Archiv der Kategorie: SY Marlin

Frühstück bei Kritz

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{Title:Frühstück bei Kritz}

Wochenende vor der Stichprobe

Mit meinen großen Töchtern Frühstücken zu gehen ist etwas ganz besonderes für mich und fällt eindeutig unter: „Geniesse jeden Tag“ Am Montag ist Kernbohrung in meinem Beckenknochen. Danach wird man feststellen wieviele böse Blasten die letzte Chemo überlebt haben. Hoffentlich gar keine oder wenigstens unter 5%, dann brauche ich „nur“ noch eine Chemo für die Transplantation. Klar, dass ist Kopfkino pur. Ich gehe jetzt auch wieder mit Leuko 2.0 Hut unter die Leute, meine Haare werden langsam doch lichter und die Ausgenbraunhaare weniger. Jou! Genau wie die Blätter von den Bäumen fallen. Nur das sieht dann eben herbstlich schön aus. Ich sehe direkt 10 Jahre älter und todkrank aus.

Herr Otten von der Versicherung schreibt noch einmal wegen ein paar fehlenden Unterlagen. Sieht irgendwie so aus, als wenn er doch meint meine Forderungen durchsetzen zu wollen. Na. Dann sind wir mal gespannt was die Versicherung dazu sagt. Ich schnappe mir gleich meine Kinder und wir gehen zusammen spazieren. Wochenende.


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Freiheit

{Time:22:00:00}
{Date:20191024}
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{Title:Freiheit}

In den Fängen der Versicherungen

Heute war Herr Otten da. Sachverständiger der Hausratversicherung. Durch den Einbruchdiebstahl in unserem Kellerraum sind meine kompletten Kite Ausrüstungen und die von Lena und alles an Elektrowerkzeug abhanden gekommen. Die Liste über den Wiederbeschaffungswert beläuft sich auf 4.800 Euro. Für so etwas hat man ja eine Hausratversicherung denkt man sich. Doch weit gefehlt. Die Versicherung will das nicht einfach so bezahlen, sondern schickt Herrn Otten. Der ist quasi Detektiv und Meister der Wortverdreherei. Profi halt. Erst mal wird also anhand eines Formulars ermittelt ob wir denn überhaupt ausreichend versichert sind. Denn haben wir mehr Hausrat, mal angenommen 150.000 Euro und nur eine Versicherung von 75.000, sind wir unterversichert und der Schaden wird nur zur Hälfte bezahlt. Das habe ich vorher aber schon gegoogelt und Nathalie hat die Liste über den Hausrat gemacht, ich die Elektronik hinzugefügt und natürlich die Sportgeräte im Keller. Herr Otten nickt die Liste ab. Unterversicherung besteht nicht. Dann erzählt mir Herr Otten ausführlich von anderen Fällen um zu sehen, ob ggf. ein Versicherungsbetrug vorliegt. Wir gehen in den Keller. Ja. Es sind keine Einbruchspuren zu sehen. Wieder am Küchentisch klärt mich Herr Otten auf, dass die Versicherung mir einen Vergleich von unter 1.000 Euro anbietet. Ich wackle mit dem Kopf und erzähle ihm von unserem guten Anwalt Herrn Heinrich und schlage vor die Angelegenheit mit 4.000 Euro oder einem Gerichtsverfahren zu regeln. Er schreib das auf und sagt freundlich, dass er es so der Versicherung mitteilen wird. „Ohne Einbruchsspuren ist das nämlich lediglich ein Diebstahl und der ist gar nicht mitversichert.“ Immer das gleiche mit den Versicherungen. Da macht man einen kleinen Fehler bei der Beschreibung und schon war es das. Jetzt sind wir doch mal gespannt was die Versicherung in den nächsten Tagen so schreibt. Einen Tag Verwaltungsaufwand hatte ich ja nun schon mit dem ganzen Fall.

Wie man merkt bin ich im vollen Leben. Ich fresse tonnenweise Tabletten um keine Infektion zu bekommen und kämpfe mich durch die Voruntersuchungen für meine Knochenmarktransplantation. Heute dann beim Zahnarzt. Nächste Woche HNO, MRT von den Nebenhöhlen und diverses anderes. Ich bin zwar fit, aber nicht wie ein Turnschuh. Am liebsten würde ich weglaufen und irgendwo den Kopf in den Sand stecken. „Papa. Mach doch mal die Heizungen aus. Du hast die alle auf volle Pulle gedreht.“ Nun. Mir ist kalt.

