ich bekomme Nasenbluten. Das hört auch nicht mehr auf. Das ist Alarmstufe rot, dass meine Blutplättchen im Keller sind und ich habe eins zu tun: Sofort in Krankenhaus. Zu dieser Zeit ist aber nur die Notfallambulanz der Diakonie Flensburg geöffnet. Hier wird mir zwar Ruckzuck um 23:00 Blut abgenommen, aber dann passiert wochenendmäßig nichts. Um 01:00 Uhr nachts, nach meinem unangenehmen Drängeln, findet sich endlich ein Assistentsarzt der mich untersucht, der mit einem ebenso in Sachen Leukämie unerfahrenen Kollegen im Malteser Krankenhaus telefoniert. „Gehen sie nach Hause! Wenn es ihnen schlechter gehen sollte, melden sie sich noch einmal.“ Das mit 20 Thrombozyten! Blutgerinnung: Nicht vorhanden. Am Sonntag Morgen in die jetzt offene Ambulanz des Maltesers Krankenhauses. Thrombozyten nun bei 16. Nathalie telefoniert mit ihrem Kollegen aus der Onkologie gegen Mittag. Der sollte es jetzt besser wissen. Wieder keine Entscheidung zur Thrombozyten Infusion. Ich spuke Blut. Heute am Montag dann in die Onkologische Tagesstation. 9 Thrombozyten. Endlich passiert was. Ich erwähne mal meine Kopfschmerzen und fünf Minuten später bin ich Kopf voran im CT. Eine Hirnblutung kann ausgeschlossen werden. Gott sei Dank. Das wäre es dann gewesen mit diesem Blog und dem Erreichen meine morgigen 53ten Geburtstages. Nach einem halben Liter Thrombozyten Konzentrats heute Morgen geht es mir schlagartig besser. Kein Blut mehr aus der Nase und auch nicht in der Spucke. Ich informiere den leitenden Oberarzt meiner Sympathie über mein Wochenende. Der schlägt die Hände gefühlt über dem Kopf zusammen. Ich finde schon, dass so was berichtet werden muss. Front End: Egal was Du hast! Am besten nicht am Wochenende krank werden. Und schon mal gar nicht am Samstag Abend.

Neben dem Baum der MARLIN ist die ToDo Liste lang. In Bezug auf das Ziel im Januar schon wieder Schnuppersegeln auf der MARLIN in der Flensburger Förde anzubieten, sehe ich in Bezug auf meine Einschränkungen durch meine Sommerleukämie, meine Felle dahin schwimmen. Skipper Jan könnte ja prima helfen, aber der lebt eben in Berlin und das ist ein paar Meilen mit dem Zug. Kein praktikable Lösung. Ich brauche einen handwerklich Bootsjungen vor Ort hier in Flensburg, der mir unter die Arme greifen kann wenn grade mal die Sonne scheint. Arbeit gibt es genug. Vergütung: Freies Segeln im Sommer und schlechte Bezahlung. Dafür gibt’s immer was Gutes zu Essen. Wer trotzdem interessiert ist, melde sich asap bei mir.

BIG NEWS for 2017

MARLIN’s Törnplan für das nächste Jahr steht fest.

1. Für das nächste Jahr gibt es entscheidende Änderungen für die Abenteuer unserer MARLIN. Ich gebe meinen Skipperjob ab an Jan Hupatsch, der die MARLIN grade sicher und mit großem positiven Anklang der Crew, von den Azoren nach Flensburg gebracht hat. Nun. Ganz gebe ich meinen Job nicht ab. Wir teilen uns den Job, wechseln uns ab, um unseren Gästen jeweils, einen frischen, motivierten und erholten Skipper zu ihrem Wahltörn zur Verfügung zu stellen.