Ich schicke Herrn Otten noch ein Foto aus guten Zeiten, als der 14er Slingshot noch meiner war. Ob’s hilft? Warum können die nicht einfach den Schaden ersetzen, den ich hab. Warum muss man immer Stress mit Versicherungen haben? Dafür hat man sie doch eigentlich. Oder?


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Tag 18: Entlassung

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{Title:Tag 18: Entlassung}

Keimfreier Sauerstoff

“Hey Guido. Das ist ja nett, dass Du mal so eben die 600 km aus Düsseldorf kommst, um mich abzuholen!“ Ich grinse. Aber eigentlich ist mir zum Heulen zu Mute. Hinter mir liegen 18 Tage Hammerchemo und Einzelhaft. Ich habe die Zähne zusammengebissen. An manchen Tage war ich bestimmt der Schwesternschreck aus Zimmer 33, so schlechte Laune hatte ich. Und jetzt? Jetzt soll alles wieder vorbei sein? Nun. Ich bin noch sehr benommen. Meine Blutwerte sind noch so, dass ich Munschutz und Latexhandschuhe trage. Aber erst mal raus. Es geht nach Haus, der Seesack voll mit Sachen, die sich auf meinem Zimmer angesammelt haben. „Trägst Du den?“ Mir ist ein bisschen schwindelig. Kurz bevor ich rausgekommen bin, schnell noch eine rote Blutkonserve mitbekommen. Dracula lässt Grüßen.

Zu Hause ist alles rein und geputzt, Hund Lars ist in der Hundepension. Alles auf das Leuko 2.0 Monster Skipper Micha eingestellt. Nathalie mach Huhn in Weißwein Sauce. Guido und Gudrun sind da und versuchen nicht über meine Krankheit zu reden. Gelingt aber nicht so. Ist ja auch schwierig. Guido ist Weinhändler. Er hat natürlich einen guten Tropfen mitgebracht. Da kann ich nicht nein sagen. Guidos Wein schmeckt köstlich, Nathalies Essen ebenso und ohne eigenes Zimmer, ziehe ich erst mal bei Lena ein, die ist grade auf Klassenfahrt.

Wie es weitergeht? Mitte November werde ich transplantiert. Mindestens vier Wochen wieder Krankenhaus. Stefan Morsch Station. Bis dahin habe ich viel zu erledigen.


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Tag 17: Einzelzimmer

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{Title:Tag 17: Einzelzimmer}

Krankenhausalltag

Es gibt Erinnerungen die bleiben. Für Immer. Mein Provinzfreund Ralf Kapalla, lag monatelang im BG Krankenhaus in Buchholz. Motorradverletzung. Wir haben ihn so oft wie möglich besucht. Die eigentlich einfache OP hatte sich entzündet. Gar nicht gut. Mit Fixtateur, Metallstangen im Knochen. Ich kann mich erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre. Ist dreißig Jahre her. Hat ewig gedauert bis er da raus war. Was hat er geflucht. Jetzt bin ich wieder selber in der Krankenhausmühle. Mein Tag fängt an mit einem Ei, einer Tasse Tee, einem Brötchen und einer Scheibe Wurst. Reicht ja auch aus. Morgen werde ich wahrscheinlich entlassen. Remission. Gesund auf Zeit. Drei Wochen darf ich raus um dann wieder rein zu kommen, für meine geplanten Transplantation. Irgendwie werde ich es vermissen, das Krankenhaus. Ich werde ja gut versorgt hier. Einzelzimmer mit Fördeblick, nette Schwestern, jeden Tag ein frisch bezogenes Bett und sterile Handtücher, jeden Tag wird geputzt, schnelles Internet und einen Tisch an dem ich arbeiten kann. Pünktlich Mittagessen. Ab dem Abendessen wird es ruhiger auf der Station. Ein bisschen goldener Käfig.

Meine Haare sind immer noch dran. Eigentlich sehe ich noch gar nicht wie ein Leukogespenst aus. Hmm. Ob die Chemo nicht richtig angeschlagen hat? Mir geht so viel durch den Kopf. Es ist Sonntag Abend. Schaue ich jetzt einen Tatort oder Netflixmüll?


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Tag 16: Unter Geiern

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{Title:Tag 16: Unter Geiern}

So ein Arsc…

Kaum ist man definitiv ernst krank, kommen die schwarzen Geier um zu sehen, ob es was zu holen gibt. Da stirbt man vielleicht in naher Zukunft und schon kreisen die Aasgeier über einem. In meinem Fall Peter Pfaff aus Darmstadt. Schon 2015 trat dieser extrem unangenehme Mensch kurzzeitig in mein Leben als Anwärter um auf der MARLIN mitzusegeln. Nach einem kurzen Telefonat wusste ich schon, dass das nicht gut gehen wird und schnell war ein Grund gefunden, dass sich unsere Wege auch ganz schnell wieder trennen. Heute nun kommt ein unverschämtes Mail, dass ich ja nun ernsthaft und mit Todesgedanken krank bin und bestimmt auch die MARLIN verkaufen will. „WHAT?“ Ich traue meinen Augen nicht, schaue auf die Uhrzeit wann Peter dieses Mail geschrieben hat. Spät Nachts. Na. Klar ist die MARLIN zu verkaufen. Jedes Schiff ist übrigens zu verkaufen Peter. MARLIN ist schon seit Jahren in den Händen eines professionellen Maklers aus England. Das ist auch nichts Unbekanntes und auch nichts Geheimes. Ich frage pro forma Peter, was ihm die MARLIN den wert wäre. Er antwortet 120k. Da wird mir klar, dass Peter denkt, dass er sich aus meiner schwierigen Situation als Krebskranker seinen privaten geldwerten Vorteil schöpfen will. Unerschrocken. Unverschämt. Unmöglich. So ein Arsc… In diesem Falle kann man es nicht anders formulieren. Das ist eine Aberkennung unserer MARLIN und eine Beleidigung meiner seglerischen Professionalität weit unter der Gürtellinie. Peter enttäusch mich nicht nur, sondern mach mich für den ganzen Tag auch sehr traurig und nachdenklich. Warum sind Menschen so? Warum gibt es solche Menschen. Peters email landet im SPAM Filter. Antworten werde ich auf so eine Unverschämtheit bestimmt nicht. Mittelfinger und Go.

0.4-0.6-0.8 Das sind meine Leukos der letzten drei Tage. Die springen die Treppe hoch und Richtung Entlassung vom Krankenhaus. Das ist gut und was macht Wnuk. Der plant schon wieder Richtung Karibik. Ich erstehe ein günstiges Ticket für Anfang November, um für eine Woche auf die MARLIN zu fahren und um Skipper Rene zu treffen. Es gibt doch eine ganze Liste an Sachen zu besprechen und Skipper Rene bekommt von mir noch eine Einweisung, die unsere Freundschaft erhalten wird, er mit meinen Gästen sicher und glücklich in Cuba ankommen wird. Vorsichtshalber habe ich ein Flexticket gebucht. Sicher ist Sicher. Mit einem Ticket in meiner Tasche geht es mir auch schlagartig besser. Wnuk halt. Immer in Bewegung.

Mein Gemüt schwankt wie die Amplitude eines Erdbebens dieser Tage. Ich fühle mich gut in der Remission und fühlle das die erste Chemo der letzten 16 Tage erfolgreich war. Um so weniger Blasten die überlebt haben um so besser sind die Chanchen für eine erfolgreiche Transplantation, die mir in drei Wochen bevorsteht. Mit Krebs leben. Kenne ich ja schon.

Wie verfahre ich mit meinen Mitmenschen? Das ich meinen sehr offenen und direkten Blog schreibe, ist die eine Seite, meine Art und Weise mit meiner Krankheit zu leben. Keiner ist genötigt diesen Blog zu lesen. Kommentare unerwünscht. Ansonsten rede ich sehr ungerne über meine Krankheit. Ausser mit anderen, die auch mit dieser Krankheit leben. Ich hasse Mitleid. Am meisten hasse ich es wenn ich merke, dass andere Kapital aus meiner Krankheit schlagen wollen. Es gab sogar schon den Fall, dass ein Mitsegler am Kojenpreis bei einer Überführung von den Azoren nach Flensburg drehen wollte, weil ich ja mit meiner Krankheit die MARLIN nicht selber segeln könnte. Geht garnicht wie manche Menschen so drauf sind. Nach dem ersten Jahr meiner ersten Behandlung wussten die meisten Mitsegler gar nicht, dass ich Krebs in meinem Körper mit mir herumtrage und so soll es auch in Zukunft sein. Mit einem Spenderknochenmark werde ich für immer geheilt sein. Meine Krankheit ist nicht Krebszellen im Blut zu haben, das hat jeder, sondern ein Immunsystem zu haben, dass diese Zellen nicht bekämpfen kann.