2. Wohin segeln wir? Wie aus der Karte ersichtlich geht unser Weg jeweils von einer Stadt – Into the wild – zu einer Stadt. Einfache An und Abreise. In der ersten Phase erobern wir den Kattegat mit seinen dänischen Inseln Anholdt und Vesterø. Durch den sportlichen Skagerrak geht es dann weiter bis nach Oslo. Von da aus geht es über die Wochen immer weiter südlich am Wind entlang über Göteburg und Kopenhagen zu der beliebten Insel Bornholm. Einige Schläge ab Stockholm in und um die Schärengärten schließen sich an. Im July wir das schnelle Schiff mit Skipper Michael in den finnischen Meerbusen einlaufen. Drei Wochen Expeditionstörn! Ziele weitestgehend unbekannt und nach Wünschen der Mitsegler. Im August geht es dann von Stockholm Richtung St. Petersburg, dem absoluten Highlight der 17er Planung. Von Januar bis März, bieten wir Wochenend Schnuppertörns durch die Flensburger Förde nach Sonderburg an, wo Du Skipper und Schiff schon mal kennenlernen kannst.

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3. Um den Interessen unserer Mitsegler professioneller entgegenzukommen, haben wir ein Kooperation mit der bekannten „Sailing Island“ Segelschule in Mönchengladbach, alias Markus Seebich, in der letzten Woche unter Dach und Fach gebracht. Sailing Island ist für die Kundenberatung und Betreuung zuständig. Wer auf der MARLIN mitsegeln will meldet sich dort um mehr zu erfahren. Den aktuellen Plan gibt es immer gespiegelt auf der Marlin-Expeditions Internet Seite. Natürlich stehe auch ich Interessierten Mitseglern gerne per e-mail zur Verfügung.

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Wieder im Krankenhaus

Der Traum von der Heilung

Nachdem die MARLIN nun sicher vertäut ist, bin ich wieder für ein paar Tage in der Heilanstalt, dem Heilerhaus, der Besserungsstation, wie auch immer man dieses Gebäude mit den vielen Betten nennen mag. Mir zugeteilt ist diesmal Zimmer 6321. Das Nachbarbett ist leer. Wer also noch keine Bleibe hat bis Sonntag, ist herzlichst eingeladen sich mein Schnarchen anzuhören. Natürlich nur unter Vorbehalt. Kann ja jederzeit ein anderer Bedürftiger, ein anderer zu Heilender auftauchen.

Ich lache. Noch. Der Grund meines erneuten Aufenthalts ist die planmäßige zweite Konsolidierung, also Chemotherapie. Die zweite, von dreien. Vorgestern hat der leitenden Oberarzt eine Knochenmarksprobe aus meinem Hüftknochen gebohrt. Ich in Kurznarkose, da konnte er voll zustechen. So sehr, dass ich davon geträumt habe. Manchmal ist das ganze Leben wie ein Traum oder mir kommt es zumindest so vor. Unter dem Mikroskop werden keine Blasten, Tumorzellen im Blut, mehr gefunden. Bin ich geheilt? Es ist wie mit jedem Krebs. Er kann wieder kommen. Morgen, in einer Woche, in zwei Jahren oder in zwanzig. Gut. Sterben werden wir alle. Irgendwann. Cytarabin fließt tropfenweise in meinen Körper. Heute, Morgen, bis Sonntag. Dann All-Trans Retinsäure, weitere zwei Wochen als Tabletten zu Hause. Die grade gewachsenen Haare fallen dann wieder aus. AML heißt meine Leukämie. Westerwelle hatte auch AML, wollte zwanzig Jahre, schaffte zwei. Der Traum von der Heilung, der Traum vom Überleben dem Sieg gegen den Krebs.