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Tag 15:

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{Title:Tag 15:}

Hin

Mein Körper hat mir ein deutliches Zeichen gegeben, dass ich keineswegs gesund bin. Dementsprechend werde ich heute oft gefragt, was denn da gestern los gewesen sei? Ich habe ein schlechtes Gewissen und klappe das MacBook zu, lege mich ins Bett, auch wenn mir gar nicht nach Bett ist. Meine Blutwerte erholen sich weiter. Das neue MacBook ist angekommen und mit einem Restore aus meiner Time Machine bekommt es in ca. 45 Minuten das Leben, alle Programme, Daten und emails unter dem Betriebssystem Mojave 10.14.6. Unter Catalina 10.15 gibt es keine Unterstützung für 32bit Programme mehr. Das kann ich zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt wirklich nicht gebrauchen, sondern erst wenn die Softwarehersteller nachgezogen sind. MacBook Transplantation geglückt. Ich kann das alte durch Salzwasser geschädigte Macbook verkaufen. Über ebay Kleinanzeigen, geht das nicht mit gutem Gewissen. Aber ich finde eine Plattform, wo ich keine Person schädige. Das Unternehmen beschäftigt sich ausschliesslich mit dem Aufkauf von gebrauchten Geräten. Na, dann bin ich ja mal gespannt ob sie mir wirklich die 1.200 Euro bezahlen, die sie mir aufgrund ihres Fragebogens avisiert haben. Gut Aussehen tut meine altes Macbook Pro ja. Hat zwei Jahre immer brav in der Plemo Tasche gewohnt. Bildschirm und Deckel sind vor einigen Wochen ausgetauscht worden.

Ragnar kommt vorbei. Ragnar kommt immer gut. Wir waren lange Bootsnachbarn, als die MARLIN 2016/17 in Flensburg lag und ich zwischen den sechs Chemos aus dem Krankenhaus raus durfte. Mensch was hatte ich damals viel Hoffnung, dass ich nach so viel Chemie und so viel Scheiß und einer so langen Behandlung für immer und ewig gesund sein würde. Dieser Überzeugung bin ich heute nicht mehr. Wen wundert’s?

Ragnar ist nicht ohne Grund da. Wir reden über Cooperation. Tobias und ich könnten Hilfe gebrauchen mit LUNATRONIC. Da ist Ragnar genau der richtige Mann. Segler und Schiffseigner, technisch hervorragend geeignet, menschlich hervorragend geeignet, jemand dem man zu Kunden schicken kann und motiviert. Was will man mehr? Nun. Nächste Woche will Ragnar eine Aussage treffen. Da bin ich mal gespannt. Ansonsten will er genau wie ich Drohne fliegen lernen. Falls das mit dem zusammen Arbeiten nicht klappt, setzen wir uns zusammen auf die Wiese und trinken Bier. Die Drohne ist bestellt für die MARLIN, aber immer noch nicht da. Der französische Lieferant hat logistische Probleme, wie ich letztlich ein neues Wort gelernt habe.

Auf jeden Fall nimmt mich Ragnar mit in die Freiheit. Ich frage keinen, sondern gehe einfach. Würde ich fragen, würde man es mir verbieten. Wegen dem ZVK, wegen irgendeinem Blutwert. Ich ziehe mir einen Mundschutz auf, Handschuhe an und los.


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Tag 14: Blackout

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Hinter den Bergen mit den sieben Zwergen

Mein Hämoglobinspiegel aus der Konserve verleiht mir den ganzen Tag Flügel. Ich benehme mich einfach, als wenn ich gesund bin. Schaffe am Macbook. Bekomme Besuch. Sitze wieder vor der Kiste. Merke gar nicht wie es es später und später und später wird. Mein Bett ist seit dem Morgen frisch bezogen und steht unbenutzt da. Ich laufe herum im meinem goldenen Käfig und meine Gedanken kreisen in wilden Ellipsen um das Chaos in meinem Hirn. Es muss gegen zwei Uhr am frühen morgen sein, ich sitze am Tisch vorm dem Bildschirm, als mir plötzlich ganz komisch wird und mein Bewusstsein meinen Körper verlässt, ich das Gefühl habe, mich selbst von aussen zu betrachten und mich wie eine Drohne, selbst von mir selbst zu entfernen. Ich erinnere mich genau an dieses Gefühl, als ich vor ca. acht Wochen am Heck auf der Badeplattform der THALASSA stand, mir schwarz vor den Augen wurde und ich kopfüber ins Wasser gefallen bin. Ich sehe Maya und Lena aus einigen Metern Höhe, wie sie zu mir eilen und ich selbst sitze an einem See oder Meer, als die Drohne mit meinem Bewusstsein wieder zu mir kommt. Ich stehe auf, schliesse das Notebook in den Schrank und lege mich schnell ins Bett, drücke den roten Knopf.

“Kannst Du bitte kommen?“ Ich habe Nathalie in Form meines iPhones auf Laut auf meinem Bauch, als Schwester Josina auf der Bildfläche erscheint. „Was ist los?“ „Keine Ahnung. Mir ist das vor ein paar Wochen schon mal passiert…“ ich stottere vor mich hin. Atme langsam tief ein und aus und hoffe mein Bewusstsein wieder in Richtung normal zu bekommen, stattdessen werde ich nun schlagartig panisch und meine Gliedmaßen fangen an zu zittern. Diensthabende Ärztin Wiebke erscheint auf der Bildfläche. „Blutdruck?“ „200 zu neunzig.“ „Schluck das mal.“ Josina verabreicht mir einen Saft und legt mir fast zeitgleich eine Beruhigungstablette unter die Zunge. „Das wirkt in ein paar Minuten! Dann geht es Dir wieder besser.“ Wiebke telefoniert und die die Beiden wollen mich in die Intensivstation fahren. Nathalie ist zwischenzeitlich auf der Bühne erschienen. An der Tür stoppen sie. „Umkehrisolation. Mist. Wir können ihn mit 0.2 Leukos doch nicht mit anderen Kranken zusammen bringen. Eine Infektion jetzt ist lebensgefährlich.“ Ein Einzelzimmer auf der Intensivstation ist nicht frei. Großes Rätselraten. Die Medikamente schlagen an und ich werden langsam ruhiger. Der Blutdruck ist wieder auf Normalwert. Die Rettung erschein aus der Stefan Morsch Station. Schwester Anna hat noch ein Bett mit Monitor, einem Gerät das automatisch meinen Blutdruck alle paar Minuten misst und Alarm ins Schwesternzimmer gibt, frei bis zum nächsten Morgen. Nathalie kann wieder nach Hause, das Personal seinen Aufgaben hinterher, ich kann Schlafen.

Mein Fehler. Ich habe mich überlastet, nicht ausgeruht. Für Josina war es der letzte Abend auf Station. Sie wechselt zum in die Stammzellentransplantation des UKE Hamburg. Sorry Josina. War keine Absicht. Danke das Du so schnell reagiert hast. Danke an Wiebke und Nathalie. Ich werde mal nen Gang runter schalten.


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Tag 13: Wenn Sie wüßten, dass sie nur noch drei Monate zu leben hätten…

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{Title:Tag 13: Wenn Sie wüßten, dass sie nur noch drei Monate zu leben hätten…}

Haluzinationen

“Sie sitzen beim Arzt und dieser sagt Ihnen, dass sie unheilbar krank sind und nur noch drei Monate zu leben hätten. Was würden sie in den drei Monaten tun?“ Klassische Gretchenfrage würde ich sagen. Vor zwei Wochen noch mit dem Kite über türkises, kristallklares Korallenwasser hinweggefegt, ist mir plötzlich klar, dass der Fall zu 50% eintreten wird. Nicht kann. Wird. Das ist meine Überlebenschance. 50%. Ich habe vorgesorgt. Alles was andere schnell noch machen würden, habe ich schon hinter mir. Garantiert alles. Verbotenes und nicht verbotenes.

Gestern um 16 Uhr habe ich meine erste Blutkonserve bekommen, um 21 Uhr, die zweite. Könnte ich jetzt wieder als der böse Patient aus Zimmer 33 ne lustige Story drum herum schreiben, aber lass ich jetzt mal. Schwester Meda und Josina haben mich komplett professionell im Griff. Patient Dracula aus Zimmer 33 röpst, schläft ein, schnarcht und ist um 6 Uhr morgens fit wie nen Turnshuh nur sein kann. Schwester Denise taucht am Horizont auf. „Na. Alles gut?“ „Ich vermute mal, ich hab mich unbeliebt gemacht. Aber heute ist mein HB bestimmt 7.2.“ „Fast. 7.3 Woher wußtest Du das?“ „Besserwisser“, grinse ich. Mit 7.3 verbringe ich den Tag komplett ausserhalb meines Betts. Ich dusche. Ich rieche gut. Ich bin gut gelaunt. Meine iPhone macht Ping. „Somebody loves you!“