Ich muss zugeben, ich habe mich während meiner letzten Therapiepause abgelenkt, meine AML verdrängt, mich um MARLIN gekümmert, bin auf die Azoren geflogen und habe jede Minute mit meiner Familie genossen. Jetzt, wo ich wieder im Geheiltenzimmer sitze, werde ich wieder nachdenklich, greife zu Stift und Papier, besser Tastatur und Notebook, hier fällt es schwer sich abzulenken. Theoretisch bin ich gesund. 99,9% der Blasten sind entfernt, keine neuen sind nachweisbar. Die Konsolidierung soll die verbleibenden 0,1% behandeln. Ob nun Cytarabin oder All-Trans Retinsäure, beide Stoffe sind aggressiv mit vielen Nebenwirkungen, greifen Leber und Gehirn an. Da gibt es eigentlich nichts weiter zu diskutieren. Wie lebt man am besten mit dieser Krankheit? Es gibt nur eine Antwort: „Genieße jeden Tag und lebe für den Moment.“ Dieser Antwort folge ich, wenn ich grade nicht im Geheiltenhaus bin. Ich trinke gerne einen guten Wein, konsumiere bei positiver Stimmung zu blauem Himmel und guter Laune ein paar Krümmel lustiger Kräuter, koche für Freunde, treffe Bekannte und rede immer weniger über meine Krankheit. Gut so. Das Leben ist zu kurz, als dass man es zu ernst nehmen sollte. Ich übe mich selbst darin, einem möglichen Tod im o.g. Zeitraum möglichst wenig Bedeutung zu geben. Von Jetzt bis Sonntag ist das eine besonders schwere Aufgabe, denn dem blühenden Leben begegnetet man im Geheiltenhaus weniger oft. Da geht die Tür auf und Nathalie stolziert im Kellnerinnenschritt zu dem kleinen runden Tisch am Fenster, an dem ich vor meinem MacBook sitze und die Zeit mit diesem Post vertreibe. „Hallo Schatz!“ Ich bekomme ein Kuss, ein paar Streicheleinheiten von Frau Doktor, die das blühende Leben an sich darstellt. Draußen regnet es. Wen interessiert es? Wird schon. Meine Behandlung, meine Heilung ist Bestandteil unseres Familienlebens geworden. Nathalie hat nicht unerheblich dazu beigetragen. Weder sie noch die Onkologen, weder Menzel noch Sabrina oder Petra, wie sie auch alle heißen. Keiner schaut mich sorgenvoll an. Auf der MARLIN würde ich sagen. „Wir können Kurs anliegen. Das Tief liegt hinter uns. Zu meinem Geburtstag werden wir Land sehen und zum Jahresende in den sicheren Hafen einlaufen.“

Winterimpressionen

Neue Seemänner ans Steuer der MARLIN

Jetzt sind es eigentlich schon Erinnerungen. Ich sitze am Rechner zu Hause und schaue, bearbeite die Bilder der letzten Tage auf See, auf der Förde. Markus hat eine Bitte, seine Kinder und Mitsegler Micha stehen im Glücksburger Hafen um die letzten fünf Meilen noch mit zu erleben. Jan steuert souverän die 60 Fuss Alu in den kleinen Hafen, vorrausschauend um auch wieder rauszukommen. Das muss er auch lernen, denn zumindest 2017 wird die MARLIN als Heimatrevier die Ostsee befahren. Dazu aber meer in den nächsten Tagen hier an dieser Stelle. Heute übernimmt Markus Sohnemann Lasse das Steuer der MARLIN und steuert gelassen 27 Tonnen Alu Richtung Flensburg. Gut gemacht Lasse. Hast Steuermannblut in Deinen Adern. Papa kann stolz sein auf Dich.

Angekommen im karibischen Flensburg

Heimathafen

Nein, schreibfaul bin ich nicht. Es war einfach nur ein bisschen viel und jetzt, jetzt genau ist der Moment um „endlich“ mal bekanntzugeben: Wir haben Flensburg Heimathafen sicher erreicht. Unser Liegeplatz in der Marina Yachtkontor ist eng, aber passt. Warum jetzt hier und nicht mehr imJaich? Das wichtigste Argument: Schwimmsteg. Daneben ein eigener Stromzähler mit relativ annehmbaren Konditionen.

Markus, Micha und Jan sowieso helfen beim Abschlagen der Segel. Die Genua weigert sich vehement zum Segelmacher zu kommen, bis fast Sonnenuntergang. Jan ist der Held des Tages und verbringt Stunden im Masttop. Beneiden tut ihn keiner bei den Temperaturen. Nur mit seinem Gewicht von oben bewegt sich der Schlitten langsam die 27 Meter in bis zum Bug. Jan rutscht langsam am Vorstag herunter. Weder er, noch ich wollen heute noch wissen, warum der Schlitten so klemmt. Another day.