Meine Krankenkasse ruft an, nach einem richtig bösen Wnuk-Mail von gestern und es findet sich eine Lösung, dass ich im Krankenhaus von den Beitragszahlungen befreit werde. „Geht doch.“ Ich habe das Gefühl, dass mein Macbook, nach der Salzwasserdusche in der Vorkabine der MARLIN, von vor einem Monat, nicht mehr lange leben wird. Ich verkaufe es kurzerhand und bestelle mir das gleiche Modell wieder neu. Quasi eine Stammzellentransplantation des definitv wichtigsten Gerätes meiner Existenz und meiner Arbeit. Der Verlust von 800 Euro ist marginal, wenn man bedenkt, das ich es zwei Jahre lang, jeden Tag im Durchschnitt sechs Stunden zum Arbeiten benutzt habe und meinen Lebensunterhalt damit verdiene. Das geht nur mit einem Macbook mit Apel drauf. Wenn das mal so einfach mit meiner Leukämie 2.0 gehen würde. Knochenmark raus. Verkaufen. Neues im Internet bestellen. Kommt innerhalb von 24h. Spenderknochenmark implantieren. Wnuk funktioniert wieder. Genau das ist es was die jetzt machen wollen.

Zurück zur Gretchenfrage: Um es auf den Punkt zu bringen. Wo will ich sterben, wenn es nicht klappt, was die Ärzte da grade machen? An dem schönsten Strand des Atlantiks auf Sao Vicente. Cabo Verde.


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Tag 12: Es geht mir um Blut

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Mitten drin in der Aplasie

Die Zeit nach Chemo nennt man Aplasie. Das ist die Zeit, wo sich der Patient ohne Immunsystem herumschlägt. Der Körper selber kann kein Blut produzieren, das Knochenmark ist zerstört, komplett und hoffentlich die bösen Zellen auch. „Die heutigen Chemotherapien sind wirklich super verträglich mit fast keinen Nebenwirkungen“, meint Dr. Helge und grinst. Er ist voll im Thema. „Nun. Nur hast Du noch nie eine Chemotherapie bekommen. Also weißt Du auch nicht wirklich, was die mit Dir macht.“ Mit mir macht die Chemotherapie ganz komische Sachen. Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen und das komplette Bett nass geschwitzt. Die erste Schwester die kommt, macht erst mal das Licht an. Push! Nimmt mir erst mal so gegen sechs Uhr ein paar Ampullen Blut ab. Wenn ich Glück habe über den zentrale Venenverweilkatheter, der in meinem Hals steckt und drei Schläuche hat, die direkt bis vor mein Herz führen. Wenn ich Pech habe, will die Schwester aber aus welchen Gründen auch immer, lieber Blut aus meinem Arm. Geweckt werden, mit einer Blutabnahme am Arm. Das ist meine Erinnerung schon an 2016. Ich wollte hier nie wieder hin. Ich wollte lieber sterben. Das Licht geht wieder aus. Was ich nicht weiß, dass mein Hämoglobin Wert über die Nacht inzwischen auf 6 abgesunken ist. Ein nicht vorhandenes Knochenmark kann kein Blut produzieren. Beim HB von sechs fühle ich schon ein akute Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff. Um acht kommt die Schwester mit dem Frühstück und bezieht mir das Bett neu, mit steriler Bettwäsche. Ich sitze am Tisch, schaue aus dem Fenster nach Dänemark, schlürfe an meinem Pfefferminztee, lese ein par Seiten von Guido Westerwelles Buch „Zwischen zwei Leben“. Ich beiße ein Stück von der hübschen genmanipulierte Rewe Biobanane ab, die nach nichts schmeckt. Unten vorm Haupteingang ist die Raucherkabine. Auf Krücken, im Rollstuhl, treffen sich schnatternd Kranke, zünden sich ihre Zigaretten an dem die Regierung 75% an Steuern einnimmt. Ich stehe auf, laufe Richtung Bad, um zu duschen, falle auf dem Weg dorthin ins Bett und schlafe sofort ein. Ich weiß ja nicht, das ich einen HB von sechs habe.

Ich werde wach weil mein Telefon schellt. „Hi Gerhard!“ „Wo steckst Du grade?“ „Im Krankenhaus in Flensburg!“ „Gut. Ich hab da mal ne technische Frage. Ihr verkauft doch auch die UUPlus Software…. Soll ich ihn unterbrechen? Ihm erklären, dass mein Kopf grade nicht funktioniert, weil mein Blut keine Zellen hat um den notwendigen Sauerstoff ins Gehirn zu produzieren. Bringt doch nichts. Ich stehe mit meinem Porsche Carrera auf dem Seitenstreifen des Nürburgrings. Leider ausgeschieden. Die Klappe zum Motor ist offen. Es raucht. Das Rennen geht weiter. Ist ja auch richtig so. Im gleichen Moment kommt mein geliebteste serbische Ärtzin (Ironie) rein. Spricht mit mir, obwohl ich grade Gerhard am Telefon auf laut habe, der mir sein technisches Problem ausführlich schildert. Ich bin komplett überfordert, schaue auf die Uhr. „Herr Wnuk?“, geht es Ihnen gut? Die Antwort nicht abwartend verlässt sie das Zimmer. Ich denke an Dr. Helges Worte: „Am besten Du lernst serbisch oder russisch für die Woche, die ich im Urlaub bin. Gerhard redet immer noch. „Nein. So ein Problem hatten wir noch nie.“ „Dann mach’s mal gut. Danke das Du mir zugehört hast.“ Gerhard legt auf und ich bin wieder alleine. Ein Mailfenster geht auf und die Hausratversicherung teil mit, dass sie jetzt Akteneinsicht bei der Staatsanwalt beantragt hat, wegen dem Einbruchbdiebstahl’s in meinem Keller, bei dem für 5.000 Euro Kites entwendet wurden. Ausserdem hat sie einen Gutachter mit dem Fall beauftragt. Ich rufe die Nummer der Versicherung an, warte 10 Minuten in der Warteschleife und erkläre der Bayrische Löwenversicherungsdame, dass die Flensburger Polizei noch nicht einmal vorbeigekommen ist. Die Antwort auf den Punkt gebracht: 4-6 Monate Bearbeitungszeit. Es ist 15 Uhr. Das ist fast schon das Ende des normalen Krankenhaustagegeschehens.

Ich drücke auf den roten Knopf an meinem Bett. Nichts passiert. Nach fünf Minuten steckt eine nette Schwester, der Mundschutz schräg auf ihrem Gesicht, das Gesicht durch den kleinen Spalt der Türe, die sie diese notdürftig öffnet. „Wir sind nur zu zweit. Was gibt’s? Herr Wnuk? „Mir geht es nicht gut. Ich möchte gerne den Ausdruck meiner Blutwerte von heute morgen haben. Ich möchte einen Arzt sprechen.“ Zwei Minuten später habe ich den Ausdruck in den Händen. Ich brauche nicht blass zu werden. Ich schicke das Foto an Nathalie, die grade mit den Kindern und Oma bei Ikea in Kiel ist und Köttbullar vertilgt. „Du brauchst sofort eine Blutkonserve.“ Ist das meine Aufgabe, das den Ärzten zu sagen?“ „Nein. Aber es Dein Leben.“ Nathalie kann immer so nett direkt sein.

Ob Guido Westerwelle auch einen ganzen Tag auf eine Blutkonserve warten musste?


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Tag 11: Fieber, Fieber, Fieber

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{Title:Tag 11: Fieber, Fieber, Fieber}

Schon Stammzellenspender?

Meine Kraft am Rechner zu sitzen oder andere Sachen zu machen ist limitiert. Drei Bluttransfusionen gestern haben mich wieder unter die Lebenden gebracht. Trotzdem. Eine Stunde am Notebook folgen drei Stunden Schlaf. In meinem Fieberwahn geht alles sehr langsam. Ich bekommen nicht mehr alles mit, sobald die Temperatur über 38,5° steigt, steigen viele meine Bewusstseinsprogramme aus oder laufen im Sparmodus. Heute beginnt der Tag endlichem mal wieder mit 37,5°. Bin ich da knapp an einer Lungenentzündung vorbeigerutscht, die mir das Genick hätte brechen können? Es ist viel Glauben bei der ganzen Behandlung dabei.

Wer grade in diesen nicht so schönen Tagen meinen Blog liest und noch nicht als Stammzellenspender registriert ist, den bitte ich das zeitnah zu machen. Alle 15 Minuten erhält ein Mensch in Deutschland die niederschmetternde Diagnose Blutkrebs. Viele Patienten sind Kinder und Jugendliche, deren einzige Chance auf Heilung eine Stammzellspende ist. Doch jeder zehnte Patient findet keinen Spender. Bei der DKMS.de werden in Deutschland die Spender erfasst. Die Speichelprobe kannst Du selbst machen und per Post zur DKMS schicken. Jeder Spender ist ein Schritt gegen Blutkrebs. Bitte.