Punkt zwei, bevor Jan nach Hause geht, ist die Heizung. Die knallt verdächtig, schaltet ab und wieder neu. Gesund kann das nicht sein. Mit etwas Grips und langer Diskussion auf dem Weg nach Hause, bei 8.5 Knoten in der Flensburger Förde, geht ein Licht auf. Der Heizungskreislauf ist einfach verstopft. Dreck, Rost etc. Und wo kann der stecken? Genau. Im Wärmetauscher zum Motorkreislauf. Hier sind die Kapillaren so eng, dass es wie ein Sieb wirkt und der Dreck, der vor allen Dingen beim Segeln aufgewühlt wird, sich sammelt und alles verstopft. Am Morgen, wir sind schon eingestellt darauf, den gesamten Tag im Motorenraum zu verbringen, geht es los. Aber es soll anders kommen.

Maya kommt um halb Fünf mit ihrer Freundin Hanna und entert die MARLIN – Ihre MARLIN. Letzteres kommt mir so vor. Stolz wird jede Ecke der MARLIN vorgeführt. Fast schon eine komplette Sicherheitseinweisung präsentiert meine Tochter. Auch Keller und Motorenraum werden nicht ausgelassen, die Klappe von der Segellast geöffnet. Die Beiden übernachten gemeinsam auf dem Schiff. Jan und ich dürfen auch dabei sein. Mittagessen, Abendessen, Frühstück, alles wird mir abverlangt. Mehr als zwei Jahre war das Schiff nicht in Flensburg. Na denn, steht meinen Töchtern das Recht zu, mit ihren Freundinnen auf der MARLIN zu übernachten. Solange es noch nicht Klaus, Lars und Ramirez sind, ist Papa damit einverstanden.

“Ach Du Scheiße!“ Durch den Ablassschlauch läuft rostgefärbte dunkelbraune Brühe in die Süllkante und ins Wasser. Ein paar hundert Gramm Rost, Korrosion, Gummistücke. „Kein Wunder, dass das System verstopft war.“ Aber nicht genug. Bei der Gelegenheit spülen Jan und ich alle Heizkörper und Wärmetauscher einzeln durch. „Jetzt ist alles gut. Schmeiß die Kiste mal an und wir sehen ob es der Grund war.“ Die Webasto ST90 Wasserheizung springt an und fährt hoch, wie ein Flugzeug, zumindest vom Geräuschpegel her. Kein Knacken und Knallen mehr. „Cool! Jan, wir lagen richtig mit unserer Diagnose!“ Alle, aber wirklich alle, alle Heizkörper werden Stück für Stück so heiß, dass man sich fast verbrennt, wenn man sie anfasst. Alle Kabinen, der Salon, das Vorschiff, heizen sich langsam aber stetig auf. Na endlich. Problem gelöst. „Das sollte nun auch beim Segeln mit Schräglage funktionieren.

Maja und ihre Freundin Hanna verbringen eine warmen Nachmittag und Abend auf der MARLIN. Alles ist gut. Für morgen hat sich schon die Capitana angemeldet, hoher Besuch also. Lena will in der kommenden Woche direkt mit drei Freundinnen am Freitag kommen. O.K. Dann machen wir halt ein Hotelschiff auf! Jetzt, wo die Heizung geht. Draußen schneit es grade wieder.