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Tag 10: Ab in den Keller

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Ohne Immunsystem

Die letzten 48 Stunden waren nicht so prickelnd. Leukos auf 0.2. Ordentliche Fieberschübe in der Nacht. HB Wert auf 6.8. Da geht gar nix mehr. Weder Aufstehen, noch Duschen, noch Lächeln. Einfach nur Zimmerdecke beobachten, wie sie sich langsam auf mich zubewegt. Ich habe mit Zweifeln zu kämpfen, Zweifeln an der Sinnlosigkeit der Behandlung. In zwei Jahren bin ich wieder hier. Aber kann ich das diesen beiden süßen Kindern antun? Nep. Sie haben schon ein Recht auf ihren Vater. Also Augen zu und durch. Ich habe Ohrensausen von den ganzen Infusionen, die in meinen Körper laufen. Ein merkwürdiges Dauergeräusch.

Das war es auch schon was ich von den letzten 48 Stunden mitbekommen habe. Ansonsten dunstiger Nebel in meinem Kopf. Mir reicht es. Für mich könnte es jetzt wieder aufwärts gehen.


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Tag 8: Knochenmarksspender gefunden

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Umkehrisolation

Meine Leukozyten, weiße Blutzellen und Immunsystem sind nun durch die Chemo auf 0.5. Das ist nichts. An der Zellentür 33 klebt ein Schild „Umkehrisolation. Bitte Schutzkleidung anziehen.“ MayaLena tauchen am späten Nachmittag auf um mit mir, Mensch ärgere Dich nicht zu spielen, sowie meine Leben für eine Stunde anders zu gestalten. Die Zimmerdecke hebt sich. Sie haben Spaß an der Verkleidung. Tee trinken kann man nicht mit Mundschutz. Da machen wir mal eine kurze Ausnahme. Das die Beiden mich einfach so besuchen kommen können, rettet meine Seele, auch wenn ich nach einer Stunde platt bin und wieder ins Bett will.

Dr. Helge kommt heute zum letzten Mal. Eine Woche Urlaub hat er. Na. Ob ich das so gut finde, weiß ich noch nicht. Aber er fährt nicht weg nach Australien oder so. Es gibt ja auch noch seine Kollegen. „Noch kein Fieber“, lobt er. 37 Grad. „Weiter so.“ Die Schwestern geben mir einen Immunsystemanreger IV, eine Spritze 300 Euro. Darf man gar nicht drüber nachdenken. Meine Krankenkasse investiert mal wieder in mein Fortbestehen. Ordentlich. „Wir haben im übrigen drei passende Knochenmarkspender für Dich gefunden“, erklärt Dr. Helge so ganz nebenbei. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ein großer Stein. Grundlage für eine erfolgreiche Transplatation in ca. vier Wochen ist meine Remmission, meint das nach der Chemo fast keine bösen Blasten mehr in meinem Knochenmark vorhanden sind. Das wird in ca. einer Woche über einen Test meines Knochenmarks unter dem Mikroskop festgestellt. Das wird ein aufregender Tag. Wenn’s interessiert, der kann sich das mal durchlesen.

Am Abend klingelt Face Time. „Alter. So darfst Du das nicht schreiben im Blog. Wir vergessen Dich nicht. Abschieben tun wir Dich auch nicht. In 10 Tagen hab ich mir freigenommen und wir kommen Dich besuchen. Darfst Du schon Wein trinken?“ Er will die 600km aus Düsseldorf kommen. Guido prostet mir zu. Mit meinem 8er HB ist mir grade alles andere als nach einem Glas Wein. Ich proste ihm mit Kamillentee ins iPhone zu. Auch Claudia hat sich sich schon beschwert, dass ich das gestern wohl etwas zu hart geschrieben habe. O.K. Ich sehe es ein und entschuldige mich hiermit offiziell bei all meinen engen Freunden, die mich wirklich nicht hängen lassen. Ich kann mich ja auch melden, wenn es mir nicht gut geht und werde sicherlich offene Türen und Arme finden.

Nathalie kommt vorbei. Man sieht ihr sichtlich an, wie sie die ganze Situation belastet. „Wir haben so viele Situationen gemeistert in den letzten zwei Jahrzehnten. Da kommen wir jetzt auch noch durch.“ Ich muss zugeben, ich bin nicht immer so optimistisch. Ich habe ein schlechtes Gewissen mit einem Rückfall hier in Flensburg ihr Leben aus den Bahnen zu reißen.


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