Anita und ich in der Karibik

Nordland Romanze

Wer es noch nicht gemerkt hat. Die MARLIN ist auch wieder über Marinetraffic sichtbar. Einmal den Antennenstecker am AIS abgedreht und wieder rangedreht. Ein kleiner Tropfen WD40 und schon senden wir wieder unsere Position. Jan steuert die MARLIN souverän aus dem Alten Hafen in Cuxhaven Richtung Brunsbüttel. Wir hatten ja extra als TO Preisträger 2014, dort im Büro Bescheid gegeben, dass wir im Trans Ocean Hafen einlaufen, aber leider hatte wohl keiner Zeit und Muße uns zu besuchen. Die zweijährige Fahrt von Flensburg über Dänemark – Norwegen – Lofoten – Spitzbergen – England – Holland – Portugal – Madeira – Kanaren – Grenada – Trinidad – Venezuela – Curacao – Cuba – Bahamas – Bermudas – Azoren – Südengland – Cuxhaven, war wohl nicht spektakulär genug oder nicht mit Ansage über einen zu erwarteten Rekord. Da hilft auch nicht das 231 Etmal auf dem Weg nach Cuba und die gesetzte TO Flagge. Vielleicht sollte ich über die fast zwanzigjährige Mitgliedschaft ernsthaft nachdenken.

Das Wetter ist regnerisch mit Außentemperaturen um die sechs Grad. Der Motor schiebt gegen die Strömung, wir warten auf das Kippen der Tide. Markus hat meine neue Freundin Anita im Real Cuxhaven kennengelernt und einfach mitgebracht. 20 Tacken, 1,5 KW besiegeln eine große Freundschaft. Anita ist eine elektrische Heizung, die unter Motor wenigstens im Salon eine wohlige Wärme erzeugt, die ins Pilothaus zieht und zumindest ein Temperaturlevel erzeugt, dass wir kaum kalte Finger haben. Zwar befreit sie, zumindest mich nicht, von Thermounterwäsche, Thermohose, T-Shirt und zwei Sweatshirts – Im Schiff –zumindest aber hebt sie die Temperatur im Schiff um einige Gradstellen zur Außentemperatur.

Wir fahren einfach vor die Schleuse, eigentlich sollen wir auf den Tanker FINJA warten und hinter ihm reinfahren, doch kaum sind wir vorm Tor, gehen die Tore auf und wir bekommen die Funk-Anweisung vorne Rechts festzumachen. „Hey, sie verstoßen gegen geltendes deutsches Recht.“ Ein Nordmaul steht an der Schleuse. „Wir haben das o.k. über Funk“, weiß ich besser. Das Nordmaul: „Konnte ich ja nicht wissen!“ Willkommen in Schleswig Holstein.

Das Schleusen ist unspektakulär. Ausgespuckt drängelt Mitsegler Markus darauf weiterzufahren. „Wegen Anita. Bestimmt. Oder Markus?“ Markus lacht. „Wir können noch bis Hochdonn vor Freizeitschifferspeerzeit im NOK. Da gibt es einen Ankerplatz. Skipper Jan nickt, ich sitze mit Anita im Arm im Salon. Es gibt überdimensioniert Putenschnitzel, Fried Rice, Big Salad, Erbsen und Möhren von Albert Hein aus Curacao. Satt sind wir und faul. Der Ankerplatz ist karibisch. Eine kleine Bucht. Eigentlich ein Wende- und Ausweichplatz. Ein paar Dalben für die Sommersegler.

Mich und Jan drängelt es in den Motorenraum. Der Generator ist schnell repariert. Die Impellerpumpe ist trockengelaufen. Wann, wie und warum ist nebensächlich. Kaputt ist kaputt und muss eben ersetzt werden. „Hey. Ich hab Ersatz gefunden. Noch zwei Stück am Start.“ Kurze Zeit später ruckelt der Generator wieder. Anita schafft der mit seinen 4KW allemal, womit auch genug Strom am Ankerplatz für einen warmen Salon hat. Alles gut also. Aber Jan hat sich heute noch der Webastoheizung verschrieben. Fluchend baut er sie aus, um an den defekten Temperaturfühler heranzukommen. Die OP mit Ausbohren des Sensors übernehme ich dann. Besser ich bohre schräg und zerstöre das Gehäuse unwiederbringlich. Dann bin ich halt sauer auf mich selbst und gut ist. Aber alles klappt. Es wird spät und ich beende den Tag mit drei Decken, Thermounterwäsche. Anita kommt mir nicht ins Bett. Jan und Markus werkeln immer noch im Motorenraum.

Micha